Philosophy, History and Literature
GA 51
28 December 1904, Berlin
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Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen IX
History of the Middle Ages Up to the Great Inventions and Discoveries IX
[ 1 ] Wie sich das Leben des Mittelalters in den Städten herangebildet hat, haben wir gesehen.
[ 1 ] We have seen how life in medieval cities developed.
[ 2 ] Wir sind bis dahin gekommen, wo das öffentliche Leben sich hauptsächlich in dem Leben der Städte abspielt. Ursprünglich war die Veranlassung zur Ansiedelung in den Städten die Bedrückung der Landleute und die Ausbreitung des Handelswesens.
[ 2 ] We have reached a point where public life takes place mainly in cities. Originally, the motivation for settling in cities was the oppression of rural people and the expansion of trade.
[ 3 ] Wir haben gesehen, wie diejenigen, welche ihren Bedrükkern entflohen oder sich dem Handel gewidmet hatten, sich entweder in einem Bischofssitz oder an einer anderen Stätte mittelalterlicher Macht ansiedelten. Zunächst befand sich der Teil der Bevölkerung, welcher die Städte bewohnte, nicht in einer angenehmen Lage; sie mußten ihrem früheren Gutsherrn Abgaben zahlen, Waffen, Kleider und so weiter liefern. Diejenigen, die in die Städte gezogen waren und sich dem Handel gewidmet hatten, sowie die, welche königliche, bischöfliche oder sonstige Beamte waren, bildeten zunächst die eigentlich freien bevorzugten Stände. Aber mehr und mehr wurden die Vorrechte der Beamten und der Kaufleute, die das Patriziat bildeten, den Bevorrechteten abgenommen von denen, die bedrückt lebten. Am Rhein in Süddeutschland wurde diese Gleichberechtigung im 13. und 14. Jahrhundert errungen. Könige und Kaiser rechneten damit.
[ 3 ] We have seen how those who had fled their oppressors or turned to trade settled either in a bishopric or at some other seat of medieval power. At first, the segment of the population that lived in the cities was not in a comfortable situation; they had to pay taxes to their former landlords and supply weapons, clothing, and so on. Those who had moved to the cities and devoted themselves to trade, as well as those who were royal, episcopal, or other officials, initially formed the truly free, privileged classes. But increasingly, the privileges of the officials and merchants—who made up the patriciate—were taken away from the privileged class by those who lived under oppression. Along the Rhine in southern Germany, this equality was achieved in the 13th and 14th centuries. Kings and emperors took this into account.
[ 4 ] Früher hatten die herumziehenden Könige bald hier bald dort Hof gehalten, nun ließen sie sich in den Städten nieder. Die Herrscher mußten rechnen mit den Städten, sie fanden in ihnen Grund zu eigener Machtentfaltung. Daher wurden den Städten gewisse Rechte übertragen, Gerichtsbarkeit, Münzrecht und so weiter. Auf diese Weise wuchs ihre Macht immer mehr. Ein demokratisches Element bildete sich dadurch jetzt in Deutschland. Früher hatte der Grundadel, der Feudaladel der Zeit ihr bestimmtes Gepräge gegeben. Statt dessen ist jetzt etwas Neues aufgekommen. Immer mehr wurden in den Städten die Vorrechte beseitigt. Statt allgemeine Betrachtungen anzustellen, wollen wir uns zu bestimmten Beispielen wenden. Köln war schon lange eine wichtige Handelsstadt, Sitz eines mächtigen Klerus; auch auf geistigem Gebiete wurden ja die Städte zu einer Macht. Dort hatte der untergeordnete Stand sich bald Gleichberechtigung mit dem Patriziat, eine Art von Verfassung erworben, das Eidbuch, in dem verzeichnet war, was jeder einzelne für Rechte hatte. Zusammengeschlossen hatten sich die Zünfte, von denen es in Köln zweiundzwanzig gab, die vor dem 14. Jahrhundert auch hier von den Patriziern abhängig waren. Jetzt, im Jahre 1321, eroberten diese die Gleichberechtigung.
[ 4 ] In the past, the wandering kings had held court here and there; now they settled in the cities. The rulers had to reckon with the cities; they found in them a basis for the expansion of their own power. Consequently, certain rights—jurisdiction, the right to mint coins, and so on—were granted to the cities. In this way, their power grew steadily. A democratic element thus began to take shape in Germany. Previously, the landed nobility—the feudal nobility of the time—had left its distinct mark on the country. Instead, something new has now emerged. Privileges were increasingly being abolished in the cities. Rather than making general observations, let us turn to specific examples. Cologne had long been an important trading city and the seat of a powerful clergy; indeed, the cities were also becoming a force in the intellectual sphere. There, the lower classes had soon secured equal rights with the patriciate—a kind of constitution, the Eidbuch, which set forth the rights of each individual. The guilds—of which there were twenty-two in Cologne—had united; prior to the 14th century, they too had been dependent on the patricians here. Now, in the year 1321, they achieved equal rights.
