Man's Life on Earth and
the Essence of Christianity
GA 349
9 May 1923, Dornach
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Man's Life on Earth and the Essence of Christianity, tr. SOL
13. Über Christi Tod, Auferstehung und Himmelfahr
13. On Christ's Death, Resurrection, and Ascension
Fragestellung: Kann man noch Näheres über die Persönlichkeit von Jesus Christus hören?
Question: Is there more information available about the personality of Jesus Christ?
[ 1 ] Dr. Steiner: Sie sehen, meine Herren, daß die Frage, die gestellt wird, zeitgemäß ist, und so werden wir sie heute besprechen. Ich muß von vornherein sagen, daß dasjenige, was ich sagen werde, nur für diejenigen ganz verständlich sein wird, die schon längere Zeit dagewesen sind, während die Herren, die heute erst gekommen sind, sich langsam erst in dasjenige, was wir besprechen, hineinfinden werden.
[ 1 ] Dr. Steiner: As you can see, gentlemen, the question being raised is very timely, and so we will discuss it today. I must say from the outset that what I am about to say will be fully understandable only to those who have been here for some time, while those who have just arrived today will gradually find their way into the subject we are discussing.
[ 2 ] Also die Frage, die mir vorgelegt worden ist, und die wir besprechen werden, ist die über die Persönlichkeit Christi, welche dreiunddreißig Jahre alt geworden ist und dann starb.
[ 2 ] So the question that has been put before me, and which we will discuss, is that of the person of Christ, who lived to be thirty-three years old and then died.
[ 3 ] «Am dritten Tag erhob er sich aus dem Grabe, ist auferstanden. Wie kommt das, und woher hat diese Persönlichkeit die Kraft und Macht erworben? Und dann möchten Sie so freundlich sein und von seiner Himmelfahrt nach vierzig Tagen sprechen.»
[ 3 ] “On the third day, he rose from the grave—he was resurrected. How did this happen, and where did this figure acquire such strength and power? And then, would you be so kind as to tell us about his Ascension forty days later?”
[ 4 ] Da die Zeit gerade passend ist, werde ich das so besprechen, wie es wirklich geschehen ist, nachdem wir das andere schon haben vorangehen lassen; aber, wie gesagt, es kann nur für diejenigen ganz verständlich sein, die schon länger hier sind. Die anderen werden schon auch einmal dahin kommen, wenn wir öfter hier beisammen sind.
[ 4 ] Since the time is right, I’ll discuss this exactly as it happened, after we’ve already covered the other topic; but, as I said, it can only be fully understood by those who have been here for a while. The others will get there eventually, once we meet here more often.
[ 5 ] Nun, sehen Sie, zunächst ist es ja so, daß die ganze Sache von Christi Persönlichkeit und seinen Schicksalen in der allerersten Zeit, nachdem sie sich zugetragen hatte, eigentlich ziemlich unbekannt war. Sie müssen die Sache nicht so auffassen, wie man sie heute anschaut, denn heute hat man so das Gefühl, daß die Ereignisse in Palästina, die sich an die Persönlichkeit Jesu anknüpfen, mit einem Schlag durch die ganze Welt bekanntgeworden seien. So ist es ja nicht, sondern die Sache ist so, daß ja dazumal in der Zeit, in der die Schicksale des Christus Jesus sich zugetragen haben, weitausgebreitet das sogenannte Römische Reich war, ein mächtiges Weltreich, und Palästina gehörte auch zu diesem mächtigen römischen Weltreich.
[ 5 ] Well, you see, to begin with, the whole matter of Christ’s personality and his fate in those very earliest days—after it had taken place—was actually quite unknown. You shouldn’t view the matter the way people do today, because today there is a sense that the events in Palestine connected to the person of Jesus became known throughout the world all at once. That is not the case, however; rather, the reality is that back then, at the time when the events surrounding Christ Jesus took place, the so-called Roman Empire—a powerful world empire—spanned a vast territory, and Palestine was also part of this powerful Roman world empire.
[ 6 ] Sie wissen ja, daß wir von diesem römischen Weltreich noch eine recht mißliche Erbschaft haben, das sogenannte Römische Recht. Sie wissen vielleicht, daß die Schüler an den Universitäten für die sogenannte Rechtsgelehrsamkeit sehr lange lernen müssen das sogenannte Römische Recht. Nun, das Römische Recht, das ist in einer Zeit ausgedacht worden, in der die gesellschaftlichen Verhältnisse ganz anders waren, so daß das Römische Recht natürlich für die heutige Zeit etwas höchst Unpassendes geworden ist. Aber es wird eben nach dem Römischen Recht heute noch Recht gesprochen.
[ 6 ] As you know, we still have a rather troublesome legacy from the Roman Empire: so-called Roman law. You may be aware that university students studying what is known as “jurisprudence” must spend a great deal of time studying so-called Roman law. Well, Roman law was devised at a time when social conditions were quite different, so that Roman law has naturally become highly unsuitable for the present day. But justice is still administered today according to Roman law.
[ 7 ] So haben wir eben von diesem Römertum diese eine Erbschaft. Wir haben noch manches andere; aber diese eine Erbschaft, das sogenannte Römische Recht, ist etwas, was Ihnen allen auffallen kann.
[ 7 ] So this is the one legacy we have inherited from the Romans. We have many others as well; but this one legacy—what is known as Roman law—is something that may strike all of you as noteworthy.
[ 8 ] Nun, diese römische Herrschaft, die war ja außerordentlich ausgebreitet. Ich will Ihnen nur einen kleinen Begriff davon geben, wie ausgebreitet die römische Herrschaft war. Sie brauchen sich nur den Süden von Europa vorzustellen: Hier haben wir etwa Spanien (es wird gezeichnet), hier haben wir dann Italien; da haben wir dann Griechenland, da haben wir das Schwarze Meer. Dann haben wir eine Menge von kleinen Inseln. Da stößt Kleinasien herüber, und da drüben, in der Gegend ungefähr, die ich so anstreichen will, da lag das kleine Ländchen Palästina mit Jerusalem, Nazareth und so weiter.
[ 8 ] Well, Roman rule was, after all, extraordinarily extensive. I’d just like to give you a brief idea of just how extensive Roman rule was. You need only create a mental image of southern Europe: Here we have Spain (it’s being drawn), here we have Italy; over there we have Greece, and over there we have the Black Sea. Then we have a multitude of small islands. Asia Minor juts out over there, and over there, in the area I’m about to highlight, lay the small country of Palestine with Jerusalem, Nazareth, and so on.
[ 9 ] Die römische Herrschaft war nun über alle diese Länder ausgedehnt. Die Römer hatten alle diese Länder mit ihrer Herrschaft besetzt. Also es war eine sehr ausgedehnte römische Herrschaft! Rom liegt ja erwa da. Natürlich spielte sich in Rom alles ab, was Regierungsgeschichten waren und so weiter, also sehr weit weg von Palästina. Und alles, was sich in Palästina abgespielt hat, das wurde in Rom dazumal sehr, sehr wenig bekannt. Und diejenigen Schriftsteller, die in Rom geschrieben haben, die haben noch etwa hundert Jahre lang, nachdem sich schon diese Tatsache mit dem Christus Jesus in Palästina zugetragen hatte, noch nichts davon geschrieben! Erst etwa hundert Jahre später hat man in Rom diese Sache aufgefaßt, die sich da in Palästina zugetragen hatte. Und man hat sie damals in Rom nicht viel anders behandelt als so, daß man eben gesagt hat: Nun ja, da in Palästina drüben ist ein unbekannter Mensch gekreuzigt worden. - Gekreuzigt werden bedeutete dazumal so etwas wie später: gehängt werden. Also es machte kein besonderes Aufsehen. Erst dann, nachdem hundert Jahre verlaufen waren, und die römische Herrschaft immer tyrannischer und tyrannischer und auch immer luxuriöser und luxuriöser geworden war, da hat sich gezeigt, daß mittlerweile, während in Rom die Leute in ihrem Luxusleben waren, sich langsam, nach und nach, das Christentum hier ausgebreitet hatte, und in Rom bemerkte man eigentlich zuerst die Christen. Und den Christen ging es in Rom ja so, daß man sie zunächst überhaupt nicht dulden wollte. Wer ein Christ war, der war in Rom etwas sehr stark Verfolgtes. Und jetzt muß ich Ihnen sagen, warum in Rom die Christen verfolgt wurden, denn, nicht wahr, Sie würden sonst ganz und gar nicht verstehen können, welche Auffassung darin liegt, daß dazumal die Ansicht aufkam: da ist in Palästina, in Jerusalem ein Gott gestorben. Da müssen Sie sich klarmachen, wie dazumal die Ansichten in der Welt eigentlich waren.
