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Das Ewige in der Menschenseele
Unsterblichkeit und Freiheit
GA 67

15 April 1918, Berlin

8. Der Übersinnliche Mensch I

Menschenwelt und Tierwelt nach Ursprung und Entwickelung dargestellt im Lichte der Geisteswissenschaft

[ 1 ] In den drei Vorträgen dieser Woche möchte ich gerne die Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Forschung besprechen in bezug auf den Menschen im besonderen, die Ergebnisse jener Forschung, welche ja den Inhalt der Vorträge gebildet hat, die ich bisher in diesem Winter hier gehalten habe. In dem heutigen Vortrage möchte ich eine Grundlage schaffen, um das nächste Mal in den Mittelpunkt der Betrachtung des übersinnlichen Menschen einzutreten und im dritten Vortrage die zwei wichtigsten Fragen, die sich auf das allgemeine Menschenrätsel beziehen, zur Besprechung zu bringen: die Frage der menschlichen Willensfreiheit und die Frage der Seelenunsterblichkeit.

[ 2 ] In bezug auf das, was heute zu besprechen ist, bin ich in einer etwas schwierigen Lage, erstens aus dem Grunde, weil insbesondere dem Inhalte des heutigen Vortrages gegenüber in Betracht kommen wird, worauf ich öfter im Verlaufe dieser Auseinandersetzungen aufmerksam gemacht habe: daß die Ergebnisse der hier gemeinten geisteswissenschaftlichen Forschung zwar in vollem Einklange stehen mit alledem, was die Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten und bis heute an großartigen Errungenschaften hervorgebracht hat, daß aber andererseits das, was vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus eben im Einklange mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen zu sagen sein wird, sich in vollem Gegensatz befindet zu dem, was die Naturforscher oder die, welche naturwissenschaftliche Resultate heute ausdeuten, selber in bezug auf den Menschen und sein Wesen über diese naturwissenschaftlichen Tatsachen sagen. Auf der einen Seite vollständiger Einklang mit den Tatsachen, auf der andern Seite geradezu ein allseitiger Widerspruch gegenüber denjenigen, welche über diese Tatsachen heute zu sprechen gewohnt sind, — das ist die eine sachliche Schwierigkeit. Die andere ist die, daß mir nur der Vortrag eines Abends zur Verfügung steht, und daß das, was heute zu besprechen ist, der Gegenstand von mindestens dreißig Vorträgen sein müßte, wenn es ausführlich behandelt werden sollte. So werde ich also nur die Ergebnisse skizzenhaft zur Darstellung bringen können und werde dadurch in sehr vieler Beziehung leicht mißverstanden werden können. Allein, was ich beabsichtige, ist auch heute nicht so sehr die Mitteilung von Einzelheiten, vielmehr ist es mein Wunsch, eine Empfindung hervorzurufen über die Richtung, welche geisteswissenschaftliches Denken nehmen muß, wenn es sich insbesondere über die Frage der Menschenwesenheit auseinandersetzen will mit den naturwissenschaftlichen Anschauungen der Gegenwart.

[ 3 ] Die naturwissenschaftlichen Anschauungen haben ja heute in einer ganz besonderen Art jeder Menschenseele die Frage nahegelegt nach der Beziehung des Menschen zur tierischen Welt und nach allem, was sich aus dieser Beziehung für das Begreifen der Menschenwesenheit selber ergibt. Nahegerückt worden ist auch durch die Art der Anschauungen, die sich im Laufe der neueren Zeit über diese Frage herausgebildet haben, dieses: der Mensch in bezug auf seine Organisation, und das Tier in bezug auf seine Organisation. Was mit Bezug auf diese Frage - man darf sagen mit einem gewissen Recht, denn gegnerisch zur Naturwissenschaft wird von mir nicht gesprochen — geradezu stark suggestiv gewirkt hat, das ist die Gestalt, welche die rein naturwissenschaftliche Entwickelungslehre in der letzten Zeit angenommen hat. Aber man macht sich im Grunde genommen falsche Vorstellungen über die Tragweite und den eigentlichen Charakter dieser Entwickelungslehre, und zwar aus dem Grunde, weil man die Frage immer eigentlich zu geradlinig, ich möchte sagen, zu trivial auffaßt. Man hat so die Vorstellung, als ob durch «streng naturwissenschaftliche Forschung» in der neueren Zeit festgestellt worden wäre die Verwandtschaft des Menschen mit dem Tierwesen, die Entwickelung des Menschen aus der Tierreihe heraus und wiederum innerhalb der Tierreihe selbst die Entwickelung von unvollkommenen zu vollkommeneren Wesen.

[ 4 ] Nun ist an diesen Vorstellungen das eine nicht richtig, nämlich zu glauben, jene Anschauung, daß der Mensch in bezug auf seine physische Organisation zusammenhängt mit dem Tierwesen, sei absolut neu. Sie ist durchaus nicht neu. Selbst wenn man davon absieht, daß die Spuren davon — oder eigentlich mehr als Spuren — sich schon in der Wissenschaft des griechischen Altertums finden, und im Grunde genommen auch schon bei den Kirchenvätern, so liegt doch etwas Bedeutungsvolles darin, daß sich zum Beispiel schon Goethe als ganz junger Mensch winden mußte durch gewisse phantastische Entwickelungsvorstellungen, die sich gerade in seiner Zeit geltend machten. Und wer Goethe aus seiner eigenen Lebensbeschreibung kennt, der weiß, wie er sich aufgebäumt hat gegen die Vorstellung: Wenn man nur gewisse andere Lebensbedingungen herstellte, dann könnten sich die einen Tiere in die andern, oder gar in Menschen verwandeln. Dagegen bäumte sich Goethe auf, trotzdem sowohl er wie Herder auf dem Boden des Hervorgehens des einen Organismus aus dem andern standen, und trotzdem sie Anhänger der «Entwickelungslehre» waren. Wichtig ist dabei also, ins Auge zu fassen, daß nicht die Entwickelungslehre als solche neu ist, sondern daß im Grunde genommen eine ältere Anschauung eingetaucht worden ist in der neueren Zeit in gewisse stark materialistisch gefärbte Vorstellungen, in Vorstellungen, die auch sonst die menschliche Organisation an die tierische heranbringen. Mehr der Charakter der Ausdeutung, die ganze Art und Weise des Denkens über die Dinge ist eigentlich das Wesentliche, das in der neueren Zeit aufgetaucht ist. Wenn man dies ins Auge faßt, wird es einem nicht so schwierig werden, den Übergang zu finden zu denjenigen Entwickelungsvorstellungen, die heute hier betrachtet werden müssen.

[ 5 ] Wer heute meint, mit einer gewissen materialistischen Denkrichtung auf dem festen Boden der Wissenschaft zu stehen, und glaubt, diese Entwickelungslehre charakterisieren zu sollen, der beginnt gewöhnlich damit, daß er sagt: In einem großen Gegensatz steht die neuere naturgemäße Anschauung über das Hervorgehen des Menschen aus den übrigen Tierwesen zu der abergläubischen, vorurteilsvollen Art, die noch irgendwie an die mosaische Schöpfungsgeschichte anknüpft. - Nun kann es heute nicht meine Aufgabe sein, über die mosaische Schöpfungsgeschichte zu sprechen. Ich glaube, daß sie so, wie sie vorliegt, vielfach zu Mißverständnissen geführt hat über das, was ihr zugrunde liegt, und daß man es bei ihr in Wirklichkeit mit einer uralten Menschheitsweisheit zu tun hat. Das nur nebenbei. Was wichtig ist heute ins Auge zu fassen, das ist, daß in einem besonders bedeutsamen Punkt die naturwissenschaftliche Entwickelungslehre in vollem Einklange steht mit der — sei sie richtig, sei sie falsch aufgefaßt —- mosaischen Schöpfungsgeschichte; das ist, daß im Laufe der Entwickelung der Lebewesen der Mensch gewissermaßen als das vollkommenste Tier oder sonst etwas auftrat, als die übrigen Tiere ihre Entwickelung schon vor ihm vorausgenommen hatten, daß er gewissermaßen als Menschenwesen nach den Tieren auftritt. Das hat die moderne naturwissenschaftliche Weltanschauung mit der mosaischen Schöpfungsgeschichte gemeinsam.

[ 6 ] Das ist das, wogegen gerade die heutige Betrachtung sich im besonderen wenden muß. Und so könnte man sagen: Es wird sich das Neuartige dieser geisteswissenschaftlichen Entwickelungsgeschichte darin zeigen, daß sie gewissermaßen brechen muß gerade mit dem, was nach allen Seiten, sowohl wissenschaftlich wie sonst, heute wie ein ganz sicheres Resultat ihr entgegentritt. Allerdings, manche von den Vorstellungen, die nur auf dem Boden der hier gemeinten Geisteswissenschaft entstehen können, sind notwendig, wenn Verständnis sich entwickeln soll für solche Dinge, wie sie heute besprochen werden. Notwendig ist zum Beispiel, daß man sich etwas klar wird über solche theoretischen Streitigkeiten, wie sie gang und gäbe sind, wie sie aber verschwinden müssen und verschwinden werden, gerade wenn Geisteswissenschaft in die Menschengemüter sich mehr einleben wird.

