Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben
GA 65
10 Februar 1916, Berlin
8. Osterreichische Persönlichkeiten in den Gebieten der Dichtung und Wissenschaft
[ 1 ] Solche Betrachtungen wiediedesheutigen Abends sollen Zwischenbetrachtungen sein in der fortlaufenden Darstellung, die hier sonst aus dem geisteswissenschaftlichen Gebiete heraus gegeben wird. Insbesondere möchte ich am heutigen Abend versuchen, einiges von dem weiter auszubauen, was ich angedeutet habe in der im vorigen Dezember gehaltenen Darlegung österreichischer Geistes- und Kulturverhältnisse. In unserer Zeit, in der durch schwere Ereignisse und Erlebnisse der Begriff Mitteleuropa, auch mitteleuropäisches Geistesleben, sich immer mehr und mehr als ein lebendiger herausbilden muß, scheint es ja wohl berechtigt zu sein, wenn auf die ja im besonderen doch weniger bekannten Verhältnisse des Geisteslebens Österreichs der eine oder der andere Blick geworfen wird.
[ 2 ] Hermann Bahr, der ja in weitesten Kreisen bekannt ist als ein geistreicher Mann, als ein die mannigfaltigsten Gebiete des Schrifttums pflegender Mann, stammt, ich möchte sagen, aus einer urösterreichischen Gegend: aus Ober-Österreich, und hat in verhältnismäßig jungen Jahren Frankreich, Spanien, Rußland besucht, hat dazumal, wie ich weiß, die Meinung gehabt, daß er das Wesen der französischen, ja, auch der spanischen Geisteskultur, der russischen Geisteskultur bis zu einem gewissen Grade treu dar stellen könne. Er hat sich ja sogar so sehr in die spanische Politik hineinbegeben, daß er, wie er damals versicherte, als er zurückgekommen ist, einen feurigen Artikel in Spanien geschrieben hat gegen den Sultan von Marokko. Nun, seit Jahrzehnten schon hält er sich nach seiner Weltwanderung in Österreich auf, tätig als Dramatiker, als Redakteur, als allgemeiner Kunstbetrachter, auch als Biograph zum Beispiel des so viel verkannten Max Burckhardt und so weiter. Ich habe bis in diese Tage zu verfolgen gesucht, was Hermann Bahr schreibt. In der letzten Zeit, ja eigentlich schon seit langer Zeit, findet man bei ihm ein Bestreben, das er oftmals selber so ausgedrückt hat, daß er sich auf der Suche befinde, Österreich zu entdecken. Nun denken Sie sich, der Mann, der glaubte, französisches, sogar spanisches Wesen zu kennen, der über russisches Wesen ein Buch geschrieben hat, geht dann in sein Heimatland zurück, ist ein solcher Angehöriger seines Heimatlandes, daß er bloß fünf Worte zu sprechen braucht, und man erkennt sogleich den Österreicher; der Mann sucht Österreich! Es scheint dies sonderbar. Es ist aber durchaus nicht so. Dieses Suchen stammt aus der ganz berechtigten Empfindung, daß ja im Grunde genommen auch für den Österreicher Österreich, österreichisches Wesen - ich möchte sagen - österreichische Volkssubstanz nicht ganz leicht zu finden ist. Ich möchte an einigen typischen Persönlichkeiten einiges darstellen von diesem österreichischen Volkstum, insofern es sich im österreichischen Geistesleben auslebt.
[ 3 ] Viele Menschen waren in der Zeit, als ich noch jung war, der Ansicht, der damals berechtigten Ansicht, daß man bei Betrachtungen über Kunst, Kunstwesen, Literatur, Geistesentwickelung zu sehr den Blick in die Vergangenheit richte. Insbesondere tadelte man viel herum an der wissenschaftlichen Kunst- und Literaturgeschichte, für die irgendeine Persönlichkeit erst dann gilt, wenn sie nicht einmal vor Jahrzehnten, sondern vor Jahrhunderten gelebt hat. Die Betrachtungen konnten sich dazumal wenig aufschwingen zu der unmittelbaren Anschauung der Gegenwart. Ich glaube, daß man heute etwas Entgegengesetztes empfinden könnte: In dem, was so gang und gäbe ist an Betrachtungen über Kunst und Künstler, erleben wir jetzt oft, daß ein jeder mehr oder weniger die Welt bei sich selbst anfangen läßt oder bei seinen unmittelbaren Zeitgenossen. Ich möchte hier nun nicht die Gegenwart des österreichischen Geisteslebens betrachten, sondern ein allerdings nicht weit zurückliegendes Zeitgebiet. Ich möchte nicht in beschreibender Weise vorgehen. Mit Beschreibungen hat man immer Recht und immer Unrecht zugleich. Man trifft die eine oder die andere Schattierung dieser oder jener Tatsache oder Persönlichkeit, und sowohl derjenige, der zustimmt, wie derjenige, der widerlegt, wird bei allgemeiner Charakteristik, bei allgemeinen Beschreibungen zweifellos Recht haben. Ich möchte vielmehr symptomatisch schildern. Ich möchte einzelne Persönlichkeiten herausgreifen und bei diesen Persönlichkeiten wiederum Züge, an denen so manches veranschaulicht werden kann, was im Österreichischen Geisteswesen lebt. Man verzeihe mir, wenn ich von einer mir nahestehenden Persönlichkeit ausgehe. Ich glaube allerdings, daß das Nahestehen mich in diesem Fall nicht hindert an einer objektiven Beurteilung der betreffenden Persönlichkeit. Aber ich glaube andererseits, daß mir in dieser eine solche Persönlichkeit im Leben gegenübergetreten ist, die in einer gewissen Beziehung außerordentlich charakteristisch ist für Österreichs Geistesleben.
[ 4 ] Als ich 1879 an die Wiener Technische Hochschule kam, da versah das Fach, das ja dort selbstverständlich wie ein Nebenfach vertreten wurde, die deutscheLiteraturgeschichte, Karl Julius Schröer. Er ist wenig bekannt geworden und von denjenigen, die ihn kennengelernt haben, viel verkannt worden. Ich glaube nun durchaus, daß er zu denjenigen Persönlichkeiten zählt, die verdienen, in der Geistesgeschichte Österreichs fortzuleben. Ein bedeutender Literaturhistoriker hat allerdings einmal in einer Gesellschaft, bei der ich neben ihm saß, sich sonderbar über Karl Julius Schröer ausgesprochen. Es war die Rede von einer deutschen Fürstin, und der betreffende Literarhistoriker wollte sagen, daß diese deutsche Fürstin, so begabt sie sonst auch sei, doch manchmal, wie er sich ausdrückte, allerdings in ihren literarischen Urteilen, «sehr daneben hauen könne»; und als Beispiel führte er an, daß sie Karl Julius Schröer für einen bedeutenden Mann halte, Schröer trat um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts an einem bedeutsamen Punkte des österreichischen Geisteslebens, in Preßburg, an einem evangelischen Lyzeum als Lehrer der deutschen Literaturgeschichte auf. Später versah er dann dasselbe Fach an der Budapester Universität. Karl Julius Schröer war der Sohn Tobias Gottfried Schröers, der in dem vorigen Vortrag über Österreichertum von mir erwähnt worden ist. Tobias Gottfried Schröer war im Grunde auch eine für Österreich außerordentlich bedeutsame Persönlichkeit. Er hatte das Preßburger Lyzeum begründet und wollte dieses zu einer Pflegestätte deutschen Geisteswesens machen. Was er sich vorgesetzt hatte, war, denjenigen Deutschen Österreichs, die mitten in anderer Bevölkerung sitzen, das volle Bewußtsein ihres Wesens als Zugehörigen zum deutschen Geistesleben voll zum Bewußtsein zu bringen.
[ 5 ] Tobias Gottfried Schröer ist eine Persönlichkeit, die einem geistesgeschichtlich so entgegentritt, daß man eine gewisse Rührung empfinden möchte, denn man hat immer das Gefühl: wie es doch in der Welt möglich ist, daß ein bedeutender Geist durch die Ungunst der Zeitverhältnisse völlig unbekannt bleiben kann, völlig unbekannt insofern man «bekannt sein» das nennt, daß man weiß, diese oder jene Persönlichkeit hat existiert und hat dieses oder jenes geleistet. Allerdings, die Leistungen Tobias Gottfried Schröers sind durchaus nicht unbekannt und auch nicht ungeschätzt geblieben. Ich will nur hervorheben, daß schon 1830 Tobias Gottfried Schröer ein sehr interessantes Drama, «Der Bär», geschrieben hat, das in seinem Mittelpunkt die Persönlichkeit des Zaren Iwan IV. hat, und daß Karl von Holtei von diesem Drama gesagt hat, daß, wenn die dargestellten Charaktere Schröers Schöpfungen seien, so habe er außerordentlich Bedeutsames geleistet. Und sie waren bis auf Iwan IV. Schröers Erfindung. Allerdings, der besonnene Mann, der durchaus nicht irgendwie radikal gesinnte Tobias Gottfried Schröer, hatte einen Fehler. Man konnte dazumal die Leute das, was er schrieb, sozusagen nicht lesen lassen, das heißt, diese Ansicht war bei der Zensur vorhanden. Und so kam es denn, daß er seine Werke alle im Auslande drucken lassen mußte und daß man ihn als den bedeutenden dramatischen Dichter, der er war, eben durchaus nicht kennen lernen konnte. Er schrieb 1839 ein Drama «Leben und Taten Emmerich Tökölys und seiner Streitgenossen». In diesem Werke tritt einem in einem großen historischen Gemälde alles entgegen, was an Geistesströmungen in Ungarn zu jener Zeit vorhanden war. Und in der Gestalt Tökölys selber tritt einem entgegen, was Kritiker der damaligen Zeit mit Recht einen ungarischen Götz von Berlichingen genannt haben, nicht so sehr, weil Tököly ein Götz von Berlichingen genannt werden mußte, sondern weil es Schröer gelang, Tököly in einer so anschaulichen Weise auf die Beine zu stellen, daß sich die dramatische Figur Tökölys nur mit dem Götz von Berlichingen vergleichen ließ. Nur durch merkwürdige Verwechselung kam es zuweilen, daß Tobias Gottfried Schröer anerkannt wurde. So zum Beispiel schrieb er eine Schrift «Über Erziehung und Unterricht in Ungarn». Diese Schrift wurde von vielen als etwas Außerordentliches angesehen. Aber sie wurde auch verboten, und es wurde darauf aufmerksam gemacht, was eigentlich dieser Verfasser — der im Grunde genommen der ruhigste Mann der Welt war - für ein gefährlicher Mensch sei. Aber der Palatin von Ungarn, Erzherzog Joseph, las diese Schrift. Nun legte sich der Sturm, der sich über diese Schrift erhoben hatte. Da erkundigte er sich nach dem Verfasser. Den wußte man nicht. Aber man mutmaßte, daß es der Rektor einer ungarischen Schule sei. Und Erzherzog Joseph, der Palatin von Ungarn, nahm sogleich den Mann - es war nicht der rechte! - ins Haus zum Erzieher seines Sohnes. Auch eine Anerkennung einer Persönlichkeit! Solche Dinge sind gerade mit Bezug auf diese Persönlichkeit manche passiert. Denn diese Per. sönlichkeit ist dieselbe, welche unter dem Namen Christian Oeser allerlei Schriften geschrieben hat, welche viel verbreitet worden sind: eine «Ästhetik für Jungfrauen», eine «Weltgeschichte für Töchterschulen». Wenn Sie diese «Weltgeschichte für Töchterschulen» eines protestantischen Verfassers lesen, so werden Sie es gewiß recht auffällig finden, und doch ist es wahr, daß sie einmal sogar in einem Nonnenkloster als die entsprechende Weltgeschichte eingeführt worden ist — wahrhaftig, in einem Nonnenkloster! Der Grund dazu war der, daß dem Titelblatt gegenüberstehend sich ein Bild der heiligen Elisabeth befindet. Ich überlasse es Ihnen, etwa zu glauben, daß die Freisinnigkeit der Nonnen etwas dazu beigetragen haben könnte zur Einführung dieser «Weltgeschichte für Töchterschulen» gerade in einem Nonnenstift.
