Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
9 Dezember 1905, Hamburg
5. Wiederholte Erdenleben als Schlüssel zum Menschenrätsel
[ 1 ] Verehrte Anwesende! Unter denjenigen Anschauungen, welche die theosophische Bewegung neuerdings den Menschen zum Bewusstsein zu bringen versucht, sind die beiden Worte «Wiederverkörperung» und «Karma» zusammengefasst in den Titel des heutigen Vortrags als Lösung des Menschenrätsels. Die beiden Worte werden von unseren Zeitgenossen sehr verschieden aufgefasst. Die einen sind gleich bei der Hand, die Theosophie für phantastisch und unsinnig zu erklären; sie sagen: Wie kann man denn überhaupt so etwas wissen? Anderen tritt diese Erkenntnis wie eine Erlösung entgegen; es ist das Wort auf das Rätsel, das das Rätsel löst, das sie gefunden; der Albdruck, unter dem sie schmachteten, ist von ihnen genommen. Es löst sich uns das Rätsel, weshalb ein Teil der Menschen in tiefstem Elend steckt, während andere scheinbar im höchsten Glück dahinwandeln, wenn wir bedenken, dass in vergangenen Zeiten der Grund gelegt worden ist sowohl zu den Anlagen, mit denen der Mensch auf die Welt kommt, als auch zu seinem Schicksal, das ihn in diesem Erdenleben trifft.
[ 2 ] Die anderen nun, denen die Sache so phantastisch erscheint, bedenken nicht, dass ihre Umgebung, in der sie leben, nicht die einzige auf Erden ist. Es gibt viele Menschen, die an einem wiederholten Erdenleben festhalten; ebenso viele wie die, denen diese Sache aus dem Gesichtskreis gerückt ist. Den asiatischen Völkern ist die Wiederverkörperung keine graue Theorie, sondern eine Lebenswahrheit, aus welcher sie Lebenskraft schöpfen. In früheren Zeiten, bis zum Christentum, war diese Anschauung weit verbreitet auch in Europa, auch noch in den Anfangszeiten des Christentums. Es war nicht etwa nur eine Anschauung für Phantasten; die Besten der Führer bekannten sich zu dieser Anschauung. Plato, Giordano Bruno, der für sein Eintreten für Kopernikus den Tod erfahren hat, standen für sie ein. Ihre Lehre ist von der Anschauung wiederholter Erdenleben gar nicht zu trennen. Lessing bekennt sich dazu in seiner «Erziehung des Menschengeschlechtes». Goethe, Jean Paul, nicht etwa phantastische Geister irgendwelcher untergeordneter Religionssysteme treten dafür ein. Nein, es sind die großen Geister, weil sie sich das Leben nur so zu erklären vermögen. Man benimmt sich auffallend gegen die große Geistesheroen wie Plato, Lessing und so weiter, deren Namen man mit mehr oder weniger geheuchelter Ehrfurcht nennt — auf Giordano Bruno ist sogar ein Bund getauft —, wenn man auf deren tiefste Überzeugung eines wiederholten Erdenlebens kommt, dann achselzuckend sagt: Das ist so eine Schwäche dieses großen Menschen. — Gibt es eine größere Unbescheidenheit, als so zu urteilen? Wer so spricht, den frage ich, woher er das Beste, was er weiß, gelernt hat? Doch wohl von denen, deren Namen mit dieser Lehre verwebt sind. Über die wirft er sich zum Richter auf! Er nimmt von ihnen an, was ihm passt, lässt liegen, was ihm nicht passt.