[ 7 ] Heute wird man noch allgemein verschiedenen Weltanschauungsrichtungen begegnen, die sich scheinbar widersprechen. Da stehen auf der einen Seite jene Menschen, welche die Welt und ihre Erscheinungen materialistisch ausdeuten. «Materialisten» nennt man sie. Auf der andern Seite stehen die «Spiritualisten» — nicht die «Spiritisten» sind gemeint, sondern «Spiritualisten» im guten Sinne der deutschen Philosophie —. Jene vertreten die Auffassung, daß nur das Materielle, das Stoffliche, die Grundlage alles Seins und Werdens ist, und daß das Geistige sich gewissermaßen als Ergebnis des Stofflichen und seiner Vorgänge herausbildet. Die Spiritualisten dagegen wenden sich im strengsten Sinne gegen eine solche Auffassung und betonen vor allem, daß im besonderen der «Geist» als solcher im Menschen zu beobachten sei, daß man bei aller Weltbetrachtung ausgehen müsse von dem «Geist». Der Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, ist es ganz gleichgültig, ob jemand vom Materialismus oder vom Spiritualismus ausgeht. Das einzige, was diese Geisteswissenschaft verlangt — verlangt von sich und von andern -, ist das, daß zu Ende gedacht wird, daß wirklich der innere Denk- und Forschungsinhalt zu Ende zu denken ist. Nehmen wir an, es wird jemand durch seine besondere Veranlagung zum Materialisten: Wenn er wirklich das Stoffliche und seine Erscheinungen ins Auge faßt und bis zu Ende geht im Forschen, so kommt er unweigerlich über den Stoff zum Geiste hin. Und wenn jemand Spiritualist ist und sich nicht in den Geist rein theoretisch hineinverbohrt, sondern ihn in seiner Wirklichkeit so ergreift, daß er in diesem Ergreifen des Geistes imstande ist, auch die Offenbarungen des Geistes im Stofflichen zu erfassen, hineinzuschauen in die Geheimnisse, in denen der Geist im Stoffe wirkt, dann kommt der Spiritualist dahinter, die stofflichen Vorgänge in ihren Grundlagen und Verästelungen zu begreifen.

[ 8 ] Der Ausgangspunkt für den wahren geisteswissenschaftlichen Forscher ist ein ganz anderer. Es handelt sich darum, daß man den inneren Mut hat, wirklich zu Ende zu denken. Aber das Zuendedenken erfordert erstens eine gewisse durchdringende Kraft, welche die Dinge zu Ende denken will, und zweitens eine Befähigung, die Erscheinungen, die man vor sich hat, wirklich ins Auge zu fassen. Mit Bezug auf das Letztere kann man ja merkwürdige Entdeckungen machen. Wer glaubt denn eigentlich heute, daß er mehr auf dem Boden der Tatsachen steht? Das wird ja bei jeder Gelegenheit betont.

[ 9 ] Ich habe nun schon öfter darauf aufmerksam gemacht, was eigentlich in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts einmal passiert ist, aber es ist immer interessant, auf diese Tatsache noch einmal hinzuweisen. Die Philosophie Eduard von Hartmanns - ich will sie nicht überall vertreten, aber sie ist ein geistreicher Versuch gewesen, das Geistige gegenüber dem Ansturm der materialistischen Forschung zu retten — versuchte vom Ende der sechziger Jahre ab, die materialistischen Ausdeutungen der naturwissenschaftlichen Forschung zu überwinden. Als die «Philosophie des Unbewußten» erschien, waren sich die Naturforscher darüber einig: Das ist ein ganz und gar dilettantischer Philosoph, der über die Natur so herumredet und doch eigentlich nichts Rechtes darüber weiß. Es erschienen Gegenschriften gegen die «Philosophie des Unbewußten», die zeigen sollten, in welch dilettantischer und laienhafter Weise die darwinistischen Forschungsresultate dort behandelt sind. Unter diesen Gegenschriften erschien auch eine von einem Anonymus unter dem Titel «Das Unbewußtte vom Standpunkte der Deszendenztheorie und des Darwinismus». Der Verfasser dieser Schrift hatte sich zur Aufgabe gemacht, «diesem dilettantischen Gegner des Darwinismus» ganz besonders zu Leibe zu gehen. Haeckel, Oscar Schmidt und andere sprachen sich über diese Schrift alle in dem Sinne aus: Schade, daß sich dieser Anonymus nicht genannt hat; er nenne sich uns, wir betrachten ihn als einen der unsrigen; denn niemand könnte diesem naturwissenschaftlichen Dilettanten Hartmann besser die Wahrheit sagen, als dieser Anonymus! — Und sie haben dann auch dazu beigetragen, daß die Schrift rasch vergriffen war. Eine zweite Auflage erschien, jetzt mit dem Namen des Verfassers: es war Eduard von Hartmann! — Das war einmal eine Lektion, die notwendig war, und von der alle diejenigen sich belehren lassen sollten, die da glauben, daß der immer ein Dilettant sein müsse, der über naturwissenschaftliche Resultate nicht gerade wie ein Naturwissenschaftler spricht.

[ 10 ] Nun wissen diejenigen Zuhörer, welche bei den früheren Vorträgen anwesend waren, daß ich ein Werk aus der letzten Zeit als ein besonders wertvolles hervorgehoben habe, nämlich «Das Werden der Organismen» von Oscar Hertwig. Ich halte dieses Buch für ein besonders ausgezeichnetes und für besonders charakteristisch für unsere Zeit aus dem folgenden Grunde: Oscar Hertwig, ein Schüler Ernst Haeckels, ist als junger Mann hervorgegangen aus den mehr oder weniger materialistischen Andeutungen der darwinistischen Forschungsresultate.

[ 11 ] In dem Buch «Das Werden der Organismen» hat Oscar Hertwig - es ist eine Art Penelope-Problem - alles gleichsam wieder aufgetrennt, was man glaubte als besondere Errungenschaften der darwinistischen Forschungsresultate hinstellen zu können. «Das Werden der Organismen» ist also ein ausgezeichnetes Buch auf dem Boden der heutigen Naturwissenschaft.

[ 12 ] Jetzt ist von demselben Oscar Hertwig eine Schrift erschienen, die sich mehr mit anderen Problemen beschäftigt; sie heißt: «Zur Abwehr des technischen, sozialen und politischen Darwinismus». Nun bin ich in einer besonderen Lage: Ich werde immer «Das Werden der Organismen» von Hertwig für eines der besten Bücher halten, das über diese Dinge geschrieben ist, und ich werde das letzte Buch Hertwigs halten müssen für eines der gedankenlosesten, der unmöglichsten Produkte des modernen Denkens. Es zeigt nichts anderes, als wie unbehilflich der moderne Naturforscher wird, wenn er von dem ihm gewohnten Boden übergehen soll auf ein anderes Gebiet. Sehr lehrreich ist eine solche Tatsache, und man ist, ich möchte sagen, in einem gewissermaßen tragischen Konflikt, wenn man auf der einen Seite bewundern und auf der anderen Seite radikal verurteilen muß. Nun will ich nicht über diese letzte Schrift Hertwigs im allgemeinen und im einzelnen sprechen; nur das eine möchte ich erwähnen:

[ 13 ] Ich habe gerade vorhin gesagt: Jeder Naturforscher wird betonen, möglichst auf dem «Boden der Tatsachen» zu stehen. Sie finden unter den unzähligen Stellen dieses unmöglichen Buches von Hertwig eine Stelle, die etwa so lautet: Man müsse bewundern, wie die neuere Naturwissenschaft eingeleitet worden ist durch die Forschungen von Newton, Kopernikus und Kepler über die Himmelserscheinungen. Sie sei dadurch groß geworden, daß sie sich gewöhnt habe, in der Physik, Chemie und Biologie die Dinge genau so zu betrachten, wie Kopernikus, Kepler und Newton die Himmelserscheinungen betrachteten. Nun bitte ich Sie: Die Betrachtung der Tatsachen, welche unmittelbar um uns herum sich abspielen, der Tatsachen, die jeder vor Augen hat, soll geschehen nach dem Muster desjenigen Gebietes, wo uns die Tatsachen möglichst ferne liegen! Ich bin überzeugt, daß Tausende von Lesern über einen solchen unglaublichen Widerspruch hinweglesen. Gerade an einem solchen Widerspruche zeigt es sich, wie unmöglich es einem großen, bedeutenden Forscher ist, so weit nachzudenken, daß diese Forschung auch hinaufgehoben werden kann in das Geistige.

