Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Anthroposophy, Social Threefolding
and Public Speaking
Orientation Course
GA 339

14 October 1921, Dornach

Translate the original German text into any language:

Vierter Vortrag

Fourth Lecture

[ 1 ] Gestern versuchte ich zu entwickeln, wie man den ersten Teil eines Dreigliederungsvortrags vor einem gewissen Publikum behandeln könnte, und ich machte darauf aufmerksam, daß es namentlich notwendig ist, eine Empfindung hervorzurufen für den besonderen Charakter des auf sich selbst gestellten Geisteslebens. Im zweiten Teil wird es sich darum handeln, überhaupt einer gegenwärtigen Menschheit erst begreiflich zu machen, daß es so etwas geben kann wie einen demokratisch-politischen Zusammenhang, der Gleichheit anzustreben hat. Denn eigentlich — und das muß man bedenken, namentlich wenn man sich für einen solchen Vortrag vorbereitet — ist das der Fall, daß der gegenwärtige Mensch gar keine Empfindung hat für ein solches Staatsgebilde, das auf das Recht als auf sein eigentliches Fundament aufgebaut ist. Und dieser Teil, der politisch-staatliche Teil des Vortrags, er wird ganz besonders schwierig zu behandeln sein innerhalb der schweizerischen Verhältnisse. Und es wird sich ganz besonders darum handeln, daß die Redner, welche innerhalb der schweizerischen Verhältnisse die Dreigliederung des sozialen Organismus vertreten wollen, gerade von den also bedingten schweizerischen Verhältnissen ausgehen, und besonders darum, daß sie bei dem mittleren, dem rechtlich-staatlichen Teil, Rücksicht darauf nehmen, wie man aus den schweizerischen Verhältnissen heraus zu reden hat. Denn die Sache liegt ja im allgemeinen so: Durch die Verhältnisse der neueren Menschheitsentwickelung ist das eigentliche Staatsleben als solches, das sich eigentlich im Rechtsstaat ausleben sollte, im wesentlichen verschwunden, und was sich im Staate auslebt, ist eigentlich ein chaotisches Zusammensein der geistigen Elemente des menschlichen Daseins und der wirtschaftlichen Elemente. Man könnte sagen: In den modernen Staaten haben sich allmählich die geistigen Elemente und die wirtschaftlichen Elemente durcheinandergeschweißt, und das eigentliche Staatsleben ist zwischendurch eben heruntergefallen, eigentlich verschwunden.

[ 1 ] Yesterday I tried to outline how one might approach the first part of a lecture on the threefold social order before a certain audience, and I pointed out that it is particularly necessary to evoke a sense of the special character of spiritual life as an end in itself. The second part will be concerned with making it comprehensible to contemporary humanity in the first place that there can be such a thing as a democratic-political framework that strives for equality. For in fact—and this must be borne in mind, especially when preparing for such a lecture—the reality is that modern people have no sense at all of a state structure built upon the rule of law as its very foundation. And this part—the political-state part of the lecture—will be particularly difficult to address within the Swiss context. And it will be particularly important that the speakers who wish to advocate the threefold social order within the Swiss context proceed precisely from these specific Swiss conditions, and especially that, in the middle section—the legal-state section—they take into account how one must speak in light of the Swiss context. For the situation is generally as follows: Due to the conditions of recent human development, actual state life as such—which should properly be lived out in a constitutional state—has essentially disappeared, and what is actually taking place within the state is a chaotic coexistence of the spiritual elements of human existence and the economic elements. One could say: In modern states, the spiritual and economic elements have gradually fused together, and actual state life has, in the meantime, simply fallen by the wayside—it has, in fact, disappeared.

[ 2 ] Dies ist besonders innerhalb der schweizerischen Verhältnisse bemerkbar. Da haben wir es überall zu tun mit einer in ihren eigentlichen Ausgestaltungen unmöglichen, scheinbaren Demokratisierung des geistigen Lebens und mit einer Demokratisierung des Wirtschaftslebens, und damit, daß die Leute glauben, dieses scheinbar demokratisierte Gemisch von Geistesleben und Wirtschaftsleben, das wäre eine Demokratie. Und da sie sich ihre Vorstellung von Demokratie gebildet haben aus dieser Mischung heraus, da sie also eine vollständige Scheinvorstellung von Demokratie haben, so ist es so schwierig gerade zu den Schweizern von wirklicher Demokratie zu sprechen. Eigentlich verstehen gerade von wirklicher Demokratie die Schweizer am allerallerwenigsten.

[ 2 ] This is particularly noticeable in the Swiss context. Everywhere we see what amounts to an apparent democratization of intellectual life—one that is impossible in its actual form—along with a democratization of economic life, and the fact that people believe this seemingly democratized mixture of intellectual and economic life to be a democracy. And since they have formed their mental image of democracy from this mixture—since they thus have a completely illusory mental image of democracy—it is so difficult to speak of true democracy to the Swiss in particular. In fact, the Swiss understand true democracy the very, very least of all.

[ 3 ] Man denkt in der Schweiz darüber nach, wie man die Schulen demokratisieren soll. Das ist ungefähr so, als wenn man darüber nachdenken und aus wirklichen, wahren Begriffen heraus eine Vorstellung davon bekommen sollte, wie man einen Stiefel zu einer guten Kopfbedeckung macht. Und in ähnlicher Weise werden hier die staatlichen sogenannten demokratischen Begriffe behandelt. Es nützt ja nichts, über diese Dinge, ich möchte sagen, leisetreterisch zu sprechen, um, wenn man hauptsächlich vor Schweizern spricht, höflich zu sprechen; denn dann würden wir uns doch nicht verstehen können. In der Höflichkeit über solche Dinge kann man sich ja niemals ordentlich verstehen. Nun, gerade deshalb ist es notwendig, den Begriff des Rechts und der Gleichheit der Menschen vor einer solchen Bevölkerung zu erörtern, wie es die schweizerische ist.

[ 3 ] In Switzerland, people are thinking about how to democratize schools. That’s roughly like trying to figure out—based on real, true concepts—a mental image of how to turn a boot into a good head covering. And in a similar way, the state’s so-called democratic concepts are treated here. It’s no use talking about these things—I’d say—in a tiptoeing manner, just to be polite when speaking mainly to Swiss people; because then we wouldn’t be able to understand each other. You can never really understand each other when you’re being polite about such things. Well, that is precisely why it is necessary to discuss the concepts of law and human equality before a population such as the Swiss.

[ 4 ] Man muß sich da durchaus angewöhnen, wenn man rednerisch aktiv sein will, auf jedem Boden anders zu sprechen. Wenn man, wie es der Fall war vom April 1919 ab, in Deutschland über die Dreigliederung sprach, sprach man unter ganz anderen Verhältnissen als etwa hier in der Schweiz, und auch unter so ganz anderen Verhältnissen, als in England oder in Amerika von der Dreigliederung gesprochen werden kann. Gerade in jenem Frühling, im April 1919, unmittelbar nach der deutschen Revolution, waren in Deutschland alle, sowohl proletarische wie bürgerliche Kreise, die einen natürlich mehr revolutionär, die anderen resignierend, davon überzeugt, daß irgend etwas Neues kommen müsse. Und in diese Empfindung hinein, daß irgend etwas Neues kommen müsse, sprach man ja eigentlich. Man sprach doch damals zu verhältnismäßig vorbereiteten Leuten, und man konnte natürlich damals auch in Deutschland ganz anders sprechen, als man etwa heute sprechen kann. Zwischen heute und dem Frühling 1919 liegt ja auch in Deutschland eine Welt. Heute kann man höchstens hoffen, in Deutschland mit irgend etwas, was an Dreigliederung anklingt, eine Vorstellung davon hervorzurufen, wie das geistige Leben als solches selbständig gestaltet werden kann und eigentlich gerade unter solchen Verhältnissen, wie sie in Deutschland sind, heute gestaltet werden müßte, wie unter gewissen Verhältnissen auch das innerstaatlich-rechtliche Leben gestaltet werden könnte. Aber man kann natürlich heute in Deutschland nicht von einer völlig im Sinne der Dreigliederung gelegenen Gestaltung des Wirtschaftslebens sprechen, denn das Wirtschaftsleben in Deutschland ist ja tatsächlich etwas, was unter Zwangsmaßregeln, unter Druck und so weiter steht, was sich nicht frei bewegen kann, was keine Gedanken haben kann über seine eigene freie Beweglichkeit. Es ist dies zum Beispiel ganz auffällig in der ganz verschiedenen Art des Lebens, sagen wir, des «Futurum» und des «Kommenden Tages». Der «Kommende Tag» steht mitten drin, so wie wenn er in einer Zwangsjacke wäre, und hat die Aufgabe, unter solchen Verhältnissen zu arbeiten; das «Futurum», wie es sich hier in der Schweiz entwickelt, muß eben mit schweizerischen Verhältnissen arbeiten, über die wir ja gleich noch etwas mehr werden zu sprechen haben. Es ist also durchaus eine Rede verschieden zu gestalten, ob sie hier in der Schweiz, ob sie in Deutschland, ob sie zu dieser oder jener Zeit gehalten wird.

[ 4 ] If one wants to be an active public speaker, one must definitely get into the habit of speaking differently depending on the audience. When, as was the case from April 1919 onward, one spoke of the threefold social order in Germany, one did so under circumstances quite different from those here in Switzerland, for example, and also under circumstances quite different from those under which the threefold social order can be discussed in England or America. Precisely in that spring, in April 1919, immediately after the German Revolution, everyone in Germany—both proletarian and bourgeois circles, the former naturally more revolutionary, the latter resigned—was convinced that something new had to come. And it was actually against this backdrop of the feeling that something new had to come that one spoke. After all, one was speaking at that time to a relatively well-prepared audience, and naturally, one could speak quite differently in Germany back then than one can today. There is, after all, a world of difference between today and the spring of 1919, even in Germany. Today, one can at best hope to evoke in Germany—through something that echoes the threefold order—a mental image of how spiritual life as such can be organized independently, and indeed how it ought to be organized today precisely under conditions such as those prevailing in Germany, and how, under certain conditions, domestic legal life could also be organized. But of course, one cannot speak today in Germany of an organization of economic life that is fully in line with the threefold social order, for economic life in Germany is, in fact, something that is subject to coercive measures, pressure, and so on—something that cannot move freely, that cannot even conceive of its own free mobility. This is particularly striking, for example, in the very different ways of life represented by, let’s say, the *“Futurum”* and the *“Kommende Tag”*. The *“Kommende Tag”* is right in the thick of it, as if it were in a straitjacket, and has the task of working under such conditions; the “Futurum,” as it is developing here in Switzerland, must work precisely within Swiss conditions, about which we will have more to say in a moment. A speech must therefore be structured quite differently depending on whether it is delivered here in Switzerland, in Germany, or at one time or another.

