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The Rudolf Steiner Archive

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The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b

9 December 1905, Hamburg

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The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL
  1. Der Kreislauf des Menschen

5. Wiederholte Erdenleben als Schlüssel zum Menschenrätsel

5. Reincarnation as the Key to the Mystery of Humanity

[ 1 ] Verehrte Anwesende! Unter denjenigen Anschauungen, welche die theosophische Bewegung neuerdings den Menschen zum Bewusstsein zu bringen versucht, sind die beiden Worte «Wiederverkörperung» und «Karma» zusammengefasst in den Titel des heutigen Vortrags als Lösung des Menschenrätsels. Die beiden Worte werden von unseren Zeitgenossen sehr verschieden aufgefasst. Die einen sind gleich bei der Hand, die Theosophie für phantastisch und unsinnig zu erklären; sie sagen: Wie kann man denn überhaupt so etwas wissen? Anderen tritt diese Erkenntnis wie eine Erlösung entgegen; es ist das Wort auf das Rätsel, das das Rätsel löst, das sie gefunden; der Albdruck, unter dem sie schmachteten, ist von ihnen genommen. Es löst sich uns das Rätsel, weshalb ein Teil der Menschen in tiefstem Elend steckt, während andere scheinbar im höchsten Glück dahinwandeln, wenn wir bedenken, dass in vergangenen Zeiten der Grund gelegt worden ist sowohl zu den Anlagen, mit denen der Mensch auf die Welt kommt, als auch zu seinem Schicksal, das ihn in diesem Erdenleben trifft.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! Among the concepts that the Theosophical Movement has recently been striving to bring to people’s attention, the two words “reincarnation” and “karma” are summarized in the title of today’s lecture as the solution to the mystery of humanity. These two terms are interpreted very differently by our contemporaries. Some are quick to dismiss theosophy as fanciful and nonsensical; they ask: How can anyone possibly know such a thing? For others, this insight comes as a deliverance; it is the key to the mystery that solves the mystery they had encountered; the nightmare under which they were languishing has been lifted from them. The mystery of why some people are mired in the deepest misery while others seem to walk through life in the highest bliss is resolved for us when we consider that the foundation was laid in past ages—both for the dispositions with which a person is born into the world and for the destiny that befalls them in this earthly life.

[ 2 ] Die anderen nun, denen die Sache so phantastisch erscheint, bedenken nicht, dass ihre Umgebung, in der sie leben, nicht die einzige auf Erden ist. Es gibt viele Menschen, die an einem wiederholten Erdenleben festhalten; ebenso viele wie die, denen diese Sache aus dem Gesichtskreis gerückt ist. Den asiatischen Völkern ist die Wiederverkörperung keine graue Theorie, sondern eine Lebenswahrheit, aus welcher sie Lebenskraft schöpfen. In früheren Zeiten, bis zum Christentum, war diese Anschauung weit verbreitet auch in Europa, auch noch in den Anfangszeiten des Christentums. Es war nicht etwa nur eine Anschauung für Phantasten; die Besten der Führer bekannten sich zu dieser Anschauung. Plato, Giordano Bruno, der für sein Eintreten für Kopernikus den Tod erfahren hat, standen für sie ein. Ihre Lehre ist von der Anschauung wiederholter Erdenleben gar nicht zu trennen. Lessing bekennt sich dazu in seiner «Erziehung des Menschengeschlechtes». Goethe, Jean Paul, nicht etwa phantastische Geister irgendwelcher untergeordneter Religionssysteme treten dafür ein. Nein, es sind die großen Geister, weil sie sich das Leben nur so zu erklären vermögen. Man benimmt sich auffallend gegen die große Geistesheroen wie Plato, Lessing und so weiter, deren Namen man mit mehr oder weniger geheuchelter Ehrfurcht nennt — auf Giordano Bruno ist sogar ein Bund getauft —, wenn man auf deren tiefste Überzeugung eines wiederholten Erdenlebens kommt, dann achselzuckend sagt: Das ist so eine Schwäche dieses großen Menschen. — Gibt es eine größere Unbescheidenheit, als so zu urteilen? Wer so spricht, den frage ich, woher er das Beste, was er weiß, gelernt hat? Doch wohl von denen, deren Namen mit dieser Lehre verwebt sind. Über die wirft er sich zum Richter auf! Er nimmt von ihnen an, was ihm passt, lässt liegen, was ihm nicht passt.

[ 2 ] Those others, however, to whom the idea seems so fantastical, do not consider that the environment in which they live is not the only one on Earth. There are many people who hold fast to the belief in repeated earthly lives; just as many as those for whom this idea has faded from view. For the Asian peoples, reincarnation is not a vague theory, but a truth of life from which they draw vitality. In earlier times, up until the advent of Christianity, this view was widespread in Europe as well—even in the early days of Christianity. It was by no means merely a belief held by dreamers; the finest of the leaders professed this view. Plato and Giordano Bruno—who met his death for defending Copernicus—stood up for it. Their teaching is inseparable from the belief in repeated earthly lives. Lessing professes this belief in his *The Education of the Human Race*. Goethe, Jean Paul—not merely the fanciful minds of some subordinate religious systems—advocate for it. No, it is the great minds, because this is the only way they can explain life to themselves. People behave in a striking manner toward the great intellectual heroes such as Plato, Lessing, and so on—whose names they mention with more or less feigned reverence (there is even an association named after Giordano Bruno)—yet when their deepest conviction regarding repeated earthly lives is brought up, they shrug and say: “That is just one of this great man’s weaknesses.” — Is there any greater immodesty than to judge in this way? To anyone who speaks this way, I ask: From whom did you learn the best of what you know? Surely from those whose names are intertwined with this teaching. Yet he sets himself up as their judge! He takes from them what suits him and discards what does not.

