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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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Anthroposophische Grundlagen
für ein erneuertes christlich-religiöses Wirken
GA 342

15 Juni 1921, Stuttgart

Besprechung

[ 1 ] Rudolf Steiner: Also, jetzt kommen Sie voller Pläne — ja, dann wollen wir also beginnen.

[ 2 ] Emil Bock: Wir haben uns heute nachmittag zusammengesetzt und in einer Kommission festzustellen versucht, was wir zur Klarheit selber beitragen können, was wir selber tun müssen. Und da lag dem Arbeiten zugrunde eine Stellung der Frage, inwieweit wir öffentlich arbeiten sollen. Jetzt, wo unter uns so weit Klarheit herrscht, schen wir, daß diese Sache nicht auf einen Leisten gebracht werden kann, sondern daß wir das einfach als eine Frage des Modus betrachten müssen und daß im einzelnen Fall der einzelne wissen muß, was er tun darf. Wir haben ja jetzt ein konkretes Ziel vor Augen, und das ist der uns in Aussicht gestellte Kurs. Wir haben uns vorgenommen, zu diesem Kurs mindestens hundert Leute zusammenzubringen. Nach dem Kurs müssen wir dann einen großen Schritt in die Öffentlichkeit hinein tun, und den werden wir tun. Wir haben sogar die ganze Frage des Beitritts zu unserer losen Organisation besprochen und einen Text aufgesetzt für diejenigen, die teilnehmen wollen. Wir haben also nicht einen Beitritt vorbereitet für die einzelnen Menschen, sondern ein Sichanschließen an die Bitte um einen Kurs. Dadurch würden wir am praktischsten Leute an uns ziehen. Dieser Wortlaut ist der folgende:

[ 3 ] Unterzeichneter, der in sich den Trieb fühlt, an der Erweckung neuen rel: sen Lebens zur Überwindung der heutigen Niedergangskräfte mitzuarbeiten und dieses Ziel in einer neuen Synthese von Kultus und christlichem Lehrgut zu erreichen hofft, meldet sich hiermit an für einen religiösen Lehrkursus unter Leitung von Herrn Dr. Steiner und verpflichtet sich zur streng vertraulichen Behandlung der ihm hierfür gemachten Mitteilungen

[ 4 ] Vertrauensmann (Name, Anschrift)

[ 5 ] Rudolf Steiner: In welcher Zeit wollen Sie dann den Kurs in Aussicht nehmen?

[ 6 ] Emil Bock: Wir haben uns vorgenommen, möglichst bis in den September hinein. Ich bin beauftragt worden, um eine Angabe des ungefähren Termins zu bitten.

[ 7 ] Rudolf Steiner: Nicht wahr, bei meinen Schweizer Abkömmlichkeitsverhältnissen wäre es wünschenswert, wenn das sein könnte zu derselben Zeit, in der die anderen Veranstaltungen hier stattfinden, wenn dieses also zusammenfiele. Man zählt mir die Tage, die ich weg sein kann von der Schweiz. Das ist eine verzwickte Geschichte. Es wäre schon wünschenswert, wenn [der Kurs zeitlich mit anderen Veranstaltungen] zusammenfallen könnte. Es wird sich da um den September handeln. [Zu Ernst Uehli:] Wann sind die [Stuttgarter] Veranstaltungen in Aussicht genommen?

[ 8 ] Ernst Uehli: Der Beginn ist in Aussicht genommen in den letzten Tagen des August, die Veranstaltungen gehen dann in den September hinein.

[ 9 ] Rudolf Steiner: Wieviel Zeit würde Ihr Unternehmen beanspruchen? Ernst Uehli: Zehn Tage.

[ 10 ] Rudolf Steiner: Dieser Kurs müßte vierzehn Vorträge haben. Unter Umständen könnten an einem Tage zwei Vorträge stattfinden.

[ 11 ] Ernst Uehli: Es ist für jeden Tag eine andere Veranstaltung vorgesehen.

[ 12 ] Rudolf Steiner: Aber nicht von mir. Also ich kann mich natürlich durchaus diesem Kurs widmen mit Ausnahme der Zeit, wo es mir obliegt, Vorträge [innerhalb des Kongresses] zu halten. Wenn keine anderen Anforderungen gestellt werden, so kann dies durchaus gehen.

[ 13 ] Ernst Uehli: Ja, ich hoffe nicht, daß solche Anforderungen gestellt werden; wie gesagt, Ende August wollen wir anfangen, wenn es den Herren möglich ist, herzukommen. Ob es unmittelbar nachher Veranstaltungen in Dornach gibt?

[ 14 ] Rudolf Steiner: Ich habe nachgesehen, der letzte Tag in Dornach ist der 27. August, und eine Eurythmieveranstaltung am 28. wird nicht möglich sein. Man muß natürlich auch zu Goethes Geburtstag proben, man kann nicht eine probenlose Eurythmieaufführung haben zu Goethes Geburtstag. Am 28. wird also nichts sein können, wenn Sie die Eurythmieveranstaltung haben wollen. Mit der Sache im allgemeinen kann man natürlich anfangen. Aber mir kommt vor, daß es für Sie ein bißchen mit der Zeit knapp ist. Wir haben jetzt den 15. Juni; es wäre also möglich, denn es sind ja noch zweieinhalb Monate bis zum 1. September. Früher als zum 1. September wäre es auch nicht nötig. Glauben Sie, daß Sie bis zum 1. September soweit sind?

[ 15 ] Emil Bock: Wir hoffen bis dahin hundert Leute zu haben.

[ 16 ] Rudolf Steiner: Es ist anzunehmen, daß Sie bei einer längeren Zeit als zweieinhalb Monate mehr Leute als in zweieinhalb Monaten zusammenbekommen.

[ 17 ] Emil Bock: Es kommen auch die Leute an den Universitäten in Betracht, Rudolf Steiner: Sie meinen, das ist schwierig?

[ 18 ] Emil Bock: Da sind uns gewisse Möglichkeiten gegeben, natürlich ist das nur eine andere Reihe von Möglichkeiten.

[ 19 ] Rudolf Steiner: Ja, wenn Sie nicht in der Lage sind, die Sache bis zum 1. September zu schaffen, dann wird es problematisch, im Herbst anzufangen. Wenn Sie erst nach der Eröffnung der Universitäten die Leute bekommen, dann müssen wir wiederum warten, wahrscheinlich bis in die zweite Hälfte Oktober, November denke ich. Nicht?

[ 20 ] Emil Bock: Dann ist es schon besser zu warten, denn der Weg, außerhalb des Semesters die Leute zu gewinnen, ist auch zumeist nicht geeignet. Würden wir auch um einen Kurs bitten dürfen, wenn wir weniger sind?

[ 21 ] Rudolf Steiner: Ja, gewiß, ich will so sagen: Es wäre natürlich das Allerschönste, wenn wir jenen Kurs in Dornach veranstalten könnten — wenn es irgendwie ginge —, und wenn es finanziell zu machen wäre. Das wäre ja am besten. Denn, nicht wahr, es ist dort natürlich leichter, Proben zu geben von kultischen Sachen und so weiter. Also in Dornach wäre es eher möglich, den Kurs besser zu gestalten. Nun, wir haben im Herbst vorigen Jahres den Hochschulkurs dadurch zustande gebracht, daß wir versuchten, die Mitglieder aus EntenteLändern zu engagieren für die Freihaltung [von Teilnehmern], so daß die Zuhörer aus Deutschland Gäste waren. Das müßte natürlich hier auch sein. Es würde sich dann nur noch darum handeln, daß eventuell auf irgendeine Weise gesucht wird, das Geld für die Fahrt zu bekommen, die aber für viele bis Basel gar nicht viel teurer sein würde als bis hierher. Also ich denke, von Berlin bis Basel würde die Fahrt nicht so viel mehr kosten, als von Berlin nach Stuttgart, und für den Aufenthalt in Dornach müßte dort [gesorgt werden]. Aber das ist eine Frage, die wir jetzt gar nicht zu entscheiden haben; die kann später entschieden werden. Ich meine nur, es wäre natürlich schon in manchem recht, wenn wir die Sache in Dornach haben könnten. Sie würden das prinzipiell nicht ausschließen? Die Schwierigkeit, meine lieben Freunde, liegt nur darin, daß man den Mitgliedern aus Entente-Ländern wohl den Vorschlag machen könnte zur Unterstützung eines allgemeinen Studienkurses, denn das ist eine internationale Sache, aber ob nun viele Leute aus den Entente-Ländern sich bereit erklären, gerade deutsche Theologen zu unterstützen, das ist die Frage. Und wir müssen ja natürlich sagen, wozu wir die Unterstützung brauchen. Das ist die Frage. Ich glaube es fast, daß sie solch eine Sache machen würden, aber ob sie ein Herz dafür haben, gerade deutsche Theologen zu unterstützen ...?

