Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben
GA 65
9 Dezember 1915, Berlin
3. Bilder aus Osterreichs Geistesleben im neunzehnten Jahrhundert
[ 1 ] Betrachten Sie dasjenige, was den Gegenstand des heutigen Vortrages bilden soll, nur wie eine Einschaltung in die Vortragsfolge dieses Winters. Sie rechtfertigt sich vielleicht eben gerade aus unserer schicksaltragenden Zeit heraus, in welcher die beiden mitteleuropäischen Reiche so eng miteinander verbunden den großen Forderungen des geschichtlichen Werdens in unserer Gegenwart und für die Zukunft entgegengehen müssen. Auch glaube ich mich berechtigt, einiges zu sagen gerade über das Geistesleben Österreichs, da ich ja bis gegen mein dreißigstes Jahr hin mein Leben in Österreich zugebracht habe und von den verschiedensten Seiten nicht nur Gelegenheit, sondern die Notwendigkeit hatte, in das österreichische Geistesleben mich vollständig hineinzufinden. Andererseits darf gesagt werden, daß dieses österreichische Geistesleben ganz besonders, ich möchte sagen, schwierig für die Ideen, den Begriff, für die Vorstellung des Außenstehenden zu fassen ist, und daß vielleicht unsere Zeit gerade es immer mehr und mehr notwendig machen wird, daß die Eigentümlichkeiten auch dieses österreichischen Geisteslebens einem größeren Kreise vor das seelische Auge treten. Nur werde ich nicht in der Lage sein, wegen der Kürze der Zeit, etwas anderes zu geben als, ich möchte sagen, zusammenhanglose Bilder, anspruchslose Bilder aus diesem österreichischen Geistesleben der verschiedensten Schichten; Bilder, die durchaus keinen Anspruch darauf machen sollen, wiederum ein vollständiges Bild zu geben, sondern die nur die eine oder andere Vorstellung bilden sollen, die etwa Verständnis suchen könnte für das, was jenseits des Inn und der Erzberge an Geistesleben vorhanden ist.
[ 2 ] Im Jahre 1861 trat ein außer seiner Heimat weniger genannter, dem österreichischen Geistesleben lebendig verwobener Philosoph, Robert Zimmermann, an der Wiener Universität sein Lehramt an, das er dann bis in die neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts hinein verwaltete, Er wirkte nicht nur geistig erweckend für viele, die durch die Philosophie auf ihrem Seelenwege geführt wurden, sondern er wirkte auch auf die Seelen derjenigen, die in Österreich zu lehren hatten, dadurch, daß er den Vorsitz hatte der Real- und Gymnasialschul-Prüfungskommission. Und er wirkte vor allen Dingen dadurch, daß er ein liebes, gütiges Herz hatte für alles dasjenige, was an aufstrebenden Persönlichkeiten vorhanden war; daß er ein verständnisvolles Eingehen hatte für alles, was sich überhaupt im geistigen Leben geltend machte. Als Robert Zimmermann im Jahre 1861 sein philosophisches Lehramt an der Wiener Universität antrat, sprach er in seiner akademischen Antrittsrede Worte, die einen Rückblick auf die Weltanschauungsentwickelung in Österreich im neunzehnten Jahrhundert geben. Sie zeigen in aller Kürze, was es dem Österreicher in diesem Jahrhundert schwierig machte, zu einer sich selber tragenden Weltanschauung zu kommen.
[ 3 ] Zimmermann sagt: «Jahrhundertelang war in diesem Lande der drückende Bann, der auf den Geistern lag, mehr als der Mangel an ursprünglicher Anlage imstande, ein selbständiges Aufblühen der Philosophie nicht nur, sondern auch den werktätigen Anschluß an die Bestrebungen anderer Deutschen zurückzuhalten. So lange die Wiener Hochschule zum größten Teil in Ordenshänden sich befand, herrschte in ihren philosophischen Hörsälen die mittelalterliche Scholastik; als sie mit dem Anbruch einer aufgeklärten Zeit ungefähr nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts in weltliche Leitung überging, machte das von obenher angeordnete Maßregelungs- und Bevormundungssystem der Lehrer, Lehren und Lehrbücher die unabhängige Entwickelung eines freien Gedankenganges unmöglich. Die Wolffsche Philosophie» — also etwas, was im übrigen Deutschland durch Kant überwunden war — «in Federscher Abschwächung mit wenigen Brocken englischen Skeptizismus versetzt, wurde die geistige Nahrung der wissensdurstigen Jugend Österreichs. Wer wie jener feingebildete Mönch von St. Michael in Wien nach Höherem Verlangen trug, hatte keine andere Wahl, als nach abgestreiftem Klosterkleid heimlich den Weg über die Grenze in Wielands gastfreundliche Freistätte zu suchen. Dieser Barnabitermönch, den die Welt unter dem bürgerlichen Namen Karl Leonhard Reinhold kennt, und jener Klagenfurter Herbert, der einstige Hausgenosse Schillers, sind die einzigen öffentlichen Zeugen für die Beteiligung der verschlossenen Geisterwelt diesseits des Inn und der Erzberge an dem gewaltigen Umschwung, von welchem gegen das Ende des verflossenen, des philosophischen Jahrhunderts, die Geister des jenseitigen Deutschland sich ergriffen fanden.»
[ 4 ] Man kann begreifen, daß ein Mann so spricht, der aus einem begeisterten Freiheitssinn heraus an der Achtundvierziger-Bewegung sich beteiligt hatte, der dann in einer vollständig unabhängigen Weise gedachte, sein philosophisches Lehramt auszufüllen. Man kann sich aber auch fragen: Ist nicht vielleicht dieses Bild, das der Philosoph da fast in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zeichnet, doch von einigem Pessimismus, einiger Schwarzseherei gefärbt? Diese Schwarzseherei tritt bei dem Österreicher leicht ein, wenn er sein eigenes Land beurteilt, durch die Aufgaben, die gerade Österreich zugewachsen sind dadurch, daß sich das Reich durch die historischen Notwendigkeiten — ich sage ausdrücklich: durch die historischen Notwendigkeiten — aus einem vielgestaltigen, vielsprachigen Völkergemisch zusammensetzen und seine Aufgaben innerhalb dieses vielsprachigen Völkergemisches finden mußte. Und wenn man vielleicht gerade aus gutem österreichischem Bewußtsein heraus eine solche Frage stellt, da kommen einem allerlei andere Vorstellungen in den Sinn.
[ 5 ] Da kann man dann zum Beispiel an einen deutschen österreichischen Dichter denken, der so recht ein Kind der österreichischen, sogar der südösterreichischen Berge ist; ein Kind des Kärntnerlandes, das oben hoch in den Kärntnerbergen geboren ist und durch einen inneren geistigen Drang sich bewogen fühlte, herunterzusteigen in die Bildungsstätten. Ich meine den außerordentlich bedeutenden Dichter Fercher von Steinwand,. Unter Fercher von Steinwands Dichtungen finden sich nun sehr merkwürdige Darbietungen. Nur eine einzige Probe möchte ich als ein Bild für dieses österreichische Geistesleben vor Ihre Seelen stellen, als ein Bild, welches sogleich wachrufen kann etwas von dem, wie der Österreicher aus seinem innersten, ursprünglichsten, elementarsten Geistesdrang heraus mit gewissen Zeitideen zusammenhängen kann. Fercher von Steinwand, der so wunderbare «Deutsche Klänge aus Österreich» zu dichten verstand, der aus so innigem Gemüt heraus alles zu gestalten verstand, was Menschenseelen bewegt und bewegen kann, er wußte sich auch zu erheben mit seiner Dichtung in die Höhen, wo der Menschengeist zu erfassen versucht, was im innersten Weltenweben lebt und wirkt. So zum Beispiel in einem Gedicht, das lang ist, von dem ich aber nur den Anfang vorlesen will, und das da heißt: «Chor der Urtriebe.»
In den unbegrenzten Breiten,
Unsrer alten Mutter Nacht,
Horch - da scheint mit sich zu streiten
Die geheimnisvollste Macht!
Hören wir die Ahnung schreiten?
Ist die Sehnsucht aufgewacht?
Ward ein Geistesblitz entfacht?
Gleiten Träume durch die Weiten?
Wie sich an Kräften die Kräfte berauschen,
Seliges Tauschen!
Plötzliches Eilen,
Stilles Verweilen,
Schwelgendes Lauschen
Wechselt mit Winken
Staunenden Bangens!
Reiz des Erlangens
Steigt, um zu sinken,
Sinkt, um zu hassen,
Weiß vor dem blassen
Bild des Umfangens
Haß nicht zu fassen.
Dunkle Verzweigungen
Sprießender Neigungen
Suchen nach Ranken.
Schwere Gedanken
Dämmern und wanken
Über den Weiten,
Scheinen zu raten
Oder zu leiten.
Was sie bereiten,
Sind es die Saaten
Riesiger Taten,
Strahlender Zeiten?
Wer das Erwühlte
Schöpferisch fühlte!
Wer es durchirrte,
Selig genießend,
Oder entwirrte,
Hohes erschließend!
Droben bewegt sich’s wie Geisterumarmung,
Wir in Erwarmung,
Wir auch gewinnen,
Suchen und sinnen,
Seh’n uns gehoben,
Höchstem Beginnen
Glücklich verwoben.
Die uns umwehen,
In uns erstehen:
»Ihr seid’s, Ideen! —»
[ 6 ] Der Dichter sieht, da er sich zu vertiefen sucht in den «Chor der Urtriebe», die weltschöpferisch sind, wie Ideen zu ihm kommen. Zu jener Welt gerade sucht er sich aufzuschwingen, die gelebt hat in den Geistern, von denen ich mir gestattete, in der vorigen Woche zu sprechen, in Fichte, Schelling und Hegel. Wir fragen uns aber vielleicht, wie konnte in Fercher von Steinwands Seele jenes innige Band gewoben werden, das ihn doch verknüpfen mußte - und es hat ihn wirklich verknüpft — zwischen dem Drang seiner Seele, der erwachte in dem einfachen Bauernbuben aus den kärntnerischen Bergen, und zwischen dem, was in der Blüte deutscher Weltanschauungsentwickelung die größten idealistischen Philosophen von ihrem Gesichtspunkte aus zu erstreben suchen. Und da fragen wir denn: Wo konnte Fercher von Steinwand das finden, da nach Robert Zimmermanns Worten Schiller, Fichte, Hegel in Österreich gerade in der Jugendzeit Fercher von Steinwands — er ist geboren 1828 — nicht vorgetragen wurden, da sie gerade in seiner Jugendzeit dort zu den verbotenen Früchten gehörten? Aber die Wahrheit, sie dringt überall durch. Als Fercher von Steinwand das Gymnasium absolviert hatte und, mit seinem Gymnasialzeugnis ausgerüstet, nach Graz, nach der Universität Graz ging, da ließ er sich in Vorlesungen einschreiben. Und da war eine Vorlesung, die gerade der ihn aufnehmende Dozent in Naturrecht las. Er ließ sich in das Naturrecht einschreiben und konnte natürlich hoffen, daß er da viel von allerlei Begriffen und Ideen über die Rechte hören werde, die dem Menschen von der Natur angeboren sind, und so weiter. Aber siehe da! Unter dem anspruchslosen Titel «Naturrecht» sprach der gute Edlauer, der Grazer Universitätsprofessor, der Jurist, das ganze Semester hindurch von nichts anderem als von Fichte, Schelling und Hegel. Und so machte denn Fercher von Steinwand seinen Kursus Fichte, Schelling, Hegel in dieser Zeit durch, ganz unabhängig von dem, was man nach einer äußerlichen Auffassung des österreichischen Geisteslebens für verboten halten konnte, was vielleicht auch wirklich verboten war. Ganz unabhängig davon, was sich an der Oberfläche abspielte, lebte sich also in diesen Zusammenhang mit höchstem geistigen Streben eine Persönlichkeit ein, die da nach einem Weg in die geistigen Welten suchte.
