Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
5 Februar 1910, Kassel
12. Erkenntnis und Unsterblichkeit
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Wenn der Mensch ein wenig herausblickt aus der gewöhnlichen Arbeit des Tages, was ihm obliegt vom Morgen bis zum Abend, dann kommen jene großen Fragen wohl an seine Seele heran, jene großen Fragen mit dem, was wir nennen können menschliche Bestimmung, die der Mensch sich stellen muss, wenn er die höchsten Ziele überdenkt.
[ 2 ] Eine dieser Fragen ist zweifellos diejenige nach dem Wesen der Erkenntnis. Mit seiner Würde und seinem Wesen hängt zusammen die Frage, was ihn unterscheiden muss von den Wesen rings um ihn herum. Und wenn der Mensch die Frage stellt nach Wert und Bedeutung der Erkenntnis für die Erkenntnisse der täglichen Erfahrungen, braucht er nicht viel Nachdenkens. Auch da, wo sich die Erkenntnisse nicht auf das tägliche Leben beziehen, haben sie doch höchsten Wert für ihn. Bin ich nur ein müßiger Zuschauer dieser Erkenntnisse der Weltgesetzlichkeit und so weiter? Haben dann Erkenntnisse auch noch Wert?
[ 3 ] Das sind Fragen, die uns heute Abend vor die Seele treten und im Zusammenhange betrachtet werden sollen. Erstens: die Frage nach Wert, Bedeutung und Wesen des Menschen, zweitens: die Frage nach Sterblichkeit oder Unsterblichkeit. Wird der Mensch sich bewahren über die Vergänglichkeit hinaus? Nicht Eitelkeit stellt die Frage, sondern Drang nach höherer Erkenntnis. Wir sehen um uns herum das sprossende, sprießende Leben, allüberall. Aber auch allüberall sehen wir den Tod ausgegossen. Im Frühling sehen wir frische Keime aufgehen, die im Sommer immer größer werden. Und wenn wir den Herbst betrachten, so sehen wir ein Absterben, das sich über den Winter immer weiter ausbreitet. Geologische Ausgrabungen sind Zeugen dafür, dass Leben da war, dass Tod da war, und blicken wir zurück in die griechische oder in eine andere Kultur; wo einstmals frisches, frohes griechisches Leben war — ausgegossen hat sich der Tod über dies Kunstleben. Auf die Bilder Raffaels, Michelangelos, die uns heute so erfreuen, wird sich ausbreiten Tod. Stückchen für Stückchen wird entschwinden. Und Chemie und Physik sprechen vom Tod ganzer Pflanzensysteme; überall ist der Tod ausgegossen.
[ 4 ] Eine Frage entsteht: Ist das, was dahingegangen, zwecklos? Ist es dem Nichts verfallen? Ist alles vollständig dahin? Man kann die billigen Ausreden gebrauchen: Immer Neues kommt, Frühling und so weiter. — Gewiss, aber da muss man doch tiefer denken. Nach dieser Ausdeutung kann man sagen: Die Gebilde wechseln, aber nicht so, dass die alten etwas hinübersenden auf die neuen. Es handelt sich jedoch in Wahrheit darum, ob von dem, was lebt und webt in dem Alten, ob davon etwas hinübergeht auf das Neue. Besonders beim Menschen interessiert uns das.
[ 5 ] Eines können wir geltend machen gegenüber dem Tode: dass die gewöhnlichen Mittel der Wissenschaft gar nicht ausreichen können zum Begreifen dessen, was über den Tod hinausreicht. Wir begreifen zunächst nur durch unsere Sinnesorgane. Alle Wissenschaft ist gebunden an die Erkenntnis dieser Organe, und diesen Organen wird gerade vom Tod ein Ende gemacht. Es ist nicht zu verwundern, dass die gewöhnliche Wissenschaft haltmachen muss vor dem Tod; wenn gewöhnliche Wissenschaft nicht ausreicht, um die Fragen über den Tod hinaus zu beantworten, dann muss man an das herantreten, was Geisteswissenschaft ist, die man gewöhnt ist, Theosophie zu nennen.