[ 3 ] Die theosophische Bewegung sucht in moderner Weise das Bewusstsein des wiederholten Erdenlebens den Menschen wieder nahezubringen. Noch sträuben sich die Wissenschaften, diese Lehre anzuerkennen. Wenn sie sie nur erst als Hypothese gelten lassen wollen, so wird bald die Zeit kommen, dass sie sehen werden, dass sie ohne diese Lehre zu keiner Lösung des Menschenrätsels kommen können. — Ein jeder Mensch trägt in sich einen unvergänglichen Wesenskern. Was mit ihm geboren wird und stirbt, ist nur die Hülle dieses Wesenskernes. Dieser war da vor der Geburt, wird da sein nach dem Tode. Dieser Wesenskern hat schon wiederholt auf Erden gelebt und wird immer wieder neu im Mutterleibe geboren. Das jetzige Leben ist nur eines unter vielen.

[ 3 ] The Theosophical Movement seeks, in a modern way, to reintroduce the concept of repeated earthly lives to humanity. The sciences are still reluctant to acknowledge this teaching. If they would only accept it as a hypothesis for now, the time will soon come when they will see that without this teaching they cannot solve the mystery of humanity. — Every human being carries within themselves an imperishable core of being. What is born and dies with it is merely the shell of this core essence. It existed before birth and will exist after death. This core essence has already lived on Earth many times and is reborn again and again in the womb. The present life is only one among many.

[ 4 ] Äußerlich aufgefasst wird das nicht gleich klar. Bei oberflächlicher Anschauung wird uns die Lehre unwahrscheinlich erscheinen. Die naturalistische Denkweise des Westens macht uns unfähig, die Sache richtig aufzufassen. Es gibt eine gewisse höhere geistige Unterweisung, wie sie im Morgenlande gepflegt wurde. Viele Abendländer, die diese empfangen haben, denen ist es ganz natürlich geworden, dass sie, wenn sie allein sind oder mit solchen zusammen sind, die dieselbe Schule durchgemacht haben und von diesem inneren Wesenskern wissen, ihn in Gedanken bewusst trennen von ihrer äußeren Erscheinung. Sie denken oder sagen: Nicht mein eigentlicher Wesenskern geht durch das Zimmer, sondern mein Körper. Mein Körper hat Hunger, mein Gehirn denkt und so weiter.

[ 4 ] Outwardly, this is not immediately clear. At first glance, the teaching may seem implausible to us. The naturalistic way of thinking in the West renders us incapable of understanding the matter correctly. There is a certain higher spiritual instruction, as it was cultivated in the East. For many Westerners who have received this instruction, it has become entirely natural that, when they are alone or in the company of others who have gone through the same training and know of this inner core of being, they consciously separate it in their thoughts from their outward appearance. They think or say: It is not my true core of being that walks through the room, but my body. My body is hungry, my brain thinks, and so on.

[ 5 ] Es gibt geistige Unterweisung, die uns lehrt, dass der physische Körper nur das Werkzeug für den geistigen Wesenskern ist, dass alle Sinnesorgane nur dazu dienen, dass er sich auf der Erde berätigen kann. Der Durchschnittsmensch meint mit «Ich» seinen Körper; der Geistgeschulte hat die Empfindung einer Zweiheit, eines geistigen Ich, das mit dem äußeren nichts zu tun hat; immer mehr und mehr unterscheidet er von dem physischen Leib den unvergänglichen Wesenskern. Was vor der Geburt da war, hat nichts zu tun mit dem physischen Körper, viel mit den physischen Bedürfnissen.

[ 5 ] There is spiritual teaching that instructs us that the physical body is merely the instrument of the spiritual core of our being, and that all the sense organs serve only to enable it to act upon Earth. The average person means their body when they say “I”; the spiritually trained person has a sense of duality, of a spiritual “I” that has nothing to do with the external; more and more, they distinguish the imperishable core of their being from the physical body. What was there before birth has nothing to do with the physical body, but much to do with physical needs.

[ 6 ] Dass Müller oder Maier wiederkommen, das ist eine falsche Ansicht. Was das ist, was sich von Fritz Schulze oder Johann Maier wieder verkörpert, kann nur der erkennen, der sich losmachen kann von dem Begriff, dass er sein Körper ist. Dann erst, wenn er dies vermag, kann er einen Begriff davon bekommen, was das ist, was sich wieder verkörpert.

[ 6 ] The idea that Müller or Maier will return is a misconception. Only those who can free themselves from the notion that they are their bodies can recognize what it is that reincarnates from Fritz Schulze or Johann Maier. Only when they are able to do this can they begin to grasp what it is that is being reincarnated.

[ 7 ] Nun müssen wir uns noch einmal kurz vor die Seele führen, was bleibt und wieder das irdische Dasein aufsucht und was vergeht. Erstens, der physische Körper zerfällt im Tode, weil er aus physischem Stoff besteht — er vergeht.

[ 7 ] Now we must briefly reflect once more on what remains and returns to earthly existence, and what passes away. First, the physical body decays at death because it consists of physical matter—it passes away.

