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The Rudolf Steiner Archive

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Vom Wesen des wirkenden Wortes
GA 345

12 Juli 1923, Stuttgart

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Meine lieben Freunde! Vielleicht wird sich gerade manche Frage vertiefen, wenn wir zuerst jetzt anknüpfen an einiges von dem, was gestern vorgebracht worden ist. Es war ja zunächst von Dr. Rittelmeyer schon darauf aufmerksam gemacht worden, daß doch noch gewisse Schwierigkeiten bestehen in der Auffassung des Verhältnisses dieser christlich-religiösen Bewegung zur Anthroposophie. Diese Schwierigkeiten sind ja solche, die man eigentlich nicht gerade, ich möchte sagen, durch eine Definition versuchen soll zu bewältigen, sondern die sich eigentlich nur bewältigen lassen durch die Praxis, und dann auch durch ein gewisses Studium der Seelenverhältnisse der gegenwärtigen Menschheit. Die Seelenverhältnisse der gegenwärtigen Menschheit haben sich ja wirklich erst herausgebildet im Verlaufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte, und es wird noch viel zu wenig Rücksicht darauf genommen, wie schwierig diese Seelenverhältnisse eigentlich sind. Und so müssen Sie sich schon klar darüber sein, daß heute mit aller Energie und aus dem besten Willen heraus eine religiöse Bewegung begonnen werden könnte, auch kraftvoll wirken könnte, und dennoch gegenüber anderen Zeitströmungen nach und nach die Herzen der Menschen verlieren würde, wenn nicht zu gleicher Zeit die Bedürfnisse der Menschheit befriedigt würden, die für ältere, aber verhältnismäßig gar nicht so alte religiöse Strömungen gar nicht vorhanden waren.

[ 2 ] Man darf sich ja nicht der Illusion hingeben, daß es in der Wirklichkeit jemals möglich sein werde, eine religiöse Bewegung abgesondert von dem ganzen übrigen Kulturleben zu führen, namentlich nicht abgesondert von dem, was sich wissenschaftliches Kulturleben nennt. Sie müssen sich klar darüber sein, daß heute eine mit höchster Autorität ausgerüstete atheistische Wissenschaft da ist. Nun werden Sie vielleicht sagen können: Ja, diese atheistische Wissenschaft ist als Wissenschaft da, aber neben dem, daß der eine oder andere Mensch die zeitgenössische Wissenschaft treibt, kann er ja doch noch erfüllt sein von einer zwar nicht zeitgemäßen, aber doch noch vorhandenen inneren Frömmigkeit; so daß es heute Leute geben könnte, die sich ganz hineinfügen in den gegenwärtigen atheistischen Wissenschaftsbetrieb und die sagen: das ist eben ein anderes Feld, aber wenn ich nicht auf diesem Felde tätig bin, finde ich mich hinein in ein religiöses Leben.

[ 3 ] Sehen Sie, diese seit Jahrhunderten angestrebte, auch innere Trennung des Wissenschaftlichen und des Religiösen, diese Trennung kann eben eine noch so starke rein religiöse Bewegung gar nicht irgendwie bewältigen. Denn eine religiöse Bewegung muß, ebenso wie eine wissenschaftliche Bewegung, vor allen Dingen innerlich wahr sein. Nun könnte es vielleicht sogar trivial erscheinen, wenn wir jetzt, nachdem wir so vieles miteinander besprochen haben, was der religiösen Bewegung Inhalt gibt, wieder zurückkommen auf das Elementare: die Bewegung muß wahr sein. Aber wir dürfen nicht unterschätzen, wie stark heutzutage die Unwahrheit, die innere, die unbewußte Unwahrheit zivilisatorischer Impulse geworden ist. Und dasjenige, was die ersten Initiatoren dieser religiösen Bewegung damals gefühlt haben, als sie die Anregung gegeben haben zu dieser religiösen Bewegung, das war im wesentlichen diese innere unbewußte Unwahrhaftigkeit der heutigen Zeit. Und gerade in diesem Augenblick erscheint es mir dringend notwendig, daß wir uns mit dieser inneren Unwahrhaftigkeit beschäftigen.

[ 4 ] Sehen Sie, aus einer kulturhistorischen Unbequemlichkeit heraus hat sich allmählich die Ansicht gebildet, man müsse Wissenschaft Wissenschaft sein lassen, darum habe der Theologe sich nicht zu bekümmern. Der Theologe habe sich sein eigenes Wahrheitsprinzip herauszubilden, nach dem er das Ethische und den religiösen Inhalt getrennt von aller Wissenschaftlichkeit behandelt und gewissermaßen von dem Ewigen, dem Religiösen her auf die Menschheit losgehe, während er sich nicht darum kümmert, was die Wissenschaft treibt. Nun ist gerade dieses Sichverselbständigen des religiösen Lebens gegenüber dem übrigen Kulturleben durchsetzt von tiefer innerer Unwahrhaftigkeit. Denn derjenige, der Wissenschaft treibt, so wie sie heute getrieben wird, darf, wenn er ehrlich und wahr ist, eben nur Atheist sein, weil die Art und Weise des Denkens über die Welt, wie sie heute von Physik, Chemie und so weiter getrieben wird, gar keine Möglichkeit gibt, aufzusteigen zu irgendwelchen ethischen Idealen. Es gibt nur eine Wahrheit für eine solche Wissenschaft wie die heutige, nämlich diese: Die Welt ist innerlich überall kausal bedingt. Die Weltkausalität ist aber neutral gegenüber den ethischen und religiösen Idealen, ganz neutral. Da müssen wir die Wahrheit suchen, und da gibt es doch nichts anderes, als stehen zu bleiben bei dem Ausspruch des Astronomen: Ich habe das ganze Weltall durchforscht und nirgends einen Gott gefunden; ich brauche daher diese Hypothese nicht. — Etwas anderes gibt es für die Wissenschaft nicht, wenn man ehrlich ist.