[ 9 ] Roman rule had now spread across all these lands. The Romans had brought all these lands under their control. So it was a very extensive Roman empire! Rome, of course, is located there. Of course, everything related to government affairs and so on took place in Rome—very far away from Palestine. And very, very little of what happened in Palestine was known in Rome at that time. And those writers who wrote in Rome didn’t write anything about it for about a hundred years after the events involving Jesus Christ had already taken place in Palestine! It wasn’t until about a hundred years later that people in Rome took notice of this event that had taken place in Palestine. And at that time in Rome, they didn’t treat it much differently than by simply saying: “Well, over there in Palestine, an unknown person was crucified.”—Being crucified back then meant something similar to what it meant later: being hanged. So it didn’t cause much of a stir. It was only then, after a hundred years had passed, and Roman rule had become increasingly tyrannical and increasingly luxurious, that it became apparent that in the meantime—while people in Rome were living their lives of luxury—Christianity had slowly, little by little, spread here, and it was actually in Rome that the Christians were first noticed. And the situation for Christians in Rome was such that at first they were not tolerated at all. Anyone who was a Christian was severely persecuted in Rome. And now I must explain to you why Christians were persecuted in Rome, because—after all—otherwise you would not be able to understand at all the reasoning behind the view that emerged at that time: that a god had died in Palestine, in Jerusalem. You must realize what the prevailing views in the world actually were back then.
[ 10 ] Sehen Sie, für einen Römer in diesem ersten christlichen Jahrhundert, also für einen Römer in der Zeit, in der man geschrieben hat - man hat es dazumal nicht geschrieben, man hat nach dem römischen Kalender gerechnet, aber wenn unsere Zeitrechnung schon gewesen wäre, so hätte man 1 oder 10 oder 50 meinetwillen geschrieben —, also wenn Sie in der Zeit einen Römer dazumal gefragt hätten: Wer ist denn Gott? — so hätte er gesagt: Der Augustus, oder: Der Tiberius. - So wie heute [1923] der Chinese noch, wenn Sie ihn fragen: Wer ist denn Gott? — auf den Kaiser von China zeigt. Also Sie müssen sich klar sein darüber, daß in der damaligen Zeit für die Römer der Herrscher, der Regierende zu gleicher Zeit ihr Gott war. Und das war dasjenige, was die Römer zuerst an den Christen bemerkten, was sie zuerst gewahr wurden an den Christen, daß die Christen nicht daran glaubten, daß ein Mensch auf Erden ein allgemeiner Gott sein kann. Die Römer wußten nur, irgendein Mensch, der auf dem Throne sitzt, der eine mächtige Herrschaft hat, der ist der Gott, der ist das Höchste, das man anbeten muß. Es war ja auch eine Art von Anbetung, welche die Römer ihrem Herrscher zuteil werden ließen.
[ 10 ] You see, for a Roman in that first Christian century—that is, for a Roman at the time this was written—people didn’t write it that way back then, they calculated according to the Roman calendar, but if our calendar system had already existed, they would have written 1 or 10 or 50, for all I care—so if you had asked a Roman back then: “Who is God?”—he would have said: “Augustus,” or “Tiberius.” —Just as even today [1923], if you ask a Chinese person, “Who is God?”—he points to the Emperor of China. So you must realize that, in those days, for the Romans, the ruler, the one in power, was at the same time their god. And that was the very thing the Romans first noticed about the Christians, the first thing they became aware of regarding the Christians: that the Christians did not believe that a human being on earth could be a universal god. The Romans knew only that any person sitting on the throne, wielding powerful authority, was God—the supreme being who must be worshiped. Indeed, the Romans bestowed a form of worship upon their ruler.
[ 11 ] Ja, das war so in der ganzen Welt dazumal. Da drüben im Orient, wo die großen Reiche einmal waren, das Perserreich, das assyrische, das babylonische Reich und so weiter in den alten Zeiten, da war es auch so, daß der Herrscher der Gott war. «Gott» bedeutete nichts anderes, als derjenige, an den man sich wendete, wenn man irgend etwas brauchte. Er war der Oberste. Man faßte ihn als Helfer auf. Er war nicht immer ein Helfer, aber man faßte ihn als Helfer auf.
[ 11 ] Yes, that was the case all over the world back then. Over there in the Orient, where the great empires once stood—the Persian Empire, the Assyrian Empire, the Babylonian Empire, and so on in ancient times—it was also the case that the ruler was God. “God” meant nothing other than the one to whom one turned when one needed something. He was the supreme being. He was regarded as a helper. He wasn’t always a helper, but he was regarded as one.
[ 12 ] Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie ja das Wort «Gott» in Ihrer Sprache wahrscheinlich kennen werden. Wenn Kinder getauft werden, dann müssen Leute Pate stehen. Nun gibt es Gegenden, ich glaube, auch in der Schweiz hier, wo man den Mann den Gott, den Herrn Gott nennt, und die Frau Gottel nennt. Das bedeutet, daß die, die dem Kind Paten sind, Hilfe zu leisten haben. Das ist derselbe «Gott». Und der Gott war nur derjenige, der so der allgemeine Weltenpate war. Man muß sich, wenn man die Dinge der früheren Zeit verstehen will, immer zurückversetzen in die frühere Zeit. Also der Gott war der allgemeine Weltenpate. Der Name Goethe, der Name des deutschen Dichters Goethe, kommt auch von demselben Worte.
[ 12 ] I would like to point out that you are probably familiar with the word “God” in your language. When children are baptized, people must serve as godparents. Now there are regions—I believe even here in Switzerland—where the man is called “Gott” (God) or “Herr Gott” (Lord God), and the woman is called “Gottel.” This means that those who are the child’s godparents are expected to provide help. This is the same “Gott.” And “Gott” was simply the one who served as the universal godparent of the world. If you want to understand the ways of earlier times, you must always put yourself back in that time. So “Gott” was the universal godfather. The name Goethe—the name of the German poet Goethe—also comes from the same word.
[ 13 ] Und das war das erste, was man von den Christen hörte, daß die Christen nicht daran glaubten, daß ein Mensch auf Erden ein allgemeiner Gott sein kann. Das war für die Römer etwas, was sie gar nicht fassen konnten. Solche furchtbaren Leute, die nicht den Kaiser gelten lassen als Gott, ja, das sind ganz gefährliche Leute. Und die Christen wiederum, die beriefen sich eben auf den Ausspruch: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. — Also, Sie schen an dem Ausspruch Jesu, da ist auseinandergeschnitten die Sache Kaiser und Gott. Gott ist das Unsichtbare. Gott ist dasjenige, was nicht in einem sichtbaren Menschen auf der Erde wohnt. Das behaupteten die Christen. Und das war der große Unterschied zwischen den Römern und den Christen. Und die Folge davon war, daß die Römer überhaupt die Christen als die allergefährlichsten Menschen ansahen, die die Staatsgewalt untergraben, weil sie nicht in dem Tempel dem Kaiser Opfer brachten. Die Opfer in den Tempeln, die wurden ja dem Kaiser gebracht von den Leuten. Nun, die Christen, die opferten einem Gott, der in Palästina gestorben ist, der gar nicht irgendwo zu sehen ist. Das war etwas, was die Römer nicht begreifen konnten. Und daher mußten die ersten Christen ihre Opferdienste unterirdisch verrichten, unter der Erde. Und diese unterirdischen Gänge, die sie sich da ausgruben, in denen sie ihre Verstorbenen begraben haben, ihre Opfer verrichtet haben, die nennt man Katakomben. Es gibt ja in Rom, in Italien überhaupt, unter der Erde solche weitausgedehnten Katakomben, wie kleine Städte. Da haben die ersten Christen in den ersten Jahrhunderten ihre Opferdienste verrichtet, während oben die Römer große Zirkusse hatten, riesige Zirkusse hatten, Und da hatten sie zum Beispiel ja in solchen Zirkussen sich ein Hauptvergnügen daraus gemacht, daß sie einen Menschen, den sie verachteten, irgendwie an einen Pfahl anbanden, an eine Säule, und ihn, nachdem er mit Pech bestrichen war, anzündeten und lebendig verbrannten. Und dem schaute man zu in den Zirkussen, so wie man heute bei Stierkämpfen zuschaut. Das war etwas, was ganz gang und gäbe war.
[ 13 ] And that was the first thing people heard about the Christians—that they did not believe a human being on earth could be a universal god. For the Romans, this was something they simply could not comprehend. Such terrible people, who do not acknowledge the emperor as a god—yes, they are truly dangerous people. And the Christians, for their part, invoked the saying: “Render to Caesar what is Caesar’s, and to God what is God’s.”—So, if you look at Jesus’ saying, the distinction between Caesar and God is clearly drawn. God is the invisible. God is that which does not dwell in a visible human being on earth. That is what the Christians claimed. And that was the great difference between the Romans and the Christians. And the consequence of this was that the Romans regarded the Christians as the most dangerous people of all, who undermined state authority because they did not offer sacrifices to the emperor in the temple. The sacrifices in the temples were, after all, offered to the emperor by the people. Now, the Christians offered sacrifices to a God who died in Palestine, who cannot be seen anywhere at all. That was something the Romans could not comprehend. And so the early Christians had to perform their sacrificial rites underground. These underground passages that they dug out—where they buried their dead and performed their sacrifices—are called catacombs. In Rome—and throughout Italy in general—there are such vast underground catacombs, as extensive as small cities. It was there that the early Christians performed their sacrificial rites in the first centuries, while above ground the Romans had large circuses—huge circuses— And in such circuses, for example, they took great pleasure in tying a person they despised to a stake or a column and, after coating him with pitch, setting him on fire and burning him alive. And people watched this in the circuses, just as people watch bullfights today. That was something that was quite commonplace.
