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From Central European Spiritual Life
GA 65

10 February 1916, Berlin

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From Central European Spiritual Life, tr. SOL
  1. Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben

8. Osterreichische Persönlichkeiten in den Gebieten der Dichtung und Wissenschaft

8. Austrian Personalities in the Fields of Literature and Science

[ 1 ] Solche Betrachtungen wiediedesheutigen Abends sollen Zwischenbetrachtungen sein in der fortlaufenden Darstellung, die hier sonst aus dem geisteswissenschaftlichen Gebiete heraus gegeben wird. Insbesondere möchte ich am heutigen Abend versuchen, einiges von dem weiter auszubauen, was ich angedeutet habe in der im vorigen Dezember gehaltenen Darlegung österreichischer Geistes- und Kulturverhältnisse. In unserer Zeit, in der durch schwere Ereignisse und Erlebnisse der Begriff Mitteleuropa, auch mitteleuropäisches Geistesleben, sich immer mehr und mehr als ein lebendiger herausbilden muß, scheint es ja wohl berechtigt zu sein, wenn auf die ja im besonderen doch weniger bekannten Verhältnisse des Geisteslebens Österreichs der eine oder der andere Blick geworfen wird.

[ 1 ] Reflections such as those presented this evening are intended to be interim observations within the ongoing series of presentations on the humanities that are otherwise published here. In particular, I would like to attempt this evening to expand upon some of what I hinted at in the presentation on Austrian intellectual and cultural conditions given last December. In our time, in which the concept of Central Europe—and Central European intellectual life as well—must increasingly take shape as a living reality due to grave events and experiences, it seems quite justified to cast a glance or two at the conditions of intellectual life in Austria, which are, after all, relatively less well known.

[ 2 ] Hermann Bahr, der ja in weitesten Kreisen bekannt ist als ein geistreicher Mann, als ein die mannigfaltigsten Gebiete des Schrifttums pflegender Mann, stammt, ich möchte sagen, aus einer urösterreichischen Gegend: aus Ober-Österreich, und hat in verhältnismäßig jungen Jahren Frankreich, Spanien, Rußland besucht, hat dazumal, wie ich weiß, die Meinung gehabt, daß er das Wesen der französischen, ja, auch der spanischen Geisteskultur, der russischen Geisteskultur bis zu einem gewissen Grade treu dar stellen könne. Er hat sich ja sogar so sehr in die spanische Politik hineinbegeben, daß er, wie er damals versicherte, als er zurückgekommen ist, einen feurigen Artikel in Spanien geschrieben hat gegen den Sultan von Marokko. Nun, seit Jahrzehnten schon hält er sich nach seiner Weltwanderung in Österreich auf, tätig als Dramatiker, als Redakteur, als allgemeiner Kunstbetrachter, auch als Biograph zum Beispiel des so viel verkannten Max Burckhardt und so weiter. Ich habe bis in diese Tage zu verfolgen gesucht, was Hermann Bahr schreibt. In der letzten Zeit, ja eigentlich schon seit langer Zeit, findet man bei ihm ein Bestreben, das er oftmals selber so ausgedrückt hat, daß er sich auf der Suche befinde, Österreich zu entdecken. Nun denken Sie sich, der Mann, der glaubte, französisches, sogar spanisches Wesen zu kennen, der über russisches Wesen ein Buch geschrieben hat, geht dann in sein Heimatland zurück, ist ein solcher Angehöriger seines Heimatlandes, daß er bloß fünf Worte zu sprechen braucht, und man erkennt sogleich den Österreicher; der Mann sucht Österreich! Es scheint dies sonderbar. Es ist aber durchaus nicht so. Dieses Suchen stammt aus der ganz berechtigten Empfindung, daß ja im Grunde genommen auch für den Österreicher Österreich, österreichisches Wesen - ich möchte sagen - österreichische Volkssubstanz nicht ganz leicht zu finden ist. Ich möchte an einigen typischen Persönlichkeiten einiges darstellen von diesem österreichischen Volkstum, insofern es sich im österreichischen Geistesleben auslebt.

[ 2 ] Hermann Bahr, who is widely known as a man of great wit and as someone who has cultivated the most diverse fields of literature, hails, I might say, from a quintessentially Austrian region: Upper Austria; and at a relatively young age he visited France, Spain, and Russia. At that time, as I know, he believed that he could faithfully portray the essence of French, and indeed Spanish, intellectual culture—as well as Russian intellectual culture, to a certain extent. In fact, he immersed himself so deeply in Spanish politics that, as he assured us at the time upon his return, he wrote a fiery article in Spain against the Sultan of Morocco. Well, for decades now, following his travels around the world, he has been living in Austria, working as a playwright, an editor, a general observer of the arts, and also as a biographer—for example, of the much-misunderstood Max Burckhardt, and so on. I have sought to follow what Hermann Bahr writes right up to the present day. Lately—indeed, for quite some time now—one finds in his work an aspiration, which he has often expressed in his own words, that he is on a quest to discover Austria. Now imagine this: the man who believed he understood the French, even the Spanish, character—who wrote a book on the Russian character—then returns to his homeland, is so deeply rooted in it that he need only speak five words for one to immediately recognize him as an Austrian; this man is searching for Austria! This may seem strange. But it is by no means so. This search stems from the entirely justified feeling that, when it comes down to it, even for the Austrian, Austria—the Austrian spirit—I might say, the Austrian national essence—is not all that easy to find. I would like to illustrate something of this Austrian national character through a few typical personalities, insofar as it manifests itself in Austrian intellectual life.

[ 3 ] Viele Menschen waren in der Zeit, als ich noch jung war, der Ansicht, der damals berechtigten Ansicht, daß man bei Betrachtungen über Kunst, Kunstwesen, Literatur, Geistesentwickelung zu sehr den Blick in die Vergangenheit richte. Insbesondere tadelte man viel herum an der wissenschaftlichen Kunst- und Literaturgeschichte, für die irgendeine Persönlichkeit erst dann gilt, wenn sie nicht einmal vor Jahrzehnten, sondern vor Jahrhunderten gelebt hat. Die Betrachtungen konnten sich dazumal wenig aufschwingen zu der unmittelbaren Anschauung der Gegenwart. Ich glaube, daß man heute etwas Entgegengesetztes empfinden könnte: In dem, was so gang und gäbe ist an Betrachtungen über Kunst und Künstler, erleben wir jetzt oft, daß ein jeder mehr oder weniger die Welt bei sich selbst anfangen läßt oder bei seinen unmittelbaren Zeitgenossen. Ich möchte hier nun nicht die Gegenwart des österreichischen Geisteslebens betrachten, sondern ein allerdings nicht weit zurückliegendes Zeitgebiet. Ich möchte nicht in beschreibender Weise vorgehen. Mit Beschreibungen hat man immer Recht und immer Unrecht zugleich. Man trifft die eine oder die andere Schattierung dieser oder jener Tatsache oder Persönlichkeit, und sowohl derjenige, der zustimmt, wie derjenige, der widerlegt, wird bei allgemeiner Charakteristik, bei allgemeinen Beschreibungen zweifellos Recht haben. Ich möchte vielmehr symptomatisch schildern. Ich möchte einzelne Persönlichkeiten herausgreifen und bei diesen Persönlichkeiten wiederum Züge, an denen so manches veranschaulicht werden kann, was im Österreichischen Geisteswesen lebt. Man verzeihe mir, wenn ich von einer mir nahestehenden Persönlichkeit ausgehe. Ich glaube allerdings, daß das Nahestehen mich in diesem Fall nicht hindert an einer objektiven Beurteilung der betreffenden Persönlichkeit. Aber ich glaube andererseits, daß mir in dieser eine solche Persönlichkeit im Leben gegenübergetreten ist, die in einer gewissen Beziehung außerordentlich charakteristisch ist für Österreichs Geistesleben.

[ 3 ] When I was young, many people held the view—a view that was justified at the time—that when considering art, the nature of art, literature, and intellectual development, too much attention was focused on the past. In particular, there was widespread criticism of scholarly art and literary history, which only considers a figure significant if they lived not merely decades, but centuries ago. At that time, such reflections were largely unable to rise to a direct perception of the present. I believe that today one might feel the opposite: in the reflections on art and artists that are so commonplace, we now often find that everyone, to a greater or lesser extent, begins their view of the world with themselves or with their immediate contemporaries. I do not wish here to examine the present state of Austrian intellectual life, but rather a period that is, admittedly, not too far in the past. I do not wish to proceed in a descriptive manner. With descriptions, one is always right and always wrong at the same time. One captures one nuance or another of this or that fact or personality, and both those who agree and those who disagree will undoubtedly be right when it comes to general characterizations and general descriptions. Rather, I would like to present a symptomatic account. I would like to single out individual personalities and, in turn, highlight traits in these personalities that can illustrate many aspects of what is alive in the Austrian spiritual life. Please forgive me if I begin with a personality close to me. I do believe, however, that this closeness does not prevent me in this case from making an objective assessment of the person in question. But I also believe that I have encountered in my life a person who, in a certain respect, is exceptionally characteristic of Austria’s intellectual life.

[ 4 ] Als ich 1879 an die Wiener Technische Hochschule kam, da versah das Fach, das ja dort selbstverständlich wie ein Nebenfach vertreten wurde, die deutscheLiteraturgeschichte, Karl Julius Schröer. Er ist wenig bekannt geworden und von denjenigen, die ihn kennengelernt haben, viel verkannt worden. Ich glaube nun durchaus, daß er zu denjenigen Persönlichkeiten zählt, die verdienen, in der Geistesgeschichte Österreichs fortzuleben. Ein bedeutender Literaturhistoriker hat allerdings einmal in einer Gesellschaft, bei der ich neben ihm saß, sich sonderbar über Karl Julius Schröer ausgesprochen. Es war die Rede von einer deutschen Fürstin, und der betreffende Literarhistoriker wollte sagen, daß diese deutsche Fürstin, so begabt sie sonst auch sei, doch manchmal, wie er sich ausdrückte, allerdings in ihren literarischen Urteilen, «sehr daneben hauen könne»; und als Beispiel führte er an, daß sie Karl Julius Schröer für einen bedeutenden Mann halte, Schröer trat um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts an einem bedeutsamen Punkte des österreichischen Geisteslebens, in Preßburg, an einem evangelischen Lyzeum als Lehrer der deutschen Literaturgeschichte auf. Später versah er dann dasselbe Fach an der Budapester Universität. Karl Julius Schröer war der Sohn Tobias Gottfried Schröers, der in dem vorigen Vortrag über Österreichertum von mir erwähnt worden ist. Tobias Gottfried Schröer war im Grunde auch eine für Österreich außerordentlich bedeutsame Persönlichkeit. Er hatte das Preßburger Lyzeum begründet und wollte dieses zu einer Pflegestätte deutschen Geisteswesens machen. Was er sich vorgesetzt hatte, war, denjenigen Deutschen Österreichs, die mitten in anderer Bevölkerung sitzen, das volle Bewußtsein ihres Wesens als Zugehörigen zum deutschen Geistesleben voll zum Bewußtsein zu bringen.

[ 4 ] When I enrolled at the Vienna University of Technology in 1879, the course in German literary history—which, of course, was offered there as a minor subject—was taught by Karl Julius Schröer. He has remained little known and has been greatly misunderstood by those who knew him. I firmly believe, however, that he is one of those figures who deserve to live on in the intellectual history of Austria. A prominent literary historian, however, once made a strange remark about Karl Julius Schröer at a gathering where I was seated next to him. The conversation turned to a German princess, and the literary historian in question wanted to say that this German princess, however gifted she might otherwise be, could sometimes—as he put it—“be way off the mark” in her literary judgments; and as an example, he cited the fact that she considered Karl Julius Schröer to be a man of significance. Schröer began his career in the middle of the past century at a significant center of Austrian intellectual life, in Pressburg, where he taught German literary history at a Protestant high school. Later, he taught the same subject at the University of Budapest. Karl Julius Schröer was the son of Tobias Gottfried Schröer, whom I mentioned in my previous lecture on Austrian identity. Tobias Gottfried Schröer was, in fact, also an extraordinarily significant figure for Austria. He had founded the Pressburg Lyceum and sought to make it a center for German intellectual life. His goal was to instill in those Germans in Austria who lived among other populations a full awareness of their identity as members of German intellectual life.

[ 5 ] Tobias Gottfried Schröer ist eine Persönlichkeit, die einem geistesgeschichtlich so entgegentritt, daß man eine gewisse Rührung empfinden möchte, denn man hat immer das Gefühl: wie es doch in der Welt möglich ist, daß ein bedeutender Geist durch die Ungunst der Zeitverhältnisse völlig unbekannt bleiben kann, völlig unbekannt insofern man «bekannt sein» das nennt, daß man weiß, diese oder jene Persönlichkeit hat existiert und hat dieses oder jenes geleistet. Allerdings, die Leistungen Tobias Gottfried Schröers sind durchaus nicht unbekannt und auch nicht ungeschätzt geblieben. Ich will nur hervorheben, daß schon 1830 Tobias Gottfried Schröer ein sehr interessantes Drama, «Der Bär», geschrieben hat, das in seinem Mittelpunkt die Persönlichkeit des Zaren Iwan IV. hat, und daß Karl von Holtei von diesem Drama gesagt hat, daß, wenn die dargestellten Charaktere Schröers Schöpfungen seien, so habe er außerordentlich Bedeutsames geleistet. Und sie waren bis auf Iwan IV. Schröers Erfindung. Allerdings, der besonnene Mann, der durchaus nicht irgendwie radikal gesinnte Tobias Gottfried Schröer, hatte einen Fehler. Man konnte dazumal die Leute das, was er schrieb, sozusagen nicht lesen lassen, das heißt, diese Ansicht war bei der Zensur vorhanden. Und so kam es denn, daß er seine Werke alle im Auslande drucken lassen mußte und daß man ihn als den bedeutenden dramatischen Dichter, der er war, eben durchaus nicht kennen lernen konnte. Er schrieb 1839 ein Drama «Leben und Taten Emmerich Tökölys und seiner Streitgenossen». In diesem Werke tritt einem in einem großen historischen Gemälde alles entgegen, was an Geistesströmungen in Ungarn zu jener Zeit vorhanden war. Und in der Gestalt Tökölys selber tritt einem entgegen, was Kritiker der damaligen Zeit mit Recht einen ungarischen Götz von Berlichingen genannt haben, nicht so sehr, weil Tököly ein Götz von Berlichingen genannt werden mußte, sondern weil es Schröer gelang, Tököly in einer so anschaulichen Weise auf die Beine zu stellen, daß sich die dramatische Figur Tökölys nur mit dem Götz von Berlichingen vergleichen ließ. Nur durch merkwürdige Verwechselung kam es zuweilen, daß Tobias Gottfried Schröer anerkannt wurde. So zum Beispiel schrieb er eine Schrift «Über Erziehung und Unterricht in Ungarn». Diese Schrift wurde von vielen als etwas Außerordentliches angesehen. Aber sie wurde auch verboten, und es wurde darauf aufmerksam gemacht, was eigentlich dieser Verfasser — der im Grunde genommen der ruhigste Mann der Welt war - für ein gefährlicher Mensch sei. Aber der Palatin von Ungarn, Erzherzog Joseph, las diese Schrift. Nun legte sich der Sturm, der sich über diese Schrift erhoben hatte. Da erkundigte er sich nach dem Verfasser. Den wußte man nicht. Aber man mutmaßte, daß es der Rektor einer ungarischen Schule sei. Und Erzherzog Joseph, der Palatin von Ungarn, nahm sogleich den Mann - es war nicht der rechte! - ins Haus zum Erzieher seines Sohnes. Auch eine Anerkennung einer Persönlichkeit! Solche Dinge sind gerade mit Bezug auf diese Persönlichkeit manche passiert. Denn diese Per. sönlichkeit ist dieselbe, welche unter dem Namen Christian Oeser allerlei Schriften geschrieben hat, welche viel verbreitet worden sind: eine «Ästhetik für Jungfrauen», eine «Weltgeschichte für Töchterschulen». Wenn Sie diese «Weltgeschichte für Töchterschulen» eines protestantischen Verfassers lesen, so werden Sie es gewiß recht auffällig finden, und doch ist es wahr, daß sie einmal sogar in einem Nonnenkloster als die entsprechende Weltgeschichte eingeführt worden ist — wahrhaftig, in einem Nonnenkloster! Der Grund dazu war der, daß dem Titelblatt gegenüberstehend sich ein Bild der heiligen Elisabeth befindet. Ich überlasse es Ihnen, etwa zu glauben, daß die Freisinnigkeit der Nonnen etwas dazu beigetragen haben könnte zur Einführung dieser «Weltgeschichte für Töchterschulen» gerade in einem Nonnenstift.

[ 5 ] Tobias Gottfried Schröer is a figure who, in the context of intellectual history, strikes one in such a way that one is moved to feel a certain emotion, for one always has the sense that: how is it possible in this world that a significant mind can remain completely unknown due to the adverse circumstances of the times—completely unknown insofar as one defines “being known” as knowing that this or that person existed and accomplished this or that. Admittedly, Tobias Gottfried Schröer’s achievements are by no means unknown, nor have they gone unappreciated. I merely wish to emphasize that as early as 1830, Tobias Gottfried Schröer wrote a very interesting play, *Der Bär* (*The Bear*), which centers on the figure of Tsar Ivan IV, and that Karl von Holtei said of this play that, if the characters depicted were Schröer’s creations, then he had achieved something extraordinarily significant. And with the exception of Ivan IV, they were Schröer’s inventions. However, this level-headed man—Tobias Gottfried Schröer, who was by no means a radical—had one flaw. At that time, people could not, so to speak, be allowed to read what he wrote; that is to say, this was the view held by the censors. And so it came to pass that he had to have all his works printed abroad, and that people simply could not come to know him as the significant dramatic poet that he was. In 1839, he wrote a drama titled *The Life and Deeds of Emmerich Tököly and His Comrades-in-Arms*. In this work, set against a grand historical backdrop, one encounters all the intellectual currents that existed in Hungary at that time. And in the figure of Tököly himself, one encounters what critics of the time rightly called a Hungarian Götz von Berlichingen—not so much because Tököly had to be called a Götz von Berlichingen, but because Schröer succeeded in portray Tököly so vividly that the dramatic figure of Tököly could only be compared to Götz von Berlichingen. It was only through a curious mix-up that Tobias Gottfried Schröer was occasionally recognized. For example, he wrote a treatise titled “On Education and Instruction in Hungary.” This treatise was regarded by many as something extraordinary. But it was also banned, and attention was drawn to what a dangerous man this author—who was, in fact, the calmest man in the world—actually was. But the Palatine of Hungary, Archduke Joseph, read this treatise. Now the storm that had arisen over this treatise subsided. He then inquired about the author. No one knew who it was. But it was speculated that he was the principal of a Hungarian school. And Archduke Joseph, the Palatine of Hungary, immediately took the man—it wasn’t the right one!—into his household as his son’s tutor. What a recognition of a personality! Many such things have happened precisely in connection with this individual. For this individual is the very same person who, under the name Christian Oeser, wrote all sorts of works that were widely circulated: an “Aesthetics for Young Women,” a “World History for Girls’ Schools.” If you read this “World History for Girls’ Schools” by a Protestant author, you will certainly find it quite striking, and yet it is true that it was once even introduced in a convent as the appropriate world history—truly, in a convent! The reason for this was that, opposite the title page, there is an image of Saint Elizabeth. I’ll leave it to you to decide whether the liberal-mindedness of the nuns might have contributed to the adoption of this “World History for Girls’ Schools” in a convent of all places.

