Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Essence of Anthroposophy
within the World Of Sense, Soul And Spirit
GA 68b

21 October 1909, Berlin

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

The Circular Flow of Man's Life, tr. SOL
  1. Der Kreislauf des Menschen

52. Die Mission des Zornes. Der Gefesselte Prometheus

52. The Mission of Wrath. Prometheus Bound

[ 1 ] Wer über solche Fragen menschlichen Seelenlebens nachsinnt, wie diejenigen sind, welche auf unserem diesjährigen Winterprogramm stehen, über Charakter, Gewissen, über die gesunde und kranke Seele, über Leben und Tod, Mystik und so weiter, wer über solche Fragen nachsinnt, wird immer wieder vielleicht erinnert werden können an einen Ausspruch eines alten Weisen aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, Heraklit, den man wegen der bedeutsam tiefen Natur seines Denkens den «Dunklen» nennt. Er, Heraklit, hat die Worte gesprochen:

[ 1 ] Anyone who reflects on such questions of human spiritual life—such as those featured in this year’s winter program—regarding character, conscience, the healthy and unhealthy soul, life and death, mysticism, and so on—whoever reflects on such questions may well be reminded time and again of a saying by an ancient sage from the fifth century B.C., Heraclitus, who is called “the Obscure One” because of the profoundly significant nature of his thought. He, Heraclitus, spoke these words:

Die Grenzen der Seele kannst du nicht ausfindig machen, und wenn du auch alle Straßen durchwandern wolltest. So tiefe Gründe hat die Seele.

You cannot find the boundaries of the soul, even if you were to wander every road. The soul runs so deep.

[ 2 ] Man wird in mancherlei Weise an diese Tiefe der Seele bei Seelenfragen erinnert. Aber erst langsam und allmählich können wir uns im Laufe dieses Winters, wenn wir so sagen dürfen, auf tieferliegende Fragen des Seelenlebens einlassen.

[ 2 ] We are reminded in various ways of this depth of the soul when it comes to questions of the soul. But only slowly and gradually, over the course of this winter—if we may put it that way—can we engage with the deeper questions of the life of the soul.

[ 3 ] Heute und morgen werden uns Erscheinungen des menschlichen Innenlebens beschäftigen, die vielleicht gerade dadurch, dass sie dem Alleralltäglichsten näher liegen und darum, weil man weniger über sie nachdenkt, nicht minder interessant sind. Es sind solche Erscheinungen, in denen jener edelste und höchste Kern des menschlichen Innenlebens, den wir das Selbstbewusstsein nennen, für gewisse Zeiträume in einer gewissen Beziehung verdunkelt wird, verdunkelt wird durch allerlei Gefühle, vorzugsweise aber durch Affekte.

[ 3 ] Today and tomorrow we will be examining aspects of human inner life that, perhaps precisely because they are closer to the most mundane aspects of daily life—and therefore less frequently reflected upon—are no less interesting. These are phenomena in which that noblest and highest core of human inner life—which we call self-consciousness—is obscured for certain periods of time in a certain way, obscured by all manner of feelings, but primarily by emotions.

[ 4 ] Heute soll uns beschäftigen einer von diesen Affekten, der eine bedeutsam tiefe Rolle im menschlichen Seelenleben spielt. Es soll uns beschäftigen diejenige Kraft in unserem Innern, die dem Zorn und allem, was damit zusammenhängt, zugrunde liegt. Wenn man von den Seeleneigenschaften und Äußerungen des menschlichen Seelenlebens spricht, dann kann man die Frage aufwerfen: Wie kommt es denn, dass diese menschliche Seele, die doch durch ihr Selbstbewusstsein sich zu immer höher und höheren intellektuellen und moralischen Höhen hinaufheben soll, immer wieder und wieder durch Anwandlungen solcher Art, wie der Zorn es ist, sozusagen zurückgeworfen wird? Ist eine solche Eigenschaft der Seele wie der Zorn eine bloße Hemmung auf dem Wege des Menschen aufwärts zu den großen Idealen des Lebens? — Und auch in praktischer Beziehung sind solche Fragen im unmittelbaren Leben von der allergrößten Bedeutung.

[ 4 ] Today we will focus on one of these emotions, which plays a profoundly significant role in human psychological life. We will focus on the inner force that underlies anger and everything associated with it. When speaking of the qualities of the soul and the manifestations of human inner life, one may ask: How is it that the human soul—which, through its self-awareness, is meant to rise to ever higher intellectual and moral heights—is time and again, so to speak, thrown back by outbursts of this kind, such as anger? Is a quality of the soul such as anger merely an obstacle on the human being’s path upward toward the great ideals of life? — And in practical terms as well, such questions are of the utmost importance in everyday life.

[ 5 ] Der Erzieher, jeder, dem die Pflege eines anderen Menschen anvertraut ist, wird ohne Weiteres zugeben und wird einsehen, wie bedeutungsvoll es ist, zu wissen, welche Rolle gerade eine solche Seelenäußerung wie der Zorn im Seelenleben spielt. Dann kann man, wenn man eine solche Sache erkennt, in einer entsprechend taktgemäßen und weisheitsvollen Art auch alles das, was damit zusammenhängt, behandeln. Nur wird gerade unsere gegenwärtige Betrachtung des Seelenlebens über eine solche Frage wie die Bedeutung des Zorns die größten Schwierigkeiten machen. Erst ein tieferes Eindringen in die Untergründe des Daseins, in die verschlungenen Pfade des geistigen Lebens, gestattet, einige Aufschlüsse zu geben über eine solche Frage. So werden wir heute zuerst vor unsere Seele treten lassen müssen etwas, was diejenigen der verehrten Zuhörer von gewisser Seite her gehört haben, die öfter bei diesen Vortragszyklen anwesend waren.

[ 5 ] The educator—and indeed anyone entrusted with the care of another person—will readily admit and recognize how significant it is to understand the role that a particular emotional expression, such as anger, plays in the inner life. Then, once one recognizes such a thing, one can deal with everything related to it in a manner that is both tactful and wise. However, our current examination of the inner life will pose the greatest difficulties when it comes to a question such as the significance of anger. Only a deeper penetration into the depths of existence, into the winding paths of spiritual life, allows us to shed some light on such a question. So today we will first have to bring before our soul something that those among our esteemed audience who have frequently attended these lecture series have heard from a certain source.

[ 6 ] Aber es wird immer wieder notwendig sein, die eigenartige Natur des Menschen vor unsere Seele hintreten zu lassen, wenn wir menschliche Äußerungen und Kraftwirkungen verstehen wollen. Vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus soll ja die Mission des Zornes heute in Betracht gezogen werden. Da müssen wir nicht nur insoweit den Menschen betrachten, als er sich uns darbietet für die äußere Sinnesanschauung, darbietet für denjenigen Verstand, welcher an das Instrument des Gehirns gebunden ist, welcher sich beschränkt auf die Verarbeitung der Eindrücke, die die unmittelbare Sinnesbeobachtung liefert. Für eine solche geisteswissenschaftliche Betrachtung ist dasjenige, was die Sinne sehen, was der menschliche Verstand, der in diesem Sinne bewusst ist, begreifen kann, nur ein Teil der menschlichen Wesenheit. Dasjenige Glied der menschlichen Wesenheit, was wir mit den Sinnen wahrnehmen können — die äußere Wissenschaft hat es nur mit dem physischen Leib zu tun, insofern sie Naturwissenschaft ist, und sie hat in gewisser Beziehung mit dieser Beschränkung recht —, nennt die Geisteswissenschaft den physischen Menschen. Darüber hinaus unterscheidet sie [davon] aber die höhere Natur des Menschen. Das, was wir den physischen Leib nennen, haben wir gemeinschaftlich hinsichtlich der Zusammensetzung von Stoffen und Kräften mit alledem, was wir das Mineralreich, die scheinbar tote Natur um uns herum nennen. Es ist dieselbe Kraftwelt in unserem physischen Leib wie die da draußen in der Welt.

[ 6 ] But it will always be necessary to allow the unique nature of human beings to come to the forefront of our consciousness if we are to understand human expressions and the effects of human power. From the standpoint of spiritual science, the mission of anger is to be considered today. In doing so, we must not limit our view of the human being to the extent that he presents himself to us through external sensory perception—that is, to the intellect bound to the instrument of the brain, which is restricted to processing the impressions provided by immediate sensory observation. For such a spiritual-scientific consideration, what the senses perceive—and what the human intellect, conscious in this sense, can grasp—is only a part of the human being. That aspect of the human being which we can perceive with the senses—external science deals only with the physical body insofar as it is natural science, and in a certain respect it is correct in this limitation—is what spiritual science calls the physical human being. Beyond this, however, it distinguishes the higher nature of the human being. What we call the physical body we share, in terms of the composition of substances and forces, with everything we call the mineral kingdom—the seemingly lifeless nature around us. The same world of forces exists within our physical body as it does out there in the world.

[ 7 ] Darüber hinaus aber gibt es eine Frage, die schon der gewöhnliche menschliche Verstand stellen und auch in gewisser Weise beantworten kann, nämlich die Frage: Wirken diese Kräfte und Stoffe, die im menschlichen Leib spielen und die die gleichen sind wie die draußen in der übrigen mineralischen Natur, [im Menschen] in derselben Art wie draußen in der übrigen mineralischen Natur? — Nein, das tun sie nicht. Wenn der menschliche physische Leib — und der physische Leib eines jeden Lebewesens überhaupt — sich selbst überlassen ist, so folgt er den Gesetzen der mineralischen Welt. Das sehen wir da, wo der physische Leib sich selbst überlassen ist im Falle des Todes. Da sehen wir die Art und Weise, wie die Zusammensetzung des physischen Leibes, wenn sie ihren eigenen physischen und chemischen Kräften überlassen ist, wirkt. Dasjenige, was von Beginn des physischen Lebens bis zum Ende desselben einen Kampf führt gegen die physischen und chemischen Kräfte, sodass sie nicht ihrem eigenen Weg folgen können, dem sie erst im Tode folgen, das nennen wir das erste Glied der höheren menschlichen Natur — stoßen Sie sich nicht an Ausdrücken, halten Sie sich an die Begriffe —, das nennen wir den Ätherleib oder den Lebensleib. Wir [dringen] damit in das erste übersinnliche Glied der menschlichen Natur hinauf.

[ 7 ] Beyond that, however, there is a question that even ordinary human reason can ask—and, to a certain extent, answer—namely: Do these forces and substances that are at work in the human body—and which are the same as those found outside in the rest of the mineral world—act [in humans] in the same way as they do outside in the rest of the mineral world? — No, they do not. When the human physical body—and indeed the physical body of any living being—is left to its own devices, it follows the laws of the mineral world. We see this when the physical body is left to its own devices in the event of death. There we see the way in which the composition of the physical body acts when left to its own physical and chemical forces. That which, from the beginning of physical life to its end, wages a struggle against the physical and chemical forces so that they cannot follow their own course—a course they follow only in death—we call the first member of the higher human nature—do not take offense at the terms; stick to the concepts—we call this the etheric body or the life body. With this, we [ascend] into the first supersensible element of human nature.

[ 8 ] Auch für denjenigen, der sich bloß des an das Physische gebundenen Instrumentes und der Logik bedient, wird ein solcher Lebensleib vernünftig zu erschließen sein. Für den, der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, ist dieser Lebensleib eine Tatsache von derselben Wirklichkeit wie die tönende, wie die farbige Welt. Und der Geistesforscher sagt dem, der ihm erwidert: Diesen ätherischen oder Lebensleib gibt es ja gar nicht — es gibt ihn allerdings nicht für das gewöhnliche sinnliche Anschauen, wie es für den, der blind ist, nicht die Farbe gibt. Es gibt ihn aber für den Menschen, der in seiner Seele die entsprechenden Kräfte ausgebildet hat, um diesen Lebensleib wirklich als eine Tatsache empfinden zu können.

[ 8 ] Even for those who rely solely on the physical instrument and logic, such a life body can be rationally deduced. For those grounded in spiritual science, this life body is a fact of the same reality as the world of sound and color. And the spiritual researcher says to the one who replies: “This etheric or life body does not exist at all”—it does not exist, indeed, for ordinary sensory perception, just as color does not exist for the blind. But it does exist for the person who has developed the corresponding powers within their soul to be able to truly perceive this life body as a fact.

[ 9 ] Über alle diese Dinge kann im Verlaufe des Winters in anderem Zusammenhang gesprochen werden. Heute muss es dabei sein Bewenden haben. — Dann kommen wir zu dem dritten Glied der menschlichen Wesenheit, das man den astralischen Leib nennt. Dieser astralische Leib ist der Träger von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieben, Begierden und Leidenschaften. Dieser astralische Leib ist dasjenige, was der Mensch gemeinschaftlich hat mit den Tieren, wie er den Äther- oder Lebensleib gemeinschaftlich hat mit den Pflanzen und den physischen Leib gemeinschaftlich hat mit den Mineralien. Für die Vernunft kann dieser Astralleib, wenn sie sich unbefangen der Logik bedienen will, etwas sein, das man logisch zu erschließen vermag. Für die Geistesforschung ist er eine Tatsache, etwas, das für die Wahrnehmung des Geistesforschers ebenso vorhanden ist wie die Farbe für das Auge, wie der Ton für das Ohr. So haben wir im Astralleib ein zweites Glied der übersinnlichen menschlichen Wesenheit.