[ 14 ] Stellen Sie sich nur einmal dieses Bild vor, oben die wilden Römer in den Zirkussen, welche den mit Pech Bestrichenen an die Säule anbanden und lebendig verbrannten. Das belustigte sie also sehr. Und unten die Christen, die in den Katakomben ihre Gottesdienste verrichteten. Das war ein Unterschied, meine Herren, zwischen dem unter der Erde und über der Erde, wie man sich ihn schärfer gar nicht denken kann. Das muß man nur ins Auge fassen.
[ 14 ] Just imagine this scene: up above, the savage Romans in the circuses, tying those coated in pitch to a column and burning them alive. That amused them greatly. And below, the Christians, who held their services in the catacombs. That was a difference, gentlemen, between what was underground and what was above ground—one could not imagine a sharper contrast. One need only consider this.
[ 15 ] Es ist ja richtig, daß die Dinge im Mittelalter dann auch ganz furchtbar zugegangen sind mit der Inquisition. Aber so schlimm, wie sich die Römer in der Blüte ihrer Kaiserzeit benommen haben, so schlimm haben sich die Christen später denn doch nicht benommen. Das muß man nur festhalten. Das ist eben wahr.
[ 15 ] It is true that things got quite terrible in the Middle Ages with the Inquisition. But as badly as the Romans behaved at the height of the Roman Empire, the Christians did not behave quite as badly later on. That much must be noted. It is simply true.
[ 16 ] Also das erste, was man in Rom hörte, das war: Die Christen, die wollen einen sichtbaren Gott nicht anerkennen. Nun natürlich ist ja immer mehr und mehr bekanntgeworden, was eigentlich mit diesem Christus Jesus gemeint war, und ich habe Ihnen ja schon einiges davon erzählt. Ich habe Sie zum Beispiel darauf aufmerksam gemacht, daß eigentlich zwei Jesusknaben dagewesen sind — der Name Jesus war in Palästina ein ebenso gewöhnlicher Name, den viele Menschen gehabt haben wie heute Sepperl oder Michel -; von denen ist der eine eben sehr früh gestorben, und die waren, man möchte sagen, Spielkameraden, außerordentlich fähige, begabte Kinder.
[ 16 ] So the first thing people heard in Rome was: “The Christians refuse to acknowledge a visible God.” Of course, it has become increasingly clear what was actually meant by this Jesus Christ, and I’ve already told you quite a bit about it. For example, I pointed out to you that there were actually two boys named Jesus—the name Jesus was just as common in Palestine as names like Sepperl or Michel are today—one of whom died very young, and they were, one might say, playmates, exceptionally capable and gifted children.
[ 17 ] Nun sehen Sie, diese Erzählung, die Sie ja alle aus der Bibel kennen, wie der zwölfjährige Jesus im Tempel die Schriftgelehrten unterrichtet, die ist etwas, was durchaus auf einer Wahrheit beruht. Nur müssen Sie natürlich sich jetzt nicht sagen: Wenn ein zwölfjähriger Bube heute an die Universität kommt, so würde das Professorenkollegium keinen großen Respekt vor ihm haben. Die heutigen Unterweisungen kann man eben mit den damaligen gar nicht vergleichen. Sie müssen wirklich nicht glauben, daß ich etwa konservative Gesinnung vertrete oder gar reaktionäre, aber ich muß Ihnen die Tatsachen erzählen, so wie sie sind. Nicht wahr, wir müssen ja heute ganz selbstverständlich unsere Kinder in die Schule schicken. Da lernen gerade die begabten Kinder außerordentlich viel von dem, was ihnen noch gar nicht liegt. Man muß ja, wie wir es in der Waldorfschule machen, die Sachen so herrichten, daß sie den Kindern liegen. Aber im allgemeinen lernen die Kinder außerordentlich viel, was ihnen gar nicht liegt. Das, was ihnen gar nicht liegt, das können natürlich die Erwachsenen besser als die Kinder. Aber was den Kindern ausgetrieben wird dadurch, daß die Kinder unser heutiges Lesen und Schreiben lernen, ja, meine Herren, darauf geben die Menschen heute gar nicht acht. Kinder sagen einem, wenn man sie richtig anzuhören versteht, außerordentlich gescheite Sachen. Das haben sie sich mitgebracht aus dem geistigen Leben, bevor sie auf die Erde heruntergestiegen sind. Und dieser eine Jesusknabe, der hat eben außerordentlich viel mitgebracht. Und dadurch, daß die beiden Jesusknaben Spielkameraden waren, wußten sie eigentlich im Grunde immer dasselbe. Nun ist der eine gestorben. Und so erzählen jetzt die Evangelien, weil das den Leuten besser gefallen hat, eben nur von einem Jesusknaben. Aber dadurch versteht man die Evangelien nicht. Lesen Sie heute das Matthäus- und das Lukas-Evangelium, so widersprechen die einander. Die ganze Abstammung des Jesus im Matthäus-Evangelium wird anders geschildert als im LukasEvangelium. Warum? Ja, weil sich die Dinge wirklich auf zwei Jesusknaben beziehen.
[ 17 ] Now, you see, this story—which you all know from the Bible—about the twelve-year-old Jesus teaching the scribes in the temple is something that is certainly based on truth. Of course, you shouldn’t think: If a twelve-year-old boy were to go to a university today, the faculty wouldn’t have much respect for him. The education of today simply cannot be compared to that of back then. You really don’t have to think that I hold conservative views, let alone reactionary ones, but I must tell you the facts as they are. Isn’t it true that today we simply have to send our children to school as a matter of course? There, gifted children in particular learn an extraordinary amount of things that don’t come naturally to them at all. One must, as we do in Waldorf schools, present the material in such a way that it suits the children. But in general, children learn an extraordinary amount of things that don’t come naturally to them at all. The things that don’t come naturally to them are, of course, things that adults can do better than children. But what is driven out of the children as a result of their learning to read and write the way we do today—well, gentlemen, people today don’t pay any attention to that at all. If you know how to listen to them properly, children tell you extraordinarily wise things. They brought these with them from their spiritual life before they came down to earth. And this one boy named Jesus brought an extraordinary amount with him. And because the two boys named Jesus were playmates, they actually knew the same things deep down. Now one of them has died. And so the Gospels now tell the story—because people preferred it that way—of only one boy named Jesus. But that is not how one understands the Gospels. If you read the Gospels of Matthew and Luke today, you’ll see that they contradict each other. The entire genealogy of Jesus in the Gospel of Matthew is described differently than in the Gospel of Luke. Why? Well, because these accounts actually refer to two Jesus boys.
[ 18 ] Ich habe Ihnen gesagt, ich habe mich wirklich jahrelang mit der Frage vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus beschäftigt, und bin darauf gekommen: Es handelt sich um zwei Jesusknaben, und das Matthäus-Evangelium handelt von einem anderen Jesusknaben als das Lukas-Evangelium.
[ 18 ] I told you that I have really been studying this question from a perspective of Spiritual Science for years, and I have come to the conclusion that there were two boys named Jesus, and that the Gospel of Matthew is about a different boy named Jesus than the Gospel of Luke.
[ 19 ] Nun ist der eine im zwölften Jahre gestorben, der andere übriggeblieben. Wenn es also im Evangelium heißt: «Jesus nahm zu an Weisheit, Geist und Kraft», so ist das eben nur auf den einen bezüglich.
[ 19 ] Now one of them died in his twelfth year, and the other survived. So when the Gospel says, “Jesus grew in wisdom, spirit, and strength,” this refers only to the one who survived.
[ 20 ] Sehen Sie, das habe ich lang vorher gefunden, wie ich es Ihnen gesagt habe, daß es zwei solche Jesusknaben gibt. Man wußte nicht, daß irgendwo in der Geschichte gemeldet wird, daß es zwei Jesusknaben gibt, bis wir einmal in Norditalien auf ein Bild trafen. Da ist diese Geschichte dargestellt von Jesus im Tempel, wo er die Schriftgelehrten belehrt. Und da ist merkwürdigerweise dieser zweite Jesusknabe. Der geht da fort. Der eine, der belehrt, und der andere, der da abzieht — das ist nicht der gewöhnliche Jesusknabe, den kennt man! Da sind also zwei Jesusknaben darauf, So daß man sagen kann, daß in gewissen Jahrhunderten die Leute noch gewußt haben: ein zweiter Jesusknabe hat existiert. Der geht weg. Erst als ich das gefunden hatte, konnte ich wissen, daß da dieser zweite Jesusknabe dargestellt ist. Sie sehen also, meine Herren, durch Jahrhunderte hat man das gewußt. Aber die Kirche hat niemals solche Sachen, die der wirklichen Wahrheit entsprechen, eigentlich aufkommen lassen.
[ 20 ] You see, I found this a long time ago, just as I told you—that there are two such “boy Jesuses.” No one knew that anywhere in history it was recorded that there are two “Jesus boys” until we once came across a painting in northern Italy. It depicts the story of Jesus in the temple, where he is teaching the scribes. And, strangely enough, there is this second “Jesus boy.” He’s walking away. One is teaching, and the other is walking away—that’s not the usual boy Jesus we’re familiar with! So there are two boys depicted as Jesus in it, which means we can say that in certain centuries, people still knew that a second boy Jesus had existed. He’s walking away. It wasn’t until I discovered this that I realized this second boy Jesus was depicted there. So you see, gentlemen, people have known this for centuries. But the Church has never really allowed such things—which correspond to the true reality—to come to light.