[ 6 ] Aufgewachsen in der Atmosphäre, die von diesem Manne ausstrahlte, war nun Karl Julius Schröer. Karl Julius Schröer war in den vierziger Jahren an die damals im Auslande berühmtesten deutschen Universitäten gegangen, nach Leipzig, Halle und Berlin. 1846 kehrte er zurück. In Preßburg, an der Grenze zwischen Ungarn und dem deutschen Österreich, an der Grenze aber auch zwischen diesen Gebieten und wiederum slawischem Gebiet, übernahm er zunächst den deutschen Literaturunterricht am Lyzeum seines Vaters und versammelte um sich alle diejenigen, die dazumal deutschen Literaturunterricht aufnehmen wollten. Nun ist es charakteristisch, mit welchem Bewußtsein, mit welcher Gesinnung zunächst Karl Julius Schröer, dieser Typus eines Deutsch-Österreichers, seine damals ja kleine Aufgabe anfaßte, Er hatte sich mitgebracht aus seinem Studiengange, den er in Leipzig, Halle und Berlin absolviert hatte, ein Bewußtsein von deutschem Wesen, ein Wissen von dem, was aus dem deutschen Geistesleben im Laufe der Zeit nach und nach hervorgequollen war. Danach hatte er in sich die Anschauung gefaßt: Dieses deutsche Wesen ist für die neuere Zeit und für die Kultur der neueren Zeit etwas, was sich nur vergleichen läßt mit dem Wesen der Griechen für das Altertum. Nun fand er sich — ich möchte sagen, angefüllt von dieser Gesinnung — mit seiner Aufgabe, die ich eben charakterisiert habe, nach Österreich hineingestellt, dazumal wirkend für dieErhöhung, für die Erkraftung des deutschen Bewußtseins derjenigen, die in der Mannigfaltigkeit der Bevölkerung durch dieses deutsche Bewußtsein ihre Kraft bekommen sollten, um in der rechten Weise sich hineinstellen zu können in die ganze Mannigfaltigkeit des Volkslebens Österreichs. Nun kam ihm nicht nur das deutsche Wesen wie das alte griechische Wesen vor, sondern Österreich selber verglich er wiederum — 1846 war das — mit dem alten Mazedonien, mit dem Mazedonien Philipps und Alexanders, das griechisches Wesen nach dem Osten hinüber zu tragen hatte. So faßte er nun das auf, was er im Kleinen zu leisten hatte. Ich möchte Ihnen einzelne Aussprüche aus den Vorträgen, die er dazumal am Lyzeum in Preßburg gehalten hat, zur Verlesung bringen, damit Sie sehen, aus welchem Geiste Karl Julius Schröer seine kleine, aber von ihm weltgeschichtlich genommene Aufgabe faßte. Er sprach über die Gesinnung, aus der er deutsches Wesen erklären, darstellen und denen, die ihm zuhörten, zu Herzen und zur Seele bringen wollte. «Von diesem Standpunkte aus», sagte er, «verschwanden natürlich die einseitigen Leidenschaften der Parteien vor meinem Blicke: man wird weder einen Protestanten noch einen Katholiken, weder konservativen noch subversiven Schwärmer hören und einen für deutsche Nationalität Begeisterung nur insofern, als durch dieselbe die Humanität gewann und das Menschengeschlecht verherrlicht wurde!» Mit diesen Empfindungen im Herzen ließ er nun sich aufrollen die Entwickelung des deutschen Literaturlebens, die Entwickelung der deutschen Dichtung seit den Zeiten des alten Nibelungenliedes bis in die nach-Goethesche Zeit hinein. Und das sprach er offen aus: «Wenn wir den Vergleich Deutschlands mit dem antiken Griechenland und der deutschen mit den griechischen Staaten verfolgen, so finden wir eine große Ähnlichkeit zwischen Österreich und Mazedonien. Wir sehen die schöne Aufgabe Österreichs in einem Beispiele vor uns: den Samen westlicher Kultur über den Osten hin auszustreuen.»
[ 7 ] Nachdem er solche Sätze ausgesprochen hatte, ließ Karl Julius Schröer den Blick über die Zeiten schweifen, in denen das deutsche Wesen infolge verschiedener Ereignisse von anderen Völkern ringsumher gründlich verkannt worden ist. Darüber sprach er sich so aus: «Der deutsche Name wurde gering geachtet von den Nationen, die ihm so viel zu danken hatten; der Deutsche wurde damals in Frankreich geradezu Barbaren gleichgeschätzt.» 1846 zu seinen Zuhörern am deutschen Lyzeum in Preßburg gesprochen! Aber demgegenüber lebte in Karl Julius Schröer der ganze Enthusiasmus, die ganze Begeisterung für das, was er, man könnte sagen, als deutsche Geistessubstanz ansah, nicht für das, was man im ethnographischen Sinne bloß die Nationalität nennt, sondern für das Geistige, das all dasjenige durchtränkt, was deutsches Wesen zusammenhält. Ich führe einzelne Aussprüche Karl Julius Schröers aus dieser jetzt schon lange hinter uns liegenden Zeit aus dem Grunde an, um zu zeigen, wie eigentümlich gerade in hervorragenderen Geistern dasjenige lebt, was man SichBekennen zur deutschen Nationalität nennt. Im Grunde genommen müssen wir uns durchaus vorhalten, daß die Art und Weise, wie der Deutsche zu seiner Nationalität steht, von den anderen Nationalitäten Europas gar nicht verstanden werden kann, denn es ist grundverschieden von der Art, wie die anderen Nationalitäten zu dem stehen, was sie ihre Nationalität nennen. Wenn man gerade bei den hervorragenderen, tiefer empfindenden Deutschen sich umsieht, findet man, daß sie im besten Sinne dadurch Deutsche sind, daß sie Deutschtum sehen in dem, was geistig durchpulst, aber auch als von diesem Geistigen tingierte Kraft das durchpulst, was sich zum Deutschtum zählt; daß ihnen das Deutschtum etwas wie ein Ideal ist, etwas, zu dem sie hinaufblicken, das sie nicht bloß als Volksorganismus ansehen. Und darinnen liegen viele von den Schwierigkeiten, warum deutsches Wesen — auch in unseren Tagen, und besonders in unseren Tagen — so mißverstanden, so gehaßt wird. Solche Deutsche wie Karl Julius Schröer wollen ihr Deutschtum sich erringen durch Erkenntnis, dadurch sich erringen, daß sieEinblick gewinnen in die Lebens- und Wirkensmöglichkeiten, die der lebendige Organismus einer Nation darbietet. Und immer wieder schweift der Blick Karl Julius Schröers nicht in Hochmut, sondern in Bescheidenheit hinauf zu der Frage: Welche welthistorische Sendung in der Entwickelung des Menschengeschlechts hat dasjenige zu erfüllen, was man in diesem besten Sinne des Wortes Deutschtum und deutsches Wesen nennen kann? Und vor der Weltgeschichte will es gerechtfertigt sein, was sich an Anschauungen über deutsches Wesen aufbaut. Vieles könnte noch gesagt werden über diese besondere Stellung gerade solcher Geister zum deutschen Wesen. So sagt Karl Julius Schröer einmal aus dieser Gesinnung heraus: «Man nennt die Weltepoche, die mit dem Christentum beginnt, auch die germanische Welt; denn obwohl auch die anderen Völker an der Geschichte großen Anteil haben, so sind doch fast alle Staaten Europas von Germanen gegründet... .» — das ist eine Wahrheit, welche man jedenfalls heute außerhalb der deutschen Grenzpfähle nicht gerne - nun, hören tut man sie ja nicht -, aber sich nicht gerne zum Bewußtsein bringt — «... Spanien, Frankreich, England, Deutschland, Österreich, selbst Rußland, Griechenland, Schweden und so weiter, sind von Germanen gegründet und von deutschem Geiste durchdrungen.»
[ 8 ] Und dann führt Karl Julius Schröer für seine Zuhörer einen Ausspruch eines deutschen Literarhistorikers, Wackernagel, an: «Durch ganz Europa floß nun...» — nämlich nach der Völkerwanderung - «Ein germanisches Blut, rein, oder römisch-keltisches verquickend, floß nun Ein germanischer Lebensgeist, nahm den Christenglauben ... auf seine reineren, stärkeren Fluten und trug ihn mit fort.» Es war damals keine Zeit, in welcher so wie heute der Haß Europas herausgefordert hätte, solche Anschauungen darzulegen. Es waren Anschauungen, die in grundehrlicher Weise aus der Betrachtung des deutschen Wesens bei diesem Geiste folgten. Und so drückte er sich aus: «Die Kulturvölker Europas sind Eine große Familie und ein einziger großer Gang der Nationen Europas ist es, der durch alle Irrtümer hindurch zur Quelle der Wahrheit und wahrhaften Kunst zurückführt, auf dem alle Nationen die Deutschen begleiten, oft überholen, am Ende aber eine nach der anderen hinter ihnen zurückbleiben. Die romanischen Völker sind gewöhnlich die Ersten in Allem: Italiener, dann Spanier, Franzosen, dann kommen die Engländer und Deutschen. Bei Einem dieser Völker kulminiert gewöhnlich eine jede Tendenz der Zeiten. Doch hat in letzter Zeit in Kunst und Wissenschaft auch den Engländern schon ihr Stündchen geschlagen...» — 1846, allerdings mit Bezug auf die Entwickelung des Geisteslebens gesagt und gemeint—«... und die Zeit ist angebrochen, wo die deutsche Literatur sichtbar über Europa zu herrschen beginnt, wie vordem die italienische und französische!»
[ 9 ] So war der Mann hineingestellt in seine österreichische Heimat. Und da ich ihm später sehr nahegetreten bin, weiß ich es wohl, daß sie ihm nichts, aber auch gar nichts war, das irgendwie mit dem Wort bezeichnet werden könnte: er hätte die Herrschaft irgendeiner Nation über die andere gewollt — auch innerhalb Österreichs nicht. Wenn man solche Gesinnung, wie sie Karl Julius Schröer hatte, eine nationale nennen will, so ist sie vereinbar mit dem Geltenlassen einer jeden Nationalität, insofern sich diese Nationalität aus dem Keim, aus dem Quell ihres eigenen Wesens heraus wiederum neben anderen geltend machen will und diese anderen nicht beherrschen will. Nicht darum war es ihm zu tun, Vorherrschaft des deutschen Wesens über irgendeine andere Nationalität oder über ein berechtigtes nationales Bestreben zu kultivieren, sondern darum, innerhalb des deutschen Wesens zur vollen Entfaltung zu bringen, was innerhalb dieses deutschen Wesens veranlagt ist. Und das ist das eigentümliche gerade dieses Mannes, daß er mit seinem ganzen ästhetischen Empfinden, mit seinem ganzen Fühlen, künstlerischen Fühlen, volkstümlichen Fühlen, aber auch mit seinem wissenschaftlichen Streben sich hineinverflochten fühlte in dasjenige, was im österreichischen Volkstum lebte. Er wurde gewissermaßen ein Betrachter dieses österreichischen Volkstums.
[ 10 ] Und so sehen wir, daß er in den fünfziger Jahren schon aus inniger Liebe zum Volke jene wunderbaren deutschen Weihnachtsspiele, die sich in der deutschen Bevölkerung Ungarns erhalten haben, sammelt, «Deutsche Weihnachtsspiele aus Ungarn» herausgibt, jene Weihnachtsspiele, welche in den Dörfern gespielt werden zur Weihnachtszeit, zur Dreikönigszeit. Merkwürdige Spiele! Gedruckt sind sie eigentlich erst worden — und Schröer war einer der ersten, der derlei Dinge drucken ließ - in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Sie haben sich von Geschlecht zu Geschlecht in der bäuerlichen, in der ländlichen Bevölkerung erhalten. Vieles ist seitdem an solchen Weihnachtsspielen in den verschiedensten Gegenden gesammelt worden, viel ist darüber geschrieben worden. Mit solch inniger Liebe, mit solch intimem Verbundensein mit dem Volkstum, wie Kar! Julius Schröer dazumal seine Einleitung zu den «Deutschen Weihnachtsspielen aus Ungarn» geschrieben hat, ist kaum irgend etwas nachher auf diesem Gebiete geschrieben worden. Er zeigt uns, daß sich immer Manuskripte vom Spiel von Geschlecht zu Geschlecht erhalten haben, wie sie eine heilige Handlung waren, auf die man sich wohl vorbereitete in den einzelnen Dörfern, wenn die Weihnachtszeit herankam; wie wochenlang diejenigen, die ausgesucht wurden zu spielen, das heißt herumzugehen im Dorfe und in den verschiedensten Lokalen dem Volke diese Spiele vorzuspielen, in denen die Erschaffung der Welt, die biblische Geschichte des Neuen Testaments, das Auftreten der drei Könige und dergleichen dargestellt wurde. Schröer schildert, wie diejenigen, die sich vorbereiteten auf solche Spiele, wochenlang sich nicht nur durch Auswendiglernen, durch Eintrichtern von seiten irgendeines Regisseurs vorbereiteten, sondern wie sie sich vorbereiteten durch gewisse Regeln; wie sie wochenlang keinen Wein tranken, wie sie wochenlang andere Vergnügungen des Lebens unterließen, um gewissermaßen die rechten Gefühle zu haben, um in solchen Spielen auftreten zu dürfen. Wie deutsches Wesen das Christentum aufgenommen hat, man sieht es gerade, wie dieses Christentum in diese merkwürdigen Spiele eingeflossen ist, die ja zuweilen derb, die aber immer tief zu Herzen sprechend und außerordentlich anschaulich sind. Später haben, wie gesagt, auch andere diese Dinge gesammelt; allein keiner ist mehr mit einer solchen Hingabe seiner Persönlichkeit, mit einem solchen Verbundensein mit dem, was sich da auslebt, herangetreten wie Karl Julius Schröer, wenn auch seine Darstellungen heute, wissenschaftlich genommen, längst veraltet sind.
