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Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b

21 Oktober 1909, Berlin

52. Die Mission des Zornes. Der Gefesselte Prometheus

[ 1 ] Wer über solche Fragen menschlichen Seelenlebens nachsinnt, wie diejenigen sind, welche auf unserem diesjährigen Winterprogramm stehen, über Charakter, Gewissen, über die gesunde und kranke Seele, über Leben und Tod, Mystik und so weiter, wer über solche Fragen nachsinnt, wird immer wieder vielleicht erinnert werden können an einen Ausspruch eines alten Weisen aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, Heraklit, den man wegen der bedeutsam tiefen Natur seines Denkens den «Dunklen» nennt. Er, Heraklit, hat die Worte gesprochen:

Die Grenzen der Seele kannst du nicht ausfindig machen, und wenn du auch alle Straßen durchwandern wolltest. So tiefe Gründe hat die Seele.

[ 2 ] Man wird in mancherlei Weise an diese Tiefe der Seele bei Seelenfragen erinnert. Aber erst langsam und allmählich können wir uns im Laufe dieses Winters, wenn wir so sagen dürfen, auf tieferliegende Fragen des Seelenlebens einlassen.

[ 3 ] Heute und morgen werden uns Erscheinungen des menschlichen Innenlebens beschäftigen, die vielleicht gerade dadurch, dass sie dem Alleralltäglichsten näher liegen und darum, weil man weniger über sie nachdenkt, nicht minder interessant sind. Es sind solche Erscheinungen, in denen jener edelste und höchste Kern des menschlichen Innenlebens, den wir das Selbstbewusstsein nennen, für gewisse Zeiträume in einer gewissen Beziehung verdunkelt wird, verdunkelt wird durch allerlei Gefühle, vorzugsweise aber durch Affekte.

[ 4 ] Heute soll uns beschäftigen einer von diesen Affekten, der eine bedeutsam tiefe Rolle im menschlichen Seelenleben spielt. Es soll uns beschäftigen diejenige Kraft in unserem Innern, die dem Zorn und allem, was damit zusammenhängt, zugrunde liegt. Wenn man von den Seeleneigenschaften und Äußerungen des menschlichen Seelenlebens spricht, dann kann man die Frage aufwerfen: Wie kommt es denn, dass diese menschliche Seele, die doch durch ihr Selbstbewusstsein sich zu immer höher und höheren intellektuellen und moralischen Höhen hinaufheben soll, immer wieder und wieder durch Anwandlungen solcher Art, wie der Zorn es ist, sozusagen zurückgeworfen wird? Ist eine solche Eigenschaft der Seele wie der Zorn eine bloße Hemmung auf dem Wege des Menschen aufwärts zu den großen Idealen des Lebens? — Und auch in praktischer Beziehung sind solche Fragen im unmittelbaren Leben von der allergrößten Bedeutung.

[ 5 ] Der Erzieher, jeder, dem die Pflege eines anderen Menschen anvertraut ist, wird ohne Weiteres zugeben und wird einsehen, wie bedeutungsvoll es ist, zu wissen, welche Rolle gerade eine solche Seelenäußerung wie der Zorn im Seelenleben spielt. Dann kann man, wenn man eine solche Sache erkennt, in einer entsprechend taktgemäßen und weisheitsvollen Art auch alles das, was damit zusammenhängt, behandeln. Nur wird gerade unsere gegenwärtige Betrachtung des Seelenlebens über eine solche Frage wie die Bedeutung des Zorns die größten Schwierigkeiten machen. Erst ein tieferes Eindringen in die Untergründe des Daseins, in die verschlungenen Pfade des geistigen Lebens, gestattet, einige Aufschlüsse zu geben über eine solche Frage. So werden wir heute zuerst vor unsere Seele treten lassen müssen etwas, was diejenigen der verehrten Zuhörer von gewisser Seite her gehört haben, die öfter bei diesen Vortragszyklen anwesend waren.

[ 6 ] Aber es wird immer wieder notwendig sein, die eigenartige Natur des Menschen vor unsere Seele hintreten zu lassen, wenn wir menschliche Äußerungen und Kraftwirkungen verstehen wollen. Vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus soll ja die Mission des Zornes heute in Betracht gezogen werden. Da müssen wir nicht nur insoweit den Menschen betrachten, als er sich uns darbietet für die äußere Sinnesanschauung, darbietet für denjenigen Verstand, welcher an das Instrument des Gehirns gebunden ist, welcher sich beschränkt auf die Verarbeitung der Eindrücke, die die unmittelbare Sinnesbeobachtung liefert. Für eine solche geisteswissenschaftliche Betrachtung ist dasjenige, was die Sinne sehen, was der menschliche Verstand, der in diesem Sinne bewusst ist, begreifen kann, nur ein Teil der menschlichen Wesenheit. Dasjenige Glied der menschlichen Wesenheit, was wir mit den Sinnen wahrnehmen können — die äußere Wissenschaft hat es nur mit dem physischen Leib zu tun, insofern sie Naturwissenschaft ist, und sie hat in gewisser Beziehung mit dieser Beschränkung recht —, nennt die Geisteswissenschaft den physischen Menschen. Darüber hinaus unterscheidet sie [davon] aber die höhere Natur des Menschen. Das, was wir den physischen Leib nennen, haben wir gemeinschaftlich hinsichtlich der Zusammensetzung von Stoffen und Kräften mit alledem, was wir das Mineralreich, die scheinbar tote Natur um uns herum nennen. Es ist dieselbe Kraftwelt in unserem physischen Leib wie die da draußen in der Welt.

[ 7 ] Darüber hinaus aber gibt es eine Frage, die schon der gewöhnliche menschliche Verstand stellen und auch in gewisser Weise beantworten kann, nämlich die Frage: Wirken diese Kräfte und Stoffe, die im menschlichen Leib spielen und die die gleichen sind wie die draußen in der übrigen mineralischen Natur, [im Menschen] in derselben Art wie draußen in der übrigen mineralischen Natur? — Nein, das tun sie nicht. Wenn der menschliche physische Leib — und der physische Leib eines jeden Lebewesens überhaupt — sich selbst überlassen ist, so folgt er den Gesetzen der mineralischen Welt. Das sehen wir da, wo der physische Leib sich selbst überlassen ist im Falle des Todes. Da sehen wir die Art und Weise, wie die Zusammensetzung des physischen Leibes, wenn sie ihren eigenen physischen und chemischen Kräften überlassen ist, wirkt. Dasjenige, was von Beginn des physischen Lebens bis zum Ende desselben einen Kampf führt gegen die physischen und chemischen Kräfte, sodass sie nicht ihrem eigenen Weg folgen können, dem sie erst im Tode folgen, das nennen wir das erste Glied der höheren menschlichen Natur — stoßen Sie sich nicht an Ausdrücken, halten Sie sich an die Begriffe —, das nennen wir den Ätherleib oder den Lebensleib. Wir [dringen] damit in das erste übersinnliche Glied der menschlichen Natur hinauf.

[ 8 ] Auch für denjenigen, der sich bloß des an das Physische gebundenen Instrumentes und der Logik bedient, wird ein solcher Lebensleib vernünftig zu erschließen sein. Für den, der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, ist dieser Lebensleib eine Tatsache von derselben Wirklichkeit wie die tönende, wie die farbige Welt. Und der Geistesforscher sagt dem, der ihm erwidert: Diesen ätherischen oder Lebensleib gibt es ja gar nicht — es gibt ihn allerdings nicht für das gewöhnliche sinnliche Anschauen, wie es für den, der blind ist, nicht die Farbe gibt. Es gibt ihn aber für den Menschen, der in seiner Seele die entsprechenden Kräfte ausgebildet hat, um diesen Lebensleib wirklich als eine Tatsache empfinden zu können.

[ 9 ] Über alle diese Dinge kann im Verlaufe des Winters in anderem Zusammenhang gesprochen werden. Heute muss es dabei sein Bewenden haben. — Dann kommen wir zu dem dritten Glied der menschlichen Wesenheit, das man den astralischen Leib nennt. Dieser astralische Leib ist der Träger von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Trieben, Begierden und Leidenschaften. Dieser astralische Leib ist dasjenige, was der Mensch gemeinschaftlich hat mit den Tieren, wie er den Äther- oder Lebensleib gemeinschaftlich hat mit den Pflanzen und den physischen Leib gemeinschaftlich hat mit den Mineralien. Für die Vernunft kann dieser Astralleib, wenn sie sich unbefangen der Logik bedienen will, etwas sein, das man logisch zu erschließen vermag. Für die Geistesforschung ist er eine Tatsache, etwas, das für die Wahrnehmung des Geistesforschers ebenso vorhanden ist wie die Farbe für das Auge, wie der Ton für das Ohr. So haben wir im Astralleib ein zweites Glied der übersinnlichen menschlichen Wesenheit.