[ 9 ] All these things can be discussed in a different context over the course of the winter. For now, we must leave it at that. — Then we come to the third aspect of the human being, which is called the astral body. This astral body is the vehicle of pleasure and suffering, of joy and pain, of instincts, desires, and passions. This astral body is what human beings share with animals, just as they share the etheric or life body with plants and the physical body with minerals. For reason, if it wishes to make use of logic impartially, this astral body can be something that can be logically deduced. For spiritual research, it is a fact—something that is just as present to the spiritual researcher’s perception as color is to the eye or sound is to the ear. Thus, in the astral body, we have a second member of the supersensible human being.

[ 10 ] Und wenn wir weiter hinaufsteigen in der Zusammensetzung der menschlichen Natur, so kommen wir zu dem, was er nicht mehr gemeinschaftlich hat mit den anderen Reichen der Natur um sich herum, was wir das menschliche Selbstbewusstsein oder dessen Ausdruck, das Ich, nennen. Dieses Ich ist dasjenige, wovon sozusagen jede sinnige Menschennatur, wenn sie es zum ersten Mal wahrnimmt, überrascht wird. Immer wieder möchte ich anführen den schönen Ausspruch von Jean Paul, als er noch Knabe war und in dem Hofe seines Elternhauses stand und das erste Mal das Ich empfand — [Lücke]. Von jetzt an war ihm die Frage von Gott und der Unsterblichkeit verständlich. Es läge so nahe, zum Ich des Menschen zu kommen, zu einer Anschauung davon, wenn man sich sagen würde: In dem Ich ist etwas ausgesprochen, das sich schon durch das Sprechen von allen anderen Begriffen oder Namen unterscheidet. Den Tisch kann jeder «Tisch», den Stuhl kann jeder «Stuhl» nennen. Sprechen Sie aber das Wort «Ich» aus, so bezeichnet es etwas, das nur Bezug hat auf sich selbst, das aber keinen Sinn hat, keine Anwendung für Ihr höheres Selbstbewusstsein findet, wenn es ein anderer ausspricht. Niemals kann Ihr «Ich» an Ihr Ohr klingen, wenn es nicht Ihre eigene Seele bedeuten soll. Das ist wirklich der Ausdruck für das «verhangene Heiligtum» der menschlichen Seele. Das ist der Ausdruck, der wie in einem kurzen Monolog das Wesen des Menschen in seinem Inneren bezeichnet, oder das, was man auch als das Göttliche in der Menschennatur bezeichnen kann.

[ 10 ] And as we ascend further in the composition of human nature, we arrive at that which it no longer shares with the other kingdoms of nature around it—what we call human self-consciousness, or its expression, the “I.” This “I” is that which, so to speak, takes every sensible human being by surprise when they first perceive it. Time and again I would like to quote the beautiful saying of Jean Paul, when he was still a boy and stood in the courtyard of his parents’ house and felt the “I” for the first time—[gap]. From that moment on, the question of God and immortality became understandable to him. It would be so easy to arrive at the human “I,” at a conception of it, if one were to say to oneself: In the “I,” something is expressed that, by the very act of speaking, already distinguishes itself from all other concepts or names. Anyone can call a table a “table” and a chair a “chair.” But when you utter the word “I,” it denotes something that refers only to itself, yet has no meaning and finds no application in your higher self-awareness when spoken by another. Your “I” can never sound to your ear unless it is meant to signify your own soul. This is truly the expression of the “veiled sanctuary” of the human soul. It is the expression that, like a brief monologue, describes the essence of the human being within, or what may also be called the divine in human nature.

[ 11 ] Damit haben wir die vier Glieder der menschlichen Wesenheit: physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich, vor Ihre Seele gestellt. Wenn wir den Menschen betrachten, wie er vor uns steht, so sind diese vier Glieder das, was sein Zusammenspiel, das gegenseitige Durchdringen ausmacht. Das, was bedeutsam ist, ist das, dass der Mensch nicht ein abgeschlossenes Wesen ist, dass er nicht ein Wesen ist, welches in irgendeinem Augenblicke fertig ist, sondern ein Wesen, das in lebendiger Entwicklung begriffen ist, ein Wesen, das von dieser oder jener Stufe des Fortschrittes zu einer anderen Stufe weiterschreitet.

[ 11 ] We have thus presented to your soul the four aspects of the human being: the physical body, the etheric body, the astral body, and the I. When we look at the human being standing before us, these four aspects are what constitute their interplay and mutual interpenetration. What is significant is that the human being is not a self-contained being, that he is not a being who is complete at any given moment, but rather a being in the midst of living development, a being who progresses from one stage of advancement to another.

[ 12 ] Welches ist nun die Natur dieser menschlichen Entwicklung? Worin besteht sie, [worin besteht] das Spielen dieser Glieder der menschlichen Wesenheit ineinander, in dem, was wir das Wunderbare der menschlichen Entwicklung nennen können? Sie spielen so ineinander, wie es sich uns vor die Seele hinstellt, wenn wir uns überlegen, wie es etwa in einem Astralleib ausschaut bei einem Menschen, der auf einer niedrigen Kulturstufe steht, und bei einem Menschen, der auf einer höheren Kulturstufe dadurch steht, dass er nicht in seinen wilden Trieben und Instinkten lebt, dass er nicht alles begehrt und verlangt, was ihm entgegentritt in Bezug auf die Sinne, sondern, dass er geläutert hat seine Triebe und Begierden durch die Ideale des moralischen Lebens. Zwei Menschen können Sie nebeneinander stellen, den einen, dessen Sinne [noch] begehrend sind, der noch Verlangen hat nach dem, was seine Sinne vor ihn hinstellen; den anderen mit feinem Takt und Pflichtgefühl, beweisend, dass er eine Verfeinerung seiner Seele durchgemacht hat, sie geläutert, gereinigt hat.

[ 12 ] What, then, is the nature of this human development? What does it consist of—[what does it consist of]—this interplay of the various aspects of the human being, in what we might call the wonder of human development? They interact in the way that presents itself to our soul when we consider, for example, what an astral body looks like in a person who is at a low level of cultural development, and in a human being who stands at a higher cultural level because they do not live according to their wild drives and instincts, because they do not covet and demand everything that presents itself to their senses, but rather because they have purified their drives and desires through the ideals of the moral life. You can place two people side by side: one whose senses are [still] covetous, who still craves whatever his senses present to him; the other, with refined tact and a sense of duty, demonstrating that he has undergone a refinement of his soul, having purified and cleansed it.

[ 13 ] Worin beruht nun diese Läuterung? Sie beruht darin, dass der Mensch von seinem Ich aus an den übrigen Gliedern seiner Wesenheit arbeitet. Das hat das Ich getan, was aus Trieben, Begierden und Leidenschaften geworden ist. Das Ich hat den Astralleib gereinigt, Triebe, Begierden und Leidenschaften umgewandelt, sie zu etwas anderem gemacht, als sie vorher waren. In der Geisteswissenschaft bezeichnet man den [Teil des Astralleibes], den das Ich bereits umgewandelt hat — insofern das Ich mit vollem Bewusstsein an der Umwandlung von Trieben und Leidenschaften gearbeitet hat, an seiner moralischen Vervollkommnung, an der Umgestaltung des Astralleibes —, als das «Geistselbst», oder mit einem Ausdruck der orientalischen Philosophie als das «Manas» des Menschen.

[ 13 ] What, then, is the basis of this purification? It lies in the fact that human beings work on the other aspects of their being from the perspective of their “I.” It is the “I” that has transformed what were once drives, desires, and passions. The “I” has purified the astral body, transformed instincts, desires, and passions, and turned them into something other than what they were before. In spiritual science, the [part of the astral body] that the “I” has already transformed—insofar as the “I” has worked with full consciousness on the transformation of drives and passions, on its moral perfection, and on the restructuring of the astral body—is referred to as the “spiritual self,” or, using a term from Eastern philosophy, as the “Manas” of the human being.

[ 14 ] Im Allgemeinen können wir sagen: Dieses menschliche Ich in der gegenwärtigen menschlichen Entwicklung ist erst so weit gelangt, an dem Manas oder dem Geistselbst zu arbeiten, bewusst zu arbeiten. In der Zukunft wird als hohes geisteswissenschaftliches Ideal vor dem Menschen stehen ein bewusstes Arbeiten nicht nur an dem Astralleibe, an der Läuterung der Leidenschaften, Triebe und Begierden, sondern auch das Ideal der Umwandlung des Äther- oder Lebensleibes. Heute kann der Mensch an diesem Ätherleib nur unbewusst arbeiten. Das, was er einstmals an seinem Lebensleib umgestaltet hat, das bezeichnet man in der Geisteswissenschaft als Lebensgeist oder Budhi.

[ 14 ] In general, we can say that the human “I,” in the current stage of human development, has only reached the point where it can work on the Manas, or the spiritual self—and do so consciously. In the future, humanity will be faced with a lofty spiritual-scientific ideal: not only conscious work on the astral body and the purification of passions, drives, and desires, but also the ideal of transforming the etheric or life body. Today, human beings can work on this etheric body only unconsciously. What they once transformed in their life body is referred to in spiritual science as the life spirit or buddhi.

[ 15 ] Und nun ersteht noch ein höheres Ideal im Sinne der Geisteswissenschaft vor der menschlichen Seele; das ist ein Ideal, bei dem die menschliche Seele heute, wenn sie eine Empfindung davon hat, ein Schwindel vor der Höhe und Größe und Erhabenheit der Zukunft der menschlichen Entwicklung überkommen kann. Wenn der Mensch in der Lage sein wird, bewusst an dem physischen Leib zu arbeiten, dann wird er auch den physischen Leib von seinem Ich oder Selbstbewusstsein aus umarbeiten.

[ 15 ] And now an even higher ideal, in the sense of spiritual science, arises before the human soul; it is an ideal that, when the human soul senses it today, can fill it with a sense of vertigo at the height, magnitude, and sublimity of the future of human development. When human beings are able to work consciously on the physical body, they will also be able to transform the physical body from the perspective of their “I” or self-consciousness.

[ 16 ] Heute kann das der Mensch nur unbewusst. Sie sehen es aber im alltäglichen Leben, dass es doch geschieht. Man braucht nur das Leben unbefangen zu betrachten. Nehmen Sie einen Menschen an: Der empfindet Schamgefühl, das heißt, er empfindet in seiner Seele etwas, wie wenn er etwas verbergen wollte an sich; Schamröte steigt ihm ins Gesicht. Was heißt das? Durch ein rein inneres Erlebnis hat sich ein physischer Vorgang, eine Umlagerung des Blutes eingestellt. Ebenso ist es, wenn der Mensch erbleicht. Das Blut tritt dann von der Oberfläche in die inneren Teile. Das ist ein Vorgang im physischen Leibe, der sich unbewusst vollzieht. Das, was der Mensch bewusst an seinem physischen Leibe erarbeitet, das bezeichnet man in der Geisteswissenschaft als Atma oder Geistesmensch.

[ 16 ] Today, people can only do this unconsciously. But you can see in everyday life that it does happen. You just need to observe life with an open mind. Take a person, for example: He feels a sense of shame—that is, he feels something in his soul as if he wanted to hide something about himself; a blush of shame rises to his face. What does this mean? Through a purely inner experience, a physical process—a redistribution of blood—has taken place. The same is true when a person turns pale. The blood then flows from the surface into the inner parts of the body. This is a process in the physical body that takes place unconsciously. What a person consciously develops in their physical body is referred to in spiritual science as the Atma or spiritual human being.

[ 17 ] Wenn wir in diesem Sinne den Verlauf der Menschheitsentwicklung hinstellen, so können wir sagen: Das menschliche Wesen besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Wird durch die Tätigkeit des Ich etwas von dem Astralleib umgewandelt, so entsteht das Geistselbst oder Manas. Wird etwas von dem Ätherleib umgewandelt, so entsteht der Lebensgeist oder Budhi. Und wird der physische Leib umgewandelt, dann entsteht der Geistesmensch oder Atma.

[ 17 ] If we view the course of human evolution in this light, we can say: The human being consists of a physical body, an etheric body, an astral body, and the ego. When the activity of the ego transforms part of the astral body, the mental self, or Manas, arises. If part of the etheric body is transformed, the life spirit, or budhi, arises. And if the physical body is transformed, the spiritual human, or atma, arises.

[ 18 ] Das ist aber nicht das Einzige, was in Betracht kommt. Wenn der Mensch auch auf sein Ideal hinschauen kann, in dem er fertig ist mit der Umgestaltung des Astralleibes, dann hat er unbewusst von seinem Ich aus schon an diesem Astralleib gearbeitet. Er hat schon etwas in sich, was man damit bezeichnen kann, dass man sagt: Das Ich lebt im astralischen Leibe. Diesen Teil des astralischen Leibes, der nicht bewusst vom Ich umgestaltet wird, sondern der - wir werden sehen, dass es seine Richtigkeit hat — heute schon ein Werkzeug des Ich ist, der wird von der Geisteswissenschaft die Empfindungsseele genannt.

[ 18 ] But that is not the only possibility. Even if a person can look toward his ideal only after he has completed the transformation of his astral body, he has already been working on this astral body unconsciously from the perspective of his “I.” They already possess something within themselves that can be described by saying: “The ego lives in the astral body.” This part of the astral body, which is not consciously transformed by the ego but which—as we shall see, this is indeed correct—is already today an instrument of the ego, is called the “feeling soul” in spiritual science.

