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Philosophy, History and Literature
GA 51

25 February 1905, Berlin

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23. Schillers spätere Dramen

23. Schiller's Later Plays

[ 1 ] Wir haben gesehen, wie Schiller bei jedem seiner späteren Dramen immer von neuem versucht hat, das Problem des Dramatischen zu lösen. Es hat etwas Erhebendes, zu sehen, wie Schiller nach jedem neuen großen Erfolge — und es waren außerordentliche Erfolge, Anerkennungen der Besten seiner Zeit, wenn es auch an Anfeindungen nicht fehlte —, es hat etwas besonders Erhebendes, zu sehen, sagte ich, wie er versucht, mit jedem neuen Drama eine höhere Etappe zu erklimmen.

[ 1 ] We have seen how Schiller, in each of his later plays, repeatedly attempted to solve the problem of drama. There is something uplifting about seeing how, after every new great success—and these were extraordinary successes, recognized by the best of his time, even if there was no shortage of hostility—there is something particularly uplifting, I said, about seeing how he attempts to reach a higher level with each new drama.

[ 2 ] Alle seine späteren Dramen, «Tell», die «Braut von Messina», die «Jungfrau von Orleans», «Demetrius», sie sind lauter Versuche, dem Problem des Dramatischen und Tragischen in einer neuen Form beizukommen. Niemals hätte er sich zufrieden gegeben in dem Glauben, die Psychologie ausgeschöpft zu haben. In der «Maria Stuart» haben wir ihn das Problem des Schicksals behandeln sehen, eine vollendete Situation schaffend, in der nur die Charaktere sich abrollen. Noch tiefer stieg er in der «Jungfrau von Orleans» hinunter in die Menschenseele. Er wußte einen tiefen Griff zu tun in die Menschheitspsychologie, das Problem in der Art begründend, wie Hebbel es dargestellt hat, als er sagte, daß das Tragische auf etwas sich beziehen muß, das in einer gewissen Weise irrationell ist. So haben wir in der «Jungfrau» das Hineinspielen von dunklen Seelenkräften: sie ist eine Art von Somnambule, steht unter dem Einflusse dessen, was man dämonisch nennen kann, wird dadurch weitergetragen. Hoch über dem Menschlichen soll sie stehen, nur dadurch, daß sie Jungfrau ist, hat sie das Recht, wie ein Würgeengel durch die Reihen der Feinde zu gehen, im Dienste des Vaterlandes. In der «Braut von Messina» versucht Schiller das Drama höher zu fassen dadurch, daß er einen Griff in das Urdrama tut. Auf jenes Urdrama griff er zurück, das noch dem Äschylos voranging, das nicht nur Kunst war, sondern ein integrierender Bestandteil der die Religion, die Wissenschaft und die Kunst umfassenden Wahrheit: auf jenes Dionysosdrama, das den leidenden, sterbenden, auferstehenden Gott auf die Bühne brachte, als Repräsentanten der ganzen Menschheit. Die Handlung trug da nicht den Charakter dessen, was man heute Dichtung nennt. Das Weltendrama sollte vorgeführt werden, die Wahrheit in schöner, künstlerischer Form. Erhebung, religiöse Erbauung sollte es dem Menschen bringen. So enthielt für den Zuschauer das Mysteriendrama zugleich, was später sich getrennt als Religion, Kunst und Philosophie entwickelte.

[ 2 ] All of his later plays—“Tell,” “The Bride of Messina,” “The Maid of Orleans,” and “Demetrius”—are nothing but attempts to tackle the problem of the dramatic and the tragic in a new form. He would never have been satisfied with the belief that he had exhausted the subject of psychology. In Mary Stuart, we saw him address the problem of fate, creating a perfect situation in which the characters simply play out their roles. In The Maid of Orleans, he delved even deeper into the human soul. He knew how to delve deeply into human psychology, grounding the problem in the manner Hebbel described when he said that the tragic must relate to something that is, in a certain sense, irrational. Thus, in The Maid of Orleans, we see the interplay of dark spiritual forces: she is a kind of somnambulist, under the influence of what might be called the demonic, and is carried along by it. She is meant to stand high above the human realm; it is only because she is a virgin that she has the right to walk through the ranks of the enemy like an angel of death, in the service of her fatherland. In The Bride of Messina, Schiller attempts to elevate the drama by drawing upon the primal drama. He drew upon that primordial drama that preceded even Aeschylus—a drama that was not merely art but an integral part of the truth encompassing religion, science, and art: that Dionysian drama which brought the suffering, dying, and resurrected god onto the stage as the representative of all humanity. The plot there did not bear the character of what we today call poetry. The drama of the world was to be presented—the truth in a beautiful, artistic form. It was meant to bring exaltation and religious edification to humanity. Thus, for the audience, the mystery drama contained within itself what later developed separately as religion, art, and philosophy.

