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Rhythms in the Cosmos and in the Human Being
GA 350

30 June 1923, Dornach

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9. Erzeugen künstlicher Langeweile — Die Umkehrung der Urteile der physischen Welt in der geistigen Welt

9. Erzeugen künstlicher Langeweile — Die Umkehrung der Urteile der physischen Welt in der geistigen Welt

[ 1 ] Wir werden nun fortfahren in der Beantwortung der vorgelegten Fragen. Dabei müssen Sie sich aber klar sein, daß die Antwort auf diese Fragen zu den aller schwierigsten gehört. Ich werde es so leicht als möglich zu machen versuchen. Ich habe Ihnen schon gesagt: Will man die Wege finden, um in die geistige Anschauung hineinzukommen, dann muß man zuerst sich angewöhnen können ein ganz selbständiges Denken. Zweitens muß man die Möglichkeit haben, wie ich Ihnen gesagt habe, zurückzudenken. Also man muß versuchen, diejenigen Dinge, die im Leben so verlaufen: zuerst das erste, dann das zweite, das dritte und so weiter — das muß man versuchen zurückzudenken. Also, wenn ich Ihnen einen Vortrag halte, sagte ich das letzte Mal, so müßten Sie versuchen, vom Ende anzufangen und gegen den Anfang zu denken. Das sind solche Dinge, die zu den allerersten, ich möchte sagen, Anfangsgründen gehören.

[ 1 ] Wir werden nun fortfahren in der Beantwortung der vorgelegten Fragen. Dabei müssen Sie sich aber klar sein, daß die Antwort auf diese Fragen zu den aller schwierigsten gehört. Ich werde es so leicht als möglich zu machen versuchen. Ich habe Ihnen schon gesagt: Will man die Wege finden, um in die geistige Anschauung hineinzukommen, dann muß man zuerst sich angewöhnen können ein ganz selbständiges Denken. Zweitens muß man die Möglichkeit haben, wie ich Ihnen gesagt habe, zurückzudenken. Also man muß versuchen, diejenigen Dinge, die im Leben so verlaufen: zuerst das erste, dann das zweite, das dritte und so weiter — das muß man versuchen zurückzudenken. Also, wenn ich Ihnen einen Vortrag halte, sagte ich das letzte Mal, so müßten Sie versuchen, vom Ende anzufangen und gegen den Anfang zu denken. Das sind solche Dinge, die zu den allerersten, ich möchte sagen, Anfangsgründen gehören.

[ 2 ] Nun möchte ich aber heute ganz im Zusammenhang schon mit der zweiten Frage noch etwas anderes erörtern. Sie wissen ja, daß der Mensch nur leben kann bei einer bestimmten Wärme. Der Mensch kann unter Umständen viel vertragen von Wärme. Wenn es im Sommer recht heiß wird, nun, dann schwitzt er halt, aber er kann es noch ertragen; aber wenn es noch höher hinaufginge, dann würde er nicht mehr leben können. Ebensogut kann der Mensch eine bestimmte Kälte ertragen, aber wenn es unter diese Kälte hinuntergeht, dann erfriert der Mensch. Und sehen Sie, das Eigentümliche ist, daß man gerade zwischen diesen zwei Temperaturen, zwischen der Kälte bei der man anfängt zu erfrieren, und der Wärme, die man gerade noch aushalten kann, zwischen diesen zwei Temperaturen, in denen der menschliche Körper lebt, gerade keine geistigen Wesenheiten sehen kann. Also ist es gar nicht besonders verwunderlich, daß der Mensch mit seinem Körper keine geistigen Wesenheiten wahrnehmen kann. Denn das ist gerade so, wie ich Ihnen das letzte Mal gesagt habe, daß man in dem Momente, wo man anfängt zurückzudenken, beginnen würde, geistige Wesenheiten zu sehen. Aber man schläft ein. Die meisten Menschen schlafen ein, wenn sie sich eben nicht vorher zum Wachsein darauf erzogen haben. Aber nun etwas anderes. Sehen Sie, der Mensch könnte, wenn er weiter hinaufkommen würde als in die Temperatur, die er gerade noch aushalten kann, da oben bei höherer Temperatur geistige Wesenheiten wahrnehmen. Aber er kann es nicht ertragen. Ebensogut könnte der Mensch geistige Wesenheiten wahrnehmen, wenn er sich ein Schneegewand machen könnte, ganz sich in Schnee stecken könnte; aber er erfriert dabei. Also das, was dem Menschen so unwahrscheinlich vorkommt, das ist eben doch eine Tatsache: daß sich die geistigen Wesenheiten vor den Temperaturen, die der Mensch, wenn er im physischen Leibe ist, aushält, zurückziehen.

[ 2 ] Nun möchte ich aber heute ganz im Zusammenhang schon mit der zweiten Frage noch etwas anderes erörtern. Sie wissen ja, daß der Mensch nur leben kann bei einer bestimmten Wärme. Der Mensch kann unter Umständen viel vertragen von Wärme. Wenn es im Sommer recht heiß wird, nun, dann schwitzt er halt, aber er kann es noch ertragen; aber wenn es noch höher hinaufginge, dann würde er nicht mehr leben können. Ebensogut kann der Mensch eine bestimmte Kälte ertragen, aber wenn es unter diese Kälte hinuntergeht, dann erfriert der Mensch. Und sehen Sie, das Eigentümliche ist, daß man gerade zwischen diesen zwei Temperaturen, zwischen der Kälte bei der man anfängt zu erfrieren, und der Wärme, die man gerade noch aushalten kann, zwischen diesen zwei Temperaturen, in denen der menschliche Körper lebt, gerade keine geistigen Wesenheiten sehen kann. Also ist es gar nicht besonders verwunderlich, daß der Mensch mit seinem Körper keine geistigen Wesenheiten wahrnehmen kann. Denn das ist gerade so, wie ich Ihnen das letzte Mal gesagt habe, daß man in dem Momente, wo man anfängt zurückzudenken, beginnen würde, geistige Wesenheiten zu sehen. Aber man schläft ein. Die meisten Menschen schlafen ein, wenn sie sich eben nicht vorher zum Wachsein darauf erzogen haben. Aber nun etwas anderes. Sehen Sie, der Mensch könnte, wenn er weiter hinaufkommen würde als in die Temperatur, die er gerade noch aushalten kann, da oben bei höherer Temperatur geistige Wesenheiten wahrnehmen. Aber er kann es nicht ertragen. Ebensogut könnte der Mensch geistige Wesenheiten wahrnehmen, wenn er sich ein Schneegewand machen könnte, ganz sich in Schnee stecken könnte; aber er erfriert dabei. Also das, was dem Menschen so unwahrscheinlich vorkommt, das ist eben doch eine Tatsache: daß sich die geistigen Wesenheiten vor den Temperaturen, die der Mensch, wenn er im physischen Leibe ist, aushält, zurückziehen.

[ 3 ] Nun kann der Mensch solche Temperaturen mit seinem Körper nicht aushalten, aber mit seiner Seele kann er sie aushalten. Nur, wie gesagt, die Seele schläft dann ein. Denn die Seele erfriert nicht, die Seele verbrennt auch nicht, aber sie schläft ein.

[ 3 ] Nun kann der Mensch solche Temperaturen mit seinem Körper nicht aushalten, aber mit seiner Seele kann er sie aushalten. Nur, wie gesagt, die Seele schläft dann ein. Denn die Seele erfriert nicht, die Seele verbrennt auch nicht, aber sie schläft ein.

[ 4 ] Nun gibt es aber zweierlei, wodurch der Mensch eine Ahnung bekommen kann, wie die Geschichte ist, wenn er in höhere Temperaturen kommt, als er aushält, und auch, wenn er in tiefere Temperaturen kommt, als er aushält. Dafür will ich Ihnen ein Beispiel nennen. Sehen Sie, der Mensch kommt in höhere Temperaturen, als er aushält, auf innerliche Weise, wenn er Fieber kriegt. Da kommt er zwar nicht in so hohe Temperaturen, daß er gleich daran zugrunde geht, aber weil die Wärme von innen erzeugt wird, kommt der Mensch in Fiebertemperaturen hinein, in eine höhere Temperatur, als er hineinkommt, wenn er kein Fieber hat. Sie wissen ja, der Mensch fängt, wenn er ins Fieber hineinkommt, wenn er in diese höhere Temperatur hineinkommt, wirklich zu reden an wie einer, der nicht auf der Erde ist. Denn was die Leute im Fieber schwätzen, das hat keinen Bezug auf die Erde. Aber gerade wenn einer Materialist wäre, müßte er sagen: Ja, aber das sind doch Gedanken, die da ausgekocht werden in der Fieberhitze, wenn sie auch nicht wahr sind.

[ 4 ] Nun gibt es aber zweierlei, wodurch der Mensch eine Ahnung bekommen kann, wie die Geschichte ist, wenn er in höhere Temperaturen kommt, als er aushält, und auch, wenn er in tiefere Temperaturen kommt, als er aushält. Dafür will ich Ihnen ein Beispiel nennen. Sehen Sie, der Mensch kommt in höhere Temperaturen, als er aushält, auf innerliche Weise, wenn er Fieber kriegt. Da kommt er zwar nicht in so hohe Temperaturen, daß er gleich daran zugrunde geht, aber weil die Wärme von innen erzeugt wird, kommt der Mensch in Fiebertemperaturen hinein, in eine höhere Temperatur, als er hineinkommt, wenn er kein Fieber hat. Sie wissen ja, der Mensch fängt, wenn er ins Fieber hineinkommt, wenn er in diese höhere Temperatur hineinkommt, wirklich zu reden an wie einer, der nicht auf der Erde ist. Denn was die Leute im Fieber schwätzen, das hat keinen Bezug auf die Erde. Aber gerade wenn einer Materialist wäre, müßte er sagen: Ja, aber das sind doch Gedanken, die da ausgekocht werden in der Fieberhitze, wenn sie auch nicht wahr sind.