[ 19 ] Dasjenige aber, was Äther- oder Lebensleib ist, ist auch schon in gewisser Beziehung von dem Ich umgearbeitet, dient heute schon in gewisser Beziehung dem Ich als Werkzeug. Das Ich hat schon seine Kraft hineingesandt in den Äther oder Lebensleib. Insofern dieser Leib bloß Ätherleib ist, hängt er mit den Kräften von Fortpflanzung und Wachstum zusammen. Insofern aber der Ätherleib umgestaltet ist von dem Ich, nennen wir ihn die Verstandesseele oder Gemütsseele des Menschen.

[ 19 ] But that which is the etheric or life body has already, in a certain sense, been transformed by the “I” and already serves the “I” as an instrument in a certain sense. The “I” has already sent its power into the etheric or life body. Insofar as this body is merely an etheric body, it is connected with the forces of reproduction and growth. But insofar as the etheric body has been transformed by the “I,” we call it the intellectual soul or emotional soul of the human being.

[ 20 ] Aber auch der physische Leib des Menschen ist umgearbeitet und ein Werkzeug des Ich. Dieser physische Leib des Menschen, insofern er Werkzeug des Ich ist, dient gerade als Sinneswerkzeug; durch den wunderbaren Apparat der Sinneswerkzeuge dient er dem Bewusstsein des Ich. Deshalb nennen wir dasjenige, was am physischen Leib unmittelbar so ist, dass es Werkzeug des Ich sein kann, die Bewusstseinsseele, die also im physischen Leibe wohnt.

[ 20 ] But the human physical body, too, has been transformed and is an instrument of the “I.” This human physical body, insofar as it is an instrument of the “I,” serves specifically as a sensory instrument; through the marvelous apparatus of the sensory organs, it serves the consciousness of the “I.” That is why we call that aspect of the physical body which is immediately capable of being an instrument of the “I” the “consciousness soul,” which thus dwells within the physical body.

[ 21 ] So haben wir im Sinne der Geisteswissenschaft zunächst drei leibliche Glieder: physischer Leib, Ätherleib und Astralleib; dann drei Seelenglieder, in denen das Ich in gewisser Weise lebt: die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele und die Bewusstseinsseele; und indem das Ich endlich sich dieser drei Glieder bedient, arbeitet es dieselben in bewusster Weise um zu dem Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmenschen.

[ 21 ] Thus, according to spiritual science, we first have three physical members: the physical body, the etheric body, and the astral body; then three soul members in which the “I” lives, in a certain sense: the feeling soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul; and as the “I” ultimately makes use of these three members, it consciously transforms them into the spiritual self, the life spirit, and the spiritual human being.

[ 22 ] Das ist ein Schema, das vielsagend ist. Es ist aber nicht bloß ein Schema, sondern eine wirkende Kraft. Erst derjenige, in dem es so lebendig wird, dass er die Kräfte der einzelnen menschlichen Glieder ineinanderspielen sieht, begreift die menschliche Entwicklung. Ja, diese Menschennatur ist tief, tief, wie Heraklit richtig gesagt hat. So sehen wir das menschliche Ich an seiner Arbeit, und innerhalb der menschlichen Leiber sehen wir die Umgestaltung der inneren Seelenglieder der menschlichen Wesenheit. Wenn wir dieses Ich verstehen wollen, so müssen wir uns vor allen Dingen fragen: Welches ist gerade die heutige, die gegenwärtige Stufe des menschlichen Ich, was hat es erreicht, erobert dadurch, dass es zum Teil unbewusst gearbeitet hat an seinem Astralleib? Was es sich erobert hat, liegt in dem, was wir mit den Worten bezeichnen können: Das Ich macht das menschliche Wesen zu einem urteilsfähigen Wesen, zu einem Wesen, das aus dem Innern heraus urteilt, seien es Verstandes-, Gefühlsoder Willens-Urteile; das macht das menschliche Wesen zu einem urteilsfähigen Wesen.

[ 22 ] This is a schema that speaks volumes. But it is not merely a schema; it is a force at work. Only those in whom it comes to life to such an extent that they see the forces of the individual human members interacting with one another can truly understand human development. Yes, human nature is deep, deep, as Heraclitus rightly said. Thus we see the human “I” at work, and within human bodies we see the transformation of the inner soul elements of the human being. If we wish to understand this “I,” we must first and foremost ask ourselves: What exactly is the current, present stage of the human “I”? What has it achieved and conquered by working—in part unconsciously—on its astral body? What it has attained lies in what we can describe with the following words: The “I” makes the human being a judgmental being, a being that judges from within, whether these are judgments of the intellect, the feelings, or the will; this is what makes the human being a judgmental being.

[ 23 ] Damit ist viel gesagt, wenn man sagt, es macht den Menschen zu einem urteilsfähigen Wesen, zu einem Wesen, das aus vernünftigen Urteilen denken, fühlen und wollen kann. Es ist gesagt, dass man wirklich unterscheiden lerne zwischen dem, was Empfindung eines physischen Wesens ist, und dem, was Impuls eines menschlichen Wesens ist. Wenn wir die Tiere betrachten, so können wir alle Eigenschaften des menschlichen Seelenlebens beim Tier in gewisser Beziehung finden. Wir finden Sympathien und Antipathien bei den Tieren, sogar das, was Analogie zu einem der höchsten Gefühle der menschlichen Seele ist, eine Analogie zu der Liebe. Wir finden Analogien zu dem, was wir die menschliche Verstandestätigkeit nennen. Es ist leicht im Tierreich zu beobachten, wie darin überall alles ähnlich wirkt wie im Menschen; aber wer wollte verkennen den Unterschied, der besteht zwischen dem, was im Menschen vorliegt, und dem, was bei dem Tiere als Eigenschaft vorhanden ist? Wir können bei dem Tiere aus der Organisation, aus der Form heraus mit Notwendigkeit sagen, wozu es in diesem oder jenem Falle getrieben wird. Die Notwendigkeit ist eine ganz andere [als] bei einem Menschen, der sich die Frage zurechtlegt: Sollst du das tun, oder sollst du es nicht tun? Der erwägt hin und her, bevor er beschließt. Nur diejenigen, welche nicht genau zusehen in dieser Sache, können den gewaltigen Unterschied übersehen. Der Mensch hat sich im Verlauf der Entwicklung die Urteilsfähigkeit durch jenes Wechselspiel seiner Entwicklung errungen, das eben charakterisiert worden ist.

[ 23 ] This says a great deal: it makes a person a being capable of judgment, a being who can think, feel, and will based on rational judgments. It has been said that one truly learns to distinguish between what is the sensation of a physical being and what is the impulse of a human being. When we observe animals, we can find all the characteristics of human spiritual life in animals in a certain sense. We find sympathies and antipathies in animals, even what is analogous to one of the highest feelings of the human soul—an analogy to love. We find analogies to what we call human intellectual activity. It is easy to observe in the animal kingdom how everything there functions similarly to how it does in humans; but who would fail to recognize the difference that exists between what is present in humans and what is present as a characteristic in animals? In animals, we can say with certainty—based on their organization and form—what drives them in this or that instance. This certainty is quite different from that of a human being who asks himself the question: Should you do this, or should you not do it? He weighs the pros and cons before making a decision. Only those who do not look closely at this matter can overlook the enormous difference. In the course of evolution, human beings have acquired the capacity for judgment through the very interplay of their development that has just been characterized.

[ 24 ] Wenn wir das höchste Ideal dieses urteilsfähigen Menschen in Bezug auf ein Gebiet vor die Seele hinstellen wollen, in Bezug auf das menschliche Zusammenleben, in Bezug auf die Art und Weise, wie zwei Menschen sich zueinander verhalten, da treten uns zwei Dinge entgegen. Wenn wir sehen auf das Urteil, das den Menschen entgegentritt, so ist das der Begriff der Gerechtigkeit und der Begriff der Liebe. Wenn der Mensch den Begriff der Gerechtigkeit vor sich hinstellt, wird er sich sagen können: Die Gerechtigkeit ist etwas, was als höheres Ideal betrachtet werden kann. Das bedeutet den Einklang, den Ausgleich in den Lebensverhältnissen. Man braucht nur an Gut und Böse, Recht und Unrecht zu denken. Aber was ist es, was die menschliche Seele befällt, wenn sie das Wort «Gerechtigkeit» ausspricht, wenn sie sich dem Begriff der Gerechtigkeit hingibt? — Es ist etwas Frostiges, was die menschliche Seele in ihrer Empfindung erlebt, wenn sie sich diesem Begriffe hingibt. Gerechtigkeit empfindet sie als eine Notwendigkeit, als etwas, was sein muss, als etwas, dem sich der Mensch aus seinem gesunden Urteil heraus fügen muss.

[ 24 ] If we wish to hold before our minds the highest ideal of this rational human being—in relation to a particular sphere, in relation to human coexistence, in relation to the way two people relate to one another—two things come to meet us. When we look at the judgment that confronts human beings, we see the concept of justice and the concept of love. When a person places the concept of justice before them, they will be able to say to themselves: Justice is something that can be regarded as a higher ideal. It signifies harmony and balance in the circumstances of life. One need only think of good and evil, right and wrong. But what is it that affects the human soul when it utters the word “justice,” when it surrenders to the concept of justice? — It is a chill that the human soul experiences in its feelings when it surrenders to this concept. It perceives justice as a necessity, as something that must be, as something to which a person must submit based on sound judgment.

[ 25 ] Anders empfindet die Seele, wenn sie sozusagen den der Gerechtigkeit verwandten Begriff vor sich hinstellt, den Begriff der Liebe. Da empfindet die Seele nicht Frostigkeit, sondern innerliche Wärme, etwas von dem, was die Menschennatur erhöht, weil sie sich sagen muss: Das ist erst ein wahrhaft menschliches Ideal, wenn die Gerechtigkeit nicht mehr ausgeübt wird aus dem Grunde, weil man sie als Notwendigkeit empfindet, sondern weil man das Rechte liebt, weil man liebt, das zu tun, was sein soll.

[ 25 ] The soul feels differently when it, so to speak, sets before itself the concept related to justice—the concept of love. There the soul feels not coldness, but inner warmth—something that elevates human nature—because it must say to itself: This is a truly human ideal only when justice is no longer practiced because one perceives it as a necessity, but because one loves what is right, because one loves to do what ought to be done.

[ 26 ] So stehen wie ein frostiges, aber als notwendig erkanntes Ideal und wie ein warmes, unsere Seele mit innerlichem Feuer erfüllendes Ideal, Gerechtigkeit und Liebe nebeneinander. Und in ihnen ist das beschlossen, was als die zwei Ideale die Menschenseele ansieht, wenn sie sich sagt: Wohin muss sie sich zunächst entwickeln mit ihrer Urteilsfähigkeit? Dahin, dass sie durch ihr Urteil, durch ihre Erwägungen, durch das, was in ihr lebt, das Zusammenleben der Menschen so erlebt, wie es im Sinne der Gerechtigkeit und Liebe ist. - In diesem Sinne sieht der Mensch zu Gerechtigkeit und Liebe als zwei hohen Entwicklungsidealen hinauf, und er sieht eingeschlossen im Wechselspiel seiner Kräfte das, was hinführt im Zusammenleben zu Gerechtigkeit und Liebe.

[ 26 ] Thus, justice and love stand side by side—one as a frosty ideal, yet recognized as necessary, and the other as a warm ideal that fills our soul with an inner fire. And within them lies the resolution of what the human soul regards as the two ideals when it asks itself: In which direction must it first develop its capacity for judgment? Toward experiencing human coexistence—through its judgment, its deliberations, and what lives within it—in a way that is in keeping with justice and love. —In this sense, human beings look up to justice and love as two lofty ideals of development, and they see, within the interplay of their own forces, that which leads to justice and love in human coexistence.

[ 27 ] Wohl, so ist es. Aber man kann die menschliche Entwicklung, wie überhaupt die Entwicklung, nicht verstehen, wenn man nicht eine andere Empfindung zu Hilfe nimmt, welche Aufklärung über das eigentliche Wesen der Entwicklung gibt. Entwicklung ist etwas, was - wenn es gedeihen soll — in sich schließen muss ein anderes. Und dieses andere kann man vielleicht am besten bezeichnen mit dem Worte: Reifwerden. Das Reifwerden innerhalb der Zeit, das ist etwas, was von dem Begriffe der Entwicklung nicht zu trennen ist. Und wir verstehen uns am besten, wenn wir gleich den Begriff des Reifwerdens anwenden auf den Begriff des menschlichen Ichs selber.

[ 27 ] Indeed, that is true. But one cannot understand human development—or development in general—without drawing on another insight that sheds light on the true nature of development. Development is something that—if it is to flourish—must encompass something else within itself. And this other aspect can perhaps best be described by the word: maturing. Maturing within time is something that cannot be separated from the concept of development. And we understand ourselves best when we apply the concept of maturing directly to the concept of the human “I” itself.