[ 5 ] Davon hängt es ab, daß aufgrund einer solchen wissenschaftlichen Denkweise die Frage «Lassen wir dann die Moral, das Ethische zunächst ganz fallen?» so beantwortet wird: «Täten wir das, so würden die Menschen in das Chaos hineintreiben; daher ist es notwendig, die Menschen von außen zu zähmen durch Staatsgesetze oder dergleichen». — Wir hätten dann eben gezähmte Menschen, wobei das Prinzip des Zähmens für die Menschen nichts anderes wäre als eine Art höhere Zähmung, wie man es bei den Tieren anwendet. Die Religion hätte [für eine solche Denkweise] nur dann eine Berechtigung, wenn man sie betrachtete lediglich als ein Mittel, das bewirkt, die Menschen zu einem gezähmteren gegenseitigen Verhalten zu bringen. Religion wäre nur ein Mittel zum Zweck; das allein läßt die naturwissenschaftliche Denkungsweise der Gegenwart zu. Und ein gut Teil von dem, was die Menschheit so heruntergebracht hat, liegt eben darin, daß man nicht einen redlichen Abscheu vor einer solchen Denkungsweise hat, die nur die Hälfte, nämlich die naturwissenschaftliche Denkweise hinnimmt, im übrigen aber eine Theorie erfindet, wie man die Menschheit zähmt. Wenn man nur auf diese Weise von religiösen und ethischen Impulsen spricht, dann muß man sich eben auch klar sein, daß man dann nur von Zähmungsregeln sprechen kann. Man fährt durchaus in der tiefen Unwahrhaftigkeit fort, wenn man sich diese Dinge nicht gesteht. Auf der anderen Seite kann man aber auch nicht aufhalten, was die atheistische Naturwissenschaft macht. Denken Sie, wie stark heute Bestrebungen auftauchen, menschliche Einrichtungen so zu treffen, daß sie weitreichend auf ein bloß physisch gedachtes Vererbungsprinzip aufbauen, zum Beispiel die Gesetze für die Eheschließung zu schaffen, wo nicht die inneren Herzensverhältnisse entscheiden, sondern zum Beispiel der Mediziner. Diese Dinge lassen sich natürlich wegreden, aber in der Realität läßt sich das nicht aufhalten.

[ 6 ] Für den, der heute auf dem Boden einer religiösen Erneuerung stehen will, ist es daher notwendig, sich klar darüber zu sein, daß er zugleich einig sein muß mit einer Erkenntnisrichtung, welche den Geist wiederum in das Naturwissen hineinträgt, die den Geist geltend macht innerhalb des Naturwissens, so daß bis in die Physik hinunter der Geist geltend gemacht wird. Das ist ja richtig angestrebt worden, indem die religiöse Bewegung auf Anthroposophie baut. Aber dieses Bauen auf die Anthroposophie muß ein ganz innerliches, wahrhaftiges sein. Deshalb ist es nötig, daß man sich das Verhältnis zwischen der religiösen Erneuerung und der Anthroposophie auch in der richtigen Weise vorstellt.

[ 7 ] Nicht wahr, die Anthroposophie will und kann nicht anders, als eine Erkenntnisbewegung sein. Sie muß, so sehr dadurch auch das Verhältnis zu ihren Anhängern leidet, in allen Einzelheiten vollbewußt so arbeiten, daß sie eine Erkenntnisbewegung ist. Die religiöse Erneuerung ist eben eine religiöse Bewegung mit dem entsprechenden religiösen Kultus. Und wenn beide Bewegungen aus ihren eigenen Impulsen arbeiten, so kann ja nichts anderes zustandekommen als eine gegenseitige Befruchtung. Es kann im Grunde genommen niemals eine Störung auftreten. Man muß allerdings, auch wenn man sich klar ist, daß ja im großen und ganzen eine Störung nicht auftreten kann, die Zeitverhältnisse gründlich berücksichtigen. Die anthroposophische Bewegung hat natürlich heute deshalb einen schwierigen Stand, weil sehr viele Menschen, die lechzen nach einer Vergeistigung der Weltanschauung, auch erkenntnismäßig eigentlich doch auf eine leichtere und bequemere Weise zu ihren Erkenntnissen kommen möchten, als Anthroposophie sie ihnen geben kann. Man möchte nicht gern jene intensive innere Mitarbeit haben, welche in der Anthroposophie notwendig ist, und dadurch treten zuweilen wirklich recht absurde Anschauungen und Gedanken auf. Es ist ja so — Sie brauchen sich nur an den gestrigen Vortrag zu erinnern —, daß für den, der heute wirklich ehrlich sich hineinstellen will in die Anthroposophie, ein so gründliches Umdenken notwendig ist, daß dadurch die Anthroposophen sich ganz radikal unterscheiden von den Menschen, die keine Ahnung haben, daß ein solches Umdenken und Umempfinden möglich ist.

[ 8 ] Was aber gibt Gemeinschaft? Menschliche Gemeinsamkeit des Denkens und Empfindens! Man kann sich kaum denken, daß die Leute, wenn der anthroposophische Impuls in ihnen ehrlich arbeitet, sich nicht in einer solchen Gemeinsamkeit fühlen, wie sie überhaupt noch nicht da war in der Welt. Denn so gründlich brauchte man noch nie umzudenken, selbst nicht in den alten Mysterien; da war noch vieles ähnlicher dem populären Denken. Es ist ein so starkes Band da, daß alles Rufen und Schreien nach Gemeinsamkeit, das namentlich unter den Jüngeren vielfach auftritt, im Grunde genommen schon einen Zug von Absurdität hat. Aber vergessen Sie nicht, daß wir nicht in einem Atelier sind und uns aus Plastilin Menschen formen können, sondern daß die Menschen da sind mit all ihren Absurditäten, die man absolut berücksichtigen muß, über die man nicht hinaus kann, wenn man real wirken will. Es handelt sich darum, daß man wirklich diese Dinge tief ernst und wahr nimmt. Aber an sie denkt man heute auf den verschiedensten Gebieten nicht. Vielleicht verstehen Sie mich besser, wenn ich ein populäres Beispiel nehme.