[ 3 ] Die theosophische Bewegung sucht in moderner Weise das Bewusstsein des wiederholten Erdenlebens den Menschen wieder nahezubringen. Noch sträuben sich die Wissenschaften, diese Lehre anzuerkennen. Wenn sie sie nur erst als Hypothese gelten lassen wollen, so wird bald die Zeit kommen, dass sie sehen werden, dass sie ohne diese Lehre zu keiner Lösung des Menschenrätsels kommen können. — Ein jeder Mensch trägt in sich einen unvergänglichen Wesenskern. Was mit ihm geboren wird und stirbt, ist nur die Hülle dieses Wesenskernes. Dieser war da vor der Geburt, wird da sein nach dem Tode. Dieser Wesenskern hat schon wiederholt auf Erden gelebt und wird immer wieder neu im Mutterleibe geboren. Das jetzige Leben ist nur eines unter vielen.
[ 4 ] Äußerlich aufgefasst wird das nicht gleich klar. Bei oberflächlicher Anschauung wird uns die Lehre unwahrscheinlich erscheinen. Die naturalistische Denkweise des Westens macht uns unfähig, die Sache richtig aufzufassen. Es gibt eine gewisse höhere geistige Unterweisung, wie sie im Morgenlande gepflegt wurde. Viele Abendländer, die diese empfangen haben, denen ist es ganz natürlich geworden, dass sie, wenn sie allein sind oder mit solchen zusammen sind, die dieselbe Schule durchgemacht haben und von diesem inneren Wesenskern wissen, ihn in Gedanken bewusst trennen von ihrer äußeren Erscheinung. Sie denken oder sagen: Nicht mein eigentlicher Wesenskern geht durch das Zimmer, sondern mein Körper. Mein Körper hat Hunger, mein Gehirn denkt und so weiter.
[ 5 ] Es gibt geistige Unterweisung, die uns lehrt, dass der physische Körper nur das Werkzeug für den geistigen Wesenskern ist, dass alle Sinnesorgane nur dazu dienen, dass er sich auf der Erde berätigen kann. Der Durchschnittsmensch meint mit «Ich» seinen Körper; der Geistgeschulte hat die Empfindung einer Zweiheit, eines geistigen Ich, das mit dem äußeren nichts zu tun hat; immer mehr und mehr unterscheidet er von dem physischen Leib den unvergänglichen Wesenskern. Was vor der Geburt da war, hat nichts zu tun mit dem physischen Körper, viel mit den physischen Bedürfnissen.
[ 6 ] Dass Müller oder Maier wiederkommen, das ist eine falsche Ansicht. Was das ist, was sich von Fritz Schulze oder Johann Maier wieder verkörpert, kann nur der erkennen, der sich losmachen kann von dem Begriff, dass er sein Körper ist. Dann erst, wenn er dies vermag, kann er einen Begriff davon bekommen, was das ist, was sich wieder verkörpert.
[ 7 ] Nun müssen wir uns noch einmal kurz vor die Seele führen, was bleibt und wieder das irdische Dasein aufsucht und was vergeht. Erstens, der physische Körper zerfällt im Tode, weil er aus physischem Stoff besteht — er vergeht.
[ 8 ] Zweitens, der Ätherleib, der Lebensleib: Der macht, dass die physischen Organe ihre Aufgabe verrichten können; das Bewegende, das Belebende im Körper. Die Uhr bewegt sich auch, sie besteht aus einem Räderwerk; nehme ich ein Rad heraus, so hört sie auf zu gehen; lege ich die Uhr hin und das Rad daneben, so können sie lange daliegen, sie verändern sich nicht. Haue ich aber eine Hand vom menschlichen Körper ab, so bleibt sie nicht, wie sie war, sie verdorrt, weil sie mit dem Körper, von dem ich sie getrennt habe, lebendig-organisch verbunden war. Dieser Ätherleib zerfällt auch. Er geht in den allgemeinen Äther über.
[ 9 ] Der dritte Körper ist zu erkennen, wenn wir ins Auge fassen, was im Menschen lebt — nicht bloß den Zusammenhang zwischen Haut und Knochen — was er in sich trägt an Leid und Lust, an Begierden und Leidenschaften; das sind Dinge, die ebenso in ihm leben wie Blut und Herz; sie sind ebenso lebendig. Das ist der Astralleib.
