Vom Leben des Menschen und der Erde
Über das Wesen des Christentums
GA 349
9 Mai 1923, Dornach
13. Über Christi Tod, Auferstehung und Himmelfahr
Fragestellung: Kann man noch Näheres über die Persönlichkeit von Jesus Christus hören?
[ 1 ] Dr. Steiner: Sie sehen, meine Herren, daß die Frage, die gestellt wird, zeitgemäß ist, und so werden wir sie heute besprechen. Ich muß von vornherein sagen, daß dasjenige, was ich sagen werde, nur für diejenigen ganz verständlich sein wird, die schon längere Zeit dagewesen sind, während die Herren, die heute erst gekommen sind, sich langsam erst in dasjenige, was wir besprechen, hineinfinden werden.
[ 2 ] Also die Frage, die mir vorgelegt worden ist, und die wir besprechen werden, ist die über die Persönlichkeit Christi, welche dreiunddreißig Jahre alt geworden ist und dann starb.
[ 3 ] «Am dritten Tag erhob er sich aus dem Grabe, ist auferstanden. Wie kommt das, und woher hat diese Persönlichkeit die Kraft und Macht erworben? Und dann möchten Sie so freundlich sein und von seiner Himmelfahrt nach vierzig Tagen sprechen.»
[ 4 ] Da die Zeit gerade passend ist, werde ich das so besprechen, wie es wirklich geschehen ist, nachdem wir das andere schon haben vorangehen lassen; aber, wie gesagt, es kann nur für diejenigen ganz verständlich sein, die schon länger hier sind. Die anderen werden schon auch einmal dahin kommen, wenn wir öfter hier beisammen sind.
[ 5 ] Nun, sehen Sie, zunächst ist es ja so, daß die ganze Sache von Christi Persönlichkeit und seinen Schicksalen in der allerersten Zeit, nachdem sie sich zugetragen hatte, eigentlich ziemlich unbekannt war. Sie müssen die Sache nicht so auffassen, wie man sie heute anschaut, denn heute hat man so das Gefühl, daß die Ereignisse in Palästina, die sich an die Persönlichkeit Jesu anknüpfen, mit einem Schlag durch die ganze Welt bekanntgeworden seien. So ist es ja nicht, sondern die Sache ist so, daß ja dazumal in der Zeit, in der die Schicksale des Christus Jesus sich zugetragen haben, weitausgebreitet das sogenannte Römische Reich war, ein mächtiges Weltreich, und Palästina gehörte auch zu diesem mächtigen römischen Weltreich.
[ 6 ] Sie wissen ja, daß wir von diesem römischen Weltreich noch eine recht mißliche Erbschaft haben, das sogenannte Römische Recht. Sie wissen vielleicht, daß die Schüler an den Universitäten für die sogenannte Rechtsgelehrsamkeit sehr lange lernen müssen das sogenannte Römische Recht. Nun, das Römische Recht, das ist in einer Zeit ausgedacht worden, in der die gesellschaftlichen Verhältnisse ganz anders waren, so daß das Römische Recht natürlich für die heutige Zeit etwas höchst Unpassendes geworden ist. Aber es wird eben nach dem Römischen Recht heute noch Recht gesprochen.
[ 7 ] So haben wir eben von diesem Römertum diese eine Erbschaft. Wir haben noch manches andere; aber diese eine Erbschaft, das sogenannte Römische Recht, ist etwas, was Ihnen allen auffallen kann.
[ 8 ] Nun, diese römische Herrschaft, die war ja außerordentlich ausgebreitet. Ich will Ihnen nur einen kleinen Begriff davon geben, wie ausgebreitet die römische Herrschaft war. Sie brauchen sich nur den Süden von Europa vorzustellen: Hier haben wir etwa Spanien (es wird gezeichnet), hier haben wir dann Italien; da haben wir dann Griechenland, da haben wir das Schwarze Meer. Dann haben wir eine Menge von kleinen Inseln. Da stößt Kleinasien herüber, und da drüben, in der Gegend ungefähr, die ich so anstreichen will, da lag das kleine Ländchen Palästina mit Jerusalem, Nazareth und so weiter.
[ 9 ] Die römische Herrschaft war nun über alle diese Länder ausgedehnt. Die Römer hatten alle diese Länder mit ihrer Herrschaft besetzt. Also es war eine sehr ausgedehnte römische Herrschaft! Rom liegt ja erwa da. Natürlich spielte sich in Rom alles ab, was Regierungsgeschichten waren und so weiter, also sehr weit weg von Palästina. Und alles, was sich in Palästina abgespielt hat, das wurde in Rom dazumal sehr, sehr wenig bekannt. Und diejenigen Schriftsteller, die in Rom geschrieben haben, die haben noch etwa hundert Jahre lang, nachdem sich schon diese Tatsache mit dem Christus Jesus in Palästina zugetragen hatte, noch nichts davon geschrieben! Erst etwa hundert Jahre später hat man in Rom diese Sache aufgefaßt, die sich da in Palästina zugetragen hatte. Und man hat sie damals in Rom nicht viel anders behandelt als so, daß man eben gesagt hat: Nun ja, da in Palästina drüben ist ein unbekannter Mensch gekreuzigt worden. - Gekreuzigt werden bedeutete dazumal so etwas wie später: gehängt werden. Also es machte kein besonderes Aufsehen. Erst dann, nachdem hundert Jahre verlaufen waren, und die römische Herrschaft immer tyrannischer und tyrannischer und auch immer luxuriöser und luxuriöser geworden war, da hat sich gezeigt, daß mittlerweile, während in Rom die Leute in ihrem Luxusleben waren, sich langsam, nach und nach, das Christentum hier ausgebreitet hatte, und in Rom bemerkte man eigentlich zuerst die Christen. Und den Christen ging es in Rom ja so, daß man sie zunächst überhaupt nicht dulden wollte. Wer ein Christ war, der war in Rom etwas sehr stark Verfolgtes. Und jetzt muß ich Ihnen sagen, warum in Rom die Christen verfolgt wurden, denn, nicht wahr, Sie würden sonst ganz und gar nicht verstehen können, welche Auffassung darin liegt, daß dazumal die Ansicht aufkam: da ist in Palästina, in Jerusalem ein Gott gestorben. Da müssen Sie sich klarmachen, wie dazumal die Ansichten in der Welt eigentlich waren.