[ 22 ] Denn, nicht wahr, das kann Sie vielleicht interessieren — ich habe es nicht so besonders betont bei meinen Auseinandersetzungen —, dasjenige, was ich Ihnen gesagt habe, würde nur gelten für deutsche Theologen. Spruchreif ist die Frage gar nirgends anders als in den Mittelstaaten. Selbst in der Schweiz wäre sie ganz aussichtslos, in Frankreich, in England erst recht, überall eigentlich in den EntenteLändern wäre sie ganz aussichtslos, man würde sofort zurückgewiesen werden; man würde es gar nicht verstehen, daß man so etwas machen kann.

[ 23 ] Ein Teilnehmer: Ich habe gedacht, daß vielleicht von Holland finanzielle Hilfe zu erwarten ist. Ich kenne auch holländische Theologen, die sich zu unserer Sache freundlich verhalten, junge Theologen. Würde Holland nicht in Betracht kommen?

[ 24 ] Rudolf Steiner: Ja, wenn etwas in Betracht kommen kann, am meisten Holland. Daß ein paar dort sind unter den Theologen selber, das glaube ich schon, aber das werden nicht gerade diejenigen sein, die die Börse haben. Daß unter den holländischen Theologen auch einzelne sind, die in Betracht kommen, das will ich nicht bezweifeln; aber im großen und ganzen hat doch niemand ein Herz dafür, während ich glaube, daß hier die Sache auch finanziert werden kann. Für den Kurs in Dornach das Geld aufzubringen, das würde von hier aus unbezahlbar sein.

[ 25 ] Ein Teilnehmer: Wie liegt die Sache in Schweden und Norwegen?

[ 26 ] Rudolf Steiner: Ich glaube schwerlich, daß Sie da auf ein Herz stoßen werden. In Schweden und Norwegen ist so stark das Bewußtsein vorhanden, daß aus der Kirche selbst heraus eine Reform erwachsen kann. In Schweden hat man mir direkt in Aussicht gestellt, mit dem oder jenem zu verhandeln. Die Leute haben dort die Vorstellung, die Kirche tatsächlich neu reformieren zu können, und wo diese Vorstellung noch sehr eingewurzelt ist, da wirkt sie sehr stark. Hier in Deutschland ist sie nicht sehr eingewurzelt.

[ 27 ] Ein Teilnehmer: Wir treten ja zunächst nicht offiziell auf gegen die Kirche. Die Schweden könnten ruhig annehmen, es handelt sich um eine Bewegung, die mit der Kirche auf neutraler Basis steht.

[ 28 ] Rudolf Steiner: Man würde Sie aber fragen: Was wollen Sie eigentlich? Wollen Sie freie Gemeinden gründen oder aus der Kirche heraus wirken? — Sobald Sie sagen: freie Gemeinden gründen —, so wird das sehr bedenklich werden. Holland kommt dann noch am meisten in Frage. In Frankreich und England versteht man das nicht. In der Schweiz ist es ganz ausgeschlossen. Ich glaube aber, daß aus Deutschland so viel herauszuholen ist, als wir hier brauchen. Darüber läßt sich noch nicht verhandeln, wie man gerade diese Finanzierung macht; darüber können wir ja, sobald Sie in Amt und Würden sind, verhandeln. Das wollen wir schon versuchen. Aber im Ausland, wie gesagt, ich zweifle sehr daran.

[ 29 ] Sie haben auch gar keine Vorstellung, wie schrecklich konservativ die Schweiz ist. So waren beim Osterkurs fast gar keine Schweizer Studenten anwesend. Und die Theologen sind einfach naiv. Ich glaube doch nicht, daß unter Ihnen das passieren kann, was mir neulich, gerade bevor ich abgereist bin, passiert ist. Da kamen zwei Basler Theologie-Studenten zu mir und fragten, ob ich ein Korreferat halten möchte gegen Heinzelmann. Ich kann mich doch nicht darauf einlassen, ein Korreferat zu halten. Nun, also, sie waren nicht irgendwie engagiert, es war ihnen gleichgültig. Sie meinten, ich sollte auch selbständige Vorträge halten. Dann haben sie angefangen über die Sache selbst zu reden — und das war wirklich sehr naiv. Der eine sagte: Ich habe neulich die Reden von Luther gelesen; wenn es so etwas wieder gäbe, dann wären wir fein heraus; es brauchte nur jemand so zu reden, wie Luther geredet hat. — Ja, es ist sehr viel Naivität unter den Schweizer Theologen. Haben Sie dort nicht Kollegen? Nicht? Die Schweiz ist stark konservativ, sie wird ein starkes Hindernis sein für den Fortschritt Europas.

[ 30 ] Trotzdem — das ist ganz unabhängig davon, daß wir den Kurs überhaupt haben — wäre es mir eine sehr schöne Idee, in Dornach den Kurs zu haben. Wir könnten ihn auch verknüpfen mit den anderen Kursen, so daß Sie auch noch andere Vorlesungen hören könnten. Aber Sie müßten schon sehen, daß Sie es zustande bringen, noch einige Leute zu bekommen.

[ 31 ] Emil Bock: Müssen wir nun warten, bis wir hundert zusammenbekommen haben?

[ 32 ] Rudolf Steiner: Ich habe auch nichts dagegen, wenn es weniger sind. Ich denke überhaupt in dieser Richtung nicht so, wie Sie meinen. Ich denke, daß alle, die man überhaupt kriegen kann, die man ausfindig machen kann in zwei Monaten — wenn nicht gerade Ferien sind, wenn Universitätszeit ist —, vielleicht gar nicht achtzig sind, sondern vielleicht nur sechzig sind.

[ 33 ] Dann würden wir den Kurs eben mit sechzig machen. Wir würden dann den Kurs nachschreiben lassen, und diejenigen, die nachher kommen, müßten sich verpflichten, ihn dann zu lesen. Das müßten Sie in Ihre Verpflichtungsformel aufnehmen, daß diejenigen, die kommen, wenn der Kurs vorüber ist, den Kurs lesen. So kann man es schon auch machen. Ich glaube, Sie haben das auch mißverstanden; ich habe nicht behauptet, daß zu dem Kurs eine bestimmte große Anzahl von Leuten kommen muß.

[ 34 ] Emil Bock: Das war von uns gedacht, daß wir dazu zweihundert Leute zusammenzubekommen haben.

[ 35 ] Rudolf Steiner: Ich habe eigentlich gemeint, Sie müssen eine solche Anzahl zusammenhaben, wenn Sie etwas praktisch machen wollen.

[ 36 ] Emil Bock: Da müßten zweihundert aktionsbereite Leute sein.

[ 37 ] Rudolf Steiner: Den Kurs kann ich unter Umständen halten für diejenigen, die überhaupt heranzukriegen sind in zweieinhalb Monaten.

[ 38 ] Emil Bock: Würde dann der Kurs in Dornach mit dem Hochschulkurs zusammenfallen?

