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The Rudolf Steiner Archive

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Human History and the
World Views of Civilized Nations
GA 353

20 May 1924, Dornach

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15. Moses — Dekadente atlantische Kultur in Tibet — Der Dalai Lama — Wie kann Europa seine Geisteskultur in Asien verbreiten? — Engländer und Deutsche als Kolonisatoren

15. Moses - Decadent Atlantic Culture in Tibet — The Dalai Lama — How Can Europe Spread Its Intellectual Culture in Asia? — The English and Germans as Colonizers

[ 1 ] Guten Morgen, meine Herren! Vielleicht hat sich auch für die heutige Stunde jemand etwas ausgedacht?

[ 1 ] Good morning, gentlemen! Perhaps someone has come up with an idea for today's class as well?

[ 2 ] Frage: Wie sind die Wunder zu verstehen, von denen in der Bibel im Zusammenhange mit Moses erzählt wird - das Stillstehen des Meeres?

[ 2 ] Question: How should we understand the miracles described in the Bible in connection with Moses—the parting of the sea?

[ 3 ] Dr. Steiner: Sehen Sie, das beruht ja weniger darauf, daß da ein plötzliches Wunder geschehen wäre, sondern darauf, daß Moses sehr kenntnisreich war. Er war nicht bloß dasjenige, als was er in der Bibel dargestellt wird, sondern er war tatsächlich ein Schüler der ägyptischen hohen Schulen, der Mysterien. Und in diesen Schulen lehrte man auch nicht nur über die geistige Welt, sondern von einem gewissen Gesichtspunkte aus über die natürliche Welt. Nun gibt es ja im Meere die Zeit der Ebbe und der Flut, eines solchen Steigens und eines wiederum Zurückgehens, und die Sache war eben diese, daß Moses den Übergang über das Rote Meer so anzustellen wußte, daß er mit seinen Leuten hinüberging zu einer Zeit, als das Meer zurückgegangen war und eine Sandbank, die dadurch sichtbar geworden ist, das heißt, bloßgelegt worden ist, benützt werden konnte, um hinüberzugehen. Also das Wunder besteht nicht darinnen, daß etwa Moses das Rote Meer zurückgedämmt und bekämpft hat, sondern darinnen, daß er tatsächlich mehr wußte als die anderen, daß er die Zeit in der richtigen Weise wählen konnte. Das haben die anderen nicht gewußt. Moses hatte sich die Sache ausgerechnet, so daß er gerade zur rechten Zeit ankam - er wußte, daß das so lange dauerte, beziehungsweise daß es schnell gehen mußte, damit man nicht wiederum vom Meer überrascht werde. Das alles kam natürlich den anderen als ein Wunder vor. Man muß überall bei diesen Dingen darauf sehen, daß eigentlich Kenntnisse den Sachen zugrunde liegen, nicht irgendwelche anderen Dinge, sondern Kenntnisse.

[ 3 ] Dr. Steiner: You see, this is based less on the idea that a sudden miracle took place, and more on the fact that Moses was very knowledgeable. He was not merely the figure portrayed in the Bible, but was in fact a student of the Egyptian high schools of the Mysteries. And in these schools, they taught not only about the spiritual world, but also, from a certain perspective, about the natural world. Now, in the sea there are tides—a rising and a receding— and the point was precisely this: Moses knew how to time the crossing of the Red Sea so that he and his people could cross at a time when the sea had receded and a sandbar—which had thereby become visible, that is, exposed—could be used to make the crossing. So the miracle does not lie in Moses having somehow held back or fought against the Red Sea, but in the fact that he actually knew more than the others—that he was able to choose the right time. The others did not know this. Moses had calculated the situation so that he arrived at exactly the right moment—he knew that it would take that long, or rather, that they had to move quickly so as not to be caught off guard by the sea again. Naturally, all of this seemed like a miracle to the others. In all such matters, one must recognize that knowledge is actually the foundation of these events—not some other factors, but knowledge.

[ 4 ] So ist es bei den meisten Dingen, die aus alten Zeiten berichtet werden. Das Volk wunderte sich darüber, weil es die Sache nicht verstand, nicht wußte. Aber dann, wenn man weiß, daß es auch in alten Zeiten sehr gescheite Leute gegeben hat, dann kann man sich ja die Dinge erklären. Sonst ist an diesen Sachen nicht viel zu erklären.

[ 4 ] That’s how it is with most things reported from ancient times. People were puzzled by it because they didn’t understand it, didn’t know about it. But once you realize that there were very intelligent people even in ancient times, then you can explain these things to yourself. Otherwise, there isn’t much to explain about them.

[ 5 ] Vielleicht hat noch jemand eine Frage?

[ 5 ] Does anyone else have a question?

[ 6 ] Frage: Kann die geistige Kultur, welche von Tibet in das übrige Asien hineinfließt, diesen Menschen noch genügen, oder fällt sie ganz in die Dekadenz?

[ 6 ] Question: Can the spiritual culture flowing from Tibet into the rest of Asia still satisfy these people, or is it falling completely into decadence?

[ 7 ] Dr. Steiner: Nun, sehen Sie, die Kultur von Tibet, die ist eine sehr alte Kultur, und zwar eine Kultur, die eigentlich noch aus der alten atlantischen Zeit kommt. Sie müssen sich nur vorstellen, daß es einmal eine Zeit gegeben hat, da war Europa zum größten Teil unter Wasser, und das Wasser nahm erst ab gegen Asien hin. Dagegen war Land an der Stelle, wo heute der Atlantische Ozean ist. Wo wir heute zwischen Europa und Amerika nach Amerika hinüberfahren, da war Land. Das ist also eben eine alte Zeit gewesen, in der Landflächen und Wasserflächen in einem ganz anderen Verhältnis waren als heute.

[ 7 ] Dr. Steiner: Well, you see, the culture of Tibet is a very ancient culture—one that actually dates back to the ancient Atlantean era. Just create a mental image of a time when most of Europe was underwater, and the water only receded toward Asia. In contrast, there was land where the Atlantic Ocean is today. Where we now sail from Europe to America, there used to be land. So that was indeed a long time ago, when the ratio of land to water was very different from what it is today.

[ 8 ] Nun aber, in der Zeit, die um fünf, sechs, sieben Jahrtausende zurückliegt, war in Asien drüben auch dieselbe Kultur wie auf diesem atlantischen Kontinent, der also an der Stelle war, die heute zwischen Europa und Amerika mit Meer bedeckt ist. Da drüben in Asien gab es dazumal eine Kultur, die erhalten geblieben ist in den Klüften, in den unterirdischen Höhlen von Tibet. Diese atlantische Kultur ist ja, als zwischen Europa und Amerika das Meer kam und Europa sich heraufhob, natürlich da ganz versunken; aber in Tibet drüben hat sie sich erhalten. Aber nun ist ja diese Kultur eigentlich nur passend gewesen für jene alten Zeiten, wo die Menschen unter ganz anderen Bedingungen lebten als heute. Sie müssen sich nur vorstellen, daß dazumal die Luft nicht so war wie heute, daß der Mensch nicht so schwer war wie heute, sondern daß der Mensch ein viel geringeres Gewicht hatte, daß die Luft viel dichter war. Eigentlich war dazumal die Luft immer mit einem dicken Nebel durchsetzt, der es möglich machte, daß man überhaupt in einer ganz anderen Weise lebte.

[ 8 ] But back then, some five, six, or seven millennia ago, there was the same culture over in Asia as on this Atlantic continent—which was located in the area that is now covered by the sea between Europe and America. Over there in Asia, there was a culture at that time that has been preserved in the crevices and underground caves of Tibet. This Atlantean culture was, of course, completely submerged when the sea came between Europe and America and Europe rose up; but over in Tibet, it has been preserved. But this culture was really only suited to those ancient times, when people lived under conditions very different from today’s. Just create a mental image of how things were back then: the air was not like it is today, people were not as heavy as they are today, but they weighed much less, and the air was much denser. In fact, back then the air was always permeated with a thick fog, which made it possible to live in a completely different way.

[ 9 ] Nun, Schreiben und Lesen oder so etwas gab es dazumal nicht, sondern man hatte Zeichen. Diese Zeichen setzte man nicht aufs Papier. Das Papier gab es ja nicht. Man setzte sie aber auch nicht aufs Pergament, sondern man kratzte sie ein in Felsen. Diese Felsen, die waren ausgehöhlt worden von den Leuten, und in das Innere dieser Höhlen kratzten sie dann, wie man es nannte, ihre Geheimnisse ein; so daß man eigentlich diese Zeichen, die sie machten, verstehen muß, wenn man dasjenige wissen will, was diese Leute sich vorgestellt haben.

[ 9 ] Well, writing and reading—or anything like that—didn't exist back then; instead, people used symbols. These symbols weren't written on paper—after all, paper didn't exist. Nor were they written on parchment; instead, they were carved into rocks. These rocks had been hollowed out by the people, and inside these caves they then carved—as it was called—their secrets; so that one must actually understand these symbols they created if one wants to know what these people imagined.