[ 9 ] Wir haben in der Waldorfschule jetzt zwölf Klassen, sie hat also eine Schülerschaft bis zum 18., 19. Jahr hinauf. Sie möchten ja alle auch Pädagogen sein. Nun, die allererste Anforderung an Erziehung und Unterricht ist ja diese, daß der zu Erziehende, wenn er noch ein Kind, ein Knabe oder ein junges Mädchen ist, nicht mitdiskutiert über die Erziehungs- und Unterrichtsgrundsätze, daß diese das Mysterium der Unterrichtenden und Erziehenden bleiben. So wie die Dinge aber heute betrieben werden, geht alles an die Kinder der Waldorfschule heran; die erzählen einem unter Umständen, wie sie erzogen werden, die pädagogischen Grundsätze und so weiter und wissen manchmal besser als die Lehrer selbst, was Waldorfschulpädagogik ist. Ja, wenn die Dinge so sind, dann kann man nicht vorwärtskommen.

[ 10 ] Aber andererseits ist es heute nicht möglich, auf eine äußerliche Weise Dinge zu sekretieren; das geht auch wieder nicht. Wir haben zum Beispiel neulich in einer Delegiertenversammlung bloß über den Modus gesprochen, wie man Geld bekommen will für den Neuaufbau [des Goetheanums]. Darauf erschien ein gehässiger Artikel in einem Genfer Journal, wo man in wüster Weise angegriffen wird, daß man den armen Schweizern eine Million Franken aus der Tasche ziehen will. Ein äußerliches Sekretieren der Dinge geht also nicht. Aber es muß dazu kommen, daß man innerlich auf die Menschen bauen kann, daß also auch dann, wenn nicht Grundsätze des Geheimhaltens gegeben werden, unter den maßgebenden Persönlichkeiten sich ein Takt herausbildet, über eine Sache nur in einer bestimmten Weise zu reden und nicht zum Beispiel einem fünfzehnjährigen Menschen die pädagogischen Grundsätze der Waldorfschule zu erzählen wie einem Dreißigjährigen. Das muß sich nach und nach herausbilden. Es ist wirklich so, daß alle möglichen absurden Nebenimpulse auftreten, weil die Dinge nicht tief und stark genug ernst genommen werden.

[ 11 ] So tritt der Impuls auf, gemeinschaftsbildend zu sein innerhalb der anthroposophischen Bewegung. Erkenntnisbewegung ist die anthroposophische Bewegung. Auf Gemeinsamkeit des Wollens, Fühlens und Denkens ist sie gegründet. So daß man eigentlich denken könnte, die religiöse Bewegung würde einfach das, was auf dem Boden der anthroposophischen Bewegung da ist, aufnehmen und nun in der Art, die ja nun einmal für die religiöse Bewegung gegeben ist, dies wiederum aus den ureigensten Impulsen weiterbilden.

[ 12 ] Als es noch keine religiöse Bewegung gegeben hat, haben Menschen, die in der anthroposophischen Bewegung standen, noch einen Ersatz gesucht dafür in allerlei esoterischen Kreisen, die aber so aufgebaut waren, daß sie im wesentlichen Erkenntniskreise waren, und das, was da kultusähnlich war, diente auch nur der Erkenntnis. Daher konnte auch aus diesen Kreisen nichts herübergenommen werden in die religiöse Erneuerungsbewegung. Und wenn man die Dinge, die dort in den Zeiten, in denen das noch ging, als kultähnliche Dinge da waren, nicht durchdrungen hätte mit dem Erkenntnisimpuls, so wären sie äußerlich aufgefaßt worden, und das durften sie ihrer Eigenart nach nicht sein.

[ 13 ] Dagegen ist die Sache bei der religiösen Bewegung so, daß im Kult selbst schon ein unmittelbarer Inhalt liegt, und zwar in jeder Kulthandlung, so daß auch derjenige, der zum Beispiel es ablehnt, vom Kult aus nach einer Erkenntnis zu streben, doch in der Teilnahme am Kult ein entsprechendes Leben hat, weil der Kult, wie er in dieser religiösen Bewegung wirken soll, unmittelbar die Sprache der geistigen Welt ist, heruntergetragen in irdische Form, so daß die Teilnahme am Kultus etwas ganz Positives ist.

[ 14 ] Betrachten wir den Mittelpunkt des Kultus von diesem Standpunkt aus. Wenn man die Menschenweihehandlung ansieht, so haben wir zunächst als den vorbereitenden Teil das Evangelienlesen. Nun, da liegt ja natürlich noch eine Schwierigkeit, weil wir wirklich nötig haben, die Evangelien doch noch besser zu bekommen, als sie heute da sind. Es handelt sich schon darum, daß das Evangelienwort eben anders aufgenommen wird als irgendein anderes Wort, das im Verlaufe der menschlichen Zivilisationsentwickelung erflossen ist und von Menschen kommt. Das Evangelienwort, wenn es für wahr genommen wird, enthält in sich wirklich das, was man so bezeichnen kann, daß man sagt: Der, der das Evangelienwort vorliest, spricht, der ist ein Sprachrohr für etwas, was aus den geistigen Welten in die physische Welt hereinkommt, so daß der vorbereitende Teil, das Evangelienlesen, immerhin einen Kontakt der ganzen Gemeinde mit der geistigen Welt hervorruft.