[ 5 ] Also wir haben beim Menschen etwas, wo er in einen Zustand erhöhter Temperatur hineinwächst, zunächst fiebert, wo er irrereden würde. Nun, sehen Sie, die Seele, die kann nicht irrereden. Wenn die Seele auch in noch so hohem Fieber ist, sie kann nicht irrereden. Sie redet irre, weil bei höherer Temperatur, der Körper nicht in Ordnung ist. Sie können sich das vergegenwärtigen, wenn Sie an eine solche Kugel denken, wie man sie manchmal in Blumengärten aufstellt, die ein Spiegel ist, in dem sich die Umgebung spiegelt. Wenn Sie da einmal hereingukken, da werden Sie ein Gesicht sehen, das Sie nicht gerne haben möchten! (Es wird skizzenhaft an der Tafel dargestellt.) Solch ein Gesicht werden Sie nicht gerne haben mögen. Aber Sie werden auch nicht sagen: Donnerwetter, was habe ich für ein Gesicht gekriegt! — Sie werden nicht glauben, daß das nun überhaupt Ihr Gesicht sei, weil es in der Kugel so verändert ausschaut. Wenn nun Ihre Seele im Fieber anfängt irrezureden, so werden Sie auch nicht sagen, Ihre Seele fängt an, irrezureden, sondern dasjenige, was Ihre Seele redet, das wird irre, weil es aus einem kranken Gehirn heraus redet, geradeso wie Ihr Gesicht so breitmatschig ausschaut, weil es in einem so falschen Spiegel zum Ausdruck kommt. Also müssen Sie sich auch sagen: Wenn ich Fieber habe und dummes Zeug rede, so ist es mit der Seele so, daß sie aus einem kranken Gehirn heraus redet. Ich habe ja kein anderes Gesicht, wenn ich vor dem Kugelspiegel stehe, aber das alles erscheint verzerrt. — So erscheint verzerrt, was der Fieberkranke redet, weil es aus einem kranken Körper und falsch wirkenden Gehirn heraus kommt. Aber woher kommt das falsch wirkende Gehirn? Davon, daß die ganze Blutzirkulation zu rasch vor sich geht. Sie brauchen nur den Puls zu fühlen, so spüren Sie das schon. Also diese Fieberhitze im Kopf wird dadurch erzeugt, daß die Blutzirkulation zu rasch vor sich geht. Durch die Blutzirkulation wird Wärme erzeugt, die steigt in den Kopf: Sie haben Fieber. Ihre Seele erscheint wie in einem unrichtigen Spiegel.

[ 5 ] Also wir haben beim Menschen etwas, wo er in einen Zustand erhöhter Temperatur hineinwächst, zunächst fiebert, wo er irrereden würde. Nun, sehen Sie, die Seele, die kann nicht irrereden. Wenn die Seele auch in noch so hohem Fieber ist, sie kann nicht irrereden. Sie redet irre, weil bei höherer Temperatur, der Körper nicht in Ordnung ist. Sie können sich das vergegenwärtigen, wenn Sie an eine solche Kugel denken, wie man sie manchmal in Blumengärten aufstellt, die ein Spiegel ist, in dem sich die Umgebung spiegelt. Wenn Sie da einmal hereingukken, da werden Sie ein Gesicht sehen, das Sie nicht gerne haben möchten! (Es wird skizzenhaft an der Tafel dargestellt.) Solch ein Gesicht werden Sie nicht gerne haben mögen. Aber Sie werden auch nicht sagen: Donnerwetter, was habe ich für ein Gesicht gekriegt! — Sie werden nicht glauben, daß das nun überhaupt Ihr Gesicht sei, weil es in der Kugel so verändert ausschaut. Wenn nun Ihre Seele im Fieber anfängt irrezureden, so werden Sie auch nicht sagen, Ihre Seele fängt an, irrezureden, sondern dasjenige, was Ihre Seele redet, das wird irre, weil es aus einem kranken Gehirn heraus redet, geradeso wie Ihr Gesicht so breitmatschig ausschaut, weil es in einem so falschen Spiegel zum Ausdruck kommt. Also müssen Sie sich auch sagen: Wenn ich Fieber habe und dummes Zeug rede, so ist es mit der Seele so, daß sie aus einem kranken Gehirn heraus redet. Ich habe ja kein anderes Gesicht, wenn ich vor dem Kugelspiegel stehe, aber das alles erscheint verzerrt. — So erscheint verzerrt, was der Fieberkranke redet, weil es aus einem kranken Körper und falsch wirkenden Gehirn heraus kommt. Aber woher kommt das falsch wirkende Gehirn? Davon, daß die ganze Blutzirkulation zu rasch vor sich geht. Sie brauchen nur den Puls zu fühlen, so spüren Sie das schon. Also diese Fieberhitze im Kopf wird dadurch erzeugt, daß die Blutzirkulation zu rasch vor sich geht. Durch die Blutzirkulation wird Wärme erzeugt, die steigt in den Kopf: Sie haben Fieber. Ihre Seele erscheint wie in einem unrichtigen Spiegel.

[ 6 ] Auch der umgekehrte Zustand kann eintreten, aber der tritt nicht dadurch ein, daß man sich in den Schnee legt und sich erfrieren läßt, denn da erfriert man wirklich. Der umgekehrte Zustand kann nämlich nur vom Geistigen aus eintreten. Da muß man schon vom Geistigen aus etwas machen. Nun, sehen Sie, meine Herren, da kommt etwas sehr Merkwürdiges zustande. Denken Sie sich einmal: Einer fängt an furchtbar nachzudenken, denkt über die geringsten Kleinigkeiten nach. Es ist besser, über die geringsten Kleinigkeiten als über wichtige Sachen nachzudenken, über solche sogenannten Kleinigkeiten, daß die meisten Menschen gar nicht darüber nachdenken wollen. Ich will Ihnen etwas zeigen: Wenn Sie hier ein Dreieck haben (siehe Zeichnung) und Sie teilen dieses Dreieck in vier gleiche Teile, so daß Sie also vier solche Dreiecke bekommen, so können Sie sagen: Das ganze Dreieck ist größer als jedes der vier kleinen Dreiecke. — Ich kann jetzt das verallgemeinern und kann sagen, es gibt einen Lehrsatz, der heißt: Das Ganze ist größer als seine Teile. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.) — Donnerwetter, wenn da so ein satter Börsenmensch kommt und man sagt ihm: Du, denke einmal darüber nach, das Ganze ist größer als seine Teile — dann sagt der: Nein, das ist mir viel zu langweilig! — Und wenn man noch gar zu ihm kommt und sagt: Sich einmal, die Tafel ist ein Körper, die hat eine bestimmte Größe, die ist ausgedehnt, der Tisch ist auch ein Körper, der hat eine bestimmte Größe, der ist ausgedehnt — und ich bilde jetzt den Satz: Alle Körper sind ausgedehnt. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.) — Denken Sie sich, wenn Ihnen einmal irgendwo in einer Versammlung die ganze Zeit nur vorgetragen würde über den einen Satz: Alle Körper sind ausgedehnt —, Sie würden weggehen und sagen: Das war eine fade, eine langweilige Geschichte! — Und wenn ich Ihnen jetzt noch mit etwas kommen würde und würde sagen: Seht einmal, die Wiese ist grün, die Rose ist rot, diese Gegenstände haben also Farben. Gestern war da eine Gerichtssitzung, da hat der Richter das oder jenes Urteil gefällt — das hat keine Farbe. Und in einem anderen Orte war auch eine Gerichtssitzung, da hat der Richter auch ein Urteil gefällt — das hat keine Farbe. Urteile haben keine Farbe. — So haben wir einen dritten Satz. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.) Ja, meine Herren, wenn Ihnen nun einer eine Stunde lang darüber vortragen würde: Urteile haben keine Farbe —, da würden Sie sich sagen: Ich habe mir eine Stunde lang angehört: Urteile haben keine Farbe —, aber das ist furchtbar langweilig, das ist grenzenlos langweilig!

[ 6 ] Auch der umgekehrte Zustand kann eintreten, aber der tritt nicht dadurch ein, daß man sich in den Schnee legt und sich erfrieren läßt, denn da erfriert man wirklich. Der umgekehrte Zustand kann nämlich nur vom Geistigen aus eintreten. Da muß man schon vom Geistigen aus etwas machen. Nun, sehen Sie, meine Herren, da kommt etwas sehr Merkwürdiges zustande. Denken Sie sich einmal: Einer fängt an furchtbar nachzudenken, denkt über die geringsten Kleinigkeiten nach. Es ist besser, über die geringsten Kleinigkeiten als über wichtige Sachen nachzudenken, über solche sogenannten Kleinigkeiten, daß die meisten Menschen gar nicht darüber nachdenken wollen. Ich will Ihnen etwas zeigen: Wenn Sie hier ein Dreieck haben (siehe Zeichnung) und Sie teilen dieses Dreieck in vier gleiche Teile, so daß Sie also vier solche Dreiecke bekommen, so können Sie sagen: Das ganze Dreieck ist größer als jedes der vier kleinen Dreiecke. — Ich kann jetzt das verallgemeinern und kann sagen, es gibt einen Lehrsatz, der heißt: Das Ganze ist größer als seine Teile. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.) — Donnerwetter, wenn da so ein satter Börsenmensch kommt und man sagt ihm: Du, denke einmal darüber nach, das Ganze ist größer als seine Teile — dann sagt der: Nein, das ist mir viel zu langweilig! — Und wenn man noch gar zu ihm kommt und sagt: Sich einmal, die Tafel ist ein Körper, die hat eine bestimmte Größe, die ist ausgedehnt, der Tisch ist auch ein Körper, der hat eine bestimmte Größe, der ist ausgedehnt — und ich bilde jetzt den Satz: Alle Körper sind ausgedehnt. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.) — Denken Sie sich, wenn Ihnen einmal irgendwo in einer Versammlung die ganze Zeit nur vorgetragen würde über den einen Satz: Alle Körper sind ausgedehnt —, Sie würden weggehen und sagen: Das war eine fade, eine langweilige Geschichte! — Und wenn ich Ihnen jetzt noch mit etwas kommen würde und würde sagen: Seht einmal, die Wiese ist grün, die Rose ist rot, diese Gegenstände haben also Farben. Gestern war da eine Gerichtssitzung, da hat der Richter das oder jenes Urteil gefällt — das hat keine Farbe. Und in einem anderen Orte war auch eine Gerichtssitzung, da hat der Richter auch ein Urteil gefällt — das hat keine Farbe. Urteile haben keine Farbe. — So haben wir einen dritten Satz. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.) Ja, meine Herren, wenn Ihnen nun einer eine Stunde lang darüber vortragen würde: Urteile haben keine Farbe —, da würden Sie sich sagen: Ich habe mir eine Stunde lang angehört: Urteile haben keine Farbe —, aber das ist furchtbar langweilig, das ist grenzenlos langweilig!

Diagram I
Diagram I

[ 7 ] Aber warum sind Ihnen diese Urteile langweilig? Ich müßte Ihnen diese Sachen nicht an die Tafel schreiben, und ich müßte Ihnen auch nicht mit einer gewissen Spaßigkeit diese Sachen sagen, sondern ich müßte hereinkommen, steif und forsch wie ein Professor, und müßte nun sagen: Meine Herren, heute wollen wir uns über den Satz unterhalten: Urteile haben keine Farbe — und dann müßte ich Ihnen eine ganze Stunde beweisen, daß der Satz richtig ist. Wie ich es hier Ihnen zeigte, das ist noch ganz amüsant. Aber so müßte ich kommen und eine ganze Stunde reden über den Satz: Urteile haben keine Farbe, oder: Alle Körper sind ausgedehnt. — So könnten Sie solch eine Linie ziehen, um von dem einen Punkt zum anderen zu kommen (es wird gezeichnet). Die eine Linie ist gerade, die anderen sind alle krumm. Aber wenn Sie das angucken, so werden Sie gleich sagen: Die Gerade ist der kürzeste Weg, alle anderen sind länger. — Nun kann ich Ihnen wieder diesen Satz aufschreiben: Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten. — Wenn ich da wiederum eine ganze Stunde über diesen Satz reden wollte, würden Sie es wieder langweilig finden.

