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Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b

13 Februar 1909, Nürnberg

49. Die Praktische Ausbildung des Denkens

[ 1 ] Wer sich obenhin und oberflächlich unterrichtet aus dieser oder jener Broschüre über das, was Geisteswissenschaft oder Theosophie will, was sie sich als ihr Ziel stellt, der kann leicht zu einem Urteil kommen, zu dem zweifellos viele, viele unserer Zeitgenossen, die auf diese Art von Theosophie hören, kommen, zu dem Urteile: Was hat denn eigentlich gerade diese Geisteswissenschaft oder Theosophie zu sagen über die praktische Ausbildung des Denkens? Denn viele bilden sich ja durch solche oberflächliche Bekanntschaft die Meinung, Geisteswissenschaft oder Theosophie sei etwas im Wolkenkuckucksheim Schwebendes, Weltenfremdes und Weltenfernes, das die Menschen abziehe von der wahren, echten Praxis des Lebens, und sie könne daher am allerwenigsten etwas sagen über die Forderungen des praktischen Denkens, das doch eigentlich verknüpft sein soll mit den Forderungen des praktischen Lebens.

[ 2 ] Wer freilich sich etwas tiefer einlässt auf das, was Geisteswissenschaft oder Theosophie ihrem Wesen nach ist, der wird zu einem anderen Urteile kommen und wird namentlich erkennen, dass sie aus zwei Gründen gerade berufen ist, auch über das Denken als eine praktische Lebensaufgabe einiges zu sagen.

[ 3 ] Der erste Grund ist der, dass Theosophie oder Geisteswissenschaft gar nicht unpraktische, lebensfremde und lebensfeindliche Menschen heranbilden soll, dass sie im Gegenteil in alledem, was sie sein will, hineingreifen kann in das alleralltäglichste Leben, man möchte sagen, in die Handgriffe des stündlichen Lebens, mit dem wir es zu tun haben in der Lebenspraxis. Erst dann ist die Aufgabe von Geisteswissenschaft oder Theosophie richtig erfasst, wenn sie uns durchdringt bis in alle unsere einzelnen Verrichtungen, wenn sie uns sozusagen nicht nur weise macht, nicht nur belehrt über die höchsten Aufgaben und Rätsel des Daseins, sondern wenn sie uns geschickt, praktisch macht für das alleralltäglichste Leben. Das ist der eine Grund. Der andere ist ein solcher, der in engerem Sinne mit der Aufgabe und der Mission der Geisteswissenschaft oder Theosophie zusammenhängt.

[ 4 ] Es ist oft auch hier betont worden in dieser Stadt, dass das, was Geisteswissenschaft oder Theosophie zu sagen hat über die höchsten Probleme des Daseins, über die Geheimnisse des Lebens, über die Rätsel des Menschen, was durch sie vorgebracht wird aus den Beobachtungen des hellseherischen Bewusstseins heraus, dass alles das, wenn es vorgebracht wird, verstanden werden kann durch den vorurteilsfreien, gesunden Menschenverstand. Das wurde oftmals gesagt. Geforscht, gesucht werden kann in den höheren Welten nach den Gesetzen und Geheimnissen des Daseins nur von dem, der die in seiner Seele schlummernden Fähigkeiten und Kräfte, das geistige Auge, das geistige Ohr ausgebildet hat. Wenn dann das erzählt wird, was da erforscht ist in den höheren Welten, so kann es von jedem verstanden werden, der sich von diesem Verstehen nur nicht abhalten lässt durch die Vorurteile, die ihm zufließen durch Suggestion unserer Zeitkultur oder einer anderen Kultur.

[ 5 ] Wenn also Theosophie so verstanden werden kann, so ist sie für jeden, auf welchem Posten des Lebens er auch stehen mag, nicht nur nützlich, sondern notwendig, sie macht ihn sozusagen erst zum wahren Menschen. Sie ist also ein allgemein menschliches Gut, und sie kann und muss auch Interesse haben für den, der sich vielleicht überhaupt sagt: Ich komme doch nicht mehr dazu in diesem Leben, selber ein Geistesforscher zu werden, selber mir die Augen öffnen zu lassen, um hineinzuschauen in die geistigen Welten. Das braucht man auch gar nicht, um Geisteswissenschaft oder Theosophie kennenzulernen; aber von gewissen Gesichtspunkten aus ist Geisteswissenschaft oder Theosophie eine Vorbereitung auch für dieses Öffnen der geistigen Augen, der geistigen Erkenntnis- und Wahrnehmungsorgane überhaupt. Sie soll hinaufführen den Menschen in die geistige Welt.

[ 6 ] Wer also hinaufdringen will in diese geistigen Welten, wer sozusagen sich erwerben will das hellseherische Bewusstsein, für den ist nicht Schwärmerei, nicht ein überhitzter Enthusiasmus die richtige Grundlage, sondern für den ist die richtige Grundlage das feste Stehen auf dem Boden des Lebens mit seinen beiden Füßen. Man möchte fast sagen, obwohl das grotesk klingt, mit je weniger überhitzter Einbildungskraft und Träumereien und Phantastereien der Mensch herantritt an die geistige Forschung, desto besser ist es. Nicht der Enthusiast, nicht der mit besonders reger Phantasie Begabte, nicht sie sind diejenigen, die eigentlich dem Geistesforscher die liebsten Schüler werden können, sondern diejenigen, die fest auf dem Boden des Lebens stehen. Am liebsten sind ihm die nüchternen Leute, denn die Begeisterung, der Enthusiasmus, die kommen schon aus der Sache selber, wenn die großen Tatsachen des Lebens auf uns einwirken. Dann werden wir schon bis zur poetischen, enthusiastischen Gesinnung erhoben durch die Tatsachen, und das ist das, was gesund ist — nicht durch ein überhitztes Inneres sich zur Begeisterung bringen lassen.

[ 7 ] Daher ist gerade ein praktisches Denken, das fest auf dem Boden des Lebens steht, auch eine gute, ja, die allerbeste Vorbedingung für den, der sozusagen hinaufstrebt zum hellseherischen Bewusstsein. Je nüchterner der Mensch ist, je praktischer, desto besser, wenn er erhoben werden soll in die Sphären des hellseherischen Schauens.

[ 8 ] Das alles kann Ihnen wohl zeigen, dass einerseits die Geisteswissenschaft allen Grund hat, zu glauben, dass aus ihren Ergebnissen heraus etwas zu sagen ist über die Praxis des Denkens und ihre Ausbildung und dass sie auf der anderen Seite ein tiefgehendes Interesse hat, gerade auf praktisches Denken viel zu geben. Allerdings wird sie deshalb doch recht leicht in Kollision kommen können mit den Leuten, die sich gewöhnlich, namentlich heute, die Lebenspraktiker nennen, mit jenen Lebenspraktikern, die, wenn sie ein paar Worte nur hören von Geisteswissenschaft, sofort von Phantasterei sprechen werden und sagen werden: Das ist etwas, was aller Praxis widerspricht.

[ 9 ] Was aber ist Lebenspraxis für diese Praktiker, für diejenigen, die so hochmütig sind auf ihre Lebenspraxis, die sich so viel einbilden auf ihre Lebenspraxis, die alles abweisen, was nicht ganz schablonenmäßig in ihre Lebenspraxis hineinpasst? Das ist für den, der das Leben zu beobachten vermag, so, dass diese Menschen womöglich früh gewöhnt werden, früh und tüchtig gewöhnt werden, ausgetretene Geleise zu gehen — das zu beobachten, was man sieht, wie es gemacht wird, und es so zu beobachten, wie man es sehen kann, dass es gemacht wird, sei es im Handelsbüro, sei es in der Werkstatt, da und dort —, und ja, ja nicht herauszutreten aus den gewohnten Handgriffen; widrigenfalls, wenn man heraustreten wollte, man sich der Gefahr aussetzt, ausgestoßen zu werden aus den Sphären, in die man aufgenommen werden will; das ist die gewöhnliche Lebenspraxis, dass man nur fortwurstelt in der Weise, wie es überall geworden ist.