[ 10 ] Nun können Sie fragen: Wie kommt es denn, daß diese Leute das so verborgen gehalten haben? Ja, wissen Sie, die älteste Baukunst bestand überhaupt nicht darinnen, daß man äußerlich baute, sondern zunächst grub man in die Felsen hinein, und man machte im Fels Wohnungen. Das ist also die älteste Form der Baukunst. Man braucht sich ja nicht zu verwundern, daß die älteste Form der Baukunst da auch in Tibet so ist. Aber solch eine Kultur kommt eben nach und nach durchaus in die Dekadenz, in den Untergang hinein. Und dasjenige, was dann in Tibet später entstanden ist, das ist durchaus so, daß man es in der gegenwärtigen Zeit nicht mehr eigentlich gebrauchen kann, denn die tibetanische Kultur ist älter als die indische Kultur. Die indische Kultur ist erst, nachdem die Erde die Gestalt angenommen hat, die sie heute hat, entstanden. Die tibetanische Kultur ist also ganz alt. Und diese tibetanische Kultur, die hat aufbewahrt in einer schlechten Form, was vorher in einer verhältnismäßig guten Form vorhanden gewesen war. So ist namentlich das Herrscherprinzip in Tibet in einer recht wenig erfreulichen Form ausgebildet worden. In Tibet ist es so, daß derjenige, der Herrscher sein soll, eigentlich eine göttliche Verehrung genießt; und diese göttliche Verehrung, die bereitet man im Grunde schon vor. Man wählt dort eigentlich, ich möchte sagen, auf eine übersinnliche Weise. Der Dalai Lama, der also als Herrscher ausersehen ist, der kommt in der Weise zustande, daß lange vorher, wenn noch der alte Dalai Lama da ist und man merkt: Nun, dieser alte Dalai Lama kann bald sterben -, eine Familie irgendwo bestimmt wird, und man sagt: Aus dieser Familie muß der neue Dalai Lama hervorgehen. - So war es in Tibet in früheren Zeiten. Nicht etwa war eine erbliche Herrschaft. Das war nicht der Fall, sondern eine Priesterschaft, die in Wirklichkeit eigentlich herrscht, bestimmt eine neue Familie, aus der ein Dalai Lama hervorgehen sollte.

[ 10 ] Now you might ask: How is it that these people kept this so secret? Well, you see, the oldest form of architecture did not consist at all of building on the surface; rather, people first dug into the rocks and created dwellings within them. That, then, is the oldest form of architecture. It should come as no surprise that the oldest form of architecture is the same in Tibet as well. But such a culture gradually falls into decadence and decline. And what later emerged in Tibet is such that it can no longer really be put to use in the present day, for Tibetan culture is older than Indian culture. Indian culture only emerged after the Earth had taken on the form it has today. Tibetan culture, therefore, is very ancient. And this Tibetan culture has preserved, in a poor form, what had previously existed in a relatively good form. Thus, the principle of rulership in Tibet, in particular, has developed in a rather unwelcome form. In Tibet, the one who is to become the ruler actually enjoys divine veneration; and this divine veneration is, in essence, prepared in advance. The selection there takes place, I would say, in a supernatural manner. The Dalai Lama, who is thus designated as ruler, comes into being in the following way: long beforehand, while the old Dalai Lama is still alive and it becomes apparent that he may soon die, a family is designated somewhere, and it is declared: “The new Dalai Lama must come from this family.” - That is how it was in Tibet in earlier times. It was not a hereditary rule. That was not the case; rather, a priesthood—which in reality actually holds power—designates a new family from which a Dalai Lama is to emerge.

[ 11 ] Nun, nicht wahr, wenn in dieser Familie ein Kind geboren wurde, so bewahrte man es auf, bis der alte Dalai Lama starb. Sie können sich denken, daß damit der größte Unfug getrieben worden ist. Man hat einfach, wenn einem der alte Dalai Lama nicht mehr gepaßt hat, ein Kind gesucht und gesagt: In diese Seele muß nun die Seele des alten Dalai Lama hineinfahren. Dazu mußte er aber erst sterben. Das haben die Priesterschaften schon besorgt zur rechten Zeit, und es ist dann für den Glauben des Volkes die Seele des alten Dalai Lama in das Kind eingezogen gewesen. Auf diese Weise haben die Leute es dazu getrieben, daß tatsächlich das ganze Volk geglaubt hat: Dieselbe Seele, die in irgendeinem Dalai Lama drinnen ist, war schon in dem Dalai Lama vor vielen tausend Jahren. Es ist immer dieselbe Seele, dachten sie. Es ist eigentlich für die Leute immer derselbe Dalai Lama gewesen; er hat nur den äußeren Körper gewechselt.

[ 11 ] Well, isn’t it true that when a child was born into this family, they kept it until the old Dalai Lama died? You can imagine that this led to all sorts of nonsense. When the old Dalai Lama was no longer to their liking, they simply looked for a child and said: “The soul of the old Dalai Lama must now enter this child.” But for that to happen, he first had to die. The priesthood took care of that at the right time, and for the sake of the people’s faith, the soul of the old Dalai Lama was then believed to have entered the child. In this way, the people were led to believe—and indeed, the entire population came to believe—that the same soul residing in any given Dalai Lama had already been in the Dalai Lama many thousands of years ago. “It is always the same soul,” they thought. “For the people, it has actually always been the same Dalai Lama; he has merely changed his outer body.”

[ 12 ] So war es nicht in der alten Kultur, die früher da war; sondern das ist schon ein ganz außerordentlicher Unfug, der da entstanden ist. Sie können aber daraus ersehen, daß es der Priesterschaft nach und nach darauf angekommen ist, die Dinge so zu betreiben, daß ihre Herrschaft gesichert war.

[ 12 ] That was not the case in the ancient culture that existed before; rather, what has developed is truly extraordinary nonsense. However, you can see from this that the priesthood gradually came to manage affairs in such a way as to secure its rule.

[ 13 ] Das hindert aber nicht, daß trotzdem, wenn es gelingt, diese Zeichen, die da eingegraben sind in die Felsen, zu denen aber die Europäer nur in den allerseltensten Fällen Zutritt bekommen haben, zu enträtseln, man auf große naturwissenschaftliche Geheimnisse kommt, die die Menschen in der alten Zeit einmal gehabt haben. Das ist also schon wiederum richtig, daß man auf große naturwissenschaftliche Geheimnisse kommt, die die Menschen in der alten Zeit gehabt haben, und es würde sich nur darum handeln, daß diese Kenntnisse in einer neuen Form gefunden würden.

[ 13 ] However, this does not preclude the possibility that, if we succeed in deciphering these symbols carved into the rocks—to which Europeans have had access only in the rarest of cases—we might uncover great scientific mysteries that people in ancient times once possessed. So it is indeed true that one uncovers great scientific mysteries that people in ancient times possessed, and it would simply be a matter of finding this knowledge in a new form.