[ 6 ] Aufgewachsen in der Atmosphäre, die von diesem Manne ausstrahlte, war nun Karl Julius Schröer. Karl Julius Schröer war in den vierziger Jahren an die damals im Auslande berühmtesten deutschen Universitäten gegangen, nach Leipzig, Halle und Berlin. 1846 kehrte er zurück. In Preßburg, an der Grenze zwischen Ungarn und dem deutschen Österreich, an der Grenze aber auch zwischen diesen Gebieten und wiederum slawischem Gebiet, übernahm er zunächst den deutschen Literaturunterricht am Lyzeum seines Vaters und versammelte um sich alle diejenigen, die dazumal deutschen Literaturunterricht aufnehmen wollten. Nun ist es charakteristisch, mit welchem Bewußtsein, mit welcher Gesinnung zunächst Karl Julius Schröer, dieser Typus eines Deutsch-Österreichers, seine damals ja kleine Aufgabe anfaßte, Er hatte sich mitgebracht aus seinem Studiengange, den er in Leipzig, Halle und Berlin absolviert hatte, ein Bewußtsein von deutschem Wesen, ein Wissen von dem, was aus dem deutschen Geistesleben im Laufe der Zeit nach und nach hervorgequollen war. Danach hatte er in sich die Anschauung gefaßt: Dieses deutsche Wesen ist für die neuere Zeit und für die Kultur der neueren Zeit etwas, was sich nur vergleichen läßt mit dem Wesen der Griechen für das Altertum. Nun fand er sich — ich möchte sagen, angefüllt von dieser Gesinnung — mit seiner Aufgabe, die ich eben charakterisiert habe, nach Österreich hineingestellt, dazumal wirkend für dieErhöhung, für die Erkraftung des deutschen Bewußtseins derjenigen, die in der Mannigfaltigkeit der Bevölkerung durch dieses deutsche Bewußtsein ihre Kraft bekommen sollten, um in der rechten Weise sich hineinstellen zu können in die ganze Mannigfaltigkeit des Volkslebens Österreichs. Nun kam ihm nicht nur das deutsche Wesen wie das alte griechische Wesen vor, sondern Österreich selber verglich er wiederum — 1846 war das — mit dem alten Mazedonien, mit dem Mazedonien Philipps und Alexanders, das griechisches Wesen nach dem Osten hinüber zu tragen hatte. So faßte er nun das auf, was er im Kleinen zu leisten hatte. Ich möchte Ihnen einzelne Aussprüche aus den Vorträgen, die er dazumal am Lyzeum in Preßburg gehalten hat, zur Verlesung bringen, damit Sie sehen, aus welchem Geiste Karl Julius Schröer seine kleine, aber von ihm weltgeschichtlich genommene Aufgabe faßte. Er sprach über die Gesinnung, aus der er deutsches Wesen erklären, darstellen und denen, die ihm zuhörten, zu Herzen und zur Seele bringen wollte. «Von diesem Standpunkte aus», sagte er, «verschwanden natürlich die einseitigen Leidenschaften der Parteien vor meinem Blicke: man wird weder einen Protestanten noch einen Katholiken, weder konservativen noch subversiven Schwärmer hören und einen für deutsche Nationalität Begeisterung nur insofern, als durch dieselbe die Humanität gewann und das Menschengeschlecht verherrlicht wurde!» Mit diesen Empfindungen im Herzen ließ er nun sich aufrollen die Entwickelung des deutschen Literaturlebens, die Entwickelung der deutschen Dichtung seit den Zeiten des alten Nibelungenliedes bis in die nach-Goethesche Zeit hinein. Und das sprach er offen aus: «Wenn wir den Vergleich Deutschlands mit dem antiken Griechenland und der deutschen mit den griechischen Staaten verfolgen, so finden wir eine große Ähnlichkeit zwischen Österreich und Mazedonien. Wir sehen die schöne Aufgabe Österreichs in einem Beispiele vor uns: den Samen westlicher Kultur über den Osten hin auszustreuen.»

[ 6 ] Karl Julius Schröer had grown up in the atmosphere that this man exuded. In the 1840s, Karl Julius Schröer had attended the German universities that were most renowned abroad at the time—Leipzig, Halle, and Berlin. He returned in 1846. In Pressburg, on the border between Hungary and German Austria—but also on the border between these regions and Slavic territory—he initially took over the teaching of German literature at his father’s lyceum and gathered around him all those who wished to study German literature at that time. It is telling to see with what awareness and what spirit Karl Julius Schröer—this quintessential German-Austrian—initially set about his task, which was, after all, a modest one at the time; From his studies, which he had completed in Leipzig, Halle, and Berlin, he had brought with him an awareness of the German spirit and a knowledge of what had gradually emerged from German intellectual life over the course of time. Consequently, he had formed the conviction within himself: This German essence is, for modern times and for the culture of modern times, something that can only be compared to the essence of the Greeks for antiquity. Now he found himself—I would say, filled with this spirit — with the task I have just described, placed in Austria, where he was working at that time to elevate and strengthen the German consciousness of those who, within the diversity of the population, were to draw their strength from this German consciousness in order to be able to engage in the right way with the full diversity of Austrian national life. Now, not only did the German spirit strike him as akin to the ancient Greek spirit, but he also compared Austria itself—this was in 1846—to ancient Macedonia, the Macedonia of Philip and Alexander, which was tasked with carrying the Greek spirit eastward. This was how he understood the task he was to accomplish on a smaller scale. I would like to read to you a few passages from the lectures he gave at the time at the Lyceum in Pressburg, so that you may see the spirit in which Karl Julius Schröer approached his small task—one he viewed as of world-historical significance. He spoke of the mindset from which he sought to explain and portray the German spirit, and to bring it to the hearts and souls of his listeners. “From this standpoint,” he said, “the one-sided passions of the political parties naturally vanished from my view: one will hear neither a Protestant nor a Catholic, neither a conservative nor a subversive enthusiast, but only enthusiasm for German nationality to the extent that through it humanity was advanced and the human race was glorified!” With these sentiments in his heart, he now set out to trace the development of German literary life—the development of German poetry from the times of the ancient *Nibelungenlied* right into the post-Goethe era. And he stated this openly: “If we trace the comparison between Germany and ancient Greece, and between the German states and the Greek city-states, we find a great similarity between Austria and Macedonia. We see Austria’s noble mission exemplified before us: to scatter the seeds of Western culture across the East.”

[ 7 ] Nachdem er solche Sätze ausgesprochen hatte, ließ Karl Julius Schröer den Blick über die Zeiten schweifen, in denen das deutsche Wesen infolge verschiedener Ereignisse von anderen Völkern ringsumher gründlich verkannt worden ist. Darüber sprach er sich so aus: «Der deutsche Name wurde gering geachtet von den Nationen, die ihm so viel zu danken hatten; der Deutsche wurde damals in Frankreich geradezu Barbaren gleichgeschätzt.» 1846 zu seinen Zuhörern am deutschen Lyzeum in Preßburg gesprochen! Aber demgegenüber lebte in Karl Julius Schröer der ganze Enthusiasmus, die ganze Begeisterung für das, was er, man könnte sagen, als deutsche Geistessubstanz ansah, nicht für das, was man im ethnographischen Sinne bloß die Nationalität nennt, sondern für das Geistige, das all dasjenige durchtränkt, was deutsches Wesen zusammenhält. Ich führe einzelne Aussprüche Karl Julius Schröers aus dieser jetzt schon lange hinter uns liegenden Zeit aus dem Grunde an, um zu zeigen, wie eigentümlich gerade in hervorragenderen Geistern dasjenige lebt, was man SichBekennen zur deutschen Nationalität nennt. Im Grunde genommen müssen wir uns durchaus vorhalten, daß die Art und Weise, wie der Deutsche zu seiner Nationalität steht, von den anderen Nationalitäten Europas gar nicht verstanden werden kann, denn es ist grundverschieden von der Art, wie die anderen Nationalitäten zu dem stehen, was sie ihre Nationalität nennen. Wenn man gerade bei den hervorragenderen, tiefer empfindenden Deutschen sich umsieht, findet man, daß sie im besten Sinne dadurch Deutsche sind, daß sie Deutschtum sehen in dem, was geistig durchpulst, aber auch als von diesem Geistigen tingierte Kraft das durchpulst, was sich zum Deutschtum zählt; daß ihnen das Deutschtum etwas wie ein Ideal ist, etwas, zu dem sie hinaufblicken, das sie nicht bloß als Volksorganismus ansehen. Und darinnen liegen viele von den Schwierigkeiten, warum deutsches Wesen — auch in unseren Tagen, und besonders in unseren Tagen — so mißverstanden, so gehaßt wird. Solche Deutsche wie Karl Julius Schröer wollen ihr Deutschtum sich erringen durch Erkenntnis, dadurch sich erringen, daß sieEinblick gewinnen in die Lebens- und Wirkensmöglichkeiten, die der lebendige Organismus einer Nation darbietet. Und immer wieder schweift der Blick Karl Julius Schröers nicht in Hochmut, sondern in Bescheidenheit hinauf zu der Frage: Welche welthistorische Sendung in der Entwickelung des Menschengeschlechts hat dasjenige zu erfüllen, was man in diesem besten Sinne des Wortes Deutschtum und deutsches Wesen nennen kann? Und vor der Weltgeschichte will es gerechtfertigt sein, was sich an Anschauungen über deutsches Wesen aufbaut. Vieles könnte noch gesagt werden über diese besondere Stellung gerade solcher Geister zum deutschen Wesen. So sagt Karl Julius Schröer einmal aus dieser Gesinnung heraus: «Man nennt die Weltepoche, die mit dem Christentum beginnt, auch die germanische Welt; denn obwohl auch die anderen Völker an der Geschichte großen Anteil haben, so sind doch fast alle Staaten Europas von Germanen gegründet... .» — das ist eine Wahrheit, welche man jedenfalls heute außerhalb der deutschen Grenzpfähle nicht gerne - nun, hören tut man sie ja nicht -, aber sich nicht gerne zum Bewußtsein bringt — «... Spanien, Frankreich, England, Deutschland, Österreich, selbst Rußland, Griechenland, Schweden und so weiter, sind von Germanen gegründet und von deutschem Geiste durchdrungen.»

[ 7 ] After uttering such words, Karl Julius Schröer let his gaze wander over the times when, as a result of various events, the German character had been thoroughly misunderstood by the surrounding nations. He expressed this as follows: “The German name was held in low esteem by the nations that owed it so much; at that time, the Germans were regarded in France as nothing short of barbarians.” Spoken in 1846 to his audience at the German Lyceum in Pressburg! But in contrast, Karl Julius Schröer was filled with the utmost enthusiasm and passion for what he regarded, one might say, as the substance of the German spirit—not for what is merely called “nationality” in the ethnographic sense, but for the spiritual essence that permeates everything that holds the German spirit together. I cite individual statements by Karl Julius Schröer from this time—which now lies long behind us—precisely to show how uniquely alive, especially in more outstanding minds, is what is called a commitment to German nationality. Fundamentally, we must bear in mind that the way Germans relate to their nationality cannot be understood at all by the other nationalities of Europe, for it is fundamentally different from the way other nationalities relate to what they call their nationality. If one looks particularly at the more outstanding, deeply sensitive Germans, one finds that they are German in the best sense of the word because they see German-ness in what pulses through the spiritual realm, but also as a force tinged by this spiritual realm that pulses through what is counted as German-ness; that for them, German-ness is something like an ideal, something to which they look up, which they do not merely regard as a national organism. And therein lie many of the difficulties explaining why the German essence—even in our day, and especially in our day—is so misunderstood, so hated. Germans such as Karl Julius Schröer seek to attain their German-ness through insight, by gaining an understanding of the possibilities for life and action that the living organism of a nation offers. And time and again, Karl Julius Schröer’s gaze turns—not in arrogance, but in humility—to the question: What world-historical mission in the development of the human race is to be fulfilled by that which, in the best sense of the word, can be called German identity and the German essence? And before world history, the views that are built up regarding the German essence must be justified. Much more could be said about this particular stance of precisely such minds toward the German essence. Thus, Karl Julius Schröer once stated from this perspective: “The world epoch that begins with Christianity is also called the Germanic world; for although other peoples also play a major role in history, nearly all the states of Europe were founded by Germanic peoples... .” — this is a truth that, at any rate, people outside Germany’s borders today are reluctant—well, one doesn’t hear it, of course—but are reluctant to acknowledge—“... Spain, France, England, Germany, Austria, even Russia, Greece, Sweden, and so on, were founded by Germanic peoples and imbued with the German spirit.”

[ 8 ] Und dann führt Karl Julius Schröer für seine Zuhörer einen Ausspruch eines deutschen Literarhistorikers, Wackernagel, an: «Durch ganz Europa floß nun...» — nämlich nach der Völkerwanderung - «Ein germanisches Blut, rein, oder römisch-keltisches verquickend, floß nun Ein germanischer Lebensgeist, nahm den Christenglauben ... auf seine reineren, stärkeren Fluten und trug ihn mit fort.» Es war damals keine Zeit, in welcher so wie heute der Haß Europas herausgefordert hätte, solche Anschauungen darzulegen. Es waren Anschauungen, die in grundehrlicher Weise aus der Betrachtung des deutschen Wesens bei diesem Geiste folgten. Und so drückte er sich aus: «Die Kulturvölker Europas sind Eine große Familie und ein einziger großer Gang der Nationen Europas ist es, der durch alle Irrtümer hindurch zur Quelle der Wahrheit und wahrhaften Kunst zurückführt, auf dem alle Nationen die Deutschen begleiten, oft überholen, am Ende aber eine nach der anderen hinter ihnen zurückbleiben. Die romanischen Völker sind gewöhnlich die Ersten in Allem: Italiener, dann Spanier, Franzosen, dann kommen die Engländer und Deutschen. Bei Einem dieser Völker kulminiert gewöhnlich eine jede Tendenz der Zeiten. Doch hat in letzter Zeit in Kunst und Wissenschaft auch den Engländern schon ihr Stündchen geschlagen...» — 1846, allerdings mit Bezug auf die Entwickelung des Geisteslebens gesagt und gemeint—«... und die Zeit ist angebrochen, wo die deutsche Literatur sichtbar über Europa zu herrschen beginnt, wie vordem die italienische und französische!»

[ 8 ] And then Karl Julius Schröer quotes a statement by a German literary historian, Wackernagel, for his audience: “Throughout Europe flowed now...” —namely, after the Migration Period—“A Germanic blood, pure or mingled with Roman-Celtic blood, now flowed. A Germanic spirit of life took the Christian faith... upon its purer, stronger currents and carried it along.” It was not a time, as it is today, when expressing such views would have provoked Europe’s hatred. These were views that followed, in a fundamentally honest way, from a contemplation of the German essence in the light of this spirit. And so he expressed it: “The civilized peoples of Europe are one great family, and it is a single great path of the nations of Europe that leads, through all errors, back to the source of truth and true art—a path on which all nations accompany the Germans, often overtaking them, but in the end falling behind one by one. The Romance peoples are usually the first in everything: the Italians, then the Spaniards, the French, followed by the English and the Germans. Every trend of the times usually culminates in one of these peoples. Yet, of late, the English, too, have had their moment in art and science...” — Said and meant in 1846, though with reference to the development of intellectual life—“... and the time has come when German literature is visibly beginning to dominate Europe, just as Italian and French literature did before!”

[ 9 ] So war der Mann hineingestellt in seine österreichische Heimat. Und da ich ihm später sehr nahegetreten bin, weiß ich es wohl, daß sie ihm nichts, aber auch gar nichts war, das irgendwie mit dem Wort bezeichnet werden könnte: er hätte die Herrschaft irgendeiner Nation über die andere gewollt — auch innerhalb Österreichs nicht. Wenn man solche Gesinnung, wie sie Karl Julius Schröer hatte, eine nationale nennen will, so ist sie vereinbar mit dem Geltenlassen einer jeden Nationalität, insofern sich diese Nationalität aus dem Keim, aus dem Quell ihres eigenen Wesens heraus wiederum neben anderen geltend machen will und diese anderen nicht beherrschen will. Nicht darum war es ihm zu tun, Vorherrschaft des deutschen Wesens über irgendeine andere Nationalität oder über ein berechtigtes nationales Bestreben zu kultivieren, sondern darum, innerhalb des deutschen Wesens zur vollen Entfaltung zu bringen, was innerhalb dieses deutschen Wesens veranlagt ist. Und das ist das eigentümliche gerade dieses Mannes, daß er mit seinem ganzen ästhetischen Empfinden, mit seinem ganzen Fühlen, künstlerischen Fühlen, volkstümlichen Fühlen, aber auch mit seinem wissenschaftlichen Streben sich hineinverflochten fühlte in dasjenige, was im österreichischen Volkstum lebte. Er wurde gewissermaßen ein Betrachter dieses österreichischen Volkstums.

[ 9 ] This was the man’s place in his Austrian homeland. And since I later became very close to him, I know for certain that it meant nothing—absolutely nothing—to him that could in any way be described by the word: he would never have wanted one nation to rule over another—not even within Austria. If one wishes to call a mindset such as that of Karl Julius Schröer “national,” then it is compatible with allowing every nationality to assert itself, insofar as that nationality, springing from the seed, from the source of its own essence, seeks to assert itself alongside others without seeking to dominate them. His aim was not to cultivate the supremacy of the German essence over any other nationality or over a legitimate national aspiration, but rather to bring to full fruition, within the German essence, that which is inherent within it. And this is precisely what was unique about this man: that with his entire aesthetic sensibility, with his entire range of feelings—artistic feelings, folk sensibilities, but also with his scholarly pursuits—he felt intimately intertwined with that which lived within Austrian folklore. He became, in a sense, an observer of this Austrian folklore.

[ 10 ] Und so sehen wir, daß er in den fünfziger Jahren schon aus inniger Liebe zum Volke jene wunderbaren deutschen Weihnachtsspiele, die sich in der deutschen Bevölkerung Ungarns erhalten haben, sammelt, «Deutsche Weihnachtsspiele aus Ungarn» herausgibt, jene Weihnachtsspiele, welche in den Dörfern gespielt werden zur Weihnachtszeit, zur Dreikönigszeit. Merkwürdige Spiele! Gedruckt sind sie eigentlich erst worden — und Schröer war einer der ersten, der derlei Dinge drucken ließ - in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Sie haben sich von Geschlecht zu Geschlecht in der bäuerlichen, in der ländlichen Bevölkerung erhalten. Vieles ist seitdem an solchen Weihnachtsspielen in den verschiedensten Gegenden gesammelt worden, viel ist darüber geschrieben worden. Mit solch inniger Liebe, mit solch intimem Verbundensein mit dem Volkstum, wie Kar! Julius Schröer dazumal seine Einleitung zu den «Deutschen Weihnachtsspielen aus Ungarn» geschrieben hat, ist kaum irgend etwas nachher auf diesem Gebiete geschrieben worden. Er zeigt uns, daß sich immer Manuskripte vom Spiel von Geschlecht zu Geschlecht erhalten haben, wie sie eine heilige Handlung waren, auf die man sich wohl vorbereitete in den einzelnen Dörfern, wenn die Weihnachtszeit herankam; wie wochenlang diejenigen, die ausgesucht wurden zu spielen, das heißt herumzugehen im Dorfe und in den verschiedensten Lokalen dem Volke diese Spiele vorzuspielen, in denen die Erschaffung der Welt, die biblische Geschichte des Neuen Testaments, das Auftreten der drei Könige und dergleichen dargestellt wurde. Schröer schildert, wie diejenigen, die sich vorbereiteten auf solche Spiele, wochenlang sich nicht nur durch Auswendiglernen, durch Eintrichtern von seiten irgendeines Regisseurs vorbereiteten, sondern wie sie sich vorbereiteten durch gewisse Regeln; wie sie wochenlang keinen Wein tranken, wie sie wochenlang andere Vergnügungen des Lebens unterließen, um gewissermaßen die rechten Gefühle zu haben, um in solchen Spielen auftreten zu dürfen. Wie deutsches Wesen das Christentum aufgenommen hat, man sieht es gerade, wie dieses Christentum in diese merkwürdigen Spiele eingeflossen ist, die ja zuweilen derb, die aber immer tief zu Herzen sprechend und außerordentlich anschaulich sind. Später haben, wie gesagt, auch andere diese Dinge gesammelt; allein keiner ist mehr mit einer solchen Hingabe seiner Persönlichkeit, mit einem solchen Verbundensein mit dem, was sich da auslebt, herangetreten wie Karl Julius Schröer, wenn auch seine Darstellungen heute, wissenschaftlich genommen, längst veraltet sind.