[ 10 ] Für den, der das Leben beobachten kann, setzt sich diese Praxis zusammen aus Kurzsichtigkeit, Gewohnheit, Intoleranz, immer mit gewissen Zusätzen — das wird dem Seelenkenner sehr bald bemerkbar sein - von Brutalität. Die ist nötig, damit alles niedergetreten werden kann, was sich nicht einfügen will in diese dogmatische Lebenspraxis. Da kommt es aber auch zu ganz sonderbaren Dingen.

[ 11 ] Am besten kann man sich das an Beispielen klarmachen, von denen manche schon hier erwähnt worden sind. Wir wollen uns heute vor die Seele rücken eines dieser Beispiele, um daran die gewöhnliche Lebenspraxis uns vorzuhalten. Wer wird es heute nicht praktisch finden, dass man nicht mit jedem Briefe zum Postschalter gehen muss und dass ein riesiges Buch aufgeschlagen werden muss, um da nachzuscehen, wie weit der Ort liegt, an den der Brief gerichtet ist, und dann danach bestimmt werden muss, bei halben Pfennigen, wie viel man als Porto zu entrichten hat? In den wenigen Fällen, wo man das heute tun muss, kann man schon lernen, wie praktisch es ist, dass man das hat, was man das sogenannte Pfennigporto nennt, die Einheitsmarke, selbst für weite Entfernungen. Das hat es noch nicht gegeben vor ungefähr achtzig Jahren. In den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war es noch so, dass man mit einem Briefe zum Postschalter gehen musste und viele Umstände hatte. Kein Postpraktiker war es, der diese Einheitsmarke erfunden hat, sondern der Engländer Hill, der nicht vom «praktischen» Leben war. Er hat zuerst gesagt, welche Vorteile es haben würde, wenn man das Pfennigporto einführen würde. Das ist kein Märchen. Sie können es nachlesen in den Akten des englischen Parlaments. Derjenige, der der Praktiker war, der hat gesagt: Ach, was der Hill da ausrechnet, glaube ich ihm nicht; denn solch eine Einrichtung kann sicher unseren Verkehr nicht so heben, wie er angibt. Und selbst wenn es wahr wäre, dann müsste man dagegen sein, denn dann müsste man das Postgebäude dreimal so groß machen, als es ist. — Das war der Praktiker, während der Unpraktiker gerade diese weltumwälzende Entdeckung des Pfennigportos gemacht hat.

[ 12 ] Und ich brauche nur an etwas zu erinnern, was man hier wissen sollte. Als die erste Eisenbahn gebaut werden sollte, wurde ein Medizinal-Kollegium gefragt, ein praktisches, ob man aus hygienischen Gründen Eisenbahnen bauen sollte. Das Dokument kann gelesen werden, es wurde das Urteil abgegeben von den Praktikern — es liegt gar nicht so viel Menschenalter hinter uns —, man solle keine Eisenbahnen bauen, denn — so urteilten die Praktiker — die Leute würden sich ihr Nervensystem zugrunde richten. Wenn man aber doch Eisenbahnen bauen wollte und sich Menschen finden würden, die damit fahren, so müsse man hohe Bretterwände zu beiden Seiten errichten, damit diejenigen, an denen die Bahn vorbeifährt, nicht Gehirnerschütterung kriegen. Wiederum ein solches Urteil aus der Praxis ist es, wenn der Postmeister Nagler in Potsdam gesagt hat: Ich lasse täglich zwei Postkutschen hinausfahren, in denen niemand sitzt; wie soll in der Bahn dann jemand sitzen, wenn ich täglich noch mehr fahren lasse?

[ 13 ] Das sind lauter Tatsachen aus dem praktischen Leben. Mit einer solchen Anschauung von der Lebenspraxis kann allerdings ein wirklich praktisches Denken in Kollision kommen. Aber diese wirklich praktischen Denker müssen schon einmal etwas tiefer eindringen in das Wesen des eigentlichen Denkens, und da darf ich vielleicht gleich ausgehen von etwas ganz Konkretem. So etwas von recht unpraktischem Denken tritt uns hier entgegen. Während meiner Studentenzeit erlebte ich den Fall von unpraktischem Denken und zwar mit solcher Stärke, dass sich mir ein Typus ergeben hat von unpraktischen Denkern, die ich nennen möchte «die inneren Wagenschieber», eine Kategorie, mit der man viele Menschen in Bezug auf ihr Denken bezeichnen kann.

[ 14 ] Und zwar kann ich Ihnen klarmachen, was diese inneren Wagenschieber des Denkens sind. Während meiner Studentenzeit kam ein Kollege an mich heran mit rotem Kopf und sagte: Ich habe jetzt eine wunderbare Erfindung gemacht; ich muss schnell zum Radinger — das war der Fachreferent — und muss ihm meine Erfindung auseinandersetzen. Das ist erwas Weltumwälzendes. — Er ließ sich nicht aufhalten, rannte zum Fachreferenten und kam etwas bedrückt zurück. Er musste nämlich eine Stunde warten und hatte doch keine Zeit zu verlieren mit seiner weltumwälzenden Erfindung! In dieser Zwischenzeit wollte er die Sache mir erklären. Er fing an. Alles war sehr scharfsinnig. Er erzählte von einer außerordentlich schön ineinanderlaufenden Maschinenkonstruktion und konnte zu gar keinem anderen Resultate kommen, als dass er das Problem gelöst habe: durch möglichst wenig Dampfkraft, die die Maschine zuerst verzehrt, mithilfe der mannigfaltigsten Übersetzungen, schließlich eine Riesenmenge von Arbeitskraft zu leisten. Ich ließ mir die Sache erklären und zuletzt sagte ich: Ja sieh, wenn man die Sache auf einen einfachen Gedanken bringt, so ist sie ebenso ausführbar, wie das wichtige Problem, wenn du dich ins Innere eines Eisenbahnwagens stellst und diesen anschiebst. So wahr, wie du diesen vorwärts bringst, so wahr geht diese Maschine. — Er sah die Sache auch gleich ein und ging nicht mehr zum Fachgelehrten.

[ 15 ] So, wie der Mann damals dachte, so denken nämlich viele Menschen, und deshalb kann man sie nennen die «inneren Wagenschieber». Sie denken in gewissen Zusammenhängen, die ein begrenztes Gebiet darstellen. Das, was darüber hinausgeht, sehen sie nicht. Sie sind im Innern der Sache und finden alles sehr scharfsinnig, wie es im Innern der Sache bestellt sein muss. Aber dass da draußen auch noch etwas sein muss, finden die Leute nicht. Es ist eigentlich so, ohne dass die Menschen es merken und wissen, dass die allermeisten im eng begrenzten Kreise sich bewegen, ohne auch nur hinauszusehen in die Weite und ohne zu wissen, dass man den Widerstand draußen suchen muss, um schieben zu können. Dass man von innen nicht schieben kann, daran denken die Menschen nicht, solange sie nur hantieren im Innern des Wagens, in ihrem eng begrenzten Gebiet. Sie meinen von dem, was draußen vor sich geht, brauchen sie gar nichts zu wissen. Nur hat die Welt mit diesen Schiebern nicht viel zu tun. Sie kommen nämlich für die Welt nicht weiter, sowenig wie der Wagen, den man von innen schiebt, vorwärtskommt. Aber es kommen auch deshalb viele Menschen nicht weiter, weil sie nach dieser Kategorie in ihrem Denken verfahren.