[ 10 ] Viertens das Ich, das, was den Menschen unterscheidet von den Geschöpfen der anderen Reiche. Den physischen Leib hat der Mensch gemeinsam mit den Mineralien, den Ätherleib mit den Pflanzen, den Astralleib mit den Tieren.
[ 11 ] Das Ich arbeitet an dem Astralleib. Das müssen wir uns wieder und wieder vergegenwärtigen. Das oft angeführte Beispiel kann uns das klarmachen. Das, was Darwin erlebte mit einem «Wilden», der seinesgleichen auffrisst: Dieser «Wilde» besteht auch aus den vier genannten Grundteilen des Menschen; aber sein Astralleib unterscheidet sich noch wenig von dem des Tieres. Er folgt noch blindlings seinen Trieben. Darwin versuchte, dem «Wilden» klarzumachen, wie unrecht es sei, dass er seinen Bruder auffresse. Da meinte der «Wilde», Darwin könne gar nicht wissen, ob es schlecht oder gut sei, ehe er ihn nicht verspeist habe. — Daraus erkennen wir, dass dieser «Wilde» noch gar keinen Begriff von Recht und Unrecht hatte; er konnte noch keinen Unterschied machen zwischen Gut und Böse. Was ihm behagt, was ihm gut schmeckt, ist für ihn gut; was übel schmeckt oder ihm missbehagt, ist für ihn schlecht. Sein Ich hat noch nicht an seinem Astralleib gearbeitet; er hat ihn noch nicht veredelt. Die Kultur veredelt die Triebe und macht sie dienstbar der Pflicht. Das Ideal der Pflicht lehrt den Menschen zu unterscheiden zwischen dem, was ihn lockt, und dem, was er meiden soll. So erkennt er, was recht und unrecht ist. Ist der Mensch so weit gekommen, dass er zu unterscheiden vermag zwischen dem, dem er folgen darf, und dem, dem er nicht folgen darf, so hat er gelernt, seinen Astralkörper zu beherrschen vom Ich aus.
[ 12 ] Wenn wir den Menschen von heute betrachten, so werden wir finden, dass er einen Teil seines Astralleibes bearbeitet hat und den andern Teil noch nicht. Zwischen diesen zwei Teilen des Astralleibes müssen wir streng unterscheiden. Der eine Teil ist noch wie beim Tiere, das blindlings seinen Neigungen und Trieben folgt. Der andere Teil ist das Glied des Astralleibes, das der Mensch sich umgewandelt hat vom rein Natürlichen zu etwas Edlerem. Zwischen diesen beiden Gliedern besteht eine scharfe, wichtige Grenze. Der Teil, an dem der Mensch noch nicht gearbeitet hat, der geht nach Kurzem verloren, wenn er stirbt. Der Teil des astralen Leibes, den wir uns nicht zum Eigentum gemacht haben, wird der Natur zurückgegeben. Was wir von astraler Materie geläutert und umgearbeitet haben, das bleibt unser unvergängliches Eigentum. Der Instinkt, der unveredelt ist, muss abfallen; was veredelt ist, bleibt und wird dem Ich einverleibt. So arbeitet der Mensch an der Verewigung, an der Unvergänglichmachung seines Astralleibes. Dass diese Arbeit nicht in einem Leben vollendet werden kann, liegt auf der Hand. Logisch gegliedert erscheint durch diese Betrachtung die Lehre von den wiederholten Erdenleben.
[ 13 ] Wer das Innere des Menschen durch eigene Anschauung kennt, für den ist die Wiederverkörperung eine Tatsache, die ihm ebenso sicher ist wie — dass so und so viele Menschen hier im Saale sitzen. Durch höheres Schauen weiß er von dieser Tatsache; er ist nicht durch logische Spekulation dazu gekommen.