[ 39 ] Rudolf Steiner: Es ist noch kein Hochschulkurs projektiert. Wir haben in Dornach eine Art Kurs, eine Reihe von Veranstaltungen vom 20. bis 27. August. Das sind vorzugsweise Engländer, die da kommen, aber wir wollen es nicht beschränken auf die Engländer natürlich. Und danach sollen wir hierher [nach Stuttgart] kommen. Das würde also in den ersten vierzehn Septembertagen sein. Das wäre dann eine Möglichkeit, hier den Kurs zu halten, in denselben Septembertagen.

[ 40 ] Emil Bock: Und die zweite Septemberhälfte käme nicht in Betracht?

[ 41 ] Rudolf Steiner: Hier käme sie aus dem Grunde nicht in Betracht, weil ich wieder in die Schweiz zurück muß. Wenn es sich allerdings in Dornach arrangieren läßt, dann wäre die zweite Septemberhälfte sehr gut in Betracht zu ziehen. Das kann ich heute noch nicht sagen. Es ist außerordentlich schwer, die finanziellen Mittel herbeizuschaffen für das, was notwendig ist.

[ 42 ] Emil Bock: Vielleicht sind [dann schon] die ersten Erfolge von Herrn Dr. Heisler zu verzeichnen.

[ 43 ] Rudolf Steiner: Bedenken Sie, wenn Sie der Kurs hier kosten würde meinetwillen 10000 Mark, das ist sehr wenig, dann kostet er Sie in Dornach, wenn Sie es bezahlen müßten, 100000 Mark, nicht wahr? Wir können ihn natürlich drüben machen, wenn wir dort 10000 Schweizerfranken kriegen. Wir kriegen viel leichter drüben 10000 Schweizerfranken zusammen, als daß Sie hier 100000 Mark aufbringen können.

[ 44 ] Emil Bock: Aber es würde sich nicht darum handeln, alles für uns zu bezahlen. Viele von uns könnten vielleicht die Sache selbst bezahlen. Wenn wir in Baracken wohnen könnten, wäre das vollkommen genug.

[ 45 ] Rudolf Steiner: Unterkunft haben wir ja. Aber Sie müssen für jeden Teilnehmer pro Tag 4 Schweizerfranken rechnen. Das sind für 100 Leute 400 Schweizerfranken. Für 14 Tage sind das 5600 Schweizerfranken. Es werden also vielleicht 6000 Schweizerfranken nötig sein. 6000 Schweizerfranken, das wären für hier 60000 Mark. Es ist schon möglich, daß wir das dort kriegen.

[ 46 ] Ein Teilnehmer: Was die Zeit anbelangt, so wäre Ende September viel günstiger; da sind viele auf dem Weg nach der Hochschule.

[ 47 ] Rudolf Steiner: Das ist eine Frage, die wir jetzt nicht entscheiden können. Ich finde, daß es sich drüben in Dornach leichter machen ließe. Es ließe sich auch hier machen, nur müßte es dann in der ersten Hälfte September sein, da ich wieder zurück in die Schweiz muß; und es müßte dann ein Zwischenraum von sechs Wochen sein, bis ich wieder kommen kann.

[ 48 ] Emil Bock: Es ist sehr wertvoll, wenn wir wissen, für welchen Zeitpunkt wir uns einrichten sollen. Dann haben wir alle Möglichkeiten duchgesprochen, Leute heranzuholen, und wir haben nach den bisherigen Besprechungen den Plan gefaßt, Pastoren, die der Anthroposophie nahestehen, mit in Betracht zu ziehen, um Theologen heranzuholen. Wir würden das durch Rundschreiben an alle möglichen Stellen bewirken. Es sind alle Möglichkeiten auch an Universitäten durchgesprochen worden, in ähnliche Bewegungen hineinzugehen, die eine Sehnsucht haben, kultisch zu reformieren, in gewisse Jugendbewegungen. Es haben sich auch schon Leute bereit erklärt, bestimmte Dinge zu tun.

[ 49 ] Dann haben wir versucht, die deutschen Universitäten unter uns zu verteilen und haben gesehen, daß einige Universitäten dann nicht von uns erreicht werden, und wir haben ins Auge gefaßt, da eine gewisse kleine Reiseorganisation so vorzubereiten, daß eine geringe Anzahl von uns in irgendeine solche Universitätsstadt fahren soll.

[ 50 ] Dann wollen wir die Erfahrungen, die wir bei der Werbearbeit machen, austauschen; dazu soll der Rundbrief dienen.

[ 51 ] Dann haben wir vor, wenigstens hier vorzuschlagen, daß wir eine Broschüre zusammenstellen, die kurz orientieren soll, worum es sich handelt, gerade für diejenigen, die Mitarbeiter werden sollen. Und da ist es für praktisch gehalten worden, daß diese Broschüre drei Artikel enthalten soll: Erstens ein Orientieren über die allgemeine kulturelle Lage, etwa unter dem Titel «Intellektualismus und religiöses Leben»; der zweite Artikel über den Kultus und der dritt die Mitteilung des religiösen Lehrgutes, die Vermittlung des religiösen Lehrgutes. — Da haben wir wenigstens zunächst in unserem Kreis Mitarbeiter unter dreifacher Besetzung für jeden Artikel festgesetzt, so daß das Wertvollste aus den eingeschickten Beiträgen dann zusammengestellt werden kann.

[ 52 ] Es sollen sich dann überall Studienkreise bilden, in denen das Studium der Nachschriften der hier angehörten Vorträge betrieben werden soll. Allerdings haben wir es für gut befunden, damit wir sicher gehen können, daß für solche Nachschriften Herrn Uehli eine Unterschrift zu leisten ist dafür, daß wir sie richtig und nur für uns verwenden, und daß man sich bei einer Erweiterung des Kreises an mich wenden soll, so daß ich gewissermaßen zunächst persönlich die Verantwortung übernehmen soll. Wenn die Unterschriften beisammen sind, könnten diese dann Herrn Uehli vorgelegt werden. Ebenfalls würde dieser Kreis dann sehr begünstigt werden, wenn wir von Herrn Dr. Steiner den Wortlaut der bisher schon ausgearbeiteten Rituale bekommen könnten, den wir auch von unserer Zentrale an die verschiedenen Teilnehmer verschicken würden.

[ 53 ] Dann ist uns als wertvoll erschienen etwas, was nicht direkt auf unsere Sache, sondern indirekt dahin zielt, daß man natürlich nebenbei, um die Gründung vorzubereiten und die Werbetätigkeit bis zu einem gewissen Grad zu unterstützen, Vorträge halten soll, die nicht werben, sondern Verständnis bringen sollen dafür, daß aus der Anthroposophie eine Religionserneuerung möglich ist, und da sind alle möglichen Vorschläge gekommen, zum Beispiel, daß vielleicht einer von uns mit der Haass-Berkow-Truppe reist und hinterher Vorträge im Anschluß an die Stücke halten könnte über das Verhältnis von Anthroposophie zur Religionserneuerung, daß wir da, wo wir sind, solche Vorträge halten könnten.

[ 54 ] Und dann habe ich noch eine Bitte, die auszusprechen vielleicht etwas viel zugemutet ist, in der Richtung, daß ein gewisses allgemeines Mißverständnis aus dem Weg geschafft werden könnte, daß man nämlich diesem Mißverständnis entgegenarbeitet: die Anthroposophie stehe in einem nicht so positiven Verhältnis zur Religionsübung, wie wir es jetzt hier gefunden haben. Wir haben immer wieder gefunden, daß man gerade in anthroposophischen Kreisen und auch sonst meint, die Anthroposophie stünde in einem ziemlich negativen Verhältnis zur Religionsübung, und da würde ein Bekanntwerden dessen, was in den Hauptlinien gesagt worden ist, für manche Leute sehr erstaunlich sein. Deshalb haben wir uns vorgenommen, Herrn Dr. Steiner zu bitten, wenn möglich in nächster Zeit einen öffentlichen Vortrag über Anthroposophie und Religionserneuerung zu halten, so daß, wenn es möglich ist, dieser Vortrag gleich gedruckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden könnte. Dadurch würde die positive Stellung der Anthroposophie zur Religion in der Öffentlichkeit erkannt werden und würde unserer Arbeit in jeder Beziehung den Boden bereiten.