[ 16 ] Das ist das Wichtige, dass wir unser Denken so ausbilden lernen, dass wir hinaussehen über den Wagen. Selbst wenn wir auch die Wissenschaften überblicken, so finden wir sehr, sehr häufig innerhalb derselben gerade dieses Element, das Denken des inneren Wagenschiebens. Denn es sieht gewöhnlich — das ist das Charakteristische unserer Wissenschaften — der, der ein gewisses Gebiet bearbeitet, über das Engste nicht hinaus. Auch das konnte ich schon klarmachen. Denken Sie an die Kant-Laplace’sche Theorie. Sie ist für viele doch heute noch etwas, woran sie festhalten, wenn sie auch da und dort nicht mehr festgehalten wird. Aber die anderen Theorien sind nicht besser.

[ 17 ] Diese Theorie, die einen Urnebel annimmt, diesen rotieren lässt, absondern lässt die Ringe und Planeten, sie versinnlicht sehr schön in unseren Schulen, sehr niedlich, im Kleinen die Entstehung eines Weltsystems. Man nimmt eine gewisse Substanz, die auf dem Wasser schwimmt, macht große Tropfen daraus, schneidet ein Kartenblatt rund aus und schiebt es in die Äquatorrichtung hinein. Dann nimmt man eine Stecknadel, steckt sie hinein, bringt den Tropfen zur Drehung. Tröpfchen sondern sich ab und rotieren. Man hat ein schönes, niedliches, kleines Planetensystem; in der Mitte die Sonne und ringsherum die Planeten. Wie könnte man, so meinen die Leute, anschaulicher zeigen, dass wirklich durch so etwas die Sache entstanden sein kann. Man sieht es ja im Kleinen entstehen. Das ist ja ein augenscheinlicher Beweis. Das ist recht hübsch. Nur ist das ein inneres Wagenschieber-Denken. Der Experimentator hat nämlich vergessen, dass er da dreht und dass das Niedliche nicht entstehen würde, wenn er nicht drehen würde. Nicht wahr, man braucht natürlich durchaus nicht zu denken, dass ein Riese da draußen steht im Raum, der den Urnebel in Drehung versetzt. Aber man darf nicht die geistigen Untergründe, die zugrunde liegen müssen demjenigen, was sich mechanisch vollzieht, vergessen.

[ 18 ] Alles das zeigt Ihnen, wie notwendig es ist für das äußere Leben und für das Leben in der Wissenschaft, dass unser Denken wirklich fest wurzelt in dem Boden der Denkpraxis. Die Geisteswissenschaft selber kann uns nun drei Dinge aufzeigen, die erfüllt werden müssen, wenn wir wirklich unser Denken im praktischen Sinne ausbilden wollen. Und dabei ist es so, dass in der Tat, so wenig es auch anfangs danach aussieht, dass diese Dinge hinführen zur Denkpraxis, dass der Mensch, der sie anwendet auf sich, schon die Erfahrung macht, wie sein Denken klarer, schärfer, umfassender wird.

[ 19 ] Wir werden diese drei Stufen der praktischen Gedankenausbildung sogleich uns vor die Seele führen. Wir müssen aber vorher die Grundbedingung, die man als Gesinnung braucht, wenn man daran denken will, die richtige Stellung zum Denken zu gewinnen, uns vor Augen führen. Ich habe das Bild schon gebraucht. Niemand sollte glauben, Wasser schöpfen zu können aus einem Glase, in dem keines ist. Diejenigen, die heute über das Denken denken, denken nach diesem Muster. Sie denken nämlich, dass sie Gedanken aus einer Welt gewinnen können, in der keine darinnen sind. Das allein gibt die Möglichkeit, dass unsere, in unserer Seele aufleuchtenden Gedanken und Begriffe und Vorstellungen etwas bedeuten, dass sie nicht etrwas Wesenloses sind, sondern dass die Welt nach den Gedanken, die wir in ihr finden, wirklich erst aufgebaut ist. Nur eine Welt, die aus den Gedanken entsprungen ist, die wir finden, ist berechtigt durch Gedanken gedacht zu werden. Derjenige, der eine Uhr ansieht, wird leicht einsehen, dass die Gedanken, die darinnen liegen, der Uhrmacher gehabt hat. Nur wer über die Welt nachdenkt, möchte glauben, dass die Welt nach Gedanken geordnet ist, die erst hinterher vom Menschen ersonnen werden. Er möchte bloß Gedanken gelten lassen, die sich die Seele bildet, und möchte nicht glauben, dass da die Dinge erst gebildet sind nach den Gedanken, die sich der Mensch zuletzt bildet.

[ 20 ] Aristoteles hat das Wort geprägt: Was der Mensch zuletzt findet in den Dingen, ist zuerst hineingelegt. Wenn der Mensch zuletzt Gedanken findet, so findet er sie deshalb, weil sie zuerst hineingelegt worden sind in die Dinge. Dann aber, wenn man dies ernst nimmt, gewinnt man vor allen Dingen das, was man nennen könnte: Vertrauen zu einem solchen Denken, das mit der Wirklichkeit im Bunde stehen will. Wenn ich weiß, dass nicht nur da drinnen — wie das materialistische Denken glaubt — gedacht wird, sondern dass alles gedacht ist, was mir entgegentritt, dann werde ich suchen, in den Dingen die Gedanken zu schauen, mich an die Dinge zu halten, wenn ich denken soll.

[ 21 ] Ein Psychologe der Goethezeit, Heinroth, hat gerade Goethes Denken —- weil Goethe wie durch Veranlagung schon hereingeboren wurde in dieses Leben mit dem Ziele, sich an die Dinge mit dem Denken zu halten, gleichsam in den Dingen zu denken, nicht abstrakt —, Heinroth hat Goethes Denken genannt ein gegenständliches Denken, das sozusagen nur denkt, was in den Gegenständen ist, und das nur solches denkt, was wirklich in die Gegenstände hineinfließen kann. Und Goethe selbst hat das ungeheuer zutreffend gefunden. Wahrhaftig, Goethe hatte diese Anlage — wie wir vielleicht noch genauer sehen werden, gerade in den Dingen zu denken —, sodass das Denken nicht abgesondert war von den Dingen, sondern in das Gefüge der Dinge taucht.

[ 22 ] Derjenige, der nicht mit solcher Anlage zur Welt kommt, sondern sich nach und nach erwerben muss dieses praktische, in den Dingen lebende, gegenständliche Denken, der muss dreierlei beobachten; das ist das Folgende: Erstens, wir müssen als Mensch, wenn wir praktische Denker werden wollen, ein gewisses Verhältnis haben zu den Gegenständen und Tatsachen um uns, und dieses Verhältnis lässt sich so ausdrücken: Wir müssen so viel als möglich trachten, Interesse zu haben für die Gegenstände und Tatsachen des Lebens. Interesse an der Außenwelt, das ist das erste Zaubermittel zur Erlangung eines praktischen Denkens.

[ 23 ] Das Zweite ist: Unsere eigenen Handgriffe, unsere eigenen Betätigungen müssen beherrscht sein als Betätigungen von Lust und Liebe.