[ 7 ] Aber warum sind Ihnen diese Urteile langweilig? Ich müßte Ihnen diese Sachen nicht an die Tafel schreiben, und ich müßte Ihnen auch nicht mit einer gewissen Spaßigkeit diese Sachen sagen, sondern ich müßte hereinkommen, steif und forsch wie ein Professor, und müßte nun sagen: Meine Herren, heute wollen wir uns über den Satz unterhalten: Urteile haben keine Farbe — und dann müßte ich Ihnen eine ganze Stunde beweisen, daß der Satz richtig ist. Wie ich es hier Ihnen zeigte, das ist noch ganz amüsant. Aber so müßte ich kommen und eine ganze Stunde reden über den Satz: Urteile haben keine Farbe, oder: Alle Körper sind ausgedehnt. — So könnten Sie solch eine Linie ziehen, um von dem einen Punkt zum anderen zu kommen (es wird gezeichnet). Die eine Linie ist gerade, die anderen sind alle krumm. Aber wenn Sie das angucken, so werden Sie gleich sagen: Die Gerade ist der kürzeste Weg, alle anderen sind länger. — Nun kann ich Ihnen wieder diesen Satz aufschreiben: Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten. — Wenn ich da wiederum eine ganze Stunde über diesen Satz reden wollte, würden Sie es wieder langweilig finden.

Pas Ganze ist grösser als seine Teile
Alle Körper sind ausgedehnt
Urteile haben keine Farbe
Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten

Pas Ganze ist grösser als seine Teile
Alle Körper sind ausgedehnt
Urteile haben keine Farbe
Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten

[ 8 ] Es gibt allerdings einen deutschen Professor, der sagt: Von der geistigen Welt kann man schon etwas erkennen; aber nur dasjenige kann man erkennen von der geistigen Welt, was in solchen Sätzen liegt. — Und nun trägt er seinen Schülern dann die Sätze vor, durch die man aus der geistigen Welt etwas erkennt: Das Ganze ist größer als seine Teile. Die Urteile haben keine Farbe. Die Körper sind ausgedehnt. Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten, und so weiter. — Das ist das einzige, sagt er, was man wissen kann von der geistigen Welt. Ja, die Schüler, die langweilen sich furchtbar in diesen Vorträgen. Aber heute ist es so, daß die Leute schon den Glauben gekriegt haben: Man muß sich langweilen bei der Wissenschaft. — Deshalb sind die Schüler sogar meistens gerade von dem Professor begeistert, der solches sagt. Aber das ist nur eine Zwischenbemerkung.

[ 8 ] Es gibt allerdings einen deutschen Professor, der sagt: Von der geistigen Welt kann man schon etwas erkennen; aber nur dasjenige kann man erkennen von der geistigen Welt, was in solchen Sätzen liegt. — Und nun trägt er seinen Schülern dann die Sätze vor, durch die man aus der geistigen Welt etwas erkennt: Das Ganze ist größer als seine Teile. Die Urteile haben keine Farbe. Die Körper sind ausgedehnt. Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten, und so weiter. — Das ist das einzige, sagt er, was man wissen kann von der geistigen Welt. Ja, die Schüler, die langweilen sich furchtbar in diesen Vorträgen. Aber heute ist es so, daß die Leute schon den Glauben gekriegt haben: Man muß sich langweilen bei der Wissenschaft. — Deshalb sind die Schüler sogar meistens gerade von dem Professor begeistert, der solches sagt. Aber das ist nur eine Zwischenbemerkung.

[ 9 ] Die Geschichte ist nämlich diese. Wenn man solche Urteile in sich aufnimmt, solche Urteile fällt, solche Sätze: Das Ganze ist größer als seine Teile, die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten dann wird es nämlich im Hinterkopf kalt. Das ist das Eigentümliche: es wird im Hinterkopf kalt. Und weil es im Hinterkopf kalt wird, weil der Mensch anfängt zu frieren, will er gleich weg von solchen Sätzen. Sie sind ihm langweilig. Das ist nämlich das Merkwürdige: Bei der Langeweile wird es im Hinterkopf kalt. Nicht der ganze Mensch wird kalt, aber der Hinterkopf wird kalt. Der Hinterkopf fängt an erfrieren zu wollen. Und der friert jetzt nicht durch den Schnee oder durch das Eis, sondern der friert durch das Seelische, dadurch, daß er solche Dinge denkt, die kein Interesse für ihn haben.

[ 9 ] Die Geschichte ist nämlich diese. Wenn man solche Urteile in sich aufnimmt, solche Urteile fällt, solche Sätze: Das Ganze ist größer als seine Teile, die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten dann wird es nämlich im Hinterkopf kalt. Das ist das Eigentümliche: es wird im Hinterkopf kalt. Und weil es im Hinterkopf kalt wird, weil der Mensch anfängt zu frieren, will er gleich weg von solchen Sätzen. Sie sind ihm langweilig. Das ist nämlich das Merkwürdige: Bei der Langeweile wird es im Hinterkopf kalt. Nicht der ganze Mensch wird kalt, aber der Hinterkopf wird kalt. Der Hinterkopf fängt an erfrieren zu wollen. Und der friert jetzt nicht durch den Schnee oder durch das Eis, sondern der friert durch das Seelische, dadurch, daß er solche Dinge denkt, die kein Interesse für ihn haben.

[ 10 ] Sehen Sie, man kann sich lustig machen über solche Sätze; aber die Sache ist diese, daß solche Sätze mit Geduld immer wieder denken, das heißt sich immer wieder mit Geduld in furchtbare Langeweile versetzen, ein richtiger Weg ist, um in das geistige Schauen hineinzukommen. Es ist merkwürdig: Was der Mensch gerade nicht haben will, das muß er ausüben. Ich kann Ihnen sagen: Die Mathematik ist für manchen langweilig, aber weil sie schwer ist und man sich anstrengen muß, und weil die Mathematik gerade den Hinterkopf so kalt macht, deshalb kommen diejenigen, die Mathematik lernen mußten, weil die so kalt war und man sich recht anstrengen mußte bei der Mathematik, am leichtesten in die geistige Welt hinein. Und diejenigen, die sich überwinden und solche Sätze immer wieder und wieder erleben, die also künstlich sich die Langeweile anzüchten, die kommen am leichtesten in die geistige Welt hinein.

[ 10 ] Sehen Sie, man kann sich lustig machen über solche Sätze; aber die Sache ist diese, daß solche Sätze mit Geduld immer wieder denken, das heißt sich immer wieder mit Geduld in furchtbare Langeweile versetzen, ein richtiger Weg ist, um in das geistige Schauen hineinzukommen. Es ist merkwürdig: Was der Mensch gerade nicht haben will, das muß er ausüben. Ich kann Ihnen sagen: Die Mathematik ist für manchen langweilig, aber weil sie schwer ist und man sich anstrengen muß, und weil die Mathematik gerade den Hinterkopf so kalt macht, deshalb kommen diejenigen, die Mathematik lernen mußten, weil die so kalt war und man sich recht anstrengen mußte bei der Mathematik, am leichtesten in die geistige Welt hinein. Und diejenigen, die sich überwinden und solche Sätze immer wieder und wieder erleben, die also künstlich sich die Langeweile anzüchten, die kommen am leichtesten in die geistige Welt hinein.

[ 11 ] Ich habe Ihnen gesagt: Wenn man Fieber kriegt, dann wird der Puls schnell. Da wird man warm, und da ist es so, daß man Hitze in den Kopf, in das Gehirn hinein kriegt. Da kommt man eben in die Hitze hinein. Da redet man irre. — Wenn man sich aber jetzt mit solchen Sätzen plagt, wobei man ganz aufhören will zu denken, da wird das Blut nicht regsamer, sondern im Hinterkopf stockt es, das Blut. Und dadurch, daß das Blut stockt, sammeln sich dahinten Salze An. Salze sammeln sich an. Das ist ein Zweifaches, wie diese Salze sich äußern. Die meisten Menschen bekommen Bauchweh davon. Und weil sie das Bauchweh sehr rasch bemerken — es wird ihnen unbehaglich im Bauch, wenn sie solche Sätze denken sollen —, so hören sie bald auf. Aber wenn einer doch immerfort solche Sätze denkt, wie es der Nietzsche gemacht hat, der als ein sehr großer Mann gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelebt hat, der immerfort mit solchen Sätzen sich gequält hat in seiner Jugend, dann lagern sich viele Salze ab in seinem Kopf, und Nietzsche litt fortwährend an Migräne. Und nun, sehen Sie, muß man es dahin bringen, daß man solche Sätze denken kann, ohne daß man Migräne kriegt, sich Salze ablagern, also auch ohne daß man Bauchweh kriegt. Man muß ein vollständig gesunder Mensch bleiben und künstliche Langeweile in sich erzeugen können. Also einer, der Ihnen ehrlich sagt, wie man in die geistige Welt hineinkommt, der muß Ihnen sagen: Sie müssen zuerst künstliche Langeweile in sich erzeugen können, sonst können Sie überhaupt nicht in die geistige Welt hineinkommen. Sehen Sie nur einmal die gegenwärtige Zeit an. Was will denn die gegenwärtige Zeit? Die gegenwärtige Zeit will fortwährend die Langeweile vertreiben. Wohin rennen die Menschen nicht überall, um ja keine Langeweile zu haben! Immerfort wollen sie sich amüsieren. Was heißt denn das, sich immerfort amüsieren wollen? Das heißt, vor dem Geist davonlaufen. Nichts anderes heißt das. Und unsere Zeit will sich immerfort amüsieren. Ja, wo irgend etwas Geistiges sein könnte, da rennt unsere Zeit immer gleich davon. Sie weiß es nicht, es geschieht unbewußt. Aber dieses Sich-amüsieren-Wollen ist eben ein Vor-dem-Geiste-Davonlaufen. Das ist schon so. Und diejenigen allein können in den Geist hineinkommen, die sich nicht davor scheuen, das Amüsante einmal ganz zu lassen und künstlich in solchen Sätzen zu leben. Dann, wenn man es so weit gebracht hat, daß man künstlich in solchen Sätzen leben kann, daß man nicht mehr Migräne oder Bauchweh dabei bekommt, sondern es wirklich aushalten kann, viele Stunden lang in solchen Sätzen zu leben, dann hat man die Möglichkeit, allmählich zum geistigen Schauen zu kommen.

