Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
26 Februar 1910, Elberfeld
15. Das Wesen des Schlafes und des Todes
[ 1 ] Das Menschenleben wechselt zwischen Wachen und Schlafen. Der Mensch versinkt nachts in einen Zustand des Unbewusstseins oder Unterbewusstseins. Will er dieses bewusst durchmachen, muss er zunächst fähig werden, die äußeren Sinneseindrücke zu unterdrücken. Dazu muss die Seele künstlich leer gemacht werden von allen äußeren Eindrücken. Dann müssen durch den Willen gewaltige, starke Gedanken in der Seele wachgerufen werden. Sie müssen die Seele durchzucken. Ohne ein drittes Element würde erlebt werden etwas wie ein Erdbeben, eine Erschütterung. Durch den Willen muss nun in der Seele ein Zustand vollständiger Windstille, Meeresstille, hergestellt werden. Dann erlebt der Geistesforscher etwas Ähnliches wie auf niedriger Stufe der Blindgeborene, der operiert und sehend wird. Farbe und Licht strömen ein. Das erlebt der Geistesforscher als Erfahrung. Damit ist die Erweckung oder Initiation für ihn gegeben. Nun kann er urteilen über das, was hinter den Sinneseindrücken liegt. Das sind nicht Träume fieberüberhitzter Seelen. So wird ihm das Geistesauge geöffnet, das Geistesohr. Dies wird leicht verkehrt beurteilt, etwa wie eine Muschelschale, wenn sie zuerst gesehen wird im Muschelkalk. Sie ist nicht aus dem Felsen herausgewachsen, sondern durch ein Wassermuscheltier entstanden.
[ 2 ] Was ist Schlaf und Sterben für den Geistesforscher? Er betrachtet zunächst das Wesen des Menschen, das aus vier Gliedern besteht. Das unterste Glied ist der physische Leib. Der Äther- oder Lebensleib verhindert fortwährend, dass der Leib den physisch-chemischen Kräften verfällt wie im Tode. Er paralysiert den Verfall, er ist ein treuer Freund zwischen Geburt und Tod. Keine Wissenschaft hindert, höhere Glieder des Menschen anzunehmen. Selbst wenn aus positiven Forschungen sich erwiese, dass Kohlenstoff, Wasserstoff und Stickstoff zu lebendiger Eiweißsubstanz zusammengefügt werden könnten, so könnte dieses Ergebnis die höheren Glieder nicht widerlegen, es wäre keine Veranlassung, den Ätherleib zu leugnen. In dem Raum, den der Mensch mit seiner Wesenheit ausfüllt, ist nicht nur der physische Leib und der Ätherleib vorhanden, sondern auch Lust und Leid, Wahrnehmungen, Vorstellungen, Triebe und so weiter. Sie füllen diesen Raum ebenso aus. Und als viertes Glied das Ich, jener Name, der niemandem von außen zugerufen werden kann, dem er zugehört, der zugleich der unaussprechliche Gottesname ist: Jehova-Jahwe.
[ 3 ] Ermüdung fühlen wir, sowie der Astralleib sich zurückzieht. Wer hebt die Hand auf? Der Astralleib auf das Geheiß des Ich. Wir sehen mit dem Astralauge durch das Instrument des Leibes. Ermüdung tritt da ein, wo wir den Astralleib anwenden wollen, wo aber der physische Leib nicht mit kann.
[ 4 ] Das Organ, das beim Einschlafen zuerst versagt, ist das Organ des Sprechens. Es kann nicht mehr vom Innern aus das äußere Organ der Zunge bewegen. Dann versagt das Gesicht, der Geschmack, der Geruch; zuletzt das Gehör, das Geistigste. Der Astralleib, der alles regiert, schlüpft nach und nach heraus. Der Mensch kann spüren, wenn er einschläft, wie die Eindrücke von außen aufhören. Dann tritt ein Gesamtgefühl der eigenen Wesenheit ein. Fehler, Mängel und so weiter, die geistige Welt hält ihm das Äußere wie einen Spiegel vor. Dann ein Gefühl der Seligkeit; dann ein Zucken als Zeichen des Hineingehens in die geistige Welt. Dann Bewusstlosigkeit. Dann ist etwas wahrzunehmen wie ein feiner Regen aus der geistigen Welt heraus in den physischen und Ätherleib. Das ist die Regeneration, die Wiederherstellung desjenigen, was sich als Ermüdung zeigte.