[ 10 ] Und wenn wir weiter hinaufsteigen in der Zusammensetzung der menschlichen Natur, so kommen wir zu dem, was er nicht mehr gemeinschaftlich hat mit den anderen Reichen der Natur um sich herum, was wir das menschliche Selbstbewusstsein oder dessen Ausdruck, das Ich, nennen. Dieses Ich ist dasjenige, wovon sozusagen jede sinnige Menschennatur, wenn sie es zum ersten Mal wahrnimmt, überrascht wird. Immer wieder möchte ich anführen den schönen Ausspruch von Jean Paul, als er noch Knabe war und in dem Hofe seines Elternhauses stand und das erste Mal das Ich empfand — [Lücke]. Von jetzt an war ihm die Frage von Gott und der Unsterblichkeit verständlich. Es läge so nahe, zum Ich des Menschen zu kommen, zu einer Anschauung davon, wenn man sich sagen würde: In dem Ich ist etwas ausgesprochen, das sich schon durch das Sprechen von allen anderen Begriffen oder Namen unterscheidet. Den Tisch kann jeder «Tisch», den Stuhl kann jeder «Stuhl» nennen. Sprechen Sie aber das Wort «Ich» aus, so bezeichnet es etwas, das nur Bezug hat auf sich selbst, das aber keinen Sinn hat, keine Anwendung für Ihr höheres Selbstbewusstsein findet, wenn es ein anderer ausspricht. Niemals kann Ihr «Ich» an Ihr Ohr klingen, wenn es nicht Ihre eigene Seele bedeuten soll. Das ist wirklich der Ausdruck für das «verhangene Heiligtum» der menschlichen Seele. Das ist der Ausdruck, der wie in einem kurzen Monolog das Wesen des Menschen in seinem Inneren bezeichnet, oder das, was man auch als das Göttliche in der Menschennatur bezeichnen kann.

[ 11 ] Damit haben wir die vier Glieder der menschlichen Wesenheit: physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich, vor Ihre Seele gestellt. Wenn wir den Menschen betrachten, wie er vor uns steht, so sind diese vier Glieder das, was sein Zusammenspiel, das gegenseitige Durchdringen ausmacht. Das, was bedeutsam ist, ist das, dass der Mensch nicht ein abgeschlossenes Wesen ist, dass er nicht ein Wesen ist, welches in irgendeinem Augenblicke fertig ist, sondern ein Wesen, das in lebendiger Entwicklung begriffen ist, ein Wesen, das von dieser oder jener Stufe des Fortschrittes zu einer anderen Stufe weiterschreitet.

[ 12 ] Welches ist nun die Natur dieser menschlichen Entwicklung? Worin besteht sie, [worin besteht] das Spielen dieser Glieder der menschlichen Wesenheit ineinander, in dem, was wir das Wunderbare der menschlichen Entwicklung nennen können? Sie spielen so ineinander, wie es sich uns vor die Seele hinstellt, wenn wir uns überlegen, wie es etwa in einem Astralleib ausschaut bei einem Menschen, der auf einer niedrigen Kulturstufe steht, und bei einem Menschen, der auf einer höheren Kulturstufe dadurch steht, dass er nicht in seinen wilden Trieben und Instinkten lebt, dass er nicht alles begehrt und verlangt, was ihm entgegentritt in Bezug auf die Sinne, sondern, dass er geläutert hat seine Triebe und Begierden durch die Ideale des moralischen Lebens. Zwei Menschen können Sie nebeneinander stellen, den einen, dessen Sinne [noch] begehrend sind, der noch Verlangen hat nach dem, was seine Sinne vor ihn hinstellen; den anderen mit feinem Takt und Pflichtgefühl, beweisend, dass er eine Verfeinerung seiner Seele durchgemacht hat, sie geläutert, gereinigt hat.

[ 13 ] Worin beruht nun diese Läuterung? Sie beruht darin, dass der Mensch von seinem Ich aus an den übrigen Gliedern seiner Wesenheit arbeitet. Das hat das Ich getan, was aus Trieben, Begierden und Leidenschaften geworden ist. Das Ich hat den Astralleib gereinigt, Triebe, Begierden und Leidenschaften umgewandelt, sie zu etwas anderem gemacht, als sie vorher waren. In der Geisteswissenschaft bezeichnet man den [Teil des Astralleibes], den das Ich bereits umgewandelt hat — insofern das Ich mit vollem Bewusstsein an der Umwandlung von Trieben und Leidenschaften gearbeitet hat, an seiner moralischen Vervollkommnung, an der Umgestaltung des Astralleibes —, als das «Geistselbst», oder mit einem Ausdruck der orientalischen Philosophie als das «Manas» des Menschen.

[ 14 ] Im Allgemeinen können wir sagen: Dieses menschliche Ich in der gegenwärtigen menschlichen Entwicklung ist erst so weit gelangt, an dem Manas oder dem Geistselbst zu arbeiten, bewusst zu arbeiten. In der Zukunft wird als hohes geisteswissenschaftliches Ideal vor dem Menschen stehen ein bewusstes Arbeiten nicht nur an dem Astralleibe, an der Läuterung der Leidenschaften, Triebe und Begierden, sondern auch das Ideal der Umwandlung des Äther- oder Lebensleibes. Heute kann der Mensch an diesem Ätherleib nur unbewusst arbeiten. Das, was er einstmals an seinem Lebensleib umgestaltet hat, das bezeichnet man in der Geisteswissenschaft als Lebensgeist oder Budhi.

[ 15 ] Und nun ersteht noch ein höheres Ideal im Sinne der Geisteswissenschaft vor der menschlichen Seele; das ist ein Ideal, bei dem die menschliche Seele heute, wenn sie eine Empfindung davon hat, ein Schwindel vor der Höhe und Größe und Erhabenheit der Zukunft der menschlichen Entwicklung überkommen kann. Wenn der Mensch in der Lage sein wird, bewusst an dem physischen Leib zu arbeiten, dann wird er auch den physischen Leib von seinem Ich oder Selbstbewusstsein aus umarbeiten.

[ 16 ] Heute kann das der Mensch nur unbewusst. Sie sehen es aber im alltäglichen Leben, dass es doch geschieht. Man braucht nur das Leben unbefangen zu betrachten. Nehmen Sie einen Menschen an: Der empfindet Schamgefühl, das heißt, er empfindet in seiner Seele etwas, wie wenn er etwas verbergen wollte an sich; Schamröte steigt ihm ins Gesicht. Was heißt das? Durch ein rein inneres Erlebnis hat sich ein physischer Vorgang, eine Umlagerung des Blutes eingestellt. Ebenso ist es, wenn der Mensch erbleicht. Das Blut tritt dann von der Oberfläche in die inneren Teile. Das ist ein Vorgang im physischen Leibe, der sich unbewusst vollzieht. Das, was der Mensch bewusst an seinem physischen Leibe erarbeitet, das bezeichnet man in der Geisteswissenschaft als Atma oder Geistesmensch.

[ 17 ] Wenn wir in diesem Sinne den Verlauf der Menschheitsentwicklung hinstellen, so können wir sagen: Das menschliche Wesen besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Wird durch die Tätigkeit des Ich etwas von dem Astralleib umgewandelt, so entsteht das Geistselbst oder Manas. Wird etwas von dem Ätherleib umgewandelt, so entsteht der Lebensgeist oder Budhi. Und wird der physische Leib umgewandelt, dann entsteht der Geistesmensch oder Atma.

[ 18 ] Das ist aber nicht das Einzige, was in Betracht kommt. Wenn der Mensch auch auf sein Ideal hinschauen kann, in dem er fertig ist mit der Umgestaltung des Astralleibes, dann hat er unbewusst von seinem Ich aus schon an diesem Astralleib gearbeitet. Er hat schon etwas in sich, was man damit bezeichnen kann, dass man sagt: Das Ich lebt im astralischen Leibe. Diesen Teil des astralischen Leibes, der nicht bewusst vom Ich umgestaltet wird, sondern der - wir werden sehen, dass es seine Richtigkeit hat — heute schon ein Werkzeug des Ich ist, der wird von der Geisteswissenschaft die Empfindungsseele genannt.

