Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
8 März 1909, Berlin
50. Hellsehen: Unterbewusstsein und Überbewusstsein
[ 1 ] Aus einer nach Welterkenntnis ringenden Seele heraus hat Goethe den Satz gesprochen:
Geheimnisvoll am lichten Tag
Lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben.
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.
[ 2 ] Und manches, was sich nach seiner Zeit auf dem Gebiete der Wissenschaft abspielte, hätte ihn veranlasst, zu sagen: ... das zwingst du ihr nicht ab mit Mikroskopen und Fernrohren. — Nicht aus der Kleinmut der Erkenntnis ist der Ausspruch entsprungen, er ist hervorgegangen aus einer Stimmung, die nicht nur das Materielle gelten lassen wollte. Von seiner Jugend bis zum Alter hat er festgehalten an dem, was er im Faust sagt:
Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf! Bade, Schüler, unverdrossen
Die ird’sche Brust im Morgenrot!
[ 3 ] Und so hat er hier, wie auch in dem früher genannten Satz ausgesprochen, nicht, dass der Mensch nicht eindringen könnte in das Geheimnis des Daseins, sondern um darauf aufmerksam zu machen, dass der Menschengeist selber in seiner Entwicklung kann, was nicht Instrumente vermögen, dass der Menschengeist vermag, von Stufe zu Stufe aufwärtszusteigen.
[ 4 ] Wie das der Menschengeist vermag, das kann nur beantwortet werden aus einer Erkenntnis der Geheimnisse unseres Bewusstseins heraus. Das Bewusstsein, wie es der Mensch in der heutigen Zeit hat, läuft zu jenen anderen Bewusstseinen, die es gibt und die sich zu dem heutigen normalen verhalten so, dass sie, sozusagen, den Menschen in dunkle Tiefen hineinwerfen, hineinführen, und auf der anderen Seite ihn heraufführen zum Gipfel des Erkennens.
[ 5 ] Die Frage wollen wir uns heute vor die Seele legen: Gibt es nur das «normale» Bewusstsein oder gibt es noch andere Bewusstseine und damit die Möglichkeit, eindringen zu können in die Ursachen unseres Daseins? Heute soll uns das Verhältnis der Beziehung der Bewusstseine von einem besonderen Gesichtspunkte aus beschäftigen. Dasjenige, was das Wort «Hellsehen» umschließt, ist etwas, was in unserer gegenwärtigen Zeit unpopulär ist und angefochten wird. Die Leute, die nur das normale Bewusstsein gelten lassen wollen, werden das alles als Narretei und Phantasterei betrachten, was man zu sagen hat.
[ 6 ] Es liegt nichts anderes als die Nichtkenntnis des Wesens des menschlichen Bewusstseins zugrunde; man muss sagen, dass die gemeine innere Unwissenheit der Tatsachen so redet. Und es darf nicht unerwähnt bleiben, dass man es wünschen möchte, dass das, was in geisteswissenschaftlichem Sinne «Hellsehen» genannt wird, denen bekannt wird, die davon sprechen, und die recht wenig davon wissen und die mit Gier danach streben. Sie stellen sich unter dem Hellsehen etwas ganz Falsches vor. Deshalb muss von jenem Hellsehen gesprochen werden, das unter unserem normalen Bewusstsein liegt und auch den Menschen herausrückt unter das normale Bewusstsein. Und im Vergleich muss gesprochen werden, was im geisteswissenschaftlichen Sinne das Hellsehen ist und [wie] das über das normale Bewusstsein führt. Verstehen kann man es nur, wenn man sich vor die Seele rückt, was schon oft über die Natur des Menschen, über den sichtbaren und unsichtbaren Menschen gesagt wurde.
[ 7 ] Die Geisteswissenschaft hat es nicht so bequem, den Menschen zu erkennen, wie die äußerliche, an die sinnliche Materie sich fesselnde Wissenschaft. Das betrachtet sie nur als den äußeren physischen Teil, sie redet dann von dem physischen Menschenleib. Innerhalb dieses physischen Menschenleibes sieht jenes Bewusstsein, von dem wir gleich sprechen werden, die unsichtbaren, die übersinnlichen Menschenleiber. [Ist es] nicht [so], dass der gewöhnliche Menschenverstand sich genug Gründe bilden könnte für das Dasein dieser Leiber, wenn er nur mal sich Folgendes sagen würde: Ich wache jeden Morgen auf; während der Nacht ist mein normales Bewusstsein in Dunkelheit und Finsternis getaucht. Des Morgens, da dringen herauf in das Blickfeld des Bewusstseins Wesenheiten der verschiedensten Reiche der Natur; alles, was gestern da war, dringt wieder in das Bewusstsein herauf.