[ 14 ] Aber heute Abend wollen wir uns die Logik der Sache klarmachen. — Vergleichen wir einmal den «Wilden», der noch ganz wenig gearbeitet hat mit —- sagen wir — Franz von Assisi, der fast nichts mehr in sich hatte, das er nicht veredelt hätte. Er hatte den Erdenrest bis zum Geringsten heruntergebracht. Um auf diese Stufe zu kommen, müssen ihm doch ganz andere Anlagen und Kräfte zur Verfügung gestanden haben als jenem «Wilden». Wäre es nicht ebenso unsinnig, anzunehmen, dass diese Anlagen aus dem Nichts herausgekommen wären, wie es unsinnig sein würde, anzunehmen, dass ein niederes Tier aus dem Schlamm entstehen könne, oder dass ein Löwe nicht von einem Löwen abstammte? Wenn man das behaupten wollte, würde man das doch auf physischem Gebiet für eine Torheit halten. Man scheut sich, auf physischem Gebiet Wunder anzunehmen, aber nicht ein solches viel größeres Wunder auf höherem Gebiet! Das, was sich bei dem Tier vererbt, sodass von einem Löwen nur Löwen abstammen, vom Tiger nur Tiger und so weiter, sind Gattungsmerkmale. Beim einzelnen Menschen kann aber nicht von der Gattung die Rede sein. Jeder Mensch hat individuelle Merkmale; nur wer darüber wegsieht, kann das übersehen. Für den Menschen ist das Individuum so wichtig wie für das Tier die Gattung. Das Tier wiederholt die Gattung, der Mensch wiederholt das Individuum. Der einzelne Mensch zeigt nicht nur die Merkmale seiner Eltern wieder auf, sondern er ist auch etwas für sich.
[ 15 ] Das muss erklärt werden. Außer dem von den Eltern Ererbten lebt in uns etwas Geistig-Seelisches; das heißt in jedem von uns lebt etwas Geistig-Seelisches, was auf ein früheres Dasein zurückzuführen ist. Ebenso, wie der physische Mensch durch Vererbung physische Merkmale erworben hat, so hat sich der geistige Mensch geistige Eigenschaften erworben. Und zwar hat er sie in früheren Erdenleben dadurch erworben, dass er gelernt hat, seinen Astralleib zu beherrschen. Und diese Fähigkeit hat er in dieses Leben mit herübergebracht. Es ist immer nur der Wesenskern, der wieder auf der Erde erscheint.
[ 16 ] Da möchte wohl mancher einwenden: Ja, wenn dem so ist, dann müsste der Mensch sich doch an die früheren Lebensläufe erinnern? — Die Frage ist falsch gestellt. Denken Sie sich, Sie hätten ein vierjähriges Kind vor sich; und da fragt jemand: Warum kann der Mensch nicht rechnen? - Freilich, das vierjährige Kind kann nicht rechnen; lasst es zehn Jahre alt werden, dann kann es rechnen. —- Für jeden Menschen kommt die Zeit, wo er erkennen wird: Je mehr und mehr er aufsteigt, je mehr wird er zur Erkenntnis auch der früheren Erdenleben kommen. Noch ist das für die Mehrzahl ganz unmöglich. Man muss erst das kennen, was sich verkörpert, ehe man erkennen kann, was damit geschieht. Der Mensch verlangt, sich zu erinnern; aber das, was er erinnern will, ist von ihm abgefallen, das, was für ihn Bedeutung hat. Bei dem erst kann von einer Rückerinnerung die Rede sein, der sich als Geist begreifen kann.
[ 17 ] Wer immer äußere Eindrücke braucht, um zu empfinden, dem wird das Unvergängliche nicht bewusst, der kann nichts davon erfahren. Nur in dem, der den Geisteskern erobert, leuchtet es auf. Hier und da treten gewisse Erscheinungen auf, wo das Gedächtnis hellseherisch wird; zum Beispiel in Todesgefahr, da taucht bisweilen das ganze Leben vor dem Gedächtnis auf.