[ 10 ] Sehen Sie, für einen Römer in diesem ersten christlichen Jahrhundert, also für einen Römer in der Zeit, in der man geschrieben hat - man hat es dazumal nicht geschrieben, man hat nach dem römischen Kalender gerechnet, aber wenn unsere Zeitrechnung schon gewesen wäre, so hätte man 1 oder 10 oder 50 meinetwillen geschrieben —, also wenn Sie in der Zeit einen Römer dazumal gefragt hätten: Wer ist denn Gott? — so hätte er gesagt: Der Augustus, oder: Der Tiberius. - So wie heute [1923] der Chinese noch, wenn Sie ihn fragen: Wer ist denn Gott? — auf den Kaiser von China zeigt. Also Sie müssen sich klar sein darüber, daß in der damaligen Zeit für die Römer der Herrscher, der Regierende zu gleicher Zeit ihr Gott war. Und das war dasjenige, was die Römer zuerst an den Christen bemerkten, was sie zuerst gewahr wurden an den Christen, daß die Christen nicht daran glaubten, daß ein Mensch auf Erden ein allgemeiner Gott sein kann. Die Römer wußten nur, irgendein Mensch, der auf dem Throne sitzt, der eine mächtige Herrschaft hat, der ist der Gott, der ist das Höchste, das man anbeten muß. Es war ja auch eine Art von Anbetung, welche die Römer ihrem Herrscher zuteil werden ließen.
[ 11 ] Ja, das war so in der ganzen Welt dazumal. Da drüben im Orient, wo die großen Reiche einmal waren, das Perserreich, das assyrische, das babylonische Reich und so weiter in den alten Zeiten, da war es auch so, daß der Herrscher der Gott war. «Gott» bedeutete nichts anderes, als derjenige, an den man sich wendete, wenn man irgend etwas brauchte. Er war der Oberste. Man faßte ihn als Helfer auf. Er war nicht immer ein Helfer, aber man faßte ihn als Helfer auf.
[ 12 ] Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie ja das Wort «Gott» in Ihrer Sprache wahrscheinlich kennen werden. Wenn Kinder getauft werden, dann müssen Leute Pate stehen. Nun gibt es Gegenden, ich glaube, auch in der Schweiz hier, wo man den Mann den Gott, den Herrn Gott nennt, und die Frau Gottel nennt. Das bedeutet, daß die, die dem Kind Paten sind, Hilfe zu leisten haben. Das ist derselbe «Gott». Und der Gott war nur derjenige, der so der allgemeine Weltenpate war. Man muß sich, wenn man die Dinge der früheren Zeit verstehen will, immer zurückversetzen in die frühere Zeit. Also der Gott war der allgemeine Weltenpate. Der Name Goethe, der Name des deutschen Dichters Goethe, kommt auch von demselben Worte.
[ 13 ] Und das war das erste, was man von den Christen hörte, daß die Christen nicht daran glaubten, daß ein Mensch auf Erden ein allgemeiner Gott sein kann. Das war für die Römer etwas, was sie gar nicht fassen konnten. Solche furchtbaren Leute, die nicht den Kaiser gelten lassen als Gott, ja, das sind ganz gefährliche Leute. Und die Christen wiederum, die beriefen sich eben auf den Ausspruch: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. — Also, Sie schen an dem Ausspruch Jesu, da ist auseinandergeschnitten die Sache Kaiser und Gott. Gott ist das Unsichtbare. Gott ist dasjenige, was nicht in einem sichtbaren Menschen auf der Erde wohnt. Das behaupteten die Christen. Und das war der große Unterschied zwischen den Römern und den Christen. Und die Folge davon war, daß die Römer überhaupt die Christen als die allergefährlichsten Menschen ansahen, die die Staatsgewalt untergraben, weil sie nicht in dem Tempel dem Kaiser Opfer brachten. Die Opfer in den Tempeln, die wurden ja dem Kaiser gebracht von den Leuten. Nun, die Christen, die opferten einem Gott, der in Palästina gestorben ist, der gar nicht irgendwo zu sehen ist. Das war etwas, was die Römer nicht begreifen konnten. Und daher mußten die ersten Christen ihre Opferdienste unterirdisch verrichten, unter der Erde. Und diese unterirdischen Gänge, die sie sich da ausgruben, in denen sie ihre Verstorbenen begraben haben, ihre Opfer verrichtet haben, die nennt man Katakomben. Es gibt ja in Rom, in Italien überhaupt, unter der Erde solche weitausgedehnten Katakomben, wie kleine Städte. Da haben die ersten Christen in den ersten Jahrhunderten ihre Opferdienste verrichtet, während oben die Römer große Zirkusse hatten, riesige Zirkusse hatten, Und da hatten sie zum Beispiel ja in solchen Zirkussen sich ein Hauptvergnügen daraus gemacht, daß sie einen Menschen, den sie verachteten, irgendwie an einen Pfahl anbanden, an eine Säule, und ihn, nachdem er mit Pech bestrichen war, anzündeten und lebendig verbrannten. Und dem schaute man zu in den Zirkussen, so wie man heute bei Stierkämpfen zuschaut. Das war etwas, was ganz gang und gäbe war.
