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A Spiritual Scientific View
of Nature and Man
GA 352

13 February 1924, Dornach

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A Spiritual Scientific View of Nature and Man, tr. SOL
  1. Natur und Mensch in geisteswissenschaftlicher Betrachtung

6. Über die Kleidung des Menschen

6. On Human Clothing

[ 1 ] Guten Morgen, meine Herren! Haben Sie sich vielleicht etwas überlegt, was Sie heute wünschen?

[ 1 ] Good morning, gentlemen! Have you thought of anything you'd like today?

[ 2 ] Herr Burle: Wenn man den Herrn Doktor einmal fragen dürfte über die menschliche Kleidung, über die Bekleidung, die der Mensch trägt. In manchen Ländern haben die Menschen bloß einen Fetzen und schlagen ihn um sich; die anderen sind zugeknöpft. Der eine hat schillernde Farben, der andere hat wieder einfache Farben. Dann wieder wäre zu fragen über die Nationaltrachten, was die Völker oder überhaupt die betreffenden Menschen tragen. Dann auch, was die wehenden Fahnen sind und — das hängt vielleicht auch damit zusammen -, welche Ekstase das ausübt?

[ 2 ] Mr. Burle: If I might ask the doctor about human clothing—the garments that people wear. In some countries, people have nothing but a ragged scrap of cloth that they drape around themselves; others are fully buttoned up. Some wear dazzling colors, while others wear plain ones. Then there is the question of national costumes—what the various peoples, or the people in question, actually wear. And also, what the waving flags represent—and, perhaps related to that—what kind of ecstasy they evoke?

[ 3 ] Dr. Steiner: Was die menschliche Kleidung betrifft, so ist viel darüber nachgedacht worden, weil Sie sich ja denken können, daß gerade über diese Dinge wenig äußere Dokumente und wenig geschichtliche Urkunden vorhanden sind.

[ 3 ] Dr. Steiner: As far as human clothing is concerned, a great deal of thought has been given to this topic, because, as you can imagine, there are very few external records and historical documents available on this very subject.

[ 4 ] Man sieht die Kleidung, welche mehr einfache Völkerschaften und Stämme haben, man sieht ja schließlich auch die Kleidung, die das Volk in derjenigen Stadt hat, der man selber angehört. Und man sieht schließlich das, was man selber anzieht, kümmert sich eigentlich am alierwenigsten darum, was man selber anzieht. Man macht in dieser Angelegenheit eben einfach mit, was die Gewohnheit geworden ist. Ja, man muß es ja schließlich bis zu einem gewissen Grad einfach aus dem Grunde machen, weil man sonst wenigstens für einen halben, wenn nicht für einen ganzen Narren angesehen wird.

[ 4 ] You see the clothing worn by simpler peoples and tribes; after all, you also see the clothing worn by the people in the city to which you yourself belong. And finally, you see what you yourself wear—though you actually care the least about what you wear. In this matter, one simply goes along with what has become the custom. Yes, after all, to a certain extent one must do it simply because otherwise one would be regarded as at least half a fool, if not a complete one.

[ 5 ] Nun, nicht wahr, die erste Frage dabei ist die, welche vielleicht am allerschwersten für eine äußere Wissenschaft zu beantworten ist, weil eben, wie gesagt, äußere schriftliche Urkunden ja nur in sehr spärlicher Weise vorhanden sind, über die Gründe, warum sich die Menschen ursprünglich bekleidet haben. Wenn man nun wirklich alles, was man nach dieser Richtung hin überblicken kann, in Betracht zieht, so muß man sich sagen: Gewiß, vieles, was in der Kleidung vorliegt, ist schon hervorgegangen aus dem menschlichen Schutzbedürfnis, aus dem Bedürfnisse, sich als Mensch gegen die Einflüsse der Umgebung zu schützen. Sie müssen ja bedenken, das Tier hat seinen eigenen Schutz. Das Tier hat im weitgehendsten Maße Schutz gegen äußere Einflüsse, die nicht hereinkönnen durch Behaarung, durch die Haut und so weiter in die zarteren, weicheren Teile des Organismus.

[ 5 ] Well, isn’t it true that the first question here—the one that is perhaps the most difficult for an external science to answer, precisely because, as I said, external written records are so scarce—concerns the reasons why people originally began to wear clothing. If one really takes into account everything that can be surveyed in this regard, one must conclude: Certainly, much of what we see in clothing has already emerged from the human need for protection—from the need to protect oneself as a human being against the influences of the environment. You must consider that animals have their own protection. Animals have, to the greatest extent possible, protection against external influences—which cannot penetrate through fur, skin, and so on—into the more delicate, softer parts of their bodies.

[ 6 ] Nun können Sie sich fragen: Warum hat der Mensch von Natur aus diesen Schutz nicht? — Ich will diese Frage nicht besonders stark betonen, die immer nach dem Warum frägt, denn in der Natur ist es eigentlich nicht ganz berechtigt, nach dem Warum zu fragen. Die Natur stellt eben die Wesen hin, und man muß einfach das, wie sie sich hinstellen, untersuchen. Das Warum ist niemals ganz berechtigt. Aber wir werden uns ja verstehen, wenn ich dennoch sage: Wie kommt es eigentlich, daß der Mensch so, von der Natur unbekleidet, durch die Welt gehen muß?

[ 6 ] Now you might ask yourself: Why doesn’t man possess this protection by nature? — I don’t want to place too much emphasis on this question, which always asks “why,” because in nature it is not really entirely justified to ask “why.” Nature simply presents beings as they are, and one must simply examine them as they are presented. The “why” is never entirely justified. But I’m sure you’ll understand me when I nevertheless ask: How is it, actually, that human beings must go through the world in this way, stripped bare by nature?

[ 7 ] Da müssen wir uns die andere Frage vorlegen, ob denn diese Bedeckung, die das Tier von der Natur hat, nicht ganz klar zusammenhängt mit der weniger hohen geistigen Organisation, die das Tier hat? Und das tut es. Sehen Sie, meine Herren, es ist ja wirklich so, daß manchmal diejenigen Teile an einem Lebewesen, also an einem Tiere und auch am Menschen, die allerwichtigsten sind, die sich nicht im äußeren Leben als die wichtigsten ausnehmen. Wir können manche ganz kleine Organe im menschlichen Organismus anführen. Wenn die nicht so sind, wie sie sein sollen, dann geht der ganze menschliche Organismus kaputt. So zum Beispiel finden sich hier in den Schilddrüsen an beiden Seiten ganz kleine Organe — ich habe sie Ihnen schon einmal in anderem Zusammenhange erwähnt -, die sind kaum so groß wie ein Stecknadelkopf. Man könnte sich nun denken, daß die nicht so wichtig seien. Wenn es aber einmal dazu kommt, daß bei einem Menschen eine Schilddrüsen-, Kropfoperation notwendig ist, und der Operateur ungeschickt ist und diese winzig kleinen, stecknadelkopfgroßen Organe mit herausoperiert, dann wird der ganze Organismus krank, Der Mensch wird blöde und geht allmählich an Entkräftung zugrunde. Also kleine, winzige, stecknadelkopfgroße Organe haben für das ganze menschliche Leben die denkbar größte Bedeutung! Sie haben sie deshalb, weil diese Organe einen ganz feinen Stoff absondern, der ins Blut fließen muß. Und das Blut ist unbrauchbar, wenn diese Organe nicht da sind und ihre Absonderungen nicht ins Blut hineinfließen. So also können Sie sehen, daß schon Organe, auf die man gar nicht so sehr im Zusammenhang achtet, ihre denkbar größte Bedeutung für das Wesen haben, an dem sich diese Organe befinden.

[ 7 ] We must then ask ourselves another question: Is this covering that nature has given the animal not quite clearly connected to the animal’s lower level of mental organization? And it is. You see, gentlemen, it is indeed the case that sometimes the parts of a living being—that is, of an animal and also of a human being—that are most important are not the ones that appear to be the most important in outward life. We can point to certain very small organs in the human organism. If they are not as they should be, the entire human organism breaks down. For example, here in the thyroid glands on both sides there are very small organs—I have mentioned them to you before in another context—that are barely as large as a pinhead. One might think that they are not very important. But if a person ever needs surgery for a thyroid condition or goiter, and the surgeon is clumsy and accidentally removes these tiny, pinhead-sized organs as well, then the entire organism becomes ill. The person becomes mentally dull and gradually wastes away. So these small, tiny, pinhead-sized organs are of the utmost importance for the entire human life! They are so important because these organs secrete a very fine substance that must flow into the blood. And the blood is useless if these organs are not present and their secretions do not flow into the blood. So you can see that even organs that are not usually given much attention in this context are of the utmost importance to the being in which these organs are located.

[ 8 ] Nehmen Sie zum Beispiel im Tierreiche diejenigen Tiere, die behaarte Haut haben. Nun ja, da können Sie sich denken, daß die behaarte Haut dazu gut ist, damit die Tiere im Winter nicht frieren und so weiter. Gewiß, dafür ist sie auch gut. Aber wenn diese Haare in der Haut entstehen sollen, dann muß das Tier einer ganz besonders starken Sonnenwirkung zugänglich sein. Die Haare entstehen nicht anders als dadurch, daß das Tier einer starken Sonnenwirkung zugänglich ist.