[ 18 ] Wir müssen uns das klarmachen. Wenn der Mensch, so wie er jetzt ist, erinnern soll, so muss er den Ätherleib zu Hilfe rufen. Das Gedächtnis liegt im Ätherleib. Die Instinkte sind im Astralleib. Erinnerungen könnten wir nicht haben ohne Ätherleib, doch sind sie getrübt und mangelhaft, weil behindert durch den physischen Leib und übertäubt durch die wogenden Gefühle des Astralleibes. Im Sterben hebt sich heraus der Astral- und Ätherleib; im Schlaf bleibt der Ätherleib mit dem Körper verbunden und verursacht die Träume. Kurze Zeit nach dem Tode trennen sich Astral- und Ätherleib von dem physischen Körper; dann zerreißt das magnetische Band, das sie fesselte an den Körper. In der kurzen Zeit nun, zwischen dem Herausheben der feineren Leiber und der Trennung derselben vom physischen Körper, leuchtet das ganze Leben wie in einem großen Gemälde vor der Seele auf. Es ist im Ätherleib eingeschrieben; Erinnerung taucht auf über lange, lange Zeiten; es herrscht eine Windesstille über der Seele; sie ist blind und taub für ihre Umgebung; ganz im Innern lebt sie auf mit einem erhabenen Inhalt.
[ 19 ] Thomas a Kempis weiß in seiner «Nachfolge Christi» viel von dieser Seelensprache zu sagen. Sein Buch ist dem Neuen Testament fast gleich zu achten.
[ 20 ] Wenn tief im Innern diese geistige Kraft ersteht, so lässt sie uns allmählich unseren geistigen Wesenskern erkennen. Es ist dies eine ganz bestimmte Erfahrung, die innere Erkenntnis des sich selbst erzeugenden Gedankens. Ein wenig können wir uns den Vorgang klarmachen, wenn wir uns ganz und gar in ein Kunstwerk versenken, sodass wir uns selbst darüber ganz vergessen. Wer sich selbst, sein innerstes Selbst erkennen will, bei dem muss auch vollkommene Windstille herrschen. Nichts, gar nichts des persönlichen Ich darf sich einmischen. Dazu gehört ein Grad des Lebens im Objekt, das sich abspielt im keuschen Ätherelement. Wenn der Mensch es gelernt hat, so den göttlichen Gedanken in sich leben zu lassen, und imstande ist, sein Leben bis zu seiner Geburt zurückzuverfolgen, dann taucht vor seiner Seele ein Bild auf. Es ist das Bild, was er in der Sterbestunde des vorigen Lebens gesehen hat, der Überblick über das vorige Erdenleben. Nicht das ganze Erdenleben kann er erinnern; das kommt erst später.
[ 21 ] Zunächst wird sich diese Erinnerung bis zur Gewissheit wiederholen, ehe die Erinnerung noch weiter und immer weiter zurückgeht. Wer da weiß, was sich mit dem Menschen ereignet, dem wird der Zusammenhang klar werden. Wer da glaubt, dass der Mensch alles von der Natur empfängt, [dem] wird es befremdlich erscheinen. Wer aber an die Arbeit glaubt, die der Mensch zu verrichten hat, dem wird es klar sein. Was an einem Menschen von Charakter dasteht, das hat der Mensch sich selbst geschaffen: Was du heute denkst, wirst du morgen sein. — Schöne, reine Gedanken, oft, recht oft gehegt, Pflichten, treu erfüllt, werden in den Charakter übergehen. Der Gedanke formt den Charakter.