[ 55 ] Rudolf Steiner: Halten Sie es für besonders gut, wenn ich diesen Vortrag halte? Sehen Sie, es ist ja da natürlich nur zu bedenken, wie die Sache am allerbesten wirkt. Also, wenn ein solcher Vortrag gehalten würde und gut gehalten würde von jemandem, der nun auch wirklich drinnensteht in der religiösen Tätigkeit, so wäre das ohne Zweifel viel besser, als wenn ich ihn halte. Ich habe persönlich nichts dagegen, diesen Vortrag zu halten; ich würde dasjenige sagen, was ich zu sagen habe, aber es wäre ein großer Unterschied, würde ich sagen, wenn heute Rittelmeyer einen solchen Vortrag halten würde. Ich würde sehr gern mit ihm darüber sprechen, und ich glaube, er würde sehr für die Sache dienlich sein.

[ 56 ] Ernst Uehli: Das trifft zusammen mit einem Gedanken bezüglich des Kongresses. Ich hatte die Absicht, wenn möglich in das Programm einen Vortrag von Herrn Dr. Rittelmeyer einzufügen; er ist aber nicht gesund.

[ 57 ] Rudolf Steiner: Dr. Rittelmeyer ist nicht gesund, und es ist kaum leicht ein Zweiter zu finden — augenblicklich wenigstens finde ich nicht einen Zweiten. Es würde tatsächlich sehr gut sein, wenn ein Kirchenmann den Vortrag halten würde.

[ 58 ] Emil Bock: Wir haben das auch besprochen und gefunden, daß das nur die bisherigen Meinungen um eine vermehren würde. Es ist tatsächlich von nahestehenden Theologen bisher keine einheitliche Meinung vorhanden, und es ist — soweit mir bekannt — immer eine Antithese Heisler/Geyer da.

[ 59 ] Rudolf Steiner: Ich kenne sie gar nicht.

[ 60 ] Emil Bock: Pastor Geyer sagt: Die Anthroposophie ist überhaupt keine Religion, sie ist nur Wissenschaft und kann insofern wie jedes Weltbild die Religion befruchten, während auf der anderen Seite wenigstens eine Schrift von Herrn Dr. Heisler so verstanden worden ist, die Anthroposophie soll die Religionsübung ablösen; und in den Diskussionen, die man kennt, war immer die Antithese da. Wenn jetzt Rittelmeyer als Dritter dazukommt, glaubt man es erst recht nicht. Wir hatten die Meinung, es müsse kein Vortrag, sondern ein kleines Büchlein sein. Die Bitte um den Vortrag sollte nur unsere anmaßende Bitte [um ein Büchlein] etwas abschwächen.

[ 61 ] Rudolf Steiner: Sehen Sie, es muß durchaus festgehalten werden: Das ist im allgemeinen Kulturgang notwendig, daß der Ursprung und die Quelle der Anthroposophie in naturwissenschaftlichen Erwägungen liegt. Das ist das erste, das muß festgehalten werden. So daß man also nicht vertreten könnte, daß Anthroposophie etwa direkt an die Stelle der Religion treten kann oder daß Anthroposophie als solche nur eine Religionserneuerung ist. Das, was von mir Ihnen gegenüber betont worden ist, ist, daß man Anthroposophie braucht zur Religionserneuerung und daß eine besondere religiöse Strömung gesucht werden muß, die Anthroposophie brauchen kann. Das muß scharf hervorgehoben werden.

[ 62 ] Hermann Heisler: Die Antithese kam dadurch zustande, daß Geyer sagte, wenn ich alles das annehme, was Dr. Steiner sagt, hätte das für mein religiöses Leben gar keine Bedeutung. — Und daraufhin sagte ich: Das ist falsch, denn Anthroposophie ist gewiß keine Religion, aber sie wird notwendig Religion, wenn sie richtig erfaßt wird, und bildet die Religion. — Wenn die Theologie richtig ist, so strebt sie nach Religion; es ist ganz gleichgültig, was ich für eine Theologie habe; und ebenso ist es mit der Anthroposophie.

[ 63 ] Rudolf Steiner: Sehen Sie, bei Geyer ist zu berücksichtigen, daß er vor allen Dingen mit seiner Kirchenbehörde nicht in Widerspruch kommen will. Geyer ist durchaus nicht auf dem Standpunkt, daß er für sich nicht auch wesentlich religiöse Impulse von der Anthroposophie erwartet. Im Gegenteil, er hat sehr viele religiöse Impulse von der Anthroposophie bekommen und zweifellos auch für die Predigt Impulse bekommen. Aber das, was er da sagt, muß er heute sagen, weil man eben, wenn man nicht diesen Trennungsstrich zieht, hinausgeworfen wird [aus der Kirche]. Man will nicht eigentlich einen Inhalt aufkommen lassen für das religiöse Wirken und deshalb sagt er, er kümmert sich nur um Gott und nicht um die Welt. Aber das ist, verzeihen Sie, in Wirklichkeit nur töricht — es ist gar nichts weiter. Gott hat sich um die Welt sehr gekümmert, er hat sie eben erschaffen. Ich weiß nicht, wie man es machen soll — verzeihen Sie den Vergleich —, sich um den Drechsler zu kümmern, ohne sich um die Drechslerei zu kümmern. Es ist einfach töricht, aber Torheiten muß man begehen, wenn man nicht herausgeworfen werden will aus der Kirche.

[ 64 ] Ein Teilnehmer: Pastor Geyer hat einen Vortrag gehalten und es war eine ganz deutliche Polemik gegen Pfarrer Heisler bemerkbar, und wenn nun wieder ein Pfarrer mit so etwas herausrückt, so wird das weiter nur den Eindruck machen: Das ist halt wieder eine neue Meinung. — Und es käme eben darauf an, daß wirklich etwas gesagt würde, was dann dasteht.

[ 65 ] Rudolf Steiner: Nehmen Sie nur den Tenor von dem, wie diese Dinge gesagt werden. Wenn eine echte Schwierigkeit vorliegt, dann will ich es schon selber machen. Aber nehmen Sie den Tenor. Der Tenor ist der folgende: Man sagt, Anthroposophie trete auf mit dem Anspruch, religionsbegründend zu sein. — Das kann sie nicht sein, weil niemals solch ein Inhalt religionsbegründend sein kann, wie die Anthroposophie ihn gibt. Gogarten zum Beispiel sagt ja, Anthroposophie wolle religionsbegründend sein. In den Kreisen würde man sich nicht wundern, wenn ich selber auseinandersetzen würde, daß Anthroposophie Religionserneuerung bringen kann. Es ist dadurch nichts abgeschwächt, sondern nur neuerlich die ganze Diskussion eingeleitet. Wenn aber Rittelmeyer diesen Vortrag liefert, ganz objektiv — der also im Grunde genommen aus der Kirche herausgedrängt ist — daß er noch drinnen ist, ist eine Folge seiner Beliebtheit bei seiner großen Gemeinde —, wenn Rittelmeyer die ganze Sache machen würde und es von seinem Standpunkt als Vertreter des evangelischen Kirchentums tun würde — als solcher fühlt er sich ja —, so finde ich doch, daß es vielleicht wirken könnte.