[ 8 ] Zweitens, der Ätherleib, der Lebensleib: Der macht, dass die physischen Organe ihre Aufgabe verrichten können; das Bewegende, das Belebende im Körper. Die Uhr bewegt sich auch, sie besteht aus einem Räderwerk; nehme ich ein Rad heraus, so hört sie auf zu gehen; lege ich die Uhr hin und das Rad daneben, so können sie lange daliegen, sie verändern sich nicht. Haue ich aber eine Hand vom menschlichen Körper ab, so bleibt sie nicht, wie sie war, sie verdorrt, weil sie mit dem Körper, von dem ich sie getrennt habe, lebendig-organisch verbunden war. Dieser Ätherleib zerfällt auch. Er geht in den allgemeinen Äther über.

[ 8 ] Second, the etheric body, the life body: It enables the physical organs to perform their functions; it is the moving, animating force within the body. A clock also moves; it consists of a mechanism of gears. If I remove a gear, it stops running; if I set the clock down and place the wheel next to it, they can lie there for a long time without changing. But if I cut off a hand from the human body, it does not remain as it was; it withers away because it was vitally and organically connected to the body from which I separated it. This etheric body also disintegrates. It passes into the general ether.

[ 9 ] Der dritte Körper ist zu erkennen, wenn wir ins Auge fassen, was im Menschen lebt — nicht bloß den Zusammenhang zwischen Haut und Knochen — was er in sich trägt an Leid und Lust, an Begierden und Leidenschaften; das sind Dinge, die ebenso in ihm leben wie Blut und Herz; sie sind ebenso lebendig. Das ist der Astralleib.

[ 9 ] The third body can be recognized when we consider what lives within a human being—not merely the connection between skin and bone—but what he carries within himself in terms of suffering and pleasure, desires and passions; these are things that live within him just as much as his blood and heart; they are just as alive. This is the astral body.

[ 10 ] Viertens das Ich, das, was den Menschen unterscheidet von den Geschöpfen der anderen Reiche. Den physischen Leib hat der Mensch gemeinsam mit den Mineralien, den Ätherleib mit den Pflanzen, den Astralleib mit den Tieren.

[ 10 ] Fourth, the “I”—that which distinguishes human beings from the creatures of the other kingdoms. Human beings share the physical body with minerals, the etheric body with plants, and the astral body with animals.

[ 11 ] Das Ich arbeitet an dem Astralleib. Das müssen wir uns wieder und wieder vergegenwärtigen. Das oft angeführte Beispiel kann uns das klarmachen. Das, was Darwin erlebte mit einem «Wilden», der seinesgleichen auffrisst: Dieser «Wilde» besteht auch aus den vier genannten Grundteilen des Menschen; aber sein Astralleib unterscheidet sich noch wenig von dem des Tieres. Er folgt noch blindlings seinen Trieben. Darwin versuchte, dem «Wilden» klarzumachen, wie unrecht es sei, dass er seinen Bruder auffresse. Da meinte der «Wilde», Darwin könne gar nicht wissen, ob es schlecht oder gut sei, ehe er ihn nicht verspeist habe. — Daraus erkennen wir, dass dieser «Wilde» noch gar keinen Begriff von Recht und Unrecht hatte; er konnte noch keinen Unterschied machen zwischen Gut und Böse. Was ihm behagt, was ihm gut schmeckt, ist für ihn gut; was übel schmeckt oder ihm missbehagt, ist für ihn schlecht. Sein Ich hat noch nicht an seinem Astralleib gearbeitet; er hat ihn noch nicht veredelt. Die Kultur veredelt die Triebe und macht sie dienstbar der Pflicht. Das Ideal der Pflicht lehrt den Menschen zu unterscheiden zwischen dem, was ihn lockt, und dem, was er meiden soll. So erkennt er, was recht und unrecht ist. Ist der Mensch so weit gekommen, dass er zu unterscheiden vermag zwischen dem, dem er folgen darf, und dem, dem er nicht folgen darf, so hat er gelernt, seinen Astralkörper zu beherrschen vom Ich aus.

[ 11 ] The “I” works on the astral body. We must remind ourselves of this again and again. The often-cited example can help us understand this. What Darwin experienced with a “savage” who devours his own kind: This “savage” also consists of the four fundamental parts of the human being mentioned above; but his astral body still differs little from that of an animal. He still blindly follows his instincts. Darwin tried to explain to the “savage” how wrong it was for him to eat his brother. The “savage” replied that Darwin could not possibly know whether it was good or bad until he had eaten him. — From this we see that this “savage” had no concept of right and wrong at all; he could not yet distinguish between good and evil. Whatever pleases him, whatever tastes good to him, is good to him; whatever tastes bad or displeases him is bad to him. His ego has not yet worked on his astral body; he has not yet refined it. Culture refines the instincts and makes them subservient to duty. The ideal of duty teaches people to distinguish between what entices them and what they should avoid. In this way, they recognize what is right and wrong. Once a person has progressed to the point where they can distinguish between what they may follow and what they must not follow, they have learned to control their astral body through the “I.”