[ 14 ] Stellen Sie sich nur einmal dieses Bild vor, oben die wilden Römer in den Zirkussen, welche den mit Pech Bestrichenen an die Säule anbanden und lebendig verbrannten. Das belustigte sie also sehr. Und unten die Christen, die in den Katakomben ihre Gottesdienste verrichteten. Das war ein Unterschied, meine Herren, zwischen dem unter der Erde und über der Erde, wie man sich ihn schärfer gar nicht denken kann. Das muß man nur ins Auge fassen.
[ 15 ] Es ist ja richtig, daß die Dinge im Mittelalter dann auch ganz furchtbar zugegangen sind mit der Inquisition. Aber so schlimm, wie sich die Römer in der Blüte ihrer Kaiserzeit benommen haben, so schlimm haben sich die Christen später denn doch nicht benommen. Das muß man nur festhalten. Das ist eben wahr.
[ 16 ] Also das erste, was man in Rom hörte, das war: Die Christen, die wollen einen sichtbaren Gott nicht anerkennen. Nun natürlich ist ja immer mehr und mehr bekanntgeworden, was eigentlich mit diesem Christus Jesus gemeint war, und ich habe Ihnen ja schon einiges davon erzählt. Ich habe Sie zum Beispiel darauf aufmerksam gemacht, daß eigentlich zwei Jesusknaben dagewesen sind — der Name Jesus war in Palästina ein ebenso gewöhnlicher Name, den viele Menschen gehabt haben wie heute Sepperl oder Michel -; von denen ist der eine eben sehr früh gestorben, und die waren, man möchte sagen, Spielkameraden, außerordentlich fähige, begabte Kinder.
[ 17 ] Nun sehen Sie, diese Erzählung, die Sie ja alle aus der Bibel kennen, wie der zwölfjährige Jesus im Tempel die Schriftgelehrten unterrichtet, die ist etwas, was durchaus auf einer Wahrheit beruht. Nur müssen Sie natürlich sich jetzt nicht sagen: Wenn ein zwölfjähriger Bube heute an die Universität kommt, so würde das Professorenkollegium keinen großen Respekt vor ihm haben. Die heutigen Unterweisungen kann man eben mit den damaligen gar nicht vergleichen. Sie müssen wirklich nicht glauben, daß ich etwa konservative Gesinnung vertrete oder gar reaktionäre, aber ich muß Ihnen die Tatsachen erzählen, so wie sie sind. Nicht wahr, wir müssen ja heute ganz selbstverständlich unsere Kinder in die Schule schicken. Da lernen gerade die begabten Kinder außerordentlich viel von dem, was ihnen noch gar nicht liegt. Man muß ja, wie wir es in der Waldorfschule machen, die Sachen so herrichten, daß sie den Kindern liegen. Aber im allgemeinen lernen die Kinder außerordentlich viel, was ihnen gar nicht liegt. Das, was ihnen gar nicht liegt, das können natürlich die Erwachsenen besser als die Kinder. Aber was den Kindern ausgetrieben wird dadurch, daß die Kinder unser heutiges Lesen und Schreiben lernen, ja, meine Herren, darauf geben die Menschen heute gar nicht acht. Kinder sagen einem, wenn man sie richtig anzuhören versteht, außerordentlich gescheite Sachen. Das haben sie sich mitgebracht aus dem geistigen Leben, bevor sie auf die Erde heruntergestiegen sind. Und dieser eine Jesusknabe, der hat eben außerordentlich viel mitgebracht. Und dadurch, daß die beiden Jesusknaben Spielkameraden waren, wußten sie eigentlich im Grunde immer dasselbe. Nun ist der eine gestorben. Und so erzählen jetzt die Evangelien, weil das den Leuten besser gefallen hat, eben nur von einem Jesusknaben. Aber dadurch versteht man die Evangelien nicht. Lesen Sie heute das Matthäus- und das Lukas-Evangelium, so widersprechen die einander. Die ganze Abstammung des Jesus im Matthäus-Evangelium wird anders geschildert als im LukasEvangelium. Warum? Ja, weil sich die Dinge wirklich auf zwei Jesusknaben beziehen.
[ 18 ] Ich habe Ihnen gesagt, ich habe mich wirklich jahrelang mit der Frage vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus beschäftigt, und bin darauf gekommen: Es handelt sich um zwei Jesusknaben, und das Matthäus-Evangelium handelt von einem anderen Jesusknaben als das Lukas-Evangelium.
[ 19 ] Nun ist der eine im zwölften Jahre gestorben, der andere übriggeblieben. Wenn es also im Evangelium heißt: «Jesus nahm zu an Weisheit, Geist und Kraft», so ist das eben nur auf den einen bezüglich.
[ 20 ] Sehen Sie, das habe ich lang vorher gefunden, wie ich es Ihnen gesagt habe, daß es zwei solche Jesusknaben gibt. Man wußte nicht, daß irgendwo in der Geschichte gemeldet wird, daß es zwei Jesusknaben gibt, bis wir einmal in Norditalien auf ein Bild trafen. Da ist diese Geschichte dargestellt von Jesus im Tempel, wo er die Schriftgelehrten belehrt. Und da ist merkwürdigerweise dieser zweite Jesusknabe. Der geht da fort. Der eine, der belehrt, und der andere, der da abzieht — das ist nicht der gewöhnliche Jesusknabe, den kennt man! Da sind also zwei Jesusknaben darauf, So daß man sagen kann, daß in gewissen Jahrhunderten die Leute noch gewußt haben: ein zweiter Jesusknabe hat existiert. Der geht weg. Erst als ich das gefunden hatte, konnte ich wissen, daß da dieser zweite Jesusknabe dargestellt ist. Sie sehen also, meine Herren, durch Jahrhunderte hat man das gewußt. Aber die Kirche hat niemals solche Sachen, die der wirklichen Wahrheit entsprechen, eigentlich aufkommen lassen.