[ 5 ] Es gibt gewisse Hypothesen, die führen die Ermüdung auf sogenannte Ermüdungsstoffe zurück. Das ist aber wie bei zwei Menschen, die sehen, wie einer einem andern eine Ohrfeige gibt. Der eine sagt: Ich sah, wie es in ihm kochte; der andere beschreibt es so: Ich sah, wie er die Hand hob und ihm eine Ohrfeige gab. Die Berechtigung der äußeren Naturforschung wird zugestanden, aber hinter allem Äußeren wirkt doch das, was dieses lenkt und leitet.
[ 6 ] Um unser ganzes Seelenleben neu aufzubauen, holt der Astralleib nachts aus der geistigen Welt die Kräfte. Immer wieder kehrt er zur geistigen Welt zurück und trägt aus dem Tagesbewusstsein das mit hinein, was uns bereichern kann.
[ 7 ] In der Zeit von 1770 bis 1815 fanden Ereignisse statt, bei denen die einen stumpf geblieben sind, welche die anderen aber verarbeiteten. Erlebnisse können aber nicht verarbeitet werden, wenn sie nur einfach erlebt werden. Sie müssen gleichsam in den Boden versenkt werden als Samen und daraus aufgehen wie Pflanzen. Die Funktion des Schlafens muss dazwischentreten so wie zwischen das Auswendiglernen und das wirkliche Können. Die Erlebnisse müssen in den Boden gesenkt werden im Schlaf und werden dann als Erfahrungen gepflückt im Wachen, sonst bleiben sie chaotisch wie erratische Blöcke als Erfahrungen ohne Weisheit. Schläft man zu lange, werden zu viele der unsichtbaren Kräfte eingegossen. Solche Langschläfer verfetten seelisch. Das bedeutet in geistig-seelischer Beziehung, dass man zu viel verarbeiten will, ohne dass man etwas hat. Daraus entsteht Stumpfheit und Trägheit des Denkens.
[ 8 ] Träume entstehen, wenn der Astralleib und das Ich sich mit dem Ätherleib und noch nicht mit dem physischen Leib verbunden haben. Das ist nicht räumlich vorzustellen. So entsteht auch das zweite Gesicht als eine Art Widerspiegelung, als Vision, wenn der physische und der Ätherleib nicht zusammengehen. Da wirken Äther- und Astralleib zusammen. Das Ich lockert sich, und der Astralleib taucht unter in die eigene Welt. Es ist ein abnormer Zwischenzustand. Ist das Untertauchen des Astralleibes ins Gesichtsfeld unvollkommen, dann entstehen trügerische Ahnungen. Taucht der Astralleib nicht unter, ist die Verbindung zwischen Astralleib und Ätherleib nicht in Ordnung, dann kommen Visionen.
[ 9 ] So gibt es eine ungeschulte, nicht geordnete Verbindung der Glieder. In der Entwicklung zwischen Geburt und Tod bezieht sich fast alles auf die inneren Seelenfähigkeiten. Ähnlich dem Satze Francesco Redis «Lebendiges kann nur aus Lebendigem kommen» lässt sich der Satz aufstellen «Geistig-Seelisches kann nur aus GeistigSeelischem kommen». So stammt das Geistig-Seelische des Menschen zwischen Geburt und Tod von einem Geistig-Seelischen, das schon vor der Geburt wirkte. Vor der Geburt arbeitete der Mensch an dem noch plastisch-bildsamen physischen und Ätherleib wie zwischen Geburt und Tod am Seelenleib. Beim Tode nimmt der Mensch einen Extrakt vom Ätherleib als plastisches Material mit in die geistige Welt. Da geschieht, befreit vom physischen Sein, was der Mensch zwischen Geburt und Tod nicht vollziehen konnte. Da kann er alles hineinarbeiten in das geistige Urbild eines neuen physischen Leibes, in geistiges Material hinein. Die Frucht des vorhergehenden Lebens kann eingewebt werden in den Ätherleib und physischen Leib des neuen Erdenlebens.
[ 10 ] Der Tod ist etwas, was wir wollen müssen. Wir müssen dem Tode dankbar sein. Er zerstört das Baugerüst, das dem Aufsteigen nur hinderlich sein würde. Goethe sagte:
Die Natur hat den Tod erfunden, um viel Leben zu haben.
[ 11 ] Die geistige Wesenheit hat den Tod erfunden, um eine Vervollkommnung des Menschenlebens möglich zu machen. Ein großer Dichter sagte:
Der Mensch ist zunächst Schatten eines Traumes.
[ 12 ] Vom Traum hat er nur den Schatten, vom Schatten nur den Traum. Das ist der Mensch der äußeren Sinneswelt. Hat er aber einen Strahl der Erkenntnis und des Lichtes, so wird es hell für ihn wie am Tage, und Freude durchstrahlt alles Leben.