[ 12 ] Wenn wir den Menschen von heute betrachten, so werden wir finden, dass er einen Teil seines Astralleibes bearbeitet hat und den andern Teil noch nicht. Zwischen diesen zwei Teilen des Astralleibes müssen wir streng unterscheiden. Der eine Teil ist noch wie beim Tiere, das blindlings seinen Neigungen und Trieben folgt. Der andere Teil ist das Glied des Astralleibes, das der Mensch sich umgewandelt hat vom rein Natürlichen zu etwas Edlerem. Zwischen diesen beiden Gliedern besteht eine scharfe, wichtige Grenze. Der Teil, an dem der Mensch noch nicht gearbeitet hat, der geht nach Kurzem verloren, wenn er stirbt. Der Teil des astralen Leibes, den wir uns nicht zum Eigentum gemacht haben, wird der Natur zurückgegeben. Was wir von astraler Materie geläutert und umgearbeitet haben, das bleibt unser unvergängliches Eigentum. Der Instinkt, der unveredelt ist, muss abfallen; was veredelt ist, bleibt und wird dem Ich einverleibt. So arbeitet der Mensch an der Verewigung, an der Unvergänglichmachung seines Astralleibes. Dass diese Arbeit nicht in einem Leben vollendet werden kann, liegt auf der Hand. Logisch gegliedert erscheint durch diese Betrachtung die Lehre von den wiederholten Erdenleben.

[ 12 ] When we consider modern human beings, we find that they have developed one part of their astral body but not the other. We must make a strict distinction between these two parts of the astral body. One part is still like that of an animal, which blindly follows its inclinations and instincts. The other part is the aspect of the astral body that the human being has transformed from the purely natural into something nobler. There is a sharp, important boundary between these two parts. The part that human beings have not yet worked on is lost shortly after death. The part of the astral body that we have not made our own is returned to nature. What we have purified and transformed from astral matter remains our imperishable property. The instinct that remains unrefined must fall away; what has been refined remains and is incorporated into the “I.” In this way, the human being works toward the immortalization, the making imperishable, of his astral body. It is obvious that this work cannot be completed in a single lifetime. Viewed in this light, the doctrine of repeated earthly lives appears logically structured.

[ 13 ] Wer das Innere des Menschen durch eigene Anschauung kennt, für den ist die Wiederverkörperung eine Tatsache, die ihm ebenso sicher ist wie — dass so und so viele Menschen hier im Saale sitzen. Durch höheres Schauen weiß er von dieser Tatsache; er ist nicht durch logische Spekulation dazu gekommen.

[ 13 ] For anyone who knows the inner life of human beings through direct insight, reincarnation is a fact that is just as certain to them as the fact that there are so many people sitting here in this hall. They know this fact through higher insight; they have not arrived at it through logical speculation.

[ 14 ] Aber heute Abend wollen wir uns die Logik der Sache klarmachen. — Vergleichen wir einmal den «Wilden», der noch ganz wenig gearbeitet hat mit —- sagen wir — Franz von Assisi, der fast nichts mehr in sich hatte, das er nicht veredelt hätte. Er hatte den Erdenrest bis zum Geringsten heruntergebracht. Um auf diese Stufe zu kommen, müssen ihm doch ganz andere Anlagen und Kräfte zur Verfügung gestanden haben als jenem «Wilden». Wäre es nicht ebenso unsinnig, anzunehmen, dass diese Anlagen aus dem Nichts herausgekommen wären, wie es unsinnig sein würde, anzunehmen, dass ein niederes Tier aus dem Schlamm entstehen könne, oder dass ein Löwe nicht von einem Löwen abstammte? Wenn man das behaupten wollte, würde man das doch auf physischem Gebiet für eine Torheit halten. Man scheut sich, auf physischem Gebiet Wunder anzunehmen, aber nicht ein solches viel größeres Wunder auf höherem Gebiet! Das, was sich bei dem Tier vererbt, sodass von einem Löwen nur Löwen abstammen, vom Tiger nur Tiger und so weiter, sind Gattungsmerkmale. Beim einzelnen Menschen kann aber nicht von der Gattung die Rede sein. Jeder Mensch hat individuelle Merkmale; nur wer darüber wegsieht, kann das übersehen. Für den Menschen ist das Individuum so wichtig wie für das Tier die Gattung. Das Tier wiederholt die Gattung, der Mensch wiederholt das Individuum. Der einzelne Mensch zeigt nicht nur die Merkmale seiner Eltern wieder auf, sondern er ist auch etwas für sich.

[ 14 ] But tonight let’s try to understand the logic of the matter. — Let’s compare the “savage,” who has done very little work, with—say—Francis of Assisi, who had almost nothing left within himself that he had not refined. He had reduced the earthly remnants to their very smallest part. To reach this level, he must surely have had at his disposal entirely different aptitudes and powers than that “savage.” Wouldn’t it be just as absurd to assume that these aptitudes arose out of nothing as it would be to assume that a lower animal could arise from the mud, or that a lion did not descend from a lion? If one were to make such a claim, one would surely consider it folly in the physical realm. We are reluctant to accept miracles in the physical realm, yet we do not hesitate to accept such a much greater miracle in a higher realm! What is inherited in animals—so that only lions descend from a lion, only tigers from a tiger, and so on—are species characteristics. But when it comes to individual human beings, one cannot speak of a species. Every human being has individual characteristics; only those who turn a blind eye to this can overlook it. For human beings, the individual is as important as the species is for animals. The animal repeats the species; the human being repeats the individual. The individual human being not only reflects the characteristics of his or her parents but is also something in his or her own right.

[ 15 ] Das muss erklärt werden. Außer dem von den Eltern Ererbten lebt in uns etwas Geistig-Seelisches; das heißt in jedem von uns lebt etwas Geistig-Seelisches, was auf ein früheres Dasein zurückzuführen ist. Ebenso, wie der physische Mensch durch Vererbung physische Merkmale erworben hat, so hat sich der geistige Mensch geistige Eigenschaften erworben. Und zwar hat er sie in früheren Erdenleben dadurch erworben, dass er gelernt hat, seinen Astralleib zu beherrschen. Und diese Fähigkeit hat er in dieses Leben mit herübergebracht. Es ist immer nur der Wesenskern, der wieder auf der Erde erscheint.