[ 19 ] Dasjenige aber, was Äther- oder Lebensleib ist, ist auch schon in gewisser Beziehung von dem Ich umgearbeitet, dient heute schon in gewisser Beziehung dem Ich als Werkzeug. Das Ich hat schon seine Kraft hineingesandt in den Äther oder Lebensleib. Insofern dieser Leib bloß Ätherleib ist, hängt er mit den Kräften von Fortpflanzung und Wachstum zusammen. Insofern aber der Ätherleib umgestaltet ist von dem Ich, nennen wir ihn die Verstandesseele oder Gemütsseele des Menschen.

[ 20 ] Aber auch der physische Leib des Menschen ist umgearbeitet und ein Werkzeug des Ich. Dieser physische Leib des Menschen, insofern er Werkzeug des Ich ist, dient gerade als Sinneswerkzeug; durch den wunderbaren Apparat der Sinneswerkzeuge dient er dem Bewusstsein des Ich. Deshalb nennen wir dasjenige, was am physischen Leib unmittelbar so ist, dass es Werkzeug des Ich sein kann, die Bewusstseinsseele, die also im physischen Leibe wohnt.

[ 21 ] So haben wir im Sinne der Geisteswissenschaft zunächst drei leibliche Glieder: physischer Leib, Ätherleib und Astralleib; dann drei Seelenglieder, in denen das Ich in gewisser Weise lebt: die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele und die Bewusstseinsseele; und indem das Ich endlich sich dieser drei Glieder bedient, arbeitet es dieselben in bewusster Weise um zu dem Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmenschen.

[ 22 ] Das ist ein Schema, das vielsagend ist. Es ist aber nicht bloß ein Schema, sondern eine wirkende Kraft. Erst derjenige, in dem es so lebendig wird, dass er die Kräfte der einzelnen menschlichen Glieder ineinanderspielen sieht, begreift die menschliche Entwicklung. Ja, diese Menschennatur ist tief, tief, wie Heraklit richtig gesagt hat. So sehen wir das menschliche Ich an seiner Arbeit, und innerhalb der menschlichen Leiber sehen wir die Umgestaltung der inneren Seelenglieder der menschlichen Wesenheit. Wenn wir dieses Ich verstehen wollen, so müssen wir uns vor allen Dingen fragen: Welches ist gerade die heutige, die gegenwärtige Stufe des menschlichen Ich, was hat es erreicht, erobert dadurch, dass es zum Teil unbewusst gearbeitet hat an seinem Astralleib? Was es sich erobert hat, liegt in dem, was wir mit den Worten bezeichnen können: Das Ich macht das menschliche Wesen zu einem urteilsfähigen Wesen, zu einem Wesen, das aus dem Innern heraus urteilt, seien es Verstandes-, Gefühlsoder Willens-Urteile; das macht das menschliche Wesen zu einem urteilsfähigen Wesen.

[ 23 ] Damit ist viel gesagt, wenn man sagt, es macht den Menschen zu einem urteilsfähigen Wesen, zu einem Wesen, das aus vernünftigen Urteilen denken, fühlen und wollen kann. Es ist gesagt, dass man wirklich unterscheiden lerne zwischen dem, was Empfindung eines physischen Wesens ist, und dem, was Impuls eines menschlichen Wesens ist. Wenn wir die Tiere betrachten, so können wir alle Eigenschaften des menschlichen Seelenlebens beim Tier in gewisser Beziehung finden. Wir finden Sympathien und Antipathien bei den Tieren, sogar das, was Analogie zu einem der höchsten Gefühle der menschlichen Seele ist, eine Analogie zu der Liebe. Wir finden Analogien zu dem, was wir die menschliche Verstandestätigkeit nennen. Es ist leicht im Tierreich zu beobachten, wie darin überall alles ähnlich wirkt wie im Menschen; aber wer wollte verkennen den Unterschied, der besteht zwischen dem, was im Menschen vorliegt, und dem, was bei dem Tiere als Eigenschaft vorhanden ist? Wir können bei dem Tiere aus der Organisation, aus der Form heraus mit Notwendigkeit sagen, wozu es in diesem oder jenem Falle getrieben wird. Die Notwendigkeit ist eine ganz andere [als] bei einem Menschen, der sich die Frage zurechtlegt: Sollst du das tun, oder sollst du es nicht tun? Der erwägt hin und her, bevor er beschließt. Nur diejenigen, welche nicht genau zusehen in dieser Sache, können den gewaltigen Unterschied übersehen. Der Mensch hat sich im Verlauf der Entwicklung die Urteilsfähigkeit durch jenes Wechselspiel seiner Entwicklung errungen, das eben charakterisiert worden ist.

[ 24 ] Wenn wir das höchste Ideal dieses urteilsfähigen Menschen in Bezug auf ein Gebiet vor die Seele hinstellen wollen, in Bezug auf das menschliche Zusammenleben, in Bezug auf die Art und Weise, wie zwei Menschen sich zueinander verhalten, da treten uns zwei Dinge entgegen. Wenn wir sehen auf das Urteil, das den Menschen entgegentritt, so ist das der Begriff der Gerechtigkeit und der Begriff der Liebe. Wenn der Mensch den Begriff der Gerechtigkeit vor sich hinstellt, wird er sich sagen können: Die Gerechtigkeit ist etwas, was als höheres Ideal betrachtet werden kann. Das bedeutet den Einklang, den Ausgleich in den Lebensverhältnissen. Man braucht nur an Gut und Böse, Recht und Unrecht zu denken. Aber was ist es, was die menschliche Seele befällt, wenn sie das Wort «Gerechtigkeit» ausspricht, wenn sie sich dem Begriff der Gerechtigkeit hingibt? — Es ist etwas Frostiges, was die menschliche Seele in ihrer Empfindung erlebt, wenn sie sich diesem Begriffe hingibt. Gerechtigkeit empfindet sie als eine Notwendigkeit, als etwas, was sein muss, als etwas, dem sich der Mensch aus seinem gesunden Urteil heraus fügen muss.

[ 25 ] Anders empfindet die Seele, wenn sie sozusagen den der Gerechtigkeit verwandten Begriff vor sich hinstellt, den Begriff der Liebe. Da empfindet die Seele nicht Frostigkeit, sondern innerliche Wärme, etwas von dem, was die Menschennatur erhöht, weil sie sich sagen muss: Das ist erst ein wahrhaft menschliches Ideal, wenn die Gerechtigkeit nicht mehr ausgeübt wird aus dem Grunde, weil man sie als Notwendigkeit empfindet, sondern weil man das Rechte liebt, weil man liebt, das zu tun, was sein soll.

[ 26 ] So stehen wie ein frostiges, aber als notwendig erkanntes Ideal und wie ein warmes, unsere Seele mit innerlichem Feuer erfüllendes Ideal, Gerechtigkeit und Liebe nebeneinander. Und in ihnen ist das beschlossen, was als die zwei Ideale die Menschenseele ansieht, wenn sie sich sagt: Wohin muss sie sich zunächst entwickeln mit ihrer Urteilsfähigkeit? Dahin, dass sie durch ihr Urteil, durch ihre Erwägungen, durch das, was in ihr lebt, das Zusammenleben der Menschen so erlebt, wie es im Sinne der Gerechtigkeit und Liebe ist. - In diesem Sinne sieht der Mensch zu Gerechtigkeit und Liebe als zwei hohen Entwicklungsidealen hinauf, und er sieht eingeschlossen im Wechselspiel seiner Kräfte das, was hinführt im Zusammenleben zu Gerechtigkeit und Liebe.

[ 27 ] Wohl, so ist es. Aber man kann die menschliche Entwicklung, wie überhaupt die Entwicklung, nicht verstehen, wenn man nicht eine andere Empfindung zu Hilfe nimmt, welche Aufklärung über das eigentliche Wesen der Entwicklung gibt. Entwicklung ist etwas, was - wenn es gedeihen soll — in sich schließen muss ein anderes. Und dieses andere kann man vielleicht am besten bezeichnen mit dem Worte: Reifwerden. Das Reifwerden innerhalb der Zeit, das ist etwas, was von dem Begriffe der Entwicklung nicht zu trennen ist. Und wir verstehen uns am besten, wenn wir gleich den Begriff des Reifwerdens anwenden auf den Begriff des menschlichen Ichs selber.