[ 8 ] Take, for example, the animals in the animal kingdom that have hairy skin. Well, you might think that hairy skin is good for keeping the animals from freezing in the winter and so on. Certainly, it serves that purpose as well. But for this hair to develop on the skin, the animal must be exposed to particularly strong sunlight. The hair develops only because the animal is exposed to strong sunlight.

[ 9 ] Sie könnten nun sagen: Ja, aber die Haare entstehen ja nicht überall nur da, wo die Sonnenstrahlen Zugang hatten! - Und doch ist es so. Das geht sogar so weit, daß der Menschenkeim in den ersten Zeiten, während er im Mutterleibe getragen wird, ja behaart ist. Da können Sie sagen: Der ist nicht der Sonne ausgesetzt. Diese Haare verliert er später. Und jeder Mensch, der geboren wird, war in den ersten Wochen der mütterlichen Schwangerschaft eigentlich ganz behaart. Diese Haare verliert er. Woher kommt das? Das kommt daher, weil die Mutter die Sonnenkraft ja aufnimmt und die innerlich wirkt. Die Haare hängen ganz innig zusammen mit der Sonnenwirkung.

[ 9 ] You might say: Yes, but hair doesn’t grow everywhere—only where the sun’s rays could reach! —And yet that is the case. It even goes so far that the human embryo, in its earliest stages while being carried in the womb, is indeed covered in hair. You might say: “It isn’t exposed to the sun.” It loses this hair later. And every human being who is born was actually completely covered in hair during the first weeks of the mother’s pregnancy. It loses this hair. Where does this come from? It comes from the fact that the mother absorbs the sun’s energy, which then works internally. The hair is intimately connected to the sun’s influence.

[ 10 ] Nehmen Sie zum Beispiel den Löwen. Der Löwe, dessen Männchen diese mächtige Mähne hat, ist ein Tier, das außerordentlich stark der Sonnenwirkung ausgesetzt ist. Dadurch hat der Löwe auch die Brustorgane, die unter der Wirkung der Sonne besonders stark werden, stark ausgebildet, hat kurz ausgebildeten Darm und mächtig ausgebildete Lungen. Das unterscheidet ihn von unseren Wiederkäuern, die mehr die Organe des Unterleibes, des Darmes, Magens und so weiter ausgebildet haben. Die Art und Weise, wie ein Tier behaart, befiedert ist und so weiter, hängt also vorzugsweise mit der Sonnenwirkung zusammen.

[ 10 ] Take the lion, for example. The lion, whose males have this mighty mane, is an animal that is exceptionally exposed to the sun’s rays. As a result, the lion has highly developed thoracic organs—which become particularly strong under the sun’s influence—as well as a short intestine and powerfully developed lungs. This distinguishes it from our ruminants, which have more highly developed organs in the lower abdomen—the intestines, stomach, and so on. The way an animal is covered in fur, feathers, and so on is therefore primarily related to the effects of the sun.

[ 11 ] Aber wiederum, wenn die Sonnenwirkung auf ein Wesen sehr groß ist, dann ist es ja so, daß dieses Wesen die Sonne in sich denken läßt, in sich wollen läßt: es wird nicht selbständig. Der Mensch hat seine Selbständigkeit dadurch, daß er eben nicht diesen äußeren Schutz hat, sondern daß er mehr oder weniger den Einflüssen der irdischen Umgebung ausgesetzt ist. Es ist sogar interessant zu vernehmen, wie das Tier weniger von der Erde abhängig ist als der Mensch. Das Tier ist großenteils von außerhalb der Erde hereingebildet. Ich habe Ihnen ja für diese Dinge überall die Belege angeführt. Aber der Mensch emanzipiert sich überhaupt von diesen äußeren Natureinflüssen. Und das kommt dadurch, daß er sozusagen die ungeschützte Haut nach allen Seiten hat und dadurch seinen eigenen Schutz suchen muß.

[ 11 ] But then again, when the sun’s influence on a being is very strong, it follows that this being allows the sun to be thought within itself, to be willed within itself: it does not become independent. Human beings derive their independence precisely from the fact that they do not have this external protection, but are more or less exposed to the influences of the earthly environment. It is even interesting to note how animals are less dependent on the earth than human beings. The animal is largely shaped from outside the earth. I have, after all, provided you with evidence for these things throughout. But human beings emancipate themselves entirely from these external natural influences. And this is because they have, so to speak, unprotected skin on all sides and must therefore seek their own protection.

[ 12 ] Sie können schon bei unserer gewöhnlichen Kleidung sehen, daß sie eigentlich aus zwei Teilen zusammengesetzt ist. Der eine Teil zeigt sich uns dadurch, daß wir im Winter einen Winterrock anziehen und uns gegen die Kälte dabei schützen. Das ist derjenige Teil der Kleidung, durch den wir Schutz suchen. Aber das ist ja nicht der einzige. Sie können zum Beispiel besonders bei den Frauen sehen, daß sie nicht bloß Schutz suchen durch die Kleidung, sondern sie so einrichten, daß sie schön sein soll; manchmal ist sie zwar greulich, aber sie soll schön sein. Es kommt ja dabei auf den Geschmack oder Ungeschmack an, aber jedenfalls soll sie schön sein, sie soll schmücken. Das sind die zwei Aufgaben der Kleidung: Schutz zu bieten gegen die Außenwelt und zu schmücken.

[ 12 ] You can already see from our everyday clothing that it is actually made up of two parts. One part is evident in the fact that in winter we put on a winter coat to protect ourselves from the cold. That is the part of clothing through which we seek protection. But that is not the only one. You can see, for example—especially with women—that they do not merely seek protection through clothing, but rather arrange it so that it is beautiful; sometimes it is indeed hideous, but it is meant to be beautiful. Of course, it depends on taste or lack thereof, but in any case, it is meant to be beautiful; it is meant to adorn. These are the two functions of clothing: to offer protection against the outside world and to adorn.

[ 13 ] Der eine Teil dieser Aufgabe für die Kleidung ist mehr im Nördlichen entstanden, wo man Schutz braucht. Daher trägt dort die Kleidung mehr den Charakter des Sich-Schützens. In bezug auf das Schützen treiben es ja die Leute nicht gerade außerordentlich weit. In wärmeren Gegenden aber, in Gegenden, wo also ganze Völkerschaften eigentlich ziemlich nackt gehen, da bildet wiederum das Schmücken das wenige, was Sie sehen, oder auch, wenn sie mehr anziehen, den Hauptteil der Kleidung.

[ 13 ] One aspect of this function of clothing developed more in the north, where protection is needed. That is why clothing there is more about protection. When it comes to protection, people don’t exactly take it to extreme lengths. In warmer regions, however—in regions where entire populations actually go about nearly naked—adornment constitutes the little that you see, or, even when they wear more, it makes up the main part of their clothing.

[ 14 ] Sie werden nun aber wissen, daß gerade von den wärmeren Gegenden aus die höhere Zivilisation gekommen ist, daß von den wärmeren Gegenden mehr das geistige Leben ausgegangen ist. Daher können wir auch, wenn wir die Kleidung verfolgen, immer sehen, daß in gewissem Sinne diejenige Kleidungsart unvollkommen geblieben ist, welche dazu bestimmt ist, den Menschen gegen die äußeren Einflüsse der Umgebung zu schützen. Dagegen hat diejenige Kleidung alle mögliche große Ausbildung erfahren, die schmücken soll. Nur kommt da natürlich in Betracht, was der Mensch für einen Geschmack hat, nicht wahr. Es kommt die ganze geistige Richtung der Menschen dabei in Betracht. Nehmen wir also primitivere Völkerschaften an, einfachere, ursprünglichere. Solche Völkerschaften haben einen starken Sinn für Farben. Wir in unseren Gegenden, die wir ja in bezug auf den Verstand so weit vorgeschrittene Menschen sind — oder wenigstens glauben wir es -, wir haben nicht den Sinn für die Farben, den die mehr ursprünglichen Völkerschaften haben.

[ 14 ] But you will now realize that it is precisely from the warmer regions that higher civilization has emerged, and that intellectual life has originated more from the warmer regions. Therefore, when we examine clothing, we can always see that, in a certain sense, the type of clothing intended to protect people from the external influences of their environment has remained imperfect. In contrast, clothing intended to adorn has undergone all manner of refinement. Of course, what comes into play here is people’s individual tastes, doesn’t it? The entire spiritual orientation of people comes into play here. Let us take, for example, more primitive peoples—simpler, more unspoiled ones. Such peoples have a strong sense of color. We in our parts of the world, who are—or at least believe ourselves to be—so intellectually advanced, do not possess the same sense of color that more primitive peoples have.