[ 24 ] Das Dritte ist: Wenn wir für uns selber denken, wenn wir über das Leben hinausgehen und unsere Gedanken in unserem Inneren machen, dann müssen wir vorzugsweise dafür innere Befriedigung haben.

[ 25 ] Das sind in der Tat die drei Abstufungen, die Zaubermittel allen praktischen Denkens: Interesse an der Umwelt, Lust und Liebe zu allen Verrichtungen und innere Befriedigung, wie man sagt, an der Reflexion, das heißt an dem Denken, das wir still für uns, abgesondert von den Dingen, verrichten. Aber diese Dinge müssen wir wirklich haben.

[ 26 ] Ja, was ist denn aber eigentlich Interesse an den Dingen? Nichts anderes ist das Interesse an den Dingen, ein wirkliches Hinführen zum praktischen Denken, als wenn wir gar nicht Anspruch darauf machen, mit unseren Schablonen, mit unseren vorgefassten Begriffen an die Dinge heranzutreten, sondern wenn wir geneigt sind, in jedem Augenblicke die Dinge als Individualitäten zu nehmen und uns zu sagen: Sie haben uns immer etwas zu sagen.

[ 27 ] Es scheint wenig gesagt zu sein damit, aber es ist ungeheuer viel damit gesagt, wenn man auf die Lebenspraxis geht. Die meisten kommen an die Menschen und die Dinge ihrer Umgebung mit schablonenhaften Begriffen heran. Und sie sehen sich zum Beispiel den einzelnen Menschen an; aber sie sehen nicht diesen Menschen, sondern nur etwas Oberflächliches und Flüchtiges, und wenn das stimmt zu ihren schablonenhaften Begriffen, dann sind sie fertig. Das führt niemals zur denkerischen Praxis.

[ 28 ] Man wird sehr schwer verstanden in diesen Dingen. Als ich vor Kurzem diesen Vortrag hielt, sagte nachher einer: Ja, ich habe immer die Vorstellung: Wenn einer einen dicken, roten Hals hat und auch sonst sehr dick aussieht, dann ist er ein Materialist, das «sagt» mir der Betreffende selber durch sein Aussehen. — Der also redete, hat alles gehört, was gesagt worden ist, hat es aber nicht verstanden. Er ist in dem Fall gewesen, dass der sich den dogmenhaften Begriff gebildet hat: Wenn er einen solchen Menschen mit einem roten, dicken Hals, der auch sonst dick ist, sieht, so taxiert er ihn so, dass er sagt, das ist ein Materialist, statt einzugehen auf die einzelne Wesenheit und zu denken: Sie hat mir etwas zu sagen, sie hat das Geistig-Begriffliche in sich selber, ich muss auf sie eingehen; jeder Einzelne kann mir noch etwas sagen.

[ 29 ] Das ist das eine. Dann aber handelt es sich nicht bloß darum, für dieses Individuelle sich ein so geartetes Interesse heranzuerziehen, sondern für den Tatsachenverlauf selber. Und da kann man durch spezielle Übungen es sehr weit bringen. Nehmen Sie an, Sie treten einem ganz bestimmten Ereignis, einer bestimmten Tatsache entgegen; Sie beobachten die Tatsache; ein Mensch tut dies oder jenes. Sie fassen das treu auf, Dann bilden Sie sich folgende Gedanken: Wenn das heute geschieht, so will ich mir an der Hand dieser Tatsache die Vorstellung bilden von dem, was gestern geschehen sein mag als die Voraussetzung zu dem, was heute geschieht. Ich will mir konstruieren im Begriffe, was vorangegangen ist, das heißt, ich verlängere mir die Tatsache nach rückwärts im Begriffe. Und dann gehe ich daran und forsche, wie es gewesen ist. Zuerst wird der Mensch finden, dass er sich geirrt hat, aber nach und nach wird er merken, dass er dadurch, dass er solche Übungen macht, dass er sich konstruiert nach rückwärts hin die Ursachen bis zu einer gewissen Zeit und dann an den Tatsachen sieht, ob sein Denken sich so angelehnt hat, dass es die Wirklichkeit trifft, dann wird er sehen, dass er nach einiger Zeit aus den Tatsachen selber heraus denkt, dass sie ihn führen, dass er die richtigen Voraussetzungen trifft.

[ 30 ] Man kann es aber auch wohl anders machen, etwa so: Man kann ein Ereignis der Natur oder irgendwelches Ereignis im menschlichen Leben, das heute geschieht, prüfen, und jetzt bildet man sich im Gedanken konstruktiv, was morgen geschehen wird als Folge dieses Ereignisses. Man wartet ruhig darauf, was wirklich eintritt, und vergleicht es mit dem, was man sich selber ausgedacht hat. Wiederum wird man sehen, dass man sich anfangs schr irrt. Wenn man sich aber so treu an wirkliche Tatsachen hält und das Vertrauen hat: Versenkst du dich in die Tatsachen und lässt das entstehen in deinen Gedanken, was auch in der Wirklichkeit entstehen muss, hältst du dich an das Ereignis und verlangst von dir, dass die Gedanken selbst einen Verlauf nehmen wie die Tatsachen, dann kommst du weiter.

[ 31 ] Es sind ungeheuer wirksame Übungen, die man in Bezug auf das praktische Denken so anstellen kann. Nun ist aber etwas dabei zu beachten. Es muss in einer gewissen Weise solch eine Übung selbstlos vorgenommen werden, sonst wirkt sie nicht. Das ist Erfahrung. In dem Augenblicke wirkt sie nicht, wo jene Selbstsucht sich hineinmischt, die so ausgedrückt werden kann: Wenn der Mensch sich vorstellt, das oder jenes muss geschehen, und wenn das dann tatsächlich geschieht und er dann sagt: Habe ich es nicht gerade so vorausgesagt? In dieser selbstsüchtigen Freude liegt ein Hindernis dafür, dass die Kraft, die wir so ausbilden, wirklich wirkt. Das ist Tatsache, ein reales Erlebnis, das jeder, der die Übungen ausführt, selber erfahren kann. Diese Dinge unterliegen gewissen Gesetzen, geradeso wie die Tatsachen der chemischen Analyse und Synthese.

[ 32 ] So sehen wir, wie der Mensch sozusagen in die Dinge hineinkriechen kann, sich identifizieren kann im Denken mit den Tatsachen. Dann verläuft, was er denkt, im Sinne der Tatsachen. Ich spreche heute für Erwachsene — für Kinder würde es zu weit führen —, nur das sei noch gesagt: Wenn jemand ein wirkliches, an die Außenwelt gebundenes Denken entwickeln will, dass sozusagen das Denken entspricht dem, was draußen vorgeht, so muss er besorgt sein, solche Übungen nicht bloß so zu machen, dass ein Ereignis neben das andere gestellt wird, sondern er muss beachten, ein Gefühl zu erhalten für das Gewicht eines Ereignisses. Das ist etwas, was zusammenhängt mit der praktischen Ausbildung des Denkens, was aber die wenigsten Menschen heute kennen. Wer beobachtet, weiß, wie wenig die Menschen ein Gefühl dafür haben, dass es einen Unterschied macht, ob der eine eine Sache sagt oder der andere. Dasselbe können die beiden ausdrücken. Durch das aber, als was der eine sich uns darstellt, haben seine Aussagen ein anderes Gewicht als durch das, als was der andere sich uns darstellt. Für das Gewicht der Dinge, die wir erlangen, müssen wir uns vor allen Dingen ein gewisses Gefühl aneignen.