[ 7 ] Nun, gerade wenn man sich einläßt darauf, solchen Weg eines Österreichers zu verfolgen in die geistigen Welten hinein, so muß man berücksichtigen — wie gesagt, ich will nichts begründen, sondern nur Bilder geben -, daß die ganze Artung dieses Österreichischen Geisteslebens viele, viele Rätsel demjenigen bietet — ja, ich kann nicht anders sagen -, der nach einer Lösung von Rätseln sucht. Wer aber gerne betrachtet, wo Gegensätze so nebeneinander stehen in den menschlichen Seelen, der wird manches außerordentlich Bedeutungsvolle gerade an der Seele des Österreichers finden. Schwieriger als in anderen Gegenden, zum Beispiel in deutschen, hat es der österreichische Deutsche, sich heraufzuarbeiten, ich möchte sagen, nicht so sehr in die Bildung, sondern in die Handhabung der Bildung, in das Mitmachen der Bildung. Mag es pedantisch ausschauen, aber ich muß es doch sagen: es ist schwierig gemacht dem Österreicher schon durch die Sprache, so mitzutun in der Handhabung seines geistigen Lebens. Denn dem Österreicher ist es außerordentlich schwierig, so zu reden, wie etwa die Reichsdeutschen sprechen. Er wird sehr leicht in Versuchung kommen, alle kurzen Vokale lang, alle langen Vokale kurz zu sagen. Er wird sehr häufig in die Lage kommen, der «Son» und die «Sohne» zu sagen, statt der «Sohn» und die «Sonne». Woher kommt so etwas? Das kommt daher, daß das österreichische Geistesleben notwendig macht — es soll nicht kritisiert, sondern nur beschrieben werden -, daß derjenige, der sich, ich möchte sagen, aus dem Mutterboden des Volkslebens heraufarbeitet in eine gewisse Bildungs- und Geistessphäre, einen Sprung über einen Abgrund zu machen hat — aus der Sprache seines Volkes in die Sprache der gebildeten Welt hinein. Und da gibt ihm natürlich nur die Schule die Handhabe. Die Mundart sagt überall richtig; die Mundart wird nichts anderes sagen als: Der «Suun», recht lang, für der «Sohn», D’«Sun», ganz kurz, für die «Sonne». Aber in der Schule wird es einem schwierig, sich hineinzufinden in die Sprache, die nun, um die Bildung zu handhaben, erlernt werden muß. Und dieses Überspringen des Abgrundes, das bewirkt es, daß es eine eigene Schulsprache gibt. Diese Schulsprache ist es, nicht irgendeine Mundart, die überall verleitet, die langen Vokale kurz und die kurzen Vokale lang zu sprechen. Daraus ersehen Sie, daß man im Geistesleben drinnenstehend schon überall eine Kluft hat gegenüber dem Volkstum. Aber dieses Volkstum wurzelt wiederum so tief bedeutsam, nicht so sehr vielleicht in eines jeden Bewußtsein, sondern, man möchte sagen, in eines jeden Blut, so daß innerlich erlebt wird die angedeutete Kraft, und sogar in bedeutsamer, tief in die Seele einschneidender Weise erlebt werden kann. Und da kommen dann Erscheinungen zutage, die ganz besonders wichtig sind für den, der betrachten will das Hineinstellen des österreichischen höheren Geisteslebens in das Geistesleben des österreichischen Volkstums und den Zusammenhang zwischen beiden. Indem sich der Österreicher in die Bildungssphäre heraufarbeitet, wird er, ich möchte sagen, auch in bezug auf manche Prägung des Gedankens, manche Prägung der Ideen in eine Sphäre gehoben, so daß wirklich eine Kluft ist zum Volkstum hin. Und da kommt dann das zustande, daß mehr, als es sonst der Fall ist, nach dem Volkstume - gerade in dem Österreicher, der sich in das Geistesleben hineingefunden hat - etwas entsteht von einem Sich-hingezogenFühlen zum Volkstum, das nicht ist ein Heimweh nach etwas, was man erst vor kurzer Zeit verlassen hat, sondern ein Heimweh nach etwas, von dem einen doch in gewisser Beziehung eine Kluft trennt, demgegenüber man aber nicht umhin kann, aus dem Blut heraus, es zu erschaffen, sich hineinzufinden.
[ 8 ] Und nun denken wir uns zum Beispiel einen Geist — und er kann für das österreichische Geistesleben ganz typisch sein —, der durchgemacht hat, was ihm bieten konnte eine österreichische wissenschaftliche Bildung. Er lebt nun darinnen. Er ist in einer gewissen Weise durch diese wissenschaftliche Bildung getrennt von etwas, das er eben nicht mit gewöhnlichem, sondern mit einem viel tieferen Heimweh erreichen kann, von seinem Volkstum. Dann tritt auch unter Umständen so etwas auf wie ein inneres Erleben der Seele, in dem sich diese Seele sagt: Ich habe mich in etwas hineingelebt, das ich ja anschauen kann mit den Begriffen, mit den Ideen, das von dem Standpunkte der Intelligenz aus gewiß mich da oder dort hinführt, um die Welt zu verstehen und das Leben im Zusammenhang mit der Welt zu verstehen; aber da gibt es jenseits eines Abgrundes etwas wie eine Volksphilosophie. Wie ist doch diese Volksphilosophie? Wie lebt sie in denen, die nichts wissen und auch gar keine Sehnsucht haben, etwas zu wissen von dem, in das ich mich eingelebt habe? Wie schaut es da drüben, jenseits des Abgrundes, aus? — Ein Österreicher, in dem so lebendig geworden ist dieses Heimweh, das viel tiefer ist, als es sonst auftreten kann, dieses Heimweh nach dem Quell des Volkstums, aus dem man herausgewachsen ist, ein solcher Österreicher ist Joseph Misson.
[ 9 ] Misson, der in seiner Jugend in einen Orden eintrat, nahm diejenige Bildung auf, auf die Robert Zimmermann hingewiesen hat, lebte in dieser Bildung und war in dieser Bildung auch tätig; er war Lehrer an den Gymnasien in Horn, in Krems, in Wien. Aber mitten in dieser Handhabung der Bildung entstand ihm, wie in einem inneren Seelenbild, durch die vertiefte Heimatliebe die Philosophie seines einfachen Bauernvolkes Niederösterreichs, aus dem er herausgewachsen ist. Und dieser Joseph Misson im Ordenskleid, der Gymnasiallehrer, der Lateinisch und Griechisch zu lehren hatte, vertiefte sich so in dieses sein Volkstum, wie aus der Erinnerung heraus, daß dieses Volkstum in einer lebendigen Weise dichterisch sich in ihm offenbart, so sich offenbart, daß dadurch eine der schönsten, der herrlichsten Dialekt-Dichtungen, die es überhaupt gibt, entstanden ist. Ich will nur, um Ihnen ein Bild vor die Seele zu malen, ein kleines Stück aus dieser Dialektdichtung vortragen, die 1850 nur zum Teil erschienen ist — sie ist dann nicht vollendet worden -, gerade dasjenige Stück, in dem Joseph Misson so recht die Lebensphilosophie des niederösterreichischen Bauern zur Darstellung bringt. Das Gedicht heißt: «Da Naaz,» - der Ignaz - «a niederösterreichischer Bauernbui, geht in d’ Fremd». Also, der Naaz ist herangewachsen im niederösterreichischen Bauernhaus, und er ist so weit, daß er nun seinen Weg in die Welt zu machen hat. Er muß Vater und Mutter, das elterliche Haus, verlassen. Da werden ihm die Lehren mitgegeben, die nun so recht eine Lebensphilosophie darstellen. Man muß nicht die einzelnen Grundsätze, die der Vater zu dem Buben sagt, nehmen, sondern man muß sie in ihrem geistigen Zusammenhang nehmen; wie da geredet wird über die Art und Weise, wie man sich zum Glück, wenn es kommt, zum Schicksal zu verhalten hat; wie man sich zu verhalten hat, wenn einem dieses oder jenes zustößt; wie man sich zu verhalten hat, wenn einem jemand Gutes tut; wie man sich zu verhalten hat zu freundlichen Leuten und wie zu denen, die einem Leids tun. Und ich möchte sagen: Dem, der seine philosophischen Studien durchmachte bis zu dem Grade, daß er vollständig Theologe geworden ist, dem geht jetzt diese Bauernphilosophie auf. — Der Vater sagt also zu dem Naaz, als der Naaz in d’ Fremd geht:
Aus dem ersten Gesang.
Lehr vo main Vodern auf d’Roas.
Naaz, iazn loos, töös, wos a ta so, töös sockt ta tai Voda.
Gootsnom, wails scho soo iis! und probiast tai Glück ö da Waiden.
Muis a da sogn töös, wo a da so, töös los der aa gsackt sai.
Ih unt tai Muida san olt und tahoam, woast as ee, schaut nix außa.
Was ma sih schint und rackert und plockt und obi ta scheert töös
Tuit ma für d’Kiner, wos tuit ma nöd olls, bolds’ nöd aus der Ort schlog’n! —
Iis ma aamol a preßhafts Leut und san schwari Zaiden,
Graif an s’am aa, ma fint töös pai ortlinga rechtschoffan Kinern,
Gern untern Orm, auf taas mer d’Ergiibnus laichter daschwingan. —
Keert öppa s Glück pal dia ai, soo leeb nöd alla Kawallaa,
Plaib pain ann gleicha, Mittelstroß goldas Moß, nöd üwa t’Schnua haun.
S’ Glück iis ja kugelrund, kugelt so laicht wida toni wia zuuaha.
Geets owa gfalt und passiat der an Unglück, socks nöd ön Leuden.
Tui nix taglaicha, loß s goa nöd mirka, sai nöd goa zu kloanlaud.
Klock’s unsan Heagoot, pitt’en, ih so ders, er mochts wida pessa!
Mocka’r und hocka’r und pfnotten und trenzen mit den kimt nix außa.
Kopfhängad, grod ols won amt’ Heana s Prot häden gfressa:
Töös mochts schlimmi nöd guit, gidanka’r ös Guidi no pessa!
Schau auf tai Soch, wost miit host, denk a wenk füri aufs künfti!
Schenkt ta w’ea wos, so gspraiz ti nöd, nimms und so dafüa: gelts Goot!
Schau Naaz, mirk ta dos fai: weng da Höflikeit iis no koans gstroft woan! —
Holt ti nea ritterla, Fremd zügelt t’Leud, is a Sprichwoat, a Worwoat.
Los tino glai ö koan Gspül ai, keer di nöd fainl nochn Tonzplotz.
Los ta ka Koatn nöd aufschlogn, suich da tai Glück nöd in Trambuich.
Gengan zween Wö unt tor oani is naich, so gee du en olden.
Geer oana schips, wos aa Öftas iis, so gee du en groden —
Schau auf tain Gsund, ta Gsund iis pai olln no allwail tos Pessa.
So mer, wos hattenn aa Oans auf da Welt, sobolds nöd ön Gsund hod?
-----
Kimst a mol hahm und tu findst ö ten Stübl uns oldi Leud nimma,
Oft samma zebn, wo tai Aeln und Aanl mit Freuden uns gewoaten,
Unsari Guittäter finten und unsa vastoabani Freundschoft!
Olli, sö kenan uns glai - und töös, Naaz, töös is dos Schöner!
Wiedergabe:
Eine Lehre von meinem Vater für die Wanderschaft
Ignaz, nun höre zu, das, was ich dir sage, das sagt dir dein Vater.
In Gottes Namen, weil es doch so sein muß, und du dein Glück in der weiten Welt versuchen sollst,
Deshalb muß ich dir das sagen, und was ich dir sage, das beherzige wohl.
Ich und deine Mutter sind alt und zu Hause geblieben; du weißt, dabei kommt nichts heraus.
Man schindet sich viel, müht sich ab, arbeitet hart und schwächt sich sorgend durch Arbeit
Man tut dies den Kindern zu Liebe; was möchte man nicht alles tun, sobald sie nicht auf falsche Wege geraten.
Ist man später schwach und kränklich geworden, und kommen schwere Zeiten
Springen sie uns auch liebevoll, man findet solches bei ordentlichen, rechtschaffenen Kindern,
Helfend bei, damit man eine Erleichterung habe, zu leisten, was der Staat und das Leben verlangen.
Sollte etwa das Glück bei dir einkehren, so leb nicht wie ein Kavalier.
Bleibe so, wie du warst, bei dem goldenen Maß der Mittelstraße, weiche nicht ab von dem rechten Lebenswege.
Das Glück ist rund wie eine Kugel; es rollt ebenso leicht von uns weg, wie zu uns.
Gelingt etwas nicht, oder trifft dich ein Unglück, so sprich davon nicht zu den Menschen.
Bleib’ gelassen; lasse dir nichts anmerken; sei nicht kleinmütig;
Klage alles nur Gott; bitte ihn; ich sage dir, er macht alles wieder besser!
Bekümmert tun, sich zurückziehn, saure Gesichter machen, weinerlich sein: dadurch wird nichts erreicht. |
Den Kopf hängen lassen, als ob einem die Hühner das Brot weggegessen hätten:
Das bessert nichts Schlimmes, geschweige denn macht es das Gute noch besser!
Bewahre deinen Besitz, den du mit dir nimmst; sorge ein wenig für die Zukunft.
Schenkt dir jemand etwas, so nimm es, ohne dich zu zieren, und sage dafür: vergelte es Gott! —
Beachte, Ignaz; und erinnere dich daran wohl: der Höflichkeit wegen ist noch niemand bestraft worden! —
Zeige dich nicht widerborstig, die Fremde macht den Menschen bescheiden; dies ist ein Sprichwort und ein Wahrwort.