[ 5 ] In England, in Amerika müßte man natürlich wieder ganz anders sprechen. Es ist ja, was zunächst von hier aus in bezug auf England und Amerika gemacht werden kann, doch nur eine Art Surrogat, denn schon zum Beispiel «Die Kernpunkte der sozialen Frage»: es ist gut, wenn sie übersetzt werden, gut, wenn sie überall verbreitet werden; aber, was ich von Änfang an gesagt habe, das wirklich Richtige, das letztlich Richtige wäre, wenn für Amerika und auch für England die «Kernpunkte» ganz anders geschrieben würden als für Mitteleuropa und auch für die Schweiz. Für Mitteleuropa und die Schweiz können sie schon ganz wörtlich und satzgemäß lauten, wie sie sind, aber für England und Amerika müßten sie eigentlich ganz anders verfaßt werden, denn da spricht man zu Menschen, die ja zunächst das Gegenteil von dem haben, was in Deutschland zum Beispiel im April 1919 vorhanden war. In Deutschland war die Meinung vorhanden, etwas Neues müsse kommen, und man müsse nur zunächst wissen, was dieses Neue sei. Man hatte nicht die Kraft, es zu verstehen, aber man hatte zunächst das Gefühl, man müsse wissen, was irgend etwas vernünftiges Neues sein könnte. Davon ist natürlich im ganzen Gebiete von England und Amerika auch nicht einmal die allergeringste Empfindung vorhanden. Da ist nur die Empfindung vorhanden: Wie kann man das Alte festlegen, retten? Was muß man tun, damit das Alte nur ja recht fest bleibt? Denn das Alte ist ja gut! An dem Alten ist ja nicht zu rütteln. — Ich weiß selbstverständlich, daß da, wenn man so etwas ausspricht, erwidert werden kann: Ja, aber es sind doch so viele progressistische Bewegungen in den westlichen Gebieten! — Diese progressistischen Bewegungen sind aber alle, ganz gleichgültig, ob sie auch dem Inhalte nach neu seien, der Führung nach durchaus reaktionär, konservativ. Da muß also die Empfindung davon erst hervorgerufen werden, daß es so nicht weitergeht, wie es bisher gegangen ist.

[ 5 ] In England and in America, of course, one would have to speak quite differently. After all, what can be done from here with regard to England and America is, at first, only a kind of substitute; for example, take “The Key Points of the Social Question”: it is good that they are translated, good that they are disseminated everywhere; but, as I have said from the beginning, what would truly be right—what would ultimately be right—is if the “Key Points” were written quite differently for America and also for England than they are for Central Europe and Switzerland. For Central Europe and Switzerland, they can indeed be worded quite literally and sentence-for-sentence as they are, but for England and America they would actually have to be composed quite differently, for there one is speaking to people who, to begin with, have the exact opposite of what existed in Germany, for example, in April 1919. In Germany, the prevailing opinion was that something new had to come, and that one simply had to know, at first, what this new thing was. People did not have the strength to understand it, but they initially had the feeling that they had to know what some reasonable new thing might be. Of course, not even the slightest hint of this sentiment exists throughout the whole of England and America. There is only this feeling: How can we preserve the old, save it? What must be done to ensure that the old remains firmly in place? For the old is, after all, good! The old is beyond question. — I know, of course, that when one says such things, one might be told: Yes, but there are so many progressive movements in the West! — But these progressive movements are all—regardless of whether their content is new—entirely reactionary and conservative in their leadership. So the realization must first be brought about that things cannot continue as they have until now.

[ 6 ] An einzelnen Fragen kann das durchaus bemerkt werden. Nehmen wir eine furchtbare, schreckliche, ich möchte sagen, die schrecklichste Frage, die hat heraufkommen können vom rein menschlichen Standpunkte aus, nehmen wir die Frage der Verhungerung Rußlands. Innerhalb Deutschlands — wenn auch die Anschauungen noch so chaotisch sind, wenn auch aus Agitationsgründen gegen das gehandelt wird, was vernünftig wäre, und aus menschlichen Gründen wiederum in selbstverständlicher Weise dem Mitleid gehuldigt wird, gegen welches Walten des Mitleids natürlich gar nicht gesprochen werden soll -, innerhalb Deutschlands kommt man endlich, wenigstens in einzelnen Kreisen, mehr oder weniger darauf, daß es ja ein Unsinn ist für den ganzen Gang der Menschheitsentwickelung, in Form von Unterstützungen für die Verhungerung Rußlands etwas zu tun, durch Schenkungen gewissermaßen von westlicher Seite. Man kommt darauf, daß das ganz gewiß vom menschlichen Standpunkte aus sogar gefordert wird, daß aber, was nach dieser Richtung getan wird, so selbstverständlich ist, daß man nur ja nicht sagen soll, es habe irgend etwas mit den Aufgaben zu tun, die heute die Verhungerung Rußlands stellt. Im Westen werden höchstens einige Theoretiker — aber dann auch nur auf dem Boden des Theoretischen — zu einer solchen Anschauung kommen. Es ist also natürlich, daß man im Westen erst eine Empfindung davon hervorrufen muß, daß die Welt eine Neugestaltung braucht.

[ 6 ] This can certainly be seen in individual issues. Let’s take a dreadful, terrible—I would even say the most terrible—issue that could have arisen from a purely human standpoint: let’s take the issue of starvation in Russia. Within Germany—even if opinions are still chaotic, even if, for the sake of agitation, people act contrary to what would be reasonable, and, for humanitarian reasons, naturally pay homage to compassion—against which, of course, no one should speak out—within Germany, people are finally coming to realize, at least in certain circles, more or less to the conclusion that it is, after all, nonsense for the entire course of human development to do anything—in the form of aid—to alleviate the famine in Russia through donations, so to speak, from the West. People are coming to realize that this is certainly even required from a humanitarian standpoint, but that what is being done in this direction is so self-evident that one should by no means claim it has anything to do with the challenges posed today by the starvation in Russia. In the West, at most a few theorists—but even then only on a theoretical basis—will arrive at such a view. It is therefore natural that one must first awaken a sense in the West that the world needs a transformation.

[ 7 ] Die Schweiz hat so dagestanden während der furchtbarsten Katastrophe der neueren Zeit, daß sie eigentlich nur theoretisierend — nämlich durch die journalistische Theorie — daran teilgenommen hat, und durch das, was von außen eben in die geistigen und die wirtschaftlichen Verhältnisse hereingewirkt hat. Die schweizerische Bevölkerung hat deshalb gar nicht eine eigentliche Empfindung, weder davon, daß etwas Neues kommen müsse, noch davon daß das Alte bleiben müsse. Wenn heute der Schweizer, je nach der einen oder anderen Parteirichtung davon spricht, daß ein Neues kommen müsse oder das Alte bleiben müsse, so hat man immer das Gefühl: Er erzählt einem nur, was er gehört hat, gehört hat auf der einen Seite von Mitteleuropa, gehört hat von England und dem Westen auf der anderen Seite. Er erzählt einem nur, was zu seinen beiden Ohren hineingegangen ist, und nicht, was er eigentlich erlebt hat. Und daher erscheint es einem auch als so schweizerisch, wenn diejenigen Menschen, die sich nicht gern nach rechts oder nicht gern nach links engagieren — und das sind ja maßgebende Schweizer heute sehr häufig —, daß diese Menschen sagen: Ja, wenn das geschieht, dann geschieht es eben so, wenn das andere geschieht, geschieht es eben so! Wenn ein Neues kommt, dann verläuft die Sache halt so, wenn das Alte bleibt, dann verläuft die Sache so! — Es wird gewissermaßen ausgeknobelt, was man in die eine oder andere Waagschale noch zu legen hat.

[ 7 ] Switzerland’s position during the most terrible catastrophe of modern times was such that it actually participated in it only in a theoretical sense—namely, through journalistic theory—and through the external influences that impacted its intellectual and economic conditions. The Swiss population therefore has no real sense—neither that something new must come, nor that the old must remain. When a Swiss person today, depending on one political orientation or another, speaks of the need for something new or for the old to remain, one always has the feeling: He is merely repeating what he has heard—heard from Central Europe on the one hand, and from England and the West on the other. He is merely recounting what has entered his ears, and not what he has actually experienced. And that is why it seems so typically Swiss when those people who do not like to align themselves with the right or the left—and such people are, after all, very common among influential Swiss today—say: “Well, if this happens, then so be it; if the other thing happens, then so be it! If something new comes along, then that’s just how things go; if the old ways remain, then that’s just how things go!” — In a sense, they figure out what else to put on one side or the other of the scales.

[ 8 ] Es ist so: Wenn man versucht, jemanden in der Schweiz zu erwärmen für das, was der Welt heute bitter notwendig ist, so gerät man in Verzweiflung, weil es ihn eigentlich gar nicht angreift, weil es gleich zurückprallt, weil er eigentlich in Wirklichkeit mit dem Herzen gar nicht dabei ist. Es ist ihm zu sehr zuwider, als daß es für ihn interessant sein könnte, und er hat zu wenig Erfahrung über diese Dinge, als daß es ihm irgendwie sympathisch sein könnte. Er möchte Ruhe haben. Aber er möchte doch auch wiederum Schweizer sein. Das heißt: Wenn da alle möglichen Fortschrittsgeschichten mit «Freiheit» und «Demokratie» über die Grenze herübertönen, so kann man doch, weil man sich durch viele Jahrhunderte hindurch immerfort demokratisch genannt hat, wiederum nicht sagen, man wolle die Demokratie nicht! Kurz, man hat wirklich das Gefühl, als ob in der Schweiz die Menschen einen sehr gut ausgebauten Kanal hätten zwischen dem rechten und dem linken Ohr, so daß alles, was auf der einen Seite hineingeht, auf der anderen Seite wiederum herausgeht, ohne daß es zu Verstand und Herzen gekommen ist.