[ 11 ] Dann wandte er sich zur Betrachtung des deutschen Volkstums, wie es überall ausgebreitet ist in dem weiten Gebiete Österreich-Ungarns, des deutschen Volkstums, wie es im Volke lebt. Und zahlreiche Abhandlungen sind von Karl Julius Schröer vorhanden, in denen er dieses Volkstum darstellt nach seiner Sprache, nach seinem durch die Sprache sich ausdrückenden Geistesleben. Wir haben ein Wörterbuch, eine Darstellung der Mundarten des ungarischen Berglandes, derjenigen Gegend, die am Südhange der Karpathen damals durch deutsche Ansiedler besiedelt war, die es auch heute noch ist, obwohl das Gebiet zum großen Teil magyarisch ist. Wir haben mit ungeheurer Liebe durch Karl Julius Schröer, ich möchte sagen, jedes Wort aufgezeichnet, welches dem Dialekt dieser Gegend anklingt; aber wir haben es immer so aufgezeichnet, daß man aus seinen Darstellungen entnimmt, wie sein Interesse darauf ausgegangen ist, zu suchen, welches die Kulturaufgabe, welches die besondere Art und Weise des Lebens war bei dem Volke, das, von weither kommend, zu einer gewissen Zeit sich da nach Osten hineindrängen mußte, um mitten unter anderer Bevölkerung zeitweilig sein eigenes Volkstum zu pflegen, später sich daran zu erinnern, um dann in anderem Volkstum nach und nach aufzugehen. Was Schröer auf diesem Gebiete geleistet hat, wird vielfach für kommende Zeiten etwas darstellen wie wunderschöne Erinnerungen an das Ferment, das deutsches Wesen im weiten Österreich gebildet hat.
[ 12 ] Später kam Karl Julius Schröer dann nach Wien. Er wurde Direktor der evangelischen Schulen und später Professor der deutschen Literaturgeschichte an der Wiener Technischen Hochschule. Und wie er auf diejenigen zu wirken verstand, die empfänglich waren für die Darlegung unmittelbar empfundenen Geisteslebens, das habe ich selber erlebt. Dann wandte er sich immer mehr und mehr Goethe zu, lieferte dann seinen, in mehreren Auflagen erschienenen «Faust»-Kommentar und schrieb 1875 eine Geschichte der deutschen Dichtung, die viel angefeindet worden ist. Sie wurde zum Beispiel dazumal, nachdem sie erschienen war, ein «Literaturgeschichte aus dem Handgelenk» genannt. Eine Literaturgeschichte nach den Methoden, die dann in der Schererschen Schule üblich geworden ist, ist die Schröersche Literaturgeschichte allerdings nicht. Aber sie ist eine Literaturgeschichte, in der sonst nichts steht als dasjenige, was der Verfasser erlebt hat, erlebt hat an den dichterischen Werken, an der Kunst, an der Entwickelung des deutschen Geisteslebens im neunzehnten Jahrhundert bis zu seiner Zeit; denn das wollte er damals darstellen. Der ganze Lebens- und geistige Entwickelungsgang Karl Julius Schröers kann nur beurteilt werden, wenn man die durch das österreichische Wesen bedingte Art von Schröers ganzer Persönlichkeit ins Auge faßt, das wissenschaftlich Künstlerische in unmittelbare Verbindung zu bringen, ja, in unmittelbarer Verbindung mit dem Volkstum zu erleben, jenem Volkstum, das insbesondere in Österreich, ich möchte sagen, an jedem Punkte seiner Entwickelung ein Problem aufgibt, wenn man solche zu erleben und zu beobachten nur versteht. Und man muß oftmals, vielleicht auch im Auslande, nachdenken: Ist dieses Österreich eine Notwendigkeit? Wie stellt sich dieses Österreich eigentlich hinein in die Gesamtentwickelung der europäischen Kultur?
[ 13 ] Nun, wenn man dieses Österreich so ansieht, erscheint es eben als eine Mannigfaltigkeit. Viele, viele Nationen und Volkstümer aneinander grenzend, durcheinander geschoben, finden sich dort, und das Leben des Einzelnen wird durch diese Untergrundlagen eben auch schon als Seelenleben, als ganzes Persönlichkeitsleben vielfach ein kompliziertes. Dasjenige, was jetzt von einem Volk in das andere spielt, was dadurch an Nichtverstehen und wiederum Verstehenwollen und an Schwierigkeiten des Lebens zutage tritt, es tritt einem ja, mit anderen geschichtlichen Bedingungen des österreichischen Lebens verquickt, auf Schritt und Tritt in Österreich entgegen. Es gibt einen Dichter, der mit großer, aber, ich möchte sagen, bescheidener Genialität verstand darzustellen gerade etwas von dieser Art desösterreichischen Wesens. Man sah ihn am Ende der achtziger, in den neunziger Jahren in Wien zuweilen auftreten, wenn man in das in Wien und auch in gewissen sonstigen literarischen Kreisen berühmte Cafe Griensteidl kam. Ja, dieses Cafe Griensteidl gehört im Grunde genommen zur österreichischen Literatur; so sehr, daß ein Schriftsteller, Karl Kraus, als es abgerissen worden ist, eine Artikelserie geschrieben hat: «Die demolierte Literatur». Heute liest man ja vielfach noch wie von einem schönen Angedenken von diesem Cafe Griensteidl. Verzeihen Sie, daß ich dies einfüge, aber es ist zu interessant, denn man sah im Cafe Griensteidi gewissermaßen, wenn man so zu gewissen Tageszeiten hinkam, wirklich einen Ausschnitt österreichischen Literatentums. Nur liest man heute vielfach, wenn man über diese Dinge liest, aus den Zeiten des eben später zur Berühmtheit gelangten Kellners Heinrich, des berühmten Heinrich vom Griensteidl, der wußte, was jeder Mensch, schon wenn er zur Türe hereinkam, für Zeitungen vorgelegt haben mußte, Aber das war nicht mehr die echte Zeit, die des etwas fidelen Heinrichs, sondern die echte Zeit war die des Franz vom Griensteidl, der noch die Zeiten erlebt hat, in denen Lenau und Grillparzer und Anastasius Grün in jenem Cafe Griensteidl jeden Tag oder jede Woche zweimal versammelt waren, und der noch mit seinem unendlich würdigen Auftreten zuweilen, wenn man gerade auf eine Zeitung warten mußte, einem von allen diesen Literaturgrößen in seiner Art zu erzählen wußte. Wie gesagt, in dem Kreise der Leute dort trat auch zuweilen Jakob Julius David auf. Eigentlich trat David erst am Ende der achtziger und Beginn der neunziger Jahre literarisch innerhalb des österreichischen Geisteslebens auf. Wenn man so bei ihm saß — er sprach wenig; er hörte fast noch weniger, wenn man mit ihm sprach, denn er war im höchsten Grade schwerhörig. Er war in sehr bedeutendem Maße kurzsichtig und sprach in der Regel aus einer gepreßten Seele heraus, aus einer Seele, die etwas von dem erfahren hatte, wie oftmals im Leben das, was man Schicksal nennt, schwer auf der Seele lastet. Wenn ich den halbblinden und halbtauben Mann sprach, mußte ich oftmals denken, wie stark sich Österreichertum gerade in dieser Persönlichkeit aussprach, die eine gedrückte Jugend durchgemacht hatte, eine Jugend voll Entbehrungen und Armut ausgehalten hatte im Tale der Hanna, in jenem Tal, das von der March durchflossen ist, wo deutsche Bevölkerung, ungarische Bevölkerung, slawische Bevölkerung aneinandergrenzen und überall untermischt sind. Wenn man von diesem Tal nach Wien hinunterfährt, dann kommt man überall an armseligen Hütten vorbei; insbesondere war das so in den Zeiten, in denen David jung war. Aber diese armseligen Hütten haben vielfach Menschen als Bewohner, von denen jeder in seiner Seele das österreichische Problem birgt, das, was in seiner ganzen ausgebreiteten Eigenart das österreichische Problem enthält, die ganze Mannigfaltigkeit des Lebens, das die Seele herausfordert. Diese Mannigfaltigkeit, die erlebt sein will, die nicht mit ein paar Begriffen, mit ein paar Vorstellungen abgetan werden kann, die lebt in diesen merkwürdigen, in einer gewissen Weise geschlossenen Naturen. Wollte ich charakterisieren, wie diese Naturen sind, die dann ganz besonders aus dem österreichischen Leben heraus David geschildert hat, so müßte ich sagen: Es sind Naturen, die tief fühlen mit dem Leid des Lebens, die aber auch dasjenige in sich haben, was sonst eben nicht so sehr häufig in der Welt vorhanden ist: das Ertragen des Leides zu einer gewissen Stärke zu machen. Es sind sogar schwer Worte zu finden für dasjenige, was aus dem vielfach mühseligen Erleben gemacht wird gerade in diesen österreichischen Gegenden. Man hat keine Sentimentalität, aber eine starke Möglichkeit, die Mannigfaltigkeit des Lebens, die ja natürlich Zusammenstöße hervorbringt, auch in den untersten Bauernständen zu erfahren, zu erleben. Aber das verwandelt sich nicht in Lebensüberdruß, nicht in irgendeine weltschmerzliche Stimmung. Das verwandelt sich in etwas, was nicht Trotz ist und doch die Stärke des 'Trotzes hat. Es verwandelt sich, wenn ich so sagen darf, Schwäche in Kraft. Und diese Kraft lebt sich aus in dem Gebiete, in das sie sich dann eben hineingestellt findet durch die Notwendigkeiten des Lebens. Und Schwäche, die in gewisser Weise zu Stärke umgebildet war, bei David zeigte sie sich. Halb blind und halb taub war dieser Mann, Aber er sagte mir einmal: Ja, meine Augen können in der Ferne nicht viel sehen, aber um so mehr, wie mit einem Mikroskop, sehe ich in der Nähe. — Das heißt, in der Nähe beobachtete er durch seine Augen wie durch ein Mikroskop alles genau; aber er betrachtete es so genau, daß man sagen muß: In dasjenige, was er mit seinen Augen sah, in das mischte sich hinein, wie es erklärend, wie es erhellend, etwas Großes, was dahinter stand. Und wie ein Ersatz für den weiten Umblick trat bei diesem Mann in dem kleinen Gesichtsfelde, das er mit seinen mikroskopischen Augen übersah, ein tiefer Blick auf, eine Sucht, hinter die Gründe der Dinge zu kommen. Und das übertrug sich auf sein ganzes Seelenleben. Dadurch sah er den Menschen, die er schildern wollte, tief, tief ins Herz hinein. Und viele, viele Typen österreichischen Lebens konnte er dadurch dichterisch hinstellen, dramatisch, novellistisch, auch lyrisch. Wie diese ganze österreichische Stimmung sich in der Seele nicht zur Sentimentalität, sondern zu einer gewissen inneren Stärke bilden kann, die nicht Trotz ist, aber die Stärke des Trotzes enthält, das ergibt sich besonders da, wo Jakob Julius David selber spricht. Da sagt er:
Allmächtiger! Du hast mir viel genommen,
Du weißt allein, was ich verloren;
Mein Auge sieht die schöne Welt verschwommen,
Und nur gedämpft, gedämpft und leise kommen
Des Lebens Laute in mein krankes Ohr.