[ 66 ] Man könnte sogar noch etwas Gewagteres versuchen. Nicht wahr, ich glaube schon, daß Rittelmeyer mitarbeiten würde, wenn es sich um eine Broschüre handelt; schreiben kann er ja. Man könnte ja auch denken, daß man beides vereinigt, daß ich die eine Hälfte liefere und jemand von der anderen Seite die andere Hälfte. Vielleicht wäre das nicht einmal so schrecklich. Nun ist die Frage, ob nicht jemand anderer als Rittelmeyer schreiben könnte. In dem «Lebenswerk» hat sonst niemand [von theologischer Seite] geschrieben?

[ 67 ] Ernst Uehli: Außer Geyer niemand.

[ 68 ] Rudolf Steiner: Geyer hat geschrieben, und wir haben nicht eigentlich einen protestantischen Theologen außer Rittelmeyer und Geyer.

[ 69 ] Ein Teilnehmer: Es sind noch einige da, aber die stehen nicht mehr in dem Maße in der Öffentlichkeit; Schairer zum Beispiel.

[ 70 ] Rudolf Steiner: Ja, ja, der hat eine großartige Geschichte gemacht. Schairer hat einen Vortrag gehalten voller Wärme für die Anthroposophie, und hat darauf am selben Abend, an dem er mit seinem Vortrag nicht ganz fertig geworden ist, einen Rüffel gekriegt. Am nächsten Tag war dann die Fortsetzung und die war gegen die Anthroposophie. Das ist ja das Glanzbeispiel.

[ 71 ] Hermann Heisler: Ich habe die Liste nicht da, es wäre noch einer zu berücksichtigen, Pastor Klein, und dann der alte Pastor drüben in der Pfalz ...

[ 72 ] Rudolf Steiner: Sauter meinen Sie, so ein alter Herr, der kann das nicht machen.

[ 73 ] Hermann Heisler: Jundt in Mannheim ...

[ 74 ] Rudolf Steiner: Machen könnten Sie es. Haben Sie nicht den Mut, um damit hervorzutreten? Mißverstehen Sie mich nicht, ich habe nichts dagegen, daß ich eine solche Broschüre schreibe, aber ich glaube, daß sie nicht so stark wirken würde, wie wenn sie von einem Menschen hervorgeht, der die Religionserneuerung will, die Religionserneuerung vom religiösen Standpunkt. «Nun ja, der will die Anthroposophie, und alle Gebiete des Lebens will er halt erneuern» —, das wird man bei mir sagen. Denn solche Vorträge über Religionserneuerung gibt es sehr viele, sie sind nur nicht gedruckt. Ich habe in Berlin solche gehalten: «Bibel und Weisheit», die enthalten das. Ich brauche ja nur das zu erneuern, was ich vielfach gesprochen habe über diese Dinge. Ich weiß nicht, Sie scheinen zu meinen, daß die Leute glauben, Anthroposophie will nicht Religion sein. Das glaubt aber weder der Bruhn noch Gogarten nach Laun. Alle diejenigen, die von protestantischer Seite geschrieben haben, gehen nicht von der Voraussetzung aus, Anthroposophie will die Religion nicht erneuern. Sie bekämpfen sie ja gerade deshalb, weil sie der Meinung sind, sie will es tun.

[ 75 ] Ein Teilnehmer: Die Broschüre könnte ja Rittelmeyer machen. Rudolf Steiner: Schreiben würde er ja können.

[ 76 ] Emil Bock: Wir dachten auch an die Vorurteile, die unter den anthroposophischen Mitgliedern vorhanden sind gerade gegenüber religiösen Fragen.

[ 77 ] Rudolf Steiner: Unter den Mitgliedern?

[ 78 ] Emil Bock: Es sind gewisse Vorurteile vorhanden. Rudolf Steiner: Woran konstatieren Sie diese Vorurteile?

[ 79 ] Emil Bock: Man findet allgemein nie recht die Einstellung zu denen, die Theologen sind.

[ 80 ] Rudolf Steiner: Das rührt lediglich davon her, daß die Sorte von Theologen, die Sie darstellen, bis jetzt nicht hervortritt. Sie werden ja nicht verlangen, daß die Anthroposophen viel andere Urteile haben über das Gros der Theologen, als Sie selber haben. Die Anthroposophen stellen sich so, wie Sie sich gestellt haben, das ist ganz begründet. Wir werden immer mehr genötigt sein, um Anthroposophie zu schützen, noch mehr als das [bisher] der Fall war, die Lüge auf jedem Gebiet aufzusuchen und die Torheit auf jedem Gebiet aufzusuchen und unnachsichtlich zu sein dagegen.

[ 81 ] Und ich kann Ihnen die Versicherung geben, sowohl in bezug auf die Torheit leisten sich die protestantischen Theologen soviel wie in bezug auf die Lüge. Für die Torheit ist ein Beispiel der Professor Traub, der sagt, ich behaupte in meiner «Geheimwissenschaft», die geistigen Wesen bewegten sich wie Tische und Stühle. Das hat er geschrieben. Als er zu einem autoritativen Urteil aufgefordert wurde, da schrieb der Professor Traub, ich behauptete, die geistigen Wesenheiten bewegten sich im Devachan wie Tische und Stühle in der physischen Welt. Da er nicht zugeben wird, daß er das in einem Zustand geschrieben hat, in dem sich für ihn Tische und Stühle bewegen, kann ich nicht anders annehmen, als daß das eine Torheit ist. Diese Torheiten finden Sie auf Schritt und Tritt. Lesen Sie Gogarten und so weiter auf das hin, was logische Torheiten sind!

[ 82 ] Und dann lügen sie, diese Leute; so furchtbar sind sie in bezug auf Unwahrhaftigkeit, das ist ganz ungeheuer. Es ist wirklich wahr. Lesen Sie, in welcher ganz verschmitzten Manier eine evangelische Kirchenzeitung — [«Stuttgarter Evangelisches Sonntagsblatt»] heißt sie —, die diese Geschichte von dem Bernhard von Clairvaux erfunden hat, die Erwiderung Rittelmeyers aufgenommen hat und ausnützt. Das muß man schon ausstudieren, zu welcher Verlogenheit sie da kommen. Sie sind imstande, folgendes zu tun; ich glaube ich führe richtig an: Dr. Rittelmeyer hat in seiner Erwiderung gegen die Behauptung [im Sonntagsblatt], daß ich ihn zum Dank dafür, daß er das Buch «Vom Lebenswerk Rudolf Steiners» geschrieben hat, zum [wiedergekommenen] Bernhard von Clairvaux ernannt hätte, sein Erstaunen darüber ausgedrückt, daß jemand [im Sonntagsblatt] so etwas [Unwahres] behauptet. Jetzt steht [in dem Blatt] drinnen, daß Rittelmeyer erstaunt wäre, daß ich ihn zum Bernhard von Clairvaux ernannt hätte. Nicht wahr, die drehen das so, daß er erstaunt gewesen wäre, daß ich das getan habe. So raffiniert verlogen sind die Leute. Es ist so raffiniert das alles, was die Leute treiben, und man kann nicht verlangen, daß man diese Dinge goutiert, weil die moderne Theologie so unklar ist, daß sie als unwahr empfunden wird. Es handelt sich nicht darum, daß man irgendwie gegen die Religion als solche ablehnend sich verhält. Es sind unter uns manche Leute, die manches tun, aber jedenfalls ist das nicht irgendwie maßgeblich. Uns ist nur unmöglich gemacht worden durch verschiedenen Ereignisse, das Kultusartige weiter zu pflegen. Vor dem Kriege ist es ja bis zu einem gewissen Grade gepflegt worden. In der Broschüre von Seiling, die auch ganz verlogen ist, da finden Sie es sogar angeführt. Wir haben da schon die Sachen gemacht, wir können da sogar von einer Erfahrung reden, es ist schon so.