[ 14 ] Durch solche und ähnliche Dinge ist es im wesentlichen gekommen, daß eigentlich diese ganze neuere Entwickelungstheorie, so großartig und so tief einschneidend sie in ihrem Wesen ist, im Grunde genommen von viel zu geradlinigen, viel zu abstrakten Vorstellungen ausgeht, die gar nicht geeignet sind, an die wirklichen Tatsachen heranzukommen, namentlich nicht an die Tatsachen, die von der Naturentwickelung mitsprechend sind für die Lösung des großen Menschenrätsels selbst.

[ 15 ] Dieses Menschenrätsel ist ja von vornherein so zu charakterisieren, daß der Mensch durch seine ganze Stellung in der Welt berufen erscheint, zunächst nicht zu wissen, was er in der Welt darstellt und wie er in ihr dasteht, um erst aus den Tiefen seines Wesens dasjenige zu holen, was ihm Aufklärung geben kann über das, was er eigentlich ist. Das ist ja auch im Grunde der Sinn der geisteswissenschaftlichen Forschung, daß aus den Tiefen des Menschengeistes selbst das heraufgeholt wird, was sonst in diesem Menschengeiste schlummert, heraufgeholt wird erst durch Seelenübungen — nennen wir es so —, was sonst das gewöhnliche Bewußtsein gar nicht anwendet, und daß dadurch erst der Mensch sich fähig macht für das «schauende Bewußtsein». Und erst wenn aus den Tiefen der Menschenseele das heraufgeholt ist, was ich in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» das schauende Bewußtsein genannt habe, wo es der Mensch wirklich dann zu tun hat mit dem, was man «Geistesaugen» und «Geistesohren» nennen kann, um eine geistige Welt um sich zu haben, wie sonst die sinnlichen Augen die sinnliche Welt um sich haben, dann erst kann überhaupt an eine Lösung der großen Rätselfragen gegangen werden.

[ 16 ] Die heutigen Ausführungen sollen es bekräftigen: Eigentlich verschläft der Mensch sein Wesen. Ein gut Teil der Vorträge sollten ja zeigen, daß der Mensch einen Teil seines Wesens verschläft und den Schlafzustand auch in den Wachzustand hinein fortsetzt. Unten in den Tiefen seines Wesens schläft fortwährend etwas, und es muß sein Wesen erst zum Erwachen gebracht werden. Wie man im gewöhnlichen Tagesleben das braucht, was einem der Schlaf gibt, so braucht man für die gewöhnliche Erkenntnis, wenn sie fruchtbar sein soll und Aufschluß geben soll über das, worauf sie gerichtet ist, dasjenige, was der Mensch in seinem Wesen eigentlich fortwährend verschläft. Die Tatsachen, die um uns herum sind, sagte ich, haben wir zunächst ins Auge zu fassen. Ganz besonders kommt es darauf an, daß man sich in die Lage versetzt, vom Gesichtspunkte des schauenden Bewußtseins aus den Unterschied von Mensch und Tier sich einmal vor die Seele zu stellen; denn ohne diesen Unterschied wirklich anschauen zu können, kann man auch über Entwickelung und Ursprung von Mensch und Tier zu keiner Ansicht gelangen. Nun will ich skizzenhaft entwickeln, was man vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft zunächst über den Unterschied zwischen Mensch und Tier sagen kann.

[ 17 ] Die Tierwelt tritt uns für die grobe, äußere Beobachtung in den verschiedensten Formen zu Tage. Mannigfaltig sind die Tiere gestaltet. In «Gattungen» und «Arten» teilt man daher die Tiere ein. Sie wissen, daß es zahlreiche Philosophen gegeben hat, welche der Ansicht waren, was man «Gattung» oder «Art» bei den Tieren nennt - also «Wolf», «Löwe», «Tiger» und so weiter — das seien eigentlich nur zusammenfassende Namen. Was einem in der Wirklichkeit entgegentritt, sei eigentlich immer der «Stoff», der durch seine eigene Konfiguration nur in der verschiedensten Weise geformt sei; das andere seien Namen. Demgegenüber bleibt doch nichts anderes übrig, als einmal für die unbefangene Beobachtung ordentlich ins Auge zu fassen, was eigentlich vorliegt. Da muß ich mich immer wieder an ein Bild erinnern, das mein alter Freund, der Professor Vincenz Knauer, immer gebraucht hat, wenn von diesen Dingen die Rede war. Er sagte: Diejenigen Leute, welche behaupten, daß es nur Namen seien, die in diesen Gattungen und Arten zum Ausdruck kommen, daß es aber im Grunde genommen überall derselbe Stoff sei, der nicht anders wird, ob er in einem Tiger oder Wolf ist, die sollten doch darüber nachdenken, ob es wirklich derselbe Stoff ist, der in einem Lamme und in einem Wolfe ist. Es ist zwar nicht zu leugnen: Physikalisch betrachtet, ist es derselbe Stoff. Aber man sollte einmal einen Wolf einsperren, so daß er für längere Zeit nichts anderes zu fressen bekäme als lauter Lämmer, und man probiere einmal, ober dadurch von der Lamm-Natur etwas angenommen hat. Da zeigt sich ganz klar, daß das, was den «Wolf» ausmacht, was seine Konfiguration bestimmt, nicht ein bloßer «Name» ist, sondern etwas, was das Materielle in diese seine Konfiguration einfaßt.

[ 18 ] Womit hängt es eigentlich zusammen, was diese verschiedenen Tierarten in ihrer Weise gestaltet, konfiguriert? Ich muß gestehen, ich berühre sehr wenig gerne rein persönliche Verhältnisse, aber da ich nur skizzieren kann, so ist es notwendig, daß ich eine solche persönliche Bemerkung mache. Seit etwa dreißig Jahren betrachte ich alles, was die neuere Forschung in der Physiologie in bezug auf diese Fragen hervorgebracht hat, und vergleiche es mit dem, was die geisteswissenschaftliche Forschung zu sagen hat. Es würde ja sehr reizvoll sein, eine Reihe von Vorträgen zu halten, durch die belegt wird, was ich jetzt in bezug auf seine Ergebnisse anführe. Was sich in den verschiedensten Tierformen konfiguriert, was einem entgegentritt in diesen verschtedenen Tierformen, das steht in innigem Zusammenhang mit dem, was man nennen könnte die Gleichgewichtsverhältnisse des tierischen Baues. Studieren Sie aber machen Sie es möglichst genau, denn oberflächliches Studium führt auf diesem Gebiete von der Wahrheit ab den Bau eines Tieres, aber nicht etwa bloß so, wie er sich dem äußeren Auge darbietet, sondern studieren Sie den Bau eines Tieres nach seinen Kräfteverhältnissen: wie anders ein Tier sich zu der Schwere und zur Überwindung der Schwere verhält, wenn die Hinterbeine anders gebildet sind als die Vorderbeine, wie anders ein Tier auftritt, je nachdem es Hufe oder Klauen hat und dergleichen. Studieren Sie, wie sich das Tier durch sein Gleichgewicht in die Verhältnisse hineinstellt, die für es gegeben sind, dann werden Sie die innerlichste Beziehung finden zwischen den irdischen Gleichgewichtsverhältnissen und der Art, wie das Tier in diese Gleichgewichtsverhältnisse hineingestellt ist. Und gerade diese Gleichgewichtsverhältnisse sind radikal anders gestaltet beim Menschen als bei der Tierwelt. Der Mensch hebt sich heraus aus den Gleichgewichtsverhältnissen, in die das Tier hineingestellt ist, dadurch, daß im wesentlichen die Linie, die durch das Rückenmark geht, beim Tier parallel zur Erdoberfläche läuft, beim Menschen im wesentlichen senkrecht zur Erde steht. Ich meine damit nicht die rein äußere Lage, denn selbstverständlich ist auch der Mensch parallel der Erdoberfläche, wenn er schläft. Die Organisation als solche ist beim Menschen so eingerichtet, daß die Schwererichtung der Erde mit der Linie seines Rückenmarkes zusammenfällt. Beim Tier geht die Rückenmarklinie mit der Erdoberfläche parallel. Dadurch fällt in gewisser Beziehung beim Menschen die Schwerpunktlinie, die durch seinen Kopf geht, zusammen mit der Schwerpunktlinie des übrigen Organismus. Sein Kopf ruht auf der Schwerpunktlinie des Rumpfes; beim Tier hängt er über.