Lasse dich nicht zum Spielen verführen; mache dir nicht zu viel aus dem Tanzplatz.
Lasse dir nicht die Karten legen; und suche dein Schicksal nicht nach dem Traumbuch.
Gehen zwei Wege, und einer ist neu, so gehe du den alten,
Geht einer ungerade, was des öfteren ist, so gehe du den geraden.
Behüte deine Gesundheit; die Gesundheit ist von allen Gütern das bessere.
Gestehe mir doch zu: was besitzt man in der Welt wirklich, wenn man nicht die Gesundheit hat?
-----
Kommst du einst nach Hause, und findest du uns alte Leute nicht mehr in diesem Stübchen,
Dann sind wir da, wo dein Großvater und deine Großmutter in Freuden uns erwarten,
Wo uns unsere Wohltäter finden und unsere verstorbenen Verwandten.
Alle werden uns sogleich wiedererkennen - und dies, Ignaz, ist etwas sehr Schönes.
Nun heißt es -:
Aus dem zweiten Gesang.
Wia da Naaz dos väterlichi Haus verloßt und ihm saini olden Laid s’Gloat geben.
Vodar und Muidar iazt sa -n -ih: «Gelts Goot, für ols, wos ma hopts Guids ton,
Wünsch enk recht herzlih, taß nah long lepts und aa tabei gsund plaibts!»
«Wos Goot will», sockt ’Muida und wischt min Fürtazipf ’Aung aus,
«Ruift und ta Hea vo tera Wöld 0, so samma jo gfoßt trauf.
Mänichen Menschen iis früaher aufgsetzt und mänichen späder,
Ih unt tai Voda, mir petten, Naaz, taß ta koan Unglück nöd zuisteßt.
Gengan a Neichtli mit tia und bigloaten dih pis zu da Moata; Pist amol z Piasenrait, keerst pai da Moam ai, fintst schon an Aufnom,
Richst olles Schöni aus, Naaz, und lossens aa vili mol grüaßen;
Kons amol a kemma, wirds uns aa rechtschaffa gfreun, wons uns hoamsuicht!»
Sockt das alt Muiderl und bint ihm an Guglhupf, Baudexen und aa
Noh dazui an Scherzen wais Prot in a neugwaschas Tüachel.
Hoamlih gibt’s ihm noh in an Popierl drei spannaichi Zwoanzka.
Extra gibt ihm da Vada an Zwieguldner, mehr kon a nöd gebn.
«S’Geld, Naaz, is pai uns Piglem nimm valiab midn Willn, Naaz.»
Ee t'Tür aufgeet, schaut da Naaz und pitracht sih noh’s Stübl,
«Main!» sockt !'Muida, «töös iis a schlims Zoachar ols säächast as nimmer!»
Glängt mit zween Fingern ös Waihprunkesterl, wos glaih pai da Tür hängt:
«Gootsnom!» sockt Muida, macht eam a Kreuz aufn Hirn midn Damar — unt gengan
-----
«Jazn is’s Ernst, Naaz, iaz pfiat dih Goot, schau daß da guit geet, Naaz!
Los a zu Zaiden was hörn, auf daas ma doh gleiwel aa wissen,
Wia oder wonn oder wos oder gsezter wais daaß da wos faalat. Kimst über t Graanitz, nim noh früaher a Schmutzerl vol Erten
Trinks in an gwasserten Wai, es hilft für die ungrische Krongat!»
Pfiaten sih nohmol und nohmol und gengan pitrüabt ausanonda.
Hunotmal klöckt nöd, schaun sa sih um und winkan min Hänten.
«Schau auf tai Aufweising», schreit noh da Voda von waiden, «valoi’s nöd!»
«Gee zu da Moam hin», schreit dos alt Muider], «mir grüaßens, vogiß nöd.»
Wiedergabe:
Wie Ignaz das väterliche Haus verläßt und seine Eltern ihm das Geleit geben
Vater und Mutter, nun sage ich Vergelts Gott, für alles was ihr mir Gutes getan habt,
Ich wünsche euch von Herzen, daß ihr noch lange lebt und dabei gesund bleibt.
Wie Gott will, sagt die Mutter und wischt sich die Augen mit dem Tuchzipfel aus,
Ruft uns der Herr aus der Welt ab, so sind wir darauf gefaßt.
Manchen Menschen ist es früher aufgegeben und manchen später.
Ich und dein Vater beten, Ignaz, daß dir kein Unglück zustößt.
Wir gehen noch ein Stück Weg mit dir und begleiten dich bis zum Muttergottesbild.
Bist du erst einmal in Piasenrait, so kehre bei der Muhme ein, dort findest du sicher Aufnahme.
Bestelle ihr alles Schöne, Ignaz, wir lassen sie auch vielmals grüßen,
Wenn sie einmal kommen kann, wird es uns wirklich freuen, wenn sie uns besucht,
So spricht das alte Mütterchen und bindet ihm einen Napfkuchen, Backwerk und auch dazu noch einen Kanten Weißbrot in ein frischgewaschenes 'Tüchlein.
Heimlich gibt sie ihm noch, in Papier gewickelt, drei glänzend neue Zwanziger.
Der Vater gibt ihm ein Zwei-Gulden-Stück, mehr kann er nicht geben.
Das Geld ist bei uns knapp, Ignaz, nimm mit dem guten Willen vorlieb.
Bevor die Tür aufgeht, schaut sich Ignaz um und betrachtet noch einmal das Stübchen.
O weh, sagt die Mutter, das ist ein schlimmes Zeichen, so als sähest du’s nie wieder,
Langt mit zwei Fingern ins Weihwasserkesselchen, das neben der Tür hängt.
In Gottes Namen, sagt die Mutter und macht ihm ein Kreuz auf die Stirn mit dem Daumen — und sie gehen.
Jetzt wird es Ernst, Ignaz, nun behüte dich Gott, laß es dir gut gehen, Ignaz,
Laß auch von Zeit zu Zeit von dir hören, damit wir auch immer wissen, wie es dir geht oder ob dir was fehlt.
Wenn du über Graanitz* kommst, nimm vorher eine Handvoll Erde,
Österreichisch für: Grenze. Trink das in verdünntem Wein, es hilft gegen das Fieber.
Sie sagen sich Behüte dich, noch einmal und noch einmal, und gehen betrübt auseinander.
Hundertmal reicht nicht, daß sie sich umschauen und mit den Händen winken.
Achte auf deinen Ausweis, ruft der Vater noch von weitem, verlier ihn nicht.
Geh zu der Muhme hin, ruft das alte Mütterchen, wir lassen sie grüßen, vergiß das nicht.
[ 10 ] Die ganze Philosophie des Bauernvolkes taucht da vor dem Ordensmann auf, und so lebendig, daß man sieht, wie innig er damit verwachsen ist. Aber mit noch etwas anderem ist er verwachsen: mit demjenigen, was so gründlich zusammenhängt mit dem österreichischen Charakter, mit dem Charakter des österreichisch-deutschen Bauerntums in den Alpen: mit der unmittelbar urwüchsigen Naturanschauung, die aus dem unmittelbarsten Zusammenleben mit der Natur heraus ist. Dem, was da in Joseph Misson wieder lebendig wird, verdankt man die Schilderung eines Gewitters. Anschaulich wird da geschildert, wie der Naaz nun reist und wie er an einen Platz kommt, wo Heideschafe weiden, die ein Hirte, den man dort einen Holdar nennt, genau zu beobachten weiß: wie sie sich benehmen, wenn ein Gewitter kommt. Nun sagt er sich selber, was er da sieht:
Wia’n Naaz a Wöder dawischt unt er sih nöt aus untnöd ein woaß.
«Oans», sockt a, «töös», sockt a, «setz dir iazt fest und teng dir wo’st ausroast»
Geet auf ’Hoad und schaut - iaz mochts auf oamol an Dunnrer!
Gleich trauf wida’r - und wia romaats über t Beringer umi.
Purrt und saust waitmächti in Holz trinat, daß’s völli aus iis!
«No, woo dos ausloßt, unsar Heagoot sai eane gnädii!»
Sockt drauf da Holdar, nimmt sain Gebernitz um und «wanns nur»,
Sockt er und schaut auf die Guirkan, «wanns nur nöd eppa’r an Schaur hod!»
«So, wia mir zimt», so sockt er, «so san zwoa Wödarn painander.» (Dieses Zusammenströmen von zwei Gewittern ist nun anschaulich geschildert.)
Und ta Hund reckt t Goschn int Höh und schmöckt wia da Luft geet.
Zoigt’ ön Schwoaf ain, geet droaf ruhi zum Holdar - unt guscht sih.
Jazn is’s still und schwül und s Laab töös zidat in Poman.
T Vögel t schloifan in t"Nöster unt t’Schoof dee stenkat die Köpf zsom.
Wiedergabe:
Wie der Ignaz in ein Wetter gerät und nicht aus noch ein weiß
Hör einmal, sagt er sich, setz dir jetzt und denk dir aus, welchen Weg du nimmst.
Er geht auf die Heide und schaut — auf einmal kracht ein Donner,
Gleich darauf wieder, und wie es rumort über die Berge hinüber!
Es knarrt und saust gewaltig im Holze, als ob’s völlig aus sei.
Na, wen das trifft, dem sei der Herrgott gnädig,
Sagt sich da der Bursche, nimmt seinen Mantel um und sagt,
Wie er nach den Wolken schaut, wenn es nur nicht etwa noch regnet.
Wie mir scheint, sagt er, sind zwei Gewitter durcheinander.
Und der Hund streckt die Schnauze in die Höhe und schnuppert, wie die Luft weht,
zieht den Schwanz ein, geht darauf still zum Burschen und legt sich neben ihn.
Jetzt ist es still und schwül, und das Laub zittert in den Bäumen,
Die Vögel schlafen in den Nestern, und die Schafe stecken die Köpfe zusammen.
[ 11 ] Das macht er sich alles gegenwärtig, der gute Naaz, und dann sagt der Dichter, der beschrieben hat mittlerweile, wie der Naaz in «a Lucka» - in eine Felsenhöhle, eine Steinhöhle — hineingegangen ist. Er wartet dort, bis das Schlimmste vorüber ist. Dann hängt er seine Stiefel auf die andere Achsel und geht wieder weiter. Aber das Abenteuer mit dem Wetter ist noch nicht aus. Der Naaz kommt an ein Bächelchen; das ist selbstverständlich angeschwollen von dem Wetter. Der Naaz sieht das:
«Schaut wia’ra Nor, tös Bachl is gros, iazt kon a nid umi! —
Töös owa», sockt a, «wiat toh wos sain? iozt kann ik nid umi!»
Er schaut wie ein Narr, der Bach ist zu groß, jetzt kann er nicht hinüber.
Aber so etwas, sagt er, was soll das sein? Jetzt kann ich nicht hinüber!
[ 12 ] Nun, in einer solchen Weise wollte Misson, dieser wirklich aus der Tiefe des Volkstums heraus schaffende Mensch, die Gestalt des Naaz verkörpern. Wenn man gerade eine solche Gestalt nimmt, so sieht man, wie tief, tief in den unterbewußten Seelenfächern, könnte ich sagen, das österreichische Volkstum sitzt bei denjenigen Seelen, die sich auch hinaufgearbeitet haben in eine hohe Bildungssphäre, Und man sieht an einem solchen Beispiel, was aus dem Volkstum bleibt für die Seele in die höhere Bildungssphäre hinauf, wenn man dieses österreichische Volkstum betrachtet,
[ 13 ] Man muß sagen: Mystiker, so etwa in dem Sinne, daß die menschliche Seele so recht die Vertiefung in das Innenleben, so recht sich klar zu werden versucht, was da im Innern des Menschen lebt und webt, — solche Mystiker sind in Österreich nicht recht zu finden. Mystiker, die sich viel mit dem menschlichen Ich befassen, können dort nicht gedeihen. Dagegen in einer gewissen Weise die geheimnisvollen Naturmächte mehr als nur poetisch fühlen, ich möchte sagen, die Gnomen, die Kobolde, die Geister der Natur in ihrer Lebendigkeit fühlen, auch mit einem gewissen Humor, so daß man sich im rechten Augenblick nicht gezwungen fühlt, die volle Realität zuzugeben, sondern im Miterleben der Natur das, was in der Natur lebt und webt, als ein höheres Geistiges zu empfinden, — das ist wiederum österreichisch. Daher wird man Mystiker, die etwa Nachfolger von Eckhart, Johannes Tauler sein könnten, innerhalb des österreichisch-deutschen Volkstums nicht leicht finden können.