[ 28 ] Nehmen Sie das menschliche Einzelleben, nehmen Sie es in dem Sinne, wie es ein ernster Betrachter des Daseins nehmen soll. Ist es möglich, dass einem Menschen im dritten Lebensjahre dasselbe zugemutet wird wie einem Menschen im zwölften oder sechzehnten Lebensjahr? Das ist unmöglich. Bei einem Wesen, das in Entwicklung ist, und das so in Entwicklung ist, dass ein Zusammenspiel von Kräften stattfindet - unmöglich kann ihnen das Gleiche zugemutet werden. Ein jeder Entwicklungspunkt hat seine Zeit, und es ist bitter für die ganze Entwicklung des Wesens, wenn gegen dieses Gesetz des Reifwerdens gesündigt wird. So ist es bitter für die einzelne menschliche Entwicklung zwischen Geburt und Tod, wenn dem Ich in einem Lebensalter etwas zugemutet wird, was erst in einem anderen Lebensalter zugemutet werden sollte, nach dem Grad der Reife. So ist es aber auch ungesund, wenn einem Menschen auf niederer Entwicklungsstufe, der noch nicht hinreichend seine Leidenschaften und Triebe geläutert hat, Dinge zugemutet werden, die erst in einer wirklich fruchtbaren Weise einem solchen Ich zugemutet werden können, welches durch die verschiedenen Stufen der Läuterungen hindurchgegangen ist. So ist es, wenn das menschliche Ich solche bedeutenden Ideen, wie Gerechtigkeit und Liebe, als Ideale vor sich sieht und sich sagt: Du musst hinaufsteigen —, sodass sie wie zwei große Leitsterne im Leben des Menschen wirken. Aber der Weg muss in der richtigen Weise gegangen werden. Wenn wir nun nicht das Einzelleben betrachten, sondern das ganze menschliche Leben im Verlauf der Jahrhunderte und Jahrtausende, wie das menschliche Ich wiederkehrt und arbeitet an der menschlichen Wesenheit, dann werden wir eine komplizierte Tatsache vor uns haben, welche sehr zwingt, die Aufmerksamkeit auf die Reifung zu lenken. Wenn —- was heute nur angeführt werden kann, was aber im Verlauf der Wintervorträge von den verschiedenen Gesichtspunkten [aus] berührt wird -, wenn der Mensch nicht nur einmal lebt zwischen Geburt und Tod, sondern immer wiederkehrt, dann ist das [denkbar] , was die Geisteswissenschaft als notwendige Konsequenz der Entwicklung erkennt, dass das Ich nicht nur einmal lebt zwischen Geburt und Tod, sondern immer wiederkehrt, dann ist das [denkbar], was die Geisteswissenschaft als notwendige Konsequenz der Entwicklung erkennt, dass das Ich nicht nur einmal in diesem Leben zwischen Geburt und Tod lebt, sondern aufeinanderfolgende Verkörperungen durchmacht.

[ 29 ] Während aller dieser Verkörperungen arbeitet das Ich so, dass es gearbeitet hat in urferner Vergangenheit an Astralleib, Ätherleib und physischem Leib, sodass schon geworden sind für den heutigen Menschen Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewusstseinsseele; arbeiten wir so weiter, sodass Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch entstehen werden., Die Kräfte dieser Entwicklung durchdringen sich im Wechselspiel und vereinigen sich in den Idealen von Gerechtigkeit und Liebe. Diese Arbeit leistet das Ich. So aber, wenn wir das Wort Erfahrung in der richtigen Weise nehmen, müssen wir verstehen, dass zu jeder Zeit des Lebens - wenn wir von verschiedenen Verkörperungen sprechen, in jeder einzelnen Verkörperung — die Seele in richtiger Art auf die übrigen Leibesglieder einwirkt, dass das Ich an jeder einzelnen Entwicklung arbeitet, dass es nicht zu viel tut in Bezug auf die Aneignung von Gerechtigkeit und Liebe; denn das Ich soll niemals in Bezug auf das, was in ihm urteilsfähig ist, weitergehen, und es kann auch nicht weiterkommen, als sein Reifegrad es ihm möglich macht.

[ 30 ] Was ist aber in dieser Beziehung der Regulator? Was bewirkt, dass das Ich in bestimmten Stufen nicht über den Reifegrad hinausgeht? Verstehen wir, was der Regulator ist, was bewirkt, dass das Ich auf jeder Stufe wenigstens das Richtige tun kann? Verstehen kann man das, was hier gesagt wird, nur dann, wenn man den Blick lenkt auf etwas, das durch die Geisteswissenschaft den Menschen immer klarer und klarer wird: Wenn man den Blick darauf lenkt, was dem Menschen sein Wissen, seine Erkenntnis ihrem Inhalte nach [gibt], seine Ideen, seine Begriffe, [um] kurz dasjenige [zu] nennen, wodurch wir die Welt erkennen, dass das nicht allein im Menschen vorhanden ist, sondern ausgegossen ist über die ganze Welt.

[ 31 ] Der Mensch versucht die Welt zu erkennen dadurch, dass er sich Begriffe und Ideen über die Welt bildet. Ebenso wenig wie Sie aus einem Glase, in dem kein Wasser ist, Wasser herausschöpfen können, ebenso wenig können Sie aus einer Welt, in der nicht Weisheit wäre, Weisheit herausschöpfen. Der Mensch schöpft durch sein Urteil, durch sein Erkenntnisvermögen Weisheit heraus. Er begreift die Pflanze, da sie weisheitsvoll gebaut ist. Er macht sich Begriffe. Unsinn und töricht ist es zu glauben, dass der Mensch sich einen Begriff über die Pflanze bilden könnte, wenn die Pflanze nicht selber nach diesem Begriffe aufgebaut wäre. Was der Mensch herausholt aus der Welt, das ist ausgegossen in der Welt, liegt den Dingen zugrunde. In anderer Form tritt in der menschlichen Seele das als Weisheit auf, was in der übrigen Welt oder in der Natur draußen ausgegossen ist.

[ 32 ] Wollen Sie sich das veranschaulichen, so brauchen Sie nur Folgendes zu denken. Es hat lange gedauert in der Menschheitsentwicklung, bis der Mensch dazu gelangt ist, auf einer bestimmten Stufe geschichtlichen Werdens, sagen wir, das Papier zu erzeugen. Versuchen Sie sich vor die Seele hinzurufen die Summe von Gedanken und von Arbeit, die nötig waren, um das Papier zu erzeugen, sodass es in die menschliche Entwicklung eintreten konnte. Man könnte sagen, wenn man grotesk sprechen möchte, innerhalb der Wespenwelt ist dieses Papier nicht Jahrtausende, sondern viel längere Zeit vorher erfunden gewesen, denn das Wespennest ist aus demselben Stoffe gebaut, den wir als Papier haben. Wirkliches Papier haben wir da. Was der Mensch herstellt an seinen Stoffen, das ist draußen in die äußere Natur hineingearbeitet.

[ 33 ] Als solche Stufen können Sie sich klarmachen, wie das, was der Mensch sich als Weisheit erarbeitet, draußen in der Welt ausgegossen ist. Die Welt ist durchdrungen von Weisheit und von Urteilen aufgebaut. Die Weisheit ist ein Wiederfinden von Urteilen, die wie ein Netz ausgebreitet sind über alles Dasein in der Natur. Weisheitsvolle Einrichtung ist nicht nur in dem, was das Menschenbewusstsein herausarbeitet, was der Mensch in seiner Seele gestaltet, weisheitsvolle Einrichtung ist überall zu finden. Sie war also schon da, als das menschliche Ich noch nicht bewusst arbeiten konnte. Und diese weisheitsvolle Arbeit war es, welche es möglich machte, dass das menschliche Ich arbeiten konnte an dem physischen Leib, dem Äther- und Astralleibe, schon bevor es bewusst arbeiten konnte. Diese Weisheit muss aber auch heute im Leben draußen sein. Das menschliche Ich ist heute nicht so weit, dass es ganz allein aus sich selber heraus das Rechte finden würde, das, was einer viel höheren Urteilskraft entsprechen würde.

