Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
25 Februar 1910, Köln
14. Der Kreislauf des Menschen durch die Sinnen-, Seelen- und Geisteswelt
[ 1 ] Brennendes Feuer von ungestillter Sehnsucht wird der Mensch durchmachen in der Läuterungszeit nach dem Tode; Genüsse erleben als Sehnsucht, Befriedigungen als brennende Sehnsucht. Zurückleben mit dreifacher Schnelligkeit. Die Läuterungszeit ist nicht nur wie eine Art von Hölle. Nicht nur Prügel werden erlebt, sondern auch sieht man hinein, wie jene Tat schädigend wirkte, die Vervollkommnung beeinträchtigte. Wie angebundene Steine wird man sie mitschleppen. Dadurch wird der Drang eingepflanzt, diese Dinge auszugleichen, den Menschen etwas Gutes zu tun. Ungeheurer Willensdrang treibt dann wieder in die Welt, um jene Mühlsteine aus der Welt zu schaffen. Nach diesem Drittel der verflossenen Lebenszeit wird der Astralleib abgeworfen, dann wird ein Extrakt von Astralleib und Ätherleib mitgenommen. Dann erst kommt man ins Devachan oder das Reich der Himmel. Dies ist, wie wenn die Kindheit, der Moment der Geburt sich wiederholt. Dann kommt man in die rein geistige Welt. Hier ist ein Zusammenrinnen von Erlebnissen zu Fähigkeiten, zu Gemütseigenschaften. Das ist die individuelle Entwicklung zwischen Tod und neuer Geburt.
[ 2 ] Bei manchen werden die Erlebnisse der Französischen Revolution zu Weisheit umgegossen; andere sind daran vorbeigegangen. Man denke an Penelope und ihr Aufdröseln des Gewebes. Ihre Erlebnisse mit den Freiern werden nicht umgewandelt in Gemütseigenschaften.
[ 3 ] Die plastische Ausbildung des Ohres gehört zur Musik, zum Rechnen die bestimmte Ausbildung eines Teiles des Gehirns. Ein neues Urbild wird so aufgebaut. Das ist verknüpft mit einer gewissen Empfindung; das ist Seligkeit, die sich auslebt im Produzieren, dieses geistige Leben und Weben im geistigen Urbild, das Einweben in den Extrakt der Substanz des Ätherleibes, wie das Wärmegefühl des Hühnchens, wenn es ein Ei legt, und des Künstlers, wenn er bereit ist, ein Gemälde auf die Leinwand zu bringen. Da ist Seligkeit. Dann wird auch hineinverwoben der Drang zum Ausgleich der Hemmnisse. Das sind zwei Dinge: Die neuen Fähigkeiten und dieser Drang werden hineinverwoben in die neue Inkarnation. Sinn haben die Wiederverkörperungen nur, wenn Neues auf der Erde ist, um Neues herauszusaugen. Wie ganz anders war das, was das Kind lernte zur griechischen, römischen Zeit als heute. Wie wenn ein Künstler ein Bild mit sich herumgetragen hat und es ihn drängt, es auf die Leinwand zu bringen, so empfindet die Seele, wenn sie ihr neues Urbild ausarbeiten will, und den Drang, auszugleichen.
[ 4 ] Also zwei Kräfte bestimmen die Seele und leiten hin zu Familie und Ort, wo die Seele wieder gut machen kann. Vielleicht ist es nicht möglich, gleich alles auszugleichen. Endlich wird das Urbild Bild der vollkommenen Menschlichkeit. Dann ist Karma abgelaufen, wenn alles ausgeglichen ist.
[ 5 ] Andere Menschen leben mit uns, gehen früher oder später durch die Pforte des Todes. Erst nach Jahrhunderten, wenn die Verhältnisse sich radikal geändert haben, reinkarnieren sie. Gemeinschaftlich werden zusammen sein in der geistigen Welt die, die zusammen leben. Die Liebe zu Mutter und Kind ist erst animalisch, dann schält sich heraus ein Seelenband. Insofern es den geistigen Kern erreicht, ist Fortsetzung in der geistigen Welt. Sehnsucht der Liebe und der Freundschaft werden inniger und bewusster in der geistigen Welt. Gedanke ist nicht Sohn des Wunsches. Die Begierde nach der ihm dünkenden besten Gestalt der geistigen Welt gewöhnt der Geistesforscher sich ab. Dann geht hervor ein objektives Bild; Wahrheit ist das, was den Menschen glücklich macht.