[ 15 ] Aber diese mehr ursprünglichen Völkerschaften haben noch einen ganz anderen Sinn. Die haben nämlich den Sinn, daß es geistig-übersinnliche Glieder des Menschen gibt. Das glaubt man heute in den sogenannten zivilisierten Gegenden nicht mehr, daß es Menschen gibt, die nicht so gescheit sind, wie die zivilisierten Menschen sein wollen, die aber einen Sinn haben dafür, daß der Mensch eine übersinnliche Seite hat. Und diese übersinnliche Seite empfinden sie als farbig. Das ist so bei einfachen Völkerschaften, sie empfinden den übersinnlichen Teil, den sie an sich tragen — was ich Astralleib genannt habe -, als farbig, und sie wollen an sich dasjenige sichtbar machen, was unsichtbar ist. So schmücken sie sich, je nachdem sie sich in dem Astralreich rot oder blau oder dergleichen sehen, rot oder blau. Das kommt aus der Auffassung, welche diese Leute aus der geistigen Welt heraus haben.

[ 15 ] But these more primitive peoples have an entirely different understanding. Namely, they believe that there are spiritual and supersensory aspects to human beings. In so-called civilized regions today, people no longer believe that there are individuals who are not as intelligent as civilized people wish to be, but who nevertheless have a sense that human beings possess a supersensory aspect. And they perceive this supersensible aspect as colored. This is the case with simple peoples: they perceive the supersensible part they carry within themselves—what I have called the astral body—as colored, and they wish to make visible within themselves that which is invisible. So they adorn themselves in red or blue—or similar colors—depending on whether they see themselves as red or blue in the astral realm. This stems from the perception these people have of the spiritual world.

[ 16 ] Die Griechen zum Beispiel haben gesehen, wie der Ätherkopf des Menschen viel größer ist als der physische Kopf, wie der herausragt, und da haben sie die Pallas Athene, diese Göttin, mit einer Art von Helm begabt. Aber Sie können ja sehen, wenn Sie diese Pallas Athene nehmen und den Helm, den sie trägt, prüfen, so hat der Helm oben etwas wie Augen. Das können Sie überall sehen; schauen Sie sich nur die Pallas Athene an, selbst in einer schlechten Statue, da sind oben am Helm Augen. Das beweist Ihnen, daß man gemeint hat, das gehöre wirklich zum Körper dazu. Das ist etwas, was man auch sehen kann; das haben sie der Athene aufgesetzt.

[ 16 ] The Greeks, for example, saw how the human etheric head is much larger than the physical head, how it protrudes, and so they endowed Pallas Athena, this goddess, with a kind of helmet. But you can see for yourself: if you take this Pallas Athena and examine the helmet she wears, the helmet has something like eyes at the top. You can see this everywhere; just look at Pallas Athena—even in a poorly made statue, there are eyes at the top of the helmet. This proves that people believed it was truly part of the body. That’s something you can see, too; they put it on Athena.

[ 17 ] Und auch die Art der Kleidung, die die Menschen in denjenigen Gegenden gemacht haben, wo sie eben eine Empfindung gehabt haben vom übersinnlichen Menschen, haben sie angepaßt dem, wie sie sich diesen astralischen Leib des Menschen vorstellten.

[ 17 ] And the style of clothing worn by people in those regions where they had a sense of the supersensible nature of human beings was also adapted to their mental image of the human astral body.

[ 18 ] Nun, in unseren Gegenden — das wissen Sie ja, meine Herren — wird nur noch die Kultuskleidung im eigentlichen Sinne farbig hergerichtet. Wenn Sie das, was die Kultuskleider sind, ansehen, so sind diese durchaus dem nachgebildet, wie man sich den astralischen Leib vorgestellt hat. Also die Farbengebung und auch die Form, die Gestalt, welche die Kleider haben, sind im Grunde genommen aus dem Übersinnlichen heraus. Und nur wenn man das begreift, so begreift man, inwiefern die Kleidung als ein Schmuck gestaltet wird. Das ist auch sehr wichtig. Wenn Sie Bilder anschauen, die noch von den alten Malern gemalt sind, da werden Sie sehen: Die Maria zum Beispiel hat immer ein ganz bestimmtes Kleid und einen ganz bestimmten Überwurf, weil dadurch angedeutet werden soll, wie sie in ihrem astralischen Leib, ihrem Herzen, ihrem Gemüte nach, beschaffen ist. Das soll durch die Kleidung angedeutet werden. Vergleichen Sie Bilder, wo die Maria mit der Magdalena zugleich darauf ist, so werden Sie immer finden: Die alten Maler haben die Maria und die Magdalena verschieden angesehen, geradeso verschieden, wie sie geschildert werden, weil das in ihrem Astralleib begründet sein soll und die Kleidung so gemacht wird, wie der Astralleib in Farbigkeit nun beschaffen sein soll.

[ 18 ] Well, in our regions—as you well know, gentlemen—only the ritual garments in the true sense are still made in color. If you look at what liturgical vestments are, you’ll see that they are modelled entirely on the mental image of the astral body. So the color scheme, as well as the shape and form of the vestments, are essentially derived from the supersensible realm. And only when one understands this does one grasp the extent to which the vestments are designed as adornments. That is also very important. If you look at paintings created by the old masters, you will see: Mary, for example, always wears a very specific dress and a very specific cloak, because this is meant to suggest what she is like in her astral body, her heart, and her spirit. This is meant to be conveyed through her clothing. If you compare paintings in which Mary and Mary Magdalene appear together, you will always find that the old painters viewed Mary and Mary Magdalene differently—just as differently as they are depicted—because this is meant to be rooted in their astral bodies, and the clothing is designed to reflect the coloration of those astral bodies.

[ 19 ] Wir zivilisierten Menschen sind eben in den Materialismus eingezogen, da hat man keinen Sinn mehr für diese übersinnliche Seite des Menschen. Da denkt man mit dem Erdenverstand und denkt, der Erdenverstand ist überhaupt über alles Herr. Ja meine Herren, deshalb haben wir auch keinen Sinn mehr, uns so anzuziehen, daß das, was wir anziehen, halbwegs menschlich ausschaut! Wir stecken unsere Beine, wenn wir Männer sind, in Röhren hinein. Das ist wohl von allen Kleidungen, die in der Welt aufgetreten sind, die allerschmuckloseste, die Hosenröhre! Aber wir machen ja viel mehr; wenn wir besonders nobel sein wollen, stülpen wir uns auch auf den Kopf eine sogenannte Angströhre hinauf. Man sollte sich nur einmal vorstellen, was ein alter Grieche für ein Gesicht machen würde, wenn er aufstehen könnte und ihm entgegenkommen würde ein Mensch, der seine zwei Beine in Röhren drinnen hat und noch außerdem eine hohe Angströhre da droben hat, noch außerdem von schwarzer Farbe! Der Grieche dächte nicht, daß das ein Mensch sei, sondern daß er da ein unglaubliches Gespenst vor sich hätte! Das muß man nur eben einfach ins Auge fassen. Und es entstehen sogar solche Dinge, daß man wirklich in ganz abstrakter Weise von dem Rock, der ohnehin schon häßlich genug ist, noch solche Lappen abschneidet; dann nennt man das einen Frack. Ja, das ist etwas, was viel mehr als irgend etwas zeigt, wie gedankenlos eigentlich die Menschheit geworden ist. Nur weil man es gewohnt ist und weil man, wie gesagt, als ein Halbnarr oder ganzer Narr angesehen wird, wenn man die Dinge nicht mitmacht, macht man sie eben mit. Aber man muß sich bewußt sein, daß eigentlich das ganze Anziehen der Männerwelt heute schon etwas an das Irrenhaus erinnert, besonders wenn es recht normal sein soll. Das bezeugt eben, daß man nach und nach ganz freigeworden ist von jeder Wirklichkeit,

[ 19 ] We civilized people have simply become immersed in materialism, so we no longer have any sense of this supernatural side of humanity. We think with our earthly intellect and believe that the earthly intellect is master of everything. Yes, gentlemen, that is why we no longer have any sense of dressing in a way that makes what we wear look even remotely human! We men stick our legs into tubes. Of all the garments that have ever appeared in the world, the pair of pants is surely the most unadorned! But we do much more than that; when we want to be especially elegant, we also pull a so-called “fear tube” over our heads. Just imagine the mental image of an ancient Greek’s face if he could rise from the dead and encounter a person with both legs stuffed into tubes and, on top of that, a tall “fear tube” up there—and black at that! The Greek wouldn’t think that was a human being, but rather that he was facing an unbelievable specter! You just have to take that in. And things even go so far that, in a completely abstract way, you cut off such flaps from a coat that’s already ugly enough; then you call it a tailcoat. Yes, that’s something that shows, far more than anything else, just how thoughtless humanity has actually become. Just because people are used to it—and because, as I said, you’re regarded as a half-fool or a complete fool if you don’t go along with it—they just go along with it. But one must be aware that, in fact, the entire way men dress today is already somewhat reminiscent of a madhouse, especially when it’s supposed to be quite normal. This simply testifies to the fact that, little by little, we have become completely detached from any sense of reality,

[ 20 ] Die Frauen, von denen ja viele Männer glaubten, daß sie eben weniger zivilisiert sind als die Männer, sind bei ihrer Kleidung ja etwas mehr bei der ursprünglichen Art stehengeblieben. Heute besteht aber auch eine Richtung, die Frauenkleidung der Männerkleidung ähnlicher zu machen, es ist nur noch nicht recht geglückt.

[ 20 ] Women—whom many men believed to be less civilized than men—have, in their dress, remained somewhat more faithful to the traditional style. Today, however, there is also a trend toward making women’s clothing more similar to men’s, though it has not yet been entirely successful.