[ 11 ] Ich habe Ihnen gesagt: Wenn man Fieber kriegt, dann wird der Puls schnell. Da wird man warm, und da ist es so, daß man Hitze in den Kopf, in das Gehirn hinein kriegt. Da kommt man eben in die Hitze hinein. Da redet man irre. — Wenn man sich aber jetzt mit solchen Sätzen plagt, wobei man ganz aufhören will zu denken, da wird das Blut nicht regsamer, sondern im Hinterkopf stockt es, das Blut. Und dadurch, daß das Blut stockt, sammeln sich dahinten Salze An. Salze sammeln sich an. Das ist ein Zweifaches, wie diese Salze sich äußern. Die meisten Menschen bekommen Bauchweh davon. Und weil sie das Bauchweh sehr rasch bemerken — es wird ihnen unbehaglich im Bauch, wenn sie solche Sätze denken sollen —, so hören sie bald auf. Aber wenn einer doch immerfort solche Sätze denkt, wie es der Nietzsche gemacht hat, der als ein sehr großer Mann gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelebt hat, der immerfort mit solchen Sätzen sich gequält hat in seiner Jugend, dann lagern sich viele Salze ab in seinem Kopf, und Nietzsche litt fortwährend an Migräne. Und nun, sehen Sie, muß man es dahin bringen, daß man solche Sätze denken kann, ohne daß man Migräne kriegt, sich Salze ablagern, also auch ohne daß man Bauchweh kriegt. Man muß ein vollständig gesunder Mensch bleiben und künstliche Langeweile in sich erzeugen können. Also einer, der Ihnen ehrlich sagt, wie man in die geistige Welt hineinkommt, der muß Ihnen sagen: Sie müssen zuerst künstliche Langeweile in sich erzeugen können, sonst können Sie überhaupt nicht in die geistige Welt hineinkommen. Sehen Sie nur einmal die gegenwärtige Zeit an. Was will denn die gegenwärtige Zeit? Die gegenwärtige Zeit will fortwährend die Langeweile vertreiben. Wohin rennen die Menschen nicht überall, um ja keine Langeweile zu haben! Immerfort wollen sie sich amüsieren. Was heißt denn das, sich immerfort amüsieren wollen? Das heißt, vor dem Geist davonlaufen. Nichts anderes heißt das. Und unsere Zeit will sich immerfort amüsieren. Ja, wo irgend etwas Geistiges sein könnte, da rennt unsere Zeit immer gleich davon. Sie weiß es nicht, es geschieht unbewußt. Aber dieses Sich-amüsieren-Wollen ist eben ein Vor-dem-Geiste-Davonlaufen. Das ist schon so. Und diejenigen allein können in den Geist hineinkommen, die sich nicht davor scheuen, das Amüsante einmal ganz zu lassen und künstlich in solchen Sätzen zu leben. Dann, wenn man es so weit gebracht hat, daß man künstlich in solchen Sätzen leben kann, daß man nicht mehr Migräne oder Bauchweh dabei bekommt, sondern es wirklich aushalten kann, viele Stunden lang in solchen Sätzen zu leben, dann hat man die Möglichkeit, allmählich zum geistigen Schauen zu kommen.

[ 12 ] Aber da muß noch eine Veränderung vor sich gehen. Nämlich von einem bestimmten Punkt an merkt man: Wenn man nun gelebt hat in solchen Sätzen, da fangen sie an, sich umzudrehen. — Da denke ich lange nach: Das große Dreieck ist größer als seine Teile. Wenn ich darüber lange nachdenke, dann dreht sich mir der Satz um. Jetzt fängt er an, interessant zu werden, denn da bekomme ich einmal folgende Anschauung: Wenn ich hier ein Dreieck habe und ich nehme von diesem Dreieck das Viertel und ich will das heraustun, dann fängt es an zu wachsen (es wird gezeichnet), und es ist nicht mehr wahr, daß das Ganze größer ist als seine Teile. Das Viertel ist plötzlich größer. — Ich sehe, daß das Viertel größer ist, und ich muß jetzt sagen: Das Ganze ist kleiner als seine Teile. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.)

[ 12 ] Aber da muß noch eine Veränderung vor sich gehen. Nämlich von einem bestimmten Punkt an merkt man: Wenn man nun gelebt hat in solchen Sätzen, da fangen sie an, sich umzudrehen. — Da denke ich lange nach: Das große Dreieck ist größer als seine Teile. Wenn ich darüber lange nachdenke, dann dreht sich mir der Satz um. Jetzt fängt er an, interessant zu werden, denn da bekomme ich einmal folgende Anschauung: Wenn ich hier ein Dreieck habe und ich nehme von diesem Dreieck das Viertel und ich will das heraustun, dann fängt es an zu wachsen (es wird gezeichnet), und es ist nicht mehr wahr, daß das Ganze größer ist als seine Teile. Das Viertel ist plötzlich größer. — Ich sehe, daß das Viertel größer ist, und ich muß jetzt sagen: Das Ganze ist kleiner als seine Teile. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.)

[ 13 ] Jetzt habe ich mich hineingearbeitet, wie es in der geistigen Welt ausschaut. Von der physischen Welt schaut es nämlich entgegengesetzt aus. In der physischen Welt ist immer das Ganze größer als seine Teile, in der geistigen Welt ist der Teil größer als das Ganze. Sie können zum Beispiel keinen Menschen erkennen, wenn Sie nicht wissen, daß der Teil größer ist als das Ganze. Die heutige Wissenschaft, die will immer ins Kleinste schauen. Wenn Sie aber die Leber des Menschen erkennen wollen, so ist sie kleiner als der Mensch, wenn Sie es hier im Physischen anschauen. Wenn Sie es geistig anschauen wollen, da wächst und wächst sie ins Riesenhafte, da wird die Leber ein ganzes Weltenall. Und wenn man das nicht beachtet, so kann man eben die Leber nicht geistig erkennen.

[ 13 ] Jetzt habe ich mich hineingearbeitet, wie es in der geistigen Welt ausschaut. Von der physischen Welt schaut es nämlich entgegengesetzt aus. In der physischen Welt ist immer das Ganze größer als seine Teile, in der geistigen Welt ist der Teil größer als das Ganze. Sie können zum Beispiel keinen Menschen erkennen, wenn Sie nicht wissen, daß der Teil größer ist als das Ganze. Die heutige Wissenschaft, die will immer ins Kleinste schauen. Wenn Sie aber die Leber des Menschen erkennen wollen, so ist sie kleiner als der Mensch, wenn Sie es hier im Physischen anschauen. Wenn Sie es geistig anschauen wollen, da wächst und wächst sie ins Riesenhafte, da wird die Leber ein ganzes Weltenall. Und wenn man das nicht beachtet, so kann man eben die Leber nicht geistig erkennen.

[ 14 ] Also Sie müssen erst ehrlich zu dem Satze gekommen sein: Das Ganze ist kleiner als sein Teil, und der Teil ist größer als das Ganze. Ebenso, wenn Sie genügend lange den Satz: Alle Körper sind ausgedehnt — gedacht haben, so daß Sie schon vor der furchtbaren Gefahr stehen, daß Ihnen Ihr Gehirn hinten erfriert, dann schrumpfen alle Körper zusammen, hören auf, ausgedehnt zu sein, und Sie bekommen endlich das Urteil: Kein Körper ist ausgedehnt. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.)

[ 14 ] Also Sie müssen erst ehrlich zu dem Satze gekommen sein: Das Ganze ist kleiner als sein Teil, und der Teil ist größer als das Ganze. Ebenso, wenn Sie genügend lange den Satz: Alle Körper sind ausgedehnt — gedacht haben, so daß Sie schon vor der furchtbaren Gefahr stehen, daß Ihnen Ihr Gehirn hinten erfriert, dann schrumpfen alle Körper zusammen, hören auf, ausgedehnt zu sein, und Sie bekommen endlich das Urteil: Kein Körper ist ausgedehnt. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.)

[ 15 ] Und jetzt etwas ganz Spaßiges — spaßig ist es für die physische Welt, von höchstem Ernst ist es für die geistige Welt. Sehen Sie, Sie können finden, es gibt nichts Dümmeres, als wenn ich sage: In Buxtehude hat eine Gerichtsverhandlung stattgefunden, da ist ein Urteil gefällt worden, das hat keine Farbe. In Trippstrill ist auch ein Urteil gefällt worden, das hat auch keine Farbe. — Aber wenn Sie den Satz lange denken, dann bekommen nämlich die Urteile Farbe. Und geradeso, wie Sie sagen können: Die Rose ist rot — so können Sie sagen: Das Urteil von Buxtehude ist schmutziggelb, und das Urteil von Trippstrill ist rot. — Nun, es kann auch solche geben, die schön rot sind, aber das kommt selten vor. Sehen Sie, da wachsen Sie hinein in den Satz: Alle Urteile, die die Menschen fällen, haben Farbe. — Und jetzt erst ist man auf dem Punkte, daß man überhaupt fähig wird, über die geistige Welt zu denken, weil diese die entgegengesetzten Eigenschaften von der physischen Welt hat: Urteile haben Farbe. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.)

[ 15 ] Und jetzt etwas ganz Spaßiges — spaßig ist es für die physische Welt, von höchstem Ernst ist es für die geistige Welt. Sehen Sie, Sie können finden, es gibt nichts Dümmeres, als wenn ich sage: In Buxtehude hat eine Gerichtsverhandlung stattgefunden, da ist ein Urteil gefällt worden, das hat keine Farbe. In Trippstrill ist auch ein Urteil gefällt worden, das hat auch keine Farbe. — Aber wenn Sie den Satz lange denken, dann bekommen nämlich die Urteile Farbe. Und geradeso, wie Sie sagen können: Die Rose ist rot — so können Sie sagen: Das Urteil von Buxtehude ist schmutziggelb, und das Urteil von Trippstrill ist rot. — Nun, es kann auch solche geben, die schön rot sind, aber das kommt selten vor. Sehen Sie, da wachsen Sie hinein in den Satz: Alle Urteile, die die Menschen fällen, haben Farbe. — Und jetzt erst ist man auf dem Punkte, daß man überhaupt fähig wird, über die geistige Welt zu denken, weil diese die entgegengesetzten Eigenschaften von der physischen Welt hat: Urteile haben Farbe. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.)

[ 16 ] Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten — das ist ja so richtig, daß man es als einen allerersten Lehrsatz in der Geometrie aufgetischt kriegt. Für die physische Welt ist das so richtig, als es nur richtig sein kann. Aber denkt man lange nach: Wenn einer, der kein physisches, sondern ein geistiges Wesen ist, von Dorf A nach Dorf B kommen will, so kommt ihm der Weg furchtbar kurz vor, wenn er im Halbkreis läuft (es wird gezeichnet) — und Sie kommen zu dem Urteil: Tafel ı4 Die Gerade ist der längste Weg zwischen zwei Punkten. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.)

[ 16 ] Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten — das ist ja so richtig, daß man es als einen allerersten Lehrsatz in der Geometrie aufgetischt kriegt. Für die physische Welt ist das so richtig, als es nur richtig sein kann. Aber denkt man lange nach: Wenn einer, der kein physisches, sondern ein geistiges Wesen ist, von Dorf A nach Dorf B kommen will, so kommt ihm der Weg furchtbar kurz vor, wenn er im Halbkreis läuft (es wird gezeichnet) — und Sie kommen zu dem Urteil: Tafel ı4 Die Gerade ist der längste Weg zwischen zwei Punkten. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.)

