The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b
5 Februar 1910, Kassel
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The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL
12. Erkenntnis und Unsterblichkeit
12. Knowledge and Immortality
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn der Mensch ein wenig herausblickt aus der gewöhnlichen Arbeit des Tages, was ihm obliegt vom Morgen bis zum Abend, dann kommen jene großen Fragen wohl an seine Seele heran, jene großen Fragen mit dem, was wir nennen können menschliche Bestimmung, die der Mensch sich stellen muss, wenn er die höchsten Ziele überdenkt.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! When a person takes a moment to step back from the ordinary work of the day—the tasks that occupy him from morning to night—those great questions surely touch his soul: those great questions concerning what we might call human destiny, which a person must ask himself when he reflects on the highest goals.
[ 2 ] Eine dieser Fragen ist zweifellos diejenige nach dem Wesen der Erkenntnis. Mit seiner Würde und seinem Wesen hängt zusammen die Frage, was ihn unterscheiden muss von den Wesen rings um ihn herum. Und wenn der Mensch die Frage stellt nach Wert und Bedeutung der Erkenntnis für die Erkenntnisse der täglichen Erfahrungen, braucht er nicht viel Nachdenkens. Auch da, wo sich die Erkenntnisse nicht auf das tägliche Leben beziehen, haben sie doch höchsten Wert für ihn. Bin ich nur ein müßiger Zuschauer dieser Erkenntnisse der Weltgesetzlichkeit und so weiter? Haben dann Erkenntnisse auch noch Wert?
[ 2 ] One of these questions is undoubtedly that of the nature of knowledge. Linked to its dignity and nature is the question of what must distinguish it from the things around it. And when a person asks about the value and significance of knowledge in relation to the insights gained from daily experiences, he does not need to think long and hard. Even when insights do not relate to daily life, they still hold the highest value for him. Am I merely an idle spectator of these insights into the laws of the world and so on? Do insights still have value in that case?
[ 3 ] Das sind Fragen, die uns heute Abend vor die Seele treten und im Zusammenhange betrachtet werden sollen. Erstens: die Frage nach Wert, Bedeutung und Wesen des Menschen, zweitens: die Frage nach Sterblichkeit oder Unsterblichkeit. Wird der Mensch sich bewahren über die Vergänglichkeit hinaus? Nicht Eitelkeit stellt die Frage, sondern Drang nach höherer Erkenntnis. Wir sehen um uns herum das sprossende, sprießende Leben, allüberall. Aber auch allüberall sehen wir den Tod ausgegossen. Im Frühling sehen wir frische Keime aufgehen, die im Sommer immer größer werden. Und wenn wir den Herbst betrachten, so sehen wir ein Absterben, das sich über den Winter immer weiter ausbreitet. Geologische Ausgrabungen sind Zeugen dafür, dass Leben da war, dass Tod da war, und blicken wir zurück in die griechische oder in eine andere Kultur; wo einstmals frisches, frohes griechisches Leben war — ausgegossen hat sich der Tod über dies Kunstleben. Auf die Bilder Raffaels, Michelangelos, die uns heute so erfreuen, wird sich ausbreiten Tod. Stückchen für Stückchen wird entschwinden. Und Chemie und Physik sprechen vom Tod ganzer Pflanzensysteme; überall ist der Tod ausgegossen.
[ 3 ] These are questions that weigh heavily on our minds this evening and should be considered in context. First: the question of the value, meaning, and nature of human beings; second: the question of mortality or immortality. Will humanity endure beyond transience? It is not vanity that poses this question, but a yearning for higher understanding. We see life sprouting and flourishing all around us, everywhere. But we also see death spreading everywhere. In spring, we see fresh shoots emerging, which grow ever larger in summer. And when we look at autumn, we see a withering that spreads ever further throughout the winter. Geological excavations bear witness to the fact that life was there, that death was there, and if we look back at Greek or other cultures—where once there was fresh, joyful Greek life—death has spread over this artistic life. Death will spread over the paintings of Raphael and Michelangelo, which delight us so much today. Bit by bit, they will vanish. And chemistry and physics speak of the death of entire plant systems; death has spread everywhere.