[ 22 ] Andererseits liegt es auf der Hand — und ist leicht zu bemerken —, dass der Verkehr des Menschen, seine Umgebung, sein Beruf, großen Einfluss auf seinen Charakter hat. Bei näherer Prüfung werden wir finden, dass die Gelegenheiten, die den Menschen im Leben geboten werden, in Zusammenhang stehen mit seinen Neigungen, Wünschen und Begierden. Vergleichen wir einen nordamerikanischen Bankbeamten mit einem Botaniker. Der Botaniker zieht ganz etwas anderes an sich heran als der Bankbeamte. Das ist ganz selbstverständlich und natürlich. Es sind die Folgen der angeborenen Anlagen, die jeder sich im früheren Leben erworben hat. Die Handlungen sind der Gegenschock auf die Umgebung. Ein Beispiel: Ein Tischler hat den ganzen Tag gearbeitet. Der halb fertige Tisch, den er morgens vorfindet, veranlasst ihn, an diesem Tische weiterzuarbeiten. Er arbeitet nicht aus dem Nichts heraus. Der halb fertige Tisch bestimmt mein Schicksal für morgen, kann der Tischler sagen. So ist der vorhergehende Tag das Karma für den nächsten.
[ 23 ] Jene Tiere, die in eine finstere Höhle hineingekrochen sind und nicht wieder herausfinden konnten, verloren allmählich ihr Augenlicht, weil sie es im Finstern nicht brauchen konnten. Ihren Nachkommen fehlten die Sehorgane gänzlich; im Finstern brauchten sie andere Organe. Diese Tiere haben sich ihr Schicksal selbst bereitet. Ihre Einwanderung in die finstere Höhle war ihr Karma. In der Vergangenheit schafften sie es sich für die Zukunft. Was ich tue, verändert die Außenwelt. Haue ich einen Zweig ab, so habe ich den Weltlauf geändert. Der Baum wächst nicht so weiter, wie es in seiner Natur lag. Mit jeder Tat ändern wir den Lauf; er würde anders verlaufen, wenn ich die Tat nicht vollzogen hätte.
[ 24 ] So auch im geistigen Leben. Durch unser Fühlen und Denken verändern wir die Welt. Weil alle meine Handlungen Einfluss auf die Welt haben, so besteht mein Karma in den Veränderungen, die ich durch meine Handlungen in der Welt hervorgebracht habe. Gedanken bilden Charakter; Handlungen Gegenhandlungen. Sie fallen im nächsten Leben zurück auf den Handelnden.
[ 25 ] Beispiel: Ich habe einen Menschen beleidigt. Dadurch habe ich eine Veränderung hervorgebracht; nun bin ich verpflichtet, die Welt wieder auf den Standpunkt zurückzuführen, aus dem ich sie aufgestört habe. Ich habe die Welt unvollkommen gemacht; sie fordert von mir, dass ich sie wieder vollkommen mache. Ich bin so lange an meine Verpflichtung gebunden, bis ich die gestörte Harmonie wieder hergestellt habe. Ist die Harmonie in diesem Leben nicht wieder hergestellt, so bleibt die Schuld bis zum nächsten Erdenleben stehen; sie muss ausgeglichen werden.
[ 26 ] So hängen die wiederholten Erdenleben miteinander zusammen. Wurde ich in diesem Leben in Not und Elend geboren, so war das die Folge davon, dass ich früher die Welt in Disharmonie gebracht hatte. So waltet die Weltgerechtigkeit. — Für seine Tat haftet der Mensch; für diese gibt es keine andere Verzeihung als die Gegentat, die als Sühne geleistet wird. Das ist die nicht verzeihliche Sünde wider den Geist. Was er tut in der niederen Welt, muss in der niederen Welt von ihm ausgeglichen werden. Das natürliche Leben bewirkt die Natur in ihm; irrt er da, so wird es ihm vergeben. Was er selbst vollbracht hat, dafür haftet der Mensch. Tut er Böses, was gegen die Weltordnung läuft, bewusst, so ist das die Sünde gegen das Ich, gegen den Geist. Das Ich ist durch die bewusste Handlung verletzt worden. Theosophie ist kein Dogma, bildet keine Sekte. Sie ist Leben, volles Leben. Bloße Theorie kann nichts nützen. Wenn ich alles noch so genau wüsste und wollte es nicht im Leben anwenden — es würde mir nichts nützen. Man muss sich praktisch von der Wahrheit überzeugen.