[ 8 ] The fact is: When you try to get someone in Switzerland excited about what the world so desperately needs today, you end up feeling desperate, because it doesn’t really move them at all—it just bounces right off them—because, in reality, their heart isn’t really in it. It is too repugnant to them for it to be of any interest, and they have too little experience with these matters for it to appeal to them in any way. They just want to be left in peace. But at the same time, he also wants to be Swiss. That is to say: When all sorts of progressive ideas about “freedom” and “democracy” echo across the border, one cannot—simply because one has consistently called oneself democratic for many centuries—say that one does not want democracy! In short, one really gets the feeling that people in Switzerland have a very well-developed canal between their right and left ears, so that everything that goes in on one side comes right back out the other without ever reaching their minds or hearts.

[ 9 ] Daher wird man wenigstens an den Punkten eben angreifen müssen, wo gezeigt werden kann, daß ja solch ein Staatswesen wie die Schweiz wirklich etwas ganz Besonderes ist. Und es ist etwas ganz Besonderes. Denn erstens ist die Schweiz — was schon während des Krieges bemerkbar war, wenn man es nur sehen wollte — etwas wie ein Schwerpunkt der Welt. Und gerade ihr Unengagiertsein gegenüber den verschiedenen Weltverhältnissen könnte sie benützen, um ein freies Urteilen und auch ein freies Handeln gegenüber ringsherum zu bekommen. Die Welt wartet ja nur darauf, daß die Schweizer das auch in ihren Köpfen bemerken, was sie in ihrer Tasche bemerken. In ihrer Tasche bemerken sie, daß der Franken vom Auf- und Absteigen der Valuta, von der Korrumpierung der Valuta, eigentlich nicht betroffen worden ist. Daß ja die ganze Welt sich um den Schweizer Franken bewegt, das bemerken die Schweizer. Daß das auch in geistiger Beziehung der Fall ist, das bemerken die Schweizer eben nicht. Aber so, wie sie den unbeweglichen Franken, der gewissermaßen der Regulator geworden ist der Valuta der ganzen Welt, wie sie den zu würdigen verstehen, so sollten sie auch ihre durch die Weltverhältnisse wirklich unabhängige Stellung, durch die die Schweiz tatsächlich eine Art Hypomochlion sein könnte für die Weltverhältnisse — dies sollten die Schweizer verstehen. Daher ist es notwendig, daß man ihnen dies eben begreiflich macht.

[ 9 ] Therefore, one will have to attack at least on those points where it can be shown that a political system like Switzerland’s is truly something quite special. And it is something quite special. For, first of all, Switzerland—as was already evident during the war, if one was only willing to see it—is something of a focal point of the world. And it is precisely its lack of involvement in various global affairs that it could use to achieve freedom of judgment and freedom of action in relation to its surroundings. The world is just waiting for the Swiss to realize in their minds what they already realize in their pockets. In their pockets, they realize that the franc has not actually been affected by currency fluctuations or currency devaluation. The Swiss do realize that the entire world revolves around the Swiss franc. But they fail to realize that this is also the case in an intellectual sense. But just as they know how to appreciate the stable franc—which has, in a sense, become the regulator of the world’s currencies—so too should they understand their position, which is truly independent of global conditions and through which Switzerland could in fact serve as a kind of fulcrum for world affairs—this is what the Swiss should understand. Therefore, it is necessary to make this clear to them.

[ 10 ] Es ist schon fast so, wie man es in ähnlicher Art einmal hat über Österreich sagen müssen. Leute, die etwas von den Dingen verstanden in Österreich, die haben oftmals darüber nachgedacht, warum denn dieses Österreich, das ja nur zentrifugale Tendenzen hatte, bestehen blieb, warum es nicht auseinandersplitterte. Ich habe in den achtziger, neunziger Jahren nie etwas anderes gesagt als: Was in Österreich selber geschieht, das hat zunächst noch gar keine Bedeutung für das Zusammenhalten oder Auseinandersplittern, sondern nur, was ringsherum geschieht. Weil die anderen — Deutschland, Rußland, Italien, Türkei und diejenigen, die an der Türkei interessiert sind, Frankreich und auch die Schweiz selber —, weil diese ringsherum liegenden Staatsgebilde Österreich nicht zerfallen lassen, sondern mitten drinnen zusammenhalten, weil keiner dem anderen ein Stück davon gönnte! Jeder sorgte dafür, daß der andere ja nichts bekomme: dadurch blieb Österreich beisammen. Es wurde von außen zusammengehalten. Das konnte man sehr genau sehen, wenn man einen Sinn hatte für solche Verhältnisse. Und erst als dieses gegenseitige Beschauen der umliegenden Mächte im Weltkrieg durch den Nebel der Kanonen getrübt wurde, erst da zerfiel Österreich, selbstverständlich. Das Bild besagt im Grunde genommen alles.

[ 10 ] It’s almost exactly like what once had to be said about Austria in a similar vein. People in Austria who understood these matters often wondered why Austria—which had nothing but centrifugal tendencies—remained intact, why it didn’t break apart. In the 1980s and 1990s, I never said anything other than this: What happens within Austria itself has, at first, no bearing whatsoever on whether the country holds together or breaks apart; it’s only what happens all around it that matters. Because the others—Germany, Russia, Italy, Turkey, and those with an interest in Turkey, France, and even Switzerland itself—because these surrounding states did not allow Austria to disintegrate but held it together from within, because none of them was willing to grant the others even a piece of it! Each made sure that the other got nothing: as a result, Austria remained intact. It was held together from the outside. One could see this very clearly if one had a sense for such circumstances. And only when this mutual scrutiny among the surrounding powers was clouded by the fog of gunfire during the World War—only then did Austria fall apart, of course. The image basically says it all.

[ 11 ] Nun, bei der Schweiz ist es ähnlich, aber doch wiederum anders. Ringsherum sind alle möglichen Interessen, aber diese Interessen haben einen kleinen Fleck da übriggelassen, wo sie sich nicht begegnen. Und heute, wo man Weltwirtschaftsleben, Weltgeistesleben hat, da ist die Sache so, daß ja dieser kleine Fleck allerdings dadurch aufrechterhalten wird, daß er nun etwas ganz Besonderes ist. Was ist er denn eigentlich? Er ist etwas, was innerhalb seiner Grenzen durchrein politische Verhältnisse zusammengehalten wird. Das geht Ihnen aus der schweizerischen Geschichte hervor. Die schweizerische Geschichte ist eine scheinbar ganz politische, so wie das schweizerische Denken ein scheinbar ganz demokratisches ist. Aber auch mit der Politik verhält es sich so für die Schweiz, wie ich es vorhin für die Demokratie auseinandergesetzt habe: Es ist eine Politik, die eigentlich keine ist, die auf einem kleinen Fleck Erde das Geistesleben und das Wirtschaftsleben verwaltet, aber eigentlich in Wirklichkeit gar nicht Politik treibt. Vergleichen Sie, was in der Schweiz und was anderwärts Politik ist! Es muß manchmal das eine oder andere politisch gemacht werden, weil man mit den anderen Ländern in Korrespondenz treten muß. Aber wirkliche schweizerische Politik - man müßte eben die Dinge auf den Kopf stellen, wenn man eine wirkliche schweizerische Politik finden wollte. Die gibt es eigentlich nicht. Auch daraus ist eben ersichtlich, daß hier ein Landgebilde geschaffen worden ist, auf dem im politischen Sinne das Geistesleben, im politischen Sinne das Wirtschaftsleben verwaltet wird, in dem aber eigentlich gar nicht eine wirkliche Empfindung, ein wirkliches Erleben von dem Rechtsdasein vorhanden ist.

[ 11 ] Well, the situation in Switzerland is similar, yet different in its own way. All sorts of interests surround it, but these interests have left a small space where they do not intersect. And today, with global economic life and global intellectual life, the situation is such that this small space is indeed preserved precisely because it is now something quite special. What is it, actually? It is something held together within its borders by purely political conditions. This is evident from Swiss history. Swiss history is seemingly entirely political, just as Swiss thinking is seemingly entirely democratic. But even with regard to politics, the situation in Switzerland is as I explained earlier regarding democracy: it is a politics that is not really politics at all—one that administers spiritual and economic life within a small patch of land, but in reality does not engage in politics at all. Compare what constitutes politics in Switzerland with what it is elsewhere! Sometimes one thing or another has to be done “politically” because one must correspond with other countries. But real Swiss politics—one would have to turn things upside down if one wanted to find real Swiss politics. It doesn’t actually exist. This, too, makes it clear that a national entity has been created here in which intellectual life and economic life are administered in the political sense, but in which there is actually no real sense of, or genuine experience of, legal existence.

[ 12 ] Daher handelt es sich darum, daß man hier ganz besonders tief einschärft, daß das Recht etwas ist, was man nicht definieren kann, so wie man Rot oder Blau nicht definieren kann, daß das Recht etwas ist, was in seiner Selbständigkeit erlebt werden muß, und was erlebt werden muß, wenn sich als Mensch bewußt wird jeder mündig gewordene Mensch. Es wird sich also darum handeln, zu versuchen, für schweizerische Mittel gerade dieses menschliche Empfindungs- und Gefühlsverhältnis im Rechtsleben herauszuarbeiten, daß im einzelnen Menschen die Gleichheit leben müsse, wenn Rechtsleben da sein soll. Gerade die Schweiz ist nämlich dazu berufen, und ich möchte sagen: Die Engel der ganzen Welt schauen auf die Schweiz, ob hier das Richtige geschieht -, gerade die Schweiz ist dazu berufen, da sie, ich möchte sagen, völlig jungfräulich ist in bezug auf den Rechtsstaat, nur einen geistigen, nur einen Wirtschaftsstaat hat, einen Rechtsstaat zu schaffen unter Freigebung des geistigen und des Wirtschaftslebens.

[ 12 ] Therefore, the point here is to instill very deeply the understanding that law is something that cannot be defined—just as one cannot define red or blue—that law is something that must be experienced in its autonomy, and that it must be experienced when every person who has come of age becomes conscious of themselves as a human being. The task, then, will be to try to develop—using Swiss means—precisely this human relationship of perception and feeling within legal life, so that equality must be lived within each individual if legal life is to exist. Switzerland, in particular, is called upon to do this—and I would like to say: the angels of the whole world are watching Switzerland to see if the right thing is happening here—Switzerland, in particular, is called upon to do this because, I would say, it is completely untouched when it comes to the rule of law, having only a spiritual and an economic state, and must create a rule-of-law state while allowing spiritual and economic life to flourish.

