The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b
13 February 1909, Nuremberg
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The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL
49. Die Praktische Ausbildung des Denkens
49. The Practical Training of the Mind
[ 1 ] Wer sich obenhin und oberflächlich unterrichtet aus dieser oder jener Broschüre über das, was Geisteswissenschaft oder Theosophie will, was sie sich als ihr Ziel stellt, der kann leicht zu einem Urteil kommen, zu dem zweifellos viele, viele unserer Zeitgenossen, die auf diese Art von Theosophie hören, kommen, zu dem Urteile: Was hat denn eigentlich gerade diese Geisteswissenschaft oder Theosophie zu sagen über die praktische Ausbildung des Denkens? Denn viele bilden sich ja durch solche oberflächliche Bekanntschaft die Meinung, Geisteswissenschaft oder Theosophie sei etwas im Wolkenkuckucksheim Schwebendes, Weltenfremdes und Weltenfernes, das die Menschen abziehe von der wahren, echten Praxis des Lebens, und sie könne daher am allerwenigsten etwas sagen über die Forderungen des praktischen Denkens, das doch eigentlich verknüpft sein soll mit den Forderungen des praktischen Lebens.
[ 1 ] Anyone who gains a superficial understanding from this or that pamphlet about what spiritual science or theosophy aims for—what it sets as its goal—can easily arrive at a conclusion that undoubtedly many, many of our contemporaries who hear about this kind of theosophy also reach: What, exactly, does this spiritual science or theosophy have to say about the practical training of the mind? For many, based on such a superficial acquaintance, form the opinion that spiritual science or theosophy is something floating in a cloud-cuckoo-land, alien to the world and far removed from it, which draws people away from the true, genuine practice of life, and that it is therefore the least capable of addressing the demands of practical thinking, which is, after all, supposed to be linked to the demands of practical life.
[ 2 ] Wer freilich sich etwas tiefer einlässt auf das, was Geisteswissenschaft oder Theosophie ihrem Wesen nach ist, der wird zu einem anderen Urteile kommen und wird namentlich erkennen, dass sie aus zwei Gründen gerade berufen ist, auch über das Denken als eine praktische Lebensaufgabe einiges zu sagen.
[ 2 ] Anyone, however, who delves a little deeper into the very nature of spiritual science or theosophy will come to a different conclusion and will recognize, in particular, that it is precisely called upon—for two reasons—to have something to say about thinking as a practical life task.
[ 3 ] Der erste Grund ist der, dass Theosophie oder Geisteswissenschaft gar nicht unpraktische, lebensfremde und lebensfeindliche Menschen heranbilden soll, dass sie im Gegenteil in alledem, was sie sein will, hineingreifen kann in das alleralltäglichste Leben, man möchte sagen, in die Handgriffe des stündlichen Lebens, mit dem wir es zu tun haben in der Lebenspraxis. Erst dann ist die Aufgabe von Geisteswissenschaft oder Theosophie richtig erfasst, wenn sie uns durchdringt bis in alle unsere einzelnen Verrichtungen, wenn sie uns sozusagen nicht nur weise macht, nicht nur belehrt über die höchsten Aufgaben und Rätsel des Daseins, sondern wenn sie uns geschickt, praktisch macht für das alleralltäglichste Leben. Das ist der eine Grund. Der andere ist ein solcher, der in engerem Sinne mit der Aufgabe und der Mission der Geisteswissenschaft oder Theosophie zusammenhängt.
[ 3 ] The first reason is that theosophy or spiritual science is not at all intended to produce people who are impractical, out of touch with life, or hostile to life; on the contrary, in all that it aspires to be, it can reach into the most mundane aspects of daily life—one might say, into the very details of our hourly existence—that we encounter in the practical realities of life. Only then is the task of spiritual science or theosophy properly understood—when it permeates us down to all our individual activities; when it, so to speak, not only makes us wise, not only instructs us about the highest tasks and mysteries of existence, but also makes us skilled and practical in the most ordinary aspects of daily life. That is one reason. The other is one that is more closely connected to the task and mission of spiritual science or theosophy.
[ 4 ] Es ist oft auch hier betont worden in dieser Stadt, dass das, was Geisteswissenschaft oder Theosophie zu sagen hat über die höchsten Probleme des Daseins, über die Geheimnisse des Lebens, über die Rätsel des Menschen, was durch sie vorgebracht wird aus den Beobachtungen des hellseherischen Bewusstseins heraus, dass alles das, wenn es vorgebracht wird, verstanden werden kann durch den vorurteilsfreien, gesunden Menschenverstand. Das wurde oftmals gesagt. Geforscht, gesucht werden kann in den höheren Welten nach den Gesetzen und Geheimnissen des Daseins nur von dem, der die in seiner Seele schlummernden Fähigkeiten und Kräfte, das geistige Auge, das geistige Ohr ausgebildet hat. Wenn dann das erzählt wird, was da erforscht ist in den höheren Welten, so kann es von jedem verstanden werden, der sich von diesem Verstehen nur nicht abhalten lässt durch die Vorurteile, die ihm zufließen durch Suggestion unserer Zeitkultur oder einer anderen Kultur.
[ 4 ] It has often been emphasized here in this city that what spiritual science or theosophy has to say about the highest problems of existence, about the mysteries of life, about the enigmas of the human being—what is presented through them based on the observations of clairvoyant consciousness—that all of this, when presented, can be understood by unbiased, sound common sense. This has been said many times. Only those who have developed the abilities and powers slumbering within their souls—the spiritual eye and the spiritual ear—can explore and seek out the laws and mysteries of existence in the higher worlds. When what has been explored in the higher worlds is then recounted, it can be understood by anyone who does not allow themselves to be deterred from this understanding by the prejudices that flow to them through the influence of our contemporary culture or any other culture.
[ 5 ] Wenn also Theosophie so verstanden werden kann, so ist sie für jeden, auf welchem Posten des Lebens er auch stehen mag, nicht nur nützlich, sondern notwendig, sie macht ihn sozusagen erst zum wahren Menschen. Sie ist also ein allgemein menschliches Gut, und sie kann und muss auch Interesse haben für den, der sich vielleicht überhaupt sagt: Ich komme doch nicht mehr dazu in diesem Leben, selber ein Geistesforscher zu werden, selber mir die Augen öffnen zu lassen, um hineinzuschauen in die geistigen Welten. Das braucht man auch gar nicht, um Geisteswissenschaft oder Theosophie kennenzulernen; aber von gewissen Gesichtspunkten aus ist Geisteswissenschaft oder Theosophie eine Vorbereitung auch für dieses Öffnen der geistigen Augen, der geistigen Erkenntnis- und Wahrnehmungsorgane überhaupt. Sie soll hinaufführen den Menschen in die geistige Welt.
[ 5 ] If, then, theosophy can be understood in this way, it is not only useful but necessary for everyone, no matter what stage of life they may be in; it is, so to speak, what makes them truly human. It is, therefore, a universal human good, and it can and must also be of interest to those who might say to themselves: “I will never get around to becoming a spiritual researcher in this life, to having my eyes opened so that I can look into the spiritual worlds.” This is not at all necessary in order to become acquainted with spiritual science or theosophy; but from certain points of view, spiritual science or theosophy is also a preparation for this opening of the spiritual eyes—of the spiritual organs of knowledge and perception in general. It is meant to lead the human being up into the spiritual world.
[ 6 ] Wer also hinaufdringen will in diese geistigen Welten, wer sozusagen sich erwerben will das hellseherische Bewusstsein, für den ist nicht Schwärmerei, nicht ein überhitzter Enthusiasmus die richtige Grundlage, sondern für den ist die richtige Grundlage das feste Stehen auf dem Boden des Lebens mit seinen beiden Füßen. Man möchte fast sagen, obwohl das grotesk klingt, mit je weniger überhitzter Einbildungskraft und Träumereien und Phantastereien der Mensch herantritt an die geistige Forschung, desto besser ist es. Nicht der Enthusiast, nicht der mit besonders reger Phantasie Begabte, nicht sie sind diejenigen, die eigentlich dem Geistesforscher die liebsten Schüler werden können, sondern diejenigen, die fest auf dem Boden des Lebens stehen. Am liebsten sind ihm die nüchternen Leute, denn die Begeisterung, der Enthusiasmus, die kommen schon aus der Sache selber, wenn die großen Tatsachen des Lebens auf uns einwirken. Dann werden wir schon bis zur poetischen, enthusiastischen Gesinnung erhoben durch die Tatsachen, und das ist das, was gesund ist — nicht durch ein überhitztes Inneres sich zur Begeisterung bringen lassen.
[ 6 ] For anyone who wishes to ascend into these spiritual worlds—anyone who, so to speak, wishes to acquire clairvoyant consciousness—the proper foundation is not fanciful reverie or overheated enthusiasm, but rather standing firmly with both feet on the ground of life. One might almost say—though it sounds grotesque—that the less a person approaches spiritual research with an overheated imagination, daydreams, and flights of fancy, the better it is. It is not the enthusiast, nor the one gifted with a particularly vivid imagination; they are not the ones who can actually become the spiritual researcher’s favorite students, but rather those who stand firmly on the ground of life. He prefers down-to-earth people, for enthusiasm and excitement arise naturally from the matter itself when the great facts of life affect us. Then we are already lifted to a poetic, enthusiastic state of mind by the facts themselves, and that is what is healthy—not allowing oneself to be swept up in enthusiasm by an overheated inner state.
[ 7 ] Daher ist gerade ein praktisches Denken, das fest auf dem Boden des Lebens steht, auch eine gute, ja, die allerbeste Vorbedingung für den, der sozusagen hinaufstrebt zum hellseherischen Bewusstsein. Je nüchterner der Mensch ist, je praktischer, desto besser, wenn er erhoben werden soll in die Sphären des hellseherischen Schauens.
[ 7 ] Therefore, it is precisely practical thinking—rooted firmly in the realities of life—that is also a good, indeed the very best, prerequisite for those who, so to speak, aspire to clairvoyant consciousness. The more down-to-earth and practical a person is, the better, if they are to be elevated into the spheres of clairvoyant vision.
[ 8 ] Das alles kann Ihnen wohl zeigen, dass einerseits die Geisteswissenschaft allen Grund hat, zu glauben, dass aus ihren Ergebnissen heraus etwas zu sagen ist über die Praxis des Denkens und ihre Ausbildung und dass sie auf der anderen Seite ein tiefgehendes Interesse hat, gerade auf praktisches Denken viel zu geben. Allerdings wird sie deshalb doch recht leicht in Kollision kommen können mit den Leuten, die sich gewöhnlich, namentlich heute, die Lebenspraktiker nennen, mit jenen Lebenspraktikern, die, wenn sie ein paar Worte nur hören von Geisteswissenschaft, sofort von Phantasterei sprechen werden und sagen werden: Das ist etwas, was aller Praxis widerspricht.
[ 8 ] All of this can surely show you that, on the one hand, the humanities have every reason to believe that their findings offer insights into the practice of thinking and its development, and that, on the other hand, they have a profound interest in contributing significantly to practical thinking. However, this means it can quite easily come into conflict with people who usually—especially today—call themselves “practitioners of life,” those practitioners of life who, upon hearing even a few words about the science of the spirit, will immediately speak of fantasy and say: “This is something that contradicts all practicality.”
[ 9 ] Was aber ist Lebenspraxis für diese Praktiker, für diejenigen, die so hochmütig sind auf ihre Lebenspraxis, die sich so viel einbilden auf ihre Lebenspraxis, die alles abweisen, was nicht ganz schablonenmäßig in ihre Lebenspraxis hineinpasst? Das ist für den, der das Leben zu beobachten vermag, so, dass diese Menschen womöglich früh gewöhnt werden, früh und tüchtig gewöhnt werden, ausgetretene Geleise zu gehen — das zu beobachten, was man sieht, wie es gemacht wird, und es so zu beobachten, wie man es sehen kann, dass es gemacht wird, sei es im Handelsbüro, sei es in der Werkstatt, da und dort —, und ja, ja nicht herauszutreten aus den gewohnten Handgriffen; widrigenfalls, wenn man heraustreten wollte, man sich der Gefahr aussetzt, ausgestoßen zu werden aus den Sphären, in die man aufgenommen werden will; das ist die gewöhnliche Lebenspraxis, dass man nur fortwurstelt in der Weise, wie es überall geworden ist.