Einst tat mir’s weh - und war zu meinem Frommen,
Ich dank’ Dir’s heute, schalt ich Dich zuvor
Du hast mir vielen Jammer, manches Grauen
Erspart zu hören und erspart zu schauen ...
[ 14 ] Wahrhaftig, der ganze Mann war so, daß er manches nicht sehen und nicht hören mußte, um manches aus den Tiefen der Seele herauszubringen, was er dichterisch verkörpern wollte. Wie gesagt, in einzelnen Symptomen möchte ich aufzeigen, was sich in solchen österreichischen Lauten ausspricht. Und man darf keinen Zug von Sentimentalität hineintragen, wenn Jakob Julius David von seinem Geschicke etwa so spricht:
Im Westen siehst du grau zu Tal
Die schwersten Wolken hangen —
Das mahnt der Tage mich zumal,
Die mir vergangen...Im Osten schläft im Wetterlicht
Die künft’ge Glut verborgen —
Gewittert’s mir, gewittert’s nicht?
Das ist mein Morgen...Dazwischen zuckt ein Endchen Blau,
Als ob’s vor beiden scheute.
Die Deutung kennst Du, edle Frau:
Das ist mein Heute...
[ 15 ] Aber dieses «Heute», das pflegt er, das saugt er aus, das wurde für ihn die Möglichkeit, österreichisches Volkstum in einer solchen Weise zu schildern, daß man überall ganz merkwürdigerweise bei ihm Einzelschicksale vor sich erblickt — viele seiner Novellen haben ja nur wenige Personen -, Einzelschicksale, bei denen man sich sagen muß: Wie die Personen aufeinanderplatzen dadurch, daß sie durch Verwandtschaft oder durch anderes in der Welt nebeneinandergestellt werden, das ist im höchsten Maße ergreifend, das führt uns tief hinein in Wirklichkeiten. Aber was Jakob Julius David so, ich möchte sagen, mikroskopisch und doch bewegt und lebendig erfaßt, tritt sehr selten so auf, daß nicht irgendwie ein großes Gemälde des Weltgeschichtlichen dahintersteht, auf dessen Hintergrund sich das Einzelne abspielt.
[ 16 ] Dieses Im-Zusammenhang-Denken des Kleinen, das darum nicht schattenhaft verschwommen wird, weil es auf solchem Hintergrund erscheint, daß dieses Sich-abspielenLassen des Kleinen gefärbt ist von dem Großen des weltgeschichtlichen Werdens, das ist es ja auch, was wir als das Charakteristischste finden bei einem ja bekannteren, aber leider nicht bekannt genug gewordenen österreichischen Dichter, bei dem größten Dichter Österreichs in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, bei demjenigen Dichter, dessen Heimat wir finden, wenn wir nur etwas westwärts gehen von Jakob Julius Davids Heimat: bei Robert Hamerling.
[ 17 ] Es ist merkwürdig, wie das, was bei einzelnen Persönlichkeiten innerhalb des österreichischen Geisteslebens auftritt, sich anscheinend stößt, wie es aber doch, wenn man es von einem gewissen höheren Gesichtspunkte betrachtet, als Eigenschaft neben Eigenschaft sich hinstellt und zu einer großen Harmonie zusammenfließt. Es ist merkwürdig: Karl Julius Schröer wollte Robert Hamerling durchaus nicht gelten lassen. Ihm war er ein Dichter von untergeordneter Bedeutung, ein Dichter, der vor allen Dingen sich seine dichterische Kraft durch seine Gelehrsamkeit zerstört haben soll. Dagegen ist es in Robert Hamerling dasselbe an Gesinnung, dasselbe an edelster Erfassung des deutschen Wesens, das ich an einer solch charakteristischen Persönlichkeit wie Karl Julius Schröer zu schildern versuchte. Aber auch das ist eigentümlich bei Hamerling, und was ich Ihnen hier an typischen Persönlichkeiten schildere, finden Sie über das österreichische Volkstum im Kleinen bei vielen, vielen ausgebreitet. Ich suche eben nur charakteristische Züge herauszugewinnen, die wirklich als Einzelzüge sich darstellen lassen, aber so, daß sie für das Ganze stehen können. Eigentümlich ist bei Robert Hamerling das Herauswachsen aus dem Kleinsten. Aus dem nieder-österreichischen Waldviertel stammt er, aus jener armen Gegend, die ihre Früchte nur schwer trägt, weil es ein steiniger Boden ist, der aber vielfach mit Wald bedeckt ist, einer Gegend, die lauschig, anmutig ist, diein ihrer hügeligen Natur besonders bezaubernd werden kann. Aus dieser eigentümlichen Natur und aus der Begrenztheit des Wesens der Menschen wuchs Robert Hamerlings weiter Geist heraus, wirklich, er wuchs heraus. Und er wuchs hinein in ein ebensolches Stehen zu dem deutschen Wesen, wie Karl Julius Schröers Geist. Wir sehen das in einer der besten Dichtungen Robert Hamerlings, «Germanenzug», wo ja gerade die Art und Weise ganz besonders deutlich zum Ausdruck kommt, wie in Robert Hamerling, dem österreichischen Dichter, deutsches Wesen lebte. Die alten Germanen ziehen von Asien herüber, lagern sich am Kaukasus. Wunderbar, ich möchte sagen, mit zauberischer Anschaulichkeit ist geschildert, wie der Abend hereinbricht, wie die Sonne untergeht, Dämmerung waltet, der Mond erscheint, wie sich das ganze Germanenheer lagert, Schlaf sich ausbreitet und nur der eine blondgelockte Jüngling, Teut, wacht; wie diesem Teut der Geist Asia erscheint, der die Seinen nach Europa entläßt, und wie der Geist Asia den Teut mit dem durchdringt, was den Germanen bis hin zu ihrer Entwickelung im Deutschtum von der Geschichte bevorsteht. Da wird das Große groß, da wird aber auch schon mit edler Kritik dasjenige, was zu tadeln ist, ausgesprochen. Da wird mancher Zug, den insbesondere solche Menschen am Deutschtum sehen, wie Robert Hamerling, von der Göttin Asia ausgesprochen. Da wird von der Zukunft gesprochen:
Doch wie auch stolz du aufstrebst, and’re Schwärme
Hoch überschwebend, stets noch eine Lohe
Wirst du bewahren uralt heil’gen Brandes.
Fortleben wird in dir die traumesfrohe
Gott-Trunkenheit...
Du strebst nur, weil du liebst: dein kühnstes Denken
Wird Andacht sein, die sich in Gott will senken.
[ 18 ] So Asia zu dem blonden Teut, dem Führer der Germanen nach Europa, voraussprechend von dem Genius des Deutschtums, und weiter sprechend:
Kennst du die höchste Bahn für euer Ringen,
Wenn ihr dereinst erstarkt in sich’rer Einheit?
Kennst du im Meer der Zeiten die Fanale,
Die, fernher winkend mit der Flamme Reinheit,
Euch hin zum letzten, schönsten Ziele bringen?
Hoch oben glänzen sie mit ew’gem Strahle
Die heil’gen Ideale
Der Menschheit: Freiheit, Recht, und Licht und Liebe!
Das sind die letzten voll erglühten Flammen
Des Urlichts - sie zu schüren allzusammen
In eine Glut im hadernden Getriebe
Des Völkerlebens: das ist deine Sendung ...
[ 19 ] Und Robert Hamerling konnte gar nicht anders, als die Einzelheiten, die er zum Beispiel als Epiker oder als Dramatiker darstellt, im Zusammenhang mit der großen geistigen Entwickelung der Menschheit betrachten. Ich möchte sagen, alle diese Betrachter da drüben in Österreich haben seelisch etwas von dem mikroskopischen Sehen, das aber unter die Dinge greifen will; und Robert Hamerling zeigt es am schönsten. Und sie haben etwas in bezug auf das westliche Österreich, wovon man sagen kann: Es hat eine gewisse Berechtigung, das Einzelne hineinzustellen in das große Ganze. Denn wie da in manchen Gegenden des westlichen Österreichs die Täler zwischen den Bergen stehen, das drückt sich wiederum aus in demjenigen, was in einem solchen Dichter wie Robert Hamerling lebt. Wir sehen schon, Mannigfaltiges lebt sich aus in diesem österreichischen Geistesleben in allen Seiten, die vielleicht einander abstoßen, die aber doch eine Mannigfaltigkeit darstellen, die im ganzen Bilde der Kultur, das man sich entwerfen kann, Einheitlichkeit ist.
[ 20 ] Und in dieser Mannigfaltigkeit schließen sich nicht wie zu einer Disharmonie, sondern in gewissem Sinne wie zu einer Harmonie dieKlängezusammen, die von den anderen Nationalitäten herkommen. Es ist ja selbstverständlich nicht möglich, auch nur einzelnes Kleines über das zu sagen, was da von den anderen Nationalitäten hereintönt in das gesamte österreichische Geistesleben. Nur wiederum wenige Symptome seien charakterisiert. Da haben wir zum Beispiel innerhalb der tschechischen Literatur — in bezug auf diese Darstellungen muß ich selbstverständlich zurückhaltend sein, da ich der tschechischen Sprache nicht mächtig bin -, da haben wir einen neueren Dichter, einen jüngst verstorbenen Dichter, der wirklich — wie einer, der über ihn geschrieben hat, sich aussprach — für sein Volk etwas Ähnliches geworden ist, wie man es von einem großen tschechischen Musiker gesagt hat: daß er da war wie ein Walfisch im Karpfenteich. So ist ja Jaroslav Vrchlicky in dieses Geistesleben seines Volkes hineingestellt. Vor seinem Geiste steht die ganze Weltgeschichte auf: ältestes Menschheitsleben ferner Vergangenheit, ägyptisches, europäisches Leben des Mittelalters und der Neuzeit, hebräisches Geistesleben, die ganze Weltgeschichte lebt auf in seinen lyrischen Dichtungen, lebt auf in seinen Dramen, in seinen Erzählungen, und überall lebendig. Eine ungeheure Produktivität liegt in diesem Jaroslav Vrchlicky - Emil Frida heißt er mit seinem bürgerlichen Namen. Und wenn man bedenkt, daß dieser Mann ein großes, großes Gebiet der Literatur anderer Völker für sein Volkstum übersetzt hat, zu seiner ungeheuer weitverbreiteten Produktion hinzu, dann kann man ermessen, was ein solcher Geist für sein Volkstum ist. Ich muß Ihnen ablesen, denn sonst könnte ich einige derjenigen Dichter der Weltliteratur vergessen zu erwähnen, die Vrchlicky für die tschechische Literatur übersetzt hat: Ariost, Tasso, Dante, Petrarca, Leopardi, Calderon, Camöens, Moliere, Baudelaire, Rostand, Victor Hugo, Byron, Shelley, Gorki, Schiller, Hamerling, Mickiewicz, Balzac, Dumas und andere. Es ist berechnet worden, daß Vrchlicky von Tasso, Dante und Ariost zusammen allein 65 000 Verse übersetzt hat. Dabei stand dieser Mann, ich möchte sagen, wie die Verkörperung seines Volkstums innerhalb desselben da. Als er auftrat in den stürmischen siebziger Jahren - er ist 1853 geboren — war gerade eine schwierige Zeit innerhalb seines Volkstums zwischen all den Gegensätzen, die hereingetreten waren; gegenüber dem Deutschtum waren noch allerlei gegensätzliche Parteien innerhalb seines eigenen Volkstums entstanden. Anfangs wurde er viel angefochten. Es gab Leute, die da sagten, er könne nicht tschechisch; es gab Leute, die sich lustig machten über das, was Vrchlicky schrieb. Aber das hörte sehr bald auf. Er erzwang sich die Anerkennung. Und 1873 war er, man möchte sagen, wie ein Friedensengel unter den sich furchtbar befehdenden Parteien. Von allen wurde er anerkannt, und von allen ließ er in seinen volkstümlich dichterischen Werken auferstehen ganze Gemälde der Weltenentwickelungen; just nicht — das ist auffällig — etwas aus dem russischen Volkstum! Ein Mann, der eine kurze Biographie über ihn geschrieben hat — vor dem Kriege -—, ermahnte ausdrücklich in dieser Biographie: Man möge gerade an diesem Manne sehen, wie wenig das Märchen begründet sei, daß die Tschechen oder überhaupt die westlichen Slawen, wenn sie in sich gehen, irgend etwas zu erwarten haben von dem großen russischen Reich, wie es oftmals gesagt wird.