[ 27 ] Wie haben wir uns dazu zu verhalten? Wir müssen gründlich verfahren und auf den Grund sehen bei allen Dingen. Wenn wir den Grund und die Ursache wissen, wodurch die schlimmen Dinge in die Welt kommen, so wirkt das zwar zunächst deprimierend. Dann muss ich mir sagen: Ich habe mir mein Schicksal, meinen Charakter selbst bereitet. Aber andererseits wirkt das Bewusstsein auch erhebend. Wir sind die Herren der Zukunft. Das, was ich jetzt tue, bildet die Grundlage für die Zukunft. Arbeite ich heute an der Veredlung meines Charakters, so weiß ich, dass diese Arbeit nicht vergeblich ist. Das gibt einen seligen Trost denen, die innerlich überzeugt sind von der Sache. Die tiefste Seelenruhe sprießt aus dieser Lehre. Das Leben wird ein anderes, auch in Bezug auf unsere Nebenmenschen. Wir sind nur gar zu leicht geneigt, zu richten, wenn wir an anderen sehen, was uns nicht gefällt. Haben wir Verständnis vom Karma erlangt, wie anders wird es da. Dann sagt man: Zwar bist du jetzt schlecht, du lügst und betrügst; aber vielleicht stehst du mir nicht zum ersten Mal gegenüber, und wer weiß, ob ich nicht vielleicht selbst schuld daran bin, dass du heute so schlecht bist.
[ 28 ] Wenn das jemandem lächerlich ist, so ist das ein Zeichen, dass er noch nicht tief in das Karmagesetz eingedrungen ist. Wer erst zur Erkenntnis des höheren Selbst gekommen ist, der wird nicht mehr gleichgültig an seinen Mitmenschen vorübergehen oder sie kritisieren; er wird den Zusammenhang zwischen Mensch und Mensch begreifen lernen. An jeder Straßenecke trifft er Menschen; er denkt, kann ich dir helfen, vielleicht kann ich dich besser machen, wenn ich im vorigen Leben etwas versehen habe. Diese heute mögliche Idee, angewendet auf das Leben, macht das Leben klarer, durchsichtiger. Wir lernen dadurch den Menschen besser verstehen, besser ihm zu helfen.
[ 29 ] Es ist Unsinn, zu sagen: Ich soll ihm nicht helfen, er hat sein böses Karma selbst verschuldet. — In dem Augenblick, wo du vor ihm stehst, ist sein Karma, dass du ihm hilfst. Hilfst du ihm nicht, so wird ihm sonstwie geholfen. Du aber hast die Pflicht versäumt. Hilfst du ihm, so kannst du dir sagen: Wenn ich ihm helfe, so wird sein künftiges Leben sich besser gestalten. Mich zur Mithilfe erziehen will die Karmalehre. Durch mein eigenes praktisches Leben wird mir die Lehre immer klarer; wer in ihr lebt, dem wird sie sich - und zwar nur im Leben — bewahrheiten. Durch immer wiederkehrende Erfahrungen wird sie dir durch das ganze Leben bewiesen werden, durch das ganze Menschenleben.
[ 30 ] Jesus Christus, der Gründer des Christentums, hat diese Lehre in ein Bekenntnis zusammengefasst. Von der ganzen Weltenrunde sprach er als von dem Leib seines Vaters, wie jeder Leib des Menschen eine Wohnung des Vaters ist. Dem Menschen ist der Vater unbewusst, er braucht einen Führer zum Vater. Nur durch den Sohn kommen wir zum Vater; er will unser Führer sein. Zum Vaterleib zurück kehrt die Seele nach jedem Erdenleben. Die Seele schreitet in jedem Erdenleben durch eine Wohnung, die genommen ist aus dem göttlichen Vaterleibe. Jesus Christus spricht: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.