[ 9 ] But what is “way of life” for these practitioners—for those who are so arrogant about their way of life, who take such pride in it, who reject everything that does not fit perfectly into their way of life according to a set pattern? To those who are able to observe life, it appears that these people are perhaps accustomed from an early age—and thoroughly so—to following well-trodden paths: to observe what one sees being done, and to observe it as one can see it being done, whether in the sales office, in the workshop, here and there— and yes, yes, not to step outside the usual routines; otherwise, if one were to step outside, one would expose oneself to the danger of being cast out of the spheres into which one wishes to be accepted; that is the ordinary way of life, that one simply muddles along in the way things have come to be everywhere.
[ 10 ] Für den, der das Leben beobachten kann, setzt sich diese Praxis zusammen aus Kurzsichtigkeit, Gewohnheit, Intoleranz, immer mit gewissen Zusätzen — das wird dem Seelenkenner sehr bald bemerkbar sein - von Brutalität. Die ist nötig, damit alles niedergetreten werden kann, was sich nicht einfügen will in diese dogmatische Lebenspraxis. Da kommt es aber auch zu ganz sonderbaren Dingen.
[ 10 ] To anyone capable of observing life, this practice consists of short-sightedness, habit, and intolerance, always accompanied by certain elements—as the connoisseur of the soul will very soon notice—of brutality. This is necessary so that everything that refuses to conform to this dogmatic way of life can be trampled underfoot. But this also leads to some very strange things.
[ 11 ] Am besten kann man sich das an Beispielen klarmachen, von denen manche schon hier erwähnt worden sind. Wir wollen uns heute vor die Seele rücken eines dieser Beispiele, um daran die gewöhnliche Lebenspraxis uns vorzuhalten. Wer wird es heute nicht praktisch finden, dass man nicht mit jedem Briefe zum Postschalter gehen muss und dass ein riesiges Buch aufgeschlagen werden muss, um da nachzuscehen, wie weit der Ort liegt, an den der Brief gerichtet ist, und dann danach bestimmt werden muss, bei halben Pfennigen, wie viel man als Porto zu entrichten hat? In den wenigen Fällen, wo man das heute tun muss, kann man schon lernen, wie praktisch es ist, dass man das hat, was man das sogenannte Pfennigporto nennt, die Einheitsmarke, selbst für weite Entfernungen. Das hat es noch nicht gegeben vor ungefähr achtzig Jahren. In den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war es noch so, dass man mit einem Briefe zum Postschalter gehen musste und viele Umstände hatte. Kein Postpraktiker war es, der diese Einheitsmarke erfunden hat, sondern der Engländer Hill, der nicht vom «praktischen» Leben war. Er hat zuerst gesagt, welche Vorteile es haben würde, wenn man das Pfennigporto einführen würde. Das ist kein Märchen. Sie können es nachlesen in den Akten des englischen Parlaments. Derjenige, der der Praktiker war, der hat gesagt: Ach, was der Hill da ausrechnet, glaube ich ihm nicht; denn solch eine Einrichtung kann sicher unseren Verkehr nicht so heben, wie er angibt. Und selbst wenn es wahr wäre, dann müsste man dagegen sein, denn dann müsste man das Postgebäude dreimal so groß machen, als es ist. — Das war der Praktiker, während der Unpraktiker gerade diese weltumwälzende Entdeckung des Pfennigportos gemacht hat.
[ 11 ] The best way to understand this is through examples, some of which have already been mentioned here. Today, let’s focus on one of these examples to reflect on our everyday practices. Who wouldn’t find it convenient today not to have to go to the post office counter with every letter, not to have to open a huge book to look up how far away the destination is, and then, in half-pfennig increments, calculate how much postage to pay? In the few cases where one still has to do this today, one can already appreciate how practical it is to have what is called the “pfennig postage”—the uniform stamp—even for long distances. This did not exist some eighty years ago. In the 1840s, it was still the case that one had to go to the post office counter with a letter and go through a great deal of trouble. It wasn’t a postal practitioner who invented this flat-rate stamp, but the Englishman Hill, who wasn’t from the “practical” world. He was the first to point out the advantages of introducing the “Pfennig Porto.” This is no fairy tale. You can read about it in the records of the English Parliament. The one who was the practitioner said: “Oh, I don’t believe what Hill is calculating there; for such a system certainly cannot boost our mail volume as much as he claims. And even if it were true, we’d have to oppose it, because then we’d have to make the post office building three times as big as it is.”—That was the practical man, while the impractical one was the one who made this world-changing discovery of the one-pfennig postage.
[ 12 ] Und ich brauche nur an etwas zu erinnern, was man hier wissen sollte. Als die erste Eisenbahn gebaut werden sollte, wurde ein Medizinal-Kollegium gefragt, ein praktisches, ob man aus hygienischen Gründen Eisenbahnen bauen sollte. Das Dokument kann gelesen werden, es wurde das Urteil abgegeben von den Praktikern — es liegt gar nicht so viel Menschenalter hinter uns —, man solle keine Eisenbahnen bauen, denn — so urteilten die Praktiker — die Leute würden sich ihr Nervensystem zugrunde richten. Wenn man aber doch Eisenbahnen bauen wollte und sich Menschen finden würden, die damit fahren, so müsse man hohe Bretterwände zu beiden Seiten errichten, damit diejenigen, an denen die Bahn vorbeifährt, nicht Gehirnerschütterung kriegen. Wiederum ein solches Urteil aus der Praxis ist es, wenn der Postmeister Nagler in Potsdam gesagt hat: Ich lasse täglich zwei Postkutschen hinausfahren, in denen niemand sitzt; wie soll in der Bahn dann jemand sitzen, wenn ich täglich noch mehr fahren lasse?
[ 12 ] And I need only remind you of something you should know here. When the first railroad was to be built, a medical committee—a practical one—was asked whether railroads should be built for hygienic reasons. The document is available for reading; the verdict was rendered by the practitioners—it hasn’t been that long ago—that railroads should not be built because, as the practitioners judged, people would ruin their nervous systems. But if railroads were to be built after all, and people were to be found willing to ride them, then high wooden walls would have to be erected on both sides so that those the train passed by would not suffer concussions. Another such judgment from practical experience is what Postmaster Nagler in Potsdam said: “I send out two mail coaches every day with no one riding in them; how then can anyone ride the railroad if I have even more trains running every day?”
[ 13 ] Das sind lauter Tatsachen aus dem praktischen Leben. Mit einer solchen Anschauung von der Lebenspraxis kann allerdings ein wirklich praktisches Denken in Kollision kommen. Aber diese wirklich praktischen Denker müssen schon einmal etwas tiefer eindringen in das Wesen des eigentlichen Denkens, und da darf ich vielleicht gleich ausgehen von etwas ganz Konkretem. So etwas von recht unpraktischem Denken tritt uns hier entgegen. Während meiner Studentenzeit erlebte ich den Fall von unpraktischem Denken und zwar mit solcher Stärke, dass sich mir ein Typus ergeben hat von unpraktischen Denkern, die ich nennen möchte «die inneren Wagenschieber», eine Kategorie, mit der man viele Menschen in Bezug auf ihr Denken bezeichnen kann.
[ 13 ] These are all facts drawn from practical life. Such a view of practical life can, however, clash with truly practical thinking. But these truly practical thinkers must delve a little deeper into the nature of thinking itself, and here I might as well start with something very concrete. We encounter something of this rather impractical kind of thinking here. During my time as a student, I experienced an instance of impractical thinking—and with such intensity that it gave rise to a type of impractical thinker I would like to call “the inner cart-pushers,” a category that can be applied to many people in terms of their thinking.
[ 14 ] Und zwar kann ich Ihnen klarmachen, was diese inneren Wagenschieber des Denkens sind. Während meiner Studentenzeit kam ein Kollege an mich heran mit rotem Kopf und sagte: Ich habe jetzt eine wunderbare Erfindung gemacht; ich muss schnell zum Radinger — das war der Fachreferent — und muss ihm meine Erfindung auseinandersetzen. Das ist erwas Weltumwälzendes. — Er ließ sich nicht aufhalten, rannte zum Fachreferenten und kam etwas bedrückt zurück. Er musste nämlich eine Stunde warten und hatte doch keine Zeit zu verlieren mit seiner weltumwälzenden Erfindung! In dieser Zwischenzeit wollte er die Sache mir erklären. Er fing an. Alles war sehr scharfsinnig. Er erzählte von einer außerordentlich schön ineinanderlaufenden Maschinenkonstruktion und konnte zu gar keinem anderen Resultate kommen, als dass er das Problem gelöst habe: durch möglichst wenig Dampfkraft, die die Maschine zuerst verzehrt, mithilfe der mannigfaltigsten Übersetzungen, schließlich eine Riesenmenge von Arbeitskraft zu leisten. Ich ließ mir die Sache erklären und zuletzt sagte ich: Ja sieh, wenn man die Sache auf einen einfachen Gedanken bringt, so ist sie ebenso ausführbar, wie das wichtige Problem, wenn du dich ins Innere eines Eisenbahnwagens stellst und diesen anschiebst. So wahr, wie du diesen vorwärts bringst, so wahr geht diese Maschine. — Er sah die Sache auch gleich ein und ging nicht mehr zum Fachgelehrten.
[ 14 ] In fact, I can explain to you what these inner “car pushers” of thought are. During my college days, a classmate came up to me with a red face and said: “I’ve just made a wonderful invention; I have to hurry over to Radinger—he was the subject specialist—and explain my invention to him.” “It’s something that will change the world.” — He wouldn’t let anything stop him, ran to the subject specialist, and came back looking a bit dejected. It turned out he had to wait an hour, and he certainly had no time to lose with his world-changing invention! In the meantime, he wanted to explain the matter to me. He began. It was all very ingenious. He described an extraordinarily well-integrated machine design and could come to no other conclusion than that he had solved the problem: by using as little steam power as possible—which the machine consumes initially—and with the help of a wide variety of gear ratios, it would ultimately produce a huge amount of work. I let him explain the matter to me, and finally I said: “Well, look, if you boil it down to a simple idea, it’s just as feasible as that important problem where you stand inside a railroad car and push it forward. Just as surely as you move it forward, so surely does this machine work.” — He saw the point right away and stopped consulting the expert.
[ 15 ] So, wie der Mann damals dachte, so denken nämlich viele Menschen, und deshalb kann man sie nennen die «inneren Wagenschieber». Sie denken in gewissen Zusammenhängen, die ein begrenztes Gebiet darstellen. Das, was darüber hinausgeht, sehen sie nicht. Sie sind im Innern der Sache und finden alles sehr scharfsinnig, wie es im Innern der Sache bestellt sein muss. Aber dass da draußen auch noch etwas sein muss, finden die Leute nicht. Es ist eigentlich so, ohne dass die Menschen es merken und wissen, dass die allermeisten im eng begrenzten Kreise sich bewegen, ohne auch nur hinauszusehen in die Weite und ohne zu wissen, dass man den Widerstand draußen suchen muss, um schieben zu können. Dass man von innen nicht schieben kann, daran denken die Menschen nicht, solange sie nur hantieren im Innern des Wagens, in ihrem eng begrenzten Gebiet. Sie meinen von dem, was draußen vor sich geht, brauchen sie gar nichts zu wissen. Nur hat die Welt mit diesen Schiebern nicht viel zu tun. Sie kommen nämlich für die Welt nicht weiter, sowenig wie der Wagen, den man von innen schiebt, vorwärtskommt. Aber es kommen auch deshalb viele Menschen nicht weiter, weil sie nach dieser Kategorie in ihrem Denken verfahren.