[ 19 ] Dadurch ist der Mensch in bezug auf die Erde in ein ganz anderes Gleichgewichtsverhältnis hineingestellt als das Tier; dadurch ist er in dasjenige Gleichgewichtsverhältnis hineingestellt, das er sich sogar erst während der Zeit seines Lebens selbst gibt, denn er wird geboren in einem ähnlichen Gleichgewichtsverhältnis wie das Tier. Indem sich der Mensch aus den Gleichgewichtsverhältnissen heraushebt, die dem Tiere aufgezwungen sind, hebt er sich heraus aus sämtlichen Kräften, die den verschiedenen Gattungen und Arten zugrunde liegen, und er wird im wesentlichen eine «Gattung», eine «Art». Er befreit sich gerade von dem, was bei den übrigen Tierwesen der Grund ist der mannigfaltigen Gestaltung; er schafft seine einheitliche Gestalt, indem er sich von diesem Bestimmungsgrund befreit durch seine aufrechte Lage. Und alles, was in der menschlichen Sprache, im menschlichen Denken zum Ausdruck kommt, hängt innig zusammen mit diesen Gleichgewichtsverhältnissen. Gewiß, gerade die materialistische Forschung in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts machte hierauf aufmerksam; nur konnte sie diese Tatsache nicht vollständig ausnutzen. Denn gerade wer sich hineindenkt in die feine Konfiguration des Stofflichen, der wird daran sehen können, daß der Stoff der äußeren Natur durch ein Wesen in einer ganz andern Weise aufgenommen, in ganz andere Richtungen hineingebracht wird als bei allen andern. Dadurch hebt sich der Mensch heraus aus der ganzen übrigen Tierreihe. Damit hängt zusammen, daß das ganze menschliche Gleichgewichtsverhältnis ein solches ist, das in vollem Maße im Organismus selbst zustandekommt, während das des Tieres im Zusammenhange mit der Welt zustandekommt. Nehmen Sie nur das Gröbste: das Tier steht auf allen vieren, der Mensch dagegen ist an ein nicht von außen bestimmtes Gleichgewicht gebunden, sondern an eines, das ihm in seinem eigenen Organismus auferbaut wird.

[ 20 ] Mit diesem andern Gleichgewichtsverhältnis ist nun etwas ganz Bestimmtes verbunden. Der Mensch hat nämlich — wer Beobachtung treiben kann, so daß das Geistige auch wirklich in sein Beobachtungsfeld hineinfällt, der kann es beobachten — ein dumpfes, traumähnliches, in das gewöhnliche Tagesbewußtsein nur dumpf heraufleuchtendes Gefühl von diesem Drinnenstehen in der Gleichgewichtslage. Dieses Gefühl kommt eigentlich nur mit der Dumpfheit eines Traumes, manchmal nur mit der Dumpfheit des Schlafbewußtseins ins gewöhnliche Bewußtsein herauf. Und als was lebt diese Empfindung des Ruhens auf der eigenen Körpergrundlage im gewöhnlichen Bewußtsein? Diese Empfindung ist identisch mit der Ich-Empfindung, mit dem Ich-Gefühl. Was wir im nächsten Vortrag als des Menschen «Geist», der sich zunächst im Ich offenbart, kennenlernen werden, ergreift sich in der menschlichen Organisation zunächst nicht in etwas anderm, sondern in diesen Gleichgewichtsverhältnissen, die beim Tiere nicht vorhanden sind. Ich sagte, die neuere naturgeschichtliche Entwickelungslehre habe etwas Suggestives, so daß man glauben kann, daß alles sich töricht und dilettantisch ausnimmt, was dagegen gesagt wird. Es hat etwas Faszinierendes, wenn gesagt wird, der Mensch habe genau so viel Knochen und Muskeln und so weiter wie ein Tier, wie könnte er da ein anderes Wesen sein? Aber in dem, was der Mensch mit dem Tiere gleich hat, wohnt das «Ich» gar nicht. Das Ich wohnt gar nicht in den Knochen und Muskeln, greift gar nicht da hinein, sondern ergreift sich zunächst in dem Gefühl, und dieses Gefühl ruht in den Gleichgewichtsverhältnissen.

[ 21 ] Aber noch etwas anderes. Die Tierwelt ist mannigfaltig gestaltet. In den vielen Formen kommt dies zum Ausdruck. Hat diese mannigfaltige Gestaltung, die also eigentlich in den äußeren Bestimmungsgründen veranlagt ist, in den Schwere- und sonstigen Kräfteverhältnissen des Erdkreises, hat sie gar keine Bedeutung für den Menschen? Dadurch, daß sich der Mensch durch sein anderes Gleichgewicht herausreißt aus all den Gleichgewichtsverhältnissen, in die das Tier hineinbestimmt ist, hat er seine eigene Gestalt, die wie eine Zusammenfassung der Tiergestalten erscheint. Aber alles, was in den Tiergestalten wirkt, lebt sich trotzdem in ihm aus. Es ist in ihm, aber es ist Geist. Was als sinnenfällige Erscheinungen über die verschiedensten Tiergestalten verbreitet ist, das ist im Menschen geistig. Was ist es in ihm?

[ 22 ] Wieder gibt es die Beobachtung für den, der jene Beobachtungsmöglichkeit sich angeeignet hat, die in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben ist: ganz dasselbe, was dem Tier äußerlich die sinnliche Gestaltung gibt, lebt im Menschen, aber als ein übersinnliches bewegliches Element. Es lebt in seinem Denken. Was es macht, daß wir über die Dinge denken können, das ist in uns — auf übersinnliche Weise — genau dasselbe wie dasjenige, was draußen in der Tierwelt die mannigfaltigen Arten und Gattungen der Tiere sind. Dadurch, daß sich der Mensch aus der Vielgestaltigkeit der Tiere herausreißt und sich in bezug auf die Schwere seine von der tierischen unabhängige Gestalt gibt, welche die Wohnung des Ich ist, dadurch eignet er sich das, was in der Tierwelt sichtbar ist, unsichtbar an. Das lebt in seinem Denken. In der Tierwelt ist ausgegossen in den mannigfaltigsten Formen, was ausgegossen ist in uns, indem wir die Welt denkend überschauen. Wir verfolgen das, was wir beobachten können, bilden uns Gedanken darüber. Ich weiß selbstverständlich, was alles dagegen eingewendet werden kann. Ich weiß auch den Einwand: Kannst du denn in die Tiere hineinschauen? Kann denn nicht das Tier auch eine Art Denken haben wie der Mensch? Aber wer sich den Goetheschen Grundsatz zu eigen machen kann, daß die Erscheinungen die rechten Lehren sind, wenn sie nur richtig beobachtet werden können, der weiß, daß dasjenige, was in den Erscheinungen zur Offenbarung kommt, auch ausschlaggebend ist für die Beobachtung. Das ist eines der wesentlichsten Kennzeichen, daß das, was sinnlich über die mannigfaltigen Tierformen ausgegossen ist, im Menschen übersinnlich lebt. Während er seine Gestalt frei machte von dem Gestalten-Bildenden der Tiere, ist er in der Lage, dies in sein Übersinnliches hineinzunehmen. Die Tiere sind «weiter» in bezug auf die sinnliche Ausgestaltung als der Mensch. Der Mensch hat eine labile Gestalt. Das Tier ist in Übereinstimmung mit dem ganzen Erdenbau gebaut. Beim Menschen ist es anders, bei ihm ist es hereingenommen in seine eigene Gestalt. Dadurch kommt er dazu, dasjenige, was im tierischen Bau äußerlich in der sinnenfälligen Form zum Ausdruck kommt, geistig zu erfassen.

[ 23 ] Schon in diesem Punkt sieht man bereits, woran eigentlich die neuere Entwickelungslehre krankt. Ich darf sagen: gerade weil ich ein voller Anhänger dieser neueren Entwickelungslehre geworden bin, aber versucht habe, sie wirklich zu Ende zu führen, deshalb bin ich darauf gekommen, das zu finden, woran sie krankt. Sie stellt gewissermaßen alles geradlinig dar: Unvollkommene Tiere, dann vollkommenere, wieder vollkommenere, bis hinauf zum Menschen. Aber so ist die Sache nicht. Wer die Erscheinungen unabhängig ins Auge faßt, der kommt darauf, daß diese bloß aufsteigende Entwickelung, die nur vom Unvollkommenen zum Vollkommenen schreitet, eigentlich einseitig ist; denn ihr fehlt ein wesentliches Element, das da oder dort zwar mitgedacht wird in der neueren Zeit, aber nicht wirklich zu Ende erforscht und auf das einzelne angewendet wird. Man hat es zu tun mit einer fortwährend aufsteigenden Entwickelung und mit einer fortwährenden Rückentwickelung. Rückentwickelung würde etwa das bedeuten, was gerade zum Begreifen des Menschen von einer so großen Bedeutung ist, und auch da rate ich Ihnen wiederum, aber ohne Vorurteil, gerade physiologische Dinge zu betrachten.