[ 8 ] Nun müsste sich ein jeder weiter sagen: Wenn es nicht zu absurd wäre, so müsste dasjenige, was anfüllt das Bewusstseinsfeld, abends verschwinden und morgens wieder erstehen. Er müsste sich sagen: Es müsste das Dasein während der Nacht verschwunden sein. — Die Geisteswissenschaft sagt uns, dass der Mensch noch hat einen Astralleib, der der Träger ist von Lust und Freude, von Trieben und Begierden et cetera. Der Astralleib steigt für das hellseherische Bewusstsein mit dem Einschlafen heraus. Warum haben wir in der Nacht keine Eindrücke? Weil er in der geistigen Welt ist und weil er für diese keine Organe hat. Denken Sie mal, dass in dem physischen Leib Folgendes eintreten würde. Die Augen verschwinden; die Ohren hören auf zu hören; keinen Ton, keine Farbe hätten Sie um sich herum. Ebenso könnten Sie sich vorstellen, dass die andern Sinne nach und nach entschwinden. So ist der Astralleib in der Nacht, weil er im Laufe der menschlichen Entwicklung keine Organe [gebildet] hat; des Morgens bedient er sich der Organe des physischen Leibes. So erkennen wir in ihm eines der unsichtbaren Glieder.
[ 9 ] Zwischen dem Astralleib und dem physischen Leib liegt ein zweites Glied eingeschaltet: der Ätherleib. Dieser ist während der Zeit zwischen Geburt und Tod ein Kämpfer gegen den Verfall des physischen Leibes. Und dann, wenn der menschliche physische Leib Leichnam ist, folgt er nur den physikalischen und chemischen Kräften, weil der Ätherleib im Tode herausrückt mit dem Astralleib. Schlaf ist Trennung von dem Astralleib; physischer Leib und Ätherleib bleiben in der Nacht im Bette liegen.
[ 10 ] Dann unterscheiden wir noch ein viertes Glied: das «Ich», mit dem der Mensch zum Selbstbewusstsein kommen kann. So sehen wir den Menschen an als eine Zusammengliederung des physischen Leibes und drei unsichtbaren Gliedern, dem Ätherleib, dem Astralleib und dem Ich.
[ 11 ] Nur wenn wir den Menschen in der Gesamtheit betrachten, können wir uns eine Vorstellung machen über die Bewusstseinsstufen. Nur über eines müssen wir uns klar sein: Wie haben wir die Glieder zu betrachten? Einmal war der physische Leib geistiger Natur; er hat sich herausgegliedert, wie Eis sich aus dem Wasser gliedert. Und wenig dichterer Geist gleichsam ist der Ätherleib und noch wenig dichterer ist der Astralleib und noch wenig dichterer Geist ist der Ichträger. Daher nennen wir auch das «Ich» das, was «göttlicher Funke» oder «Tropfen» ist. Dadurch, dass der Mensch sich allmählich entwickelt hat, ist er erst ein «Ichträger» geworden und ist zu seinem Selbstbewusstsein erwacht.
[ 12 ] Wenn wir zurückgehen würden, so finden wir die erste Anlage des physischen Leibes. Dann hat sich gleichsam, indem der physische Leib sich verdichtet hat, sich herausgehoben der Ätherleib. Noch später ist dazugekommen der Astralleib und noch später das Ich. Nur dadurch hat er — der Mensch — sein normales Bewusstsein erhalten, durch das wir die äußeren Gegenstände wahrnehmen.
[ 13 ] Dieses Bewusstsein war nicht immer da; es ist ein Entwicklungsprodukt. Wir könnten zurückgehen in die Vergangenheit und wir würden finden, dass der Mensch ein Wesen war, bestehend aus physischem Leib, Äther- und Astralleib. In dieser urfernen Vergangenheit hatte der Mensch nicht das heutige Bewusstsein; da hatte er ein ganz anderes, ein Bewusstsein, das um eine Stufe tiefer liegt. Dieses Bewusstsein können wir nennen, im Verhältnis zu dem heutigen, ein «Bilder-Bewusstsein». Nur dadurch können wir dieses Bewusstsein studieren, dass das Bewusstsein in einem höheren Grade wieder hergestellt werden kann. Der Mensch konnte damals die Gegenstände nicht wahrnehmen im äußeren Raum. Denken Sie sich einmal, irgendein Gegenstand liegt in der Nähe, der einen bestimmten Geschmack hat. Heute muss sich der Mensch mit dem Geschmack, mit der Zunge Kenntnis davon verschaffen, er nimmt von außen wahr, was der Gegenstand ist. Das Bilderbewusstsein kann nicht einen solchen äußeren Gegenstand wahrnehmen; es steigt ein Bild auf, und dieses Bild ist ein Sinnbild davon, was der äußere Gegenstand für einen Geschmack in sich hat. Oder man nähert sich einem Gegenstande, der leuchten würde für das heutige Bewusstsein; das sieht das Bilderbewusstsein nicht; aber durch ein geheimnisvolles Band zwischen der Seele und dem Körper steigt wieder ein Bild auf.