[ 21 ] Nun habe ich Ihnen ja schon gesagt, es gibt einfach gewisse Dinge im Leben des Menschen, wo man sagt, es kommt eine Erleuchtung. Natürlich, das lassen die Leute nicht gelten. Aber sehen Sie, von solchen Erleuchtungen - die gibt es eben einfach —, von solchen Erleuchtungen kann man sprechen, und ich will Ihnen ein Beispiel erzählen, das mir erst gestern von einem Mitgliede von hier übergeben worden ist. Ich könnte Ihnen Hunderte von Beispielen erzählen, aber ich will Ihnen dieses neueste Beispiel erzählen. Herr Pfeiffer, ich kann es doch sagen?
[ 21 ] Well, as I’ve already told you, there are simply certain moments in a person’s life when you might say, “That’s when enlightenment strikes.” Of course, people don’t accept that. But you see, such moments of enlightenment—they simply do exist—one can speak of such moments of enlightenment, and I want to share an example with you that was just given to me yesterday by a member here. I could give you hundreds of examples, but I want to share this most recent one with you. Mr. Pfeiffer, I can say that, can’t I?
[ 22 ] Da gibt es einen sehr bedeutenden Chemiker, Kekulé, ein einwandfreier Gelehrter, eben einfach ein richtiger Chemiker, der viele Bücher über Chemie geschrieben hat. Nun gibt es zwei wichtige wissenschaftliche Ansichten, die von Kekulé herrühren. Ich brauche Ihnen diese Ansichten nicht weiter auseinanderzusetzen; das würde uns stundenlang beschäftigen, darauf kommt es jetzt gar nicht an. Diese zwei
[ 22 ] There is a very prominent chemist, Kekulé, an impeccable scholar—simply a true chemist—who has written many books on chemistry. Now, there are two important scientific views that stem from Kekulé. I don’t need to go into these views in further detail; that would take us hours, and that’s not what matters right now. These two
[ 23 ] wichtigen chemischen Ansichten, die beziehen sich darauf, wie die Stoffe, namentlich Benzol zum Beispiel, in ihren kleinsten Teilen beschaffen sind. Und diese Ansichten, die da Kekulé aufgestellt hat, die spielen eine außerordentlich große Rolle in der Chemie. Wer Chemie kennt, der weiß, daß man heute überall von den KekuleTheorien redet.
[ 23 ] important chemical theories concerning the structure of substances—specifically benzene, for example—at their smallest levels. And these theories, which Kekulé formulated, play an extraordinarily important role in chemistry. Anyone familiar with chemistry knows that people are talking about Kekulé’s theories everywhere today.
[ 24 ] Nun, was erlebte Kekulé selber? Kekulé erzählt, er war einmal in London, da wohnte er ziemlich weit draußen — da hatte er noch nichts von seinen Theorien aufgestellt - und mußte in der Nacht immer mit einem Omnibus nach dem anderen Ende der Stadt fahren. Da hatte er einen Bekannten, den besuchte er abends. Deshalb mußte er immer so weit fahren, weil er dort die Nacht zubrachte. Nun fuhr er einmal nach Hause, nachdem er mit dem Bekannten, der auch ein Chemiker war, lange über chemische Sachen geredet hatte. Er fuhr nach Hause und saß im Omnibus oben auf der Außenseite. Da döste er ein, fing an einzuschlafen. Und wie er oben auf dem Omnibus einzuschlafen anfängt, da träumte ihm: Da ist ein Atom, da ist ein anderes, da ein drittes Atom; und da sind dann kleine Atome, die werden zusammengehalten von den großen (es wird gezeichnet). Da träumte ihm von dem Stoff, der Materie, wie diese beschaffen ist. Das träumte ihm alles auf dem Omnibusse oben. Sowie er nach Hause kommt, schreibt er sich das sorgfältig auf. Das war die eine Theorie. Sehen Sie, sie hat ihm geträumt. Eingegeben war sie ihm, eine ganz materialistische Theorie.
[ 24 ] Well, what did Kekulé himself experience? Kekulé recounts that he was once in London, where he lived quite far out—he hadn’t yet formulated any of his theories at that point—and had to take one omnibus after another at night to get to the other end of the city. He had an acquaintance there whom he visited in the evenings. That’s why he always had to travel so far—because he spent the night there. One time, he was on his way home after talking at length about chemistry with his acquaintance, who was also a chemist. He rode home and sat on the upper deck of the omnibus on the outside. He dozed off and began to fall asleep. And as he began to fall asleep up on the bus, he had a dream: there was an atom, then another, then a third atom; and then there were small atoms held together by the large ones (he drew a diagram). He dreamed about matter—about what it’s made of. He dreamed all of this while sitting upstairs on the bus. As soon as he got home, he wrote it all down carefully. That was one theory. You see, he dreamed it. It was inspired to him—a completely materialistic theory.
[ 25 ] Das zweite ist die sogenannte Benzoltheorie. Die hat er ein anderes Mal, allerdings nicht in London, sondern als er an einem anderen Orte eingedöst war, geträumt.
[ 25 ] The second is the so-called benzene theory. He dreamed this up on another occasion—not in London, but while he had dozed off somewhere else.
[ 26 ] Ja, meine Herren, Sie sehen, da mußte ein ganz materialistischer Chemiker gestehen, mit seinem Denken, mit dem Ausdenken wäre er gar nicht auf die Sachen gekommen, sondern er bekam eben durch einen Traum eine Erleuchtung über diese zwei Dinge. Eine richtige Eingebung war alles.
[ 26 ] Yes, gentlemen, as you can see, even a thoroughly materialistic chemist had to admit that he would never have come up with these ideas through his own thinking or reasoning alone; rather, it was through a dream that he gained insight into these two things. It was all a true flash of inspiration.
[ 27 ] Nun möchte ich einmal wissen, warum man dann sich dagegen wendet, wenn gesagt wird, daß der Jesus, der übriggeblieben war, im dreißigsten Jahre etwas ganz anderes geworden ist. Natürlich, der Kekule ist nicht gleich ein ganz anderer Mensch geworden, weil die Eingebung doch eine kleine war. Aber in den Jesus zog ein das Wissen von der ganzen Welt, als er dreißig Jahre alt war. Das war in jenen älteren Zeiten etwas, was durchaus möglich war, und ähnliche Dinge sind auch heute noch möglich. Also Sie müssen sich nur denken, daß der Jesus von Nazareth, der da übriggeblieben war, im dreißigsten Jahre erleuchtet worden war mit alledem, was man den Christus nennt. Der fuhr in ihn herein, wie in den Kekulé die Benzoltheorie hereingefahren ist. Dadurch war er ein ganz anderer Mensch geworden. Und diejenigen, die jetzt etwas von der Sache verstanden, die sagten: Die Römer, die haben einen Gott auf dem Thron. Der Gott auf dem Thron, sagten sie, der ist durch die gewöhnlichen Erdenmächte geworden. Solche Götter auf dem Thron, die haben ja gewöhnlich nicht Erleuchtungen; wenigstens meistens nicht, nicht wahr; die haben nicht solche Erleuchtungen mit dreißig Jahren.
[ 27 ] Now I’d really like to know why people object when it’s said that the Jesus who remained became something completely different in his thirtieth year. Of course, Kekulé didn’t immediately become a completely different person, because the inspiration was, after all, a small one. But when Jesus was thirty years old, the knowledge of the entire world entered into him. In those earlier times, that was something that was entirely possible, and similar things are still possible today. So you need only imagine that the Jesus of Nazareth, who had remained, was enlightened at the age of thirty with all that is called the Christ. It entered into him, just as the benzene theory entered into Kekulé. Through this, he had become a completely different person. And those who now understood something of the matter said: The Romans have a god on the throne. The god on the throne, they said, came into being through the ordinary earthly powers. Such gods on the throne usually do not have enlightenments; at least not in most cases, do they? They do not have such enlightenments at the age of thirty.
[ 28 ] Nun, die Christen sagten: Unser Gott, der ist nicht eingesetzt von Menschen, der ist eingesetzt von den Weltenmächten selber.
[ 28 ] Well, the Christians said: Our God was not appointed by human beings; He was appointed by the powers of the world themselves.
[ 29 ] Nun mußten sie aber noch etwas anderes sagen. Sehen Sie, es war nicht so unbestimmt, was man von dem Jesus dazumal sagte, wie dasjenige, was ich Ihnen jetzt eben mitteile. Ich muß es Ihnen langsam und allmählich mitteilen, daher, nicht wahr, ist die Sache erst unbestimmt. Aber es war noch in folgender Weise bestimmter. Sehen Sie, wir haben heute, damit einzelne Menschen gescheit werden nach der Ansicht unserer Zeit, Hochschulen. Nachdem man zuerst schon lange im sogenannten Gymnasium oder in der Realschule gescheit gemacht worden ist, kommt man auf die Hochschule. Da wird einem nun der letzte Schliff der Gescheitheit gegeben. Aber Sie werden ja nicht immer finden, daß die Menschen, die da von der Universität dann herauskommen, andere Menschen geworden sind in der Universität, sondern sie haben äußerlich etwas gelernt.