[ 24 ] Wenn man so bei den allgemeinen trivialen Entwickelungsvorstellungen stehenbleibt, hat man die Vorstellung, daß der Mensch eben das vollkommenste der Tiere ist, daß sogar seine einzelnen Organe, wenn auch wirklich da oder dort Rückentwickelungen zugegeben werden, im wesentlichen in aufsteigender Entwickelung zu verstehen sind. Das ist nicht der Fall. Tausende von Tatsachen könnten in dieser Hinsicht angeführt werden. Ich will nur eine streifen. Studieren Sie das menschliche Auge und vergleichen Sie es mit den Augen der Wirbeltiere, mit den Augen etwas tieferstehender Tiere: Wenn Sie hinuntergehen in der Tierreihe, werden Sie einen komplizierteren Innenbau finden als beim Menschen. Bei ihm ist das Auge wieder einfacher geworden. Ich will nur erwähnen, daß der Schwertfortsatz und der Fächer, die bei den Augen niederer Tiere vorhanden sind, nicht beim Menschen zu finden sind. Die Entwickelung hat sie wieder zurückgedrängt. Das Auge ist beim Menschen ein unvollkommeneres Organ als bei den niedriger stehenden Tieren, ist zurückgebildet. Der ganze menschliche Organismus ist, wenn man ihn wirklich studiert, in gewisser Beziehung gegenüber den tierischen Organismen nicht nur vorwärts gebildet, sondern auch rückgebildet, hat die Entwickelung gewissermaßen wieder zurückgenommen. Was ist da geschehen?

[ 25 ] Dadurch, daß bestimmte Kräfte ausgeschaltet worden sind, wieder rückgebildet sind, ist der Mensch fähig geworden, ein Träger des Geistig-Seelischen zu werden, dieses Geistig-Seelische aufzunehmen. Das, was ich bisher genannt habe, ist im wesentlichen nichts anderes als Rückbildung, «Devolution», im Gegensatze zur «Evolution». Nehmen Sie das, was dem einzelnen Tier die bestimmte Form gibt, die es hat, und einem anderen Tiere eine andere Form: dieser Gedanke bestimmt durch und durch die ganze Organisation des Tieres. Der Mensch dagegen bildet seine Organisation zurück. Sie kommt nicht so weit, durch und durch bestimmt zu werden, sie kommt zurück auf eine frühere Stufe. Dadurch kann er selbst sich die Gleichgewichtslage geben, die die Natur ihm nicht gibt, dadurch befreit er sich von dem, was die Natur den übrigen Wesen aufzwingt. Der ganze Mensch ist in der Bildung zurückgeblieben; dadurch entsteht das, was im Menschen Organ des Denkens wurde, denn selbstverständlich liegen diesem Organe zugrunde. Was dem Denken zugrunde liegt, ist im wesentlichen dadurch Organ des Denkens, daß es rückgebildet ist, daß es nicht bis dahin gekommen ist, bis wohin die Tierform kommt und äußerlich die Gestalt zum Ausdruck bringt. Der Mensch lebt die Form zurück und kann übersinnlich die Form im Denken ausleben, wie sie das Tier im äußeren Sinnlichen auslebt.

[ 26 ] Noch etwas anderes. Wir haben es beim Menschen also nicht bloß mit Evolution zu tun, sondern auch mit Devolution, mit Rückbildung. Und gerade weil der Mensch mehr in Rückbildung ist als das Tier, kann er der Träger eines Geistig-Seelischen überhaupt werden. Mit allem, was ich bisher ausgeführt habe, hängt im wesentlichen etwas anderes zusammen. Wer wirklich beobachten kann, wie im Tier zum Ausdruck kommt, was — schon nach der Beobachtung — Organ des Vorstellens sein muß, Organ des Wahrnehmens, des Empfindens, also die nach vorn gelegenen Teile der tierischen Organisation, der wird finden, daß das, was sich in der Form ausspricht, sich objektiv ausspricht. Er wird finden, daß alles, was nach der vorderen Seite der tierischen Organisation gelegen ist, zu tun hat mit dem Vorstellungsleben, Wahrnehmungsleben, Fühlen, und wie das, was nach rückwärts gelegen ist, mit dem Willenselement zu tun hat. Die beiden Seiten stehen natürlich wieder in Verbindung. Dadurch, daß das Tier in sein Gleichgewicht hineingestellt ist, gewissermaßen nebeneinander hat, was der Mensch übereinander hat: die Willensorganisation einerseits und die Verstandes- und Instinktorganisation andererseits, dadurch ist ein ganz anderer Zusammenhang im Tier geschaffen zwischen allem Intellektuellen, allem Vorstellungsmäßigen, und allem, was den Willen betrifft. Beim Menschen lagern die Vorstellungsorgane über den Willensorganen. Dadurch ist ein innerer Kontakt geschaffen zwischen Willens- und Vorstellungsorganen. Wer nun das seelische Leben zu beobachten versteht, der wird sehen: dieses menschliche Vorstellungsleben ist dadurch charakterisiert, daß sich da hineinerstreckt der Wille. Studieren Sie die Probleme der Aufmerksamkeit, Sie werden sehen: der Wille kraftet da hinein. Und dadurch entsteht die Fähigkeit des abstrakten Denkens, welches das Tier nicht haben kann, weil sein Vorstellen neben dem Willen und nicht über ihm liegt. Und wieder umgekehrt, es kraften zusammen Wille und Vorstellungsleben, so daß auch wieder der Wille beeinflußt wird von dem Vorstellen. Nur weil die Organe des Willens zu den unterbewußten gehören, kommt der Wille selbst nur wie im Schlafbewußtsein zum Ausdruck. Der Mensch hat den eigentlichen Vorgang des Willens so im Schlafbewußtsein wie die anderen Vorgänge des Schlafbewußtseins. Auch dadurch wird der ganze, dem Menschen eigentümliche Zusammenhang zwischen Vorstellen und Wollen hervorgehoben: es wird durch das Wollen aufgehellt das Vorstellungsleben, das beim Tier immer in einem dumpfen, traumartigen Zustande ist. Und ebenso ist das Wollensleben beim Tier viel inniger zusammenhängend mit dem Vorstellungsleben, es fühlt innerlich viel mehr Zusammenhang mit seinem Wollen. Das bedingt wieder, daß sich beim Menschen das freie Gefühlsleben in einer ganz anderen Weise zum Vorstellungs- und Willensleben verhält, sich viel tiefergehend auslebt als beim Tier. Beim Tier ruht das Gefühlsleben in der Organisation; es ist gewissermaßen nur eine formelle Ausgestaltung des Gedankenlebens. Und auf der andern Seite ist das Gefühlsleben beim Tier nur gehemmtes oder ungehemmtes Willensleben, je nachdem es etwas erreichen oder nicht erreichen kann. Das kommt in seinem ganzen Leben zum Ausdruck. Gerade dadurch ist es mit der ganzen äußeren Welt viel mehr in Zusammenhang.

[ 27 ] Wenn wir dies ins Auge fassen, können wir etwas anderes verstehen, was allerdings nur eine sorgfältige Beobachtung des menschlichen Seelenlebens ergibt. Die Geisteswissenschaft muß in vieler Beziehung anders vorgehen als die andere Wissenschaft, die die Dinge oftmals vom trivialen Vorstellen aufnimmt und sie dann ablehnt, weil sie nicht darauf kommen kann, wie die Dinge zu erklären sind. Der Geistesforscher wird viel mehr auf das Positive gehen, wird sich nicht damit begnügen, zum Beispiel die Vorstellung der Unsterblichkeit, der Dauer des Seelenwesens aufzunehmen, sondern wird in erster Linie fragen: Wie kommt der Mensch überhaupt dazu, das «Unsterbliche» als Gedanke oder als Gefühl in sich zu haben? Wie kommt er dazu, daß das Unsterbliche in seinem Seelenleben eine Rolle spielen kann?

[ 28 ] Dies zu begreifen, dazu kommt man nur, wenn man in der Lage ist, die Goethesche Metamorphosenlehre so weit auszudehnen, daß man nun wirklich an die Frage herangehen kann, inwiefern der Mensch in bezug auf seine höhere Natur, die durch seine Kopf- und Hauptesorganisation zum Ausdruck kommt, von seiner niederen Natur abhängig ist. Während wir bisher versucht haben, den besonderen Zusammenhang zwischen Denken und Wollen bei Mensch und Tier zu begreifen, muß man jetzt auf das eingehen, was den Menschen mit dem Tiere verbindet in bezug auf etwas, was mit der Entwickelungsfrage in innigem Zusammenhange steht. Das ist das, was in das tierische und in das menschliche Leben hineintritt durch die zwei Erscheinungen der Konzeption, der Empfängnis — ich sage nicht der Geburt —, was eben angesehen wird als die erste Entstehung des Menschlichen, die Verbindung des Männlichen und des Weiblichen, und des Todes auf der andern Seite. Konzeption und Tod sind beim Menschen und beim Tier an gewisse Teile des Organismus gebunden; von der Konzeption ist das ja von vorneherein einleuchtend.