[ 14 ] Nun ist es ja so: Nicht wahr, dieselben Kenntnisse, die da einmal da waren, die wie im Traumnebel an die Leute herangekommen sind, diese selben Kenntnisse sollen ja durch Anthroposophie wiederum unter die Leute kommen. Aber das kann nicht im Orient geschehen. Sehen Sie, im Orient wird niemals auf dieselbe Weise wie hier in Europa ein neues Wissen, eine neue Erkenntnis zustande kommen, weil der orientalische Körper nicht dazu geeignet ist. Die Versuche, die man machen muß, um zu solchen Dingen zu kommen, wie ich es Ihnen jetzt eben erzähle, die sind eben nur im Westlichen und nicht im Östlichen gangbar. Aber der Orientale ist in einem ganz andern Maße noch konservativ, als der Europäer konservativ sein kann; er will nichts Neues haben, und deshalb macht auf ihn natürlich dasjenige, was wir in Europa hier machen, keinen besonderen Eindruck. Wenn man ihm dagegen sagen kann: Aus den alten Krypten, so nennt man diese Felsenhöhlen, da kommen bedeutsame Weisheiten zutage, und das ist alt -, dann macht das auf ihn einen ganz gewaltigen Eindruck. Ein bißchen etwas davon haben ja auch die Europäer: Sie brauchen sich nur die Freimaurerlogen der höheren Grade anzusehen, wenn man in die hineinkommt! Für Anthroposophie, nun, da interessieren sie sich ein bißchen, weil sie sich jaauch um übersinnliche Dinge bekümmern; aber gar stark gehen sie nicht auf die Sache ein. Wenn man ihnen dagegen sagt: Das hat man gefunden, das war eine alte ägyptische Weisheit oder eine alte hebräische Weisheit -, da sind sie froh! Da gehen sie gleich darauf ein, weil die Menschen schon einmal so sind, daß das, was neu gefunden wird, auf sie keinen rechten Eindruck macht; dagegen dasjenige, was uralt ist, auch wenn es nicht verstanden wird, ist das, was auf die Leute einen ganz beträchtlichen Eindruck macht. Daher kann man schon annehmen, daß es sich durchaus, weil es sich um uralte Weisheiten handelt, die in Tibet gefunden werden können, schon darum handeln kann, damit einen gewissen Aufschwung wiederum zu erzielen. Denn viele Sachen sind ja auch den Asiaten verlorengegangen, weil eben die bedeutendste asiatische Kultur, die indische Kultur, erst nachher begründet worden ist. Also vieles von dem, was die Asiaten nicht wissen, könnte schon in Tibet gefunden werden. Nun haben ja die Leute dort nicht recht die Möglichkeit, die Sache ordentlich zu verbreiten, denn die alte tibetanische Priesterherrschaft hat nichts getan zur Verbreitung; die wollten die alte Herrschaft nur selber behalten. Wissen ist eben Macht, wenn es geheimgehalten wird. Und als die Europäer nach Tibet kamen, da verstanden sie die Sachen nicht. Also es ist nicht viel Aussicht vorhanden, daß die wirklichen tibetanischen Wahrheiten verbreitet werden können; sie leben fort in alten Traditionen. Denn die Sache ist doch so, daß vieles eben auf die Nachwelt gekommen ist, und daß man schon eine Vorstellung davon haben kann, was da eigentlich verborgen ist. Aber eine eigentliche Verbreitung kann man sich schwer denken. Dekadent, wie Sie in der Fragestellung sagen, ist schon die Sache; aber wenn man zurückgeht auf das, was in den Krypten steht, und nicht auf das, was die Priesterschaft sagt, dann wird man schon etwas Außerordentliches herausbekommen können. Nur wird es ganz außerordentlich schwer gelingen, es zu entziffern. Ohne Anthroposophie ist das schwer zu finden. Anthroposophie kann es entziffern, braucht es aber nicht, weil sie die Sache selber findet.

[ 14 ] Now, the fact is this: Isn’t it true that the very same knowledge that once existed—the knowledge that came to people as if through a dreamlike mist—is supposed to reach people once again through anthroposophy? But that cannot happen in the Orient. You see, in the East, new knowledge and new insights will never come about in the same way as they do here in Europe, because the Eastern constitution is not suited to it. The efforts one must make to arrive at such things as I am just describing to you are feasible only in the West and not in the East. But the Eastern person is conservative to a far greater degree than the European can ever be; he wants nothing new, and therefore what we do here in Europe naturally makes no particular impression on him. If, on the other hand, one can tell them: “From the ancient crypts—that is what these rock caverns are called—significant wisdom comes to light, and this is ancient”—then that makes a tremendous impression on them. Europeans have a bit of that, too: they need only look at the higher degrees of the Masonic lodges—if one can gain admission to them! As for anthroposophy, well, they’re somewhat interested in it because they, too, concern themselves with supersensible matters; but they don’t delve into the subject very deeply. If, on the other hand, you tell them: “This has been discovered; it was an ancient Egyptian wisdom or an ancient Hebrew wisdom”—then they’re delighted! They immediately take to it, because people are simply like that: what is newly discovered doesn’t make much of an impression on them; on the other hand, what is ancient—even if it isn’t understood—is what makes a truly considerable impression on people. Therefore, one can certainly assume that, precisely because these are ancient wisdoms that can be found in Tibet, this alone may be enough to bring about a certain revival. For many things have also been lost to the Asians, precisely because the most significant Asian culture—Indian culture—was established only later. So much of what Asians do not know could indeed be found in Tibet. Now, the people there do not really have the opportunity to disseminate this knowledge properly, because the old Tibetan priestly hierarchy did nothing to spread it; they simply wanted to retain their old rule for themselves. Knowledge is power, after all, when it is kept secret. And when the Europeans came to Tibet, they did not understand these things. So there isn’t much hope that the true Tibetan truths can be disseminated; they live on in ancient traditions. After all, the fact is that much of it has been passed down to posterity, and one can already get a mental image of what is actually hidden there. But it’s hard to imagine any real dissemination. As you say in your question, the whole matter is indeed decadent; but if one goes back to what is written in the crypts, rather than relying on what the priesthood says, then one will be able to uncover something extraordinary. It will, however, be extremely difficult to decipher. Without anthroposophy, this is hard to find. Anthroposophy can decipher it, but it does not need to, because it discovers the truth on its own.

[ 15 ] Frage: Wie könnte Europa etwas tun, um eine solche abwärtsgehende Zeitströmung in Asien wiederum aufwärtszubringen?

[ 15 ] Question: What could Europe do to reverse this downward trend in Asia and turn it around?

[ 16 ] Dr. Steiner: Das ist nun eine sehr schöne Frage! Denn sehen Sie, wenn Europa nicht etwas tut, dann muß eben da die Welt abwärtsgehen! Denn in Asien drüben ist es so - das geht ja aus den Worten hervor, die ich eben gesagt habe -, daß die Leute am alten festhalten, aber eben keinen Fortschritt kennen. Sie sehen das an China. China ist auf derselben Stufe, auf der es vor Jahrtausenden gestanden hat. Vieles haben die Chinesen vor Jahrtausenden gehabt, was in Europa viel später erst entdeckt worden ist: Papier, Buchdruckerkunst und so weiter haben sie dort schon gehabt. Aber sie nehmen nicht Fortschritte an, sondern sie behalten es in der alten Form.

[ 16 ] Dr. Steiner: That’s a very good question! Because, you see, if Europe doesn’t do something, then the world is bound to go downhill! For over in Asia—as is clear from what I just said—people cling to the old ways but know nothing of progress. You can see this in China. China is at the same stage it was at millennia ago. The Chinese had many things millennia ago that were not discovered in Europe until much later: paper, the art of printing, and so on—they already had those there. But they do not embrace progress; instead, they preserve things in their old form.

[ 17 ] Die Europäer wiederum, wenn sie über Asien kommen, was tun sie dann? Nicht wahr, die Engländer haben den Chinesen das Opium gebracht und solche Dinge, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts! Aber die Europäer haben eigentlich bis jetzt nichts Rechtes getan, um in Asien irgendwie rechtes Geistesleben zu verbreiten. Es ist auch schwer, weil die Leute das einfach nicht annehmen.

[ 17 ] The Europeans, on the other hand, when they come to Asia, what do they do? Isn’t it true that the English brought opium and such things to the Chinese in the first half of the 19th century! But the Europeans have actually done nothing worthwhile so far to spread any kind of genuine spiritual life in Asia. It’s also difficult because people simply won’t accept it.

[ 18 ] Sehen Sie, da ist es interessant: Sie wissen ja, es gibt da auch europäische Missionare; die gehen hinüber mit der europäischen Religion, europäischen Theologie und wollen in Asien drüben europäische Kultur verbreiten. Ja, das macht auf die Asiaten gar keinen Eindruck! Denn da schildern ihnen dann diese Missionare einen Christus Jesus, wie sie ihn sich vorstellen. Da sagt der Asiate: Ja, wenn ich auf meinen Buddha hinschaue, der hat viel vorzüglichere Eigenschaften! - Also das imponiert ihnen gar nicht. Es würde ihnen erst imponieren, wenn man den Jesus Christus so darstellte, wie er hier in diesen Vorträgen vor einiger Zeit - auch auf Fragen von Ihnen hin - vorgestellt worden ist. Dann würde das natürlich einen Eindruck machen. Aber es würde dem noch immer gegenüberstehen, daß der Asiate eben konservativ ist, reaktionär ist, und daß er zunächst mißtrauisch ist.

[ 18 ] You see, here’s the interesting part: As you know, there are also European missionaries; they go over there with the European religion and European theology, and want to spread European culture in Asia. Well, that doesn’t make any impression on the Asians at all! Because these missionaries then describe to them a Jesus Christ as they have a mental image of him. Then the Asian says: “Yes, when I look at my Buddha, he has far more admirable qualities!”—So that doesn’t impress them at all. It would only impress them if Jesus Christ were portrayed as he was presented here in these lectures some time ago—also in response to questions from you. Then, of course, that would make an impression. But it would still be countered by the fact that Asians are, after all, conservative, reactionary, and initially suspicious.