[ 29 ] But now they had to say something else. You see, what people said about Jesus back then wasn’t as vague as what I’m telling you right now. I have to explain it to you slowly and gradually, which is why—isn’t that right?—the matter seems vague at first. But it was actually more specific in the following way. You see, today we have universities so that individuals can become educated according to the standards of our time. After having already been educated for a long time in what is called a “Gymnasium” or a “Realschule,” one goes on to college. There, one receives the final polish of education. But you will not always find that the people who then emerge from the university have become different people during their time there; rather, they have merely learned something on the surface.
[ 30 ] Das war allerdings in älteren Zeiten nicht der Fall. In älteren Zeiten hatte man gar nicht einen Unterschied zwischen Kirchen und Theatern und Schulen, sondern das war alles eins, und das nannte man Mysterien. Da wurden dazumal die Leute ausgebildet. Und das Wichtigste, was den Leuten in den Mysterien gelehrt worden ist, das war das sogenannte Wissen von der Sonne.
[ 30 ] That was not the case in earlier times, however. In earlier times, there was no distinction at all between churches, theaters, and schools; rather, they were all one and the same, and this was called the Mysteries. That is where people were educated back then. And the most important thing that was taught to people in the Mysteries was what is known as the knowledge of the Sun.
[ 31 ] Sehen Sie, ich habe Ihnen ja, als wir von naturwissenschaftlichen Sachen gesprochen haben, immer gesagt, was die Sonne für einen Einfluß hat auf alles dasjenige, was auf der Erde vor sich geht. Die Pflanzen wachsen nicht bloß, weil sie von unten aus dem Boden herausgetrieben werden, sondern weil die Sonne sie heraustreibt. In uns allen ist die Sonnenkraft geradeso wie die Erdenkraft. Und ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß diese Sonnenkraft nicht bloß eine tote Kraft ist, sondern eine weisheitsvolle, lebendige Kraft. Ich habe Ihnen viele Beispiele vorgeführt. Sie haben sehen können, daß das, was unter den Tieren geschieht, weisheitsvoll, intelligent, verständig geschieht. Ja, wenn man zur Sonne hinaufsieht, stellen sich die Gelehrten vor, das ist ein Gasball. Ja, meine Herren, das ist ungefähr geradeso gescheit, als wenn wir alle miteinander einmal uns könnten — man kann es ja nicht, aber nehmen wir an, wir könnten das so, wie es der Jules Verne geschildert hat - in ein großes Flugzeug setzen und könnten auf den Mond hinauffahren, auf dem Mond unsere Arbeit suchen und ich würde Ihnen sagen: Da, meine Herren, da unten, seht ihr, da ist die Erde. Die Erde ist ein Körper, da ist nichts anderes darauf. — Sie würden mir nicht glauben, meine Herren, weil Sie ja mit mir heraufgefahren sind. Sie würden glauben, daß da doch Menschen darauf sind. Menschen, die Seelen haben, sind auf der Erde.
[ 31 ] You see, when we were talking about scientific matters, I always told you about the influence the sun has on everything that happens on Earth. Plants don’t just grow because they’re pushed up from the ground below, but because the sun pushes them up. The power of the sun is within all of us, just as the power of the Earth is. And I have pointed out to you that this power of the sun is not merely a dead force, but a wise, living force. I have given you many examples. You have been able to see that what happens among animals happens in a wise, intelligent, and sensible way. Yes, when one looks up at the sun, scholars have a mental image of it as a ball of gas. Yes, gentlemen, that is about as sensible as if all of us together could—it’s not possible, of course, but let’s suppose we could do it just as Jules Verne described it—board a large airplane and fly up to the moon, go about our business on the moon, and I were to say to you: “There, gentlemen, down there—see, that’s the Earth.” The Earth is a sphere; there’s nothing else on it. — You wouldn’t believe me, gentlemen, because you came up here with me. You’d believe that there are people on it after all. People who have souls are on Earth.
[ 32 ] Aber geradeso machen es die Gelehrten mit der Sonne heute. Man sitzt da auf der Erde, schaut auf die Sonne hinauf und sagt: Da oben ist nichts als brennendes Gas. — Aber das ist ein wirklicher Unsinn. Die Sonne ist, wenn auch nicht von solchen Menschen, die man mit Augen sehen kann, bewohnt, aber sie ist bewohnt.
[ 32 ] But that is exactly what scholars do with the sun today. They sit here on Earth, look up at the sun, and say: “There is nothing up there but burning gas.” — But that is utter nonsense. The sun, even if not inhabited by the kind of people one can see with the naked eye, is nevertheless inhabited.
[ 33 ] Und dieses Wissen von der Sonne, das hat man in den alten Mysterien den Schülern hauptsächlich mitgeteilt. Und deshalb hat man diese Schüler Sonnenschüler genannt. Man hat gesagt: Da oben auf der Sonne, da sind die Kräfte, die Frühlingskräfte, die Sonnenkräfte, da ist dasjenige, was aus der Erde alles herauszieht. Und so hat man einen, der in der alten Zeit das gelernt hatte, was die Geheimnisse der Sonne sind, Sonnenschüler genannt, und später, wenn er ausgebildet war, einen Sonnenmeister. Und dasjenige, was nun der Jesus von Nazareth im dreißigsten Jahre plötzlich wußte, das war diese Sonnenweisheit. Diese Sonnenweisheit war über ihn gekommen. Nun haben Sie vielleicht schon gesehen, wenn Pflanzen, die auf der Erde schön grün sind, kraftvoll sind, unten unter der Erde sind im Keller, so werden sie ganz weißlich und wie gelähmt. Nun, da fährt eben nicht die Sonnenkraft in sie hinein. Diese Sonnenkraft im mystischen, geistigen Sinne, die ist in den Jesus hineingezogen. Und diejenigen, die das verstanden haben, haben gesagt: Jetzt ist der Christus in den Jesus hineingezogen.
[ 33 ] And this knowledge of the sun was what was primarily imparted to the students in the ancient mysteries. And that is why these students were called “sun students.” It was said: Up there on the sun are the forces—the forces of spring, the forces of the sun—and there lies that which draws everything out of the earth. And so, in ancient times, one who had learned the mysteries of the sun was called a “Sun Disciple,” and later, once he was fully trained, a “Sun Master.” And what Jesus of Nazareth suddenly knew at the age of thirty was this wisdom of the sun. This wisdom of the sun had come upon him. Now, you may have already noticed that when plants—which are beautifully green and vigorous above ground—are placed underground in a cellar, they turn quite whitish and seem paralyzed. Well, that is precisely because the power of the sun does not flow into them. This power of the sun, in the mystical, spiritual sense, was drawn into Jesus. And those who understood this said: Now the Christ has been drawn into Jesus.
[ 34 ] Sehen Sie, jetzt kam eben diese merkwürdige Sache. Die Juden, die hauptsächlich in Palästina hier wohnten (es wird auf die Tafel gewiesen), die hatten längst von ihren Propheten gehört, es muß einmal so etwas geschehen, daß die Erde belehrt werden kann aus dem Weltenraum selber herunter. Aber Sie können ganz sicher sein, wenn heute irgendwo einer einen «Wilhelm Tell» schreiben würde, wie ihn Schiller geschrieben hat, und man würde ihn im Theater aufführen, würden die Leute sagen: Das ist ein Schmus, das ist etwas ganz Schlechtes. Sie würden es nicht anerkennen. Und der «Wilhelm Tell» ist eben zuerst von den paar Leuten anerkannt worden, die Schiller gekannt haben; dann hat sich das verbreitet. Es ist schon einmal so in unserer Gesellschaftsordnung, ist immer so gewesen, daß die Mehrzahl der Menschen sich haben führen lassen an ihrem Schopf. So haben die Juden sich auch führen lassen an ihrem Schopf und haben eben, als das eingetreten ist, und sie nun nicht mehr durch die Mysterien geführt worden sind, sondern als einer aufgetreten ist, der dieses Sonnenwissen gehabt hat, da haben sie gesagt: Das ist aber einmal einer, der das behauptet, daß das alles wahr ist, was er sagen kann! — Sie wissen ja, was man mit solchen Leuten macht, die eine Wahrheit sagen, die noch nicht bekannt ist unter den Leuten. Das war eine große Wahrheit und Weisheit, die der Jesus von Nazareth, in dem der Christus jetzt lebte, zu verkündigen hatte. Nun, und da kreuzigte man ihn. Und er ist tatsächlich durch den Tod gegangen.
[ 34 ] You see, this is where that strange thing came in. The Jews, who lived mainly here in Palestine (the chart is pointed to), had long heard from their prophets that something like this must happen one day, so that the earth could be taught from outer space itself. But you can be absolutely certain that if someone were to write a “William Tell” today—the way Schiller wrote it—and it were performed in a theater, people would say: “That’s a piece of drivel; it’s terrible.” They wouldn’t accept it. And “William Tell” was initially recognized only by the few people who knew Schiller; then it spread. It is simply the way of things in our social order—and has always been so—that the majority of people have allowed themselves to be led by the scruff of the neck. The Jews, too, allowed themselves to be led by the nose, and when that happened—when they were no longer guided by the mysteries, but instead someone appeared who possessed this knowledge of the sun—they said: “Here, at last, is someone who claims that everything he says is true!” — You know, of course, what is done to such people who speak a truth that is not yet known among the people. It was a great truth and wisdom that Jesus of Nazareth—in whom the Christ now lived—had to proclaim. Well, and so they crucified him. And he did indeed pass through death.