[ 13 ] An den schweizerischen Bergen hat sich für die Herzen der Menschen eigentlich gebrochen das römische Recht, das in ganz anderer Weise in Frankreich und in Deutschland und anderen europäischen Ländern eingezogen ist. Es ist nur in das Äußerliche hineingegangen, nicht aber in das Empfinden der Menschen. Es ist also jungfräulicher Rechtsboden, auf dem alles geschaffen werden kann. Wenn nur die Menschen zur wirklichen Besinnung kommen, was es für ein unendliches Glück ist, hier zwischen den Bergen zu leben und einen eigenen Willen haben zu können, unabhängig von der ganzen Welt, die sich um dieses kleine Ländchen dreht. Hier können, gerade wegen dieser Weltverhältnisse, die Rechtselemente bloß aus dem Menschen herausgearbeitet werden.

[ 13 ] In the Swiss mountains, Roman law—which took root in a completely different way in France, Germany, and other European countries—has, in a sense, failed to capture people’s hearts. It has penetrated only the outward form, but not people’s inner feelings. It is, therefore, virgin legal ground on which anything can be created. If only people would truly come to realize what an infinite blessing it is to live here among the mountains and to be able to exercise their own free will, independent of the entire world that revolves around this little country. Here, precisely because of these global circumstances, the elements of law can be developed solely from within the human being.

[ 14 ] Also ich deute Ihnen an, wie man die besondere Lokalität, die besondere Örtlichkeit in das Vorbereiten hineinbringen muß für solch einen Vortrag, wie man tatsächlich mit sich selber völlig eins sein muß, was das Wesen des Schweizertums ist. Ich kann es natürlich hier nur skizzieren; aber jeder, der in der Schweiz reden will, müßte eigentlich sich bemühen, ganz zu verstehen, welch besonderer Art dieses Schweizertum ist.

[ 14 ] So I am suggesting to you how one must incorporate that particular locale, that specific setting, into the preparation for such a lecture—how one must, in fact, be completely at one with oneself regarding the essence of Swissness. Of course, I can only sketch this out here; but anyone who wants to speak in Switzerland should really make an effort to fully understand just how unique this Swiss identity is.

[ 15 ] Nicht wahr, Sie können sagen: Wir sind ja Schweizer — so wie die Engländer sagen können: Wir sind ja Engländer -, und du willst uns jetzt sagen, wie der Schweizer das Schweizertum kennenlernen soll, und was der Engländer alles nicht hat von solcher Empfindung und so weiter. - Gewiß, das kann man sagen. Aber diejenigen, die heute zu den Gebildeten gehören, haben ja nirgends eine wirklich erlebte Bildung, nirgends eine Bildung, die heraus ist aus dem Unmittelbaren des Erlebens. Daher muß gerade gegenüber dem Rechte auch sehr hingewiesen werden auf dieses unmittelbare Erleben.

[ 15 ] Isn’t it true that you can say: “We are, after all, Swiss”—just as the English can say: “We are, after all, English”—and now you want to tell us how the Swiss should come to know what it means to be Swiss, and what the English lack in terms of such a sense of identity, and so on. - Certainly, one can say that. But those who are considered educated today have nowhere a truly lived education, nowhere an education that springs from the immediacy of experience. Therefore, especially in relation to the right, great emphasis must be placed on this immediate experience.

[ 16 ] Da kommen wir zu der Betrachtung, wie die Menschen allmählich unter der neueren Zivilisation in gegenseitige Verhältnisse, in soziale Verhältnisse hineingekommen sind auf dem Gebiete, wo sich eigentlich das Recht entwickeln sollte. Von Mensch zu Mensch sollte sich das Recht entwickeln. Und alles also, alles Parlamentarisieren ist eigentlich im Grunde genommen nur ein Surrogat für das, was sich von Mensch zu Mensch abspielen müßte in einem wirklich richtigen Rechtsgebiete.

[ 16 ] This brings us to the question of how, under modern civilization, people have gradually entered into mutual relationships—social relationships—in the very realm where law should actually develop. Law should develop from person to person. And so everything—the entire process of parliamentarization—is, at its core, merely a substitute for what ought to take place from person to person in a truly just legal system.

[ 17 ] Da hat man dann Gelegenheit, wenn man nun nachdenkt über das Rechtsgebiet, wiederum einzugehen — aber jetzt in einer realeren Weise einzugehen — auf dasjenige, was die Begriffe des Proletariats sind und die Empfindungen der Bourgeoisie. Man kann aber jetzt in einer realeren Weise dasjenige, was das Proletariat an Begriffen entwickelt hat, herüberführen in das Empfinden der Bourgeoisie. Ich sage: Begriffe des Proletariats, Empfindungen der Bourgeoisie. Die Erklärung dafür finden Sie in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage».

[ 17 ] This gives us the opportunity, as we reflect on this area of law, to revisit—but now in a more concrete way—the concepts of the proletariat and the sentiments of the bourgeoisie. But now, in a more realistic way, one can translate the concepts developed by the proletariat into the sensibilities of the bourgeoisie. I say: concepts of the proletariat, sensibilities of the bourgeoisie. You will find the explanation for this in my “Key Points of the Social Question.”

[ 18 ] Das Proletariat hat aus den vier Begriffen, die ich gestern hier entwickelt habe, durchaus eben das Gefühl des Klassenbewußtseins entwickelt; es muß erobern, was im Besitze der Bourgeoisie ist, den Staat. Inwieweit der Staat nun ein wirklicher Rechtsstaat ist oder nicht, das ist natürlich dem Proletariat auch nicht klargeworden. Aber was als Rechtsstaat sich entwickelt hat, davon ist die Schweiz am allerwenigsten berührt, daher sie am leichtesten ohne Vorurteile einen wirklichen Rechtsstaat begreifen könnte. Was sich als ein wirklicher Rechtsstaat entwickelt hat, das lebt ja nur zwischen den Äußerungen des eigentlichen Seelenlebens der Menschen fast in der ganzen Welt heute, nur eben nicht in der Schweiz! Überall sonst in der Welt lebt eigentlich dasjenige, was Rechtsstaat ist, ein, ich möchte sagen, Unter-der-HandDasein, währenddem dasjenige, was wirklich von Mensch zu Mensch erlebt wird, auf etwas ganz anderem beruht, und zwar auf etwas ganz durch und durch Bürgerlichem. Was der Mensch im öffentlichen Leben eigentlich sucht, was er hineinträgt in das ganze öffentliche Leben, wodurch ihm eine Verdunkelung des eigentlichen Rechtslebens geschieht, das kann man nur erfassen, wenn man ein wenig die konkreten Beziehungen ins Auge faßt.

[ 18 ] The proletariat has indeed developed a sense of class consciousness from the four concepts I outlined here yesterday; it must seize what is in the possession of the bourgeoisie—the state. To what extent the state is—or is not—a true constitutional state has, of course, not yet become clear to the proletariat either. But Switzerland is the least affected by what has developed as a constitutional state; therefore, it could most easily grasp a true constitutional state without prejudice. What has developed as a true constitutional state exists today only between the expressions of people’s actual inner lives almost everywhere in the world—just not in Switzerland! Everywhere else in the world, what constitutes the rule of law actually leads, I would say, a clandestine existence, whereas what is truly experienced from person to person is based on something entirely different—namely, something thoroughly bourgeois. What people actually seek in public life, what they bring into public life as a whole—and through which a darkening of the true legal life occurs—can only be grasped by taking a closer look at the concrete relationships.

[ 19 ] Sehen Sie, das Geistesleben ist allmählich aufgesogen worden vom Staatsleben. Das Geistesleben aber ist, wenn man ihm gegenübersteht als einem Elemente, das auf sich selbst gebaut ist, ein sehr strenges Element, ein Element, demgegenüber man fortwährend seine Freiheit bewahren muß, das deshalb nicht anders als auch in der Freiheit organisiert werden darf. Lassen Sie einmal eine Generation ihr Geistesleben freier entfalten und dann dieses Geistesleben organisieren, wie sie es will: es ist die reinste Sklaverei für die nächstfolgende Generation. Das Geistesleben muß wirklich, nicht etwa bloß der Theorie nach, sondern dem Leben nach, frei sein. Die Menschen, die darinnenstehen, müssen die Freiheit erleben. Das Geistesleben wird zur großen Tyrannei, wenn es überhaupt auf der Erde sich ausbreitet, denn ohne daß eine Organisation eintritt, kann es sich nicht ausbreiten, und wenn eine Organisation eintritt, wird sogleich die Organisation zur Tyrannin. Daher muß fortwährend in Freiheit, in lebendiger Freiheit gekämpft werden gegen die Tyrannis, zu der das Geistesleben selber neigt.

[ 19 ] You see, intellectual life has gradually been absorbed by political life. But intellectual life, when viewed as an element built upon itself, is a very rigorous element—one against which one must continually preserve one’s freedom, and which therefore must be organized in no other way than in freedom. Let one generation unfold its spiritual life more freely and then organize that spiritual life as it sees fit: it will be the purest form of slavery for the next generation. Spiritual life must truly be free—not merely in theory, but in practice. The people who are part of it must experience that freedom. Intellectual life becomes a great tyranny if it spreads at all on earth, for without the establishment of an organization, it cannot spread, and once an organization is established, that organization immediately becomes a tyrant. Therefore, one must continually struggle in freedom—in living freedom—against the tyranny toward which intellectual life itself tends.

[ 20 ] Dieses Geistesleben ist nun im Laufe der neueren Jahrhunderte aufgesogen worden vom Staatsleben. Das heißt: Wenn man das Staatsleben der Toga entkleidet, die es noch immer sehr stark anhat in der Erinnerung an die alte Römerzeit, obwohl schon sogar die Richter anfangen, den Talar abzulegen, aber im ganzen kann man doch sagen, daß das Staatsleben die Toga noch anhat; aber wenn man absieht von dieser Toga, wenn man auf das sieht, was darunter ist: dann ist es eigentlich überall das verzwangte Geistesleben, das im Staate und im sozialen Leben des Staates vorhanden ist. Es ist das verzwangte Geistesleben! Verzwangt, aber nicht wissend, daß es verzwangt ist, daher nicht nach Freiheit strebend, aber immerhin doch gegen die Verzwangtheit fortwährend ankämpfend. Und vieles in der neuesten Zeit ist gerade aus diesem Ankämpfen gegen die Verzwangtheit des Geisteslebens hervorgegangen. Unser ganzes öffentliches Geistesleben steht eigentlich unter dem Zeichen dieser Verzwangtheit des Geisteslebens, und wir können nicht gesunde Verhältnisse gewinnen, wenn wir uns nicht einen Sinn aneignen für die Beobachtung dieser Verzwangtheit des Geisteslebens. Man muß ein Gefühl dafür haben, wie einem diese Verzwangtheit des Geisteslebens entgegenkommt im Alltag.