[ 14 ] Dagegen ist so recht eine österreichische Gestalt der merkwürdige Bauernphilosoph Conrad Deubler, der mitten in den Gebirgen drinnen, in Goisern, 1814 geboren, 1884 dort als Gastwirt gestorben ist, der durchaus ganz Bauer gewesen und geblieben ist; ein Mann aber, der die neueren Ideen des Darwinismus, die Entwickelungsgeschichte, so lebendig ergriffen hat, durchdrungen hat mit seinem Bauernverstand, mit einem gewissen, ich möchte sagen, kurz angebundenen Bauernverstand, — Conrad Deubler, ein solcher Philosoph konnte gedeihen; ein Philosoph, der sich nicht viel einließ auf weitschweifige Begründungen, sondern es gefiel ihm diese Lehre, und nun brachte er aus dem österreichischen Gemüt alles auf, was diese Lehre so plausibel erscheinen lassen konnte, Er brachte aus einem ursprünglichen, elementarischen Bauernverstand heraus eine, ich möchte sagen, ins österreichisch-bäuerische umgesetzte Darwinistische Auffassung zustande, durch die er in einem ausgiebigen Briefwechsel stehen konnte mit dem bedeutenden Theologen und Schriftsteller David Friedrich Strauß, mit Feuerbach, mit Ernst Haeckel und so weiter. Die ganze Weite des Naturbildes mit dem Verstande zu erfassen, liegt dieser österreichischen Seele eher, als sich etwa nur mystisch in das Innere zu vertiefen. Man findet deshalb im österreichischen Bauerntum einzelne Menschen, die jedes Kräutelchen im Gebirge kennen, die auch mit dem ganzen inneren Weben des Kräutelchens seelisch verbunden sind, die sich zum Beispiel auf solche Philosophen wie Ennemoser, wie Eckartshausen einlassen, die mehr in der ganzen Breite ein gewisses tieferes Naturbild geben wollen, die auch den Menschen in dieses Naturbild hineinstellen wollen. Aber man wird innerhalb dieses österreichischen Bauerntums und demjenigen, was aus diesem Bauerntum erwächst, nicht leicht einen reinen Mystiker finden, der sich auf Betrachtung der menschlichen Seele einläßt, mit Abwendung des Blickes von der äußeren Sinnenwelt. Denn das unmittelbare Zusammenhängen mit demjenigen, was auf die Sinne Eindruck macht, das ist es, was dem, der es sieht, das österreichische Gemüt charakterisiert im weitesten Umkreis, — das Sehen von mehr als Sinnlichem, aber das unmittelbare Sehen — das Sehen, was nicht nachzudenken braucht, jenes Sehen, das, ich möchte sagen, zuweilen den Verstand überspringt und unmittelbar in das Herz hineingeht.
[ 15 ] Daher kann man sagen, daß aus der österreichischen Poesie ein unmittelbares Zusammenklingen der Seele mit der Landschaft stattfindet, bisweilen in einer so schmerzbewegenden Weise, wie bei Lena; aber überhaupt dieses Aufgehen mit der ganzen Seele in dem, was unmittelbar von dem Menschen getan, was von ihm vollbracht werden kann, ohne daß es zusammenhängt mit der unmittelbaren Nützlichkeit, — das ist etwas, was zu den Gemütseigenschaften des Österreichers gehört.
[ 16 ] Ich möchte sagen, auf der einen Seite, diesseits der Leitha, hat man in den österreichischen Bergen, den österreichischen Gegenden etwas, was sich im Bilde darstellen läßt, wie ich es versuchte bei Joseph Misson. - Kommt man über die Leitha hinüber, jenseits hat man unmittelbar den Zusammenhang mit der weiten Natur in den ungarischen Heiden; aber man hat auch ein Zusammenleben mit dem, was im Sinnlichen, ich möchte sagen, geistig tönt, was das Sinnliche geistig so auszuschöpfen versucht, wie es sich nur ausschöpfen läßt. Derjenige, der selber einmal nach Ungarn hinübergekommen ist, eine ungarische Musikbande sich angehört hat mit alledem, was diese Leute von ihrer Seele hineinlegen in ihr so einfaches und so wunderbares Spiel, in dem dämonisch rast der Schmerz, dämonisch rast die Lust und das Ausgelassensein des Lebens zugleich, der versteht ein Gedicht wie das des Ungarn Szäz, das sich bezieht auf dieses unmittelbare Zusammenleben mit dem Sinnenfälligen, das aber geistig, tief geistig und seelisch empfun den wird:
Hör’, o hör’ der Geige Singen!
Wie sie klagt und wie sie weint;
In vier Saiten so viel Trauer,
So viel Schmerz und Gram vereint!Wie der Nachtigallen Flöten
In dem stillen schatt’gen Wald,
Wie an Mutters Grab das Schluchzen
Der verlass’nen Waise schallt.Hör’, o hör’ der Geige Klingen,
Acht’ auf ihrer Saiten Sang,
Wie’s auf ihnen wogt und braust
Beim Räköczi-SturmesklangDas ist Klage, das ist Trauer,
Die bedrückt und doch erhebt,
Die das Einst beweint, doch hoffend
Einer schönen Zukunft lebt.Horch, ein Fluch ertönt - und Schwerter
Mischen klirrend sich darein
Schlachtgetös’ - und alles, alles
Nur ein Fiedelbogen klein.Hör’, o hör’ der Geige Tönen,
Wie sie spornt und lacht und weint,
In vier Saiten solch’ Empfinden,
So viel Lust und Schmerz vereint! —
[ 17 ] Man muß schon hinschauen, um die einschlägigen Dinge zu verstehen, man muß schon hinschauen auf das innige Verwobensein der Sinne mit der Außenwelt, so daß die Sinne in ihrem Verwobensein mit der Außenwelt innerhalb des Sinnlichen das Geistige leichter erschauen, als wenn dieses Geistige intellektuell im Geiste aufwacht. Man kann sagen: Wenn es sich darum handelt, unmittelbar aus dem Herzen heraus ein Urteil zu fällen, Kritik oder Zustimmung zur Welt zu üben, so wird sich der Österreicher unter Umständen etwas zutrauen. Er wird sich auch, namentlich wenn er etwas gelernt hat, gerne in abstrakten Begriffen bewegen, er wird gerne etwas auf die Kultur des Kopfes geben, vor allen Dingen aber festgewurzelt sein wollen in der Kultur des Herzens. Aber der Weg vom Kopf zum Herzen, der Weg vom Herzen zum Kopfe, der ist halt gar so lang, und der ist gar so schwierig zu finden! Da bleibt man oftmals im Mittelpunkte leicht stehen!
[ 18 ] Es ist im gewissen Sinne doch recht charakteristisch, was zum Beispiel ein guter Kenner des Österreichertums, ein Zeitgenosse, über eine österreichische Persönlichkeit, den einstigen Wiener Burgtheater-Direktor Max Burckhard, sagte: daß nämlich bei diesem urösterreichischen Mann, Max Burckhard, trotz all seiner Energie das gerade das Charakteristische war, daß er sich niemals so recht dem Übergang vom Gefühl zum Verstand oder vom Verstand wiederum zum Gefühl unterziehen wollte. Beide wollte er so getrennt walten lassen. Während Max Burckhard Wiener Burgtheater-Direktor war, so erzählt Hermann Bahr, und im Burgtheater das von sehr vielen Leuten als besonders bedeutend angesehene Stück Wilbrandts «Der Meister von Palmyra» aufgeführt werden sollte, das ja für viele etwas ungeheuer Hochgeistiges ist, da wollte Burckhard nicht heran, das Stück aufzuführen. Er konnte nicht verstehen, warum man etwas so Bedeutendes darinnen sehe; er hat es immer abgelehnt. Da haben es wohlmeinende, das heißt, Wilbrandt und dem «Meister. von Palmyra» wohlmeinende Leute zustande gebracht, daß sich Burckhard wenigstens eingelassen hat darauf, in einer wirklich hohen Gesellschaft einer Vorlesung des «Meister von Palmyra» beizuwohnen. Er kannte das Stück selbstverständlich, aber es sollte ihm nicht vorgelesen werden, sondern es sollten alle die schönen, ästhetischen Stellen, die Abhandlungen auf ihn wirken, die die dazu eingeladenen wirklichen Professoren und Asthetiker über das Meisterhafte dieses Stückes vorzubringen hatten. Nun, Burckhard war wirklich ein recht gescheiter Mann, der, wenn es darauf ankam, dialektisch seinen Mann stellte und in die geistigen Ideen hineinkonnte. Er hörte sich das Stück an. Er hörte nicht nur die Vorträge der Ästhetiker und Professoren an, «wie aus den Tiefen der Menschnatur heraus hier etwas geschöpft sei, das in die höchsten Regionen des geistigen Lebens hineinweise». Er hörte auch, wie nach allen Kapiteln der Ästhetik die schönen Charakteristiken aufzufassen sind. Er schwieg. Er ließ sich nicht ein darauf, irgendwie diese Gedankengänge mitzumachen. Er konnte sie selbstverständlich begreifen. Ein Leichtes wäre es ihm geworden, die Sache zu widerlegen von seinem Standpunkte aus, sich einzulassen darauf. Bei einer anderen Gelegenheit würde er das vielleicht getan haben, sich einzulassen in weitschweifige Diskussionen über die Sache. Er blieb still, er sagte nichts. Da machten sich Damen, insbesondere die Frau des Hauses, an ihn heran: ob er denn nicht wenigstens sagen wollte, wie er sich verhielte zu all den geistreichen Ausführungen über eines der geistreichsten Stücke, die jemals geschrieben worden seien. Es sei doch Pflicht des Burgtheaters, das weltepochemachende Stück aufzuführen. Er ließ sich aber nicht auf eine Diskussion ein. Er sagte: «Ich führe es nicht auf!» Und warum? Warum? Man wollte von ihm jetzt hören, dem geistreichen Manne, wie er sich zu alle den stundenlang geistreich abgehandelten Dingen verhielte. Da sagte er bloß: «Weil’s a Holler ist!» — «A Holler» ist etwas, was in Österreich dasselbe bedeutet wie in Berlin «Quatsch». Aber auf eine Diskussion ließ er sich nicht ein. Das ist charakteristisch zu nehmen. Er verließ sich auf sein unmittelbares Herzensurteil, auf dasjenige, was ihm sein Gemüt sagte, und er fand es nicht notwendig, sich einzulassen in Erörterungen der Dialektik und so weiter; seine ganze Kritik war die, daß es ein «Holler» ist.
[ 19 ] Und so ist es interessant zu sehen eigentlich, wie in der Zeit, in welcher innerhalb des übrigen Gebietes deutschen Volkswesens die wunderbarsten, die herrlichsten Diskussionen über die Bedeutung, die Natur und das Wesen des Dramas gepflogen wurden, Diskussionen, an denen sich beteiligt haben auch Goethe und Schiller in einer so tiefgründigen Weise — ich meine namentlich Ende des achtzehnten Jahrhunderts, Anfang des neunzehnten Jahrhunderts —, wie sich in dieser Zeit auch in Österreich eine Diskussion über Ästhetik, über die Bedeutung und das Wesen des Dramas entzündete. Aber woran entzündete sich dort in Österreich die Diskussion über das Drama? In einer sehr merkwürdigen Weise entzündete sich in Österreich all dasjenige, was dort für und gegen diese Art und Weise vorgebracht worden ist; was innerhalb des Schiller-GoetheKreises und der weiteren Kreise des ganzen deutschen Geisteslebens in einer so bekannten tiefgründigen Weise aus dem Unsinnlichen des Geistes heraus diskutiert worden ist, das alles entzündete sich wiederum in Österreich auf eine ganz eigentümliche Weise, nämlich am Tanz. Über zwei Arten des Tanzes kam man im Beginn des neunzehnten Jahrhunderts dort in eine ganz energische, bedeutsame Diskussion hinein. Da hatte gewirkt um die Wende des Jahrhunderts als Meister des Tanzes Noverre; und sein Schüler war dann Muzzarelli. Muzzarelli vertrat einen Tanz, eine Tanzart, bei der es hauptsächlich darauf ankam, schöne Bewegungen, künstliche Bewegungen zu machen, künstliche Bewegungen durch ihre Linien ineinander zu verschlingen, wo also das äußere Raumesbild des Sichdarbietens in Betracht gezogen wurde. Nun trat im Beginn des neunzehnten Jahrhunderts ein Gegner dieser 'Tanzform, Salvatore Vigano, auf. Und für diese Tanzform des Salvatore Vigano, dessen Frau namentlich in meisterhafter Weise die von ihm vertretene Tanzform tanzte, machte man, was für eine andere Tanzform nicht gilt, ganze Texte. Ganze Geschichten, ganze Erzählungen wurden umgekleidet in die Tanzform, so daß in den Situationen, in den Gebärden, in der Ausdrucksform, Geschehendes, zu erzählender Inhalt, zum Ausdruck gebracht wurde. Und nun soll man sich nur : einmal vertiefen, was für weitgehende, die Leidenschaften aufwühlenden Diskussionen sich entsponnen haben darüber, welcher Tanz nun künstlerisch der richtige ist.