[ 33 ] Mit solchen Anlagen war Goethe schon zur Welt gekommen. Er hatte sie ausgebildet in früheren Inkarnationen. Daher wurde er etwas — für den, der die Tatsachen kennt, ist das klar —, daher wurde er etwas, was viele, die sich heute praktisch nennen, durchaus nicht sind. Goethe war ja Jurist geworden, hat auch praktische juristische Tätigkeit ausgeübt. Diejenigen, die diese Tätigkeit von ihm kennen, wissen, dass sein juristisches Wissen zwar kein sehr umfassendes war, was er aber juristisch geführt hat, was das auszeichnet, ist das Gegenteil von dem, was man heute beobachten kann: Es läuft ein Prozess, der ist einem Rechtsanwalt übergeben. Man kommt hin, will etwas wissen von ihm. Ja, es ist kein richtiges Besinnen da. Man steckt nicht darinnen. Es werden Aktenbündel aufgeschlagen, es werden Zettel angesehen. Das Unpraktischste kann man da finden. Für viele sind die, an die man sich wenden muss als an die Praktiker, diejenigen, die die Sache so unpraktisch wie nur möglich machen. Goethe war praktisch. Viel gewusst hat er nicht in der Juristerei, aber was er angefasst hat, hat er angefasst in der praktischsten Weise. Man darf sich unter solch einem Menschen, wie Goethe es war, nicht einen Menschen vorstellen, der unpraktisch sein muss. Wenn einmal die Akten herausgegeben werden, die Goethe als Minister angelegt hat in Weimar, da wird man sehen, dass er ein Praktiker war. Eine ganz andere Praxis hatte Goethe als eine solche von Nichtdichtern, wobei nicht eine Lanze gegen die Praktiker, die so hochmütig sind, gebrochen werden soll.

[ 34 ] Man kann bei Goethe auch das noch anführen: Es ist bekannt, dass er seinen Herzog begleitete nach Apolda hinaus und dass er bei der Rekrutenaushebung alles praktisch ausgeführt hat, was da zu tun ist. Und als sie fertig waren, arbeitete er an seiner «Iphigenie», und während dieser Sache arbeitete er schon daran. Nun müssen wir doch sagen, wie viele unserer Dichter würden sich nicht gestört fühlen, wenn sie neben der Niederschrift ihrer glänzenden Ideen noch Rekruten ausheben müssten! Aber ich glaube nicht, dass die «Iphigenie» deswegen schlechter geworden ist als manches zeitgenössische Dichtungs-Produkt, weil bei der Rekrutenaushebung daran gearbeitet wurde. Aber Goethe hat das eben gemacht, weil er gegenständlich mit seinen Gedanken war, sodass seine Gedanken in den Dingen arbeiteten, nicht abgezogen von den Dingen, nicht spekulativ.

[ 35 ] Das zeigt sich dann, wenn Goethe in eminentester Weise jenen Zusammenhang darlegen konnte zwischen seinem Gedankenablauf und dem Ablauf der Dinge draußen. Goethe hat Meteorologie studiert. Die heutigen Meteorologen sehen von oben herab auf den Dilettantismus seiner Witterungskunde; aber die Dinge wurden bei ihm so, dass sie praktische Blickbewegungen waren, Blickbewegungen, die spürten, wenn sie einmal etwas überschauten, was aus einem Ereignis in der nächsten Zeit wird. Oft ist es geschehen, dass Goethe sich an das Fenster stellte, hinaussah und ein kleines Stück Himmel sah und sagte: In drei Stunden regnet es. — Das war eine bessere Vorhersage als manche heutige. Goethe webte in den Dingen darinnen mit seinen Gedanken. Namentlich durch sein Interesse an der Umwelt kann man sich auch künstlich diese Stufe der denkerischen Praxis aneignen.

[ 36 ] Ein Zweites, was wichtig ist, ist die Lust und Liebe zu dem, was wir tun. Das heißt, wir müssen versuchen, Lust und Liebe zu haben zu den Handgriffen selber, gleichgültig, was daraus wird. Dann werden wir ebenso gerne das tun, was etwa verfehlt werden kann, wobei nichts herauskommt, als dasjenige, was zu schönen Resultaten führt. Das ist wirklich Bedingung des praktischen Denkens.

[ 37 ] Ich habe einen jungen Menschen gekannt, der hat sein praktisches Denken dadurch geübt, dass er sich seine Schulbücher selbst gebunden hat. Er hatte große Freude daran, alle diese verschiedenen Handgriffe zu machen, die man machen muss zum Bücherbinden. Das ist eine bessere Schulung des praktischen Denkens als alles Grübeln und Spintisieren. Die Notwendigkeit, sozusagen jeden Faden, den man einspannt und durchzieht, auf seine Wirkungsfähigkeit zu prüfen, immer achtgeben zu müssen, wie die Finger sich bewegen, das ist wirklich eine gute Vorschule für ein praktisches Denken. Und je mehr man vergebliche Versuche gemacht hat, desto besser für das praktische Denken.

[ 38 ] Selbst ausgezeichnete Menschen auf dem Gebiete von Theorie und Praxis wie Leonardo da Vinci heben das hervor, und sie werden nicht müde, die Einzelheiten zu charakterisieren. Leonardo da Vinci spricht davon, wie man versuchen soll, um eine Vorlage abzuzeichnen, zuerst auf Pauspapier die Vorlage abzuzeichnen; dann legt man die Zeichnung über die Vorlage und prägt sich ein, wo man abgewichen ist. Dann zeichnet man noch mal und wendet auf die Stelle besondere Sorgfalt. Diese einfache Sache war Leonardo da Vinci nicht zu gering, um eine Seite seiner Werke damit zu füllen. Und man kann nach dieser Anweisung auf allen möglichen Gebieten des Lebens versuchen, das Denken zu einem praktischen zu gestalten.

[ 39 ] Das Dritte ist die innere Befriedigung an dem abgezogenen Denken. Das müsste eigentlich jeder haben, auf welchem Gebiete des Lebens er auch steht. Wenn er auch ein Geringes an Zeit darauf verwendet, es kommt ihm reichlich wieder herein, selbst in materieller Beziehung. Auf welchem Gebiete des Lebens man auch steht, man soll in die Lage kommen, nachzudenken nicht gerade über das, womit man sich betätigt, sondern über fremde Gebiete soll man Augenblicke des Nachdenkens über diese oder jene Frage haben. Solche Minuten des Nachdenkens, in denen man denkt in der Art, dass man nicht verlangt, dass das Denken einfließt in die Außenwelt, das soll mit innerer Befriedigung erfüllen. Mit dem Auflösen von Fragen, die eigentlich dem ferne stehen, was man denkt in Bezug auf das unmittelbar Praktische im Leben, kommt man als Mensch nicht weiter. Worin man zunächst nur innere Befriedigung hat, was man da mit seinen Gedanken ausführt, mit dem kommt man als Mensch weiter. Wenn der Tischler nur nachdenkt über die Herstellung von Tischen und Stühlen, so kommt er als Mensch nicht weiter. Als Mensch kommt man weiter, wenn man das, was innerlich befriedigt, denkt. Das bildet die Denkorgane. Da kommt man als Mensch, und mittelbar auch als Praktiker, weiter. Keiner wird leugnen, dass man anders dem Leben gegenübersteht, wenn man das oder jenes Wesen ist. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Hund oder ein Mensch vor der Sixtinischen Madonna steht. Der Mensch steht in einem ganz anderen Verhältnis dazu. Dadurch, dass der Mensch immer in einem bestimmten Gebiet bleibt, kommt er nicht über sich hinaus. Dadurch, dass er sich denkerisch betätigt und Befriedigung hat daran, dadurch kommt er weiter. Durch abgezogene Reflexion, in der er Befriedigung hat, wirkt er auf die Praxis anders als ohne sie, und er wird gerade dadurch hinauswachsen über ein enges Gebiet. Er wird über den Standpunkt des inneren Wagenschiebers mit einem innerlich befriedigenden Denken, das nichts weiter ist, als was innerliche Befriedigung gewährt und sucht, hinauswachsen.