[ 4 ] Eine Frage entsteht: Ist das, was dahingegangen, zwecklos? Ist es dem Nichts verfallen? Ist alles vollständig dahin? Man kann die billigen Ausreden gebrauchen: Immer Neues kommt, Frühling und so weiter. — Gewiss, aber da muss man doch tiefer denken. Nach dieser Ausdeutung kann man sagen: Die Gebilde wechseln, aber nicht so, dass die alten etwas hinübersenden auf die neuen. Es handelt sich jedoch in Wahrheit darum, ob von dem, was lebt und webt in dem Alten, ob davon etwas hinübergeht auf das Neue. Besonders beim Menschen interessiert uns das.
[ 4 ] A question arises: Is what has passed away futile? Has it fallen into nothingness? Is everything completely gone? One might resort to the easy excuses: New things are always coming, spring and so on. — Certainly, but one must think more deeply about this. According to this interpretation, one could say: The forms change, but not in such a way that the old ones pass anything on to the new ones. In truth, however, the question is whether anything of what lives and weaves within the old passes over into the new. This interests us particularly in the case of human beings.
[ 5 ] Eines können wir geltend machen gegenüber dem Tode: dass die gewöhnlichen Mittel der Wissenschaft gar nicht ausreichen können zum Begreifen dessen, was über den Tod hinausreicht. Wir begreifen zunächst nur durch unsere Sinnesorgane. Alle Wissenschaft ist gebunden an die Erkenntnis dieser Organe, und diesen Organen wird gerade vom Tod ein Ende gemacht. Es ist nicht zu verwundern, dass die gewöhnliche Wissenschaft haltmachen muss vor dem Tod; wenn gewöhnliche Wissenschaft nicht ausreicht, um die Fragen über den Tod hinaus zu beantworten, dann muss man an das herantreten, was Geisteswissenschaft ist, die man gewöhnt ist, Theosophie zu nennen.
[ 5 ] There is one thing we can assert regarding death: that the ordinary means of science cannot possibly suffice to comprehend what lies beyond death. We initially comprehend only through our sensory organs. All science is bound to the knowledge provided by these organs, and it is precisely death that puts an end to these organs. It is not surprising that conventional science must come to a halt in the face of death; if conventional science is insufficient to answer questions that go beyond death, then one must turn to what is known as spiritual science, which is commonly referred to as theosophy.
[ 6 ] Verständigen können wir uns nur, wenn wir einen Blick werfen auf den Unterschied zwischen gewöhnlicher Wissenschaft und Geisteswissenschaft. Wie weit kann menschliche Erkenntnis gehen?, fragt die gewöhnliche Wissenschaft; bis zu einer gewissen Grenze kann der Mensch nur gehen, diese Grenze bilden die Organe. Geisteswissenschaft sagt: Menschliches Erkennen ist unbegrenzt, gemäß dem Gesetz der Entwicklung. Entwicklung ist das Zauberwort. Gestalt hat sich entwickelt aus anderen Gestalten heraus, und wird sich weiterentwickeln zu immer anderen Gestalten. In der menschlichen Seele schlummern Kräfte und Fähigkeiten, von ihnen spricht die Geisteswissenschaft.
[ 6 ] We can only understand one another if we consider the difference between conventional science and spiritual science. “How far can human knowledge go?” asks conventional science; humans can only go so far—the organs form this limit. Spiritual science says: Human cognition is unlimited, in accordance with the law of evolution. Evolution is the magic word. Form has evolved from other forms and will continue to evolve into ever-changing forms. Powers and abilities lie dormant in the human soul; spiritual science speaks of these.
