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The Rudolf Steiner Archive

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The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b

1 December 1908, Wrocław

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The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL
  1. Der Kreislauf des Menschen

48. Wo und Wie Findet Man Den Geist?

48. Where and How Can You Find the Spirit?

[ 1 ] Das Streben und Forschen der Menschen nach dem Geiste ist uralt, so alt wie das Denken, Fühlen und Empfinden der Menschheit überhaupt. Aber zu den verschiedensten Zeiten der menschlichen Entwicklung mussten sich die Menschen die verschiedensten Formen der Antwort geben auf die großen Rätselfragen des Daseins, die auch eben die Rätselfragen nach dem Geiste sind. In unserer Zeit will dasjenige, was man Geisteswissenschaft oder, wie man gewohnt worden ist, Theosophie nennt, eine Antwort geben auf diese großen Rätselfragen des Daseins, und zwar will sie eine Antwort geben so, wie es dem Empfinden, den Bedürfnissen der gegenwärtigen Menschheit entsprechend ist.

[ 1 ] Humanity’s quest for and exploration of the spirit is ancient—as old as human thought, feeling, and perception themselves. But at various stages of human development, people have had to find a wide variety of answers to the great mysteries of existence, which are, in fact, the very mysteries of the spirit. In our time, what is called spiritual science—or, as has become customary, theosophy—seeks to provide an answer to these great enigmas of existence, and indeed, it seeks to provide an answer in a way that corresponds to the sensibilities and needs of present-day humanity.

[ 2 ] Die gegenwärtige Menschheit will wissen, will dasjenige, was mit den höheren Formen des Daseins zusammenhängt, in den Verstand, in das Wissen der Gefühle aufnehmen, und es muss ja von vorneherein vorausgesetzt werden, dass die Ahnungen und der Glaube in Bezug auf den Geist oder, wie man auch sagen kann, in Bezug auf die übersinnliche Welt nichts verlieren werden, wenn die Klarheit des Wissens ausgegossen wird über dasjenige, was der Mensch in Bezug auf diese Fragen zu sagen hat.

[ 2 ] Humanity today wants to know; it wants to take in—through the intellect and through emotional understanding—that which is connected to the higher forms of existence, and it must be assumed from the outset that intuitions and beliefs concerning the spirit—or, as one might also say, concerning the supersensible world—will lose nothing when the clarity of knowledge is shed upon what humanity has to say regarding these questions.

[ 3 ] Dass hinter allem Sinnlichen, hinter allem Physischen ein Übersinnliches, ein Überphysisches ist, das wird im Grunde genommen heute nur von einer kleinen Zahl von Menschen geleugnet. Aber wenn wir an diese Fragen herantreten, dann mischt sich in das, was des Menschen Herz dabei erfüllt, nicht bloß entweder das Zugeben oder die Ablehnung des Geistigen, des Übersinnlichen, sondern es mischen sich in alles das, was dabei in Betracht kommt, hinein die mannigfachsten Gefühle, nicht nur in die Antworten, schon in die Fragen mischen sich die mannigfaltigsten Gefühle: Kleinmut und Zweifelsucht mischen sich vor allen Dingen in das, was dabei in Betracht kommt, hinein.

[ 3 ] The fact that behind everything sensory, behind everything physical, there is something supersensory, something superphysical—this is, after all, denied today only by a small number of people. But when we approach these questions, what fills the human heart is not merely the acceptance or rejection of the spiritual, the supersensible; rather, the most diverse feelings intermingle with everything that comes into consideration—not only in the answers, but even in the questions themselves, the most diverse feelings intermingle: Above all, timidity and a tendency to doubt intermingle with everything that comes into consideration.

[ 4 ] Es gibt viele Menschen, die da sagen: Gewiss, man muss voraussetzen, dass es hinter der Welt, die auf unsere Augen wirkt, die wir überhaupt mit unseren Sinnen wahrnehmen können, dass es hinter dieser Welt eine andere gibt, die uns erst den Sinn dieser sinnlichen Welt erklärlich macht. Aber wir Menschen können nicht eindringen in diese übersinnliche Welt durch unser eigenes Forschen, durch unsere eigene Wissenschaft. — Da tritt eben gerade in der neueren Zeit Geisteswissenschaft oder Theosophie wie eine Botschaft an den Menschen heran, die da zeigt, dass es nicht nur eine übersinnliche Welt gibt hinter der sinnlichen, sondern dass der Mensch auch imstande ist, in diese übersinnliche Welt durch seine eigene Forschung einzudringen. Damit haben wir aufmerksam gemacht, meine verehrten Anwesenden, auf die Frage, die uns heute beschäftigen soll: Wo und wie findet man überhaupt den Geist?

[ 4 ] There are many people who say: Certainly, one must assume that behind the world that appears to our eyes—the world we can perceive with our senses at all—there is another world that alone makes the meaning of this sensory world understandable to us. But we humans cannot penetrate this supersensible world through our own research, through our own science. — It is precisely here, in more recent times, that spiritual science or theosophy approaches humanity as a message, showing that not only is there a supersensible world behind the sensory one, but that human beings are also capable of penetrating this supersensible world through their own research. With this, ladies and gentlemen, we have drawn your attention to the question that will occupy us today: Where and how, in fact, does one find the spirit?

[ 5 ] Derjenige, welcher von vornherein dogmatisch zweifelt an der Möglichkeit, dass die menschliche Erkenntnis in die geistige Welt hinaufsteigen kann, der kann im Grunde genommen überhaupt diese Frage nicht recht aufwerfen. Nichts irgendwie ganz Neues will Theosophie oder Geisteswissenschaft in die Menschheit bringen. Sie würde sich auch damit, wenn sie das behaupten wollte, ein schlechtes Zeugnis ausstellen, denn wer möchte glauben, dass die Wahrheit, die Weisheit, gerade auf unsere Gegenwart gewartet haben sollte, um erkannt, erforscht zu werden? Deshalb zeigt auch Geisteswissenschaft oder Theosophie, dass durch alle Zeiten der menschlichen Geistesentwicklung hindurch in den mannigfaltigsten Formen die eine, ewige Wahrheit und Weisheit von den Menschen erstrebt und bis zu einem gewissen Grade besessen worden ist, dass nur die Empfindungen, die Gefühle in den verschiedenen Zeitaltern sich ändern — und daher die alte Wahrheit in immer neuen Formen an die Menschheit herantreten muss.

[ 5 ] Anyone who, from the outset, dogmatically doubts the possibility that human knowledge can ascend into the spiritual world cannot, in essence, properly raise this question at all. Theosophy or spiritual science does not seek to bring anything entirely new to humanity. Even if it were to claim otherwise, it would be casting a poor light on itself, for who would believe that truth and wisdom should have been waiting specifically for our present time to be recognized and explored? That is why spiritual science and theosophy show that throughout all ages of human spiritual development, in the most diverse forms, the one, eternal truth and wisdom have been sought after and, to a certain degree, attained by humankind; that it is only the sensations and feelings that change across the various eras—and therefore the ancient truth must approach humanity in ever-new forms.

[ 6 ] Und so wollen wir denn gleich in diesem geisteswissenschaftlichen oder theosophischen Sinne ohne viel Vorbereitung an die Frage: Wo und wie findet man den Geist? herantreten. Wir brauchen dabei nur aufmerksam zu machen, dass das Suchen nach dem Geiste davon abhängig ist, dass der Mensch das richtige Werkzeug finde, um diesen Geist suchen zu können. Sie wissen ja, meine sehr verehrten Anwesenden, dass bei dem, was man äußere Wissenschaft, was man Wissenschaft der Natur nennt, es Werkzeuge, Instrumente gibt, durch die sich dem Menschen die äußeren Rätsel des Daseins allmählich enthüllen. Sie wissen, wie der Mensch hineinschaut in das Leben der kleinsten Lebewesen durch dasjenige, was man Mikroskop nennt; Sie wissen, welche Wunder des Raumes dem Menschen enthüllt haben diejenigen Instrumente, die wir Fernrohre oder Teleskope nennen. Diese äußeren Instrumente haben tatsächlich so etwas wie äußerliche Wunder im menschlichen Wissen seit langen Zeiten bewirkt. Und Sie können es auch ermessen, wenn Sie über die Dinge nachdenken, wie der Mensch angewiesen ist, die äußeren Rätsel der Natur durch solche Werkzeuge zu begreifen, zu erfassen. In Bezug auf den Geist gibt es solche äußere Werkzeuge nicht, da ist es nur ein Werkzeug, das eine, auf das Goethe in dem Ihnen wohlbekannten «Faust»-Gedicht hinweist mit den Worten:

[ 6 ] And so, in this spiritual or theosophical sense, let us approach the question—“Where and how does one find the Spirit?”—without much preparation. We need only point out that the search for the spirit depends on a person finding the right tool to be able to seek this spirit. You know, my esteemed audience, that in what is called external science—or the science of nature—there are tools and instruments through which the external mysteries of existence are gradually revealed to humanity. You know how human beings peer into the lives of the smallest living creatures through what is called a microscope; you know what wonders of space have been revealed to us by those instruments we call telescopes. These external instruments have indeed brought about something akin to external wonders in human knowledge for a long time. And you can also appreciate this when you reflect on how humanity is compelled to comprehend and grasp the external mysteries of nature through such tools. With regard to the spirit, however, there are no such external tools; there is only one tool—the one to which Goethe refers in the “Faust” poem, with which you are surely familiar, with the words:

Geheimnisvoll am lichten Tag
Lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.

Mysterious in Broad Daylight
Nature cannot be stripped of its veil,
And what it chooses not to reveal to your mind,
You cannot force it to reveal with levers and screws.

[ 7 ] Und Goethe weist darauf hin in diesem Satze, dass alle diejenigen Werkzeuge und Instrumente, die aus äußerlichen, sinnlichen Dingen zusammengesetzt sind — so nützlich sie sein mögen, um die äußeren Weltgeheimnisse zu enthüllen —, dass sie das Urgeheimnis des Daseins, dass sie die Fragen und Rätsel nach dem Geistigen nicht enthüllen können. Ein Instrument gibt es aber, nur muss dieses Instrument zubereitet werden. Welches ist dieses Instrument?

[ 7 ] And Goethe points out in this sentence that all those tools and instruments composed of external, sensory things—however useful they may be for unveiling the mysteries of the external world—cannot reveal the primordial mystery of existence, nor can they unravel the questions and enigmas concerning the spiritual. There is, however, one instrument; it just needs to be prepared. What is this instrument?

[ 8 ] Dieses Instrument, durch das der Mensch in die geistige Welt eindringen kann, ist nun kein anderes als der Mensch selber, nicht so wie der Mensch zunächst im durchschnittlichen Leben ist, sondern so, wie er sich machen kann, wenn er eben die Methoden, die Mittel der Geheimwissenschaft auf sich selber anwendet. Dabei geht die Geheimwissenschaft davon aus, dass das Zauberwort, das heute so viele Gemüter und Seelen in Bezug auf die äußere Natur bewegt, dass dieses Zauberwort nicht ganz ernst und ehrlich genommen wird. Man spricht heute viel von Entwicklung, man spricht davon, dass sich aus unvollkommenen Zuständen das höchste der Sinneswesen, der Mensch selber, zu seiner heutigen Höhe allmählich heraufentwickelt habe. Man versucht, durch die äußere Naturwissenschaft zurückzublicken in ferne Urzeiten der Menschheit. Man sagt, in diesen fernen Urzeiten war der Mensch ein unvollkommenes Wesen und habe sich nach und nach entwickelt.

