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The Rudolf Steiner Archive

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Rhythms in the Cosmos and in the Human Being
GA 350

30 June 1923, Dornach

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9. Erzeugen künstlicher Langeweile — Die Umkehrung der Urteile der physischen Welt in der geistigen Welt

9. Creating Artificial Boredom — The Reversal of the Judgments of the Physical World in the Spiritual World

[ 1 ] Wir werden nun fortfahren in der Beantwortung der vorgelegten Fragen. Dabei müssen Sie sich aber klar sein, daß die Antwort auf diese Fragen zu den aller schwierigsten gehört. Ich werde es so leicht als möglich zu machen versuchen. Ich habe Ihnen schon gesagt: Will man die Wege finden, um in die geistige Anschauung hineinzukommen, dann muß man zuerst sich angewöhnen können ein ganz selbständiges Denken. Zweitens muß man die Möglichkeit haben, wie ich Ihnen gesagt habe, zurückzudenken. Also man muß versuchen, diejenigen Dinge, die im Leben so verlaufen: zuerst das erste, dann das zweite, das dritte und so weiter — das muß man versuchen zurückzudenken. Also, wenn ich Ihnen einen Vortrag halte, sagte ich das letzte Mal, so müßten Sie versuchen, vom Ende anzufangen und gegen den Anfang zu denken. Das sind solche Dinge, die zu den allerersten, ich möchte sagen, Anfangsgründen gehören.

[ 1 ] We will now continue answering the questions that have been posed. However, you must realize that the answers to these questions are among the most difficult of all. I will try to make it as easy as possible. I have already told you: If you want to find the paths to spiritual insight, you must first be able to cultivate the habit of thinking completely independently. Second, as I have told you, you must be able to think backward. So you must try to think backward about those things in life that unfold in a certain order: first the first, then the second, the third, and so on—you must try to think them through in reverse. So, as I said last time, when I give you a lecture, you should try to start from the end and think your way back toward the beginning. These are the kinds of things that belong to the very first—I would say—fundamental principles.

[ 2 ] Nun möchte ich aber heute ganz im Zusammenhang schon mit der zweiten Frage noch etwas anderes erörtern. Sie wissen ja, daß der Mensch nur leben kann bei einer bestimmten Wärme. Der Mensch kann unter Umständen viel vertragen von Wärme. Wenn es im Sommer recht heiß wird, nun, dann schwitzt er halt, aber er kann es noch ertragen; aber wenn es noch höher hinaufginge, dann würde er nicht mehr leben können. Ebensogut kann der Mensch eine bestimmte Kälte ertragen, aber wenn es unter diese Kälte hinuntergeht, dann erfriert der Mensch. Und sehen Sie, das Eigentümliche ist, daß man gerade zwischen diesen zwei Temperaturen, zwischen der Kälte bei der man anfängt zu erfrieren, und der Wärme, die man gerade noch aushalten kann, zwischen diesen zwei Temperaturen, in denen der menschliche Körper lebt, gerade keine geistigen Wesenheiten sehen kann. Also ist es gar nicht besonders verwunderlich, daß der Mensch mit seinem Körper keine geistigen Wesenheiten wahrnehmen kann. Denn das ist gerade so, wie ich Ihnen das letzte Mal gesagt habe, daß man in dem Momente, wo man anfängt zurückzudenken, beginnen würde, geistige Wesenheiten zu sehen. Aber man schläft ein. Die meisten Menschen schlafen ein, wenn sie sich eben nicht vorher zum Wachsein darauf erzogen haben. Aber nun etwas anderes. Sehen Sie, der Mensch könnte, wenn er weiter hinaufkommen würde als in die Temperatur, die er gerade noch aushalten kann, da oben bei höherer Temperatur geistige Wesenheiten wahrnehmen. Aber er kann es nicht ertragen. Ebensogut könnte der Mensch geistige Wesenheiten wahrnehmen, wenn er sich ein Schneegewand machen könnte, ganz sich in Schnee stecken könnte; aber er erfriert dabei. Also das, was dem Menschen so unwahrscheinlich vorkommt, das ist eben doch eine Tatsache: daß sich die geistigen Wesenheiten vor den Temperaturen, die der Mensch, wenn er im physischen Leibe ist, aushält, zurückziehen.

[ 2 ] But today, in connection with the second question, I’d like to discuss something else as well. As you know, humans can only live within a certain temperature range. Under certain circumstances, humans can tolerate a great deal of heat. When it gets quite hot in the summer, well, they just sweat, but they can still endure it; however, if the temperature were to rise even higher, they would no longer be able to survive. Likewise, humans can endure a certain level of cold, but if the temperature drops below that point, they freeze to death. And you see, the peculiar thing is that precisely between these two temperatures—between the cold at which one begins to freeze and the heat that one can just barely endure—precisely between these two temperatures within which the human body lives, one cannot perceive any spiritual beings. So it is not at all surprising that human beings cannot perceive spiritual beings with their bodies. For it is exactly as I told you last time: the moment one begins to think back, one would start to see spiritual beings. But one falls asleep. Most people fall asleep if they have not previously trained themselves to remain awake. But now for something else. You see, if a person were to ascend beyond the temperature they can barely endure, they could perceive spiritual beings up there at higher temperatures. But they cannot endure it. A person could just as easily perceive spiritual beings if they could make themselves a snow garment and completely wrap themselves in snow; but they would freeze to death in the process. So what seems so improbable to humans is in fact a reality: that spiritual beings withdraw from temperatures that humans, while in their physical bodies, can endure.

[ 3 ] Nun kann der Mensch solche Temperaturen mit seinem Körper nicht aushalten, aber mit seiner Seele kann er sie aushalten. Nur, wie gesagt, die Seele schläft dann ein. Denn die Seele erfriert nicht, die Seele verbrennt auch nicht, aber sie schläft ein.

[ 3 ] Now, the human body cannot withstand such temperatures, but the soul can. However, as I said, the soul then falls asleep. For the soul does not freeze to death, nor does it burn up—it simply falls asleep.

[ 4 ] Nun gibt es aber zweierlei, wodurch der Mensch eine Ahnung bekommen kann, wie die Geschichte ist, wenn er in höhere Temperaturen kommt, als er aushält, und auch, wenn er in tiefere Temperaturen kommt, als er aushält. Dafür will ich Ihnen ein Beispiel nennen. Sehen Sie, der Mensch kommt in höhere Temperaturen, als er aushält, auf innerliche Weise, wenn er Fieber kriegt. Da kommt er zwar nicht in so hohe Temperaturen, daß er gleich daran zugrunde geht, aber weil die Wärme von innen erzeugt wird, kommt der Mensch in Fiebertemperaturen hinein, in eine höhere Temperatur, als er hineinkommt, wenn er kein Fieber hat. Sie wissen ja, der Mensch fängt, wenn er ins Fieber hineinkommt, wenn er in diese höhere Temperatur hineinkommt, wirklich zu reden an wie einer, der nicht auf der Erde ist. Denn was die Leute im Fieber schwätzen, das hat keinen Bezug auf die Erde. Aber gerade wenn einer Materialist wäre, müßte er sagen: Ja, aber das sind doch Gedanken, die da ausgekocht werden in der Fieberhitze, wenn sie auch nicht wahr sind.

[ 4 ] Now, there are two ways in which a person can get a sense of what happens when they are exposed to temperatures higher than they can tolerate, and also when they are exposed to temperatures lower than they can tolerate. Let me give you an example. You see, a person experiences higher temperatures than they can tolerate in an internal sense when they come down with a fever. Although they do not reach temperatures high enough to kill them immediately, because the heat is generated from within, they enter a state of fever—a higher temperature than they experience when they do not have a fever. As you know, when a person develops a fever—when they enter this higher temperature—they really begin to speak as if they were not of this earth. For what people ramble on about when they have a fever has no connection to the earth. But if someone were a materialist, they would have to say: “Yes, but those are thoughts that are concocted in the heat of a fever, even if they aren’t true.”