[ 10 ] And so we see that as early as the 1850s, out of a deep love for the people, he began collecting those wonderful German Christmas plays that had been preserved among the German population of Hungary, publishing *German Christmas Plays from Hungary*—those Christmas plays that are performed in the villages during the Christmas season and the Feast of the Epiphany. Remarkable plays! They were actually first printed—and Schröer was one of the first to have such works printed—in the mid-nineteenth century. They have been preserved from generation to generation among the peasantry and the rural population. Since then, much has been collected regarding such Christmas plays in a wide variety of regions, and much has been written about them. With such heartfelt love, with such an intimate connection to folk tradition, as Karl! Julius Schröer wrote his introduction to the *German Christmas Plays from Hungary* back then, hardly anything has since been written in this field. He shows us that manuscripts of the plays have always been preserved from generation to generation, as if they were a sacred ritual for which people in the individual villages prepared themselves well when the Christmas season approached; how, for weeks on end, those chosen to perform—that is, to go around the village and in various taverns to present these plays to the people—depicted the creation of the world, the biblical stories of the New Testament, the arrival of the Three Kings, and the like. Schröer describes how those who prepared for such plays did so for weeks on end—not merely by memorization or by being drilled by some director, but by adhering to certain rules; how they abstained from drinking wine for weeks on end, how they refrained from other pleasures of life for weeks on end, in order, so to speak, to cultivate the proper feelings necessary to be permitted to perform in such plays. One can see exactly how the German spirit has embraced Christianity by observing how this Christianity has flowed into these remarkable plays, which are indeed sometimes crude, but which are always deeply moving and extraordinarily vivid. Later, as mentioned, others also collected these materials; yet no one approached them with such a dedication of his very being, with such a deep connection to what was being expressed there, as Karl Julius Schröer—even if his descriptions are, from a scholarly standpoint, long outdated today.

[ 11 ] Dann wandte er sich zur Betrachtung des deutschen Volkstums, wie es überall ausgebreitet ist in dem weiten Gebiete Österreich-Ungarns, des deutschen Volkstums, wie es im Volke lebt. Und zahlreiche Abhandlungen sind von Karl Julius Schröer vorhanden, in denen er dieses Volkstum darstellt nach seiner Sprache, nach seinem durch die Sprache sich ausdrückenden Geistesleben. Wir haben ein Wörterbuch, eine Darstellung der Mundarten des ungarischen Berglandes, derjenigen Gegend, die am Südhange der Karpathen damals durch deutsche Ansiedler besiedelt war, die es auch heute noch ist, obwohl das Gebiet zum großen Teil magyarisch ist. Wir haben mit ungeheurer Liebe durch Karl Julius Schröer, ich möchte sagen, jedes Wort aufgezeichnet, welches dem Dialekt dieser Gegend anklingt; aber wir haben es immer so aufgezeichnet, daß man aus seinen Darstellungen entnimmt, wie sein Interesse darauf ausgegangen ist, zu suchen, welches die Kulturaufgabe, welches die besondere Art und Weise des Lebens war bei dem Volke, das, von weither kommend, zu einer gewissen Zeit sich da nach Osten hineindrängen mußte, um mitten unter anderer Bevölkerung zeitweilig sein eigenes Volkstum zu pflegen, später sich daran zu erinnern, um dann in anderem Volkstum nach und nach aufzugehen. Was Schröer auf diesem Gebiete geleistet hat, wird vielfach für kommende Zeiten etwas darstellen wie wunderschöne Erinnerungen an das Ferment, das deutsches Wesen im weiten Österreich gebildet hat.

[ 11 ] He then turned his attention to the study of German folklore as it is widespread throughout the vast territory of Austria-Hungary—the German folklore that lives on among the people. And there are numerous treatises by Karl Julius Schröer in which he describes this folklore in terms of its language and the spiritual life expressed through that language. We have a dictionary, a description of the dialects of the Hungarian highlands—that region on the southern slope of the Carpathians which was settled at that time by German settlers and still is today, even though the area is largely Magyar. With immense devotion, Karl Julius Schröer recorded—I would say—every word that resonates with the dialect of this region; but we have always recorded it in such a way that one can discern from his descriptions how his interest lay in seeking out what the cultural mission was, and what the particular way of life was among the people who, coming from afar, had to push their way eastward at a certain time to temporarily cultivate their own folk culture amidst other populations, later to recall it, only to gradually assimilate into another culture. What Schröer has accomplished in this field will, in many ways, serve for future generations as something like beautiful memories of the ferment that shaped the German character throughout the vast realm of Austria.

[ 12 ] Später kam Karl Julius Schröer dann nach Wien. Er wurde Direktor der evangelischen Schulen und später Professor der deutschen Literaturgeschichte an der Wiener Technischen Hochschule. Und wie er auf diejenigen zu wirken verstand, die empfänglich waren für die Darlegung unmittelbar empfundenen Geisteslebens, das habe ich selber erlebt. Dann wandte er sich immer mehr und mehr Goethe zu, lieferte dann seinen, in mehreren Auflagen erschienenen «Faust»-Kommentar und schrieb 1875 eine Geschichte der deutschen Dichtung, die viel angefeindet worden ist. Sie wurde zum Beispiel dazumal, nachdem sie erschienen war, ein «Literaturgeschichte aus dem Handgelenk» genannt. Eine Literaturgeschichte nach den Methoden, die dann in der Schererschen Schule üblich geworden ist, ist die Schröersche Literaturgeschichte allerdings nicht. Aber sie ist eine Literaturgeschichte, in der sonst nichts steht als dasjenige, was der Verfasser erlebt hat, erlebt hat an den dichterischen Werken, an der Kunst, an der Entwickelung des deutschen Geisteslebens im neunzehnten Jahrhundert bis zu seiner Zeit; denn das wollte er damals darstellen. Der ganze Lebens- und geistige Entwickelungsgang Karl Julius Schröers kann nur beurteilt werden, wenn man die durch das österreichische Wesen bedingte Art von Schröers ganzer Persönlichkeit ins Auge faßt, das wissenschaftlich Künstlerische in unmittelbare Verbindung zu bringen, ja, in unmittelbarer Verbindung mit dem Volkstum zu erleben, jenem Volkstum, das insbesondere in Österreich, ich möchte sagen, an jedem Punkte seiner Entwickelung ein Problem aufgibt, wenn man solche zu erleben und zu beobachten nur versteht. Und man muß oftmals, vielleicht auch im Auslande, nachdenken: Ist dieses Österreich eine Notwendigkeit? Wie stellt sich dieses Österreich eigentlich hinein in die Gesamtentwickelung der europäischen Kultur?

[ 12 ] Karl Julius Schröer later moved to Vienna. He became director of the Protestant schools and later a professor of German literary history at the Vienna University of Technology. And I myself experienced firsthand how he knew how to influence those who were receptive to his presentation of an intellectual life experienced firsthand. He then turned more and more toward Goethe, eventually publishing his commentary on *Faust*—which went through several editions—and in 1875 wrote a history of German poetry that was met with much hostility. For example, shortly after its publication, it was called a “literary history off the cuff.” Schröer’s history of literature is certainly not a history of literature based on the methods that later became standard in the Scherer school. But it is a history of literature that contains nothing but what the author himself experienced—what he experienced through the poetic works, through art, and through the development of German intellectual life in the nineteenth century up to his own time; for that is what he sought to portray at the time. The entire course of Karl Julius Schröer’s life and intellectual development can only be assessed by taking into account the aspect of Schröer’s entire personality—shaped by the Austrian character—that seeks to bring the scholarly and the artistic into direct connection, indeed, to experience them in direct connection with folk culture, that folk culture which, particularly in Austria, I would say, presents a problem at every stage of its development—if one only knows how to experience and observe such things. And one must often, perhaps even abroad, reflect: Is this Austria a necessity? How does this Austria actually fit into the overall development of European culture?

[ 13 ] Nun, wenn man dieses Österreich so ansieht, erscheint es eben als eine Mannigfaltigkeit. Viele, viele Nationen und Volkstümer aneinander grenzend, durcheinander geschoben, finden sich dort, und das Leben des Einzelnen wird durch diese Untergrundlagen eben auch schon als Seelenleben, als ganzes Persönlichkeitsleben vielfach ein kompliziertes. Dasjenige, was jetzt von einem Volk in das andere spielt, was dadurch an Nichtverstehen und wiederum Verstehenwollen und an Schwierigkeiten des Lebens zutage tritt, es tritt einem ja, mit anderen geschichtlichen Bedingungen des österreichischen Lebens verquickt, auf Schritt und Tritt in Österreich entgegen. Es gibt einen Dichter, der mit großer, aber, ich möchte sagen, bescheidener Genialität verstand darzustellen gerade etwas von dieser Art desösterreichischen Wesens. Man sah ihn am Ende der achtziger, in den neunziger Jahren in Wien zuweilen auftreten, wenn man in das in Wien und auch in gewissen sonstigen literarischen Kreisen berühmte Cafe Griensteidl kam. Ja, dieses Cafe Griensteidl gehört im Grunde genommen zur österreichischen Literatur; so sehr, daß ein Schriftsteller, Karl Kraus, als es abgerissen worden ist, eine Artikelserie geschrieben hat: «Die demolierte Literatur». Heute liest man ja vielfach noch wie von einem schönen Angedenken von diesem Cafe Griensteidl. Verzeihen Sie, daß ich dies einfüge, aber es ist zu interessant, denn man sah im Cafe Griensteidi gewissermaßen, wenn man so zu gewissen Tageszeiten hinkam, wirklich einen Ausschnitt österreichischen Literatentums. Nur liest man heute vielfach, wenn man über diese Dinge liest, aus den Zeiten des eben später zur Berühmtheit gelangten Kellners Heinrich, des berühmten Heinrich vom Griensteidl, der wußte, was jeder Mensch, schon wenn er zur Türe hereinkam, für Zeitungen vorgelegt haben mußte, Aber das war nicht mehr die echte Zeit, die des etwas fidelen Heinrichs, sondern die echte Zeit war die des Franz vom Griensteidl, der noch die Zeiten erlebt hat, in denen Lenau und Grillparzer und Anastasius Grün in jenem Cafe Griensteidl jeden Tag oder jede Woche zweimal versammelt waren, und der noch mit seinem unendlich würdigen Auftreten zuweilen, wenn man gerade auf eine Zeitung warten mußte, einem von allen diesen Literaturgrößen in seiner Art zu erzählen wußte. Wie gesagt, in dem Kreise der Leute dort trat auch zuweilen Jakob Julius David auf. Eigentlich trat David erst am Ende der achtziger und Beginn der neunziger Jahre literarisch innerhalb des österreichischen Geisteslebens auf. Wenn man so bei ihm saß — er sprach wenig; er hörte fast noch weniger, wenn man mit ihm sprach, denn er war im höchsten Grade schwerhörig. Er war in sehr bedeutendem Maße kurzsichtig und sprach in der Regel aus einer gepreßten Seele heraus, aus einer Seele, die etwas von dem erfahren hatte, wie oftmals im Leben das, was man Schicksal nennt, schwer auf der Seele lastet. Wenn ich den halbblinden und halbtauben Mann sprach, mußte ich oftmals denken, wie stark sich Österreichertum gerade in dieser Persönlichkeit aussprach, die eine gedrückte Jugend durchgemacht hatte, eine Jugend voll Entbehrungen und Armut ausgehalten hatte im Tale der Hanna, in jenem Tal, das von der March durchflossen ist, wo deutsche Bevölkerung, ungarische Bevölkerung, slawische Bevölkerung aneinandergrenzen und überall untermischt sind. Wenn man von diesem Tal nach Wien hinunterfährt, dann kommt man überall an armseligen Hütten vorbei; insbesondere war das so in den Zeiten, in denen David jung war. Aber diese armseligen Hütten haben vielfach Menschen als Bewohner, von denen jeder in seiner Seele das österreichische Problem birgt, das, was in seiner ganzen ausgebreiteten Eigenart das österreichische Problem enthält, die ganze Mannigfaltigkeit des Lebens, das die Seele herausfordert. Diese Mannigfaltigkeit, die erlebt sein will, die nicht mit ein paar Begriffen, mit ein paar Vorstellungen abgetan werden kann, die lebt in diesen merkwürdigen, in einer gewissen Weise geschlossenen Naturen. Wollte ich charakterisieren, wie diese Naturen sind, die dann ganz besonders aus dem österreichischen Leben heraus David geschildert hat, so müßte ich sagen: Es sind Naturen, die tief fühlen mit dem Leid des Lebens, die aber auch dasjenige in sich haben, was sonst eben nicht so sehr häufig in der Welt vorhanden ist: das Ertragen des Leides zu einer gewissen Stärke zu machen. Es sind sogar schwer Worte zu finden für dasjenige, was aus dem vielfach mühseligen Erleben gemacht wird gerade in diesen österreichischen Gegenden. Man hat keine Sentimentalität, aber eine starke Möglichkeit, die Mannigfaltigkeit des Lebens, die ja natürlich Zusammenstöße hervorbringt, auch in den untersten Bauernständen zu erfahren, zu erleben. Aber das verwandelt sich nicht in Lebensüberdruß, nicht in irgendeine weltschmerzliche Stimmung. Das verwandelt sich in etwas, was nicht Trotz ist und doch die Stärke des 'Trotzes hat. Es verwandelt sich, wenn ich so sagen darf, Schwäche in Kraft. Und diese Kraft lebt sich aus in dem Gebiete, in das sie sich dann eben hineingestellt findet durch die Notwendigkeiten des Lebens. Und Schwäche, die in gewisser Weise zu Stärke umgebildet war, bei David zeigte sie sich. Halb blind und halb taub war dieser Mann, Aber er sagte mir einmal: Ja, meine Augen können in der Ferne nicht viel sehen, aber um so mehr, wie mit einem Mikroskop, sehe ich in der Nähe. — Das heißt, in der Nähe beobachtete er durch seine Augen wie durch ein Mikroskop alles genau; aber er betrachtete es so genau, daß man sagen muß: In dasjenige, was er mit seinen Augen sah, in das mischte sich hinein, wie es erklärend, wie es erhellend, etwas Großes, was dahinter stand. Und wie ein Ersatz für den weiten Umblick trat bei diesem Mann in dem kleinen Gesichtsfelde, das er mit seinen mikroskopischen Augen übersah, ein tiefer Blick auf, eine Sucht, hinter die Gründe der Dinge zu kommen. Und das übertrug sich auf sein ganzes Seelenleben. Dadurch sah er den Menschen, die er schildern wollte, tief, tief ins Herz hinein. Und viele, viele Typen österreichischen Lebens konnte er dadurch dichterisch hinstellen, dramatisch, novellistisch, auch lyrisch. Wie diese ganze österreichische Stimmung sich in der Seele nicht zur Sentimentalität, sondern zu einer gewissen inneren Stärke bilden kann, die nicht Trotz ist, aber die Stärke des Trotzes enthält, das ergibt sich besonders da, wo Jakob Julius David selber spricht. Da sagt er:

[ 13 ] Well, when one looks at Austria in this way, it appears precisely as a diversity. Many, many nations and ethnic groups, bordering one another and intermingled, are found there, and the life of the individual—precisely because of these underlying conditions—becomes, even in terms of inner life and the entirety of one’s personality, a complex one in many ways. What now plays out from one people to another—what thereby comes to light in terms of misunderstanding and, in turn, the desire to understand, as well as the difficulties of life—this, intertwined with other historical conditions of Austrian life, confronts one at every turn in Austria. There is a poet who, with great but—I would say—modest genius, understood how to portray precisely something of this nature of the Austrian character. One could occasionally see him appear in Vienna in the late 1880s and 1890s, whenever one visited Café Griensteidl, which was famous in Vienna and also in certain other literary circles. Indeed, this Café Griensteidl is, in essence, part of Austrian literature—so much so that when it was demolished, a writer, Karl Kraus, wrote a series of articles titled: “The Demolished Literature.” Even today, one still often reads about this Café Griensteidl as if it were a fond memory. Forgive me for bringing this up, but it’s too interesting, because at Café Griensteidl—if you happened to stop by at certain times of day—you could truly witness a cross-section of the Austrian literary world. Yet today, when one reads about these things, one often reads about the times of Heinrich, the waiter who later became famous—the famous Heinrich vom Griensteidl—who knew exactly which newspapers every customer had to present the moment they walked through the door. But that was no longer the real era—the era of the somewhat merry Heinrich— but rather the authentic era was that of Franz vom Griensteidl, who had lived through the times when Lenau, Grillparzer, and Anastasius Grün gathered at Café Griensteidl every day or twice a week, and who, with his infinitely dignified demeanor, would occasionally—when one happened to be waiting for a newspaper—tell stories in his own way about all these literary giants. As I said, Jakob Julius David also made occasional appearances in that circle of people. In fact, David did not make his literary debut in Austrian intellectual life until the late 1880s and early 1890s. When one sat with him like that—he spoke little; he listened even less when one spoke to him, for he was severely hard of hearing. He was extremely nearsighted and usually spoke from a troubled soul, a soul that had experienced firsthand how often in life what is called fate weighs heavily upon the spirit. When I spoke with this half-blind and half-deaf man, I often found myself thinking how strongly Austrian identity was expressed precisely in this individual, who had endured a troubled youth—a youth marked by deprivation and poverty—in the Hanna Valley, that valley through which the March River flows, where German, Hungarian, and Slavic populations live side by side and are intermingled everywhere. When one travels down from this valley toward Vienna, one passes by miserable huts everywhere; this was especially true in the days when David was young. But these shabby huts are often inhabited by people, each of whom harbors within his soul the Austrian problem—that which, in all its expansive uniqueness, embodies the Austrian problem: the entire diversity of life that challenges the soul. This diversity, which demands to be experienced—which cannot be dismissed with a few concepts or a few ideas—lives within these peculiar, in a certain sense self-contained characters. If I were to characterize what these characters are like—the ones David depicted so distinctly from Austrian life—I would have to say: They are characters who feel deeply the suffering of life, but who also possess within themselves something that is otherwise not very common in the world—the ability to transform the endurance of suffering into a certain strength. It is even difficult to find words for what is made of the often arduous experiences, particularly in these Austrian regions. There is no sentimentality, but rather a profound capacity to experience and live through the diversity of life—which naturally gives rise to conflicts—even among the lowest peasant classes. But this does not turn into weariness of life, nor into any kind of world-weary mood. It transforms into something that is not defiance and yet possesses the strength of “defiance.” It transforms, if I may put it that way, weakness into strength. And this strength manifests itself in the sphere into which it finds itself thrust by the necessities of life. And weakness, which in a certain sense had been transformed into strength, was evident in David. This man was half-blind and half-deaf, but he once told me: “Yes, my eyes cannot see much in the distance, but all the more—as if through a microscope—I see up close.” — That is to say, up close he observed everything precisely through his eyes as if through a microscope; but he observed it so closely that one must say: Into what he saw with his eyes, something great that lay behind it mingled—as if to explain it, as if to illuminate it. And as a substitute for a broad perspective, this man developed, within the small field of vision that his microscopic eyes could survey, a profound insight—a passion for getting to the bottom of things. And this permeated his entire inner life. As a result, he saw deep, deep into the hearts of the people he sought to portray. And through this, he was able to portray many, many types of Austrian life in a poetic, dramatic, novella-like, and even lyrical manner. How this entire Austrian mood can take shape in the soul—not as sentimentality, but as a certain inner strength that is not defiance, yet contains the strength of defiance—becomes particularly evident where Jakob Julius David himself speaks. There he says:

Allmächtiger! Du hast mir viel genommen,
Du weißt allein, was ich verloren;
Mein Auge sieht die schöne Welt verschwommen,
Und nur gedämpft, gedämpft und leise kommen
Des Lebens Laute in mein krankes Ohr.
Einst tat mir’s weh - und war zu meinem Frommen,
Ich dank’ Dir’s heute, schalt ich Dich zuvor
Du hast mir vielen Jammer, manches Grauen
Erspart zu hören und erspart zu schauen ...

Almighty One! You have taken so much from me,
You alone know what I have lost;
My eyes see this beautiful world through a haze,
And only muffled, muffled, and faint do they come
The sounds of life to my ailing ear.
Once it pained me—and it was for my own good,
I thank You for it today, though I once rebuked You
You have spared me much misery, many horrors
From having to hear and from having to see ...