[ 15 ] This needs to be explained. In addition to what we have inherited from our parents, there is something spiritual and soulful living within us; that is to say, within each of us lives something spiritual and soulful that can be traced back to a previous existence. Just as the physical human being has acquired physical characteristics through heredity, so too has the spiritual human being acquired spiritual qualities. Specifically, he acquired them in earlier earthly lives by learning to master his astral body. And he has brought this ability with him into this life. It is always only the core of the being that reappears on Earth.

[ 16 ] Da möchte wohl mancher einwenden: Ja, wenn dem so ist, dann müsste der Mensch sich doch an die früheren Lebensläufe erinnern? — Die Frage ist falsch gestellt. Denken Sie sich, Sie hätten ein vierjähriges Kind vor sich; und da fragt jemand: Warum kann der Mensch nicht rechnen? - Freilich, das vierjährige Kind kann nicht rechnen; lasst es zehn Jahre alt werden, dann kann es rechnen. —- Für jeden Menschen kommt die Zeit, wo er erkennen wird: Je mehr und mehr er aufsteigt, je mehr wird er zur Erkenntnis auch der früheren Erdenleben kommen. Noch ist das für die Mehrzahl ganz unmöglich. Man muss erst das kennen, was sich verkörpert, ehe man erkennen kann, was damit geschieht. Der Mensch verlangt, sich zu erinnern; aber das, was er erinnern will, ist von ihm abgefallen, das, was für ihn Bedeutung hat. Bei dem erst kann von einer Rückerinnerung die Rede sein, der sich als Geist begreifen kann.

[ 16 ] Some might object: “Well, if that’s the case, then shouldn’t people remember their past lives?” — That’s the wrong way to frame the question. Imagine you have a four-year-old child in front of you; and then someone asks: Why can’t people do arithmetic? — Of course, a four-year-old child cannot do arithmetic; let him grow to be ten years old, and then he will be able to do arithmetic. — For every person, the time will come when he will realize: The more and more he ascends, the more he will come to know his past earthly lives as well. For the majority, this is still entirely impossible. One must first understand what incarnates before one can recognize what happens to it. People long to remember; but what they wish to remember has slipped away from them—that which holds meaning for them. Only those who can comprehend themselves as spirits can speak of recollection.

[ 17 ] Wer immer äußere Eindrücke braucht, um zu empfinden, dem wird das Unvergängliche nicht bewusst, der kann nichts davon erfahren. Nur in dem, der den Geisteskern erobert, leuchtet es auf. Hier und da treten gewisse Erscheinungen auf, wo das Gedächtnis hellseherisch wird; zum Beispiel in Todesgefahr, da taucht bisweilen das ganze Leben vor dem Gedächtnis auf.

[ 17 ] Whoever needs external impressions in order to feel will never become aware of the immortal; such a person can know nothing of it. It shines forth only in those who have mastered the spiritual core. Here and there, certain phenomena occur in which memory becomes clairvoyant; for example, in the face of mortal danger, one’s entire life sometimes flashes before one’s eyes.

[ 18 ] Wir müssen uns das klarmachen. Wenn der Mensch, so wie er jetzt ist, erinnern soll, so muss er den Ätherleib zu Hilfe rufen. Das Gedächtnis liegt im Ätherleib. Die Instinkte sind im Astralleib. Erinnerungen könnten wir nicht haben ohne Ätherleib, doch sind sie getrübt und mangelhaft, weil behindert durch den physischen Leib und übertäubt durch die wogenden Gefühle des Astralleibes. Im Sterben hebt sich heraus der Astral- und Ätherleib; im Schlaf bleibt der Ätherleib mit dem Körper verbunden und verursacht die Träume. Kurze Zeit nach dem Tode trennen sich Astral- und Ätherleib von dem physischen Körper; dann zerreißt das magnetische Band, das sie fesselte an den Körper. In der kurzen Zeit nun, zwischen dem Herausheben der feineren Leiber und der Trennung derselben vom physischen Körper, leuchtet das ganze Leben wie in einem großen Gemälde vor der Seele auf. Es ist im Ätherleib eingeschrieben; Erinnerung taucht auf über lange, lange Zeiten; es herrscht eine Windesstille über der Seele; sie ist blind und taub für ihre Umgebung; ganz im Innern lebt sie auf mit einem erhabenen Inhalt.

[ 18 ] We must realize this. If human beings, as they are now, are to remember, they must call upon the etheric body for help. Memory resides in the etheric body. The instincts are in the astral body. We could not have memories without the etheric body, yet they are clouded and imperfect because they are hindered by the physical body and drowned out by the surging emotions of the astral body. At the moment of death, the astral and etheric bodies separate; during sleep, the etheric body remains connected to the body and gives rise to dreams. Shortly after death, the astral and etheric bodies separate from the physical body; then the magnetic bond that bound them to the body snaps. In that brief moment, between the emergence of the finer bodies and their separation from the physical body, the entire life flashes before the soul as in a great painting. It is inscribed in the etheric body; memories surface from long, long ago; a stillness as deep as the wind reigns over the soul; it is blind and deaf to its surroundings; deep within, it comes alive with a sublime content.

[ 19 ] Thomas a Kempis weiß in seiner «Nachfolge Christi» viel von dieser Seelensprache zu sagen. Sein Buch ist dem Neuen Testament fast gleich zu achten.