[ 7 ] Aber was müssen wir tun, um die Grenze zu überschreiten, die dem Menschen heute durch seine Organe gezogen ist? Ist es widerspruchsvoll, zu sagen, dass im Menschen Kräfte schlummern, Fähigkeiten, und dass dieselben entwickelt werden können? Ist es widerspruchsvoll zu sagen, ein Blindgeborener könne operiert werden, sodass ihm Farben und Licht erschlossen werden? So können dem Menschen Organe aufgeschlossen werden, die ihm geistiges Licht, geistige Farben erschließen, die eben eine Erweckung ist. Das gilt für den Menschen ebenso wie für den operierten Blinden. Es gibt so viele Welten, als der Mensch durch seine Organe sich erschließen kann. Sind diese Organe erschlossen, alsdann kann der Mensch verstehen das Wesen des Todes.
[ 7 ] But what must we do to cross the boundary that is drawn around human beings today by their physical organs? Is it contradictory to say that powers and abilities lie dormant within human beings, and that these can be developed? Is it contradictory to say that a person born blind could undergo surgery that would open up the world of colors and light to them? In this way, organs can be opened up within a person, granting them access to spiritual light and spiritual colors—which is, in fact, an awakening. This applies to human beings just as much as it does to a blind person who has undergone surgery. There are as many worlds as a person can access through their organs. Once these organs are opened up, then a person can understand the nature of death.
[ 8 ] Wachen und Schlaf, Leben und Tod, es sind vier wichtige Worte. An den beiden ersten geht der menschliche Sinn leicht vorbei, da sie dem Menschen zu sehr gewohnt sind, um darüber nachzudenken. Dem Geistesforscher ist die Verwandtschaft von Schlaf und Tod bekannt, wie das auch häufig gefühlt wird und schon oft empfunden worden ist. Was geschieht denn da eigentlich, wenn der Mensch übergeht von Bewusstsein zu Unbewusstheit? Dazu müssen wir uns vorstellen das Wesen des Menschen: erstens physischer Leib, den hat der Mensch gemeinsam mit der ganzen übrigen Natur; gleiche Gesetze und so weiter. Der physische Leib folgt diesen physischen und chemischen Gesetzen aber erst im Tod. Also muss etwas im physischen Leibe sein, ein Kämpfer, der verhindert, dass der physische Leib diesen Gesetzen schon im Leben folgt. Das ist, zweitens, der Ätherleib.
[ 8 ] Waking and sleep, life and death—these are four important words. The human mind easily overlooks the first two, since they are too familiar to us to give them much thought. The spiritual researcher is aware of the connection between sleep and death, as is often intuitively felt and has frequently been sensed. What actually happens when a person transitions from consciousness to unconsciousness? To answer this, we must consider the nature of the human being: first, the physical body, which humans share with the rest of nature—subject to the same laws and so on. However, the physical body only follows these physical and chemical laws at death. So there must be something within the physical body—a force that prevents the physical body from following these laws while still alive. This is, secondly, the etheric body.
[ 9 ] Den Ätherleib hat der Mensch gemeinsam mit allem Lebendigen, zum Beispiel der Pflanzenwelt. Drittens. Der Astralleib —- gemeinschaftlich mit der ganzen Tierwelt. Träger von Begierden und Leidenschaften. Viertens: Einen kleinen Namen gibt es, der nie ertönen kann, wenn einer ein anderes Wesen bezeichnen will. Nur aus dem eigenen Innern kann dieses Wörtchen ertönen. Das Wörtchen «Ich» ist das. Was im Ich im Menschen lebt, ist dasselbe, was im ganzen Weltall lebt; ein Teil davon ist es; aber natürlich nicht «Gott». Vom Aufwachen bis zum Einschlafen durchdringen diese Glieder sich. Aber beim Einschlafen kann der mit geistigen Organen versehene Mensch beobachten, wie das Ich und der Astralleib sich herausziehen in eine geistige Welt. Weshalb gehen Astralleib und Ich aus dem Ätherleib und dem physischen Leib heraus?