[ 21 ] Schmücken, was heißt denn das eigentlich? Äußerlich sich so gestalten, daß man dadurch dem, was der Mensch auch geistig ist, einen Ausdruck gibt! In dieser Beziehung muß man, um darauf zu kommen, wie bei ursprünglicheren Völkerschaften alles das, was zur Kleidung gehört, entsteht, sich eben klar sein darüber, daß bei ursprünglichen Völkerschaften die Menschen sich nicht für so selbständig halten, wie heute der Mensch sich für selbständig hält. Heute hält sich jeder Mensch eben, mit einem gewissen Recht sogar, für eine selbständige Persönlichkeit. Nun ja, er sagt sich: Ich habe meinen eigenen Verstand, durch den ich alles ausdenke, was ich verrichten kann. - Wenn er besonders eingebildet ist, hält er sich heute gleich für einen Reformator, und so haben wir heute fast ebensoviele Reformatoren als Menschen in der Welt. Also der Mensch hält sich heute für etwas absolut Selbständiges. Nun, das war bei früheren Menschen und Volksstäimmen überhaupt nicht so vorhanden. Diese Volksstämme haben sich in ihrer Gruppe für eine Einheit gehalten und ein geistiges Wesen für ihre Gruppenseele angesehen; sie haben sich zugehörig betrachtet so wie die Glieder eines Leibes und die Gruppenseele als das angesehen, was sie zusammenhält. In diesem Gruppenhaften haben sie sich gedacht mit einer ganz bestimmten Gestalt. Dann haben sie das in ihrer Kleidung zum Ausdruck gebracht. Dann haben sie also, wenn sie sich die Gruppenseele zum Beispiel in Griechenland mit einer Art helmartigen Fortsetzung am Kopf gedacht haben, sich einen Helm aufgesetzt. Und der Helm ist durchaus nicht etwa aus einem Schutzbedürfnis entstanden, sondern weil man geglaubt hat, man wird dadurch der Gruppenseele ähnlicher, hat man einen Helm aufgesetzt.

[ 21 ] To adorn—what does that actually mean? To present oneself outwardly in such a way as to give expression to what a person is, even spiritually! In this regard, in order to understand how, among more primitive peoples, everything related to clothing comes into being, one must be clear about the fact that among such peoples, people do not consider themselves to be as independent as people today do. Today, every person considers himself—with a certain degree of justification, even—to be an independent personality. Well, they tell themselves: I have my own intellect, through which I conceive of everything I am capable of accomplishing. — If they are particularly conceited, they immediately regard themselves as reformers, and so today we have almost as many reformers as there are people in the world. Thus, people today regard themselves as something absolutely independent. Well, this was not the case at all among earlier peoples and tribal groups. These tribes regarded themselves as a unity within their group and viewed a spiritual being as their group soul; they saw themselves as belonging together like the limbs of a body and regarded the group soul as that which holds them together. In this sense of belonging to a group, they imagined themselves in a very specific form. They then expressed this in their clothing. So, for example, when they imagined the group soul in Greece as having a sort of helmet-like extension on the head, they put on a helmet. And the helmet did not arise at all out of a need for protection, but because they believed that by wearing one, they would become more like the group soul.

Wandtafel 1
Wandtafel 1
Chalkboard 1
Chalkboard 1

[ 22 ] Ebenso hat man manche Gruppenseelen gedacht als Adler, Geier, als andere Tiere, als Eulen und so weiter. Man hat dann die Kleidung danach eingerichtet, daß sie in irgendeiner Weise mit Federn geschmückt war und dergleichen, um ähnlich zu werden der Gruppenseele. Und so ist die Kleidung zumeist aus den geistigen Bedürfnissen heraus entstanden.

[ 22 ] Similarly, some group souls have been conceived as eagles, vultures, other animals, owls, and so on. Clothing was then designed so that it was adorned in some way with feathers and the like, in order to resemble the group soul. And so, for the most part, clothing arose out of spiritual needs.

[ 23 ] Es kommt bei ursprünglichen Völkerschaften und Stämmen etwas durch die Kleidung heraus, wie sie sich ihre Gruppenseele vorgestellt haben. Und man kann, wenn man eine ursprüngliche Völkerschaft findet und frägt: Wie hat sie sich angezogen, namentlich wie hat sie sich geschmückt? Hat sie sich mit Federn geschmückt oder mit einem Fell? dann kann man sagen: Finder man einen Volksstamm, der sich vorzüglich mit Federn schmückt, so weiß man, die gemeinsame Gruppenseele, die gewissermaßen ihr Schutzgeist war, wurde vogelartig vorgestellt. Findet man, daß sich eine Völkerschaft vorzüglich mit Fellen schmückt, so hat sie sich ihre Gruppenseele, die gewissermaßen ihr Schutzgeist war, entweder löwenartig oder tigerartig vorgestellt oder in dieser Form gedacht. So daß man also auch darinnen etwas für die Gestaltung der ursprünglichen Kleidung sehen kann, daß man eben frägt: Wie haben sich diese Leute ihre Gruppenseele gedacht? - Und es ist ganz richtig, was Herr Burle gesagt hat: Der eine liebt eine fliegende Kleidung, der andere eine anliegende. — Eine fliegende Kleidung hat sich daraus entwickelt, daß sie sich irgendwelche Vogelkleider machen wollten, Kleider mit Flügeln machen wollten; das hat ihnen gefallen, wenn die Sache flügelartig war. Und es hat sogar auf die Geschicklichkeit der Menschen einen großen Einfluß gehabt, wenn sie sich solche Kleider, die wehen, angeschafft haben. Und wenn sie sich gedreht haben, so haben sie zugleich wohlgefällige Bewegungen mit den Armen ausgeführt. Dadurch sind sie geschickt geworden und so weiter. Man kann schon sagen: Das Schmücken, das ist der Wille zu einem Ausdrücken von Geistigem in Zeitkleidern. Und das bloße Sich-Schützen, gegen das natürlich nichts gesagt werden soll, ist der Ausdruck für das Philiströse bei den Menschen. Je mehr man die Kleidung bloß dazu einrichten will, um sich zu schützen, desto mehr ist man Philister. Je mehr man sich schmücken will, desto weniger ist man Philister und will eigentlich das Geistige, das in der Menschenwürde liegt, in der Kleidung zum Ausdruck bringen.

[ 23 ] In primitive peoples and tribes, their clothing reveals something of the mental image they had of their group soul. And if one encounters a primitive people and asks: How did they dress—specifically, how did they adorn themselves? Did they adorn themselves with feathers or with fur?” Then one can say: If one finds a tribe that adorns itself primarily with feathers, one knows that the collective group soul—which was, in a sense, their guardian spirit—was created with a bird-like mental image. If one finds that a people primarily adorned themselves with furs, then they created a mental image of their group soul—which was, in a sense, their guardian spirit—as either lion-like or tiger-like, or conceived of it in that form. So one can also see in this something that informs the design of their original clothing by simply asking: How did these people conceive of their group soul? - And what Mr. Burle said is quite correct: one person prefers flowing clothing, another prefers form-fitting clothing. — Flowing clothing developed because they wanted to make some sort of bird-like garments, garments with wings; they liked it when the garment was wing-like. And it even had a great influence on people’s dexterity when they acquired such flowing garments. And when they turned around, they simultaneously performed graceful movements with their arms. This is how they became dexterous and so on. One can certainly say: Adornment is the will to express the spiritual through garments of the times. And the mere act of protecting oneself—against which, of course, nothing should be said—is an expression of philistinism in people. The more one seeks to design clothing solely for the purpose of protection, the more one is a philistine. The more one seeks to adorn oneself, the less one is a philistine and the more one actually seeks to express through clothing the spiritual essence that lies in human dignity.

[ 24 ] Es ist ja natürlich, daß sich später in der Zivilisation diese Dinge ganz verschoben haben. Man muß sich zum Beispiel über folgendes klar sein. Denken Sie sich, solche früheren Völkerschaften kommen darauf, daß die Sonne einen besonderen Einfluß hat auf das menschliche Herz, überhaupt auf die menschliche Brust, und sie sagen sich: Nur dadurch bin ich ein herzhafter Mensch, daß die Sonne den richtigen Einfluß gewinnt. Nicht äußerlich auf die Haut, da würde ich ganz behaart werden, aber innerlich verarbeitet wirken die Sonnenstrahlen auf das Herz. - Das Herz wird mit Recht in Zusammenhang gebracht mit der Sonnenwirkung. Was tun nun die Menschen, die noch ganz lebendig etwas wissen von diesem Zusammenhang mit der Sonne? Ja, sehen Sie, die binden sich eine Art Medaillon um den Hals, eine Medaille, welche die Sonne darstellt. Und so haben sie vorne herunterhängend etwas um den Hals gebunden, was eine Sonne darstellt (siehe Zeichnung). Diese Völker gehen damit herum, indem sie gleichsam sagen: Ich bekenne mich dazu, daß die Sonne auf mein Herz einen Einfluß hat.