[ 14 ] Und so dürfen wir sagen, dass ein solches Bewusstsein auf- und abwogende Bilder hat, Bilder, die in einem genauen Zusammenhang stehen mit unseren heutigen Vorstellungen, nur dass sie Sinnbilder sind; unsere heutigen Vorstellungen sind nur fotografische Abbilder. Dasjenige, was der Astralleib erlebt, ist ein Bilderbewusstsein. In der Tat, wenn der heutige Mensch sein «Ichbewusstsein» auslöschen könnte, dann würde er untertauchen in das Meer der astralen Bilder. Er würde erleben im Astralleib die auf- und abwogenden Bilder. Wir dürfen so unser heutiges Bewusstsein durch einen Vergleich charakterisieren. Denken Sie sich ein Wesen, das eine bestimmte Zeit im Meer lebt, sodass es nur in bestimmten Tiefen sich aufhält. Es kennt die Tiere und Pflanzen, die im Meere eingebettet sind, aber es richtet nie einen Blick auf den Himmel. So etwa müssen wir uns das menschliche Bewusstsein vorstellen. Aus einem Meer der astralen Bilder taucht der Mensch auf, und es entzündet sich an der Außenwelt das Selbstbewusstsein. Dieses hätte sich nie entwickeln können, wenn er im Meere des Astralen geblieben sein würde; aber nur dadurch, dass der Mensch Objekte der Außenwelt hat, entzündet sich das Selbstbewusstsein.
[ 15 ] So haben wir damit hingewiesen auf eine gewisse Bewusstseinsstufe, die unterhalb unseres heutigen, gewöhnlichen Ichbewusstseins liegt, aus der sich die Menschheit herausentwickelt hat. Wenn wir noch weiter gehen, so würden wir einen Menschen finden, der noch nicht den Astralleib hatte. Und so könnten wir sagen, dass das Bilderbewusstsein sich herausentwickelt hat aus einem «Ätherbilderbewusstsein». Wenn man da hinuntersteigen würde, da würde man wahrnehmen ein Bewusstsein, das sich im Wesentlichen unterscheidet von dem, was der heutige Mensch als Bewusstsein kennt; aber Sie können sich aus dem, was heute gesagt wurde, eine Vorstellung machen: In dem, was während der Nacht im Bette liegen bleibt, dort ist das Ätherbewusstsein enthalten. Und unser Astralbewusstsein ist untergetaucht im Meere des Astralen.
[ 16 ] Nun müssen wir uns hier nicht extreme Gegensätze vorstellen, sondern Gradunterschiede. Wir müssen uns nicht denken, dass das Schlafbewusstsein entgegengesetzt unserem heutigen ist; denken Sie sich, dass Sie auch in unserem Tagesbewusstsein etwas kennen, das ähnlich ist. Wenn Sie durch eine Straße gehen, so kann es passieren, dass Sie sich sagen können: Habe ich nicht jetzt etwas gesehen? — Sie haben keine Aufmerksamkeit darauf verwendet. Da haben Sie ein niederes Bewusstsein. Es ist nur ein dumpferes Bewusstsein vorhanden bei dem, was im Bette liegen bleibt. Die Pflanze hat das Schlafbewusstsein fortwährend — sie sind schlafende Wesen.
[ 17 ] Und wir können noch tiefer heruntersteigen, wir können in den physischen Leib steigen und kommen zum mineralischen Bewusstsein. Es ist dies das Bewusstsein, in dem die ganze Mineralwelt lebt. So haben wir vier Stufen aufgezählt: das mineralische, das pflanzliche, das tierische und das menschliche Bewusstsein. Drei Stufen des Bewusstseins liegen also unter unserm alltäglichen, normalen Bewusstsein. Diese drei Stufen hat der Mensch in der Vorzeit absolviert.
[ 18 ] Heute ist nun der Mensch in der Tat zuweilen imstande, letzte Reste alter Bewusstseinsstufen in sich aufleben zu lassen. Es gibt auch solche Erbstücke in der physischen Welt, wie zum Beispiel die Ohrmuscheln ein atavistischer Rest sind; ebenso sind Erbstücke alter Entwicklungszustände gewisse Bewusstseinszustände, die man gewöhnlich hellseherische Zustände nennt, aber es sind nicht die wahren, im Sinne der Geisteswissenschaft, es sind nur alte Erbstücke, die sich manchmal hereinleben in unser heutiges Bewusstsein.