[ 15 ] Many people think just as that man did back then, and that is why they can be called the “inner cart-pushers.” They think within certain contexts that represent a limited sphere. They do not see what lies beyond that. They are immersed in the matter at hand and find everything very astute, just as it must be within that context. But they do not realize that there must be something else out there as well. The truth is—without people realizing or knowing it—that the vast majority move within a narrowly defined circle, without even looking out into the distance and without knowing that one must seek resistance from the outside in order to push. People do not consider that one cannot push from the inside as long as they are merely fiddling around inside the cart, within their narrowly defined sphere. They think they don’t need to know anything about what’s going on outside. But the world has little to do with these “pushers.” For the world, they don’t get anywhere—just as the car being pushed from the inside doesn’t move forward. But many people also fail to make progress because they think in this way.
[ 16 ] Das ist das Wichtige, dass wir unser Denken so ausbilden lernen, dass wir hinaussehen über den Wagen. Selbst wenn wir auch die Wissenschaften überblicken, so finden wir sehr, sehr häufig innerhalb derselben gerade dieses Element, das Denken des inneren Wagenschiebens. Denn es sieht gewöhnlich — das ist das Charakteristische unserer Wissenschaften — der, der ein gewisses Gebiet bearbeitet, über das Engste nicht hinaus. Auch das konnte ich schon klarmachen. Denken Sie an die Kant-Laplace’sche Theorie. Sie ist für viele doch heute noch etwas, woran sie festhalten, wenn sie auch da und dort nicht mehr festgehalten wird. Aber die anderen Theorien sind nicht besser.
[ 16 ] The important thing is that we learn to train our thinking so that we look beyond the cart. Even when we survey the sciences, we very, very often find within them precisely this element: the thinking of pushing the cart from within. For it is usually the case—and this is the defining characteristic of our sciences—that those who work in a particular field do not look beyond the narrowest of boundaries. I have already made this point clear. Think of the Kant-Laplace theory. For many, it is still something they cling to today, even if it is no longer held to that extent here and there. But the other theories are no better.
[ 17 ] Diese Theorie, die einen Urnebel annimmt, diesen rotieren lässt, absondern lässt die Ringe und Planeten, sie versinnlicht sehr schön in unseren Schulen, sehr niedlich, im Kleinen die Entstehung eines Weltsystems. Man nimmt eine gewisse Substanz, die auf dem Wasser schwimmt, macht große Tropfen daraus, schneidet ein Kartenblatt rund aus und schiebt es in die Äquatorrichtung hinein. Dann nimmt man eine Stecknadel, steckt sie hinein, bringt den Tropfen zur Drehung. Tröpfchen sondern sich ab und rotieren. Man hat ein schönes, niedliches, kleines Planetensystem; in der Mitte die Sonne und ringsherum die Planeten. Wie könnte man, so meinen die Leute, anschaulicher zeigen, dass wirklich durch so etwas die Sache entstanden sein kann. Man sieht es ja im Kleinen entstehen. Das ist ja ein augenscheinlicher Beweis. Das ist recht hübsch. Nur ist das ein inneres Wagenschieber-Denken. Der Experimentator hat nämlich vergessen, dass er da dreht und dass das Niedliche nicht entstehen würde, wenn er nicht drehen würde. Nicht wahr, man braucht natürlich durchaus nicht zu denken, dass ein Riese da draußen steht im Raum, der den Urnebel in Drehung versetzt. Aber man darf nicht die geistigen Untergründe, die zugrunde liegen müssen demjenigen, was sich mechanisch vollzieht, vergessen.
[ 17 ] This theory, which posits a primordial nebula that rotates and gives rise to the rings and planets, is beautifully illustrated in our schools—in a very charming way—as a miniature model of the formation of a solar system. You take a certain substance that floats on water, form it into large drops, cut a round piece of cardstock, and slide it in the direction of the equator. Then you take a pin, stick it in, and set the drop spinning. Tiny droplets break off and spin. You have a beautiful, charming little planetary system; the sun in the center and the planets all around it. How, people think, could one demonstrate more vividly that the universe could truly have come into being through something like this? After all, you can see it forming on a small scale. That’s obvious proof, isn’t it? It’s quite pretty. But this is a form of “pushing-the-cart” thinking. The experimenter has forgotten, in fact, that he is the one setting it in motion and that this charming little model would not come into being if he were not setting it in motion. Of course, one need not imagine that there is a giant out there in space setting the primordial nebula in rotation. But one must not forget the spiritual foundations that must underlie what takes place mechanically.
[ 18 ] Alles das zeigt Ihnen, wie notwendig es ist für das äußere Leben und für das Leben in der Wissenschaft, dass unser Denken wirklich fest wurzelt in dem Boden der Denkpraxis. Die Geisteswissenschaft selber kann uns nun drei Dinge aufzeigen, die erfüllt werden müssen, wenn wir wirklich unser Denken im praktischen Sinne ausbilden wollen. Und dabei ist es so, dass in der Tat, so wenig es auch anfangs danach aussieht, dass diese Dinge hinführen zur Denkpraxis, dass der Mensch, der sie anwendet auf sich, schon die Erfahrung macht, wie sein Denken klarer, schärfer, umfassender wird.
[ 18 ] All of this shows you how essential it is—both for our outer life and for life in the sciences—that our thinking be truly rooted in the soil of practical thinking. Spiritual science itself can now point out three things that must be fulfilled if we truly wish to develop our thinking in a practical sense. And the fact is that, even though it may not seem so at first—that these things lead to the practice of thinking—the person who applies them to themselves will already experience how their thinking becomes clearer, sharper, and more comprehensive.
[ 19 ] Wir werden diese drei Stufen der praktischen Gedankenausbildung sogleich uns vor die Seele führen. Wir müssen aber vorher die Grundbedingung, die man als Gesinnung braucht, wenn man daran denken will, die richtige Stellung zum Denken zu gewinnen, uns vor Augen führen. Ich habe das Bild schon gebraucht. Niemand sollte glauben, Wasser schöpfen zu können aus einem Glase, in dem keines ist. Diejenigen, die heute über das Denken denken, denken nach diesem Muster. Sie denken nämlich, dass sie Gedanken aus einer Welt gewinnen können, in der keine darinnen sind. Das allein gibt die Möglichkeit, dass unsere, in unserer Seele aufleuchtenden Gedanken und Begriffe und Vorstellungen etwas bedeuten, dass sie nicht etrwas Wesenloses sind, sondern dass die Welt nach den Gedanken, die wir in ihr finden, wirklich erst aufgebaut ist. Nur eine Welt, die aus den Gedanken entsprungen ist, die wir finden, ist berechtigt durch Gedanken gedacht zu werden. Derjenige, der eine Uhr ansieht, wird leicht einsehen, dass die Gedanken, die darinnen liegen, der Uhrmacher gehabt hat. Nur wer über die Welt nachdenkt, möchte glauben, dass die Welt nach Gedanken geordnet ist, die erst hinterher vom Menschen ersonnen werden. Er möchte bloß Gedanken gelten lassen, die sich die Seele bildet, und möchte nicht glauben, dass da die Dinge erst gebildet sind nach den Gedanken, die sich der Mensch zuletzt bildet.
[ 19 ] We will now turn our attention to these three stages of practical thought training. But first, we must keep in mind the fundamental prerequisite—the right frame of mind—that is necessary if we are to adopt the correct attitude toward thinking. I have already used this analogy. No one should believe they can draw water from a glass that contains none. Those who reflect on thinking today follow this pattern. For they believe they can draw thoughts from a world in which none exist. This alone makes it possible for the thoughts, concepts, and ideas that arise in our minds to have meaning—that they are not something insubstantial, but rather that the world is truly constructed according to the thoughts we find within it. Only a world that has sprung from the thoughts we find is justified in being conceived through thought. Anyone who looks at a watch will easily see that the thoughts contained within it were those of the watchmaker. Only those who reflect on the world might believe that the world is ordered according to thoughts that are conceived by humans only afterward. They would like to accept only the thoughts that the soul forms, and do not wish to believe that things are formed first according to the thoughts that humans ultimately form.
[ 20 ] Aristoteles hat das Wort geprägt: Was der Mensch zuletzt findet in den Dingen, ist zuerst hineingelegt. Wenn der Mensch zuletzt Gedanken findet, so findet er sie deshalb, weil sie zuerst hineingelegt worden sind in die Dinge. Dann aber, wenn man dies ernst nimmt, gewinnt man vor allen Dingen das, was man nennen könnte: Vertrauen zu einem solchen Denken, das mit der Wirklichkeit im Bunde stehen will. Wenn ich weiß, dass nicht nur da drinnen — wie das materialistische Denken glaubt — gedacht wird, sondern dass alles gedacht ist, was mir entgegentritt, dann werde ich suchen, in den Dingen die Gedanken zu schauen, mich an die Dinge zu halten, wenn ich denken soll.
[ 20 ] Aristotle coined the phrase: “What man ultimately finds in things is what was first placed there.” If man ultimately finds thoughts, he finds them because they were first placed within things. But if one takes this seriously, one gains, above all else, what one might call: trust in a way of thinking that seeks to be in harmony with reality. If I know that thinking does not take place only “in there”—as materialistic thinking believes—but that everything that confronts me is thought, then I will seek to see the thoughts in things and to hold fast to things when I am to think.
[ 21 ] Ein Psychologe der Goethezeit, Heinroth, hat gerade Goethes Denken —- weil Goethe wie durch Veranlagung schon hereingeboren wurde in dieses Leben mit dem Ziele, sich an die Dinge mit dem Denken zu halten, gleichsam in den Dingen zu denken, nicht abstrakt —, Heinroth hat Goethes Denken genannt ein gegenständliches Denken, das sozusagen nur denkt, was in den Gegenständen ist, und das nur solches denkt, was wirklich in die Gegenstände hineinfließen kann. Und Goethe selbst hat das ungeheuer zutreffend gefunden. Wahrhaftig, Goethe hatte diese Anlage — wie wir vielleicht noch genauer sehen werden, gerade in den Dingen zu denken —, sodass das Denken nicht abgesondert war von den Dingen, sondern in das Gefüge der Dinge taucht.
[ 21 ] Heinroth, a psychologist of Goethe’s time, described Goethe’s thinking—because Goethe, as if by disposition, was born into this life with the aim of engaging with things through thought, of thinking within things, so to speak, rather than abstractly— Heinroth called Goethe’s thinking “concrete thinking,” which, so to speak, thinks only what is in objects and thinks only that which can truly flow into the objects. And Goethe himself found this to be incredibly accurate. Truly, Goethe possessed this predisposition—as we shall perhaps see even more clearly—to think precisely within things, so that thinking was not separated from things but immersed in the fabric of things.
[ 22 ] Derjenige, der nicht mit solcher Anlage zur Welt kommt, sondern sich nach und nach erwerben muss dieses praktische, in den Dingen lebende, gegenständliche Denken, der muss dreierlei beobachten; das ist das Folgende: Erstens, wir müssen als Mensch, wenn wir praktische Denker werden wollen, ein gewisses Verhältnis haben zu den Gegenständen und Tatsachen um uns, und dieses Verhältnis lässt sich so ausdrücken: Wir müssen so viel als möglich trachten, Interesse zu haben für die Gegenstände und Tatsachen des Lebens. Interesse an der Außenwelt, das ist das erste Zaubermittel zur Erlangung eines praktischen Denkens.
[ 22 ] Anyone who is not born with such a disposition, but must gradually acquire this practical, concrete way of thinking rooted in things, must observe three things; these are as follows: First, as human beings, if we wish to become practical thinkers, we must have a certain relationship with the objects and facts around us, and this relationship can be expressed as follows: We must strive as much as possible to take an interest in the objects and facts of life. Interest in the outside world—that is the first magic formula for attaining practical thinking.
[ 23 ] Das Zweite ist: Unsere eigenen Handgriffe, unsere eigenen Betätigungen müssen beherrscht sein als Betätigungen von Lust und Liebe.
[ 23 ] The second point is this: Our own actions, our own activities, must be guided by pleasure and love.