[ 8 ] This instrument, through which human beings can penetrate the spiritual world, is none other than the human being himself—not as he is in ordinary life, but as he can become when he applies the methods and means of esoteric science to himself. In this regard, esoteric science assumes that the magic word—which today stirs so many minds and souls in relation to external nature—is not taken entirely seriously or honestly. Today there is much talk of evolution; it is said that the highest of the sensory beings—humanity itself—has gradually evolved from imperfect states to its present level. People attempt, through the external natural sciences, to look back into the distant primeval times of humanity. It is said that in those distant primeval times, humanity was an imperfect being and developed little by little.

[ 9 ] Die Theosophie oder Geisteswissenschaft im umfassendsten und dadurch auch im ehrlichsten Sinne des Wortes sieht im Menschen nicht nur diejenigen Kräfte und Fähigkeiten, die heute im normalen Leben in diesem Menschen sind, sondern sie sieht in ihm schlummernde Fähigkeiten und Kräfte, die entwickelt werden können, die herausgeholt werden können aus der Seele. Und so geht sie von der Voraussetzung aus, dass diese Seele des Menschen nicht so bleiben müsse, wie sie ist, sondern dass sie gestaltet werden könne, und dass dadurch die Fähigkeiten und Kräfte, die zunächst in normaler Weise in der menschlichen Seele schlummern, herausgerufen werden können aus dieser Seele, und dann, dass sie dann, wenn sie herausgerufen sind, den Menschen in die Lage versetzen, in seiner Umgebung, in seiner Welt etwas ganz anderes zu sehen, etwas ganz anderes wahrzunehmen, als er es mit sinnlichen Augen, mit sinnlichen Wahrnehmungsorganen überhaupt erkennen kann. Und so spricht die Geisteswissenschaft von einer möglichen Erweckung der menschlichen Seele, von einer Erweckung der in ihr schlummernden Kräfte und Fähigkeiten dadurch, dass der Mensch solche Mittel auf sich selber anwendet, wie wir sie nachher anzuführen haben werden. Dadurch gelangt er dazu, solch ein Instrument für die Wahrnehmung der geistigen Welt aus sich selber zu machen.

[ 9 ] Theosophy, or spiritual science—in the most comprehensive and therefore also the most honest sense of the word—sees in human beings not only the powers and abilities that are present in them today in their everyday lives, but also dormant abilities and powers that can be developed and drawn forth from the soul. And so it proceeds from the premise that the human soul need not remain as it is, but that it can be shaped, and that through this process the abilities and powers that initially lie dormant in the human soul in the ordinary sense can be drawn forth from that soul, and then, once they have been drawn forth, they enable the human being to see something entirely different in his surroundings, in his world—to perceive something entirely different from what he can recognize at all with his physical eyes or through his physical organs of perception. And so spiritual science speaks of a possible awakening of the human soul, of an awakening of the powers and abilities slumbering within it, through the human being’s application of the means we shall describe later. Through this, he comes to make within himself such an instrument for perceiving the spiritual world.

[ 10 ] Eine Erweckung - was ist das? Nun, wir stellen uns am besten vor, was eine Erweckung, eine Entwicklung der in der Seele schlummernden Fähigkeiten ist, wenn wir ein Bild zunächst vor unsere Seele hinstellen. Denken Sie sich einmal, meine verehrten Anwesenden, in diesen Saal hinein, indem Sie die Farben der Wände, die Lichter sehen, indem Sie die anderen Gegenstände wahrnehmen, diese Rosen hier und alles dasjenige, was um Sie herum ist, was wahrnehmbar ist, den Ton, der für die Ohren erkennbar ist. In diesen Saal herein führen wir einen Blindgeborenen. Diesem Blindgeborenen sind verborgen die Farben, die Lichtwahrnehmungen, die Ihnen offenbar sind. Nehmen wir an, wir hätten das Glück, diesen Blindgeborenen hier in diesem Saale zu operieren. Nach und nach würde für diesen Blindgeborenen eine ganz neue Welt um ihn herum [sich offenbaren]. Das, was er vorher vielleicht hätte leugnen können, das ist jetzt für ihn da.

[ 10 ] A reawakening—what is that? Well, the best way to imagine what a reawakening—an unfolding of the abilities slumbering within the soul—is, is to first conjure up a picture in our minds. Just imagine, ladies and gentlemen, stepping into this hall—seeing the colors of the walls, the lights, perceiving the other objects—these roses here and everything around you that is perceptible, the sound that is discernible to the ears. We bring a man who was born blind into this hall. To this man, born blind, the colors and perceptions of light that are obvious to you are hidden. Let us suppose we were fortunate enough to perform surgery on this man, born blind, right here in this hall. Little by little, a whole new world would [reveal itself] to him. What he might previously have denied is now there for him.

[ 11 ] Möglicherweise, wenn er ein Zweifler wäre, ein Ungläubiger, hätte er sagen können vorher: Ihr erzählt mir von Farben, ihr sagt mir von Lichtern. Um mich herum ist Finsternis, Dunkelheit. Ich glaube nicht an das phantastische Zeug von Licht und Farben, von denen ihr mir erzählt. - In dem Augenblick, wo die Organe ihm geöffnet sind, in diesem Augenblick ist die Welt, die er vorher für eine phantastische gehalten hat, da. In demselben Raume ist sie da, in dem vorher für ihn Finsternis war.

[ 11 ] Perhaps, if he were a skeptic, an unbeliever, he might have said beforehand: “You tell me about colors; you tell me about lights. All around me is gloom, darkness.” “I don’t believe in that fantastical stuff about light and colors you’re telling me about.”—The moment his senses open up to him, at that very moment, the world he had previously considered fantastical is there. It is there in the very same space where, before, there was only darkness for him.

[ 12 ] Etwas Ähnliches geht mit dem Menschen vor, wenn er sich zum Instrumente macht, um eine höhere Welt wahrzunehmen. Wenn er die nachher zu erwähnenden Mittel anwendet auf sich, dann werden ihm zwar nicht sinnliche, nicht physische Wahrnehmungsorgane geöffnet, aber geistige, seelische, und dasjenige, was vorher immer um ihn herum war, was er nur nicht wahrnehmen konnte, das wird für ihn wahrnehmbar. Das, was Goethe die Geistesaugen, ja die Geistesohren nannte, das entwickelt sich aus der Seele, und eine neue Welt steht vor ihm [dem Menschen]. Der große Augenblick der Erweckung tritt für ihn ein, jener Augenblick, der uns in der tieferen Weisheit aller Völker und aller verschiedenen Zeitepochen der verschiedenen Völker als derjenige geschildert wird, durch den der Mensch ein Bote werden konnte aus einer anderen Welt.

[ 12 ] Something similar happens to a person when he makes himself an instrument for perceiving a higher world. When they apply the methods to be discussed later to themselves, it is not sensory or physical organs of perception that are opened to them, but spiritual and soul-based ones; and what was always around them before—which they simply could not perceive—becomes perceptible to them. What Goethe called the “eyes of the spirit,” indeed the “ears of the spirit,” develops from the soul, and a new world stands before him [the human being]. The great moment of awakening comes for him—that moment which, in the deeper wisdom of all peoples and across all the different historical epochs of various peoples, is described to us as the one through which a human being could become a messenger from another world.

[ 13 ] Immer hat es Menschen gegeben, deren Seelenkräfte also erweckt wurden. Man nannte sie in den verschiedenen Zeiten Eingeweihte. Sie waren diejenigen, die erzählen konnten, was in den anderen Welten, in den übersinnlichen Welten Tatsache ist, demjenigen, der vielleicht nicht gerade an dem Orte war. Eingeweihte, Erweckte hat es zu allen Zeiten gegeben. Sie waren die Sucher, die Forscher nach dem Geist.

[ 13 ] There have always been people whose spiritual powers were thus awakened. In various eras, they were called initiates. They were the ones who could describe what is reality in the other worlds—in the supersensible worlds—to those who might not have been there themselves. There have been initiates, awakened beings, in every age. They were the seekers, the explorers of the spirit.

[ 14 ] Nun könnte man allerdings sagen, und der Einwand wird ja immer wieder gemacht werden, nun könnte man sagen: Ja, was nützt es den anderen Menschen, wenn es einige wenige Erweckte gibt, die erzählen können von höheren Welten, die Botschaft bringen vom Übersinnlichen, wenn dies nicht alle Menschen können, hineinsehen in diese Welten? — Nun, wenn heute innerhalb der theosophischen Weltanschauungsströmung gesprochen wird davon, dieses oder jenes verhalte sich so in den geistigen Welten, dann sagt wohl mancher: Was nützt es mir, wenn andere hineinsehen können in die geistige Welt, ich aber nicht? Da kümmere ich mich gar nicht um diese geistigen Welten, da müsste ich ja nur glauben, was mir die anderen erzählen.

[ 14 ] Now, one might say—and this objection will certainly be raised time and again—one might say: Yes, what good does it do other people if there are a few enlightened individuals who can speak of higher worlds and bring messages from the supernatural, if not everyone is able to glimpse into these worlds? — Well, when people within the Theosophical movement today speak of how this or that behaves in the spiritual worlds, some might well say: What good does it do me if others can see into the spiritual world but I cannot? I don’t care at all about these spiritual worlds; I would just have to believe what others tell me.

[ 15 ] Es ist dies doch kein richtiger Einwand. Dieser Einwand würde nur gelten, meine verehrten Anwesenden, wenn zum Verstehen, zum Einsehen ebenso übersinnliche Kräfte der Menschenseele notwendig wären in Bezug auf die höheren Welten wie zum Forschen. Dazu, in die höhere Welt als ein Forscher einzudringen, dazu gehört es, dass der Mensch langsam und allmählich in Geduld und Energie und Ausdauer sich selbst zu einem Instrumente macht, um hineinzuschauen mit Geistesaugen, hineinzuhören mit Geistesohren in die andere Welt. Dann aber, wenn der also Hineinschauende kommt und erzählt die Geheimnisse der höheren Welten, dann ist jeder imstande, mit der gewöhnlichen menschlichen Logik, mit dem gesunden Menschenverstande einzusehen, wenn er nur unbefangen genug ist, ohne dass er sich beirren lässt durch allerhand Vorurteile —, dass wahr ist, was über die höhere Welt gesagt wird. Das kann eingesehen, verstanden werden. Erforscht werden kann es allerdings nur durch die Entwicklung des Menschen selber zum Instrumente der geistigen Forschung. Denn der Mensch, meine verehrten Anwesenden, er ist nicht auf den Irrtum, den Zweifel angelegt, sondern er ist auf die Wahrheit angelegt. Und wenn uns die Eingeweihten erzählen von dem, was in den höheren Welten vorgeht, und der Mensch zuhört und sich nur seiner unbefangenen Seele hingibt, dann ahnt er, lange, lange bevor er selber hineinschauen kann in die geistige Welt, dass das wahr ist, was von diesen Welten mitgeteilt wird.