[ 28 ] Nehmen Sie das menschliche Einzelleben, nehmen Sie es in dem Sinne, wie es ein ernster Betrachter des Daseins nehmen soll. Ist es möglich, dass einem Menschen im dritten Lebensjahre dasselbe zugemutet wird wie einem Menschen im zwölften oder sechzehnten Lebensjahr? Das ist unmöglich. Bei einem Wesen, das in Entwicklung ist, und das so in Entwicklung ist, dass ein Zusammenspiel von Kräften stattfindet - unmöglich kann ihnen das Gleiche zugemutet werden. Ein jeder Entwicklungspunkt hat seine Zeit, und es ist bitter für die ganze Entwicklung des Wesens, wenn gegen dieses Gesetz des Reifwerdens gesündigt wird. So ist es bitter für die einzelne menschliche Entwicklung zwischen Geburt und Tod, wenn dem Ich in einem Lebensalter etwas zugemutet wird, was erst in einem anderen Lebensalter zugemutet werden sollte, nach dem Grad der Reife. So ist es aber auch ungesund, wenn einem Menschen auf niederer Entwicklungsstufe, der noch nicht hinreichend seine Leidenschaften und Triebe geläutert hat, Dinge zugemutet werden, die erst in einer wirklich fruchtbaren Weise einem solchen Ich zugemutet werden können, welches durch die verschiedenen Stufen der Läuterungen hindurchgegangen ist. So ist es, wenn das menschliche Ich solche bedeutenden Ideen, wie Gerechtigkeit und Liebe, als Ideale vor sich sieht und sich sagt: Du musst hinaufsteigen —, sodass sie wie zwei große Leitsterne im Leben des Menschen wirken. Aber der Weg muss in der richtigen Weise gegangen werden. Wenn wir nun nicht das Einzelleben betrachten, sondern das ganze menschliche Leben im Verlauf der Jahrhunderte und Jahrtausende, wie das menschliche Ich wiederkehrt und arbeitet an der menschlichen Wesenheit, dann werden wir eine komplizierte Tatsache vor uns haben, welche sehr zwingt, die Aufmerksamkeit auf die Reifung zu lenken. Wenn —- was heute nur angeführt werden kann, was aber im Verlauf der Wintervorträge von den verschiedenen Gesichtspunkten [aus] berührt wird -, wenn der Mensch nicht nur einmal lebt zwischen Geburt und Tod, sondern immer wiederkehrt, dann ist das [denkbar] , was die Geisteswissenschaft als notwendige Konsequenz der Entwicklung erkennt, dass das Ich nicht nur einmal lebt zwischen Geburt und Tod, sondern immer wiederkehrt, dann ist das [denkbar], was die Geisteswissenschaft als notwendige Konsequenz der Entwicklung erkennt, dass das Ich nicht nur einmal in diesem Leben zwischen Geburt und Tod lebt, sondern aufeinanderfolgende Verkörperungen durchmacht.

[ 28 ] Consider the life of a single human being—consider it in the way that a serious observer of existence should. Is it possible to expect the same from a person in their third year of life as from a person in their twelfth or sixteenth year? That is impossible. For a being that is in the process of development—and is developing in such a way that a interplay of forces is taking place—it is impossible to expect the same of them. Every stage of development has its time, and it is detrimental to the being’s entire development when this law of maturation is violated. Thus, it is detrimental to an individual’s human development between birth and death when, at a certain stage of life, the “I” is expected to do something that should only be expected at a later stage, according to the degree of maturity. But it is also unhealthy when a person at a lower stage of development—who has not yet sufficiently purified their passions and instincts—is expected to handle things that can only be truly fruitfully handled by an “I” that has passed through the various stages of purification. This is the case when the human “I” sees such significant ideas as justice and love as ideals before it and says to itself: “You must ascend”—so that they act as two great guiding stars in human life. But the path must be taken in the right way. If we now consider not the individual life, but the whole of human life over the course of centuries and millennia—how the human “I” returns and works upon the human being—then we will be faced with a complex reality that strongly compels us to direct our attention to the process of maturation. If—which can only be mentioned here today, but which will be touched upon from various perspectives in the course of the Winter Lectures—if a human being does not live just once between birth and death, but returns again and again, then it is [conceivable], as spiritual science recognizes as a necessary consequence of evolution—that the “I” does not live just once between birth and death but returns again and again—then it is [conceivable], as spiritual science recognizes as a necessary consequence of evolution, that the “I” does not live just once in this life between birth and death but undergoes successive incarnations.

[ 29 ] Während aller dieser Verkörperungen arbeitet das Ich so, dass es gearbeitet hat in urferner Vergangenheit an Astralleib, Ätherleib und physischem Leib, sodass schon geworden sind für den heutigen Menschen Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewusstseinsseele; arbeiten wir so weiter, sodass Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch entstehen werden., Die Kräfte dieser Entwicklung durchdringen sich im Wechselspiel und vereinigen sich in den Idealen von Gerechtigkeit und Liebe. Diese Arbeit leistet das Ich. So aber, wenn wir das Wort Erfahrung in der richtigen Weise nehmen, müssen wir verstehen, dass zu jeder Zeit des Lebens - wenn wir von verschiedenen Verkörperungen sprechen, in jeder einzelnen Verkörperung — die Seele in richtiger Art auf die übrigen Leibesglieder einwirkt, dass das Ich an jeder einzelnen Entwicklung arbeitet, dass es nicht zu viel tut in Bezug auf die Aneignung von Gerechtigkeit und Liebe; denn das Ich soll niemals in Bezug auf das, was in ihm urteilsfähig ist, weitergehen, und es kann auch nicht weiterkommen, als sein Reifegrad es ihm möglich macht.

[ 29 ] Throughout all these incarnations, the “I” works in the same way that it worked in the distant past on the astral body, the etheric body, and the physical body, so that the sensory soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul have already come into being for modern human beings; if we continue working in this way, the spiritual self, the life spirit, and the spiritual human being will emerge. The forces of this development interpenetrate one another in a reciprocal interplay and unite in the ideals of justice and love. This work is accomplished by the “I.” However, if we take the word “experience” in the proper sense, we must understand that at every stage of life—when we speak of different incarnations, in each individual incarnation—the soul acts in the proper way upon the other parts of the body, that the “I” works on every single aspect of development, and that it does not do too much with regard to the acquisition of justice and love; for the “I” must never go beyond what is capable of judgment within it, nor can it progress beyond what its degree of maturity allows.

[ 30 ] Was ist aber in dieser Beziehung der Regulator? Was bewirkt, dass das Ich in bestimmten Stufen nicht über den Reifegrad hinausgeht? Verstehen wir, was der Regulator ist, was bewirkt, dass das Ich auf jeder Stufe wenigstens das Richtige tun kann? Verstehen kann man das, was hier gesagt wird, nur dann, wenn man den Blick lenkt auf etwas, das durch die Geisteswissenschaft den Menschen immer klarer und klarer wird: Wenn man den Blick darauf lenkt, was dem Menschen sein Wissen, seine Erkenntnis ihrem Inhalte nach [gibt], seine Ideen, seine Begriffe, [um] kurz dasjenige [zu] nennen, wodurch wir die Welt erkennen, dass das nicht allein im Menschen vorhanden ist, sondern ausgegossen ist über die ganze Welt.

[ 30 ] But what, in this context, is the regulator? What prevents the “I” from going beyond its level of maturity at certain stages? Do we understand what the regulator is—what enables the “I” to at least do the right thing at every stage? One can understand what is being said here only by turning one’s attention to something that is becoming ever clearer to people through spiritual science: If one turns one’s attention to what provides human beings with their knowledge and insight in terms of content—their ideas and concepts, to name, in short, that through which we perceive the world—one sees that this is not present solely within the human being, but is poured out over the entire world.

[ 31 ] Der Mensch versucht die Welt zu erkennen dadurch, dass er sich Begriffe und Ideen über die Welt bildet. Ebenso wenig wie Sie aus einem Glase, in dem kein Wasser ist, Wasser herausschöpfen können, ebenso wenig können Sie aus einer Welt, in der nicht Weisheit wäre, Weisheit herausschöpfen. Der Mensch schöpft durch sein Urteil, durch sein Erkenntnisvermögen Weisheit heraus. Er begreift die Pflanze, da sie weisheitsvoll gebaut ist. Er macht sich Begriffe. Unsinn und töricht ist es zu glauben, dass der Mensch sich einen Begriff über die Pflanze bilden könnte, wenn die Pflanze nicht selber nach diesem Begriffe aufgebaut wäre. Was der Mensch herausholt aus der Welt, das ist ausgegossen in der Welt, liegt den Dingen zugrunde. In anderer Form tritt in der menschlichen Seele das als Weisheit auf, was in der übrigen Welt oder in der Natur draußen ausgegossen ist.

[ 31 ] Human beings seek to understand the world by forming concepts and ideas about it. Just as you cannot draw water from a glass that contains no water, so too can you not draw wisdom from a world in which there is no wisdom. Human beings draw wisdom from the world through their judgment and their capacity for understanding. They comprehend the plant because it is constructed with wisdom. They form concepts. It is nonsense and folly to believe that a person could form a concept of a plant if the plant itself were not structured according to that very concept. What a person draws out of the world is what has been poured out into the world and underlies all things. What has been poured out into the rest of the world or into nature outside appears in the human soul in a different form as wisdom.

[ 32 ] Wollen Sie sich das veranschaulichen, so brauchen Sie nur Folgendes zu denken. Es hat lange gedauert in der Menschheitsentwicklung, bis der Mensch dazu gelangt ist, auf einer bestimmten Stufe geschichtlichen Werdens, sagen wir, das Papier zu erzeugen. Versuchen Sie sich vor die Seele hinzurufen die Summe von Gedanken und von Arbeit, die nötig waren, um das Papier zu erzeugen, sodass es in die menschliche Entwicklung eintreten konnte. Man könnte sagen, wenn man grotesk sprechen möchte, innerhalb der Wespenwelt ist dieses Papier nicht Jahrtausende, sondern viel längere Zeit vorher erfunden gewesen, denn das Wespennest ist aus demselben Stoffe gebaut, den wir als Papier haben. Wirkliches Papier haben wir da. Was der Mensch herstellt an seinen Stoffen, das ist draußen in die äußere Natur hineingearbeitet.

[ 32 ] If you want to visualize this, you need only consider the following. It took a long time in the course of human development for humankind to reach a certain stage of historical evolution—let’s say, the point at which paper was invented. Try to conjure up in your mind the sum of thought and labor required to produce paper so that it could become part of human development. One could say—to put it grotesquely—that within the world of wasps, this paper was invented not millennia ago, but much earlier, for the wasp nest is built from the same material we call paper. We have real paper there. Whatever humans produce from their materials is woven into the fabric of the external natural world.

[ 33 ] Als solche Stufen können Sie sich klarmachen, wie das, was der Mensch sich als Weisheit erarbeitet, draußen in der Welt ausgegossen ist. Die Welt ist durchdrungen von Weisheit und von Urteilen aufgebaut. Die Weisheit ist ein Wiederfinden von Urteilen, die wie ein Netz ausgebreitet sind über alles Dasein in der Natur. Weisheitsvolle Einrichtung ist nicht nur in dem, was das Menschenbewusstsein herausarbeitet, was der Mensch in seiner Seele gestaltet, weisheitsvolle Einrichtung ist überall zu finden. Sie war also schon da, als das menschliche Ich noch nicht bewusst arbeiten konnte. Und diese weisheitsvolle Arbeit war es, welche es möglich machte, dass das menschliche Ich arbeiten konnte an dem physischen Leib, dem Äther- und Astralleibe, schon bevor es bewusst arbeiten konnte. Diese Weisheit muss aber auch heute im Leben draußen sein. Das menschliche Ich ist heute nicht so weit, dass es ganz allein aus sich selber heraus das Rechte finden würde, das, was einer viel höheren Urteilskraft entsprechen würde.

[ 33 ] By considering these stages, you can understand how what humans develop as wisdom is manifested out in the world. The world is permeated by wisdom and structured by judgments. Wisdom is a rediscovery of judgments that are spread out like a net over all existence in nature. A wise order is not found only in what human consciousness works out, in what human beings shape within their souls; a wise order is to be found everywhere. It was therefore already there when the human ego was not yet able to work consciously. And it was this work of wisdom that made it possible for the human “I” to work on the physical body, the etheric body, and the astral body even before it was capable of conscious activity. But this wisdom must also be present in life today. The human “I” today is not yet at the stage where it could find what is right entirely on its own, that which would correspond to a much higher power of judgment.

[ 34 ] Was ich sagen will, das machen Sie sich klar, wenn Sie Folgendes betrachten. Denken Sie sich, ein Mensch steht vor einem Kind, das er erziehen will. Das Kind tut etwas, das es nicht tun sollte. Es wird notwendig, dass eine Handlung eintritt; sie kann Strafe oder etwas anderes sein. Derlei ist möglich. Das eine ist, dass der Erzieher sagt, dieser Zögling macht etwas unrichtig. Das missfällt dem Erzieher, und es ist möglich, dass er in den Affekt des Zornes kommt und dass dieser Zorn bis zu einem gewissen Grade sich entwickelt, in einem Trieb zu einer bestimmten Handlung. Das ist das eine, was möglich ist. Das andere aber, was möglich ist, ist, dass der Erzieher, trotzdem er das Unrecht gesehen hat, Missfallen empfunden hat, das bleibt, was man mit dem Ausdruck gelassen bezeichnet; dass er Gelassenheit empfindet und aus dem bloßen Urteil heraus und aus einer gewissen Reife der Seele dasjenige tut, was als Strafe oder sonst [wie] notwendig ist in dem betreffenden Fall. Äußerlich kann dasselbe geschehen. Der Unterschied liegt darin, dass die Seele einmal erfüllt ist mit Zorn, das andere Mal mit Gelassenheit.