[ 6 ] Verständigen können wir uns nur, wenn wir einen Blick werfen auf den Unterschied zwischen gewöhnlicher Wissenschaft und Geisteswissenschaft. Wie weit kann menschliche Erkenntnis gehen?, fragt die gewöhnliche Wissenschaft; bis zu einer gewissen Grenze kann der Mensch nur gehen, diese Grenze bilden die Organe. Geisteswissenschaft sagt: Menschliches Erkennen ist unbegrenzt, gemäß dem Gesetz der Entwicklung. Entwicklung ist das Zauberwort. Gestalt hat sich entwickelt aus anderen Gestalten heraus, und wird sich weiterentwickeln zu immer anderen Gestalten. In der menschlichen Seele schlummern Kräfte und Fähigkeiten, von ihnen spricht die Geisteswissenschaft.
[ 7 ] Aber was müssen wir tun, um die Grenze zu überschreiten, die dem Menschen heute durch seine Organe gezogen ist? Ist es widerspruchsvoll, zu sagen, dass im Menschen Kräfte schlummern, Fähigkeiten, und dass dieselben entwickelt werden können? Ist es widerspruchsvoll zu sagen, ein Blindgeborener könne operiert werden, sodass ihm Farben und Licht erschlossen werden? So können dem Menschen Organe aufgeschlossen werden, die ihm geistiges Licht, geistige Farben erschließen, die eben eine Erweckung ist. Das gilt für den Menschen ebenso wie für den operierten Blinden. Es gibt so viele Welten, als der Mensch durch seine Organe sich erschließen kann. Sind diese Organe erschlossen, alsdann kann der Mensch verstehen das Wesen des Todes.
[ 8 ] Wachen und Schlaf, Leben und Tod, es sind vier wichtige Worte. An den beiden ersten geht der menschliche Sinn leicht vorbei, da sie dem Menschen zu sehr gewohnt sind, um darüber nachzudenken. Dem Geistesforscher ist die Verwandtschaft von Schlaf und Tod bekannt, wie das auch häufig gefühlt wird und schon oft empfunden worden ist. Was geschieht denn da eigentlich, wenn der Mensch übergeht von Bewusstsein zu Unbewusstheit? Dazu müssen wir uns vorstellen das Wesen des Menschen: erstens physischer Leib, den hat der Mensch gemeinsam mit der ganzen übrigen Natur; gleiche Gesetze und so weiter. Der physische Leib folgt diesen physischen und chemischen Gesetzen aber erst im Tod. Also muss etwas im physischen Leibe sein, ein Kämpfer, der verhindert, dass der physische Leib diesen Gesetzen schon im Leben folgt. Das ist, zweitens, der Ätherleib.
[ 9 ] Den Ätherleib hat der Mensch gemeinsam mit allem Lebendigen, zum Beispiel der Pflanzenwelt. Drittens. Der Astralleib —- gemeinschaftlich mit der ganzen Tierwelt. Träger von Begierden und Leidenschaften. Viertens: Einen kleinen Namen gibt es, der nie ertönen kann, wenn einer ein anderes Wesen bezeichnen will. Nur aus dem eigenen Innern kann dieses Wörtchen ertönen. Das Wörtchen «Ich» ist das. Was im Ich im Menschen lebt, ist dasselbe, was im ganzen Weltall lebt; ein Teil davon ist es; aber natürlich nicht «Gott». Vom Aufwachen bis zum Einschlafen durchdringen diese Glieder sich. Aber beim Einschlafen kann der mit geistigen Organen versehene Mensch beobachten, wie das Ich und der Astralleib sich herausziehen in eine geistige Welt. Weshalb gehen Astralleib und Ich aus dem Ätherleib und dem physischen Leib heraus?
[ 10 ] Wir nehmen nur das wahr, was unser Astralleib erlebt, wenn wir es als Spiegelbild in unserem Ätherleib erleben. Deshalb muss der Astralleib untertauchen des Morgens in den Ätherleib, damit wir im Spiegelbild die Welt erleben. Das ganze Seelenleben entsteht durch das Zusammenwirken des Astralleibes mit dem physischen und dem Ätherleib. Warum werden wir des Abends müde? Weil unser Astralleib wohl imstande ist, ein Wechselspiel mit dem Ätherleibe vorzunehmen, weil er aber ermüdet, weil der Astralleib die Kräfte, um dies alles vor uns hinzustellen, nicht gewinnen kann aus dem physischen Leib, deshalb taucht er unter jeden Abend in die geistige Welt, um Kräfte zu holen, um am Tage aufzubauen unser ganzes Seelenleben. Wir tauchen da wahrhaftig unter in unsere eigentliche Heimat von Abend bis Morgen.