[ 40 ] Hier kann man auch die Gründe finden, warum es unrecht ist, dass immer und immer wieder betont wird von unseren Schulen: Ach, was werden dafür Dinge gelehrt, die man nicht anwenden kann im praktischen Leben! — Wenn sie nur ordentlich gelehrt werden, dann sind sie von ungeheurer Bedeutung, diese Dinge, die man nicht unmittelbar anwenden kann. Die bilden gerade den Menschen um, die Dinge, die man nicht anwenden kann im Leben. Was ausfließt ins Leben, fließt weniger ein in den Menschen selber; was nicht ausfließt ins Leben, bildet die feinen Organe. Das bringt den Menschen weiter. Dadurch wird er selbstständiger, dadurch wird er so durchkraftet von der Gärung der Gedanken, dass sie bis in die Glieder gehen. Man kann es sehen, dass der Mensch ein solch innerliches, ihn befriedigendes, nicht unmittelbar auf die Außenwelt gehendes Denken entfaltet; er wird beweglicher, geschickter in seinen Gliedern.

[ 41 ] Nichts kann eine solche Schulung des Denkens ersetzen. Wer Erfahrung in diesen Dingen hat, kann sehr genau unterscheiden zwischen solchen, die die genannten Übungen machen und solchen, die es nicht tun. Wenn man zum Beispiel auf Reisen ist, kann man genau erkennen die «Praktiker». Diejenigen, die gerade in der Werkstatt praktisch sind, sind manchmal recht täppisch im Übrigen. Es wird einem eigentümlich zumute, wenn man sieht, wie die einfachste Fingerbewegung nicht geleistet werden kann, wenn die Situation eine andere ist, als sie gewöhnlich ist. Das ist unmittelbar ein Ausfluss dessen, dass sie nicht gewöhnt worden sind, innerlich Gedanken zu entwickeln und Befriedigung daran zu haben. Man muss natürlich nicht etwa das eine tun ohne das andere. Wer nur in Reflexion leben will, wird ein Lebensfeind und Spekulant. Der aber, bei dem sich die beiden Dinge entsprechend die Waagschale halten, wer ruhig auf die Dinge blickt und ruhig reflektiert, der wird sein ganzes Leben durchkraften, man möchte sagen, mit Geschicklichkeit. Er wird zu allem anstellig; er nimmt selbst den Suppenlöffel anders als einer, der das nicht tut.

[ 42 ] Bis in die Einzelheiten des Lebens geht das; denn Gedanken sind Realitäten. Sie teilen sich dem Materiellen auf allen möglichen Wegen mit. Darauf kommt es an. Auf diese Weise schulen wir unser Denken zur rechten Praxis heran. Wir sehen dann hinaus zu den Fenstern des Wagens, in dem wir sitzen, und sehen die Gesetze, die dadurch gegeben sind, dass der Wagen noch mit der Welt zusammenhängt, und schieben nicht bloß innen. Das ist sehr verbreitet, dieses Schieben im Innern; und gerade in unserer heutigen Zeitkultur, wie sie beeinflusst wird so intim und intensiv von der Naturwissenschaft, da kann der, der sich eingelassen hat auf wirkliche praktische Denkschulung, sehen, wie viel abhängt von der bloßen Unpraxis des Denkens.

[ 43 ] Wenn die Menschen eine Ahnung davon hätten, was praktisches Denken ist, so würden sie schon an dem Unpraktischen des Denkens sehen, dass gewisse Dinge eben falsch sein müssen. Die Tatsachen, die von der Naturwissenschaft erforscht werden, können bewunderungswürdig sein, aber die Schlüsse, die daraus gezogen werden, sind häufig schauderhaft durch das unpraktische Denken dessen, der sie zieht. Wodurch soll heute für viele nachgewiesen werden, dass es eigentlich keine Seele gibt, dass alles, was der Mensch vollbringt, auf rein mechanischen Gesetzen beruht? Ja, da finden Sie noch in einem «Abriss der Psychologie» — von einem Menschen geschrieben, der großes Ansehen hat — auf den ersten Seiten eine ganz merkwürdige Schlussfolgerung. Wer nur einen Funken hat von Begriff und praktischem Denken, der wird diese sogleich auf ihren wahren Wert zurückführen können. Da steht: Frühere Zeiten haben gesagt, es gäbe eine selbstständige Seele; heute aber ist der Mensch auch eingespannt worden in dies Gespinst von der Erhaltung der Kraft. Da wurde zuerst untersucht, sagt man, an Tieren, dass alles, was man an Nahrung ihnen zuführt, nur umgewandelt wird, und dass das, was sie verrichten, umgewandelte Nahrung ist. Was die Tiere an Kraft erhalten, ist nur umgewandelte Nahrung. Wie sollte da eine selbstständige Seele sein, wenn das bloß umgewandelt herauskommt, was man hineingestopft hat?

[ 44 ] Man hat sich nicht damit begnügt, dies beim Tier zu zeigen, man hat auch beim Menschen versucht zu zeigen, wie das, was man an Kraftwerten der Nahrung in den Menschen hineinsteckt, dass das wieder in anderen Formen herauskommt. Wozu braucht man da eine Seele? An Studenten wurde das probiert. Sehr scharfsinnig sind die Rechnungen, die nachweisen sollen, dass keine Seele darinnen sein kann, dass alles umgesetzte Nahrungskraft ist, was der Mensch denkt und tut. Die Tatsachen sind bewunderungswürdig scharf beobachtet. Die Methoden sind sehr schön ausgedacht, die Instrumente großartig. Die Schlussfolgerungen sind aber die grausigsten, die man sich denken kann. Man braucht den Gedanken nur zurückzuführen auf die einfachsten Elemente, dann wird man dies gleich sehen.

[ 45 ] Der Gedanke ist genau nach folgendem Muster aufgebaut. Wir stellen uns bei einer Bank auf. Wir wissen, in diese wird Geld getragen. Jetzt prüfen wir all das Geld, wir schreiben alles auf, einzeln. Dann prüfen wir, was herausgetragen wird. Wir kommen dann zu dem wundervollen Resultat, dass das Geld, das herausgetragen wird, genau so viel ist wie das, was hineingetragen wird. Daraus schließen wir, dass da keine Beamten drinnen zu sein brauchen; denn ebenso viel Geld wird herausgetragen als hineinkommt. Ebenso scharfsinnig ist das andere Urteil: Ebenso viel kommt heraus an Arbeit und Gedankenkraft, als an Nahrungswerten in den Menschen hineingelangt.