[ 5 ] Der Stadtrat wurde nicht nur aus Patriziern zusammengesetzt, sondern die Mitglieder der Zünfte hatten gleiches Wahlrecht. Um diesen Rat möglichst demokratisch zu gestalten, sollten die Mitglieder immer nur auf eine halbes Jahr gewählt werden und nachher auf drei Jahre nicht wählbar sein. Mit der Durchführung des demokratischen Prinzips wuchs auch das Interesse des einzelnen Bürgers am Aufblühen der Städte. Noch bis ins 12. Jahrhundert waren solche Städte nicht viel anderes als schmutzige Dörfer mit strohgedeckten Häusern. Aber wir sehen sie in wenigen Jahren in ganz auffallender Weise wachsen. Jeder Mann ist jetzt Bürger und mit der Teilnahme des Einzelnen wächst das Ansehen und die Schönheit der Stadt.
[ 5 ] The city council was not composed solely of patricians; members of the guilds also had equal voting rights. To make this council as democratic as possible, members were to be elected for only half a year at a time and were subsequently ineligible for election for three years. As this democratic principle was put into practice, individual citizens’ interest in the cities’ prosperity also grew. Until well into the 12th century, such cities were little more than dirty villages with thatched-roof houses. But within a few years, we see them grow in a truly remarkable way. Every man is now a citizen, and with the participation of each individual, the city’s prestige and beauty flourish.
[ 6 ] Was die Städte angaben, wirkte bestimmend auch auf die ganze hohe Politik. Was konnte Städte wie Hamburg, Lübeck, Köln politisch interessieren, wie es früher die Könige und Herzöge draußen trieben? Als die Städte anfingen Politik zu treiben, geschah es nach städtischer Weise. Weite Gebiete verbündeten sich zur Wahrung ihrer städtischen Interessen. Solche mächtigen Städtebündnisse bildeten sich zuerst in Norddeutschland, später schlossen die norditalienischen Städte ebensolche Bündnisse. Die deutschen Städte erlangten auch weithin im Ausland bedeutenden Einfluß; in Bergen, in London hatten sie ihr mächtiges Gildehaus.
[ 6 ] The positions taken by the cities also had a decisive influence on high politics as a whole. Why would cities like Hamburg, Lübeck, and Cologne be politically interested in what kings and dukes were doing out there? When the cities began to engage in politics, they did so in their own way. Vast regions formed alliances to safeguard their urban interests. Such powerful city alliances first emerged in northern Germany; later, the cities of northern Italy formed similar alliances. The German cities also gained significant influence far beyond their borders; in Bergen and London, they maintained their powerful guild houses.
[ 7 ] Wie sich die Fürsten entschließen mußten, den Städten das Recht zu solcher Politik zuzusprechen, so wurden die Städte auch allmählich der Mittelpunkt einer neuen Kultur. Allerdings einer materiellen Kultur, die aber zur Besiedlung weiter Gebiete führte. Neue Kulturzentren bildeten sich, in denen ein lebhafter Handel mit den nördlichen Ländern, besonders mit Rußland blühte; das sagenhafte Vineta war ein solcher Handelsplatz. Wir sehen, wie die Handelspolitik sich entwickelt, mächtige Handelsstraßen entstehen, den Rhein entlang, durch Nordund Mitteldeutschland, mit wichtigen Handelsstädten wie Magdeburg, Hildesheim, Erfurt, Breslau und so weiter. Aus diesen Städtebündnissen ging das hervor, was man die Hansa nennt. Im Lauf der Zeit war es nötig geworden, nicht nur Handels-, sondern auch Kriegspolitik zu treiben. Im Hintergrunde lauerten Feinde, die Ritter und Herzöge, die neidisch die Entwickelung der Städte verfolgten. Die Städte mußten sich mit Mauern umgeben und sich gegen ihre Feinde verteidigen. So wurden sie immer mehr mächtige Kulturstätten, auch Mittelpunkte des geistigen Lebens. Was in jener Zeit geistiges Leben in sich spürte, zieht sich in den Städten zusammen. Auch die Kunst erblüht in den mittelalterlichen Städten unter dem Einfluß des freien Bürgertums. In Venedig wird die Halle der Tuchmacher durch 7izian gemalt.
[ 7 ] Just as the princes were compelled to grant the cities the right to pursue such a policy, the cities gradually became the center of a new culture—admittedly a material culture, but one that led to the settlement of vast territories. New cultural centers emerged, where lively trade with the northern lands—especially with Russia—flourished; the legendary Vineta was one such trading hub. We see how trade policy developed, with powerful trade routes emerging along the Rhine, through northern and central Germany, featuring important trading cities such as Magdeburg, Hildesheim, Erfurt, Breslau, and so on. From these city alliances emerged what is known as the Hanseatic League. Over time, it had become necessary to pursue not only trade policy but also military strategy. Enemies lurked in the background—knights and dukes who jealously watched the cities’ development. The cities had to surround themselves with walls and defend themselves against their enemies. Thus, they increasingly became powerful centers of culture, as well as hubs of intellectual life. Whatever had a sense of intellectual life in that era converged in the cities. Art, too, flourished in the medieval cities under the influence of the free bourgeoisie. In Venice, the Hall of the Clothmakers was painted by Titian.