[ 35 ] Da komme ich jetzt auf die Frage, wie sie mir direkt gestellt worden ist. Sehen Sie, meine Herren, die heutigen aufgeklärten Theologen, die sind meistens womöglich noch ärger als die nichtaufgeklärten. Die unaufgeklärten Theologen sagen: Nun ja, da haben sie dann den Christus ins Grab gelegt, und nach drei Tagen ist er mit Fleisch und Blut, so wie er war, auferstanden. - Nun, da haben natürlich die aufgeklärten Leute gesagt: Das glauben wir nicht, weil keiner aus dem Grabe herauskommt. — Aber, ich möchte sagen, es ist doch wenigstens irgend etwas, wozu man sich bekennt. Es mag ja anfechtbar sein, aber es ist etwas, wozu man sich bekennt.
[ 35 ] This brings me to the question as it was posed to me directly. You see, gentlemen, today’s enlightened theologians are, for the most part, perhaps even worse than the unenlightened ones. The unenlightened theologians say: Well, they laid Christ in the tomb, and after three days he rose again in the flesh and blood, just as he was. — Well, of course, the enlightened people said: We don’t believe that, because no one ever comes out of the grave. — But, I would like to say, it is at least something one can profess. It may be open to question, but it is something one can profess.
[ 36 ] Aber was sagen die aufgeklärten Theologen? Sehen Sie, einer der aufgeklärtesten Theologen, der viel bekannt und genannt ist, ist Harnack. Was sagt der über die Auferstehung? Sehen Sie, Harnack sagt: Was da am dritten Tag im Garten von Gethsemane — dort war nämlich das Grab - sich zugetragen hat, das kann man ja nicht wissen. So sagt also der aufgeklärte Theologe: Was da am dritten Tag im Garten von Gethsemane sich zugetragen hat, das kann man ja nicht wissen. Aber viele Leute haben nach und nach geglaubt, daß dort der Christus auferstanden ist. Also ist das der Osterglaube, und wir nehmen an, daß man sich an diesen Österglauben halten soll.
[ 36 ] But what do enlightened theologians say? You see, one of the most enlightened theologians, who is well-known and often cited, is Harnack. What does he say about the Resurrection? You see, Harnack says: What happened on the third day in the Garden of Gethsemane—for that is where the tomb was—we simply cannot know. So this is what the enlightened theologian says: “What happened on the third day in the Garden of Gethsemane—one cannot know that, of course.” But many people have gradually come to believe that Christ rose from the dead there. So that is the Easter faith, and we assume that one should adhere to this Easter faith.
[ 37 ] Sehen Sie, ich habe einmal diese Frage - es ist jetzt schon lange her — in der Berliner Giordano Bruno-Vereinigung vorgebracht. Da war Vorsitzender ein Gelehrter, der glaubte, sehr viel von diesen Dingen zu wissen, und der sagte: Das kann doch Harnack nicht behauptet haben, denn was wäre denn das, wenn Harnack behauptete, daß man nicht glauben soll, was wirklich geschehen ist, sondern nur an das, was die Leute darüber glauben! Das wäre ja so wie mit dem Heiligen Rock von Trier, wo auch die Leute sagen: Nun ja, ob der Heilige Rock von Trier wirklich derjenige ist, den Christus getragen hat, das weiß man nicht, aber so und so viele glaubten daran, also glauben wir auch! — So sagte der Protestant von dem katholischen Glauben an den Heiligen Rock von Trier. Oder ein anderes Beispiel ist ja das von den Knochen des heiligen Antonius. Als man sie genau untersuchte, waren es Kalbsknochen. Da haben auch die Leute, die daran geglaubt haben, sich nicht viel daraus gemacht, sondern gesagt, es komme nicht darauf an, ob es die Wirklichkeit ist, sondern ob es die Leute glauben.
[ 37 ] You see, I once raised this question—it was quite a long time ago now—at the Berlin Giordano Bruno Society. The chairman there was a scholar who believed he knew a great deal about these matters, and he said: “Harnack can’t possibly have claimed that, because what would that even mean if Harnack claimed that one shouldn’t believe what actually happened, but only what people believe about it!” That would be just like the Holy Robe of Trier, where people also say: “Well, whether the Holy Robe of Trier is really the one that Christ wore, we don’t know, but since so many people believed in it, we believe in it too!” — That’s what the Protestant said about the Catholic belief in the Holy Robe of Trier. Or take another example: the bones of Saint Anthony. When they were examined closely, they turned out to be calf bones. Even the people who believed in them didn’t make much of it, but said that what matters isn’t whether it’s true, but whether people believe it.
[ 38 ] Es kommt aber gar nicht darauf an, sondern es kommt darauf an, was geschehen ist! Nun wird in der Bibel eigentlich in einer wunderbaren Weise erzählt, nur geben die Leute nicht acht, wie dort erzählt wird. In der Bibel wird nicht erzählt, das und das ist geschehen, sondern überall wird erzählt: Das und das haben Menschen gesehen, richtig gesehen. Das wird erzählt.
[ 38 ] But that’s not the point at all—what matters is what actually happened! Now, the Bible actually tells the story in a wonderful way; it’s just that people don’t pay attention to how it’s told there. The Bible doesn’t say, “This and that happened,” but throughout it says: “People saw this and that—they saw it clearly.” That is what is told.
[ 39 ] Es wird also erzählt, daß die Frauen hinausgekommen sind, und was sie am Grabe gesehen haben - fassen Sie das als sophistisch auf, wenn Sie wollen! Es wird erzählt, daß der Christus den Jüngern in Emmaus begegnet ist, und so weiter; daß der Christus gesehen worden ist, das wird erzählt.
[ 39 ] So the story goes that the women went out and saw what was at the tomb—interpret that as sophistry if you will! The story goes that Christ met the disciples on the road to Emmaus, and so on; the story goes that Christ was seen.
[ 40 ] Jetzt erinnern Sie sich daran, daß ich Ihnen gesagt habe, der Mensch besteht nicht nur aus diesem materiellen stofflichen Leibe, der ins Grab gelegt wird, sondern der Mensch besteht auch noch aus dem Ätherleib, astralischen Leib und Ich. Ich habe Ihnen das ganz genau beschrieben. Nun ist der physische Leib des Jesus von Nazareth tatsächlich ins Grab gelegt worden. Ich habe mich viel mit dieser Frage beschäftigt, und es ist außerordentlich bedeutsam, daß da gesagt worden ist im Evangelium selber, daß ein Erdbeben gekommen ist. Es war ein solches Erdbeben da. Das hat einen Spalt gemacht und der Leib ist aufgenommen worden von der Erde, war also wirklich nicht mehr da. Und die Jünger haben nicht diesen physischen Leib gesehen, sondern den Ätherleib, den übersinnlichen Leib. Die Frauen und die Jünger haben den Christus im Ätherleib gesehen, nicht mehr den Jesus von Nazareth, sondern den Christus, dasjenige, was jetzt der verwandelte innere Mensch war.
[ 40 ] Now remember that I told you: a human being does not consist solely of this material, physical body that is laid in the tomb, but also consists of the etheric body, the astral body, and the I. I have described this to you in great detail. Now, the physical body of Jesus of Nazareth was indeed laid in the tomb. I have given this question a great deal of thought, and it is extraordinarily significant that the Gospel itself states that an earthquake occurred. There was indeed such an earthquake. It caused a fissure, and the body was taken up by the earth—so it was truly no longer there. And the disciples did not see this physical body, but rather the etheric body, the supersensible body. The women and the disciples saw the Christ in the etheric body—no longer Jesus of Nazareth, but the Christ, that which was now the transformed inner human being.
[ 41 ] Natürlich müssen Sie sich vorstellen, dasjenige, was sich da zugetragen hat, das war ja für die Jünger etwas außerordentlich Großartiges. Sie müssen nur bedenken, wenn irgendeiner unter Ihnen ist, mit dem Sie so ganz freundschaftlich zusammengewachsen sind, der wird Ihnen durch die Kreuzigung, also heute würde man es nennen: durch den Galgen, entrissen, Sie sind innig verbunden mit ihm — das gibt doch einen Gemütszustand. Dieser Gemütszustand hat die Jünger geradezu hellsichtig gemacht für diese Dinge. Und sie haben immer wiederum, öfter als in den Evangelien angeführt ist, in den ersten Tagen den Christus wirklich gesehen. Aber es war der übersinnliche Christus.
[ 41 ] Of course, you have to create a mental image of what happened there, which was something extraordinarily magnificent for the disciples. Just consider this: if there were someone among you with whom you had grown so close as friends, and that person were torn away from you by crucifixion—or, as we would say today, by the gallows—and you were deeply connected to him—that would certainly create a certain state of mind. This state of mind made the disciples virtually clairvoyant regarding these things. And time and again—more often than is recorded in the Gospels—they truly saw the Christ in those early days. But it was the supersensible Christ.