[ 21 ] In einer anderen Weise sehen wir dieses sich Ausbreitende, dieses: das Einzelerlebnis zu sehen auf dem Hintergrunde der großen Menschheits- und Weltenzusammenhänge, — in einer anderen Weise sehen wir es bei einem Dichter, auf den ich auch schon im letzten Vortrage über das Österreichertum hingewiesen habe, bei dem magyarischen Dichter Emmerich Madách. Madách ist geboren 1823. Madách hat geschrieben, man muß sagen, wirklich durchdrungen von voller magyarischer Gesinnung, neben anderem, das hier nicht erwähnt werden kann, «Die Tragödie des Menschen». Diese «Tragödie des Menschen» ist wiederum etwas, das jetzt nicht anknüpft an die großen Menschheitsereignisse, sondern diese Menschheitsereignisse selber unmittelbar darstellt. Und man möchte sagen, wieMadách, der Magyar, der Angehörige des östlichen Österreich, in der «Tragödie des Menschen» darstellt, das unterscheidet sich zum Beispiel von den Gestalten, die - im «Ahasver», «König von Sion», der «Aspasia» — Hamerling nun auf seine Art aus dem großen Gemälde der Weltgeschichte heraus schuf. Das unterscheidet sich so, wie sich die Berge des westlichen Österreich von den weiten Pußten des östlichen Österreich unterscheiden oder vielmehr — ich möchte noch genauer sagen — wie die Seele, wenn sie in den oftmals so wunderschönen - besonders wenn sie sonnendurchglänzt sind - schönen Tälern West-Österreichs aufgeht und den Blick gehen läßt über die Berge hin, die diese Täler begrenzen, — wie die Seele sich bei diesem Aufgehen unterscheidet von jener ins Weite, aber Unbestimmte hinausgehenden Stimmung, die sie überfällt, wenn die ungarische Pußta mit ihrem weiten Ebenencharakter auf diese Seele wirkt. Sie kennen ja aus Lenaus Dichtungen, . was diese ungarische Pußta der Seele des Menschen werden kann.
[ 22 ] Eine merkwürdige Dichtung, diese «Tragödie des Menschen». Wir werden da direkt hineinversetzt in den Beginn der Schöpfung. Gott tritt auf neben Luzifer. Adam träumt unter Luzifers Eindruck die künftige Weltgeschichte. In neun bedeutsamen Kulturbildern geschieht das. Im Anfange werden uns entgegengeführt der Herr und Luzifer; Luzifer, der sich geltend machen will in seinem ganzen Wesen gegenüber dem Schöpfer dieses Daseins, in das das Wesen des Menschen hineinverflochten ist. Und Luzifer ermahnt den Weltenschöpfer, daß er auch da sei und daß er von gleichem Alter sei wie der Weltenschöpfer selber. Der Weltenschöpfer muß in einer gewissen Weise Luzifer als seinen Helfer gelten lassen. Wir hören in der Dichtung das bedeutsame Wort: «Hat die Verneinung» — nämlich Luzifer - «nur den kleinsten Halt, hebt deine Welt sie aus den Angeln bald.» Damit droht Luzifer dem schöpferischen Geist. Der Herr übergibt Luzifer zwei Bäume, den Baum der Erkenntnis und den Baum der Unsterblichkeit. Aber damit versucht Luzifer die Menschen. Und er versucht Adam, dadurch verliert Adam das Paradies. Und außer dem Paradiese macht Luzifer den Adam bekannt mit dem, was in Madáchs Anschauungen die Erkenntnis der Naturkräfte, dieses ganzen Gewebes der Kräfte ist, die durch Menschenerkenntnis gewonnen werden können durch die vor den Sinnen sich ausbreitenden Naturerscheinungen. Das unsichtbare Spinngewebe der Naturgesetze ist es, über das Luzifer den Adam außer dem Paradiese unterrichtet. Und dann wird uns vorgeführt, wie Luzifer Adam träumen läßt von dem ferneren Weltenschicksale. Da sehen wir, wie Adam im alten Agyptenlande als ein Pharao wiederverkörpert wird, wie Eva ihm in ihrer Wiederverkörperung entgegentritt als die Gattin eines Sklaven, der mißhandelt wird. Tiefe Wehmut erfaßt Adam; das heißt, er sieht es in seinem Traum, in dem ihm sein späteres Leben, alle seine späteren Verkörperungen vor das Seelenauge treten. Er sieht es so an, daß ihn tiefe Erbitterung darüber erfaßt, was aus der Welt werden soll. Und weiter wird uns vorgeführt, wie Adam in Athen als Miltiades wiederverkörpert wird, wie er des Volkes Undank erfahren muß; weiter wird uns vorgeführt, wie er in dem alten Rom, in der Kaiserzeit, die niedergehende Kultur und das Hereindringen des Christentums zu beobachten hat. Unter Kreuzfahrern später in Konstantinopel tritt uns in einem neuen Leben Adam entgegen. Als Kepler wird er wiederverkörpert am Hofe Kaiser Rudolfs; als Danton innerhalb der französischen Revolutionszeit. Dann wird er in London wiederverkörpert. Da lernt er dasjenige kennen, wodurch Luzifer nach der Anschauung Madáchs charakteristisch für die Gegenwart wirkt. Es müssen schon die Worte ausgesprochen werden, die einmal darin stehen: «Alles ein Jahrmarkt, wo alles handelt, kauft, betrügt, Geschäft ist Betrug, Betrug ist Geschäft.» Es ist nicht unter dem Einfluß des Krieges geschrieben, denn die Dichtung ist in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden. Dann wird Adam in einem weiteren Leben an das Ende der Erdenzeit geführt, in eine Eislandschaft und so weiter. Interessant zweifellos, aber man möchte auch sagen, wie die ungarische Pußta ins Unendliche auslaufend und vieles unverständlich lassend, vieles Unbefriedigende enthaltend — so ist diese Dichtung. Und nur sporadisch merkt man, daß der Dichter eigentlich meint: das Ganze ist ja ein Traum, den Luzifer in Adam anregt. Und der Dichter will eigentlich sagen: So würde die Welt, wenn nur Luzifer wirken würde. Aber auch der Mensch wirkt hinein. Der Mensch hat seine Kraft zu suchen und Luzifer entgegenzuwirken. Aber das wird kaum angedeutet, bloß, ich möchte sagen, am Schluß angedeutet, aber so, daß das, was als Positives auftritt gegenüber dem Negativen, gegenüber dem Traurigen, gegenüber dem Leidvollen, auch zusammengefaßt werden muß, wie Leid, das zu trotziger Kraft sich entwickelt. «Kämpfe und vertraue», das wird dem Adam eingeschärft. So wird uns aber gar nicht vorgeführt, was der Mensch sich erkämpfen kann. Was die Welt würde, wenn sie nur der Natur allein überlassen wäre, das wird dargestellt. Und aus tiefer Innerlichkeit, aus schwerer Lebenserfahrung ist diese Dichtung erwachsen.
[ 23 ] Madách ist auch eine von den Naturen, die man, nur wiederum in einer anderen Art, so charakterisieren kann, daß man sagt: Oh, diese Mannigfaltigkeit des Lebens, das an die geschichtlichen Bedingungen Österreichs geknüpft ist, das zog durch seine Seele; aber dabei auch die Kraft, Schwäche in Stärke umzuwandeln.
[ 24 ] Aus altem ungarischem Adel ist Madách. Er wächst im Neögrader Komitat heran. Seinen Vater verliert er ganz früh. Die Mutter ist eine geistig starke Frau. Madách wird ein träumerischer, sinnender Mensch. 1849, nach der Revolution, hat er einen Flüchtling aufgenommen, der zwar schon weg ist, als die Polizei ihn sucht; aber die Polizei kommt doch darauf, daß Madách diesen Flüchtling bei sich aufgenommen hatte. Madách wird der Prozeß gemacht und er wird vier Jahre ins Gefängnis, ins Zuchthaus gesetzt. Nicht so sehr das Zuchthaus, das er eben wie eine historische Notwendigkeit hinnahm, ist es, was auf Madách mit schwerem Leid wirkte, aber daß er sich trennen mußte von seiner Frau, von seiner Familie, die ihm wie das andere Selbst war, die er zärtlichst liebte, — daß er sie diese vier Jahre nicht sehen, vier Jahre nicht teilnehmen sollte an diesem Leben, das zerschmetterte ihn, das war das eigentliche schwere Schicksalserlebnis, das ihn an der Menschheit hätte zweifeln lassen, wenn ihm nicht in jeder Stunde, da er im Zuchthaus lebte, die Hoffnung vor Augen gestanden hätte: du wirst sie dann wiedersehen. Und da schrieb er seine Gedichte, wo er sich ausmalt, wie er durch die Türe hineingehen werde. Noch als er wirklich entlassen war, auf dem Wege schrieb er ein letztes dieser Gedichte, worin er in wunderbarer Weise ausmalt seinen Himmel, der ihn nun empfangen würde. Und er kam wirklich nach Hause. Die Frau, die er so zärtlich liebte, war ihm mittlerweile untreu geworden, sie war mit einem anderen davongegangen. Und durch das Tor, durch das er eintreten wollte im Sinne des Gedichtes, das er hingeschrieben hatte, mußte er treten in sein treulos verlassenes Heim. In Visionen stand der Verräter und sein Verrat oftmals vor seinem Auge. Aus solchen Untergründen heraus bildeten sich ihm seine geschichtlichen, seine Menschheitsempfindungen, seine Weltenempfindungen. Das muß man allerdings auch ins Auge fassen, wenn man in richtiger Weise die Dichtung, gegen die man vielleicht vieles einwenden könnte, würdigen will.
[ 25 ] Denn das ist es — und es wäre interessant, dies ganz im einzelnen auszuführen —, daß schon einmal die Mannigfaltigkeit, die im Österreichischen Leben ist und die durch solche Dinge herbeigeführt wird, wie ich sieangeführt habe, wieder und wiederum den Blick doch weiten und einem Aufgaben stellen kann, so daß man unmittelbar seine eigenen Erlebnisse anknüpfen muß an die großen Erlebnisse der Menschheit, ja, an die Aufgaben der Menschheit. Und wie bei Hamerling, trotzdem er sein halbes Leben auf dem Krankenbett lag, jeder Ton, den er dichterisch von sich gegeben hat, zusammenhing mit unmittelbarstem Erleben, so auf der anderen Seite auch bei Emmerich Madách.
[ 26 ] Sehen Sie, diese Mannigfaltigkeit, - man kann die Frage aufwerfen: Mußte sie denn im Laufe der Menschheitsentwickelung in Mitteleuropa zusammengeschmiedet werden? Liegt darinnen irgendeine Notwendigkeit? Man bekommt allerdings, wenn man die Sache genauer betrachtet, den Einblick in eine solche Notwendigkeit, das Mannigfaltigste von Menschheitsgemütern auf einem Flächenraume auch zu äußeren gemeinsamen Schicksalen zusammengefügt zu finden. Und ich möchte sagen, es trat mir immer wie ein Sinnbild dessen, was da an Volksgemeinschaft, an Volksmannigfaltigkeit vorhanden ist, vor Augen, daß ja auch die Natur, und zwar merkwürdigerweise gerade um Wien herum, etwas von einer großen Mannigfaltigkeit schon in der Erde geschaffen hat. Geologisch gehört das sogenannte Wiener Becken zu den interessantesten Gebieten der Erde. Da findet man gewissermaßen wie in einem irdischen Mikrokosmos, wie in einer kleinen Erde, alles zusammengetragen, was aufeinander wirkt, aber einem auch versinnbildlicht dasjenige, was einem erklären kann das, was sonst ausgebreitet ist in der Erdoberfläche. Und tief anregend ist die Betrachtung dieses Wiener Beckens mit den zahlreichen Geheimnissen der Erdentstehung, die man da studieren kann, für denjenigen, der für naturwissenschaftliche Betrachtungen Interesse und Verständnis hat. Man möchte sagen, schon die Erde selbst entwickelt da in der Mitte Europas eine Mannigfaltigkeit, die zu einer Einheit verbunden ist. Und das, was da in der Erde geologisch vorhanden ist, spiegelt sich im Grunde genommen nur in dem, was über diesem Erdboden in den Gemütern der Menschen sich abspielt.