[ 14 ] Wahrhaftig, der ganze Mann war so, daß er manches nicht sehen und nicht hören mußte, um manches aus den Tiefen der Seele herauszubringen, was er dichterisch verkörpern wollte. Wie gesagt, in einzelnen Symptomen möchte ich aufzeigen, was sich in solchen österreichischen Lauten ausspricht. Und man darf keinen Zug von Sentimentalität hineintragen, wenn Jakob Julius David von seinem Geschicke etwa so spricht:

[ 14 ] Truly, this man was such that he did not need to see or hear certain things in order to draw from the depths of his soul what he wished to embody poetically. As I said, I would like to illustrate, through specific examples, what is expressed in such Austrian sounds. And one must not introduce any trace of sentimentality when Jakob Julius David speaks of his fate in this way:

Im Westen siehst du grau zu Tal
Die schwersten Wolken hangen —
Das mahnt der Tage mich zumal,
Die mir vergangen...

Im Osten schläft im Wetterlicht
Die künft’ge Glut verborgen —
Gewittert’s mir, gewittert’s nicht?
Das ist mein Morgen...

Dazwischen zuckt ein Endchen Blau,
Als ob’s vor beiden scheute.
Die Deutung kennst Du, edle Frau:
Das ist mein Heute...

To the west, you see the valley shrouded in gray
The heaviest clouds hang low—
This reminds me especially of the days
That have passed me by...

To the east, hidden in the glimmer of dawn
Lies the future blaze—
Is it storming, or is it not?
That is my morning...

In between, a sliver of blue flickers,
As if it shied away from both.
You know the meaning, noble lady:
That is my today...

[ 15 ] Aber dieses «Heute», das pflegt er, das saugt er aus, das wurde für ihn die Möglichkeit, österreichisches Volkstum in einer solchen Weise zu schildern, daß man überall ganz merkwürdigerweise bei ihm Einzelschicksale vor sich erblickt — viele seiner Novellen haben ja nur wenige Personen -, Einzelschicksale, bei denen man sich sagen muß: Wie die Personen aufeinanderplatzen dadurch, daß sie durch Verwandtschaft oder durch anderes in der Welt nebeneinandergestellt werden, das ist im höchsten Maße ergreifend, das führt uns tief hinein in Wirklichkeiten. Aber was Jakob Julius David so, ich möchte sagen, mikroskopisch und doch bewegt und lebendig erfaßt, tritt sehr selten so auf, daß nicht irgendwie ein großes Gemälde des Weltgeschichtlichen dahintersteht, auf dessen Hintergrund sich das Einzelne abspielt.

[ 15 ] But this “today”—which he cultivates, which he draws out to the full—became for him the means to depict Austrian folk culture in such a way that, strangely enough, one sees individual destinies unfolding before one’s eyes throughout his work—many of his novellas, after all, feature only a few characters—individual destinies that compel one to say: The way the characters collide with one another—because they are placed side by side in the world through kinship or other circumstances—is deeply moving; it draws us deep into reality. But what Jakob Julius David captures—I would say, microscopically and yet with such emotion and vitality—very rarely occurs without a grand panorama of world history lying behind it, against whose backdrop the individual stories unfold.

[ 16 ] Dieses Im-Zusammenhang-Denken des Kleinen, das darum nicht schattenhaft verschwommen wird, weil es auf solchem Hintergrund erscheint, daß dieses Sich-abspielenLassen des Kleinen gefärbt ist von dem Großen des weltgeschichtlichen Werdens, das ist es ja auch, was wir als das Charakteristischste finden bei einem ja bekannteren, aber leider nicht bekannt genug gewordenen österreichischen Dichter, bei dem größten Dichter Österreichs in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, bei demjenigen Dichter, dessen Heimat wir finden, wenn wir nur etwas westwärts gehen von Jakob Julius Davids Heimat: bei Robert Hamerling.

[ 16 ] This way of thinking about the small in context—which does not become shadowy or blurred simply because it appears against such a backdrop, so that the unfolding of the small is colored by the grand sweep of world-historical development—is precisely what we find most characteristic in a certainly better-known, but unfortunately not widely enough known Austrian poet—the greatest poet of Austria in the second half of the nineteenth century, the poet whose homeland we find just a short distance west of Jakob Julius David’s homeland: Robert Hamerling.

[ 17 ] Es ist merkwürdig, wie das, was bei einzelnen Persönlichkeiten innerhalb des österreichischen Geisteslebens auftritt, sich anscheinend stößt, wie es aber doch, wenn man es von einem gewissen höheren Gesichtspunkte betrachtet, als Eigenschaft neben Eigenschaft sich hinstellt und zu einer großen Harmonie zusammenfließt. Es ist merkwürdig: Karl Julius Schröer wollte Robert Hamerling durchaus nicht gelten lassen. Ihm war er ein Dichter von untergeordneter Bedeutung, ein Dichter, der vor allen Dingen sich seine dichterische Kraft durch seine Gelehrsamkeit zerstört haben soll. Dagegen ist es in Robert Hamerling dasselbe an Gesinnung, dasselbe an edelster Erfassung des deutschen Wesens, das ich an einer solch charakteristischen Persönlichkeit wie Karl Julius Schröer zu schildern versuchte. Aber auch das ist eigentümlich bei Hamerling, und was ich Ihnen hier an typischen Persönlichkeiten schildere, finden Sie über das österreichische Volkstum im Kleinen bei vielen, vielen ausgebreitet. Ich suche eben nur charakteristische Züge herauszugewinnen, die wirklich als Einzelzüge sich darstellen lassen, aber so, daß sie für das Ganze stehen können. Eigentümlich ist bei Robert Hamerling das Herauswachsen aus dem Kleinsten. Aus dem nieder-österreichischen Waldviertel stammt er, aus jener armen Gegend, die ihre Früchte nur schwer trägt, weil es ein steiniger Boden ist, der aber vielfach mit Wald bedeckt ist, einer Gegend, die lauschig, anmutig ist, diein ihrer hügeligen Natur besonders bezaubernd werden kann. Aus dieser eigentümlichen Natur und aus der Begrenztheit des Wesens der Menschen wuchs Robert Hamerlings weiter Geist heraus, wirklich, er wuchs heraus. Und er wuchs hinein in ein ebensolches Stehen zu dem deutschen Wesen, wie Karl Julius Schröers Geist. Wir sehen das in einer der besten Dichtungen Robert Hamerlings, «Germanenzug», wo ja gerade die Art und Weise ganz besonders deutlich zum Ausdruck kommt, wie in Robert Hamerling, dem österreichischen Dichter, deutsches Wesen lebte. Die alten Germanen ziehen von Asien herüber, lagern sich am Kaukasus. Wunderbar, ich möchte sagen, mit zauberischer Anschaulichkeit ist geschildert, wie der Abend hereinbricht, wie die Sonne untergeht, Dämmerung waltet, der Mond erscheint, wie sich das ganze Germanenheer lagert, Schlaf sich ausbreitet und nur der eine blondgelockte Jüngling, Teut, wacht; wie diesem Teut der Geist Asia erscheint, der die Seinen nach Europa entläßt, und wie der Geist Asia den Teut mit dem durchdringt, was den Germanen bis hin zu ihrer Entwickelung im Deutschtum von der Geschichte bevorsteht. Da wird das Große groß, da wird aber auch schon mit edler Kritik dasjenige, was zu tadeln ist, ausgesprochen. Da wird mancher Zug, den insbesondere solche Menschen am Deutschtum sehen, wie Robert Hamerling, von der Göttin Asia ausgesprochen. Da wird von der Zukunft gesprochen:

[ 17 ] It is curious how the traits that appear in individual figures within Austrian intellectual life seem to clash, yet when viewed from a certain higher perspective, they present themselves as one characteristic alongside another and flow together into a great harmony. It is remarkable: Karl Julius Schröer refused outright to acknowledge Robert Hamerling. To him, Hamerling was a poet of minor importance, a poet who, above all, was said to have destroyed his poetic power through his erudition. In contrast, Robert Hamerling possesses the same disposition, the same noble grasp of the German spirit, that I attempted to describe in such a distinctive figure as Karl Julius Schröer. But this, too, is characteristic of Hamerling, and what I am describing here in terms of typical personalities can be found, on a smaller scale, widespread among many, many people in Austrian folk culture. I am simply seeking to identify characteristic traits that can truly be presented as individual traits, yet in such a way that they can stand for the whole. What is distinctive about Robert Hamerling is his emergence from the smallest of beginnings. He hails from the Waldviertel region of Lower Austria, that poor area where the land yields its fruits only with difficulty because the soil is stony, yet which is largely covered by forest—a region that is secluded and charming, and which can be particularly enchanting in its hilly landscape. From this distinctive natural setting and from the limitations of human nature, Robert Hamerling’s broader spirit grew—truly, it grew out of them. And it grew into a connection with the German spirit just as profound as that of Karl Julius Schröer’s spirit. We see this in one of Robert Hamerling’s finest poems, “Germanenzug,” where the very manner in which the German spirit lived within Robert Hamerling, the Austrian poet, is expressed with particular clarity. The ancient Germanic tribes migrate from Asia and encamp in the Caucasus. It is depicted—I would say—with marvelous, almost magical vividness: how evening falls, how the sun sets, twilight reigns, the moon appears, how the entire Germanic army encamps, sleep spreads, and only the one blond-curled youth, Teut, remains awake; how the spirit Asia appears to this Teut, sending his people on to Europe, and how the spirit Asia imbues Teut with an understanding of what history holds in store for the Germanic peoples all the way to their development into German culture. There, the Great becomes great; yet there, too, what is to be criticized is already articulated with noble discernment. There, many traits that people such as Robert Hamerling in particular perceive in German culture are articulated by the goddess Asia. There, the future is spoken of:

Doch wie auch stolz du aufstrebst, and’re Schwärme
Hoch überschwebend, stets noch eine Lohe
Wirst du bewahren uralt heil’gen Brandes.
Fortleben wird in dir die traumesfrohe
Gott-Trunkenheit...
Du strebst nur, weil du liebst: dein kühnstes Denken
Wird Andacht sein, die sich in Gott will senken.

Yet no matter how proudly you soar, among the swarms
Hovering high above, you will always preserve a flame
Of the ancient, sacred fire.
The dream-filled
Ecstasy of God will live on within you...
You strive only because you love: your boldest thought
Will be devotion that seeks to sink into God.

[ 18 ] So Asia zu dem blonden Teut, dem Führer der Germanen nach Europa, voraussprechend von dem Genius des Deutschtums, und weiter sprechend:

[ 18 ] Thus Asia spoke to the fair-haired Teuton, the leader of the Germanic peoples into Europe, foretelling the genius of Germanic culture, and continuing:

Kennst du die höchste Bahn für euer Ringen,
Wenn ihr dereinst erstarkt in sich’rer Einheit?
Kennst du im Meer der Zeiten die Fanale,
Die, fernher winkend mit der Flamme Reinheit,
Euch hin zum letzten, schönsten Ziele bringen?
Hoch oben glänzen sie mit ew’gem Strahle
Die heil’gen Ideale
Der Menschheit: Freiheit, Recht, und Licht und Liebe!
Das sind die letzten voll erglühten Flammen
Des Urlichts - sie zu schüren allzusammen
In eine Glut im hadernden Getriebe
Des Völkerlebens: das ist deine Sendung ...

Do you know the highest path for your struggle,
When one day you grow strong in secure unity?
Do you know, in the sea of time, the beacons,
That, beckoning from afar with the flame of purity,
Will lead you to the final, most beautiful goal?
High above, they shine with an eternal radiance
The sacred ideals
Of humanity: freedom, justice, light, and love!
These are the final, fully blazing flames
Of the primal light—to stoke them all together
Into a blaze amid the strife-ridden turmoil
Of the life of nations: that is your mission ...

[ 19 ] Und Robert Hamerling konnte gar nicht anders, als die Einzelheiten, die er zum Beispiel als Epiker oder als Dramatiker darstellt, im Zusammenhang mit der großen geistigen Entwickelung der Menschheit betrachten. Ich möchte sagen, alle diese Betrachter da drüben in Österreich haben seelisch etwas von dem mikroskopischen Sehen, das aber unter die Dinge greifen will; und Robert Hamerling zeigt es am schönsten. Und sie haben etwas in bezug auf das westliche Österreich, wovon man sagen kann: Es hat eine gewisse Berechtigung, das Einzelne hineinzustellen in das große Ganze. Denn wie da in manchen Gegenden des westlichen Österreichs die Täler zwischen den Bergen stehen, das drückt sich wiederum aus in demjenigen, was in einem solchen Dichter wie Robert Hamerling lebt. Wir sehen schon, Mannigfaltiges lebt sich aus in diesem österreichischen Geistesleben in allen Seiten, die vielleicht einander abstoßen, die aber doch eine Mannigfaltigkeit darstellen, die im ganzen Bilde der Kultur, das man sich entwerfen kann, Einheitlichkeit ist.

[ 19 ] And Robert Hamerling could not help but view the details he portrays—for example, as an epic poet or a playwright—in the context of humanity’s great spiritual evolution. I would say that all these observers over there in Austria possess, in their souls, something of that microscopic vision that seeks to grasp the essence of things; and Robert Hamerling illustrates this most beautifully. And they possess something, with regard to western Austria, about which one can say: there is a certain justification for placing the individual within the greater whole. For just as the valleys lie between the mountains in some regions of western Austria, so too is this expressed in what lives within a poet such as Robert Hamerling. We can already see that a diversity of elements finds expression in this Austrian intellectual life in all its facets—facets that may seem to repel one another, yet which together represent a diversity that, within the overall picture of culture one can conceive, constitutes unity.

[ 20 ] Und in dieser Mannigfaltigkeit schließen sich nicht wie zu einer Disharmonie, sondern in gewissem Sinne wie zu einer Harmonie dieKlängezusammen, die von den anderen Nationalitäten herkommen. Es ist ja selbstverständlich nicht möglich, auch nur einzelnes Kleines über das zu sagen, was da von den anderen Nationalitäten hereintönt in das gesamte österreichische Geistesleben. Nur wiederum wenige Symptome seien charakterisiert. Da haben wir zum Beispiel innerhalb der tschechischen Literatur — in bezug auf diese Darstellungen muß ich selbstverständlich zurückhaltend sein, da ich der tschechischen Sprache nicht mächtig bin -, da haben wir einen neueren Dichter, einen jüngst verstorbenen Dichter, der wirklich — wie einer, der über ihn geschrieben hat, sich aussprach — für sein Volk etwas Ähnliches geworden ist, wie man es von einem großen tschechischen Musiker gesagt hat: daß er da war wie ein Walfisch im Karpfenteich. So ist ja Jaroslav Vrchlicky in dieses Geistesleben seines Volkes hineingestellt. Vor seinem Geiste steht die ganze Weltgeschichte auf: ältestes Menschheitsleben ferner Vergangenheit, ägyptisches, europäisches Leben des Mittelalters und der Neuzeit, hebräisches Geistesleben, die ganze Weltgeschichte lebt auf in seinen lyrischen Dichtungen, lebt auf in seinen Dramen, in seinen Erzählungen, und überall lebendig. Eine ungeheure Produktivität liegt in diesem Jaroslav Vrchlicky - Emil Frida heißt er mit seinem bürgerlichen Namen. Und wenn man bedenkt, daß dieser Mann ein großes, großes Gebiet der Literatur anderer Völker für sein Volkstum übersetzt hat, zu seiner ungeheuer weitverbreiteten Produktion hinzu, dann kann man ermessen, was ein solcher Geist für sein Volkstum ist. Ich muß Ihnen ablesen, denn sonst könnte ich einige derjenigen Dichter der Weltliteratur vergessen zu erwähnen, die Vrchlicky für die tschechische Literatur übersetzt hat: Ariost, Tasso, Dante, Petrarca, Leopardi, Calderon, Camöens, Moliere, Baudelaire, Rostand, Victor Hugo, Byron, Shelley, Gorki, Schiller, Hamerling, Mickiewicz, Balzac, Dumas und andere. Es ist berechnet worden, daß Vrchlicky von Tasso, Dante und Ariost zusammen allein 65 000 Verse übersetzt hat. Dabei stand dieser Mann, ich möchte sagen, wie die Verkörperung seines Volkstums innerhalb desselben da. Als er auftrat in den stürmischen siebziger Jahren - er ist 1853 geboren — war gerade eine schwierige Zeit innerhalb seines Volkstums zwischen all den Gegensätzen, die hereingetreten waren; gegenüber dem Deutschtum waren noch allerlei gegensätzliche Parteien innerhalb seines eigenen Volkstums entstanden. Anfangs wurde er viel angefochten. Es gab Leute, die da sagten, er könne nicht tschechisch; es gab Leute, die sich lustig machten über das, was Vrchlicky schrieb. Aber das hörte sehr bald auf. Er erzwang sich die Anerkennung. Und 1873 war er, man möchte sagen, wie ein Friedensengel unter den sich furchtbar befehdenden Parteien. Von allen wurde er anerkannt, und von allen ließ er in seinen volkstümlich dichterischen Werken auferstehen ganze Gemälde der Weltenentwickelungen; just nicht — das ist auffällig — etwas aus dem russischen Volkstum! Ein Mann, der eine kurze Biographie über ihn geschrieben hat — vor dem Kriege -—, ermahnte ausdrücklich in dieser Biographie: Man möge gerade an diesem Manne sehen, wie wenig das Märchen begründet sei, daß die Tschechen oder überhaupt die westlichen Slawen, wenn sie in sich gehen, irgend etwas zu erwarten haben von dem großen russischen Reich, wie es oftmals gesagt wird.

[ 20 ] And within this diversity, the voices coming from other nationalities do not blend into disharmony, but rather, in a certain sense, into harmony. Of course, it is impossible to say even the slightest thing about what resonates from other nationalities into the entirety of Austrian intellectual life. Let us simply characterize a few examples. For instance, within Czech literature—and I must, of course, exercise caution in these descriptions, since I am not fluent in the Czech language— we have a more recent poet, a poet who passed away not long ago, who truly—as one who wrote about him put it—has become for his people something akin to what was said of a great Czech musician: that he was like a whale in a carp pond. This is how Jaroslav Vrchlicky is situated within the intellectual life of his people. Before his spirit, the entire history of the world comes to life: the earliest human life of the distant past, Egyptian and European life of the Middle Ages and modern times, Hebrew intellectual life—the entire history of the world comes to life in his lyric poetry, in his plays, in his stories, and is alive everywhere. There is immense productivity in this Jaroslav Vrchlicky—his birth name is Emil Frida. And when one considers that this man translated a vast, vast body of literature from other nations into his native language, in addition to his own immensely extensive body of work, then one can appreciate what such a spirit means for his nation. I must read from a list, for otherwise I might forget to mention some of the poets of world literature whom Vrchlicky has translated into Czech: Ariosto, Tasso, Dante, Petrarch, Leopardi, Calderón, Camões, Molière, Baudelaire, Rostand, Victor Hugo, Byron, Shelley, Gorky, Schiller, Hamerling, Mickiewicz, Balzac, Dumas, and others. It has been calculated that Vrchlicky translated a total of 65,000 verses from Tasso, Dante, and Ariosto alone. Yet this man stood, I might say, as the very embodiment of his people within that community. When he emerged on the scene during the turbulent 1870s—he was born in 1853—it was a particularly difficult time for his people, caught between all the conflicting forces that had arisen; in addition to the German influence, all sorts of opposing factions had emerged within his own people. At first, he faced a great deal of opposition. There were people who said he didn’t know Czech; there were people who mocked what Vrchlicky wrote. But that stopped very soon. He forced his way to recognition. And by 1873, he was, one might say, like an angel of peace among the fiercely warring factions. He was recognized by all, and in his works of folk poetry he brought to life, for all, entire tableaux of world history—strikingly, however, nothing drawn from Russian folklore! A man who wrote a short biography about him—before the war—explicitly cautioned in that biography: One should look precisely to this man to see how unfounded the myth is that the Czechs, or indeed the Western Slavs in general, have anything to expect from the great Russian Empire when they turn inward, as is often claimed.