[ 34 ] Was ich sagen will, das machen Sie sich klar, wenn Sie Folgendes betrachten. Denken Sie sich, ein Mensch steht vor einem Kind, das er erziehen will. Das Kind tut etwas, das es nicht tun sollte. Es wird notwendig, dass eine Handlung eintritt; sie kann Strafe oder etwas anderes sein. Derlei ist möglich. Das eine ist, dass der Erzieher sagt, dieser Zögling macht etwas unrichtig. Das missfällt dem Erzieher, und es ist möglich, dass er in den Affekt des Zornes kommt und dass dieser Zorn bis zu einem gewissen Grade sich entwickelt, in einem Trieb zu einer bestimmten Handlung. Das ist das eine, was möglich ist. Das andere aber, was möglich ist, ist, dass der Erzieher, trotzdem er das Unrecht gesehen hat, Missfallen empfunden hat, das bleibt, was man mit dem Ausdruck gelassen bezeichnet; dass er Gelassenheit empfindet und aus dem bloßen Urteil heraus und aus einer gewissen Reife der Seele dasjenige tut, was als Strafe oder sonst [wie] notwendig ist in dem betreffenden Fall. Äußerlich kann dasselbe geschehen. Der Unterschied liegt darin, dass die Seele einmal erfüllt ist mit Zorn, das andere Mal mit Gelassenheit.

[ 35 ] Wenn wir diesen Unterschied betrachten, werden wir uns sagen: Warum ist in dem einen Falle Zorn, in dem anderen Falle Gelassenheit? Würde derjenige Mensch, der zornentbrannt hinsieht auf das, was das Kind tut, durch die Reife seines Ich imstande sein, in dem betreffenden Fall das Richtige zu tun? Wenn Sie das Leben betrachten, werden Sie sich sagen, er wird in der Regel nicht imstande sein dazu. Es gehört ein gewisser Reifegrad des Ich dazu, dass das Ich, trotzdem es keinen Affekt empfindet und kalt und gelassen bleibt, dennoch in Liebe zur Sache, in Liebe zu dem, was sein soll, das Rechte tut. Es gehört ein gewisser Grad der Reife dazu. Und jeder Mensch steht auf einem gewissen Punkte in Bezug auf diese Reife. Es kann das menschliche Ich nicht immer denjenigen Grad von Gelassenheit haben, der es befähigt, trotzdem es keinen Affekt empfindet, das Rechte zu tun. Dazu muss sich das menschliche Ich bis zu einer bestimmten Stufe hinentwickeln. Was würde der Erzieher tun, wenn er gelassen wäre und nicht Zorn empfände? Dann stünde der Erzieher mit seiner Gelassenheit daneben, täte nichts und ließe die Sache sein.

[ 36 ] Dafür ist gesorgt durch die weisheitsvolle Einrichtung der Welt, dass das Ich durch andere Kräfte, als diejenigen sind, zu denen es noch nicht reif geworden ist, zu dem Rechten — wenigstens teilweise — hingelenkt wird. Bevor das Ich dazu reif ist, aus der Gelassenheit heraus zu handeln, handelt es aus dem Affekt, aus dem Zorn heraus. Hier sehen wir dieses menschliche Ich im Laufe der Entwicklung zwar arbeiten an dem menschlichen Astralleib, sodass sich im Laufe der Entwicklung der Astralleib so weiterentwickelt, dass die Gelassenheit aufblüht; aber solange das Ich noch nicht imstande ist, diese Reife zu erlangen, will es nicht an dieser Gelassenheit arbeiten, da soll der Mensch durch etwas, das in ihm ist, hingetrieben werden, irgendetwas zu tun. Eine solche Einrichtung, und zwar eine ganz Wesentliche, welche das Ich reif werden lässt innerhalb des astralischen Leibes und dennoch es antreibt, sich in ein gewisses Verhältnis zu seinen Mitmenschen zu setzen, bevor es reif ist, eine solche Einrichtung im Astralleib ist der Zorn. So wie zum Beispiel die äußere Natur in ihrem Pflanzenreich, in ihrem Tierreich weisheitsvoll eingerichtet ist, so ist auch alles dasjenige, was wir astralische Natur der Menschen nennen können, weisheitsvoll eingerichtet. Es ist so eingerichtet, dass die Menschen in ein Verhältnis zueinander treten, bevor sie aus ihrer Urteilskraft heraus sich selbst anhand ihrer Ideale von Gerechtigkeit und Liebe zu einem vollständig richtigen Verhältnis aufbauen können. Der Vorläufer der Gelassenheit ist der Zorn.

[ 37 ] In der Entwicklung muss es so sein, dass das, was hinaufleitet zu höheren Stufen der Entwicklung, in den Irrtum hineinleiten kann. Wenn der Mensch nun nicht in den Irrtum hineinkäme, könnte er sich nicht zur Wahrheit durcharbeiten. Wenn also der Zorn auch ausartet — wenn wir ihn uns aber in seiner umfassenden Bedeutung vor Augen stellen, können wir sehen, wie er wirkt. Nehmen wir einen jungen Menschen in den Jünglingsjahren, der noch nicht fähig ist, bestimmte Ideale auszubilden; er sieht aber in seiner Umgebung dieses oder jenes Unrecht; er kommt in das, was man einen edlen Zorn nennen kann. Und das, was man edlen Zorn nennen kann, [über] das, was er nicht billigen kann, das arbeitet in ihm, damit die Seele reif wird, in sich auszuarbeiten das, was die großen Ideale des Lebens werden können. Wie aus einer Muttersubstanz heraus wird das sich selbst überlassene Ich reif gemacht durch Eigenschaften wie den Zorn. Dass das Ich reif gemacht wird, können Sie auch anderen Tatsachen entnehmen. Weil der Jüngling von den Dingen, von denen er noch keinen Begriff haben kann, seine Ideale niemals verwirklicht sieht in seiner Umgebung, fühlt [er] immer wieder den nämlichen edlen Zorn über das, was ihm missfällt. Wenn die Menschen ins Leben hineinblicken, dann können sie wahrnehmen, dass alle die edlen Zornesaufwallungen in der Jugend später als Liebe und Milde herauskommen. Derjenige, der das Leben in seiner Ganzheit betrachtet, der sieht die Verwandlung des Jugendzornes in Altersliebe und Altersmilde.

[ 38 ] So sehen wir, wie Liebe und Gerechtigkeit, welche als hohe Ideale vor der menschlichen Seele stehen, welche aber das Ich ausreifen lassen muss — denn es gehört Ungeheures dazu, um in seinem ganzen Umfang aus wirklichen innerlichen, konkreten Ideen und Begriffen heraus das System der menschlichen Gerechtigkeit und das Wahre, Echte der Liebe, die nicht von getrübten Gefühlen belastet ist, zu entwickeln —, so sehen wir, wie Gerechtigkeit und Liebe, diese hohen Ideale, vor sich hingestellt haben wie einen Vorkämpfer in der menschlichen Gesellschaftsordnung, den Zorn. Es ist die [Mission] des Zorns, die Liebe vorzubereiten.

[ 39 ] Das kann man verstehen, wenn man in die Waagschale wirft, dass das, was in Wirklichkeit zur Urteilskraft werden soll, ins Extrem auszuarten droht. Wenn wir auf die verschiedenen Verkörperungen Rücksicht nehmen, so können wir sagen: Was der Mensch als Gerechtigkeit und als Liebeanlagen mit sich bringt, das reicht zurück in die Zeit, wo er noch nicht hat erkennen können, wie der richtige Ausgleich sein müsste, wo er noch keine Ahnung hatte von dem wahren Liebegefühl, um dieses oder jenes erfüllen zu können, wo aber das auftritt, was Zorn ist. Wie die Morgenröte der Sonne, so leuchtet die Zornmütigkeit, der edle Zorn, der Liebe voran. In Weisheit haben die Mächte, welche die Welt lenken, in den astralischen Leib hinein die Zornmütigkeit gelegt, bevor ein volles Bewusstsein der Liebe ausgebildet werden kann, bevor in voller Gerechtigkeit in der Seele die Liebe werden kann.

[ 40 ] In den Zeiten, in denen man die Dinge genauer betrachtete als heute, ermittelte man schon an den Namen der Seelenglieder, was darin ist. Gehen wir zurück zu dem großen griechischen Philosophen Plato, so werden wir finden, dass Plato dasjenige, was wir Bewusstseinsseele nennen, die vernünftige Seele nennt. Das aber, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen, in die hineingefügt sein müssen die Ideale von Gerechtigkeit und Liebe, das nennt Plato die zornmütige Seele. Dasjenige, was wir Empfindungsseele nennen, nennt Plato die Begierdenseele.