[ 5 ] Also wir haben beim Menschen etwas, wo er in einen Zustand erhöhter Temperatur hineinwächst, zunächst fiebert, wo er irrereden würde. Nun, sehen Sie, die Seele, die kann nicht irrereden. Wenn die Seele auch in noch so hohem Fieber ist, sie kann nicht irrereden. Sie redet irre, weil bei höherer Temperatur, der Körper nicht in Ordnung ist. Sie können sich das vergegenwärtigen, wenn Sie an eine solche Kugel denken, wie man sie manchmal in Blumengärten aufstellt, die ein Spiegel ist, in dem sich die Umgebung spiegelt. Wenn Sie da einmal hereingukken, da werden Sie ein Gesicht sehen, das Sie nicht gerne haben möchten! (Es wird skizzenhaft an der Tafel dargestellt.) Solch ein Gesicht werden Sie nicht gerne haben mögen. Aber Sie werden auch nicht sagen: Donnerwetter, was habe ich für ein Gesicht gekriegt! — Sie werden nicht glauben, daß das nun überhaupt Ihr Gesicht sei, weil es in der Kugel so verändert ausschaut. Wenn nun Ihre Seele im Fieber anfängt irrezureden, so werden Sie auch nicht sagen, Ihre Seele fängt an, irrezureden, sondern dasjenige, was Ihre Seele redet, das wird irre, weil es aus einem kranken Gehirn heraus redet, geradeso wie Ihr Gesicht so breitmatschig ausschaut, weil es in einem so falschen Spiegel zum Ausdruck kommt. Also müssen Sie sich auch sagen: Wenn ich Fieber habe und dummes Zeug rede, so ist es mit der Seele so, daß sie aus einem kranken Gehirn heraus redet. Ich habe ja kein anderes Gesicht, wenn ich vor dem Kugelspiegel stehe, aber das alles erscheint verzerrt. — So erscheint verzerrt, was der Fieberkranke redet, weil es aus einem kranken Körper und falsch wirkenden Gehirn heraus kommt. Aber woher kommt das falsch wirkende Gehirn? Davon, daß die ganze Blutzirkulation zu rasch vor sich geht. Sie brauchen nur den Puls zu fühlen, so spüren Sie das schon. Also diese Fieberhitze im Kopf wird dadurch erzeugt, daß die Blutzirkulation zu rasch vor sich geht. Durch die Blutzirkulation wird Wärme erzeugt, die steigt in den Kopf: Sie haben Fieber. Ihre Seele erscheint wie in einem unrichtigen Spiegel.

[ 5 ] So, in humans, there is a situation where they enter a state of elevated temperature—initially a fever—during which they might speak deliriously. Now, you see, the soul cannot speak nonsense. No matter how high a fever the soul may have, it cannot speak nonsense. It speaks nonsense because, at a higher temperature, the body is not functioning properly. You can visualize this by thinking of one of those spheres sometimes placed in flower gardens—a mirror in which the surroundings are reflected. If you were to peek inside it, you’d see a face you wouldn’t want to have! (It is sketched on the board.) You wouldn’t want to have a face like that. But you wouldn’t say either: “Good heavens, what a face I’ve ended up with!”—You wouldn’t believe that it was actually your face at all, because it looks so distorted in the sphere. Now, if your soul starts to speak nonsense while you have a fever, you won’t say, “My soul is starting to speak nonsense,” but rather that what your soul is saying becomes nonsense because it’s coming from a sick brain—just as your face looks all smudged and distorted because it’s reflected in such a distorted mirror. So you must also tell yourself: When I have a fever and talk nonsense, the same is true of the soul—it speaks from a sick brain. I don’t actually have a different face when I stand in front of the convex mirror, but everything appears distorted. — In the same way, what the feverish person says appears distorted because it comes from a sick body and a brain that is functioning abnormally. But where does this distorted brain come from? It comes from the fact that the entire blood circulation is proceeding too rapidly. You need only feel your pulse to sense this. So this feverish heat in the head is caused by the blood circulation proceeding too rapidly. The blood circulation generates heat that rises to the head: you have a fever. Your soul appears as if in a distorted mirror.

[ 6 ] Auch der umgekehrte Zustand kann eintreten, aber der tritt nicht dadurch ein, daß man sich in den Schnee legt und sich erfrieren läßt, denn da erfriert man wirklich. Der umgekehrte Zustand kann nämlich nur vom Geistigen aus eintreten. Da muß man schon vom Geistigen aus etwas machen. Nun, sehen Sie, meine Herren, da kommt etwas sehr Merkwürdiges zustande. Denken Sie sich einmal: Einer fängt an furchtbar nachzudenken, denkt über die geringsten Kleinigkeiten nach. Es ist besser, über die geringsten Kleinigkeiten als über wichtige Sachen nachzudenken, über solche sogenannten Kleinigkeiten, daß die meisten Menschen gar nicht darüber nachdenken wollen. Ich will Ihnen etwas zeigen: Wenn Sie hier ein Dreieck haben (siehe Zeichnung) und Sie teilen dieses Dreieck in vier gleiche Teile, so daß Sie also vier solche Dreiecke bekommen, so können Sie sagen: Das ganze Dreieck ist größer als jedes der vier kleinen Dreiecke. — Ich kann jetzt das verallgemeinern und kann sagen, es gibt einen Lehrsatz, der heißt: Das Ganze ist größer als seine Teile. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.) — Donnerwetter, wenn da so ein satter Börsenmensch kommt und man sagt ihm: Du, denke einmal darüber nach, das Ganze ist größer als seine Teile — dann sagt der: Nein, das ist mir viel zu langweilig! — Und wenn man noch gar zu ihm kommt und sagt: Sich einmal, die Tafel ist ein Körper, die hat eine bestimmte Größe, die ist ausgedehnt, der Tisch ist auch ein Körper, der hat eine bestimmte Größe, der ist ausgedehnt — und ich bilde jetzt den Satz: Alle Körper sind ausgedehnt. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.) — Denken Sie sich, wenn Ihnen einmal irgendwo in einer Versammlung die ganze Zeit nur vorgetragen würde über den einen Satz: Alle Körper sind ausgedehnt —, Sie würden weggehen und sagen: Das war eine fade, eine langweilige Geschichte! — Und wenn ich Ihnen jetzt noch mit etwas kommen würde und würde sagen: Seht einmal, die Wiese ist grün, die Rose ist rot, diese Gegenstände haben also Farben. Gestern war da eine Gerichtssitzung, da hat der Richter das oder jenes Urteil gefällt — das hat keine Farbe. Und in einem anderen Orte war auch eine Gerichtssitzung, da hat der Richter auch ein Urteil gefällt — das hat keine Farbe. Urteile haben keine Farbe. — So haben wir einen dritten Satz. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.) Ja, meine Herren, wenn Ihnen nun einer eine Stunde lang darüber vortragen würde: Urteile haben keine Farbe —, da würden Sie sich sagen: Ich habe mir eine Stunde lang angehört: Urteile haben keine Farbe —, aber das ist furchtbar langweilig, das ist grenzenlos langweilig!

[ 6 ] The opposite state can also occur, but it does not happen simply by lying down in the snow and letting oneself freeze to death, because then one really does freeze to death. The opposite state can, in fact, only arise from the spiritual realm. One must actually do something from the spiritual realm. Now, you see, gentlemen, something very strange happens here. Just imagine: Someone begins to think deeply, pondering even the smallest details. It is better to think about the smallest details than about important matters—about such so-called trifles that most people don’t even want to think about. Let me show you something: If you have a triangle here (see drawing) and you divide this triangle into four equal parts, so that you end up with four such triangles, then you can say: The whole triangle is larger than each of the four small triangles. — I can now generalize this and say that there is a theorem which states: The whole is greater than its parts. (The theorem is written on the board.) — Good grief, if a wealthy stockbroker comes along and you say to him, “Hey, think about this for a moment: the whole is greater than its parts”—he’ll say, “No, that’s way too boring for me!” — And if you go so far as to say to him: “Just think, the blackboard is a solid; it has a certain size; it extends into space. The table is also a solid; it has a certain size; it extends into space”—and I now formulate the statement: “All solids extend into space.” (The sentence is written on the blackboard.) — Just imagine if, at some gathering, you were lectured the entire time about nothing but this one sentence: “All solids are extended”—you’d walk away and say, “That was a dull, boring story!” — And if I were to add something else now and say: “Look, the meadow is green, the rose is red; these objects, then, have colors. Yesterday there was a court hearing where the judge handed down this or that verdict—that has no color. And in another place there was also a court hearing where the judge handed down a verdict—that has no color. Judgments have no color.” — So we have a third sentence. (The sentence is written on the board.) Yes, gentlemen, if someone were to lecture you for an hour on this: “Judgments have no color”—you’d say to yourselves: “I’ve been listening for an hour to ‘Judgments have no color’—but that’s terribly boring, it’s endlessly boring!”

Diagram I
Diagram I

[ 7 ] Aber warum sind Ihnen diese Urteile langweilig? Ich müßte Ihnen diese Sachen nicht an die Tafel schreiben, und ich müßte Ihnen auch nicht mit einer gewissen Spaßigkeit diese Sachen sagen, sondern ich müßte hereinkommen, steif und forsch wie ein Professor, und müßte nun sagen: Meine Herren, heute wollen wir uns über den Satz unterhalten: Urteile haben keine Farbe — und dann müßte ich Ihnen eine ganze Stunde beweisen, daß der Satz richtig ist. Wie ich es hier Ihnen zeigte, das ist noch ganz amüsant. Aber so müßte ich kommen und eine ganze Stunde reden über den Satz: Urteile haben keine Farbe, oder: Alle Körper sind ausgedehnt. — So könnten Sie solch eine Linie ziehen, um von dem einen Punkt zum anderen zu kommen (es wird gezeichnet). Die eine Linie ist gerade, die anderen sind alle krumm. Aber wenn Sie das angucken, so werden Sie gleich sagen: Die Gerade ist der kürzeste Weg, alle anderen sind länger. — Nun kann ich Ihnen wieder diesen Satz aufschreiben: Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten. — Wenn ich da wiederum eine ganze Stunde über diesen Satz reden wollte, würden Sie es wieder langweilig finden.