[ 19 ] Es ist auch sehr merkwürdig, meine Herren: Sehen Sie, es gibt einzelne Schüler von den alten Weisheiten. Diese Schüler in Asien drüben, die haben von tibetanischen Gelehrten, Weisen, tibetanischen Eingeweihten etwas gelernt. Die Eingeweihten selber befassen sich mit den Europäern nicht; aber Schüler haben sich immerhin mit ihnen befaßt. Ja, da ist man manchmal ganz außerordentlich erstaunt. Ich habe Ihnen ja manches schon gesagt, was Sie verwundert haben wird, wie der Einfluß des Weltenalls auf den Menschen ist. Wenn man das wirklich erforschen will, da gehört sehr viel Zeit dazu. Ich kann wirklich sagen: Manches von dem, was ich Ihnen heute sagen kann, hat vierzig Jahre gedauert, bis ich es sagen konnte! Denn man kann das nicht von heute auf morgen finden, sondern das muß man durch Jahre hindurch finden. Nun findet man solche Dinge. Man findet zum Beispiel das, was ich Ihnen erzählt habe über den Mond, daß er eine Bevölkerung hat, die mit der Erdenbevölkerung das zu tun hat, daß die Fortpflanzung dadurch geregelt wird. Ja wirklich, meine Herren, das findet man nicht auf den Wegen, die die gegenwärtige Wissenschaft geht; das findet man auch nicht von heute zu morgen, sondern das findet man eben im Lauf vieler Jahre. Es ist so! Dann hat man es. Ja, aber dann, wenn man es hat, dann geht einem plötzlich ein merkwürdiges Licht auf über dasjenige, was die Schüler der orientalischen Eingeweihten sagen. Vorher versteht man das gar nicht. Die Leute reden, sagen wir, von Geistern des Mondes und ihrem Einfluß auf die Erde. Die europäischen Gelehrten sagen: Das ist ja alles Unsinn, was die sagen! Wenn man aber selber daraufkommt, sagt man nicht mehr, das ist ein Unsinn, sondern man ist nur erstaunt darüber, was diese alten Köpfe vor vielen tausend Jahren eben schon gewußt haben, und was der Menschheit wiederum verlorengegangen ist! Das ist sogar ein großer Eindruck, den man bekommen kann: Man erforscht selber diese Dinge mit ungeheurer Mühe, und dann kommt man darauf, daß das schon einmal gewußt worden ist, und nur in einer heute unverständlichen Weise manchmal selbst von denen, die es sagen, gar nicht verstanden - aus alten Zeiten herübergekommen ist. Also einen gewissen Respekt kann man schon bekommen, einen großen Respekt, eine große Achtung vor demjenigen, was da einmal da war.

[ 19 ] It is also very strange, gentlemen: You see, there are a few students of the ancient wisdom traditions. These students over in Asia have learned something from Tibetan scholars, sages, and Tibetan initiates. The initiates themselves do not concern themselves with Europeans; but disciples have, at any rate, engaged with them. Yes, one is sometimes quite extraordinarily astonished. I have already told you many things that must have surprised you, such as the influence of the universe on human beings. If one really wants to explore this, it takes a great deal of time. I can truly say: Some of what I am able to tell you today took forty years before I could speak of it! For one cannot discover such things overnight; rather, one must uncover them over the course of many years. Now, one does discover such things. For example, one discovers what I have told you about the Moon—that it has a population which is connected to the Earth’s population in such a way that reproduction is regulated by it. Yes, truly, gentlemen, this is not discovered through the methods of modern science; nor is it discovered overnight, but rather over the course of many years. That is how it is! Then one has it. Yes, but then, once you have it, a strange light suddenly dawns on you regarding what the disciples of the Eastern initiates say. Before that, you don’t understand it at all. People speak, let’s say, of spirits of the Moon and their influence on Earth. European scholars say: “That’s all nonsense, what they’re saying!” But when you come to this realization yourself, you no longer say it’s nonsense; instead, you’re simply amazed at what those ancient minds already knew many thousands of years ago—and what has since been lost to humanity! This can actually make a profound impression on you: You research these things yourself with tremendous effort, and then you realize that this was already known once before—and has come down to us from ancient times in a way that is incomprehensible today, sometimes not even understood by those who speak of it. So you can certainly develop a certain respect—a great respect, a deep reverence—for what once existed there.

[ 20 ] Nun wäre es notwendig, wenn die Europäer in Asien drüben etwas tun wollten, daß sie sich zunächst natürlich mit der Anthroposophie beschäftigten! Denn auf eine andere Weise werden sie da gar nichts zu tun bekommen. Die heutige europäische Wissenschaft und Technik, die imponiert den Asiaten nicht, denn die heutige europäische Wissenschaft betrachten sie als kindisch, als etwas, was sich nur im Äußerlichen hält, und die äußerliche europäische Technik dafür haben sie keinen Bedarf. Sie sagen: Warum sollen wir uns an Maschinen stellen? Das ist unmenschlich! - Das imponiert ihnen gar nicht, und sie betrachten es als einen Eingriff in ihre Rechte, wenn man Eisenbahnen und Fabriken drüben baut; das tun die Europäer. Das hassen die aber dort eigentlich. So kann man wiederum nicht vorgehen. Man muß auch etwas lernen von den alten Zeiten. Und in alten Zeiten hatte man tatsächlich einen gewissen Geist dafür, wie man vorgehen soll.

[ 20 ] Now, if Europeans want to accomplish anything over in Asia, it would be necessary for them to first, of course, engage with anthroposophy! For otherwise, they will not be able to accomplish anything there at all. Modern European science and technology do not impress Asians, for they regard modern European science as childish, as something that remains merely superficial, and they have no need for superficial European technology. They say: Why should we stand in front of machines? That’s inhuman!”—That doesn’t impress them at all, and they regard it as an infringement of their rights when railroads and factories are built over there; that’s what Europeans do. But they actually hate that over there. So one cannot proceed that way either. One must also learn something from the olden days. And in the olden days, people actually had a certain spirit for how to proceed.

[ 21 ] Sehen Sie, warum sollte es der heutigen europäischen Kultur nicht gelingen, in Asien drüben etwas zu tun? Es ist ja einem Menschen gelungen, in Asien drüben mit der griechischen Kultur etwas zu tun! Das war im 4. Jahrhundert vor der Begründung des Christentums: Dem Alexander dem Großen ist es gelungen. Alexander der Große hat vieles von der griechischen Kultur doch nach Asien hinübergebracht. Das ist jetzt dort drinnen. Das ist sogar auf dem Umweg von Spanien durch die Araber und durch die Juden wiederum nach Europa gekommen, was da Alexander nach Asien hinübergebracht hat! Aber wodurch ist es denn Alexander dem Großen gelungen, diese Sachen überhaupt nach Asien hinüberzubringen? Nur dadurch, daß er nicht so vorgegangen ist wie die heutigen Europäer. Die Europäer betrachten sich als die gescheiten Leute, als die absolut gescheiten Leute. Wenn sie nun irgendwo anders hinkommen, so sagen sie: Die sind ja alle dumm; also müssen wir ihnen unsere Weisheit bringen. - Ja, damit können die anderen gar nichts anfangen. Das hat Alexander nicht getan; sondern der ging zunächst ganz auf das ein, was die Leute hatten. Der hat nur ganz langsam, in kleiner Weise in das, was die anderen hatten, etwas hineinfließen lassen, hat geschätzt und geachtet, was die anderen hatten.

[ 21 ] Look, why shouldn’t today’s European culture be able to make an impact over in Asia? After all, one man succeeded in making an impact over in Asia with Greek culture! That was in the 4th century before the founding of Christianity: Alexander the Great succeeded. Alexander the Great did, after all, bring much of Greek culture over to Asia. It’s there now. What Alexander brought over to Asia even made its way back to Europe via a detour through Spain, via the Arabs and the Jews! But how did Alexander the Great manage to bring these things to Asia in the first place? Only because he didn’t proceed the way today’s Europeans do. Europeans consider themselves the smart people—the absolutely smart people. So when they go somewhere else, they say: “They’re all stupid; so we have to bring them our wisdom.”—Well, the others can’t make head or tail of that. Alexander didn’t do that; instead, he first fully engaged with what the people already had. He only very slowly, in small ways, allowed something of his own to flow into what the others had; he valued and respected what the others had.