[ 19 ] Thomas à Kempis has much to say about this language of the soul in his *Imitation of Christ*. His book is to be regarded as almost on a par with the New Testament.

[ 20 ] Wenn tief im Innern diese geistige Kraft ersteht, so lässt sie uns allmählich unseren geistigen Wesenskern erkennen. Es ist dies eine ganz bestimmte Erfahrung, die innere Erkenntnis des sich selbst erzeugenden Gedankens. Ein wenig können wir uns den Vorgang klarmachen, wenn wir uns ganz und gar in ein Kunstwerk versenken, sodass wir uns selbst darüber ganz vergessen. Wer sich selbst, sein innerstes Selbst erkennen will, bei dem muss auch vollkommene Windstille herrschen. Nichts, gar nichts des persönlichen Ich darf sich einmischen. Dazu gehört ein Grad des Lebens im Objekt, das sich abspielt im keuschen Ätherelement. Wenn der Mensch es gelernt hat, so den göttlichen Gedanken in sich leben zu lassen, und imstande ist, sein Leben bis zu seiner Geburt zurückzuverfolgen, dann taucht vor seiner Seele ein Bild auf. Es ist das Bild, was er in der Sterbestunde des vorigen Lebens gesehen hat, der Überblick über das vorige Erdenleben. Nicht das ganze Erdenleben kann er erinnern; das kommt erst später.

[ 20 ] When this spiritual force arises deep within us, it gradually allows us to recognize the core of our spiritual being. This is a very specific experience: the inner realization of the self-generating thought. We can gain some understanding of this process when we immerse ourselves completely in a work of art, to the point that we forget ourselves entirely. For anyone who wishes to recognize their true self—their innermost self—there must also be perfect stillness. Nothing, absolutely nothing of the personal “I” must interfere. This requires a degree of life within the object that unfolds in the chaste etheric element. Once a person has learned to allow the divine thought to live within them in this way, and is able to trace their life back to their birth, an image emerges before their soul. It is the image they saw at the hour of death in their previous life—an overview of their previous earthly existence. They cannot recall their entire earthly life; that comes only later.

[ 21 ] Zunächst wird sich diese Erinnerung bis zur Gewissheit wiederholen, ehe die Erinnerung noch weiter und immer weiter zurückgeht. Wer da weiß, was sich mit dem Menschen ereignet, dem wird der Zusammenhang klar werden. Wer da glaubt, dass der Mensch alles von der Natur empfängt, [dem] wird es befremdlich erscheinen. Wer aber an die Arbeit glaubt, die der Mensch zu verrichten hat, dem wird es klar sein. Was an einem Menschen von Charakter dasteht, das hat der Mensch sich selbst geschaffen: Was du heute denkst, wirst du morgen sein. — Schöne, reine Gedanken, oft, recht oft gehegt, Pflichten, treu erfüllt, werden in den Charakter übergehen. Der Gedanke formt den Charakter.

[ 21 ] At first, this memory will repeat itself until it becomes a certainty, before the memory goes back even further and further. Whoever knows what happens to human beings will understand the connection. Whoever believes that human beings receive everything from nature will find it strange. But to those who believe in the work that a person must do, it will be clear. Whatever character a person possesses, they have created for themselves: What you think today, you will be tomorrow. — Beautiful, pure thoughts, cherished often—very often indeed—and duties faithfully fulfilled will become part of one’s character. Thought shapes character.

[ 22 ] Andererseits liegt es auf der Hand — und ist leicht zu bemerken —, dass der Verkehr des Menschen, seine Umgebung, sein Beruf, großen Einfluss auf seinen Charakter hat. Bei näherer Prüfung werden wir finden, dass die Gelegenheiten, die den Menschen im Leben geboten werden, in Zusammenhang stehen mit seinen Neigungen, Wünschen und Begierden. Vergleichen wir einen nordamerikanischen Bankbeamten mit einem Botaniker. Der Botaniker zieht ganz etwas anderes an sich heran als der Bankbeamte. Das ist ganz selbstverständlich und natürlich. Es sind die Folgen der angeborenen Anlagen, die jeder sich im früheren Leben erworben hat. Die Handlungen sind der Gegenschock auf die Umgebung. Ein Beispiel: Ein Tischler hat den ganzen Tag gearbeitet. Der halb fertige Tisch, den er morgens vorfindet, veranlasst ihn, an diesem Tische weiterzuarbeiten. Er arbeitet nicht aus dem Nichts heraus. Der halb fertige Tisch bestimmt mein Schicksal für morgen, kann der Tischler sagen. So ist der vorhergehende Tag das Karma für den nächsten.

[ 22 ] On the other hand, it is obvious—and easy to observe—that a person’s social interactions, environment, and occupation have a major influence on his character. Upon closer examination, we will find that the opportunities presented to a person in life are related to his inclinations, wishes, and desires. Let us compare a North American bank clerk with a botanist. The botanist is drawn to quite different things than the bank clerk. This is entirely self-evident and natural. These are the consequences of innate dispositions that each person acquired in a previous life. Actions are the response to one’s environment. An example: A carpenter has been working all day. The half-finished table he finds in the morning prompts him to continue working on it. He does not work out of thin air. “The half-finished table determines my fate for tomorrow,” the carpenter might say. Thus, the previous day is the karma for the next.