[ 7 ] But why do you find these judgments boring? I wouldn’t have to write these things on the board for you, nor would I have to explain them to you with a certain lightheartedness; instead, I would have to walk in, stiff and brisk like a professor, and say: Gentlemen, today we’re going to discuss the following statement: Judgments have no color—and then I’d have to spend a whole hour proving to you that the statement is correct. The way I showed it to you here is actually quite amusing. But otherwise, I’d have to come in and talk for a whole hour about the statement: “Judgments have no color,” or “All bodies are extended.”—So you could draw a line like this to get from one point to another (it is drawn). One line is straight; the others are all curved. But when you look at them, you’ll immediately say: The straight line is the shortest path; all the others are longer. — Now I can write down this statement for you again: The straight line is the shortest path between two points. — If I were to spend a whole hour talking about this statement, you’d find it boring again.

Pas Ganze ist grösser als seine Teile
Alle Körper sind ausgedehnt
Urteile haben keine Farbe
Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten

The whole is greater than the sum of its parts
All objects have volume
Judgments have no color
A straight line is the shortest path between two points

[ 8 ] Es gibt allerdings einen deutschen Professor, der sagt: Von der geistigen Welt kann man schon etwas erkennen; aber nur dasjenige kann man erkennen von der geistigen Welt, was in solchen Sätzen liegt. — Und nun trägt er seinen Schülern dann die Sätze vor, durch die man aus der geistigen Welt etwas erkennt: Das Ganze ist größer als seine Teile. Die Urteile haben keine Farbe. Die Körper sind ausgedehnt. Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten, und so weiter. — Das ist das einzige, sagt er, was man wissen kann von der geistigen Welt. Ja, die Schüler, die langweilen sich furchtbar in diesen Vorträgen. Aber heute ist es so, daß die Leute schon den Glauben gekriegt haben: Man muß sich langweilen bei der Wissenschaft. — Deshalb sind die Schüler sogar meistens gerade von dem Professor begeistert, der solches sagt. Aber das ist nur eine Zwischenbemerkung.

[ 8 ] There is, however, a German professor who says: One can indeed perceive something of the spiritual world; but one can perceive only that which is contained in such propositions. — And then he recites to his students the propositions through which one perceives something of the spiritual world: The whole is greater than its parts. Judgments have no color. Bodies have extension. A straight line is the shortest path between two points, and so on. — That, he says, is the only thing one can know about the spiritual world. Yes, the students are terribly bored by these lectures. But today, people have already come to believe that science is bound to be boring. — That is why the students are, in fact, usually enthusiastic about the very professor who says such things. But that is just a side note.

[ 9 ] Die Geschichte ist nämlich diese. Wenn man solche Urteile in sich aufnimmt, solche Urteile fällt, solche Sätze: Das Ganze ist größer als seine Teile, die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten dann wird es nämlich im Hinterkopf kalt. Das ist das Eigentümliche: es wird im Hinterkopf kalt. Und weil es im Hinterkopf kalt wird, weil der Mensch anfängt zu frieren, will er gleich weg von solchen Sätzen. Sie sind ihm langweilig. Das ist nämlich das Merkwürdige: Bei der Langeweile wird es im Hinterkopf kalt. Nicht der ganze Mensch wird kalt, aber der Hinterkopf wird kalt. Der Hinterkopf fängt an erfrieren zu wollen. Und der friert jetzt nicht durch den Schnee oder durch das Eis, sondern der friert durch das Seelische, dadurch, daß er solche Dinge denkt, die kein Interesse für ihn haben.

[ 9 ] The story is this: When one internalizes such judgments, makes such judgments, utters such statements—that the whole is greater than the sum of its parts, that a straight line is the shortest distance between two points—then a chill sets in at the back of one’s mind. That is what is peculiar about it: a chill sets in at the back of one’s mind. And because it grows cold in the back of the mind—because a person begins to feel the chill—he wants to get away from such statements right away. They bore him. That is precisely what is strange: when boredom sets in, it grows cold in the back of the mind. Not the whole person grows cold, but the back of the mind does. The back of the head begins to want to freeze. And it’s not freezing because of the snow or the ice, but because of the soul—because they’re thinking about things that hold no interest for them.

[ 10 ] Sehen Sie, man kann sich lustig machen über solche Sätze; aber die Sache ist diese, daß solche Sätze mit Geduld immer wieder denken, das heißt sich immer wieder mit Geduld in furchtbare Langeweile versetzen, ein richtiger Weg ist, um in das geistige Schauen hineinzukommen. Es ist merkwürdig: Was der Mensch gerade nicht haben will, das muß er ausüben. Ich kann Ihnen sagen: Die Mathematik ist für manchen langweilig, aber weil sie schwer ist und man sich anstrengen muß, und weil die Mathematik gerade den Hinterkopf so kalt macht, deshalb kommen diejenigen, die Mathematik lernen mußten, weil die so kalt war und man sich recht anstrengen mußte bei der Mathematik, am leichtesten in die geistige Welt hinein. Und diejenigen, die sich überwinden und solche Sätze immer wieder und wieder erleben, die also künstlich sich die Langeweile anzüchten, die kommen am leichtesten in die geistige Welt hinein.

[ 10 ] You see, one can make fun of such propositions; but the fact is that thinking them over and over again with patience—that is, repeatedly subjecting oneself to terrible boredom with patience—is a true path to entering into spiritual insight. It is remarkable: What a person doesn’t want to do is precisely what they must practice. I can tell you: Mathematics is boring for some people, but because it is difficult and requires effort, and because mathematics has the effect of cooling the back of the mind, those who had to study mathematics—precisely because it was so cold and required such effort—find it easiest to enter the spiritual world. And those who overcome themselves and experience such propositions again and again—that is, who artificially cultivate boredom in themselves—are the ones who enter the spiritual world most easily.

[ 11 ] Ich habe Ihnen gesagt: Wenn man Fieber kriegt, dann wird der Puls schnell. Da wird man warm, und da ist es so, daß man Hitze in den Kopf, in das Gehirn hinein kriegt. Da kommt man eben in die Hitze hinein. Da redet man irre. — Wenn man sich aber jetzt mit solchen Sätzen plagt, wobei man ganz aufhören will zu denken, da wird das Blut nicht regsamer, sondern im Hinterkopf stockt es, das Blut. Und dadurch, daß das Blut stockt, sammeln sich dahinten Salze An. Salze sammeln sich an. Das ist ein Zweifaches, wie diese Salze sich äußern. Die meisten Menschen bekommen Bauchweh davon. Und weil sie das Bauchweh sehr rasch bemerken — es wird ihnen unbehaglich im Bauch, wenn sie solche Sätze denken sollen —, so hören sie bald auf. Aber wenn einer doch immerfort solche Sätze denkt, wie es der Nietzsche gemacht hat, der als ein sehr großer Mann gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelebt hat, der immerfort mit solchen Sätzen sich gequält hat in seiner Jugend, dann lagern sich viele Salze ab in seinem Kopf, und Nietzsche litt fortwährend an Migräne. Und nun, sehen Sie, muß man es dahin bringen, daß man solche Sätze denken kann, ohne daß man Migräne kriegt, sich Salze ablagern, also auch ohne daß man Bauchweh kriegt. Man muß ein vollständig gesunder Mensch bleiben und künstliche Langeweile in sich erzeugen können. Also einer, der Ihnen ehrlich sagt, wie man in die geistige Welt hineinkommt, der muß Ihnen sagen: Sie müssen zuerst künstliche Langeweile in sich erzeugen können, sonst können Sie überhaupt nicht in die geistige Welt hineinkommen. Sehen Sie nur einmal die gegenwärtige Zeit an. Was will denn die gegenwärtige Zeit? Die gegenwärtige Zeit will fortwährend die Langeweile vertreiben. Wohin rennen die Menschen nicht überall, um ja keine Langeweile zu haben! Immerfort wollen sie sich amüsieren. Was heißt denn das, sich immerfort amüsieren wollen? Das heißt, vor dem Geist davonlaufen. Nichts anderes heißt das. Und unsere Zeit will sich immerfort amüsieren. Ja, wo irgend etwas Geistiges sein könnte, da rennt unsere Zeit immer gleich davon. Sie weiß es nicht, es geschieht unbewußt. Aber dieses Sich-amüsieren-Wollen ist eben ein Vor-dem-Geiste-Davonlaufen. Das ist schon so. Und diejenigen allein können in den Geist hineinkommen, die sich nicht davor scheuen, das Amüsante einmal ganz zu lassen und künstlich in solchen Sätzen zu leben. Dann, wenn man es so weit gebracht hat, daß man künstlich in solchen Sätzen leben kann, daß man nicht mehr Migräne oder Bauchweh dabei bekommt, sondern es wirklich aushalten kann, viele Stunden lang in solchen Sätzen zu leben, dann hat man die Möglichkeit, allmählich zum geistigen Schauen zu kommen.