[ 22 ] Und das ist überhaupt das Geheimnis, irgendwo etwas hineinzubringen! Trotzdem gegen die Engländer so viel zu sagen ist, trotzdem es zum Beispiel ein trauriges Kapitel ist in der englischen Geschichte, daß die Engländer das Opium zum Beispiel aus lauter Egoismus nach China gebracht haben, um Geschäfte damit zu machen, und trotzdem vieles andere zu sagen ist gegen die Engländer, muß man doch das sagen: Nicht gerade auf geistigem Gebiet, aber auch da sogar - aber namentlich auf wirtschaftlichem Gebiete wissen die Engländer immer zu achten, was bei den Völkern, zu denen sie kommen, üblich ist. Sie wissen das einfach zu achten! Am wenigsten wissen das zu achten zum Beispiel die Deutschen. Die Deutschen sind deshalb unglücklich in allem Kolonisieren, weil sie sich gar keine Gedanken darüber machen, wie es ausschaut bei denjenigen Menschen, bei denen sie ihre Kolonien haben wollen. Über Hals und Kopf sollen die das annehmen, was die Deutschen selber in der Mitte von Europa haben! Das geht natürlich nicht. Deshalb ist es ja auch so, daß die Entwickelung diesen Weg gemacht hat: England ist glücklich in der Behauptung seiner Kolonien, wenn auch die Kolonisten revoltieren und alles mögliche - wirtschaftlich behält doch England immer die Oberhand. Also die Engländer verstehen immerhin auf die Natur und auf das Wesen fremder Völker einzugehen. Die Engländer führen ja auch ganz anders Kriege, als zum Beispiel die Deutschen sie führen. Wie stellt sich der Deutsche vor, daß irgendwo ein Volk bekriegt werden soll? Ich will jetzt gar nicht gegen den Krieg reden, sondern nur erzählen, wie sich die Deutschen das vorstellen: Nun, da muß man eben losziehen und dieses Volk besiegen. - Das tun die Engländer nicht, sondern sie schauen zunächst zu, putschen eher noch ein anderes Volk auf und lassen sich die untereinander zerschlagen, und sie schauen zu, so lang es nur irgend geht, das heißt, sie lassen die Menschen untereinander fertig werden. So hat sich die Geschichte immer gegeben. Dadurch ist ja gerade dieses englische Weltreich begründet worden. Die anderen, nicht wahr, wissen niemals eigentlich, wie der Hase läuft. Die Engländer haben einen gewissen Instinkt dafür, dasjenige, was die Eigentümlichkeit der fremden Völker ist, doch zu achten. Dadurch ist es ja den Engländern gelungen, eine so kolossale wirtschaftliche Übermacht zu erlangen. In England wäre es sicher keinem Menschen eingefallen, das zu tun, was man jetzt in Deutschland gemacht hat, nämlich Rentenmark einzuführen. Selbstverständlich ist jetzt in Deutschland die größte Geldnot. Kein Mensch hat Geld. Aber wie die Rentenmark gemacht worden ist - das sogenannte wertbeständige Geld -, da haben die Leute das als etwas furchtbar Gescheites betrachtet! Es war natürlich das Dümmste, was man hat tun können. Denn solange in England jedes Papiergeld durch Gold gedeckt ist, geht es nicht anders, als daß man das in der ganzen Welt macht im Wirtschaftlichen: für jedes Papiergeld Golddeckung zu haben. Macht man Geld, wofür keine Golddeckung da ist, so muß dieses Geld entweder sofort an Wert heruntergehen, das heißt, die Valuta muß sinken, oder wenn man es künstlich macht, wie man es jetzt mit dem wertbeständigen Geld macht, dann werden eben die Waren um so teurer. Nicht wahr, nun hat man eine Rentenmark in Deutschland; die ist immer eine Mark wert. Ja, aber, meine Herren, da kriegt man nur so viel, als man früher für fünfzehn Pfennige gekriegt hat, also ist sie in Wirklichkeit doch nicht mehr wert als fünfzehn Pfennig. Daß sie nicht sinkt, daß sie «Wertbeständigkeit» hat, das ist ja nur eine Täuschung. Und so ist es: Man denkt in Deutschland, aber man hat keinen Sinn dafür, die Wirklichkeiten zu beachten.

[ 22 ] And that’s really the secret—to sneak something in somewhere! Even though there is so much to be said against the English—even though, for example, it is a sad chapter in English history that the English brought opium to China out of sheer selfishness in order to do business with it—and even though there is much else to be said against the English, one must still say this: Not exactly in the intellectual sphere—though even there, to some extent—but particularly in the economic sphere, the English always know how to respect what is customary among the peoples among whom they find themselves. They simply know how to respect that! The Germans, for example, are the least capable of respecting that. The Germans are therefore unsuccessful in all their colonizing endeavors because they give no thought whatsoever to how things appear to the very people among whom they wish to establish their colonies. They expect those people to accept, headlong, whatever the Germans themselves have in the heart of Europe! Of course, that doesn’t work. That is precisely why history has taken this course: England is successful in maintaining its colonies; even when the colonists revolt and cause all sorts of trouble, England still retains the upper hand economically. So the English, at least, know how to respond to the nature and character of foreign peoples. The English also wage war quite differently than, for example, the Germans do. How does a German imagine that a people somewhere should be waged war against? I don’t want to speak out against war now, but only to explain the German mental image: Well, you simply have to set out and defeat that people. - The English don’t do that; instead, they watch from the sidelines at first, often inciting one people against another and letting them tear each other apart, and they watch for as long as possible—that is, they let the people fight it out among themselves. That’s how history has always unfolded. It is precisely this approach that laid the foundation for the British Empire. The others, don’t you think, never really know how things work. The English have a certain instinct for respecting what makes foreign peoples unique. That is precisely how the English have managed to achieve such colossal economic supremacy. In England, it certainly would never have occurred to anyone to do what has now been done in Germany—namely, to introduce the Rentenmark. Of course, Germany is now facing a severe monetary crisis. No one has any money. But the way the Rentenmark was created—the so-called “stable currency”—people regarded it as something incredibly clever! It was, of course, the most foolish thing one could have done. For as long as every unit of paper money in England is backed by gold, there is no alternative but for the entire world to follow this economic principle: to have gold backing for every unit of paper money. If you create money for which there is no gold backing, then that money must either immediately lose value—that is, the exchange rate must fall—or, if you create it artificially, as is now being done with “stable-value money,” then goods simply become all the more expensive. Isn’t that right? Now we have a Rentenmark in Germany; it’s always worth one mark. Yes, but, gentlemen, you can only buy as much with it as you used to get for fifteen pfennigs, so in reality it is worth no more than fifteen pfennigs. The fact that it does not lose value—that it has “stability of value”—is merely an illusion. And that is how it is: People in Germany think, but they have no sense of paying attention to reality.

[ 23 ] Sehen Sie, da gibt es eine recht nette Anekdote, wie die verschiedenen Völker Naturgeschichte, sagen wir zum Beispiel von einem Känguruh, studieren, oder von irgendeinem andern Tiere, das in Afrika ist. Der Engländer macht eine Reise nach Afrika - wie ja Darwin überhaupt, um zur Naturwissenschaft zu kommen, seine Weltreise gemacht hat, und betrachtet das Tier da, wo es wirklich lebt. Da kann er sehen, wie es lebt, wie seine Naturbedingungen sind. Der Franzose, der trägt dieses Tier fort von der Wüste in den Zoologischen Garten. Er studiert es im Zoologischen Garten; er betrachtet nicht das Tier in seiner natürlichen Umgebung, sondern im Zoologischen Garten. Aber der Deutsche, was tut denn der? Der kümmert sich überhaupt nicht um das Tier, wie es ausschaut, sondern er setzt sich in seine Studierstube, fängt an nachzudenken. Das Ding an sich interessiert ihn ja nicht - nach der Kantschen Philosophie, wie ich Ihnen neulich gesagt habe -, sondern nur, was in seinem Kopfe ist. Dann denkt er sich genügend lange etwas aus. Und nachdem er genügend lange nachgedacht hat, sagt er etwas. Aber das stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein.

[ 23 ] You see, there’s a rather nice anecdote about how different peoples study natural history—let’s say, for example, that of a kangaroo, or of any other animal found in Africa. The Englishman takes a trip to Africa—just as Darwin himself undertook his round-the-world voyage to pursue natural science—and observes the animal in its natural habitat. There he can see how it lives and what its natural conditions are like. The Frenchman, on the other hand, takes this animal away from the desert and into the zoo. He studies it in the zoo; he doesn’t observe the animal in its natural environment, but rather in the zoo. But the German—what does he do? He doesn’t care at all about what the animal looks like; instead, he sits down in his study and starts to think. He isn’t interested in the thing in itself—according to Kantian philosophy, as I told you the other day—but only in what’s in his head. Then he thinks things through for a sufficiently long time. And after he’s thought about it long enough, he says something. But that doesn’t correspond to reality.