[ 15 ] Dann kommt die eigentliche Opferhandlung, die drei Teile hat: Opferung, Transsubstantiation, Kommunion. Nun kann man eben keine richtige Auffassung von dieser Trinität haben, wenn man sich nicht klar ist, daß in diesem Momente, wo die Transsubstantiation sich vollzieht, tatsächlich für diejenigen, die auch nur anwesend teilnehmen, Naturordnung und ethische Ordnung in eines zusammenfließen, so daß also da eine ganz andere Weltordnung jedesmal vor die Gemeinde hingestellt wird, jedesmal der Mensch hinaufversetzt wird in das Göttliche, und das Geistige sich hinuntersenkt in das Menschliche. Wenn man dies real nimmt, so muß man sagen, da geht etwas vor, was ganz unabhängig ist von dem, was der Mensch erkennt daran. Es genügt für das, was dabei vorgeht, das bloße Fühlen. Für die Erkenntnis kann niemals das bloße Fühlen genügen. Für das, was in der Wandlung vorgeht, genügt das bloße Fühlen, so daß also tatsächlich es ein Arbeiten, ein Tätigsein mit der Gemeinde zusammen ist, was sich da vollzieht, wenn der Priester vor der Gemeinde die Menschenweihehandlung ausübt. Das ist etwas, was durchaus für sich genommen werden muß, und daher sollte Sie niemals die Frage irgendwie in Disharmonie versetzen: Kann irgendein Rituales, das heute gefunden wird aus der geistigen Welt — und alle unsere Ritualien sind gefunden in der geistigen Welt, sind gewissermaßen für heute von Gott verordnet —, kann das einmal geändert werden oder aufhören? — Sehen Sie, diese Ritualien irgendwie so zu beurteilen, daß man sagt: Ja, es soll sich einmal ein anderer Zustand entwickeln, wo die Menschen ein unsichtbares Ritual haben —, diese Fragen sind nicht berechtigt.

[ 16 ] Das Verhältnis muß so gedacht werden: Die Menschen werden ja immer den Weg von der Zeremonie zur Predigt suchen; in die Predigt kann nur das befruchtend einfließen, was aus der Anthroposophie, aus der Geist-Erkenntnis kommt. Nun wird es so sein in der Zukunft, daß derjenige, der in höchstem Maße ein Erkenner auf geistigem Gebiete ist, es niemals ablehnen wird, Gemeinschaft zu halten mit denjenigen, die zunächst zum Kultus kommen. Er hat auch gar kein anderes Verhältnis zum Kultus als der, ich möchte sagen naive Mensch. Also es kann gar nicht die Frage entstehen: Treiben wir einen Kultus für die jetzige Zeit und muß das einmal durch einen anderen ersetzt werden? — Indem der Kultus begründet ist, ist er begründet und wird sich fortsetzen; er ist anderen Gesetzen unterworfen als solchen, die man geltend macht, wenn man frägt: Soll einmal ein unsichtbarer Kultus kommen? Der Kultus ist unterworfen den großen kosmischen Weltimpulsen, die alles, was in der Welt entsteht, mitändern. Aber die Änderungen in der Zukunft werden ganz andere Änderungen sein als die in der Vergangenheit.

[ 17 ] Nehmen Sie die Messe der römisch-katholischen Kirche heute. Sie haben da gegeben einen synthetischen Zusammenfluß aller entsprechenden Kulte des Altertums, vertieft im christlichen Sinne. Das ist gerade das Wunderbare, daß in der katholischen Kirche alles alte Mysterienwesen zusammengeflossen ist. Aber es kamen bestimmte Zeiten in der christlichen Entwickelung — diese Zeiten begannen eigentlich schon im 3., 4. Jahrhundert —, in denen kein Verständnis mehr da war für das, was im Meßopfer waltete, und so wurde es zunächst ein leeres Formelwesen; es pflanzte sich traditionell, ich möchte sagen aus Pietät fort. Dann aber, ziemlich bald, bekamen die Leute den Mut zum Nichtverstehen und fingen an, allerlei zu verbessern. So haben wir heute in dem katholischen Meßopfer etwas, was nach und nach einfach auch durch das Absterben der Sprache im Grunde etwas ganz Unverständliches geworden ist. Es wird zelebriert in der alten Sprache, ohne daß es zum Verständnis gebracht werden könnte. Und daher ist dieses katholische Meßopfer etwas wie ein Leichnam, zwar von etwas ungeheuer Großem und Gewaltigem, aber eben ein Leichnam, der aber doch als Leichnam noch eine ungeheuer starke Kraft hat. Im Ganzen ist ja das Merkwürdige innerhalb der katholischen Kirche, daß die Priesterschaft philosophisch außerordentlich gebildet ist, theologisch aber außerordentlich ungebildet. Die katholische Theologie hat gar keine Lebendigkeit, so daß eigentlich bis zu den höchsten Spitzen hin auch die katholische Theologie etwas außerordentlich Ungebildetes ist. Seit dem Mittelalter hat sie gar keine weitere Entwickelung mehr genommen. Das alles macht eben, daß im Grunde die religiösen Bedürfnisse der Menschheit gar nicht mehr mit der Lehre, mit der Predigt befriedigt werden können, sondern lediglich mit dem Kultus, weil dieser doch die ungeheure Kraft der Gemeinschaftsbildung für sich hat. Da ist das gegeben, was Ihnen gegenüber dieser neuen Kulthandlung ein Ewigkeitsgefühl geben kann, so daß keine Disharmonie auf Ihren Seelen zu lasten braucht.

[ 18 ] Es behaupten nun Anthroposophen, daß gewisse Vorgeschrittene den Kultus entbehren könnten. Diese Frage würde eigentlich gar nicht entstehen können, wenn man sich richtig einstellte. Ich weiß gar nicht, aus welchen Untergründen heraus sie eigentlich entstehen konnte. Denn, tritt heute der Fall eines Begräbnisses ein, dann ist doch eben die religiöse Gemeinschaft für das Kultische aufgerufen. Und so ist sie aufgerufen durch die Menschenweihehandlung für das Ganze des Menschen und nicht etwa bloß in der Absicht, das sei ein Temporäres, das müsse einmal durch etwas anderes abgelöst werden. Das ist ein Ewiges, soweit auf der Erde von etwas Ewigem gesprochen werden kann. Also dieser Zwiespalt, der bei vielen von Ihnen entstanden zu sein scheint, daß die Anthroposophie den Kultus gewissermaßen als etwas weniger Bedeutungsvolles hinstellt oder daß etwas anderes in der Zukunft an die Stelle der gegenwärtigen Bewegung treten müsse, dieser Zwiespalt kann nur auf einem Gefühlsmißverständnis beruhen. Sobald Sie sich klar machen, daß naturgemäß der, der Anthroposophie sucht, sich einfach mehr auf die Erkenntnisseite verlegt und daß man es ihm überlassen muß, inwiefern er den Kultus sucht, und andererseits, daß Leute, die zum Kultus kommen, auch nach der Erkenntnnisseite hinstreben werden, weil der Intellekt heute so stark ist, daß sie also von diesem Kultus aus sich der Anthroposophie nähern werden —, sobald Sie sich das klarmachen, müssen Sie sich sagen, daß das in gewissem Sinne nur eine Art Arbeitsteilung ist. Auf diesem Felde sollte eigentlich ein innerer Zwiespalt gar nicht entstehen.

