Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
13 September 1905, Basel
27. Die Überwindung des Materialismus nach neueren Gesichtspunkten
[ 1 ] In einem Vortrage, den Dr. Rudolf Steiner aus Berlin am 13. September hier hielt, sprach er von der sogenannten theosophischen Bewegung, welche die edelsten Ideale des gegenwärtigen Menschen zu verwirklichen sucht durch Begründung eines Bruderbundes, der in seiner Mitte die Erkenntnis der höchsten Lebensgüter und der geistigen Welten pflegt. «Die Überwindung des Materialismus nach neueren Gesichtspunkten» war das Thema. Und der Inhalt der Rede eröffnete einen Einblick in höhere Welten, von denen der Mensch nur so lange nichts hören will, solange er nicht weiß, dass man sich zu diesen Welten in ebenso wissenschaftlicher und vorurteilsloser Art erheben kann, wie das der Astronom zum Beispiel gegenüber den Sternenwelten tut. Von einer Weltansicht wurde hier gesprochen, die alle ehrlich nach Wahrheit Suchenden befriedigen kann, von dem einfachsten, ungeschultesten Menschen bis zu dem gewissenhaftesten Gelehrten. Und nicht etwas Willkürliches ist es, was hier dem Menschen aufgedrängt werden soll, sondern vielmehr etwas, wonach heute Unzählige ringen, wonach sie sich sehnen in dem tiefen Zwiespalt, der sich immer mehr und mehr zeigt zwischen dem Glauben und der Wissenschaft. Echter Friede der Seele, sicherer Trost des Herzens wird dem Menschen durch diese Dinge, welche nur solange als Phantasie und Spekulation erscheinen, als man nicht tief genug in sie eingedrungen ist. Die Wahrheit über das, was unsterblich und göttlich im Wesen des Menschen ist, muss zwar als eine ewige gelten; aber eine jede Zeit braucht eine besondere Verkündigung. Wir sind durch die neuere Wissenschaft, der wir unsere großen Errungenschaften verdanken, vielfach zu Zweiflern und Ungläubigen geworden; die Theosophie zerstreut alle Zweifel, weil sie Wissenschaft und Religion zugleich ist. Sie hat sich deshalb in den dreißig Jahren, seit eine solche Bewegung besteht, über fast alle Kulturländer der Erde ausgebreitet.
[ 2 ] Der Redner knüpfte an einfache, ganz allgemein verständliche Dinge an und zeigte, dass man vor den höchsten Daseinsrätseln nicht zweifelnd stehen zu bleiben braucht, sondern dass es ein Wissen gibt über dasjenige, was über die Sinnenwelt hinausliegt. Wir haben es da mit einer Bewegung zu tun, welche geeignet ist, zur Veredelung und Erhöhung des Menschendaseins wirklich beizutragen, und welche missverstanden und gemieden nur so lange wird, als man sich noch zu wenig mit ihr befasst hat.
[ 3 ] Bericht in der «National-Zeitung», 20. September 1905
[ 4 ] Die Überwindung des Materialismus nach neueren Gesichtspunkten. Über dieses Thema hielt am vergangenen Mittwoch Herr Rudolf Steiner aus Berlin in der Rebleutenzunft einen Vortrag, in welchem er die Aufgaben und Ziele der seit 30 Jahren über fast alle Kulturländer der Erde sich ausbreitenden theosophischen Bewegung charakterisierte.
[ 5 ] Der Redner ging von einer Schilderung der Seelenkämpfe aus, denen der gegenwärtige Mensch unterliegt, wenn er in ehrlichem Suchen nach Wahrheit über die höchsten Güter des Lebens und des Geistes sich dem Zwiespalt zwischen Religion und Wissenschaft gegenübersieht. Die Theosophie vereinigt die Menschen, welche eine wahrhafte Versöhnung dieser Gegensätze herbeiführen wollen. Es gibt cin Wissen von den geistigen Grundlagen der Welt und des Menschen, von den göttlichen Ursachen und dem ewigen Ziele der Seele, und durch Erringung dieses Wissens gelangt der Mensch zum Frieden in seinem Innern, zu einer echten harmonischen Lebensführung. Man kann in vollem Sinne des Wortes auf dem Boden der heutigen Wissenschaft stehen und durch das, was hier Theosophie genannt wird, zu den befriedigenden Vorstellungen über den unsterblichen Teil der Menschennatur gelangen. Die Wahrheit ist ewig, aber eine jede Zeit braucht eine besondere Art, sich dieser Wahrheit zu nähern. Die Theosophie ist dasjenige Wahrheitsstreben, das unserer Zeit entspricht. Nicht als ein neues Dogma verkündet der Theosoph seine Lehren, sondern in der Erkenntnis, dass die Wahrheit in jeder Menschenseele vorhanden ist, dass der göttliche Funke nur hervorgeholt zu werden braucht, um erleuchtend und offenbarend zu wirken. Diejenigen Menschen, die in so vorurteilsloser Art sich vereinigen wollen, finden in der theosophischen Bewegung einen Bruderbund der Menschheit, der, auf allgemeine Menschenliebe gebaut, die Humanität auf Erkenntnis begründet. Welcher Religion oder Weltansicht man auch sonst huldigt, in dieser Bewegung kann man sich zu unbefangenster Wahrheitsforschung zusammenfinden. Der Redner gab einiges aus dem theosophischen Weisheitsschatze über die höheren Welten und die Zuhörer konnten daraus ersehen, dass sie innerhalb der angedeuteten Bestrebungen wirklich das finden, wonach jeder Mensch heute dürstet, wenn sein Blick hinausstrebt über das Alltägliche und Vergängliche.