[ 8 ] Auch eine neue Form der Kriegsführung entstand. Durch die Anwendung des Pulvers, dessen Gebrauch schon früher im Orient bekannt war, aber erst jetzt für Europa neu gefunden wurde, entsteht eine neue, die demokratische Form des Kampfes gegenüber dem Einzelkampf der geharnischten Ritter. Die Anwendung des Schießpulvers bildet sich immer weiter aus. Erst waren es ungeschlachte Donnerbüchsen und Mörser, aber bald wurden vollkommenere Waffen besonders durch Kaspar Zöllner in Wien erfunden.
[ 8 ] A new form of warfare also emerged. The use of gunpowder—which had been known in the East for some time but was only now being rediscovered in Europe—gave rise to a new, democratic form of combat, in contrast to the one-on-one duels of armored knights. The use of gunpowder continued to evolve. At first, there were crude muskets and mortars, but soon more sophisticated weapons were invented, particularly by Kaspar Zöllner in Vienna.
[ 9 ] Was sich namentlich in den Städten im Zusammenhang mit dem Geiste kirchlichen Lebens entwickelte, ist für den Kulturfortschritt von besonderer Wichtigkeit. Wir haben gesehen, wie die höchste Ekstase der religiösen Schwärmerei in den Kreuzzügen sich darstellt. Wir haben gesehen, wie namentlich am Rhein die deutsche Mystik aufblüht, wie die Brüder des gemeinsamen Lebens eine tiefe Frömmigkeit ganz unabhängig von Rom pflegen. Zwei verschiedene Zeitströmungen treten uns jetzt entgegen: auf der einen Seite ist der Bürger bedacht auf Erhöhung des materiellen Lebens, auf der anderen Seite sehen wir hier ein ins Innere gerichtetes geistiges Leben. Im frühen Mittelalter ist materielles und geistiges Leben eng ineinander verschlungen, das Gedeihen seiner Früchte wie sein religiöses Empfinden glaubt der Landmann durch die Kirche gefördert und gesegnet. Jetzt, wo persönliche Tüchtigkeit in den Vordergrund trat, spalteten sich diese Richtungen.
[ 9 ] What developed, particularly in the cities, in connection with the spirit of church life is of special importance for cultural progress. We have seen how the highest ecstasy of religious fervor manifested itself during the Crusades. We have seen how German mysticism flourished, particularly along the Rhine, and how the Brothers of the Common Life cultivated a deep piety entirely independent of Rome. Two distinct currents of the times now confront us: on the one hand, the citizen is focused on improving material life; on the other hand, we see here a spiritual life turned inward. In the early Middle Ages, material and spiritual life were closely intertwined; the peasant believed that the Church fostered and blessed both the flourishing of his material life and his religious sensibilities. Now that personal competence had come to the fore, these two paths diverged.
[ 10 ] Der eigentümliche Baustil des Mittelalters, den man fälschlich den gotischen nennt, kam aus Südfrankreich, entstammte Gegenden, wo solche frommen Ketzer lebten wie die Katharer, die Waldenser, die bestrebt waren, das innere Leben zu vertiefen und mit dem üppigen Leben der Bischöfe und des Klerus zu brechen. Ein eigentümliches geistiges Leben breitet sich von dorther aus; die deutsche Mystik wird stark davon beeinflußt.
[ 10 ] The distinctive architectural style of the Middle Ages, erroneously called Gothic, originated in southern France, in regions where devout heretics such as the Cathars and the Waldensians lived, who sought to deepen their inner lives and break with the lavish lifestyle of the bishops and the clergy. A distinctive spiritual life spread from there; German mysticism was strongly influenced by it.
[ 11 ] Welch tiefen Einfluß diese Gesinnung auch auf die äußere Gestalt dieser Kirchen hatte, geht daraus hervor, daß alle diese gotischen Münster einen mystischen Schmuck besaßen in den wunderbaren Glasmalereien. Diese Kunst, die im 17. Jahrhundert vollständig verlorengegangen ist, war nicht artistische Allegorie, sondern die Sinnbilder, die dort eingemalt waren, übten wirklich einen mystischen Einfluß aus auf die Menge, wenn der Sonnenschein durch sie hereinschien in die dämmerigen hohen Kirchen. Eng bedingt war diese Bauart aus den Verhältnissen der mittelalterlichen Städte, gotisch war auch das Rathaus, das Gildehaus. Die Stadt, die von Mauern umgeben war, war darauf angewiesen, sich innerhalb dieser Mauern zu vergrößern, der romanische Baustil reichte dazu nicht aus. So entstanden die hochaufstrebenden gotischen Kirchen, ein Ausdruck zugleich der Innerlichkeit des damaligen Lebens; die Totentänze, die sie häufig schmücken, führten die Vergänglichkeit alles Irdischen vor Augen.
[ 11 ] The profound influence this mindset had on the external appearance of these churches is evident from the fact that all of these Gothic cathedrals were adorned with mystical motifs in their marvelous stained-glass windows. This art, which was completely lost in the 17th century, was not merely artistic allegory; rather, the symbols depicted there truly exerted a mystical influence on the crowd when sunlight shone through them into the dim, high-ceilinged churches. This architectural style was closely tied to the conditions of medieval cities; the town hall and the guild hall were also built in the Gothic style. The city, which was surrounded by walls, was forced to expand within those walls, and the Romanesque architectural style was insufficient for this purpose. Thus arose the soaring Gothic churches, an expression at the same time of the introspection of life at that time; the dances of death that frequently adorn them served as a stark reminder of the transience of all earthly things.