[ 3 ] Dieser Gedankengang, den Friedrich Nietzsche in seiner Schrift «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» entwickelt, in der er das Urdrama als das höhere hinstellt, diese Grundidee lebte schon in Schiller. Schillers Idee, das Schöne dadurch in höhere Sphären zu heben, daß er das musikalische Element wieder einführte, wurde von Wagner in großem Stil wieder aufgenommen und fand in dem Musikdrama monumentalen Ausdruck. Wagner griff zum Mythos und wählte die Musik, um nicht in der täglichen, sondern in gehobener Sprache das Bedeutende auszudrücken. Die Richtung, welche die Kunst im Wagnerkreis genommen hat, wurde von Schiller intendiert. In seiner kurzen Einleitung zur «Braut von Messina» findet er dafür einen so plastischen wie prägnanten Ausdruck, Freiheit des Gemüts in dem lebendigen Spiel aller seiner Kräfte soll die rechte Kunst verschaffen. Daraus erkennen wir, was in Schiller lebte. Wir haben gesehen, wie Schillers Geist sich an Goethe hinaufrankte. Er selbst nannte Goethes Geist den intuitiven, seinen eigenen den symbolisierenden. Es ist dies ein bedeutsamer Ausspruch.

[ 3 ] This line of thought, which Friedrich Nietzsche develops in his work The Birth of Tragedy from the Spirit of Music—in which he presents the primal drama as the higher form—was already present in Schiller. Schiller’s idea of elevating the beautiful to higher spheres by reintroducing the musical element was taken up on a grand scale by Wagner and found monumental expression in the music drama. Wagner turned to myth and chose music in order to express what is significant not in everyday language but in a more elevated one. The direction that art took in Wagner’s circle was intended by Schiller. In his brief introduction to The Bride of Messina, he finds an expression for this that is as vivid as it is concise: true art is to provide freedom of the spirit through the lively interplay of all its powers. From this we recognize what lived within Schiller. We have seen how Schiller’s spirit ascended toward Goethe’s. He himself called Goethe’s spirit “intuitive” and his own “symbolic.” This is a significant statement.

[ 4 ] Schiller dachte im Grunde genommen die Menschen immer als Repräsentanten der Gattung, er dachte sie in einer Art Symphonie. Wir sehen bei ihm das Drama aus einer musikalischen Stimmung herauswachsen: daraus ergibt sich diese Symphonie von Menschencharakteren, von handelnden und leidenden Charakteren. Das bewirkte, daß er nötig hatte, die einzelnen Züge zu Symbolen großer Menschenerfahrung zu machen. Dadurch ist Schiller der Dichter des Idealismus geworden: er hat durch die Erfahrung die Ideale heruntergeholt, um sie im Charakter zu gestalten. Im Mittelpunkt stand ihm das Problem des menschlichen Ich, die Frage: wie wirkt der Mensch innerhalb seiner Umgebung?

[ 4 ] Schiller essentially always conceived of human beings as representatives of the human race; he conceived of them as part of a kind of symphony. We see drama emerging from a musical mood in his work: this gives rise to this symphony of human characters—characters who act and who suffer. This meant that he had to transform individual traits into symbols of great human experience. In this way, Schiller became the poet of idealism: through experience, he brought ideals down to earth in order to shape them into characters. At the center of his work was the problem of the human self—the question: How does a person act within their environment?