[ 24 ] Das Dritte ist: Wenn wir für uns selber denken, wenn wir über das Leben hinausgehen und unsere Gedanken in unserem Inneren machen, dann müssen wir vorzugsweise dafür innere Befriedigung haben.
[ 24 ] The third point is this: When we think for ourselves, when we transcend life and form our thoughts within ourselves, we must, above all, derive inner satisfaction from doing so.
[ 25 ] Das sind in der Tat die drei Abstufungen, die Zaubermittel allen praktischen Denkens: Interesse an der Umwelt, Lust und Liebe zu allen Verrichtungen und innere Befriedigung, wie man sagt, an der Reflexion, das heißt an dem Denken, das wir still für uns, abgesondert von den Dingen, verrichten. Aber diese Dinge müssen wir wirklich haben.
[ 25 ] These are, in fact, the three stages—the magic ingredients of all practical thinking: interest in the world around us, joy and love for all our activities, and inner satisfaction, as they say, in reflection—that is, in the thinking we do quietly to ourselves, apart from the things of the world. But we truly must have these things.
[ 26 ] Ja, was ist denn aber eigentlich Interesse an den Dingen? Nichts anderes ist das Interesse an den Dingen, ein wirkliches Hinführen zum praktischen Denken, als wenn wir gar nicht Anspruch darauf machen, mit unseren Schablonen, mit unseren vorgefassten Begriffen an die Dinge heranzutreten, sondern wenn wir geneigt sind, in jedem Augenblicke die Dinge als Individualitäten zu nehmen und uns zu sagen: Sie haben uns immer etwas zu sagen.
[ 26 ] Yes, but what exactly is interest in things? Interest in things—a genuine introduction to practical thinking—is nothing other than this: that we do not presume to approach things with our preconceived notions and predefined concepts, but rather are inclined to regard things as individual entities at every moment and tell ourselves: They always have something to say to us.
[ 27 ] Es scheint wenig gesagt zu sein damit, aber es ist ungeheuer viel damit gesagt, wenn man auf die Lebenspraxis geht. Die meisten kommen an die Menschen und die Dinge ihrer Umgebung mit schablonenhaften Begriffen heran. Und sie sehen sich zum Beispiel den einzelnen Menschen an; aber sie sehen nicht diesen Menschen, sondern nur etwas Oberflächliches und Flüchtiges, und wenn das stimmt zu ihren schablonenhaften Begriffen, dann sind sie fertig. Das führt niemals zur denkerischen Praxis.
[ 27 ] It may seem like little is being said, but it actually says an immense amount when applied to everyday life. Most people approach the people and things around them with stereotypical notions. And they look, for example, at an individual person; but they do not see that person—only something superficial and fleeting—and if that fits their stereotypical notions, then they are done. This never leads to intellectual practice.
[ 28 ] Man wird sehr schwer verstanden in diesen Dingen. Als ich vor Kurzem diesen Vortrag hielt, sagte nachher einer: Ja, ich habe immer die Vorstellung: Wenn einer einen dicken, roten Hals hat und auch sonst sehr dick aussieht, dann ist er ein Materialist, das «sagt» mir der Betreffende selber durch sein Aussehen. — Der also redete, hat alles gehört, was gesagt worden ist, hat es aber nicht verstanden. Er ist in dem Fall gewesen, dass der sich den dogmenhaften Begriff gebildet hat: Wenn er einen solchen Menschen mit einem roten, dicken Hals, der auch sonst dick ist, sieht, so taxiert er ihn so, dass er sagt, das ist ein Materialist, statt einzugehen auf die einzelne Wesenheit und zu denken: Sie hat mir etwas zu sagen, sie hat das Geistig-Begriffliche in sich selber, ich muss auf sie eingehen; jeder Einzelne kann mir noch etwas sagen.
[ 28 ] It’s very hard to make oneself understood on these matters. When I gave this lecture recently, someone said afterward: “Yes, I always have this idea: If someone has a thick, red neck and looks very fat otherwise, then he’s a materialist—that’s what the person himself ‘tells’ me through his appearance.” — The person who spoke like that heard everything that was said but didn’t understand it. He had formed a dogmatic concept: Whenever he sees such a person—with a red, thick neck who is also otherwise overweight—he judges them by saying, “That’s a materialist,” instead of engaging with the individual’s essence and thinking: This person has something to say to me; they possess the spiritual and conceptual within themselves; I must engage with them; every individual still has something to say to me.
[ 29 ] Das ist das eine. Dann aber handelt es sich nicht bloß darum, für dieses Individuelle sich ein so geartetes Interesse heranzuerziehen, sondern für den Tatsachenverlauf selber. Und da kann man durch spezielle Übungen es sehr weit bringen. Nehmen Sie an, Sie treten einem ganz bestimmten Ereignis, einer bestimmten Tatsache entgegen; Sie beobachten die Tatsache; ein Mensch tut dies oder jenes. Sie fassen das treu auf, Dann bilden Sie sich folgende Gedanken: Wenn das heute geschieht, so will ich mir an der Hand dieser Tatsache die Vorstellung bilden von dem, was gestern geschehen sein mag als die Voraussetzung zu dem, was heute geschieht. Ich will mir konstruieren im Begriffe, was vorangegangen ist, das heißt, ich verlängere mir die Tatsache nach rückwärts im Begriffe. Und dann gehe ich daran und forsche, wie es gewesen ist. Zuerst wird der Mensch finden, dass er sich geirrt hat, aber nach und nach wird er merken, dass er dadurch, dass er solche Übungen macht, dass er sich konstruiert nach rückwärts hin die Ursachen bis zu einer gewissen Zeit und dann an den Tatsachen sieht, ob sein Denken sich so angelehnt hat, dass es die Wirklichkeit trifft, dann wird er sehen, dass er nach einiger Zeit aus den Tatsachen selber heraus denkt, dass sie ihn führen, dass er die richtigen Voraussetzungen trifft.
[ 29 ] That is one thing. But then it is not merely a matter of cultivating such an interest in this particular individual, but in the course of events itself. And through specific exercises, one can make great progress in this regard. Suppose you are confronted with a very specific event, a specific fact; you observe the fact; a person does this or that. You take this in faithfully. Then you form the following thoughts: If this is happening today, I want to use this fact to form a conception of what may have happened yesterday as the prerequisite for what is happening today. I want to reconstruct in my mind what preceded it; that is, I extend the fact backward in my mind. And then I set about investigating how it was. At first, a person will find that they were mistaken, but little by little they will realize that by doing such exercises—by reconstructing the causes backward to a certain point in time and then examining the facts to see whether their thinking has been guided in such a way as to correspond to reality—they will eventually find that, after some time, they are thinking directly from the facts themselves, that the facts are guiding them, and that they are arriving at the correct premises.
[ 30 ] Man kann es aber auch wohl anders machen, etwa so: Man kann ein Ereignis der Natur oder irgendwelches Ereignis im menschlichen Leben, das heute geschieht, prüfen, und jetzt bildet man sich im Gedanken konstruktiv, was morgen geschehen wird als Folge dieses Ereignisses. Man wartet ruhig darauf, was wirklich eintritt, und vergleicht es mit dem, was man sich selber ausgedacht hat. Wiederum wird man sehen, dass man sich anfangs schr irrt. Wenn man sich aber so treu an wirkliche Tatsachen hält und das Vertrauen hat: Versenkst du dich in die Tatsachen und lässt das entstehen in deinen Gedanken, was auch in der Wirklichkeit entstehen muss, hältst du dich an das Ereignis und verlangst von dir, dass die Gedanken selbst einen Verlauf nehmen wie die Tatsachen, dann kommst du weiter.
[ 30 ] But there is probably another way to do it, something like this: You can examine a natural event or any event in human life that is happening today, and then constructively imagine what will happen tomorrow as a result of that event. You calmly wait to see what actually happens, and compare it with what you yourself have imagined. Once again, you will see that you were initially mistaken. But if you stick so faithfully to actual facts and have confidence—if you immerse yourself in the facts and allow what must arise in reality to arise in your thoughts as well, if you stay focused on the event and demand of yourself that your thoughts follow the same course as the facts—then you will make progress.
[ 31 ] Es sind ungeheuer wirksame Übungen, die man in Bezug auf das praktische Denken so anstellen kann. Nun ist aber etwas dabei zu beachten. Es muss in einer gewissen Weise solch eine Übung selbstlos vorgenommen werden, sonst wirkt sie nicht. Das ist Erfahrung. In dem Augenblicke wirkt sie nicht, wo jene Selbstsucht sich hineinmischt, die so ausgedrückt werden kann: Wenn der Mensch sich vorstellt, das oder jenes muss geschehen, und wenn das dann tatsächlich geschieht und er dann sagt: Habe ich es nicht gerade so vorausgesagt? In dieser selbstsüchtigen Freude liegt ein Hindernis dafür, dass die Kraft, die wir so ausbilden, wirklich wirkt. Das ist Tatsache, ein reales Erlebnis, das jeder, der die Übungen ausführt, selber erfahren kann. Diese Dinge unterliegen gewissen Gesetzen, geradeso wie die Tatsachen der chemischen Analyse und Synthese.
[ 31 ] These are tremendously effective exercises that can be practiced to develop practical thinking. However, there is something to keep in mind here. Such an exercise must be performed selflessly in a certain way; otherwise, it will not be effective. This is based on experience. The moment that selfishness creeps in—which can be expressed as follows: when a person imagines that this or that must happen, and when it then actually happens and the person says, “Didn’t I predict it exactly like that?”—the exercise ceases to work. This selfish joy acts as an obstacle to the power we are developing actually taking effect. This is a fact, a real experience that anyone who performs the exercises can experience for themselves. These things are subject to certain laws, just like the facts of chemical analysis and synthesis.
[ 32 ] So sehen wir, wie der Mensch sozusagen in die Dinge hineinkriechen kann, sich identifizieren kann im Denken mit den Tatsachen. Dann verläuft, was er denkt, im Sinne der Tatsachen. Ich spreche heute für Erwachsene — für Kinder würde es zu weit führen —, nur das sei noch gesagt: Wenn jemand ein wirkliches, an die Außenwelt gebundenes Denken entwickeln will, dass sozusagen das Denken entspricht dem, was draußen vorgeht, so muss er besorgt sein, solche Übungen nicht bloß so zu machen, dass ein Ereignis neben das andere gestellt wird, sondern er muss beachten, ein Gefühl zu erhalten für das Gewicht eines Ereignisses. Das ist etwas, was zusammenhängt mit der praktischen Ausbildung des Denkens, was aber die wenigsten Menschen heute kennen. Wer beobachtet, weiß, wie wenig die Menschen ein Gefühl dafür haben, dass es einen Unterschied macht, ob der eine eine Sache sagt oder der andere. Dasselbe können die beiden ausdrücken. Durch das aber, als was der eine sich uns darstellt, haben seine Aussagen ein anderes Gewicht als durch das, als was der andere sich uns darstellt. Für das Gewicht der Dinge, die wir erlangen, müssen wir uns vor allen Dingen ein gewisses Gefühl aneignen.
[ 32 ] Thus we see how a person can, so to speak, delve into things and identify with the facts in their thinking. Then what they think follows the course of the facts. I am speaking today to adults—for children, this would go too far—but let me just add this: If someone wants to develop a genuine way of thinking that is anchored in the external world—so that, as it were, their thinking corresponds to what is happening out there—they must be careful not to simply perform such exercises by placing one event next to another, but must take care to develop a sense of the significance of an event. This is something connected to the practical training of thought, but it is something very few people are familiar with today. Anyone who observes will know how little people have a sense that it makes a difference whether one person says something or another. Both may express the same thing. Yet because of the way one person presents himself to us, his statements carry a different weight than those of the other person, based on how he presents himself to us. To grasp the significance of the things we acquire, we must, above all, develop a certain sense of it.