[ 11 ] I told you: When you get a fever, your pulse quickens. You get warm, and heat rises into your head, into your brain. You just get caught up in the heat. Then you start talking nonsense. — But when you torment yourself with such thoughts, even though you want to stop thinking altogether, the blood doesn’t flow more vigorously; instead, it stagnates in the back of your head. And because the blood stagnates, salts accumulate there. Salts accumulate. There are two ways in which these salts manifest themselves. Most people get stomachaches from it. And because they notice the stomachache very quickly—they feel discomfort in their stomach when they’re supposed to think such sentences—they soon stop. But if someone continues to think such sentences, as Nietzsche did—who lived as a very great man toward the end of the 19th century and who constantly tormented himself with such sentences in his youth—then many salts are deposited in his head, and Nietzsche suffered continuously from migraines. And now, you see, one must reach the point where one can think such sentences without getting migraines, without salts accumulating—and thus without getting a stomachache either. One must remain a completely healthy person and be able to generate artificial boredom within oneself. So someone who honestly tells you how to enter the spiritual world must say to you: You must first be able to generate artificial boredom within yourself; otherwise, you cannot enter the spiritual world at all. Just take a look at the present age. What does the present age want? The present age wants to constantly drive away boredom. Where don’t people rush off to, just to avoid boredom! They constantly want to amuse themselves. What does it mean to constantly want to amuse oneself? It means running away from the spirit. That’s all it means. And our age wants to amuse itself constantly. Yes, wherever there might be something spiritual, our age immediately runs away from it. It doesn’t realize it; it happens unconsciously. But this desire to amuse oneself is precisely a running away from the spirit. That is simply the way it is. And only those who do not shy away from setting aside amusement entirely for a time and living artificially within such sentences can enter into the spirit. Then, once one has reached the point where one can live artificially within such sentences—where one no longer gets a migraine or a stomachache from it, but can truly endure living within such sentences for many hours—then one has the opportunity to gradually arrive at spiritual vision.

[ 12 ] Aber da muß noch eine Veränderung vor sich gehen. Nämlich von einem bestimmten Punkt an merkt man: Wenn man nun gelebt hat in solchen Sätzen, da fangen sie an, sich umzudrehen. — Da denke ich lange nach: Das große Dreieck ist größer als seine Teile. Wenn ich darüber lange nachdenke, dann dreht sich mir der Satz um. Jetzt fängt er an, interessant zu werden, denn da bekomme ich einmal folgende Anschauung: Wenn ich hier ein Dreieck habe und ich nehme von diesem Dreieck das Viertel und ich will das heraustun, dann fängt es an zu wachsen (es wird gezeichnet), und es ist nicht mehr wahr, daß das Ganze größer ist als seine Teile. Das Viertel ist plötzlich größer. — Ich sehe, daß das Viertel größer ist, und ich muß jetzt sagen: Das Ganze ist kleiner als seine Teile. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.)

[ 12 ] But there’s still a change that needs to take place. Namely, at a certain point, you realize: Once you’ve lived with such propositions, they begin to turn around. — I think about this for a long time: The large triangle is greater than its parts. When I think about this for a long time, the statement turns around for me. Now it begins to get interesting, because I suddenly gain the following insight: If I have a triangle here and I take a quarter of this triangle and want to remove it, then it begins to grow (it is drawn), and it is no longer true that the whole is greater than its parts. The quarter is suddenly larger. — I see that the quarter is larger, and now I have to say: The whole is smaller than its parts. (The statement is written on the board.)

[ 13 ] Jetzt habe ich mich hineingearbeitet, wie es in der geistigen Welt ausschaut. Von der physischen Welt schaut es nämlich entgegengesetzt aus. In der physischen Welt ist immer das Ganze größer als seine Teile, in der geistigen Welt ist der Teil größer als das Ganze. Sie können zum Beispiel keinen Menschen erkennen, wenn Sie nicht wissen, daß der Teil größer ist als das Ganze. Die heutige Wissenschaft, die will immer ins Kleinste schauen. Wenn Sie aber die Leber des Menschen erkennen wollen, so ist sie kleiner als der Mensch, wenn Sie es hier im Physischen anschauen. Wenn Sie es geistig anschauen wollen, da wächst und wächst sie ins Riesenhafte, da wird die Leber ein ganzes Weltenall. Und wenn man das nicht beachtet, so kann man eben die Leber nicht geistig erkennen.

[ 13 ] Now I have come to understand what the spiritual world is like. From the perspective of the physical world, it actually appears to be the opposite. In the physical world, the whole is always greater than its parts; in the spiritual world, the part is greater than the whole. For example, you cannot recognize a human being unless you know that the part is greater than the whole. Modern science always wants to look at the smallest details. But if you want to recognize the human liver, it is smaller than the human being when you look at it here in the physical realm. If you want to look at it spiritually, however, it grows and grows to gigantic proportions; the liver becomes an entire universe. And if you don’t take that into account, you simply cannot recognize the liver spiritually.

[ 14 ] Also Sie müssen erst ehrlich zu dem Satze gekommen sein: Das Ganze ist kleiner als sein Teil, und der Teil ist größer als das Ganze. Ebenso, wenn Sie genügend lange den Satz: Alle Körper sind ausgedehnt — gedacht haben, so daß Sie schon vor der furchtbaren Gefahr stehen, daß Ihnen Ihr Gehirn hinten erfriert, dann schrumpfen alle Körper zusammen, hören auf, ausgedehnt zu sein, und Sie bekommen endlich das Urteil: Kein Körper ist ausgedehnt. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.)

[ 14 ] So you must first have honestly arrived at the statement: The whole is smaller than its part, and the part is larger than the whole. Similarly, if you’ve been thinking long enough about the statement “All bodies are extended”—to the point where you’re already facing the terrible danger of your brain freezing at the back of your head—then all bodies shrink together, cease to be extended, and you finally arrive at the conclusion: “No body is extended.” (The statement is written on the board.)

[ 15 ] Und jetzt etwas ganz Spaßiges — spaßig ist es für die physische Welt, von höchstem Ernst ist es für die geistige Welt. Sehen Sie, Sie können finden, es gibt nichts Dümmeres, als wenn ich sage: In Buxtehude hat eine Gerichtsverhandlung stattgefunden, da ist ein Urteil gefällt worden, das hat keine Farbe. In Trippstrill ist auch ein Urteil gefällt worden, das hat auch keine Farbe. — Aber wenn Sie den Satz lange denken, dann bekommen nämlich die Urteile Farbe. Und geradeso, wie Sie sagen können: Die Rose ist rot — so können Sie sagen: Das Urteil von Buxtehude ist schmutziggelb, und das Urteil von Trippstrill ist rot. — Nun, es kann auch solche geben, die schön rot sind, aber das kommt selten vor. Sehen Sie, da wachsen Sie hinein in den Satz: Alle Urteile, die die Menschen fällen, haben Farbe. — Und jetzt erst ist man auf dem Punkte, daß man überhaupt fähig wird, über die geistige Welt zu denken, weil diese die entgegengesetzten Eigenschaften von der physischen Welt hat: Urteile haben Farbe. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.)

[ 15 ] And now something really funny—it’s funny for the physical world, but it’s a matter of the utmost seriousness for the spiritual world. You see, you might think there’s nothing more foolish than when I say: A court hearing took place in Buxtehude, a verdict was handed down there, and that verdict has no color. A verdict was also handed down in Trippstrill, and that, too, has no color. — But if you think about that sentence for a long time, then the judgments actually take on color. And just as you can say, “The rose is red”—so you can say, “The judgment from Buxtehude is dirty yellow, and the judgment from Trippstrill is red.” — Well, there may also be some that are a beautiful red, but that rarely happens. You see, you’re growing into the sentence: All judgments that people make have color. — And only now have we reached the point where we become capable of thinking about the spiritual world at all, because it possesses the opposite characteristics of the physical world: judgments have color. (The sentence is written on the blackboard.)

[ 16 ] Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten — das ist ja so richtig, daß man es als einen allerersten Lehrsatz in der Geometrie aufgetischt kriegt. Für die physische Welt ist das so richtig, als es nur richtig sein kann. Aber denkt man lange nach: Wenn einer, der kein physisches, sondern ein geistiges Wesen ist, von Dorf A nach Dorf B kommen will, so kommt ihm der Weg furchtbar kurz vor, wenn er im Halbkreis läuft (es wird gezeichnet) — und Sie kommen zu dem Urteil: Tafel ı4 Die Gerade ist der längste Weg zwischen zwei Punkten. (Der Satz wird an die Tafel geschrieben.)