[ 20 ] Over the course of recent centuries, this intellectual life has been absorbed by public life. That is to say: If one strips public life of the toga—which it still wears very heavily in memory of the ancient Roman era, even though even the judges are beginning to lay aside their robes—one can nevertheless say, on the whole, that public life still wears the toga; but if one looks beyond this toga, if one looks at what lies beneath it: then what is actually present everywhere is a constrained spiritual life, which exists within the state and in the social life of the state. It is a constrained intellectual life! Constrained, yet unaware that it is constrained; therefore, it does not strive for freedom, but nonetheless continually struggles against this constraint. And much of what has emerged in recent times has arisen precisely from this struggle against the constraint of intellectual life. Our entire public intellectual life is, in fact, marked by this constraint on intellectual life, and we cannot achieve healthy conditions unless we develop a sense for observing this constraint on intellectual life. One must have a feeling for how this constraint on intellectual life manifests itself in everyday life.

[ 21 ] Ich wurde einmal von einer Anzahl Berliner Damen, die in einem Institute von mir Vorträge angehört hatten, dann eingeladen, einen Vortrag zu halten bei einer der Damen in ihrem Privatappartement, und die ganze Veranstaltung war eigentlich dazu da, daß die Damen entgegenarbeiten wollten einer gewissen dazumal recht gutmütigen Stimmung bei ihren Männern. Nicht wahr, diese Damen kamen so etwa um zwölf Uhr in das Unterrichtsinstitut, wo ich die Vorträge hielt. Und die Männer, wenn wiederum solch ein Tag kam — ich glaube, es war einmal in der Woche -, sagten dann: Na ja, da geht Ihr halt in eure verrückte Anstalt heute wieder hin; da wird die Suppe wieder schlecht sein, oder es wird etwas anderes nicht in Ordnung sein! - Und da wollten denn diese Damen, daß ich einen Vortrag hielte über Goethes «Faust» — das wurde als Thema ausgesucht -, und dazu wurden auch die Männer eingeladen. Nun hielt ich eben einen Vortrag über Goethes «Faust» vor den Damen und Herren. Ja, die Herren waren nachher etwas verdutzt und sie sagten: «Ja, aber Goethes ‹Faust› ist halt eine Wissenschaft; Kunst ist ja Goethes ‹Faust› nicht. Kunst, das ist Blumenthal» — ich zitiere wörtlich -, «da braucht man sich nicht anzustrengen. Wenn man sich schon im wirtschaftlichen Beruf so anstrengt, will man sich doch im Leben nicht auch noch anstrengen!» Sehen Sie, was eingezogen ist als Ersatz des Enthusiasmus für die Freiheit im Geistesleben, das tritt uns im staatlichen Leben entgegen als bloßes leichtes Unterhaltungsbedürfnis.

[ 21 ] I was once invited by a group of Berlin ladies—who had attended my lectures at an institute—to give a lecture at one of their private apartments, and the whole event was actually intended to help the ladies counteract a certain, at the time rather good-natured, mood among their husbands. You see, these ladies would arrive at the educational institute—where I gave the lectures—around noon. And the men, whenever such a day came around—I believe it was once a week—would say: “Well, there you go, off to your crazy institution again today; the soup will be bad again, or something else won’t be right!” - And so these ladies wanted me to give a lecture on Goethe’s *Faust*—that was the topic chosen—and the men were invited as well. So I gave a lecture on Goethe’s *Faust* to the ladies and gentlemen. Yes, the gentlemen were a bit taken aback afterward, and they said: “Yes, but Goethe’s *Faust* is simply a science; Goethe’s *Faust* isn’t art. Art is Blumenthal”—I’m quoting verbatim—“you don’t have to make an effort there. If you’re already exerting yourself so much in your professional life, you certainly don’t want to exert yourself in life as well!” You see, what has taken the place of enthusiasm for freedom in intellectual life confronts us in public life as a mere need for light entertainment.

[ 22 ] Ich habe einmal auf dem Lande gesehen, wo man so etwas noch gut sehen konnte, wie diese alten herumziehenden Schauspieler, die immer, in Deutschland nannte man es den Dummen August, also den Bajazzo bei sich hatten, wie diese manchmal ganz feine Sachen darstellten. Da sah ich, wie der Clown, der nun seine Clownkunststücke eine ganze Zeit hindurch gemacht und die Leute unterhalten hatte, weil er nun daranging, etwas für ihn sehr Ernstes darzustellen, das Clownkostüm abwarf und nun in schwarzen Beinkleidern und schwarzem Frack dastand. Mir dreht sich dieses Bild immer um: Ich sehe dann zuerst den Mann in schwarzen Beinkleidern und schwarzem Frack, und hinterher sehe ich den Mann mit dem Clownkostüm. Mir kommt es so vor wie schwarzes Beinkleid und Frack, wenn ich irgendwo in einem Schaufenster ein Buch von Einstein über die Relativitätstheorie sehe; und dann habe ich den Clown vor mir, wenn ich daneben ein Buch von Moszkowski über die Relativitätstheorie vor mir habe. Denn tatsächlich, im äußeren Leben ist ja manches Maja: Aber man könnte sich gar nicht denken, daß innerlich die ganze Denkerpedanterie anders auftreten könnte als in schwarzem Beinkleid und in wohlgeschnittenem Frack, will sagen, in der Relativitätstheorie. Und wiederum: Es ist unangenehm, sich so strengen Gedankengängen, so konsequenten Gedankengängen zu fügen, die schon wirklich so geschnitten sind wie ein gutsitzender Frack; das muß den Leuten auch anders entgegentreten. Da macht sich denn der als Philosophenclown feuilletonistisch ganz besonders begabte Alexander Moszkowski daran und schreibt ein dickes Buch. Aus dem lernen nun alle Leute in Feuilletonform, im Clownkostüm, was im Frack geboren worden ist! Sehen Sie, man kann gar nicht anders heute, als die Dinge herüber zu übersetzen in dasjenige, wobei man sich nicht anzustrengen braucht, wobei man auch keinen großen Enthusiasmus zu entfalten braucht.

[ 22 ] I once saw in the countryside—where you could still see such things quite clearly—how these old traveling actors, who always had what in Germany was called “Dummer August” (the Bajazzo) with them, would sometimes perform quite exquisite pieces. There I saw how the clown—who had been performing his clowning tricks for quite some time and entertaining the crowd—threw off his clown costume just as he was about to perform something very serious for him, and stood there in black breeches and a black tailcoat. This image always flips around in my mind: First I see the man in black trousers and a black tailcoat, and afterward I see the man in the clown costume. It strikes me as black trousers and a tailcoat whenever I see a book by Einstein on the theory of relativity in a store window somewhere; and then I have the clown before me when I see a book by Moszkowski on the theory of relativity right next to it. For indeed, in outward life, many things are maya: But one could never imagine that, inwardly, all that intellectual pedantry could manifest itself in any way other than in black trousers and a well-tailored tailcoat—that is to say, in the theory of relativity. And again: It’s unpleasant to submit to such rigorous trains of thought, such consistent trains of thought, which are truly tailored like a well-fitting tailcoat; that must also present itself to people in a different light. So Alexander Moszkowski, who is particularly gifted as a philosophical clown in the literary pages, sets to work and writes a thick book. And now, through the arts and culture pages—in a clown’s costume—everyone learns what was born in a tailcoat! You see, these days one simply has no choice but to translate things into a form that requires no effort and no great enthusiasm.

[ 23 ] Gegen diese allgemeine Stimmung muß nämlich empfindungsgemäß angekämpft werden, wenn man über Rechtsbegriffe sprechen will, denn da tritt der Mensch mit seinem ganzen inneren Werte als ein Gleicher den anderen Menschen gegenüber. Und dasjenige, was die Rechtsbegriffe nicht heraufkommen läßt, das ist das, ja, ich möchte sagen, Alexander-Moszkowskimäßige! Man muß überall die Dinge beim Konkreten aufsuchen.

[ 23 ] One must, in fact, fight against this general sentiment intuitively if one wishes to speak of legal concepts, for it is there that human beings, with all their inner values, stand before one another as equals. And what prevents legal concepts from emerging is—yes, I would say—the Alexander Moszkowski approach! One must seek out the concrete in all things.

[ 24 ] Ich sage natürlich durchaus nicht, daß man nun nötig hat, wenn man über Rechtsbegriffe spricht, von Frack und Clownkostüm zu sprechen, aber ich möchte zeigen, wie man die Begriffe für diese Dinge elastisch bekommen muß, wie man wirklich auf das eine hinweisen muß, wenn man auf das andere hinweist; auch wie man disponieren können muß, zuerst in sich selber, um dann die nötige Geläufigkeit zu haben, vor den Menschen zu sprechen.

[ 24 ] Of course, I am by no means saying that when discussing legal concepts, one must necessarily talk about tailcoats and clown costumes, but I would like to show how one must make the concepts for these things flexible, how one must actually be pointing to one thing when pointing to the other; and also how one must be able to prepare—first within oneself—in order to then have the necessary fluency to speak before an audience.

[ 25 ] Und auch noch aus einem anderen Grunde muß der heutige Redner so etwas wissen. Er ist ja zumeist dazu verurteilt, wenn er für etwas Zukunftswürdiges zu sprechen hat, abends zu sprechen. Das heißt, er hat diejenige Zeit auszufüllen, in der eigentlich die Leute im Konzertsaal oder im Theater sein möchten. Er muß sich also durchaus klar sein darüber, daß er zu einem Publikum spricht, das besser an seinem Platze wäre, der Zeitverfassung nach, wenn es im Konzertsaal oder im Theater wäre, oder noch woanders, aber nicht eigentlich an seinem Platz ist da unten, wo es zuhören soll, wenn oben ein Redner von zukunftswürdigen Dingen spricht. Man muß sich klar sein, was man eigentlich tut, bis in die Einzelheiten hinein.

[ 25 ] And there is yet another reason why today’s speaker must know such things. After all, when he has to speak on a topic worthy of the future, he is usually confined to speaking in the evening. This means he has to fill the time when people would actually prefer to be in a concert hall or a theater. He must therefore be fully aware that he is speaking to an audience that, given the time of day, would be better off in a concert hall or a theater—or somewhere else entirely—but is not really where it should be: down there, listening while a speaker up above discusses matters of lasting significance. One must be clear about what one is actually doing, right down to the finest details.