[ 15 ] This is not really a valid objection. This objection would only hold true, ladies and gentlemen, if suprasensory powers of the human soul were necessary for understanding and comprehending the higher worlds just as they are for research. To penetrate the higher world as a researcher requires that a person, slowly and gradually, with patience, energy, and perseverance, make himself an instrument for looking into the other world with the eyes of the spirit and listening to it with the ears of the spirit. But then, when the one who has thus looked into it comes and recounts the mysteries of the higher worlds, everyone is capable of recognizing—using ordinary human logic and common sense, provided they are open-minded enough and do not allow themselves to be misled by all manner of prejudices—that what is said about the higher world is true. This can be recognized and understood. It can, however, only be explored through the development of the human being himself into an instrument of spiritual research. For the human being, my esteemed audience, is not predisposed to error or doubt, but is predisposed to the truth. And when the initiates tell us about what takes place in the higher worlds, and a person listens and simply surrenders to his or her open soul, then he or she senses—long, long before he or she can look into the spiritual world for themselves—that what is communicated about these worlds is true.

[ 16 ] Wie kann der Mensch nunmehr sein Inneres, seine Seele so umgestalten, dass für ihn diese höheren Welten zur Beobachtung, zur unmittelbaren Erforschung, zum Erlebnis werden? Wir müssen, wenn wir uns diese Frage beantworten wollen, ein wenig in intimere Begriffe eintreten. Denn es ist ja keine geringere Frage als die: Wie wird der Mensch sehend gegenüber der geistigen Welt, wie erwirbt er sich diejenigen Fähigkeiten, die man auch wohl die hellseherischen nennt? Gehen wir aus von demjenigen, was für den normalen Menschen Erlebnis ist: die äußere Welt der Augen und der anderen äußeren Wahrnehmungsorgane. Sie wissen, der Mensch nimmt einen Gegenstand der gewöhnlichen Sinneswelt wahr, indem er seine Sinnesorgane auf den Gegenstand richtet, und er kann, wenn er ihn wahrgenommen hat, eine Vorstellung, ein Bild in seiner Seele von diesem Gegenstande behalten.

[ 16 ] How, then, can a person transform their inner being—their soul—in such a way that these higher worlds become open to them for observation, direct exploration, and experience? If we wish to answer this question, we must delve a little deeper into more intimate concepts. For this is no less a question than this: How does a human being become perceptive of the spiritual world; how does he acquire those abilities that are often referred to as clairvoyant? Let us begin with what constitutes experience for the average person: the external world perceived by the eyes and the other external organs of perception. As you know, a person perceives an object in the ordinary sensory world by directing their sensory organs toward it, and once they have perceived it, they can retain a mental image of that object in their soul.

[ 17 ] Sie sehen diesen Rosenstrauß an. Indem Sie Ihre Augen auf diesen Strauß richten, ist er für Sie eine Wahrnehmung. Sie erleben sein Dasein, Sie sind mit ihm zusammen. Sie drehen sich nun um, und das Bild dieses Rosenstraußes bleibt Ihnen als Vorstellung. Es mag blass sein gegenüber der unmittelbaren Wahrnehmung, aber es bleibt Ihnen die Vorstellung, und Sie tragen vielleicht diese Vorstellung lange, bis sie sozusagen aus Ihrer Erinnerung verschwindet. So steht der Mensch aber überhaupt in Bezug auf seine Erlebnisse der äußeren Welt gegenüber. Wir können sagen: In Bezug auf die äußere Sinneswelt erlebt der Mensch so, dass er zunächst tatsächlich den Gegenständen gegenübertritt, und dann bildet sich in seiner Seele die Vorstellung dieser äußeren Gegenstände.

[ 17 ] You are looking at this bouquet of roses. As you focus your eyes on this bouquet, it becomes a perception for you. You experience its existence; you are together with it. You now turn away, and the image of this bouquet of roses remains with you as a mental image. It may be faint compared to the immediate perception, but the mental image remains with you, and you may carry this image for a long time until it, so to speak, fades from your memory. This is how human beings generally relate to their experiences of the external world. We can say: With regard to the external sensory world, a person experiences it in such a way that they first actually encounter the objects, and then the mental image of these external objects forms in their soul.

[ 18 ] Gerade das Umgekehrte, meine verehrten Anwesenden, muss eintreten in Bezug auf die übersinnliche Welt und alles, was zusammenhängt mit den großen Zielen übersinnlicher Entwicklung sowie auch mit den Gefahren, auf die wir dann hindeuten werden. Alles das kommt zuletzt auf das eine hinaus, dass der Mensch ausgehen muss in Bezug auf das Schauen, das Sehen der übersinnlichen Welt davon, dass er zuerst eine bestimmte Art inneren Lebens entwickelt, dass er zuerst in seiner Seele gewisse Veränderungen hervorruft, gewisse Erlebnisse hervorruft, die er sonst im Alltagsleben nicht hat. Dann kann für ihn der große Augenblick kommen, wo — ebenso wie das äußere, sinnliche Licht auf den operierten Blindgeborenen — die geistige, übersinnliche Welt auf ihn anfängt einen Eindruck zu machen.

[ 18 ] It is precisely the opposite, my esteemed audience, that must come to pass with regard to the supersensible world and everything connected with the great goals of supersensible development, as well as with the dangers to which we will then refer. All of this ultimately boils down to the fact that, in order to perceive and see the supersensible world, a person must first develop a certain kind of inner life; he must first bring about certain changes in his soul, certain experiences that he would not otherwise have in everyday life. Then the great moment can come for him when—just as the outer, sensory light does for the man born blind who has undergone surgery—the spiritual, supersensible world begins to make an impression on him.

[ 19 ] Nicht in äußerer tumultuarischer Weise, nicht durch äußere Veranstaltungen wird die Seele zu solch einem Instrumente des höheren geistigen Erlebens umgebildet, sondern still in sich selber, im Laufe eines intimen inneren Lebens; und gar mancher, der äußerlich im Leben in diesem oder jenem Berufe unter den Menschen stand, von dem die anderen, die um ihn herum waren, nichts anderes wussten, als dass er eben diese oder jene Lebensstellung hat, der hat in seinem Innern noch ein zweites Leben geführt oder führt es. Dieses zweite Leben besteht darin, dass er eben seine Seele umgestaltet hat zu einem solchen charakterisierten Instrument der höheren Wahrnehmung. Wenn der Mensch nach und nach so weit gekommen ist, dann muss er eine gewisse Stufe der Erkenntnis in sich entwickeln, welche die äußere Wissenschaft, das äußere Erfahren gar nicht kennt. Die Geisteswissenschaft spricht davon, dass alles äußere Wissen Gegenstandswissen ist. Es ist eben dasjenige Wissen, das dadurch entsteht, dass der Mensch den Gegenständen der Welt gegenübertritt und die Vorstellungen an sie anknüpft.

[ 19 ] It is not through outward turmoil or external events that the soul is transformed into such an instrument of higher spiritual experience, but quietly within itself, in the course of an intimate inner life; and many a person who outwardly held this or that position in life among people—of whom those around him knew nothing other than that he held this or that position—has led, or is leading, a second life within himself. This second life consists in the fact that he has transformed his soul into such a distinctive instrument of higher perception. Once a person has gradually reached this point, they must develop within themselves a certain level of insight that is entirely unknown to external science and external experience. Spiritual science states that all external knowledge is knowledge of objects. It is precisely the kind of knowledge that arises when a person encounters the objects of the world and forms concepts about them.

[ 20 ] Das nächste höhere Wissen, das nennen wir in der Geisteswissenschaft das imaginative Wissen, und es ist nichts von Phantastischem, wie wir gleich sehen werden, mit diesem imaginativen Wissen verknüpft, nicht einmal irgendetwas, was auch nur annähernd mit dem bloßen Worte Phantasie bezeichnet werden könnte. Nur muss man sich eben klar sein darüber, dass der Weg ein umgekehrter ist wie bei dem äußeren Erleben, bei der äußeren Wahrnehmung.

[ 20 ] The next higher form of knowledge—which we in spiritual science call “imaginative knowledge”—has nothing to do with fantasy, as we shall soon see; nor does it have anything to do with anything that could even remotely be described by the mere word “fantasy.” One must simply be clear that the path is the reverse of that in external experience, in external perception.

[ 21 ] Es gibt zwei Mittel, die eben in intimer Weise auf die Seele angewendet werden müssen, um diese Seele innerlich vorwärtszubringen. Diese zwei Mittel bestehen darin, dass der Mensch sich nicht überlässt dem bloßen äußeren Leben, sondern durch die inneren Kräfte der Seele dieses Seelenleben selbst in die Hand nimmt, dieses Seelenleben durch innere Kräfte des Willens zunächst dirigiert.

[ 21 ] There are two means that must be applied to the soul in an intimate way in order to advance that soul inwardly. These two means consist in a person not abandoning themselves to mere external life, but rather taking this inner life into their own hands through the soul’s inner powers, and initially directing this inner life through the inner powers of the will.

[ 22 ] Um ganz zu verstehen, um was es sich dabei handelt, denken wir einmal Folgendes: Wir versuchen uns vorzustellen, wie unser Seelenleben anders verlaufen würde, wenn der eine oder andere von uns statt in dem und dem Jahre des neunzehnten Jahrhunderts und statt in der und der Stadt Europas meinetwegen hundert Jahre vorher und in einer ganz anderen Stadt geboren wäre. Wir stellen uns vor, wie andere Gegenstände um den Menschen herum dann auf ihn wirken würden, wie andere Vorstellungen, Empfindungen und Gefühle dann seine Seele erfüllen würden. Denken Sie einmal daran, wie viel von dem, was Ihre Seele vom Morgen bis zum Abend erfüllt, auf äußere Eindrücke des Ortes und der Zeit zurückzuführen ist, und denken Sie einen Augenblick alles dasjenige hinweg aus Ihrer Seele, was nicht irgendwie anknüpft an irgendeinen äußeren Gegenstand Ihrer Umgebung, an irgendein äußeres Ereignis Ihrer Zeit. Fragen Sie sich einmal, wie viel in der Seele des Menschen noch verbleibt, in der Seele vieler Menschen, wenn sie absehen würden von dem, was ihre unmittelbare Umgebung auf sie wirkt. Alles das, was so von außen auf die Seele wirkt, was dadurch wirkt, dass wir in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Orte geboren sind und uns entwickeln, alles das kann nichts, aber auch gar nichts beitragen zu der inneren Entfaltung, zu der inneren Erweckung der Seele.

[ 22 ] To fully understand what this is all about, let’s consider the following: Let’s try to imagine how our inner lives would have unfolded differently if one or the other of us had been born—not in such-and-such a year of the nineteenth century and not in such-and-such a European city—but, say, a hundred years earlier and in a completely different city. Let’s imagine how the objects around us would affect us then, and how different ideas, sensations, and feelings would fill our souls. Think for a moment about how much of what fills your soul from morning to night can be attributed to external impressions of place and time, and for a moment, set aside from your soul everything that is not in some way connected to some external object in your surroundings or to some external event of your time. Ask yourself just how much would remain in the human soul—in the souls of many people—if they were to set aside the effects of their immediate surroundings. Everything that affects the soul from the outside—everything that results from our being born and developing at a specific time and in a specific place—can contribute nothing, absolutely nothing, to the soul’s inner unfolding, to its inner awakening.