[ 29 ] Nun handelt es sich darum einzusehen, daß das, was an einem Orte in irgendeiner tierischen Form erscheint — bei den Pflanzen ist es ebenso -, auch an anderen Organsystemen zum Ausdruck kommt, aber verwandelt. Es kann schon von vorneherein die Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden: wie wird sich denn beim Menschen und beim Tier das verhalten, was mit Konzeption und Tod zusammenhängt, da man doch den einen Unterschied schon herausgefunden hat, der unmittelbar an die Organisation gebunden ist? Da stellt sich heraus, wenn man wirklich den Erscheinungen und Tatsachen nachgeht und die Dinge sinnvoll betrachtet, daß das, was das menschliche und tierische Haupt ist, eigentlich im Grunde genommen nur höher organisierter, umgewandelter Unterleib ist, so sonderbar es klingt, gerade so — erinnern Sie sich an den Vortrag, in welchem an die Goethesche Weltanschauung angeknüpft wurde — wie die Kopfknochen umgewandelte Knochen der Rückenwirbel sind. In bezug auf die physische Gestaltung hat man es damit zu tun, daß die einzelnen Organsysteme Umwandlungen voneinander sind, wirkliche Umwandlungen, und auch die Betätigungen, die Funktionen der Organsysteme sind Umwandlungen voneinander. Was ist «Wahrnehmen»? Wahrnehmen — es handelt sich um objektive Forschung, und man muß den Dingen geradeweg ins Auge schauen -, durch die Sinne zur Außenwelt in Beziehung treten, ist eine höhere — meinetwillen sagen Sie eine geistigere — Ausgestaltung der Konzeption, spezifiziert durch die verschiedenen Sinne, aber Ausgestaltung der Konzeption, der Empfängnis. Dadurch, daß der Kopforganismus gewisse andere organbildende Kräfte verkümmern läßt, in die Extremitäten gehen läßt, dadurch gestaltet sich auf der einen Seite der Konzeptionsorganismus zu dem höheren Sinnesorganismus des Hauptes, und so entspricht der fortschreitenden Entwickelung des Hauptesorganismus die fortgeschrittene Konzeption, die im sinnlichen Wahrnehmen zum Ausdruck kommt. Jedes organische System entwickelt in gewisser Weise den ganzen Organismus; das Haupt alles, was der Unterleib enthält, der Unterleib alles, was das Haupt enthält. Dadurch, daß die organbildenden Kräfte der Extremitäten verkümmert sind, kommt das, was zu ihrem Leben gehört, im Haupte auf geistige Art zum Ausdruck. Das Produktionsvermögen, das Hervorbringungsvermögen ist umgewandelt in das Entwickeln der Gedanken. Im Haupt ist das Organ des Denkens einfach dadurch veranlagt, daß gewissermaßen einseitig entwickelt ist das Konzeptionelle, und rückgebildet ist das Produktive, aber das Produktive dadurch, daß es zurückgebildet ist, wiederum die Grundlage für die Gedanken gibt. Denn ebenso wie Tier und Mensch seinesgleichen durch seinen anderen Organismus hervorbringt, so bringt der Mensch auf geistige Weise sich selbst hervor: eben die Gedankenwelt. Die Gedankenwelt ist der vergeistigte Mensch, wobei heraufgenommen ist ins bewegliche Übersinnliche, was sonst in der Außenwelt ausgestaltet ist.

[ 30 ] Dieser Gedanke, den ich eben geäußert habe, hat eine große Tragweite, und nur mit einem tiefen Bedauern erschöpfe ich solche Dinge in einem einzelnen Vortrage. Denn solche Dinge sind das Ergebnis jahrzehntelanger geistiger Forschung. Aber sie müssen einmal ausgesprochen werden, denn es handelt sich schon darum, daß diese Dinge unter die Menschen kommen, damit der, welcher die Möglichkeit hat, darüber nachzuforschen, in den Kliniken und Kabinetten auch die Kleinigkeiten so erforscht, wie sie erforscht werden müssen, wie sie in die Wirklichkeit hineingehören.

[ 31 ] Wer diesen Gedanken in seiner ganzen Tragweite erfassen kann, der findet auch noch, daß in ihm auch etwas anderes rein organmäßig veranlagt ist. Zwei Momente lernt er im tierischen Leben beobachten: den Moment der Konzeption und den des Todes. Sie liegen auseinander wie Anfang und Ende des tierischen Lebens. Der eine hängt zusammen mit der fortschreitenden Entwickelung: die Konzeption, und alles was sich an das Studium der Konzeption anlehnen kann, führt zur Erkenntnis der fortschreitenden Entwickelung. Alles aber, was aus den Verhältnissen des irdischen Lebens heraus den Tod des Tieres bestimmt, hängt zusammen mit der rückschreitenden Entwickelung, mit der Devolution. Man kommt nur, wenn man die in diesen Vorträgen gemeinte Art von Forschung auf das seelische Leben anwendet, nach und nach darauf, was diese zwei Momente — Konzeption und 'Tod - für das tierische Wesen, für die ganze tierische Evolution eigentlich sind. Das Tier wird von allem ergriffen, was zusammenhängt mit der Konzeption und der darauffolgenden Produktion. Diese Evolution, diese Entwickelung ist die höchste Entfaltung des organischen Lebens. Es ist genauso wie bei einer Steigerung des organischen Lebens, meinetwillen bei Fieberzuständen, daß der gewöhnliche, für sein Wesen richtige Bewußstseinszustand zurückgedrängt wird. So ist mit der Erregung des organischen Lebens eine Zurückdrängung des Bewußtseins, eine Abdämpfung des Bewußtseins verbunden, und mit allem, was mit der Devolution und rückschreitenden Entwickelung zusammenhängt, ist eine Aufhellung des Bewußtseins, ist der Moment des intensivsten Bewußtseins verbunden. Der Moment der höchsten Aufhellung, des intensivsten Bewußtseins — und als Geistesforscher darf ich sagen: ein Moment, wo das tierische Element nahe herankommt an das menschliche, man versuche nur einmal, Tiere im Sterben zu beobachten! -, das ist der Moment, wo das Tier stirbt. Diese zwei Momente höchster Verdunkelung und höchster Erhellung des Bewußtseins, Konzeption und Tod, sind beim Tier wie zwei auseinanderliegende Punkte, wie Anfang und Ende.

[ 32 ] Beim Menschen ist es anders. Dadurch, daß sich das Haupt in der geschilderten Weise heraushebt aus der ganzen übrigen Organisation, ist der Mensch so organisiert, daß er fortwährend das Durcheinanderspielen von Konzeption und Tod erlebt. Das geht durch das ganze menschliche Leben durch. Wir sind so organisiert, daß wir in der Gehirnorganisation, die unserm Denken in seinem Zusammenhange zwischen Wahrnehmen und Wollen zugrunde liegt, fortwährend, ins Geistige umgesetzt, bei jeder Produktion eines Gedankens — aber wie traumhaft schlafend oder gar unterbewußt — das erleben, was sonst vom Tier nur einmal erlebt wird während der Konzeption. Und andererseits spielt dadurch, daß der zum Haupt umgestaltete Organismus eben in dem Haupt seinen Geistesorganismus hat, fortwährend in unser Bewußtsein ein Sterben hinein. Wir sterben in jedem Augenblick. Genauer ausgedrückt: jedesmal, wenn wir einen Gedanken fassen, wird der menschliche Wille geboren in dem Gedanken, und jedesmal, wenn wir ein Wollen ins Auge fassen, stirbt der Gedanke in den Willen hinein. Das ist das, was Schopenhauer nie begriffen hat. Für ihn wurde auf der einen Seite der Wille zur eigentlichen Realität; daneben verschwand ihm wie zu einer Schein-Welt der Gedanke, weil er nicht verstand, daß Wille und Gedanke so zusammengehören, wie etwa der junge und der alte Mensch, indem der Wille dadurch Wille wird, daß der Gedanke in ihm erstorben ist, und der Wille andererseits dadurch, daß der Gedanke in ihm geboren ist, nun seine Jugend in ihm durchmacht.

[ 33 ] Geburt und Tod erlebt der Mensch fortwährend. Im Raume habe ich Ihnen die menschliche Konfiguration geschildert durch die Gleichgewichtsverhältnisse. In der Zeit schildere ich sie dadurch, daß ich aufmerksam mache: das geisteswissenschaftliche Resultat besteht darin, daß dasjenige, was beim Tier nur am Anfang und Ende erlebt werden kann, sich beim Menschen durch das ganze Leben hindurchzieht; in einem feinen traumhaften Durcheinander ist in seiner Unterbewußtheit ein fortwährendes leises Erleben von Konzeption und Tod. Dadurch, daß dies unten in den Tiefen der Menschenseelen lebt, daß es heraufpulst, daß sich der Mensch dumpf dessen bewußt ist, daß er in sich und nicht außer sich Konzeption und Tod trägt, dadurch hat er das Gefühl: Sein Wesen ist über Tod und Geburt hinaus lebend, umfaßt mehr als das, was mit der Konzeption anfängt und durch den Tod beschlossen wird. Der Mensch trägt Konzeption und Tod in sich. Ich spreche es in kurzen Worten aus. Aber erforschen Sie alles, was gegenwärtig Physiologie und Psychologie geben können: Sie werden es bestätigt finden, daß der Mensch das, was beim Tier auf zwei Momente verteilt ist, fortwährend in seinem Leben mit sich trägt. Das erzeugt in ihm die Vorstellung der Unsterblichkeit. Dadurch trägt er die Empfindung, den Gedanken der Unsterblichkeit wirklich in sich. Und erst dann kann man den Zusammenhang von Tier und Mensch ins Auge fassen, wenn man dies berücksichtigt.