[ 19 ] Zwei ganz verschiedene Arten solcher Erbstücke hat der Mensch, die in ganz verschiedener Weise sich äußern. Das eine ist das, was die Traumwelt umschließt. Dasjenige, was der Mensch im Traum erlebt, sind nicht Wahrnehmungen, die so gemacht werden, wie sie das Tagesbewusstsein erlebt. Es sind Bilder der äußeren Vorgänge. Sie brauchen sich nur charakteristische Träume vorzustellen. Knüpfen wir an einen solchen an: Ein junger Mann träumt, dass vor ihm das Himmelsgewölbe sich öffnete, heraus drangen eine Anzahl von glänzenden Wesenheiten — er wacht auf und er sieht, dass durch das Fenster die Morgensonne an die Wand geschienen hat. Und dies Glänzen der Morgensonne hat der Traum symbolisch ausgedrückt, dass er in der Seele das Erlebnis als Bild aufsteigen ließ. Hier haben Sie ein Bildererlebnis. Deshalb ist der Traum ein Erbstück aus jener Zeit, wo der Mensch innere Seelenerlebnisse hatte, die in ihrer Gestalt an äußere Gegenstände gebunden waren. Wenn man zum Beispiel im astralischen Bewusstsein ein Sinnbild mit hässlicher Farbe sieht, so weiß man, dass ein schädlicher Gegenstand in der Nähe ist. Das noch nicht geweckte Gegenstandsbewusstsein sicht nicht den Gegenstand, sondern nur ein Bild, sodass man seine Handlungen einrichten konnte danach.
[ 20 ] Die Traumbilder sind nur ein Rest, aber da sie verschiedene Annäherungsgrade haben, so kann einmal der "Traum aufleuchten, dass er wirklich einmal einer wirklichen Tatsache entspricht, die symbolisch erscheint. Nehmen wir den Fall, ein Mensch träumt von der Kolonie Kiau-tschau, wie er in einer Versammlung sitzt und ihm immer der Name Kiau-tschau entgegentritt. Er wacht auf und er sieht, dass eine Katze sich in sein Zimmer eingeschlichen hat, die Miau schreit. In der Tat ist der Traum eine solche ins Willkürliche gezogene Vorstellung.
[ 21 ] Wenn man den Traum so studiert, so wird man sehen, dass es sich beim Traum um Linien des Lebens handelt, die sich erhalten haben, dass er aber mit größter Willkür Linien vermischt, gewisse Interessen des Tages hineinvermischt. Ein solches Hineinvermischen von Interessen ist zum Beispiel, wenn ein bedeutender Philosoph Folgendes träumt. In seiner Seele lebte das Gedicht:
Willst du in die Ferne schweifen,
Sich, das Gute liegt so nah’,
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.
[ 22 ] Und er träumt:
Willst du in die Ferne schweifen?
Sieh, das Geld das liegt so nah’.
Lerne nur das Geld ergreifen,
Denn das Geld ist immer da.
[ 23 ] Sie sehen, wie der Traum aus dem Borne der inneren Vorstellung willkürlich verfährt mit dem, was er erfahren hat — die Struktur des Goethe’schen Gedichtes zum Beispiel.
[ 24 ] Wir würden, wenn wir das verfolgen würden, ein Untertauchen haben in einen früheren Bewusstseinszustand. Alle unsere Vorstellungen können in der Weise symbolisiert werden. Denken Sie, Sie liegen im Bette, Sie stemmen die Füße an den unteren Bettrand an und lassen sie wieder frei. Der Traum symbolisiert: Die Füße werden frei und ein Flug entsteht. Wodurch wird der Traum hervorgerufen? Dadurch, dass das nicht vollkommen geschieht, was geschieht, wenn der Mensch in traumlosen Schlaf versinkt.
[ 25 ] Es ist nun der Fall möglich, dass aus dem physischen Leib der Astralleib schon heraußen ist und noch nicht aus dem Ätherleib; das ist insbesondere der Fall beim Aufwachen und Einschlafen. Dann spiegeln sich die Astralerlebnisse ab und es entstehen die Traumerlebnisse. Der Traum steht für sich; er ist wirklich ein letzter Rest alter überwundener Bewusstseinszustände.
[ 26 ] Anders ist es mit andern Zuständen des «abnormalen Bewusstseins», die sich in gewisser Beziehung im Menschen ausbilden können. Dadurch, dass er untertaucht im Astralen, sodass er in gewisser Beziehung sein volles Selbstbewusstsein aufgibt, dadurch entstehen ganz andere Zustände des Unterbewusstseins als im normalen Traum. Es muss das herabgestimmt werden, was der Mensch sein «Ich» nennt, sein gesundes Denken, sich genau zu unterscheiden von dem, was in der Umwelt ist. Jedes Mal, wenn das eigentliche «Ich» des Menschen heruntergestimmt wird, wenn der Mensch sich nicht fühlt so: Hier stehe ich —, dann ist es so, als wenn der Mensch würde unter die Oberfläche des astralen Meeres tauchen. Dann tritt an ihn heran, was man nennen kann das Unterbewusstsein.