[ 24 ] It is, of course, natural that these things have shifted entirely in later civilization. One must, for example, be clear about the following. Imagine that such ancient peoples came to realize that the sun has a special influence on the human heart—and on the human chest in general—and they said to themselves: “I am a warm-hearted person only because the sun exerts the right influence. Not externally on the skin—otherwise I would become completely hairy—but the sun’s rays act on the heart from within.”—The heart is rightly associated with the sun’s influence. What, then, do people do who still have a vivid awareness of this connection to the sun? Well, you see, they tie a kind of medallion around their necks—a medal depicting the sun. And so they have something hanging down in front of their necks that represents the sun (see drawing). These people walk around wearing it, as it were, saying: “I acknowledge that the sun has an influence on my heart.”

[ 25 ] Später hat man das natürlich vergessen. Die zivilisierten Menschen haben das vergessen, daß das ursprünglich ein Zeichen dafür war, daß die Sonne auf das Herz einen Einfluß hat. Aber was da einmal sinnvoll war, das ist Gewohnheit geworden, richtig Gewohnheit geworden. Und aus Gewohnheit legen sich dann die Menschen so etwas an, haben gar keinen Begriff mehr dafür, warum das ursprünglich angelegt worden ist. Diese Gewohnheiten, die entwickeln sich zuerst; später nehmen die Staaten oder die Regierungen Besitz von solchen Gewohnheiten, sie okkupieren diese Gewohnheiten. Darin besteht ja meistens bloß der sogenannte Fortschritt der Staaten und Regierungen, daß sie in Besitz nehmen, was Gewohnheit geworden ist. Irgendeiner findet — es kann immer nur ein Mensch es finden -, sagen wir ein Heilmittel. Das kommt aus seinem Geiste. Die Regierung macht sich daran, dieses Heilmittel für sich in Anspruch zu nehmen und sagt: Nur wenn ich es erlaube, darf es da und dort verkauft werden. — Es geht also das zum Schluß von der Regierung aus.

[ 25 ] Later, of course, this was forgotten. Civilized people forgot that it was originally a symbol of the sun’s influence on the heart. But what once made sense has become a habit—a true habit. And out of habit, people then adopt such things without having the slightest idea why they were originally established. These habits develop first; later, states or governments take possession of such habits—they occupy them. This is, after all, what the so-called “progress” of states and governments mostly consists of: taking possession of what has become a habit. Someone discovers—it can only ever be a single person—let’s say a remedy. It comes from their mind. The government then sets out to lay claim to this remedy for itself and says: “Only if I permit it may it be sold here and there.”—So in the end, it all stems from the government.

[ 26 ] So ist es auch mit dem Sonnenmedaillon gegangen. Die Menschen haben es ursprünglich aus ihrem eigenen Wissen heraus gemacht, nachher es noch aus alter Gewohnheit gemacht und getragen; und dann haben die Regierungen gesagt: Nein, freiwillig dürft ihr das nicht machen, sondern wir müssen erst die Erlaubnis dazu geben, daß ihr das macht und tragt. - Und so entstanden die Orden! Und so schmückten die Regierungen ihre Angehörigen mit den Orden. Der Orden hat natürlich gar nicht mehr den allergeringsten Sinn. Aber derjenige, der auf die Orden schimpft, sollte zugleich wissen, daß sie ursprünglich ihren guten Sinn hatten, und daß sie aus etwas hervorgegangen sind, was sinnvoll war.

[ 26 ] That’s exactly what happened with the sun medallion. People originally made it based on their own knowledge; later, they continued to make and wear it out of old habit; and then the governments said: No, you are not allowed to do this voluntarily; rather, we must first grant you permission to make and wear it. - And that is how orders of merit came into being! And that is how governments adorned their officials with these orders. Of course, the order no longer has even the slightest meaning. But anyone who criticizes these orders should also realize that they originally had a good purpose, and that they arose from something that was meaningful.

[ 27 ] Sehen Sie, so ist es mit vielen ursprünglichen Kleidungsstücken gegangen. Der alte Römer und Grieche hat noch gewußt, wenn er herumgeht und seinen nackten Leib zeigt, so ist das nicht der ganze Mensch, sondern da gibt es einen übersinnlichen Leib. Diesen übersinnlichen Leib hat er in seiner Toga nachgeahmt, und so bildete er sich die Toga. Damit wollte der Römer also den übersinnlichen Leib nachbilden. Die Toga ist nichts anderes als der astralische Leib. Und in dem Faltenwurf, der da kunstvoll der Toga gegeben worden ist, kamen die Kräfte des astralischen Leibes zum Vorschein. Und die neuere Zeit hat, weil sie ja nichts mehr wußte von dem wirklichen geistigen Menschen, nichts Besseres zu tun gewußt, als die alten Kleidungsstücke zu nehmen und, damit sie auch was Neues tut, nach allen Seiten irgendein Stückel abzuschneiden, zunächst dasjenige, was bis nahe an den Boden ging, kürzer zu machen, nachher es möglichst so zu machen, daß man hineinschlüpfen kann, und es allmählich so umzuwandeln, daß der moderne Männerrock daraus geworden ist. Der moderne Männerrock ist nichts anderes als die verschnittene alte Toga, nur erkennt man sie nicht wieder.

[ 27 ] You see, this is what happened to many original garments. The ancient Romans and Greeks still knew that when a person walks around showing his naked body, that is not the whole person—but that there is a supersensory body. They imitated this supersensible body in their toga, and that is how the toga came to be. The Romans thus sought to replicate the supersensible body. The toga is nothing other than the astral body. And in the folds artfully arranged in the toga, the forces of the astral body were revealed. And in more recent times, because people no longer knew anything about the true spiritual human being, they could think of nothing better to do than to take the old garments and—in order to make something new out of them—cut off bits and pieces from all sides: first shortening the part that reached nearly to the ground, then shaping it as much as possible so that one could slip into it, and gradually transforming it into what has become the modern men’s skirt. The modern men’s skirt is nothing other than the altered old toga; it’s just that one no longer recognizes it.

[ 28 ] Nehmen Sie zum Beispiel den Gürtel. Ja, der Gürtel ist dadurch entstanden, daß der Mensch weiß: Ich bin in der Mitte abgeteilt, so wie kein Tier abgeteilt ist. - Ein solches Zwerchfell zum Beispiel, wie der Mensch es hat, hat kein Tier. Für kein Tier hat diese Abteilung in der Mitte hier eine solche Bedeutung, wie für den Menschen. Vergleichen Sie das nur. Das vergessen die Menschen heute in der unglaublichsten Weise. Es wird zum Beispiel oftmals die Länge des Menschen mit der Länge des Tieres verglichen, um irgend etwas herauszubekommen, wieviel zum Beispiel das Tier Nahrungsmittel braucht und der Mensch. Aber denken Sie nur einmal daran: Da ist ein Tier, und da ist der Mensch. Jetzt mißt einer die Länge des Tieres, und er mißt die Länge des Menschen. Ja, meine Herren, kann man die zwei Dinge miteinander vergleichen? Das ist ja Unsinn. Dasjenige, was man da beim Tier mißt, das ist ja nur das beim Menschen; also können Sie nur, wenn Sie die Länge des Menschen messen vom Kopfscheitel bis hier zu dem Lendenmaß, es vergleichen mit der Tierwelt. Oder wenn Sie das beim Menschen mit dem Tier vergleichen wollen, können Sie das vergleichen mit dem, was hier die zwei hinteren Gliedmaßen beim Tier ausmacht. Es ist wirklich so, daß die Gedankenlosigkeit manchmal furchtbar weit geht.

[ 28 ] Take the belt, for example. Yes, the belt came into being because human beings know: I am divided in the middle in a way that no animal is. — No animal, for example, has a diaphragm like the one human beings have. For no animal does this division in the middle here have such significance as it does for humans. Just compare the two. People today forget this in the most incredible way. For example, the height of a human is often compared to the height of an animal in order to determine, for instance, how much food the animal needs versus how much the human needs. But just think about it for a moment: there is an animal, and there is a human. Now someone measures the length of the animal, and he measures the length of the human. Well, gentlemen, can you really compare the two? That’s utter nonsense. What you’re measuring in the animal is merely the equivalent in humans; so you can only compare it to the animal kingdom if you measure the human’s length from the crown of the head down to the waist. Or if you want to compare that in humans with the animal, you can compare it with what the animal’s two hind limbs represent here. It’s really true that thoughtlessness sometimes goes terribly far.

[ 29 ] Nun, indem das primitiven Völkern bewusst wurde, was das für eine Bedeutung hat, daß der Mensch da eine Abteilung hat in der Mitte, haben sie das angedeutet durch den Leibesgürtel. So daß auch da eine menschliche Eigenschaft durch den Leibesgürtel angedeutet worden ist.

[ 29 ] Well, as primitive peoples became aware of the significance of the fact that human beings have a division right in the middle, they symbolized this with a belt. Thus, a human characteristic was also symbolized by the belt.