[ 9 ] Human beings share the etheric body with all living things, such as the plant kingdom. Third: The astral body—shared with the entire animal kingdom. It is the bearer of desires and passions. Fourth: There is a small word that can never be uttered when one wishes to refer to another being. This little word can only arise from one’s own inner being. That little word is “I.” What lives in the “I” within a human being is the same as what lives throughout the entire universe; it is a part of it; but of course, it is not “God.” From waking to falling asleep, these bodies interpenetrate one another. But as one falls asleep, a person endowed with spiritual organs can observe how the “I” and the astral body withdraw into a spiritual world. Why do the astral body and the “I” emerge from the etheric body and the physical body?
[ 10 ] Wir nehmen nur das wahr, was unser Astralleib erlebt, wenn wir es als Spiegelbild in unserem Ätherleib erleben. Deshalb muss der Astralleib untertauchen des Morgens in den Ätherleib, damit wir im Spiegelbild die Welt erleben. Das ganze Seelenleben entsteht durch das Zusammenwirken des Astralleibes mit dem physischen und dem Ätherleib. Warum werden wir des Abends müde? Weil unser Astralleib wohl imstande ist, ein Wechselspiel mit dem Ätherleibe vorzunehmen, weil er aber ermüdet, weil der Astralleib die Kräfte, um dies alles vor uns hinzustellen, nicht gewinnen kann aus dem physischen Leib, deshalb taucht er unter jeden Abend in die geistige Welt, um Kräfte zu holen, um am Tage aufzubauen unser ganzes Seelenleben. Wir tauchen da wahrhaftig unter in unsere eigentliche Heimat von Abend bis Morgen.
[ 10 ] We perceive only what our astral body experiences when we experience it as a reflection in our etheric body. That is why the astral body must immerse itself in the etheric body in the morning so that we may experience the world as a reflection. The entire life of the soul arises through the interaction of the astral body with the physical and etheric bodies. Why do we get tired in the evening? Because our astral body is certainly capable of interacting with the etheric body, but since it grows weary—since the astral body cannot draw the strength needed to present all this to us from the physical body—it therefore submerges into the spiritual world every evening to gather strength, so that it can build up our entire soul life during the day. We truly immerse ourselves there in our true home from evening until morning.
[ 11 ] Was kann der Astralleib denn tun mit diesen Kräften, die er sich holt in der geistigen Welt? Das Seelenleben aufbauen kann er damit. Betrachten wir, wie er das aufbaut. Was ist alles nötig zur Kunst des Schreibens? Wir mussten viel Versuche machen, um diese Fähigkeit zu erreichen. An all die vergeblichen Versuche, die wir vielleicht dabei gemacht, an all die Liebe, die wir vielleicht dabei empfangen haben, erinnern wir uns nicht bei jedem Schreiben. Aus solchen Versuchen entwickeln sich Fähigkeiten; Fähigkeiten unseres eigenen Seelenlebens sind das. Wenn der Astralleib untertaucht in den Ätherleib, sind unbeteiligt dabei unsere Organe, sowohl die physischen als auch die ätherischen. Denken wir an den Wunderbau des Herzens, des Kehlkopfes und so weiter. Wir könnten noch so feine Seelenfähigkeiten, wie musikalische Sinne zum Beispiel haben; nicht gebrauchen könnten wir sie, wenn wir das dazugehörige Organ nicht besitzen.
[ 11 ] What, then, can the astral body do with these powers it draws from the spiritual world? It can use them to build up the life of the soul. Let us consider how it does this. What is required for the art of writing? We had to make many attempts to attain this ability. We do not recall, every time we write, all the futile attempts we may have made in the process, nor all the love we may have received along the way. Such attempts give rise to abilities; these are abilities of our own soul life. When the astral body immerses itself in the etheric body, our organs—both physical and etheric—remain uninvolved in the process. Let us consider the marvelous structure of the heart, the larynx, and so on. We might possess even the most refined soul abilities—such as a musical sense, for example—but we would be unable to use them if we did not possess the corresponding organ.