[ 21 ] Nun habe ich Ihnen ja schon gesagt, es gibt einfach gewisse Dinge im Leben des Menschen, wo man sagt, es kommt eine Erleuchtung. Natürlich, das lassen die Leute nicht gelten. Aber sehen Sie, von solchen Erleuchtungen - die gibt es eben einfach —, von solchen Erleuchtungen kann man sprechen, und ich will Ihnen ein Beispiel erzählen, das mir erst gestern von einem Mitgliede von hier übergeben worden ist. Ich könnte Ihnen Hunderte von Beispielen erzählen, aber ich will Ihnen dieses neueste Beispiel erzählen. Herr Pfeiffer, ich kann es doch sagen?
[ 22 ] Da gibt es einen sehr bedeutenden Chemiker, Kekulé, ein einwandfreier Gelehrter, eben einfach ein richtiger Chemiker, der viele Bücher über Chemie geschrieben hat. Nun gibt es zwei wichtige wissenschaftliche Ansichten, die von Kekulé herrühren. Ich brauche Ihnen diese Ansichten nicht weiter auseinanderzusetzen; das würde uns stundenlang beschäftigen, darauf kommt es jetzt gar nicht an. Diese zwei
[ 23 ] wichtigen chemischen Ansichten, die beziehen sich darauf, wie die Stoffe, namentlich Benzol zum Beispiel, in ihren kleinsten Teilen beschaffen sind. Und diese Ansichten, die da Kekulé aufgestellt hat, die spielen eine außerordentlich große Rolle in der Chemie. Wer Chemie kennt, der weiß, daß man heute überall von den KekuleTheorien redet.
[ 24 ] Nun, was erlebte Kekulé selber? Kekulé erzählt, er war einmal in London, da wohnte er ziemlich weit draußen — da hatte er noch nichts von seinen Theorien aufgestellt - und mußte in der Nacht immer mit einem Omnibus nach dem anderen Ende der Stadt fahren. Da hatte er einen Bekannten, den besuchte er abends. Deshalb mußte er immer so weit fahren, weil er dort die Nacht zubrachte. Nun fuhr er einmal nach Hause, nachdem er mit dem Bekannten, der auch ein Chemiker war, lange über chemische Sachen geredet hatte. Er fuhr nach Hause und saß im Omnibus oben auf der Außenseite. Da döste er ein, fing an einzuschlafen. Und wie er oben auf dem Omnibus einzuschlafen anfängt, da träumte ihm: Da ist ein Atom, da ist ein anderes, da ein drittes Atom; und da sind dann kleine Atome, die werden zusammengehalten von den großen (es wird gezeichnet). Da träumte ihm von dem Stoff, der Materie, wie diese beschaffen ist. Das träumte ihm alles auf dem Omnibusse oben. Sowie er nach Hause kommt, schreibt er sich das sorgfältig auf. Das war die eine Theorie. Sehen Sie, sie hat ihm geträumt. Eingegeben war sie ihm, eine ganz materialistische Theorie.
[ 25 ] Das zweite ist die sogenannte Benzoltheorie. Die hat er ein anderes Mal, allerdings nicht in London, sondern als er an einem anderen Orte eingedöst war, geträumt.
[ 26 ] Ja, meine Herren, Sie sehen, da mußte ein ganz materialistischer Chemiker gestehen, mit seinem Denken, mit dem Ausdenken wäre er gar nicht auf die Sachen gekommen, sondern er bekam eben durch einen Traum eine Erleuchtung über diese zwei Dinge. Eine richtige Eingebung war alles.
[ 27 ] Nun möchte ich einmal wissen, warum man dann sich dagegen wendet, wenn gesagt wird, daß der Jesus, der übriggeblieben war, im dreißigsten Jahre etwas ganz anderes geworden ist. Natürlich, der Kekule ist nicht gleich ein ganz anderer Mensch geworden, weil die Eingebung doch eine kleine war. Aber in den Jesus zog ein das Wissen von der ganzen Welt, als er dreißig Jahre alt war. Das war in jenen älteren Zeiten etwas, was durchaus möglich war, und ähnliche Dinge sind auch heute noch möglich. Also Sie müssen sich nur denken, daß der Jesus von Nazareth, der da übriggeblieben war, im dreißigsten Jahre erleuchtet worden war mit alledem, was man den Christus nennt. Der fuhr in ihn herein, wie in den Kekulé die Benzoltheorie hereingefahren ist. Dadurch war er ein ganz anderer Mensch geworden. Und diejenigen, die jetzt etwas von der Sache verstanden, die sagten: Die Römer, die haben einen Gott auf dem Thron. Der Gott auf dem Thron, sagten sie, der ist durch die gewöhnlichen Erdenmächte geworden. Solche Götter auf dem Thron, die haben ja gewöhnlich nicht Erleuchtungen; wenigstens meistens nicht, nicht wahr; die haben nicht solche Erleuchtungen mit dreißig Jahren.
[ 28 ] Nun, die Christen sagten: Unser Gott, der ist nicht eingesetzt von Menschen, der ist eingesetzt von den Weltenmächten selber.
[ 29 ] Nun mußten sie aber noch etwas anderes sagen. Sehen Sie, es war nicht so unbestimmt, was man von dem Jesus dazumal sagte, wie dasjenige, was ich Ihnen jetzt eben mitteile. Ich muß es Ihnen langsam und allmählich mitteilen, daher, nicht wahr, ist die Sache erst unbestimmt. Aber es war noch in folgender Weise bestimmter. Sehen Sie, wir haben heute, damit einzelne Menschen gescheit werden nach der Ansicht unserer Zeit, Hochschulen. Nachdem man zuerst schon lange im sogenannten Gymnasium oder in der Realschule gescheit gemacht worden ist, kommt man auf die Hochschule. Da wird einem nun der letzte Schliff der Gescheitheit gegeben. Aber Sie werden ja nicht immer finden, daß die Menschen, die da von der Universität dann herauskommen, andere Menschen geworden sind in der Universität, sondern sie haben äußerlich etwas gelernt.