[ 23 ] Ganz andere Vorstellungen müssen in das Seelenleben eintreten, Vorstellungen, die unabhängig sind von den äußeren Eindrücken; und die wirksamsten Vorstellungen sind zunächst diejenigen, welche man die imaginativen oder wohl auch die bildlich-symbolischen nennt. Solche Vorstellungen waren es immer, welche die Lehrer der übersinnlichen Fähigkeiten ihren Schülern gegeben haben, und durch das Einleben in diese Vorstellungen haben die Schüler ihre Seele hinaufentwickelt in die höheren Welten.

[ 23 ] Entirely different ideas must enter the inner life of the soul—ideas that are independent of external impressions; and the most effective ideas are, first and foremost, those that are called imaginative or, perhaps, pictorial-symbolic. It has always been such ideas that teachers of supersensory abilities have imparted to their students, and by immersing themselves in these ideas, the students have developed their souls upward into the higher worlds.

[ 24 ] Wir wollen nicht in allgemeinen Phrasen reden, sondern gleich an einem Beispiele uns verständigen. Ein solches Symbolum, ein Bild, sei gleich hier vor die Seele gestellt, meine verehrten Anwesenden, ein Bild, das die Schüler seit Langem unter dem Einflusse ihrer geisteswissenschaftlichen Lehrer gebraucht haben, um ihre Seele höher zu entwickeln, ein Bild, das wahrhaftig, wenn es richtig angewendet wird, Wunder wirken kann. Es ist ein Bild — es gibt unzählige —, aber wir wollen uns zunächst an diesem einen Bilde klarmachen, wie die Wirkung auf die Seele geschieht. Das Bild ist einfach zu beschreiben, trotzdem hat es die Zauberwirkung auf die Seele.

[ 24 ] We do not wish to speak in general terms, but rather to make ourselves understood immediately through an example. Let us present such a symbol, an image, right here before your souls, my esteemed audience—an image that students have long used under the guidance of their spiritual science teachers to develop their souls to a higher level, an image that, when applied correctly, can truly work wonders. It is an image—there are countless others—but let us first use this one image to clarify how it affects the soul. The image is simple to describe, yet it has a magical effect on the soul.

[ 25 ] Sie denken sich ein schwarzes Kreuz. Dieses schwarze Kreuz ist oben geziert, da, wo sich die Balken kreuzen, mit Rosen, mit roten Rosen. Das nennt man das Rosenkreuz-Symbol. Wenn der Schüler sozusagen blind und taub wird gegen die äußere Umgebung, wenn er eine Weile, und sei sie noch so kurz, absehen kann von all dem, was auf seine Augen, was auf seine Ohren und die anderen Sinne einen Eindruck machen kann, wenn er ganz still in sich versunken ist und auch die Erinnerung tilgt an die alltäglichen Erlebnisse und sich nunmehr ganz ausfüllt mit der einen bildlichen Vorstellung des Rosenkreuzes — was tritt mit der Seele ein?

[ 25 ] Imagine a black cross. This black cross is adorned at the top—where the arms intersect—with roses, with red roses. This is called the Rosicrucian symbol. When the student becomes, so to speak, blind and deaf to his external surroundings, when he can, for a while, however brief, to set aside everything that might make an impression on his eyes, ears, and other senses—if he is completely still and absorbed in himself, erasing even the memory of everyday experiences, and is now entirely filled with the single visual image of the Rosicrucian symbol—what enters the soul?

[ 26 ] Diese Frage wollen wir uns zunächst beantworten. Da müssen wir vorausschicken einiges, was uns verständlich machen kann das tiefsinnige Symbolum des Rosenkreuzes. Aber es kommt nicht auf das an bei der inneren Entwicklung, was ich jetzt sagen werde, um dieses Symbolum oder Sinnbild klarzumachen, sondern es kommt auf die innere Seelenvertiefung und -versenkung dabei an. Dennoch müssen wir uns das Symbolum selbst erklären.

[ 26 ] Let us first answer this question. To do so, we must first explain a few things that can help us understand the profound symbolism of the Rose Cross. But what matters in inner development is not what I am about to say to clarify this symbol or emblem, but rather the inner deepening and contemplation of the soul involved in the process. Nevertheless, we must explain the symbol itself.

[ 27 ] Ich werde versuchen, Ihnen in Form eines Dialogs dieses Rosenkreuzersymbol vor die Seele zu stellen, so wie der Lehrer mit seinem Schüler im Gebiete der Geisteswissenschaft gesprochen hätte. Dieses Gespräch hat zwar in der Form, wie ich es erzähle, nicht stattgefunden, denn das, was sich darin einschließt, hat sich immer in langen Zeiträumen abgespielt, aber dennoch können wir uns durch ein solches Nacherzählen klarmachen, was geschehen ist.

[ 27 ] I will try to present this Rosicrucian symbol to you in the form of a dialogue, just as a teacher would have spoken to his student in the realm of spiritual science. This conversation did not actually take place in the form in which I am recounting it, for the events it encompasses always unfolded over long periods of time; nevertheless, through such a retelling, we can gain a clear understanding of what happened.

[ 28 ] Denken Sie sich, der Lehrer sagte zum Schüler: Sieh dir einmal eine Pflanze an, eine Pflanze, die im Boden wurzelt, herauswächst aus dem Boden, aus der Wurzel, mit den grünen Blättern. Und nun vergleiche mit dieser Pflanze den Menschen. Sieh dir den Menschen an, wie er in seiner heutigen Gestalt durchflossen wird von dem roten Blute. Sieh dir die Pflanze an, wie sie in ihren Lebensorganen, in ihren Blättern durchflossen wird von dem grünen Saft, dem Chlorophyll. Vergleiche die beiden. Du findest die Pflanze unempfindlich, unbeweglich; du findest den Menschen beweglich, empfindlich. Du findest den Menschen so, dass er in sich ein von Lust und Leid, von Freude und Schmerz erfülltes Innenleben hat. Der Mensch, sagst du, steht auf einer höheren Stufe des Daseins als die Pflanze. Wodurch ist der Mensch auf eine höhere Stufe seines Daseins gekommen, wodurch konnte er eben in sich ausbilden dasjenige, was man ein Selbstbewusstsein, sein Ich nennen konnte? Die Pflanze hat ein solches Selbstbewusstsein, ein solches Ich nicht ausgebildet, wie sie vor uns steht.

[ 28 ] Imagine the teacher saying to the student: Take a look at a plant—a plant that is rooted in the ground, growing out of the ground from its roots, with green leaves. And now compare this plant to a human being. Look at the human being, as red blood flows through him in his present form. Look at the plant, as green sap—chlorophyll—flows through its vital organs, through its leaves. Compare the two. You will find the plant insensitive, immobile; you will find the human being mobile, sensitive. You find that human beings possess an inner life filled with pleasure and suffering, joy and pain. Human beings, you say, stand on a higher level of existence than plants. How did human beings reach this higher level of existence? How were they able to develop within themselves that which we might call self-consciousness, their “I”? The plant has not developed such self-consciousness, such an “I,” as it stands before us.

[ 29 ] Der Mensch konnte — das alles bitte ich Sie, wie gesagt, sich vorzustellen als ein Gespräch des geisteswissenschaftlichen Lehrers mit dem geisteswissenschaftlichen Schüler -, der Mensch konnte sein höheres Bewusstsein bis zum Selbstbewusstsein herauf nur dadurch entwickeln, dass er etwas anderes mit in Kauf nahm. Dieser Mensch nahm bei dieser höheren Entwicklung mit in Kauf die Leidenschaften, die Triebe, die Instinkte, die Begierden. Die hat die Pflanze nicht. Zwar hat die Pflanze nicht ein innerliches Gedanken- und Empfindungsleben, aber dafür steht sie in ihrer Art wiederum in gewisser Beziehung höher als der Mensch; keusch und rein, ohne sinnliche Triebe und Begierden, ohne Instinkte und Leidenschaften steht sie da. Und indem wir uns vorstellen, wie der grüne Pflanzensaft sie durchströmt, sagen wir: Dieser grüne Pflanzensaft ist uns zugleich das Symbolum für die reine, keusche Pflanzennatur. Und indem die reine, keusche Pflanzennatur sich heraufentwickelt bis zum Menschen, wird im Menschen ein Selbstbewusstsein, ein inneres Leben entwickelt. Aber diese reine Keuschheit, sie verwandelt sich zu gleicher Zeit in das Begierdenleben. Der Mensch ist zum Teil höhergestiegen, zum Teil hinuntergesunken.

[ 29 ] Human beings—and I ask you, as I said, to imagine all of this as a conversation between a teacher of spiritual science and a student of spiritual science—were able to develop their higher consciousness up to the level of self-consciousness only by accepting something else as well. In this higher development, human beings accepted the passions, the drives, the instincts, and the desires. The plant does not have these. Although the plant does not have an inner life of thought and feeling, it is in its own way, in a certain sense, higher than human beings; it stands there chaste and pure, without sensual drives and desires, without instincts and passions. And as we imagine the green sap flowing through it, we say: This green sap is at the same time a symbol of the pure, chaste nature of the plant. And as the pure, chaste nature of the plant evolves upward toward the human being, a sense of self-awareness, an inner life, develops within the human being. But this pure chastity is simultaneously transformed into a life of desire. The human being has, in part, ascended; in part, descended.

[ 30 ] Nun sagt der Lehrer weiter zum Schüler: Richte aber nicht bloß den Blick auf den Menschen, wie er in der Gegenwart vor dir steht; richte den Blick auf eine ferne, urferne Menschenzukunft, auf ein Menschenziel! Der Mensch hat das Ziel vor sich, höher und immer höher hinaufzustreben, immer Schritt für Schritt, und zu überwinden dasjenige, was er in Kauf nehmen musste bei seiner Höherentwicklung bis zum heutigen Stande, die Triebe, Begierden und Leidenschaften zu läutern, zu reinigen, sodass er einstmals unter Beibehaltung seines Bewusstseins, seiner selbstbewussten Natur, rein und keusch in sich ist wie das Pflanzenwesen auf seiner Stufe, in seiner Art. Das, was also der Mensch in der Zukunft wieder erreichen soll, das ist Überwindung, Läuterung dessen, was er in Kauf nehmen musste, sozusagen abstreifen, hinwegnehmen von sich das, wodurch er niedriger gekommen ist als das keusche Pflanzenwesen, und dadurch erst in sich aufleben lassen eine höhere Natur, einen höheren Menschen, der heute in ihm schlummert. Wiederum können wir uns auf Goethe berufen, wenn wir darauf aufmerksam machen wollen, welches der tiefste Sinn dieser Menschheitsentwicklung ist. Wir können sagen und wir treffen mit diesen Worten Goethes durchaus den Sinn dessen, was der geisteswissenschaftliche Lehrer zu seinem Schüler sagte, wir können auf das Wort in Goethes «Westöstlichem Diwan» aufmerksam machen:

[ 30 ] Now the teacher continues, saying to the student: But do not focus your gaze merely on the human being as he stands before you in the present; direct your gaze toward a distant, very distant future for humanity, toward a human goal! Humanity has before it the goal of striving higher and ever higher, step by step, and of overcoming what it had to endure in its higher development up to the present state—the drives, desires, and passions—so that one day, while retaining his consciousness and his self-aware nature, he may be pure and chaste within himself, just as the plant kingdom is at its level, in its own way. What, then, humanity is to achieve once more in the future is the overcoming and purification of what it has had to endure—to shed, so to speak, and remove from itself that which has caused it to fall below the level of the chaste plant being—and thereby to allow a higher nature to awaken within, a higher human being who today slumbers within it. Once again, we can turn to Goethe when we wish to draw attention to the deepest meaning of this human development. We can say—and with these words of Goethe we perfectly capture the meaning of what the spiritual science teacher said to his student—we can draw attention to the passage in Goethe’s *West-Eastern Divan*:

Und solang du das nicht hast,
Dieses Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

And as long as you don't have that,
This “Die and Be Born”!
You are but a gloomy guest
On this dark earth.