[ 12 ] Des Menschen Arbeit an seinem Astralleib ist kompliziert. Sie geschieht dadurch, dass der Mensch Eindrücke empfängt von außen. Seelische Erlebnisse sind das, die sich innerhalb des Astralleibes abspielen, Affekte und so weiter. Auf niederer Stufe ist das Ich wie der Sklave des Astralleibes, aber dieses Ich kann sich herausarbeiten. Vergleichen wir einen niederen und einen entwickelten Menschen. Letzterer herrscht über seinen Astralleib. Das Ich beherrscht, regiert ihn, entreißt das Ich den Trieben, Begierden und Leidenschaften. Inneres Verarbeiten der äußeren Eindrücke nennen wir das. Der gewöhnliche Mensch sieht, schmeckt, riecht das, was von außen an ihn herankommt, ob es angenehm oder unangenehm ist. Aber ein anderer Mensch, der in Augenblicken des Stillseins solche Eindrücke verarbeitet, nur ein solcher kann reicher und immer reicher werden.
[ 12 ] A person’s work on their astral body is complex. It occurs as a result of the person receiving impressions from the outside. Soul experiences are what take place within the astral body—emotions and so on. At a lower level, the “I” is like a slave to the astral body, but this “I” can work its way free. Let us compare a person at a lower level with a developed person. The latter rules over his astral body. The “I” dominates and governs it, wresting it from the drives, desires, and passions. We call this the inner processing of external impressions. The ordinary person sees, tastes, and smells whatever comes to them from the outside, whether it is pleasant or unpleasant. But another person—one who processes such impressions in moments of stillness—only such a person can become richer and ever richer.
[ 13 ] Aber nicht nur immer soll man hereinarbeiten, das wäre ein Hereinkriechen in sein Inneres. Das wäre nicht das einzig Richtige. Nun muss der Mensch wieder herausgehen aus sich. Was wir innerlich empfinden, das wird zum Weisheitsgehalt, der anwendbar ist auf die äußere Welt, sodass Begriffe und Ideen im Innern des Menschen entstehen, das ist die Erkenntnis. Erst heißt es, diese Eindrücke sammeln, dann diese in sich verarbeiten, dann wieder am Äußern anwenden. Dann erst ist der Mensch in der Lage, ein Neues in sich einfließen zu lassen. Bei dem geht in der Erkenntnis etwas auf; Sinneseindrücke sagen uns, was uns angenehm, was uns unangenehm ist. Aber das Ich findet auf dem Umwege der Erkenntnis moralische Werte.
[ 13 ] But one shouldn’t always just work inward; that would be like crawling into one’s inner self. That wouldn’t be the only right way. Now a person must step back out of themselves. What we feel inwardly becomes wisdom that can be applied to the outer world, so that concepts and ideas arise within a person—that is insight. First, one must gather these impressions, then process them within oneself, and then apply them to the outside world again. Only then is a person able to allow something new to flow into themselves. In this process, something opens up in insight; sensory impressions tell us what is pleasant and what is unpleasant to us. But the “I” discovers moral values through the circuitous path of insight.
[ 14 ] Da ist das gefunden, wofür Märtyrer gestorben sind. Diese Begriffe, diese wertvollen Inhalte, die der Mensch so erhält, waren ihm wertvoller, wichtiger als sein Leben. Diese Inhalte können vom Ich aus gefunden werden, wenn es sich unabhängig macht von den Organen, von der Außenwelt. Soll dieser Inhalt uns ganz durchdringen, dann müssen wir ein Ausdruck werden können für dies so Gewonnene. In unsere Organe können wir es nicht hineinzaubern. Nicht in Fleisch und Blut könnte es uns übergehen. Nur durch ein bestimmtes Gesetz konnte das geschehen.
[ 14 ] Here lies what the martyrs died for. These concepts, these precious insights that a person thus gains, were more valuable and more important to them than their own lives. These insights can be discovered by the “I” when it frees itself from the physical organs and from the external world. If this essence is to permeate us completely, then we must be able to become an expression of what has been gained in this way. We cannot conjure it into our organs. It cannot pass into our flesh and blood. This could only happen through a specific law.