[ 19 ] Nun möchte ich aber doch nach diesen Bemerkungen Sie bitten, das eine oder andere noch zu äußern, da ich weiß, daß noch vieles auf dem Grunde Ihrer Seelen ist.

Es wird eine [— vom Stenographen nicht mitgeschriebene —] Frage gestellt über den im Dornacher Vortrag vom 31. Dezember 1922 besprochenen Spruch:

Es nahet mir im Erdenwirken
In Stoffes Abbild mir gegeben
Der Sterne Himmelswesen
Ich seh’ im Wollen sie sich liebend wandeln.

Es dringen in mich im Wasserleben
In Stoffes Kraftgewalt mich bildend
Der Sterne Himmelstaten
Ich sch’ im Fühlen sie sich weise wandeln.

[ 20 ] Rudolf Steiner: Dasjenige, was ich damals gesprochen habe, ist eine Art kosmischer Kommunion. Wenn diese meditativ ausgeführt wird, so wird sie unter Umständen, wie die Dinge heute liegen der Zeit nach, dem Menschen eine gewisse Befriedigung geben können. Er wird auf diese Weise eine Art Kommunion empfangen können. Aber das schließt doch nicht aus, daß selbst derjenige, der auf diese Art eine Kommunion für seine Erkenntnis empfängt, wenn er sonst in seiner ganzen Seelenverfassung heute dazu neigt, die Kommunion auch auf andere Weise empfangen kann. Man sollte nicht die Unterschiede betonen, denn beide Dinge widersprechen einander ja nicht. Empfinden Sie darin einen stärkeren Widerspruch als gegenüber dem, was ja auch in der alten, noch richtig aufgefaßten katholischen Kirche war? Da hatten Sie die Priesterkommunion und hatten natürlich die Laienkommunion — wobei ich nicht sagen will, daß alle Anthroposophen Priester sein sollen. Sie hatten die, die die Kommunion geben und nehmen konnten, und Sie hatten die, die die Kommunion nehmen konnten, aber nicht geben konnten. Wenn Sie diesen Unterschied auffassen, werden Sie sich sagen müssen: Derjenige, der die Kommunion geben kann, der kann ja unmöglich, ohne daß er nun für sich in dem inneren Erlebnis noch etwas dazu hat, die Kommunion ebenso nehmen wie der Laie. Er muß noch etwas dazu haben. Daher mußte der Priester, der auch kommunizierte, noch etwas dazu haben, eine innere Kommunion, und die hatte er ja auch. Nun, dazumal handelte es sich darum, streng festzuhalten an dem Unterschied zwischen Priestertum und Laientum. Es gab nur diese zwei Klassen. Aber über diese Zeiten ist die Entwickelung hinweggeschritten, diese Zeit ist nicht mehr da.

[ 21 ] Heute muß gewissermaßen vieles von dem, was in älteren Zeiten nur dem Priester zugänglich war, auch dem Laien zugänglich gemacht werden. Unsere ganze moderne Theologie, die ganze Literatur ist ja auch jedem zugänglich. Dasselbe kann auch für unseren Fall geltend gemacht werden. Sie können heute die Theologie als Laie studieren. Wenn sich eine Erkenntnisbewegung geltend macht wie die anthroposophische, so ist selbstverständlich, daß die Teilnehmer an einer solchen mit Dingen bekannt gemacht werden, die natürlich ehedem in erster Linie für den zelebrierenden Priester gewesen waren. Aber heute ist das eben anders: Wir können nicht Grenzen machen. Wenn wir heute noch das alte Prinzip hätten, so würde es so sein, daß eine religiöse Bewegung da wäre und innerhalb der religiösen Bewegung die Priesterschaft; die würde dann die Anthroposophie für sich haben, müßte dann aber alles tun auf dem Felde der profanen Technik, was die Zeitentwickelung fordert ... [vom Stenographen gekennzeichnete Textlücke]. Wenn Sie das berücksichtigen, so werden Sie verstehen, daß diese Kommunion, die der Priester hat, auch entwickelt wird von demjenigen, welcher der anthroposophischen Bewegung angehört. Aber es liegt kein Grund vor zu sagen: Auf der einen Seite haben wir eine priesterliche, auf der anderen Seite haben wir eine kosmische Kommunion. Beides hat ja ein und denselben Boden, nur eine andere Form. Beides ist etwas, was ganz selbständig neben dem anderen steht. Also wenn Sie die Sache ganz gründlich durchempfinden, dann werden Sie keine Schwierigkeiten haben.

Ein Teilnehmer: In dem Bericht über die Delegiertenversammlung vom Februar 1923 wird gesagt, daß das Kultische hereingenommen ist von dem vorgeburtlichen Leben. In einem Kurs, den wir in Dornach hörten, ist geschildert, wie unser Kultus ein Aufstieg des Menschen ist in das Leben nach dem Tode.