[ 30 ] Und sehen Sie, wenn der Mensch richtig erkannt wird, so weiß man zum Beispiel, daß eine besondere Kraft sogar für das Denken in der Kniebeuge liegt. Und deshalb wurde die Kniebeuge - die wir ja heute nicht mehr besonders schmücken können, weil wir unsere Hosenröhren darüber haben — geschmückt. Daraus ist dann so etwas entstanden wie der englische Hosenbandorden, auf die Weise, wie ich es geschildert habe. Alle diese Dinge haben sich aus einer wirklichen Anschauung heraus gebildet, sind nicht aus einem solch schrecklich abstrakten, theoretischen Denken, wie wir es heute haben, entstanden.

[ 30 ] And you see, when human nature is properly understood, one realizes, for example, that there is a special power even in the act of squatting. And that is why the squat—which we can no longer particularly adorn today, since we have our skinny jeans over it—was once adorned. This then gave rise to something like the English Order of the Garter, in the way I have described. All these things arose from a genuine insight; they did not arise from the sort of terribly abstract, theoretical thinking that we have today.

[ 31 ] Und, sehen Sie, die moderne Kleidung hat ja auch alle Farben verloren. Ja, warum hat sie die Farben verloren? Weil eben der Sinn für das Übersinnliche sich gerade am besten durch die Farbe ausdrückt. Und je mehr ein Mensch Freude an der Farbe hat, desto mehr ist er eigentlich geneigt, das Übersinnliche irgendwie zu begreifen. Aber unsere Zeit liebt Grau in Grau, möglichst ungefärbte Farben. Das ist aus dem Grunde, den man andeuten kann durch das Sprichwort: In der Nacht sind alle Katzen grau —, weil der moderne Mensch überhaupt nicht mehr ins Licht hineinsieht, ich meine ins geistige Licht. Es ist für ihn alles grau geworden. Das drückt er eben am besten in seiner Kleidung aus. Er weiß nicht mehr, mit welcher Farbe er sich schmücken soll, da schmückt er sich eben mit gar keiner Farbe. Man kommt eben durchaus darauf, daß alles dasjenige, was Kleidung ist, mit dem zusammenhängt, was man in alten Zeiten noch gewußt hat, was man vom übersinnlichen Menschen gewußt hat. Nun ist die allgemeine Zivilisation eben grau geworden. Aber für gewisse Zwecke des Lebens ist dann die ursprüngliche Farbigkeit geblieben, ohne daß man weiß, woher das eigentlich gekommen ist,

[ 31 ] And, you see, modern clothing has also lost all its colors. Yes, why has it lost its colors? Because a sense of the supernatural is best expressed through color. And the more a person takes joy in color, the more inclined they actually are to grasp the supernatural in some way. But our age loves shades of gray—colors that are as undyed as possible. This is for the reason suggested by the proverb: “All cats are gray in the dark”—because modern people no longer look into the light at all; I mean, into the spiritual light. Everything has become gray for them. They express this best through their clothing. They no longer know which color to adorn themselves with, so they simply adorn themselves with no color at all. One does indeed come to realize that everything related to clothing is connected to what people still knew in ancient times—what they knew about the spiritual human being. Now, civilization as a whole has simply turned gray. But for certain purposes in life, the original colorfulness has remained, without anyone knowing where it actually came from,

[ 32 ] Solche Kleider, wie sie im modernen Staat unser Militär trägt, die sind natürlich in der Zeit entstanden, als die Menschen darauf angewiesen waren, sich immer mehr zu verteidigen. Und alle einzelnen Teile der militärischen Kleidung kann man daraufhin prüfen, ob sie irgendwie im Zusammenhang stehen mit Verteidigungsmitteln oder mit Angriffsmitteln; und im Grunde genommen kann man sagen, alle militärische Kleidung ist eigentlich heute überholt, man kann sie nicht mehr verstehen. Sehen Sie, den modernen Privatrock, den versteht man, weil er aus der römischen Toga entstanden ist. Den Militärrock, den versteht man erst dann, wenn man ihn nicht aus der römischen Toga, aus diesem Faltenwurf heraus erklärt, der in die Karikatur verzerrt worden ist, sondern wenn man ihn aus dem Rittertum des Mittelalters erklärt, wo das ganze eine Art von Harnisch war. Da ist der Harnisch umgestaltet worden.

[ 32 ] Uniforms such as those worn by our military in the modern state naturally originated in a time when people were increasingly dependent on defending themselves. And every single piece of military clothing can be examined to see if it is in any way connected to means of defense or means of attack; and basically, one can say that all military clothing is actually obsolete today—it can no longer be understood. You see, the modern civilian coat is understandable because it evolved from the Roman toga. The military tunic, however, can only be understood not by tracing it back to the Roman toga—to that drapery that has been distorted into a caricature—but by tracing it back to medieval chivalry, where the entire ensemble was a kind of armor. That is where the armor was redesigned.

[ 33 ] Es ist (in der Fragestellung) auch die Fahne erwähnt worden. Sehen Sie, mit der Fahne hat es ja die folgende Bewandtnis: Auf der Fahne war eigentlich ursprünglich das sogenannte Wappentier — es brauchte nicht gerade ein Tier zu sein —, aber was war das Wappentier? Das war eben die Gruppenseele, diese Seele, die die Menschen zusammengehalten hat. Und die wollten sie auch, wenn sie in Gruppen beisammen waren, in der Abbildung vor sich haben. Da haben sie die Fahne daraus gemacht. Die Fahne ist gerade der Beweis, daß man die gemeinsamen Gedanken, die man hat, in dieser Fahne zusammenfaßt.

[ 33 ] The flag was also mentioned (in the question). You see, the story behind the flag is as follows: Originally, the flag actually featured what is known as the heraldic animal—it didn’t necessarily have to be an animal—but what was the heraldic animal? It was precisely the group soul—that soul which held the people together. And when they were gathered in groups, they wanted to have that soul depicted before them. So they made the flag out of it. The flag is precisely the proof that the shared thoughts they have are embodied in this flag.

[ 34 ] Da ist es ja ganz besonders wichtig, daß man sich darüber klar ist: Alte Maler waren eigentlich viel wirklicher in ihrem ganzen Malen, als die heutigen Maler. Heute malt man meistens sogenannte Staffeleibilder, das heißt, man malt Bilder, die dann in Rahmen kommen, die irgenwo hingehängt werden, weil man es so gewohnt worden ist. Im Grunde genommen hat das gar keinen Sinn. Denn warum soll man sich an eine Wand ein Bild hinhängen? So muß man fragen. In alten Zeiten war es so: Es gab Altäre; da hat man an die Altäre das Bild hingemalt, an das man sich erinnern sollte, wenn man vor dem Altar stand. Es gab Kirchen, da ging man herum. Man hat an die Wand gemalt dasjenige, was einem nacheinander in Gedanken kommen sollte, wenn man herumging. Da hatte das einen Sinn, eine Beziehung zu dem, was drinnen in den Leuten vorging.

[ 34 ] It is especially important to realize this: Old painters were actually much more authentic in their entire approach to painting than today’s painters. Today, people mostly paint what are called “easel paintings”—that is, they paint pictures that are then placed in frames and hung up somewhere, simply because that is what we have become accustomed to. Basically, that makes no sense at all. After all, why should one hang a painting on a wall? That’s the question one must ask. In the old days, it was like this: there were altars; people painted images on the altars that they were meant to remember when standing before the altar. There were churches where people would walk around. They painted on the walls the things that were meant to come to mind one after another as one walked through them. Back then, it made sense; it had a connection to what was going on inside people.

[ 35 ] Und, sagen wir, in alten Ritterburgen —- nun, worauf gründete sich denn das Rittertum? Das Rittertum gründete sich darauf, daß die Menschen, die ihm angehörten, immer zu ihren sogenannten Ahnen hinaufsahen. Die Ahnen waren ja viel wichtiger als man selber war. Wenn man eine große Anzahl von Ahnen hatte, war man eben mehr wert. Nun, da sind die Ahnenbilder aufgehängt worden. So hatte das wieder einen Sinn.

[ 35 ] And, let’s say, in old knightly castles—well, what was knighthood based on? Knighthood was based on the fact that the people who belonged to it always looked up to their so-called ancestors. After all, one’s ancestors were much more important than oneself. The more ancestors one had, the more one was worth. That’s why the portraits of the ancestors were hung there. So there was a reason for that, too.

[ 36 ] Aber als dann dieser Sinn verlorengegangen ist, da kam ja überhaupt erst die Landschaftsmalerei auf. Und die Landschaftsmalerei - an der Wand eine Landschaft hängen zu haben, nicht wahr, man kann ja schon etwas dafür übrig haben. Ich will durchaus nicht schrecklich sein in dieser Beziehung und alle Landschaftsmalerei verschimpfen, aber schließlich kann eine gemalte Landschaft niemals so sein, als wenn man in die Landschaft herausgeht! Und so ist eigentlich im Grunde genommen die Landschaftsmalerei erst aufgekommen in der Zeit, als man keinen rechten Sinn mehr hatte für die Natur.

[ 36 ] But once that sense was lost, that’s when landscape painting really took off. And landscape painting—having a landscape hanging on the wall, right? Well, one can certainly have a soft spot for it. I certainly don’t mean to be harsh in this regard and disparage all landscape painting, but after all, a painted landscape can never be the same as actually going out into the landscape! And so, strictly speaking, landscape painting really only emerged at a time when people no longer had a true appreciation for nature.