[ 27 ] Wahrhaftig, nicht um für Österreich Propaganda zu machen, sondern nur um charakteristisch zu schildern, sage ich dieses alles. Aber dieses Charakteristische tritt einem eben entgegen, wenn man Österreich schildern will, Und, ich möchte sagen, ins Gebiet der exakten Wissenschaft, der Geologie hinübergetragen, hat man ja in Österreich etwas, was dem entspricht, was Österreichs große Dichter gerade als ihr Eigentümlichstes für sich zu beanspruchen haben. Wenn man Hamerling beobachtet, wenn man Jakob Julius David beobachtet, wenn man andere große Dichter Österreichs betrachtet: das Charakteristische ist, daß sie überall an das große Menschheitsschicksal anknüpfen wollen. Es ist auch das, was sie am innigsten, am tiefsten befriedigt. Ein Mann, der mir befreundet war, schrieb zur tiefen Befriedigung Hamerlings dazumal einen Roman, in dem er versuchte, mittelalterliches Erkenntnisleben kulturhistorisch in einzelnen Gestalten zum Ausdruck zu bringen. «Der Alchimist» heißt dieser Roman. Er ist von Fritz Lemmermayer. Und Fritz Lemmermayer ist kein hervorragendes Talent. Er ist sogar ein Talent, das kaum nach diesem Roman wieder irgend etwas Bedeutendes geleistet hat. Aber man sieht, daß das Wesen, das durch das Volkstum geht, den Einzelnen ergreifen kann und sich auch da in diesen Nichtbegabten charakteristisch zum Ausdruck bringt, im ganzen Wollen zum Ausdruck gebracht wurde.
[ 28 ] Wie gesagt, sogar in die exakte Wissenschaft der Geologie kann so etwas herüberspielen. Es entspricht wohl einer tiefen Notwendigkeit, daß dies bei der großen Persönlichkeit des Wiener Geologen Eduard Sueß, vielleicht eines der größten Geologen aller Zeiten, der Fall ist, dem das Studium der Verhältnisse des Wiener Beckens zu verdanken ist. Gerade der Anblick dieses Wiener Beckens mit seiner ungeheuren Mannigfaltigkeit, die sich zu einer wunderbaren Einheit wiederum verbindet, könnte in einem instinktiv aufgehen lassen eine große, gewaltige geologische Idee, die in diesem Manne zum Vorschein kommt und von der man sagen muß, daß sie sich nun wirklich aus dem Österreichertum heraus — denn Eduard Sueß ist in seinem ganzen Wesen eine ur-Österreichische Persönlichkeit -, aus dem österreichischen Wesen heraus entwickeln konnte: diese Einheit in der Mannigfaltigkeit, ich möchte sagen, dieser mikroskopische Abdruck der ganzen Erdengeologie in dem Wiener Becken. Das tritt uns wiederum darin entgegen, daß Eduard Sueß in unserer Zeit, das heißt im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, den Entschluß fassen konnte, wirklich in seinem dreibändigen großen Werke «Das Antlitz der Erde» ein Buch zu schaffen, in dem alles dasjenige, was in der Erde geologisch wirkt und lebt und wirkte und lebte, zu einem bedeutenden, abgerundeten Bilde im Großen gefügt wird, so daß einem die Erde überschaubar wird. Überall wird die Sache exakt behandelt, aber wenn man das ganze Antlitz der Erde erblickt, wie es Sueß geschaffen hat, so erscheint einem die Erde gleichwohl als ein Lebendiges, so wiederum, daß man unmittelbar sieht: Die Geologie kommt aus der Erde. Wenn man Sueß weiter verfolgte, würde etwas geschaffen, wobei der Planet unmittelbar angefügt würde an den ganzen Kosmos. Sueß bringt die Erde in dieser Beziehung so weit, daß gewissermaßen die Erde lebt und man nur das Bedürfnis hat, weiter zu fragen: Wie lebt jetzt diese Erde im ganzen Kosmos, nachdem man sie geologisch verstanden hat?
[ 29 ] Wie in der österreichischen Dichtung vieles mit der österreichischen Landschaft, mit der österreichischen Natur zusammenhängt, so glaube ich, daß auch mit der Geologie des engeren Österreichs gerade die Tatsache zusammenhängt, die vielleicht auch nur nicht genug gewürdigt wird in dem Geistesleben der Menschheit: daß von Wien aus dieses Buch auf dem Gebiet der Geologie hat entstehen können, dieses Buch, das ebenso exakt wissenschaftlich wie genialisch veranlagt und durchgeführt ist und in dem wirklich alles, was die Geologie bis zu Sueß geschaffen hat, in einem Gesamtbilde verarbeitet wird, aber so, daß man wirklich zuletzt glaubt, die ganze Erde nicht mehr als das tote Produkt der üblichen Geologie, sondern als ein Lebendiges vor sich zu haben. Ich meine, daß auf diesem Gebiet geradezu in die wissenschaftlichen Leistungen — durchaus nicht irgendwie in die Objektivität der Wissenschaften, die gewiß dadurch nicht gefährdet wird — dasjenige hineinspielt, was gerade aus dem Österreichertum des Eduard Sueß kommen konnte. Und wenn man in dieses Österreichertum so nach den verschiedensten Gebieten hinein sieht, da merkt man: Solche Gestalten leben wirklich, wie sie Jakob Julius David geschaffen hat, bei denen sich der Seele oftmals eine einzige Seeleneigenschaft bemächtigt, weil die anderen durch die Schwierigkeiten des Lebens zurückgedrängt werden, und sie so erfüllt, daß die einzelne Seele ihre Stärke, aber auch ihre Kraft und ihre Beruhigung und ihren Trost hat. Diese Gestalten werden insbesondere interessant, wenn diese Seelen zu Erkenntnismenschen heranreifen.
[ 30 ] Und da ist eine Gestalt aus dem ober-österreichischen Lande, aus der Ischler Gegend - ich habe auf den Namen auch schon in dem vorigen Vortrage hingewiesen -, da ist der merkwürdige Bauernphilosoph Conrad Deubler. Wirklich, denkt man sich jede Gestalt, die Jakob Julius David so aus dem österreichischen Leben heraus geschaffen hat, ein wenig jünger, denkt man sich die Ereignisse dieses Lebens weg, die dieses Leben später geformt haben, und denkt sie hinein in die Seele des Conrad Deubler, so könnte eine jede solche Gestalt Conrad Deubler werden. Denn auch dieser Conrad Deubler ist gerade für den Menschen der österreichischen Alpenländer ungemein charakteristisch. Zu Goisern im Ischler Lande geboren, wird er Müller, später Gastwirt, ein Mensch, der tief veranlagt ist zum Erkenntnismenschen. Wenn ich jetzt über Conrad Deubler das Folgende spreche, so bitte ich, das nicht damit in einen Mißklang zu bringen, daß selbstverständlich hier sonst nicht eine Weltanschauung vertreten wird, wie sie Conrad Deubler hatte; daß immer betont wird, daß über so etwas, wie Conrad Deubler es dachte, hinausgegangen werden muß zu einer Vergeistigung der Weltanschauung. Aber darauf kommt es nicht an, daß man an gewissen Dogmen festhält, sondern darauf kommt es an, daß man jedes menschliche Erkenntnisstreben in seiner Ehrlichkeit und Berechtigung einzusehen vermag. Und wenn man vielleicht auch mit nichts einverstanden sein kann, wozu sich Conrad Deubler eigentlich bekannte, so bedeutet doch die Betrachtung gerade dieser Persönlichkeit, insbesondere im Zusammenhang mit Charakteristiken des österreichischen Lebens, etwas, was typisch ist und was namentlich bedeutsam ist, indem es ausdrückt, wie nach Ganzheit aus jenen Verhältnissen heraus gestrebt wird, die in vieler Beziehung geistig sich vergleichen lassen mit dem räumlichen Eingeschlossensein durch die Berge. Conrad Deubler ist ein Erkenntnismensch, trotzdem er nicht einmal richtig schreiben gelernt hat, trotzdem er eine ganz mangelhafte Schulbildung hatte. Jakob Julius David nennt seine Persönlichkeiten, die er schildert, skizziert, «Sinnierer». In meiner Heimat, im nieder-österreichischen Waldviertel, würde man sie vielfach «Simulierer» genannt haben. Das sind Menschen, die durch das Leben sinnend gehen müssen, die aber mit dem Sinnieren etwas Gefühlvolles verbinden, die das Leben viel bekritteln. Man nennt das in Österreich: Man «raunzt» über das Leben. «Geraunzt» wird ja viel über das Leben. Aber diese Kritik ist nicht eine trockene Kritik, diese Kritik ist etwas, was sich unmittelbar in inneres Leben verwandelt, insbesondere bei solchen Gestalten wie Conrad Deubler. Er ist von Anfang an ein Erkenntnismensch, trotzdem er nicht ordentlich schreiben konnte. Er geht immer auf Bücher aus. Da ist es zunächst in seiner Jugend ein tüchtiges Buch, ein Buch, das strebt aus dem Sinnlichen ins Geistige hinein: Grävell, «Der Mensch». Das liest Deubler 1830 1814 ist er geboren —, und Sintenis, «Der gestirnte Himmel», Zschokkes «Stunden der Andacht». Aber er fühlt sich in diesen Dingen nicht so recht zu Hause, er kann mit diesen Dingen nicht mitgehen, Er ist eine sinnende Natur, und er ist von Begeisterung durchdrungen, Befriedigung der Seele nicht nur für sich zu finden, sondern auch für diejenigen, die sein Dorf mit ihm bewohnen. Es strebt etwas in diesen Leuten aus der überlieferten Weltanschauung heraus. Da wird Conrad Deubler dann mit dem bekannt, was dazumal die Zeit am tiefsten bewegt hat, die Zeit aufgerührt hat — er wird bekannt mit Schriften, die aus dem Darwinischen Geiste heraus geschrieben worden sind. Er wird bekannt mit Ludwig Feuerbach, mit David Friedrauch Strauß. Er wird später mit Ernst Haeckels Schriften bekannt, aber dies eben später. Er liest das alles, er verschlingt es. Nur nebenbei will ich erwähnen: Weil er sich mit solcher Lektüre befaßt und solche Dinge auch seinen Dorfgenossen vorgelesen und eine Art Bibliothek für seine Dorfgenossen begründet hat, hat er mehrere Jahre Zuchthaus als Strafe bekommen. Es war in den Jahren 1852 bis 1856, — wegen Religionsstörung, Gotteslästerung und Verbreitung von gotteslästerlichen Anschauungen! Aber wie gesagt, das möchte ich nur nebenbei erwähnen, denn Conrad Deubler ertrug die ganze Sache mannhaft. Für ihn handelte es sich ja aus einem Grundtriebe seiner Seele heraus darum, zur Erkenntnis vorzudringen. Und so sehen wir denn bei diesem Bauern dasjenige, was wir gleich zum Schluß noch bei einem anderen Geiste, ich möchte sagen, noch auf einem höheren Gesichtskreis des Lebens sehen dürfen -, so sehen wir denn bei diesem Geiste, wie versucht wird, naturwissenschaftliche Denkweise mit dem tiefsten Bedürfnisse der Seele in Einklang zu bringen. Daß Conrad Deubler zu einer ganz naturalistisch-materialistischen Auffassung des Lebens kommen konnte, das soll uns, wie gesagt, nicht weiter berühren. Denn nicht darauf kommt es an, sondern darauf, daß doch in solchen Leuten der Drang lebte, die Natur selber vergeistigt zu schauen. Wenn sie sie auch zunächst nur sinnlich gelten lassen — in ihnen allen lebt der Drang, die Natur geistig hinzunehmen. Und aus solcher Naturanschauung muß sich im Laufe der Menschheitsentwickelung dennoch eine vergeistigte Anschauung des Lebens ergeben. So ist denn dieser einfache Bauer nach und nach eine gerade bei den erleuchtetsten Geistern der materialistischen Epoche berühmte Persönlichkeit geworden. Er war ein leidenschaftlicher Reisender und lernte nicht nur in früher Jugend in Wien kennen, was er kennenlernen wollte, er unternahm auch Reisen zu Feuerbach nach Nürnberg. Aber vor allem ist es interessant, wie sein Wirtshaus in Goisern für die bedeutendsten Leute auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, Naturweltanschauung ein Aufenthaltsort wurde. Haeckel kehrte wiederholt bei Deubler ein, hielt sich ganze Wochen dort auf. Feuerbach kehrte oftmals dort ein. Mit David Friedrich Strauß, mit dem materialistischen Vogt, dem sogenannten dicken Vogt, mit allen möglichen Leuten unterhielt Deubler einen Briefwechsel, bei dem uns das Unorthographische, das Ungrammatikalische nicht stören darf, bei dem uns vielmehr das Urwüchsige des Erkenntnismenschen auffallen muß.