[ 46 ] Aber in viel feinere Gebiete geht das noch hinein. Wir haben heute ein wunderbares Forschungsgebiet, das hineinleuchtet in die kleinsten Organe der Wesenheiten. Da finden sich sehr bedeutsame kleine Organe. Die Forschungsmethoden sind bewunderungswert, durch die man imstande ist, an Pflanzen etwas nachzuweisen, was die menschlichen Seelenorgane nachahmt. Man weist nach, dass facettenartige Organe da sind, die das Auge bilden. Ja, man fotografiert sogar Bilder, die da entstehen in den Pflanzenaugen, und daraus wird geschlossen — es soll nichts verunglimpft werden an der wunderbaren Forschungsmethode, aber es soll nur die Schlussfolgerung ins rechte Licht gesetzt werden —, da wird geschlossen: Weil das so beobachtet werden kann, so müsse die Pflanze in ähnlicher Weise beseelt sein wie Tier und Mensch. Man sieht gewisse Pflanzen, welche durch ihre Organe Insekten heranziehen und sie verzehren. Eine gewisse Fresstätigkeit, Sinnestätigkeit entwickeln sie; sie ziehen Insekten an und verdauen sie gleichsam. Und die Schlussfolgerungen, die man daran schließt, sind sehr geeignet, zu verwischen den Unterschied, der nicht verwischt werden darf zwischen Pflanze, Tier und Mensch.

[ 47 ] Derjenige, der mit praktischem Denken vertraut ist, kann Folgendes sagen: Ich kenne auch ein merkwürdiges Wesen, das hat auch die Eigenschaft, durch gewisse Verrichtungen in seinem Innern wie mit magnetischer Kraft kleine Wesen anzuziehen und, wenn sie herankommen, sie dann nicht nur in sein Inneres zu befördern, sondern sie dort sogar zu töten. Das ist nämlich die Mausefalle. Und die Gedankenform, die man anwendet jetzt auf die Mausefalle, die ist nach demselben Muster gebildet wie die Gedankenformen, die von manchen Leuten angewendet werden auf etwas, was ein neues Gebiet der Pflanzen erschließen soll, auf das Seelenleben der Pflanzen.

[ 48 ] Wenn man solche Dinge sich vor Augen führt, dann kann man ein wenig ermessen, wie wichtig es ist, dieses Denken wirklich durch die angegebenen Mittel praktisch zu schulen. Man kann nicht bloß die Umsichtigkeit des Denkens schulen, sondern es auch durch künstliche Mittel bis zu einer gewissen Klarheit des Denkens bringen, durch die folgenden Übungen. Wiederum weichen die Übungen von den Denkgewohnheiten ab.

[ 49 ] Die meisten Menschen werden nicht schnell genug sich ihre Urteile bilden können über irgendeine Sache. Und wenn sie sie haben, so befriedigt sie das. Sie denken nicht daran, dass es auch hätte anders sein können; wenn ein anderer etwas anderes sagt, dann ist er ein Tor. Auf diese Weise lernt man nicht denken. Man lernt es dadurch, dass man, wenn man sich eine Meinung gebildet hat, dass man auch die andere Denkmöglichkeit sich vorhält, dass man an demjenigen, was man selber gemeint hat, nicht festhält, sondern auch die andere Meinung in aller Liebe danebensetzt. Man wird sehen, dass das möglich ist, was nur charakterisiert werden kann dadurch, dass man sagt: Nur der kann die Wahrheit erkennen, der auch der eigenen Meinung nicht achtet.

[ 50 ] Es ist sehr nützlich, sich zunächst, wenn man eine Frage zu beantworten, eine Aufgabe zu lösen hat, sich vorzuhalten die verschiedenen Arten, wie man sie auflösen kann, und dann die Sache ruhen zu lassen, überhaupt sich zu sagen: Jetzt lässt du das ruhen. Man muss da nämlich einen Glauben haben, der sehr wichtig ist für die Praxis, den Glauben, dass man in sich etwas hat, eine Art höheren Menschen, der noch besser denken kann, als man denkt, wenn man selbst dabei ist. Man braucht nicht so egoistisch zu sein, dass man überall dabei sein will, was in der Seele vorgeht, und zu glauben, man weiß das Allerbeste. Wer an die reale Gültigkeit des Denkens glaubt und zu ihr Vertrauen hat, wird sich sagen: meine Gedanken werden durch ihre eigenen Kräfte am schönsten sachlich vorwärtskommen, wenn ich selber gar nicht dabei bin, wenn ich mich ausschalte und an anderes gehe, und morgen oder übermorgen mir das alles wieder vorlege. Da wird man bemerken, dass man, wenn man nicht dabei gewesen ist, über diese Frage viel gescheiter geworden ist. Die Denkmöglichkeiten arbeiten dann in einem, und man kommt zu einer Entscheidung in viel günstigerem Sinne. Das ist von ungeheurer Bedeutung. Und wenn man glaubt, die Selbstlosigkeit hat ein zweites Mal es noch nicht zur Entscheidung kommen lassen, dann ist es von ungeheurer erzieherischer Bedeutung, wenn man noch mal zuwartet. Und man wird sehr bald bemerken, wie das Denken klarer und schlagfertiger wird. Man wird viel leichter, wenn man das Denken also geschult hat, rasch die Dinge zusammendenken können.

[ 51 ] So kann man im Einzelnen die Dinge angeben, durch die das Denken sich allmählich schulen kann. Wiederum etwas von großer Bedeutung ist das, dass man beachtet für die praktische denkerische Ausbildung das Folgende: Solange du Interesse an einer Sache hast, sollst du sie anschauen, beobachten und schweigen. Reden sollst du erst, wenn du kein unmittelbares Interesse mehr daran hast, wenn du dich über die Sache erhoben hast. Solange man noch zu sehr engagiert ist mit dem Interesse an einer Sache, soll man sie berücksichtigen und schweigen. Dann redet man am besten, wenn man nicht mehr das unmittelbare Interesse hat, sondern losgekommen ist mit seiner Freude und seinem Leid. Wer das tun kann, kommt sehr weit. Wer sich vornimmt, sich ein Urteil erst zu bilden, wenn das Interesse geschwunden ist, wer sich für alles interessieren kann und mit dem Urteil zurückhalten kann, wer erst in der Erinnerung sich das Urteil bildet, der kommt sehr weit. Das ist ein ganz bedeutsamer Fingerzeig, wie man das praktische Denken wesentlich schulen kann.

[ 52 ] Und was nun wiederum besonders wichtig ist, das ist, dass man gar nicht dabei ist mit dem, was man schon ist, bei der Art, wie sich das Denken heranbildet. Sehr wichtig für den, der praktisch sich schulen will, ist, dass er gewisse Zeiten am Tage versucht, gar nicht zu denken. Denn dadurch wird das Denken am besten geschult, dass wir es durch unser Denken möglichst wenig schädigen. Wenn wir uns aller Gedanken entschlagen können, wenn wir es vermögen, gar nicht die Gedanken, die wir fassen können, zu fassen, sondern nichts zu denken, dann wirkt die innere, immer vorhandene Kraft der Seele und bringt uns eigentlich ein Stück vorwärts.

[ 53 ] Das ist sehr schwer, und die Energie, die man aufwenden muss dazu, ist sehr groß. Aber es ist von ungeheurem Werte, alles, was an irrlichtelierenden Gedanken auf- und abwogt im Innern, zu unterdrücken und gar nichts zu denken. Was in uns denkt, ist auch dann da, wenn wir selbst nicht mitdenken. Das bildet sich am besten aus, wenn wir eine Weile nicht dabei sind. Denn dann stehen wir durch unsere Persönlichkeit, durch unsere Individualität nicht im Wege. Wie es schon Arbeit ist, wenn wir verschiedene Möglichkeiten uns vorhalten und die Gedanken dann selbst arbeiten lassen, so ist es von wesentlicher Bedeutung, dass wir das, was Gedankenkraft ist, arbeiten lassen, ohne dass wir dabei sind, dass wir, wenn auch während noch so kurzer Augenblicke, das denkerische Wesen in uns sich entwickeln lassen ohne unser Zutun. Wer das längere Zeit macht, wird schon die große Wohltat einer solchen Sache bemerken.