[ 30 ] Das war allerdings in älteren Zeiten nicht der Fall. In älteren Zeiten hatte man gar nicht einen Unterschied zwischen Kirchen und Theatern und Schulen, sondern das war alles eins, und das nannte man Mysterien. Da wurden dazumal die Leute ausgebildet. Und das Wichtigste, was den Leuten in den Mysterien gelehrt worden ist, das war das sogenannte Wissen von der Sonne.
[ 31 ] Sehen Sie, ich habe Ihnen ja, als wir von naturwissenschaftlichen Sachen gesprochen haben, immer gesagt, was die Sonne für einen Einfluß hat auf alles dasjenige, was auf der Erde vor sich geht. Die Pflanzen wachsen nicht bloß, weil sie von unten aus dem Boden herausgetrieben werden, sondern weil die Sonne sie heraustreibt. In uns allen ist die Sonnenkraft geradeso wie die Erdenkraft. Und ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß diese Sonnenkraft nicht bloß eine tote Kraft ist, sondern eine weisheitsvolle, lebendige Kraft. Ich habe Ihnen viele Beispiele vorgeführt. Sie haben sehen können, daß das, was unter den Tieren geschieht, weisheitsvoll, intelligent, verständig geschieht. Ja, wenn man zur Sonne hinaufsieht, stellen sich die Gelehrten vor, das ist ein Gasball. Ja, meine Herren, das ist ungefähr geradeso gescheit, als wenn wir alle miteinander einmal uns könnten — man kann es ja nicht, aber nehmen wir an, wir könnten das so, wie es der Jules Verne geschildert hat - in ein großes Flugzeug setzen und könnten auf den Mond hinauffahren, auf dem Mond unsere Arbeit suchen und ich würde Ihnen sagen: Da, meine Herren, da unten, seht ihr, da ist die Erde. Die Erde ist ein Körper, da ist nichts anderes darauf. — Sie würden mir nicht glauben, meine Herren, weil Sie ja mit mir heraufgefahren sind. Sie würden glauben, daß da doch Menschen darauf sind. Menschen, die Seelen haben, sind auf der Erde.
[ 32 ] Aber geradeso machen es die Gelehrten mit der Sonne heute. Man sitzt da auf der Erde, schaut auf die Sonne hinauf und sagt: Da oben ist nichts als brennendes Gas. — Aber das ist ein wirklicher Unsinn. Die Sonne ist, wenn auch nicht von solchen Menschen, die man mit Augen sehen kann, bewohnt, aber sie ist bewohnt.
[ 33 ] Und dieses Wissen von der Sonne, das hat man in den alten Mysterien den Schülern hauptsächlich mitgeteilt. Und deshalb hat man diese Schüler Sonnenschüler genannt. Man hat gesagt: Da oben auf der Sonne, da sind die Kräfte, die Frühlingskräfte, die Sonnenkräfte, da ist dasjenige, was aus der Erde alles herauszieht. Und so hat man einen, der in der alten Zeit das gelernt hatte, was die Geheimnisse der Sonne sind, Sonnenschüler genannt, und später, wenn er ausgebildet war, einen Sonnenmeister. Und dasjenige, was nun der Jesus von Nazareth im dreißigsten Jahre plötzlich wußte, das war diese Sonnenweisheit. Diese Sonnenweisheit war über ihn gekommen. Nun haben Sie vielleicht schon gesehen, wenn Pflanzen, die auf der Erde schön grün sind, kraftvoll sind, unten unter der Erde sind im Keller, so werden sie ganz weißlich und wie gelähmt. Nun, da fährt eben nicht die Sonnenkraft in sie hinein. Diese Sonnenkraft im mystischen, geistigen Sinne, die ist in den Jesus hineingezogen. Und diejenigen, die das verstanden haben, haben gesagt: Jetzt ist der Christus in den Jesus hineingezogen.
[ 34 ] Sehen Sie, jetzt kam eben diese merkwürdige Sache. Die Juden, die hauptsächlich in Palästina hier wohnten (es wird auf die Tafel gewiesen), die hatten längst von ihren Propheten gehört, es muß einmal so etwas geschehen, daß die Erde belehrt werden kann aus dem Weltenraum selber herunter. Aber Sie können ganz sicher sein, wenn heute irgendwo einer einen «Wilhelm Tell» schreiben würde, wie ihn Schiller geschrieben hat, und man würde ihn im Theater aufführen, würden die Leute sagen: Das ist ein Schmus, das ist etwas ganz Schlechtes. Sie würden es nicht anerkennen. Und der «Wilhelm Tell» ist eben zuerst von den paar Leuten anerkannt worden, die Schiller gekannt haben; dann hat sich das verbreitet. Es ist schon einmal so in unserer Gesellschaftsordnung, ist immer so gewesen, daß die Mehrzahl der Menschen sich haben führen lassen an ihrem Schopf. So haben die Juden sich auch führen lassen an ihrem Schopf und haben eben, als das eingetreten ist, und sie nun nicht mehr durch die Mysterien geführt worden sind, sondern als einer aufgetreten ist, der dieses Sonnenwissen gehabt hat, da haben sie gesagt: Das ist aber einmal einer, der das behauptet, daß das alles wahr ist, was er sagen kann! — Sie wissen ja, was man mit solchen Leuten macht, die eine Wahrheit sagen, die noch nicht bekannt ist unter den Leuten. Das war eine große Wahrheit und Weisheit, die der Jesus von Nazareth, in dem der Christus jetzt lebte, zu verkündigen hatte. Nun, und da kreuzigte man ihn. Und er ist tatsächlich durch den Tod gegangen.