Das Ganze ist kleiner als seine Teile
Kein Körper ist ausgedehnt
Urteile haben farbe
Die Gerade ist der lüngste Weg zwischen zwei Punkten

Das Ganze ist kleiner als seine Teile
Kein Körper ist ausgedehnt
Urteile haben farbe
Die Gerade ist der lüngste Weg zwischen zwei Punkten

[ 17 ] Das ist schon etwas, wobei man ein bißchen den Mund aufreißen kann! Die Welt allerdings, die geht nicht ein auf solche Sachen. Die sagt: Nun ja, wenn einer anfängt zu sagen, Urteile haben Farbe, so hat er das Fieber oder er ist verrückt. — Aber darum handelt es sich eben, daß man zu diesen Dingen ohne seinen Körper kommt, mit voller Vernünftigkeit kommt, denn die geistige Welt hat nun einmal die entgegengesetzten Eigenschaften von der physischen Welt. Und man muß durch die allereinfachsten Sätze dazu kommen, weil die allereinfachsten Sätze die unglaublichsten sind. Nicht wahr, wenn Ihnen einer anfängt, interessant über die geistige Welt zu reden, da hören die Leute natürlich zu, wie wenn ihnen überhaupt Gespenstergeschichten erzählt werden. Aber Sie hören nicht zu, wenn Ihnen einer sagt: Du mußt dich zuerst daran gewöhnen, künstlich in dir die Langeweile zu erzeugen. — Künstlich muß man das machen. Wenn man sich durch die äußere Wissenschaft langweilt, da wird nichts daraus. Aber künstlich, durch innere Anstrengung muß man imstande sein, die Langeweile zu erzielen, ohne daß man Migräne oder Bauchweh bekommt, ohne daß der Körper beteiligt ist. Ist der Körper beteiligt, so bekommt man sofort Migräne oder Bauchweh. Hören Sie sich nur einmal an, was die Leute sagen, wenn sie hören: Ihr müsst euch nicht durch den Professor langweilen lassen, das hilft euch nichts, da werdet ihr keine Geistesschauer, sondern ihr müßt nur nach und nach die Migräne und das Bauchweh überwinden. — Sehen Sie, der Student sitzt da, der Professor langweilt ihn furchtbar; er soll eigentlich Migräne oder Bauchweh kriegen, aber das kriegt er nicht. Nun schlägt sich das in andere Organe, die weniger weh tun. Und eigentlich werden die Leute dann krank, weil der physische Körper mitmacht. Erzeugt man eben auf diese Weise Langeweile, wie es in der heutigen Wissenschaft geschieht, dann macht man die Menschen nur krank. Gibt man den Menschen Anleitung, selber durch eigene innere Kraft ganz frei die Langeweile zu erzeugen, und gehen sie durch diese Langeweile hindurch, dann kommen sie nach und nach in die geistige Welt hinein, die man aber ergreifen muß, indem schon die allerersten Urteile in der geistigen Welt umgekehrt sind. Es gibt schon ein außerordentlich gutes Mittel, wodurch man sehr tüchtig an sich selber arbeiten kann. Das ist, wenn man etwas recht, recht Langweiliges in der Welt erlebt und nachher, wenn es so langweilig gewesen ist, daß man fortgelaufen ist, daß man es gar nicht mehr mochte oder froh war, wenn es aus war, dann fängt man an, ganz, ganz langsam darüber nachzudenken.

[ 17 ] Das ist schon etwas, wobei man ein bißchen den Mund aufreißen kann! Die Welt allerdings, die geht nicht ein auf solche Sachen. Die sagt: Nun ja, wenn einer anfängt zu sagen, Urteile haben Farbe, so hat er das Fieber oder er ist verrückt. — Aber darum handelt es sich eben, daß man zu diesen Dingen ohne seinen Körper kommt, mit voller Vernünftigkeit kommt, denn die geistige Welt hat nun einmal die entgegengesetzten Eigenschaften von der physischen Welt. Und man muß durch die allereinfachsten Sätze dazu kommen, weil die allereinfachsten Sätze die unglaublichsten sind. Nicht wahr, wenn Ihnen einer anfängt, interessant über die geistige Welt zu reden, da hören die Leute natürlich zu, wie wenn ihnen überhaupt Gespenstergeschichten erzählt werden. Aber Sie hören nicht zu, wenn Ihnen einer sagt: Du mußt dich zuerst daran gewöhnen, künstlich in dir die Langeweile zu erzeugen. — Künstlich muß man das machen. Wenn man sich durch die äußere Wissenschaft langweilt, da wird nichts daraus. Aber künstlich, durch innere Anstrengung muß man imstande sein, die Langeweile zu erzielen, ohne daß man Migräne oder Bauchweh bekommt, ohne daß der Körper beteiligt ist. Ist der Körper beteiligt, so bekommt man sofort Migräne oder Bauchweh. Hören Sie sich nur einmal an, was die Leute sagen, wenn sie hören: Ihr müsst euch nicht durch den Professor langweilen lassen, das hilft euch nichts, da werdet ihr keine Geistesschauer, sondern ihr müßt nur nach und nach die Migräne und das Bauchweh überwinden. — Sehen Sie, der Student sitzt da, der Professor langweilt ihn furchtbar; er soll eigentlich Migräne oder Bauchweh kriegen, aber das kriegt er nicht. Nun schlägt sich das in andere Organe, die weniger weh tun. Und eigentlich werden die Leute dann krank, weil der physische Körper mitmacht. Erzeugt man eben auf diese Weise Langeweile, wie es in der heutigen Wissenschaft geschieht, dann macht man die Menschen nur krank. Gibt man den Menschen Anleitung, selber durch eigene innere Kraft ganz frei die Langeweile zu erzeugen, und gehen sie durch diese Langeweile hindurch, dann kommen sie nach und nach in die geistige Welt hinein, die man aber ergreifen muß, indem schon die allerersten Urteile in der geistigen Welt umgekehrt sind. Es gibt schon ein außerordentlich gutes Mittel, wodurch man sehr tüchtig an sich selber arbeiten kann. Das ist, wenn man etwas recht, recht Langweiliges in der Welt erlebt und nachher, wenn es so langweilig gewesen ist, daß man fortgelaufen ist, daß man es gar nicht mehr mochte oder froh war, wenn es aus war, dann fängt man an, ganz, ganz langsam darüber nachzudenken.

[ 18 ] Sehen Sie, ich habe daran selber — das kann ich Ihnen verraten — furchtbar viel gelernt. Ich habe in meinem Leben, als ich jung war, furchtbar langweilige Vorlesungen gehört. Ja, ich muß sagen, bevor die Vorlesung angefangen hat, da habe ich mich sogar gefreut auf die langweilige Vorlesung, weil das einen ebenso herausgebracht hat wie sonst im Leben das Schlafen. Also ich habe rechte Freude gehabt: Jetzt kannst du wieder einmal ein paar Stunden langweilige Vorlesungen hören! — Aber wenn die Vorlesung angefangen hatte und der Professor sprach, dann hatte ich fortwährend den Eindruck: Der redet ja fortwährend, der stört einem ja die Langeweile auch noch! — Aber hinterher, da habe ich immer tief über alles Einzelne nachgedacht, was er gesagt hat. Es hat mich nicht im geringsten interessiert, aber ich habe jede Stunde von Anfang wiederum durchgemacht, ganz richtig durchgemacht, und manchmal eine Stunde so durchgemacht, daß es zwei Stunden gedauert hat, also diese natürliche Langeweile künstlich erzeugt. Meine Herren, da machen Sie eine sonderbare Entdeckung. Gerade am Ende des 19. Jahrhunderts konnten Sie eine ganz sonderbare Entdekkung machen. Denken Sie sich einmal, Sie kommen gerade aus der Vorlesung eines riesigen Rhinozerosses — die gibt es ja — und Sie haben sich fürchterlich gelangweilt. Jetzt konnten Sie — das ist gerade am Ende des 19. Jahrhunderts der Fall gewesen —, jetzt konnten Sie, wie man sagt, meditieren über diese langweilige Vorlesung. Also alles, was Sie furchtbar gelangweilt hat, rufen Sie sich wiederum in die Seele herein. Dann plötzlich erscheint einem da hinter dem Menschen, der einem wie ein Rhinozeros die größten Langweiligkeiten vorgetragen hat, nach und nach etwas wie ein höherer Mensch, wie ein ganz geistiger Mensch. Und die Lehrsäle verwandeln sich Ihnen — das ist so, daß man es in voller Vernünftigkeit begreifen kann. Und ich kenne viele Professoren vom Ende des 19. Jahrhunderts, bei denen das der Fall war — aber ich will nicht, daß das nun wiederum herumgeredet wird, sonst denken die Leute: das ist etwas ganz Schreckliches —: Hinter denen erschienen immer die geistreichsten geistigen Menschen. Ja, was war denn das?

[ 18 ] Sehen Sie, ich habe daran selber — das kann ich Ihnen verraten — furchtbar viel gelernt. Ich habe in meinem Leben, als ich jung war, furchtbar langweilige Vorlesungen gehört. Ja, ich muß sagen, bevor die Vorlesung angefangen hat, da habe ich mich sogar gefreut auf die langweilige Vorlesung, weil das einen ebenso herausgebracht hat wie sonst im Leben das Schlafen. Also ich habe rechte Freude gehabt: Jetzt kannst du wieder einmal ein paar Stunden langweilige Vorlesungen hören! — Aber wenn die Vorlesung angefangen hatte und der Professor sprach, dann hatte ich fortwährend den Eindruck: Der redet ja fortwährend, der stört einem ja die Langeweile auch noch! — Aber hinterher, da habe ich immer tief über alles Einzelne nachgedacht, was er gesagt hat. Es hat mich nicht im geringsten interessiert, aber ich habe jede Stunde von Anfang wiederum durchgemacht, ganz richtig durchgemacht, und manchmal eine Stunde so durchgemacht, daß es zwei Stunden gedauert hat, also diese natürliche Langeweile künstlich erzeugt. Meine Herren, da machen Sie eine sonderbare Entdeckung. Gerade am Ende des 19. Jahrhunderts konnten Sie eine ganz sonderbare Entdekkung machen. Denken Sie sich einmal, Sie kommen gerade aus der Vorlesung eines riesigen Rhinozerosses — die gibt es ja — und Sie haben sich fürchterlich gelangweilt. Jetzt konnten Sie — das ist gerade am Ende des 19. Jahrhunderts der Fall gewesen —, jetzt konnten Sie, wie man sagt, meditieren über diese langweilige Vorlesung. Also alles, was Sie furchtbar gelangweilt hat, rufen Sie sich wiederum in die Seele herein. Dann plötzlich erscheint einem da hinter dem Menschen, der einem wie ein Rhinozeros die größten Langweiligkeiten vorgetragen hat, nach und nach etwas wie ein höherer Mensch, wie ein ganz geistiger Mensch. Und die Lehrsäle verwandeln sich Ihnen — das ist so, daß man es in voller Vernünftigkeit begreifen kann. Und ich kenne viele Professoren vom Ende des 19. Jahrhunderts, bei denen das der Fall war — aber ich will nicht, daß das nun wiederum herumgeredet wird, sonst denken die Leute: das ist etwas ganz Schreckliches —: Hinter denen erschienen immer die geistreichsten geistigen Menschen. Ja, was war denn das?