[ 24 ] Aber nun ist das mit Bezug auf die Engländer auch nur verhältnismäßig. Denn wie in alten Zeiten verfahren worden ist, auf den Menschen zu wirken, so versteht das heute in Europa kein Mensch mehr - wie Alexander der Große scheinbar alles gelassen hat, wie es war, und nur ganz zizerlweis, langsam dasjenige, was er von Griechenland nach Asien hinzubringen hatte, tat. Das versteht kein Mensch mehr in Europa. Das müßten sich aber die Europäer wieder angewöhnen. Daher wäre das erste, was die Europäer lernen müßten, nicht bloß hinzutragen nach Asien das, was die schon haben, sondern die Europäer sollten vor allen Dingen ganz aufmerksam lernen, was die Asiaten wissen; dann würden sie zum Beispiel das, was tibetanische Weisheit ist, dann wissen. Dann würden sie es nicht in der alten Weise den Leuten sagen, sondern in der neuen Weise, würden aber das benutzen, was tibetanische Weisheit ist. Und dann würden sie, wenn sie die Kultur der anderen achten würden, damit etwas erreichen. Das ist dasjenige, was Europa gerade lernen muß. Europa ist eigentlich ein großes Theoriengebäude. Europa theoretisiert, hat eigentlich im Grunde genommen keine Praxis. Es ist schon so! Europa macht auch Geschäfte auf theoretische Weise, bloß dadurch, daß die Sachen ausgedacht werden. Das geht dann eine Zeitlang. Das geht immer nicht auf die Dauer. Aber Europa ist namentlich in der Ausbreitung der Geisteskultur höchst unglücklich, weil es gar nicht versteht, irgendwie einzugehen auf die anderen. Auch da muß die Geisteswissenschaft eine Sinnesänderung bringen. Aber wie geht das heute noch zu? Sehen Sie, meine Herren, es handelte sich gerade bei der Anthroposophie darum, ganz im Sinne einer Lebenspraxis, einer richtigen Praxis zu handeln. Nun, man muß doch irgendwo anfangen. Was habe ich selber getan, meine Herren? Ich habe einmal über Nietzsche geschrieben - da haben die Leute geglaubt, jetzt sei ich ein Anhänger Nietzsches. Hätte ich so geschrieben, wie es die Leute hätten haben wollen nach so manchen Ansichten, so hätte ich geschrieben: Nietzsche ist ein großer Narr, Nietzsche hat diese und jene Narrheiten behauptet, man muß Nietzsche bekämpfen bis aufs Messer und so weiter. Ich würde eine gegnerische Schrift gegen Nietzsche geschrieben haben; da hätte ich fein schimpfen können, fast so stark, wie Nietzsche selber geschimpft hat - aber es würde gar nichts genützt haben, es würde gar keinen Wert gehabt haben! - Ich bin eingegangen auf die Nietzschesche Lehre; ich habe das dargestellt, was Nietzsche selber gesagt hat, und ließ nur da hineinfließen dasjenige, was Anthroposophie ist. Heute kommen die Leute und sagen: Der war früher Nietzsche-Anhänger, jetzt ist er Anthroposoph. - Gerade weil ich Anthroposoph bin, ist über Nietzsche so geschrieben worden, wie es von mir geschrieben worden ist! Dann habe ich über Haeckel geradeso geschrieben. Ich hätte natürlich schreiben können: Haeckel ist ein krasser Materialist, der versteht gar nichts vom Geist und so weiter. Ja, meine Herren, wiederum wäre damit nichts getan gewesen; sondern ich habe den Haeckel genommen wie er ist, habe es überhaupt mit allem so gemacht, habe nicht verleugnet die Sachen, aber eben die Dinge so genommen, wie sie sind. Und damit fing wenigstens durch die Anthroposophie dasjenige an, was man nun, wenn man die Kultur nach Asien hinübertragen müßte, da tun müßte! Man müßte, wenn man nach Indien geht, vor allen Dingen genau wissen: Das ist von den alten Brahmanen behauptet worden -; das wird von den Buddhisten behauptet. Man muß den Leuten dann Buddhismus und Brahmanismus vortragen, aber da hineinfließen lassen dasjenige, was man für das Richtige hält. So haben es zum Beispiel die Schüler von Buddha selber gemacht. Die Schüler von Buddha haben noch, kurz bevor das Christentum entstanden ist, in Babylon drüben am Euphrat und Tigris den Buddhismus ausgebreitet, aber eben so, wie ich es Ihnen jetzt erzählt habe, indem sie durchaus zu den Menschen so gesprochen haben, daß die etwas verstehen konnten. Im Altertum kam es einem nämlich gar nicht darauf an, so die Theorien durchzudrücken, bloß eigensinnig zu sein. Die Asiaten verstehen gar nicht den europäischen Eigensinn. Es ist durchaus so, daß zum Beispiel das Verhältnis von den Brahmanen zu den Buddhisten nicht so ist wie das zwischen den Katholiken und Protestanten. Katholiken und Protestanten betreiben heute ihre Lehre ganz theoretisch: Der eine glaubt das, der andere etwas anderes. Zwischen den Brahmanen und Buddhisten ist kaum ein anderer Unterschied, als daß die Brahmanen den Buddha nicht verehren und die Buddhisten ihn verehren. Und so kommen sie eigentlich in ganz anderer Weise miteinander aus, als Evangelische und Katholische in Europa miteinander auskommen.

[ 24 ] But when it comes to the English, this is only relative. For no one in Europe today understands the methods used in ancient times to influence people—how Alexander the Great apparently left everything as it was and only very gradually, little by little, carried out what he had to bring from Greece to Asia. No one in Europe understands that anymore. But Europeans would have to get used to that again. Therefore, the first thing Europeans would have to learn is not merely to carry over to Asia what they already have, but above all, they should learn very attentively what the Asians know; then they would, for example, come to understand what Tibetan wisdom is. Then they would not tell people about it in the old way, but in the new way, while making use of what Tibetan wisdom is. And then, if they respected the culture of others, they would achieve something through that. That is precisely what Europe must learn. Europe is, in fact, a vast edifice of theory. Europe theorizes; it actually has no practical experience to speak of. That is simply the way it is! Europe also conducts business in a theoretical manner, merely by devising things. That works for a while. But it never works in the long run. But Europe is particularly ill-suited when it comes to the spread of spiritual culture, because it does not understand at all how to engage with others in any way. Here, too, Spiritual Science must bring about a change of heart. But how is that still possible today? You see, gentlemen, anthroposophy was precisely about acting entirely in the spirit of a way of life, a true practice. Well, one has to start somewhere. What have I done myself, gentlemen? I once wrote about Nietzsche—and people believed that I was now a follower of Nietzsche. If I had written the way people would have wanted me to, according to many of their views, I would have written: Nietzsche is a great fool; Nietzsche has asserted this and that folly; one must fight Nietzsche tooth and nail, and so on. I would have written a polemic against Nietzsche; I could have railed against him, almost as fiercely as Nietzsche himself did—but it would have been of no use at all, it would have had no value whatsoever!—I delved into Nietzsche’s teachings; I presented what Nietzsche himself said, and incorporated into it only what anthroposophy is. Today people come and say: He used to be a follower of Nietzsche; now he’s an anthroposophist. — Precisely because I am an anthroposophist is why I wrote about Nietzsche the way I did! Then I wrote about Haeckel in exactly the same way. Of course, I could have written: Haeckel is a blatant materialist who understands nothing at all about the spirit, and so on. Yes, gentlemen, that would have accomplished nothing; instead, I took Haeckel as he is—I did the same with everything—I did not deny the facts, but simply took things as they are. And with that, at least through anthroposophy, began what one would now have to do if one were to carry culture over to Asia! If one were to go to India, one would first and foremost have to know precisely: This is what the ancient Brahmins claimed—and this is what the Buddhists claim. One must then present Buddhism and Brahmanism to the people, but weave into them what one considers to be true. That is how, for example, the disciples of Buddha themselves did it. Shortly before Christianity emerged, the disciples of Buddha spread Buddhism over in Babylon, along the Euphrates and Tigris, but precisely as I have just described to you—by speaking to the people in a way that they could understand. In ancient times, after all, it was not at all a matter of forcing theories through or simply being stubborn. Asians do not understand European obstinacy at all. It is certainly true that, for example, the relationship between the Brahmins and the Buddhists is not like that between Catholics and Protestants. Catholics and Protestants today practice their doctrines in a purely theoretical way: one believes one thing, the other something else. The difference between the Brahmins and the Buddhists is hardly any greater than that the Brahmins do not revere the Buddha, whereas the Buddhists do. And so they actually get along with one another in a completely different way than Protestants and Catholics do in Europe.

[ 25 ] Es ist nun schon so, daß man einen Sinn haben muß für die Wirklichkeit, wenn man Kultur verbreiten will! Man kann förmlich Blut schwitzen, möchte ich sagen, wenn man heute gewahr wird, wie die Europäer in Asien drüben wirtschaften. Dabei geht auch alles, was Asien hat, zugrunde, und heraus kommt gar nichts dabei. Nun ist natürlich allerdings das eigentliche Elend dieses, daß Europa selber im Elend ist und daß man sehr schwer sich denken kann, wie Europa aus diesem Elend herauskommen soll. Es ist ja das große Elend dieses, daß Europa jetzt selber im Niedergang ist, daß Europa aus allen den Kulturschäden, in denen es drinnen steckt, nicht eigentlich recht herauskommen kann, wenn sich die Leute nicht dazu entschließen, eine wirkliche Geisteskultur anzunehmen. Das glauben heute noch viele nicht. Und so ist es heute so, daß alle Leute, die etwa von Asien nach Europa gekommen sind, wirklich gefunden haben: Diese Europäer sind eigentlich alle Barbaren.