[ 83 ] In anthroposophischen Kreisen sind seit meiner Wirksamkeit vielleicht höchstens acht bis zehn Leute aus der Kirche ausgetreten. Das sind sehr wenige. Wir haben heute 8000 Mitglieder — nicht Anhänger —, da sind acht oder zehn Leute natürlich sehr wenig; auf diese Zahl beschränken sich diejenigen, die ausgetreten sind aus der Kirche. Sie sind ausgetreten aus verschiedenen Gründen. Neulich hat wiederum jemand geschrieben, ob ich ihm raten könnte, aus der Kirche auszutreten. Ich rate niemandem auszutreten aus der Kirche, auch Katholiken nicht. Ich rate es den Katholiken deshalb nicht auszutreten, weil sie nach der jetzigen Kirchenverfassung kein Recht haben auszutreten. Ganz im Ernst genommen. Der Katholik hat kein Recht, aus der Kirche auszutreten, weil durch das Infallibilitätsdogma eine solche Entscheidung ex cathedra gefällt worden ist, daß der Katholik aus der Kirche nicht austreten kann; er ist einfach noch drin, wenn er auch selber erklärt, daß er austritt. Seit der Festlegung des Infallibilitätsdogmas sind solche Dinge möglich. Es scheint ja eine sonderbare Theorie, aber sie ist absolut richtig im Sinn des Katholizismus. Als Katholik kann man nicht aus der Kirche austreten.

[ 84 ] Hermann Heisler: Wird der Katholik nicht von selber ausgeschlossen, wenn er das Gebot der österlichen Beichte nicht befolgt?

[ 85 ] Rudolf Steiner: Das steht nirgends, das ist auch [von der katholischen Kirche] nie geltend gemacht worden.

[ 86 ] Hermann Heisler: Es ist mir von Katholiken gesagt worden. Katholiken sagen, daß das gelehrt werde im Unterricht.

[ 87 ] Rudolf Steiner: Ja, daß es gelehrt wird, das ist schon möglich. Aber wissen Sie, es werden viele Dinge gelehrt und gesagt. Ich erinnere nur an das Gespräch zwischen einem Weltpriester und einem Priester vom Jesuitenorden. Der Jesuit sagte: «Es darf unter keinen Umständen ein katholischer Priester Zeitungen lesen, denn die sind heute gottlos.» Da sagte der Weltpriester, der in seiner Auffassung freier ist: «Ja, wie sollen wir denn predigen? Wir müssen doch von der Welt etwas wissen, wenn wir predigen, und das können wir nur, wenn wir Zeitungen lesen; und Sie predigen doch auch über alle Angelegenheiten.» — «Ich lese keine Zeitung.» — «Ja, aber Sie wissen doch, was in der Welt vorgeht.» — «Ich lese keine Zeitung.» — «Ja, wie machen Sie das dann?» — «Ich lasse sie mir vorlesen.» — Der Jesuit beobachtet ganz strikt das Gebot. — Aber sehen Sie, Herr Doktor [Heisler], ich weiß nicht wie man exkommuniziert werden soll. Nehmen Sie an, ein Katholik hat sich jahrelang nicht um die Kirche gekümmert. Wenn ich morgen beichten gehen wollte — glauben Sie, daß ich zurückgewiesen würde? Ich weiß nicht, worin es sich äußern sollte, daß man ausgeschlossen ist.

[ 88 ] Also, nicht wahr, das Kurioseste ist ja bei dem Philosophen Brentano passiert. Der ist nicht nur ausgetreten — er war Priester, geweihter Priester —, er ist nicht nur ausgetreten, sondern zum Protestantismus übergetreten und hat geheiratet; aber die katholische Kirche hat erklärt, er kann nicht zu einer Professur an die Universität berufen werden, weil er noch Priester ist. Er wurde zwar nicht als Katholik angesehen, er war sogar exkommuniziert und ist zum Protestantismus übergetreten, aber er wurde nicht zugelassen zur Wiener Professur, die er früher schon gehabt hatte. Brentano war Professor für Philosophie an der Wiener Universität, im Jahre 1873 war er berufen worden. Dann wollte er heiraten; das konnte er nicht, weil das österreichische Gesetz die Priesterehe gesetzlich verboten hat und ein österreichischer Staatsbürger, der Priester ist, also nicht heiraten darf. Brentano wurde sächsischer Staatsbürger, Protestant und heiratete eine Jüdin. Also mußte er seine Professur aufgeben. Man versprach ihm, man würde ihn später wieder berufen. Das hat man nicht getan, weil die Kirche protestiert hat. Sie hat erklärt: Er ist Protestant, aber die Folge der [katholischen] Priesterweihe wird ihm nicht weggenommen, und ein Priester, der sich so verhält, darf in Österreich nicht Professor werden. — Dann hat der Minister Conrad sich ein Herz gefaßt, ging zum Kaiser Franz Joseph und wollte es auf diese Weise durchsetzen. Der Kaiser schaute sich die Geschichte an und sagte: «Ja, das ist des Teufels, ist die Jüdin wenigstens sauber?» — Sauber, nicht wahr, das heißt hübsch. Das war sie nun nicht und Conrad konnte der Wahrheit gemäß nicht sagen, daß sie «sauber» wäre. «Dann wird nichts daraus», sagte der Kaiser. —

[ 89 ] Also, nicht wahr, wenn Sie glauben, daß ich eine solche Broschüre schreiben soll — es hindert ja nichts, daß ich es mache, aber es wäre vielleicht gut, wenn von anderer Seite auch noch geschrieben würde.

[ 90 ] Emil Bock: Rittelmeyer hat jetzt genau über die Anthroposophie und Religionserneuerung geschrieben, aber ich weiß nicht, ob das maßgebend ist, da Rittelmeyer nicht weiß, was wir hier gehört haben.

[ 91 ] Rudolf Steiner: Aber sagen Sie mir, glauben Sie denn nicht, daß es gar nicht notwendig ist, daß das ein renommierter Religionsübender ist? Glauben Sie denn nicht, daß zum Beispiel aus Ihrem Kreise selbst, aus dem Kreise jüngerer Leute auch so etwas geschrieben werden könnte? Etwas, was rein durch seine innere Güte und Gediegenheit wirkt? Daß gerade einer, der auf Religionserneuerung ausgeht, das selbst macht, und nicht jemand so etwas macht, der bekannt dafür ist, daß er vom anthroposophischen Standpunkt aus schreibt? Selbst wenn es jemand macht, der gar nicht Priester werden will, würde es gehen. Ich weiß nicht, warum das nicht auch ein jüngerer Herr machen könnte. Es muß nur gut gemacht werden. Überlegen Sie sich die Frage. Nun, ich werde mich nie weigern, es zu tun; ich würde es schon tun.

[ 92 ] Emil Bock: Ich habe meinen Bericht beendet damit, daß dann eine Zentralstelle in Berlin gemacht wird und von Berlin aus auch wenigstens vorläufig das Wertvolle geschehen könnte, zunächst daß, wenn es geht, wir dauernd im Kontakt mit Herrn Dr. Steiner bleiben dürfen.

[ 93 ] Rudolf Steiner: Das wird sehr gut gehen.

[ 94 ] Emil Bock: Dann haben wir etwas, das greift in den Bereich des Herrn Dr. Heisler. Wir haben uns bemüht um Abfassung des Werbeflugblattes für die Geldmittel, sind aber noch nicht zu einem ganz klaren Abschluß gekommen. Nun würde ich Herrn Dr. Heisler bitten, den Bericht über die Geldpläne vorzutragen.