[ 20 ] Da war der schon damals alt gewordene österreichische Dramatiker Ayrenhoff, der Verfasser einer großen Anzahl von Stücken, der ganz auf der Seite des Muzzarelli-Tanzes stand, der sich in der ablehnendsten Weise gegen Salvatore Vigano aussprach und gegen das Unmögliche, daß man in so unkeuscher Weise inneres Fühlen durch den Tanz zum Ausdruck brachte. Daß man sogar ganze Stücke, wie «Richard Löwenherz» oder wie «Die Tochter der Luft», hertanzen wollte, konnte Ayrenhoff nicht begreifen. Ayrenhoff hatte eben — und das ist das Eigentümliche in dieser Zeit für das damalige Österreichertum - sich herangebildet in Anschauung der schönen Form, des Linienschwunges, und auch seine Dramen waren nach dieser Art aufgebaut. Schwung der Linien in der Darstellung der Charaktere, darauf sehen, wie sich auflöst irgendeine Situation in einen Witz, oder das Übergehen einer Situation in einen Witz, darauf kam es an. Auf diese außerordentlichen Formen kam es an. Das sah er nun auch in dem Tanze des Muzzarelli. Und er war ein für die damalige Zeit für Österreich bedeutender Dichter. Seine Bedeutung kann schon daraus hervorgehen, daß er von Friedrich dem Großen, der sich sonst auf die damalige deutsche Literatur nicht einließ, außerordentlich anerkannt wurde. Und «Die Postkutsche», ein Lustspiel von Ayrenhoff, nannte Friedrich der Große «das beste Lustspiel, das überhaupt geschrieben ist außer den Lustspielen des Moliere». Ja, Friedrich der Große ging so weit, daß er sich einmal bei einer Parade den Feldmarschall-Leutnant - denn das war Ayrenhoff und zugleich Dichter - zeigen ließ, weil er, Friedrich der Große, sich so für ihn interessierte.
[ 21 ] Auf der anderen Seite, auf der Seite Viganos, stand nun Heinrich Joseph von Collin, der aus Belgien stammte; aber Belgien gehörte ja damals in gewissem Sinne zu Österreich. Er hat das Trauerspiel «Regulus» geschrieben, aber auch noch andere Stücke, Collin trat nun mit aller Begeisterung für den Ausdruck im Tanze ein. Und er richtete seine Dramen nun wiederum so ein, daß sie Innerliches in dem, was dargestellt wurde, zum Ausdruck brachten; daß es nicht so sehr ankam auf die Art und Weise, wie sich Situationen und Witze ablösten, auf die äußeren Formen, sondern darauf, daß das Innere der Menschennatur sich aussprach in dem, was über die Bühne ging. Und gerade Robert Zimmermann, der tief eingewurzelt ist im österreichischen Geistesleben, hat sehr schön von diesem Heinrich Collin gesprochen, indem er gezeigt hat, daß dieser Heinrich Collin, der im Grunde ja auch in Österreich ganz vergessen ist, der uns aber tief hineinführen kann in den Gang des österreichischen Geisteslebens, der nichts gewußt hatte von Fichte, in seinen Dramen dieselbe Art der Seelengesinnung hat aufleben lassen, die in Fichtes philosophischen Darstellungen lag. Zum Überfluß hat noch der Bruder Heinrich Collins, Matthäus von Collin, ausdrücklich gezeigt, wie Heinrich Collin nichts gewußt hat von Fichte, wie er ganz und gar aus einem merkwürdigen Parallelismus des geistigen Lebens heraus in seiner österreichischen Art zu einem Fichteanismus, aber dichterisch, gekommen ist, auf die Art, wie ich es eben beschrieben habe.
[ 22 ] Ohne auf die Anschauung zu reflektieren, ohne in der Anschauung aufzugehen, kommt also Fichte wiederum zu dem, was ich vor acht Tagen dargestellt habe. Er sagt: Die äußere Sinneswelt, dasjenige, was der Mensch in dem sinnlichen, äußeren Dasein auslebt, ist das versinnlichte Material unserer Pflicht. - Indem ihm nun die Pflicht so tief gegenständlich gegenübertrat und zu gleicher Zeit mit dem die Welt durchziehenden göttlichen Weben und Wesen verwandt wird, kommt Fichte dazu zu sagen: Man darf nicht etwa in der Weise denken, daß das äußere sinnliche Glück dem zuteil werden könnte, der treu seine Pflicht erfüllt, sondern — wenn das auch in einer gewissen Weise etwas einseitig ist, in der Art und Weise, wie es dargestellt wird, drückt sich die Energie eines gewissen Strebens des deutschen Idealismus darin aus; die Dinge dürfen nicht dogmatisch genommen werden -, sondern was Fichte sagt, ist: Derjenige, der ganz in seiner Pflicht aufgeht, darf auch gar keinen Anspruch darauf machen, daß sich dafür in der äußeren Sinneswelt irgendwie der Lohn findet. Daher wird das wahrhaft Tragische — das war Fichtes Überzeugung dann erscheinen, wenn die Pflicht nicht irgendeinen Lohn findet, sondern gerade Unglück findet in der äußeren Sinneswelt.
[ 23 ] Denselben Zug stellt Heinrich Collin in seinen Dramen dar. Er will die auf sich gebaute Menschenseele, die in sich leben kann, ohne daß sie das Glück der Sinnenwelt mit der Pflicht zusammenbringt, dramatisch verkörpern. Und so entsteht ein tief ethischer Zug, der aber wiederum innig zusammenhängt mit dem unmittelbaren Anschauen der Welt, wie sie sich darbietet vor den Sinnen; der sogar heraus entstanden ist aus einer Ästhetik, die sich am 'Tanze ausgebildet hat.
[ 24 ] Dieses Zusammengewachsensein mit der Anschauung, dieses Leben in der unmittelbaren Empfindung und auch das Hineinstellen desjenigen, was das Herz erlebt in der unmittelbaren Empfindung, das Abgeneigtsein, den Weg zu suchen vom Kopf zum Herzen, das muß man als eine der Charakteristiken ansehen, die wirklich tief verbunden sind mit diesem österreichischen Geistesleben. Und so erscheint uns gar manches in diesem österreichischen Geistesleben so, daß Gegensätze in ihm vorhanden sind, aber Gegensätze, die, wenn man sie in der richtigen Weise auf sich wirken läßt, begreiflich erscheinen bei Menschen, die innerhalb Europas in schwierige Aufgaben, in die Vermittlung des Westens mit dem Osten, hineingestellt sind und, ich möchte sagen, in jeder Kleinigkeit der Lebensführung empfinden müssen dieses Hineingestelltsein.
[ 25 ] Man kann sagen: Wo wir anfassen dieses österreichische Geistesleben, da erscheint es uns so: Unmittelbar wird angefacht an der Außenwelt das Allerinnerste, ohne Vermittelung einer mystischen Dialektik. Und aus diesem Untergrund heraus ist eine so sympathische Erscheinung zu erklären — wie gesagt, ich will nur Bilder hinstellen -, wie der österreichische Philosoph Bartholomäus von Carneri. 1821 ist er geboren in Trient, der Sohn eines österreichischen Staatsbeamten; von Geburt aus - er war ein Zwillingskind — verkrüppelt, lebt er sich schon durch eine schwere, leidvolle Jugend hindurch, lernt dann, nachdem’ er sich hineingelebt hat in die ganze Vielgestaltigkeit des österreichischen Geisteslebens, den Darwinismus kennen. Der Darwinismus wird für Carneri nicht etwas, was er einfach annimmt, sondern der Darwinismus wird für ihn etwas, was ein Lebensrätsel selber wird. Daß die Welt im Sinne des Darwinismus sich durch die äußerlich anschaubare Entwickelung erklären lassen soll, ist ihm begreiflich, trotzdem er sich tief in den deutschen Idealismus eingelassen hat. Aber in einer gewissen Beziehung wird der Darwinismus für Carneri, den österreichischen Philosophen, ein Lebensrätsel: Wie verhält es sich mit des Menschen Sittlichkeit, des Menschen Ethik, wenn der Darwinismus richtig ist? Und so wird Bartholomäus von Carneri, man kann sagen, der größte Ethiker, der größte Sittenlehrer des Darwinismus. Er deutet den Darwinismus so, daß er suchte innerhalb der rein natürlichen Entwickelung, wie sich die Naturkräfte bis zum Menschen herauf komplizieren, so daß er in dieser Komplikation der Naturkräfte, so wie sie sich konfigurieren, noch eine Vergeistigung sieht. Er will keinen Riß zwischen Natur und Geist, aber er will nicht bei der Natur stehen bleiben. Er will in der Konfiguration der Naturkräfte den Geist aus sich selber herausjagen. Gleichsam will er das Angebundensein der menschlichen Ethik, des menschlichen sittlichen Lebens an die im Sinne des Darwinismus gehaltene Naturerklärung finden. So entsteht für Carneri unmittelbar aus der ihm durch den Darwinismus anschaulich erscheinenden Welt die Notwendigkeit, eine Ethik zu schaffen, ich möchte sagen, das, was das menschliche Herz sich vorsetzen will und muß, unmittelbar anzuschließen an die Geheimnisse, an die Rätsel der Natur. Und interessant ist es gerade an Bartholomäus von Carneri zu sehen, wie er nun nach einer einheitlichen Weltanschauung strebt, nach einer Weltanschauung, die durchaus im Geiste der Zeit, im Geiste des Materialismus des neunzehnten Jahrhunderts, den Darwinismus gelten läßt, aber ihn nur gelten lassen kann, wenn in der Natur selber überall Geistigkeit sprossen und sprießen kann, aber eine solche Geistigkeit, die unmittelbar im Gefühl erfaßt wird, die nicht erst heruntergeholt wird wie bei Fichte aus irgendwelchen übersinnlichen Sphären, sondern die ihm unmittelbar während des Durchlebens der Sinnlichkeit erscheint. Es ist merkwürdig, wie aus einer solchen Persönlichkeit gerade das Charakteristische des Österreichertums erscheint, aus einer Persönlichkeit wie Carneri, der nun aber auch in anderer Weise sich einheitlich in die Welt hineinstellen will, der überall darauf ausgeht, zu zeigen, wie auf der einen Seite die Natur bis zum Geiste hinaufkommt, auf der anderen Seite der Geist bis zur Natur hinunterwirkt, wie eine Einheit in allem lebt. Dieser Carneri sucht auch im Leben diese Einheit darzustellen. Er suchte sie in das Leben hineinzubringen. Und so entsteht denn eine von den Persönlichkeiten, die insbesondere in den sechziger, den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts in Österreich als feine Charakterköpfe auftraten, eine von den Persönlichkeiten, die dann auch politisch tätig waren. Carneri stand an der Seite der durchgeistigten österreichischen Politiker der siebziger Jahre, Plener, Beer, Herbst, Berger und so weiter. Aber überall wo er sprach — und er nahm oft das Wort -, durchtönte seine Rede etwas von einem hohen Idealismus, aber eben von einem solchen Idealismus, der im Darwinismus wurzelte, der sich durch sein Wurzeln im Darwinismus bewußt war: Ich darf Idealist sein, denn meine Ideale kommen mir unmittelbar in den Sinn, wenn ich mich so recht in die Entwickelung der Natur hineinvertiefe.
[ 26 ] Es ist derselbe Geist, auf einem anderen Gebiete, der dann wiederum in Robert Hamerling gewaltet hat. In Robert Hamerling, in dem sich, ich möchte sagen, der österreichische Deutsche schon dadurch zum Ausdruck brachte, daß etwa wie eine Art Wahlspruch Hamerlings war: «Deutschland ist mein Vaterland, Österreich ist mein Mutterland», der zusammenfaßte ein gutes Österreichertum mit einem guten Deutschsein. in diesem Hamerling kam ja alles, was Durchdringen des Idealismus mit unmittelbarem Fühlen und mit Anschauung genannt werden kann, unmittelbar zum Ausdruck. Man hat oftmals ja auch innerhalb Österreichs, wo man es hätte besser verstehen können, abgeurteilt über Hamerlings anschaulich sinnliche Bilder, ich möchte sagen, sinnlich durchtränkte Bilder, zum Beispiel in seinem «Ahasver», auch in der «Aspasia» und im «König von Sion». Aber man hatte dabei nicht begriffen, daß gerade der Idealismus, dieser, ich möchte sagen, bei Hamerling österreichische Idealismus das Sinnesbild brauchte, um sich darin anschaulich zu machen, um nicht zu kranken an der Spaltung der Welt in das Sinnliche auf der einen Seite und in das Geistige auf der anderen Seite, Und so wurde für Hamerling geradezu das durchgeistigte Sinnliche, der ästhetische Idealismus dasjenige, wonach er als einem Zukunftsbild hinordnete sein ganzes Fühlen, sein ganzes Empfinden und sein ganzes Denken. Und in vielem tritt gerade bei solchen Geistern, wie Carneri und Hamerling, das Schwierige des österreichischen Geisteslebens zutage, das eben darin besteht, daß man in ein vielgestaltiges Menschengewoge hineingestellt ist und sich zurechtzufinden hat. Daher die Erscheinungen, die so oftmals auftreten innerhalb des österreichischen Geisteslebens, wo klare Anschauung über dieses oder jenes stehen bleibt bei der bloßen Schilderung und nicht den Übergang findet irgendwie zu der Tat und dann ausläuft in einem gewissen Pessimismus. Daher sind gewisse Erscheinungen allein im Geistesleben Österreichs möglich.