[ 35 ] Da komme ich jetzt auf die Frage, wie sie mir direkt gestellt worden ist. Sehen Sie, meine Herren, die heutigen aufgeklärten Theologen, die sind meistens womöglich noch ärger als die nichtaufgeklärten. Die unaufgeklärten Theologen sagen: Nun ja, da haben sie dann den Christus ins Grab gelegt, und nach drei Tagen ist er mit Fleisch und Blut, so wie er war, auferstanden. - Nun, da haben natürlich die aufgeklärten Leute gesagt: Das glauben wir nicht, weil keiner aus dem Grabe herauskommt. — Aber, ich möchte sagen, es ist doch wenigstens irgend etwas, wozu man sich bekennt. Es mag ja anfechtbar sein, aber es ist etwas, wozu man sich bekennt.
[ 36 ] Aber was sagen die aufgeklärten Theologen? Sehen Sie, einer der aufgeklärtesten Theologen, der viel bekannt und genannt ist, ist Harnack. Was sagt der über die Auferstehung? Sehen Sie, Harnack sagt: Was da am dritten Tag im Garten von Gethsemane — dort war nämlich das Grab - sich zugetragen hat, das kann man ja nicht wissen. So sagt also der aufgeklärte Theologe: Was da am dritten Tag im Garten von Gethsemane sich zugetragen hat, das kann man ja nicht wissen. Aber viele Leute haben nach und nach geglaubt, daß dort der Christus auferstanden ist. Also ist das der Osterglaube, und wir nehmen an, daß man sich an diesen Österglauben halten soll.
[ 37 ] Sehen Sie, ich habe einmal diese Frage - es ist jetzt schon lange her — in der Berliner Giordano Bruno-Vereinigung vorgebracht. Da war Vorsitzender ein Gelehrter, der glaubte, sehr viel von diesen Dingen zu wissen, und der sagte: Das kann doch Harnack nicht behauptet haben, denn was wäre denn das, wenn Harnack behauptete, daß man nicht glauben soll, was wirklich geschehen ist, sondern nur an das, was die Leute darüber glauben! Das wäre ja so wie mit dem Heiligen Rock von Trier, wo auch die Leute sagen: Nun ja, ob der Heilige Rock von Trier wirklich derjenige ist, den Christus getragen hat, das weiß man nicht, aber so und so viele glaubten daran, also glauben wir auch! — So sagte der Protestant von dem katholischen Glauben an den Heiligen Rock von Trier. Oder ein anderes Beispiel ist ja das von den Knochen des heiligen Antonius. Als man sie genau untersuchte, waren es Kalbsknochen. Da haben auch die Leute, die daran geglaubt haben, sich nicht viel daraus gemacht, sondern gesagt, es komme nicht darauf an, ob es die Wirklichkeit ist, sondern ob es die Leute glauben.
[ 38 ] Es kommt aber gar nicht darauf an, sondern es kommt darauf an, was geschehen ist! Nun wird in der Bibel eigentlich in einer wunderbaren Weise erzählt, nur geben die Leute nicht acht, wie dort erzählt wird. In der Bibel wird nicht erzählt, das und das ist geschehen, sondern überall wird erzählt: Das und das haben Menschen gesehen, richtig gesehen. Das wird erzählt.
[ 39 ] Es wird also erzählt, daß die Frauen hinausgekommen sind, und was sie am Grabe gesehen haben - fassen Sie das als sophistisch auf, wenn Sie wollen! Es wird erzählt, daß der Christus den Jüngern in Emmaus begegnet ist, und so weiter; daß der Christus gesehen worden ist, das wird erzählt.
[ 40 ] Jetzt erinnern Sie sich daran, daß ich Ihnen gesagt habe, der Mensch besteht nicht nur aus diesem materiellen stofflichen Leibe, der ins Grab gelegt wird, sondern der Mensch besteht auch noch aus dem Ätherleib, astralischen Leib und Ich. Ich habe Ihnen das ganz genau beschrieben. Nun ist der physische Leib des Jesus von Nazareth tatsächlich ins Grab gelegt worden. Ich habe mich viel mit dieser Frage beschäftigt, und es ist außerordentlich bedeutsam, daß da gesagt worden ist im Evangelium selber, daß ein Erdbeben gekommen ist. Es war ein solches Erdbeben da. Das hat einen Spalt gemacht und der Leib ist aufgenommen worden von der Erde, war also wirklich nicht mehr da. Und die Jünger haben nicht diesen physischen Leib gesehen, sondern den Ätherleib, den übersinnlichen Leib. Die Frauen und die Jünger haben den Christus im Ätherleib gesehen, nicht mehr den Jesus von Nazareth, sondern den Christus, dasjenige, was jetzt der verwandelte innere Mensch war.
[ 41 ] Natürlich müssen Sie sich vorstellen, dasjenige, was sich da zugetragen hat, das war ja für die Jünger etwas außerordentlich Großartiges. Sie müssen nur bedenken, wenn irgendeiner unter Ihnen ist, mit dem Sie so ganz freundschaftlich zusammengewachsen sind, der wird Ihnen durch die Kreuzigung, also heute würde man es nennen: durch den Galgen, entrissen, Sie sind innig verbunden mit ihm — das gibt doch einen Gemütszustand. Dieser Gemütszustand hat die Jünger geradezu hellsichtig gemacht für diese Dinge. Und sie haben immer wiederum, öfter als in den Evangelien angeführt ist, in den ersten Tagen den Christus wirklich gesehen. Aber es war der übersinnliche Christus.