[ 31 ] «Stirb und Werde»: Was heißt das? Stirb und Werde ist ein tief symbolisches Wort. Es drückt ungefähr dasjenige aus, was jetzt in dem Symbolum gesagt worden ist, es drückt aus, dass der Mensch dasjenige, was er in Kauf genommen hat, um auf eine höhere Stufe zu kommen, um es zu einer höheren Blüte zu bringen, seine niedere Natur, absterben lassen will, und eine höhere Natur als eine Blüte des Übersinnlichen herausgetrieben werden soll.

[ 31 ] “Die and Be Born”: What Does That Mean? “Die and Be Born” is a deeply symbolic phrase. It expresses, roughly speaking, what has just been stated in the Symbolum; it expresses that human beings, in order to reach a higher level and bring their lives to a higher flowering, wish to let their lower nature die away, so that a higher nature—as a flowering of the supersensible—may emerge.

[ 32 ] Wenn wir uns nunmehr anschauen die Pflanze, so wird sie in einer gewissen Form für uns selbst zum Symbol, zu einem deutlichen Symbolum dieser menschlichen Entwicklung. Wir sehen, wie die Rosenpflanze in ihre rote Blüte hinein sich entwickelt. Da ändert sich sozusagen vor unseren Augen der grüne Pflanzensaft, indem er in die Blüte schießt, in den roten Pflanzensaft der Blüte. Denken wir uns nun symbolisch — immer sind wir im Gespräche zwischen dem Lehrer und dem Zögling —, denken wir uns an dem Menschen dasjenige, was an Leidenschaften und Trieben an sein rotes Blut gebunden ist, so geläutert, gereinigt, dass dieses rote Blut in Keuschheit und Reinheit durch die Adern fließt wie der rote Saft durch das Rosenblatt. Dann haben wir in der Rose selbst das Symbolum der höheren Menschennatur.

[ 32 ] When we now look at the plant, it becomes, in a certain sense, a symbol for us—a clear symbol of this human development. We see how the rose plant develops into its red bloom. There, before our very eyes, so to speak, the green sap of the plant transforms as it shoots up into the bloom, becoming the red sap of the bloom. Let us now imagine symbolically—we are always in the dialogue between the teacher and the student—let us imagine in the human being those passions and drives that are bound to his red blood, so purified and cleansed that this red blood flows through the veins in chastity and purity, just as the red sap flows through the rose petal. Then we have in the rose itself the symbol of the higher human nature.

[ 33 ] Ausgedrückt ist uns das im Rosenkreuze, das «Stirb und Werde» im niederen Menschen, das Abstreifen und Loslösen dessen, was der Mensch in Kauf genommen hat im schwarzen Kreuz. Das «Werde» auf einer höheren Stufe der Entwicklung der innersten geistigen Menschennatur gleicht auch wiederum dem reinen keuschen Pflanzensaft in den Rosen, die das Rosenkreuz schmücken. So haben wir zunächst verstandesmäßig von einer Seite her — es könnte vieles darüber noch gesagt werden — dieses Bild erklärt.

[ 33 ] This is expressed to us in the Rose Cross: the “Die and Become” in the lower human being—the shedding and detachment from what the human being has accepted in the black cross. The “Becoming” at a higher stage of the development of the innermost spiritual human nature also resembles the pure, chaste sap in the roses that adorn the Rose Cross. Thus, we have first explained this image intellectually from one perspective—much more could still be said about it.

[ 34 ] Nun könnte jemand natürlich sagen — und der Einwand wäre sehr billig —: Ja, alles das, was hier über das Rosenkreuz gesagt wird, das entspricht ja nicht naturwissenschaftlichen Vorstellungen! — Gewiss, meine verehrten Anwesenden, das entspricht nicht äußerlich naturwissenschaftlichen Vorstellungen, aber dazu ist das Rosenkreuz auch nicht da, dass es irgendwie eine äußere Tatsache der Wahrheit gemäß ausdrückt. Auf eine solche Abbildung der äußeren Welt kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, dass derjenige, der nunmehr, gerade weil das Rosenkreuz keiner äußeren Wirklichkeit entspricht, dieses Kreuz vor seine Seele hintreten lässt, sich ganz in dieses Rosenkreuz vertieft und wie unter der Schwelle des Bewusstseins alles dasjenige, was wir hier ausgesprochen haben, fühlt und empfindet, was wir gesagt haben. Seine Seele wird etwas anderes, als sie vorher war. So wirken solche Symbole, gerade weil sie keiner äußeren Wirklichkeit entsprechen, auf die Seele des Menschen. Sie regen sie an zu der sogenannten imaginativen Erkenntnis, zu jener Erkenntnis, welche die erste Stufe darstellt im Hinangehen in die höheren Welten.

[ 34 ] Now, of course, someone might say—and this would be a very facile objection—: “Yes, everything that is said here about the Rosicrucians does not correspond to scientific concepts!” — Certainly, my esteemed audience, it does not outwardly correspond to scientific concepts, but the Rosicrucian symbol is not intended to somehow express an external fact in accordance with the truth. What matters is not such a representation of the external world, but rather that the person who now—precisely because the Rose Cross does not correspond to any external reality—allows this cross to step before his or her soul, immerses himself or herself completely in this Rose Cross, and, as if beneath the threshold of consciousness, feels and senses everything we have expressed here, everything we have said. His soul becomes something different from what it was before. This is how such symbols—precisely because they do not correspond to any external reality—affect the human soul. They stimulate it toward what is called imaginative knowledge, that knowledge which represents the first step on the path to the higher worlds.

[ 35 ] Ich habe Ihnen nur das Rosenkreuz als Beispiel hinstellen können. Hundert andere Beispiele könnten wir anführen. Der Schüler muss sich nach und nach in diese Symbole hineinfinden, wie derjenige, der lesen lernen will, die Buchstaben und Zeichen kennenlernen muss. Nur auf diese Weise kommt er zu einer höheren Daseinsform, und dann macht ein solcher, der die Geduld und Ausdauer hat, sich in abbildliche Vorstellungen solcher Symbole hineinzuleben, eine besondere Erfahrung.

[ 35 ] I was only able to give you the Rosicrucian symbol as an example. We could cite a hundred other examples. The student must gradually familiarize himself with these symbols, just as someone who wants to learn to read must become acquainted with letters and characters. Only in this way can he attain a higher form of existence, and then one who has the patience and perseverance to immerse himself in the visual imagery of such symbols will have a special experience.

[ 36 ] Um uns ein Bild machen zu können von dem, was für eine Erfahrung an den Menschen herantritt als ein Erlebnis der Erweckung, müssen wir etwas in die Menschennatur hineinleuchten. Diese Natur, sie bietet ja dem Menschen die großen Rätsel des Daseins, und gerade an dem, was er sozusagen täglich erlebt und was ihm die tiefsten Rätsel aufgeben kann, geht der Mensch in gleichgültiger Weise vorbei. Es schließen ungefähr vier Worte diese Rätsel des Daseins ein: Wachen und Schlaf, Leben und Tod. Diese vier Worte, sie bezeichnen die größten Lebensrätsel.

[ 36 ] In order to gain a sense of what kind of experience approaches human beings as an awakening, we must shed some light on human nature. This nature presents human beings with the great mysteries of existence, and it is precisely those things that they experience, so to speak, on a daily basis—and which can pose the deepest mysteries to them—that they pass by with indifference. These mysteries of existence can be summed up in about four words: waking and sleeping, life and death. These four words denote the greatest mysteries of life.

[ 37 ] Es kann natürlich in einer kurzen Stunde nicht ausführlich erörtert werden, wie man im Sinne der Geisteswissenschaft über das Wesen des Menschen in Bezug auf diese vier Worte zu denken hat. Aber angeführt soll werden dasjenige, was der, welcher in der heute beschriebenen Art den Geist zu erforschen vermag, erlebt an dem Menschen und seinen Veränderungen im alltäglichen Leben. Ist denn nicht dieses alltägliche Leben mit seinem Wechsel von Wachen und Schlaf ein Rätsel? Wir sehen den Menschen, wie er vom Morgen bis zum Abend sich erfüllt mit den Eindrücken des Tages, wie alle seine Sinne immerfort Wahrnehmungen aufnehmen. Wir sehen, wie der Mensch dann mit seinem Verstande seine äußeren Eindrücke verarbeitet. Wir sehen aber, wie der Mensch des Abends, wenn er einschläft, hinuntersinken sieht alle seine Eindrücke des Tages und auch alle die Erlebnisse der Seele. Wir sehen, wie der Mensch sozusagen in das Meer des zeitweiligen Vergessens von Lust und Leid, Freude und Schmerz, aber auch aller Wahrnehmungen des Alltags, der Töne, der Wärme und so weiter versinkt, die vom Morgen bis zum Abend seine Seele erfüllen, wie er alle seine inneren Seelenerlebnisse hinunterschwinden sieht und sozusagen Bewusstlosigkeit ihn umgibt.

[ 37 ] Of course, it is not possible to discuss in detail in just one short hour how, in the spirit of spiritual science, one should think about the nature of the human being in relation to these four words. But we should mention what the person who is able to explore the spirit in the manner described today experiences in human beings and their changes in everyday life. Is not this everyday life, with its alternation between waking and sleeping, a mystery? We see how, from morning to evening, a person is filled with the impressions of the day, how all their senses are constantly taking in perceptions. We see how a person then processes these external impressions with their intellect. But we also see how, in the evening, when they fall asleep, all their impressions of the day—and all the experiences of the soul—sink away. We see how a person sinks, so to speak, into the sea of temporary forgetfulness—of pleasure and suffering, joy and pain, but also of all the everyday perceptions—the sounds, the warmth, and so on—that fill his soul from morning to evening; how he sees all his inner soul experiences fade away, and how, so to speak, unconsciousness surrounds him.