[ 27 ] Ist es nicht eigentlich etwas doch sehr Eigentümliches, daß es einen Österreicher gibt in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, der in der Nähe von Znaim geboren ist und der den urösterreichischen Namen Karl Postl trägt, der auch Geistlicher auf den Wunsch seiner Mutter wurde, dann aber ebenfalls wie der Barnabitermönch Karl Leonhard Reinhold das Ordenskleid abstreift und verschwindet. Er ist verschwunden. Dann erscheint ein Buch: «Austria as it 15» — «Österreich wie es ist», von Amerika herüber; es schildert österreichische Anschauungen. 1828 war das. Dann erscheinen von diesem selben Karl Postl, der sich aber nicht Karl Postl, sondern Charles Sealsfield nannte, zum Beispiel Darstellungen des untergehenden Indianertums, aus denen man sieht, wie grundgesund die unmittelbare Naturanschauung dieses Mannes ist. Kein Mensch hatte dazumal eine Ahnung, daß sich in diesem Charles Sealsfield der einfache Karl Postl aus Österreich verbirgt. Alle die Geschichten, die sonst über ähnliche Gegenstände erscheinen — man überzeuge sich nur davon -, sind sozusagen vom Standpunkte einer gewissen Bildung aus geschrieben, in einer gewissen Art geschrieben, daß man die Theorie merkt. Diese Postl-Geschichten sind so geschrieben, daß das Auge unmittelbar hineinwächst in das, was es sieht; zusammenwächst die ganze Seele mit der unmittelbaren Anschauung. Dann verlebt er seine Lebenszeit vom dreißigsten Jahre an bis in die sechziger Jahre im Kanton Solothurn in der Schweiz, wo er auch begraben ist. Er kommt wieder zurück und schildert wirklich in einer anschaulichen Weise auch das Leben der Deutschen in Amerika, so daß es heute noch als bedeutsam auf die Seele wirken müßte, wenn man es nur läse.
[ 28 ] Eine spezifisch österreichische Erscheinung ist auch eine Persönlichkeit, von der ja nicht mehr die Jüngeren, aber vielleicht die älteren der hier versammelten Zuhörer noch kennengelernt haben diejenigen Bücher, die geschrieben sind zunächst, wie auf dem Titel so züchtig steht, «für Jungfrauen»; «Weihgeschenk für Jungfrauen» steht da. Eine Geschichte, eine wunderbar anschauliche Geschichte, von Goetheschem, man könnte fast sagen, von griechischem Geiste durchtränkt. Auf dem Titel steht: «Weihgeschenk für Jungfrauen» von Christian Oeser, «Briefe über die Hauptgegenstände der Ästhetik». In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in der ersten Auflage erschienen, erlebten diese Bücher viele Auflagen. Derjenige, der sie heute noch liest, bekommt in ihnen immer noch etwas, was das Herz weiten kann, was die Seele durchwärmen kann. Christian Oeser - ja, wer ist Christian Oeser? Dieser Christian Oeser ist derselbe Mann, der zum Beispiel 1839 in Preßburg ein Drama erscheinen ließ-von dem kein Mensch wußte, wer der Verfasser war —, «Leben und Taten des Emerich Tököly» «von A. Z.», das heißt also von A bis Z, so daß zwischen A bis Z alle Buchstaben dazwischen sind. Diejenigen, die etwas verstanden von dramatischer Charakteristik, sahen in der Figur des Tököly einen ungarischen Götz. Es ist eine unmittelbar mit dem Goetheschen «Götz von Berlichingen» zu vergleichende Darstellung, die herausgeboren ist aus den Kämpfen, die sich, eigentlich kurz bevor das Drama entstanden ist, in Ungarn abgespielt haben, und viele, viele Seelen ergriffen haben, die Welt bewegt haben. Das Drama, es ging in die Welt hinaus, und noch mehrere von demselben Verfasser. Man wußte nicht, von wem es ist. Das blieb so. Im Jahre 1869 faßte die deutsche Schiller-Stiftung einen Beschluß, das damalige Unterstützungsgehalt auszuzahlen an eine Frau Therese Schröer in Wien. In der Urkunde, mit der das Gehalt ausbezahlt wurde, stand, man habe erfahren, daß die Witwe eines der würdigsten deutschen Schriftsteller nicht in ihr angemessenen, und dessen Verdiensten angemessenen Verhältnissen lebe, und daß man ihr daher dieses Jahresgehalt auszahle. Es war die Witwe von Tobias Gottfried Schröer, des Verfassers vieler Dramen, die ungenannt bleiben mußten, des Verfassers auch jenes «Weihgeschenkes für Jungfrauen», das von Goetheschem Geiste durchtränkt ist; eines stillen Mannes, der Realschul-Professor in Preßburg war, der aber als solcher mit den höchsten Problemen des Menschenlebens rang, der arm war und den niemand kannte. Selbst in seiner eigenen Stadt konnte und durfte niemand etwas wissen davon, daß dieser Mann der Verfasser dieser Dramen sei.
[ 29 ] Ähnliche Erscheinungen wären viele anzuführen. Sie zeigen, wie man, um österreichisches Geistesleben kennenzulernen, nicht dasjenige ins Auge fassen muß, was, ich will sagen, als eine mehr oder weniger katholische, als eine mehr oder weniger protestantische Strömung durch die Entwickelung der Zeiten geht, sondern wie man dieses österreichische Geistesleben anfassen muß da, wo es elementar aus der Wurzel des Volkstums heraus wirkt und da, wo es, so wirkend aus der Wurzel des Volkstums heraus, unmittelbar in seiner großen Bedeutung erscheinen kann. Man darf das österreichische Geistesleben nicht durch die Brille ansehen, daß Österreich ein mehr katholisches Land ist. Dieses österreichische Geistesleben arbeitet sich auf der einen Seite zur Wurzel des Volkstums durch, wie man es bei Misson gesehen hat; auf der anderen Seite arbeitet es sich aber wiederum in einer merkwürdigen Weise zu Höhen hinauf. Man bedenke zum Beispiel die folgenden Erscheinungen: Als der protestantische Pädagoge Friedrich Dittes, der in der sogenannten Liberalen Ara der österreichischen Entwickelung aus Deutschland geholt und an die Spitze des K.K. Wiener Pädagogiums gestellt wurde, sich nach bedeutenden Pädagogen der unmittelbaren Vergangenheit umsah, da fand er, der protestantische Pädagoge, der aus Deutschland geholt worden war, als einen der allerbedeutendsten Pädagogen der unmittelbaren Vergangenheit den Österreicher Vincenz Eduard Milde. 1811 ist eine «Erziehungslehre» von Milde erschienen. Wir haben in Misson einen Geist kennengelernt, der im Ordenskleide sich hinaufarbeitete zu dem, was, ich möchte sagen, die Handhabung des Bildungslebens ist, der dann sich wiederum hinunterarbeitete zur Wurzel des Volkstums, und seinen «Naaz» schuf: Bauernphilosophie! In Milde sehen wir einen anderen Priester, einen guten Katholiken; einen Katholiken, in dem Friedrich Dittes, der protestantische Pädagoge, einen der bedeutendsten pädagogischen Vorgänger findet. Über den Unterschied der Konfessionen hinüber reicht sich das geistige Leben in einer wunderbaren Weise die Hand. Ich möchte statt einer langen weiteren Beschreibung Ihnen nur eine Stelle aus Mildes Erziehungslehre vorlesen, damit Sie sehen, wie in diesem 1811 erschienenen Buche in einer seelendurchtränkten Weise das pädagogische Wirken aufgefaßt wird; wie hier im Gegensatze zu Misson, der sich hinunterarbeitete in das Volkstum, zu den höchsten Anschauungen, den idealsten Anschauungen allgemein menschlichen Wirkens durch die Pädagogik der katholische Priester Milde sich hinaufarbeitet, wie ernst, wie würdig, wie ungeheuer tief er den pädagogischen Beruf nimmt. So beschreibt er, wie der Lehrer sich verhalten solle, damit er das richtige Verhältnis gewinne zu dem Zögling; zunächst:
[ 30 ] «1. Durch fleißiges Studium der Anthropologie; 2. durch Lektüre richtig gezeichneter Biographien, mit Wahrheit geschilderten Erziehungsgeschichten; 3. durch den bedächtigen Umgang mit Kindern, durch unbemerktes ruhiges Beobachten derselben, besonders ihres Verhaltens gegen andere Kinder; 4. durch Zurückerinnern an seine eigenen Jugendjahre, durch Nachdenken über den Gang, die Veranlassung, die Mittel und Hindernisse seiner eigenen Bildung, über den Unterschied zwischen seiner gegenwärtigen und ehemaligen Art, zu denken und zu empfinden; 5. durch Nachdenken über das Gelingen und Mißlingen seiner Bemühungen für die Bildung des Zöglings; 6. durch Beobachtung des Verfahrens anderer Erzieher und des Erfolges ihrer Art, die Kinder zu behandeln»; — endlich - «7. durch Bemerkung des Ganges der Entwickelung der sich selbst überlassenen Natur.»
[ 31 ] Auf einer gesunden Anthropologie, das heißt Menschenkunde, sollten aufgebaut werden die Sinne des Lebens. Dann sollte der Lehrer unablässig mit sich zu Rate gehen, gleichsam meditierend, um immer den Weg zu finden zu den kindlichen Seelen. Eine wirklich seelendurchtränkte Erziehungsanschauung gießt sich auch über dieses ganz bemerkenswerte Werk aus, das sozusagen in der Stille des österreichischen Geisteslebens entstanden ist durch einen Mann, der im äußeren Leben Geistlicher war, der es bis zum Erzbischof von Wien gebracht hat und der in seiner Weise wirklich dasjenige österreichische Geistesleben repräsentiert, auf das man so großen Wert legen und dem man so große Bedeutung beilegen muß; jenes Österreichische Geistesleben, das auf das Allgemein-Menschliche hingeht und im Grunde überall den Zusammenhang doch mit den Wurzeln des Volkstums wahrt. Ja, 1811, sage ich, erscheint in diesem Österreich ein tonangebendes Werk über Erziehungslehre, das viel gewirkt hat, das auch noch in den sechziger, siebziger Jahren eben von dem protestantischen Pädagogen Dittes wirklich außerordentlich gerühmt worden ist, das noch vor ganz kurzer Zeit von dem österreichischen Pädagogen Franz Tomberger in einem kurzen Abriß herausgegeben worden ist. Man muß nur bedenken, was das bedeutet. 1811 war erst eine kurze Zeit verflossen, seit in sehr, sehr weiten Gegenden der österreichischen Lande, namentlich der deutsch-österreichischen Lande, der Lehrer in einer sehr merkwürdigen Stellung war, nicht nur im Dorfe, sondern auch in der Stadt. Nicht nur, daß der Lehrer etwa kein Schulhaus hatte — ein Schulhaus war in weiten Gegenden, kurz bevor diese «Erziehungslehre» erschienen ist, eine Seltenheit; um den Lehrer gruppierten sich die Schüler, der Lehrer ging von Haus zu Haus, einmal war er da, ein andermal im nächsten Haus; wo gerade Platz war, da gab er Schule. Aber das war nicht das einzige. Zum Beispiel ein Gehalt dem Lehrer zu bezahlen, ja, das hätte man nicht verstehen können; das ist doch etwas, was frei gegeben werden muß! Aber der Lehrer brauchte auch ja nur im Winter die Schüler zu unterrichten; im Sommer brauchte man die Kinder ja ohnedies draußen auf dem Felde. Nun, damit er nicht eben Hungers stirbt, so spricht man ihm das Recht zu, während des Sommers die Kühe zu hüten, ein «Holdar» zu sein. Aber das hinderte nicht, daß all das entstand, was ich eben geschildert habe. Und das hinderte nicht, daß nach verhältnismäßig so kurzer Zeit aus dem österreichischen Geistesleben heraus ein nicht nur so mustergültiges, sondern epochemachendes Werk über Erziehungskunst erschien. Man muß sich bekannt machen mit diesem Nebeneinanderstehen der Gegensätze, die aus der Schwierigkeit des österreichischen Lebens entspringen.