[ 27 ] Da treten drei Formen des Unterbewusstseins auf: das, was man die Ahnung nennt, das, was man die Vision nennt und dann das zweite Gesicht. Das sind drei verschiedene Formen des Unterbewusstseins. Es ist natürlich, dass der Mensch, wenn er sein Ich abdämpft, in einer gewissen Beziehung mit all den Fäden, die die Natur verknüpfen, in innigeren Zusammenhang tritt als sonst. Wenn wir unser gewöhnliches Ichbewusstsein heben, dann muss der Mensch sich begnügen, nur einen Teil des Raumes zu sehen; da ist er immer in einem so eingeschränkten Gebiet, und welche Mühe kostet es, die Verbindungsfäden der Natur zu ziehen. In einem eingeschränkten Bewusstsein — das ist die Arbeit unseres «Ich» selbst, wenn wir es abdämpfen, wenn wir die Fähigkeiten zurückdämpfen, wenn wir unsere Vernunft können schweigen lassen, dann treten wir hinunter in unseren Astralleib und dieser ist mit vielen innigen Fäden verknüpft mit dem, was im Astralen lebt. Da hören die gewöhnlichen Zusammenhänge von Raum und Zeit auf. Da dämpfen wir all diese Begriffe ab.
[ 28 ] Durch die ganz andern Raum- und Zeitbegriffe kann es, wie es in der Ahnung geschieht, geschehen, dass die Zeit überwunden wird. Bei dem geringsten Untertauchen tritt zunächst das auf, was man als «dunkles Fühlen» bezeichnen könnte; das rührt her von den unter der Oberfläche gehenden Strömungen, die man sanft spürt, wenn man heruntertaucht in die Astralwelt. Taucht man tiefer, dann formen sich ebenso, wie es bei dem astralischen Bewusstsein war, die Erlebnisse zu ganz bestimmten Bildern und es tritt die Vision auf. Wir sind dann in der Ursachenwelt, in der Welt der Urgründe. Es tauchen dann jene Wesen auf, die für das sinnliche Auge unsichtbar sind. Solche Wesenheiten lernen wir kennen, und die Visionen sind oft der sinnliche Ausdruck von Wesen, die hinter der Sinnenwelt sind.
[ 29 ] So können wir tatsächlich jenen Wesenheiten, die da sind und auch menschliche Seelen sein können, begegnen. Das tritt in unser Bewusstsein, wenn wir hinuntertauchen. Und die Handlungen dieser geistigen Wesen, das, was sie ungebunden an Raum und Zeit vornehmen, erleben wir im zweiten Gesicht. Wenn wir im zweiten Gesicht weit entfernte Dinge liegen sehen, so ist das ein Hinuntertauchen in die Gründe des Bewusstseins.
[ 30 ] Der heutige Mensch kann nicht untertauchen in das Meer des Bewusstseins, ohne dass er mitnimmt das, was er hier oben erlebt hat. Der Mensch hat die Gewohnheit sich angeeignet, Tiere und Pflanzen et cetera in ganz bestimmter Art zu sehen. Die Art nimmt er mit und damit überzieht er gleichsam die Wesen, die ihm entgegentreten. Es sind wahre Wesen, die ihm entgegentreten, aber es sind unwahre Bilder. Es ist so, dass er untertaucht, dass er ein Wesen sieht, das nicht auftritt in seiner wahren Gestalt, und er [überzieht] dasjenige mit den Bildern, die er gewohnt ist. Irgendjemand taucht zum Beispiel unter und er glaubt, den Christus selber zu sehen. Dennoch ist das eine wirkliche Wesenheit aus der geistigen Welt, aber mit dem Bilde des Christus hat er sie selber ausgestattet. Und so ist das, was er sieht, ein Trugbild einer wirklichen Wesenheit. Und weil in der Tat die Menschen, die nicht geschulte Hellseher sind, nicht wissen können, ob sie das sehen, was sie mitnehmen, oder was Wahrheit ist, so können solche Menschen in großer Sicherheit sein, dass sie sich den größten Täuschungen hingeben. Das Hinuntertauchen ist daher immer von Täuschung über Täuschung begleitet.
[ 31 ] Man kann noch tiefer untertauchen, in das Äthermeer, und man nimmt ebenfalls mit die Art, die Dinge ganz bestimmt zu sehen. Man kann so wahrnehmen Mächte, aber sie werden getrübt sein. Würde man sie rein sehen, so würde man das sehen, was man als umfassendes Leben ansprechen könnte. Unsere Erde würde man zum Beispiel als umfassendes Lebewesen sehen. So aber nimmt der Mensch die Bilder wahr, an die er gewohnt worden ist in dieser Welt, und sieht allerhand Zeug, das wohl veranlasst worden ist durch geistige Wesenheiten; aber in trügerischer Gestalt sind die Formen, die der niedere Hellseher wahrnimmt. Diese Hellseher sind das, was man nennt den Traumwandler, zum Beispiel, wo der Mensch im Traum Handlungen ausführt mit dem physischen Leib in der Dumpfheit des Ätherleibes.