[ 21 ] In einer anderen Weise sehen wir dieses sich Ausbreitende, dieses: das Einzelerlebnis zu sehen auf dem Hintergrunde der großen Menschheits- und Weltenzusammenhänge, — in einer anderen Weise sehen wir es bei einem Dichter, auf den ich auch schon im letzten Vortrage über das Österreichertum hingewiesen habe, bei dem magyarischen Dichter Emmerich Madách. Madách ist geboren 1823. Madách hat geschrieben, man muß sagen, wirklich durchdrungen von voller magyarischer Gesinnung, neben anderem, das hier nicht erwähnt werden kann, «Die Tragödie des Menschen». Diese «Tragödie des Menschen» ist wiederum etwas, das jetzt nicht anknüpft an die großen Menschheitsereignisse, sondern diese Menschheitsereignisse selber unmittelbar darstellt. Und man möchte sagen, wieMadách, der Magyar, der Angehörige des östlichen Österreich, in der «Tragödie des Menschen» darstellt, das unterscheidet sich zum Beispiel von den Gestalten, die - im «Ahasver», «König von Sion», der «Aspasia» — Hamerling nun auf seine Art aus dem großen Gemälde der Weltgeschichte heraus schuf. Das unterscheidet sich so, wie sich die Berge des westlichen Österreich von den weiten Pußten des östlichen Österreich unterscheiden oder vielmehr — ich möchte noch genauer sagen — wie die Seele, wenn sie in den oftmals so wunderschönen - besonders wenn sie sonnendurchglänzt sind - schönen Tälern West-Österreichs aufgeht und den Blick gehen läßt über die Berge hin, die diese Täler begrenzen, — wie die Seele sich bei diesem Aufgehen unterscheidet von jener ins Weite, aber Unbestimmte hinausgehenden Stimmung, die sie überfällt, wenn die ungarische Pußta mit ihrem weiten Ebenencharakter auf diese Seele wirkt. Sie kennen ja aus Lenaus Dichtungen, . was diese ungarische Pußta der Seele des Menschen werden kann.

[ 21 ] We see this expansion—this act of viewing the individual experience against the backdrop of the great contexts of humanity and the world—in a different way in the work of a poet whom I already mentioned in my last lecture on Austrian identity: the Magyar poet Emmerich Madách. Madách was born in 1823. Madách wrote—and it must be said, truly imbued with a profound Magyar spirit—among other works that cannot be mentioned here, *The Tragedy of Man*. This *Tragedy of Man* is, in turn, a work that does not merely tie in with the great events of human history, but rather directly portrays these events themselves. And one might say that the way Madách—the Magyar, a native of eastern Austria—depicts things in *The Tragedy of Man* differs, for example, from the characters that Hamerling, in his own way, created from the grand canvas of world history in *Ahasver*, *The King of Zion*, and *Aspasia*. This differs just as the mountains of western Austria differ from the vast Puszta of eastern Austria—or rather, to be more precise, just as the soul, when it soars in the often-beautiful valleys of western Austria—especially when they are bathed in sunlight—and lets its gaze wander over the mountains that border these valleys, — how this awakening of the soul differs from that mood of reaching out into the vast but indefinite expanse that overwhelms it when the Hungarian Puszta, with its vast, flat character, exerts its influence on that soul. You know, of course, from Lenau’s poems what this Hungarian Puszta can become to the human soul.

[ 22 ] Eine merkwürdige Dichtung, diese «Tragödie des Menschen». Wir werden da direkt hineinversetzt in den Beginn der Schöpfung. Gott tritt auf neben Luzifer. Adam träumt unter Luzifers Eindruck die künftige Weltgeschichte. In neun bedeutsamen Kulturbildern geschieht das. Im Anfange werden uns entgegengeführt der Herr und Luzifer; Luzifer, der sich geltend machen will in seinem ganzen Wesen gegenüber dem Schöpfer dieses Daseins, in das das Wesen des Menschen hineinverflochten ist. Und Luzifer ermahnt den Weltenschöpfer, daß er auch da sei und daß er von gleichem Alter sei wie der Weltenschöpfer selber. Der Weltenschöpfer muß in einer gewissen Weise Luzifer als seinen Helfer gelten lassen. Wir hören in der Dichtung das bedeutsame Wort: «Hat die Verneinung» — nämlich Luzifer - «nur den kleinsten Halt, hebt deine Welt sie aus den Angeln bald.» Damit droht Luzifer dem schöpferischen Geist. Der Herr übergibt Luzifer zwei Bäume, den Baum der Erkenntnis und den Baum der Unsterblichkeit. Aber damit versucht Luzifer die Menschen. Und er versucht Adam, dadurch verliert Adam das Paradies. Und außer dem Paradiese macht Luzifer den Adam bekannt mit dem, was in Madáchs Anschauungen die Erkenntnis der Naturkräfte, dieses ganzen Gewebes der Kräfte ist, die durch Menschenerkenntnis gewonnen werden können durch die vor den Sinnen sich ausbreitenden Naturerscheinungen. Das unsichtbare Spinngewebe der Naturgesetze ist es, über das Luzifer den Adam außer dem Paradiese unterrichtet. Und dann wird uns vorgeführt, wie Luzifer Adam träumen läßt von dem ferneren Weltenschicksale. Da sehen wir, wie Adam im alten Agyptenlande als ein Pharao wiederverkörpert wird, wie Eva ihm in ihrer Wiederverkörperung entgegentritt als die Gattin eines Sklaven, der mißhandelt wird. Tiefe Wehmut erfaßt Adam; das heißt, er sieht es in seinem Traum, in dem ihm sein späteres Leben, alle seine späteren Verkörperungen vor das Seelenauge treten. Er sieht es so an, daß ihn tiefe Erbitterung darüber erfaßt, was aus der Welt werden soll. Und weiter wird uns vorgeführt, wie Adam in Athen als Miltiades wiederverkörpert wird, wie er des Volkes Undank erfahren muß; weiter wird uns vorgeführt, wie er in dem alten Rom, in der Kaiserzeit, die niedergehende Kultur und das Hereindringen des Christentums zu beobachten hat. Unter Kreuzfahrern später in Konstantinopel tritt uns in einem neuen Leben Adam entgegen. Als Kepler wird er wiederverkörpert am Hofe Kaiser Rudolfs; als Danton innerhalb der französischen Revolutionszeit. Dann wird er in London wiederverkörpert. Da lernt er dasjenige kennen, wodurch Luzifer nach der Anschauung Madáchs charakteristisch für die Gegenwart wirkt. Es müssen schon die Worte ausgesprochen werden, die einmal darin stehen: «Alles ein Jahrmarkt, wo alles handelt, kauft, betrügt, Geschäft ist Betrug, Betrug ist Geschäft.» Es ist nicht unter dem Einfluß des Krieges geschrieben, denn die Dichtung ist in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden. Dann wird Adam in einem weiteren Leben an das Ende der Erdenzeit geführt, in eine Eislandschaft und so weiter. Interessant zweifellos, aber man möchte auch sagen, wie die ungarische Pußta ins Unendliche auslaufend und vieles unverständlich lassend, vieles Unbefriedigende enthaltend — so ist diese Dichtung. Und nur sporadisch merkt man, daß der Dichter eigentlich meint: das Ganze ist ja ein Traum, den Luzifer in Adam anregt. Und der Dichter will eigentlich sagen: So würde die Welt, wenn nur Luzifer wirken würde. Aber auch der Mensch wirkt hinein. Der Mensch hat seine Kraft zu suchen und Luzifer entgegenzuwirken. Aber das wird kaum angedeutet, bloß, ich möchte sagen, am Schluß angedeutet, aber so, daß das, was als Positives auftritt gegenüber dem Negativen, gegenüber dem Traurigen, gegenüber dem Leidvollen, auch zusammengefaßt werden muß, wie Leid, das zu trotziger Kraft sich entwickelt. «Kämpfe und vertraue», das wird dem Adam eingeschärft. So wird uns aber gar nicht vorgeführt, was der Mensch sich erkämpfen kann. Was die Welt würde, wenn sie nur der Natur allein überlassen wäre, das wird dargestellt. Und aus tiefer Innerlichkeit, aus schwerer Lebenserfahrung ist diese Dichtung erwachsen.

[ 22 ] This “Tragedy of Man” is a remarkable work of poetry. We are transported directly to the beginning of creation. God appears alongside Lucifer. Under Lucifer’s influence, Adam dreams of the future history of the world. This unfolds through nine significant cultural images. In the beginning, we are presented with the Lord and Lucifer; Lucifer, who seeks to assert himself in his entire being against the Creator of this existence, into which the essence of humanity is interwoven. And Lucifer reminds the Creator of the worlds that he, too, is present and that he is of the same age as the Creator himself. The Creator of the worlds must, in a certain sense, acknowledge Lucifer as his helper. In the poem we hear the significant words: “If negation”—namely, Lucifer—“has even the slightest foothold, it will soon uproot your world from its foundations.” With this, Lucifer threatens the creative spirit. The Lord hands Lucifer two trees: the Tree of Knowledge and the Tree of Immortality. But with these, Lucifer tempts humanity. And he tempts Adam, causing Adam to lose Paradise. And outside of Paradise, Lucifer introduces Adam to what, in Madách’s view, is the knowledge of the forces of nature—this entire web of forces that can be gained through human understanding via the natural phenomena unfolding before the senses. It is the invisible web of natural laws that Lucifer teaches Adam about once he is outside of Paradise. And then we are shown how Lucifer lets Adam dream of the future destiny of the world. There we see how Adam is reincarnated as a pharaoh in ancient Egypt, and how Eve, in her reincarnation, appears before him as the wife of a slave who is being mistreated. A deep melancholy seizes Adam; that is to say, he sees it in his dream, in which his later life—all his subsequent incarnations—unfolds before the eye of his soul. He views it in such a way that he is overcome by deep bitterness at what is to become of the world. And we are further shown how Adam is reincarnated in Athens as Miltiades, how he must endure the ingratitude of the people; we are further shown how, in ancient Rome during the imperial era, he must observe the declining culture and the encroachment of Christianity. Later, among the Crusaders in Constantinople, Adam appears before us in a new life. He is reincarnated as Kepler at the court of Emperor Rudolf; as Danton during the French Revolution. Then he is reincarnated in London. There he comes to understand what, according to Madách’s view, makes Lucifer a defining force of the present. The words that appear in it must indeed be spoken: “Everything is a fair where everything trades, buys, cheats; business is fraud, fraud is business.” It was not written under the influence of war, for the poem was composed in the 1860s. Then, in another life, Adam is led to the end of the world, into an icy landscape, and so on. Undoubtedly interesting, but one might also say that, like the Hungarian Puszta stretching out into infinity—leaving much incomprehensible and containing much that is unsatisfying—so is this poem. And only sporadically does one realize that the poet actually means: the whole thing is, after all, a dream that Lucifer inspires in Adam. And what the poet really wants to say is: This is what the world would be like if only Lucifer were at work. But human beings also exert an influence. Humanity must find its own strength and counteract Lucifer. But this is scarcely hinted at—only, I would say, hinted at toward the end—yet in such a way that what appears as positive in contrast to the negative, to the sorrowful, to the painful, must also be understood as suffering that develops into defiant strength. “Fight and trust”—this is instilled in Adam. Yet we are not shown at all what humanity can fight to achieve. What the world would become if it were left to nature alone is depicted. And this work of literature has grown out of deep inner life and profound life experience.

[ 23 ] Madách ist auch eine von den Naturen, die man, nur wiederum in einer anderen Art, so charakterisieren kann, daß man sagt: Oh, diese Mannigfaltigkeit des Lebens, das an die geschichtlichen Bedingungen Österreichs geknüpft ist, das zog durch seine Seele; aber dabei auch die Kraft, Schwäche in Stärke umzuwandeln.

[ 23 ] Madách is also one of those personalities who can be characterized—albeit in a different way—by saying: Oh, this richness of life, tied to Austria’s historical circumstances, stirred his soul; but he also possessed the power to transform weakness into strength.

[ 24 ] Aus altem ungarischem Adel ist Madách. Er wächst im Neögrader Komitat heran. Seinen Vater verliert er ganz früh. Die Mutter ist eine geistig starke Frau. Madách wird ein träumerischer, sinnender Mensch. 1849, nach der Revolution, hat er einen Flüchtling aufgenommen, der zwar schon weg ist, als die Polizei ihn sucht; aber die Polizei kommt doch darauf, daß Madách diesen Flüchtling bei sich aufgenommen hatte. Madách wird der Prozeß gemacht und er wird vier Jahre ins Gefängnis, ins Zuchthaus gesetzt. Nicht so sehr das Zuchthaus, das er eben wie eine historische Notwendigkeit hinnahm, ist es, was auf Madách mit schwerem Leid wirkte, aber daß er sich trennen mußte von seiner Frau, von seiner Familie, die ihm wie das andere Selbst war, die er zärtlichst liebte, — daß er sie diese vier Jahre nicht sehen, vier Jahre nicht teilnehmen sollte an diesem Leben, das zerschmetterte ihn, das war das eigentliche schwere Schicksalserlebnis, das ihn an der Menschheit hätte zweifeln lassen, wenn ihm nicht in jeder Stunde, da er im Zuchthaus lebte, die Hoffnung vor Augen gestanden hätte: du wirst sie dann wiedersehen. Und da schrieb er seine Gedichte, wo er sich ausmalt, wie er durch die Türe hineingehen werde. Noch als er wirklich entlassen war, auf dem Wege schrieb er ein letztes dieser Gedichte, worin er in wunderbarer Weise ausmalt seinen Himmel, der ihn nun empfangen würde. Und er kam wirklich nach Hause. Die Frau, die er so zärtlich liebte, war ihm mittlerweile untreu geworden, sie war mit einem anderen davongegangen. Und durch das Tor, durch das er eintreten wollte im Sinne des Gedichtes, das er hingeschrieben hatte, mußte er treten in sein treulos verlassenes Heim. In Visionen stand der Verräter und sein Verrat oftmals vor seinem Auge. Aus solchen Untergründen heraus bildeten sich ihm seine geschichtlichen, seine Menschheitsempfindungen, seine Weltenempfindungen. Das muß man allerdings auch ins Auge fassen, wenn man in richtiger Weise die Dichtung, gegen die man vielleicht vieles einwenden könnte, würdigen will.

[ 24 ] Madách came from an old Hungarian noble family. He grew up in Nagykanizsa County. He lost his father at a very young age. His mother was a woman of great strength of character. Madách grew up to be a dreamy, contemplative man. In 1849, after the revolution, he took in a fugitive who had already left by the time the police came looking for him; but the police eventually discovered that Madách had harbored this fugitive. Madách was put on trial and sentenced to four years in prison. It was not so much the prison—which he accepted as a historical necessity—that caused Madách deep suffering, but rather that he had to be separated from his wife and his family, who were like a second self to him and whom he loved most tenderly, —that he would not see them for these four years, that he would not share in their lives for four years—that shattered him; that was the truly crushing blow of fate that would have made him doubt humanity had it not been for the hope that stood before his eyes every hour he lived in prison: you will see them again. And so he wrote his poems, in which he imagined how he would walk through the door. Even after he was actually released, on his way home, he wrote one last of these poems, in which he wonderfully described his paradise, which would now welcome him. And he truly did come home. The woman he loved so tenderly had in the meantime been unfaithful to him; she had run off with another man. And through the gate through which he had wanted to enter, in the spirit of the poem he had written, he had to step into his home, which had been abandoned by her treachery. In visions, the betrayer and his betrayal often appeared before his eyes. It was from such depths that his historical sensibilities, his feelings for humanity, and his perceptions of the world took shape. This, however, must also be taken into account if one wishes to properly appreciate this poetry, against which one might perhaps raise many objections.

[ 25 ] Denn das ist es — und es wäre interessant, dies ganz im einzelnen auszuführen —, daß schon einmal die Mannigfaltigkeit, die im Österreichischen Leben ist und die durch solche Dinge herbeigeführt wird, wie ich sieangeführt habe, wieder und wiederum den Blick doch weiten und einem Aufgaben stellen kann, so daß man unmittelbar seine eigenen Erlebnisse anknüpfen muß an die großen Erlebnisse der Menschheit, ja, an die Aufgaben der Menschheit. Und wie bei Hamerling, trotzdem er sein halbes Leben auf dem Krankenbett lag, jeder Ton, den er dichterisch von sich gegeben hat, zusammenhing mit unmittelbarstem Erleben, so auf der anderen Seite auch bei Emmerich Madách.

[ 25 ] For that is precisely the point—and it would be interesting to elaborate on this in great detail—that the very diversity inherent in Austrian life, brought about by such things as I have mentioned, can time and again broaden one’s perspective and present challenges, so that one must directly link one’s own experiences to the great experiences of humanity, indeed, to the challenges facing humanity. And just as with Hamerling—even though he spent half his life on a sickbed, every note he composed was connected to the most immediate experience—so too, on the other hand, with Emmerich Madách.

[ 26 ] Sehen Sie, diese Mannigfaltigkeit, - man kann die Frage aufwerfen: Mußte sie denn im Laufe der Menschheitsentwickelung in Mitteleuropa zusammengeschmiedet werden? Liegt darinnen irgendeine Notwendigkeit? Man bekommt allerdings, wenn man die Sache genauer betrachtet, den Einblick in eine solche Notwendigkeit, das Mannigfaltigste von Menschheitsgemütern auf einem Flächenraume auch zu äußeren gemeinsamen Schicksalen zusammengefügt zu finden. Und ich möchte sagen, es trat mir immer wie ein Sinnbild dessen, was da an Volksgemeinschaft, an Volksmannigfaltigkeit vorhanden ist, vor Augen, daß ja auch die Natur, und zwar merkwürdigerweise gerade um Wien herum, etwas von einer großen Mannigfaltigkeit schon in der Erde geschaffen hat. Geologisch gehört das sogenannte Wiener Becken zu den interessantesten Gebieten der Erde. Da findet man gewissermaßen wie in einem irdischen Mikrokosmos, wie in einer kleinen Erde, alles zusammengetragen, was aufeinander wirkt, aber einem auch versinnbildlicht dasjenige, was einem erklären kann das, was sonst ausgebreitet ist in der Erdoberfläche. Und tief anregend ist die Betrachtung dieses Wiener Beckens mit den zahlreichen Geheimnissen der Erdentstehung, die man da studieren kann, für denjenigen, der für naturwissenschaftliche Betrachtungen Interesse und Verständnis hat. Man möchte sagen, schon die Erde selbst entwickelt da in der Mitte Europas eine Mannigfaltigkeit, die zu einer Einheit verbunden ist. Und das, was da in der Erde geologisch vorhanden ist, spiegelt sich im Grunde genommen nur in dem, was über diesem Erdboden in den Gemütern der Menschen sich abspielt.

[ 26 ] You see, this diversity—one might ask: Did it really have to be forged together in Central Europe in the course of human development? Is there any necessity to it? However, if one examines the matter more closely, one gains insight into such a necessity: that the most diverse human dispositions within a given geographical area are also united by shared external destinies. And I would like to say that it always struck me as a symbol of the national community and national diversity that exists there—that nature, too, and remarkably enough right around Vienna, has already created a great diversity within the earth itself. Geologically speaking, the so-called Vienna Basin is one of the most interesting regions on Earth. There, as in a sort of earthly microcosm—like a miniature Earth—one finds everything gathered together that interacts with one another; yet it also symbolizes what can explain to us what is otherwise spread out across the Earth’s surface. And for those with an interest in and understanding of the natural sciences, contemplating this Vienna Basin—with the numerous mysteries of the Earth’s formation that can be studied there—is deeply inspiring. One might say that the Earth itself, right there in the heart of Europe, unfolds a diversity that is bound together into a unity. And what exists geologically within the Earth is, in essence, reflected only in what takes place above this soil, in the minds of human beings.