[ 16 ] A straight line is the shortest path between two points—this is so true that it’s presented as one of the very first theorems in geometry. For the physical world, this is as true as it can possibly be. But if you think about it for a while: If someone who is not a physical but a spiritual being wants to get from Village A to Village B, the path will seem incredibly short if they walk in a semicircle (it is drawn)—and you come to the conclusion: Board ı4 The straight line is the longest path between two points. (The statement is written on the board.)

Das Ganze ist kleiner als seine Teile
Kein Körper ist ausgedehnt
Urteile haben farbe
Die Gerade ist der lüngste Weg zwischen zwei Punkten

The whole is smaller than its parts
No body has extension
Judgments have color
A straight line is the longest path between two points

[ 17 ] Das ist schon etwas, wobei man ein bißchen den Mund aufreißen kann! Die Welt allerdings, die geht nicht ein auf solche Sachen. Die sagt: Nun ja, wenn einer anfängt zu sagen, Urteile haben Farbe, so hat er das Fieber oder er ist verrückt. — Aber darum handelt es sich eben, daß man zu diesen Dingen ohne seinen Körper kommt, mit voller Vernünftigkeit kommt, denn die geistige Welt hat nun einmal die entgegengesetzten Eigenschaften von der physischen Welt. Und man muß durch die allereinfachsten Sätze dazu kommen, weil die allereinfachsten Sätze die unglaublichsten sind. Nicht wahr, wenn Ihnen einer anfängt, interessant über die geistige Welt zu reden, da hören die Leute natürlich zu, wie wenn ihnen überhaupt Gespenstergeschichten erzählt werden. Aber Sie hören nicht zu, wenn Ihnen einer sagt: Du mußt dich zuerst daran gewöhnen, künstlich in dir die Langeweile zu erzeugen. — Künstlich muß man das machen. Wenn man sich durch die äußere Wissenschaft langweilt, da wird nichts daraus. Aber künstlich, durch innere Anstrengung muß man imstande sein, die Langeweile zu erzielen, ohne daß man Migräne oder Bauchweh bekommt, ohne daß der Körper beteiligt ist. Ist der Körper beteiligt, so bekommt man sofort Migräne oder Bauchweh. Hören Sie sich nur einmal an, was die Leute sagen, wenn sie hören: Ihr müsst euch nicht durch den Professor langweilen lassen, das hilft euch nichts, da werdet ihr keine Geistesschauer, sondern ihr müßt nur nach und nach die Migräne und das Bauchweh überwinden. — Sehen Sie, der Student sitzt da, der Professor langweilt ihn furchtbar; er soll eigentlich Migräne oder Bauchweh kriegen, aber das kriegt er nicht. Nun schlägt sich das in andere Organe, die weniger weh tun. Und eigentlich werden die Leute dann krank, weil der physische Körper mitmacht. Erzeugt man eben auf diese Weise Langeweile, wie es in der heutigen Wissenschaft geschieht, dann macht man die Menschen nur krank. Gibt man den Menschen Anleitung, selber durch eigene innere Kraft ganz frei die Langeweile zu erzeugen, und gehen sie durch diese Langeweile hindurch, dann kommen sie nach und nach in die geistige Welt hinein, die man aber ergreifen muß, indem schon die allerersten Urteile in der geistigen Welt umgekehrt sind. Es gibt schon ein außerordentlich gutes Mittel, wodurch man sehr tüchtig an sich selber arbeiten kann. Das ist, wenn man etwas recht, recht Langweiliges in der Welt erlebt und nachher, wenn es so langweilig gewesen ist, daß man fortgelaufen ist, daß man es gar nicht mehr mochte oder froh war, wenn es aus war, dann fängt man an, ganz, ganz langsam darüber nachzudenken.

[ 17 ] That’s certainly something that makes you want to speak up a bit! The world, however, doesn’t take such things seriously. It says: Well, if someone starts saying that judgments have color, then he’s either feverish or crazy. — But that’s precisely the point: that one approaches these things without one’s physical body, with complete rationality, because the spiritual world simply has the opposite characteristics of the physical world. And one must arrive at this through the simplest of statements, because the simplest statements are the most incredible. Isn’t it true that when someone starts talking interestingly about the spiritual world, people naturally listen, as if they were being told ghost stories? But you don’t listen when someone tells you: “You must first get used to artificially creating boredom within yourself.” — You have to do this artificially. If you bore yourself through external science, nothing will come of it. But artificially, through inner effort, you must be able to achieve boredom without getting a migraine or a stomachache, without involving the body. If the body is involved, you’ll immediately get a migraine or a stomachache. Just listen for a moment to what people say when they hear: “You mustn’t let the professor bore you—that won’t help you; it won’t give you any intellectual thrills—but you just have to gradually overcome the migraines and stomachaches.” — You see, the student is sitting there, and the professor is boring him terribly; he’s actually supposed to get a migraine or a stomachache, but he doesn’t. So it manifests in other organs that hurt less. And actually, people get sick because the physical body goes along with it. If you induce boredom in this very way, as is done in modern science, then you’re simply making people sick. If you give people guidance to freely generate boredom themselves through their own inner strength, and they pass through this boredom, then they gradually enter the spiritual world—which, however, must be grasped by reversing even the very first judgments in the spiritual world. There is already an exceptionally good method by which one can work very effectively on oneself. This is when one experiences something truly, truly boring in the world, and afterward—when it has been so boring that one ran away, that one no longer liked it at all, or was glad when it was over—one begins to reflect on it very, very slowly.

[ 18 ] Sehen Sie, ich habe daran selber — das kann ich Ihnen verraten — furchtbar viel gelernt. Ich habe in meinem Leben, als ich jung war, furchtbar langweilige Vorlesungen gehört. Ja, ich muß sagen, bevor die Vorlesung angefangen hat, da habe ich mich sogar gefreut auf die langweilige Vorlesung, weil das einen ebenso herausgebracht hat wie sonst im Leben das Schlafen. Also ich habe rechte Freude gehabt: Jetzt kannst du wieder einmal ein paar Stunden langweilige Vorlesungen hören! — Aber wenn die Vorlesung angefangen hatte und der Professor sprach, dann hatte ich fortwährend den Eindruck: Der redet ja fortwährend, der stört einem ja die Langeweile auch noch! — Aber hinterher, da habe ich immer tief über alles Einzelne nachgedacht, was er gesagt hat. Es hat mich nicht im geringsten interessiert, aber ich habe jede Stunde von Anfang wiederum durchgemacht, ganz richtig durchgemacht, und manchmal eine Stunde so durchgemacht, daß es zwei Stunden gedauert hat, also diese natürliche Langeweile künstlich erzeugt. Meine Herren, da machen Sie eine sonderbare Entdeckung. Gerade am Ende des 19. Jahrhunderts konnten Sie eine ganz sonderbare Entdekkung machen. Denken Sie sich einmal, Sie kommen gerade aus der Vorlesung eines riesigen Rhinozerosses — die gibt es ja — und Sie haben sich fürchterlich gelangweilt. Jetzt konnten Sie — das ist gerade am Ende des 19. Jahrhunderts der Fall gewesen —, jetzt konnten Sie, wie man sagt, meditieren über diese langweilige Vorlesung. Also alles, was Sie furchtbar gelangweilt hat, rufen Sie sich wiederum in die Seele herein. Dann plötzlich erscheint einem da hinter dem Menschen, der einem wie ein Rhinozeros die größten Langweiligkeiten vorgetragen hat, nach und nach etwas wie ein höherer Mensch, wie ein ganz geistiger Mensch. Und die Lehrsäle verwandeln sich Ihnen — das ist so, daß man es in voller Vernünftigkeit begreifen kann. Und ich kenne viele Professoren vom Ende des 19. Jahrhunderts, bei denen das der Fall war — aber ich will nicht, daß das nun wiederum herumgeredet wird, sonst denken die Leute: das ist etwas ganz Schreckliches —: Hinter denen erschienen immer die geistreichsten geistigen Menschen. Ja, was war denn das?

[ 18 ] You see, I myself—I can tell you this—learned an awful lot from it. When I was young, I sat through some terribly boring lectures. Yes, I have to say, before the lecture started, I actually looked forward to the boring lecture, because it took your mind off things just as much as sleeping does in everyday life. So I was genuinely happy: Now you get to sit through a few hours of boring lectures again! — But once the lecture had started and the professor began speaking, I constantly had the impression: “He just keeps talking—he’s even getting in the way of my boredom!” — But afterward, I always thought deeply about every single detail of what he had said. I wasn’t the least bit interested, but I went through every hour from the beginning all over again, went through it thoroughly, and sometimes went through an hour in such a way that it took two hours—thus artificially creating that natural boredom. Gentlemen, you’re about to make a strange discovery. Especially at the end of the 19th century, you could make a very strange discovery. Just imagine: you’ve just come out of a lecture given by a giant rhinoceros—they do exist—and you were terribly bored. Now you could—and this was precisely the case at the end of the 19th century—now you could, as they say, meditate on that boring lecture. So you bring back into your soul everything that bored you terribly. Then suddenly, behind the person who, like a rhinoceros, has lectured you on the most tedious topics, something like a higher human being, like a truly spiritual person, gradually appears. And the lecture halls are transformed for you—this is something that can be understood with complete rationality. And I know many professors from the late 19th century for whom this was the case—but I don’t want this to be talked about too much now, otherwise people will think: that’s something truly terrible—: Behind them always appeared the most witty and spiritual people. Yes, what was that, then?