[ 34 ] You’ll understand what I mean if you consider the following. Imagine a person standing before a child whom they want to raise. The child does something they shouldn’t do. It becomes necessary to take action; this could be punishment or something else. Such a scenario is possible. One possibility is that the educator says, “This pupil is doing something wrong.” The educator disapproves of this, and it is possible that he may become angry and that this anger may develop to a certain degree, becoming an impulse toward a specific action. That is one possibility. The other possibility, however, is that the educator—even though he has seen the wrongdoing and felt displeasure—remains in a state of what is called “composure”; that he feels composure and, based on mere judgment and a certain maturity of the soul, does whatever is necessary—whether as punishment or otherwise—in the case at hand. Outwardly, the same thing may happen. The difference lies in the fact that in one instance the soul is filled with anger, and in the other with composure.

[ 35 ] Wenn wir diesen Unterschied betrachten, werden wir uns sagen: Warum ist in dem einen Falle Zorn, in dem anderen Falle Gelassenheit? Würde derjenige Mensch, der zornentbrannt hinsieht auf das, was das Kind tut, durch die Reife seines Ich imstande sein, in dem betreffenden Fall das Richtige zu tun? Wenn Sie das Leben betrachten, werden Sie sich sagen, er wird in der Regel nicht imstande sein dazu. Es gehört ein gewisser Reifegrad des Ich dazu, dass das Ich, trotzdem es keinen Affekt empfindet und kalt und gelassen bleibt, dennoch in Liebe zur Sache, in Liebe zu dem, was sein soll, das Rechte tut. Es gehört ein gewisser Grad der Reife dazu. Und jeder Mensch steht auf einem gewissen Punkte in Bezug auf diese Reife. Es kann das menschliche Ich nicht immer denjenigen Grad von Gelassenheit haben, der es befähigt, trotzdem es keinen Affekt empfindet, das Rechte zu tun. Dazu muss sich das menschliche Ich bis zu einer bestimmten Stufe hinentwickeln. Was würde der Erzieher tun, wenn er gelassen wäre und nicht Zorn empfände? Dann stünde der Erzieher mit seiner Gelassenheit daneben, täte nichts und ließe die Sache sein.

[ 35 ] When we consider this difference, we might ask ourselves: Why is there anger in one case and composure in the other? Would the person who looks on in a rage at what the child is doing be capable, through the maturity of his ego, of doing the right thing in that particular situation? If you look at life, you will say to yourself that, as a rule, they would not be capable of doing so. It requires a certain degree of maturity of the “I” for the “I”—even though it feels no emotion and remains cool and composed—to nevertheless do what is right out of love for the matter at hand, out of love for what ought to be. It requires a certain degree of maturity. And every person stands at a certain point in relation to this maturity. The human “I” cannot always possess that degree of composure which enables it—even when it feels no emotion—to do what is right. For this, the human “I” must develop to a certain level. What would the educator do if he were calm and felt no anger? Then the educator, with his composure, would stand by, do nothing, and let the matter be.

[ 36 ] Dafür ist gesorgt durch die weisheitsvolle Einrichtung der Welt, dass das Ich durch andere Kräfte, als diejenigen sind, zu denen es noch nicht reif geworden ist, zu dem Rechten — wenigstens teilweise — hingelenkt wird. Bevor das Ich dazu reif ist, aus der Gelassenheit heraus zu handeln, handelt es aus dem Affekt, aus dem Zorn heraus. Hier sehen wir dieses menschliche Ich im Laufe der Entwicklung zwar arbeiten an dem menschlichen Astralleib, sodass sich im Laufe der Entwicklung der Astralleib so weiterentwickelt, dass die Gelassenheit aufblüht; aber solange das Ich noch nicht imstande ist, diese Reife zu erlangen, will es nicht an dieser Gelassenheit arbeiten, da soll der Mensch durch etwas, das in ihm ist, hingetrieben werden, irgendetwas zu tun. Eine solche Einrichtung, und zwar eine ganz Wesentliche, welche das Ich reif werden lässt innerhalb des astralischen Leibes und dennoch es antreibt, sich in ein gewisses Verhältnis zu seinen Mitmenschen zu setzen, bevor es reif ist, eine solche Einrichtung im Astralleib ist der Zorn. So wie zum Beispiel die äußere Natur in ihrem Pflanzenreich, in ihrem Tierreich weisheitsvoll eingerichtet ist, so ist auch alles dasjenige, was wir astralische Natur der Menschen nennen können, weisheitsvoll eingerichtet. Es ist so eingerichtet, dass die Menschen in ein Verhältnis zueinander treten, bevor sie aus ihrer Urteilskraft heraus sich selbst anhand ihrer Ideale von Gerechtigkeit und Liebe zu einem vollständig richtigen Verhältnis aufbauen können. Der Vorläufer der Gelassenheit ist der Zorn.

[ 36 ] The wise order of the world ensures that the self is guided toward what is right—at least in part—by forces other than those for which it has not yet matured. Before the “I” is mature enough to act out of serenity, it acts out of emotion, out of anger. Here we see this human “I,” in the course of development, working on the human astral body, so that over time the astral body evolves in such a way that serenity blossoms; but as long as the “I” is not yet capable of attaining this maturity, it does not wish to work toward this serenity—instead, the human being must be driven by something within them to do something. Anger is such a mechanism—and indeed a very essential one—that allows the ego to mature within the astral body while still driving it to establish a certain relationship with its fellow human beings before it is mature; anger is such a mechanism within the astral body. Just as, for example, the external natural world is wisely organized in its plant and animal kingdoms, so too is everything we might call the astral nature of human beings wisely organized. It is organized in such a way that human beings enter into relationships with one another before they can, through their power of judgment and guided by their ideals of justice and love, establish a completely proper relationship among themselves. The precursor to serenity is anger.

[ 37 ] In der Entwicklung muss es so sein, dass das, was hinaufleitet zu höheren Stufen der Entwicklung, in den Irrtum hineinleiten kann. Wenn der Mensch nun nicht in den Irrtum hineinkäme, könnte er sich nicht zur Wahrheit durcharbeiten. Wenn also der Zorn auch ausartet — wenn wir ihn uns aber in seiner umfassenden Bedeutung vor Augen stellen, können wir sehen, wie er wirkt. Nehmen wir einen jungen Menschen in den Jünglingsjahren, der noch nicht fähig ist, bestimmte Ideale auszubilden; er sieht aber in seiner Umgebung dieses oder jenes Unrecht; er kommt in das, was man einen edlen Zorn nennen kann. Und das, was man edlen Zorn nennen kann, [über] das, was er nicht billigen kann, das arbeitet in ihm, damit die Seele reif wird, in sich auszuarbeiten das, was die großen Ideale des Lebens werden können. Wie aus einer Muttersubstanz heraus wird das sich selbst überlassene Ich reif gemacht durch Eigenschaften wie den Zorn. Dass das Ich reif gemacht wird, können Sie auch anderen Tatsachen entnehmen. Weil der Jüngling von den Dingen, von denen er noch keinen Begriff haben kann, seine Ideale niemals verwirklicht sieht in seiner Umgebung, fühlt [er] immer wieder den nämlichen edlen Zorn über das, was ihm missfällt. Wenn die Menschen ins Leben hineinblicken, dann können sie wahrnehmen, dass alle die edlen Zornesaufwallungen in der Jugend später als Liebe und Milde herauskommen. Derjenige, der das Leben in seiner Ganzheit betrachtet, der sieht die Verwandlung des Jugendzornes in Altersliebe und Altersmilde.

[ 37 ] In the process of development, it must be the case that what leads upward to higher stages of development can also lead into error. If a person did not fall into error, he would not be able to work his way toward the truth. So even if anger gets out of hand—if we consider it in its full significance, we can see how it works. Take a young person in their teens who is not yet capable of forming certain ideals; yet they see this or that injustice in their surroundings; they experience what might be called noble anger. And what one might call noble anger—toward what he cannot condone—works within him so that the soul may mature and develop within itself what can become the great ideals of life. Just as from a mother substance, the ego, left to its own devices, is brought to maturity through qualities such as anger. You can also infer from other facts that the ego is being brought to maturity. Because the young person never sees his ideals realized in his surroundings—things of which he can still have no concept—he repeatedly feels the same noble indignation toward what displeases him. When people look into the fabric of life, they can perceive that all those noble outbursts of anger in youth later emerge as love and gentleness. Those who view life in its entirety see the transformation of youthful anger into the love and gentleness of old age.

[ 38 ] So sehen wir, wie Liebe und Gerechtigkeit, welche als hohe Ideale vor der menschlichen Seele stehen, welche aber das Ich ausreifen lassen muss — denn es gehört Ungeheures dazu, um in seinem ganzen Umfang aus wirklichen innerlichen, konkreten Ideen und Begriffen heraus das System der menschlichen Gerechtigkeit und das Wahre, Echte der Liebe, die nicht von getrübten Gefühlen belastet ist, zu entwickeln —, so sehen wir, wie Gerechtigkeit und Liebe, diese hohen Ideale, vor sich hingestellt haben wie einen Vorkämpfer in der menschlichen Gesellschaftsordnung, den Zorn. Es ist die [Mission] des Zorns, die Liebe vorzubereiten.

[ 38 ] Thus we see how love and justice—which stand before the human soul as lofty ideals, but which the ego must allow to mature—for it takes an immense effort to develop, in its entirety, from genuine inner, concrete ideas and concepts, the system of human justice and the true, authentic nature of love—unburdened by clouded emotions—to develop in its full scope from genuine, inner, concrete ideas and concepts—we see how justice and love, these lofty ideals, have placed anger before them as a forerunner in the human social order. It is the [mission] of anger to prepare the way for love.

[ 39 ] Das kann man verstehen, wenn man in die Waagschale wirft, dass das, was in Wirklichkeit zur Urteilskraft werden soll, ins Extrem auszuarten droht. Wenn wir auf die verschiedenen Verkörperungen Rücksicht nehmen, so können wir sagen: Was der Mensch als Gerechtigkeit und als Liebeanlagen mit sich bringt, das reicht zurück in die Zeit, wo er noch nicht hat erkennen können, wie der richtige Ausgleich sein müsste, wo er noch keine Ahnung hatte von dem wahren Liebegefühl, um dieses oder jenes erfüllen zu können, wo aber das auftritt, was Zorn ist. Wie die Morgenröte der Sonne, so leuchtet die Zornmütigkeit, der edle Zorn, der Liebe voran. In Weisheit haben die Mächte, welche die Welt lenken, in den astralischen Leib hinein die Zornmütigkeit gelegt, bevor ein volles Bewusstsein der Liebe ausgebildet werden kann, bevor in voller Gerechtigkeit in der Seele die Liebe werden kann.

[ 39 ] This becomes understandable when we consider that what is actually meant to become the power of judgment threatens to degenerate into an extreme. If we take the various incarnations into account, we can say: What human beings bring with them as a sense of justice and as the capacity for love dates back to a time when they were not yet able to recognize what the proper balance should be, when they had no idea of the true feeling of love needed to fulfill this or that, but when what is anger arises. Like the dawn of the sun, anger—noble anger—shines ahead of love. In their wisdom, the powers that guide the world have placed anger within the astral body before a full consciousness of love can develop, before love can become fully established in the soul in all righteousness.

[ 40 ] In den Zeiten, in denen man die Dinge genauer betrachtete als heute, ermittelte man schon an den Namen der Seelenglieder, was darin ist. Gehen wir zurück zu dem großen griechischen Philosophen Plato, so werden wir finden, dass Plato dasjenige, was wir Bewusstseinsseele nennen, die vernünftige Seele nennt. Das aber, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen, in die hineingefügt sein müssen die Ideale von Gerechtigkeit und Liebe, das nennt Plato die zornmütige Seele. Dasjenige, was wir Empfindungsseele nennen, nennt Plato die Begierdenseele.

[ 40 ] In times when people examined things more closely than they do today, they could already determine what was contained within the soul by looking at the names of its parts. If we go back to the great Greek philosopher Plato, we will find that Plato calls what we call the “conscious soul” the “rational soul.” But what we call the intellectual or emotional soul—into which the ideals of justice and love must be instilled—Plato calls the spirited soul. What we call the sensory soul, Plato calls the appetitive soul.

[ 41 ] Würden wir zu Aristoteles gehen, so würden wir finden, dass diese Ausdrücke auch bei Aristoteles in ähnlicher Weise gebraucht sind; auch können wir finden, dass sie ganz genau den Ausdrücken der Geistesforschung entsprechen. — Warum bezeichnet Plato die Seele, die der Bewusstseinsseele vorangeht, die zornmütige Seele? Er bezeichnet sie deshalb so, weil in diese Seele nicht bloß der Zorn, sondern auch alle weisheitsvollen Einrichtungen hineingeschrieben sind, weil er die Weisheit, die in die Welt ausgegossen ist, auch ausgegossen gefunden hat im menschlichen Astralleibe, eben als zornmütige Seele.

[ 41 ] If we were to turn to Aristotle, we would find that these terms are used in a similar way by him as well; we can also see that they correspond exactly to the terms used in spiritual science. — Why does Plato call the soul that precedes the soul of consciousness the “irascible soul”? He calls it that because not only anger but also all the faculties of wisdom are inscribed within this soul; for he found the wisdom that has been poured out into the world also poured out into the human astral body, precisely as the irascible soul.