[ 42 ] Und sehen Sie, wenn Sie in den Paulusbriefen lesen, dann lesen Sie von dem berühmten Ereignis von Damaskus, das Paulus erfuhr. In der Nähe von Damaskus kam er in eine Art von Schlafzustand, da erschien ihm in den Wolken der Christus. Und geben Sie acht, wie Paulus das erzählt. Er sagte einmal: Mir kann man nicht den Glauben an den Christus wegnehmen, denn ich habe wie die anderen Apostel den Christus gesehen.
[ 42 ] And you see, when you read the Epistles of Paul, you read about the famous event in Damascus that Paul experienced. Near Damascus, he fell into a kind of trance, and Christ appeared to him in the clouds. And pay attention to how Paul recounts this. He once said: “No one can take away my faith in Christ, for I have seen Christ, just as the other apostles have.”
[ 43 ] Also Paulus sagt nicht, die anderen Apostel haben den Christus in dem physischen Leib gesehen; sonst müßte er behaupten, auch er habe den Christus im physischen Leib gesehen. Er behauptet ausdrücklich, er habe den Christus in den Wolken gesehen, also den übersinnlichen Christus, und indem er sagt, er und die anderen Apostel haben den Christus gesehen, weist er schon darauf hin, daß die anderen Apostel, ebenso wie er, den Christus im übersinnlichen Leibe geschen haben. Und nicht wahr, da glauben die Leute, es sei ein Einwand dagegen, daß der ungläubige Thomas die Hände in die Wundmale legen mußte. Das will ja bloß besagen: die Gegenwart, daß der Christus da war, dieses Erleben war so stark, daß der Thomas selbst den starken Glauben haben konnte, er berühre ihn. Es war also alles auf den übersinnlichen Christus bezüglich.
[ 43 ] So Paul does not say that the other apostles saw Christ in the physical body; otherwise, he would have to claim that he, too, had seen Christ in the physical body. He explicitly states that he saw Christ in the clouds—that is, the supernatural Christ—and by saying that he and the other apostles saw Christ, he is already indicating that the other apostles, just like him, saw Christ in His supernatural body. And isn’t it true that people believe it is an objection to this that the unbelieving Thomas had to put his hands into the wound marks? That simply means: the presence—the fact that Christ was there—that experience was so powerful that even Thomas could have the strong faith that he was touching him. So it all pertained to the supersensible Christ.
[ 44 ] Nicht wahr, die Wundmale waren ja etwas, was den Jüngern, besonders den Aposteln, zu Herzen gegangen ist. Es wäre ja viel weniger anschaulich, wenn da nicht erzählt würde, gerade die Wundmale konnten berührt werden. Warum gerade die Wundmale? Warum nicht die Hände auf das Gesicht oder auf so etwas legen? Da würde er ja auch gespürt haben, daß etwas da ist. Er legte seinen Finger auf die Wundmale, weil die Wundmale einen besonderen Eindruck gemacht haben, und es tatsächlich von dem höheren Schauen abhing, was da der Jünger von dem Christus wirklich gewahr wurde.
[ 44 ] Isn’t it true that the wounds were something that really touched the hearts of the disciples, especially the apostles? It would have been much less vivid if the account hadn’t mentioned that it was precisely the wounds that could be touched. Why the wounds in particular? Why not place their hands on his face or something like that? He would have felt that something was there in that case, too. He placed his finger on the wounds because they made a special impression, and it actually depended on the higher vision—on what the disciple truly perceived of Christ at that moment.
[ 45 ] So daß man also sagen kann: Vierzig Tage hintereinander waren sich die Jünger klar darüber: der Christus ist noch da.
[ 45 ] So one can say: For forty days in a row, the disciples were certain that the Christ was still there.
[ 46 ] Und daraus entstand dann die christliche Lehre — die die ursprüngliche christliche Lehre ist, an die dasjenige anknüpft, was ich Ihnen am vorigen Montag gesagt habe -, daraus entstand dann die christliche Lehre: Wenn Christus begraben wird, dann ist im Grabe bloß der Leichnam, der ja verschwindet; das Unsterbliche hat uns der Christus an sich selbst gezeigt; er ist in seinem Unsterblichen vierzig Tage herumgewandelt. Wir haben ihn gesehen. Und dem Paulus ist er sogar noch viel später erschienen. Er ist also immer da.
[ 46 ] And from this arose the Christian doctrine—which is the original Christian doctrine, to which what I told you last Monday relates—from this arose the Christian doctrine: When Christ is buried, there is only the corpse in the tomb, which of course disappears; Christ himself has shown us the immortal; he walked among us in his immortal form for forty days. We saw him. And he even appeared to Paul much later. So he is always there.
[ 47 ] Und so können wir auch heute sagen: Er ist immer da. Nur haben die Jünger, weil diese Kraft des Sehens in ihnen geschwunden ist, ihn nach vierzig Tagen nicht mehr gesehen. Da haben sie gesagt: Jetzt ist er von uns gegangen: Himmelfahrt. Das ist ein Ereignis, das die Jünger natürlich mit großer Traurigkeit erfüllt hat. Sie haben gesagt: Trotzdem er gestorben ist, trotzdem ihn die Feinde gekreuzigt haben, war er noch vierzig Tage lang unter uns. Jetzt ist er nicht mehr unter uns. Jetzt ist er wiederum zurückgekehrt in die Weiten der Welt.
[ 47 ] And so we can say even today: He is always there. It’s just that, because this power of seeing had faded within them, the disciples no longer saw him after forty days. Then they said: Now he has left us—the Ascension. This is an event that naturally filled the disciples with great sadness. They said: Even though he died, even though his enemies crucified him, he was still among us for forty days. Now he is no longer among us. Now he has returned once more to the vastness of the world.
[ 48 ] Und da wurden sie wirklich traurig. Nicht in einer gewöhnlichen Traurigkeit, sondern in einer ganz tiefen Traurigkeit. Und die zehn Tage, von denen jetzt geredet wird, diese zehn Tage waren für die Jünger und Apostel etwas, wo sie ganz tief mit sich zu Herzen gingen, wo sie alles mit innerer Kraft bedachten, was der Christus ihnen jemals gesagt hat. Diese zehn Tage reichten hin, daß sie sich selber hinterher sagten: Ja, das können wir selber auch alles wissen; diese Weisheit — sagten sie sich durch den starken Eindruck —, diese Weisheit sitzt selber in uns. Und sie fühlten jetzt nach zehn Tagen die Kraft, diese Weisheit auch zu lehren. Die feurigen Zungen — das ist das Bild dafür - bekamen sie auf ihre Häupter. Das ist Pfingsten, der Pfingstgedanke, die feurigen Zungen. Durch die große Trauer, wo sie noch alles bedacht hatten, daß sie des Christus nicht einmal mehr ansichtig wurden, waren sie so in sich gegangen, daß sie selber lehren konnten.
[ 48 ] And then they became truly sad. Not just ordinary sadness, but a very deep sadness. And those ten days we are now speaking of—those ten days were a time for the disciples and apostles to look deep within their hearts, to reflect with inner strength on everything Christ had ever said to them. These ten days were enough for them to say to themselves afterward: “Yes, we can know all of this ourselves; this wisdom”—they told themselves, moved by the powerful impression—“this wisdom dwells within us.” And after ten days, they now felt the strength to teach this wisdom as well. The tongues of fire—that is the image for it—descended upon their heads. That is Pentecost, the idea of Pentecost, the tongues of fire. Through their deep sorrow, as they had reflected on the fact that they would never again see Christ, they had turned so deeply inward that they were able to teach on their own.
[ 49 ] Und schön wird ja erzählt, daß sie jetzt anfingen, «in allen Sprachen zu reden». Aber da muß man nur ein wenig sich klar sein, wie da in alten Zeiten geredet wird. Sie dürfen natürlich nicht glauben, daß da behauptet wird, die Apostel hätten angefangen, chinesisch oder japanisch zu reden oder gar deutsch, sondern gemeint ist nach der Sprechweise in alten Zeiten, daß sie jetzt durch all das, was sie in den zehn Tagen zwischen Himmelfahrt und Pfingstfest gedacht haben, tolerant geworden sind. Jetzt gab es für sie nicht mehr den Unterschied der Religionen, sondern sie verkündeten eine Religion für alle Menschen. Das ist damit gemeint, daß sie in allen Sprachen reden konnten; eine Religion für alle Menschen verkündeten sie.
[ 49 ] And it is beautifully recounted that they then began to “speak in all languages.” But here one must simply understand a little how people spoke in those days. Of course, you must not think that the text is claiming the apostles began to speak Chinese or Japanese—or even German—but rather, in the manner of speech of those times, it means that through everything they had reflected on during the ten days between the Ascension and Pentecost, they had become tolerant. Now there was no longer any distinction between religions for them; instead, they proclaimed one religion for all people. This is what is meant by their being able to speak in all languages: they proclaimed one religion for all people.
[ 50 ] Und das ist ja der schönste Pfingstgedanke; die Religion für alle Menschen. Sehen Sie, dasjenige, was den Menschen am meisten geschadet hat, ist immer der Fanatismus in der Religion, das Ausschließliche in der Religion, daß man da Christentum und Buddhismus und Judentum und alles mögliche hat. Warum ist das, daß man so viele Religionen hat? Daß man so viele Religionen hat, das rührt davon her, daß diese Religionen Erdenreligionen sind, richtige Erdenreligionen.