[ 37 ] Wenn Sie sich noch die Bilder von vor ein paar Jahrhunderten anschauen — ja, schauen Sie sich selbst die von Raffael oder Leonardo an -, da werden Sie sehen: Dasjenige, was gemalt wird, sind die Menschen, und die Landschaft, nur ein bißchen angedeutet, ist eigentlich kindlich gemacht, weil die Menschen damit einverstanden waren, daß die Landschaft draußen in der Natur angeschaut werden soll. Aber in dem Menschen kann man verschiedenes ausdrücken; der Mensch ist nicht bloß Natur, da kann man verschiedenes ausdrücken! Und so konnte Raffael in der Maria vieles ausdrücken. Sie kennen vielleicht das Bild, das in Dresden hängt: Die Maria mit dem Jesuskinde links auf dem Arm, oben Wolken; dann sind unten zwei Gestalten: der heilige Sixtus und die heilige Barbara, dieses Bild, das man die «Sixtinische Madonna» nennt. Ja, meine Herren, der Raffael hat dieses Bild nicht dazu gemalt, daß man es irgendwo hinhänge, sondern er hat überhaupt nur die Maria mit dem Jesuskindlein gemalt, damit eine Fahne gebildet werden könne, die bei Prozessionen vorangetragen werden solle. Nun gibt es diese Prozessionen, wo man auf das Feld zum Altar geht. Da hat man immer eine Fahne gehabt, die vorangetragen wurde. Man hat an dem Altar haltgemacht, wo dann die Leute niederknieten. Dann hat da später irgendeiner diejenigen dazugemalt, die niederknieten, den heiligen Sixtus und die heilige Barbara. Die gehören gar nicht dazu zu dem Bilde, sind auch schrecklich in der Malerei gegenüber dem, was Raffael dazumal selber gemalt hat. Aber das merken die Leute nicht. Mancher bewundert die ziemlich abstoßende Gestalt der Barbara auf diesem Bilde ebenso, wie er bewundert, was Maria und das Jesuskind selber sind!

[ 37 ] If you look at the paintings from a few centuries ago—yes, take a look at those by Raphael or Leonardo yourself—you’ll see: What is depicted are the people, and the landscape—only slightly suggested—is actually rendered in a childlike manner, because people agreed that the landscape should be viewed out in nature. But in a person, one can express many different things; a person is not merely nature—one can express many different things through them! And so Raphael was able to express many things in the figure of Mary. You may be familiar with the painting that hangs in Dresden: Mary with the infant Jesus on her left arm, clouds above; then, at the bottom, two figures: Saint Sixtus and Saint Barbara—this painting, which is called the “Sistine Madonna.” Yes, gentlemen, Raphael did not paint this picture to be hung up somewhere; rather, he painted only the Virgin Mary with the infant Jesus so that a banner could be made to be carried at the head of processions. Now there are these processions where people walk out into the field to the altar. There has always been a banner carried at the front. They would stop at the altar, where the people would then kneel. Later, someone added the figures of those who were kneeling—Saint Sixtus and Saint Barbara. They do not belong in the painting at all, and their depiction is terribly poor compared to what Raphael himself painted back then. But people don’t notice that. Some people admire the rather repulsive figure of Barbara in this painting just as much as they admire Mary and the Baby Jesus themselves!

[ 38 ] Das alles sind Dinge, die Ihnen eben zeigen: Man ist auch abgekommen von dem, was in der Malerei noch Sinn hatte. Warum wurde denn von Raffael für eine Kirchenfahne dieses Bild gemalt? Aus dem Grunde, weil die Leute diesen gemeinsamen Gedanken haben sollten, wenn sie bei ihrer Prozession waren, — was dem Sinne entsprach, aus dem man überhaupt Fahnen gemacht hat.

[ 38 ] All of these are things that simply show you: We have strayed from what still made sense in painting. Why, then, did Raphael paint this picture for a church banner? For the reason that people were supposed to share this common thought when they were in their procession—which corresponded to the very purpose for which banners were made in the first place.

[ 39 ] Nun ja, da entsteht dann eben die Begierde, doch noch einen gewissen Sinn zu verbinden mit demjenigen, was einmal erhalten ist aus den alten Zeiten, wo die Dinge einen wirklichen Sinn hatten. Sie können heute in Gegenden kommen, zum Beispiel nach Finnland, da treten einem die Leute in der alten Kleidung wiederum entgegen. Diejenigen, die da besonders national sein wollen, treten in der alten Kleidung auf, die vergessen war, die wieder erneuert wird.

[ 39 ] Well, that’s when the desire arises to ascribe a certain meaning to what has been preserved from the old days, when things had real meaning. Today, you can visit places—Finland, for example—where people once again greet you in traditional clothing. Those who want to be particularly patriotic appear in traditional clothing—clothing that had been forgotten but is now being revived.

[ 40 ] Aber alle die Leute leben ja nicht mehr in der Zeit, in welcher die alten Instinkte vorhanden waren, in der mit der Kleidung ein Sinn verknüpft war. Heute müßte man gerade aus dem, was heute im geistigen Leben ist, eine Kleidung herausfinden, geradeso wie diese alten Völkerschaften eine Kleidung aus ihrem Sinn, aus dem, was sie für das Richtige in der Welt und Menschheit gehalten haben als Kleidung, herausgefunden haben. Aber dazu hat der Mensch heute gar nicht die Fähigkeit, weil er eben nichts weiß von dem wirklichen, das heißt von dem geistigen Menschen. Und so ist es gekommen, daß wir heute Kleidungsstücke haben, die eigentlich ganz sinnlos sind und die nur darauf beruhen, daß man die Sinnlosigkeit bis zum Exzeß treibt.

[ 40 ] But these people no longer live in the era when those ancient instincts existed, when clothing was imbued with meaning. Today, we would have to derive clothing precisely from what exists in spiritual life today, just as those ancient peoples derived their clothing from their sense of what they considered to be right in the world and for humanity. But people today lack the capacity to do this, precisely because they know nothing of the real—that is, the spiritual—human being. And so it has come to pass that we now have garments that are actually quite meaningless and are based solely on taking this meaninglessness to extremes.

[ 41 ] Der Mensch hat ursprünglich den Gürtel getragen. Der Gürtel drückte das aus, daß hier etwas Besonderes liegt im Menschen. Dieser Gürtel war dazu da, daß er das ausdrückte. Nun haben die Menschen später den Gürtel gesehen, haben gesehen, daß da der Mensch abgeteilt ist; nun haben sie diese Abteilung selber gemacht mit dem Gürtel. Statt daß der Gürtel etwas ausdrückte, führte er bei der Frauenkleidung oftmals dazu, die Frauenkleidung so zu machen, daß sie nichts ausdrückt, sondern hier nur die Leber und den Magen und alles mögliche kolossal zusammendrückt. Man kann schon sagen, ein großer Teil desjenigen, was in der materialistischen Zeit entstanden ist, ist eigentlich aus Sinnlosigkeit heraus entstanden, aus richtiger Sinnlosigkeit heraus entstanden. Es haben selbst Dinge, die wir heute als Unfug ansehen müssen, bei primitiven Völkerschaften eine gewisse Bedeutung gehabt. Nehmen Sie zum Beispiel an, wilde Völkerschaften haben die Eigentümlichkeit, sich nicht dadurch zu bekleiden, daß sie Kleidungsstücke anziehen, sondern sich auf eine andere Art zu bekleiden. Nicht wahr, das Kleid ist eigentlich dasjenige, was schmückt, was etwas dazutut zu dem, was der Mensch ist. Die Bedeutung des Kleides ist eigentlich Andeutung, Offenbarung. Also es soll das Unsichtbare durch das Kleid geoffenbart werden. Man braucht also nicht, um sich zu bekleiden, meinten die wilden Völkerschaften — sie meinen es noch heute, und andere meinen es auch —, unbedingt Stoffe dazu, sondern man kann sich auch bekleiden, indem man allerlei Zeichnungen auf den Körper selber macht. Da schmückt man sich aus durch die sogenannte Tätowierung. Es machen sich die Leute also allerlei Zeichen auf die Leiber.

[ 41 ] Humans originally wore belts. The belt expressed the idea that there is something special about human beings. The purpose of this belt was to convey that very idea. Later, however, people looked at the belt and saw that it divided the human body; they then used the belt to create that division themselves. Instead of the belt expressing something, in women’s clothing it often led to designing women’s clothing in such a way that it expresses nothing, but merely compresses the liver, the stomach, and all sorts of other things enormously. One could even say that a large part of what has emerged in the materialistic age has actually arisen out of meaninglessness—out of sheer meaninglessness. Even things that we must regard as nonsense today have had a certain significance among primitive peoples. Suppose, for example, that primitive peoples have the peculiarity of not clothing themselves by putting on garments, but of clothing themselves in a different way. Isn’t it true that clothing is actually what adorns, what adds something to what a person is? The significance of clothing is, in fact, a hint, a revelation. Thus, the invisible is to be revealed through clothing. Therefore, according to these primitive peoples—and they still believe this today, as do others—one does not necessarily need fabric to clothe oneself; rather, one can also clothe oneself by applying all sorts of designs directly to the body. In this way, one adorns oneself through what is known as tattooing. People thus apply all sorts of markings to their bodies.