[ 41 ] Würden wir zu Aristoteles gehen, so würden wir finden, dass diese Ausdrücke auch bei Aristoteles in ähnlicher Weise gebraucht sind; auch können wir finden, dass sie ganz genau den Ausdrücken der Geistesforschung entsprechen. — Warum bezeichnet Plato die Seele, die der Bewusstseinsseele vorangeht, die zornmütige Seele? Er bezeichnet sie deshalb so, weil in diese Seele nicht bloß der Zorn, sondern auch alle weisheitsvollen Einrichtungen hineingeschrieben sind, weil er die Weisheit, die in die Welt ausgegossen ist, auch ausgegossen gefunden hat im menschlichen Astralleibe, eben als zornmütige Seele.

[ 42 ] Bei denen, welche tiefer in das Wesen der Seele hineingeschaut haben, finden wir schon in den Namen das, was das Wesen ist, angedeutet. Derjenige, der vom Standpunkte der Geisteswissenschaft dasjenige betrachtet, was durch die Zeitenwende als Sage und Mythe der Völker, als Überlicferung der Völker hindurchgeht, der macht in seiner Seele eine merkwürdige Entdeckung. Dasjenige, was man nennen könnte die «Wissenschaft des grünen Tisches», kann Ihnen antworten, wenn Sie fragen, woher dieser oder jener Mythos kommt: Das ist Volksdichtung. — Nur der, welcher Volksdichtung nicht kennt, kann so von Volksdichtung sprechen. Wer aber tiefer hineingeht, wenn er hineinleuchtet in diese oder jene Sage, diesen oder jenen Mythos, der macht die merkwürdige Entdeckung, dass große Weisheiten darin enthalten sind. Bevor die Menschheit durch logisches Urteil, durch Erwägen und Zählen, wie es heute richtig ist, ausgebildet war, wie sie heute ist, bevor diese Urteilsfähigkeit zur Anschauung der Wahrheit führte, führte sie ein anderes, ein hellsichtiges Erkennen - mehr im Bilde — dahin, die Wahrheit anzuschauen. So werden die Mythen und Sagen etwas ganz anderes, als sie zunächst [zu sein] scheinen. Sie werden zum Ausdruck von tiefen Wahrheiten.

[ 43 ] Einen Sagenstoff, der uns in die Tiefen der Wahrheit hineinführt, die uns heute interessieren, hat der griechische Tragöde Aischylos in seinem «Gefesselten Prometheus» verarbeitet. Wenn man zurückgeht in dem Leben dieses Dichters, das zwei Jahrtausende vor dem unseren liegt, dann wird man ergriffen von der Weltanschauung, die durch die Dichtung wallt, durch die Weltanschauung, die in den griechischen Mythen ausgegossen ist, durch die Weltanschauung des griechischen Volkes.

[ 44 ] Ich könnte die ganzen Vorträge über den Winter ausfüllen, wenn ich Ihnen sagen wollte, was über den «Prometheus» zu sagen ist. Diese Dichtung knüpft an die Mythe an, die der Name Prometheus umschließt. Sie kennen wohl alle, was der Prometheus-Mythos umschließt. Wir wollen es uns kurz vor die Seele rufen. Die Griechen sahen, wenn sie den geistigen Blick zurückschickten in vergangene Zeiten, sahen sie in Wirksamkeit innerhalb unseres Erdenwesens, innerhalb unseres Erden- und Weltenwerdens, uralte Göttergeschlechter. Heute soll nicht ausgemacht werden, was man sich darunter vorzustellen hat. Denken Sie sich, es seien Personifikationen von Naturkräften, oder was und wie immer darüber; darauf kommt es heute nicht an. Die Griechen sahen zwei alte Göttergeschlechter: Uranos und Gäa; abgelöst wurden diese alten Himmelsgöttergeschlechter, welche die ersten Vorgänge unserer Erde hervorriefen, durch das Titanengeschlecht; jenes Titanengeschlecht, zu dem Kronos und Saturn gehörten. Kronos war der Sohn des Uranos. Erzählt wird uns davon, dass die Titanen, an ihrer Spitze Kronos, die Herrschaft an sich rissen und den alten Uranos stürzten. Wir können von vornherein die Vermutung haben — es wird darauf hingewiesen, und so ist es auch —, dass nach der griechischen Anschauung in alten Zeiten bestimmte Formen des Lebens vorhanden waren, die damals unter anderen Herrschaften standen als in späteren Epochen der Entwicklung. Wer weiß, dass sich die Formen des Geschehens im Laufe der Zeit ändern, der wird den genialen Blick des griechischen Mythos bewundern, der den Anfang der [ErdJentwicklung, jenes Zusammenspiel einfacher Urkräfte der Welt, ausdrückt durch die Ehe zwischen Uranos und Gäa, der dann eine spätere Epoche ausdrückt dadurch, dass er sagt, es treten die Titanen auf. Das ganze Antlitz der Erde ändert sich, sodass andere Formen des Lebens, des Geschehens und Werdens da sind. So haben wir in den Titanen ein zwei[tes] Göttergeschlecht, Kräfte, die innerhalb der Erdentwicklung wirken. Warum wird das Titanengeschlecht von dem Geschlechte abgelöst, dessen Führer Zeus ist? Er ist sozusagen ein Angehöriger des jüngsten der Göttergeschlechter. Er stürzte darum den Kronos mit den Seinigen in eine unbekannte Welt, eine verborgene Welt, der die Titanen angehören, und in der Zeus derjenige ist, der die Weltherrschaft ausübt.

[ 45 ] Bei dem Kampf des Zeus gegen die Titanen stand Prometheus, ein Nachkomme der Titanen, an der Seite des Zeus. Er war es, der mithalf, dass Zeus zu seinem Ziele kam. Prometheus erfährt aber sozusagen eine bittere Enttäuschung. Er hat dem Zeus geholfen, zu der Weltherrschaft zu kommen. Innerhalb dessen, was sich die Griechen vorstellten als eine Ablösung dieser drei Götterkorporationen: Uranos, Titanen und Zeusgattung, entwickelten sich die Menschen zu verschiedenen Fähigkeiten, sie entwickelten sich zu bestimmten Stufen. Als Zeus die Herrschaft angetreten hatte, waren die Menschen so weit, dass sie in ihr Bewusstsein aufnehmen konnten die Eindrücke der Umgebung.

[ 46 ] Wenn wir diesen griechischen Mythos in der richtigen Weise begreifen, wenn wir uns wirklich geisteswissenschaftlich in ihn einlassen, dann finden wir, dass der griechische Genius, da, wo er sich mythisch ausdrückt, in wunderbarer Weise den Entwicklungsbegriff berücksichtigt. Menschen, die sehen können, was ein paar Schritte vor ihrer Nase ist, glauben, dass der Mensch und sein Bewusstsein, solange sie im Sinne der heutigen Naturwissenschaft von der tierischen zu der menschlichen Form hinaufgerückt sind, immer so waren, wie sie heute sind. Also in einer Entwicklung ist auch das menschliche Bewusstsein. Es hat erst [allmählich] diejenigen Formen angenommen, die es heute hat.

[ 47 ] Wenn wir zurückgehen anhand der Forschungen, welche der äußeren Naturwissenschaft nicht mehr zugänglich sind, [wohl] aber der Geisteswissenschaft, so würden wir zu alten Stufen des menschlichen Bewusstseins kommen, wo das Urteilen und Erwägen noch nicht da war. Dafür aber war da ein Bilderbewusstsein, ein Bilderbewusstsein, das anders wirkt, das so wirkt, dass, wenn der Mensch einem Eindruck entgegentritt, ein Bild in ihm aufstieg. Er wusste unmittelbar durch die Bilder, durch die Eindrücke, die das Bild auf sein Gefühl machte, er wusste in altem dämmerhaftem Bewusstsein, das wie ein alter Rest, wie ein überkommenes Erbstück im Traum erhalten ist. Ein altes dämmerhaftes, hellsichtiges Bewusstsein war da in jener Zeit. In dieses Bewusstsein hinein hat der Mensch erst die Begriffsfähigkeit sich hinzu angeeignet. Alles war in Entwicklung; vor allem das menschliche Bewusstsein.