[ 5 ] In der «Braut von Messina» hat er in einer neuen Form die griechische Schicksalstragödie geben wollen. Es muß etwas in der Menschenseele sein, welches bewirkt, daß der Mensch nicht in verstandesmäßiger Art seine Entschlüsse ausführt — er würde sonst klüger handeln —, etwas Dunkles muß in ihm leben, was dem Dämon des Sokrates ähnlich ist. Das muß aus der geistigen Welt in ihn hineinwirken. Dieses mit dem Verstande nicht zu Erfassende läßt Schiller in die Tragödie hineinspielen. In der Art, wie er das tut, zeigt sich Schiller als ganz moderner Charakter. Von zwei Träumen geht bei ihm die Handlung aus: Der Fürst von Messina träumt von einer Flamme, die zwei Lorbeerbäume verzehrt, Dieser Traum wird ihm von einem arabischen Sterndeuter dahin ausgelegt, daß die Tochter, die ihm geboren ist, seinen Söhnen Unheil bringen würde, und er gibt Befehl, sie zu töten. Zugleich aber hat die Fürstin geträumt von einem Kinde, dem Adler und Löwe sich friedlich anschmiegen. Auch ihr wird der Traum gedeutet: ein christlicher Mönch verheißt ihr, daß die Tochter die beiden streitenden Brüder in Liebe zu sich vereinen werde. Da rettet sie das Kind.

[ 5 ] In The Bride of Messina, he sought to present the Greek tragedy of fate in a new form. There must be something in the human soul that prevents people from carrying out their decisions in a rational manner—otherwise they would act more wisely—; something dark must dwell within them, akin to Socrates’ demon. This must be influencing them from the spiritual world. Schiller weaves this element—which cannot be grasped by reason—into the tragedy. In the way he does this, Schiller reveals himself to be a thoroughly modern figure. The plot springs from two dreams: The Prince of Messina dreams of a flame consuming two laurel trees. An Arab astrologer interprets this dream to mean that the daughter born to him would bring misfortune to his sons, and he orders her to be killed. At the same time, however, the Princess has dreamed of a child with whom an eagle and a lion nestle peacefully. Her dream is also interpreted: a Christian monk promises her that the daughter will unite the two quarreling brothers in love. So she saves the child.

[ 6 ] So ist das Dunkle, Unbestimmte, in den Ausgangspunkt der Handlung hineingelegt. Sehr fein erscheint, daß der erste Traum von einem Araber, der zweite von einem Christen gedeutet wird; Schiller aber entscheidet sich für keinen. Hebt man alles, was mystisch, traumhaft ist, hinweg, so bleibt nur der Kampf der Brüder, und diese rationelle Handlung bleibt noch immer dramatisch. Das Geistvolle und ganz besonders Künstlerische ist, daß jedes Element etwas Ganzes ist; auch ohne das Mystische ist die Handlung eine ganze. Es ist von Schiller in dieser Richtung mit Feinheit und Kunst etwas in dieses Drama gelegt, das über das menschliche Bewußtsein hinausgeht. So war er zu noch höherer Beantwortung seiner Frage gekommen.

[ 6 ] Thus, the dark and indeterminate is embedded in the starting point of the plot. It is a very subtle touch that the first dream is interpreted by an Arab, the second by a Christian; Schiller, however, sides with neither. If one strips away everything that is mystical and dreamlike, only the struggle between the brothers remains, and this rational plot still retains its dramatic power. What is profound and particularly artistic is that each element is a complete whole; even without the mystical elements, the plot remains a complete whole. With subtlety and artistry, Schiller has woven something into this drama that transcends human consciousness. In this way, he had arrived at an even higher answer to his question.

[ 7 ] An derselben Menschheitspsychologie arbeitet er im «Tell». Ich will das Drama nicht analysieren, nur zeigen, was Schiller dem 19. Jahrhundert war und was er uns noch sein wird. Nicht umsonst stellt Schiller den «Tell» heraus aus dem übrigen Gefüge des Dramas:

[ 7 ] He explores this same psychology of humanity in Tell. I do not intend to analyze the drama, but merely to show what Schiller meant to the 19th century and what he will still mean to us. It is not without reason that Schiller singles out Tell from the rest of the drama’s structure:

Doch was ihr tut, laßt mich aus euerm Rat.
Ich mag nicht lange prüfen oder wählen!
Bedürft ihr meiner zu bestimmter Tat,
Dann ruft den Tell, es soll an mir nicht fehlen.

But whatever you do, leave me out of your counsel.
I don’t want to deliberate or choose for long!
If you need me for a specific task,
then call on Tell—I won’t let you down.

[ 8 ] Nicht wie die anderen unter dem Eindruck der Freiheitsidee handelt er, sondern aus rein persönlichem Gefühl, dem gekränkten Vaterempfinden. Zwei Linien läßt Schiller zusammenlaufen, etwas, was Tell allein angeht, und das, was das schweizerische Volk empfindet.