[ 42 ] Ja, meine Herren, diese Zeichen, die sich die Menschen auf die Leiber machen, die hatten ursprünglich eine ganz grosse Bedeutung. Nehmen Sie zum Beispiel an, der Mensch ritzt sich ein Herz ein auf seinen Leib. Nun ja, wenn er bei Tag herumgeht, so hat das keine große Bedeutung im Wachen. Wenn er aber schläft, dann ist das ein sehr bedeutungsvoller Eindruck auf seine schlafende Seele, was er sich in die Haut eingeritzt hat, und dann wird das ein Gedanke in seiner schlafenden Seele, den er natürlich am Morgen wieder vergessen hat, wenn er zum Bewußtsein kommt. Aber es entstand dieses Tätowieren ursprünglich eigentlich aus der Absicht, bis in den Schlaf hinein im Menschen zu wirken. Wiederum hat es später selbst bei den wilden Völkerschaften die Bedeutung verloren, wenigstens soweit, daß die Menschen es nur noch aus Gewohnheit machen, es fortsetzen aus Gewohnheit, aber es hat eben die Bedeutung verloren.

[ 42 ] Yes, gentlemen, these marks that people make on their bodies originally had great significance. Suppose, for example, that a person carves a heart into his body. Well, when he walks around during the day, it doesn’t have much meaning while he’s awake. But when he sleeps, what he has carved into his skin makes a very profound impression on his sleeping soul, and it becomes a thought in his sleeping soul—one that he naturally forgets again in the morning when he regains consciousness. But this practice of tattooing originally arose from the intention of influencing a person even into their sleep. Later, however, even among primitive peoples, it lost its significance—at least to the extent that people now do it only out of habit, continuing the practice out of habit, but it has indeed lost its meaning.

[ 43 ] Nun, nicht wahr, alle diese Dinge müssen Sie in Erwägung ziehen. Dann werden Sie sehen, die Kleidung ist zum Teil aus Schutzbedürfnis entstanden, zum größten Teil, größeren Teil entstanden aus dem Bedürfnis, sich zu schmücken. Und das Schmücken hängt zusammen mit dem, daß man das Übersinnliche nach außen offenbar macht. Und die Menschen sind dann eben gerade mit Bezug auf die Kleidung dazu gekommen, nichts anderes mehr zu wissen, als daß der Mensch sie trägt. Und so entstanden die Nationaltrachten. Natürlich wird ein Volksstamm, der mehr genötigt ist, sich zu schützen, anliegende Kleider haben, dicke Kleider haben, den ganzen Leib mehr oder weniger mit Kleidern beladen oder wenigstens diejenigen Teile, die mehr der Kälte ausgesetzt sind. Ein Mensch in milderem Klima wird das Schmücken eben viel mehr ausbilden, wird dünnere Kleider haben, wehende Kleider haben und so weiter. Es wird also etwas von der ganzen Umgebung abhängen, von dem Klima, wie sich der Mensch zum Teil schützt, zum Teil schmückt. Dann vergessen die Menschen dieses. Wenn dann die Völkerwanderungen kommen, dann kann es vorkommen, daß ein Volk aus der Gegend, wo die Kleidung für die Gegend gepasst hat, in eine andere Gegend einzieht, wo man gar nicht mehr einsieht, warum die Kleidung für diese Völker passen soll; aber sie haben sie eben aus Gewohnheit beibehalten. Und auf diese Weise ist es heute oft sehr schwer, aus der unmittelbaren Umgebung heraus zu finden, warum diese Menschen gerade diese betreffende Kleidung haben. Man kann dann sehen, nicht wahr, die Menschen hören eben auf zu denken. Sie sind so wie der Eisbär, der sein weißes Kleid bekommt, weil das wenig absticht vom nordischen Schnee und es dann für ihn ein Schutz bedeutet gegen allerlei Verfolgungen und so weiter — ja, wenn er es im warmen Klima tragen würde, so wäre es eben nicht ein Schutz, nicht wahr!

[ 43 ] Well, don’t you see, you have to take all these things into consideration. Then you’ll see that clothing arose in part out of a need for protection, but for the most part—the greater part—out of a need to adorn oneself. And this adornment is connected to the act of revealing the supernatural to the outside world. And when it comes to clothing, people have come to know nothing more than that humans wear it. And that is how national costumes came into being. Of course, a tribe that is more compelled to protect itself will have close-fitting clothes, thick clothes, covering more or less the entire body with clothing—or at least those parts that are more exposed to the cold. A person in a milder climate, on the other hand, will place much greater emphasis on adornment, wearing thinner garments, flowing garments, and so on. It will therefore depend to some extent on the entire environment—on the climate—how a person partly protects themselves and partly adorns themselves. Then people forget this. When the great migrations occur, it can happen that a people from a region where the clothing was suited to the local conditions moves into another region where it is no longer at all clear why that clothing should be suitable for these people; yet they have retained it simply out of habit. And in this way, it is often very difficult today to understand, based on the immediate surroundings alone, why these people wear precisely this particular clothing. You can see, can’t you, that people simply stop thinking. They are like the polar bear, which has its white coat because it blends in with the Arctic snow and thus provides protection against all kinds of predators and so on—yes, if it were to wear it in a warm climate, it simply wouldn’t be protection, would it!

[ 44 ] So ist es überhaupt: Der Mensch behält das, was er einmal gewohnt ist, durchaus bei, ohne daß er den Sinn davon noch vollständig im Bewußtsein hat. Deshalb ist es heute nicht so leicht, aus der Art und Weise, wie sich der Mensch bekleidet, das Warum zu beantworten, warum sich der eine oder der andere Volksstamm gerade so oder so bekleidet, Da muß man dann, wie gesagt, zurückgehen auf frühere Zeiten.

[ 44 ] That is how it is: People tend to stick with what they are accustomed to, even without being fully aware of the reason behind it. That is why it is not so easy today to determine, based on the way people dress, why one tribe or another dresses in a particular way. As I said, one must go back to earlier times to find the answer.

[ 45 ] Sie werden zum Beispiel finden, daß die Magyarentracht der Ungarn eine ganz besondere ist. Die Ungarn tragen etwas hohe Stiefel mit engen Röhren, enganliegende Beinkleider, die so in die Röhren hineingesteckt sind, enganschließenden Rock. Es ist alles modernisiert, hat seinen ursprünglichen Sinn verloren, aber es weist darauf hin, worauf auch die ungarische Sprache hinweist; die hat nämlich meistens in dem, was ursprünglich ist, Jägerausdrücke! Es ist ja sehr merkwürdig: Wenn Sie nach Pest kommen und gehen zum Beispiel über eine Straße, finden Sie etwa eine Aufschrift wie: Kave Häz. Das ist nichts anderes als Kaffeehaus! Das ist natürlich nicht Ungarisch oder Magyarisch, sondern ein bißchen geändert aus dem Deutschen. Kave Häz sagt man dann; so merkt man nicht, daß es eigentlich ein deutsches Wort ist. Aber wenn man absieht von den zahlreichen Worten, die aus dem Lateinischen oder Deutschen kommen in dem Magyarischen, dann kommt man darauf, daß das meistens Jägerausdrücke sind, und man kommt darauf, daß die Magyaren ursprünglich ein Jägervolk sind. Und wenn man auf die Kleidung sieht, so ist es diese, die die ursprünglich bequemste für die Jäger war. Dann ist sie aber modernisiert, umgeändert worden. Da kann man das allenfalls noch begreifen. Aber wenn man vor der heutigen Kleidung steht, kann man nicht mehr viel begreifen.

[ 45 ] For example, you will find that the traditional Magyar attire of the Hungarians is quite unique. The Hungarians wear somewhat high boots with tight shafts, tight-fitting trousers tucked into the shafts, and a close-fitting jacket. It has all been modernized and has lost its original meaning, but it points to what the Hungarian language also points to; namely, that it mostly uses hunting terms in its original forms! It is indeed very curious: When you come to Pest and walk down a street, for example, you might find a sign that says: “Kave Häz.” That is nothing other than a coffeehouse! Of course, this isn’t Hungarian or Magyar, but a slightly altered form of the German word. People say “Kave Häz”; that way, you don’t realize it’s actually a German word. But if you set aside the numerous words in Magyar that come from Latin or German, you’ll realize that they’re mostly hunting terms, and you’ll come to understand that the Magyars were originally a people of hunters. And if you look at the clothing, it is the kind that was originally the most comfortable for hunters. But it has since been modernized and altered. That much is still understandable. But when you look at today’s clothing, there’s not much left to understand.

[ 46 ] Nun, Herr Burle, ist einiges klargeworden aus dem, was ich gesagt

[ 46 ] Well, Mr. Burle, has anything become clear from what I said

[ 47 ] habe? Herr Burle: So ziemlich!

[ 47 ] Did I? Mr. Burle: Pretty much!

[ 48 ] Nun, dann wollen wir die Vorträge am nächsten Sonnabend fortset zen. Vielleicht fällt dem einen oder anderen noch etwas ein, was er fragen möchte.

[ 48 ] Well, then let's continue the presentations next Saturday. Maybe one or two of you will think of something else you'd like to ask.