[ 19 ] Es ist nämlich nicht wahr, daß die Menschen innerlich unbewußt so dumm sind, wie sie sich geben. Sie sind nämlich viel gescheiter, und gerade die Dümmsten sind manchmal gescheit. Das dreht sich auch um. Aber sie können ihre eigene Gescheitheit nicht begreifen. Das ist nämlich ein furchtbares Geheimnis, denn gerade hinter den Leuten steht oft dasjenige, was ihr eigentlich Seelisches ist; das können sie selber nicht begreifen.

[ 19 ] Es ist nämlich nicht wahr, daß die Menschen innerlich unbewußt so dumm sind, wie sie sich geben. Sie sind nämlich viel gescheiter, und gerade die Dümmsten sind manchmal gescheit. Das dreht sich auch um. Aber sie können ihre eigene Gescheitheit nicht begreifen. Das ist nämlich ein furchtbares Geheimnis, denn gerade hinter den Leuten steht oft dasjenige, was ihr eigentlich Seelisches ist; das können sie selber nicht begreifen.

[ 20 ] Ja, so kommt man schon hinein in die geistigen Welten. Sie wissen ja, am Ende des 19. Jahrhunderts hat es eine materialistische Naturwissenschaft gegeben. Die Leute beten heute noch immer dieser materialistischen Naturwissenschaft nach. Ich muß selber sagen: Es ist ungeheuer nützlich gewesen, diese materialistische Naturwissenschaft kennenzulernen. — Diese materialistische Naturwissenschaft hat von Anfang bis zum Ende immer wiederum die langweiligsten Sätze vorgebracht, Wenn man nur sich alle Finger ableckt, daß man so gescheit geworden ist und endlich weiß, daß der Mensch vom Affen abstamme, wie es die Naturwissenschaft sagt — ja, dann wird nichts daraus. Wenn man aber mit aller inneren Energie diesen Satz immer wieder und wieder denkt, dann verwandelt er sich zuletzt in einen geistig richtigen, und man merkt: Der Mensch stammt gar nicht vom Affen ab, sondern von einem geistigen Wesen.

[ 20 ] Ja, so kommt man schon hinein in die geistigen Welten. Sie wissen ja, am Ende des 19. Jahrhunderts hat es eine materialistische Naturwissenschaft gegeben. Die Leute beten heute noch immer dieser materialistischen Naturwissenschaft nach. Ich muß selber sagen: Es ist ungeheuer nützlich gewesen, diese materialistische Naturwissenschaft kennenzulernen. — Diese materialistische Naturwissenschaft hat von Anfang bis zum Ende immer wiederum die langweiligsten Sätze vorgebracht, Wenn man nur sich alle Finger ableckt, daß man so gescheit geworden ist und endlich weiß, daß der Mensch vom Affen abstamme, wie es die Naturwissenschaft sagt — ja, dann wird nichts daraus. Wenn man aber mit aller inneren Energie diesen Satz immer wieder und wieder denkt, dann verwandelt er sich zuletzt in einen geistig richtigen, und man merkt: Der Mensch stammt gar nicht vom Affen ab, sondern von einem geistigen Wesen.

[ 21 ] Es gibt da allerdings mancherlei Unterschiede. Ein Junge wurde einmal in die Schule geschickt. Zum ersten Mal hörte er von seinem Lehrer, daß der Mensch vom Affen abstamme — zu früh, das zeigte sich. Er sagte zu Hause zu seinem Vater: Du, Vater, ich hab’ was gehört heute; denke nur, der Mensch stammt vom Affen ab! — I was denn! — sagte der Vater entrüstet — du bist ein dummer Junge! Bei dir kann das der Fall sein! Bei mir aber nicht! — Sehen Sie, für den war es auch ganz unglaublich, die Geschichte. Er hat es nur auf das Seelische bezogen.

[ 21 ] Es gibt da allerdings mancherlei Unterschiede. Ein Junge wurde einmal in die Schule geschickt. Zum ersten Mal hörte er von seinem Lehrer, daß der Mensch vom Affen abstamme — zu früh, das zeigte sich. Er sagte zu Hause zu seinem Vater: Du, Vater, ich hab’ was gehört heute; denke nur, der Mensch stammt vom Affen ab! — I was denn! — sagte der Vater entrüstet — du bist ein dummer Junge! Bei dir kann das der Fall sein! Bei mir aber nicht! — Sehen Sie, für den war es auch ganz unglaublich, die Geschichte. Er hat es nur auf das Seelische bezogen.

[ 22 ] Aber Sie erfahren aus alledem, was ich Ihnen sage, daß man sich auf zweierlei Art auch in die Naturwissenschaft hineinfinden kann. Und ich kann Ihnen schon sagen: Wenn man nicht so Naturwissenschaft gelernt hat, wie sie sehr viele im 19. Jahrhundert und auch bis heute noch gelernt haben, sondern wenn Sie, statt alles nachzuplappern, meditativ denken, immer wieder und wiederum denken, stunden-, stundenlang denken, dann dreht sich es wiederum um und es kommt das Geistig-Richtige heraus. Und wenn Sie lange nachgedacht haben über Pflanzen und Mineralien und lange dasjenige, was die Leute Ihnen heute in einer so furchtbar materialistischen Weise sagen, einfach durchdenken, dann kommen Sie zuletzt dazu, die Bedeutung des Tierkreises, die Bedeutung der Sterne, die ganzen Geheimnisse der Sterne vor sich zu haben. Aber der sicherste Weg ist eben, von solchen Sätzen auszugehen: Der Teil ist größer als das Ganze. Kein Körper ist ausgedehnt. Urteile haben Farbe. Die Gerade ist der längste Weg zwischen zwei Punkten. Dadurch hat man sich losgerissen von dem physischen Körper. Wenn Sie dies alles durchmachen, dann kommenSie dazu, statt ihres physischen Körpers Ihren Ätherkörper benützen zu können. Sie können dann anfangen mit demÄtherkörper zu denken,und derÄtherkörper muß alles umgekehrt denken von der physischen Welt. Denn durch den Ätherkörper kommt man allmählich in die geistige Welt hinein. Aber da stockt es dann doch noch, und da muß man noch etwas anderes sich angewöhnen. Sie wissen ja, wenn man heute liest, so kann einem etwas ganz Sonderbares passieren. Da habe ich zum Beispiel einmal, als ich in einer südösterreichischen Stadt war, die heute keine österreichische mehr ist, ein Abendblatt in die Hand gekriegt. Dieses Abendblatt hatte einen Leitartikel, wie man sagt. Da war eine furchtbar interessante Geschichte in allen Details, in allen Einzelheiten erzählt, eine große politische Geschichte: Die erste Spalte, zweite Spalte, dritte Spalte las man, ganz furchtbar interessant. Dann kam ganz unten, noch auf derselben Seite, eine kleine Bemerkung. Da stand: Leider müssen wir mitteilen, daß alles das, was in unserem heutigen Leitartikel steht, auf einer irrtümlichen Benachrichtigung beruht und kein Wort davon richtig ist. Nun, sehen Sie, das kann einem heute passieren. Es ist das der radikalste Fall, aber wer heute Zeitungen liest, dem kann es so und so oft passieren, auf jeder Seite, daß er etwas liest, was einfach nicht wahr ist. Da erfährt er hinterher, daß es nicht wahr gewesen ist. Sehen Sie, ich glaube, die meisten Menschen sind in diesen Sachen heute schon furchtbar stumpf geworden; sie nehmen einfach Wahrheit und Lüge nach und nach ganz gleichgültig auf. Wenn man in dieser Beziehung stumpf geworden ist, daß man Wahrheit und Lüge in gleicher Weise aufnimmt, ja, dann kann man nicht in die geistige Welt hineinkommen.

[ 22 ] Aber Sie erfahren aus alledem, was ich Ihnen sage, daß man sich auf zweierlei Art auch in die Naturwissenschaft hineinfinden kann. Und ich kann Ihnen schon sagen: Wenn man nicht so Naturwissenschaft gelernt hat, wie sie sehr viele im 19. Jahrhundert und auch bis heute noch gelernt haben, sondern wenn Sie, statt alles nachzuplappern, meditativ denken, immer wieder und wiederum denken, stunden-, stundenlang denken, dann dreht sich es wiederum um und es kommt das Geistig-Richtige heraus. Und wenn Sie lange nachgedacht haben über Pflanzen und Mineralien und lange dasjenige, was die Leute Ihnen heute in einer so furchtbar materialistischen Weise sagen, einfach durchdenken, dann kommen Sie zuletzt dazu, die Bedeutung des Tierkreises, die Bedeutung der Sterne, die ganzen Geheimnisse der Sterne vor sich zu haben. Aber der sicherste Weg ist eben, von solchen Sätzen auszugehen: Der Teil ist größer als das Ganze. Kein Körper ist ausgedehnt. Urteile haben Farbe. Die Gerade ist der längste Weg zwischen zwei Punkten. Dadurch hat man sich losgerissen von dem physischen Körper. Wenn Sie dies alles durchmachen, dann kommenSie dazu, statt ihres physischen Körpers Ihren Ätherkörper benützen zu können. Sie können dann anfangen mit demÄtherkörper zu denken,und derÄtherkörper muß alles umgekehrt denken von der physischen Welt. Denn durch den Ätherkörper kommt man allmählich in die geistige Welt hinein. Aber da stockt es dann doch noch, und da muß man noch etwas anderes sich angewöhnen. Sie wissen ja, wenn man heute liest, so kann einem etwas ganz Sonderbares passieren. Da habe ich zum Beispiel einmal, als ich in einer südösterreichischen Stadt war, die heute keine österreichische mehr ist, ein Abendblatt in die Hand gekriegt. Dieses Abendblatt hatte einen Leitartikel, wie man sagt. Da war eine furchtbar interessante Geschichte in allen Details, in allen Einzelheiten erzählt, eine große politische Geschichte: Die erste Spalte, zweite Spalte, dritte Spalte las man, ganz furchtbar interessant. Dann kam ganz unten, noch auf derselben Seite, eine kleine Bemerkung. Da stand: Leider müssen wir mitteilen, daß alles das, was in unserem heutigen Leitartikel steht, auf einer irrtümlichen Benachrichtigung beruht und kein Wort davon richtig ist. Nun, sehen Sie, das kann einem heute passieren. Es ist das der radikalste Fall, aber wer heute Zeitungen liest, dem kann es so und so oft passieren, auf jeder Seite, daß er etwas liest, was einfach nicht wahr ist. Da erfährt er hinterher, daß es nicht wahr gewesen ist. Sehen Sie, ich glaube, die meisten Menschen sind in diesen Sachen heute schon furchtbar stumpf geworden; sie nehmen einfach Wahrheit und Lüge nach und nach ganz gleichgültig auf. Wenn man in dieser Beziehung stumpf geworden ist, daß man Wahrheit und Lüge in gleicher Weise aufnimmt, ja, dann kann man nicht in die geistige Welt hineinkommen.