[ 19 ] Es ist nämlich nicht wahr, daß die Menschen innerlich unbewußt so dumm sind, wie sie sich geben. Sie sind nämlich viel gescheiter, und gerade die Dümmsten sind manchmal gescheit. Das dreht sich auch um. Aber sie können ihre eigene Gescheitheit nicht begreifen. Das ist nämlich ein furchtbares Geheimnis, denn gerade hinter den Leuten steht oft dasjenige, was ihr eigentlich Seelisches ist; das können sie selber nicht begreifen.

[ 19 ] It is not true, in fact, that people are inwardly and unconsciously as stupid as they appear to be. They are actually much smarter, and even the stupidest ones are sometimes clever. That can also be turned on its head. But they cannot comprehend their own cleverness. This is, in fact, a terrible mystery, for often what lies behind people is precisely what constitutes their true soul; they cannot grasp this themselves.

[ 20 ] Ja, so kommt man schon hinein in die geistigen Welten. Sie wissen ja, am Ende des 19. Jahrhunderts hat es eine materialistische Naturwissenschaft gegeben. Die Leute beten heute noch immer dieser materialistischen Naturwissenschaft nach. Ich muß selber sagen: Es ist ungeheuer nützlich gewesen, diese materialistische Naturwissenschaft kennenzulernen. — Diese materialistische Naturwissenschaft hat von Anfang bis zum Ende immer wiederum die langweiligsten Sätze vorgebracht, Wenn man nur sich alle Finger ableckt, daß man so gescheit geworden ist und endlich weiß, daß der Mensch vom Affen abstamme, wie es die Naturwissenschaft sagt — ja, dann wird nichts daraus. Wenn man aber mit aller inneren Energie diesen Satz immer wieder und wieder denkt, dann verwandelt er sich zuletzt in einen geistig richtigen, und man merkt: Der Mensch stammt gar nicht vom Affen ab, sondern von einem geistigen Wesen.

[ 20 ] Yes, that is indeed how one enters the spiritual worlds. As you know, at the end of the 19th century, there was a materialistic natural science. People still worship this materialistic natural science today. I must say myself: It has been immensely useful to become acquainted with this materialistic natural science. — From start to finish, this materialistic natural science has always come up with the most tedious statements: If you just pat yourself on the back for having become so clever and finally knowing that humans are descended from apes, as natural science claims—well, then nothing comes of it. But if one contemplates this statement again and again with all one’s inner energy, it eventually transforms into a spiritually true one, and one realizes: Human beings do not descend from apes at all, but from a spiritual being.

[ 21 ] Es gibt da allerdings mancherlei Unterschiede. Ein Junge wurde einmal in die Schule geschickt. Zum ersten Mal hörte er von seinem Lehrer, daß der Mensch vom Affen abstamme — zu früh, das zeigte sich. Er sagte zu Hause zu seinem Vater: Du, Vater, ich hab’ was gehört heute; denke nur, der Mensch stammt vom Affen ab! — I was denn! — sagte der Vater entrüstet — du bist ein dummer Junge! Bei dir kann das der Fall sein! Bei mir aber nicht! — Sehen Sie, für den war es auch ganz unglaublich, die Geschichte. Er hat es nur auf das Seelische bezogen.

[ 21 ] There are, however, all sorts of differences. A boy was once sent to school. For the first time, he heard from his teacher that humans are descended from apes—too early, as it turned out. At home, he said to his father: “Hey, Dad, I heard something today; just think, humans are descended from apes!” — “Oh, really!” said his father indignantly. “You’re a silly boy! That might be true for you, but not for me!” — You see, the story was completely unbelievable to him, too. He simply applied it to the spiritual realm.

[ 22 ] Aber Sie erfahren aus alledem, was ich Ihnen sage, daß man sich auf zweierlei Art auch in die Naturwissenschaft hineinfinden kann. Und ich kann Ihnen schon sagen: Wenn man nicht so Naturwissenschaft gelernt hat, wie sie sehr viele im 19. Jahrhundert und auch bis heute noch gelernt haben, sondern wenn Sie, statt alles nachzuplappern, meditativ denken, immer wieder und wiederum denken, stunden-, stundenlang denken, dann dreht sich es wiederum um und es kommt das Geistig-Richtige heraus. Und wenn Sie lange nachgedacht haben über Pflanzen und Mineralien und lange dasjenige, was die Leute Ihnen heute in einer so furchtbar materialistischen Weise sagen, einfach durchdenken, dann kommen Sie zuletzt dazu, die Bedeutung des Tierkreises, die Bedeutung der Sterne, die ganzen Geheimnisse der Sterne vor sich zu haben. Aber der sicherste Weg ist eben, von solchen Sätzen auszugehen: Der Teil ist größer als das Ganze. Kein Körper ist ausgedehnt. Urteile haben Farbe. Die Gerade ist der längste Weg zwischen zwei Punkten. Dadurch hat man sich losgerissen von dem physischen Körper. Wenn Sie dies alles durchmachen, dann kommenSie dazu, statt ihres physischen Körpers Ihren Ätherkörper benützen zu können. Sie können dann anfangen mit demÄtherkörper zu denken,und derÄtherkörper muß alles umgekehrt denken von der physischen Welt. Denn durch den Ätherkörper kommt man allmählich in die geistige Welt hinein. Aber da stockt es dann doch noch, und da muß man noch etwas anderes sich angewöhnen. Sie wissen ja, wenn man heute liest, so kann einem etwas ganz Sonderbares passieren. Da habe ich zum Beispiel einmal, als ich in einer südösterreichischen Stadt war, die heute keine österreichische mehr ist, ein Abendblatt in die Hand gekriegt. Dieses Abendblatt hatte einen Leitartikel, wie man sagt. Da war eine furchtbar interessante Geschichte in allen Details, in allen Einzelheiten erzählt, eine große politische Geschichte: Die erste Spalte, zweite Spalte, dritte Spalte las man, ganz furchtbar interessant. Dann kam ganz unten, noch auf derselben Seite, eine kleine Bemerkung. Da stand: Leider müssen wir mitteilen, daß alles das, was in unserem heutigen Leitartikel steht, auf einer irrtümlichen Benachrichtigung beruht und kein Wort davon richtig ist. Nun, sehen Sie, das kann einem heute passieren. Es ist das der radikalste Fall, aber wer heute Zeitungen liest, dem kann es so und so oft passieren, auf jeder Seite, daß er etwas liest, was einfach nicht wahr ist. Da erfährt er hinterher, daß es nicht wahr gewesen ist. Sehen Sie, ich glaube, die meisten Menschen sind in diesen Sachen heute schon furchtbar stumpf geworden; sie nehmen einfach Wahrheit und Lüge nach und nach ganz gleichgültig auf. Wenn man in dieser Beziehung stumpf geworden ist, daß man Wahrheit und Lüge in gleicher Weise aufnimmt, ja, dann kann man nicht in die geistige Welt hineinkommen.

[ 22 ] But from everything I’m telling you, you’ll learn that there are two ways to approach the natural sciences. And I can tell you this: If you haven’t studied the natural sciences the way so many did in the 19th century—and even today—but instead of merely parroting everything, think meditatively, think over and over again, think for hours on end, then the situation turns around, and the spiritually correct understanding emerges. And if you have thought long and hard about plants and minerals and have thoroughly reflected on what people tell you today in such a terribly materialistic way, then you will ultimately come to grasp the significance of the zodiac, the significance of the stars, and all the mysteries of the stars. But the surest path is precisely to start from statements such as this: The part is greater than the whole. No body is extended. Judgments have color. The straight line is the longest path between two points. Through this, one has broken free from the physical body. If you go through all of this, you will come to be able to use your etheric body instead of your physical body. You can then begin to think with the etheric body, and the etheric body must think everything in the opposite way from the physical world. For through the etheric body, one gradually enters the spiritual world. But there one still comes to a standstill, and one must accustom oneself to something else. You know, when one reads today, something quite strange can happen. For example, once, when I was in a city in southern Austria—which is no longer part of Austria—I happened to pick up an evening newspaper. This evening paper had an editorial, as they say. It contained a terribly interesting story, told in full detail, a major political story: you read the first column, the second column, the third column—it was all terribly interesting. Then, right at the bottom of the same page, there was a small note. It read: “Unfortunately, we must inform you that everything contained in today’s editorial is based on erroneous information, and not a word of it is true.” Well, you see, that can happen to anyone today. This is the most extreme case, but anyone who reads newspapers today can find themselves, time and again, on any given page, reading something that is simply not true. Only later do they find out that it wasn’t true. You see, I believe most people have already become terribly numb to these matters today; they simply come to regard truth and lies with complete indifference. If one has become so numb in this regard that one accepts truth and lies in the same way, well, then one cannot enter the spiritual world.