[ 23 ] Jene Tiere, die in eine finstere Höhle hineingekrochen sind und nicht wieder herausfinden konnten, verloren allmählich ihr Augenlicht, weil sie es im Finstern nicht brauchen konnten. Ihren Nachkommen fehlten die Sehorgane gänzlich; im Finstern brauchten sie andere Organe. Diese Tiere haben sich ihr Schicksal selbst bereitet. Ihre Einwanderung in die finstere Höhle war ihr Karma. In der Vergangenheit schafften sie es sich für die Zukunft. Was ich tue, verändert die Außenwelt. Haue ich einen Zweig ab, so habe ich den Weltlauf geändert. Der Baum wächst nicht so weiter, wie es in seiner Natur lag. Mit jeder Tat ändern wir den Lauf; er würde anders verlaufen, wenn ich die Tat nicht vollzogen hätte.

[ 23 ] Those animals that crawled into a dark cave and could not find their way out gradually lost their eyesight because they had no use for it in the darkness. Their descendants lacked eyesight entirely; in the darkness, they needed other senses. These animals brought their fate upon themselves. Their entry into the dark cave was their karma. In the past, they brought this upon themselves for the future. What I do changes the external world. If I break off a branch, I have altered the course of the world. The tree no longer grows as was its nature. With every action, we change the course; it would have unfolded differently if I had not performed that action.

[ 24 ] So auch im geistigen Leben. Durch unser Fühlen und Denken verändern wir die Welt. Weil alle meine Handlungen Einfluss auf die Welt haben, so besteht mein Karma in den Veränderungen, die ich durch meine Handlungen in der Welt hervorgebracht habe. Gedanken bilden Charakter; Handlungen Gegenhandlungen. Sie fallen im nächsten Leben zurück auf den Handelnden.

[ 24 ] The same is true in spiritual life. Through our feelings and thoughts, we change the world. Because all my actions have an impact on the world, my karma consists of the changes I have brought about in the world through my actions. Thoughts shape character; actions bring about reactions. These reactions return to the actor in the next life.

[ 25 ] Beispiel: Ich habe einen Menschen beleidigt. Dadurch habe ich eine Veränderung hervorgebracht; nun bin ich verpflichtet, die Welt wieder auf den Standpunkt zurückzuführen, aus dem ich sie aufgestört habe. Ich habe die Welt unvollkommen gemacht; sie fordert von mir, dass ich sie wieder vollkommen mache. Ich bin so lange an meine Verpflichtung gebunden, bis ich die gestörte Harmonie wieder hergestellt habe. Ist die Harmonie in diesem Leben nicht wieder hergestellt, so bleibt die Schuld bis zum nächsten Erdenleben stehen; sie muss ausgeglichen werden.

[ 25 ] Example: I have insulted someone. By doing so, I have brought about a change; now I am obligated to restore the world to the state from which I disrupted it. I have made the world imperfect; it demands that I make it perfect again. I remain bound by this obligation until I have restored the disturbed harmony. If harmony is not restored in this lifetime, the debt remains until the next earthly life; it must be balanced.

[ 26 ] So hängen die wiederholten Erdenleben miteinander zusammen. Wurde ich in diesem Leben in Not und Elend geboren, so war das die Folge davon, dass ich früher die Welt in Disharmonie gebracht hatte. So waltet die Weltgerechtigkeit. — Für seine Tat haftet der Mensch; für diese gibt es keine andere Verzeihung als die Gegentat, die als Sühne geleistet wird. Das ist die nicht verzeihliche Sünde wider den Geist. Was er tut in der niederen Welt, muss in der niederen Welt von ihm ausgeglichen werden. Das natürliche Leben bewirkt die Natur in ihm; irrt er da, so wird es ihm vergeben. Was er selbst vollbracht hat, dafür haftet der Mensch. Tut er Böses, was gegen die Weltordnung läuft, bewusst, so ist das die Sünde gegen das Ich, gegen den Geist. Das Ich ist durch die bewusste Handlung verletzt worden. Theosophie ist kein Dogma, bildet keine Sekte. Sie ist Leben, volles Leben. Bloße Theorie kann nichts nützen. Wenn ich alles noch so genau wüsste und wollte es nicht im Leben anwenden — es würde mir nichts nützen. Man muss sich praktisch von der Wahrheit überzeugen.

[ 26 ] This is how repeated earthly lives are interconnected. If I was born into hardship and misery in this life, it was the consequence of my having previously brought disharmony into the world. This is how divine justice prevails. — A person is accountable for his deeds; there is no forgiveness for them other than the counter-deed performed as atonement. This is the unforgivable sin against the Spirit. What he does in the lower world must be balanced out by him in the lower world. Natural life is brought about by nature within him; if he errs in this, he will be forgiven. Man is accountable for what he himself has accomplished. If he consciously does evil that runs counter to the world order, that is the sin against the Self, against the Spirit. The “I” has been violated by the conscious act. Theosophy is not a dogma; it does not form a sect. It is life—full life. Mere theory is of no use. Even if I knew everything in the greatest detail and did not want to apply it in life—it would be of no use to me. One must convince oneself of the truth in practice.