[ 38 ] Nun wäre es natürlich Torheit, eine leicht einzusehende Torheit, zu sagen, der Mensch vergehe des Abends und entstünde des Morgens wieder neu. Dasjenige, um was es sich handelt, ist vielmehr, dass der Mensch ein kompliziertes Wesen ist, ein Wesen nicht bloß bestehend aus jenen Gliedern, den Augen, mit denen wir sehen, den Händen, mit denen wir tasten können, sondern dass wir außer diesem physischen Leibe noch höhere, überphysische Wahrnehmungsglieder haben. Wenn der Mensch des Abends einschläft — und wir wollen jetzt nur den Übergang vom Wachen bis zum traumlosen Schlaf betrachten, den Zwischenzustand, den traumerfüllten Zustand wollen wir auf sich beruhen lassen -, wenn der Mensch einschläft, dann bleibt ein Teil seiner Wesenheit im Bette liegen und ein anderer Teil, derjenige, der mit keinem äußeren Auge zu sehen ist, er zieht sich heraus; gerade der Träger von Lust und Leid, Schmerz und Freude und Leidenschaft, der Träger der Sinnesempfindungen, zieht sich heraus, der ist während der Nacht außerhalb des physischen Menschenleibes.

[ 38 ] Now, of course, it would be folly—a folly that is easy to see—to say that a person ceases to exist in the evening and is reborn anew in the morning. Rather, what is at issue is that human beings are complex beings—beings consisting not merely of those limbs, the eyes with which we see, the hands with which we can touch—but that, in addition to this physical body, we possess higher, superphysical organs of perception. When a person falls asleep in the evening—and let us now consider only the transition from wakefulness to dreamless sleep, leaving aside the intermediate state and the dream-filled state—when a person falls asleep, then one part of their being remains in bed, and another part—the part that cannot be seen with any external eye—withdraws; it is precisely the bearer of pleasure and suffering, pain and joy and passion—the bearer of sensory perceptions—that withdraws; it remains outside the physical human body throughout the night.

[ 39 ] Wir nennen in der Geisteswissenschaft das, was beim Einschlafen den physischen Leib verlässt, den astralischen Leib. An diesem Wort wollen Sie sich nicht stoßen; es hat nichts zu tun mit den Sternen, es ist einfach der übersinnliche Teil der Menschennatur, der des Abends sich herauszieht und den physischen Leib sich selber überlässt. Der Mensch ist wahrhaftig vorhanden vom Abend, wo er einschläft, bis zum Morgen, wo er aufwacht. Er schläft, und dasjenige Bewusstsein, von dem wir jetzt sprechen werden, das hierbei entwickelt wird als hellseherisches Bewusstsein bei der Erweckung, das zieht wie eine feine, aber geistige Lichtgestalt als solcher astralischer Leib sich heraus, indem der Mensch einschläft. Der Mensch ist seiner geistigen Wesenheit nach in der geistigen Welt, die um ihn ist.

[ 39 ] In spiritual science, we call the part that leaves the physical body when we fall asleep the astral body. Do not be put off by this term; it has nothing to do with the stars; it is simply the supersensory part of human nature that withdraws in the evening and leaves the physical body to itself. The human being truly exists from the evening, when he falls asleep, until the morning, when he awakens. He sleeps, and the consciousness of which we shall now speak—which develops as clairvoyant consciousness upon awakening—draws itself out as a fine but spiritual figure of light, as this astral body, when the human being falls asleep. In terms of their spiritual nature, human beings are in the spiritual world that surrounds them.

[ 40 ] Warum sieht der Mensch, wenn er doch in der Nacht in seinem astralischen Leibe unter geistigen Tatsachen und Wesenheiten ist, warum sieht er diese Tatsachen und Wesenheiten nicht? Aus demselben Grunde, aus dem ein Blinder die Farben und das Licht nicht sieht. Denken Sie sich einmal aus Ihrem physischen Leibe hinweg die Augen! Die Welt ist um Sie herum dunkel und finster, farblos. Denken Sie weg die Ohren! Die Welt ist stumm und tonlos. Und wenn Sie alle Organe wegdenken, so wird die Welt allmählich ein Nichts. Nur das ist da für den Menschen, wofür er Organe hat, nichts anderes! Wenn nun, sagen wir, die Lichtwolke des astralischen Leibes in der Nacht sich herauszieht aus dem physischen Leibe, dann hat der Mensch in seinem Astralleib keine Organe, um wahrzunehmen in der geistigen Welt, und die Folge davon ist, dass Bewusstlosigkeit und Finsternis um ihn herum ist.

[ 40 ] Why is it that when a person is in his astral body at night, surrounded by spiritual realities and beings, he does not see these realities and beings? For the same reason that a blind person does not see colors or light. Just imagine removing your eyes from your physical body! The world around you is dark and gloomy, colorless. Imagine removing your ears! The world is silent and soundless. And if you imagine removing all your senses, the world gradually becomes nothing. For human beings, only that which their organs are designed to perceive exists—nothing else! Now, suppose, for example, that the luminous cloud of the astral body withdraws from the physical body at night; then, in his astral body, the human being has no organs with which to perceive the spiritual world, and the result is that unconsciousness and darkness surround him.

[ 41 ] Was geschieht nun, wenn der Mensch nicht im gewöhnlichen Normalen lebt, sondern wenn er dasjenige, was Ihnen eben beschrieben worden ist, durch das eine Symbolum auf sich wirken lässt, wenn er sich in seiner Seele solchen Dingen hingibt, wenn er in Ruhe und Ausdauer seine Seele so entwickelt, dass er unter Blind- und Taubwerden gegen seine äußere Umgebung sich ganz zu versenken vermag in die seines inneren Lebens, das man ein Leben der Meditation und Konzentration nennt? Was geschieht da? Das ist etwas, was das hellseherische Bewusstsein verfolgen kann. Aus einem unbestimmten astralischen Körper wird ein bestimmter. Es ist so, was da vorgeht in dem astralischen Leibe, wie wenn man dem physischen Leibe die Augen nach und nach hineinentwickeln würde. In der beschriebenen Art werden ihm geistige Augen und Ohren in seinen astralischen Leib hineingegliedert; aus einer unbestimmten Wolke wird ein gegliederter astralischer Organismus. Die Folge davon ist, dass der Mensch nunmehr nicht bloß nichts mehr erlebt, sondern dass das geistig eintritt, was sinnlich eintritt für den sinnlichen Leib, wenn ihm eingegliedert werden die Augen und Ohren. Das tritt jetzt für den Astralleib ein.

[ 41 ] What happens, then, when a person does not live within the ordinary, normal realm, but instead allows what has just been described to take effect upon them through the Symbolum; when they devote themselves in their soul to such things; when, with calm and perseverance, they develop their soul in such a way that, while blind and deaf to their external surroundings, they are able to immerse themselves completely in their inner life—what is called a life of meditation and concentration? What happens then? This is something that clairvoyant consciousness can observe. An indeterminate astral body becomes a defined one. What takes place in the astral body is akin to gradually developing eyes within the physical body. In the manner described, spiritual eyes and ears are integrated into his astral body; an indeterminate cloud becomes a structured astral organism. The result of this is that the human being no longer merely experiences nothing, but rather that what occurs sensually for the physical body—when eyes and ears are incorporated into it—now occurs spiritually for the astral body.

[ 42 ] Das, was der Mensch da erreicht durch geduldige Meditation und Konzentration in solche bildliche und andere Vorstellungen durch die entsprechende Geisteswissenschaftslehre, das nannte man in Kreisen, in denen man etwas wusste von der Geisteswissenschaft, den Vorgang der Läuterung. Warum Läuterung oder Katharsis? Aus dem Grunde, weil der Mensch von jetzt ab im Punkte seiner Entwicklung eben nicht mehr angewiesen war bloß auf die äußeren Eindrücke und dann bewusstlos bleiben muss und keine äußeren Eindrücke hat, sondern weil er jetzt, wenn er alle Eindrücke weglässt, wie es im Schlafe ist, dennoch eine Welt um sich hat. Weil er gereinigt und geläutert sein kann und dennoch Erlebnisse, eben geistige Erlebnisse hat. Das ist die erste Stufe, die erreicht wird durch solche Mittel, wie wir sie beschrieben haben.

[ 42 ] What a person achieves through patient meditation and concentration on such visual and other images—guided by the corresponding teachings of spiritual science—was called the process of purification in circles where people knew something about spiritual science. Why purification, or catharsis? For the reason that, from this point on in his development, a person was no longer dependent solely on external impressions—and thus had to remain unconscious and devoid of external impressions—but because he now, when he sets aside all impressions, as in sleep, still has a world around him. Because he can be purified and refined and yet still have experiences—spiritual experiences, to be precise. This is the first stage, which is attained through the means we have described.

[ 43 ] Es muss aber auch eine zweite Stufe hinzukommen in der geistigen Entwicklung, wenn der Mensch zum wirklichen Hellseher werden soll. Diese Stufe, diese höhere Stufe werden wir einsehen können, wenn wir bemerken, dass beim Einschlafen auch nicht bloß ein Physisches übrig bleibt. Schon in diesem physischen Leibe, der da abends im Bette liegen bleibt beim Einschlafen, haben wir ein Überphysisches, ein Übersinnliches. Sie werden am leichtesten darauf kommen — das kann heute nur erwähnt werden; wenn Sie immer tiefer und tiefer in die Theosophie eingehen, werden Sie sehen, dass das zum Beweise erhoben wird trotz aller Einwände der äußeren Wissenschaft —, Sie werden am besten darauf kommen, wenn Sie den Menschen, so wie er vor uns steht, vergleichen mit irgendeinem äußeren physischen Gegenstand.

[ 43 ] However, a second stage must also be added to spiritual development if a person is to become a true clairvoyant. We will be able to understand this stage—this higher stage—when we realize that even when we fall asleep, it is not merely the physical body that remains. Even in this physical body, which remains in bed in the evening as we fall asleep, there is something supraphysical, something supersensible. You will most easily come to realize this—this can only be mentioned today; as you delve deeper and deeper into theosophy, you will see that this is presented as proof despite all the objections of external science—you will best come to realize this when you compare the human being, as he stands before us, with any external physical object.

[ 44 ] Das, was physischer Leib des Menschen ist, hat in sich dieselben Kräfte und Stoffe wie die äußeren leblosen sogenannten mineralischen Körper. Aber es ist doch ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Menschen und einem bloß mineralischen Wesen. Sehen Sie ein mineralisches Wesen an, das eine bestimmte Form hat. Wie kann die Form vergehen? Dadurch, dass sie von außen zerschlagen oder zerstört wird. Von außen muss zerstört werden die Form. Dasjenige, was physischer Menschenleib ist — und wir sprechen nun vom Menschen, sonst müssten wir sagen, dass es bei jedem Lebewesen so ist —, dasjenige, was Menschenleib ist, besteht zwar auch aus physischen Kräften und Stoffen geradeso wie die äußere Natur, aber wenn diese Kräfte und Stoffe sich selbst überlassen sind, was tun sie dann? Sie lösen die Form auf, sie lösen sich auseinander.

[ 44 ] What constitutes the human physical body contains within itself the same forces and substances as the external, lifeless, so-called mineral bodies. Yet there is a tremendous difference between a human being and a purely mineral entity. Consider a mineral entity that has a specific form. How can that form perish? By being shattered or destroyed from the outside. The form must be destroyed from the outside. The human physical body—and we are speaking now of human beings; otherwise we would have to say that this is true of every living being—the human body does indeed consist of physical forces and substances just as external nature does, but when these forces and substances are left to their own devices, what do they do? They dissolve the form; they disintegrate.