[ 12 ] In der Sorge für die Reinlichkeit und Schönheit ihrer Stadt finden die Bürger eine vornehme Form, ihren Namen im Gedächtnis ihrer Mitbürger zu erhalten. Besonders werden überall schöne Brunnen errichtet. Wir sehen, daß damals etwas entsteht, was im Mittelalter besondere Bedeutung erlangte, die öffentlichen Bäder, die in keiner Stadt fehlten. Im späteren Mittelalter gaben diese Bäder Anlaß zu moralischen Ausschreitungen und wurden aus diesem Grunde vom Protestantismus ausgerottet. Doch dieser Bürgersinn ging noch weiter, er griff in das öffentliche Leben ein, indem er Wohltätigkeitsanstalten schuf, die heute noch als Muster gelten können. Und diese Wohltätigkeitsanstalten wurden auch dringend nötig, denn im 14. Jahrhundert wurde Europa von schweren Plagen heimgesucht, von Hungersnöten, dem Aussatz, der Pest oder, wie man es damals nannte, «dem schwarzen Tod». Aber der mittelalterliche Mensch wußte dem zu begegnen. Siechenhäuser, Spitäler, Pfrundhäuser entstanden allerwärts und auch für die Fremden wurde gesorgt durch die sogenannten Elendsherbergen. Elend war damals gleichbedeutend mit fremd und hat erst später eine andere Bedeutung erlangt.
[ 12 ] In their concern for the cleanliness and beauty of their city, the citizens found a noble way to ensure their names would be remembered by their fellow citizens. In particular, beautiful fountains were erected everywhere. We see that something was emerging at that time that would take on special significance in the Middle Ages: public baths, which were found in every city. In the later Middle Ages, these baths gave rise to moral excesses and were therefore eradicated by Protestantism. Yet this civic spirit went even further; it influenced public life by creating charitable institutions that can still serve as models today. And these charitable institutions became urgently necessary, for in the 14th century, Europe was ravaged by severe plagues, famines, leprosy, the plague, or, as it was called at the time, “the Black Death.” But people in the Middle Ages knew how to cope with these challenges. Infirmaries, hospitals, and almshouses sprang up everywhere, and even strangers were cared for through what were known as “hostels for the destitute.” At that time, “destitute” was synonymous with “stranger” and only later took on a different meaning.
[ 13 ] Neben diesen lichten Seiten des mittelalterlichen Lebens gab es natürlich auch manche dunkle. Vor allem die harte Behandlung aller derjenigen, die nicht zu einer festen Gemeinschaft gehörten. Sie waren ausgestoßen, etwas für das die Städte nicht aufkamen. Alle die nicht zur Zunft gehörten, mußten eine schlechte Behandlung erleiden. Vor allem die «fahrenden Leute». Der Name «unehrliche Leute» entstand damals, eine furchtbare Bezeichnung für die fahrenden Leute. Zu den unehrlichen Leuten wurden die verschiedensten Berufe gerechnet, Schauspieler, Gaukler, Schäfer und so weiter. Ihnen war der Zutritt zu den Zünften verschlossen, sie durften sich nirgends zeigen, ohne Gefahr zu laufen, gequält zu werden. Ebenso erging es den Juden. Das Vorurteil gegen diese ist nicht sehr alt. Im frühen Mittelalter finden wir viele Juden als Gelehrte anerkannt. In späterer Zeit kamen sie dem Geldbedürfnis der Fürsten und Ritter entgegen. Durch die eigentümlichen Verhältnisse des Mittelalters gelangten sie zu der Stellung des Geldverleihers, der zwischen Handel und Wucher stand und ihnen Haß eintrug. Doch verschaffte ihnen die Geldnot der Könige immer wieder gewisse Rechte; diese Tätigkeit trug ihnen den seltsamen Namen Königliche Kammerknechte ein. Eine andere Schattenseite bildete das Gerichtswesen, das notwendig mit dem Mittelalter heraufgezogene Strafrecht. In früheren Zeiten war Recht wirklich mit Rache verwandt, entweder sollte ein Schaden wieder gutgemacht werden, oder es sollte eben Rache genommen werden. Der Begriff der Strafe war nicht vorhanden, er kam erst jetzt herauf. Römische Rechtsbegriffe bürgerten sich ein. Die Gerichtsgewalt war ein wertvolles Vorrecht einer Stadt und die Bürger waren nicht nur stolz auf ihre Kirchen und Mauern, sondern auch auf ihr Hochgericht. Oft wurden wegen der geringfügigsten Ursachen die härtesten Strafen verhängt.