[ 22 ] Rudolf Steiner: Das ist etwas, das in der Art angesehen werden muß wie alle Dinge, die etwas mit der geistigen Welt zu schaffen haben; da muß man die Begriffe ganz genau fassen lernen. [Um die Begriffe genau zu fassen,] wurde schon in der Scholastik Dialektik getrieben. Aber soweit sind wir noch nicht, weder auf dem Gebiete der Anthroposophie, noch auf dem der religiösen Bewegung. Sehen Sie, die Art, wie in dem Menschen der Kultus wirkt, wie er real wirkt, also den Menschen in der Seele so ergreift, daß er den Weg durch die Pforte des Todes hindurchfindet durch den Christus, diese Wirkung ist die eine Seite [des Kultus]. Und die andere Seite ist die, wodurch das geschieht, daß der Mensch in dem Kultus das hat, was wie eine kosmische Erinnerung an das vorgeburtliche Leben ist. Nehmen wir zur Erläuterung ein Beispiel aus dem gewöhnlichen Leben. Wodurch hat auf einen Menschen heute eine Begegnung großen Eindruck gemacht? Weil ihm entgegentritt eine von ihm in der Jugend schon verehrte Persönlichkeit. Doch nun kommt noch etwas anderes hinzu. Es ist etwas anderes, wenn ich das schildere, was im Gemüt dieses Menschen erkeimt ist für die Zukunft; hierdurch ist er vielleicht ein ganz anderer geworden, findet sich vielleicht in die Lebensverhältnisse ganz anders hinein als in der Jugend. Wenn man an dem Kult teilnimmt, so wird man für sein Zukunftsleben ergriffen. Das kommt daher, daß dieser aus dem vorgeburtlichen Leben stammt. Das wirkt so stark auf den Menschen.

Ein Teilnehmer: Erreicht man durch das Meditieren der Messe mehr, als wenn man die Messe zelebriert? Dann würde es soweit kommen, daß wir das Lesen der Messe nicht mehr brauchen.

[ 23 ] Rudolf Steiner: Logisch ist das nicht ganz unrichtig, aber in facto ist es nicht so. Wenn einer die Messe liest, und wenn er sie dann meditativ erlebt und hat dabei eine Wirkung für sich, so ist diese Wirkung, weil sie auf starker innerer Aktivität beruht, eigentlich stärker. Aber diese innere Aktivität kann man nicht immer aufwenden. Wenn man die Messe acht Tage lang nicht gelesen hat, so erlahmt die Kraft. Es ist schon richtig; wenn einer das kann, dann gut, aber wenn er sozusagen nicht ganz besondere innere Vorbedingungen hat, dann erlahmen diese Kräfte. Es trifft das nicht zu, daß die innerlich meditierte Messe so stark wirkt wie die gelesene Messe, und es darf nicht etwa ein Ideal werden für den Priester, die Messe nicht zu lesen. Denn dann könnte er ja sagen: Ich sehe davon ab, mit meiner Gemeinde zu wirken, ich will allein vorwärts kommen. — Dann könnte er sich ein solches Ideal vorstellen, [die Messe nicht zu lesen, sondern zu meditieren,] aber die Kraft, die der Priester haben soll, wenn er die Messe lesen will, die soll er nicht dadurch abschwächen, daß er sich ein solches Ideal vorstellt.

Ein Teilnehmer: Wie bringt man die Menschen an die Menschenweihehandlung heran? Sind wir verwiesen an die Menschen, die gefühlsmäßig aus rückständigen religiösen Gefühlen herankommen, für die der Weg des Erkennens verschlossen ist? Wie sollen wir an die Arbeiter herankommen, wenn wir nicht über den Denkweg gehen?

[ 24 ] Rudolf Steiner: Aber Sie haben ja nicht nur den Kultus, sondern in weitestem Sinne die Predigt, Vorträge, auch Predigt im terminologischen Sinne. Es ist gar nicht zu sehen, was da für eine Schwierigkeit auftreten sollte. Die heutigen jüngeren intellektuellen Leute, die aus dem Nichts heraus arbeiten, wollen gar nicht ein abgesondertes Intellektuelles, sondern streben stark nach dem Kultus hin. Und das, was da eintreten könnte, was auf äußerem Gebiete zu einer Synthese führen müßte zwischen religiöser Bewegung und Anthroposophie, das will ich nachher charakterisieren. Auf der einen Seite wird heute der Intellekt gar nicht angeregt ohne den Kultus. Der Kultus ruft erst wieder den Intellekt in den Menschen herein. Die Menschen hören heute auf, denken zu können, wenn man den Kultus nicht hat. Das Aufhören des Denkens ist eine Zeitgefahr. Auf der anderen Seite sehe ich nicht, worin die Begrenzung liegen soll von dem, was Sie in Kult und Predigt an die Menschen herantragen. Eine Begrenzung kann nur da sein, wo Sie sich selbst künstlich eine solche setzen. Sie wollen keine Anthroposophie lehren, sagen Sie. Aber das können Sie gar nicht halten, denn das müssen sie ja tun! Natürlich muß man die Anthroposophie den Leuten nicht an den Kopf werfen. Die Schwierigkeit tritt gerade dann auf, wenn Sie sagen: Anthroposophie wollen wir ganz gewiß nicht lehren.

Ein Teilnehmer: Ich würde zum Beispiel nicht vom Ätherleib sprechen.

[ 25 ] Rudolf Steiner: Das hängt von der Erkenntnis der Gemeinde ab. Ich könnte mir gut eine Gemeinde vorstellen, die ganz ehrlich dem Kult gegenübersteht und doch das Erkenntnisbedürfnis haben kann. Ich sehe nicht ein, warum Sie da nicht über den Ätherleib sprechen sollten.

Ein Teilnehmer: Wir haben lauter Menschen, die ein Erkenntnisbedürfnis haben; sie finden sich zur Anthroposophie durch den Kultus. Wir haben die Leute nicht, die nicht die Anthroposophie, sondern den Kult allein wollen. Können wir eine Möglichkeit finden, die Menschen zu befriedigen, die nicht zur Anthroposophie wollen?

[ 26 ] Rudolf Steiner: Die Frage ist nun die: Wie würden Sie jemanden charakterisieren, der heute von Ihnen geführt werden sollte, der aber so geführt werden soll, daß ganz abgesehen wird von der Anthroposophie? Wie müßte der beschaffen sein? Die Sache ist die: Wenn man die Menschen richtig anfaßt, wenn man an die richtige Menschlichkeit herangeht, dann wollen die Menschen die Anthroposophie, wie zu allen Zeiten das Entsprechende von der Menschenseele gesucht worden ist. Die Anthroposophie nicht zu wollen, das ist nur bei verbildeten Menschen der Fall. Vor vierzig Jahren konnten Sie auf dem Lande noch elementarisch gesunde Menschen kennenlernen, die sagten Ihnen die höchste Weisheit. [Die folgenden Sätze sind vom Stenographen nur lückenhaft festgehalten.] Unter ihren Kissen hatten sie irgend etwas verborgen — Jakob Böhme zum Beispiel —, das finden Sie heute nicht mehr.