[ 45 ] Das, was die Auflösung der Form des physischen Menschenleibes genannt werden kann, das tritt mit dem Tode ein. Indem der Mensch stirbt, bleibt dasjenige, was dann noch vor unseren Augen, vor den äußeren Sinnen ist, bleibt ein physischer Leib zurück; der zerfällt jetzt in die physischen und chemischen Stoffe, die in ihm sind. Er ist aber jetzt nicht mehr Menschenleib, er ist Leichnam; und während ein Stein durch die in ihm wirkenden Kräfte und Stoffe seine Form behält, seine Gestalt bleibt, wird der menschliche Leib in dem Augenblick, wo er seinen eigenen physischen und chemischen Stoffen überlassen ist, zerfallen und sich auflösen. Da zeigt Ihnen die Geisteswissenschaft, dass von der Entstehung bis zum Tode dieses Menschenleibes ein fortdauernder Kämpfer in unserem Körper lebt wie in jedem Lebewesen überhaupt, ein Kämpfer, der während des Lebens fortwährend zunächst aufhält den Zerfall des physischen Leibes. Ebenso wie wir des Abends, wenn der Mensch einschläft, den astralischen Leib herausschweben sehen, wenn wir beobachten können, aus dem, was im Bette liegen bleibt, ebenso sehen wir im Tode dasjenige, was sonst auch im Schlafe mit dem physischen Menschenleibe vereinigt bleibt, das sehen wir im Tode herausschweben. So unterscheidet sich der Tod von dem gewöhnlichen Schlafe. Dasjenige, was wir finden als einen Kämpfer gegen den Zerfall unseres Leibes im Leben, nennen wir als das Nächst-Übersinnliche gegenüber dem Physischen den Äther- oder Lebensleib, und es ergibt sich jetzt für uns der Unterschied des Schlafes vom Tode.

[ 45 ] What might be called the dissolution of the form of the physical human body occurs at the moment of death. When a person dies, what remains before our eyes—before our external senses—is a physical body; which now disintegrates into the physical and chemical substances it contains. But it is no longer a human body; it is a corpse; and while a stone retains its form and shape through the forces and substances acting within it, the human body, the moment it is left to its own physical and chemical substances, will decay and dissolve. Here spiritual science shows you that from the formation of this human body until its death, a ceaseless fighter lives within our body—as in every living being—a fighter who, throughout life, continually holds back the decay of the physical body. Just as we see the astral body float out in the evening when a person falls asleep—if we are able to observe what remains lying in the bed—so too do we see, at the moment of death, that which otherwise remains united with the physical human body even during sleep; we see it float out at the moment of death. This is how death differs from ordinary sleep. What we find to be a force that combats the decay of our body during life—which we call the etheric or life body, as the next-to-supernatural realm in relation to the physical—is what now reveals to us the difference between sleep and death.

[ 46 ] Im Schlaf bleibt nicht nur liegen der physische, sondern auch der Äther- oder Lebensleib, und aus diesen beiden steigt heraus der astralische Leib mit dem Selbstbewusstsein. So jede Nacht. Des Morgens, wenn der Mensch aufwacht, steigt sein astralischer Leib wiederum hinein in den physischen Leib und in den Äther- oder Lebensleib und bedient sich der Organe, der Augen, der Ohren und so weiter. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, dann bleibt nur zurück der physische Leib, der jetzt Leichnam ist, und hinweg hebt sich der Äther- mit dem Astralleib. So ist der Unterschied des Schlafes mit dem Tode.

[ 46 ] During sleep, not only the physical body but also the etheric or vital body remains behind, and from these two the astral body emerges, endowed with self-awareness. This happens every night. In the morning, when a person wakes up, their astral body re-enters the physical body and the etheric or life body and makes use of the organs—the eyes, the ears, and so on. When a person passes through the gate of death, only the physical body—now a corpse—remains behind, while the etheric and astral bodies ascend. This is the difference between sleep and death.

[ 47 ] Dadurch, dass der Ätherleib mit dem, was dieser Ätherleib im Irdischen erlebt hat, sich heraushebt, dadurch kann der Mensch nach seinem Tode in eine geistige Welt übergehen, in welcher er weiterlebt. Doch nicht diese Frage soll uns berühren, was der Mensch von seinem Leben hinübernimmt in das andere Dasein, sondern das soll uns beschäftigen, was mit dem Wo und Wie des Geistesforschers zusammenhängt.

[ 47 ] Because the etheric body, with all that it has experienced in the earthly realm, stands out, this enables a person, after death, to pass into a spiritual world where they continue to live. However, we are not concerned here with the question of what a person carries over from this life into the next, but rather with matters related to the where and how of the spiritual researcher.

[ 48 ] Der Ätherleib tritt auch im Schlafe nicht heraus, sondern bleibt beim physischen Menschenleibe. Der Astralleib dagegen schwebt beim Schlafe heraus, und wenn der Mensch aufwacht, tritt er in den physischen Leib wieder ein. In dem Augenblick nun, wo der astralische Leib durch die Ihnen beschriebene Versenkung, durch jenes meditative Leben, wo er in symbolischen und anderen Vorstellungen sich zum Beispiel die imaginative Erkenntnis erwirbt, in dem Augenblick, wo der astralische Leib seine Geistes-Ohren und -Augen und so weiter erhält, bringt er diese des Morgens mit hinein in den Ätherleib, und die Folge davon ist, dass der Mensch des Morgens nicht aufwacht mit dem Gefühle: Du warst bewusstlos —, sondern er sagt, wenn er erwacht: Ich war in einer geistigen Welt unter geistigen Dingen und Wesenheiten, ich war in meiner eigentlichen Heimat, in jener Welt, aus der meine Seele und Geist ebenso stammen, wie mein physischer Leib aus der physischen Welt heraus ist.

[ 48 ] The etheric body does not leave the physical body even during sleep, but remains with it. The astral body, on the other hand, floats out of the physical body during sleep, and when the person awakens, it re-enters the physical body. Now, at the very moment when the astral body, through the state of deep contemplation described to you—that meditative life in which it acquires, for example, imaginative insight through symbolic and other visions—at the very moment when the astral body receives its spiritual ears, eyes, and so on, it brings these back into the etheric body in the morning, and the result is that in the morning a person does not wake up with the feeling: “You were unconscious”—but rather, upon waking, says: “I was in a spiritual world among spiritual things and beings; I was in my true home, in that world from which my soul and spirit originate, just as my physical body originates from the physical world.”

[ 49 ] Dazu, dass der Astralleib mit dem, was er des Nachts unter dem Einflusse des inneren Lebens in sich entwickelt, den Ätherleib durchleuchtet, dazu trägt die zweite, die höhere Stufe des hellseherischen Lebens bei. Man nennt das die Erleuchtung. Das sind die zwei ersten Stufen des hellseherischen Lebens.

[ 49 ] The second, higher stage of clairvoyant life contributes to the astral body illuminating the etheric body with what it develops within itself at night under the influence of inner life. This is called enlightenment. These are the first two stages of the clairvoyant life.

[ 50 ] Zuerst tritt die Erleuchtung auf, dass der Mensch nicht aus dem Meere der Bewusstlosigkeit aufwacht, sondern mit der Erinnerung, dass er in der Nacht unter geistigen Wesenheiten war. Er weiß, eine geistige Welt war um ihn; und dann kommt er immer weiter, sodass er auch während des Tages in seinem physischen Leibe um sich herum dasjenige sehen kann, was um uns ist, was den Raum ebenso erfüllt wie die physische Welt, dass er um sich herum die geistige Welt zwischen und durch die physischen Dinge hineinsieht. So findet der Mensch den Geist nicht durch äußere Wahrnehmung, sondern er findet ihn dadurch, dass er durch genau bestimmte Methoden und Mittel, die nur durch ein Beispiel heute erläutert werden konnten, seine Seele erweckt, die in ihm schlummernden Kräfte und Fähigkeiten zu einer höheren Stufe hinaufbringt, selber den Geist in sich findet, und somit im Geiste, den er in sich erweckte, die geistige Welt wahrnehmen kann.

[ 50 ] First comes the realization that a person does not awaken from the sea of unconsciousness, but with the memory that he was among spiritual beings during the night. He knows that a spiritual world surrounded him; and then he progresses further and further, so that even during the day, in his physical body, he can see around him what is all around us—that which fills space just as much as the physical world—and he can perceive the spiritual world around him, between and through physical things. Thus, a person does not find the spirit through external perception, but rather by awakening his soul through precisely defined methods and means—which could only be explained today by way of an example—thereby raising the powers and abilities slumbering within him to a higher level, finding the spirit within himself, and thus being able to perceive the spiritual world in the spirit he has awakened within himself.

[ 51 ] Also durch eine Entwicklung eines anderen, eines neuen Bewusstseins, durch die Läuterung und durch die Erleuchtung lebt sich der Mensch hinauf in die geistige Welt. Und wiederum ist ihm die Imagination, dieses Sich-Hineinvertiefen in Bilder, nur die Vorbereitung zu den Wahrnehmungen der eigentlichen geistigen Welt. Denn hier stehen wir eben vor einer wichtigen Tatsache des inneren Erlebens. Es könnte jemand die Frage aufwerfen: Ja, aber das, was der Mensch zunächst hat in seinem inneren Leben, das sind ja alles nur unwirkliche Vorstellungen, nur Bilder, nur Symbole. — Gewiss, das sind sie zunächst. Aber wenn er in der richtigen Art diese Symbole in seinem Leben verarbeitet, dann kommt der Zeitpunkt, wo er sich sagen kann: Jetzt, jetzt stehe ich an dem Moment, wo ich nicht mehr bloß meine wirklichen Vorstellungen habe, sondern jetzt strömt dadurch, dass ich aus meinem Leben etwas Bestimmtes gemacht habe, eine Welt, die objektiv ist, auf mich ein.

[ 51 ] Thus, through the development of a different, new consciousness, through purification, and through enlightenment, the human being ascends into the spiritual world. And yet again, imagination—this immersion in images—is merely a preparation for the perceptions of the actual spiritual world. For here we are faced with an important fact of inner experience. Someone might raise the question: Yes, but what a person initially has in their inner life—these are all just unreal ideas, just images, just symbols. — Certainly, that is what they are at first. But if a person processes these symbols in the right way in his life, then the moment comes when he can say to himself: Now, now I have reached the point where I no longer have merely my own imaginings, but now—because I have made something definite out of my life—an objective world flows toward me.

[ 52 ] Unterscheiden können, wie lange man in den bloßen Vorstellungen lebt, und wann man ankommt bei den geistigen Tatsachen und geistigen Wesenheiten, die von außen hereinkommen, Unterscheiden-Können, das lehrt nur die Erfahrung selber, die Beobachtung. Geradeso wie Sie im sinnlichen Leben unterscheiden können die bloße Vorstellung von der Wahrnehmung von der Wirklichkeit, so kommt auch der Moment, wo Sie durch Erfahrung unterscheiden können das innerliche bloße Vorstellungsleben in der Imagination von der äußeren [übersinnlichen] Wirklichkeit.

[ 52 ] The ability to distinguish how long one lives in mere ideas, and when one arrives at the spiritual facts and spiritual entities that come from outside—this ability to distinguish can only be taught by experience itself, by observation. Just as you can distinguish, in sensory life, between mere imagination, perception, and reality, so too comes the moment when, through experience, you can distinguish the inner life of mere imagination from external [supersensory] reality.