[ 26 ] Was tut man denn eigentlich, wenn man vor einem solchen Publikum spricht, vor dem zu sprechen man heute zumeist verurteilt ist? Man verdirbt ja diesem Publikum eigentlich in ganz wörtlichem Sinne den Magen! Eine ernste Rede hat nämlich die Eigentümlichkeit, daß sie dem Pepsin feindlich ist, daß sie das Pepsin, den Magensaft nicht zur Wirksamkeit kommen läßt. Eine ernste Rede macht den Magen sauer. Und nur wenn man selber in der ganzen Stimmung ist, eine ernste Rede so vorzubringen, daß man, weigstens innerlich, sie mit dem nötigen Humor vorbringt, dann hilft man dem Magensaft wieder. Man muß mit einer gewissen inneren Leichtigkeit eine Rede vorbringen, mit einer gewissen Modulation, mit einer gewissen Begeisterung, dann hilft man dem Magensaft. Und dann gleicht man das wiederum aus, was man dem Magen zufügt in der Zeit, in der wir heute zumeist zu reden haben. Daher ist es wirklich eher als für die Dreigliederung des sozialen Organismus für die Magenspezialisten gearbeitet, wenn Menschen in aller Schwere, mit allem inneren Herauspressen, in pedantischer Form über die Dreigliederung zu den Menschen sprechen. Das muß mit Leichtigkeit, mit Selbstverständlichkeit geschehen, sonst arbeitet man nicht für die Dreigliederung, sondern für die Magenspezialisten. Es gibt nur noch keine Statistik darüber, wie viele Leute, nachdem sie pedantische Vorträge angehört haben, zu den Magenspezialisten gehen müssen! Wenn man einmal eine Statistik über diese Dinge hätte, würde man nämlich erstaunt sein darüber, welcher Prozentsatz in den Patientenkreisen der Magenspezialisten eifrige Vortragszuhörer der heutigen Zeit abgeben.

[ 26 ] What does one actually do when speaking to such an audience—the kind one is usually condemned to address these days? After all, one literally turns this audience’s stomach! A serious speech, you see, has the peculiarity of being hostile to pepsin—it prevents pepsin, the gastric juice, from taking effect. A serious speech makes the stomach sour. And only if you yourself are in the right frame of mind to deliver a serious speech—so that, at least inwardly, you deliver it with the necessary humor—can you help the gastric juices again. One must deliver a speech with a certain inner lightness, with a certain modulation, with a certain enthusiasm—only then does one help the gastric juices. And in doing so, one compensates for the strain one places on the stomach during the times when we are most often called upon to speak today. That is why, when people speak to others about the threefold social order with great solemnity, straining every inner muscle, and in a pedantic manner, they are actually working more for the gastroenterologists than for the threefold social order itself. This must be done with ease and naturalness; otherwise, one is not working for the threefold social order, but for the gastroenterologists. There are simply no statistics yet on how many people, after listening to pedantic lectures, end up having to go to the gastroenterologists! If one were to have statistics on these matters, one would indeed be astonished at what percentage of the gastroenterologists’ patient population consists of avid listeners to today’s lectures.

[ 27 ] Ich muß schon auf diese Dinge auch aufmerksam machen, denn es naht sich die Zeit, wo man kennen muß, wie eigentlich der Mensch lebt: wie Ernst auf seinen Magen, wie Humor auf seinen Magensaft wirkt, wie zum Beispiel, sagen wir, der Wein eine Art Zyniker ist, der die ganze menschliche Organisation nicht ernst nimmt, sondern mit ihr spielt. Und so könnte man, wenn man nicht mit den Wischiwaschibegriffen der heutigen Wissenschaft, sondern mit menschlichen Begriffen an die menschliche Organisation heranginge, durchaus einsehen, was nun auch für eine organische Wirkung, fast chemische Wirkung, jedes Wort und jeder Wortzusammenhang beim Menschen hervorruft.

[ 27 ] I must draw attention to these things as well, for the time is approaching when one must understand how human beings actually live: how seriousness affects the stomach, how humor affects gastric juices, how, for example, let’s say, wine is a kind of cynic that does not take the entire human organism seriously, but plays with it. And so, if one were to approach the human organism not with the vague, vague concepts of modern science but with human concepts, one could certainly understand what kind of organic effect—almost a chemical effect—every word and every context of words elicits in human beings.

[ 28 ] Solche Dinge zu wissen, erleichtert einem auch das Reden. Während man sonst eine Mauer vor sich hat gegenüber dem Publikum, hört diese Mauer auf zu sein, wenn man gewissermaßen bei einer pedantischen Rede immer durchsieht, wie der Magensaft träufelt und endlich sauer wird im Magen, die Magenwände angreift. Man hat schon zuweilen Gelegenheit, das zu sehen. In Hörsälen der Universitäten ja weniger; da helfen sich die Studenten dadurch, daß sie nicht zuhören.

[ 28 ] Knowing such things also makes it easier to speak. Whereas one would otherwise face a wall when addressing an audience, that wall ceases to exist when, during a pedantic speech, one can, as it were, see right through it—how the gastric juices drip and eventually turn sour in the stomach, corroding the stomach walls. One does have the opportunity to see this from time to time. Less so in university lecture halls, of course; there, the students cope by simply not listening.

[ 29 ] Sie sehen aber daraus, was ich so sage, wieviel beim Reden von der Stimmung abhängt, wieviel mehr Bedeutung das Vorbereiten der Stimmung, das In-die-Hand-Nehmen der Stimmung hat, als das wortwörtliche Vorbereiten. Wer oftmals sich für die Stimmung vorbereitet hat, der hat dann gar nicht mehr nötig, sich für das Wortwörtliche so vorzubereiten, daß er sich im entsprechenden Moment durch das zu gute wortwörtliche Vorbereiten eben zum Verderber des Magensaftes gerade macht.

[ 29 ] But you can see from what I’m saying just how much speaking depends on the mood, and how much more important it is to prepare the mood—to take control of the mood—than to prepare the exact wording. Anyone who has often prepared for the mood no longer needs to prepare for the literal content in such a way that, at the crucial moment, their overly thorough literal preparation actually turns them into a spoilsport.

[ 30 ] Sehen Sie, zu einem — wenn ich mich jetzt so ausdrücken darf richtig geschulten Redner gehört verschiedenes; und ich möchte es gerade an dieser Stelle vorbringen, weil das Auseinandersetzen der Rechtsbegriffe gerade vieles fordert, was man nach dieser Richtung charakterisieren muß. Ich möchte es gerade jetzt vorbringen, bevor ich dann wohl morgen zu der Hineinverwebung der Wirtschaftselemente in das Reden sprechen möchte.

[ 30 ] You see, a—if I may put it this way—properly trained speaker must possess various qualities; and I would like to bring this up at this very point, because the analysis of legal concepts demands precisely many of the qualities that must be characterized in this regard. I would like to bring this up right now, before I turn—probably tomorrow—to the interweaving of economic elements into the speech.

[ 31 ] Ein Anthroposoph brachte einmal in den Architektenhaussaal in Berlin den Ihnen ja vielleicht auch schon bekannten Max Dessoir mit an einem Abend, wo ich dort einen Vortrag zu halten hatte. Dieser damalige Freund des Max Dessoir sagte hinterher: Ach, der Dessoir ging doch nicht mit! - Ich fragte ihn, wie ihm der Vortrag gefallen habe; da sagte er: Ja, wissen Sie, ich bin selbst ein Redner; und derjenige, der selbst ein Redner ist, der kann nicht richtig zuhören, der hat kein Urteil über das, was der andere redet! — Nun, ich hatte nicht nötig, mir über Dessoir ein Urteil zu bilden nach dieser Aussage, denn dazu hatte ich andere Urteilsbildungsgelegenheiten, würde mir auch kein Urteil gebildet haben nach dieser Aussage: denn ich konnte gar nicht wissen, ob es wirklich wahr ist, oder ob der Dessoir, wie sonst, auch diesmal gelogen hat. Nun aber, nehmen wir an, es wäre wahr gewesen: Wofür wäre das ein Beweis? Dafür, daß jedenfalls derjenige, der solche Ansicht hat, niemals ein richtiger Redner werden kann. Denn niemals kann derjenige ein richtiger Redner werden, der gerne redet, und der sich selbst gerne hört, und der auf sein eigenes Reden besonders viel gibt. Ein richtiger Redner muß eigentlich immer eine gewisse Überwindung durchmachen, wenn er reden soll, und er muß diese Überwindung deutlich fühlen. Er muß vor allen Dingen selbst den schlechtesten fremden Redner lieber hören wollen, als daß er selber sprechen will.

[ 31 ] An anthroposophist once brought Max Dessoir—whom you may already be familiar with—to the Architektenhaussaal in Berlin on an evening when I was scheduled to give a lecture there. This friend of Max Dessoir’s at the time said afterward: “Oh, Dessoir didn’t come along after all!” I asked him how he’d liked the lecture, and he replied: “Well, you know, I’m a speaker myself; and someone who is a speaker can’t really listen—he has no judgment about what the other person is saying!” — Well, I had no need to form an opinion about Dessoir based on that statement, for I had other opportunities to do so; nor would I have formed an opinion based on that statement anyway: for I had no way of knowing whether it was actually true, or whether Dessoir, as usual, had lied this time as well. But now, let’s suppose it were true: What would that prove? That, in any case, anyone who holds such a view can never become a true orator. For no one who enjoys speaking, who likes to hear himself speak, and who places particular importance on his own speech can ever become a true orator. A true orator must, in fact, always overcome a certain resistance when he is to speak, and he must clearly feel this resistance. Above all, he must prefer to listen to even the worst of other orators rather than speak himself.