[ 13 ] Alongside these bright aspects of medieval life, there were, of course, many dark ones as well. Above all, there was the harsh treatment of all those who did not belong to a established community. They were outcasts, a burden the cities would not bear. All those who did not belong to a guild had to endure mistreatment. This was especially true of the “traveling people.” The term “dishonest people” originated at that time—a terrible label for the traveling people. A wide variety of professions were classified as “dishonest people,” including actors, jugglers, shepherds, and so on. They were barred from joining the guilds and could not show themselves anywhere without running the risk of being tormented. The Jews fared no better. Prejudice against them is not very old. In the early Middle Ages, we find many Jews recognized as scholars. In later times, they met the financial needs of princes and knights. Due to the peculiar circumstances of the Middle Ages, they rose to the position of moneylenders, a role that straddled the line between trade and usury and earned them hatred. Yet the kings’ financial straits repeatedly granted them certain rights; this activity earned them the peculiar title of “royal chamberlains.” Another dark side was the judicial system, the criminal law that necessarily emerged with the Middle Ages. In earlier times, justice was truly akin to revenge: either a wrong had to be righted, or revenge simply had to be taken. The concept of punishment did not exist; it was only now emerging. Roman legal concepts were becoming established. Judicial authority was a valuable privilege of a city, and the citizens were proud not only of their churches and walls but also of their high court. Often, the harshest punishments were imposed for the most trivial of reasons.
[ 14 ] So steht das 15. und 16. Jahrhundert des mittelalterlichen Lebens unter dem Einfluß des städtischen Lebens. Eine andere Strömung ging daneben her. Was wir heute als große Politik verstehen, hing mit dieser anderen Strömung zusammen. Es ist dies die Bewegung, die man als die der Ketzer oder Katharer bezeichnet. Welchen Umfang diese angenommen hat, können Sie ermessen, wenn Sie sich die Tatsache vorhalten, daß es in Italien im 13. Jahrhundert mehr Ketzer als Rechtgläubige gab.
[ 14 ] Thus, the 15th and 16th centuries of medieval life were shaped by urban life. Another current ran parallel to this. What we today understand as “high politics” was connected to this other current. This is the movement known as that of the heretics or Cathars. You can gauge the extent to which this movement grew by considering the fact that in 13th-century Italy, there were more heretics than orthodox believers.
[ 15 ] Hier lag auch der eigentliche Konflikt, der zu den Kreuzzügen führte. Als auf der Kirchenversammlung zu Clermont 1095 der Beschluß zu ihnen gefaßt worden war, war es nicht nur Gesindel, nein, es waren auch anständige Leute, die sich in ungeordneten Scharen unter Peter von Amiens und dem Ritter Walter von Habenichts auf den Weg nach dem gelobten Lande machten. Ein päpstliches Unternehmen war es, es war nicht lediglich hervorgegangen aus Begeisterung. Es handelte sich um die Bedrängung des päpstlichen Einflusses durch die Ketzer. Das Bestreben des Papstes war, was auch wirklich erfolgte, so einen Abfluß für die Ketzer zu schaffen.
[ 15 ] This was also the root of the conflict that led to the Crusades. When the decision to launch the Crusades was made at the Council of Clermont in 1095, it was not only the rabble—no, it was also decent people—who set out in disorderly crowds under Peter of Amiens and the knight Walter of Habenichts for the Promised Land. It was a papal undertaking; it did not arise solely out of enthusiasm. It was a response to the threat to papal influence posed by the heretics. The pope’s aim—which was indeed achieved—was to create an outlet for the heretics.
[ 16 ] Im ersten richtigen Kreuzzuge waren es großenteils Ketzer, die sich aufmachten. Das geht auch aus der Person des Führers hervor. Gottfried von Bouillon war von entschieden antipäpstlicher Gesinnung, wie aus seinem Vorleben hervorgeht. Denn als auf Betreiben des Papstes Gregor gegen Heinrich IV. ein Gegenkönig in der Person des Herzogs Rudolf von Schwaben aufgestellt wurde, kämpfte Gottfried von Bouillon auf der Seite des Kaisers Heinrich und tötete Rudolf von Schwaben. Man muß sehen, um was es sich für ihn handelte, was aber nicht zur Ausführung kam: in Jerusalem ein Anti-Rom zu gründen. Deshalb nannte er sich auch nur «Beschützer des heiligen Grabes» und suchte in anspruchsloser Bescheidenheit in Jerusalem die Fahne des antirömischen Christentums aufzurichten. Nach den Kreuzzügen ist dann aus den Vertretern solcher Anschauungen die ghibellinische Partei entstanden; ihnen gegenüber, auf der Seite des Papstes, standen die Guelfen.
[ 16 ] In the first true Crusade, it was largely heretics who set out. This is also evident from the character of their leader. Godfrey of Bouillon held decidedly anti-papal views, as his past life shows. For when, at the instigation of Pope Gregory, a rival king—in the person of Duke Rudolf of Swabia—was put forward against Henry IV, Godfrey of Bouillon fought on the side of Emperor Henry and killed Rudolf of Swabia. One must understand what was at stake for him—though it never came to fruition: to establish an “anti-Rome” in Jerusalem. That is why he called himself merely the “Protector of the Holy Sepulcher” and sought, with unassuming modesty, to raise the banner of anti-Roman Christianity in Jerusalem. After the Crusades, the Ghibelline party emerged from among the proponents of such views; opposing them, on the side of the Pope, were the Guelphs.
[ 17 ] Auch bei Betrachtung des zweiten Kreuzzuges, den auf Betreiben Bernhards von Clairvaux 1147 Kaiser Konrad III. unternahm, sehen wir dieselben Erscheinungen. Diese Kreuzzüge hatten an sich keine weitere Bedeutung, sie zeigten nur, welch ein Geist durch die Welt wehte. Barbarossa, welcher gegen den Papst und die norditalischen Städte, die auf Seite des Papstes standen, fünf Römerzüge unternahm, um sie niederzuzwingen, mußte im Frieden von Konstanz ihnen die Unabhängigkeit zugestehen, nachdem es ihm nicht gelungen war, ihre Festung Alessandria einzunehmen.