[ 33 ] Mit solchen Anlagen war Goethe schon zur Welt gekommen. Er hatte sie ausgebildet in früheren Inkarnationen. Daher wurde er etwas — für den, der die Tatsachen kennt, ist das klar —, daher wurde er etwas, was viele, die sich heute praktisch nennen, durchaus nicht sind. Goethe war ja Jurist geworden, hat auch praktische juristische Tätigkeit ausgeübt. Diejenigen, die diese Tätigkeit von ihm kennen, wissen, dass sein juristisches Wissen zwar kein sehr umfassendes war, was er aber juristisch geführt hat, was das auszeichnet, ist das Gegenteil von dem, was man heute beobachten kann: Es läuft ein Prozess, der ist einem Rechtsanwalt übergeben. Man kommt hin, will etwas wissen von ihm. Ja, es ist kein richtiges Besinnen da. Man steckt nicht darinnen. Es werden Aktenbündel aufgeschlagen, es werden Zettel angesehen. Das Unpraktischste kann man da finden. Für viele sind die, an die man sich wenden muss als an die Praktiker, diejenigen, die die Sache so unpraktisch wie nur möglich machen. Goethe war praktisch. Viel gewusst hat er nicht in der Juristerei, aber was er angefasst hat, hat er angefasst in der praktischsten Weise. Man darf sich unter solch einem Menschen, wie Goethe es war, nicht einen Menschen vorstellen, der unpraktisch sein muss. Wenn einmal die Akten herausgegeben werden, die Goethe als Minister angelegt hat in Weimar, da wird man sehen, dass er ein Praktiker war. Eine ganz andere Praxis hatte Goethe als eine solche von Nichtdichtern, wobei nicht eine Lanze gegen die Praktiker, die so hochmütig sind, gebrochen werden soll.
[ 33 ] Goethe was born with such aptitudes. He had developed them in earlier incarnations. That is why he became something—as is clear to anyone familiar with the facts—that many who call themselves “practical” today are certainly not. Goethe had, after all, become a lawyer and had also engaged in practical legal work. Those familiar with his work in this field know that while his legal knowledge was not particularly extensive, what distinguishes his legal practice is the very opposite of what one observes today: A case is underway, and it has been entrusted to a lawyer. You go there, wanting to ask him something. Yet there is no real reflection there. He is not immersed in it. Bundles of files are opened; slips of paper are glanced at. You can find the most impractical approach there. For many, the very people one must turn to as practitioners are those who make the matter as impractical as possible. Goethe was practical. He didn’t know much about the legal profession, but whatever he took on, he tackled in the most practical way. One must not imagine a person like Goethe to be someone who has to be impractical. Once the files that Goethe compiled as minister in Weimar are made public, one will see that he was a man of action. Goethe’s approach to practical matters was quite different from that of non-poets, though this is not meant to take a stand against those “practitioners” who are so haughty.
[ 34 ] Man kann bei Goethe auch das noch anführen: Es ist bekannt, dass er seinen Herzog begleitete nach Apolda hinaus und dass er bei der Rekrutenaushebung alles praktisch ausgeführt hat, was da zu tun ist. Und als sie fertig waren, arbeitete er an seiner «Iphigenie», und während dieser Sache arbeitete er schon daran. Nun müssen wir doch sagen, wie viele unserer Dichter würden sich nicht gestört fühlen, wenn sie neben der Niederschrift ihrer glänzenden Ideen noch Rekruten ausheben müssten! Aber ich glaube nicht, dass die «Iphigenie» deswegen schlechter geworden ist als manches zeitgenössische Dichtungs-Produkt, weil bei der Rekrutenaushebung daran gearbeitet wurde. Aber Goethe hat das eben gemacht, weil er gegenständlich mit seinen Gedanken war, sodass seine Gedanken in den Dingen arbeiteten, nicht abgezogen von den Dingen, nicht spekulativ.
[ 34 ] One can also cite this example from Goethe: It is well known that he accompanied his duke out to Apolda and that, during the conscription of recruits, he practically carried out everything that needed to be done there. And when they were finished, he worked on his “Iphigenia,” and he was already working on it while that was going on. Now we must ask: how many of our poets would not feel distracted if, in addition to writing down their brilliant ideas, they also had to conduct conscription! But I do not believe that *Iphigenia* turned out any worse than many a contemporary work of poetry simply because it was worked on during conscription. But Goethe did just that because he was concrete in his thinking, so that his thoughts were at work within things, not detached from them, not speculative.
[ 35 ] Das zeigt sich dann, wenn Goethe in eminentester Weise jenen Zusammenhang darlegen konnte zwischen seinem Gedankenablauf und dem Ablauf der Dinge draußen. Goethe hat Meteorologie studiert. Die heutigen Meteorologen sehen von oben herab auf den Dilettantismus seiner Witterungskunde; aber die Dinge wurden bei ihm so, dass sie praktische Blickbewegungen waren, Blickbewegungen, die spürten, wenn sie einmal etwas überschauten, was aus einem Ereignis in der nächsten Zeit wird. Oft ist es geschehen, dass Goethe sich an das Fenster stellte, hinaussah und ein kleines Stück Himmel sah und sagte: In drei Stunden regnet es. — Das war eine bessere Vorhersage als manche heutige. Goethe webte in den Dingen darinnen mit seinen Gedanken. Namentlich durch sein Interesse an der Umwelt kann man sich auch künstlich diese Stufe der denkerischen Praxis aneignen.
[ 35 ] This becomes evident when Goethe was able to illustrate, in the most remarkable way, the connection between his train of thought and the course of events in the outside world. Goethe studied meteorology. Today’s meteorologists look down on the amateurish nature of his weather lore; but for him, these observations took the form of practical shifts in perspective—shifts that sensed, once they had taken in the whole picture, what an event would lead to in the near future. It often happened that Goethe would stand at the window, look out, see a small patch of sky, and say: “It will rain in three hours.”—That was a better forecast than many made today. Goethe wove his thoughts into the things around him. It is precisely through an interest in the environment that one can also artificially acquire this level of intellectual practice.
[ 36 ] Ein Zweites, was wichtig ist, ist die Lust und Liebe zu dem, was wir tun. Das heißt, wir müssen versuchen, Lust und Liebe zu haben zu den Handgriffen selber, gleichgültig, was daraus wird. Dann werden wir ebenso gerne das tun, was etwa verfehlt werden kann, wobei nichts herauskommt, als dasjenige, was zu schönen Resultaten führt. Das ist wirklich Bedingung des praktischen Denkens.
[ 36 ] A second important thing is the joy and love we have for what we do. That is to say, we must try to find joy and love in the actions themselves, regardless of the outcome. Then we will be just as happy to do things that might fail—and yield nothing—as we are to do things that lead to beautiful results. That is truly a prerequisite for practical thinking.
[ 37 ] Ich habe einen jungen Menschen gekannt, der hat sein praktisches Denken dadurch geübt, dass er sich seine Schulbücher selbst gebunden hat. Er hatte große Freude daran, alle diese verschiedenen Handgriffe zu machen, die man machen muss zum Bücherbinden. Das ist eine bessere Schulung des praktischen Denkens als alles Grübeln und Spintisieren. Die Notwendigkeit, sozusagen jeden Faden, den man einspannt und durchzieht, auf seine Wirkungsfähigkeit zu prüfen, immer achtgeben zu müssen, wie die Finger sich bewegen, das ist wirklich eine gute Vorschule für ein praktisches Denken. Und je mehr man vergebliche Versuche gemacht hat, desto besser für das praktische Denken.
[ 37 ] I knew a young person who honed his practical thinking by binding his own schoolbooks. He took great pleasure in performing all the different steps involved in bookbinding. That is a better training in practical thinking than all the brooding and daydreaming. The necessity of, so to speak, testing every thread you thread and pull for its effectiveness—always having to pay attention to how your fingers move—is truly excellent preparation for practical thinking. And the more futile attempts you’ve made, the better it is for practical thinking.
[ 38 ] Selbst ausgezeichnete Menschen auf dem Gebiete von Theorie und Praxis wie Leonardo da Vinci heben das hervor, und sie werden nicht müde, die Einzelheiten zu charakterisieren. Leonardo da Vinci spricht davon, wie man versuchen soll, um eine Vorlage abzuzeichnen, zuerst auf Pauspapier die Vorlage abzuzeichnen; dann legt man die Zeichnung über die Vorlage und prägt sich ein, wo man abgewichen ist. Dann zeichnet man noch mal und wendet auf die Stelle besondere Sorgfalt. Diese einfache Sache war Leonardo da Vinci nicht zu gering, um eine Seite seiner Werke damit zu füllen. Und man kann nach dieser Anweisung auf allen möglichen Gebieten des Lebens versuchen, das Denken zu einem praktischen zu gestalten.
[ 38 ] Even outstanding figures in the fields of theory and practice, such as Leonardo da Vinci, emphasize this, and they never tire of describing the details. Leonardo da Vinci explains that when trying to trace a model, one should first trace the model onto tracing paper; then one places the drawing over the original and notes where one has deviated. Then one draws again, paying special attention to those areas. Leonardo da Vinci did not consider this simple matter too trivial to devote an entire page of his works to it. And following this instruction, one can try to apply practical thinking to all possible areas of life.
[ 39 ] Das Dritte ist die innere Befriedigung an dem abgezogenen Denken. Das müsste eigentlich jeder haben, auf welchem Gebiete des Lebens er auch steht. Wenn er auch ein Geringes an Zeit darauf verwendet, es kommt ihm reichlich wieder herein, selbst in materieller Beziehung. Auf welchem Gebiete des Lebens man auch steht, man soll in die Lage kommen, nachzudenken nicht gerade über das, womit man sich betätigt, sondern über fremde Gebiete soll man Augenblicke des Nachdenkens über diese oder jene Frage haben. Solche Minuten des Nachdenkens, in denen man denkt in der Art, dass man nicht verlangt, dass das Denken einfließt in die Außenwelt, das soll mit innerer Befriedigung erfüllen. Mit dem Auflösen von Fragen, die eigentlich dem ferne stehen, was man denkt in Bezug auf das unmittelbar Praktische im Leben, kommt man als Mensch nicht weiter. Worin man zunächst nur innere Befriedigung hat, was man da mit seinen Gedanken ausführt, mit dem kommt man als Mensch weiter. Wenn der Tischler nur nachdenkt über die Herstellung von Tischen und Stühlen, so kommt er als Mensch nicht weiter. Als Mensch kommt man weiter, wenn man das, was innerlich befriedigt, denkt. Das bildet die Denkorgane. Da kommt man als Mensch, und mittelbar auch als Praktiker, weiter. Keiner wird leugnen, dass man anders dem Leben gegenübersteht, wenn man das oder jenes Wesen ist. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Hund oder ein Mensch vor der Sixtinischen Madonna steht. Der Mensch steht in einem ganz anderen Verhältnis dazu. Dadurch, dass der Mensch immer in einem bestimmten Gebiet bleibt, kommt er nicht über sich hinaus. Dadurch, dass er sich denkerisch betätigt und Befriedigung hat daran, dadurch kommt er weiter. Durch abgezogene Reflexion, in der er Befriedigung hat, wirkt er auf die Praxis anders als ohne sie, und er wird gerade dadurch hinauswachsen über ein enges Gebiet. Er wird über den Standpunkt des inneren Wagenschiebers mit einem innerlich befriedigenden Denken, das nichts weiter ist, als was innerliche Befriedigung gewährt und sucht, hinauswachsen.