[ 27 ] Wahrhaftig, nicht um für Österreich Propaganda zu machen, sondern nur um charakteristisch zu schildern, sage ich dieses alles. Aber dieses Charakteristische tritt einem eben entgegen, wenn man Österreich schildern will, Und, ich möchte sagen, ins Gebiet der exakten Wissenschaft, der Geologie hinübergetragen, hat man ja in Österreich etwas, was dem entspricht, was Österreichs große Dichter gerade als ihr Eigentümlichstes für sich zu beanspruchen haben. Wenn man Hamerling beobachtet, wenn man Jakob Julius David beobachtet, wenn man andere große Dichter Österreichs betrachtet: das Charakteristische ist, daß sie überall an das große Menschheitsschicksal anknüpfen wollen. Es ist auch das, was sie am innigsten, am tiefsten befriedigt. Ein Mann, der mir befreundet war, schrieb zur tiefen Befriedigung Hamerlings dazumal einen Roman, in dem er versuchte, mittelalterliches Erkenntnisleben kulturhistorisch in einzelnen Gestalten zum Ausdruck zu bringen. «Der Alchimist» heißt dieser Roman. Er ist von Fritz Lemmermayer. Und Fritz Lemmermayer ist kein hervorragendes Talent. Er ist sogar ein Talent, das kaum nach diesem Roman wieder irgend etwas Bedeutendes geleistet hat. Aber man sieht, daß das Wesen, das durch das Volkstum geht, den Einzelnen ergreifen kann und sich auch da in diesen Nichtbegabten charakteristisch zum Ausdruck bringt, im ganzen Wollen zum Ausdruck gebracht wurde.

[ 27 ] Truly, I say all this not to promote Austria, but merely to describe its distinctive character. But this distinctive character is precisely what comes to the fore when one seeks to describe Austria. And, I would like to say that, when carried over into the realm of the exact sciences—specifically, geology—Austria does indeed possess something that corresponds to what Austria’s great poets claim as their most distinctive trait. If one observes Hamerling, if one observes Jakob Julius David, if one considers other great Austrian poets: the defining characteristic is that they all seek to connect with the grand destiny of humanity. That is also what satisfies them most intimately and profoundly. A man who was a friend of mine wrote, much to Hamerling’s deep satisfaction at the time, a novel in which he attempted to express medieval intellectual life through individual characters from a cultural-historical perspective. The novel is titled *The Alchemist*. It was written by Fritz Lemmermayer. And Fritz Lemmermayer is not an outstanding talent. In fact, he is a talent who, after this novel, hardly produced anything significant again. But one can see that the essence that runs through the folk tradition can grip the individual and find characteristic expression even in such an untalented person, as expressed in the entirety of his striving.

[ 28 ] Wie gesagt, sogar in die exakte Wissenschaft der Geologie kann so etwas herüberspielen. Es entspricht wohl einer tiefen Notwendigkeit, daß dies bei der großen Persönlichkeit des Wiener Geologen Eduard Sueß, vielleicht eines der größten Geologen aller Zeiten, der Fall ist, dem das Studium der Verhältnisse des Wiener Beckens zu verdanken ist. Gerade der Anblick dieses Wiener Beckens mit seiner ungeheuren Mannigfaltigkeit, die sich zu einer wunderbaren Einheit wiederum verbindet, könnte in einem instinktiv aufgehen lassen eine große, gewaltige geologische Idee, die in diesem Manne zum Vorschein kommt und von der man sagen muß, daß sie sich nun wirklich aus dem Österreichertum heraus — denn Eduard Sueß ist in seinem ganzen Wesen eine ur-Österreichische Persönlichkeit -, aus dem österreichischen Wesen heraus entwickeln konnte: diese Einheit in der Mannigfaltigkeit, ich möchte sagen, dieser mikroskopische Abdruck der ganzen Erdengeologie in dem Wiener Becken. Das tritt uns wiederum darin entgegen, daß Eduard Sueß in unserer Zeit, das heißt im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, den Entschluß fassen konnte, wirklich in seinem dreibändigen großen Werke «Das Antlitz der Erde» ein Buch zu schaffen, in dem alles dasjenige, was in der Erde geologisch wirkt und lebt und wirkte und lebte, zu einem bedeutenden, abgerundeten Bilde im Großen gefügt wird, so daß einem die Erde überschaubar wird. Überall wird die Sache exakt behandelt, aber wenn man das ganze Antlitz der Erde erblickt, wie es Sueß geschaffen hat, so erscheint einem die Erde gleichwohl als ein Lebendiges, so wiederum, daß man unmittelbar sieht: Die Geologie kommt aus der Erde. Wenn man Sueß weiter verfolgte, würde etwas geschaffen, wobei der Planet unmittelbar angefügt würde an den ganzen Kosmos. Sueß bringt die Erde in dieser Beziehung so weit, daß gewissermaßen die Erde lebt und man nur das Bedürfnis hat, weiter zu fragen: Wie lebt jetzt diese Erde im ganzen Kosmos, nachdem man sie geologisch verstanden hat?

[ 28 ] As I said, even the exact science of geology can be influenced by such things. It probably reflects a deep necessity that this is the case with the great Viennese geologist Eduard Sueß—perhaps one of the greatest geologists of all time, to whom we owe the study of the conditions of the Vienna Basin. It is precisely the sight of this Vienna Basin, with its immense diversity that in turn coalesces into a marvelous unity, that could instinctively give rise to a grand, powerful geological idea—one that emerges in this man and of which one must say that it has truly developed from the Austrian spirit —for Eduard Sueß is, in his very essence, a quintessentially Austrian personality—from the Austrian spirit: this unity in diversity; I would say, this microscopic imprint of the entire geology of the Earth in the Vienna Basin. This is evident once again in the fact that Eduard Sueß, in our time—that is, in the last third of the nineteenth century—was able to resolve to create, within his three-volume magnum opus *The Face of the Earth*, a book in which everything that geologically acts and lives—and has acted and lived—within the Earth is incorporated into a significant, well-rounded picture on a grand scale, so that the Earth becomes comprehensible. The subject is treated with precision throughout, but when one beholds the entire face of the Earth as Süss has created it, the Earth nevertheless appears as a living entity—so much so that one immediately sees: Geology comes from the Earth. If one were to follow Süß further, something would be created in which the planet would be directly linked to the entire cosmos. In this regard, Süß takes the Earth so far that, in a sense, the Earth lives, and one is left with only the need to ask further: How does this Earth now live within the entire cosmos, now that one has understood it geologically?

[ 29 ] Wie in der österreichischen Dichtung vieles mit der österreichischen Landschaft, mit der österreichischen Natur zusammenhängt, so glaube ich, daß auch mit der Geologie des engeren Österreichs gerade die Tatsache zusammenhängt, die vielleicht auch nur nicht genug gewürdigt wird in dem Geistesleben der Menschheit: daß von Wien aus dieses Buch auf dem Gebiet der Geologie hat entstehen können, dieses Buch, das ebenso exakt wissenschaftlich wie genialisch veranlagt und durchgeführt ist und in dem wirklich alles, was die Geologie bis zu Sueß geschaffen hat, in einem Gesamtbilde verarbeitet wird, aber so, daß man wirklich zuletzt glaubt, die ganze Erde nicht mehr als das tote Produkt der üblichen Geologie, sondern als ein Lebendiges vor sich zu haben. Ich meine, daß auf diesem Gebiet geradezu in die wissenschaftlichen Leistungen — durchaus nicht irgendwie in die Objektivität der Wissenschaften, die gewiß dadurch nicht gefährdet wird — dasjenige hineinspielt, was gerade aus dem Österreichertum des Eduard Sueß kommen konnte. Und wenn man in dieses Österreichertum so nach den verschiedensten Gebieten hinein sieht, da merkt man: Solche Gestalten leben wirklich, wie sie Jakob Julius David geschaffen hat, bei denen sich der Seele oftmals eine einzige Seeleneigenschaft bemächtigt, weil die anderen durch die Schwierigkeiten des Lebens zurückgedrängt werden, und sie so erfüllt, daß die einzelne Seele ihre Stärke, aber auch ihre Kraft und ihre Beruhigung und ihren Trost hat. Diese Gestalten werden insbesondere interessant, wenn diese Seelen zu Erkenntnismenschen heranreifen.

[ 29 ] Just as much in Austrian literature is connected to the Austrian landscape and Austrian nature, so I believe that the geology of Austria proper is also connected to the very fact that is perhaps not sufficiently appreciated in the intellectual life of humanity: that this book on geology could have come into being right here in Vienna—a book that is as scientifically precise as it is brilliantly conceived and executed, and in which everything that geology had produced up to Süss is truly synthesized into a comprehensive picture, yet in such a way that one ultimately comes to believe that the entire Earth is no longer merely the lifeless product of conventional geology, but rather a living entity before one’s eyes. I believe that in this field, it is precisely what could stem from Eduard Sueß’s Austrian spirit that plays a role in the scientific achievements—by no means in the objectivity of the sciences, which is certainly not endangered by this. And when one looks into this “Austrian spirit” across a wide variety of fields, one notices: such figures truly live as Jakob Julius David created them—figures in whom a single soul quality often takes hold of the soul, because the others are suppressed by the difficulties of life, and fills them in such a way that the individual soul possesses its strength, but also its power, its peace, and its comfort. These characters become particularly interesting when these souls mature into people of insight.

[ 30 ] Und da ist eine Gestalt aus dem ober-österreichischen Lande, aus der Ischler Gegend - ich habe auf den Namen auch schon in dem vorigen Vortrage hingewiesen -, da ist der merkwürdige Bauernphilosoph Conrad Deubler. Wirklich, denkt man sich jede Gestalt, die Jakob Julius David so aus dem österreichischen Leben heraus geschaffen hat, ein wenig jünger, denkt man sich die Ereignisse dieses Lebens weg, die dieses Leben später geformt haben, und denkt sie hinein in die Seele des Conrad Deubler, so könnte eine jede solche Gestalt Conrad Deubler werden. Denn auch dieser Conrad Deubler ist gerade für den Menschen der österreichischen Alpenländer ungemein charakteristisch. Zu Goisern im Ischler Lande geboren, wird er Müller, später Gastwirt, ein Mensch, der tief veranlagt ist zum Erkenntnismenschen. Wenn ich jetzt über Conrad Deubler das Folgende spreche, so bitte ich, das nicht damit in einen Mißklang zu bringen, daß selbstverständlich hier sonst nicht eine Weltanschauung vertreten wird, wie sie Conrad Deubler hatte; daß immer betont wird, daß über so etwas, wie Conrad Deubler es dachte, hinausgegangen werden muß zu einer Vergeistigung der Weltanschauung. Aber darauf kommt es nicht an, daß man an gewissen Dogmen festhält, sondern darauf kommt es an, daß man jedes menschliche Erkenntnisstreben in seiner Ehrlichkeit und Berechtigung einzusehen vermag. Und wenn man vielleicht auch mit nichts einverstanden sein kann, wozu sich Conrad Deubler eigentlich bekannte, so bedeutet doch die Betrachtung gerade dieser Persönlichkeit, insbesondere im Zusammenhang mit Charakteristiken des österreichischen Lebens, etwas, was typisch ist und was namentlich bedeutsam ist, indem es ausdrückt, wie nach Ganzheit aus jenen Verhältnissen heraus gestrebt wird, die in vieler Beziehung geistig sich vergleichen lassen mit dem räumlichen Eingeschlossensein durch die Berge. Conrad Deubler ist ein Erkenntnismensch, trotzdem er nicht einmal richtig schreiben gelernt hat, trotzdem er eine ganz mangelhafte Schulbildung hatte. Jakob Julius David nennt seine Persönlichkeiten, die er schildert, skizziert, «Sinnierer». In meiner Heimat, im nieder-österreichischen Waldviertel, würde man sie vielfach «Simulierer» genannt haben. Das sind Menschen, die durch das Leben sinnend gehen müssen, die aber mit dem Sinnieren etwas Gefühlvolles verbinden, die das Leben viel bekritteln. Man nennt das in Österreich: Man «raunzt» über das Leben. «Geraunzt» wird ja viel über das Leben. Aber diese Kritik ist nicht eine trockene Kritik, diese Kritik ist etwas, was sich unmittelbar in inneres Leben verwandelt, insbesondere bei solchen Gestalten wie Conrad Deubler. Er ist von Anfang an ein Erkenntnismensch, trotzdem er nicht ordentlich schreiben konnte. Er geht immer auf Bücher aus. Da ist es zunächst in seiner Jugend ein tüchtiges Buch, ein Buch, das strebt aus dem Sinnlichen ins Geistige hinein: Grävell, «Der Mensch». Das liest Deubler 1830 1814 ist er geboren —, und Sintenis, «Der gestirnte Himmel», Zschokkes «Stunden der Andacht». Aber er fühlt sich in diesen Dingen nicht so recht zu Hause, er kann mit diesen Dingen nicht mitgehen, Er ist eine sinnende Natur, und er ist von Begeisterung durchdrungen, Befriedigung der Seele nicht nur für sich zu finden, sondern auch für diejenigen, die sein Dorf mit ihm bewohnen. Es strebt etwas in diesen Leuten aus der überlieferten Weltanschauung heraus. Da wird Conrad Deubler dann mit dem bekannt, was dazumal die Zeit am tiefsten bewegt hat, die Zeit aufgerührt hat — er wird bekannt mit Schriften, die aus dem Darwinischen Geiste heraus geschrieben worden sind. Er wird bekannt mit Ludwig Feuerbach, mit David Friedrauch Strauß. Er wird später mit Ernst Haeckels Schriften bekannt, aber dies eben später. Er liest das alles, er verschlingt es. Nur nebenbei will ich erwähnen: Weil er sich mit solcher Lektüre befaßt und solche Dinge auch seinen Dorfgenossen vorgelesen und eine Art Bibliothek für seine Dorfgenossen begründet hat, hat er mehrere Jahre Zuchthaus als Strafe bekommen. Es war in den Jahren 1852 bis 1856, — wegen Religionsstörung, Gotteslästerung und Verbreitung von gotteslästerlichen Anschauungen! Aber wie gesagt, das möchte ich nur nebenbei erwähnen, denn Conrad Deubler ertrug die ganze Sache mannhaft. Für ihn handelte es sich ja aus einem Grundtriebe seiner Seele heraus darum, zur Erkenntnis vorzudringen. Und so sehen wir denn bei diesem Bauern dasjenige, was wir gleich zum Schluß noch bei einem anderen Geiste, ich möchte sagen, noch auf einem höheren Gesichtskreis des Lebens sehen dürfen -, so sehen wir denn bei diesem Geiste, wie versucht wird, naturwissenschaftliche Denkweise mit dem tiefsten Bedürfnisse der Seele in Einklang zu bringen. Daß Conrad Deubler zu einer ganz naturalistisch-materialistischen Auffassung des Lebens kommen konnte, das soll uns, wie gesagt, nicht weiter berühren. Denn nicht darauf kommt es an, sondern darauf, daß doch in solchen Leuten der Drang lebte, die Natur selber vergeistigt zu schauen. Wenn sie sie auch zunächst nur sinnlich gelten lassen — in ihnen allen lebt der Drang, die Natur geistig hinzunehmen. Und aus solcher Naturanschauung muß sich im Laufe der Menschheitsentwickelung dennoch eine vergeistigte Anschauung des Lebens ergeben. So ist denn dieser einfache Bauer nach und nach eine gerade bei den erleuchtetsten Geistern der materialistischen Epoche berühmte Persönlichkeit geworden. Er war ein leidenschaftlicher Reisender und lernte nicht nur in früher Jugend in Wien kennen, was er kennenlernen wollte, er unternahm auch Reisen zu Feuerbach nach Nürnberg. Aber vor allem ist es interessant, wie sein Wirtshaus in Goisern für die bedeutendsten Leute auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, Naturweltanschauung ein Aufenthaltsort wurde. Haeckel kehrte wiederholt bei Deubler ein, hielt sich ganze Wochen dort auf. Feuerbach kehrte oftmals dort ein. Mit David Friedrich Strauß, mit dem materialistischen Vogt, dem sogenannten dicken Vogt, mit allen möglichen Leuten unterhielt Deubler einen Briefwechsel, bei dem uns das Unorthographische, das Ungrammatikalische nicht stören darf, bei dem uns vielmehr das Urwüchsige des Erkenntnismenschen auffallen muß.

[ 30 ] And there is a figure from Upper Austria, from the Ischl region—I already mentioned his name in my previous lecture—namely, the remarkable peasant philosopher Conrad Deubler. Truly, if one imagines each character that Jakob Julius David created from Austrian life as being a little younger, if one sets aside the events of that life that later shaped it, and imagines them within the soul of Conrad Deubler, then any such character could become Conrad Deubler. For this Conrad Deubler, too, is exceptionally characteristic of the people of the Austrian Alpine regions. Born in Goisern in the Ischl region, he became a miller, later an innkeeper—a man with a deep inclination toward intellectual inquiry. When I now speak of Conrad Deubler as follows, I ask that this not be taken out of context; it goes without saying that no worldview is being advocated here other than the one Conrad Deubler held; it is always emphasized that one must go beyond what Conrad Deubler thought to a spiritualization of the worldview. But what matters is not adhering to certain dogmas, but rather being able to recognize the sincerity and validity of every human quest for knowledge. And even if one might not agree with anything that Conrad Deubler actually professed, the examination of this very personality—especially in connection with characteristics of Austrian life—nevertheless reveals something typical and, in particular, significant, in that it expresses how a striving for wholeness emerges from those circumstances, which in many respects can be spiritually compared to the spatial confinement imposed by the mountains. Conrad Deubler is a man of insight, even though he never even learned to write properly, even though his schooling was quite inadequate. Jakob Julius David calls the characters he describes and sketches “contemplators.” In my homeland, the Waldviertel region of Lower Austria, they would often have been called “pretenders.” These are people who must go through life pondering, but who associate this pondering with a certain emotional depth, who are very critical of life. In Austria, this is called “grumbling” about life. People do indeed “grumble” a lot about life. But this criticism is not a dry criticism; it is something that is immediately transformed into inner life, especially in figures like Conrad Deubler. From the very beginning, he was a man of insight, even though he could not write properly. He always turns to books. In his youth, there was first a substantial book—a book that strives from the sensory into the spiritual: Grävell’s *Der Mensch*. Deubler read this in 1830—he was born in 1814—and Sintenis’s *Der gestirnte Himmel*, Zschokke’s *Stunden der Andacht*. But he does not quite feel at home with these works; he cannot fully engage with them. He is a contemplative soul, imbued with the enthusiasm to find spiritual fulfillment not only for himself but also for those who share his village with him. Something within these people is striving to break free from the traditional worldview. It is then that Conrad Deubler becomes acquainted with what most profoundly moved the times back then, what stirred those times—he becomes acquainted with writings penned in the spirit of Darwin. He becomes acquainted with Ludwig Feuerbach and David Friedrich Strauss. He later becomes acquainted with Ernst Haeckel’s writings, but that comes later. He reads all of this; he devours it. I’d just like to mention in passing: Because he engaged with such reading material, read such works aloud to his fellow villagers, and established a sort of library for them, he was sentenced to several years in prison. It was between 1852 and 1856—for disturbing religious peace, blasphemy, and spreading blasphemous views! But as I said, I’d just like to mention that in passing, because Conrad Deubler bore the whole affair with great fortitude. For him, it was a matter of striving for knowledge, driven by a fundamental impulse of his soul. And so we see in this farmer what we shall also see, toward the very end, in another mind—I would say, on an even higher plane of life—we see in this mind an attempt to reconcile scientific thinking with the deepest needs of the soul. The fact that Conrad Deubler came to a wholly naturalistic-materialistic view of life should, as I said, not concern us further. For that is not what matters, but rather that in such people there lived the urge to view nature itself in a spiritual light. Even if they initially accept it only through the senses—in all of them lives the urge to embrace nature spiritually. And out of such a view of nature, a spiritualized view of life must nevertheless emerge in the course of human development. Thus, this simple farmer gradually became a figure renowned even among the most enlightened minds of the materialist era. He was a passionate traveler and not only learned in Vienna during his early youth what he sought to know, but also undertook journeys to visit Feuerbach in Nuremberg. But above all, it is interesting how his inn in Goisern became a gathering place for the most prominent figures in the fields of natural science and the natural worldview. Haeckel repeatedly stayed with Deubler, spending entire weeks there. Feuerbach was a frequent guest there as well. Deubler corresponded with David Friedrich Strauss, with the materialist Vogt—the so-called “fat Vogt”—and with all sorts of people; in this correspondence, we must not be put off by the unorthographic or ungrammatical elements, but rather we must take note of the unpolished authenticity of this man of knowledge.