[ 23 ] Ich habe Ihnen das letzte Mal gesagt: Wenn einer verrückt wird, so wird nur sein Körper krank. Die Seele wird nicht krank, die bleibt dabei gesund. — Heute habe ich Ihnen gesagt: Wenn einer im Fieber irreredet, so werden seine Gedanken nur zur Karikatur, aber die Seele bleibt richtig. — Aber das muß man sich angewöhnen, wenn man in die geistige Welt hineinkommen will, daß einem bei einer unrichtigen Sache ein seelischer Schmerz kommt, und daß man bei einer richtigen Sache eine seelische Freude hat, daß man sich über die Wahrheit so freuen kann, wie wenn einer einem eine Million schenkt — ich meine eine Million Franken, nicht Mark! (Heiterkeit.) So muß man sich freuen können, wenn man eine Wahrheit zu hören bekommt, und so muß man innerlich seelisch leiden können — nicht der Körper, sondern die Seele muß leiden können, wenn man irgendwo entdeckt: da ist etwas erlogen —, so wie der Körper leidet, wenn er eine furchtbare Krankheit hat. Nicht daß die Seele krank sein soll, aber die Seele muß Schmerz und Freude empfinden können, wie wenn der Körper krank ist oder ganz behaglich ist oder äußerlich in der physischen Welt Schmerz oder Freude erlebt. Das heißt, man muß dazu kommen, die Wahrheit so zu fühlen, wie man Freude und Glückseligkeit und Lust im physischen Leben empfindet, und man muß dazu kommen, das Unwahre so schmerzlich zu empfinden, innerlich seelisch so krank zu werden vom Unwahren, wie man sonst von den Störungen seines Körpers allein krank wird. Das heißt, wenn einem einer den Buckel voll gelogen hat, dann muß man sagen können, aber so, daß es richtig stimmt: Donnerwetter! Der hat mir Tollkirschen zu fressen gegeben! — Das muß aber innerlich wahr sein. Nun, natürlich, wenn Sie in die heutige Zeit hineinschauen, das Zeitungswesen zum Beispiel betrachten, das gibt Ihnen immerfort Tollkirschen zu fressen. Da müssen Sie fortwährend, wenn die Seele gesund bleiben soll, seelisch speien. Da müssen Sie sich natürlich wiederum, weil man ohne Zeitungen nicht sein kann, wenn Sie in die geistige Welt hineinkommen wollen, das angewöhnen, daß Sie von der Zeitung einen schlechten Geschmack haben und von dem, wo Sie etwas Ordentliches lesen, wo ein Mensch sich ganz innerlich gibt, Freude davon haben, aber Freude so davon haben, wie Sie es meinetwillen von etwas haben, das sehr gut schmeckt. Es muß Ihnen die Wahrheit und das Streben nach der Wahrheit gut schmecken, und es muß Ihnen die Lüge, wenn Sie sie gewahr werden, bitter, giftig schmecken. So daß Sie nicht nur lernen müssen: Urteile haben Farbe, sondern Sie müssen Lernen zu sagen: Druckerschwärze ist heute meistens Tollkirschensaft. — Das müssen Sie aber mit aller Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit empfinden können. Dann, meine Herren, dann sind Sie bei dem, was man geistige Verwandlung nennt.

[ 23 ] I told you last time: When someone goes mad, only their body becomes ill. The soul does not become ill; it remains healthy. — Today I told you: When someone rambles while running a fever, their thoughts merely become a caricature, but the soul remains sound. — But if you want to enter the spiritual world, you must accustom yourself to feeling a spiritual pain when faced with something false, and to experiencing spiritual joy when faced with something true—so that you can rejoice in the truth as much as if someone were to give you a million—I mean a million francs, not marks! (Laughter.) That is how one must be able to rejoice when one hears a truth, and that is how one must be able to suffer inwardly in one’s soul—not the body, but the soul must be able to suffer when one discovers somewhere that something is a lie—just as the body suffers when it has a terrible illness. Not that the soul should be sick, but the soul must be able to feel pain and joy, just as when the body is sick or feeling perfectly well, or when it experiences pain or joy externally in the physical world. This means one must come to feel the truth in the same way one feels joy, bliss, and pleasure in physical life, and one must come to feel the untrue so painfully—to become so inwardly and spiritually ill from the untrue—just as one otherwise becomes ill solely from the disturbances of one’s body. That is to say, if someone has fed you a load of lies, then you must be able to say—but in a way that is truly accurate: “Good heavens! He’s been feeding me belladonna!”—but this must be true within you. Well, of course, if you look at the world today—take the newspaper industry, for example—it’s constantly feeding you belladonna. If your soul is to remain healthy, you must continually vomit it out spiritually. Of course, since you can’t do without newspapers if you want to enter the spiritual world, you must get into the habit of finding the newspaper distasteful and deriving joy from what you read that is decent—where a person gives of themselves wholeheartedly—but deriving joy from it in the same way you would, for my sake, from something that tastes very good. The truth and the pursuit of truth must taste good to you, and lies—when you become aware of them—must taste bitter and poisonous to you. So that you must not only learn that judgments have a color, but you must also learn to say: “Printing ink today is mostly belladonna juice.”—But you must be able to feel this with complete honesty and sincerity. Then, gentlemen, then you will have attained what is called spiritual transformation.

[ 24 ] Die Leute reden von äußerlicher Alchimie und glauben, äußerliche Alchimie kann Kupfer in Gold verwandeln. Das werden Ihnen Scharlatane natürlich heute noch immer in allen Farben sagen; das haben die Leute, die abergläubisch sind, lange geglaubt. Aber im Geiste sind diese Dinge möglich; nur muß man an die Wahrheit des Geistes glauben. Da muß man sich sagen können: Die Druckerschwärze, die der Drucker benützt hat, ist materiell überall dasselbe, ob der ein wahres Buch gedruckt hat oder eine lügenhafte Zeitung. Das eine Mal aber ist Druckerschwärze wirklicher Tollkirschensaft, das andere Mal ist es, wie wenn Gold flüssig fließen würde. — Im Geiste sind die Dinge, die in der physischen Welt dieselben sind, so ganz verschieden.

[ 24 ] People talk about external alchemy and believe that external alchemy can turn copper into gold. Of course, charlatans will still tell you all sorts of things like that today; superstitious people have long believed this. But in the spirit, these things are possible; one must simply believe in the truth of the spirit. One must be able to say to oneself: The printer’s ink used by the printer is materially the same everywhere, whether he has printed a true book or a mendacious newspaper. But in one case, the printer’s ink is truly belladonna juice; in the other, it is as if gold were flowing in liquid form. — In the spirit, things that are the same in the physical world are so very different.

[ 25 ] Aber wenn dann die jetzigen gescheiten Leute kommen und man ihnen sagt: Druckerschwärze kann fließendes Gold sein oder Tollkirschensaft — dann sagen sie: Das meinst du bildlich, bildlich ist das ja nur gemeint. — Ja, meine Herren, das Bildliche, das muß eben richtig geistig werden, und man muß verstehen, wie die Sachen geistig werden.

[ 25 ] But when today’s so-called intelligent people come along and you tell them: “Printing ink can be liquid gold or belladonna juice”—then they say: “You mean that figuratively; it’s only meant figuratively.” — Yes, gentlemen, the figurative must indeed become truly spiritual, and one must understand how things become spiritual.

[ 26 ] Da will ich Ihnen einmal ein Beispiel, sogar aus der sozialdemokratischen Parteigeschichte, erzählen. Sie haben ja das vielleicht weniger mehr miterlebt, aber in einer gewissen Zeit hat sich ja die Sozialdemokratische Partei in zwei Teile gespalten. Die einen waren diejenigen, die unter Bernstein und ähnlichen Leuten waren. Das waren diejenigen, die gern allerlei Kompromisse mit den Bürgerlichen geschlossen haben. Und das andere waren die Radikalen, und an der Spitze der Radikalen ist ja bis zu seinem Tode Bebel gestanden. Sie werden wenigstens noch aus der Literatur von Bebel wissen. Nun war einmal — es war in Dresden — eine Parteiversammlung und Bebel ist fuchtig geworden über die anderen und hat gesagt, er wird nun Ordnung machen in der Sozialdemokratie. Da hat er eine sehr wuchtige Rede gehalten und hat im Verlauf dieser Rede gesagt: Ja, wenn das und das geschieht von der anderen Partei, dann läuft mir eine Laus über die Leber! — Nun wird natürlich jeder sagen, das ist bildlich gemeint, daß dem Bebel eine Laus über die Leber läuft, denn da läuft nicht wirklich eine Laus über die Leber. Aber warum wird denn solch ein Ausdruck gebraucht? Der Bebel hat ihn natürlich nicht deshalb gebraucht, weil ihm wirklich eine Laus über die Leber gelaufen ist, sondern er hat ihn gehört und hat ihn eben angewendet für etwas, wo man sich furchtbar ärgert. Aber warum ist denn der Ausdruck so, warum kann man da davon sprechen, daß eine «Laus» über die Leber läuft?