[ 42 ] Bei denen, welche tiefer in das Wesen der Seele hineingeschaut haben, finden wir schon in den Namen das, was das Wesen ist, angedeutet. Derjenige, der vom Standpunkte der Geisteswissenschaft dasjenige betrachtet, was durch die Zeitenwende als Sage und Mythe der Völker, als Überlicferung der Völker hindurchgeht, der macht in seiner Seele eine merkwürdige Entdeckung. Dasjenige, was man nennen könnte die «Wissenschaft des grünen Tisches», kann Ihnen antworten, wenn Sie fragen, woher dieser oder jener Mythos kommt: Das ist Volksdichtung. — Nur der, welcher Volksdichtung nicht kennt, kann so von Volksdichtung sprechen. Wer aber tiefer hineingeht, wenn er hineinleuchtet in diese oder jene Sage, diesen oder jenen Mythos, der macht die merkwürdige Entdeckung, dass große Weisheiten darin enthalten sind. Bevor die Menschheit durch logisches Urteil, durch Erwägen und Zählen, wie es heute richtig ist, ausgebildet war, wie sie heute ist, bevor diese Urteilsfähigkeit zur Anschauung der Wahrheit führte, führte sie ein anderes, ein hellsichtiges Erkennen - mehr im Bilde — dahin, die Wahrheit anzuschauen. So werden die Mythen und Sagen etwas ganz anderes, als sie zunächst [zu sein] scheinen. Sie werden zum Ausdruck von tiefen Wahrheiten.

[ 42 ] In the case of those who have looked more deeply into the nature of the soul, we find that the very names hint at what that nature is. Anyone who, from the standpoint of spiritual science, considers what has been passed down through the ages as the legends and myths of the peoples—as the traditions of the peoples—makes a remarkable discovery within their soul. What one might call “armchair scholarship” can answer you if you ask where this or that myth comes from: “It is folk poetry.” — Only someone who is unfamiliar with folk poetry can speak of it in this way. But whoever delves deeper, whoever shines a light into this or that legend, this or that myth, makes the remarkable discovery that great wisdom is contained within them. Before humanity was shaped by logical judgment, by deliberation and calculation—as is proper today, as it is today—before this capacity for judgment led to the perception of truth, another kind of clairvoyant insight—more in the realm of imagery—led it to perceive the truth. Thus, myths and legends become something quite different from what they initially appear to be. They become expressions of profound truths.

[ 43 ] Einen Sagenstoff, der uns in die Tiefen der Wahrheit hineinführt, die uns heute interessieren, hat der griechische Tragöde Aischylos in seinem «Gefesselten Prometheus» verarbeitet. Wenn man zurückgeht in dem Leben dieses Dichters, das zwei Jahrtausende vor dem unseren liegt, dann wird man ergriffen von der Weltanschauung, die durch die Dichtung wallt, durch die Weltanschauung, die in den griechischen Mythen ausgegossen ist, durch die Weltanschauung des griechischen Volkes.

[ 43 ] The Greek tragedian Aeschylus explored a mythological theme that leads us into the depths of the truths that interest us today in his *Prometheus Bound*. When we look back at the life of this poet, who lived two millennia before our own, we are moved by the worldview that surges through his poetry, by the worldview poured out in the Greek myths, by the worldview of the Greek people.

[ 44 ] Ich könnte die ganzen Vorträge über den Winter ausfüllen, wenn ich Ihnen sagen wollte, was über den «Prometheus» zu sagen ist. Diese Dichtung knüpft an die Mythe an, die der Name Prometheus umschließt. Sie kennen wohl alle, was der Prometheus-Mythos umschließt. Wir wollen es uns kurz vor die Seele rufen. Die Griechen sahen, wenn sie den geistigen Blick zurückschickten in vergangene Zeiten, sahen sie in Wirksamkeit innerhalb unseres Erdenwesens, innerhalb unseres Erden- und Weltenwerdens, uralte Göttergeschlechter. Heute soll nicht ausgemacht werden, was man sich darunter vorzustellen hat. Denken Sie sich, es seien Personifikationen von Naturkräften, oder was und wie immer darüber; darauf kommt es heute nicht an. Die Griechen sahen zwei alte Göttergeschlechter: Uranos und Gäa; abgelöst wurden diese alten Himmelsgöttergeschlechter, welche die ersten Vorgänge unserer Erde hervorriefen, durch das Titanengeschlecht; jenes Titanengeschlecht, zu dem Kronos und Saturn gehörten. Kronos war der Sohn des Uranos. Erzählt wird uns davon, dass die Titanen, an ihrer Spitze Kronos, die Herrschaft an sich rissen und den alten Uranos stürzten. Wir können von vornherein die Vermutung haben — es wird darauf hingewiesen, und so ist es auch —, dass nach der griechischen Anschauung in alten Zeiten bestimmte Formen des Lebens vorhanden waren, die damals unter anderen Herrschaften standen als in späteren Epochen der Entwicklung. Wer weiß, dass sich die Formen des Geschehens im Laufe der Zeit ändern, der wird den genialen Blick des griechischen Mythos bewundern, der den Anfang der [ErdJentwicklung, jenes Zusammenspiel einfacher Urkräfte der Welt, ausdrückt durch die Ehe zwischen Uranos und Gäa, der dann eine spätere Epoche ausdrückt dadurch, dass er sagt, es treten die Titanen auf. Das ganze Antlitz der Erde ändert sich, sodass andere Formen des Lebens, des Geschehens und Werdens da sind. So haben wir in den Titanen ein zwei[tes] Göttergeschlecht, Kräfte, die innerhalb der Erdentwicklung wirken. Warum wird das Titanengeschlecht von dem Geschlechte abgelöst, dessen Führer Zeus ist? Er ist sozusagen ein Angehöriger des jüngsten der Göttergeschlechter. Er stürzte darum den Kronos mit den Seinigen in eine unbekannte Welt, eine verborgene Welt, der die Titanen angehören, und in der Zeus derjenige ist, der die Weltherrschaft ausübt.

[ 44 ] I could fill the entire winter with lectures if I were to tell you everything there is to say about *Prometheus*. This poem builds upon the myth embodied in the name Prometheus. You are all surely familiar with what the Prometheus myth encompasses. Let us briefly call it to mind. When the Greeks cast their spiritual gaze back into past times, they saw ancient generations of gods at work within the essence of our Earth, within the becoming of our Earth and the universe. Today, we need not determine exactly what this means. Imagine them as personifications of natural forces, or whatever else you may think of them; that is not what matters today. The Greeks saw two ancient lineages of gods: Uranus and Gaia; these ancient lineages of celestial gods, who brought about the first events on our Earth, were succeeded by the lineage of the Titans—the very lineage to which Cronus and Saturn belonged. Cronus was the son of Uranus. We are told that the Titans, led by Cronus, seized power and overthrew the ancient Uranus. We can assume from the outset—it is pointed out, and indeed this is the case—that, according to the Greek view, certain forms of life existed in ancient times that were subject to different dominions then than in later epochs of development. Anyone who understands that the nature of events changes over time will admire the brilliant insight of Greek mythology, which expresses the beginning of Earth’s development—that interplay of the world’s simple primal forces—through the marriage of Uranus and Gaia, and then depicts a later epoch by stating that the Titans emerge. The entire face of the Earth changes, so that other forms of life, of events, and of becoming come into being. Thus, in the Titans we have a second generation of gods—forces that work within the Earth’s evolution. Why is the race of the Titans supplanted by the race led by Zeus? He is, so to speak, a member of the youngest of the divine lineages. He therefore cast Cronus and his followers into an unknown world, a hidden world to which the Titans belong, and in which Zeus is the one who exercises dominion over the world.

[ 45 ] Bei dem Kampf des Zeus gegen die Titanen stand Prometheus, ein Nachkomme der Titanen, an der Seite des Zeus. Er war es, der mithalf, dass Zeus zu seinem Ziele kam. Prometheus erfährt aber sozusagen eine bittere Enttäuschung. Er hat dem Zeus geholfen, zu der Weltherrschaft zu kommen. Innerhalb dessen, was sich die Griechen vorstellten als eine Ablösung dieser drei Götterkorporationen: Uranos, Titanen und Zeusgattung, entwickelten sich die Menschen zu verschiedenen Fähigkeiten, sie entwickelten sich zu bestimmten Stufen. Als Zeus die Herrschaft angetreten hatte, waren die Menschen so weit, dass sie in ihr Bewusstsein aufnehmen konnten die Eindrücke der Umgebung.

[ 45 ] During Zeus’s battle against the Titans, Prometheus—a descendant of the Titans—sided with Zeus. It was he who helped Zeus achieve his goal. However, Prometheus experienced, so to speak, a bitter disappointment. He had helped Zeus attain world domination. Within what the Greeks envisioned as a succession of these three groups of gods—Uranus, the Titans, and the Zeus lineage—humans developed various abilities and progressed to certain stages. By the time Zeus had assumed rulership, humans had reached a stage where they could take in impressions of their surroundings into their consciousness.

[ 46 ] Wenn wir diesen griechischen Mythos in der richtigen Weise begreifen, wenn wir uns wirklich geisteswissenschaftlich in ihn einlassen, dann finden wir, dass der griechische Genius, da, wo er sich mythisch ausdrückt, in wunderbarer Weise den Entwicklungsbegriff berücksichtigt. Menschen, die sehen können, was ein paar Schritte vor ihrer Nase ist, glauben, dass der Mensch und sein Bewusstsein, solange sie im Sinne der heutigen Naturwissenschaft von der tierischen zu der menschlichen Form hinaufgerückt sind, immer so waren, wie sie heute sind. Also in einer Entwicklung ist auch das menschliche Bewusstsein. Es hat erst [allmählich] diejenigen Formen angenommen, die es heute hat.

[ 46 ] If we understand this Greek myth correctly, if we truly engage with it from a spiritual-scientific perspective, then we find that the Greek genius, in its mythical expression, takes the concept of evolution into account in a marvelous way. People who can see only what is a few steps in front of their noses believe that human beings and their consciousness—ever since they evolved from animal to human form, as understood by modern natural science—have always been as they are today. Human consciousness, too, is part of an evolutionary process. It has only [gradually] taken on the forms it possesses today.

[ 47 ] Wenn wir zurückgehen anhand der Forschungen, welche der äußeren Naturwissenschaft nicht mehr zugänglich sind, [wohl] aber der Geisteswissenschaft, so würden wir zu alten Stufen des menschlichen Bewusstseins kommen, wo das Urteilen und Erwägen noch nicht da war. Dafür aber war da ein Bilderbewusstsein, ein Bilderbewusstsein, das anders wirkt, das so wirkt, dass, wenn der Mensch einem Eindruck entgegentritt, ein Bild in ihm aufstieg. Er wusste unmittelbar durch die Bilder, durch die Eindrücke, die das Bild auf sein Gefühl machte, er wusste in altem dämmerhaftem Bewusstsein, das wie ein alter Rest, wie ein überkommenes Erbstück im Traum erhalten ist. Ein altes dämmerhaftes, hellsichtiges Bewusstsein war da in jener Zeit. In dieses Bewusstsein hinein hat der Mensch erst die Begriffsfähigkeit sich hinzu angeeignet. Alles war in Entwicklung; vor allem das menschliche Bewusstsein.

[ 47 ] If we were to go back, based on research that is no longer accessible to the external natural sciences but [indeed] is accessible to the humanities, we would arrive at early stages of human consciousness where judgment and deliberation did not yet exist. Instead, there was an image-based consciousness—a consciousness that functions differently, such that when a person encountered an impression, an image arose within them. They knew immediately through the images, through the impressions the image made on their feelings; they knew in an ancient, twilight-like consciousness, preserved like an ancient remnant, like a heirloom passed down in a dream. An ancient, twilight-like, clairvoyant consciousness existed in those times. It was into this consciousness that human beings first acquired the capacity for conceptual thought. Everything was in a state of development; above all, human consciousness.

[ 48 ] Das wird ausgedrückt in der Tatsache, dass Zeus die Herrschaft angetreten hat. Das Bewusstsein macht immer mehr Platz dem, was sich hinentwickeln soll zum Urteil, zum Erwägen. Der sichere Blick, der durch die Bilder vermittelt war, ging verloren. Der Mensch fing erst mit den ersten Tatsachen des Rechnens und Zählens und Erwägens an. Unbehilflich waren die Menschen. Die Menschen wurden stumpf in Bezug auf ihr altes Bewusstsein. Sie konnten nicht mehr ihre Umwelt begreifen. Sie lebten in einer fast unmenschlichen Weise dahin. Aber aus dieser Dumpfheit entwickelte sich dasjenige immer mehr und mehr, was, wie wir angedeutet haben, in den ersten Anfängen vorhanden war und was im Menschen so wirkte, dass es nach und nach ihn dahin brachte, zu urteilen, ihn dahin brachte, aus seinem Ich heraus in die Welt etwas hineinzusetzen, was früher nicht da war. Nennen Sie es Kraft, nennen Sie es Wesenheit. Der griechische Genius drückt es dadurch aus, dass er sagt: Prometheus wirkt in der menschliche Natur jenen Sinn, der es der Menschennatur möglich macht, die einzelnen Dinge des Lebens durch Werkzeuge in Kunstproduktionen zu verarbeiten. Prometheus ist der große Wohltäter der Menschen, der in Liebe der Menschheit das gegeben hat, was sie immer weiter und weiter entwickeln wird. Zeus hätte, das ist die Enttäuschung, die Prometheus erlebt, nur das im Menschen entwickelt, was unabhängig ist von der Urteilskraft, unabhängig vom Rechnen und Erwägen, was nicht zu den Künsten hingeführt hat. Zeus hatte den Menschen ohne Feuer gelassen.