[ 39 ] The third is the inner satisfaction derived from abstract thought. Everyone should actually experience this, no matter what area of life they are in. Even if one devotes only a little time to it, one reaps abundant rewards, even in material terms. No matter what sphere of life one is in, one should be able to reflect—not just on what one is currently engaged in, but also on other areas—and find moments to ponder this or that question. Such moments of reflection, in which one thinks without expecting that thought to flow into the external world, should fill one with inner satisfaction. Resolving questions that are actually far removed from what one thinks about in relation to the immediate practical aspects of life does not help one progress as a human being. What initially brings only inner satisfaction—what one does with one’s thoughts—is what helps one progress as a human being. If a carpenter thinks only about the manufacture of tables and chairs, he does not progress as a human being. As a human being, one makes progress when one thinks about what brings inner satisfaction. This develops the faculties of thought. That is how one makes progress as a human being—and, indirectly, as a practitioner as well. No one will deny that one approaches life differently depending on whether one is one kind of being or another. There is a great difference between a dog and a human standing before the Sistine Madonna. The human stands in a completely different relationship to it. Because the human always remains within a specific sphere, he does not transcend himself. It is through engaging in thought and deriving satisfaction from it that he progresses. Through detached reflection, in which they find satisfaction, they influence practice differently than they would without it, and it is precisely through this that they will grow beyond a narrow sphere. They will grow beyond the standpoint of the inner cart-pusher with a form of thinking that is internally satisfying—a thinking that is nothing more than that which grants and seeks inner satisfaction.
[ 40 ] Hier kann man auch die Gründe finden, warum es unrecht ist, dass immer und immer wieder betont wird von unseren Schulen: Ach, was werden dafür Dinge gelehrt, die man nicht anwenden kann im praktischen Leben! — Wenn sie nur ordentlich gelehrt werden, dann sind sie von ungeheurer Bedeutung, diese Dinge, die man nicht unmittelbar anwenden kann. Die bilden gerade den Menschen um, die Dinge, die man nicht anwenden kann im Leben. Was ausfließt ins Leben, fließt weniger ein in den Menschen selber; was nicht ausfließt ins Leben, bildet die feinen Organe. Das bringt den Menschen weiter. Dadurch wird er selbstständiger, dadurch wird er so durchkraftet von der Gärung der Gedanken, dass sie bis in die Glieder gehen. Man kann es sehen, dass der Mensch ein solch innerliches, ihn befriedigendes, nicht unmittelbar auf die Außenwelt gehendes Denken entfaltet; er wird beweglicher, geschickter in seinen Gliedern.
[ 40 ] Here, too, one can find the reasons why it is wrong for our schools to emphasize over and over again: “Oh, why are we taught things that can’t be applied in practical life?” — If they are taught properly, then these things—which cannot be applied immediately—are of immense importance. It is precisely these things—the things that cannot be applied in life—that transform the human being. What flows out into life flows less into the person themselves; what does not flow out into life shapes the subtle organs. This helps the person grow. Through this, they become more independent; through this, they are so energized by the ferment of thoughts that it reaches down into their limbs. One can see that a person develops such an inner, satisfying way of thinking—one that does not immediately turn toward the outer world—and becomes more agile and dexterous in their limbs.
[ 41 ] Nichts kann eine solche Schulung des Denkens ersetzen. Wer Erfahrung in diesen Dingen hat, kann sehr genau unterscheiden zwischen solchen, die die genannten Übungen machen und solchen, die es nicht tun. Wenn man zum Beispiel auf Reisen ist, kann man genau erkennen die «Praktiker». Diejenigen, die gerade in der Werkstatt praktisch sind, sind manchmal recht täppisch im Übrigen. Es wird einem eigentümlich zumute, wenn man sieht, wie die einfachste Fingerbewegung nicht geleistet werden kann, wenn die Situation eine andere ist, als sie gewöhnlich ist. Das ist unmittelbar ein Ausfluss dessen, dass sie nicht gewöhnt worden sind, innerlich Gedanken zu entwickeln und Befriedigung daran zu haben. Man muss natürlich nicht etwa das eine tun ohne das andere. Wer nur in Reflexion leben will, wird ein Lebensfeind und Spekulant. Der aber, bei dem sich die beiden Dinge entsprechend die Waagschale halten, wer ruhig auf die Dinge blickt und ruhig reflektiert, der wird sein ganzes Leben durchkraften, man möchte sagen, mit Geschicklichkeit. Er wird zu allem anstellig; er nimmt selbst den Suppenlöffel anders als einer, der das nicht tut.
[ 41 ] Nothing can replace this kind of training of the mind. Anyone with experience in these matters can distinguish very clearly between those who do the exercises mentioned and those who do not. When traveling, for example, one can easily spot the “practitioners.” Those who are skilled in the workshop are sometimes quite clumsy in other respects. It is a peculiar feeling to see how even the simplest finger movement cannot be performed when the situation is different from what it usually is. This is a direct result of the fact that they have not been accustomed to developing thoughts internally and finding satisfaction in them. Of course, one need not do one without the other. Anyone who wants to live solely in reflection becomes an enemy of life and a speculator. But the person in whom these two things are in proper balance—who looks at things calmly and reflects calmly—will navigate his entire life, one might say, with skill. He becomes adept at everything; he even holds a soup spoon differently than someone who does not.
[ 42 ] Bis in die Einzelheiten des Lebens geht das; denn Gedanken sind Realitäten. Sie teilen sich dem Materiellen auf allen möglichen Wegen mit. Darauf kommt es an. Auf diese Weise schulen wir unser Denken zur rechten Praxis heran. Wir sehen dann hinaus zu den Fenstern des Wagens, in dem wir sitzen, und sehen die Gesetze, die dadurch gegeben sind, dass der Wagen noch mit der Welt zusammenhängt, und schieben nicht bloß innen. Das ist sehr verbreitet, dieses Schieben im Innern; und gerade in unserer heutigen Zeitkultur, wie sie beeinflusst wird so intim und intensiv von der Naturwissenschaft, da kann der, der sich eingelassen hat auf wirkliche praktische Denkschulung, sehen, wie viel abhängt von der bloßen Unpraxis des Denkens.
[ 42 ] This extends even into the details of life; for thoughts are realities. They manifest themselves in the material world in all kinds of ways. That is what matters. In this way, we train our thinking toward proper practice. We then look out the windows of the car in which we are sitting and see the laws that arise from the fact that the car is still connected to the world, and we do not merely push inward. This inward pushing is very common; and especially in today’s culture—which is so intimately and intensely influenced by the natural sciences—those who have committed themselves to genuine, practical training of the mind can see how much depends on the mere lack of practice in thinking.
[ 43 ] Wenn die Menschen eine Ahnung davon hätten, was praktisches Denken ist, so würden sie schon an dem Unpraktischen des Denkens sehen, dass gewisse Dinge eben falsch sein müssen. Die Tatsachen, die von der Naturwissenschaft erforscht werden, können bewunderungswürdig sein, aber die Schlüsse, die daraus gezogen werden, sind häufig schauderhaft durch das unpraktische Denken dessen, der sie zieht. Wodurch soll heute für viele nachgewiesen werden, dass es eigentlich keine Seele gibt, dass alles, was der Mensch vollbringt, auf rein mechanischen Gesetzen beruht? Ja, da finden Sie noch in einem «Abriss der Psychologie» — von einem Menschen geschrieben, der großes Ansehen hat — auf den ersten Seiten eine ganz merkwürdige Schlussfolgerung. Wer nur einen Funken hat von Begriff und praktischem Denken, der wird diese sogleich auf ihren wahren Wert zurückführen können. Da steht: Frühere Zeiten haben gesagt, es gäbe eine selbstständige Seele; heute aber ist der Mensch auch eingespannt worden in dies Gespinst von der Erhaltung der Kraft. Da wurde zuerst untersucht, sagt man, an Tieren, dass alles, was man an Nahrung ihnen zuführt, nur umgewandelt wird, und dass das, was sie verrichten, umgewandelte Nahrung ist. Was die Tiere an Kraft erhalten, ist nur umgewandelte Nahrung. Wie sollte da eine selbstständige Seele sein, wenn das bloß umgewandelt herauskommt, was man hineingestopft hat?
[ 43 ] If people had the slightest idea what practical thinking is, they would see from the impracticality of the thinking itself that certain things simply must be wrong. The facts investigated by the natural sciences may be admirable, but the conclusions drawn from them are often appalling due to the impractical thinking of those who draw them. How is it to be proven to many people today that there is actually no soul, that everything humans accomplish is based on purely mechanical laws? Indeed, even in an “Outline of Psychology”—written by a person of great renown—you’ll find a quite peculiar conclusion right on the first few pages. Anyone with even a spark of understanding and practical thinking will be able to immediately assess this for what it’s really worth. It says: In earlier times, it was said that there was an independent soul; today, however, humanity has also been ensnared in this web of the conservation of energy. It is said that it was first investigated in animals that everything one feeds them is merely transformed, and that what they produce is transformed food. The energy animals derive is merely transformed food. How could there be an independent soul if what comes out is merely a transformed version of what was crammed into them?
[ 44 ] Man hat sich nicht damit begnügt, dies beim Tier zu zeigen, man hat auch beim Menschen versucht zu zeigen, wie das, was man an Kraftwerten der Nahrung in den Menschen hineinsteckt, dass das wieder in anderen Formen herauskommt. Wozu braucht man da eine Seele? An Studenten wurde das probiert. Sehr scharfsinnig sind die Rechnungen, die nachweisen sollen, dass keine Seele darinnen sein kann, dass alles umgesetzte Nahrungskraft ist, was der Mensch denkt und tut. Die Tatsachen sind bewunderungswürdig scharf beobachtet. Die Methoden sind sehr schön ausgedacht, die Instrumente großartig. Die Schlussfolgerungen sind aber die grausigsten, die man sich denken kann. Man braucht den Gedanken nur zurückzuführen auf die einfachsten Elemente, dann wird man dies gleich sehen.
[ 44 ] It was not enough to demonstrate this in animals; attempts were also made to show in humans how the nutritional energy introduced into the body is released again in other forms. Why would a soul be needed for that? This was tested on students. The calculations intended to prove that there can be no soul involved—that everything a person thinks and does is merely transformed nutritional energy—are very astute. The facts have been observed with admirable precision. The methods are very well thought out, and the instruments are magnificent. The conclusions, however, are the most horrific one can imagine. One need only trace the thought back to its simplest elements to see this immediately.
[ 45 ] Der Gedanke ist genau nach folgendem Muster aufgebaut. Wir stellen uns bei einer Bank auf. Wir wissen, in diese wird Geld getragen. Jetzt prüfen wir all das Geld, wir schreiben alles auf, einzeln. Dann prüfen wir, was herausgetragen wird. Wir kommen dann zu dem wundervollen Resultat, dass das Geld, das herausgetragen wird, genau so viel ist wie das, was hineingetragen wird. Daraus schließen wir, dass da keine Beamten drinnen zu sein brauchen; denn ebenso viel Geld wird herausgetragen als hineinkommt. Ebenso scharfsinnig ist das andere Urteil: Ebenso viel kommt heraus an Arbeit und Gedankenkraft, als an Nahrungswerten in den Menschen hineingelangt.
[ 45 ] The idea is structured exactly according to the following pattern. We line up at a bank. We know that money is being brought into it. Now we check all the money and write everything down, item by item. Then we check what is being taken out. We then arrive at the wonderful conclusion that the money carried out is exactly the same amount as what is carried in. From this, we conclude that there is no need for officials inside, since just as much money is carried out as comes in. Equally astute is the other observation: just as much comes out in the form of work and mental energy as enters people in the form of nutritional value.
[ 46 ] Aber in viel feinere Gebiete geht das noch hinein. Wir haben heute ein wunderbares Forschungsgebiet, das hineinleuchtet in die kleinsten Organe der Wesenheiten. Da finden sich sehr bedeutsame kleine Organe. Die Forschungsmethoden sind bewunderungswert, durch die man imstande ist, an Pflanzen etwas nachzuweisen, was die menschlichen Seelenorgane nachahmt. Man weist nach, dass facettenartige Organe da sind, die das Auge bilden. Ja, man fotografiert sogar Bilder, die da entstehen in den Pflanzenaugen, und daraus wird geschlossen — es soll nichts verunglimpft werden an der wunderbaren Forschungsmethode, aber es soll nur die Schlussfolgerung ins rechte Licht gesetzt werden —, da wird geschlossen: Weil das so beobachtet werden kann, so müsse die Pflanze in ähnlicher Weise beseelt sein wie Tier und Mensch. Man sieht gewisse Pflanzen, welche durch ihre Organe Insekten heranziehen und sie verzehren. Eine gewisse Fresstätigkeit, Sinnestätigkeit entwickeln sie; sie ziehen Insekten an und verdauen sie gleichsam. Und die Schlussfolgerungen, die man daran schließt, sind sehr geeignet, zu verwischen den Unterschied, der nicht verwischt werden darf zwischen Pflanze, Tier und Mensch.