[ 32 ] Ich weiß sehr genau, was ich mit dieser Sache sage, und weiß sehr genau, wie schwer es manchem von Ihnen ist, das gerade mir zu glauben, aber es ist so. Ich gebe zwar zu, daß es andere Vergnügungen gibt in der Welt, als schlechten Rednern zuzuhören. Aber es darf jedenfalls zu diesen anderen größeren Vergnügungen nicht das gehören, selber zu sprechen. Man muß sogar einen gewissen Drang haben, andere zu hören. Man muß gerne anderen zuhören, denn durch das Zuhören wird man eigentlich ein Redner, nicht durch die Liebe zum eigenen Reden. Durch das eigene Reden bekommt man eine gewisse Geläufigkeit; das muß aber instinktiv verlaufen. Was einen zum Redner macht, das ist eigentlich das Zuhören, das Entwickeln eines Ohres für die besonderen Eigentümlichkeiten der anderen Redner, und selbst wenn sie schlechte Redner sind. Daher werde ich jedem, der mich frägt, wie er sich am besten vorbereite, nach einer gewissen Richtung hin ein guter Redner zu werden, antworten: Er höre, aber insbesondere er lese — ich habe den Unterschied zwischen Hören und Lesen auseinandergesetzt — er höre und lese - man kann das ja auch; denn der Unfug besteht einmal, daß die Reden gedruckt werden — die Reden von anderen! Man wird nur auf diese Art jenes starke Gefühl bekommen der Abneigung gegen das eigene Reden. Und diese Abneigung gegen das eigene Reden ist es eigentlich, die es einem ermöglicht, eben entsprechend wirklich zu reden. Das ist außerordentlich wichtig. Und bei den Menschen, die es doch nicht zustande kriegen das eigene Reden mit Antipathie zu betrachten, bei denen ist es gut, wenn sie wenigstens das Lampenfieber sich bewahren, denn ohne Lampenfieber und mit Sympathie für das eigene Reden sich hinstellen und reden, das ist eigentlich etwas, das man unterlassen sollte, denn es wirkt unter allen Umständen nicht gut in der Welt. Es wirkt zur Sklerotisierung der Rede, zur Verknöcherung, zur Verkapselung der Rede und gehört dann eben zu dem, was den Leuten die Predigt verdirbt.

[ 32 ] I know exactly what I mean by this, and I know very well how difficult it is for some of you to believe this—especially coming from me—but it is true. I do admit that there are other pleasures in the world besides listening to bad speakers. But speaking oneself certainly must not be counted among these other, greater pleasures. One must even have a certain urge to listen to others. One must enjoy listening to others, for it is through listening that one actually becomes a speaker, not through a love of one’s own speech. Speaking oneself gives one a certain fluency; but that must come instinctively. What makes one a speaker is actually listening—developing an ear for the particular idiosyncrasies of other speakers, even if they are poor speakers. Therefore, to anyone who asks me how best to prepare to become a good speaker in a certain sense, I will answer: Listen, but above all, read—I have explained the difference between listening and reading—listen and read; after all, one can do both, for there is the absurdity that speeches are printed—the speeches of others! Only in this way will one develop that strong sense of aversion to one’s own speaking. And it is actually this aversion to one’s own speaking that enables one to speak truly and appropriately. This is extraordinarily important. And for people who simply cannot bring themselves to view their own speech with antipathy, it is good if they at least retain their stage fright; for to stand up and speak without stage fright and with sympathy for one’s own speech is actually something one should refrain from, because it never looks good in the world under any circumstances. It leads to the sclerosis of speech, to its ossification, to its encapsulation—and is thus precisely one of the things that spoils the sermon for people.

[ 33 ] Sehen Sie, ich würde Ihnen wahrhaftig nicht im Sinne der Aufgabe dieses Kurses über das Reden sprechen, wenn ich aus irgendeiner alten Rhetorik oder aus nachgebildeten alten rhetorischen Reden heraus Ihnen hier Redegesetze aufzählen würde, sondern ich will Ihnen aus voller Erfahrung heraus ans Herz legen, was man eigentlich immer im Herzen haben soll, wenn man durch Reden auf seine Mitmenschen wirken will.

[ 33 ] You see, I would truly not be speaking to you about public speaking in the spirit of this course if I were to list rules of speech here based on some ancient rhetoric or on imitations of ancient rhetorical speeches; rather, drawing on my own extensive experience, I want to impress upon you what one should always keep in mind when seeking to influence others through speech.

[ 34 ] Gewiß, einigermaßen ändern sich die Dinge, wenn man zur Wechselrede gezwungen ist, wenn also, ich möchte sagen, ein gewisses Rechtsverhältnis auftritt zwischen Mensch und Mensch in der Diskussion. Aber in der Diskussion, an der man gerade das Rechtsverhältnis am schönsten lernen könnte, macht sich heute fast gar nicht dieses Hineinprojizieren der allgemeinen Rechtsbegriffe in das Verhältnis, das zwischen Mensch und Mensch in der Diskussion, im Wortverhältnis, im Satzverhältnis besteht, geltend. Da handelt es sich wirklich darum, daß man dann bei der Diskussion nicht verliebt ist in seine eigene Art zu denken, in seine Art zu empfinden, sondern daß man in der Diskussion eigentlich antipathisch empfindet, was man selber zu etwas sagen möchte und das man heraufholt. Dann kann man das nämlich, wenn man seine eigene Meinung, auch seinen eigenen Ärger oder die eigene Aufgeregtheit zurückzudämmen versteht und hinüberkriechen kann in den anderen. So wird das fruchtbar auch in der Debatte, wo etwas zurückgewiesen werden muß. Man kann natürlich nicht dasselbe sagen, was der andere sagt, aber man kann von dem anderen das nehmen, was man gerade zu einer wirksamen Debatte braucht.

[ 34 ] Certainly, things change to some extent when one is forced into a dialogue—that is, when, I would say, a certain legal relationship arises between people in a discussion. But in the discussion—where one could best learn about this legal relationship—this projection of general legal concepts into the relationship that exists between people in the discussion, in their verbal exchange, and in their statements, is hardly evident at all today. What really matters here is that, during the discussion, one is not enamored with one’s own way of thinking or one’s own way of feeling, but rather that one actually feels aversion toward what one oneself wishes to say about something and brings up. This becomes possible when one knows how to rein in one’s own opinion—as well as one’s own anger or agitation—and can put oneself in the other person’s shoes. This approach proves fruitful even in a debate where something must be refuted. Of course, one cannot say exactly what the other person says, but one can take from the other person precisely what is needed for an effective debate.

[ 35 ] Ein ganz eklatantes Beispiel ist das Folgende. Es ist erzählt in der letzten Nummer der «Dreigliederung»; ich habe es vor mehr als zwanzig Jahren erlebt. Der Abgeordnete Rickert hielt im deutschen Reichstag eine Rede, in der er Bismarck vorwarf, daß er die Richtung seiner Politik ändere. Er wies darauf hin, wie Bismarck eine Zeitlang mit den Liberalen gegangen ist, sich nachher nach den Konservativen gewendet hat, und hielt eine sehr wirksame Rede, die er zusammenfaßte in das Bild, daß die Bismarcksche Politik darauf hinausliefe, den Mantel nach dem Winde zu drehen. Nun, Sie können sich denken, wie das in der Empfindung eines Auditoriums, noch dazu einer Schwatzanstalt — nun, der deutsche Ausdruck ist nicht gut, wenn man ihn braucht, aber für Parlament ist die richtige deutsche Übersetzung schon Schwatzanstalt -, innerlich, empfindungsgemäß wirkt, wenn solch ein Bild gebraucht wird. Bismarck aber stellte sich hin und hielt nun dem Abgeordneten Rickert die Dinge entgegen — zunächst mit einer gewissen Überlegenheit -, die er zu sagen hatte; und dann kroch er in den Abgeordneten Rickert hinein, wie er das in ähnlichen Fällen immer tat, und sagte: Der Abgeordnete Rickert hat mir vorgeworfen, daß ich den Mantel nach dem Winde drehe. Aber Politik treiben ist so etwas, wie auf der See fahren. Ich möchte wissen, wie man eigentlich richtig steuern sollte, wenn man sich nicht nach dem Winde drehen will! Ein richtiger Seefahrer muß sich, wie ein richtiger Politiker, beim Steuern selbstverständlich nach dem Winde richten, wenn er nicht etwa selbst Wind machen will!

[ 35 ] The following is a particularly striking example. It is recounted in the latest issue of *Dreigliederung*; I experienced it more than twenty years ago. Member of Parliament Rickert delivered a speech in the German Reichstag in which he accused Bismarck of changing the course of his policies. He pointed out how Bismarck had aligned himself with the Liberals for a time, only to turn toward the Conservatives afterward, and delivered a very effective speech, which he summed up with the image that Bismarck’s politics amounted to “turning one’s coat with the wind.” Well, you can imagine how using such a metaphor affects the audience’s inner feelings—especially in a “chatterhouse” (the German term isn’t ideal when you need it, but for “parliament,” the correct German translation is indeed “chatterhouse”)—when such a metaphor is employed. But Bismarck stood up and set out to counter Representative Rickert’s arguments—at first with a certain air of superiority—and then he began to ingratiate himself with Representative Rickert, as he always did in such cases, and said: “Representative Rickert has accused me of shifting my stance with the wind. But politics is like sailing the seas. I’d like to know how one is actually supposed to steer properly if one doesn’t want to turn with the wind! A true sailor, like a true politician, must naturally steer according to the wind—unless, of course, he wants to make his own wind!

[ 36 ] Sie sehen: Das Bild ist aufgegriffen, so gewendet, daß es nun tatsächlich den Pfeil auf den Schützen zurückschlägt. Es handelt sich in der Debatte darum, die Dinge aufzunehmen, aus dem Redner selber heraus die Dinge zu holen. Wenn es sich um ein leichteres Bild handelt, ist ja die Sache begreiflich. Aber man wird das auch ganz im Seriösen tun können: aufsuchen bei dem Gegner, was aus dem Gegner heraus selber die Sache zerfasert! In der Regel wird es nicht viel nützen, wenn man seine eigenen Gründe den Gründen des Gegners einfach entgegensetzt.

[ 36 ] As you can see: The image has been taken up and turned around in such a way that it now actually deflects the arrow back at the archer. The point of the debate is to take up the issues, to draw them out of the speaker himself. When it comes to a simpler image, the matter is, of course, easy to understand. But one can also do this in a completely serious manner: by seeking out in the opponent what, from within the opponent himself, undermines his own argument! As a rule, it won’t do much good to simply pit one’s own reasons against those of the opponent.