[ 25 ] The fact is, one must have a sense of reality if one wants to spread culture! One could literally sweat blood, I’d say, when one realizes today how Europeans are conducting their affairs over in Asia. In the process, everything Asia has is being destroyed, and nothing good comes of it. Now, of course, the real tragedy of this is that Europe itself is in a state of misery, and it is very difficult to imagine how Europe is supposed to emerge from this misery. The great tragedy of this is that Europe is now itself in decline, that Europe cannot really extricate itself from all the cultural damage it is mired in unless people resolve to embrace a true spiritual culture. Many people still do not believe this today. And so it is today that all the people who have come to Europe from Asia, for example, have truly found that these Europeans are, in fact, all barbarians.

[ 26 ] Sie haben das wahrscheinlich auch gehört, daß allerlei Asiaten, kultivierte Asiaten, gescheite Asiaten, in Europa herumziehen; aber die haben alle die Meinung, daß die Europäer eigentlich Barbaren sind. Und das haben sie aus dem Grunde, weil eben so viel sich noch in Asien erhalten hat von der alten Wissenschaft vom Geist, von der alten Erkenntnis vom Geist, daß das, was die Europäer wissen, den Leuten kindisch vorkommt. Alles das, was so bewundert wird in Europa, das kommt den Leuten in Asien furchtbar kindisch vor!

[ 26 ] You’ve probably heard, too, that all sorts of Asians—cultured Asians, intelligent Asians—are traveling around Europe; but they all believe that Europeans are actually barbarians. And the reason they think this is that so much of the ancient science of the spirit and the ancient knowledge of the spirit has been preserved in Asia that what Europeans know seems childish to them. Everything that is so admired in Europe seems terribly childish to people in Asia!

[ 27 ] Sehen Sie, die Europäer haben sich eben so entwickelt, daß selbst ihre großen technischen Fortschritte eigentlich alle furchtbar jung sind. Interessant zum Beispiel ist ja dieses: Wenn Sie in gewisse Museen gehen, wo aus alten europäischen Zeiten Überreste sind, da können Sie manchmal furchtbar staunen. Sie können zum Beispiel staunen, sagen wir, in etruskischen Museen, wo die Überreste von dem sind, was etruskische Kultur war, also eine Kultur, die einmal in Europa war, wie die Leute geschickt waren zum Beispiel in der Zahnbehandlung. Die haben schon ganz geschickt die Zähne behandelt, eine Art Plomben eingesetzt, und das aus Stein! Das alles ist in Europa zugrunde gegangen, und es trat in Europa eine Barbarei ja wirklich ein. Zu der Zeit, in der man von der Völkerwanderung spricht - im 3. bis 7. nachchristlichen Jahrhundert -, war in Europa alles eigentlich barbarisiert. Und nach dieser Zeit erst sind die Dinge wiederum erobert worden. Natürlich wundert man sich heute furchtbar darüber, was alles errungen worden ist! Aber die Dinge waren eben schon einmal da. Woher sind sie dazumal gekommen? Dazumal sind sie mehr oder weniger aus Asien doch herübergekommen! Die Asiaten haben dann auch die äußere Technik, die sie gehabt haben, verloren. Die Chinesen haben noch einiges davon. Aber in der geistigen Kultur selber sind eben die Asiaten den Europäern in Wirklichkeit auch heute noch voraus. Und wenn wir in Europa nichts Besseres finden können als dasjenige, was die Asiaten in der geistigen Kultur haben, warum soll man denn überhaupt in Asien drüben Missionen und dergleichen Zeug haben? Das ist ja gar nicht notwendig!

[ 27 ] You see, Europeans have developed in such a way that even their great technological advances are actually all terribly recent. It’s interesting, for example, that when you visit certain museums containing artifacts from ancient European times, you can sometimes be utterly amazed. You might be amazed, for instance, in Etruscan museums—which house the remains of Etruscan culture, a civilization that once existed in Europe—at how skilled the people were in dental care, for example. They treated teeth quite skillfully, inserting a kind of filling—and made of stone, no less! All of that was lost in Europe, and a period of barbarism truly set in. During the time referred to as the Migration Period—from the 3rd to the 7th century A.D.—Europe had, in fact, become completely barbarized. And it was only after this period that these things were reclaimed. Of course, today we are utterly amazed at all that has been achieved! But these things had already existed once before. Where did they come from back then? Back then, they came over more or less from Asia! The Asians then also lost the external technology they had possessed. The Chinese still have some of it. But in spiritual culture itself, the Asians are in fact still ahead of the Europeans even today. And if we in Europe can find nothing better than what the Asians have in spiritual culture, why should we even have missions and the like over in Asia? That’s not necessary at all!

[ 28 ] Also einen Sinn bekommt die Kulturausbreitung in Asien erst wiederum dann, wenn Europa selber eine Geisteswissenschaft hat. Wenn Europa den Asiaten Geisteswissenschaft geben kann, dann werden die Asiaten sich vielleicht auch gefallen lassen, daß man ihnen die europäische Technik bringt. Aber jetzt, nicht wahr, nehmen sie nur wahr, daß die Europäer überhaupt außer dieser Technik nichts kennen. Und es ist gerade unter den Asiaten so, daß es auf sie einen großen Eindruck macht, wenn sie zum Beispiel nach Deutschland kommen - wenn so ein richtiger Asiate, der gebildet ist, gelehrt ist, in das heutige Deutschland kommt; man hat es zum Beispiel bei gut gebildeten chinesischen Gelehrten gesehen: Wenn die nach Deutschland kommen und man erzählt ihnen von Goethe und Schiller - da passen sie auf! Da sagt der Gelehrte nur: Ja, Goethe und Schiller waren zwar nicht so gescheit, nicht so weise, wie die alten asiatischen Persönlichkeiten waren, aber immerhin, da war etwas von Geistigkeit. - Aber rasch hat im 19. Jahrhundert das alles abgenommen, rasch ist das alles verschwunden. Und heute sieht der chinesische Gelehrte eben in dem Deutschen zum Beispiel einen furchtbaren Barbaren. Er sagt: Mit Goethe und Schiller ist die deutsche Kultur zugrunde gegangen. - Daß man im 19. Jahrhundert die Eisenbahn erfunden hat, das imponiert ihm nicht. Es imponiert ihm allerdings der Goethesche «Faust» noch etwas, nur behauptet er noch immer, daß seine asiatischen großen Persönlichkeiten viel weiser waren. Das müßte der Europäer zuallererst einmal einsehen. Er müßte einsehen, daß der Asiate sich aus solchen Begriffen, wie sie der Europäer hat, überhaupt nichts macht; gar nichts macht er sich daraus, sondern der Asiate will Bilder, wie die Bilder auch sind in den Klöstern von Tibet. Der Asiate will Bilder. Diese Abstraktionen, diese Begriffe, die der Europäer hat, die will der Asiate nicht haben, die tun ihm in seinem Gehirn weh, die will er nicht haben.

[ 28 ] So the spread of culture in Asia will only make sense again when Europe itself has a Spiritual Science. If Europe can give the Asians a Spiritual Science, then perhaps the Asians will also be willing to accept European technology. But right now, don’t you see, they only perceive that Europeans know nothing at all besides this technology. And it is precisely among Asians that it makes a great impression on them when, for example, they come to Germany—when a true Asian, who is educated and learned, comes to modern-day Germany; one has seen this, for example, with well-educated Chinese scholars: When they come to Germany and people tell them about Goethe and Schiller—they really pay attention! The scholar will simply say: “Yes, Goethe and Schiller were certainly not as clever, not as wise, as the ancient Asian figures were, but at least there was a certain spiritual quality there.”—But in the 19th century, all of that rapidly declined; it all vanished quickly. And today, the Chinese scholar sees the German, for example, as a terrible barbarian. He says: “German culture went to ruin with Goethe and Schiller.”—The fact that the railroad was invented in the 19th century does not impress him. Goethe’s *Faust*, however, still impresses him somewhat, though he still maintains that his great Asian figures were far wiser. This is what the European must realize first and foremost. He must realize that the Asian cares absolutely nothing for concepts such as those held by the European; he cares not a whit for them, but rather the Asian wants images, just as the images are found in the monasteries of Tibet. Asians want images. These abstractions, these concepts that Europeans have—Asians do not want them; they cause pain in their minds, and they do not want them.

[ 29 ] Und ein solches Zeichen, wie zum Beispiel das Hakenkreuz, die sogenannte Swastika - dieses Zeichen war ein uraltes Sonnenzeichen -, das war in Asien drüben überall verbreitet. An das erinnern sich die alten Asiaten noch. Gewisse bolschewistische Regierungsmänner waren so klug, geradeso wie die deutschen Völkischen, dieses alte Hakenkreuz als ihr Zeichen zu verwenden. Das macht auf die Asiaten einen viel größeren Eindruck als alles dasjenige, was der Marxismus ist. Der Marxismus besteht aus Begriffen zum Denken; das imponiert den Leuten nicht. Aber solch ein Zeichen, das imponiert den Leuten. Und wenn nicht verstanden wird, eben einzugehen auf die Leute, sondern wenn man ihnen kommt mit dem, was ihnen eine ganz fremde Sache ist, dann wird man unter ihnen absolut nichts erreichen.