[ 34 ] Wie steht der Mensch zum Schlusse da? Mehr rückgebildet, als es beim Tier der Fall ist, und das gibt ihm gerade die Grundlage für sein geistiges Wesen. Prüft man ihn ganz durch, so findet man das Merkwürdige: Wie das Auge rückgebildet ist, so ist eigentlich alles, was in der äußeren Erscheinung da ist, ins Geistige rückgebildet gegenüber dem Tier. Das entfaltet er unter denselben Verhältnissen, unter denen das Tier sein Wesen, seine Ausgestaltung entfaltet. Dieselben Verhältnisse wirken auf das Tier, wirken auf den Menschen. Sie wirken auf den Menschen, indem sie ihn gleichsam mit einer «Schale» versehen. Was ich jetzt geschildert habe, ist ja eigentlich das Innere des Menschen. Das ist umgestaltet, weich erhalten so, daß er sein eigenes Gleichgewicht hervorbringen kann, daß er das, was beim Tier die feste Form annimmt, in den beweglichen Formen seiner Gedanken hat. Das alles ist in ihm gelegen. Dadurch steht er der Außenwelt gegenüber wie durch eine Schale abgeschlossen da.

[ 35 ] Was da im Menschen entdeckt werden kann, das kann eigentlich erst die Geisteswissenschaft entdecken. Die kann erst durchdringen durch diese Schale. Aber was stellt sich dann heraus? Etwas ähnliches wie beim Gedächtnis. Wir nehmen die Außenwelt wahr, wie sie ist, und verarbeiten sie. Aber wir bringen in der Erinnerung das, was wir von der Außenwelt aufgenommen haben, im späteren Leben wieder zum Vorschein. Ich kann heute nicht ausführen, worauf der Organismus der Erinnerung beruht; aber er beruht selbstverständlich nicht auf den Einrichtungen der Körper-Peripherie, sondern auf denen des Körper-Inneren. Geht man nun in einem tieferen Sinne in dasjenige, was die Schale zudeckt, wie man in die gewöhnliche Erinnerung hineingeht — nur daß die gewöhnliche Erinnerung unbewußt hervorruft, was der Organismus bewahrt —, geht man bewußt durch das schauende Bewußtsein hinein, dann holt man das herauf, was in der Tiefe der Menschennatur alles das bewirkt, was ich heute beschrieb. Die Schale wird durch das hervorgerufen, wodurch die heutige Tierwelt bestimmt wird. Wie unterscheidet sich davon das, was im menschlichen Innern lebt? Das wird für den Geistesschauer wie eine erhöhte, angeschaute Erinnerung; da holt er etwas herauf aus dem Menschen, was wirklich anschaulich wird, was wirklich vor das menschliche Schauvermögen hinrritt. So wie vor das gewöhnliche Bewußtsein das hintritt, was die Sinne erlebt haben, so tritt etwas vor das schauende Bewußtsein hin, wenn man sich vertieft in das, was da unten ist. Da kommt dann herauf, daß jene Zeit der Entwickelung, welche der Mensch gleichzeitig mit den Tieren verbracht hat — die Zeit der irdischen Entwickelung -, gefolgt ist einer andern Zeit für den Menschen, in der es noch gar keine Entwickelung der heutigen Tiere geben konnte. Der Mensch hat sich vor der Tierheit entwickelt, aber in einer andern Gestalt selbstverständlich; denn die heutige Gestalt hat er dadurch angenommen, daß er in Verhältnisse hineingestellt ist, welche die Tiere gebildet haben. Aber was in der «Schale» ruht, führt in der geistigen Anschauung zurück zu einer früheren Gestaltung der Erde, zu einem Zustande, den wir nicht durch geologische Schlüsse verstehen lernen; sondern wenn wir den Menschen verstehen lernen, kommen wir zu der Erkenntnis, daß der Mensch älter ist als die Tiere, daß die Tiere später entstanden. So verwandt sie sind mit den Menschen, sie sind später entstanden. Denn wir kommen zurück zu einer Form des Planeten, als die Tiere noch nicht vorhanden waren. Da hat der Planet so ausgesehen, daß unter der Einwirkung seiner Verhältnisse dasjenige sich bilden konnte, was heute geschützt werden muß durch die äußere Schale, welche heute der Tierwelt gegenübersteht.

[ 36 ] Was ich heute als einen Gedanken auseinandergesetzt habe, das bildet sich bei dem, der geistig schaut, zuerst als ein geistiges Gesicht aus: Man schaut zurück in frühere Entwickelungszustände der Erde. Das gibt aber gerade den Impuls, die Entwickelungszustände so anzusehen, wie sie sind, wie sie sein müssen, damit man das sehen kann, was man findet, wenn man erst hinschaut.

[ 37 ] Aber da liegen noch andere Verhältnisse vor. Heute ist man ja im trivialen wissenschaftlichen Leben ganz damit einverstanden, die Erscheinungen der Erde so zu betrachten wie die Himmelserscheinungen; aber es hat auch etwas gebraucht, daß dieser Gedanke bei der modernen Menschheit sich durchsetzte, die so gar nicht autoritätsgläubig sein will, aber dafür die gegenwärtige Wissenschaft als eine unfehlbare Autorität ansieht. Man kann da eine Erfahrung machen. Wenn Sie nach Mülhausen im Elsaß kommen, finden Sie ein Denkmal: Oben eine Himmelskugel, davor ein Standbild Johann Heinrich Lamberts, eines Zeitgenossen Kants, der etwas ähnliches, aber etwas viel Geistvolleres ausgedacht hat als die sogenannte Kant-Laplacesche Theorie. Wenn man noch etwas dazunehmen würde, was Lambert gedacht hat, so würde man nicht fernstehen dem, was die Geisteswissenschaft heute ist. Aber heute ist man nun so weit, daß durch die Beschlüsse des ehrsamen Rates das Denkmal jenes Mannes aufgestellt wird, der beteiligt ist an der Herstellung der modernen Himmelskunde. Wenn man jedoch hundert Jahre zurückgeht von der Errichtung des Denkmals, so trifft man da auf etwas anderes. Da war Lambert ein junger Schneiderbub. Einzelne haben geahnt, was in ihm steckt, Kant zum Beispiel nannte ihn das «größte Genie des Jahrhunderts», und der Vater hat Gesuch über Gesuch an den Rat gerichtet, daß der Sohn weiterkommen könnte. Da hat man ihm dann vierzig Franken gegeben, aber nur unter der Bedingung, daß er sich trollt, daß er nicht wiederkommt. Das war vor hundert Jahren. Nach hundert Jahren — die Denkmal-Errichtung! So geht es mit der menschlichen Entwickelung, ein Beispiel unter vielen!

[ 38 ] Aber, um auf meinen Ausgangspunkt zurückzukommen: Die moderne naturwissenschaftliche Denkweise hat, äußerlich betrachtet, mit der mosaischen Schöpfungsgeschichte denselben Gedanken, daß der Mensch nach den Tieren da ist. Dagegen muß die moderne Geisteswissenschaft von ihren Erkenntnissen aus sagen, daß der Mensch den Tieren vorangeht, und daß wir von unserm Erdenzustande zurückzugehen haben zu einem solchen Zustande, in dem der Mensch das, was er damals war, nicht geschützt durch die äußere Schale, dadurch nur entwickeln konnte, daß er sich gegenüber den äußeren Verhältnissen exponieren mußte. Da kommt man zurück zu Entwickelungszuständen unseres Erdenlebens, die sich anders ausnehmen als das, was man Kant-Laplacesche Theorie nennt. Äußerlich mag es gut gelten, daß sich ein Urnebelzustand herausgebildet und zusammengeballt hat. Ich habe hier vor einiger Zeit signifikante Worte Herman Grimms angeführt: daß einmal spätere Geschlechter viel Mühe haben werden, über die Verschrobenheit der Gegenwart nachzudenken, die sich herbeigelassen hat zu glauben, daß aus einem solchen Urnebelzustand alles sich herausentwickelt habe, was jetzt da ist. Es wird allerdings noch lange Zeit dauern, bis die Menschheit für eine geistige Erfassung der Dinge so weit reif sein wird, daß man das Menschenrätsel so ins Auge fassen kann, wie es heute dargestellt worden ist. Dann entwickelt sich aber ein anderer Entwickelungsgedanke, und ich scheue nicht zurück, zum Schluß etwas zu wiederholen, worauf ich auch schon aufmerksam gemacht habe, weil ich immer wieder und wieder darauf hinweisen muß, von welcher Seite her Leben und Bewegung in das wissenschaftliche Denken der heutigen Zeit gebracht werden muß.