[ 32 ] Ebenso ist das, was man «magnetisches Schlafbewusstsein» nennt, in dieser Sphäre zu suchen, weil gewöhnlich Krankheitsursachen zugrunde liegen; nehmen Sie an, Sie haben ein Organ krank, Sie brauchen es nicht zu wissen, irgendetwas ist abnorm am Menschen, das lenkt den Menschen hin, besonders wenn ein anderer durch Streichen et cetera es beschleunigt, partiell im Ätherleib bewusst zu werden. Es erscheinen ihm allerlei Ereignisse in der geistigen Welt in allerlei Trugbildern. So sehen wir, dass man hinuntersteigen kann in verschiedene Bewusstseinszustände. Man nennt sie in der Geheimwissenschaft «Unterbewusstsein».
[ 33 ] Alle diese angeführten Bewusstseinszustände sind unmaßgebend für das, was in der Geheimwissenschaft gesagt wird. Gierig sind manche Menschen, das gewöhnliche Tagesbewusstsein auszuschalten und hinunterzusteigen. Was kümmert es sie, ob es Trugbilder sind, sie wollen nur etwas Absonderliches erleben, sie wollen Geister erleben. Dass die Menschen Geister sind, das ist ihnen nicht Beweis genug; sie wollen Geister ohne körperlichen Ausdruck haben. Damit will nichts gesagt werden gegen die Wahrheit und Wirklichkeit dieser Sphären; niemals aber könnte das maßgebend sein für die Geisteswissenschaft, was aus solchen Zuständen herrühren würde.
[ 34 ] Ebenso wie es ein Unterbewusstsein gibt, gibt es ein Überbewusstsein. Das kann nur durch die geheimwissenschaftliche Schulung erreicht werden. Dazu gehört, dass der Mensch in der genauesten Weise sein gewöhnliches Bewusstsein handhaben lernt. Daher wird immer betont, dass das, was Geisteswissenschaft aus den Sphären heraushört, nur mit dem gewöhnlichen Menschenverstand begriffen werden kann. Man kann es nicht strenge genug zum Ausdruck bringen, dass Theosophie mit dem gewöhnlichen Menschenverstand begriffen werden kann. Nur wer ein geschulter Hellseher ist, kann die wahre Gestalt der geistigen Welt sehen. Wenn sie aber dann erzählt wird, nachdem er sie gesehen hat, dann können die, die diese Tatsachen aufnehmen, wenn sie in der verständigen, gehörig umfassenden Weise gebracht wurden, alles verstehen, und sie können sich sagen: Wenn ich das tue, kann ich dann prüfen, ob sich das alles auf das Leben anwenden lässt. Man muss den gesunden Menschenverstand als Besitz bewahren. Man muss immer wieder den Leuten, die kommen, sagen: Gehen Sie zuerst an die physische Welt heran, wenden Sie unseren Verstand an diese Tatsachen an und versuchen Sie sie zu begreifen.
[ 35 ] Wem ist aber sein Verstand ungetrübt durch die Suggestion der sogenannten wissenschaftlichen Tatsachen! Man muss sich klar sein, dass das keine leichte Forderung ist! Niemals war so wenig umfassend der menschliche Verstand als heute. Ein jeder ist zufrieden, wenn er aus ein paar hingepfahlten Begriffen sich ein ganzes Weltgebäude errichtet, und wenn der kommt, der aus der Summe der geistigen Wahrheiten heraus das Gebäude aufbauen will, sagt er, dass das Torheit, Phantasie oder etwas noch Schlimmeres ist.
[ 36 ] Das muss berücksichtigt werden. Jenes durch allerlei Suggestionen getrübte Urteilen kann nicht an die physische Welt herantreten, nur das vorurteilslose Denken. Heute reden zwar die Menschen viel von der «Unabhängigkeit des Urteils»; autoritätsfrei will der Mensch sein. Was er nicht selber geprüft hat, will er nicht gelten lassen; dabei fragen sie sich nicht, ob sie auch fähig sind, alles zu prüfen. Das, worauf es ankommt, ist, dass sie unabhängig sein wollen von irgendeiner Autorität und doch abhängig sind von einer großen Autorität: «Man sagt». Das wirkt tyrannisch auf den Menschen ein, diese ungreifbare Autorität. Darunter schmachtet die Menschheit und glaubt frei zu sein von jeder Autorität. Da impft sich ein alles das, was Zeiturteil ist; man glaubt alles, was die Wissenschaft festgestellt hat, wie — das kümmert niemand.