[ 15 ] Im siebzehnten Jahrhundert noch glaubten die Menschen, die niederen Tiere entstünden aus Substanzen, die diese Tiere umgaben. Wissenschaftlich wurde das angenommen. Zum Beispiel wie die Bienen entstehen: Aus verfaulten Ochsen, wenn man sie schlägt, wachsen die Bienen heraus, aus Pferden Hornissen, aus Eseln Wespen. Im siebzehnten Jahrhundert wurde solches geschrieben. Francesco Redi hat im siebzehnten Jahrhundert gesagt: Nur aus Lebendigem kann Lebendiges entstehen. Heute ist das eine Selbstverständlichkeit, wie alle Ansichten, die sich erst durchsetzen müssen. Nur aus Geistig-Seelischem kann Geistig-Seelisches entstehen. «Der Regenwurm entsteht aus Flussschlamm», dieser Satz steht auf demselben «geistigen» Standpunkt, wie wenn man sagen wollte: Alle Charaktereigenschaften, Talente und so weiter hat der Mensch von Vater, Mutter, Großvater, Großmutter.
[ 15 ] As late as the seventeenth century, people still believed that lower animals arose from substances surrounding them. This was accepted as scientific fact. For example, regarding how bees come into being: when rotten oxen are struck, bees grow out of them; from horses, hornets; and from donkeys, wasps. Such things were written in the seventeenth century. Francesco Redi said in the seventeenth century: “Only from the living can the living arise.” Today this is taken for granted, just like all views that first have to gain acceptance. Only from the spiritual-psychic can the spiritual-psychic arise. “The earthworm arises from river mud”—this statement is based on the same “spiritual” point of view as if one were to say: All character traits, talents, and so on are inherited by a person from their father, mother, grandfather, and grandmother.
[ 16 ] Zu geistig-seelischen Keimen muss man zurückgehen. Das ist aber das vorige Leben. Wir müssen zurückblicken auf das Leben vor dem jetzigen, auf Leben nach dem jetzigen müssen wir hinblicken. Das ist das Gesetz der Wiederverkörperung oder der Reinkarnation. Dieses Gesetz wird sich ebenso verbreiten wie jenes von Francesco Redi, den man dazumal beinahe verbrannt hätte. Heute ist das nicht mehr Mode, wenigstens nicht überall, heute nennt man solche schöpferischen Geister Phantasten oder Träumer, vielleicht sogar Narren. Mag sein, aber in kurzer Zeit wird man annehmen, dass Geistig-Seelisches nur aus Geistig-Seelischem entstehen kann, ebenso wie Lebendiges nur aus Lebendigem entstehen kann.
[ 16 ] We must go back to the spiritual and soul seeds. But that is the previous life. We must look back at the life before this one, and we must look forward to the life after this one. This is the law of reincarnation. This law will spread just as widely as that of Francesco Redi, who was nearly burned at the stake in his day. Today that is no longer in vogue—at least not everywhere; today such creative spirits are called fantasists or dreamers, perhaps even fools. That may be so, but before long people will accept that the spiritual and soul-related can arise only from the spiritual and soul-related, just as the living can arise only from the living.
[ 17 ] Wir haben es also zu tun mit Seelen, die schon einmal durch den Tod gegangen sind. Es ist etwas anderes als der Schlaf in der Nacht. Jetzt, nach dem Tode, findet ein Durchgang durch die geistige Welt statt. Was man im Leben nicht hat verwerten können an Erlebnissen, das verwertet man jetzt, man baut sie auf zu einem Geistleib. Jetzt bauen wir uns neue Organe auf, nicht kehren wir zurück zu den alten Organen, wie am Morgen nach dem Schlafe. Jetzt bauen wir ein in die Organe, was wir uns erobert haben durch Erkenntnis.