[ 48 ] This is expressed in the fact that Zeus has assumed power. Consciousness is making more and more room for what is to develop into judgment and deliberation. The confident insight conveyed through images was lost. Human beings began only with the first facts of calculation, counting, and deliberation. People were at a loss. They became dulled in relation to their old consciousness. They could no longer comprehend their environment. They went about their lives in an almost inhuman way. But out of this dullness, that which—as we have indicated—was present in the very earliest beginnings developed more and more, and which worked within human beings in such a way that it gradually led them to judge, led them to project something from their “I” into the world that had not been there before. Call it power; call it essence. The Greek genius expresses this by saying: Prometheus instills in human nature that sense which enables human nature to transform the individual things of life into works of art through the use of tools. Prometheus is the great benefactor of humankind, who, out of love for humanity, gave it what it will continue to develop further and further. Zeus, as Prometheus realized to his disappointment, would have developed in humans only that which is independent of judgment, independent of calculation and deliberation—which would not have led to the arts. Zeus would have left humankind without fire.

[ 49 ] Reisende werden Ihnen berichten, dass höhere Tiere, zum Beispiel Affen, Zuschauer waren und sahen, wie Reisende sich am Feuer wärmen. Wenn die Reisenden das Feuer verlassen, während es noch brennt, dann wärmen sie sich auch; aber was sie nicht tun, das ist, dass sie selber Holz herbeitragen und Feuer machen. Das hängt innig zusammen mit dem Feuermachen, mit dem vorschauenden Verstand, dass man etwas herbeiführt, was einem nachher dienen soll. Die Vorschau, die wird gedeutet in Prometheus, der der Vordenker ist. Das Werden wird gedeutet von dem griechischen Genius in der Gestalt des Prometheus. In Zeus wird dasjenige gesehen, was nicht wirkt im menschlichen Ich, das, was den Menschen nicht urteilsfähig macht, sondern was nur im menschlichen Astralleibe wirkt. Der Grieche richtet den Blick auf die menschliche Natur, und er sagt sich: Des Menschen drei Wesensglieder — ob er es sich in dieser Form sagt oder nicht, ist gleichgültig — wirken Triebe, Begierden und Instinkte. Die müssen gegeneinander spielen. — Was da weisheitsvoll die astralische Natur durchzieht, das sah der Grieche in Zeus. Was in das menschliche Ich hineindringt, was das Ich auf eine höhere Stufe führt, das sah er in Prometheus.

[ 49 ] Travelers will tell you that higher animals, such as monkeys, were spectators and watched as travelers warmed themselves by the fire. When the travelers leave the fire while it is still burning, they, too, warm themselves; but what they do not do is gather wood themselves and build a fire. This is intimately connected with the act of making a fire—with the foresighted intellect that brings about something intended to serve one later on. This foresight is symbolized by Prometheus, who is the visionary. The process of becoming is symbolized by the Greek genius in the form of Prometheus. In Zeus, one sees that which does not act within the human “I”—that which does not endow the human being with the capacity for judgment, but rather acts solely within the human astral body. The Greeks turned their gaze to human nature and said to themselves: The three constituent elements of the human being—whether they expressed it in this form or not is irrelevant—are driven by impulses, desires, and instincts. These must play off one another. — What wisely permeates astral nature, the Greeks saw in Zeus. What penetrates the human “I,” what leads the “I” to a higher level, they saw in Prometheus.

[ 50 ] So standen sich Zeus und Prometheus gegenüber, wie das auf Urteil und Verstand reflektierende Ich und der astralische Leib. So kämpfen sie gegeneinander in dem Ich, das den astralischen Leib läutert. Wenn der Grieche hinschauen lässt den Blick auf die ganze astralische Natur, dann sagt er sich: Wenn wir den Menschen ansehen mit seinem astralischen Leib und seinem Ich — da steht er in der Welt, er erleidet Schmerz und Freude, tut sein Gutes und Böses; Schmerz und Freude, Gutes und Böses, sind des Ausgleichs bedürftig. Missfallen ruft es hervor in der menschlichen Seele, wenn das Gute unbelohnt und ohne Erfolg ist, das Böse ungestraft oder mit unrichtigem Erfolg dasteht. Dasjenige, was den Ausgleich bewirkt in Leiden und Freuden, in Gut und Böse, ist die Gerechtigkeit.

[ 50 ] Thus Zeus and Prometheus stood opposed to one another, just as the “I” that reflects judgment and reason stands opposed to the astral body. Thus they struggle against one another within the “I,” which purifies the astral body. When the Greek directs his gaze to the whole of astral nature, he says to himself: When we look at the human being with his astral body and his “I”—there he stands in the world, experiencing pain and joy, doing good and evil; pain and joy, good and evil, require balance. It causes displeasure in the human soul when good goes unrewarded and without success, while evil goes unpunished or is met with undeserved success. That which brings about balance in suffering and joy, in good and evil, is justice.

[ 51 ] Aber wenn wir die Welt überblicken — so sagt sich der griechische Genius —, dann ist in der Welt, innerhalb der menschlichen Natur und des menschlichen Astralleibes, in sehr beschränktem Maße zunächst die Gerechtigkeit. Ohnmächtig ist der Mensch; so empfand der griechische Genius in Bezug auf die Gerechtigkeit. Nun schaut er hinaus in die Natur, sieht und sagt: Entwicklung ist das, was vor unsere Seele hintritt in dem Sonnenaufgang und -untergang, in dem Auf- und Untergang der Pflanzenwelt; was so vor uns hintritt, ist alles, was nicht bis zum menschlichen astralischen Leib heraufkommt; dass darin etwas wirkt, was zusammenhängt mit der menschlichen Natur, was verbunden ist mit der ganzen Welt als etwas, was eine weit tiefere Gerechtigkeit ist, als der Mensch in seiner Ohnmacht verwirklichen kann. — Er sah dann hinauf und sagte sich: Es muss doch verborgene Kräfte und Mächte geben, die hinter dem sind, was wir sehen können, und die ausgleichend wirken.

[ 51 ] But when we survey the world—so says the Greek genius—we find that justice exists in the world, within human nature and the human astral body, only to a very limited extent at first. Human beings are powerless; this is how the Greek genius perceived justice. Now he looks out into nature, sees, and says: Development is what appears before our soul in the sunrise and sunset, in the growth and decay of the plant world; what appears before us in this way is everything that does not rise up to the level of the human astral body; that something is at work within it that is connected to human nature, that is linked to the whole world as something that is a far deeper justice than human beings, in their powerlessness, can bring about. — He then looked up and said to himself: There must surely be hidden forces and powers behind what we can see, forces that work to restore balance.

[ 52 ] Diese Mächte sind die, welche kraftvoll sind gegenüber dem menschlichen ohnmächtigen Wesen; es sind diejenigen der Gerechtigkeit, sodass sie überall walten, dass sie rechnen können auf diese Kräfte, die ausgleichend wirken mit Macht und Kraft und die nicht der menschlichen Ohnmacht unterliegen. Verborgen sind sie, und da sein müssen sie. Auf sie sah der griechische Genius und nannte sie die Titanen aus dem Grunde, weil sie die menschliche Ohnmacht nicht haben; und Themis, die Göttin der Gerechtigkeit, gehört zu den besonderen weiblichen Titanen.

[ 52 ] These powers are those that are mighty in the face of human powerlessness; they are the powers of justice, so that they may prevail everywhere, relying on these forces that act as a balancing influence with might and power and are not subject to human powerlessness. They are hidden, and there they must be. The Greek genius looked upon them and called them the Titans, precisely because they are free from human powerlessness; and Themis, the goddess of justice, belongs to the special female Titans.

[ 53 ] So ist eine allwaltende Gerechtigkeit im Titanenreiche vor dem Blick des griechischen Genius. Dann aber muss sie sich umwandeln zur Liebe. Das warme Gefühl der Liebe muss sie in sich saugen. Daher wird nicht Themis als diejenige Gestalt verehrt, die auch in den Menschen hineindringt, die ihn führt zu dem Ideal von Gerechtigkeit, zu der Liebe, sondern der Sohn der Themis, Prometheus. Er ist derjenige, der die Menschen in seiner Wesenheit erfasst. Während Zeus in das Reich hineingehört, das Weisheit und Ausgleich hineingießt in das menschliche Erkennen auf der Erde, insofern das Astrale in Betracht kommt, gießt Prometheus in das menschliche Ich hinein das, was dieses Ich immer weiter vorwärts bringen soll.

[ 53 ] Thus, in the realm of the Titans, an all-powerful justice stands before the gaze of the Greek genius. But then it must transform itself into love. It must absorb the warm feeling of love within itself. Therefore, it is not Themis who is revered as the figure who also penetrates into human beings, who leads them to the ideal of justice and to love, but rather the son of Themis, Prometheus. He is the one who grasps human beings in their very essence. While Zeus belongs to the realm that infuses human cognition on Earth with wisdom and balance—insofar as the astral realm is concerned—Prometheus pours into the human “I” that which is meant to propel this “I” ever forward.

[ 54 ] Wir können aber im einzelnen Menschen, wenn das Ich zu weit gehen würde in Bezug auf seine Entwicklung, eine Kraft bemerken, die dieses Ich abhält, sich ihm in den Weg stellt. Wie der noch unreifen Gelassenheit der Zorn vorangeht, so sah der griechische Genius in dem großen Weltenzusammenhang das Wechselspiel der Tat des Prometheus mit dem Zorn des Zeus. Zeus ist derjenige, der zu wachen hat darüber, dass die menschliche Entwicklung des Ich nicht zu rasch vorwärtsgeht. Daher muss er Ausgleiche schaffen. Prometheus liefert den Menschen das, was beim gewöhnlichen Menschen der Verstand ist, Vernunft, Gemüt, also das, was aus sich heraus zur Urteilsfähigkeit kommt.

[ 54 ] However, in the individual human being, if the “I” were to go too far in its development, we can perceive a force that restrains this “I,” that stands in its way. Just as anger precedes the still-immature serenity, so the Greek genius saw, within the great context of the world, the interplay between the deed of Prometheus and the wrath of Zeus. Zeus is the one who must ensure that the human development of the “I” does not proceed too rapidly. Therefore, he must create a balance. Prometheus provides humanity with what, in the ordinary person, is the intellect—reason, the mind—that is, what arises of its own accord as the capacity for judgment.

[ 55 ] Damit ist aber etwas anderes aufgetreten in der menschlichen Entwicklung. In dem Menschen, der von der früheren zu dieser Stufe vorgerückt ist, hat sich sein Bewusstsein eingeengt. Als der Mensch noch sein altes Bewusstsein hatte, das hellsehende, sah der Mensch durch sein Bilderbewusstsein hinein in sein Geistiges, wenigstens in seine seelische Welt. Das ist verbunden mit einem bewussten Auftreten von Bildformen, sodass der Mensch in eine Seelenwelt hineinsicht, die für das Verstandes- und das Sinnenbewusstsein verborgen ist. So zog sich eine Welt vor dem Menschenbewusstsein zurück. Der Blick wurde auf der Erde gefesselt, indem er zugleich auf einer höheren Stufe aufrückte. Das, was der Mensch als seine Ideale von Gerechtigkeit und Liebe eingepflanzt hat, das musste den Preis bezahlen, dass es gebannt wurde an die äußere sinnliche Welt, an die Erde.

[ 55 ] However, this has given rise to something else in human development. In the human being who has progressed from the earlier stage to this one, consciousness has narrowed. When human beings still possessed their old, clairvoyant consciousness, they were able to look into their spiritual realm—or at least into their soul world—through their imaginal consciousness. This is connected with the conscious emergence of imaginal forms, enabling human beings to glimpse a soul world that remains hidden from intellectual and sensory consciousness. Thus, a world withdrew from human consciousness. Human vision became bound to the earth even as it simultaneously ascended to a higher level. What humanity has instilled as its ideals of justice and love had to pay the price of being confined to the outer sensory world, to the earth.

[ 56 ] Das war die Gegenwirkung des Astralischen. Indem der Mensch sein Ich weiterentwickelte, wirkte das Astralische wie ein Gegenschlag. Während früher der Mensch hineinschauen konnte in die seelische Welt, trübt dieser Gegenschlag den Blick in die seelische Welt, und der Blick blieb nur beschränkt auf die äußere physische Welt. Er war gefesselt an die Erdenwelt. Das, was in Prometheus war, hat ihn an die Erdenwelt gefesselt. Und so war Prometheus in der menschlichen Natur durch das, was als Ausgleich in der astralischen Natur im Reiche des Zeus wirkt, durch den Zorn des Zeus gefesselt an die Erde, geschmiedet an die Erde. Eine höhere Fähigkeit hatte er ausgebildet. Aber sie war verdunkelt durch den Zorn des Zeus.