[ 54 ] Es ist schon richtig, was Fichte gesagt hat in Bezug auf eine ganz andere Sache. Sehen Sie, er hat über die «Bestimmung des Gelehrten» gesprochen und wusste voraus, dass er so hohe Ideale aufstellen muss, dass die Menschen nicht mitgehen, weil sie es unpraktisch finden. Da sagt er dann:

Dass Ideale sich im wirklichen Leben nicht unmittelbar anwenden lassen, das wissen wir ebenso gut. Wir behaupten nur, dass nach ihnen die Wirklichkeit beurteilt, und von denen, die dazu die Kraft in sich fühlen, modifiziert werden müsse. Gesetzt, sie könnten auch davon sich nicht überzeugen, so verlieren sie dabei, nachdem sie einmal sind, was sie sind, sehr wenig; und die Menschheit verliert nichts dabei. Es wird dadurch bloß klar, dass auf sie nicht im Plane der Veredlung der Menschheit gerechnet werden kann. Diese wird ihren Weg ohne Zweifel fortsetzen; über jene wolle die gütige Natur walten und ihnen zur rechten Zeit Regen und Sonnenschein, zuträgliche Nahrung und ungestörten Umlauf der Säfte, und dabei — kluge Gedanken verleihen.

[ 55 ] So sagt Fichte über die, die von der Unpraxis der Ideale sprechen. Eine gütige Vorsehung tut in Bezug auf das menschliche Denken allerdings das Ihrige. Für vieles, was der Mensch verdirbt an seiner Gedankenkraft, wird der Ausgleich geschaffen dadurch, dass der Mensch schläft. Würde er immer wachen und durch seine Gedanken die Denkkraft beeinträchtigen, dann wäre das nicht auszuhalten. Dass der Mensch schläft, gibt ihm die Möglichkeit, immer wieder vorzurücken in die innere Denkkraft. Es wird das Denken aber viel wesentlicher gefördert, wenn der Mensch sich entschließt, nicht zu denken, obwohl er wach ist. Die Augenblicke des Nichtdenkens sind die größten erzieherischen Mittel für das Denken.

[ 56 ] Nur einzelne Punkte konnten aus dem Umfange dessen, was man zu sagen hätte und was zwanzig Vorträge nicht erschöpfen könnten, herausgehoben werden, einzelne Punkte, die angeben können, wie man aus den Gesetzen der Geisteswissenschaft oder Theosophie heraus finden kann, wie das Denken für das praktische Leben geschult wird. Denn wahrhaftig, es wird das Denken durch solche Dinge geschult, es wird das Denken sowohl für Scharfsichtigkeit und Klarheit wie auch für die Geistesgegenwart geschult. Immer weiter kommen wir, wenn wir es uns nicht verdrießen lassen, solche Dinge anzuwenden. Man möchte sagen: Würde man zeitig genug solche innere Schulung des Denkens auch pädagogisch anwenden, so würde alles das, was im Innern herausziseliert werden kann, den menschlichen Organismus so durchdringen, dass er ganz geschickt würde.

[ 57 ] Was heute gesagt worden ist, ist konkretes Denken, das den Menschen geschickt macht. Ich sage Ihnen, so sonderbar es klingt: Dafür sorgt noch die Natur, dass die Menschen aufheben können, was ihnen heruntergefallen ist. Würde man aber die Denkkräfte so schulen, wie es heute gesagt worden ist, man würde die Menschen dahin bringen, dass sie mit den Zehen aufheben können, was ihnen herunterfällt. Nur die Nicht-Schulung des Denkens macht es, dass man in vielen Dingen so ungeschickt ist, weil die Schulung des Denkens nicht im Zentrum des Menschen arbeitet, nicht auf den Mittelpunkt geht. Dieses Prinzip liegt in allem, was heute gesagt worden ist: auf den Mittelpunkt des Menschen zugehen, von diesem heraus die Kräfte in alle menschlichen Glieder hineinstrahlen zu lassen, dass der Mensch bis zur richtigen Handhabung des Suppenlöffels befähigt wird.

[ 58 ] Wenn so durch die Geisteswissenschaft eine richtige Schulung in das Denken hineinkommt, dann wird der Mensch systematisch gerade in Goethe ein Vorbild sehen, er wird zu einem in die Dinge untertauchenden und deshalb gültigen Denken kommen. Gerade dadurch, dass man sein Denken so schult, kommt man dazu, überall die einfachsten Gedanken zu finden, das zu finden, was leicht überschaut werden kann. Man muss alle Dinge auf ihre einfache Gedankenkonstruktion zurückführen können. Das kann man nur, wenn das Denken in der angegebenen Weise geschult wird, sonst geht das Denken seine eigenen Wege. Im Einzelnen können die Gedanken richtig sein, aber im Ganzen sind sie nicht brauchbar.

[ 59 ] Nicht wahr, wie schön wird gerade heute in der Wissenschaft bewiesen das oder jenes, was ein klares Denken überhaupt auf den ersten Blick als Irrtum erkennt. Da gibt es heute Leute, die sagen zum Beispiel: Eigentlich gibt es keine Substanz, sondern nur Bewegung. Es ist in der letzten Zeit eine geistreiche Broschüre erschienen, die den Standpunkt einnimmt, dass alles Bewegung ist. Da wird wirklich gesagt, wenn der Mensch von einem Ort zum anderen geht, so trägt er nicht etwa das, was uns als seine Substantialität erscheint, von einem Ort zum andern, sondern das ist nur Bewegung, und indem er zum anderen Ort geht, reiht er eine neue Bewegung an. Das ist ganz nach dem Muster dessen gedacht, dass da oben die Sonne ist, die Sonnenteilchen sind bewegt, sie tanzen; indem sie tanzen, geht nicht etwas von der Sonne zu uns, sagt man, die nächste Ätherumgebung tanzt, und es tanzt der Äther bis zu uns herab. Nur die Bewegung wird übertragen, sagt man, und das wird als Licht empfunden. Dieser ganze Äthertanz wird in diesem scharfsinnigen Buch auf den Menschen angewendet. Der ganze Mensch ist eigentlich nur ein Tanz. Wenn ich an den nächsten Ort gehe, so erzeuge ich eine neue Bewegung und so weiter. Man möchte dem guten Mann nur raten, wenn er geht, ja nur niemals zu vergessen, dass er die Bewegung wieder neu erzeugt, sonst müsste er ins Nichts hinein verschwinden.

[ 60 ] Das ist ein Beispiel dafür, wie heute alles auf Bewegung zurückgeführt wird. Goethe aber hat es in seinem geraden Denken erfahren müssen, dass damals alles auf die Ruhe zurückgeführt wurde. Alles dies ist durch das unpraktische Denken verursacht, das nicht imstande ist, Kompliziertes auf Einfaches zurückzuführen. Goethe stand als Praktiker alledem gegenüber, und dass er sich in all dem Schrullenhaften zurechtfand, fußt auf dem, was er in seiner Denkpraxis gesagt hat.

[ 61 ] Das wollen wir uns auch zum Schlusse sagen. Es kann auch den richtigen Gesichtspunkt angeben für die Gesinnung, die wir uns aneignen sollen. Er hat erfahren, dass sich seiner praktischen Denkweise gegenüberstellten Leute, die unpraktisch dachten, und da sagte er den Grundsatz, den man wirklich für alle Denkpraxis sich in die Seele schreiben soll, den Grundsatz:

Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm;
Und wenn sie dir Bewegung leugnen,
Geh’ ihnen vor der Nas’ herum!