[ 26 ] Let me give you an example, actually from the history of the Social Democratic Party. You may not have witnessed this firsthand, but at one point the Social Democratic Party split into two factions. One faction consisted of those who followed Bernstein and others like him. These were the ones who were happy to make all sorts of compromises with the bourgeoisie. The other group consisted of the radicals, and Bebel stood at the head of the radicals until his death. You’ll at least be familiar with Bebel from his writings. Now, there was once—it was in Dresden—a party meeting, and Bebel became furious with the others and said he was going to bring order to the Social Democratic Party. He gave a very forceful speech and, in the course of that speech, said: “Yes, if such-and-such happens on the part of the other party, then a louse crawls over my liver!”—Now, of course, everyone will say that this is meant figuratively—that a louse crawls over Bebel’s liver—because a louse doesn’t actually crawl over his liver. But why is such an expression used? Bebel, of course, didn’t use it because a louse actually ran across his liver; rather, he had heard it and simply applied it to a situation where one is terribly annoyed. But why is the expression phrased that way? Why can we say that a “louse” runs across the liver?

[ 27 ] Jedem geht es ja nicht so wie dem Juden Itzigsohn, der immer Läuse sich vom Kopfe herunterholte, und als ihn einmal einer frug: Ja, sag’ einmal, mein lieber Itzigsohn, wie kommt es nur, daß du so gescheit bist und immer eine Laus erhaschst? — da sagte der: Ist keine Kunst, greife ich daneben, habe ich auch eine. — Also jedem geht es nicht so, daß er gleich, wenn er eine Laus fangen will und danebengreift, auch eine hat. Sondern es ist meistens höchst unangenehm, wenn die Leute Läuse kriegen, es ist ihnen furchtbar unangenehm, es ist ein greuliches Gefühl! Sie hätten nur einmal sehen sollen: Als ich Erzieher war, da kam einmal einer von den Jungen, die ich erziehen mußte, nach Hause; er war ausgegangen, hatte sich in der Großstadt auf allerlei Bänke gesetzt, kriegte nach und nach Augenschmerzen, furchtbare Augenschmerzen. Nun war man sich im unklaren, welchen Spezialisten man holen sollte, weil dieser Junge solche schrecklichen Augenschmerzen hatte. Ich sagte: Wir wollen es zunächst mit einer Läusesalbe probieren und ihm die Augenbrauen damit einsalben. — Richtig, als man nachsah, da war er ganz verlaust, und als die Salbe gewirkt hatte, da gingen auch die tränenden Augen weg. Ja, Sie hätten nur sehen sollen, wie die Leute dreinschauten, die Mutter und die Tante, als der Junge plötzlich Läuse hatte! Da bekamen sie solche Gefühle, die bis in die Leber hineingingen. Da wird es ihnen im Bauch ganz anders: Donnerwetter, unser Junge hat Läuse! Eh, das ist ja etwas Schreckliches! — Und da kommt es einem dann so stark vor, wie wenn die Laus über die Leber rennen würde. Dieser Ausdruck «eine Laus rennt über die Leber» kommt von der wirklichen Empfindung her, die man eben gehabt hat, wenn die Leute Läuse bekommen haben. Nun, irgendwo in einer Versammlung oder in einer Partei geschieht das nicht, daß die Leute lausig werden, aber sie treiben etwas, wodurch man einen solchen Abscheu kriegt davor, wie wenn einem in früherer Zeit oder in einer gewissen Gesellschaftsklasse Läuse über die Leber gelaufen wären. Also Sie sehen, so wie der Ausdruck gebildet worden ist, da konnte er einer Wirklichkeit entsprechen. Nachher werden solche Ausdrücke so angewendet, daß man sie nur beim Geistgen, beim Seelischen noch anwendet.

[ 27 ] Not everyone is like the Jew Itzigsohn, who was always picking lice off his head, and when someone once asked him, “Hey, tell me, my dear Itzigsohn, how is it that you’re so clever and always manage to catch a louse?” — he replied: “It’s no big deal; if I miss, I still end up with one.” — So it’s not the case for everyone that, just because they want to catch a louse and miss, they still end up with one. Rather, it’s usually extremely unpleasant when people get lice; it’s terribly unpleasant for them—it’s a horrible feeling! You should have seen it just once: When I was a tutor, one of the boys I was teaching came home one day; he’d been out, had sat on all sorts of benches in the big city, and gradually started to get eye pain—terrible eye pain. Now we weren’t sure which specialist to call, because this boy had such terrible eye pain. I said: “Let’s try a lice ointment first and rub it into his eyebrows.” — Sure enough, when they checked, he was completely infested with lice, and once the ointment took effect, the watery eyes went away too. Yes, you should have seen the looks on people’s faces—the mother and the aunt—when the boy suddenly had lice! It stirred up such feelings in them that went right to their livers. It made their stomachs churn: Good heavens, our boy has lice! Oh, that’s just terrible! — And then it feels just as intense as if a louse were running across your liver. This expression, “a louse runs across the liver,” comes from the actual sensation people used to feel when someone got lice. Now, in a gathering or a political party, people don’t actually get lice, but they do things that inspire such revulsion—as if, in earlier times or in a certain social class, lice had run across one’s liver. So you see, the way the expression was formed, it could correspond to reality. Later on, such expressions come to be used in such a way that they are applied only to the spiritual realm, to the soul.

[ 28 ] Aber das muß man künstlich zusammenbringen, meine Herren. Man muß das können, daß man nicht allein dem phrasenhaften Wortlaut nach, sondern tatsächlich richtig ehrlich empfindet: Da habe ich eine Zeitung vor mir, da wird wohl das meiste, was da drin ist, so sein, daß die Druckerschwärze Tollkirschensaft ist. — Ich möchte wissen, was die Leute heute tun würden, wenn sie das ehrlich empfinden würden! Denken Sie nur einmal, wieviel Tollkirschensaft verwendet worden ist, um über die Kriegsschuld zu reden und über die Kriegsunschuld, und wie die Leute einfach dadurch, daß sie entweder zu dem oder jenem Volk gehören, nicht, weil die Sachen wahr sind, sondern weil sie das eigene Volk unschuldig sprechen, mit allen möglichen Unwahrheiten unschuldig sprechen, Wohlbehagen empfinden. Ja, wie sollen denn die Menschen in der Gegenwart in den Geist hineinkommen? Man muß eben den starken Entschluß fassen, den ganz intensiven Entschluß fassen, ganz anders zu sein als ein Mensch der Gegenwart, und dennoch muß man natürlich mit den Leuten auskommen. Denn wenn man sich gleich auf das Podium stellt und anfängt über die Leute zu schimpfen, dann kann man natürlich nichts helfen. Aber man muß eben für die Wahrheit eine Gasse suchen, Und das ist so schwer, wie ich es Ihnen heute dargestellt habe.

[ 28 ] But that has to be brought together artificially, gentlemen. One must be able to feel—not merely based on the clichéd wording, but genuinely and honestly—that here I have a newspaper before me, and most of what’s in it is probably such that the printer’s ink is belladonna juice. — I’d like to know what people would do today if they felt that honestly! Just think for a moment how much belladonna juice has been used to talk about war guilt and war innocence, and how people—simply by belonging to one nation or another, not because the things are true, but because they declare their own nation innocent, declaring it innocent with all manner of untruths—feel a sense of comfort. Yes, how are people today supposed to enter into the Spirit? One must simply make a firm resolution—a very intense resolution—to be completely different from a person of the present day, and yet, of course, one must get along with people. For if one immediately steps onto the podium and starts railing against people, then, of course, nothing can be helped. But one simply has to find a path to the truth, and that is as difficult as I have described to you today.

[ 29 ] Nun habe ich Ihnen heute schwere Partien bringen müssen, damit Sie sehen: Es ist eben keine Leichtigkeit, in die geistige Welt hineinzukommen. — Wir kommen dann schon wiederum zu Dingen, die Sie weniger anstrengen werden. Aber Sie werden sehen: es ist gut, daß wir uns mit schweren Dingen befaßt haben. Wenn ich das nächste Mal fortsetze, dann werde ich Ihnen zeigen, wie der ganze Weg in die geistige Welt hinein ist.

[ 29 ] Today I’ve had to present you with some difficult topics so that you can see: It’s simply not easy to enter the spiritual world. — We’ll then move on again to topics that will be less taxing for you. But you’ll see: it’s good that we’ve dealt with these difficult topics. When I continue next time, I’ll show you what the entire path into the spiritual world is like.

Wandtafel 1
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Chalkboard 1
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Wandtafel 2
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Chalkboard 2
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