[ 42 ] Und sehen Sie, wenn Sie in den Paulusbriefen lesen, dann lesen Sie von dem berühmten Ereignis von Damaskus, das Paulus erfuhr. In der Nähe von Damaskus kam er in eine Art von Schlafzustand, da erschien ihm in den Wolken der Christus. Und geben Sie acht, wie Paulus das erzählt. Er sagte einmal: Mir kann man nicht den Glauben an den Christus wegnehmen, denn ich habe wie die anderen Apostel den Christus gesehen.
[ 43 ] Also Paulus sagt nicht, die anderen Apostel haben den Christus in dem physischen Leib gesehen; sonst müßte er behaupten, auch er habe den Christus im physischen Leib gesehen. Er behauptet ausdrücklich, er habe den Christus in den Wolken gesehen, also den übersinnlichen Christus, und indem er sagt, er und die anderen Apostel haben den Christus gesehen, weist er schon darauf hin, daß die anderen Apostel, ebenso wie er, den Christus im übersinnlichen Leibe geschen haben. Und nicht wahr, da glauben die Leute, es sei ein Einwand dagegen, daß der ungläubige Thomas die Hände in die Wundmale legen mußte. Das will ja bloß besagen: die Gegenwart, daß der Christus da war, dieses Erleben war so stark, daß der Thomas selbst den starken Glauben haben konnte, er berühre ihn. Es war also alles auf den übersinnlichen Christus bezüglich.
[ 44 ] Nicht wahr, die Wundmale waren ja etwas, was den Jüngern, besonders den Aposteln, zu Herzen gegangen ist. Es wäre ja viel weniger anschaulich, wenn da nicht erzählt würde, gerade die Wundmale konnten berührt werden. Warum gerade die Wundmale? Warum nicht die Hände auf das Gesicht oder auf so etwas legen? Da würde er ja auch gespürt haben, daß etwas da ist. Er legte seinen Finger auf die Wundmale, weil die Wundmale einen besonderen Eindruck gemacht haben, und es tatsächlich von dem höheren Schauen abhing, was da der Jünger von dem Christus wirklich gewahr wurde.
[ 45 ] So daß man also sagen kann: Vierzig Tage hintereinander waren sich die Jünger klar darüber: der Christus ist noch da.
[ 46 ] Und daraus entstand dann die christliche Lehre — die die ursprüngliche christliche Lehre ist, an die dasjenige anknüpft, was ich Ihnen am vorigen Montag gesagt habe -, daraus entstand dann die christliche Lehre: Wenn Christus begraben wird, dann ist im Grabe bloß der Leichnam, der ja verschwindet; das Unsterbliche hat uns der Christus an sich selbst gezeigt; er ist in seinem Unsterblichen vierzig Tage herumgewandelt. Wir haben ihn gesehen. Und dem Paulus ist er sogar noch viel später erschienen. Er ist also immer da.
[ 47 ] Und so können wir auch heute sagen: Er ist immer da. Nur haben die Jünger, weil diese Kraft des Sehens in ihnen geschwunden ist, ihn nach vierzig Tagen nicht mehr gesehen. Da haben sie gesagt: Jetzt ist er von uns gegangen: Himmelfahrt. Das ist ein Ereignis, das die Jünger natürlich mit großer Traurigkeit erfüllt hat. Sie haben gesagt: Trotzdem er gestorben ist, trotzdem ihn die Feinde gekreuzigt haben, war er noch vierzig Tage lang unter uns. Jetzt ist er nicht mehr unter uns. Jetzt ist er wiederum zurückgekehrt in die Weiten der Welt.
[ 48 ] Und da wurden sie wirklich traurig. Nicht in einer gewöhnlichen Traurigkeit, sondern in einer ganz tiefen Traurigkeit. Und die zehn Tage, von denen jetzt geredet wird, diese zehn Tage waren für die Jünger und Apostel etwas, wo sie ganz tief mit sich zu Herzen gingen, wo sie alles mit innerer Kraft bedachten, was der Christus ihnen jemals gesagt hat. Diese zehn Tage reichten hin, daß sie sich selber hinterher sagten: Ja, das können wir selber auch alles wissen; diese Weisheit — sagten sie sich durch den starken Eindruck —, diese Weisheit sitzt selber in uns. Und sie fühlten jetzt nach zehn Tagen die Kraft, diese Weisheit auch zu lehren. Die feurigen Zungen — das ist das Bild dafür - bekamen sie auf ihre Häupter. Das ist Pfingsten, der Pfingstgedanke, die feurigen Zungen. Durch die große Trauer, wo sie noch alles bedacht hatten, daß sie des Christus nicht einmal mehr ansichtig wurden, waren sie so in sich gegangen, daß sie selber lehren konnten.
[ 49 ] Und schön wird ja erzählt, daß sie jetzt anfingen, «in allen Sprachen zu reden». Aber da muß man nur ein wenig sich klar sein, wie da in alten Zeiten geredet wird. Sie dürfen natürlich nicht glauben, daß da behauptet wird, die Apostel hätten angefangen, chinesisch oder japanisch zu reden oder gar deutsch, sondern gemeint ist nach der Sprechweise in alten Zeiten, daß sie jetzt durch all das, was sie in den zehn Tagen zwischen Himmelfahrt und Pfingstfest gedacht haben, tolerant geworden sind. Jetzt gab es für sie nicht mehr den Unterschied der Religionen, sondern sie verkündeten eine Religion für alle Menschen. Das ist damit gemeint, daß sie in allen Sprachen reden konnten; eine Religion für alle Menschen verkündeten sie.
[ 50 ] Und das ist ja der schönste Pfingstgedanke; die Religion für alle Menschen. Sehen Sie, dasjenige, was den Menschen am meisten geschadet hat, ist immer der Fanatismus in der Religion, das Ausschließliche in der Religion, daß man da Christentum und Buddhismus und Judentum und alles mögliche hat. Warum ist das, daß man so viele Religionen hat? Daß man so viele Religionen hat, das rührt davon her, daß diese Religionen Erdenreligionen sind, richtige Erdenreligionen.