[ 31 ] Und ich möchte sagen, dieser Zug, der bei Deubler im bäuerlich Groben zutage tritt, er tritt uns in höchst feinsinniger Art bei dem Manne entgegen, auf den ich ja im vorigen Vortrag auch schon hingewiesen habe, bei Bartholomäus von Carneri, dem eigentlichen österreichischen Philosophen vom letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Carneri ist auch derjenige Geist, der vom Darwinismus zunächst überwältigt wird, der aber gerade so recht zeigt, wie unmöglich es ihm ist, Wissenschaft wirklich so zu nehmen, wie man sie in Mitteleuropa zu nehmen gezwungen ist; wie es unmöglich einem solchen Geiste ist, Wissenschaft nicht an das innerste Streben des Menschen anzugliedern, nicht den Weg zu suchen, der von Wissenschaft zu religiöser Vertiefung und religiöser Versenkung hinüber führt. Gerade Bartholomäus von Carneri ist einer von den Geistern, für die es gilt, wenn Asia zu dem blonden Teut sagt, daß das ernsteste Denken im deutschen Geiste aus der Liebe hervorgehen und zur Gott-Innigkeit kommen will. Wenn uns auch diese Gott-Innigkeit bei Carneri, ich möchte sagen, im atheistischen Kleide entgegentritt, so tritt sie uns doch aus dem intensivsten, ehrlichsten Geistesstreben entgegen. Carneri steht als Philosoph, als Weltanschauungsmensch ganz auf dem Boden der Auffassung, daß alles, was Geist ist, dem Menschen zunächst nur am Stoff erscheinen kann. Und nun steht Carneri unter dem Einflusse einer merkwürdigen Täuschung. Man könnte sagen, er steht unter dem Einfluß der Täuschung, daß er nun die Welt in lauter Begriffen und Ideen, in lauter Vorstellungen und Empfindungen betrachtet, die aus dem Geiste heraus geboren sind, mit denen er glaubt, nur Materielles, nur Sinnliches erfassen und umfassen zu können. Wenn einer Sinnliches ansieht, so sagt ungefähr Carneri, kann dieses Sinnliche geteilt werden, aber die Teilung geht nur so weit, daß wir dieses Begrenzte mit den Sinnen überschauen. Wenn aber die Teilung weitergeht, wenn die Differenzierung so fein wird, daß kein Sinn mehr sie überschauen kann, dann muß dieses, was da im differenzierten Stoff lebt, vom Denken erfaßt werden, und dann ist es Geist, — geistig aus dem Glauben heraus, daß eigentlich nur Natürliches natürlich begriffen werde. Das ist sehr charakteristisch, weil die Weltanschauung Carneris wirklich instinktiv vergeistigter Materialismus, man könnte sogar sagen, reinster Spiritualismus ist. Und nur durch den Hang der Zeit, durch die Wirkung der Zeit trat die Täuschung ein, als ob dasjenige, was nur geistig gemeint sein kann, wenn Carneri davon spricht, im Grunde genommen nur Äußerungen des Stofflichen wären. Aber was Carneri so instinktiv idealistisch, bewußt naturalistisch erfaßt, muß er notwendigerweise an dieEthik angliedern. Und das, was der Mensch sich sittlich erarbeitet, wird für Carneri, weil er einen gewissen Monismus der Weltanschauung anstrebt, selber nur zu einer Summe höherer Naturgesetze. Und so verlegt Carneri gerade dadurch, daß er der charakterisierten Täuschung unterliegt, das Sittliche, die höchsten Impulse des sittlichen Handelns, in die Menschenseele wie Naturimpulse hinein. Und da sieht man besonders, was eigentlich bei solchen Geistern wie Carneri im Grunde tätig ist. Sie lebten in ihrer Jugend in einer Weltanschauung, die einen gründlichen Schnitt zwischen Geist und Natur machte. Das konnten sie nicht mit dem Drang ihrer Seele vereinen. Was die Naturwissenschaft seit drei bis vier Jahrhunderten hervorgebracht hat, das hatte diese Geister zu einem instinktiven Erfassen gebracht: Nein, die Natur kann das nicht sein, was sie im Grunde genommen nach den alten Überlieferungen ist oder sein sollte, die Natur kann in vielen ihrer Gebiete nicht einfach ein verlassenes Kind der Götter sein. Was Gesetzmäßigkeit der Welt ist, muß in der Natur leben.
[ 32 ] Und trotzdem solche Menschen nur Naturalisten sein wollten, war es im Grunde genommen zunächst der Drang, der Natur ihren Geist zu lassen, was in ihnen lebte. Dadurch sind diese Menschen so ungeheuer charakteristisch. Und wenn selbst bei Sueß, dem Geologen, nachgewiesen werden kann, wie aus seinem Österreichertum die besondere Färbung, die menschliche Färbung seines großen GeologieWerkes hervorgegangen ist, so könnte man das Entsprechende auch bei einem Philosophen wie Carneri nachweisen, wenn man jetzt sein Seelenleben verfolgte. Gerade was sich aus der Anschauung in bezug auf den gesetzmäßigen Zusammenhang der verschiedensten national gefärbten Menschengemüter ergibt, wie sie sich in Österreich finden, das bewirkte besonders, daß da in komplizierter Gestalt, in mannigfaltiger Gestalt Menschenbilder auf Menschenbilder so vor die Seele traten, daß Rätsel über Rätsel entstand. Und indem man Menschenerlebnisse betrachtete, Menschen, die man täglich vor sich hat, betrachtete man etwas, wo das Natürliche ins Moralische herauf spielt und das Moralische wieder ins Natürliche hinunter spielt. So war es denn auch, daß sich bei Carneri eine edle ethische Weltanschauung über den historischen Menschheitsverlauf innig mit einem gewissen Naturalismus vermischte, der aber im Grunde genommen nur ein Übergangsprodukt, ein Übergangsstadium ist, aus dem am allermeisten gerade dasjenige als ein späteres Stadium gefunden werden könnte, was hier vertreten wird als Geisteswissenschaft, wenn man sich nur dessen bewußt ist, daß alles in der Welt seine geschichtliche Entwickelung braucht.
[ 33 ] So verbindet sich bei Carneri ein gewisser Blick über das ethische, geschichtliche ethische Leben der Menschheit mit dem natürlichen Leben. Naturleben und Geschichtsleben fließen ihm in eins zusammen. Er schärft an den von ihm so wunderbar, ich möchte sagen, so lieb intim betrachteten Naturerscheinungen seinen Blick für die Menschheitserscheinungen, insofern sie sich zwischen Volk und Volk abspielen. Das eine klärt immer über das andere auf. Und Carneri hatte ja nun insbesondere dadurch Gelegenheit, daß er durch lange Zeit Abgeordneter des österreichischen Parlaments war und daß er die Grundbedingungen des damaligen Österreichs in ehrlichster Weise in seine Seele aufnahm, mittun zu können an der Entwickelung des Schicksals Österreichs. 1821 ist er in Trient geboren als der Sohn eines höheren österreichischen Staatsbeamten. Es ist merkwürdig, daß ich Ihnen heute vielfach solche Persönlichkeiten schildern muß, die äußerlich von tiefem Leide geplagt werden. Ein Zwillingskind war Carneri. Seine Zwillingsschwester entwickelte sich ganz gut. Er aber war von Anfang an mit einer Verkrümmung der Wirbelsäule behaftet. Er war sein Leben lang krank, halbseitig gelähmt. Auch er war mit Conrad Deubler in Korrespondenz. Und obwohl ich schon von anderer Seite her aufmerksam gemacht habe, wie eigentlich dieses äußere Leben Carneris war, so möchte ich Ihnen doch noch die Worte vortragen, die Carneri am 26. Oktober 1881 an Deubler schrieb, damit Sie sehen, was für ein außerordentlich physisch geplagter Mann dieser Carneri war. «Wissen Sie», so schrieb Carneri an Deubler, «daß mir die Schilderung Ihres Heims das Herz recht schwer gemacht hat? Es hat mich an meine gesunde Zeit erinnert. Ich habe den Wald knapp hinter dem Hause und betrete ihn seit Jahren nicht mehr, da ich nur auf ganz ebenen Wegen gehen kann. Auf jeden höheren Naturgenuß habe ich längst verzichtet, aber auch auf alles, was man gesellige Unterhaltung nennt. Ich kann übrigens nicht sagen, daß ich mich dadurch weniger glücklich fühle. Durch einen Muskelkrampf am Halse (torticollis intermittens), der sich oft über den halben Körper ausdehnt, ist meine Existenz eine außerordentlich beschwerliche. Aber ich mache mir nichts daraus, und darauf kommt’s an. Kurz, es wird schwer möglich sein, daß ich Sie besuche; ist es aber eines Tages durchführbar, so geschieht’s. Wir halten übrigens fest zusammen, auch ohne uns von Angesicht zu Angesicht zu kennen, und das ist die Hauptsache.»
[ 34 ] Und ich habe hier schon einmal vorgelesen, wie die österreichische Dichterin Marie Eugenie delle Grazie, welche Carneri gut kannte, aus einer ergreifenden Szene das Außere Carneris schilderte. Sie schildert es folgendermaßen: «... ‹Wie konnten Sie das ertragen, all’ die Jahre her, und sich dabei dieses Lächeln bewahren - diese Güte und Lebensfreude?› schrie ich gequält auf, als Carneri einmal in meiner Gegenwart einen solchen Anfall erlitt. Langsam erhob er das tief auf die Brust herabgesunkene Haupt, wischte mit der bebenden Linken den Schweiß von Stirn und Wangen, atmete tief auf und sah mich an mit einem Blicke, der wieder ganz Sonne und Überwindung war. ‹Wie —?› lächelte er dann. ‹Aber begreifen Sie denn nicht, daß ich im täglichen Kampfe mit einer solchen Bestie erst recht ein Mensch bleiben wollte — ein Mensch werden mußte? Ich —›, er lächelte aufs neue, ‹hatte nun einmal meinen Ehrgeiz. Das —›, er wies auf seinen noch zuckenden Körper, «sollte stärker sein als ich? Sollte imstande sein, mir Tag um Tag zu rauben? Alle Freude und Schönheit des Lebens zu verekeln? Wäre ich denn ein Mensch, wenn ich nicht der Stärkere blieb? So hat es begonnen, und so — wird es enden.›»
[ 35 ] So spricht einer, der allerdings aus der vorher charakterisierten Täuschung heraus glaubt, Naturalist zu sein, der aber aus dem Naturalismus heraus eine edle Ethik gesogen hat. Aber er zeigt uns auch eine Persönlichkeit, die in gewisser Beziehung vieles wie konzentriert, wie vereinigt in sich trägt, was echt Österreichisch ist, dieses: eine Eigenschaft der Seele zur Stärke der ganzen Seele machen und es nicht ertragen können, daß Schwäche als Schwäche wirklich sage nicht: genommen wird, sondern wirkt —, das war besonders in diesem Carneri ausgebildet. Und das Sinnige ist über seine ganze Philosophie ausgegossen. Und wenn Sie seine Werke lesen, werden Sie dieses Sinnige finden. Sie werden aber auch das unendlich liebende Eingehen auf die Tatsachen des Lebens finden. Es tritt uns übrigens schon hervor in seinen Gedichten, in seinen verschiedenen Schriften, die schon von 1840 an erschienen. Und der ganze Carneri — es war wunderbar, ihn anzuschauen. Er steht lebendig vor mir, wenn ich hinuntersah von der Galerie des österreichischen Abgeordnetenhauses. Es war das immer ein wichtiger Tag, wenn man wußte: Carneri werde sprechen, Carneri, der halb Gelähmte, der nur auf ebenen Wegen gehen konnte, der nur so sprechen konnte, daß gewissermaßen die halbe Zunge an dem Sprechen teilnahm, daß auch nur das halbe Hirn an dem Denken teilnahm, - dieser Carneri hatte den Sieg über seine äußere Leiblichkeit erfochten; daß er dastand nun, und daß aus seiner Rede ungeheuerster Scharfsinn herausklang, mit dem er durchschaute alles, was zu durchschauen war, was zu geißeln war. Und überall traf er das richtige Wort, das wie ein Pfeil hinschoß auf diejenigen, die es treffen sollte, und das überall anfeuern konnte dasjenige, was er anfeuern wollte. Carneri war viel zuviel Idealist, als daß nach seinen Reden immer hätten Taten folgen können. Aber seine Reden waren in einer gewissen Weise gefürchtet. In wissenschaftlicher Weise trug er dasjenige vor seinem Parlament vor, was er in seinem ganzen Denken trug — man möchte sagen: Österreich. Dieses lebte und dieses sprach. Und ob er da sprach, wo er mit etwas einverstanden sein konnte, oder ob er als Gegner sprach, — dasjenige, was erkennender österreichischer Patriotismus war, das sprach immer aus Carneri; ein solcher Patriotismus, welcher die Aufgaben dieser österreichischen Volksgemeinschaftin dem ganzen geschichtlichen Werden der Menschheit sucht. Und auch wenn er über das Einzelne sprach — nicht etwa dadurch, daß er abstrakt sprach, sondern in der ganzen Färbung, wie er sprach -, lebte ein großer historischer Zug. Und selbst wo er tadeln mußte, wo er bitter tadeln mußte, da lebte in seinen Gedanken die Blutsverwandtschaft, möchte ich sagen, dieses Denkers Carneri mit dem Österreichertum. Deshalb wird derjenige, der das weiß, nie vergessen können, wie aus Carneris Munde einmal geklungen haben mußten die Worte aus einer seiner letzten Reden, wo er manches herankommen sah, was die Gegner Mitteleuropas überschätzt haben, was nicht so war, wie die Gegner Mitteleuropas geglaubt haben, was aber doch von vielen aus Unverstand hätte heraufgeführt werden können. Carneri war einer von denen, die es von ferne sahen, die sich aber vor allen Dingen nicht bloß kritisierend daran beteiligen wollten, daß Österreich wirklich stark bleibe. Deshalb wirkte auch sein Tadel so, daß er in der Seele bleiben konnte. Und nicht vergessen haben diejenigen, die gehört haben einen solchen Tadel, einen solchen von der tiefsten Empfindung durchdrungenen Tadel, den er in einer seiner letzten glanzvollsten Reden ausgesprochen hat, wo er sagte: «Ich dokumentiere damit meine Überzeugung, ... die in zwei Worte sich zusammenfassen läßt, in zwei Worte, die ich — und ich habe in meinen sechzig Jahren manchen ernsten Moment durchgemacht — heute zum erstenmal in meinen Leben ausspreche: Armes Österreich!» Daß solche Worte gesprochen werden konnten, daß es Menschen gab, die so empfanden, darin liegen vielfach die Kräfte, die heute ihr Gegenbild in Schmähungen der Gegner Österreichs, außerhalb OÖsterreichs, bei den Feinden Österreichs haben. In Carneri lebte etwas von dem Geiste derer, die Österreich kraftvoll in seiner Mannigfaltigkeit zum Einklang zu bringen bestrebt waren, weil sie die Notwendigkeit des Einklanges dieser Mannigfaltigkeit eingesehen haben.