[ 8 ] He does not act, like the others, under the influence of the idea of freedom, but out of a purely personal feeling—that of a father whose pride has been wounded. Schiller brings two storylines together: one that concerns Tell alone, and the other that reflects the sentiments of the Swiss people.

[ 9 ] Schiller wollte zeigen, wie beim Menschen nicht alles so gradlinig sich abspielt. Wir können gleiches bei Hebbels «Judich» wiederfinden, wo die Not des Vaterlandes zusammenfällt mit dem gekränkten Weibempfinden; der Dichter braucht etwas, was unmittelbar herauswächst aus der menschlichen Brust. Nicht das bloß Moralische, nicht das bloß Sinnliche will Schiller, sondern das Moralische soll herabsteigen und zur persönlichen Leidenschaft werden. Der Mensch wird nur dadurch frei, daß er sein Persönliches in der Art zu verrichten vermag, daß es mit dem allgemeinen zusammentrifft. So arbeitete Schiller Stück für Stück an dem Ausbau seiner Psychologie, so sehen wir seinen Idealismus in einer fortwährenden Klärung. Das ist der Zauber, der in Schillers Dramen lebt. Er hat seine tiefgründigen, ästhetischen Schriften nicht umsonst verfaßt, in diese Probleme sich nicht umsonst versenkt.

[ 9 ] Schiller wanted to show that not everything in human life unfolds in such a straightforward manner. We can find the same idea in Hebbel’s Judich, where the plight of the fatherland coincides with a woman’s wounded feelings; the poet needs something that springs directly from the human heart. Schiller does not seek merely the moral or merely the sensual; rather, the moral must descend and become personal passion. Human beings become free only when they are able to express their individuality in a way that coincides with the universal. Thus Schiller worked, piece by piece, on the development of his psychology; thus we see his idealism in a process of continual clarification. This is the magic that lives in Schiller’s dramas. It was not in vain that he wrote his profound, aesthetic treatises, nor was it in vain that he immersed himself in these problems.

[ 10 ] Alles, was im 19. Jahrhundert über Ästhetik geschrieben worden ist von Vischer, Hartmann, Fechner und so weiter, so bedeutend und treffend vieles ist, wir sehen bei allen das Schöne aus dem Menschen herausverlegt. Schiller aber hat immer studiert, was in der Seele des Menschen vorgeht, wie das Schöne auf die Menschenseele wirkt. Darum berührt uns, was er sagt, so traulich, so heimisch, darum können immer wieder Schillers Prosaschriften mit Entzücken gelesen werden. Es wäre eine würdige Schillerfeier, wenn diese Schriften weit verbreitet und gelesen würden, sie könnten weitgehend beitragen zur Vertiefung des menschlichen Geistes in künstlerischer und moralischer Beziehung. Eine pädagogische Ausbeute müßte aus Schillers ästhetischen Briefen gezogen werden; es würde in unser ganzes Unterrichtswesen dadurch ein neuer Zug kommen.

[ 10 ] Everything written about aesthetics in the 19th century by Vischer, Hartmann, Fechner, and so on—as significant and apt as much of it may be—shows that they all locate beauty outside of human beings. Schiller, however, always studied what goes on in the human soul and how beauty affects the human soul. That is why what he says touches us so intimately, so familiarly; that is why Schiller’s prose works can be read with delight time and again. It would be a fitting tribute to Schiller if these writings were widely disseminated and read; they could contribute significantly to the deepening of the human spirit in both artistic and moral terms. Educational benefits should be drawn from Schiller’s aesthetic letters; this would bring a new dimension to our entire educational system.