[ 48 ] Das wird ausgedrückt in der Tatsache, dass Zeus die Herrschaft angetreten hat. Das Bewusstsein macht immer mehr Platz dem, was sich hinentwickeln soll zum Urteil, zum Erwägen. Der sichere Blick, der durch die Bilder vermittelt war, ging verloren. Der Mensch fing erst mit den ersten Tatsachen des Rechnens und Zählens und Erwägens an. Unbehilflich waren die Menschen. Die Menschen wurden stumpf in Bezug auf ihr altes Bewusstsein. Sie konnten nicht mehr ihre Umwelt begreifen. Sie lebten in einer fast unmenschlichen Weise dahin. Aber aus dieser Dumpfheit entwickelte sich dasjenige immer mehr und mehr, was, wie wir angedeutet haben, in den ersten Anfängen vorhanden war und was im Menschen so wirkte, dass es nach und nach ihn dahin brachte, zu urteilen, ihn dahin brachte, aus seinem Ich heraus in die Welt etwas hineinzusetzen, was früher nicht da war. Nennen Sie es Kraft, nennen Sie es Wesenheit. Der griechische Genius drückt es dadurch aus, dass er sagt: Prometheus wirkt in der menschliche Natur jenen Sinn, der es der Menschennatur möglich macht, die einzelnen Dinge des Lebens durch Werkzeuge in Kunstproduktionen zu verarbeiten. Prometheus ist der große Wohltäter der Menschen, der in Liebe der Menschheit das gegeben hat, was sie immer weiter und weiter entwickeln wird. Zeus hätte, das ist die Enttäuschung, die Prometheus erlebt, nur das im Menschen entwickelt, was unabhängig ist von der Urteilskraft, unabhängig vom Rechnen und Erwägen, was nicht zu den Künsten hingeführt hat. Zeus hatte den Menschen ohne Feuer gelassen.

[ 49 ] Reisende werden Ihnen berichten, dass höhere Tiere, zum Beispiel Affen, Zuschauer waren und sahen, wie Reisende sich am Feuer wärmen. Wenn die Reisenden das Feuer verlassen, während es noch brennt, dann wärmen sie sich auch; aber was sie nicht tun, das ist, dass sie selber Holz herbeitragen und Feuer machen. Das hängt innig zusammen mit dem Feuermachen, mit dem vorschauenden Verstand, dass man etwas herbeiführt, was einem nachher dienen soll. Die Vorschau, die wird gedeutet in Prometheus, der der Vordenker ist. Das Werden wird gedeutet von dem griechischen Genius in der Gestalt des Prometheus. In Zeus wird dasjenige gesehen, was nicht wirkt im menschlichen Ich, das, was den Menschen nicht urteilsfähig macht, sondern was nur im menschlichen Astralleibe wirkt. Der Grieche richtet den Blick auf die menschliche Natur, und er sagt sich: Des Menschen drei Wesensglieder — ob er es sich in dieser Form sagt oder nicht, ist gleichgültig — wirken Triebe, Begierden und Instinkte. Die müssen gegeneinander spielen. — Was da weisheitsvoll die astralische Natur durchzieht, das sah der Grieche in Zeus. Was in das menschliche Ich hineindringt, was das Ich auf eine höhere Stufe führt, das sah er in Prometheus.

[ 50 ] So standen sich Zeus und Prometheus gegenüber, wie das auf Urteil und Verstand reflektierende Ich und der astralische Leib. So kämpfen sie gegeneinander in dem Ich, das den astralischen Leib läutert. Wenn der Grieche hinschauen lässt den Blick auf die ganze astralische Natur, dann sagt er sich: Wenn wir den Menschen ansehen mit seinem astralischen Leib und seinem Ich — da steht er in der Welt, er erleidet Schmerz und Freude, tut sein Gutes und Böses; Schmerz und Freude, Gutes und Böses, sind des Ausgleichs bedürftig. Missfallen ruft es hervor in der menschlichen Seele, wenn das Gute unbelohnt und ohne Erfolg ist, das Böse ungestraft oder mit unrichtigem Erfolg dasteht. Dasjenige, was den Ausgleich bewirkt in Leiden und Freuden, in Gut und Böse, ist die Gerechtigkeit.

[ 51 ] Aber wenn wir die Welt überblicken — so sagt sich der griechische Genius —, dann ist in der Welt, innerhalb der menschlichen Natur und des menschlichen Astralleibes, in sehr beschränktem Maße zunächst die Gerechtigkeit. Ohnmächtig ist der Mensch; so empfand der griechische Genius in Bezug auf die Gerechtigkeit. Nun schaut er hinaus in die Natur, sieht und sagt: Entwicklung ist das, was vor unsere Seele hintritt in dem Sonnenaufgang und -untergang, in dem Auf- und Untergang der Pflanzenwelt; was so vor uns hintritt, ist alles, was nicht bis zum menschlichen astralischen Leib heraufkommt; dass darin etwas wirkt, was zusammenhängt mit der menschlichen Natur, was verbunden ist mit der ganzen Welt als etwas, was eine weit tiefere Gerechtigkeit ist, als der Mensch in seiner Ohnmacht verwirklichen kann. — Er sah dann hinauf und sagte sich: Es muss doch verborgene Kräfte und Mächte geben, die hinter dem sind, was wir sehen können, und die ausgleichend wirken.

[ 52 ] Diese Mächte sind die, welche kraftvoll sind gegenüber dem menschlichen ohnmächtigen Wesen; es sind diejenigen der Gerechtigkeit, sodass sie überall walten, dass sie rechnen können auf diese Kräfte, die ausgleichend wirken mit Macht und Kraft und die nicht der menschlichen Ohnmacht unterliegen. Verborgen sind sie, und da sein müssen sie. Auf sie sah der griechische Genius und nannte sie die Titanen aus dem Grunde, weil sie die menschliche Ohnmacht nicht haben; und Themis, die Göttin der Gerechtigkeit, gehört zu den besonderen weiblichen Titanen.

[ 53 ] So ist eine allwaltende Gerechtigkeit im Titanenreiche vor dem Blick des griechischen Genius. Dann aber muss sie sich umwandeln zur Liebe. Das warme Gefühl der Liebe muss sie in sich saugen. Daher wird nicht Themis als diejenige Gestalt verehrt, die auch in den Menschen hineindringt, die ihn führt zu dem Ideal von Gerechtigkeit, zu der Liebe, sondern der Sohn der Themis, Prometheus. Er ist derjenige, der die Menschen in seiner Wesenheit erfasst. Während Zeus in das Reich hineingehört, das Weisheit und Ausgleich hineingießt in das menschliche Erkennen auf der Erde, insofern das Astrale in Betracht kommt, gießt Prometheus in das menschliche Ich hinein das, was dieses Ich immer weiter vorwärts bringen soll.

[ 54 ] Wir können aber im einzelnen Menschen, wenn das Ich zu weit gehen würde in Bezug auf seine Entwicklung, eine Kraft bemerken, die dieses Ich abhält, sich ihm in den Weg stellt. Wie der noch unreifen Gelassenheit der Zorn vorangeht, so sah der griechische Genius in dem großen Weltenzusammenhang das Wechselspiel der Tat des Prometheus mit dem Zorn des Zeus. Zeus ist derjenige, der zu wachen hat darüber, dass die menschliche Entwicklung des Ich nicht zu rasch vorwärtsgeht. Daher muss er Ausgleiche schaffen. Prometheus liefert den Menschen das, was beim gewöhnlichen Menschen der Verstand ist, Vernunft, Gemüt, also das, was aus sich heraus zur Urteilsfähigkeit kommt.

[ 55 ] Damit ist aber etwas anderes aufgetreten in der menschlichen Entwicklung. In dem Menschen, der von der früheren zu dieser Stufe vorgerückt ist, hat sich sein Bewusstsein eingeengt. Als der Mensch noch sein altes Bewusstsein hatte, das hellsehende, sah der Mensch durch sein Bilderbewusstsein hinein in sein Geistiges, wenigstens in seine seelische Welt. Das ist verbunden mit einem bewussten Auftreten von Bildformen, sodass der Mensch in eine Seelenwelt hineinsicht, die für das Verstandes- und das Sinnenbewusstsein verborgen ist. So zog sich eine Welt vor dem Menschenbewusstsein zurück. Der Blick wurde auf der Erde gefesselt, indem er zugleich auf einer höheren Stufe aufrückte. Das, was der Mensch als seine Ideale von Gerechtigkeit und Liebe eingepflanzt hat, das musste den Preis bezahlen, dass es gebannt wurde an die äußere sinnliche Welt, an die Erde.