[ 37 ] Davon muss sich der frei machen, der den Tatsachen der geistigen Welt sich gegenübersieht. Da hat er in seinem gewöhnlichen gesunden Urteil das gegeben, was er braucht, um fortzuschreiten zu dem Überbewusstsein. Mancher kommt und sagt: Früher habe ich allerlei gesehen gehabt und nun ist alles verschwunden. — Der, der was versteht, wird sagen: Das ist gut. Du sollst in das Überbewusstsein hinaufsteigen; dazu ist der beste Übergang der, dass man durch eine Sphäre geistiger Finsternis hindurchgehen muss. — Man kann sich einer Gefahr aussetzen, wenn man das nicht will. Wenn [der Mensch] ins Unterbewusstsein taucht und alle verwirrenden Eindrücke der Astralwelt kommen, dann wird er vielleicht in einer gewissen Beziehung zu Ahnungen, zu Visionen et cetera kommen; er kann unter Umständen noch so viele schwarze Pudel sehen, die ihm nur etwas vortäuschen. Darum kann es sich nicht handeln, das zu sehen. Der noch nicht reif ist so weit, dass er keinen Respekt hat vor diesen Fetzen der geistigen Welt, der ist auch nicht reif, ins Überbewusstsein hinaufzudringen. Notwendig ist dazu, dass er durchmacht die Katharsis oder Reinigung. Von allem Unterbewusstsein muss der Mensch gereinigt werden, wenn er hinaufsteigen will in die erste Sphäre des Überbewusstseins. Da erlebt er auch ein Bilderbewusstsein; aber so, wie er im Alltag lebt. Dazu ist nötig, dass man sein Bewusstsein stärkt und alles Unterbewusstsein herauswirft. Und das ist viel! Das können Sie sehen, wenn Sie sich erinnern, dass in der ersten Kindheit vieles auf Sie eindringt; Sie haben es in Ihrem Ichbewusstsein vergessen, aber in Ihren Äther- und Astralleib ist es eingeschrieben. Gewisse Kindheitseindrücke würden jedes Mal, wenn der Mensch versucht, in ein höheres Bewusstsein einzudringen, heraufkommen und ihn stören. Es ist ja in gewissem Sinne das Hinuntertauchen in die Sphären des Unterbewusstseins ein Überkleiden der wirklichen Tatsachen mit Bildern der wirklichen Welt. Versuchen Sie die Bilder solcher «Hellseher» zu registrieren, verfolgen Sie sie bis zu der Zeit, wo es noch keine Eisenbahnen und Telegrafen gibt, warten Sie und Sie werden sich nicht wundern dürfen, dass Eisenbahnen und Telegrafen große Rollen spielen werden im «Geisterreich». Das ist nur deshalb, weil der Seher das mitnimmt, was sich eingeprägt hat im Ätherleib. Daher ist es nötig, wenn man ungetrübt eindringen will, alles aus dem Unterbewusstsein herauszuwerfen. Man kann es nur durch das erwerben, wenn man mit vollkommenem Bewusstsein durchmacht das, was uns an die Hand gibt die geisteswissenschaftliche Methode. Da ist, was der Schüler durchzuüben hat, was er, in Imagination versunken, zu erleben hat, das ist das bildhafte Vorstellen, das nach der Regel verläuft:
Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.
[ 38 ] So finden Sie, dass in jeder Schulung Symbole gegeben werden wie das Rosenkreuz, der Schlangenstab des Hermes et cetera. Sie haben etwas ungeheuer Bedeutsames, wenn der Mensch gewisse Tatsachen der äußeren Welt im Innern zu erleben hat. Man bildet sich ein Sinnbild, das man nicht so verwendet, wie ein fotografisches Abbild von der äußeren Welt.
[ 39 ] Noch einmal sei hier erwähnt in Form eines Dialoges zwischen dem Lehrer und Schüler — dieser Dialog hat sich nicht abgespielt, aber die Tatsachen spielen sich so ab —: Sieh dir an eine Pflanze; diese wurzelt in dem Boden und lässt herausdringen Stängel, Blätter und Blüten. Und vergleiche nun mit der Pflanze den Menschen. Du nennst ihn ein höheres Wesen. Du weißt, dass das rote Blut, das den Menschen zum höheren Wesen macht, auch ihm ermöglicht, Leidenschaften, Triebe und Begierden zu entfalten, aber auch die Seelenwelt, das höhere Bewusstsein. Die Pflanze hat keine Begierden und Triebe; in reiner hoher Keuschheit steht sie da. Du siehst aber den Menschen mit höherem Bewusstsein; doch erkauft er das, was mit dem roten Blut zusammenhängt, durch Leidenschaft und Begierde. Und stelle dir dann vor das hohe Ideal, dass der Mensch werden wird wie die Pflanze; er hat abgedämpft die Begierden und gereinigt hat er sein rotes Blut.
[ 40 ] Für den Menschen ist die Pflanze ein Vorbild; er macht sich ein Bild, wie einmal im Menschen alles ihn Erniedrigende abgestorben ist, sein Blut rein ist wie in der roten Rose der Saft. Denken Sie sich das als Symbol in der roten Rose und darauf angewendet das Goethe’sche Wort:
Bevor Du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist Du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde!
[ 41 ] Und fühlen wir das Aufsprießen und Sprossen in der Seele wie den geröteten Saft in der roten Rose, fühlen wir das und lassen wir das Bild in innerer Meditation auf uns wirken! Und das Bild hat eine bestimmte Wirkung: Es drängt alles heraus, was das Unterbewusstsein erfüllt, und wir haben die erste Stufe des Überbewusstseins erschritten.