[ 53 ] Man könnte ja allerdings sagen: In der physischen Welt kann bewiesen werden das Dasein der wirklichen Dinge. - Nein, es kann nur erlebt werden; niemals als durch Erleben ist es bewiesen. Die bloße Vorstellung in der sinnlichen Welt ist genau zu unterscheiden von der Wahrnehmung, und wenn jemand behaupten wollte, wie es eine verkehrte Philosophie tut, dass unsere Welt nur aus Vorstellungen bestehe, so mag er bedenken, welch ein Unterschied besteht zwischen der Vorstellung eines glühenden Stahles und der Wahrnehmung eines glühenden Stahles. Er kann sich da genau den Unterschied klarmachen, der besteht. Stellen Sie sich vor einen glühenden Stahl, und versuchen Sie an ihm, solche klare, richtige Begriffe festzustellen. Das philosophische Vorurteil, dass die Welt unsere Vorstellung sei — beweisen kann man nicht, sondern nur die Wirklichkeit der Dinge erleben.

[ 53 ] One might, of course, say: In the physical world, the existence of real things can be proven. — No, it can only be experienced; it is never proven through experience. Mere representation in the sensory world must be clearly distinguished from perception, and if someone were to claim—as a flawed philosophy does—that our world consists solely of representations, let them consider the difference between the representation of a red-hot piece of steel and the perception of a red-hot piece of steel. They can clearly grasp the difference that exists there. Imagine a glowing piece of steel, and try to establish such clear, accurate concepts about it. The philosophical prejudice that the world is our conception—this cannot be proven, but only the reality of things can be experienced.

[ 54 ] Ebenso nun, wie die Dinge außer uns wirklich sind und unsere Vorstellungen werden, wenn wir ihnen gegenübertreten, so wird dasjenige innere, intime Leben, das durch Meditation und Konzentration in jenen Bildern und in anderen Vorstellungen, die der Kürze der Zeit halber natürlich heute nicht beschrieben werden können, sondern nur durch das Beispiel des Rosenkreuzes klargelegt wurden, so kann der Mensch, wenn er das intime Leben ausübt, die Zeit herankommen sehen, wo er sagt: Ich habe nicht mehr ein Rosenkreuz vor mir, sondern ich habe den Moment erreicht, wo geistige Wesen an mich herankommen, die ebenso wirkliche Geistwesen sind wie die äußeren sinnlichen Dinge, wenn ich mir davon Vorstellungen mache. — Dieses wird erlebt, und was er tut, ist eine Vorbereitung. So ist allerdings der Verlauf des Seelenlebens bei der Erweckung.

[ 54 ] Likewise, just as things outside of us are in reality and become our perceptions when we encounter them, so too does that inner, intimate life—which, through meditation and concentration, is manifested in those images and in other perceptions that, for the sake of brevity, cannot naturally be described here today but have been clarified only through the example of the Rose Cross— so too, when a person practices this intimate life, he can see the time approaching when he says: I no longer have a Rose Cross before me, but I have reached the moment when spiritual beings approach me—beings who are just as real as the external, sensory things when I form mental images of them. — This is experienced, and what he does is a preparation. Such, indeed, is the course of the soul’s life during awakening.

[ 55 ] Bei dem Hinaufsteigen in die geistige Welt tritt das Umgekehrte von dem ein, was in der äußeren Wirklichkeit geschieht. In der äußeren Wirklichkeit haben wir zuerst die Gegenstände und das Erleben; dann bilden wir uns die Vorstellungen. In der höheren, geistigen, übersinnlichen Welt müssen wir zuerst unser Vorstellungsleben umgestalten und ruhig abwarten, bis wir imstande sind, einwirken zu lassen auf unsere Seele die Wahrheit, die geistige, eben die übersinnliche Wirklichkeit. Und es wird ganz davon abhängen, ob der Mensch bis in diesen Zeitpunkt hinein eine entsprechende, mit dem Meditieren und Konzentrieren parallel gehende Charakterbildung geübt und sich bis dahin eine solche Sicherheit und Festigkeit bewahrt hat, dass er im entscheidenden Momente unterscheiden kann zwischen Phantasie, Halluzination und Wirklichkeit. Diese Unterscheidung kann ja zum Schlusse nur das Leben geben. Geradeso wie der ein Narr ist, der seine Vorstellung von der Rose für eine wirkliche Rose hält, so kann der Mensch natürlich auf geistigem Gebiete, auch noch leichter natürlich, wenn er die innere Sicherheit nicht behält bis zum entscheidenden Punkte, noch leichter Halluzinationen und Illusionen haben. Wenn er sich aber die innere Stärke und Sicherheit bewahrt, sodass er keinen Augenblick wankt, und sich sagt: Nur dann, wenn mir etwas entgegentritt, in meiner vorbereiteten Seele entgegenkommt die Wirklichkeit, spreche ich von der geistigen Wirklichkeit; alles andere betrachte ich nur als Vorbereitung; nur dann wird er ebenso sicher im entscheidenden Augenblick geistige Wirklichkeit von Täuschungen unterscheiden können, wie der äußere Mensch Vorstellung und Wirklichkeit unterscheiden kann.

[ 55 ] When ascending into the spiritual world, the opposite of what happens in external reality occurs. In external reality, we first have objects and experiences; then we form our concepts. In the higher, spiritual, supersensory world, we must first transform our life of imagination and wait patiently until we are able to allow the truth—the spiritual, indeed the supersensory reality—to take effect upon our soul. And it will depend entirely on whether, up to this point, a person has practiced a corresponding character development—one that proceeds in parallel with meditation and concentration—and has maintained such confidence and steadfastness that, at the decisive moment, they can distinguish between fantasy, hallucination, and reality. Ultimately, only life itself can provide this distinction. Just as a fool is one who mistakes his idea of a rose for a real rose, so too can a person—in the spiritual realm, and even more easily, of course—experience hallucinations and illusions if he does not maintain inner certainty up to the decisive moment. But if he preserves his inner strength and certainty so that he does not waver for a single moment, and says to himself: “Only when something confronts me, and reality meets me in my prepared soul, do I speak of spiritual reality; I regard everything else merely as preparation”—only then will he be able, at the decisive moment, to distinguish spiritual reality from delusions just as surely as the outer human being can distinguish between imagination and reality.

[ 56 ] So, meine verehrten Anwesenden, sollte uns heute die Frage beschäftigen: Wo und wie findet man den Geist? Nicht dadurch, dass man irgendwelche äußeren Instrumente konstruiert, kann man den Geist finden, sondern dadurch, dass der Mensch sich selber zum Instrumente für die Wahrnehmung der geistigen Welt umgestaltet. Und so ist es denn wahr, dass die inneren Kräfte der Seele entwicklungsfähig sind, dass sich, um wieder in Goethes Sinn zu sprechen, geistige Ohren aus dieser Seele herausentwickeln können, wie aus dem Körper heraus sich sinnliche Ohren und Augen entwickeln.

[ 56 ] So, my esteemed audience, the question we should be considering today is: Where and how can one find the spirit? One cannot find the spirit by constructing some external instrument, but rather by transforming oneself into an instrument for perceiving the spiritual world. And so it is true that the inner powers of the soul are capable of development; that, to speak again in Goethe’s terms, spiritual ears can develop from this soul, just as sensory ears and eyes develop from the body.

[ 57 ] Der Mensch findet die höhere Welt also durch eigene höhere Entwicklung. Wenn auch heute zunächst nur wenige sich zu einem geistigen Instrumente für die Erforschung der Geisteswelt machen können, so können doch diese wenigen die Tatsachen der geistigen Welt erzählen, und da die Menschenseele nicht auf Wahn und Irrtum angelegt ist, sondern auf Wahrheit, so kann bei unbefangenem Denken die Mitteilung der geistigen Welt so aufgenommen werden, dass der Mensch zunächst eine Ahnung erhält von der Wahrheit der geistigen Welt. Dann kommt hinzu die Hoffnung, dass er, wenn er unter entsprechender Anleitung auf sich selber die Methoden anwendet, nach und nach in langem, entsagungsvollem Leben sich zu einem solchen Instrumente der geistigen Wahrnehmung machen könne. Die beste Vorbereitung ist zunächst, in das reine, unbefangene Denken, in den gesunden Verstand dasjenige aufzunehmen und zu verstehen, was der Geistesforscher in der geistigen Welt erfassen kann.

[ 57 ] Human beings thus discover the higher world through their own higher development. Even if, for the time being, only a few people today are able to become spiritual instruments for the exploration of the spiritual world, these few can nevertheless recount the facts of the spiritual world; and since the human soul is not predisposed to delusion and error but to truth, the message from the spiritual world can be received—with an open mind—in such a way that a person initially gains a glimpse of the truth of the spiritual world. Added to this is the hope that, if, under appropriate guidance, one applies these methods to oneself, one may gradually, over the course of a long life of self-denial, become such an instrument of spiritual perception. The best preparation, to begin with, is to take in and understand, with pure, unbiased thinking and sound reason, what the spiritual researcher is able to perceive in the spiritual world.

[ 58 ] Dann wird schon durch eine solche intellektuelle Vorbereitung die Ahnung und die Hoffnung des höheren Erlebens entstehen, und der Mensch wird im Gefühle dasjenige haben, was die Rätsel der höheren Welten löst, die Geheimnisse dieser Rätsel enthüllt. Und er wird empfinden, erleben, die Wahrheit der Worte Goethes der mehr, als man gewöhnlich glaubt, in diesen geistigen Welten und Geheimnissen stand, was Goethe auch in seinem Lebensgedichte, im «Faust», an der Stelle [ausspricht], von der er sagt, dass sie der Weise spricht. Ja, gerade durch das Hineinleben in die Tatsachen könne ein jeder für sich selber in sich die Bestätigung der Worte dieses GoetheWeisen finden, denn die Geisteswissenschaft bietet Mitteilungen über die geistige Welt, erweckt die Hoffnung, selber einmal das Tor zu durchschreiten, das zunächst den Menschen von diesen Welten trennt. Und so wird wahr, durch das, was man heute Theosophie oder Geisteswissenschaft nennt, wenn es sich mehr in die Menschheit einlebt, so wird wahr, was Goethe im «Faust» den Weisen sprechen lässt:

[ 58 ] Then, through such intellectual preparation alone, a sense of and hope for a higher experience will arise, and the individual will intuitively grasp that which unravels the riddles of the higher worlds and reveals the mysteries behind them. And they will sense and experience the truth of Goethe’s words—that he was more deeply immersed in these spiritual worlds and mysteries than is commonly believed—which Goethe also expresses in his life’s work, *Faust*, at the passage where he says that it is the sage who speaks. Indeed, it is precisely by immersing oneself in these realities that everyone can find within themselves the confirmation of the words of this wise man, Goethe, for spiritual science offers insights into the spiritual world and awakens the hope that one might one day pass through the gate that initially separates human beings from these worlds. And so it comes true: as what is today called theosophy or spiritual science becomes more deeply rooted in humanity, what Goethe has the sage say in *Faust* comes true:

Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf, bade, Schüler, unverdrossen
Die ird’sche Brust im Morgenrot!

The spirit world is not closed off;
Your mind is closed, your heart is dead!
Come, bathe, disciple, undaunted
Your earthly breast in the morning glow!