[ 32 ] Damit aber hängt es zusammen, daß der Österreicher auch dasjenige braucht, was in den verschiedensten Formen im Wienertum im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts auftrat. Eigentlich ist ein Stück Wienertum auch dasjenige, was Sie ja hier in Berlin vor einiger Zeit kennenlernen konnten, obwohl es bis zu einem gewissen Grade recht «entwienert» worden war, wie Kenner allgemein zugaben, — was Sie kennenlernen konnten durch die Aufführung des «Alpenkönig und Menschenfeind» von Ferdinand Raimund, mit der Gestalt des Rappelkopf, und, was ja auch bekannt ist von dem gleichen Verfasser, des «Verschwender». Ich will nicht von einer allgemein bekannten Sache sprechen, sondern ich will mehr zeigen, wie das österreichische Geistesleben da und dort gleichsam durch das Aufspritzen einer Woge veranschaulicht werden kann, die im Bilde sichtbar macht, was in Österreich lebt. Deshalb will ich weniger von Ferdinand Raimund sprechen, als von dem, der ihn dann im Herzen der Wiener, in das sich Raimund recht sehr eingelebt hatte, in den dreißiger, vierziger Jahren ablöste: Nestroy. Und Johann Nestroy ist als ein Volksdramatiker, ich möchte sagen, so recht eine österreichische Frucht. Zwar hat man sogar hören müssen von manchen gescheiten Leuten der Gegenwart, Nestroy werde sogar von seinen Landesgenossen so charakterisiert, daß er kein richtiger Wiener sei, weil er namentlich in der ersten Zeit seines Wirkens den Wienern nur derbe Wahrheiten gesagt habe, nicht Volksstücke nur geschaffen habe, wo die biederen Leute immer recht haben, sondern wo er so recht den Leuten, verzeihen Sie den harten Ausdruck, den Kopf waschen konnte. Solche Stücke bildeten den Inhalt seiner ersten theatralischen Laufbahn. Er hat eigentlich in großer Fülle geschaffen; in dreizehn Jahren sind an die siebzig solcher Possen entstanden. Aber sie enthalten wirklich jenes Österreichertum, von dem der, der es kennt, eben weiß, wie es in Nestroy wirklich verkörpert war. Denn es ist gar nicht richtig, wenn man glauben wollte, der Österreicher habe dazumal vom Theater herunter hören wollen biedere Darstellungen von Charakteren, von solchen Leuten, die Recht geben der Einfachheit des Lebens. Nein, das war dazumal und Nestroy wuchs aus dem heraus —, was man verlangte, daß man sagen konnte: Nun, der hat es ihnen aber heute wieder einmal gegeben, das heißt, er hat ihnen so recht den Kopf gewaschen. Und mit solcher Kopfwäscherei unterhielt eigentlich Nestroy, selbst spielend am Wiener Karl-Theater, die Wiener wirklich so, daß man sagen kann: Man sieht in dem Geiste, der in diesen Nestroyschen Volkspossen, man möchte sagen, Volks-Stadtpossen lebt, walten jenen österreichischen Geist, der es nötig hat, sich sowohl in der Kritik des Lebens wie auch im Scherze über das Leben, im Humor des Lebens, hinwegzusetzen über manche Schwierigkeit; der es da brauchte, nach harter Arbeit in einer leichten und doch wiederum nicht so ganz von Sympathie und Antipathie freien Weise in der Seele sich es wohlergehen zu lassen. Und so ist Nestroy wirklich eine typische Figur des österreichischen Stadtvolkstheaters so um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Seine Lebensauffassung, seine Auffassung der Lebensereignisse ließ er durch eine Person einmal etwa in der folgenden Weise aussprechen: Ich glaube von jedem Menschen das Schlechteste, selbst von mir, und ich habe mich noch selten getäuscht! — Mit dieser Lebensauffassung schuf er, der persönlich gütige, liebreiche Mensch, der im persönlichen Umgang eigentlich nur liebe und gütige Worte hatte, wirklich Charakterfiguren, die in einer leichten Weise die Lebensauffassung des in Wien zusammengedrängten damaligen Österreichertums veranschaulichen, jenes Österreichertums, das hart bei der Arbeit sein wollte, das aber aus dem Herzen heraus, ohne viel Dialektik, sich eine Lebensauffassung zimmern wollte, die auch Humor haben mußte, die auch den Ernst des Lebens nicht gar zu sehr übertreiben sollte. In der Art und Weise, sich zum Leben zu stellen, lag eben sehr viel. So schuf Nestroy eine Figur, die unter diesem Namen oder unter einem anderen Namen immer wieder auftauchte; einmal nannte er sie «Schnofer!». Und dieser Schnoferl hatte auch ein Verhältnis zum Leben. Da spricht er sich zum Beispiel einmal aus, wie es ihm im Leben mit der Liebe gegangen ist: «Mit der Liab gingat’s prächti bei miar, s’ war scho recht, ober mit der Gegnliab steht’s ollweil schlecht!» Dieser selbe Schnoferl, der das Leben, wie gesagt, nicht ohne Humor auffassen kann, sagt einmal über das, was er in seinem eigenen Herzen erblickt: «Die pragmatische Geschichte meines Herzens zerfällt in drei miserable Kapitel: zwecklose Träumereien, abbrennte Versuche und wertlose Triumphe.» Das sind die drei miserablen Kapitel. Nestroy stellte solche Charaktere mit einer großen Schärfe dar, so daß ein bedeutender Wiener Kritiker einmal sagte: Man sah in Nestroy den dämonischen Ausdruck, der sich bis zum Teuflischen steigern konnte, wenn er seine Augen spielen ließ von der Bühne aus in das Publikum hinein. — Und so brachte Nestroy gut zum Ausdruck eine gewisse des Humors bedürftige Lebensauffassung des Österreichs in den Jahren vor 1848 oder sogar schon vom Anfang der vierziger Jahre.
[ 33 ] Dann kam eine Zeit, wo man eine Weile nicht ertragen konnte dieses Ausgießen von Gut und Böse, dieses Nestroysche Jenseits von GutundBöse, von guten und überguten und bösen Leuten. Da wollte man mehr biedere Gestalten haben, da wollte man mehr gerührt sein und weniger geschimpft sein. Man hatte einmal für eine Zeitlang das Schimpfen satt, man wollte gerührt sein. Das paßte Nestroy nicht recht, und da sagte er: Ja, früher hat man noch etwas davon gewußt, was ein Lebensbild ist; in neuer Zeit ist ein Lebensbild — wenn man nach denjenigen geht, die jetzt Lebensbilder für die Bühne entwerfen -, wenn drinnen nur drei G’spaß vorkommen - bei Nestroy lief ein Scherz dem anderen nach -, lauter Leichen in ihrem Blute, Totengräber und flennende Leute. Da wollte er nicht recht mit. Aber er konnte dann doch wiederum mitgehen mit der Zeit. Und so fand denn Nestroy einen eigentümlichen, ich möchte sagen, menschheitlich freien Standpunkt gerade über das schwierige Jahr 1848 hinüber. Er war ein freisinniger Mann, er war ein Mann, der durchaus auf Seiten der Fortschrittsmenschen stand, der sich auch nach keiner Richtung hin in irgendeine Abhängigkeit begab, aber er fand zu gleicher Zeit wiederum für manches Freiheitsgeschrei, für diejenigen, die bis zu einem gewissen Punkte nur gehen, wiederum die rechten Worte. Und so brachte er es denn zustande, daß er gerade in dieser schwierigen Zeit aufrecht erhielt den österreichischen Humor. Man sehe nur: In einem Stück, das gerade in einer der schwersten Zeiten Österreichs entstand, «Freiheit in Krähwinkel» - er hat selber auch in diesem Stück gespielt —, da schildert dieser Österreicher, wie der Bürgermeister von Krähwinkel sich die Freiheit vorstellt. Er läßt es aussprechen durch den Polizeidiener Klaus: «Freiheit is gar was Schreckliches. Der Herr Bürgermeister sagt immer: Der Regent ist der Vater, der Untertan is a klein’s Kind, und die Freiheit is a scharf’s Messer.» Und einer derjenigen, der das ein bißchen in Nestroyscher Weise überschaut, der die Krähwinkler auch in ihrem Freiheitsstreben überschaut, der charakterisiert sie in derselben Form: «Nein, i kenn die Krähwinkler, man muß sie nur austoben lassen; is der Raptus vorbei, dann werden’s dasig- und wir fangen s’ mit der Hand -, da woll’n wir’s hernach recht zwicken, das Volk.» In der Rolle, die Nestroy selber gespielt hat, der er den Namen «Ultra» gegeben hat, tritt nun ein Freiheitsheld auf, der nun wirklich so geschildert wird, daß sich noch einmal der Humor über ihn hermachen kann. Nestroy sprach das Folgende durch den Ultra, Nachdem der Kampf, der sich entsponnen hatte, glücklich abgegangen ist, da verkündigt er die Freiheit: «Ich verkünde für Krähwinkel Rede-, Preß- und sonstige Freiheit, Gleichgültigkeit aller Stände, offene Mündlichkeit, freie Wahlen nach vorhergegangener Stimmung, eine unendlich breite Basis, welche sich nach und nach auch in die Länge ziehen wird, und zur Vermeidung aller diesfälligen Streitigkeiten gar kein System.» Dann kommt Ultra —- man muß sich ihn immer von Nestroy selber dargestellt denken — zu einer Anschauung über das, was die Reaktion eigentlich ist. Was ist Reaktion? «Also», sagt Ultra, «wie’s im Großen war, so haben wir’s hier im Kleinen gehabt. Die Reaktion ist ein Gespenst, aber Gespenster gibt es nur für die Furchtsamen: drum sich nicht fürchten davor, dann gibt’s gar keine Reaktion.»
[ 34 ] Aber in der Persönlichkeit des Nestroy selber liegt wiederum etwas wie ein durchaus richtiges Stellen seiner eigenen Persönlichkeit in das Leben hinein. Solch ein Mensch wie Nestroy war durchaus eine Persönlichkeit, die den Tiefen der Seele zugänglich war. Aber das, was er schuf, wollte er aus dem unmittelbaren Leben und für das unmittelbare Leben schaffen. Und so ist denn Nestroy durchaus nicht darauf gestimmt, etwa über das Ich Erwägungen anzustellen. Er kam einmal in einen gesellschaftlichen Zusammenhang mit dem tiefsinnigen, nicht genug hochzuschätzenden Dichter Friedrich Hebbel, dem großen Dichter Hebbel. Nun aber, Hebbel und Nestroy, das war wie Nord- und Südpol selbstverständlich. Friedrich Hebbel, schon äußerlich tadellos im Anzug, korrekt in jeder Geste, Nestroy ungezogen in jeder Geste, mit einem bäuerischen Anzug, den er mit einer besonderen Würde zur Schau trug! Nun lernte Nestroy noch gar solche Dichtung wie «Judith und Holofernes» kennen, eine Dichtung, in der Hebbel tatsächlich unendliche Tiefen des menschlichen Seelenlebens ausgeschöpft und so in dramatischer Form verkörpert hat, daß man sagen muß: Es ist wirklich ein wunderbares, in menschliche Geisteshöhen gehendes Ringen mit den Lebensproblemen des Daseins, — aber für Nestroy deshalb nichts, möchte man sagen, weil es nicht gerade so leicht unmittelbar humoristisch genommen werden kann. Er nahm es aber doch humoristisch, eben zum Hohn, indem er sagte: No, das ist nichts! Er dachte auch ungefähr: Das ist ein Holler! Ich mache jetzt einen Holofernes, Judith und Holofernes, das muß das Richtige werden; das is doch nichts, was der Hebbel gemacht hat. - Nun aber wollte er in Holofernes eine Gestalt schaffen, die so ganz auf ihr Inneres, auf ihr menschliches Ich gewendet war. Da konnte dieser Nestroy auch so recht einen Menschen hinstellen, der ganz aus der Fülle des seelischen Willens heraus schuf und etwas wollte, Aber er wollte doch nur sozusagen auf echt Österreichisch in dieses Ich hinein. Ja, nicht durch Spekulation, nicht durch Dialektik, auch nicht durch dramatische Dialektik! Also wie eine Gestalt des Holofernes hinstellen, die voller Ichlichkeit, voller Kraft der Persönlichkeit ist, die so stark ist, daß sie schauen will, wer stärker ist, «Ich» — oder, wie er sagte — «I oder I!», so daß sie sich doppelt fühlt. Also will sie mit sich selber raufen, damit sie sieht, wer stärker ist, I oder I. Das wird Nestroys Holofernes. Aber er weiß sich eben durchaus richtig hineinzustellen ins Leben. Und als er hört, daß man sagt: Er verleugne doch ein rein künstlerisches Prinzip mit seinen unmittelbar aus dem Volkstum schaffenden Stücken, — ja, da sagte er, solch einen Vorwurf ließe er sich nicht machen, denn die Leute sollten doch bedenken, was das eigentlich heißt: Volksstücke schreiben. Wer Volksstücke schreibe und wolle sich gar mit dem Goethe vergleichen, der sei gerade so wie einer, der einen Zwetschgenkrampus macht, und sich als Nebenbuhler von Canova aufspielen wollte. Ein Zwetschgenkrampus ist eine Figur, wie man sie am Nikolaustage aus gedörrten Pflaumen als Kasperl oder Nikolaus zusammenfügt.