[ 37 ] Bei der Debatte sollte man eigentlich in folgender Stimmung sein können: Man sollte in dem Augenblick, wo die Debatte losgehen soll, eigentlich alles, was man bisher gewußt hat, ausschalten können, das alles ins Unbewußte hinunterdrängen, und eigentlich nur wissen, was der Redner, dem man zu erwidern hat, eben gesagt hat, und dann redlich sein Zurechtrückungstalent über das, was der Redner gesagt hat, walten lassen. Das Zurechtrückungstalent walten lassen! In der Debatte handelt es sich darum, unmittelbar aufzunehmen, was der Redner sagt, und nicht einfach das, was man schon vor längerer Zeit gewußt hat, eben einfach entgegenzustellen. Wenn man das, was man schon vor längerer Zeit gewußt hat, einfach entgegenstellt, wie es bei den meisten Debatten geht, so geht die Debatte eigentlich wirklich ergebnislos aus, tatsächlich ergebnislos. Man kann ja eigentlich nie jemanden in einer Diskussion widerlegen. Man muß sich dessen nur bewußt sein, daß man nie jemanden in einer Debatte widerlegen kann, sondern man kann nur zeigen, daß ein Redner entweder sich selbst oder der Wirklichkeit widerspricht. Man kann nur eingehen auf das, was er gesagt hat. Und das wird gerade, wenn es als Grundsatz entwickelt wird, für Debatten, für Diskussionen von einer außerordentlichen Wichtigkeit sein. Wenn einer in der Debatte nur das sagen will, was er schon gewußt hat, dann wird es sicher gar keine Bedeutung haben, daß er es nach dem Redner vorbringt.

[ 37 ] During the debate, one should actually be able to adopt the following mindset: At the very moment the debate is about to begin, one should actually be able to shut out everything one has known up to that point, push it all down into the unconscious, and know only what the speaker—to whom one must respond—has just said, and then honestly exercise one’s ability to put what the speaker has said into perspective. Let your talent for setting the record straight take hold! The point of a debate is to immediately take in what the speaker is saying, rather than simply countering it with what you’ve known for a long time. If you simply counter with what you’ve known for a long time—as happens in most debates—then the debate actually ends up being fruitless, truly fruitless. You can never really refute anyone in a discussion. You just have to be aware that you can never refute anyone in a debate; rather, you can only show that a speaker is contradicting either themselves or reality. One can only respond to what they have said. And this, especially when developed as a principle, will be of extraordinary importance for debates and discussions. If someone in a debate only wants to say what they already knew, then it will certainly be of no significance whatsoever that they bring it up after the speaker has spoken.

[ 38 ] Mir trat das einmal ganz besonders instruktiv, möchte ich sagen, vor Augen. Ich wurde in Holland auf meiner letzten Reise eingeladen, auch in der Philosophischen Gesellschaft der Amsterdamer Universität einen Vortrag zu halten über Anthroposophie. Da war schon der Vorsitzende selbstverständlich anderer Meinung als ich. Es war gar kein Zweifel, daß er, wenn er in die Debatte eingriff, etwas ganz anderes sagen werde als ich. Aber es war ebenso klar, daß schließlich das, was er sagte, nichts ausmachte in bezug auf meine Rede, und daß meine Rede auch keinen besonderen Einfluß haben würde auf dasjenige, was er sagen würde, aus dem, was er ja ohnedies wußte. Daher fand ich, daß er es ganz gescheit gemacht hat: Er brachte, was er zunächst vorzubringen hatte, nicht etwa hinterher in der Debatte, sondern schon vorher vor! Er hätte auch das, was er nachher in der Debatte noch angefügt hat an seine vorausgehenden Worte, schon am Anfang auch gleich vorher vorbringen können, es würde an der Sache gar nichts geändert haben.

[ 38 ] This once became particularly clear to me—I would say—in a very instructive way. On my last trip to the Netherlands, I was invited to give a lecture on anthroposophy at the Philosophical Society of the University of Amsterdam. Naturally, the chairman himself held a different opinion than I did. There was no doubt at all that when he intervened in the debate, he would say something quite different from what I said. But it was equally clear that, in the end, what he said would have no bearing on my talk, and that my talk would likewise have no particular influence on what he would say—based on what he already knew anyway. That is why I thought he handled it quite wisely: he presented what he had to say first—not later in the debate, but beforehand! He could also have presented what he later added to his earlier remarks during the debate right at the beginning; it would not have changed the matter in the least.

[ 39 ] Über solche Dinge muß man sich nur keinen Illusionen hingeben. Vor allen Dingen kommt es darauf an, daß gerade ein Redner sich recht, recht stark in menschliche Verhältnisse hineinfindet. Aber über menschliche Verhältnisse darf man sich, wenn die Dinge wirken sollen, keinen Illusionen hingeben. Vor allen Dingen — das möchte ich Ihnen heute noch sagen, weil das eine gewisse Grundlage für die nächsten Vorträge abgeben wird -, vor allen Dingen soll man sich keiner Illusion darüber hingeben, daß Reden doch wirken.

[ 39 ] One must simply not harbor any illusions about such things. Above all, it is essential that a speaker, in particular, immerse himself very, very deeply in human circumstances. But if one wants these things to have an effect, one must not harbor any illusions about human relationships. Above all—and I would like to say this to you today, because it will serve as a foundation for the upcoming lectures—above all, one must not harbor any illusions that speeches actually have an effect.

[ 40 ] Ich muß immer innerlich furchtbar in eine humoristische Stimmung kommen, wenn gutmeinende Zeitgenossen immer wieder und wieder sagen: Auf Worte kommt es nicht an, auf Taten kommt es an! Ich habe an den ungeeignetsten Stellen, sowohl in Zwiegesprächen wie auch von verschiedenen Podien herab, immer wieder deklamieren hören: Auf Worte kommt es nicht an; auf Taten kommt es an! - Bei dem, was in der Welt an Taten geschieht, kommt alles auf die Worte an! Es geschehen nämlich für den, der die Sache durchschaut, gar keine Taten, die nicht vorher durch die Worte von irgend jemandem vorbereitet sind.

[ 40 ] I always find myself getting terribly amused inside when well-meaning people say over and over again: “It’s not words that matter, it’s actions!” I have heard this declaimed time and again in the most inappropriate contexts—both in conversations and from various podiums: “It’s not words that matter; it’s deeds!”—But when it comes to the deeds that take place in the world, everything depends on words! For those who see through the matter, no deed ever takes place that hasn’t first been prepared by someone’s words.

[ 41 ] Aber Sie werden verstehen, daß die Vorbereitung etwas recht Subtiles ist. Denn, wenn es wahr ist, und es ist wahr, daß man eigentlich dadurch, daß man pedantisch theoretisch, prinzipiell marxistisch redet, den Leuten den Magensaft verdirbt, wobei der Magensaft den übrigen Organismus infiziert, dann können Sie sich denken, wie die Taten draußen, die sehr stark vom Magensaft abhängen, wie er sich dann in den übrigen Organismus ergießt, wenn er zerstreut wird — wie die Taten draußen Folgen solcher schlechten Reden sind. Und wie auf der anderen Seite wiederum, wenn die Leute nur als Spaßmacher auftreten, fortwährend Magensaft produziert wird, der dann eigentlich als Essig wirkt, und der Essig ist ein furchtbarer Hypochonder. Aber die Leute werden weiter unterhalten, indem das, was heute in die Öffentlichkeit fließt, ein fortwährendes Getriebe von Spaßmacherei ist. Die Spaßmacherei von gestern ist noch gar nicht verdaut, wenn die Spaßmacherei von heute auftritt. Da verschlägt sich der Magensaft von gestern und wird etwas Essighaftes. Der Mensch wird ja heute schon wiederum unterhalten. Er kann ganz lustig sein. Aber so, wie er sich in das öffentliche Leben hineinstellt, so ist es eigentlich der hypochondrische Essig, der da wirkt. Und diesen hypochondrischen Essig, den kann man dann finden!

[ 41 ] But you will understand that the preparation is quite a subtle matter. For if it is true—and it is true—that by speaking in a pedantically theoretical, in principle, one actually spoils people’s gastric juices, and these gastric juices then infect the rest of the organism—then you can imagine how the actions out there, which depend very heavily on the gastric juices, are affected when they spill over into the rest of the organism as they are dispersed—how the actions out there are the consequences of such bad speech. And how, on the other hand, when people act solely as jokers, gastric juice is constantly produced, which then actually acts like vinegar, and vinegar is a terrible hypochondriac. But people continue to be entertained because what flows into the public sphere today is a constant stream of joking. Yesterday’s entertainment hasn’t even been digested yet when today’s entertainment appears. Then yesterday’s gastric juice goes awry and turns into something vinegary. People are, of course, already being entertained again today. They can be quite funny. But the way they present themselves in public life, it is actually the hypochondriac vinegar that is at work there. And this hypochondriac vinegar—you can certainly find it!

[ 42 ] Ja, in den Wirtshäusern sind es die marxistischen Redner, die den Leuten den Magen verderben, und wenn die Leute dann den «Vorwärts» lesen, so ist dies dasjenige, woran der verdorbene Magen wieder zurechtgerückt werden muß. Das ist schon ein ganz realer Prozeß.

[ 42 ] Yes, in the taverns it is the Marxist speakers who upset people’s stomachs, and when people then read the *Vorwärts*, that is what is needed to set their upset stomachs right again. That is indeed a very real process.

[ 43 ] Man muß wissen, wie sich in die Welt der Taten die Welt der Reden hineinstellt. Der unwahrste Ausspruch — weil aus einer falschen Sentimentalität, und alles, was aus einer falschen Sentimentalität kommt, ist nämlich unwahr -, der unwahrste Ausspruch gegenüber dem Reden ist der: «Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Taten sehn!» Das kann ganz gewiß stehen an einer Stelle eines Dramas, und dort, wo es steht, steht es schon zu Recht. Aber wenn es da herausgerissen und als ein allgemeines Diktum hingestellt wird, dann mag es richtig sein, aber gut ist es ganz sicher nicht. Und wir sollen lernen, nicht etwa bloß schön, nicht etwa bloß richtig, sondern auch gut zu reden, sonst bringen wir die Menschen in den Abgrund hinein, können jedenfalls nichts Zukunftswürdiges mit den Leuten besprechen.

[ 43 ] One must understand how the world of words relates to the world of deeds. The most untrue statement—because it stems from false sentimentality, and everything that comes from false sentimentality is, in fact, untrue—the most untrue statement regarding speech is this: “Enough words have been exchanged; let me finally see some action!” This may certainly appear in a particular scene of a play, and where it appears, it is entirely appropriate. But when it is torn out of context and presented as a general dictum, it may be correct, but it is certainly not good. And we must learn to speak not merely beautifully, not merely correctly, but also well; otherwise, we will lead people into the abyss, and in any case, we will be unable to discuss anything worthy of the future with them.

[ 44 ] Also morgen um drei Uhr.

[ 44 ] So, tomorrow at three o'clock.