[ 17 ] Even when considering the Second Crusade, which Emperor Conrad III undertook in 1147 at the instigation of Bernard of Clairvaux, we see the same phenomena. These crusades had no further significance in and of themselves; they merely demonstrated the spirit that was sweeping through the world. Barbarossa, who undertook five campaigns against the Pope and the northern Italian cities that sided with him in order to subdue them, was forced to grant them independence in the Peace of Constance after he failed to capture their fortress of Alessandria.
[ 18 ] Die deutsche päpstliche Partei bestand besonders aus den Fürstengeschlechtern, die zurückgeblieben waren aus dem alten Adel. Heinrich der Stolze und sein Sohn Heinrich der Löwe kämpften für die alte Herzogsmacht gegen die kaiserliche Gewalt. Gewöhnlich wurden dann durch Vermählung mit einer Kaisertochter diese widerstrebenden Fürsten an die Kaisermacht gefesselt. Durch die Belehnung von Verwandten des Kaisers mit erledigten Herzogtümern wurden in der Folge immer wieder solche Umlagerungen der Machtverhältnisse bewirkt.
[ 18 ] The German papal party consisted primarily of the princely families that had survived from the old nobility. Henry the Proud and his son Henry the Lion fought for the old ducal power against imperial authority. Typically, these recalcitrant princes were then bound to imperial authority through marriage to an imperial daughter. By enfeoffing relatives of the emperor with vacant duchies, such shifts in the balance of power were repeatedly brought about thereafter.
[ 19 ] Kaiser Friedrich Barbarossa unternahm den dritten Kreuzzug, der auch zu keinen wirklichen Erfolgen führte, der aber wichtig wurde durch die Kyffhäusersage, die sich daran knüpfte. Wer Sagen lesen kann, weiß, daß er es hier mit einer der wichtigsten zu tun hat. Nicht aus der Volksseele entsprungen, wie es gewöhnlich heißt, denn es dichtete nur der Einzelne und dann verbreitete sich das, was er hervorgebracht hat, in dem Volke, wie es auch bei dem Volkslied geschieht, von dem Professoren behaupten, daß es unmittelbar aus dem Volke hervorgehe und nicht den Köpfen von Einzelnen entstamme. Hervorgegangen ist die Sage aus dem Geiste eines Menschen, der verstand die Symbole zu verwenden, die eine tiefe Bedeutung hatten, wie die Höhle im Kyffhäuser, die Raben und so weiter. Es ist eine der Sagen, die sich in der ganzen Welt finden, ein Beweis, daß hier überall etwas ähnliches vorliegt.
[ 19 ] Emperor Frederick Barbarossa undertook the Third Crusade, which also failed to achieve any real success, but which became significant because of the Kyffhäuser legend associated with it. Anyone familiar with legends knows that this is one of the most important ones. It did not spring from the collective consciousness, as is commonly claimed, for it was composed by a single individual, and what he created then spread among the people—just as happens with folk songs, which professors claim arise directly from the people and do not originate in the minds of individuals. The legend arose from the mind of a person who understood how to use symbols that had deep meaning, such as the cave in the Kyffhäuser, the ravens, and so on. It is one of the legends found throughout the world, proof that something similar exists everywhere.
[ 20 ] Die Barbarossasage ist eine kulturhistorisch sehr wichtige Sage. — Rom war in der Kirche der Anwalt dessen, was sich aus dem, dem germanischen Geiste in Verbindung mit dem Christentum aufgedrängten äußeren Beiwerk, ergab. — In einer Grotte sollte der Kaiser verborgen sein. Von alters her waren Grotten geheime Kultstätten. So wurde der Mithrasdienst allgemein in Grotten abgehalten. Bei dieser Verehrung wurde Mithras auf dem Stiere dargestellt, dem Sinnbild der niederen tierischen Natur, die von Mithras, dem Vorgänger des Christus überwunden wurde. In der Kyffhäusersage wurde der in der Felsengrotte verborgene Kaiser zum Anwalt dessen, was sich im deutschen Seelenleben gegen Rom und seinen Einfluß wendete. Wieviel steckt in dieser Sage! Ein reines Christentum, das damals von vielen ersehnt wurde, sollte, wenn die Zeit gekommen war, aus der Verborgenheit hervorgehen.
[ 20 ] The Barbarossa legend is a legend of great cultural and historical significance. — Within the Church, Rome was the advocate of what emerged from the external trappings imposed on the Germanic spirit in conjunction with Christianity. — The emperor was said to be hidden in a grotto. Since ancient times, grottoes have been secret places of worship. Thus, the cult of Mithras was generally practiced in grottoes. In this worship, Mithras was depicted riding a bull, the symbol of the lower animal nature that was overcome by Mithras, the predecessor of Christ. In the Kyffhäuser legend, the emperor hidden in the rock grotto became the champion of that which, in the German soul, turned against Rome and its influence. How much meaning lies in this legend! A pure Christianity, longed for by many at that time, was to emerge from its hiding place when the time came.
