Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
24 Februar 1910, Köln
13. Besondere Fragen über Wiederverkörperung und Schicksal
[ 1 ] Die alltäglichen Dinge sind für den Tieferblickenden die allergrößten Rätselfragen. Man braucht die tiefste Wissenschaft, um die alltäglichsten Dinge zu lösen. Die Naturwissenschaft gibt die Grundfrage zum Auflösen von vielen Fragen. Andere Fragen können nur durch Geisteswissenschaft gelöst werden, der man den viel missbrauchten und viel missverstandenen Namen Theosophie gibt. Das große, gigantische Schicksal, das den Menschen erhebt, indem es ihn zermalmt, das Schicksal wird oft eine Summe von Zufällen genannt. Mancher wächst auf ohne Sorgfalt an seiner Wiege, kann nur geringe Dienste seinen Mitmenschen beweisen. Über andere wacht sorgende Liebe, seine Fähigkeiten werden entwickelt, er kann ein befriedigendes Dasein antreten und ein nützliches Glied in der Welt werden. Warum? Dazu ist das Gesetz von der Verkettung der Tatsachen, Ursachen und Wirkungen, zu erforschcn.
[ 2 ] Nehmen wir einige Fälle. Ein Mensch im achtzehnten Jahre wählt einen anderen Beruf als im zwölften. Aber nach acht Jahren entsteht eine Disharmonie. Er ist wie eine elastische Kugel, die zusammengedrückt wurde und sich dann wieder ausdehnt. Das tritt auf so viele Jahre vor wie nach dem Knotenpunkt. Ungefähr in der Mitte des Lebens, mit 35 bis 37 Jahren, ergibt sich eine Art Knotenpunkt. So wirken Ursachen aus der Jugend zurück im Alter. Im fünfzehnten, sechzehnten, siebzehnten Jahre hatte man Jugendideale, die sich hineinsenkten ins Leben. Dadurch ist dann später nicht das Hin- und Hertändeln. Auch wenn nicht erfüllt — für unsere Seele sind sie es nicht —, sie werden starke Kräfte in unserer Seele. So wächst heran ein in sich gefestigter Mensch. Besonnenheit wird die Lebensfrucht sein können, nach der Lebensmitte, von solchen Idealen.
[ 3 ] Im siebten bis vierzehnten Jahre ist Autorität Lebensbedürfnis. Was wahr ist, ist es dann nicht durch seine Gründe, sondern durch eine verehrte Autorität. Auch ein gewisses Gefühlsleben: Man hat Freude an jeder Blüte, göttlich-geistige Wesen sind dahinter. Von der Mitte der vierziger Jahre entsteht die Möglichkeit, auszusaugen, was damals ein fester Charakter wurde in Lebensfrische. Diese Dinge treten so tief hervor als Wirkungen, weil sie so tief in unsere Seele hineingingen. Erfahrungen im siebten Jahre haben Wirkungen am Lebensabend des Menschen. Aber wenn wir sagen: Das ist schön, das ist hässlich, so ergibt das praktisch nichts zum Heil der Menschen. Man soll aus der Seele heraus das Bedürfnis erwecken, dieses oder jenes zu tun. Dazu steigen wir eine Stufe tiefer hinein. Davon zehren wir im höchsten Alter. So geben wir dem Kinde Wegzehrung für das höchste Alter. Ein großer Dichter sagt: «Was wir mit dem Verstand erkannt haben, dahin blicken wir mit Andacht hinauf. Andacht tritt uns im späteren Alter als Wirkung entgegen, wir verbreiten später eine Stimmung von Liebe und Seligkeit.»
[ 4 ] Solche Zusammenhänge findet man in der Geisteswissenschaft. Sie stehen unter dem Gesetz von Karma. Es ist eine Modifizierung des Obigen möglich, zum Beispiel durch eine Heirat im dreiundzwanzigsten Jahre; das wirft aber das Gesetz nicht um, das waltet beim Knotenpunkt der Berufsänderung im achtzehnten Jahre.
[ 5 ] Im siebzehnten Jahrhundert galt ein Gesetz, das jetzt erst widerlegt ist. Man meinte, aus Flussschlamm erwüchsen Würmer, Insekten und so weiter. Heute ist selbstverständlich, dass dazu ein Regenwurmkeim notwendig ist. Im siebzehnten Jahrhundert meinte man, dass, wenn man Ochsenleiber mürbe schlüge, dann Bienen herauskämen, aus Pferdeleichnamen Hornissen, aus Eseln Wespen. Francesco Redi, gestorben 1697 in Pisa, sagte: «Lebendiges kann nur aus Lebendigem wachsen.» Er galt für einen gewaltigen Ketzer.
[ 6 ] So ist es mit der geistigen Welt: Geistig-Seelisches herübergebracht, zieht heran Eigenschaften von Vater und Mutter, erfüllt sich damit. Jetzt wird das Karmagesetz noch geächtet; in späterer Zeit wird man gar nicht glauben, dass es je nicht geglaubt wurde.
[ 7 ] Zwischen Geburt und Tod findet die Entwicklung statt. Erlebnisse werden zusammengeronnen in eine Fähigkeit, zum Beispiel die Schreibfähigkeit. Die einzelnen Erlebnisse werden vergessen. Erlebnisse führen einen Zustand herbei von dem, was ohne Zwang geschieht.
[ 8 ] Alle Sinneseindrücke, Lust und Leid, versinken im Schlaf in Bewusstlosigkeit. Das Seelenleben wird [ent]zündet durch äußere Anregungen. Im Schlaf ist Bewusstlosigkeit, weil die äußeren Eindrücke schweigen. Der Geistesforscher muss bewusst mit seinem Willen Schweigen gebieten den äußeren Eindrücken; aber innerlich muss die Seele gefüllt sein mit dem, was stärker ist als äußere Eindrücke. Der erste Akt ist Seelenentleerung, der zweite ist vollständige Windstille, sonst gibt es Sturm. Dann: Erweckung von Initiation. Auf niederer Stufe ist es wie ein Blindgeborener, wenn er operiert wird. Dann kommen geistige Tatsachen, geistige Wesen, dann kommt Hören und Sehen mit geistigen Ohren und Augen. Dann kommt das Wissen über die anderen Glieder des Menschen.
[ 9 ] Während des Wachens verbrauchen wir unsere Seelenkräfte; im Schlaf erhalten wir sie ersetzt, holen wir aus unserer Heimat, was die verbrauchten Kräfte ersetzt. Im Schlaf wandeln sich die Erlebnisse um, setzen sich um in Essenz als Fähigkeiten, zum Beispiel des Schreibens. Nie könnten wir uns entwickeln, wenn wir nicht schliefen. Beim Einschlafen steigt das Ich hinein in Untergründe des Bewusstseins. Der Astralleib hat sein Unterbewusstsein, das Ich ruht aus, der Astralleib taucht unter in die eigene Welt, um unsere Erlebnisse umzuwandeln. Der Astralleib arbeitet, wie wir nicht arbeiten können, Erlebnisse in Fähigkeiten um. Das Ich kann nicht die eigene Entwicklung besorgen, kann nicht Verhältnisse besorgen zur Umwelt. Das Ich schält sich heraus aus der gesamten Sphäre der Umwelt. Ein Zufall, den wir nicht begreifen, ist wie das Ich, das verzichten muss, sich in ein Verhältnis zur Umwelt zu stellen. Zufall ist alles, was räumlich Schlafen genannt werden kann.
[ 10 ] Wir treten durch die Pforte des Todes mit dem Extrakt.