[ 17 ] We are thus dealing with souls that have already passed through death once before. It is something different from sleeping at night. Now, after death, a passage through the spiritual world takes place. The experiences one was unable to assimilate in life are now assimilated; one builds them up into a spiritual body. Now we build new organs for ourselves; we do not return to the old organs, as we do in the morning after sleep. Now we incorporate into our organs what we have gained through knowledge.
[ 18 ] Die Fähigkeiten treten immer mehr heraus beim kleinen Kind. Ein individuelles Rätsel ist uns jeder Mensch. Das Ergebnis der Erkenntnisse des vorigen Lebens ist der Mensch. Da kommt es nach und nach heraus; heruntergeschickt wird von einem zum anderen Leben, worinnen der Mensch gearbeitet hat.
[ 18 ] These abilities become increasingly evident in young children. Every human being is a unique mystery to us. Human beings are the result of the insights gained in previous lives. This gradually comes to light; what a person has worked on in one life is passed down to the next.
[ 19 ] Man wächst an dem, was man schafft. Das geht mit ins nächste Leben. Der Mensch baut sich, sozusagen, ein Gerüst auf mit den Erkenntnissen des einen Lebens. Aber es würde nicht wiederum Neues gebaut werden, wenn nicht dies einmal Gebaute zerginge. So sehen wir in dem Tode ein Stück Leben, das uns das Leben immer auf einer höheren Stufe erscheinen lassen kann. Durch den Tod hindurch gehend, können wir immer Neues aufbauen. Und im Mittelpunkt steht das Ich.
[ 19 ] One grows through what one creates. That carries over into the next life. A person builds, so to speak, a framework for themselves with the insights gained from one life. But nothing new could be built unless what has already been built were to dissolve. Thus, we see in death a part of life that can always allow life to appear to us on a higher level. By passing through death, we can always build something new. And at the center of it all is the self.
[ 20 ] Weshalb keine Erinnerung? Das Ich ist das erste Übersinnliche in uns. Wer das Ich erkannt, durchschaut hat, der kann zurückblicken. Diese Ich-Erkenntnis gibt Bewusstsein von früheren Erdenleben. Von dem Leben, wo dem Menschen das Ich nicht nur ein Wort ist, von da an erinnert er sich an das Ich. Die Unsterblichkeit nützt nichts, wenn man keine Erkenntnis von Unsterblichkeit hat; je mehr man Erkenntnis von seinem Ich, von seinem inneren Seelenkern hat, desto mehr, desto höheres Wissen hat man von der Unsterblichkeit. So wird Erkenntnis zur Quelle der Unsterblichkeit. Kraft und Sicherheit gibt diese Lehre von der Reinkarnation uns im täglichen Leben.
[ 20 ] Why no memory? The “I” is the first supersensible reality within us. Whoever has recognized and understood the “I” can look back. This recognition of the “I” brings awareness of past earthly lives. From the life in which the “I” is not merely a word to a person—from that point onward—he remembers the “I.” Immortality is of no use if one has no understanding of immortality; the more one understands one’s “I,” one’s inner soul core, the greater and higher one’s knowledge of immortality becomes. Thus, understanding becomes the source of immortality. This teaching of reincarnation gives us strength and security in our daily lives.
Liegt dir gestern klar und offen,
Fühlst du heute kräftig frei,
Darfst du auf ein Morgen hoffen,
Das nicht minder glücklich sei. (Goethe)Orphische Urworte: («Dämon»)
If yesterday is clear and open to you,
If today you feel strong and free,
You may hope for a tomorrow
That is no less happy. (Goethe)Orphic primal words: (“Demon”)
Wie an dem Tag, der dich der Welt verlichen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen,
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten,
So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten,
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt. (Goethe)
Just as on the day you were born into this world,
The sun stood in greeting to the planets,
You flourished immediately and continued to do so,
According to the law by which you came into being,
So you must be; you cannot escape it,
As the Sibyls and prophets have said,
And no time, no power can shatter A form that has taken shape and develops as it lives. (Goethe)