[ 21 ] Unter dem Staufenkaiser Friedrich II. geschah der Mongoleneinfall, der Europa verwüstete. Nicht eine Geschichte der Hohenstaufen will ich Ihnen hier geben, nur auf das hindeuten, was sich aus den Kreuzzügen entwickelte: erweiterte Handelsbeziehungen, eine Neubelebung der Wissenschaften und Künste durch die Berührung mit dem Orient. Was die Kreuzfahrer errangen an neuen Erfahrungen und Gütern, brachten sie mit in die Heimat.
[ 21 ] The Mongol invasion that ravaged Europe took place during the reign of the Staufen Emperor Frederick II. I do not intend to give you a history of the Hohenstaufen dynasty here, but merely to point out what developed as a result of the Crusades: expanded trade relations and a revival of the sciences and arts through contact with the East. The crusaders brought home with them the new experiences and goods they had acquired.
[ 22 ] Damals war es auch, als die beiden großen Mönchsorden entstanden, die für das geistige Leben von besonderer Bedeutung wurden, die Dominikaner und die Franziskaner. Die Dominikaner vertraten die als Realismus bezeichnete geistige Richtung, während die Franziskaner dem Nominalismus sich zuneigten. Im heiligen Lande geschah auch die Gründung der geistlichen Ritterorden; der Johanniterorden wurde zunächst zur Krankenpflege gegründet.
[ 22 ] It was also during this time that the two great monastic orders were founded, which came to play a particularly significant role in spiritual life: the Dominicans and the Franciscans. The Dominicans represented the intellectual movement known as Realism, while the Franciscans leaned toward Nominalism. The Holy Land also saw the founding of the spiritual orders of knights; the Order of St. John was initially established to provide medical care.
[ 23 ] Aus einer ähnlichen Stimmung wie die, welche ich Ihnen als die von Gottfried von Bouillon geschildert habe, ging der zweite Ritterorden, der der Tempelherren hervor. Seine wirklichen Ziele wurden geheimgehalten, doch durch intime Agitatoren war der Orden bald sehr mächtig geworden. Es herrschte in ihm ein antirömisches Prinzip, wie es auch bei den Dominikanern sich zeigte, die sich häufig in völliger Opposition gegen Rom befanden; so standen sie bei dem Dogma von der unbefleckten Empfängnis in heftigem Widerstand gegen den Papst. Die Tempelherren erstrebten eine Reinigung des Christentums. Unter Berufung auf Johannes den Täufer vertraten sie eine asketische Tendenz. Ihre gottesdienstlichen Handlungen waren aus dem Widerstande gegen die römische Verweltlichung so kirchenfeindlich, daß es heute noch nicht angeht, darüber öffentlich zu reden. Der Orden war durch seine Macht dem Klerus und den Fürsten sehr unbequem geworden, er mußte schwere Verfolgungen erleiden und ging zugrunde, nachdem sein letzter Großmeister, Jacob von Molay, mit einer Anzahl von Ordensbrüdern 1314 den Märtyrertod erlitten hatte.
[ 23 ] The second order of knights, the Knights Templar, emerged from a spirit similar to the one I described to you as that of Godfrey of Bouillon. Its true objectives were kept secret, but through its inner circle of agitators, the order soon became very powerful. An anti-Roman principle prevailed within it, as was also evident among the Dominicans, who often found themselves in complete opposition to Rome; for example, they fiercely opposed the Pope regarding the dogma of the Immaculate Conception. The Knights Templar sought to purify Christianity. Invoking John the Baptist, they espoused an ascetic tendency. Their liturgical practices, born of resistance to Roman secularization, were so hostile to the Church that even today it is still not acceptable to speak of them publicly. The Order’s power had made it a major thorn in the side of the clergy and the princes; it suffered severe persecution and ultimately perished after its last Grand Master, Jacques de Molay, was martyred along with a number of his fellow brothers in 1314.
[ 24 ] Auch der «deutsche Ritterorden» war ähnlichen Ursprunges. Mit dem Orden der Schwertbrüder, der sich ihm anschloß, machte er es sich besonders zur Aufgabe, die noch heidnisch gebliebenen Gegenden Europas zu bekehren, besonders im Osten, von seinem Hauptsitze Marienburg aus. Aus den Berichten der Zeitgenossen erhält man von den Bewohnern der Gegenden, die heute die Provinzen Ostund Westpreußen bilden, ein merkwürdiges Bild. Albert von Bremen schildert die alten Preußen als vollständige Heiden. Bei diesem Volke, von dem es nicht genau feststeht, ob es germanischen oder slawischen Stammes war, finden sich die alten heidnischen Gebräuche des Pferdefleisch-Essens und Pferdeblut-Trinkens. Der Chronist beschreibt sie als heidnisch grausame Leute.
[ 24 ] The “Teutonic Order” also had similar origins. Together with the Order of the Sword Brothers, which joined it, it made it its special mission to convert the regions of Europe that had remained pagan, particularly in the East, from its headquarters in Marienburg. Contemporary accounts paint a remarkable picture of the inhabitants of the regions that today constitute the provinces of East and West Prussia. Albert of Bremen describes the ancient Prussians as complete pagans. Among this people—of whom it is not precisely known whether they were of Germanic or Slavic descent—the ancient pagan customs of eating horse meat and drinking horse blood were still practiced. The chronicler describes them as pagan and cruel people.