[ 23 ] Ich habe Ihnen das letzte Mal gesagt: Wenn einer verrückt wird, so wird nur sein Körper krank. Die Seele wird nicht krank, die bleibt dabei gesund. — Heute habe ich Ihnen gesagt: Wenn einer im Fieber irreredet, so werden seine Gedanken nur zur Karikatur, aber die Seele bleibt richtig. — Aber das muß man sich angewöhnen, wenn man in die geistige Welt hineinkommen will, daß einem bei einer unrichtigen Sache ein seelischer Schmerz kommt, und daß man bei einer richtigen Sache eine seelische Freude hat, daß man sich über die Wahrheit so freuen kann, wie wenn einer einem eine Million schenkt — ich meine eine Million Franken, nicht Mark! (Heiterkeit.) So muß man sich freuen können, wenn man eine Wahrheit zu hören bekommt, und so muß man innerlich seelisch leiden können — nicht der Körper, sondern die Seele muß leiden können, wenn man irgendwo entdeckt: da ist etwas erlogen —, so wie der Körper leidet, wenn er eine furchtbare Krankheit hat. Nicht daß die Seele krank sein soll, aber die Seele muß Schmerz und Freude empfinden können, wie wenn der Körper krank ist oder ganz behaglich ist oder äußerlich in der physischen Welt Schmerz oder Freude erlebt. Das heißt, man muß dazu kommen, die Wahrheit so zu fühlen, wie man Freude und Glückseligkeit und Lust im physischen Leben empfindet, und man muß dazu kommen, das Unwahre so schmerzlich zu empfinden, innerlich seelisch so krank zu werden vom Unwahren, wie man sonst von den Störungen seines Körpers allein krank wird. Das heißt, wenn einem einer den Buckel voll gelogen hat, dann muß man sagen können, aber so, daß es richtig stimmt: Donnerwetter! Der hat mir Tollkirschen zu fressen gegeben! — Das muß aber innerlich wahr sein. Nun, natürlich, wenn Sie in die heutige Zeit hineinschauen, das Zeitungswesen zum Beispiel betrachten, das gibt Ihnen immerfort Tollkirschen zu fressen. Da müssen Sie fortwährend, wenn die Seele gesund bleiben soll, seelisch speien. Da müssen Sie sich natürlich wiederum, weil man ohne Zeitungen nicht sein kann, wenn Sie in die geistige Welt hineinkommen wollen, das angewöhnen, daß Sie von der Zeitung einen schlechten Geschmack haben und von dem, wo Sie etwas Ordentliches lesen, wo ein Mensch sich ganz innerlich gibt, Freude davon haben, aber Freude so davon haben, wie Sie es meinetwillen von etwas haben, das sehr gut schmeckt. Es muß Ihnen die Wahrheit und das Streben nach der Wahrheit gut schmecken, und es muß Ihnen die Lüge, wenn Sie sie gewahr werden, bitter, giftig schmecken. So daß Sie nicht nur lernen müssen: Urteile haben Farbe, sondern Sie müssen Lernen zu sagen: Druckerschwärze ist heute meistens Tollkirschensaft. — Das müssen Sie aber mit aller Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit empfinden können. Dann, meine Herren, dann sind Sie bei dem, was man geistige Verwandlung nennt.

[ 23 ] Ich habe Ihnen das letzte Mal gesagt: Wenn einer verrückt wird, so wird nur sein Körper krank. Die Seele wird nicht krank, die bleibt dabei gesund. — Heute habe ich Ihnen gesagt: Wenn einer im Fieber irreredet, so werden seine Gedanken nur zur Karikatur, aber die Seele bleibt richtig. — Aber das muß man sich angewöhnen, wenn man in die geistige Welt hineinkommen will, daß einem bei einer unrichtigen Sache ein seelischer Schmerz kommt, und daß man bei einer richtigen Sache eine seelische Freude hat, daß man sich über die Wahrheit so freuen kann, wie wenn einer einem eine Million schenkt — ich meine eine Million Franken, nicht Mark! (Heiterkeit.) So muß man sich freuen können, wenn man eine Wahrheit zu hören bekommt, und so muß man innerlich seelisch leiden können — nicht der Körper, sondern die Seele muß leiden können, wenn man irgendwo entdeckt: da ist etwas erlogen —, so wie der Körper leidet, wenn er eine furchtbare Krankheit hat. Nicht daß die Seele krank sein soll, aber die Seele muß Schmerz und Freude empfinden können, wie wenn der Körper krank ist oder ganz behaglich ist oder äußerlich in der physischen Welt Schmerz oder Freude erlebt. Das heißt, man muß dazu kommen, die Wahrheit so zu fühlen, wie man Freude und Glückseligkeit und Lust im physischen Leben empfindet, und man muß dazu kommen, das Unwahre so schmerzlich zu empfinden, innerlich seelisch so krank zu werden vom Unwahren, wie man sonst von den Störungen seines Körpers allein krank wird. Das heißt, wenn einem einer den Buckel voll gelogen hat, dann muß man sagen können, aber so, daß es richtig stimmt: Donnerwetter! Der hat mir Tollkirschen zu fressen gegeben! — Das muß aber innerlich wahr sein. Nun, natürlich, wenn Sie in die heutige Zeit hineinschauen, das Zeitungswesen zum Beispiel betrachten, das gibt Ihnen immerfort Tollkirschen zu fressen. Da müssen Sie fortwährend, wenn die Seele gesund bleiben soll, seelisch speien. Da müssen Sie sich natürlich wiederum, weil man ohne Zeitungen nicht sein kann, wenn Sie in die geistige Welt hineinkommen wollen, das angewöhnen, daß Sie von der Zeitung einen schlechten Geschmack haben und von dem, wo Sie etwas Ordentliches lesen, wo ein Mensch sich ganz innerlich gibt, Freude davon haben, aber Freude so davon haben, wie Sie es meinetwillen von etwas haben, das sehr gut schmeckt. Es muß Ihnen die Wahrheit und das Streben nach der Wahrheit gut schmecken, und es muß Ihnen die Lüge, wenn Sie sie gewahr werden, bitter, giftig schmecken. So daß Sie nicht nur lernen müssen: Urteile haben Farbe, sondern Sie müssen Lernen zu sagen: Druckerschwärze ist heute meistens Tollkirschensaft. — Das müssen Sie aber mit aller Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit empfinden können. Dann, meine Herren, dann sind Sie bei dem, was man geistige Verwandlung nennt.

[ 24 ] Die Leute reden von äußerlicher Alchimie und glauben, äußerliche Alchimie kann Kupfer in Gold verwandeln. Das werden Ihnen Scharlatane natürlich heute noch immer in allen Farben sagen; das haben die Leute, die abergläubisch sind, lange geglaubt. Aber im Geiste sind diese Dinge möglich; nur muß man an die Wahrheit des Geistes glauben. Da muß man sich sagen können: Die Druckerschwärze, die der Drucker benützt hat, ist materiell überall dasselbe, ob der ein wahres Buch gedruckt hat oder eine lügenhafte Zeitung. Das eine Mal aber ist Druckerschwärze wirklicher Tollkirschensaft, das andere Mal ist es, wie wenn Gold flüssig fließen würde. — Im Geiste sind die Dinge, die in der physischen Welt dieselben sind, so ganz verschieden.

[ 24 ] Die Leute reden von äußerlicher Alchimie und glauben, äußerliche Alchimie kann Kupfer in Gold verwandeln. Das werden Ihnen Scharlatane natürlich heute noch immer in allen Farben sagen; das haben die Leute, die abergläubisch sind, lange geglaubt. Aber im Geiste sind diese Dinge möglich; nur muß man an die Wahrheit des Geistes glauben. Da muß man sich sagen können: Die Druckerschwärze, die der Drucker benützt hat, ist materiell überall dasselbe, ob der ein wahres Buch gedruckt hat oder eine lügenhafte Zeitung. Das eine Mal aber ist Druckerschwärze wirklicher Tollkirschensaft, das andere Mal ist es, wie wenn Gold flüssig fließen würde. — Im Geiste sind die Dinge, die in der physischen Welt dieselben sind, so ganz verschieden.

[ 25 ] Aber wenn dann die jetzigen gescheiten Leute kommen und man ihnen sagt: Druckerschwärze kann fließendes Gold sein oder Tollkirschensaft — dann sagen sie: Das meinst du bildlich, bildlich ist das ja nur gemeint. — Ja, meine Herren, das Bildliche, das muß eben richtig geistig werden, und man muß verstehen, wie die Sachen geistig werden.

[ 25 ] Aber wenn dann die jetzigen gescheiten Leute kommen und man ihnen sagt: Druckerschwärze kann fließendes Gold sein oder Tollkirschensaft — dann sagen sie: Das meinst du bildlich, bildlich ist das ja nur gemeint. — Ja, meine Herren, das Bildliche, das muß eben richtig geistig werden, und man muß verstehen, wie die Sachen geistig werden.

[ 26 ] Da will ich Ihnen einmal ein Beispiel, sogar aus der sozialdemokratischen Parteigeschichte, erzählen. Sie haben ja das vielleicht weniger mehr miterlebt, aber in einer gewissen Zeit hat sich ja die Sozialdemokratische Partei in zwei Teile gespalten. Die einen waren diejenigen, die unter Bernstein und ähnlichen Leuten waren. Das waren diejenigen, die gern allerlei Kompromisse mit den Bürgerlichen geschlossen haben. Und das andere waren die Radikalen, und an der Spitze der Radikalen ist ja bis zu seinem Tode Bebel gestanden. Sie werden wenigstens noch aus der Literatur von Bebel wissen. Nun war einmal — es war in Dresden — eine Parteiversammlung und Bebel ist fuchtig geworden über die anderen und hat gesagt, er wird nun Ordnung machen in der Sozialdemokratie. Da hat er eine sehr wuchtige Rede gehalten und hat im Verlauf dieser Rede gesagt: Ja, wenn das und das geschieht von der anderen Partei, dann läuft mir eine Laus über die Leber! — Nun wird natürlich jeder sagen, das ist bildlich gemeint, daß dem Bebel eine Laus über die Leber läuft, denn da läuft nicht wirklich eine Laus über die Leber. Aber warum wird denn solch ein Ausdruck gebraucht? Der Bebel hat ihn natürlich nicht deshalb gebraucht, weil ihm wirklich eine Laus über die Leber gelaufen ist, sondern er hat ihn gehört und hat ihn eben angewendet für etwas, wo man sich furchtbar ärgert. Aber warum ist denn der Ausdruck so, warum kann man da davon sprechen, daß eine «Laus» über die Leber läuft?