[ 56 ] Das war die Gegenwirkung des Astralischen. Indem der Mensch sein Ich weiterentwickelte, wirkte das Astralische wie ein Gegenschlag. Während früher der Mensch hineinschauen konnte in die seelische Welt, trübt dieser Gegenschlag den Blick in die seelische Welt, und der Blick blieb nur beschränkt auf die äußere physische Welt. Er war gefesselt an die Erdenwelt. Das, was in Prometheus war, hat ihn an die Erdenwelt gefesselt. Und so war Prometheus in der menschlichen Natur durch das, was als Ausgleich in der astralischen Natur im Reiche des Zeus wirkt, durch den Zorn des Zeus gefesselt an die Erde, geschmiedet an die Erde. Eine höhere Fähigkeit hatte er ausgebildet. Aber sie war verdunkelt durch den Zorn des Zeus.

[ 57 ] Es gibt alle möglichen Grade zwischen jener Helligkeit des Bewusstseins, das der Mensch am Tage hat, und der Verdunkelung im Schlaf. Das, was im Affekt eintritt, ist in gewissem Grade ihre Verdunkelung. Und der kosmische Grad der Verdunkelung, das war das, dass das menschliche Bewusstsein an die physische Welt gefesselt war. Wie gelähmt war das Bewusstsein, das in die seelische Welt hineinschauen sollte. Diese Lähmung war das Geschmiedetsein des Prometheus an den Felsen.

[ 58 ] Das Vorausschauende in der griechischen Menschennatur, das stellt die Mythe genau in der PrometheusMythe dar. Und das stellt der griechische Tragöde in so gewaltiger Gestalt in dem «Gefesselten Prometheus» hin. Wenn Sie den Nerv dieses wunderbaren Dramas auf sich wirken lassen, dann werden Sie sehen, was Ihnen in diesem entgegentritt; da tritt Ihnen entgegen dasjenige, wovon man sagen kann: Es steht in der Welt wie ein altes Erbstück aus früheren Zeiten. Gewiss, der Mensch hat sich in gewisser Weise entwickelt, aber alle Entwicklung schreitet nicht gradlinig vorwärts. Es sind immer Erbstücke aus alten Entwicklungen da; die passen in die spätere Zeit nicht hinein; sie nehmen sich deplatziert aus. Denken Sie sich ein Wesen mit dem alten Bilderbewusstsein in unserer Zeit — es ist ein unmögliches Wesen; es kann unmöglich sich in der heutigen Zeit zurechtfinden. Nicht umsonst ändern sich die menschlichen Seelenkräfte. Sie ändern sich, damit sie den menschlichen Erdenverhältnissen angepasst sind.

[ 59 ] Das Bilderbewusstsein ist angepasst den früheren Erdenverhältnissen. Das Verstandesbewusstsein entspricht der heutigen Zeit. Der Künstler stellt uns [das] dar in der Gestalt der Io. Sie stellt ein Wesen dar, das sich aus der Bewusstseinsstufe der Alten gestaltet hat. Was wird aus diesem [Bilderbewusstsein, wenn es in unserer Zeit auftritt]? Wahnsinn! Was soll das Bild der früheren Zeit sagen? Es kann sein, man hat auch die Fähigkeit dazu, es zu sagen, aber diese Fähigkeiten taugen nicht. Sie bringen Irrtum und Blendwerk um die Seele hervor.

[ 60 ] Vor einem solchen Bewusstsein, das wie ein altes Erbstück geblieben ist, sodass da Irrtum und Blendwerk und Täuschung auftauchen, das stellt der griechische Genius dadurch vor, dass [Io] den hundertäugigen Argus sieht. Bilder treten ihr entgegen. Das sind aber Täuschungen, Blendwerk, das ist Illusion. Auch wenn dieses Bewusstsein, wenn es die menschlichen Seelenfähigkeiten ergriffen hat, wenn dieses Bewusstsein auch dem Wahnsinn verfallen würde, so darf man doch nicht glauben, dass es nicht eine Bedeutung haben wird. Das, was der Entwickelte an Bewusstsein hat, hat nur einen Teil des Menschenwesens ergriffen, das Gehirn, und [hat] es zu seinem Organ gemacht.

[ 61 ] Die Io arbeitet aber auch noch heute am Menschen. Das ist menschliche Zukunftsentwicklung, dass alle Kräfte, die da sein können, in späterer Zeit in neuen Formen auftreten wie die Io mit ihrem Bewusstsein in alter Zeit. So ist sie eine Wahnsinnige. Wie sie aber sein wird, wenn dasjenige in der menschlichen Natur, [was] das Unterbewusste bearbeitet, sich verbindet mit dem, was höhere Menschennatur ist, dann wird das menschliche Urteil bewusst sein; der Prometheus in der Menschennatur wird erlöst werden. Der Grieche versetzt diese ganze Sache in die Vergangenheit, und sie bezieht sich in gewisser Weise auch auf vergangene Ereignisse. So, wie er an diesem Zuge des gefesselten Prometheus mit der Io das herausholen konnte, könnte er die Bedeutung jedes einzelnen Zuges des Dramas auch herausholen.

[ 62 ] Nur andeuten konnte ich, wo der Nerv des Dramas liegt. Zeigen konnte ich, wie das Gemüt des Dramatikers erfüllt war von dem, was in der menschlichen Natur ist und durcheinanderwirkt. Deshalb konnte Aischylos darstellen, wie da herauskommt aus dem astralischen Leib der Zorn, der das Ich gefesselt hat im Kosmos, damit es reif werden kann, erst die Fähigkeiten zur Entwicklung zu bringen, die ihm angemessen sind, gleichsam herausprojiziert aus dem Kosmos in die innere Menschennatur. Durch dieses gewaltige Drama werden wir sehen, wie der Zorn die Mission hat, Vorbote der Liebe zu sein. Das ist in gewisser Beziehung auch das, was [uns] mit dem hehren Wort Wahrheit verbindet, [das] in Zusammenhang steht mit der Menschennatur in anderer Weise wie der Zorn.

[ 63 ] Wir werden sehen, wie Goethe in seiner «Pandora» hineingearbeitet hat dasjenige, was er selber in tiefster Seele über diese Lebensrätsel empfunden hat. Deshalb aber, weil die Menschheit heute so fern von der Geisteswissenschaft steht, von dem, was in solcher Dichterseele lebt, deshalb waren die Gedichte wie die «Pandora», so wenig verstanden. Das war zu Goethes Zeit schon so. Deshalb fühlte sich Goethe auch einsam auf seiner Lebenshöhe. In dieser Einsamkeit empfand er auch manche Gefahren — wie die Menschen auch heute noch sagen: In der Jugend hat Goethe noch verständlich geschrieben, aber im Alter ist er heruntergekommen und schreibt [Unverständliches] hin. — Demgegenüber ist Goethe einmal in Worte ausgebrochen, die Sie in seinen Werken ausgesprochen finden: «Da loben sie meinen Faust und was noch sonst in meinen Werken steht ... und da glaubt das alte Lumpenpack, man wär’s nicht mehr.» So dachte er über das Unverstandene der geistigen Welt. Gerade wenn man die menschliche Seele betrachtet und sie praktisch verstehen will, dann muss man von der Geisteswissenschaft ausgehen. Man muss das Spiel der Kräfte betrachten können und den Sinn der einzelnen Kräfte, wie sie uns die Geisteswissenschaft darlegt. Dann blicken wir in die tiefen Abgründe der Seele so hinein, dass wir es praktisch anwenden können. Wir verstehen dann erst als andere Früchte dasjenige, was von diesem Gesichtspunkte aus geistig zu uns spricht [durch] Aischylos in seinem Drama [von] Zeus gegenüber Prometheus, den wir erst verstehen werden, wenn wir verstehen, was der Zorn für eine Mission hat in dem astralischen Leib zur Entwicklung des Ich zur [Liebe]fähigkeit. Da lüftet sich der Schleier, den wir gelüftet haben müssen, wenn wir zu unserer Befriedigung und zum rechten praktischen Leben eindringen wollen so, dass wir sagen können: Gewiss, wenn wir geisteswissenschaftlich die Seele betrachten, fühlen wir, wie tief der Grundton ist, fühlen auch, dass wir auf dem Wege sind, in diesen Grund hineinzudringen. Die Geisteswissenschaft wird uns erst beraten, das Richtige nach und nach anzustreben, um die zu erreichenden Ideale und Erkenntnisse des Seelenlebens zu durchdringen; sie wird uns zeigen, von diesen Idealen aus in neuer Weise verständlich zu machen die Worte des uralten Weisen aus dem fünften und sechsten Jahrhundert, an den wir uns erinnern können, wenn wir die Tiefen der Seele erforschen, um die Grenzen der Seele zu finden. Schwer wird es sein, wenn wir auch eine Strecke durchwandern würden, denn unendlich tief ist der Seele Grund.