[ 35 ] Man muß auch diese Seite des Österreichertums durchaus kennen. Denn sie ist tief, tief verwoben mit dem, was in der österreichischen Seele nach einer gewissen Lebensauffassung sucht, die ich etwa in der folgenden Weise charakterisieren möchte: Aus der Schwierigkeit seines Lebens heraus hat dieser Österreicher das Bedürfnis, auszuruhen in einer Anschauung des Lebens, die vergessen läßt den Ernst des Lebens und die doch wiederum in der unterbewußten Seele Kräfte bringt, um dem Leben gegenüber gewappnet zu sein. Gewiß, Nestroy ist tiefer als diejenigen, die ihn dann abgelöst haben am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Man kann Nestroys Possen nicht etwa vergleichen mit denen von Berg, der ja gewiß in derselben Zeit mehr geschrieben hat, aber heruntergesunken war auf ein viel tieferes Niveau. Aber es gehört in die ganze Gestaltung der Seele dieses Osterreichers hinein diese eigentümliche Lebensauffassung, die doch wiederum auf ein AllgemeinMenschliches hinausgeht. Und auch diese Lebensauffassung zeigt, daß in Österreich etwas aus viel tieferen Menschheitsquellen heraus kommt und das seelische Leben gestaltet, als all dasjenige, was gewöhnlich als Ideen gefaßt wird, die zusammenziehen die menschliche Entwickelung. Man darf sich den Österreicher nicht in dieses oder jenes Vorurteil eingesponnen denken, sondern man muß, um ihn kennen zu lernen, das österreichische Volkstum ins Auge fassen. |
[ 36 ] Ich konnte es heute nur in einigen Bildern vor Ihre Seelen hinstellen; ich habe sie wahrhaftig nicht etwa ausgesucht auf das Ziel hin, den Österreicher liebenswürdig zu machen, sondern ihn einfach zu schildern, wie er ist. Ich wollte auch nichts Besonderes zusammenfassen, sondern ich wollte nur einzelne Züge zeigen, selbstverständlich ganz einzelne verlorene Züge, die aber doch dieses oder jenes anschaulich machen können, anschaulich machen können vor allen Dingen wie eine besondere Note, ein besonderer Ton, in diesem Österreichertum lebt, lebt über das Ganze dieser österreichischen Kultur hinweg, von solchen Gestalten, die ich Ihnen heute geschildert habe, bis hinüber etwa zu dem Madjaren Emmerich Madaäch, jenem Manne, der die ja auch in weitem Kreise bekannte «Tragödie des Menschen» geschaffen hat. Aus einem leidvollen Leben heraus, wirklich wiederum aus einem leidvollen Leben heraus, hat sich dieser Madách erhoben zu einer in seinem Sinne gelegenen Ausgestaltung einer Lebensanschauung des Menschen. Er zeigt die Schöpfung des Menschen, Adam und Eva. Er zeigt, wie Adam und Eva in die Welt hereingestellt sind durch den göttlichen Schöpfer, diese Welt als ein Rätsel empfindend. Nun wird ihnen vorgeführt durch Luzifer, was da folgt. Adam wird gezeigt, wie er wiederum leben wird, wie er wiederkommen wird in der ägyptischen Zeit, wie er da leben wird als ein Ägypter, als ein Pharao; wie Eva seine Sklavin sein wird. Die Ägyptische Kultur mit alledem, was sie auslösen kann in der Seele des wiederverkörperten Adam, wird von dem Dichter vorgeführt. Und weiter werden wir geführt in die römische Zeit; Adam wird wiedergeboren in der Zeit des römischen Kaisertums. -In die Zeit des Christentums hinein wiederum, in die Zeit der französisch-englischen Kultur, in die Zeit der deutschen Kultur; an das Ende der Erdenzeit wird er hingestellt in einer Verkörperung. Das ganze Menschenleben wird an ihm vorübergeführt.
[ 37 ] Man sieht, es ist vieles an Wegen vorhanden, die hinaufführen aus demjenigen, was an Freud, an Leid, in der österreichischen Seele entstehen kann, hinauf bis in die Gipfel menschlicher Welt- und Lebensanschauungen. Und eine besondere Note ist es, so daß man sagen muß: Es entspricht gerade durch das Anschauen dieser besonderen Note, dieses besonderen 'Tones im österreichischen Volkstum auch schon einer inneren Notwendigkeit, daß zum Beispiel die Deutsch-Österreicher abgetrennt wurden eine Zeitlang von dem allgemeinen deutschen Geistesleben. Gerade durch diese Abtrennung haben sie ihr Innerstes recht entwickelt, haben sie dasjenige, was ihnen ureigentümlich ist, in der richtigen Weise herausgestellt. Durch solche Abtrennung wird aber dasjenige, was die Völker verbindet, wahrhaftig nicht ertöter. Und dasjenige, was wir heute sehen, jenes Zusammenwirken der beiden mitteleuropäischen Reiche zu einem großen Gesamtbegriff Mitteleuropa, zu einem Gesamtwesen Mitteleuropa, das ist fest verankert sowohl in den Bewohnern des einen wie in den Bewohnern des anderen Reiches, wenn man gerade in die Tiefen des Seelenlebens hineinschaut. Das zeigt sich einem in den Tiefen des Volkstums, wie da, wo sich zum Beispiel der Wille Österreichs auslebt, wiederum auf den Höhen des österreichischen Wirkens gedacht wird. Als, wie es schien, im Jahre 1866 ein tiefer Spalt gerissen war zwischen Herzen, die doch innerlich gerade bei den besten Österreichern tief verbunden waren mit den Herzen des großen deutschen Reiches, da war auch auf der Höhe des Menschentums nach diesem Jahre 1866 nicht eine Stimmung etwa aus dem Tone heraus, der nach Rache schreit. Da war nicht eine Stimmung, die an anderen Orten später war, nachdem ein Volk besiegt worden war, wo man sagte, man müsse immer und immer wiederum in der Seele den Rachegedanken lebendig machen. Nein, sondern es wurde eine 'Thronrede gehalten unmittelbar nach 1866 in Österreich, die enthielt die Worte; «Nicht der geheime Gedanke der Wiedervergeltung sei es, der unsere Schritte leitet; eine edlere Genugtuung sei uns beschieden, wenn es uns mehr und mehr gelingt, durch das, was wir leisten und was wir schaffen, Ungunst und Feindschaft in Achtung und Zuneigung zu verwandeln.»
[ 38 ] So drückt sich auch in solchen Worten jenes Band aus, das heute zu so schöner Verwirklichung gekommen ist zwischen dem österreichischen Herzen und dem deutschen Herzen. Jenes Band, das ja in einer wirklich aus österreichischer Seele heraussprossenden Weise von Hamerling ist: Deutschland ist mein Vaterland, in Österreich aber empfinde ich mein Mutterland. - Dieses Zusammengehörigempfinde ich mein Mutterland. - Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl lebte so, daß man das anschaulich machen kann durch einige Worte, die in Österreich entstanden sind. Merkwürdige Worte, vielleicht nicht in einer vollkommen befriedigenden Form, aber doch Worte, die vielleicht gerade in unserer Zeit vorgelesen werden dürfen. Ich werde erst nachher sagen, in welcher Zeit diese Worte geschrieben sind. Da heißt es in einem Gedicht «Österreich und Deutschland»:
Laßt Rußland, England klüglich sich beraten,
Es auch vielleicht nicht unwillkommen finden,
Wenn wir ein wenig hier in Kampf geraten,
Wenn man uns will das gute Recht entwinden!Ihr, deutsche Brüder, werdet hier nicht - raten,
Des Feindes Angriff wird uns nur verbinden
Und unter uns wird jeder Ehrgeiz schwinden
Vor dem: Ein Volk zu sein in Wort und Taten.Und hat das Eine unter uns gefehlet,
War eine Zwietracht wo in deutschen Herzen,
Nur Eines ist es, was uns Jetzt beseelet:Was uns gemeinsam ist an Lust und Schmerzen!
So sei denn auch gemeinsam uns beschieden:
Ein deutscher Krieg, wenn nicht ein deutscher Frieden!
[ 39 ] Es könnten Worte sein, die in unserer Zeit geschrieben worden sind. Sie sind aber geschrieben im April des Jahres 1859 von dem Sohne jenes Tobias Gottfried Schröer, von dem ich Ihnen gesprochen habe, von Karl Julius Schröer, der in Österreich, von Zisleithanien herüber, in Wien wirkte. Er wirkte in einer Art, von der man sagen kann, daß sie geeignet wiederum war, auf der einen Seite die Verbindung der Seele herzustellen mit dem, was im Volke lebt und webt, und auf der anderen Seite die Seelen hinaufzutragen zu den Höhen des geistigen Lebens -,, Karl Julius Schröer, der zuerst als Direktor der Wiener evangelischen Schulen, und dann als Professor für deutsche Literatur an der Technischen Hochschule eine segensreiche Tätigkeit entfaltet hat. Ich selber fühle mich — verzeihen Sie diese persönliche Bemerkung — mit dieser Tätigkeit tief verbunden, denn Karl Julius Schröer war einstmals mein lieber Lehrer. Dieser Karl Julius Schröer, er hat auf der einen Seite seine volkstümlichen Forschungen hineingetragen in die wirklich tiefen Untergründe des Volkstums. Zunächst hat er Weihnachtsspiele drucken lassen, die gespielt worden sind unter den Bauern in der Weihnachtszeit, die aber so recht aus dem Volke selber hervorgegangen waren. Dann war er ein Mundartforscher, ein Forscher, welcher die Eigentümlichkeiten der österreichischen Mundart in den Gotscheerlanden in Krain, bei den Zipser Deutschen, bei den sogenannten Heanzen in West-Ungarn, der die Mundart auch NiederÖsterreichs durchforscht hat, der überall hingewiesen hat auf den unmittelbaren Zusammenhang alles österreichischen Geisteslebens mit den Wurzeln im Volkstum; und der auf der anderen Seite die Seelen hinaufgetragen hat zu den Höhen der Goetheschen Weltanschauung durch eine FaustForschung, und in diesem Sinne wiederum wohltätig auf seine Schüler gewirkt hat. Dieser Mann hat nun 1859 in dieser Art Österreichs Einheit mit Deutschland zum Ausdruck gebracht. Ich habe seine Worte angeführt, um zu zeigen, wie herauswächst aus österreichischem Volkstum dasjenige, worauf wir heute sehen müssen als auf ein schönes, herrliches Ideal, das sich aus den großen Forderungen und hingebungsvollen Taten unserer Gegenwart heraus entwickeln soll: ein Mitteleuropa, in dem zusammenwirkt alles dasjenige, was eigentlich aus den Herzen heraus längst zusammenwirkte. Und gerade durch eine Betrachtung des besonderen Tones, der im österreichischen Volkstum, im österreichischen Geistesleben waltet, wird man sagen können: Das, was da erreicht werden sollte in Abgetrenntheit, es wird sich zu der mitteleuropäischen Entwickelung Heil und Segen auch in innigerer Weise verbinden können mit dem, was im weiteren Umkreis deutsches Wesen ist. Und so sehen wir denn, ich möchte sagen, auch wenn wir mit Verständnis des Wesens des Volkstums hinsehen auf das, was sich aus Blut und Leiden und Schmerzen in unserer Zeit als ein Zukunftsideal Mitteleuropas entwickeln will —, so sehen wir denn, daß sich da etwas entwickelt, was durch die hingebungsvollen mutigen Taten der Waffen geschaffen werden muß, was aber fest urständet, so urständet, daß doch darin die Gewähr für seine Dauer gesehen werden kann, in den Herzen, in den Seelen derer, die sich näher miteinander verbinden und sich zu gemeinsamer Tat verbunden haben.
[ 40 ] Wahrhaftig, lassen Sie mich damit schließen: Dasjenige, was sich historisch jetzt zusammenfügt, es fügt sich nicht nur durch äußere Notwendigkeit zusammen, es fügt sich zusammen durch die inneren Bande der Seelen, der Herzen der Bevölkerungen Mitteleuropas.