[ 36 ] Zuletzt wurde er blind. Seinen achtzigsten Geburtstag feierte er im Jahre 1900 — bis dahin war er blind geworden. Als Blinder schrieb er dazumal an seiner Dante-Übersetzung. Er diktierte aus dem Gedächtnis heraus, denn er hatte Dantes Göttliche Komödie in seiner Seele, konnte sie aus dem Gedächtnis heraus übersetzend diktieren. Er hatte damals sein Leben hinter sich. In vielen lebt es weiter, in mehr Menschen, als man glaubt. Er war blind geworden, schwach geworden. Als blinder Mann im Rollsessel saß er; achtzig Jahre hatte er hinter sich, sechzig Jahre in Wirksamkeit. Das «erkannte» - in Parenthese sage ich das -, als dieser Mann achtzig Jahre und blind geworden war, die Wiener Universität «an», indem sie ihm, als achtzigjährigem blinden Mann, das Doktor-Diplom ausfertigte und es aussprach, daß sie etwas von seinen Verdiensten verstehe, mit den Worten: «Wir schätzen es hoch, daß Sie es vermocht haben, Ihren wissenschaftlichen Ideen eine solche Form zu geben, welche dieselben befähigt, auch in weitere Kreise des Volkes zu dringen, und daß Euer Hochwohlgeboren auch in Ihrer öffentlichen Tätigkeit neben der edelsten Hingabe an Österreich stets jene Grundsätze der Freiheit vertreten haben, ohne deren rückhaltlose Anerkennung eine erfolgreiche Förderung der Erkenntnis und der wissenschaftlichen Arbeit nicht möglich ist.» Man muß doch froh sein, daß derlei Dinge, wie sie Carneri zum Segen seines Landes und, ich darf auch schon sagen, zum Segen der Menschheit geleistet hat, doch wenigstens anerkannt werden; wenn man auch, bevor sie anerkannt werden, achtzig Jahre alt, blind und taub werden kann. Nun, das ist so der Gang der heutigen Entwickelung.
[ 37 ] Ich habe Ihre Geduld leider schon viel zu lange in Anspruch genommen; aber ich könnte lange fortfahren, indem ich versuchte, nicht durch Beschreibung, sondern durch Symptome zu schildern, worin, wie ich glaube - selbstverständlich nicht immer in solcher Veredelung -, österreichisches Volkstum lebt, worinnen sich das aber auch erweist, was dieses Österreichische Volkstum ist, wenn es sich in seinen edelsten Blüten zeigen kann. Ich habe diese edelsten Blüten angeführt, weil ich glaube, daß es gut ist, wenn die Bevölkerung Mitteleuropas sich nunmehr in unserer schweren Zeit genauer kennen lernt, auch geistig kennen lernt. Denn die Zeit schmiedet aus diesem Mitteleuropa ein Ganzes, und in diesem Ganzen waltet schon ein einheitlicher Geist. Und je näher man diesen einheitlichen Geist kennen lernt, desto lebensvoller wird er einem erscheinen, und desto mehr Vertrauen wird man zu ihm haben können. Um so mehr wird man glauben können, daß er trotz aller Verkennung nicht überwältigt werden kann. In den deutschen Vertretern Mitteleuropas lebt ja vielfach das, was ich schon charakterisieren mußte als ein nicht einfach instinktives Hingeben der Nationalität, sondern ein Ansehen des Nationalen wie ein Ideal, zu dem man sich hin entwickeln will, das in der Geistigkeit, in der Kraftentfaltung besteht, dem man sich immer nur nahen kann und das man erst recht würdigen kann, wenn man es im Zusammenhange mit dem betrachtet, was zum Heile der ganzen Menschheit führt. Wirklich, es ist schon gerade bei den deutschesten Deutschen etwas, wenn sie von ihrer Nationalität sprechen, was die anderen nicht verstehen können; denn niemals lebt in den Deutschen etwas anderes als die Pflicht: Du mußt das entwickeln, was sich durch deine Nationalität in der Welt ausleben will! Entwickelungspflicht ist gewissermaßen National-Sein. Daher immer der Drang: hineinzustellen das Erfühlen der eigenen Nationalität in das Erfühlen der Ziele der ganzen Menschheit. Und so war es auch bei Carneri, daß er zusammengefügt fand in seiner Seelenbetrachtung das, was ethisch als die Grundzüge der ganzen Menschheitsentwickelung verbunden werden muß mit Naturgesetzmäßigkeit. Das war für ihn eine Einheit. Aber das betrachtete er so liebevoll, daß sich für ihn auch die deutschen, die germanischen Ideale hineinstellten in das, was historische Entwickelung der ganzen Menschheit ist. Und er konnte vergleichen, und nur deshalb, weil er wirklich verglich, deshalb fühlte er sich berechtigt dazu, über das Germanische so zu denken, wie er dachte. Ich hätte viel mehr davon zu sagen — die Zeit ist nicht mehr ausreichend. Solch ein Geist wie Carneri sieht sich erst die Wesenheiten der verschiedenen Nationen an, dann gestattet er sich, den Wert seiner eigenen Nation vor sich selber im rechten Bilde auftauchen zu lassen. Er betrachtet im Zusammenhang mit anderen National-Substanzen die eigene National-Substanz. So sagt er sich von diesem Gesichtspunkte aus: Mit allem Deutschen ist vereinbar die Freiheit aller Nationen, das Geltenlassen jedes Nationalen, denn das liegt in der ganzen deutschen Entwickelung. Und dem widerspricht für Carneri das panslawistische Ideal zum Beispiel, das von vornherein von der Anschauung ausgeht, jeder Nation müsse einmal die Vorherrschaft zuerteilt werden; das dahin arbeitet, die Vorherrschaft zu bekommen. Demgegenüber sagt Carneri: Die Führung des germanischen Geistes, die Europa beherrscht und bis in den fernen Westen reicht, entstammt dem Sittlichkeitsbegriff, der auf dem günstigen Boden, der ihn zum Blühen gebracht hat, gemeinnützige Früchte trägt. Sie kann darum nicht anders als dauern, solange diese Welt bewohnbar ist. Und gerade in der Zeit, als Carneri dem österreichischen Parlament angehörte, war die Situation Mitteleuropas, insbesondere auf politischem Gebiete und auf dem Gebiete der politischen Betrachtung so, daß England und englische Verfassung wie ein Vorbild angesehen wurden, Viele Politiker wollten geradezu die Verfassung aller Länder dem englischen Vorbilde nachbilden. Und vieles andere in England wurde als Vorbild angesehen. Carneri stand durchaus in einer solchen Politik drinnen, wo viele seiner Genossen so dachten. Carneri aber wollte zur Klarheit kommen. Carneri wollte in der Menschheitsbetrachtung objektiv sein. Aber aus dieser Objektivität heraus ergab sich für ihn sein Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem germanisch-deutschen Wesen und seine objektive Beurteilung eines Landes wie England. Was ich jetzt von ihm mitteilen werde, hat Carneri nicht nur vor dem Kriege geschrieben — er ist ja lange vor dem Kriege gestorben -, er hat es in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben. «England» — sagt er —, «das Land des anhaltenden Fortschritts schlechthin, wird allgemeinen Ideen sich zuwenden, soll es nicht herabsteigen von der stolzen Höhe, die es erklommen hat. Nichts charakterisiert es besser, als die Tatsache, in der selbstbewußten Entfaltung seiner Größe so «praktisch» geworden zu sein, daß es den größten Dramatiker der Welt geboren zu haben — durch die Deutschen erfahren mußte!» Das ist in einem solchen Geiste wie Carneri nicht irgendein Chauvinismus, das ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem deutsch-germanischen Wesen; aus Erkenntnis heraus ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das gerade aus tiefer Erkenntnis heraus erwächst, und das sich nicht gestatten will, in der Welt aufzutreten und das in Anspruch zu nehmen, was es in Anspruch nehmen darf, bevor es sich rechtfertigen kann vor der gesamten Mission der Erdenmenschheit. Das ist etwas, was, ob es nun in Deutschland, ob es in Österreich gesprochen wird, wenig Verständnis finden kann bei den anderen, weil es im Grunde genommen gerade die nationale Auffassung des spezifischen Deutschtums ist.
[ 38 ] In bezug auf Österreich aber habe ich Ihnen, wie ich glaube, mehr als es beschreibende Worte können, etwas von dem Österreichertum dadurch charakterisiert, daß ich einiges von lebendigen Menschen zeigte. Und ich hoffe, das Österreichertum in diesen lebendigen Menschen so getroffen zu haben, daß durch die Anschauung dieser lebendigen Menschen die Überzeugung entstehen kann, daß dieses Österreich nicht nur ein zusammengewürfeltes Mannigfaltiges ist, das durch irgendeine Willkür zusammengetragen ist, sondern daß es einer inneren Notwendigkeit entspricht. Die Menschen, die ich Ihnen anzuführen versuchte, sie beweisen das. Und sie beweisen das, meine ich, dadurch, daß man von ihnen als von tief denkenden, aus tiefem Temperament heraus sich eine Weltanschauung oder eine Kunst suchenden Seelen heraus sagen kann, was auf einem anderen Gebiete und in anderer Beziehung gesagt worden ist mit Bezug auf den österreichischen Feldmarschall Radetzky. Man hat mit Bezug auf den österreichischen Feldmarschall Radetzky einmal das Wort gesagt, das dann geflügelt worden ist: «In deinem Lager ist Österreich!» Ich glaube, man kann das Wort erweitern und von solchen Menschen, wie ich sie Ihnen zu deuten versuchte, sagen, indem man damit zeigt, daß in suchenden Seelen Österreich lebt, Österreich lebt wie etwas, das sie als eine Notwendigkeit empfinden: «In ihren Gedanken lebt Osterreich!» Und ich glaube, es lebt Österreich auf eine lebendige Art.