[ 11 ] Was kann der Astralleib denn tun mit diesen Kräften, die er sich holt in der geistigen Welt? Das Seelenleben aufbauen kann er damit. Betrachten wir, wie er das aufbaut. Was ist alles nötig zur Kunst des Schreibens? Wir mussten viel Versuche machen, um diese Fähigkeit zu erreichen. An all die vergeblichen Versuche, die wir vielleicht dabei gemacht, an all die Liebe, die wir vielleicht dabei empfangen haben, erinnern wir uns nicht bei jedem Schreiben. Aus solchen Versuchen entwickeln sich Fähigkeiten; Fähigkeiten unseres eigenen Seelenlebens sind das. Wenn der Astralleib untertaucht in den Ätherleib, sind unbeteiligt dabei unsere Organe, sowohl die physischen als auch die ätherischen. Denken wir an den Wunderbau des Herzens, des Kehlkopfes und so weiter. Wir könnten noch so feine Seelenfähigkeiten, wie musikalische Sinne zum Beispiel haben; nicht gebrauchen könnten wir sie, wenn wir das dazugehörige Organ nicht besitzen.
[ 12 ] Des Menschen Arbeit an seinem Astralleib ist kompliziert. Sie geschieht dadurch, dass der Mensch Eindrücke empfängt von außen. Seelische Erlebnisse sind das, die sich innerhalb des Astralleibes abspielen, Affekte und so weiter. Auf niederer Stufe ist das Ich wie der Sklave des Astralleibes, aber dieses Ich kann sich herausarbeiten. Vergleichen wir einen niederen und einen entwickelten Menschen. Letzterer herrscht über seinen Astralleib. Das Ich beherrscht, regiert ihn, entreißt das Ich den Trieben, Begierden und Leidenschaften. Inneres Verarbeiten der äußeren Eindrücke nennen wir das. Der gewöhnliche Mensch sieht, schmeckt, riecht das, was von außen an ihn herankommt, ob es angenehm oder unangenehm ist. Aber ein anderer Mensch, der in Augenblicken des Stillseins solche Eindrücke verarbeitet, nur ein solcher kann reicher und immer reicher werden.
[ 13 ] Aber nicht nur immer soll man hereinarbeiten, das wäre ein Hereinkriechen in sein Inneres. Das wäre nicht das einzig Richtige. Nun muss der Mensch wieder herausgehen aus sich. Was wir innerlich empfinden, das wird zum Weisheitsgehalt, der anwendbar ist auf die äußere Welt, sodass Begriffe und Ideen im Innern des Menschen entstehen, das ist die Erkenntnis. Erst heißt es, diese Eindrücke sammeln, dann diese in sich verarbeiten, dann wieder am Äußern anwenden. Dann erst ist der Mensch in der Lage, ein Neues in sich einfließen zu lassen. Bei dem geht in der Erkenntnis etwas auf; Sinneseindrücke sagen uns, was uns angenehm, was uns unangenehm ist. Aber das Ich findet auf dem Umwege der Erkenntnis moralische Werte.
[ 14 ] Da ist das gefunden, wofür Märtyrer gestorben sind. Diese Begriffe, diese wertvollen Inhalte, die der Mensch so erhält, waren ihm wertvoller, wichtiger als sein Leben. Diese Inhalte können vom Ich aus gefunden werden, wenn es sich unabhängig macht von den Organen, von der Außenwelt. Soll dieser Inhalt uns ganz durchdringen, dann müssen wir ein Ausdruck werden können für dies so Gewonnene. In unsere Organe können wir es nicht hineinzaubern. Nicht in Fleisch und Blut könnte es uns übergehen. Nur durch ein bestimmtes Gesetz konnte das geschehen.