[ 26 ] Da will ich Ihnen einmal ein Beispiel, sogar aus der sozialdemokratischen Parteigeschichte, erzählen. Sie haben ja das vielleicht weniger mehr miterlebt, aber in einer gewissen Zeit hat sich ja die Sozialdemokratische Partei in zwei Teile gespalten. Die einen waren diejenigen, die unter Bernstein und ähnlichen Leuten waren. Das waren diejenigen, die gern allerlei Kompromisse mit den Bürgerlichen geschlossen haben. Und das andere waren die Radikalen, und an der Spitze der Radikalen ist ja bis zu seinem Tode Bebel gestanden. Sie werden wenigstens noch aus der Literatur von Bebel wissen. Nun war einmal — es war in Dresden — eine Parteiversammlung und Bebel ist fuchtig geworden über die anderen und hat gesagt, er wird nun Ordnung machen in der Sozialdemokratie. Da hat er eine sehr wuchtige Rede gehalten und hat im Verlauf dieser Rede gesagt: Ja, wenn das und das geschieht von der anderen Partei, dann läuft mir eine Laus über die Leber! — Nun wird natürlich jeder sagen, das ist bildlich gemeint, daß dem Bebel eine Laus über die Leber läuft, denn da läuft nicht wirklich eine Laus über die Leber. Aber warum wird denn solch ein Ausdruck gebraucht? Der Bebel hat ihn natürlich nicht deshalb gebraucht, weil ihm wirklich eine Laus über die Leber gelaufen ist, sondern er hat ihn gehört und hat ihn eben angewendet für etwas, wo man sich furchtbar ärgert. Aber warum ist denn der Ausdruck so, warum kann man da davon sprechen, daß eine «Laus» über die Leber läuft?

[ 27 ] Jedem geht es ja nicht so wie dem Juden Itzigsohn, der immer Läuse sich vom Kopfe herunterholte, und als ihn einmal einer frug: Ja, sag’ einmal, mein lieber Itzigsohn, wie kommt es nur, daß du so gescheit bist und immer eine Laus erhaschst? — da sagte der: Ist keine Kunst, greife ich daneben, habe ich auch eine. — Also jedem geht es nicht so, daß er gleich, wenn er eine Laus fangen will und danebengreift, auch eine hat. Sondern es ist meistens höchst unangenehm, wenn die Leute Läuse kriegen, es ist ihnen furchtbar unangenehm, es ist ein greuliches Gefühl! Sie hätten nur einmal sehen sollen: Als ich Erzieher war, da kam einmal einer von den Jungen, die ich erziehen mußte, nach Hause; er war ausgegangen, hatte sich in der Großstadt auf allerlei Bänke gesetzt, kriegte nach und nach Augenschmerzen, furchtbare Augenschmerzen. Nun war man sich im unklaren, welchen Spezialisten man holen sollte, weil dieser Junge solche schrecklichen Augenschmerzen hatte. Ich sagte: Wir wollen es zunächst mit einer Läusesalbe probieren und ihm die Augenbrauen damit einsalben. — Richtig, als man nachsah, da war er ganz verlaust, und als die Salbe gewirkt hatte, da gingen auch die tränenden Augen weg. Ja, Sie hätten nur sehen sollen, wie die Leute dreinschauten, die Mutter und die Tante, als der Junge plötzlich Läuse hatte! Da bekamen sie solche Gefühle, die bis in die Leber hineingingen. Da wird es ihnen im Bauch ganz anders: Donnerwetter, unser Junge hat Läuse! Eh, das ist ja etwas Schreckliches! — Und da kommt es einem dann so stark vor, wie wenn die Laus über die Leber rennen würde. Dieser Ausdruck «eine Laus rennt über die Leber» kommt von der wirklichen Empfindung her, die man eben gehabt hat, wenn die Leute Läuse bekommen haben. Nun, irgendwo in einer Versammlung oder in einer Partei geschieht das nicht, daß die Leute lausig werden, aber sie treiben etwas, wodurch man einen solchen Abscheu kriegt davor, wie wenn einem in früherer Zeit oder in einer gewissen Gesellschaftsklasse Läuse über die Leber gelaufen wären. Also Sie sehen, so wie der Ausdruck gebildet worden ist, da konnte er einer Wirklichkeit entsprechen. Nachher werden solche Ausdrücke so angewendet, daß man sie nur beim Geistgen, beim Seelischen noch anwendet.

[ 27 ] Jedem geht es ja nicht so wie dem Juden Itzigsohn, der immer Läuse sich vom Kopfe herunterholte, und als ihn einmal einer frug: Ja, sag’ einmal, mein lieber Itzigsohn, wie kommt es nur, daß du so gescheit bist und immer eine Laus erhaschst? — da sagte der: Ist keine Kunst, greife ich daneben, habe ich auch eine. — Also jedem geht es nicht so, daß er gleich, wenn er eine Laus fangen will und danebengreift, auch eine hat. Sondern es ist meistens höchst unangenehm, wenn die Leute Läuse kriegen, es ist ihnen furchtbar unangenehm, es ist ein greuliches Gefühl! Sie hätten nur einmal sehen sollen: Als ich Erzieher war, da kam einmal einer von den Jungen, die ich erziehen mußte, nach Hause; er war ausgegangen, hatte sich in der Großstadt auf allerlei Bänke gesetzt, kriegte nach und nach Augenschmerzen, furchtbare Augenschmerzen. Nun war man sich im unklaren, welchen Spezialisten man holen sollte, weil dieser Junge solche schrecklichen Augenschmerzen hatte. Ich sagte: Wir wollen es zunächst mit einer Läusesalbe probieren und ihm die Augenbrauen damit einsalben. — Richtig, als man nachsah, da war er ganz verlaust, und als die Salbe gewirkt hatte, da gingen auch die tränenden Augen weg. Ja, Sie hätten nur sehen sollen, wie die Leute dreinschauten, die Mutter und die Tante, als der Junge plötzlich Läuse hatte! Da bekamen sie solche Gefühle, die bis in die Leber hineingingen. Da wird es ihnen im Bauch ganz anders: Donnerwetter, unser Junge hat Läuse! Eh, das ist ja etwas Schreckliches! — Und da kommt es einem dann so stark vor, wie wenn die Laus über die Leber rennen würde. Dieser Ausdruck «eine Laus rennt über die Leber» kommt von der wirklichen Empfindung her, die man eben gehabt hat, wenn die Leute Läuse bekommen haben. Nun, irgendwo in einer Versammlung oder in einer Partei geschieht das nicht, daß die Leute lausig werden, aber sie treiben etwas, wodurch man einen solchen Abscheu kriegt davor, wie wenn einem in früherer Zeit oder in einer gewissen Gesellschaftsklasse Läuse über die Leber gelaufen wären. Also Sie sehen, so wie der Ausdruck gebildet worden ist, da konnte er einer Wirklichkeit entsprechen. Nachher werden solche Ausdrücke so angewendet, daß man sie nur beim Geistgen, beim Seelischen noch anwendet.

[ 28 ] Aber das muß man künstlich zusammenbringen, meine Herren. Man muß das können, daß man nicht allein dem phrasenhaften Wortlaut nach, sondern tatsächlich richtig ehrlich empfindet: Da habe ich eine Zeitung vor mir, da wird wohl das meiste, was da drin ist, so sein, daß die Druckerschwärze Tollkirschensaft ist. — Ich möchte wissen, was die Leute heute tun würden, wenn sie das ehrlich empfinden würden! Denken Sie nur einmal, wieviel Tollkirschensaft verwendet worden ist, um über die Kriegsschuld zu reden und über die Kriegsunschuld, und wie die Leute einfach dadurch, daß sie entweder zu dem oder jenem Volk gehören, nicht, weil die Sachen wahr sind, sondern weil sie das eigene Volk unschuldig sprechen, mit allen möglichen Unwahrheiten unschuldig sprechen, Wohlbehagen empfinden. Ja, wie sollen denn die Menschen in der Gegenwart in den Geist hineinkommen? Man muß eben den starken Entschluß fassen, den ganz intensiven Entschluß fassen, ganz anders zu sein als ein Mensch der Gegenwart, und dennoch muß man natürlich mit den Leuten auskommen. Denn wenn man sich gleich auf das Podium stellt und anfängt über die Leute zu schimpfen, dann kann man natürlich nichts helfen. Aber man muß eben für die Wahrheit eine Gasse suchen, Und das ist so schwer, wie ich es Ihnen heute dargestellt habe.

[ 28 ] Aber das muß man künstlich zusammenbringen, meine Herren. Man muß das können, daß man nicht allein dem phrasenhaften Wortlaut nach, sondern tatsächlich richtig ehrlich empfindet: Da habe ich eine Zeitung vor mir, da wird wohl das meiste, was da drin ist, so sein, daß die Druckerschwärze Tollkirschensaft ist. — Ich möchte wissen, was die Leute heute tun würden, wenn sie das ehrlich empfinden würden! Denken Sie nur einmal, wieviel Tollkirschensaft verwendet worden ist, um über die Kriegsschuld zu reden und über die Kriegsunschuld, und wie die Leute einfach dadurch, daß sie entweder zu dem oder jenem Volk gehören, nicht, weil die Sachen wahr sind, sondern weil sie das eigene Volk unschuldig sprechen, mit allen möglichen Unwahrheiten unschuldig sprechen, Wohlbehagen empfinden. Ja, wie sollen denn die Menschen in der Gegenwart in den Geist hineinkommen? Man muß eben den starken Entschluß fassen, den ganz intensiven Entschluß fassen, ganz anders zu sein als ein Mensch der Gegenwart, und dennoch muß man natürlich mit den Leuten auskommen. Denn wenn man sich gleich auf das Podium stellt und anfängt über die Leute zu schimpfen, dann kann man natürlich nichts helfen. Aber man muß eben für die Wahrheit eine Gasse suchen, Und das ist so schwer, wie ich es Ihnen heute dargestellt habe.

[ 29 ] Nun habe ich Ihnen heute schwere Partien bringen müssen, damit Sie sehen: Es ist eben keine Leichtigkeit, in die geistige Welt hineinzukommen. — Wir kommen dann schon wiederum zu Dingen, die Sie weniger anstrengen werden. Aber Sie werden sehen: es ist gut, daß wir uns mit schweren Dingen befaßt haben. Wenn ich das nächste Mal fortsetze, dann werde ich Ihnen zeigen, wie der ganze Weg in die geistige Welt hinein ist.

[ 29 ] Nun habe ich Ihnen heute schwere Partien bringen müssen, damit Sie sehen: Es ist eben keine Leichtigkeit, in die geistige Welt hineinzukommen. — Wir kommen dann schon wiederum zu Dingen, die Sie weniger anstrengen werden. Aber Sie werden sehen: es ist gut, daß wir uns mit schweren Dingen befaßt haben. Wenn ich das nächste Mal fortsetze, dann werde ich Ihnen zeigen, wie der ganze Weg in die geistige Welt hinein ist.

Wandtafel 1
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Wandtafel 2
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