[ 46 ] But it goes even deeper into much finer realms. Today we have a wonderful field of research that sheds light on the tiniest organs of living beings. There we find very significant tiny organs. The research methods are admirable; through them, we are able to demonstrate in plants something that mimics the organs of the human soul. It has been shown that there are faceted organs that form the eye. Indeed, images are even photographed that arise in the eyes of plants, and from this it is concluded—not to disparage this marvelous research method, but merely to place the conclusion in its proper light—it is concluded: Since this can be observed, the plant must be animated in a manner similar to that of animals and humans. One sees certain plants that attract insects through their organs and consume them. They develop a certain predatory activity, a sensory activity; they attract insects and digest them, as it were. And the conclusions drawn from this are very likely to blur the distinction—which must not be blurred—between plants, animals, and humans.
[ 47 ] Derjenige, der mit praktischem Denken vertraut ist, kann Folgendes sagen: Ich kenne auch ein merkwürdiges Wesen, das hat auch die Eigenschaft, durch gewisse Verrichtungen in seinem Innern wie mit magnetischer Kraft kleine Wesen anzuziehen und, wenn sie herankommen, sie dann nicht nur in sein Inneres zu befördern, sondern sie dort sogar zu töten. Das ist nämlich die Mausefalle. Und die Gedankenform, die man anwendet jetzt auf die Mausefalle, die ist nach demselben Muster gebildet wie die Gedankenformen, die von manchen Leuten angewendet werden auf etwas, was ein neues Gebiet der Pflanzen erschließen soll, auf das Seelenleben der Pflanzen.
[ 47 ] Anyone familiar with practical thinking might say the following: I also know of a strange creature that has the ability to attract small creatures through certain internal processes, as if by magnetic force, and, when they approach, not only to draw them into its interior but even to kill them there. This is, in fact, the mousetrap. And the thought-form that is now applied to the mousetrap is formed according to the same pattern as the thought-forms that some people apply to something intended to open up a new field of study—the inner life of plants.
[ 48 ] Wenn man solche Dinge sich vor Augen führt, dann kann man ein wenig ermessen, wie wichtig es ist, dieses Denken wirklich durch die angegebenen Mittel praktisch zu schulen. Man kann nicht bloß die Umsichtigkeit des Denkens schulen, sondern es auch durch künstliche Mittel bis zu einer gewissen Klarheit des Denkens bringen, durch die folgenden Übungen. Wiederum weichen die Übungen von den Denkgewohnheiten ab.
[ 48 ] When one considers such things, one can begin to appreciate how important it is to truly train this way of thinking in practice using the methods described. Not only can one train the mind to think with caution, but one can also, through artificial means, bring it to a certain clarity of thought by means of the following exercises. Once again, these exercises deviate from habitual ways of thinking.
[ 49 ] Die meisten Menschen werden nicht schnell genug sich ihre Urteile bilden können über irgendeine Sache. Und wenn sie sie haben, so befriedigt sie das. Sie denken nicht daran, dass es auch hätte anders sein können; wenn ein anderer etwas anderes sagt, dann ist er ein Tor. Auf diese Weise lernt man nicht denken. Man lernt es dadurch, dass man, wenn man sich eine Meinung gebildet hat, dass man auch die andere Denkmöglichkeit sich vorhält, dass man an demjenigen, was man selber gemeint hat, nicht festhält, sondern auch die andere Meinung in aller Liebe danebensetzt. Man wird sehen, dass das möglich ist, was nur charakterisiert werden kann dadurch, dass man sagt: Nur der kann die Wahrheit erkennen, der auch der eigenen Meinung nicht achtet.
[ 49 ] Most people are unable to form their own judgments about any matter quickly enough. And once they have formed them, they are satisfied with them. They do not consider that things could have been different; if someone else says something else, then that person is a fool. This is not how one learns to think. One learns to think by, once an opinion has been formed, also considering the other possible way of thinking—by not clinging to one’s own view, but rather setting the other opinion alongside it with all kindness. You will see that this is possible—a fact that can only be characterized by saying: “Only those who do not hold fast to their own opinions can recognize the truth.”
[ 50 ] Es ist sehr nützlich, sich zunächst, wenn man eine Frage zu beantworten, eine Aufgabe zu lösen hat, sich vorzuhalten die verschiedenen Arten, wie man sie auflösen kann, und dann die Sache ruhen zu lassen, überhaupt sich zu sagen: Jetzt lässt du das ruhen. Man muss da nämlich einen Glauben haben, der sehr wichtig ist für die Praxis, den Glauben, dass man in sich etwas hat, eine Art höheren Menschen, der noch besser denken kann, als man denkt, wenn man selbst dabei ist. Man braucht nicht so egoistisch zu sein, dass man überall dabei sein will, was in der Seele vorgeht, und zu glauben, man weiß das Allerbeste. Wer an die reale Gültigkeit des Denkens glaubt und zu ihr Vertrauen hat, wird sich sagen: meine Gedanken werden durch ihre eigenen Kräfte am schönsten sachlich vorwärtskommen, wenn ich selber gar nicht dabei bin, wenn ich mich ausschalte und an anderes gehe, und morgen oder übermorgen mir das alles wieder vorlege. Da wird man bemerken, dass man, wenn man nicht dabei gewesen ist, über diese Frage viel gescheiter geworden ist. Die Denkmöglichkeiten arbeiten dann in einem, und man kommt zu einer Entscheidung in viel günstigerem Sinne. Das ist von ungeheurer Bedeutung. Und wenn man glaubt, die Selbstlosigkeit hat ein zweites Mal es noch nicht zur Entscheidung kommen lassen, dann ist es von ungeheurer erzieherischer Bedeutung, wenn man noch mal zuwartet. Und man wird sehr bald bemerken, wie das Denken klarer und schlagfertiger wird. Man wird viel leichter, wenn man das Denken also geschult hat, rasch die Dinge zusammendenken können.
[ 50 ] When you have a question to answer or a problem to solve, it is very helpful to first consider the various ways in which it can be solved, and then set the matter aside—to tell yourself: “Now you’re going to let this rest.” For one must have a belief that is very important in practice—the belief that one has something within oneself, a kind of higher self that can think even better than one does when one is actively involved. One need not be so selfish as to want to be present for everything that goes on in the soul and to believe that one knows what is best. Anyone who believes in the real validity of thought and has confidence in it will say to themselves: My thoughts will make the most beautiful, objective progress through their own power when I am not even present, when I step back and turn my attention to something else, and then revisit all of this tomorrow or the day after. Then one will notice that, by not having been involved, one has become much wiser regarding this question. The possibilities of thought then work within you, and you arrive at a decision in a much more favorable way. This is of immense importance. And if you believe that selflessness has not yet allowed a decision to be reached a second time, then it is of immense educational importance to wait a little longer. And you will very soon notice how your thinking becomes clearer and more quick-witted. Once you have trained your thinking in this way, you’ll be able to piece things together much more easily and quickly.
[ 51 ] So kann man im Einzelnen die Dinge angeben, durch die das Denken sich allmählich schulen kann. Wiederum etwas von großer Bedeutung ist das, dass man beachtet für die praktische denkerische Ausbildung das Folgende: Solange du Interesse an einer Sache hast, sollst du sie anschauen, beobachten und schweigen. Reden sollst du erst, wenn du kein unmittelbares Interesse mehr daran hast, wenn du dich über die Sache erhoben hast. Solange man noch zu sehr engagiert ist mit dem Interesse an einer Sache, soll man sie berücksichtigen und schweigen. Dann redet man am besten, wenn man nicht mehr das unmittelbare Interesse hat, sondern losgekommen ist mit seiner Freude und seinem Leid. Wer das tun kann, kommt sehr weit. Wer sich vornimmt, sich ein Urteil erst zu bilden, wenn das Interesse geschwunden ist, wer sich für alles interessieren kann und mit dem Urteil zurückhalten kann, wer erst in der Erinnerung sich das Urteil bildet, der kommt sehr weit. Das ist ein ganz bedeutsamer Fingerzeig, wie man das praktische Denken wesentlich schulen kann.
[ 51 ] In this way, one can specify in detail the things through which the mind can gradually be trained. Another point of great importance is that, for practical training in thinking, one should observe the following: As long as you have an interest in a matter, you should look at it, observe it, and remain silent. You should speak only when you no longer have an immediate interest in it, when you have risen above the matter. As long as you are still too deeply engaged with your interest in a matter, you should consider it and remain silent. It is best to speak when you no longer have that immediate interest, but have detached yourself from your joy and sorrow. Those who can do this will go very far. Anyone who resolves to form a judgment only after their interest has faded, who can take an interest in everything while holding back on judgment, and who forms their judgment only in retrospect—such a person goes very far. This is a very significant pointer on how to effectively train practical thinking.
[ 52 ] Und was nun wiederum besonders wichtig ist, das ist, dass man gar nicht dabei ist mit dem, was man schon ist, bei der Art, wie sich das Denken heranbildet. Sehr wichtig für den, der praktisch sich schulen will, ist, dass er gewisse Zeiten am Tage versucht, gar nicht zu denken. Denn dadurch wird das Denken am besten geschult, dass wir es durch unser Denken möglichst wenig schädigen. Wenn wir uns aller Gedanken entschlagen können, wenn wir es vermögen, gar nicht die Gedanken, die wir fassen können, zu fassen, sondern nichts zu denken, dann wirkt die innere, immer vorhandene Kraft der Seele und bringt uns eigentlich ein Stück vorwärts.
[ 52 ] And what is particularly important here is that, in the way our thinking develops, we are not even present with what we already are. It is very important for anyone who wants to train themselves in a practical way to try, at certain times of the day, not to think at all. For the best way to train thinking is to cause it as little harm as possible through our own thinking. If we can let go of all thoughts—if we are able not to grasp even the thoughts we are capable of grasping, but rather to think nothing at all—then the inner, ever-present power of the soul takes effect and actually moves us a step forward.
[ 53 ] Das ist sehr schwer, und die Energie, die man aufwenden muss dazu, ist sehr groß. Aber es ist von ungeheurem Werte, alles, was an irrlichtelierenden Gedanken auf- und abwogt im Innern, zu unterdrücken und gar nichts zu denken. Was in uns denkt, ist auch dann da, wenn wir selbst nicht mitdenken. Das bildet sich am besten aus, wenn wir eine Weile nicht dabei sind. Denn dann stehen wir durch unsere Persönlichkeit, durch unsere Individualität nicht im Wege. Wie es schon Arbeit ist, wenn wir verschiedene Möglichkeiten uns vorhalten und die Gedanken dann selbst arbeiten lassen, so ist es von wesentlicher Bedeutung, dass wir das, was Gedankenkraft ist, arbeiten lassen, ohne dass wir dabei sind, dass wir, wenn auch während noch so kurzer Augenblicke, das denkerische Wesen in uns sich entwickeln lassen ohne unser Zutun. Wer das längere Zeit macht, wird schon die große Wohltat einer solchen Sache bemerken.
[ 53 ] This is very difficult, and it requires a great deal of energy. But it is of immense value to suppress all the flickering, will-o’-the-wisp-like thoughts that ebb and flow within us and to think of nothing at all. What thinks within us is still there even when we ourselves are not thinking along with it. This develops best when we step back for a while. For then we do not stand in the way through our personality, through our individuality. Just as it is work to consider various possibilities and then let our thoughts work on their own, so it is of essential importance that we allow the power of thought to work without our active involvement—that we allow the thinking essence within us to develop, even if only for the briefest moments, without our intervention. Anyone who does this for an extended period will surely notice the great benefit of such a practice.