[ 15 ] Im siebzehnten Jahrhundert noch glaubten die Menschen, die niederen Tiere entstünden aus Substanzen, die diese Tiere umgaben. Wissenschaftlich wurde das angenommen. Zum Beispiel wie die Bienen entstehen: Aus verfaulten Ochsen, wenn man sie schlägt, wachsen die Bienen heraus, aus Pferden Hornissen, aus Eseln Wespen. Im siebzehnten Jahrhundert wurde solches geschrieben. Francesco Redi hat im siebzehnten Jahrhundert gesagt: Nur aus Lebendigem kann Lebendiges entstehen. Heute ist das eine Selbstverständlichkeit, wie alle Ansichten, die sich erst durchsetzen müssen. Nur aus Geistig-Seelischem kann Geistig-Seelisches entstehen. «Der Regenwurm entsteht aus Flussschlamm», dieser Satz steht auf demselben «geistigen» Standpunkt, wie wenn man sagen wollte: Alle Charaktereigenschaften, Talente und so weiter hat der Mensch von Vater, Mutter, Großvater, Großmutter.
[ 16 ] Zu geistig-seelischen Keimen muss man zurückgehen. Das ist aber das vorige Leben. Wir müssen zurückblicken auf das Leben vor dem jetzigen, auf Leben nach dem jetzigen müssen wir hinblicken. Das ist das Gesetz der Wiederverkörperung oder der Reinkarnation. Dieses Gesetz wird sich ebenso verbreiten wie jenes von Francesco Redi, den man dazumal beinahe verbrannt hätte. Heute ist das nicht mehr Mode, wenigstens nicht überall, heute nennt man solche schöpferischen Geister Phantasten oder Träumer, vielleicht sogar Narren. Mag sein, aber in kurzer Zeit wird man annehmen, dass Geistig-Seelisches nur aus Geistig-Seelischem entstehen kann, ebenso wie Lebendiges nur aus Lebendigem entstehen kann.
[ 17 ] Wir haben es also zu tun mit Seelen, die schon einmal durch den Tod gegangen sind. Es ist etwas anderes als der Schlaf in der Nacht. Jetzt, nach dem Tode, findet ein Durchgang durch die geistige Welt statt. Was man im Leben nicht hat verwerten können an Erlebnissen, das verwertet man jetzt, man baut sie auf zu einem Geistleib. Jetzt bauen wir uns neue Organe auf, nicht kehren wir zurück zu den alten Organen, wie am Morgen nach dem Schlafe. Jetzt bauen wir ein in die Organe, was wir uns erobert haben durch Erkenntnis.
[ 18 ] Die Fähigkeiten treten immer mehr heraus beim kleinen Kind. Ein individuelles Rätsel ist uns jeder Mensch. Das Ergebnis der Erkenntnisse des vorigen Lebens ist der Mensch. Da kommt es nach und nach heraus; heruntergeschickt wird von einem zum anderen Leben, worinnen der Mensch gearbeitet hat.
[ 19 ] Man wächst an dem, was man schafft. Das geht mit ins nächste Leben. Der Mensch baut sich, sozusagen, ein Gerüst auf mit den Erkenntnissen des einen Lebens. Aber es würde nicht wiederum Neues gebaut werden, wenn nicht dies einmal Gebaute zerginge. So sehen wir in dem Tode ein Stück Leben, das uns das Leben immer auf einer höheren Stufe erscheinen lassen kann. Durch den Tod hindurch gehend, können wir immer Neues aufbauen. Und im Mittelpunkt steht das Ich.
[ 20 ] Weshalb keine Erinnerung? Das Ich ist das erste Übersinnliche in uns. Wer das Ich erkannt, durchschaut hat, der kann zurückblicken. Diese Ich-Erkenntnis gibt Bewusstsein von früheren Erdenleben. Von dem Leben, wo dem Menschen das Ich nicht nur ein Wort ist, von da an erinnert er sich an das Ich. Die Unsterblichkeit nützt nichts, wenn man keine Erkenntnis von Unsterblichkeit hat; je mehr man Erkenntnis von seinem Ich, von seinem inneren Seelenkern hat, desto mehr, desto höheres Wissen hat man von der Unsterblichkeit. So wird Erkenntnis zur Quelle der Unsterblichkeit. Kraft und Sicherheit gibt diese Lehre von der Reinkarnation uns im täglichen Leben.
Liegt dir gestern klar und offen,
Fühlst du heute kräftig frei,
Darfst du auf ein Morgen hoffen,
Das nicht minder glücklich sei. (Goethe)Orphische Urworte: («Dämon»)
Wie an dem Tag, der dich der Welt verlichen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen,
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten,
So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten,
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt. (Goethe)