[ 95 ] Hermann Heisler: Wir waren uns klar darüber, daß man zunächst wohl ganz planmäßig anfangen muß, und zwar so, daß man an einem Platz anfängt, wo man Bekannte hat, daß man dort hinfährt. Die Bekannten werden zu gewinnen sein aus den Kreisen der Anthroposophen. Es ist nicht gut, daß man sich offiziell an die Zweige wendet, sondern daß man sich aus den Anthroposophen einige Leute heraussucht, die geeignet erscheinen und daß diese Leute einem Adressen an die Hand geben und man dann diese Adressen aufsucht, um Gelder herauszubekommen, Wir sind überzeugt, daß unsere Mitglieder in der größten Anzahl zeichnen würden, doch besser wäre es, sich zuerst an andere zu wenden. Die Mitglieder sind uns sicher, die brauchen wir jetzt nicht zu bearbeiten. Der Betreffende soll nun die Leute, die er gesammelt hat, zusammenschließen zu einem Ausschuß von Vertrauensleuten, die dann die Weisungen bekommen und weiterarbeiten.

[ 96 ] Rudolf Steiner: Ich würde schon raten, die Sache ja nicht durch die Zweige offiziell zu machen, sondern persönlich zu machen und viel darauf zu sehen, daß die Mitglieder sich herbeilassen, dann weitere Adressen in Nichtmitglieder-Kreisen zu geben. Das würde ich schon sehr raten. Sie werden dabei auch die Erfahrung machen, daß gerade für diese Seite der Sache Sie sehr viele Leute finden werden, die sich nicht offiziell als Mitglieder anschließen wollen, aber sehr viel übrig haben, nach dieser Richtung etwas zu tun. Es ist leider für ein ganz fruchtbares Sammeln ein klein wenig zu spät. Das wird natürlich nicht hindern, trotzdem sehr viel zu erreichen. Es ist ganz merkwürdig, wie stark vor zwei Jahren, vor zweieinhalb Jahren gerade in Deutschland überall das Streben war, das Geld, das dazumal die Leute zur Verfügung hatten, für solche Dinge zu geben. Es hatte sich eine große Anzahl reicher Leute dazumal gesagt: Wir wollen unbedingt uns nicht das Geld vom Staat abnehmen lassen. Die KeyserlingSache lebt nur von solchen Geldern und solche Leute gab es damals sehr viele.

[ 97 ] Hermann Heisler: Ist der Gesichtspunkt nicht auch jetzt noch maßgebend?

[ 98 ] Rudolf Steiner: Es ist nicht mehr so gut wie vor zwei Jahren, aber es ist immer noch zu bekommen.

[ 99 ] Hermann Heisler: Die Kaufleute haben sehr viel Geld in der Schublade. Es ist doch für die Geschäftsleute die reinste Kunst jetzt, das Geld wegzubringen, und das Geld geben sie vielleicht ganz leicht her.

[ 100 ] Rudolf Steiner: Die Steuergeschichte war dazumal noch nicht so, jetzt kommt die dumme Steuergeschichte dazu. Ich zweifle nicht, daß etwas für diese Sache zu kriegen sein wird. Es ist etwas anderes, für den «Kommenden Tag» Gelder zu kriegen. Aber für eine solche Sache kriegt man eher Gelder.

[ 101 ] Hermann Heisler: Ich habe dann auch Österreich ins Auge gefaßt. Ich habe den Plan, zunächst in Baden zu beginnen. Ich würde zuerst nach Freiburg gehen — ich habe dort eine bestimmte Sache im Auge — und möchte dann den Rhein herunter bis Köln. Ich glaube, daß das einen guten Monat brauchen würde. Wenn die Sache fruchtbar werden soll, muß es rasch gehen. Und da hatte ich den weiteren Plan, daß einige von unseren Freunden helfen könnten. Die Sache drängt und ich kann unmöglich alles allein machen. Wenn der Kurs schon Anfang September sein soll, habe ich ja kaum einen Monat Zeit, denn der August wird sehr schlecht sein; diese Zeit ist sehr unpraktisch, September, Oktober ist wieder besser, vom August verspreche ich mir wenig. Darum dachte ich, wenn die Zeit drängt, Herrn Meyer zu bitten, Hannover zu übernehmen, dann würden die Herren in Berlin für sich arbeiten. Habe ich Zeit genug, was ich bezweifle, so werde ich kurz die süddeutschen Städte besuchen, andernfalls müßte das später geschehen. Und es würde sich dann ergeben, daß man im August eine Pause machen würde. Dann würde für mich eine Reise in Betracht kommen nach Sachsen, vielleicht auch an den Bodensee, nach Konstanz. Weitere Pläne zu machen, hat keinen Sinn, weil sich das weitere nur aus der praktischen Erfahrung ergeben muß. Möchten Herr Doktor vielleicht dazu etwas sagen?

[ 102 ] Rudolf Steiner: Ich werde mir, solange ich hier bin, die Sache noch überlegen, wir können noch darüber reden.

[ 103 ] Hermann Heisler: Ich habe so gedacht, daß man nicht offiziell an die Zweige geht, aber bei Zweigmitgliedern anklopft.

[ 104 ] Rudolf Steiner: Gewiß, aber nur bei den Persönlichkeiten, nicht offiziell; da kriegen Sie auch nicht viel, wenn Sie sich an die Zweige wenden. Da wird gesammelt und dann geben die Leute eine Mark jeder. Bei Sammlungen ist es so. Wenn man sich aber an einzelne Leute wendet, dann kann man schon mehr erreichen.

[ 105 ] Hermann Heisler: Ich möchte immer an die Vorstände herangehen und bitten, daß sie geeignete Leute zusammenrufen. Nun, dann war die Frage, was man mit dem Geld zunächst tut. Ich war der Meinung, daß man ein Postscheckkonto auf meinen Namen eröffnen sollte, wir würden dann das Geld beim «Kommenden Tag» anlegen, wo wir sehr hohe Zinsen zu bekommen hoffen. Dann herrscht eine gewisse Unklarheit über den Liebesdienst, den der «Kommende Tag» uns erweisen will. Es kämen außer meinem Gehalt noch Reisespesen in Betracht für die Herren, die helfen, also für Herrn Meyer und so weiter, dann Porto und dergleichen und für Drucksachen und alles, was an Auslagen eben ist. Dann kommt auch der Theologenkurs in Frage. Wir hoffen, daß der «Kommende Tag» die ersten drei Monate uns unterstützt.

[ 106 ] Rudolf Steiner: Ich habe nur zunächst für Ihre Stellung den «Kommenden Tag» engagiert, das weitere müßten Sie dann aus Ihren Einnahmen decken. Ich habe gedacht, daß der «Kommende Tag» die Brücke schaffen wird, aber daß er unter Umständen das, was Reisespesen sind, später wiederum zurückkriegt. Sie müssen mit dem «Kommenden Tag» sich noch viel gründlicher ins Einvernehmen setzen. Ich mußte schon zufrieden sein, daß ich das herausbekam.

[ 107 ] Hermann Heisler: Ich hoffe doch ...

[ 108 ] Rudolf Steiner: Wer A sagt, sagt manchmal auch B, wenn es richtig angefangen wird.

[ 109 ] Hermann Heisler: Dann dachten wir, das wäre nur die erste Arbeit, überall Leute zu haben, an die man sich wenden kann. Dann ein Rundschreiben aufnehmen und die selbstverständliche Weiterarbeit. Wenn diese ganze Arbeit getan ist, wäre dann der Kurs. Nach dem Kurs ist die Hauptsache die ideelle Arbeit.

[ 110 ] Rudolf Steiner: Die geistige Tätigkeit müßte doch, wenn sie eben nicht zum Schaden ausschlagen soll, gleich damit beginnen, daß man ins Amt tritt oder eben Gemeinden gründet. Man dürfte nicht die Sache theoretisch vertreten, es muß praktisch angefaßt werden.

[ 111 ] Hermann Heisler: Es wäre vielleicht auch gut, wenn man in Vorträgen das religiöse Element einfließen ließe.

[ 112 ] Rudolf Steiner: Ja, ich bin der Meinung, daß es glücken wird dann, wenn es so gemacht wird, daß alle jungen Theologen, die sich jetzt zu diesem losen Verband zusammentun, direkt darauf losarbeiten, ins Amt, in die praktische Religionswirksamkeit zu kommen. Die Idee propagieren, agitatorisch für die Idee zu wirken — ich weiß nicht, ob das eigentlich wirklich Nutzen bringt. Ich glaube eher, daß das die Stoßkraft abschwächt.