[ 56 ] This was the counteraction of the astral realm. As human beings continued to develop their “I,” the astral realm acted as a counterforce. Whereas human beings could once look into the world of the soul, this counterforce clouded their vision of that world, and their gaze remained limited to the outer physical world. They were bound to the earthly world. That which was within Prometheus bound him to the earthly world. And so, in human nature, Prometheus was bound to the earth—forged to the earth—by the wrath of Zeus, which acts as a counterbalance in the astral realm within the realm of Zeus. He had developed a higher faculty. But it was obscured by the wrath of Zeus.

[ 57 ] Es gibt alle möglichen Grade zwischen jener Helligkeit des Bewusstseins, das der Mensch am Tage hat, und der Verdunkelung im Schlaf. Das, was im Affekt eintritt, ist in gewissem Grade ihre Verdunkelung. Und der kosmische Grad der Verdunkelung, das war das, dass das menschliche Bewusstsein an die physische Welt gefesselt war. Wie gelähmt war das Bewusstsein, das in die seelische Welt hineinschauen sollte. Diese Lähmung war das Geschmiedetsein des Prometheus an den Felsen.

[ 57 ] There are all kinds of degrees between the clarity of consciousness that a person experiences during the day and the darkness of sleep. What occurs in the emotional state is, to a certain degree, a darkening of consciousness. And the cosmic degree of this darkening was that human consciousness was bound to the physical world. How paralyzed was the consciousness that was meant to gaze into the spiritual world. This paralysis was Prometheus’s being chained to the rock.

[ 58 ] Das Vorausschauende in der griechischen Menschennatur, das stellt die Mythe genau in der PrometheusMythe dar. Und das stellt der griechische Tragöde in so gewaltiger Gestalt in dem «Gefesselten Prometheus» hin. Wenn Sie den Nerv dieses wunderbaren Dramas auf sich wirken lassen, dann werden Sie sehen, was Ihnen in diesem entgegentritt; da tritt Ihnen entgegen dasjenige, wovon man sagen kann: Es steht in der Welt wie ein altes Erbstück aus früheren Zeiten. Gewiss, der Mensch hat sich in gewisser Weise entwickelt, aber alle Entwicklung schreitet nicht gradlinig vorwärts. Es sind immer Erbstücke aus alten Entwicklungen da; die passen in die spätere Zeit nicht hinein; sie nehmen sich deplatziert aus. Denken Sie sich ein Wesen mit dem alten Bilderbewusstsein in unserer Zeit — es ist ein unmögliches Wesen; es kann unmöglich sich in der heutigen Zeit zurechtfinden. Nicht umsonst ändern sich die menschlichen Seelenkräfte. Sie ändern sich, damit sie den menschlichen Erdenverhältnissen angepasst sind.

[ 58 ] The foresight inherent in Greek human nature is precisely what the myth portrays in the myth of Prometheus. And this is what the Greek tragedian presents in such a powerful form in *Prometheus Bound*. If you allow the essence of this marvelous drama to sink in, you will see what confronts you there; what confronts you is that which one might describe as standing in the world like an ancient heirloom from bygone times. Certainly, humanity has evolved in a certain way, but not all evolution proceeds in a straight line. There are always heirlooms from past developments; these do not fit into later times; they seem out of place. Imagine a being with the old pictorial consciousness in our time—it is an impossible being; it cannot possibly find its way in the present age. It is not for nothing that the powers of the human soul change. They change so that they may be adapted to human conditions on Earth.

[ 59 ] Das Bilderbewusstsein ist angepasst den früheren Erdenverhältnissen. Das Verstandesbewusstsein entspricht der heutigen Zeit. Der Künstler stellt uns [das] dar in der Gestalt der Io. Sie stellt ein Wesen dar, das sich aus der Bewusstseinsstufe der Alten gestaltet hat. Was wird aus diesem [Bilderbewusstsein, wenn es in unserer Zeit auftritt]? Wahnsinn! Was soll das Bild der früheren Zeit sagen? Es kann sein, man hat auch die Fähigkeit dazu, es zu sagen, aber diese Fähigkeiten taugen nicht. Sie bringen Irrtum und Blendwerk um die Seele hervor.

[ 59 ] Visual consciousness is adapted to the conditions of the ancient Earth. Intellectual consciousness corresponds to the present day. The artist depicts this to us in the form of Io. She represents a being that has taken shape from the level of consciousness of the ancients. What becomes of this [visual consciousness when it appears in our time]? Madness! What is the image of the past meant to convey? It may be that one has the ability to express it, but such abilities are of no use. They give rise to error and delusion that ensnare the soul.

[ 60 ] Vor einem solchen Bewusstsein, das wie ein altes Erbstück geblieben ist, sodass da Irrtum und Blendwerk und Täuschung auftauchen, das stellt der griechische Genius dadurch vor, dass [Io] den hundertäugigen Argus sieht. Bilder treten ihr entgegen. Das sind aber Täuschungen, Blendwerk, das ist Illusion. Auch wenn dieses Bewusstsein, wenn es die menschlichen Seelenfähigkeiten ergriffen hat, wenn dieses Bewusstsein auch dem Wahnsinn verfallen würde, so darf man doch nicht glauben, dass es nicht eine Bedeutung haben wird. Das, was der Entwickelte an Bewusstsein hat, hat nur einen Teil des Menschenwesens ergriffen, das Gehirn, und [hat] es zu seinem Organ gemacht.

[ 60 ] The Greek genius depicts this kind of consciousness—which has remained like an ancient heirloom, giving rise to error, delusion, and deception—by having [Io] see the hundred-eyed Argus. Images appear before her. But these are deceptions, delusions—they are illusions. Even if this consciousness, once it has taken hold of the human faculties of the soul, were to succumb to madness, one must not believe that it has no meaning. The consciousness possessed by the developed individual has taken hold of only one part of the human being—the brain—and has made it its organ.

[ 61 ] Die Io arbeitet aber auch noch heute am Menschen. Das ist menschliche Zukunftsentwicklung, dass alle Kräfte, die da sein können, in späterer Zeit in neuen Formen auftreten wie die Io mit ihrem Bewusstsein in alter Zeit. So ist sie eine Wahnsinnige. Wie sie aber sein wird, wenn dasjenige in der menschlichen Natur, [was] das Unterbewusste bearbeitet, sich verbindet mit dem, was höhere Menschennatur ist, dann wird das menschliche Urteil bewusst sein; der Prometheus in der Menschennatur wird erlöst werden. Der Grieche versetzt diese ganze Sache in die Vergangenheit, und sie bezieht sich in gewisser Weise auch auf vergangene Ereignisse. So, wie er an diesem Zuge des gefesselten Prometheus mit der Io das herausholen konnte, könnte er die Bedeutung jedes einzelnen Zuges des Dramas auch herausholen.

[ 61 ] But Io continues to influence humanity even today. This is part of humanity’s future development: that all the forces that may exist will, in later times, manifest in new forms, just as Io did with her consciousness in ancient times. Thus, she is a madwoman. But when that aspect of human nature—[which] is shaped by the subconscious—unites with what constitutes higher human nature, then human judgment will become conscious; the Prometheus within human nature will be redeemed. The Greek places this entire story in the past, and in a certain sense it also relates to past events. Just as he was able to draw out the significance of this scene—the chained Prometheus with Io—he could also draw out the significance of every single scene in the drama.

[ 62 ] Nur andeuten konnte ich, wo der Nerv des Dramas liegt. Zeigen konnte ich, wie das Gemüt des Dramatikers erfüllt war von dem, was in der menschlichen Natur ist und durcheinanderwirkt. Deshalb konnte Aischylos darstellen, wie da herauskommt aus dem astralischen Leib der Zorn, der das Ich gefesselt hat im Kosmos, damit es reif werden kann, erst die Fähigkeiten zur Entwicklung zu bringen, die ihm angemessen sind, gleichsam herausprojiziert aus dem Kosmos in die innere Menschennatur. Durch dieses gewaltige Drama werden wir sehen, wie der Zorn die Mission hat, Vorbote der Liebe zu sein. Das ist in gewisser Beziehung auch das, was [uns] mit dem hehren Wort Wahrheit verbindet, [das] in Zusammenhang steht mit der Menschennatur in anderer Weise wie der Zorn.

[ 62 ] I could only hint at where the heart of the drama lies. I was able to show how the playwright’s mind was filled with what exists in human nature and how these forces interact. That is why Aeschylus was able to depict how wrath emerges from the astral body—wrath that has bound the “I” within the cosmos so that it may mature and first bring forth the capacities for development that are appropriate to it, as it were projected out of the cosmos into inner human nature. Through this powerful drama, we will see how anger has the mission of being a harbinger of love. In a certain sense, this is also what connects us to the noble word “truth,” which relates to human nature in a different way than anger does.

[ 63 ] Wir werden sehen, wie Goethe in seiner «Pandora» hineingearbeitet hat dasjenige, was er selber in tiefster Seele über diese Lebensrätsel empfunden hat. Deshalb aber, weil die Menschheit heute so fern von der Geisteswissenschaft steht, von dem, was in solcher Dichterseele lebt, deshalb waren die Gedichte wie die «Pandora», so wenig verstanden. Das war zu Goethes Zeit schon so. Deshalb fühlte sich Goethe auch einsam auf seiner Lebenshöhe. In dieser Einsamkeit empfand er auch manche Gefahren — wie die Menschen auch heute noch sagen: In der Jugend hat Goethe noch verständlich geschrieben, aber im Alter ist er heruntergekommen und schreibt [Unverständliches] hin. — Demgegenüber ist Goethe einmal in Worte ausgebrochen, die Sie in seinen Werken ausgesprochen finden: «Da loben sie meinen Faust und was noch sonst in meinen Werken steht ... und da glaubt das alte Lumpenpack, man wär’s nicht mehr.» So dachte er über das Unverstandene der geistigen Welt. Gerade wenn man die menschliche Seele betrachtet und sie praktisch verstehen will, dann muss man von der Geisteswissenschaft ausgehen. Man muss das Spiel der Kräfte betrachten können und den Sinn der einzelnen Kräfte, wie sie uns die Geisteswissenschaft darlegt. Dann blicken wir in die tiefen Abgründe der Seele so hinein, dass wir es praktisch anwenden können. Wir verstehen dann erst als andere Früchte dasjenige, was von diesem Gesichtspunkte aus geistig zu uns spricht [durch] Aischylos in seinem Drama [von] Zeus gegenüber Prometheus, den wir erst verstehen werden, wenn wir verstehen, was der Zorn für eine Mission hat in dem astralischen Leib zur Entwicklung des Ich zur [Liebe]fähigkeit. Da lüftet sich der Schleier, den wir gelüftet haben müssen, wenn wir zu unserer Befriedigung und zum rechten praktischen Leben eindringen wollen so, dass wir sagen können: Gewiss, wenn wir geisteswissenschaftlich die Seele betrachten, fühlen wir, wie tief der Grundton ist, fühlen auch, dass wir auf dem Wege sind, in diesen Grund hineinzudringen. Die Geisteswissenschaft wird uns erst beraten, das Richtige nach und nach anzustreben, um die zu erreichenden Ideale und Erkenntnisse des Seelenlebens zu durchdringen; sie wird uns zeigen, von diesen Idealen aus in neuer Weise verständlich zu machen die Worte des uralten Weisen aus dem fünften und sechsten Jahrhundert, an den wir uns erinnern können, wenn wir die Tiefen der Seele erforschen, um die Grenzen der Seele zu finden. Schwer wird es sein, wenn wir auch eine Strecke durchwandern würden, denn unendlich tief ist der Seele Grund.

[ 63 ] We shall see how Goethe incorporated into his “Pandora” what he himself felt in the depths of his soul about these mysteries of life. But precisely because humanity today is so far removed from spiritual science—from what lives in such a poet’s soul—poems like “Pandora” were so poorly understood. This was already the case in Goethe’s time. That is why Goethe also felt lonely at the height of his life. In this loneliness, he also sensed many dangers—as people still say today: In his youth, Goethe still wrote in a way that could be understood, but in his old age he has gone to the dogs and writes [nonsense]. — In contrast, Goethe once burst out with words that you’ll find expressed in his works: “They praise my *Faust* and whatever else is in my works … and yet that old rabble believes I’m no longer myself.” This is how he viewed the incomprehensible aspects of the spiritual world. Precisely when one observes the human soul and seeks to understand it in a practical way, one must start from spiritual science. One must be able to observe the interplay of forces and the meaning of the individual forces, as spiritual science presents them to us. Then we can peer into the deep abysses of the soul in such a way that we can apply this understanding practically. Only then do we understand, as further insights, what speaks to us spiritually from this perspective [through] Aeschylus in his drama [of] Zeus versus Prometheus—which we will only understand once we grasp what mission anger serves in the astral body for the development of the “I” toward the capacity for [love]. Then the veil is lifted—the veil we must have lifted if we wish to penetrate to our satisfaction and toward a truly practical life—so that we can say: Certainly, when we view the soul through the lens of spiritual science, we feel how deep the fundamental tone is, and we also feel that we are on the path to penetrating this very depth. Spiritual science will first guide us to strive, step by step, toward what is right, in order to penetrate the ideals and insights of soul life that are to be attained; it will show us how, starting from these ideals, to make the words of the ancient sage from the fifth and sixth centuries understandable in a new way—a sage we can recall as we explore the depths of the soul to discover its boundaries. It will be difficult, even if we were to journey a certain distance, for the soul’s depths are infinite.