[ 27 ] Die in den Großstädten verbildeten Leute können an so etwas nicht mehr heran. Daher kann ich mir nicht vorstellen, daß die einen anderen Weg brauchen können als den anthroposophischen. Nur müssen Sie nicht von dem ausgehen, was von der Anthroposophie im Buche steht, sondern von dem, was Sie an dem Buche erlebt haben. Es ist zum Beispiel der Begriff des Ätherleibes ungemein leicht dem naiven Menschen beizubringen. In gewissen Gegenden nennen die Leute das, was morgens in den Augen ist, «Nachtschlaf»; da sind Sie schon im Ätherleib drinnen, denn in der Tat ist da Ätherleibswirksamkeit drinnen. Man hat überall Anknüpfungspunkte. Wenn Sie die berücksichtigen und berücksichtigen, daß wir unsere Bücher geschrieben haben für Leute von heute, die durch diese vertrackte Schulbildung hindurchgegangen sind, so haben Sie solche Anknüpfungspunkte. Sie befriedigen die Menschen mehr, wenn Sie vom Worte loskommen und aus dem Erleben selbst geben.

Ein Teilnehmer: Kann man den Unterscheid zwischen kosmischer Kommunion und Kultus nicht so formulieren, daß dieser ein Sakramentaler ist?

[ 28 ] Rudolf Steiner: Das ist etwas, was man deshalb schwer sagen kann, weil das Erleben bei der wirklichen kosmischen Kommunion schon ein Sakramentales ist. Das ganze anthroposophische Denken ist eigentlich etwas Sakramentales, wie ich das schon ausgesprochen habe in meiner Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung. Das Denken ist eine Kommunion des Menschen. Die Erkenntnis, wenn sie wirkliche Erkenntnis ist, wird zum Sakrament. Es kommt mehr darauf an, daß wir die Dinge zusammenzubringen versuchen, als sie zu unterscheiden, denn in der Wirklichkeit bringen sie sich ja zusammen.

Es wird eine Frage gestellt nach dem genauen Wortlaut eines Satzes aus Rudolf Steiners Dornacher Vortrag vom 30. Dezember 1922 [vom Stenographen nur mit Stichworten festgehalten].

[ 29 ] Rudolf Steiner: «Anthroposophie braucht keine religiöse Erneuerung» —, so haben Sie den Satz ganz richtig formuliert. Was würde es für die Anthroposophie bedeuten, die ja in sich selbst begründet sein muß, wenn sie die religiöse Erneuerung brauchte! Umgekehrt: die religiöse Erneuerung braucht die Anthroposophie! — Daß da in dem Vortrag gesagt wurde, die Anthroposophen brauchten keinen Kultus, das ist ja an die Anthroposophen gerichtet, nicht an die religiöse Erneuerungsbewegung. Solche Dinge mußten gesagt werden, weil zahlreiche Menschen glaubten, sie müßten sich aus Prinzip orientieren, ob sie sich für eine Teilnahme an der religiösen Bewegung entscheiden sollen. Da waren Mitglieder der anthroposophischen Bewegung, die viel älter waren als Dr. Rittelmeyer; wenn diese nun fragten, ob sie teilnehmen sollen an dem Kult, so mußte man ihnen sagen: Das müßt ihr nun doch endlich selbst wissen; ihr müßtet Dr. Rittelmeyer beraten können! — Man darf aber nicht sagen, man könne zur Anthroposophie nur kommen durch die religiöse Bewegung, das wäre sehr falsch. Mein damaliger Vortrag war an die Anthroposophen gerichtet. Also es ist doch selbstverständlich, daß die Anthroposophen, wie sie in der letzten Zeit geworden sind, Ratgeber beim Kultus sein könnten. Das andere wiederum ist Gift für die Anthroposophie: wenn man sagt, man könne nicht zu anthroposophischem Verständnis [des Christus] kommen, wenn man nicht durch den Kult dazu kommt. Es ist nötig, daß man das dazunimmt, daß diese Rede an die Anthroposophen gerichtet war. Das Mißverständnis bestand darin, daß beide Seiten Auffassungsfehler gemacht haben in der Handhabung. Es waren in der religiösen Bewegung viele, die nicht wußten, wie sie sich verhalten sollten.

Marie Steiner: Es war bei manchen Anthroposophen Schlagwort, «Dr. Steiner wünscht es, daß die religiöse Bewegung an die Stelle der Anthroposophie trete»; das sei Dr. Steiners Meinung. Ähnlich war es beim Anfang der Dreigliederungsbewegung, wo es auch hieß, diese solle an die Stelle der Anthroposophie treten. Es waren schon Anzeichen vorhanden, daß man glaubte, die Anthroposophie müsse abbauen. Es wurden Zyklen beim Verlag abbestellt und dergleichen.

[ 30 ] Rudolf Steiner: Das sind Dinge, die in der äußeren Praxis liegen, die nicht zu inneren Schwierigkeiten führen.

Ein Teilnehmer weist darauf hin, daß Rudolf Steiner an einer Stelle des Vortrages vom 30. Dezember 1922 gesagt habe, daß es viele Menschen gäbe, die erkenntnismäßig eingestellt sind und andere Menschen mit dumpfem religiösem Trieb [Wortlaut vom Stenographen nur stichwortartig festgehalten].