[ 50 ] And that is, after all, the most beautiful idea of Pentecost: religion for all people. You see, what has harmed people the most is always religious fanaticism, the exclusivity of religion—the fact that there is Christianity, Buddhism, Judaism, and all sorts of other religions. Why is it that there are so many religions? The reason there are so many religions is that these religions are earthly religions—truly earthly religions.
[ 51 ] Was meine ich damit, wenn ich sage: Erdenreligionen? Nun, sehen Sie, da gibt es eine Zeit, wenn wir zum Beispiel zurückgehen, sagen wir — wir schreiben heute 1923 - in die Zeit, von der ich Ihnen erzählt habe, daß der Christus Jesus in Palästina gelebt hat, also in die Zeitenwende. Jetzt gehen wir weiter zurück, sagen wir, in das Jahr 3500 vor dem Christus Jesus, also zurück ins Altertum, da gibt es da unten in Ägypten Menschen, die haben etwa 3000 oder 3500 Jahre vor Christus auch von ihrem Gott gesprochen, nur in alten Worten. Sie haben ihn Ra genannt zum Beispiel. Sie haben von ihrem Gott gesprochen, aber sie haben gesagt: Der Gott, der ist in der Stadt Theben zum Beispiel, und in der Stadt Theben, da gab es so eine Art Gebäude mit besonderem künstlerischem, grabmalähnlichem Aufbau. Da drinnen wohnte der Gott. Das war die älteste Form, in der man den Gott verehrte, daß er an einem bestimmten Orte war.
[ 51 ] What do I mean when I say “earthly religions”? Well, you see, there is a time—if we go back, for example, to, say—it is now the year 1923—to the time I told you about when Jesus Christ lived in Palestine, that is, the turn of the era. Now let’s go further back, say, to the year 3500 B.C., that is, back to antiquity. There were people down in Egypt who, some 3,000 or 3,500 years before Christ, also spoke of their god—only in ancient terms. They called him Ra, for example. They spoke of their god, but they said: “The god is in the city of Thebes, for example,” and in the city of Thebes, there was a kind of building with a distinctive artistic, tomb-like structure. The god dwelt inside it. That was the oldest form of worshiping the god—believing that he was in a specific place.
[ 52 ] Ja, meine Herren, wenn einer da wohnte, wo wir heute wohnen, da wird er wahrscheinlich nicht gesagt haben: der Gott, der ist in Theben; denn das ist etwas gewesen, wo man nicht nur nicht hingekommen ist in alten Zeiten, sondern wovon man überhaupt nichts gewußt hat. Man hat ja nichts gewußt von Theben. Also diejenigen, die hier unten waren, in Ägypten, wo der Nil fließt, die haben gesagt: Der Gott, der wohnt in Theben. Und diejenigen, die hier waren, in unserer Gegend, die hatten auch solche Ortsgottheiten. So zum Beispiel war eine Ortsgottheit im heutigen Elsaß, oder in Münster. Also die Menschen verehrten Gott an einem bestimmten Ort. Ja, das bedingt, das macht, daß verschiedene Religionen da sind: die Thebener Religion, die Münsterer Religion, die elsässische Religion. Da spalten sich die Religionen.
[ 52 ] Yes, gentlemen, if someone had lived where we live today, he probably wouldn’t have said, “The god is in Thebes,” because that was a place that people in ancient times not only couldn’t reach but about which they knew absolutely nothing. People knew nothing about Thebes. So those who lived down here, in Egypt, where the Nile flows, would have said: “The god who dwells in Thebes.” And those who lived here, in our region, also had such local deities. For example, there was a local deity in what is now Alsace, or in Münster. So people worshiped God in a specific place. Yes, that’s what leads to there being different religions: the Theban religion, the Münster religion, the Alsatian religion. That’s where the religions split off.
[ 53 ] Und später, als dann die Menschen auf der Erde mehr gewandert sind, da konnten sie nicht mehr irgendeinen Ort annehmen für den Gott, denn da hätten sie sich ja selber widersprochen. Sie waren weggezogen, und da hatten sie nicht mehr den Ort angenommen als Gott, sondern den Menschen, der sie angeführt hat. Und so ist allmählich die Gottwürde an den Kaiser und Fürsten übergegangen. Da war wiederum für das eine Volk der Fürst Kaiser. Viele Fürsten entstanden.
[ 53 ] And later, when people began to migrate more widely across the earth, they could no longer accept any particular place as God, for that would have been a contradiction in terms. They had moved on, and by then they no longer accepted that place as God, but rather the person who led them. And so, gradually, the divine dignity passed to the emperor and the princes. For each people, the prince became the emperor. Many princes emerged.
[ 54 ] Sie sehen, in Rom war noch etwas von dieser Religion, indem die Römer ja ihren Kaiser noch als Gott verehrten.
[ 54 ] As you can see, traces of this religion still remained in Rome, since the Romans continued to worship their emperor as a god.
[ 55 ] Aber was war das Christentum? Das Christentum sagte nichts von alledem. Nicht an einen Ort auf der Erde, nicht an einen Menschen auf der Erde ist dasjenige, was man verehren soll, das Göttliche, gebunden, sondern an die Sonnenkraft, die Sonnenlebendigkeit, die der Christus in sich aufgenommen hat. Und die Sonne ist gerade allmenschlich. Denn kein Mensch kann sagen in Europa, wenn die Sonne auf seinen Scheitel scheint, daß das eine andere Sonne ist als die Sonne der Ägypter oder der Chinesen oder der Australier. Wer wirklich anerkennt, daß die Christus-Kraft von der Sonne kommt, der muß anerkennen die allgemeine Religion für alle Menschen.
[ 55 ] But what was Christianity? Christianity said nothing of the sort. That which is to be worshiped—the Divine—is not bound to any place on Earth, nor to any human being on Earth, but to the power of the sun, the vitality of the sun, which Christ absorbed into himself. And the sun is, in fact, universal. For no one in Europe, when the sun shines upon their head, can say that it is a different sun than the sun of the Egyptians, the Chinese, or the Australians. Anyone who truly recognizes that the Christ-force comes from the sun must recognize the universal religion for all people.
[ 56 ] Es war die allgemeine Religion für alle Menschen, wenn es auch die Leute nicht immer verstanden. Und den Jüngern ist so etwas ganz gut aufgegangen, daß die Sonnenreligion da ist. Das wird dadurch ausgedrückt, daß sie in allen Sprachen reden konnten. Sie konnten eine Versöhnungs-, eine Toleranzreligion für alle Menschen bringen. Das ist der Pfingstgedanke. Aber Sie wissen ja, der Pfingstgedanke ist heute noch nicht erfüllt. Und der muß erfüllt werden. Es muß noch durchaus klar werden, daß dasjenige, was der Christus auf die Erde gebracht hat, gar nicht von einer Lehre abhängig ist, sondern von einer Tatsache.
[ 56 ] It was the universal religion for all people, even if people did not always understand it. And the disciples came to understand quite well that the religion of the Sun exists. This is expressed by the fact that they were able to speak in all languages. They were able to bring a religion of reconciliation and tolerance for all people. That is the idea of Pentecost. But as you know, the idea of Pentecost has not yet been fulfilled today. And it must be fulfilled. It must become absolutely clear that what Christ brought to Earth does not depend on a doctrine at all, but on a fact.
[ 57 ] Wenn heute die europäischen Missionare zu einem Inder oder Chinesen kommen, da verlangen sie von denen, daß sie glauben an das, was man in Rom von dem Christus sagt. Dazu können sich die Inder oder die Chinesen nicht entschließen, denn das hat sich aus den europäischen Verhältnissen herausgebildet. Damit kann man die Leute nicht bekommen. Aber wenn man es so sagen würde, wie ich es Ihnen heute gesagt habe, könnte man es auf der ganzen Erde verstehen. Denn was für alle Menschen gilt, das ist der Pfingstgedanke.
[ 57 ] When European missionaries approach an Indian or a Chinese person today, they demand that they believe what is said about Christ in Rome. The Indians or the Chinese cannot bring themselves to do this, because it has developed out of European circumstances. You cannot win people over with that. But if one were to put it the way I have explained it to you today, it could be understood throughout the world. For what applies to all people is the idea of Pentecost.
[ 58 ] Jetzt habe ich versucht, Ihnen den Himmelfahrtsgedanken, wie er zu nehmen ist, und den Pfingstgedanken auseinanderzusetzen, was der Herr, der die Frage aufgezeichnet hat, ja wissen wollte. Ich finde das auch sehr passend, weil heute der Tag vor Himmelfahrt ist und in zehn Tagen die Pfingsttage folgen. Es war mir sehr lieb, daß ich Ihnen das sagen konnte.
[ 58 ] Now I have tried to explain to you the concept of the Ascension—how it is to be understood—and the concept of Pentecost, which is exactly what the Lord who recorded the question wanted to know. I also find this very fitting, because today is the day before the Ascension, and Pentecost will follow in ten days. It was a great pleasure for me to be able to share this with you.
[ 59 ] Jetzt muß ich nach Norwegen fahren. Ich werde es Ihnen dann wieder sagen lassen, wann der nächste Vortrag sein wird. Auf Wiedersehen!
[ 59 ] Now I have to go to Norway. I'll let you know when the next lecture will be. Goodbye!