[ 29 ] And a symbol such as the swastika—which was an ancient symbol of the sun—was widespread throughout Asia. The ancient Asians still remember this. Certain Bolshevik government officials were wise enough—just like the German “Völkisch” movement—to adopt this ancient swastika as their symbol. That makes a much greater impression on Asians than anything Marxism has to offer. Marxism consists of concepts for thinking; that doesn’t impress people. But a symbol like that—that impresses people. And if one fails to understand how to connect with the people, but instead approaches them with something that is completely foreign to them, then one will achieve absolutely nothing among them.

[ 30 ] So ist es schon, daß auch da sich zeigt, daß wirklich in Europa alles darauf ankommt, selber erst wiederum eine geistige Erkenntnis, eine Geisteswissenschaft zu haben.

[ 30 ] It is indeed true that here, too, it becomes evident that everything in Europe really depends on having, first and foremost, spiritual insight—Spiritual Science.

[ 31 ] Sie werden vielleicht auch gehört haben, daß ein großes, zweibändiges Buch erschienen ist von einem gewissen Spengler - der hat ja sogar in Basel einmal einen Vortrag gehalten, wie ich gehört habe -, ein Buch von Oswald Spengler: «Der Untergang des Abendlandes», also der Untergang von Europa und Amerika. Der Mann stellt dar, wie alles dasjenige, was jetzt an sogenannter europäischer Kultur da ist, zugrunde gehen muß. Das zeigt sich einem. Er betrachtet es als krank, das muß zugrunde gehen. Nun ja, meine Herren, das muß auch zugrunde gehen, was heute an äußerlicher Kultur da ist. Es muß eben von innen, vom Geist etwas Neues errichtet werden. Aber das Äußere muß zugrunde gehen. Deshalb handelt das Buch vom Untergang des Abendlandes. Man kann fast gar nichts sagen gegen das Buch, gegen das, was er sagt über den Untergang des Abendlandes, über das, was notwendig in bezug auf Äußerlichkeiten gesagt ist. Aber nun kommt der Spengler zu dem, was er positiv betrachtet, was sich ihm als Neues zeigt. Und was zeigt er, meine Herren? Was ist das bei Oswald Spengler? Das ist das Preußentum! So daß ganz Europa das Preußentum annehmen müsse; das müsse die Zukunftskultur sein von Europa, meint Spengler.

[ 31 ] You may also have heard that a large, two-volume book has been published by a certain Spengler—who, as I’ve heard, even gave a lecture in Basel once—a book by Oswald Spengler: *The Decline of the West*, that is, the decline of Europe and America. The man describes how everything that currently constitutes so-called European culture is bound to perish. That much is clear. He regards it as sick; it must perish. Well, gentlemen, what exists today as external culture must also perish. Something new must be built from within, from the spirit. But the external must perish. That is why the book deals with the Decline of the West. One can say almost nothing against the book, against what he says about the Decline of the West, about what is necessarily said with regard to external appearances. But now Spengler turns to what he views positively, to what appears to him as something new. And what does he present, gentlemen? What is it in Oswald Spengler’s work? It is Prussianism! Spengler believes that all of Europe must embrace Prussianism; that must be the future culture of Europe.

[ 32 ] Nun, ich weiß nicht, wie er in Basel geredet hat, denn ich könnte mir nicht gut denken, daß das einen großen Eindruck auf die Schweizer gemacht hätte, wenn er gezeigt hätte, daß aus diesem Untergang heraus das Preußentum kommen muß! Aber Sie sehen, daß ein sehr bedeutender Mensch, ein gescheiter Mensch, wie der Spengler, sehr gut einsehen kann: Ja, untergehen muß dasjenige, was da ist; aber es muß brutale Gewalt die Zukunft haben. Das sagt er auch ganz offen: In der Zukunft kann es nur geben den brutalen gewaltigen Eroberer - so meint er.

[ 32 ] Well, I don’t know how he spoke in Basel, for I can’t really imagine that it would have made a great impression on the Swiss if he had shown that Prussianism must emerge from this downfall! But you see that a very important person, an intelligent person like Spengler, can very well understand: Yes, what exists must perish; but the future must belong to brute force. He says this quite openly: In the future, there can only be the brutal, powerful conqueror—that is his view.

[ 33 ] Nun, wenn natürlich so etwas heute das verbreitetste Buch ist denn es ist eines der verbreitetsten Bücher in Deutschland, das von Oswald Spengler - und der Orientale, der Asiate vergleicht das, was dadrinnen steht, mit seiner eigenen Geisteskultur, und muß sich sagen: Das ist einer der gescheitesten Menschen in Europa! - und hat dabei seine hohe Geisteswissenschaft, wenn auch auf eine traumhafte, alte Weise, dann sagt er: Ja, was sind denn das für Kerle, diese allergescheitesten Leute in Europa? Die können uns nichts bringen!

[ 33 ] Well, if, of course, a book like that is the most widely read today—for it is one of the most widely read books in Germany, the one by Oswald Spengler—and the Oriental, the Asian, compares what is written in it with his own intellectual culture, he must say to himself: “This is one of the smartest people in Europe!”—and drawing on his own advanced Spiritual Science, albeit in a dreamlike, old-fashioned way, he says: “Well, what kind of people are these, these ‘smartest’ people in Europe? They can’t offer us anything!”

[ 34 ] Meine Herren, das ist eben die Sache. Und wenn daher die Frage aufgeworfen wird: Wie könnte Europa etwas tun gegen eine solche abwärtsgehende Zeitströmung in Asien drüben? - ja, da muß man eben einfach sagen: Es ist in Europa so, daß die Europäer selber erst zu sich kommen müssen, selber erst eine Geistigkeit erringen müssen, die bei ihnen verlorengegangen ist mit der Völkerwanderung. In den ersten christlichen Jahrhunderten ist eigentlich eine wirkliche Geisteskultur verlorengegangen. Denn was gekommen ist nach Europa, war ja nicht in Wirklichkeit das tiefere Christentum, sondern waren Worte, richtige Worte waren es. Das kann man am besten daraus sehen, wie Luther dann die Bibel übersetzt hat. Was hat er denn aus der Bibel gemacht? Ein unverständliches Buch! Denn man kann das nicht verstehen, was die Luthersche Bibel ist, wenn man ehrlich ist. Man kann es glauben; aber in Wirklichkeit ist das nicht zu verstehen, weil eben in Europa schon die Zeit war, wo man nichts mehr vom Geist wußte. In der Bibel ist Geist! Man muß, wenn man die Bibel übersetzt, sie eben geistig übersetzen. Aber dasjenige, was zum Beispiel eben die deutsche Luthersche Bibel enthält, das ist unverständlich, wenn man es ehrlich nimmt. Das ist auf allen Gebieten eigentlich so, mit Ausnahme der ganz äußerlichen Naturerkenntnisse, die aber in die Welt in Wirklichkeit gar nicht hineinführen. Und wenn Europa überhaupt in Asien drüben etwas tun will, so muß ich auf diese Frage antworten: Es wird erst etwas tun können, wenn es einmal selbst zur Besinnung gekommen ist.

[ 34 ] Gentlemen, that is precisely the point. And so when the question is raised: How could Europe do anything to counter such a downward trend over in Asia?—well, one simply has to say: The situation in Europe is such that Europeans themselves must first come to their senses, must first attain a spiritual mindset that was lost to them with the Migration Period. In the early Christian centuries, a genuine spiritual culture was actually lost. For what came to Europe was not, in reality, deep Christianity, but rather words—and they were correct words. This is best seen in how Luther then translated the Bible. What did he make of the Bible? An incomprehensible book! For, if one is honest, one cannot understand what the Lutheran Bible is. One can believe it; but in reality it cannot be understood, precisely because the time had already come in Europe when people knew nothing more of the spirit. There is spirit in the Bible! When translating the Bible, one must translate it spiritually. But what, for example, the German Lutheran Bible contains is incomprehensible if one takes it honestly. This is actually true in all areas, with the exception of purely external knowledge of nature—which, however, does not really lead one into the world at all. And if Europe wants to do anything at all over in Asia, I must answer this question: It will only be able to do something once it has come to its senses.

[ 35 ] Nun, meine Herren, ich muß jetzt eine Reise nach Paris machen; ich werde es Ihnen dann sagen, wann wir die Sache fortsetzen.

[ 35 ] Well, gentlemen, I must now make a trip to Paris; I will let you know when we will continue this matter.

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