[ 31 ] Rudolf Steiner: Ja, das ist nicht zu leugnen, es gibt Menschen mit durchaus denkerischem Erkenntnistrieb, andererseits gibt es solche Menschen mit einem dumpfen religiösen Trieb. Wenn ich also gesagt habe, die Anthroposophie könne nichts machen gegenüber den Menschen mit dumpfem religiösem Trieb, sondern nur die religiöse Bewegung, so ist das richtig. Aber das heißt nicht, daß die religiöse Bewegung besonders und allein auf diese Art Menschen angewiesen ist, sondern das heißt, die Anthroposophie kann mit diesen Menschen nichts machen. An diese Menschen kommt man nur mit dem Kult heran, nicht mit der Anthroposophie. Die Menschen mit dumpfem religiösem Trieb sind zu ergreifen durch den Kult und werden vielleicht in einem neuen Leben sehr denkerische Menschen.

Ein Teilnehmer: Die Leute sagen, die Anthroposophen haben die Universität, ihr habt die Kinderschule. Mit solchen Dingen haben wir es zu tun.

[ 32 ] Rudolf Steiner: Ich habe in diesen Tagen ein großes Plakat aus Österreich bekommen, darauf stand lauter dummes Zeug, wie der Betreffende in die geistige Welt kommt, was er den Menschen offenbaren wird und so weiter; aber dann stand auf der zweiten Seite: Mein Geistsystem umfaßt auch alle die Dinge, die einseitig als Anthroposophie, Theosophie und so weiter aufgetreten sind. —

[ 33 ] Nach solchen Dingen kann man die inneren Schwierigkeiten nicht beurteilen. Solche Menschen muß man nicht tragisch nehmen. Da kann man sich doch nicht aufregen.

Ein Teilnehmer: Daß solche Aussprüche nicht getan werden, dafür müßten doch die Zweigleiter eintreten.

[ 34 ] Rudolf Steiner: Das sind äußerliche Dinge. Die Zweigleiter haben gar nichts mit dem zu tun, was die Mitglieder außerhalb des Zweiges tun.

Ein Teilnehmer: Es wurde direkt gesagt, die zwei Wege widersprechen sich. Das macht den Leuten Angst und sie bleiben weg.

[ 35 ] Rudolf Steiner: Das sind keine inneren Schwierigkeiten, das ist die äußere Handhabung, die Lebenspraxis. Daß solche Dinge vorkommen, ist nicht zu verhindern. Man kann nicht etwas, was mit tiefem Ernst verbunden ist, trivial charakterisieren; da muß man scharf formulieren, mit ernsten Worten, und die werden leicht falsch ausgelegt. Was der eine oder andere Zweigleiter sagt, ist ganz unwesentlich. Sonst müßten wir es ja als eine Aufgabe betrachten, lauter Zweigleiter zu haben, die unfehlbar sind. Ihre geistigen Mittel liegen darin, die Leute aufzuklären.

Emil Bock: In gewisser Weise war bei uns im Anfang eine Unklarheit. Wir suchten unser Arbeitsfeld woanders als auf anthroposophischem Gebiet. Wir haben vielleicht das, was aus oppositionellen Gründen heraus gesprochen wurde, als Anlaß benutzt, uns etwas zu sehr herauszuhalten aus der anthroposophischen Arbeit. Manche von uns hatten ja auch keine Zeit mehr dazu. Dadurch ist es ja dann dazu gekommen, daß, als diese Schwierigkeiten bei den Anthroposophen eintraten, wir nicht als Anthroposophen mitsprechen konnten. Wir hatten uns selbst durch den Lauf der Dinge etwas herausgestellt aus den anthroposophischen Reihen. Nun bitten wir Sie, helfen Sie uns, den richtigen Weg in die anthroposophische Arbeit wieder zu finden, denn wir haben das starke Bedürfnis, nicht aus den anthroposophischen Reihen durch unsere Arbeit herauszufallen und sehen ein, daß wir damals deshalb uns die Möglichkeit entzogen haben, zur Klärung richtig beizutragen, daß man in uns nicht die Anthroposophen, sondern die religiösen Erneuerer sah. Wir möchten nicht schlechte Vertreter der Anthroposophie sein.

[ 36 ] Rudolf Steiner: Diese Gefahr war ja anfangs vorhanden. Die Sache ist abhängig davon, daß das richtige Urteil herrscht. Es ist durch vieles möglich, daß das Urteil sich rektifiziert. Dr. Rittelmeyer ist ja im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft sehr aktiv tätig bei anthroposophischen Aktionen, seit Monaten schon. Er wird sehr stark in Anspruch genommen. Aber es ist schon so, daß die Kraft eines jeden stark in Anspruch genommen wird. Ich werde nie wieder bei einer solchen Gelegenheit, wo die sozialen Verhältnisse durch den Kult geheiligt werden sollen, etwas vornehmen, ohne daß der Vertreter der religiösen Bewegung mitwirkt. Bei Begräbnissen spreche ich nicht mehr allein, ohne einen Priester. Der Kult muß verrichtet werden [durch den Priester]. So muß ein richtiges Urteil allmählich sich herausbilden. Beim Diskutieren mißverstehen sich die Menschen, aber die Tatsachen sprechen selbst.

[ 37 ] Wichtig ist, daß die religiöse Bewegung nicht die Anthroposophie verleugnet. Sie irren, wenn Sie glauben, daß Sie dadurch weiterkommen. Besser ist, klar und sicher auf dem Boden der Anthroposophie zu stehen. Man soll alles offen aufklären. Sie dürfen nicht bei den Leuten die Meinung aufkommen lassen, Sie hätten mit Anthroposophie nichts zu tun. Die Waldorfschule hat mit der Anthroposophie alles zu tun. Irgendein Dozent hat gesagt, die Waldorfschule sei schon ganz schön, wenn sie nur ihre grundlegenden Ansichten fallen ließe. Das ist es, worauf ich den Ton lege: Wenn Anthroposophie die Grundlage der Waldorfschule ist, dann machen wir keine anthroposophische Sektenerziehung, sondern wir gehen durch Anthroposophie auf eine allgemeine Menschenerziehung aus.

[ 38 ] Wir haben die Aufgabe, nicht die Mißverständnisse aufzuklären, sondern einfach die Wahrheit zu sagen.