[ 54 ] Es ist schon richtig, was Fichte gesagt hat in Bezug auf eine ganz andere Sache. Sehen Sie, er hat über die «Bestimmung des Gelehrten» gesprochen und wusste voraus, dass er so hohe Ideale aufstellen muss, dass die Menschen nicht mitgehen, weil sie es unpraktisch finden. Da sagt er dann:
[ 54 ] What Fichte said—albeit in reference to an entirely different matter—is indeed true. You see, he spoke about the “vocation of the scholar” and knew in advance that he would have to set such high ideals that people would not follow him because they would find them impractical. So he says:
Dass Ideale sich im wirklichen Leben nicht unmittelbar anwenden lassen, das wissen wir ebenso gut. Wir behaupten nur, dass nach ihnen die Wirklichkeit beurteilt, und von denen, die dazu die Kraft in sich fühlen, modifiziert werden müsse. Gesetzt, sie könnten auch davon sich nicht überzeugen, so verlieren sie dabei, nachdem sie einmal sind, was sie sind, sehr wenig; und die Menschheit verliert nichts dabei. Es wird dadurch bloß klar, dass auf sie nicht im Plane der Veredlung der Menschheit gerechnet werden kann. Diese wird ihren Weg ohne Zweifel fortsetzen; über jene wolle die gütige Natur walten und ihnen zur rechten Zeit Regen und Sonnenschein, zuträgliche Nahrung und ungestörten Umlauf der Säfte, und dabei — kluge Gedanken verleihen.
We know just as well that ideals cannot be directly applied in real life. We merely assert that reality must be judged by them and, by those who feel they have the strength to do so, modified accordingly. Suppose they cannot be convinced of this either; even so, once they are what they are, they lose very little in the process, and humanity loses nothing. It merely becomes clear that they cannot be counted on in the plan for the betterment of humanity. Humanity will undoubtedly continue on its path; as for them, may benevolent nature take care of them and, at the right time, grant them rain and sunshine, wholesome nourishment, and the uninterrupted flow of vital juices—and, in the process, bestow upon them wise thoughts.
[ 55 ] So sagt Fichte über die, die von der Unpraxis der Ideale sprechen. Eine gütige Vorsehung tut in Bezug auf das menschliche Denken allerdings das Ihrige. Für vieles, was der Mensch verdirbt an seiner Gedankenkraft, wird der Ausgleich geschaffen dadurch, dass der Mensch schläft. Würde er immer wachen und durch seine Gedanken die Denkkraft beeinträchtigen, dann wäre das nicht auszuhalten. Dass der Mensch schläft, gibt ihm die Möglichkeit, immer wieder vorzurücken in die innere Denkkraft. Es wird das Denken aber viel wesentlicher gefördert, wenn der Mensch sich entschließt, nicht zu denken, obwohl er wach ist. Die Augenblicke des Nichtdenkens sind die größten erzieherischen Mittel für das Denken.
[ 55 ] This is what Fichte says about those who speak of the impracticality of ideals. A benevolent providence, however, does its part with regard to human thought. Much of what humans corrupt in their power of thought is compensated for by the fact that humans sleep. If humans were always awake and impaired their power of thought through their thoughts, it would be unbearable. The fact that humans sleep gives them the opportunity to advance again and again into their inner power of thought. However, thinking is promoted much more effectively when humans resolve not to think, even though they are awake. The moments of not thinking are the greatest educational tools for thinking.
[ 56 ] Nur einzelne Punkte konnten aus dem Umfange dessen, was man zu sagen hätte und was zwanzig Vorträge nicht erschöpfen könnten, herausgehoben werden, einzelne Punkte, die angeben können, wie man aus den Gesetzen der Geisteswissenschaft oder Theosophie heraus finden kann, wie das Denken für das praktische Leben geschult wird. Denn wahrhaftig, es wird das Denken durch solche Dinge geschult, es wird das Denken sowohl für Scharfsichtigkeit und Klarheit wie auch für die Geistesgegenwart geschult. Immer weiter kommen wir, wenn wir es uns nicht verdrießen lassen, solche Dinge anzuwenden. Man möchte sagen: Würde man zeitig genug solche innere Schulung des Denkens auch pädagogisch anwenden, so würde alles das, was im Innern herausziseliert werden kann, den menschlichen Organismus so durchdringen, dass er ganz geschickt würde.
[ 56 ] Only a few points could be singled out from the vast scope of what there is to say—a scope that twenty lectures could not exhaust—points that can indicate how, through the laws of spiritual science or theosophy, one can discover how to train the mind for practical life. For truly, thinking is trained through such things; it is trained both in sharpness and clarity as well as in presence of mind. We make ever greater progress if we do not allow ourselves to be deterred from applying such things. One might say: If such inner training of the mind were applied pedagogically early enough, everything that can be chiseled out from within would permeate the human organism to such an extent that it would become fully adept.
[ 57 ] Was heute gesagt worden ist, ist konkretes Denken, das den Menschen geschickt macht. Ich sage Ihnen, so sonderbar es klingt: Dafür sorgt noch die Natur, dass die Menschen aufheben können, was ihnen heruntergefallen ist. Würde man aber die Denkkräfte so schulen, wie es heute gesagt worden ist, man würde die Menschen dahin bringen, dass sie mit den Zehen aufheben können, was ihnen herunterfällt. Nur die Nicht-Schulung des Denkens macht es, dass man in vielen Dingen so ungeschickt ist, weil die Schulung des Denkens nicht im Zentrum des Menschen arbeitet, nicht auf den Mittelpunkt geht. Dieses Prinzip liegt in allem, was heute gesagt worden ist: auf den Mittelpunkt des Menschen zugehen, von diesem heraus die Kräfte in alle menschlichen Glieder hineinstrahlen zu lassen, dass der Mensch bis zur richtigen Handhabung des Suppenlöffels befähigt wird.
[ 57 ] What has been said today is concrete thinking, which makes people skillful. I tell you, as strange as it may sound: Nature still ensures that people can pick up what has fallen to the ground. But if one were to train the powers of thought as has been described today, one would enable people to pick up with their toes whatever falls to the ground. It is only the lack of training in thinking that makes us so clumsy in many things, because the training of thought does not work at the center of the human being; it does not reach the center. This principle underlies everything that has been said today: moving toward the center of the human being, allowing the forces to radiate out from this center into all the human limbs, so that the person becomes capable of even handling a soup spoon correctly.
[ 58 ] Wenn so durch die Geisteswissenschaft eine richtige Schulung in das Denken hineinkommt, dann wird der Mensch systematisch gerade in Goethe ein Vorbild sehen, er wird zu einem in die Dinge untertauchenden und deshalb gültigen Denken kommen. Gerade dadurch, dass man sein Denken so schult, kommt man dazu, überall die einfachsten Gedanken zu finden, das zu finden, was leicht überschaut werden kann. Man muss alle Dinge auf ihre einfache Gedankenkonstruktion zurückführen können. Das kann man nur, wenn das Denken in der angegebenen Weise geschult wird, sonst geht das Denken seine eigenen Wege. Im Einzelnen können die Gedanken richtig sein, aber im Ganzen sind sie nicht brauchbar.
[ 58 ] When spiritual science brings about a proper training of the mind in this way, then people will systematically come to see Goethe as a role model; they will develop a way of thinking that delves deeply into things and is therefore valid. It is precisely by training one’s thinking in this way that one comes to find the simplest thoughts everywhere—to find what can be easily grasped. One must be able to trace all things back to their simple conceptual structure. This is possible only if thinking is trained in the manner described; otherwise, thinking goes its own way. Individually, the thoughts may be correct, but taken as a whole, they are not useful.
[ 59 ] Nicht wahr, wie schön wird gerade heute in der Wissenschaft bewiesen das oder jenes, was ein klares Denken überhaupt auf den ersten Blick als Irrtum erkennt. Da gibt es heute Leute, die sagen zum Beispiel: Eigentlich gibt es keine Substanz, sondern nur Bewegung. Es ist in der letzten Zeit eine geistreiche Broschüre erschienen, die den Standpunkt einnimmt, dass alles Bewegung ist. Da wird wirklich gesagt, wenn der Mensch von einem Ort zum anderen geht, so trägt er nicht etwa das, was uns als seine Substantialität erscheint, von einem Ort zum andern, sondern das ist nur Bewegung, und indem er zum anderen Ort geht, reiht er eine neue Bewegung an. Das ist ganz nach dem Muster dessen gedacht, dass da oben die Sonne ist, die Sonnenteilchen sind bewegt, sie tanzen; indem sie tanzen, geht nicht etwas von der Sonne zu uns, sagt man, die nächste Ätherumgebung tanzt, und es tanzt der Äther bis zu uns herab. Nur die Bewegung wird übertragen, sagt man, und das wird als Licht empfunden. Dieser ganze Äthertanz wird in diesem scharfsinnigen Buch auf den Menschen angewendet. Der ganze Mensch ist eigentlich nur ein Tanz. Wenn ich an den nächsten Ort gehe, so erzeuge ich eine neue Bewegung und so weiter. Man möchte dem guten Mann nur raten, wenn er geht, ja nur niemals zu vergessen, dass er die Bewegung wieder neu erzeugt, sonst müsste er ins Nichts hinein verschwinden.
[ 59 ] Isn’t it true that, in science today, this or that is being “proven”—things that clear thinking recognizes as errors at first glance? There are people today who say, for example: “Actually, there is no such thing as substance; there is only motion.” A witty pamphlet has recently been published that takes the position that everything is motion. It actually states that when a person walks from one place to another, he does not carry what appears to us as his substance from one place to another; rather, that is merely motion, and as he walks to the other place, he adds a new motion to the sequence. This is conceived entirely along the lines of the idea that up there is the sun; the sun’s particles are in motion—they dance; as they dance, it is not that something from the sun comes to us, it is said, but rather the nearest etheric environment dances, and the ether dances down to us. Only the movement is transmitted, it is said, and this is perceived as light. This entire “ether dance” is applied to human beings in this insightful book. The whole human being is, in fact, nothing but a dance. When I walk to the next place, I generate a new movement, and so on. One can only advise this good man, when he walks, never to forget that he is generating the movement anew; otherwise, he would have to vanish into nothingness.
[ 60 ] Das ist ein Beispiel dafür, wie heute alles auf Bewegung zurückgeführt wird. Goethe aber hat es in seinem geraden Denken erfahren müssen, dass damals alles auf die Ruhe zurückgeführt wurde. Alles dies ist durch das unpraktische Denken verursacht, das nicht imstande ist, Kompliziertes auf Einfaches zurückzuführen. Goethe stand als Praktiker alledem gegenüber, und dass er sich in all dem Schrullenhaften zurechtfand, fußt auf dem, was er in seiner Denkpraxis gesagt hat.
[ 60 ] This is an example of how everything today is traced back to movement. Goethe, however, had to learn through his clear-headed thinking that, in his time, everything was traced back to stillness. All of this stems from impractical thinking, which is incapable of reducing the complex to the simple. As a man of practice, Goethe stood in opposition to all of this, and his ability to navigate all that eccentricity is rooted in what he said about his practice of thinking.
[ 61 ] Das wollen wir uns auch zum Schlusse sagen. Es kann auch den richtigen Gesichtspunkt angeben für die Gesinnung, die wir uns aneignen sollen. Er hat erfahren, dass sich seiner praktischen Denkweise gegenüberstellten Leute, die unpraktisch dachten, und da sagte er den Grundsatz, den man wirklich für alle Denkpraxis sich in die Seele schreiben soll, den Grundsatz:
[ 61 ] Let’s keep that in mind as we conclude. It can also provide the right perspective for the mindset we should adopt. He discovered that his practical way of thinking was opposed by people who thought impractically, and so he articulated the principle that one should truly take to heart in all practical thinking—the principle:
Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie dir Bewegung leugnen,
Geh’ ihnen vor der Nas’ herum!
You may spot something hostile,
Stay calm, stay silent;
And if they deny you freedom of movement,
Go right under their noses!