[ 31 ] Und ich möchte sagen, dieser Zug, der bei Deubler im bäuerlich Groben zutage tritt, er tritt uns in höchst feinsinniger Art bei dem Manne entgegen, auf den ich ja im vorigen Vortrag auch schon hingewiesen habe, bei Bartholomäus von Carneri, dem eigentlichen österreichischen Philosophen vom letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Carneri ist auch derjenige Geist, der vom Darwinismus zunächst überwältigt wird, der aber gerade so recht zeigt, wie unmöglich es ihm ist, Wissenschaft wirklich so zu nehmen, wie man sie in Mitteleuropa zu nehmen gezwungen ist; wie es unmöglich einem solchen Geiste ist, Wissenschaft nicht an das innerste Streben des Menschen anzugliedern, nicht den Weg zu suchen, der von Wissenschaft zu religiöser Vertiefung und religiöser Versenkung hinüber führt. Gerade Bartholomäus von Carneri ist einer von den Geistern, für die es gilt, wenn Asia zu dem blonden Teut sagt, daß das ernsteste Denken im deutschen Geiste aus der Liebe hervorgehen und zur Gott-Innigkeit kommen will. Wenn uns auch diese Gott-Innigkeit bei Carneri, ich möchte sagen, im atheistischen Kleide entgegentritt, so tritt sie uns doch aus dem intensivsten, ehrlichsten Geistesstreben entgegen. Carneri steht als Philosoph, als Weltanschauungsmensch ganz auf dem Boden der Auffassung, daß alles, was Geist ist, dem Menschen zunächst nur am Stoff erscheinen kann. Und nun steht Carneri unter dem Einflusse einer merkwürdigen Täuschung. Man könnte sagen, er steht unter dem Einfluß der Täuschung, daß er nun die Welt in lauter Begriffen und Ideen, in lauter Vorstellungen und Empfindungen betrachtet, die aus dem Geiste heraus geboren sind, mit denen er glaubt, nur Materielles, nur Sinnliches erfassen und umfassen zu können. Wenn einer Sinnliches ansieht, so sagt ungefähr Carneri, kann dieses Sinnliche geteilt werden, aber die Teilung geht nur so weit, daß wir dieses Begrenzte mit den Sinnen überschauen. Wenn aber die Teilung weitergeht, wenn die Differenzierung so fein wird, daß kein Sinn mehr sie überschauen kann, dann muß dieses, was da im differenzierten Stoff lebt, vom Denken erfaßt werden, und dann ist es Geist, — geistig aus dem Glauben heraus, daß eigentlich nur Natürliches natürlich begriffen werde. Das ist sehr charakteristisch, weil die Weltanschauung Carneris wirklich instinktiv vergeistigter Materialismus, man könnte sogar sagen, reinster Spiritualismus ist. Und nur durch den Hang der Zeit, durch die Wirkung der Zeit trat die Täuschung ein, als ob dasjenige, was nur geistig gemeint sein kann, wenn Carneri davon spricht, im Grunde genommen nur Äußerungen des Stofflichen wären. Aber was Carneri so instinktiv idealistisch, bewußt naturalistisch erfaßt, muß er notwendigerweise an dieEthik angliedern. Und das, was der Mensch sich sittlich erarbeitet, wird für Carneri, weil er einen gewissen Monismus der Weltanschauung anstrebt, selber nur zu einer Summe höherer Naturgesetze. Und so verlegt Carneri gerade dadurch, daß er der charakterisierten Täuschung unterliegt, das Sittliche, die höchsten Impulse des sittlichen Handelns, in die Menschenseele wie Naturimpulse hinein. Und da sieht man besonders, was eigentlich bei solchen Geistern wie Carneri im Grunde tätig ist. Sie lebten in ihrer Jugend in einer Weltanschauung, die einen gründlichen Schnitt zwischen Geist und Natur machte. Das konnten sie nicht mit dem Drang ihrer Seele vereinen. Was die Naturwissenschaft seit drei bis vier Jahrhunderten hervorgebracht hat, das hatte diese Geister zu einem instinktiven Erfassen gebracht: Nein, die Natur kann das nicht sein, was sie im Grunde genommen nach den alten Überlieferungen ist oder sein sollte, die Natur kann in vielen ihrer Gebiete nicht einfach ein verlassenes Kind der Götter sein. Was Gesetzmäßigkeit der Welt ist, muß in der Natur leben.

[ 31 ] And I would like to say that this trait, which manifests itself in Deubler’s rustic coarseness, appears to us in a highly subtle manner in the man to whom I already referred in my previous lecture: Bartholomäus von Carneri, the true Austrian philosopher of the last third of the nineteenth century. Carneri is also the mind that was initially overwhelmed by Darwinism, yet who demonstrates precisely how impossible it is for him to truly accept science in the way one is compelled to accept it in Central Europe; just as it is impossible for such a mind not to link science to humanity’s innermost striving, not to seek the path that leads from science to religious deepening and religious contemplation. Bartholomäus von Carneri, in particular, is one of those minds to whom Asia’s words to the fair-haired Teut apply: that the most serious thinking in the German spirit springs from love and seeks to arrive at intimacy with God. Even if this intimacy with God in Carneri—I might say—appears to us in atheistic garb, it nonetheless comes to us from the most intense and sincere spiritual striving. As a philosopher and a man of worldview, Carneri stands entirely on the ground of the conception that everything that is spirit can initially appear to man only in material form. And yet Carneri is under the influence of a peculiar delusion. One might say he is under the influence of the delusion that he now views the world through nothing but concepts and ideas, through nothing but perceptions and sensations born of the spirit—with which he believes he can grasp and comprehend only the material, only the sensory. When one looks at something sensory, Carneri says, roughly speaking, that this sensory object can be divided, but the division extends only as far as we can perceive this finite object with our senses. But when the division goes further, when the differentiation becomes so subtle that no sense can grasp it anymore, then what lives within this differentiated substance must be grasped by thought, and then it is spirit—spiritually arising from the belief that, in fact, only the natural is naturally understood. This is very characteristic, because Carneri’s worldview is truly instinctively spiritualized materialism—one might even say, the purest spiritualism. And it was only through the trend of the times, through the influence of the times, that the illusion arose, as if what can only be meant in a spiritual sense when Carneri speaks of it were, at the core, merely expressions of the material. But what Carneri grasps so instinctively idealistically and consciously naturalistically, he must necessarily affiliate with ethics. And what human beings achieve morally becomes, for Carneri—because he strives for a certain monism in his worldview—merely a sum of higher natural laws. And so, precisely because he succumbs to the delusion described above, Carneri transfers the moral—the highest impulses of moral action—into the human soul as if they were natural impulses. And here one sees particularly clearly what is actually at work in minds such as Carneri’s. In their youth, they lived within a worldview that made a fundamental distinction between spirit and nature. They could not reconcile this with the urges of their souls. What natural science has produced over the past three to four centuries had led these minds to an instinctive realization: No, nature cannot be what it essentially is or should be according to the ancient traditions; in many of its realms, nature cannot simply be an abandoned child of the gods. Whatever constitutes the lawfulness of the world must be alive in nature.

[ 32 ] Und trotzdem solche Menschen nur Naturalisten sein wollten, war es im Grunde genommen zunächst der Drang, der Natur ihren Geist zu lassen, was in ihnen lebte. Dadurch sind diese Menschen so ungeheuer charakteristisch. Und wenn selbst bei Sueß, dem Geologen, nachgewiesen werden kann, wie aus seinem Österreichertum die besondere Färbung, die menschliche Färbung seines großen GeologieWerkes hervorgegangen ist, so könnte man das Entsprechende auch bei einem Philosophen wie Carneri nachweisen, wenn man jetzt sein Seelenleben verfolgte. Gerade was sich aus der Anschauung in bezug auf den gesetzmäßigen Zusammenhang der verschiedensten national gefärbten Menschengemüter ergibt, wie sie sich in Österreich finden, das bewirkte besonders, daß da in komplizierter Gestalt, in mannigfaltiger Gestalt Menschenbilder auf Menschenbilder so vor die Seele traten, daß Rätsel über Rätsel entstand. Und indem man Menschenerlebnisse betrachtete, Menschen, die man täglich vor sich hat, betrachtete man etwas, wo das Natürliche ins Moralische herauf spielt und das Moralische wieder ins Natürliche hinunter spielt. So war es denn auch, daß sich bei Carneri eine edle ethische Weltanschauung über den historischen Menschheitsverlauf innig mit einem gewissen Naturalismus vermischte, der aber im Grunde genommen nur ein Übergangsprodukt, ein Übergangsstadium ist, aus dem am allermeisten gerade dasjenige als ein späteres Stadium gefunden werden könnte, was hier vertreten wird als Geisteswissenschaft, wenn man sich nur dessen bewußt ist, daß alles in der Welt seine geschichtliche Entwickelung braucht.

[ 32 ] And even though such people wanted to be nothing more than naturalists, it was, at the core, the urge to let nature retain its spirit that drove them. This is what makes these people so extraordinarily distinctive. And if it can be demonstrated even in the case of Süss, the geologist, how his Austrian identity gave rise to the distinctive, human character of his great work on geology, then one could demonstrate the same in a philosopher like Carneri, were one to examine his inner life today. It was precisely what emerged from observing the lawful interrelationships among the most diverse, nationally colored human dispositions—as found in Austria—that caused, in a complex and manifold way, images of people to arise before the soul, one after another, so that mystery upon mystery arose. And in observing human experiences—people one encounters daily—one observed a process in which the natural ascends into the moral, and the moral in turn descends back into the natural. Thus it was that, in Carneri, a noble ethical worldview regarding the historical course of humanity was intimately intertwined with a certain naturalism, which, however, was essentially only a transitional product, a transitional stage, from which what is presented here as spiritual science could most readily emerge as a later stage—provided one is aware that everything in the world requires its own historical development.

[ 33 ] So verbindet sich bei Carneri ein gewisser Blick über das ethische, geschichtliche ethische Leben der Menschheit mit dem natürlichen Leben. Naturleben und Geschichtsleben fließen ihm in eins zusammen. Er schärft an den von ihm so wunderbar, ich möchte sagen, so lieb intim betrachteten Naturerscheinungen seinen Blick für die Menschheitserscheinungen, insofern sie sich zwischen Volk und Volk abspielen. Das eine klärt immer über das andere auf. Und Carneri hatte ja nun insbesondere dadurch Gelegenheit, daß er durch lange Zeit Abgeordneter des österreichischen Parlaments war und daß er die Grundbedingungen des damaligen Österreichs in ehrlichster Weise in seine Seele aufnahm, mittun zu können an der Entwickelung des Schicksals Österreichs. 1821 ist er in Trient geboren als der Sohn eines höheren österreichischen Staatsbeamten. Es ist merkwürdig, daß ich Ihnen heute vielfach solche Persönlichkeiten schildern muß, die äußerlich von tiefem Leide geplagt werden. Ein Zwillingskind war Carneri. Seine Zwillingsschwester entwickelte sich ganz gut. Er aber war von Anfang an mit einer Verkrümmung der Wirbelsäule behaftet. Er war sein Leben lang krank, halbseitig gelähmt. Auch er war mit Conrad Deubler in Korrespondenz. Und obwohl ich schon von anderer Seite her aufmerksam gemacht habe, wie eigentlich dieses äußere Leben Carneris war, so möchte ich Ihnen doch noch die Worte vortragen, die Carneri am 26. Oktober 1881 an Deubler schrieb, damit Sie sehen, was für ein außerordentlich physisch geplagter Mann dieser Carneri war. «Wissen Sie», so schrieb Carneri an Deubler, «daß mir die Schilderung Ihres Heims das Herz recht schwer gemacht hat? Es hat mich an meine gesunde Zeit erinnert. Ich habe den Wald knapp hinter dem Hause und betrete ihn seit Jahren nicht mehr, da ich nur auf ganz ebenen Wegen gehen kann. Auf jeden höheren Naturgenuß habe ich längst verzichtet, aber auch auf alles, was man gesellige Unterhaltung nennt. Ich kann übrigens nicht sagen, daß ich mich dadurch weniger glücklich fühle. Durch einen Muskelkrampf am Halse (torticollis intermittens), der sich oft über den halben Körper ausdehnt, ist meine Existenz eine außerordentlich beschwerliche. Aber ich mache mir nichts daraus, und darauf kommt’s an. Kurz, es wird schwer möglich sein, daß ich Sie besuche; ist es aber eines Tages durchführbar, so geschieht’s. Wir halten übrigens fest zusammen, auch ohne uns von Angesicht zu Angesicht zu kennen, und das ist die Hauptsache.»

[ 33 ] Thus, in Carneri’s work, a certain perspective on the ethical—and historical-ethical—life of humanity is intertwined with natural life. For him, natural life and historical life merge into one. Through his observation of natural phenomena—which he contemplates so wonderfully, I might even say so lovingly and intimately—he sharpens his insight into the phenomena of humanity, insofar as they unfold between one people and another. One always sheds light on the other. And Carneri, in particular, had the opportunity—precisely because he served for a long time as a member of the Austrian Parliament and because he absorbed the fundamental conditions of Austria at that time into his soul in the most sincere way—to play a part in the unfolding of Austria’s destiny. He was born in Trento in 1821 as the son of a high-ranking Austrian civil servant. It is remarkable that today I must so often describe to you such personalities who are outwardly afflicted by deep suffering. Carneri was a twin. His twin sister developed quite well. He, however, was afflicted from the very beginning with a curvature of the spine. He was ill his entire life, paralyzed on one side. He, too, corresponded with Conrad Deubler. And although I have already drawn attention from another source to what Carneri’s outward life was actually like, I would still like to share with you the words that Carneri wrote to Deubler on October 26, 1881, so that you may see what an extraordinarily physically afflicted man Carneri was. “Do you know,” Carneri wrote to Deubler, “that your description of your home has made my heart quite heavy? It reminded me of the time when I was healthy. I have the forest right behind my house, but I haven’t set foot in it for years, since I can only walk on completely level paths. I have long since given up any higher enjoyment of nature, but also everything that is called social entertainment. Incidentally, I cannot say that this makes me feel any less happy. Due to a muscle spasm in my neck (torticollis intermittens), which often spreads to half my body, my life is extraordinarily arduous. But I don’t let it bother me, and that’s what matters. In short, it will be very difficult for me to visit you; but if it becomes possible one day, I will do so. Incidentally, we remain close, even without knowing each other face to face, and that is the main thing.”

[ 34 ] Und ich habe hier schon einmal vorgelesen, wie die österreichische Dichterin Marie Eugenie delle Grazie, welche Carneri gut kannte, aus einer ergreifenden Szene das Außere Carneris schilderte. Sie schildert es folgendermaßen: «... ‹Wie konnten Sie das ertragen, all’ die Jahre her, und sich dabei dieses Lächeln bewahren - diese Güte und Lebensfreude?› schrie ich gequält auf, als Carneri einmal in meiner Gegenwart einen solchen Anfall erlitt. Langsam erhob er das tief auf die Brust herabgesunkene Haupt, wischte mit der bebenden Linken den Schweiß von Stirn und Wangen, atmete tief auf und sah mich an mit einem Blicke, der wieder ganz Sonne und Überwindung war. ‹Wie —?› lächelte er dann. ‹Aber begreifen Sie denn nicht, daß ich im täglichen Kampfe mit einer solchen Bestie erst recht ein Mensch bleiben wollte — ein Mensch werden mußte? Ich —›, er lächelte aufs neue, ‹hatte nun einmal meinen Ehrgeiz. Das —›, er wies auf seinen noch zuckenden Körper, «sollte stärker sein als ich? Sollte imstande sein, mir Tag um Tag zu rauben? Alle Freude und Schönheit des Lebens zu verekeln? Wäre ich denn ein Mensch, wenn ich nicht der Stärkere blieb? So hat es begonnen, und so — wird es enden.›»

[ 34 ] And I have read aloud here before how the Austrian poet Marie Eugenie delle Grazie, who knew Carneri well, described Carneri’s outward appearance based on a moving scene. She describes it as follows: “... ‘How could you have endured this all those years ago and still retained this smile—this kindness and zest for life?’ I cried out in anguish when Carneri once suffered such a fit in my presence. Slowly he raised his head, which had sunk low onto his chest, wiped the sweat from his forehead and cheeks with his trembling left hand, took a deep breath, and looked at me with a gaze that was once again all sunshine and resilience. “How—?” he smiled then. “But don’t you understand that, in the daily struggle with such a beast, I wanted all the more to remain human—I had to become human? I—” he smiled again, “well, I had my ambition. “That—” he pointed to his still-twitching body, “was supposed to be stronger than me? Supposed to be able to rob me day after day? To make all the joy and beauty of life seem repulsive? Would I even be human if I didn’t remain the stronger one? That’s how it began, and that’s how—it will end.”

[ 35 ] So spricht einer, der allerdings aus der vorher charakterisierten Täuschung heraus glaubt, Naturalist zu sein, der aber aus dem Naturalismus heraus eine edle Ethik gesogen hat. Aber er zeigt uns auch eine Persönlichkeit, die in gewisser Beziehung vieles wie konzentriert, wie vereinigt in sich trägt, was echt Österreichisch ist, dieses: eine Eigenschaft der Seele zur Stärke der ganzen Seele machen und es nicht ertragen können, daß Schwäche als Schwäche wirklich sage nicht: genommen wird, sondern wirkt —, das war besonders in diesem Carneri ausgebildet. Und das Sinnige ist über seine ganze Philosophie ausgegossen. Und wenn Sie seine Werke lesen, werden Sie dieses Sinnige finden. Sie werden aber auch das unendlich liebende Eingehen auf die Tatsachen des Lebens finden. Es tritt uns übrigens schon hervor in seinen Gedichten, in seinen verschiedenen Schriften, die schon von 1840 an erschienen. Und der ganze Carneri — es war wunderbar, ihn anzuschauen. Er steht lebendig vor mir, wenn ich hinuntersah von der Galerie des österreichischen Abgeordnetenhauses. Es war das immer ein wichtiger Tag, wenn man wußte: Carneri werde sprechen, Carneri, der halb Gelähmte, der nur auf ebenen Wegen gehen konnte, der nur so sprechen konnte, daß gewissermaßen die halbe Zunge an dem Sprechen teilnahm, daß auch nur das halbe Hirn an dem Denken teilnahm, - dieser Carneri hatte den Sieg über seine äußere Leiblichkeit erfochten; daß er dastand nun, und daß aus seiner Rede ungeheuerster Scharfsinn herausklang, mit dem er durchschaute alles, was zu durchschauen war, was zu geißeln war. Und überall traf er das richtige Wort, das wie ein Pfeil hinschoß auf diejenigen, die es treffen sollte, und das überall anfeuern konnte dasjenige, was er anfeuern wollte. Carneri war viel zuviel Idealist, als daß nach seinen Reden immer hätten Taten folgen können. Aber seine Reden waren in einer gewissen Weise gefürchtet. In wissenschaftlicher Weise trug er dasjenige vor seinem Parlament vor, was er in seinem ganzen Denken trug — man möchte sagen: Österreich. Dieses lebte und dieses sprach. Und ob er da sprach, wo er mit etwas einverstanden sein konnte, oder ob er als Gegner sprach, — dasjenige, was erkennender österreichischer Patriotismus war, das sprach immer aus Carneri; ein solcher Patriotismus, welcher die Aufgaben dieser österreichischen Volksgemeinschaftin dem ganzen geschichtlichen Werden der Menschheit sucht. Und auch wenn er über das Einzelne sprach — nicht etwa dadurch, daß er abstrakt sprach, sondern in der ganzen Färbung, wie er sprach -, lebte ein großer historischer Zug. Und selbst wo er tadeln mußte, wo er bitter tadeln mußte, da lebte in seinen Gedanken die Blutsverwandtschaft, möchte ich sagen, dieses Denkers Carneri mit dem Österreichertum. Deshalb wird derjenige, der das weiß, nie vergessen können, wie aus Carneris Munde einmal geklungen haben mußten die Worte aus einer seiner letzten Reden, wo er manches herankommen sah, was die Gegner Mitteleuropas überschätzt haben, was nicht so war, wie die Gegner Mitteleuropas geglaubt haben, was aber doch von vielen aus Unverstand hätte heraufgeführt werden können. Carneri war einer von denen, die es von ferne sahen, die sich aber vor allen Dingen nicht bloß kritisierend daran beteiligen wollten, daß Österreich wirklich stark bleibe. Deshalb wirkte auch sein Tadel so, daß er in der Seele bleiben konnte. Und nicht vergessen haben diejenigen, die gehört haben einen solchen Tadel, einen solchen von der tiefsten Empfindung durchdrungenen Tadel, den er in einer seiner letzten glanzvollsten Reden ausgesprochen hat, wo er sagte: «Ich dokumentiere damit meine Überzeugung, ... die in zwei Worte sich zusammenfassen läßt, in zwei Worte, die ich — und ich habe in meinen sechzig Jahren manchen ernsten Moment durchgemacht — heute zum erstenmal in meinen Leben ausspreche: Armes Österreich!» Daß solche Worte gesprochen werden konnten, daß es Menschen gab, die so empfanden, darin liegen vielfach die Kräfte, die heute ihr Gegenbild in Schmähungen der Gegner Österreichs, außerhalb OÖsterreichs, bei den Feinden Österreichs haben. In Carneri lebte etwas von dem Geiste derer, die Österreich kraftvoll in seiner Mannigfaltigkeit zum Einklang zu bringen bestrebt waren, weil sie die Notwendigkeit des Einklanges dieser Mannigfaltigkeit eingesehen haben.