[ 51 ] Was meine ich damit, wenn ich sage: Erdenreligionen? Nun, sehen Sie, da gibt es eine Zeit, wenn wir zum Beispiel zurückgehen, sagen wir — wir schreiben heute 1923 - in die Zeit, von der ich Ihnen erzählt habe, daß der Christus Jesus in Palästina gelebt hat, also in die Zeitenwende. Jetzt gehen wir weiter zurück, sagen wir, in das Jahr 3500 vor dem Christus Jesus, also zurück ins Altertum, da gibt es da unten in Ägypten Menschen, die haben etwa 3000 oder 3500 Jahre vor Christus auch von ihrem Gott gesprochen, nur in alten Worten. Sie haben ihn Ra genannt zum Beispiel. Sie haben von ihrem Gott gesprochen, aber sie haben gesagt: Der Gott, der ist in der Stadt Theben zum Beispiel, und in der Stadt Theben, da gab es so eine Art Gebäude mit besonderem künstlerischem, grabmalähnlichem Aufbau. Da drinnen wohnte der Gott. Das war die älteste Form, in der man den Gott verehrte, daß er an einem bestimmten Orte war.
[ 52 ] Ja, meine Herren, wenn einer da wohnte, wo wir heute wohnen, da wird er wahrscheinlich nicht gesagt haben: der Gott, der ist in Theben; denn das ist etwas gewesen, wo man nicht nur nicht hingekommen ist in alten Zeiten, sondern wovon man überhaupt nichts gewußt hat. Man hat ja nichts gewußt von Theben. Also diejenigen, die hier unten waren, in Ägypten, wo der Nil fließt, die haben gesagt: Der Gott, der wohnt in Theben. Und diejenigen, die hier waren, in unserer Gegend, die hatten auch solche Ortsgottheiten. So zum Beispiel war eine Ortsgottheit im heutigen Elsaß, oder in Münster. Also die Menschen verehrten Gott an einem bestimmten Ort. Ja, das bedingt, das macht, daß verschiedene Religionen da sind: die Thebener Religion, die Münsterer Religion, die elsässische Religion. Da spalten sich die Religionen.
[ 53 ] Und später, als dann die Menschen auf der Erde mehr gewandert sind, da konnten sie nicht mehr irgendeinen Ort annehmen für den Gott, denn da hätten sie sich ja selber widersprochen. Sie waren weggezogen, und da hatten sie nicht mehr den Ort angenommen als Gott, sondern den Menschen, der sie angeführt hat. Und so ist allmählich die Gottwürde an den Kaiser und Fürsten übergegangen. Da war wiederum für das eine Volk der Fürst Kaiser. Viele Fürsten entstanden.
[ 54 ] Sie sehen, in Rom war noch etwas von dieser Religion, indem die Römer ja ihren Kaiser noch als Gott verehrten.
[ 55 ] Aber was war das Christentum? Das Christentum sagte nichts von alledem. Nicht an einen Ort auf der Erde, nicht an einen Menschen auf der Erde ist dasjenige, was man verehren soll, das Göttliche, gebunden, sondern an die Sonnenkraft, die Sonnenlebendigkeit, die der Christus in sich aufgenommen hat. Und die Sonne ist gerade allmenschlich. Denn kein Mensch kann sagen in Europa, wenn die Sonne auf seinen Scheitel scheint, daß das eine andere Sonne ist als die Sonne der Ägypter oder der Chinesen oder der Australier. Wer wirklich anerkennt, daß die Christus-Kraft von der Sonne kommt, der muß anerkennen die allgemeine Religion für alle Menschen.
[ 56 ] Es war die allgemeine Religion für alle Menschen, wenn es auch die Leute nicht immer verstanden. Und den Jüngern ist so etwas ganz gut aufgegangen, daß die Sonnenreligion da ist. Das wird dadurch ausgedrückt, daß sie in allen Sprachen reden konnten. Sie konnten eine Versöhnungs-, eine Toleranzreligion für alle Menschen bringen. Das ist der Pfingstgedanke. Aber Sie wissen ja, der Pfingstgedanke ist heute noch nicht erfüllt. Und der muß erfüllt werden. Es muß noch durchaus klar werden, daß dasjenige, was der Christus auf die Erde gebracht hat, gar nicht von einer Lehre abhängig ist, sondern von einer Tatsache.
[ 57 ] Wenn heute die europäischen Missionare zu einem Inder oder Chinesen kommen, da verlangen sie von denen, daß sie glauben an das, was man in Rom von dem Christus sagt. Dazu können sich die Inder oder die Chinesen nicht entschließen, denn das hat sich aus den europäischen Verhältnissen herausgebildet. Damit kann man die Leute nicht bekommen. Aber wenn man es so sagen würde, wie ich es Ihnen heute gesagt habe, könnte man es auf der ganzen Erde verstehen. Denn was für alle Menschen gilt, das ist der Pfingstgedanke.
[ 58 ] Jetzt habe ich versucht, Ihnen den Himmelfahrtsgedanken, wie er zu nehmen ist, und den Pfingstgedanken auseinanderzusetzen, was der Herr, der die Frage aufgezeichnet hat, ja wissen wollte. Ich finde das auch sehr passend, weil heute der Tag vor Himmelfahrt ist und in zehn Tagen die Pfingsttage folgen. Es war mir sehr lieb, daß ich Ihnen das sagen konnte.
[ 59 ] Jetzt muß ich nach Norwegen fahren. Ich werde es Ihnen dann wieder sagen lassen, wann der nächste Vortrag sein wird. Auf Wiedersehen!