[ 113 ] Emil Bock: Wir waren darüber noch nicht klar, ob wir gleich einen Kultus hinsetzen sollen oder es vorbereiten sollen dadurch, daß wir arbeiten.

[ 114 ] Rudolf Steiner: Sehen Sie, im Augenblick, wo Sie denken können, Gemeinden zu gründen, Ihre richtige Seelsorgetätigkeit anzutreten, in dem Moment müssen Sie anfangen, die wirkliche Seelsorge mit dem Kultus zu tragen.

[ 115 ] Ein Teilnehmer: Vielleicht sind einige schon so alt, daß sie sich vorbereiten könnten. Sehr viele jedenfalls noch nicht; die sollen dann hinter denen kommen.

[ 116 ] Rudolf Steiner: Ja, auch; aber Sie sind doch zumeist jüngere Theologen. Besonders hier sind doch solche, die auch nicht mehr lange haben, ins Amt zu kommen. Ich weiß nicht, ob man es darauf anlegen sollte, daß man wartet bis zur Studienvollendung. Freie Gemeinden können Sie ja ganz gut gründen, wenn Sie erst drei Semester hinter sich haben; wenn Sie nur versuchen, wirklich einzudringen in die Dinge. Durch den Kurs werden Sie ja tiefer hineindringen. Sie müssen ja unter allen Umständen doch den Glauben haben, daß Sie es jetzt schon, wenn Sie Seelsorge pflegen, besser machen als die anderen, wenn sie acht Semester haben. Sonst würden Sie zu wenig Stoßkraft haben, wenn Sie das nicht glauben. Darauf darf man sich nicht einlassen.

[ 117 ] Ein Teilnehmer: Es handelt sich um die Gefahr, daß der akademische Abschluß nicht erreicht wird.

[ 118 ] Rudolf Steiner: Da haben es doch auch auf anderen Gebieten viele so gemacht, daß sie irgendwo inskribiert gewesen sind und nachher ein Doktorat zum Beispiel nachgeholt haben als akademischen Abschluß. Das würde da doch möglich sein.

[ 119 ] Ein Teilnehmer: Man würde uns vielleicht nicht zulassen.

[ 120 ] Rudolf Steiner: Das ist die Frage. Natürlich ist es schon notwendig, daß dieser akademische Abschluß erreicht wird, weil sich sonst das Vorurteil bilden würde, daß die gescheiterten Existenzen so etwas machen; das dürfte nicht sein. Wenn Sie sich auch eine Zeitlang so bilden und dann Ihren Abschluß nach ein paar Jahren machen, so kann das trotzdem gemacht werden. Es haben solche Leute es immer wieder so gemacht, daß sie inskribiert geblieben sind und dann, nicht wahr, ihr Rigorosum gemacht haben.

[ 121 ] Ein Teilnehmer: Wenn es genügt, Seelsorger zu sein, dann hat es die Bedeutung nicht.

[ 122 ] Rudolf Steiner: Ja, glauben Sie, daß es schwierig ist, ein Doktorat zu machen?

[ 123 ] Ein Teilnehmer: Es sind dazu sechs Semester notwendig.

[ 124 ] Rudolf Steiner: Auf irgendeine Weise ist es immer gegangen. Zum Beispiel vor etwa zwanzig Jahren kam Herr Posadzy zu mir und sagte: Ich will den Philosophie-Doktor machen, könnten Sie mir nicht meine Dissertation durchsehen? Ich möchte über Herder schreiben. — Und er hat eine gute Dissertation gemacht. Er hat nur den großen Fehler gemacht, mein «Christentum als mystische Tatsache» zum zitieren. Und da wurde ihm gesagt: Nein, wenn Sie Steiner zitieren, nehmen wir die Dissertation nicht an. — Ausstreichen wollte er es nicht, und so kam er wieder zu mir und ich sagte zu ihm, er solle zu Gideon Spicker gehen, und dort hat er den Doktor cum laude gemacht. Irgendwo kann man es schon machen. Bei Gideon Spicker in Münster können Sie es natürlich nicht machen, der lebt ja nicht mehr. Früher konnte man es auch bei dem machen, der Nachfolger von Spicker war, der eigentlich ein Schwadroneur war, aber er ist nicht der schlechteste; Braun heißt er.

[ 125 ] Ernst Uehli: Der über Schelling geschrieben hat?

[ 126 ] Rudolf Steiner: Ja. Da ist ja auch ein Kollege von Ihnen, der will in Basel sein Doktorat machen, der Altemüller, der gehört doch auch zu Ihnen.

[ 127 ] Hermann Heisler: Lauer, Doldinger ...

[ 128 ] Rudolf Steiner: Das sind Theologen. Ich bin überzeugt davon, daß unter den anderen Studierenden solche sind (zu Gottfried Husemann), die den umgekehrten Weg machen. Sie sind zur Chemie gegangen? Wenn jetzt eine Bewegung da ist, wird es Philosophen geben, die zur Religionsübung übergehen. Diese Frau Plincke, ist die nicht auch interessiert? Es sind zweifellos viele, die zur Theologie herüberkommen werden.

[ 129 ] Ein Teilnehmer: Ich möchte doch einmal fragen nach den Vorträgen «Bibel und Weisheit», wie man die bekommen könnte.

[ 130 ] Rudolf Steiner: Ich will sehen, wenn ich nach Berlin komme. Es waren noch Nachschriften vorhanden. Frau Dr. Steiner wird das ja wissen. Ich will sehen, ob solche noch da sind.

[ 131 ] Ein Teilnehmer: Vielleicht gibt es sonst noch Literatur?

[ 132 ] Rudolf Steiner: Ich will die Vorträge nachschauen lassen. Ich habe über die Beziehung zur Religion schon vielfach gesprochen. Es ist ja so sehr schwierig, gerade gegenüber dieser so zahlreich auftretenden Literatur von Theologen, mit den Leuten fertig zu werden. Wenn man irgend etwas widerlegt, so drehen sie es wieder etwas anders, man wird nie fertig mit den Leuten. Es ist viel leichter, etwas zu schreiben, als mit den Leuten darüber zu reden. Diese Leute können eigentlich in ihrem Sinn nicht wahrhaftig sein. Das führt dazu, daß sie auch in anderen Dingen die Unwahrheit sagen. Sie finden es ganz angemessen, die Unwahrheit zu sagen. Es ist zum Beispiel der Traub in diesem Artikel, wo er sich das andere geleistet hat, das ich erwähnt habe, so dreist, auch hinzuschreiben, er könne sich nicht mehr erinnern an den Kultur-Aufruf, er habe ihn auch nicht genau gelesen, aber er könne nur sagen, daß er selten so etwas Schwulstiges kennengelernt habe. — Das steht in diesem Aufsatz, den er als Autorität schreiben sollte; da stehen lauter solche Dinge drinnen. Da steht diese schöne Sache drin: Die Anthroposophie nennt sich eine Geheimwissenschaft; was geheim ist, ist aber keine Wissenschaft. Und das nennt er einen in sich geschlossenen Widerspruch. — Vor allem ist die «Geheimwissenschaft» nicht geheim, und wenn auch, so hindert das nicht, daß sie trotzdem eine Wissenschaft ist, denn «geheim» und «Wissenschaft», das sind doch zwei Dinge, die schlechterdings nichts miteinander zu tun haben. Aber von solchen Dingen wimmelt diese Literatur, es ist eine schreckliche Literatur. Ein Mitglied von uns hat sich die Mühe genommen, die objektiven Unwahrheiten in der Broschüre von Frohnmeyer zusammenzustellen; ich glaube es sind 183. — Dann morgen um 8 Uhr.