[ 11 ] Wer Schillers Dramen verstehen will, muß die feine Bildungsluft aus seinen ästhetischen Schriften hervorholen. Wie Schiller in immer tiefere Schächte des Menschenherzens hineingraben wollte, wird der sehen, der sich mit dem leider nicht vollendeten «Demetrius» beschäftigt. Ein Drama hätte der «Demetrius» werden können, wie es erschütternder und gewaltiger kaum hätte ein Shakespearesches sein können. Viele Versuche sind unternommen worden, den «Demetrius» zu vollenden, doch der Größe der Aufgabe war niemand gewachsen. Der durchaus tragische Konflikt, bei reichster Handlung, beispielsweise der polnische Reichstag, ist — und das ist das Bedeutende — ganz in das Ich verlegt. Wir können nicht sagen, daß unser Sinnen, Empfinden und Fühlen unser Ich ist. Wir sind, was wir sind, weil das Denken und Fühlen der Umwelt zu uns hereindringt. Dieser Demetrius ist so aufgewachsen, daß er selbst nicht weiß, was sein Ich ist. Es findet sich bei ihm, bei einer bedeutungsvollen Tat, für die er hingerichtet werden soll, ein Kleinod. Es scheint sich herauszustellen, daß ihm die Anwartschaft auf den Zarenthron gebührt. Alles trifft zusammen, er kann nicht anders glauben, als daß er der echte russische Thronerbe sei. So wird er hineingetrieben in eine bestimmte Konfiguration seines Ich. Fäden, die von außen gesponnen werden, treiben ihn weiter. Die Bewegung ist siegreich; Demetrius aber entwickelt sich zum Zarencharakter. Jetzt, wo das Ich zusammenstimmt mit der Welt um ihn her, erfährt er, daß er im Irrtum war: er ist nicht der echte Thronerbe. Er ist nicht mehr derjenige, als der er sich selbst gefunden hat. Er steht der Mutter gegenüber: sie verehrt ihn, aber die Stimme der Natur ist so stark in ihr, daß sie ihn als Sohn nicht anerkennen kann. Er jedoch ist selbst zu dem geworden, was er vorstellte. Er kann es nicht mehr von sich werfen, aber die Voraussetzungen dieses Ich fallen von ihm ab. Dies ist ein unendlich tragischer Konflikt, ihn können wir glauben. Alles ist auf die Spitze der Persönlichkeit gestellt, einer Persönlichkeit, die mit unendlicher Kunst gezeichnet ist, der wir glauben, daß sie «nicht über Sklaven herrschen wolle».

[ 11 ] Anyone who wishes to understand Schiller’s plays must draw upon the refined intellectual atmosphere of his aesthetic writings. Anyone who studies the unfortunately unfinished Demetrius will see how Schiller sought to delve into ever deeper recesses of the human heart. “Demetrius” could have become a drama as harrowing and powerful as any by Shakespeare. Many attempts have been made to complete Demetrius, but no one was up to the magnitude of the task. The thoroughly tragic conflict, set against a rich backdrop of events—such as the Polish Diet—is—and this is the significant point—entirely transposed into the self. We cannot say that our thoughts, perceptions, and feelings constitute our self. We are what we are because the thoughts and feelings of the world around us penetrate us. This Demetrius has grown up in such a way that he himself does not know what his “I” is. In the course of a momentous act for which he is to be executed, a treasure is revealed within him. It seems to turn out that he is entitled to the succession to the tsar’s throne. Everything comes together; he cannot help but believe that he is the true heir to the Russian throne. Thus he is driven into a specific configuration of his “I.” Threads spun from outside propel him forward. The movement is victorious; Demetrius, however, develops into the character of a tsar. Now that his self is in harmony with the world around him, he learns that he was mistaken: he is not the true heir to the throne. He is no longer the person he had come to see himself as. He stands before his mother: she reveres him, but the voice of nature is so strong within her that she cannot acknowledge him as her son. He, however, has become exactly what he imagined himself to be. He can no longer cast it off, but the preconditions of this “I” fall away from him. This is an infinitely tragic conflict—one we can believe. Everything is brought to the extreme in his personality, a personality drawn with infinite artistry, one we believe “does not wish to rule over slaves.”

[ 12 ] Auch das Äußere war mit all der Kunst gefügt, zu der nur Schiller imstande war. So wird in Sapieha, dem Opponenten des Demetrius, vorahnend der Charakter des Demetrius angezeigt. Auch hier wird die Symmetrie angestrebt, die im Wallenstein erreicht ist. Das Drama wurde nicht vollendet; der Tod trat dazwischen. So erhält der Tod Schillers etwas Tragisches; alle die Hoffnungen, die auf Schiller gesetzt wurden, sie kamen in den Briefen und Äußerungen seiner Zeitgenossen zum Ausdruck. Tief erschüttert von dem Verlust dessen, von dem man noch so vieles erwartete, klingt es uns aus den Briefen der Besten entgegen, wie bei Wilhelm von Humboldt:

[ 12 ] Even the external elements were crafted with all the artistry of which only Schiller was capable. Thus, in Sapieha, Demetrius’s opponent, the character of Demetrius is foreshadowed. Here, too, the symmetry achieved in Wallenstein is sought. The drama was never completed; death intervened. Thus, Schiller’s death takes on a tragic quality; all the hopes that had been placed in Schiller were expressed in the letters and remarks of his contemporaries. Deeply shaken by the loss of one from whom so much was still expected, this sentiment resonates with us from the letters of his closest friends, as in the words of Wilhelm von Humboldt:

[ 13 ] «Er wurde der Welt in der vollendetsten Reife seiner geistigen Kraft entrissen, und hätte noch Unendliches leisten können. Sein Ziel war so gesteckt, daß er nie an einen Endpunkt gelangen konnte, und die immer fortschreitende Tätigkeit seines Geistes hätte keinen Stillstand besorgen lassen; noch sehr lange hätte er die Freude, das Entzücken, ja, wie er es in einem Briefe bei Gelegenheit des Plans zu einer Idylle so unnachahmlich beschreibt, die Seligkeit des dichterischen Schaffens genießen können.»

[ 13 ] “He was snatched from the world at the very height of his intellectual powers, and could have accomplished infinitely more. His goal was set in such a way that he could never reach an endpoint, and the ever-progressing activity of his mind would have prevented any stagnation; for a very long time yet, he could have continued to enjoy the joy, the delight—indeed, as he so inimitably describes it in a letter on the occasion of his plan for an idyll—the bliss of poetic creation.”

[ 14 ] Das ist der Ton, der den Tod Schillers erst zum Tragischen erhebt, denn im gewöhnlichen Verlauf der Dinge hat der Tod nicht jenes Irrationelle. Aus dieser Stimmung heraus fand Goethe für den toten Freund in dem «Epilog zu Schillers Glocke» die Worte:

[ 14 ] It is this tone that elevates Schiller’s death to the realm of the tragic, for in the ordinary course of events, death does not possess that irrational quality. Inspired by this mood, Goethe found the words for his deceased friend in the “Epilogue to Schiller’s Bell”:

Und hinter ihm in wesenlosem Scheine
Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.

And behind him, in a formless glow
Lay that which subdues us all: the common.

[ 15 ] Diesen großen idealistischen Zug, den können wir fortströmen sehen im 19. Jahrhundert. Man wurde sich bewußt, daß Schillers Geist erhebend sei, um fortan in allen Kämpfen seinem Volke Trost und Vorbild zu sein.

[ 15 ] We can see this great idealistic movement flowing through the 19th century. People came to realize that Schiller’s spirit was uplifting, and that from then on it would serve as a source of comfort and an example to his people in all their struggles.

[ 16 ] Das Fortwirkende von Schillers Idealismus in der deutschen Geistessubstanz sprach K. Gutzkow in seiner Rede zur Schillerfeier in der Harmonie in Dresden am 10. November 1859 aus, in den treffenden Worten:

[ 16 ] K. Gutzkow expressed the enduring influence of Schiller’s idealism on the German intellectual tradition in his speech at the Schiller celebration held at the Harmonie in Dresden on November 10, 1859, in these apt words:

[ 17 ] «Das ist das Geheimnis unserer Liebe zu Schiller: Die Erhebung unserer Herzen! Der Mut zur Tat! Der treue Beistand, den die Nation in all ihren Lagen bei ihrem Liebling findet! Mut und Freudigkeit weckt, was uns an Schiller erinnert. So lieblich, so reich, so tief anheimelnd wie Goethe uns anmutet, was in seinen Schöpfungen an deutsche Art und Sitte erinnert, es ist wie Efeu, der sich trauernd träumerisch an das Vergangene schmiegt. Aber bei Schiller ist alles Zukunft, Fahnenwinken oder Lorbeer. Deshalb, deshalb feiern wir das hundertjährige Gedächtnis seines Namens so klingend und weithinschallend, wie das Schlagen an einen ehernen Schild. Hoch der Dichter der Tat, ein Hort des deutschen Vaterlandes.»

[ 17 ] “That is the secret of our love for Schiller: the uplifting of our hearts! The courage to act! The faithful support that the nation finds in its favorite son in all its circumstances! What reminds us of Schiller awakens courage and joy. As lovely, as rich, as deeply comforting as Goethe seems to us—with what in his works recalls German character and custom—it is like ivy that clings mournfully and dreamily to the past. But with Schiller, everything is future—waving flags or laurel wreaths. That is why, that is why we celebrate the centennial commemoration of his name as resoundingly and far-reaching as the striking of a bronze shield. Long live the poet of action, a bastion of the German fatherland.”