[ 25 ] Bevor sie mit den deutschen Rittern in Berührung gekommen war, hatten die Schwertbrüder besonders nach weltlicher Gewalt gestrebt.
[ 25 ] Before they came into contact with the German knights, the Sword Brothers had sought secular power in particular.
[ 26 ] Man kann sich die Entwickelung nur konstruieren. Obgleich sich die Städte gebildet hatten, war doch ein Teil der Herzogsgewalt und des Raubrittertums zurückgeblieben. Nicht Begeisterung für das Christentum, sondern bloßer Egoismus war es, der es bewirkte, daß die Reste des Feudaladels sich zusammenzogen in diesen beiden deutschen Ritterorden. In diesen Gegenden war kein nennenswerter Einfluß der Städte zu verspüren. Die anderen beiden christlichen Orden waren Verbindungen derer, die nicht mit Rom in Verbindung standen. Wenn man die historischen Quellen untersucht, wird man oft Bündnisse zwischen ihnen und den Städten finden.
[ 26 ] One can only speculate about how this development unfolded. Although cities had emerged, some of the ducal authority and the practice of robber barons had persisted. It was not enthusiasm for Christianity, but mere self-interest, that caused the remnants of the feudal nobility to band together in these two German orders of knights. In these regions, the cities had no significant influence. The other two Christian orders were alliances of those who were not affiliated with Rome. If one examines the historical sources, one will often find alliances between them and the cities.
[ 27 ] Neben diesen zwei Strömungen der städtischen Entwikkelung und des tieferen religiösen Lebens sehen wir, daß die kaiserliche Gewalt alle Bedeutung verlor. In den Jahren 1254 bis 1273 war in Deutschland kein Träger der kaiserlichen Gewalt vorhanden, die Kaiserwürde war zeitweise an ausländische Fürsten verkauft, von denen der eine, Richard von Cornwall, nur zweimal nach Deutschland kam, während der zweite, Alfons von Castilien, es überhaupt nicht betreten hat.
[ 27 ] Alongside these two trends—urban development and a deepening of religious life—we see that imperial authority lost all significance. From 1254 to 1273, there was no holder of imperial authority in Germany; the imperial title had at times been sold to foreign princes, one of whom, Richard of Cornwall, visited Germany only twice, while the other, Alfonso of Castile, never set foot there at all.
[ 28 ] Als man endlich wieder zu einer richtigen Kaiserwahl schritt, war das Bestreben, nicht irgendwelche kaiserliche Zentralgewalt aufzurichten oder nochmals zu versuchen, eine Kaisermacht zu schaffen, sondern der Wunsch war ausschlaggebend, Ordnung in bezug auf das Raubrittertum zu bringen.
[ 28 ] When a proper imperial election was finally held again, the aim was not to establish some sort of imperial central authority or to make another attempt to create an imperial power; rather, the decisive factor was the desire to bring order to the problem of robber barons.
[ 29 ] So wählte man den Grafen Rudolf von Habsburg. Wenn man fragen soll, was er und seine Nachfolger für das Reich taten, würde es schwer sein, dies zu sagen, denn sie waren nicht für die öffentlichen Verhältnisse tätig. Sie waren beschäftigt, ihre Hausmacht zu begründen. So verlieh Rudolf von Habsburg nach dem Tode des Herzogs Heinrich Jasomirgott Niederösterreich an seinen Sohn und gründete damit die habsburgische Hausmacht. Seine Nachfolger suchten diese Macht durch Eroberungen und besonders durch Heiratsverträge zu erhöhen und kümmerten sich nicht mehr um irgend etwas, was mit allgemeinen Interessen zusammenhing.
[ 29 ] Thus, Count Rudolf of Habsburg was elected. If one were to ask what he and his successors did for the empire, it would be difficult to say, for they were not active in public affairs. They were occupied with establishing their family’s power base. Thus, after the death of Duke Heinrich Jasomirgott, Rudolf of Habsburg granted Lower Austria to his son, thereby establishing the Habsburg family’s power base. His successors sought to expand this power through conquests and, in particular, through marriage alliances, and no longer concerned themselves with anything related to the common good.
[ 30 ] Sie sehen, was wirklich bedeutend für die Fortentwickelung war: Die Ereignisse, die zu den mittelalterlichen Verhältnissen das ergaben, was endlich zu den großen Entdekkungen und Erfindungen am Ende des Mittelalters führten. Wir sehen die Städte mit mächtig aufstrebender, aber verweltlichter Kultur; in der Kirche sehen wir die Scheidung, das Schisma, die Trennung; aus dieser Strömung heraus bricht der letzte Akt des mittelalterlichen Dramas an, wir sehen die Abendröte des Mittelalters, den Aufgang einer neuen Zeit.
[ 30 ] You can see what was truly significant for further development: the events that shaped medieval conditions in a way that ultimately led to the great discoveries and inventions at the end of the Middle Ages. We see the cities with a culture that is powerfully rising but secularized; in the Church, we see the schism, the split; out of this current, the final act of the medieval drama begins; we see the twilight of the Middle Ages and the dawn of a new era.