[ 35 ] Thus speaks one who, admittedly, believes himself to be a naturalist based on the delusion described earlier, but who has drawn a noble ethic from naturalism. But he also reveals to us a personality who, in a certain sense, embodies—as if concentrated and unified within himself—much of what is genuinely Austrian: the quality of the soul that transforms a particular trait into the strength of the whole soul, and the inability to tolerate that weakness—as weakness—is not merely accepted, but exerts an influence—this was particularly developed in Carneri. And this profound insight permeates his entire philosophy. And when you read his works, you will find this depth of meaning. But you will also find an infinitely loving engagement with the realities of life. Incidentally, this already stands out in his poems and in his various writings, which began appearing as early as 1840. And Carneri as a whole—it was wonderful to watch him. He stands vividly before me when I looked down from the gallery of the Austrian House of Representatives. It was always an important day when one knew: Carneri was going to speak—Carneri, the man who was half-paralyzed, who could walk only on level ground, who could speak only in such a way that, so to speak, half his tongue participated in the speech, and only half his brain participated in the thinking—this Carneri had won victory over his physical limitations; that he now stood there, and that his speech resounded with the most extraordinary acuity, with which he saw through everything that needed to be seen through, everything that needed to be denounced. And everywhere he struck the right word, which flew like an arrow at those it was meant to strike, and which could inspire wherever he wished to inspire. Carneri was far too much of an idealist for his speeches to ever be followed by action. But his speeches were, in a certain sense, feared. In a scholarly manner, he presented to his parliament what he carried within his entire way of thinking—one might say: Austria. This lived and this spoke. And whether he spoke in support of something he agreed with, or whether he spoke as an opponent—what constituted discerning Austrian patriotism always spoke through Carneri; a patriotism that seeks the tasks of this Austrian community of the people within the entire historical development of humanity. And even when he spoke about specific matters—not because he spoke abstractly, but in the very tone with which he spoke—a great historical spirit came alive. And even where he had to criticize, where he had to criticize bitterly, there lived in his thoughts the kinship, I might say, of this thinker, Carneri, with the Austrian spirit. That is why anyone who knows this will never be able to forget how the words from one of Carneri’s final speeches must once have sounded from his lips—a speech in which he foresaw the approach of certain developments that the opponents of Central Europe had overestimated, developments that were not as the opponents of Central Europe had believed, but which could nevertheless have been brought about by many out of ignorance. Carneri was one of those who saw it coming from afar, but who, above all, did not wish to merely criticize—he wanted to ensure that Austria remained truly strong. That is why his rebuke had such an effect that it could remain in the soul. And those who heard such a rebuke—a rebuke imbued with the deepest feeling, which he delivered in one of his last and most brilliant speeches—have not forgotten it. In that speech, he said: “I hereby express my conviction, … which can be summed up in two words—two words that I—and I have weathered many a serious moment in my sixty years—am uttering today for the first time in my life: Poor Austria!” The fact that such words could be spoken, that there were people who felt this way, is in many ways the source of the forces that today find their opposite in the invectives of Austria’s opponents, outside of Austria, among Austria’s enemies. In Carneri lived something of the spirit of those who strove vigorously to bring harmony to Austria in all its diversity, because they recognized the necessity of harmony within that diversity.

[ 36 ] Zuletzt wurde er blind. Seinen achtzigsten Geburtstag feierte er im Jahre 1900 — bis dahin war er blind geworden. Als Blinder schrieb er dazumal an seiner Dante-Übersetzung. Er diktierte aus dem Gedächtnis heraus, denn er hatte Dantes Göttliche Komödie in seiner Seele, konnte sie aus dem Gedächtnis heraus übersetzend diktieren. Er hatte damals sein Leben hinter sich. In vielen lebt es weiter, in mehr Menschen, als man glaubt. Er war blind geworden, schwach geworden. Als blinder Mann im Rollsessel saß er; achtzig Jahre hatte er hinter sich, sechzig Jahre in Wirksamkeit. Das «erkannte» - in Parenthese sage ich das -, als dieser Mann achtzig Jahre und blind geworden war, die Wiener Universität «an», indem sie ihm, als achtzigjährigem blinden Mann, das Doktor-Diplom ausfertigte und es aussprach, daß sie etwas von seinen Verdiensten verstehe, mit den Worten: «Wir schätzen es hoch, daß Sie es vermocht haben, Ihren wissenschaftlichen Ideen eine solche Form zu geben, welche dieselben befähigt, auch in weitere Kreise des Volkes zu dringen, und daß Euer Hochwohlgeboren auch in Ihrer öffentlichen Tätigkeit neben der edelsten Hingabe an Österreich stets jene Grundsätze der Freiheit vertreten haben, ohne deren rückhaltlose Anerkennung eine erfolgreiche Förderung der Erkenntnis und der wissenschaftlichen Arbeit nicht möglich ist.» Man muß doch froh sein, daß derlei Dinge, wie sie Carneri zum Segen seines Landes und, ich darf auch schon sagen, zum Segen der Menschheit geleistet hat, doch wenigstens anerkannt werden; wenn man auch, bevor sie anerkannt werden, achtzig Jahre alt, blind und taub werden kann. Nun, das ist so der Gang der heutigen Entwickelung.

[ 36 ] Eventually, he went blind. He celebrated his eightieth birthday in 1900—by then he had gone blind. As a blind man, he was working on his translation of Dante at the time. He dictated from memory, for he had Dante’s Divine Comedy in his soul and could dictate the translation from memory. By then, his life was behind him. It lives on in many people—in more people than one might think. He had gone blind and grown frail. He sat in a rolling chair as a blind man; he had eighty years behind him, sixty of them spent in active service. The University of Vienna “recognized”—I say this in parentheses—that when this man had reached the age of eighty and had gone blind, it awarded him, as an eighty-year-old blind man, a doctoral degree and declared that it understood something of his merits, with the words: “We highly appreciate that you have been able to give your scientific ideas a form that enables them to reach broader segments of the population, and that Your Excellency, even in your public activities, alongside the noblest devotion to Austria, have always upheld those principles of freedom without which the successful advancement of knowledge and scientific work is not possible.” One must surely be glad that such achievements as those Carneri has made—for the benefit of his country and, I might even say, for the benefit of humanity—are at least acknowledged; even if, before they are acknowledged, one may become eighty years old, blind, and deaf. Well, such is the course of developments today.

[ 37 ] Ich habe Ihre Geduld leider schon viel zu lange in Anspruch genommen; aber ich könnte lange fortfahren, indem ich versuchte, nicht durch Beschreibung, sondern durch Symptome zu schildern, worin, wie ich glaube - selbstverständlich nicht immer in solcher Veredelung -, österreichisches Volkstum lebt, worinnen sich das aber auch erweist, was dieses Österreichische Volkstum ist, wenn es sich in seinen edelsten Blüten zeigen kann. Ich habe diese edelsten Blüten angeführt, weil ich glaube, daß es gut ist, wenn die Bevölkerung Mitteleuropas sich nunmehr in unserer schweren Zeit genauer kennen lernt, auch geistig kennen lernt. Denn die Zeit schmiedet aus diesem Mitteleuropa ein Ganzes, und in diesem Ganzen waltet schon ein einheitlicher Geist. Und je näher man diesen einheitlichen Geist kennen lernt, desto lebensvoller wird er einem erscheinen, und desto mehr Vertrauen wird man zu ihm haben können. Um so mehr wird man glauben können, daß er trotz aller Verkennung nicht überwältigt werden kann. In den deutschen Vertretern Mitteleuropas lebt ja vielfach das, was ich schon charakterisieren mußte als ein nicht einfach instinktives Hingeben der Nationalität, sondern ein Ansehen des Nationalen wie ein Ideal, zu dem man sich hin entwickeln will, das in der Geistigkeit, in der Kraftentfaltung besteht, dem man sich immer nur nahen kann und das man erst recht würdigen kann, wenn man es im Zusammenhange mit dem betrachtet, was zum Heile der ganzen Menschheit führt. Wirklich, es ist schon gerade bei den deutschesten Deutschen etwas, wenn sie von ihrer Nationalität sprechen, was die anderen nicht verstehen können; denn niemals lebt in den Deutschen etwas anderes als die Pflicht: Du mußt das entwickeln, was sich durch deine Nationalität in der Welt ausleben will! Entwickelungspflicht ist gewissermaßen National-Sein. Daher immer der Drang: hineinzustellen das Erfühlen der eigenen Nationalität in das Erfühlen der Ziele der ganzen Menschheit. Und so war es auch bei Carneri, daß er zusammengefügt fand in seiner Seelenbetrachtung das, was ethisch als die Grundzüge der ganzen Menschheitsentwickelung verbunden werden muß mit Naturgesetzmäßigkeit. Das war für ihn eine Einheit. Aber das betrachtete er so liebevoll, daß sich für ihn auch die deutschen, die germanischen Ideale hineinstellten in das, was historische Entwickelung der ganzen Menschheit ist. Und er konnte vergleichen, und nur deshalb, weil er wirklich verglich, deshalb fühlte er sich berechtigt dazu, über das Germanische so zu denken, wie er dachte. Ich hätte viel mehr davon zu sagen — die Zeit ist nicht mehr ausreichend. Solch ein Geist wie Carneri sieht sich erst die Wesenheiten der verschiedenen Nationen an, dann gestattet er sich, den Wert seiner eigenen Nation vor sich selber im rechten Bilde auftauchen zu lassen. Er betrachtet im Zusammenhang mit anderen National-Substanzen die eigene National-Substanz. So sagt er sich von diesem Gesichtspunkte aus: Mit allem Deutschen ist vereinbar die Freiheit aller Nationen, das Geltenlassen jedes Nationalen, denn das liegt in der ganzen deutschen Entwickelung. Und dem widerspricht für Carneri das panslawistische Ideal zum Beispiel, das von vornherein von der Anschauung ausgeht, jeder Nation müsse einmal die Vorherrschaft zuerteilt werden; das dahin arbeitet, die Vorherrschaft zu bekommen. Demgegenüber sagt Carneri: Die Führung des germanischen Geistes, die Europa beherrscht und bis in den fernen Westen reicht, entstammt dem Sittlichkeitsbegriff, der auf dem günstigen Boden, der ihn zum Blühen gebracht hat, gemeinnützige Früchte trägt. Sie kann darum nicht anders als dauern, solange diese Welt bewohnbar ist. Und gerade in der Zeit, als Carneri dem österreichischen Parlament angehörte, war die Situation Mitteleuropas, insbesondere auf politischem Gebiete und auf dem Gebiete der politischen Betrachtung so, daß England und englische Verfassung wie ein Vorbild angesehen wurden, Viele Politiker wollten geradezu die Verfassung aller Länder dem englischen Vorbilde nachbilden. Und vieles andere in England wurde als Vorbild angesehen. Carneri stand durchaus in einer solchen Politik drinnen, wo viele seiner Genossen so dachten. Carneri aber wollte zur Klarheit kommen. Carneri wollte in der Menschheitsbetrachtung objektiv sein. Aber aus dieser Objektivität heraus ergab sich für ihn sein Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem germanisch-deutschen Wesen und seine objektive Beurteilung eines Landes wie England. Was ich jetzt von ihm mitteilen werde, hat Carneri nicht nur vor dem Kriege geschrieben — er ist ja lange vor dem Kriege gestorben -, er hat es in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben. «England» — sagt er —, «das Land des anhaltenden Fortschritts schlechthin, wird allgemeinen Ideen sich zuwenden, soll es nicht herabsteigen von der stolzen Höhe, die es erklommen hat. Nichts charakterisiert es besser, als die Tatsache, in der selbstbewußten Entfaltung seiner Größe so «praktisch» geworden zu sein, daß es den größten Dramatiker der Welt geboren zu haben — durch die Deutschen erfahren mußte!» Das ist in einem solchen Geiste wie Carneri nicht irgendein Chauvinismus, das ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem deutsch-germanischen Wesen; aus Erkenntnis heraus ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das gerade aus tiefer Erkenntnis heraus erwächst, und das sich nicht gestatten will, in der Welt aufzutreten und das in Anspruch zu nehmen, was es in Anspruch nehmen darf, bevor es sich rechtfertigen kann vor der gesamten Mission der Erdenmenschheit. Das ist etwas, was, ob es nun in Deutschland, ob es in Österreich gesprochen wird, wenig Verständnis finden kann bei den anderen, weil es im Grunde genommen gerade die nationale Auffassung des spezifischen Deutschtums ist.

[ 37 ] I am afraid I have already taken up far too much of your time; but I could go on at length, attempting to describe—not through description but through symptoms—what, I believe—though of course not always in such a refined form—constitutes Austrian folklore, and in what it is also revealed what this Austrian folklore is when it can show itself in its noblest blossoms. I have cited these noblest blossoms because I believe it is good for the people of Central Europe to get to know one another more closely—including intellectually—in these difficult times. For time is forging Central Europe into a unified whole, and a unified spirit already reigns within this whole. And the more closely one comes to know this unified spirit, the more vibrant it will appear, and the more confidence one will be able to place in it. All the more will one be able to believe that, despite all misunderstandings, it cannot be overwhelmed. Indeed, among the German representatives of Central Europe, there is often present what I have already had to characterize not simply as an instinctive devotion to nationality, but as a view of the national as an ideal toward which one wishes to develop, which consists in spiritual depth and the unfolding of strength—something one can only ever approach and truly appreciate when viewed in the context of what leads to the well-being of all humanity. Truly, there is something—especially among the most German of Germans—when they speak of their nationality that others cannot understand; for there is never anything in Germans other than the duty: You must develop what, through your nationality, seeks to express itself in the world! The duty to develop is, in a sense, what it means to be national. Hence the constant urge: to place the sense of one’s own nationality within the sense of the goals of all humanity. And so it was with Carneri, too, that he found, in his contemplation of the soul, that which, ethically speaking, must be linked—as the fundamental principles of the entire development of humanity—with the laws of nature. For him, this was a unity. But he viewed this with such affection that, for him, even the German and Germanic ideals were integrated into what constitutes the historical development of all humanity. And he was able to make comparisons—and only because he truly did so—that is why he felt justified in thinking about the Germanic tradition the way he did. I would have much more to say about this—but there is no longer enough time. A mind like Carneri’s first examines the essences of the various nations; only then does he allow the value of his own nation to emerge before him in its true light. He considers his own national substance in relation to other national substances. Thus, from this perspective, he tells himself: The freedom of all nations and the recognition of every national identity are compatible with everything German, for this is inherent in the entire course of German development. And for Carneri, this is contradicted, for example, by the Pan-Slavic ideal, which starts from the premise that one nation must eventually be granted supremacy; an ideal that works toward achieving that supremacy. In contrast, Carneri states: The leadership of the Germanic spirit, which dominates Europe and extends as far as the distant West, stems from the concept of morality, which bears fruit for the common good on the fertile ground that has allowed it to flourish. It can therefore not help but endure as long as this world remains habitable. And precisely during the time when Carneri was a member of the Austrian Parliament, the situation in Central Europe—particularly in the political sphere and in the realm of political thought—was such that England and the English constitution were regarded as a model; many politicians wanted to model the constitutions of all countries directly after the English example. And many other aspects of England were viewed as models. Carneri was certainly part of such a political milieu, where many of his comrades thought this way. Carneri, however, sought clarity. Carneri wanted to be objective in his view of humanity. But it was precisely this objectivity that gave rise to his sense of kinship with the Germanic-German essence and his objective assessment of a country like England. What I am about to share from him was written by Carneri not only before the war—he died long before the war, after all—but in the 1860s. “England,” he says, “the very embodiment of sustained progress, will turn to universal ideas if it is not to descend from the lofty heights it has scaled. Nothing characterizes it better than the fact that, in the self-assured unfolding of its greatness, it has become so ‘practical’ that it had to learn—through the Germans—that it had given birth to the world’s greatest dramatist!” In a mind like Carneri’s, this is not mere chauvinism; it is a sense of belonging to the Germanic essence; a sense of belonging born of insight, one that arises precisely from deep understanding, and which refuses to step onto the world stage and claim what it is entitled to claim until it can justify itself before the entire mission of humanity on Earth. This is something that, whether spoken in Germany or in Austria, can find little understanding among others, because it is, in essence, precisely the national conception of what it means to be German.

[ 38 ] In bezug auf Österreich aber habe ich Ihnen, wie ich glaube, mehr als es beschreibende Worte können, etwas von dem Österreichertum dadurch charakterisiert, daß ich einiges von lebendigen Menschen zeigte. Und ich hoffe, das Österreichertum in diesen lebendigen Menschen so getroffen zu haben, daß durch die Anschauung dieser lebendigen Menschen die Überzeugung entstehen kann, daß dieses Österreich nicht nur ein zusammengewürfeltes Mannigfaltiges ist, das durch irgendeine Willkür zusammengetragen ist, sondern daß es einer inneren Notwendigkeit entspricht. Die Menschen, die ich Ihnen anzuführen versuchte, sie beweisen das. Und sie beweisen das, meine ich, dadurch, daß man von ihnen als von tief denkenden, aus tiefem Temperament heraus sich eine Weltanschauung oder eine Kunst suchenden Seelen heraus sagen kann, was auf einem anderen Gebiete und in anderer Beziehung gesagt worden ist mit Bezug auf den österreichischen Feldmarschall Radetzky. Man hat mit Bezug auf den österreichischen Feldmarschall Radetzky einmal das Wort gesagt, das dann geflügelt worden ist: «In deinem Lager ist Österreich!» Ich glaube, man kann das Wort erweitern und von solchen Menschen, wie ich sie Ihnen zu deuten versuchte, sagen, indem man damit zeigt, daß in suchenden Seelen Österreich lebt, Österreich lebt wie etwas, das sie als eine Notwendigkeit empfinden: «In ihren Gedanken lebt Osterreich!» Und ich glaube, es lebt Österreich auf eine lebendige Art.

[ 38 ] With regard to Austria, however, I believe I have conveyed to you—more than words alone can—something of the Austrian spirit by presenting a few vivid portraits of real people. And I hope to have captured the essence of what it means to be Austrian in these living people in such a way that, by observing them, you may come to the conviction that this Austria is not merely a haphazard collection of diverse elements thrown together at random, but rather that it corresponds to an inner necessity. The people I have tried to present to you prove this. And they prove this, I believe, in that one can say of them—as deeply thinking souls who, driven by a profound temperament, seek a worldview or an art—what has been said in another field and in another context with regard to the Austrian Field Marshal Radetzky. With regard to the Austrian Field Marshal Radetzky, the following phrase was once uttered, which then became a catchphrase: “Austria lies within your camp!” I believe one can extend this saying and apply it to such people as I have tried to describe to you, thereby showing that Austria lives within these searching souls—Austria lives as something they perceive as a necessity: “Austria lives within their thoughts!” And I believe that Austria lives there in a vibrant way.