[ 39 ] Man kann wissenschaftlich sehr richtige Gedanken haben, aber diese können sehr weit abliegen von der Wirklichkeit. Da muß ich immer wieder hinweisen auf jenen Vortrag von Professor Dewar in London in der Royal Institution, worin er ausführte, wie die Erde nach 200 000 Jahren sein wird. Es ist ganz richtig gerechnet und gar nicht zu bezweifeln, ebenso wie man auch ganz richtig die Kant-Laplacesche Theorie errechnen kann. Wie diese, so kann man auch diesen Endzustand der Erde, auf minus 200 Grad Celsius abgekühlt, errechnen. Da ist kein Fehler drinnen: Unsere Atmosphäre ist dann wie zu Wasser verdichtet. Dewar führt es in allen Einzelheiten aus, wie dann die Dinge auf der Erde zum Beispiel andere Aggregatzustände angenommen haben werden. Die Milch wird selbstverständlich fest sein. Ich weiß zwar nicht, wie sie dann produziert werden soll; aber sie wird selbstverständlich fest sein. Gewisse Gegenstände werden fluoreszierend sein; man wird mit Eiweiß die Wände bestreichen können und bei minus 200 Grad Celsius während der Nacht Zeitung lesen können. Darin ist gar kein Fehler. Nur fragt es sich, ob es dem entspricht, worauf der geisteswissenschaftliche Forscher zu sehen hat: Ob es nicht nur «richtig» ist, sondern ob es der Wirklichkeit entspricht, ob das Denken weiß, wo es aufzuhören hat, weil es nicht mehr in der Wirklichkeit steht. Nach welchen Methoden sind denn diese Dinge alle berechnet? Nach Methoden, wie etwa diese wäre: Jemand studiert den Magen eines dreißigjährigen Menschen, er verfolgt ihn über dreihundert Jahre und rechnet aus, nach dreihundert Jahren hat sich der Magen dieses Menschen so und so entwickelt. Das kann er ebenso berechnen wie Professor Dewar den Endzustand der Erde. Der Fehler ist nur der, daß dann der Mensch nicht mehr leben wird, ebenso wie die Erde nicht mehr nach 200 000 Jahren bestehen wird. Und ebenso könnte man zurückrechnen, wie die Erde vor 300 000 Jahren ausgesehen hat, denn in derselben Weise kann man auch die Kant-Laplacesche Theorie ausrechnen; aber damals hat die Erde noch nicht bestanden. Es handelt sich darum, daß man unterscheiden lernt wirklichkeitsgemäßes Denken und bloß «richtiges» Denken.

[ 40 ] Damit ist außerordentlich viel gesagt. Denn der Gedanke, den ich ausgeführt habe, daß man durch das Studium des Menschen selbst, wenn man nur in der Lage ist, auf das einzugehen, was den Menschen ausmacht, zu Verhältnissen kommt, unter denen die Erde ganz anders ausgesehen hat, der ist nur zu gewinnen, wenn man in wirklichkeitsgemäßes Denken hineintaucht. Das aber ergibt auch die Möglichkeit, einen Gedanken darüber zu haben, wie dieses vor den gegenwärtigen irdischen Verhältnissen durch die äußere Schale, die ich charakterisiert habe, geschützte Menschenwesen den Endzustand der Erde überwinden kann — der ganz gewiß anders sein wird, als ihn Professor Dewar schildert —, damit der Mensch sich hinüberentwickelt in Zeiten, wo die Erde ganz gewiß anders sein wird, wo die heutigen Tiere nicht mehr vorhanden sein werden.

[ 41 ] Das war heute eine Auseinandersetzung über die Menschenwelt und die Tierwelt, in bezug auf ihren Ursprung und ihre Entwickelung nach geisteswissenschaftlichen Ergebnissen dargestellt. Das nächste Mal soll gezeigt werden, wie der Mensch selbst in wiederholten Erdenleben wiederkehrt, so daß man vollen Grund hat, Lessings Anschauung von den wiederholten Erdenleben wieder anzunehmen. Heute wollte ich eine Grundlage schaffen, um zu zeigen, wie die Geisteswissenschaft zu ganz anderen Anfangs- und Endzuständen unserer Erdentwickelung kommt, und wie in der Tat mit der Meinung gebrochen werden muß: Erst war die Tierwelt da, und auf ihrer Grundlage konnte sich erst der Mensch entwickeln. Der Mensch geht mit seiner Entwickelung voran. Diese Dinge wird die Geisteswissenschaft zur Geltung bringen. Eine kleine Vorahnung dieses Verhältnisses finden Sie eigentlich nur — wie ich es in meinen «Rätseln der Philosophie» ausgeführt habe — bei einem sehr geistvollen und energischen Forscher des neunzehnten Jahrhunderts, Wilhelm Heinrich Preuß. Da finden Sie einen ersten Anfang von diesen Dingen, aber es bleibt alles mehr oder weniger Behauptung. Erforscht können diese Sachen erst werden, wenn man mit dem schauenden Bewußtsein in das eindringt, was geistig-seelisch eben der Mensch ist, und wovon die Naturforschung gar nicht sprechen kann. Denn sie kann nur fragen: Wie steht der Mensch als geistig-seelisches Wesen in Beziehung zur tierischen Organisation? Aber das Höchste des Geistig-Seelischen steht gar nicht zur tierischen Organisation in Beziehung, sondern das steht so zu ihr, daß es die Organisation heraushebt, ganz andere Gleichgewichtsverhältnisse hervorbringt, so daß das Erleben von Konzeption und Tod sich zusammenschiebt in einen Moment, so daß der Mensch durch die Wahrnehmung des kontinuierlichen Erlebens von Konzeption und Tod in sich dumpf heraufleuchten hat das Erleben der Unsterblichkeit.

[ 42 ] Alles zusammenfassend, darf ich von der heutigen Betrachtung sagen, sie sollte wieder von einem gewissen Gesichtspunkte aus auf das Menschenrätsel hinweisen, das den Menschen immer mehr und mehr beschäftigen muß. Gewisse Menschen haben — und ganz mit Recht - darauf aufmerksam gemacht: Was wird es denn eigentlich sein, wenn einer kommt und das Menschenrätsel oder die Weltenrätsel überhaupt einmal löst? Dann wird doch das Leben furchtbar lässig, träge werden; denn gerade in dem Streben nach der Lösung bestünde alles, was aneifernd und anfeuernd auf das geistige Leben wirkt. Und so hat man eine gewisse Besorgnis, daß durch eine Lösung der Welträtsel das Menschenleben träger werden könnte. Wenn Sie aber den Geist nehmen, aus dem heraus der heutige und die andern Vorträge gehalten wurden, so werden Sie sehen, es handelt sich um etwas ganz anderes. Hier wird nicht durch eine Theorie oder einige Sätze, wie es manche glauben, auf die Lösung des Menschenrätsels hingewiesen. Allerdings, wenn wir hinausblicken in die Welten des Universums, sie werden uns räumlich und zeitlich zu einer großen Welträtselfrage. Wo ist die Antwort? Wer von dem Geist ausgeht, der diesen Betrachtungen zugrunde liegt, und dort die Antwort sucht, der findet sie nicht in einem Satz, auch nicht in einer 'Theorie, sondern er findet sie, indem er hinweist auf die Tatsache, daß aus Raumesweiten und Zeitenläufen rätselhaft etwas zusammengedrängt ist in dem Menschen selbst. Das Universum gibt uns die Rätselfrage, im Menschen liegt die Antwort. Aber je weiter man vorgeht, desto weitere und tiefere Zeiten bringt man an die Oberfläche. Indem man immer andere Zeiten anschaut, bringt man am Menschenwesen immer neue Seiten zum Vorschein. Man antwortet nicht mit einem Satz, nicht mit einer Theorie, sondern mit dem lebendigen Menschenwesen selbst. Die Raumestiefen und Zeitenweiten stellen dem Menschen die Rätselfrage, aber er selbst ist die Antwort. Wir werden nichts anderes tun können, als dem Menschen die Aufforderung zu geben: Mensch, erkenne dich selber, denn in dem Grade, als du immer tiefer und tiefer in dich hineinschaust, wirst du auch immer tiefer und tiefer die Antwort finden auf die Rätsel, die dir die Raumesweiten und Zeitenfernen geben. Indem nicht auf einen Satz, nicht auf eine Theorie oder auf eine Wissenschaft hingewiesen wird, sondern auf das Leben selbst und gesagt wird: Die Antwort liegt darin, daß du in dich schaust, — ist die Möglichkeit der Antwort eröffnet, und zwar in dem Maße, wie wir unsere erwachenden Gedanken und Gefühle in die Zukunft hineinsenden werden. Es wird nicht Lässigkeit im geistigen Leben eintreten, denn es werden die Weltenrätsel in immer neuen Formen an uns herantreten, und in immer neuen Formen wird auch die Antwort sich offenbaren. Alles wird an der richtigen Ergreifung der Welträtselfrage liegen, daß man nicht nur die Antworten, sondern schon die Fragen in der richtigen Weise findet. Dann aber muß die Antwort nicht erdacht, sondern erlebt sein. Und das Leben selbst ist ein Unendliches.