[ 27 ] Wie haben wir uns dazu zu verhalten? Wir müssen gründlich verfahren und auf den Grund sehen bei allen Dingen. Wenn wir den Grund und die Ursache wissen, wodurch die schlimmen Dinge in die Welt kommen, so wirkt das zwar zunächst deprimierend. Dann muss ich mir sagen: Ich habe mir mein Schicksal, meinen Charakter selbst bereitet. Aber andererseits wirkt das Bewusstsein auch erhebend. Wir sind die Herren der Zukunft. Das, was ich jetzt tue, bildet die Grundlage für die Zukunft. Arbeite ich heute an der Veredlung meines Charakters, so weiß ich, dass diese Arbeit nicht vergeblich ist. Das gibt einen seligen Trost denen, die innerlich überzeugt sind von der Sache. Die tiefste Seelenruhe sprießt aus dieser Lehre. Das Leben wird ein anderes, auch in Bezug auf unsere Nebenmenschen. Wir sind nur gar zu leicht geneigt, zu richten, wenn wir an anderen sehen, was uns nicht gefällt. Haben wir Verständnis vom Karma erlangt, wie anders wird es da. Dann sagt man: Zwar bist du jetzt schlecht, du lügst und betrügst; aber vielleicht stehst du mir nicht zum ersten Mal gegenüber, und wer weiß, ob ich nicht vielleicht selbst schuld daran bin, dass du heute so schlecht bist.

[ 27 ] How should we respond to this? We must proceed thoroughly and get to the bottom of everything. When we understand the reason and the cause behind how bad things come into the world, it can seem depressing at first. Then I must tell myself: I have brought my own fate and my own character upon myself. But on the other hand, this realization is also uplifting. We are the masters of the future. What I do now lays the foundation for the future. If I work today to refine my character, I know that this work is not in vain. This offers a blissful comfort to those who are inwardly convinced of this truth. The deepest peace of mind springs from this teaching. Life becomes different, even in our relationships with those around us. We are all too easily inclined to judge when we see things in others that we do not like. Once we have gained an understanding of karma, how different things become. Then we say: “True, you are bad now; you lie and cheat; but perhaps this is not the first time we have met, and who knows—perhaps I myself am to blame for the fact that you are so bad today.”

[ 28 ] Wenn das jemandem lächerlich ist, so ist das ein Zeichen, dass er noch nicht tief in das Karmagesetz eingedrungen ist. Wer erst zur Erkenntnis des höheren Selbst gekommen ist, der wird nicht mehr gleichgültig an seinen Mitmenschen vorübergehen oder sie kritisieren; er wird den Zusammenhang zwischen Mensch und Mensch begreifen lernen. An jeder Straßenecke trifft er Menschen; er denkt, kann ich dir helfen, vielleicht kann ich dich besser machen, wenn ich im vorigen Leben etwas versehen habe. Diese heute mögliche Idee, angewendet auf das Leben, macht das Leben klarer, durchsichtiger. Wir lernen dadurch den Menschen besser verstehen, besser ihm zu helfen.

[ 28 ] If this seems ridiculous to someone, it is a sign that they have not yet delved deeply into the law of karma. Once a person has come to realize their higher self, they will no longer pass by their fellow human beings with indifference or criticize them; they will learn to understand the connection between one person and another. At every street corner, they encounter people; they think, “Can I help you? Perhaps I can make you a better person if I made a mistake in a past life.” This idea—which is possible today—when applied to life, makes life clearer and more transparent. Through it, we learn to understand people better and to help them more effectively.

[ 29 ] Es ist Unsinn, zu sagen: Ich soll ihm nicht helfen, er hat sein böses Karma selbst verschuldet. — In dem Augenblick, wo du vor ihm stehst, ist sein Karma, dass du ihm hilfst. Hilfst du ihm nicht, so wird ihm sonstwie geholfen. Du aber hast die Pflicht versäumt. Hilfst du ihm, so kannst du dir sagen: Wenn ich ihm helfe, so wird sein künftiges Leben sich besser gestalten. Mich zur Mithilfe erziehen will die Karmalehre. Durch mein eigenes praktisches Leben wird mir die Lehre immer klarer; wer in ihr lebt, dem wird sie sich - und zwar nur im Leben — bewahrheiten. Durch immer wiederkehrende Erfahrungen wird sie dir durch das ganze Leben bewiesen werden, durch das ganze Menschenleben.

[ 29 ] It is nonsense to say: “I shouldn’t help him; he brought this bad karma upon himself.” — The moment you stand before him, his karma is that you help him. If you do not help him, he will be helped in some other way. But you will have failed in your duty. If you help him, you can tell yourself: If I help him, his future life will turn out better. The doctrine of karma seeks to train me to help others. Through my own practical life, the teaching becomes ever clearer to me; for those who live by it, it will prove true—and indeed, only in this life. Through recurring experiences, it will be proven to you throughout your entire life, throughout the whole of human existence.

[ 30 ] Jesus Christus, der Gründer des Christentums, hat diese Lehre in ein Bekenntnis zusammengefasst. Von der ganzen Weltenrunde sprach er als von dem Leib seines Vaters, wie jeder Leib des Menschen eine Wohnung des Vaters ist. Dem Menschen ist der Vater unbewusst, er braucht einen Führer zum Vater. Nur durch den Sohn kommen wir zum Vater; er will unser Führer sein. Zum Vaterleib zurück kehrt die Seele nach jedem Erdenleben. Die Seele schreitet in jedem Erdenleben durch eine Wohnung, die genommen ist aus dem göttlichen Vaterleibe. Jesus Christus spricht: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.

[ 30 ] Jesus Christ, the founder of Christianity, summarized this teaching in a creed. He spoke of the entire world as the body of his Father, just as every human body is a dwelling place of the Father. Human beings are unaware of the Father; they need a guide to the Father. Only through the Son do we come to the Father; he wants to be our guide. After every earthly life, the soul returns to the Father’s body. In every earthly life, the soul passes through a dwelling taken from the divine Father’s body. Jesus Christ says: “In my Father’s house are many dwellings.”