[ 42 ] So wie ich Ihnen das Rosenkreuz beschrieben habe, so gibt es zahllose Symbole. In diese muss der Schüler sich vertiefen und sie dann zusammensetzen in der «okkulten Schrift», und dadurch kommt er geläutert und gereinigt zu einem Ätherbewusstsein. Durch das, was wir durch die okkulte Schrift erlangen, erhalten wir das sogenannte inspirierte Bewusstsein in dem, was nicht an Raum und Zeit geknüpft ist; aber wir sehen es nicht getrübt durch die Bilder des Alltags.
[ 43 ] Und dann gibt es noch ein höheres Glied des Überbewusstseins: die Intuition. — In all diesen Sphären des Überbewusstseins nimmt der Mensch sein volles «IchBewusstsein» mit. Wenn da einer sagt: Du stellst da umsonst ein Bewusstsein dar, das bildet keine wahre Welt ab, so sagt ihm der, der was versteht davon: Diese Dinge sind dazu da, dass in uns die Kräfte sich entwickeln, die den Astralleib, den Ätherleib frei machen vom physischen Leib, und indem das geschieht, lernt er zu schauen beim völligen Bewusstsein seines Ich in die geistige Welt.
[ 44 ] Es verknüpft sich keinerlei Gefahr mit diesem Weg, es kann uns nichts dabei passieren, er ist gefahrlos, wenn wir ihn mit Geduld und Ausdauer gehen. Wenn man untertaucht, wenn man das Ich abdämpft, da gibt es eine Gefahr; wir verfallen in die Leidenschaften, die im Astralen sitzen, und schließlich, dass man seinen Verstand verlieren kann, während man immer verständiger wird, wenn man in dem Überbewusstsein aufsteigt. Daher jene scharfe Betonung, dass der Weg ins Überbewusstsein durch das Tages-Selbstbewusstsein führt. Wem es zu langweilig, zu unbequem ist, durch das Studium des Physischen zu gehen, der muss das mit dem Verlust des Verstandes oft bezahlen, was er durch seine Gier angestrebt hat.
[ 45 ] So sehen wir, dass es Stufen gibt, die hinaufführen, und Stufen, die hinunterführen. Die Ersteren führen in die wahren hellseherischen Zustände hinein, sie führen dorthin, wo das Ich sich unter den Handlungen der geistigen Wesen befindet [in der Inspiration] und schließlich, wo es Geist unter Geistern ist [in der Intuition]. Nichts Geringeres wird erreicht, als dass der gereinigte Teil des physischen Leibes, des Äther- und Astralleibes frei wird gemacht wird. Da muss man wohl auch manches in Kauf nehmen; so, wenn der Mensch seinen Ätherleib frei macht, dass er dann für eine Zeit lang schwinden sieht sein Gedächtnis, weil das Gedächtnis an seinem Ätherleib hängt. Zieht der Mensch ihn heraus zum Teil, dass er ihn benützen kann, so schwindet das Gedächtnis. Es wird ihm aber später reichlich ersetzt, freilich in einer anderen Art. Und die Eigenschaften und Fähigkeiten des Bewusstseins gehen für eine Zeit verloren; auch das Selbstbewusstsein nimmt eine andere Gestalt an. Wie ein Wanderer, der sich vereinsamt fühlt, geht der Mensch dahin. Dringt er weiter hinauf, verschwindet das gemeine Gedächtnis und ein gewisses Schauen tritt ein der vergangenen Dinge.
[ 46 ] Der, der die richtige Schulung eingeht, muss Gelassenheit und Ausdauer haben. Er muss mit Mut und Kühnheit den Weg betreten, der jedoch von dem großen Lohn belohnt wird, hereinzusehen in die geistige Welt, in der die Kräfte liegen, um Herr zu werden über die physische Welt. Eine Zeit wird kommen, wo allein derjenige als praktischer Mensch gelten wird, der die hinter dem Physischen liegenden geistigen Kräfte erkennen und sie fruchtbar machen kann. Das führt uns unter völliger Aufrechterhaltung des Selbstbewusstseins hinein in die geistige Welt. Nicht Instrumente, Fernrohre und Mikroskope, die nur den Schleier der Natur erklären, nur der Geist führt in die Natur hinein.
Geheimnisvoll am lichten Tag
Lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben. Und was sie Deinem Geist nicht offenbaren mag, Das zwingst Du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.
[ 47 ] Wenn die Natur uns entgegenkommen soll, so müssen wir ihr entgegenkommen, indem wir unser Bewusstsein in das Überbewusstsein entwickeln. Dann lebt sich der Mensch hinein in das, was Goethe geschildert hat mit den Worten, die er dem Weisen in den Mund legt:
[ 48 ] Die Geisterwelt ist nicht verschlossen; Dein Sinn ist zu, Dein Herz ist tot! Auf! bade, Schüler, unverdrossen
[ 49 ] Die ird’sche Brust im Morgenrot!
