Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
13 November 1905, Zürich
17. Haeckel, die Welträtsel und die Theosophie
Bericht in der «Züricher Post», 24. November 1905
[ 1 ] Die Theosophie und die «Welträtsel». Wir werden um Aufnahme folgender Zeilen ersucht:
[ 2 ] Th. S. Vor einem großen Auditorium von zirka 250 «Seelen» sprach am Abend des 13. Novembers im Schwurgerichtssaale Dr. phil. Rud. Steiner aus Berlin über Theosophie und «Die Welträtsel» von E. Haeckel. Die «Theosophie» (Gottesweisheit) genannte Weltanschauung, führte der Redner ungefähr aus, ist vor etwa dreißig Jahren entstanden. Sie ist eine geistige Bewegung, welche Religion, Wissenschaft, Philosophie und Ethik umfasst und vereinigt und die Fragen nach dem Ursprung, dem Wesen, dem Zweck und dem Ziel des Menschen beantwortet. Die Welträtsel sind lösbar; doch nur die Theosophie ist imstande, sie zu lösen, und zwar in einer alle Menschen, gelehrte und ungelehrte, befriedigenden Weise. Die Theosophie ist es, die Frieden schafft zwischen den verschiedenen Weltanschauungen, Wissenschaften und Religionen, die alle einen wahren Kern haben. Dazu aber gehört vor allem, dass die Theosophie den Errungenschaften der Naturwissenschaften nicht widerspricht.
[ 3 ] Der Vortragende wendet sich nun speziell zu Haeckels Werk «Die Welträtsel», dessen weite Verbreitung für das große Interesse der Menschheit an den wichtigsten Fragen spreche. Viele Theosophen sprächen sehr scharf gegen Haeckel. Ich, fährt der Redner fort, will das nicht. Beitragen will ich vielmehr zum Verständnis der Haeckel’schen Weltanschauung. Haeckels Bedeutung liegt in der Fortführung des Darwinismus, in der Erweiterung der Beweise dafür, dass allen Lebewesen eine einheitliche Organisation zugrunde liegt und dass auch der Mensch ein Glied in der einen großen Reihe der Tierwelt ist. Das alles hat aber schon lange vor Darwin zum Beispiel Goethe erkannt. Seine Gedanken bewegten sich jedoch in zu hohen Regionen, um allen Menschen zugänglich und fassbar zu sein. Darwins und seiner Epigonen bedeutsamstes Werk besteht darum hauptsächlich darin, dass sie die Ideen von dem einheitlichen Zusammenhang aller Organismen (einschließlich des Menschen) auf ein der ganzen Menschheit zugängliches Gebiet herabzogen und dort als wahr nachwiesen und so dem Verstande begreiflich machten. Insofern sind Haeckels «Welträtsel» eine erstaunlich große Tat.
[ 4 ] Aber große Menschen haben auch große Fehler. Gegen Darwins Lehre von der Entstehung der Arten lässt sich vom theosophischen Standpunkt aus nichts Stichhaltiges einwenden. Man muss indes unterscheiden
[ 5 ] zwischen dem Darwinismus Darwins und dem Darwinismus Haeckels, Darwin nämlich spricht in seinen Schriften vom «Schöpfer» und vom «Allwissenden und Allmächtigen, der alles voraussieht». Der ursprüngliche Darwinismus fiel aber in eine materialistische Epoche und hat darum von seinen Fortführern und Ausbauern eine durchaus materialistische Deutung und Auslegung erhalten. Und nur gegen diese Deutung und Auslegung wendet sich die Theosophie.
[ 6 ] Der sinnlichen und sichtbaren Welt liegt eine übersinnliche und unsichtbare zugrunde. Wäre der Darwinismus statt in ein materialistisches in ein spiritistisch-idealistisches Zeitalter gefallen, er wäre auch zweifellos spiritistisch-idealistisch gedeutet und ausgelegt worden. Aber in einer Zeit, wo sogar das kleinste Lebewesen, die Zelle, von dem bewaffneten leiblichen Auge gesehen werden kann, ist die materialistische Weltanschauung — und speziell die materialistische Biologie — begreiflich. Die «Denkgewohnheiten», sie seien religiös, idealistisch, materialistisch und so weiter, spielen überhaupt eine große Rolle. Rein materialistisch denken ist aber ein Fehler; denn es gibt Empfindungen (zum Beispiel die Empfindung der roten Farbe, des Rosenduftes, des Orgeltones), die sich materialistisch nicht ausdenken und erklären lassen. Wohl liegen ihnen materielle Regungen zugrunde, aber sie sind nicht die tiefste, letzte Ursache, Der Materialismus kann die Welträtsel nicht lösen; das hat zum Beispiel auch Du Bois-Reymond in seiner berühmten Ignorabimus-Rede anerkannt. Haeckels Fehler besteht also darin, dass er seine materialistischen Denkgewohnheiten in den Darwinismus hineintrug, und dass er auch die seelischen, die geistigen Vorgänge materiell erklären will. Aber die Haeckel’schen Erklärungen des Physischen oder Sinnlichen will die Theosophie nicht kritisieren, sondern anerkennen.
[ 7 ] Steiner wendet sich nun speziell der Theosophie zu, die am Menschen zwei Wesenheiten, eine seelische oder geistige und eine physische oder materielle, erkenne, und behauptet, zum Beispiel beim Schlafenden seien diese beiden Wesenheiten getrennt. Dass die Seele oder der Geist sich im tiefen Schlaf nicht äußere und nicht empfinde, das läge nur daran, dass ihr die Organe dazu fehlten. Darum sei es die Aufgabe jedes Menschen, das zu erkennen und sich zu entschließen, seine Seele durch gewisse Mittel den sinnlichen Organen entsprechende übersinnliche zu verschaffen. Der Augenblick, wo dies geschähe, bezeichne der Theosoph mit «Wiedergeburt». Durch die fortgesetzte Anwendung dieser Mittel (die aber nicht genannt wurden) entwickele sich die Seele oder der Geist zum organisierten übersinnlichen, wahren oder göttlichen Menschen, dem auch die Traumwelt Wesenheit sei und der die Geister mit dem «inneren Auge» genau sehen könne wie der sinnliche Mensch mit seinem äußeren Auge die Leiber, Der Leib sei vergänglich, der Geist oder die Seele sei ewig, eine unausrottbare Einheit. Darum sei auch die Theosophie der Monismus im höchsten Sinne.
[ 8 ] Wird die hier entstandene neue « Theosophische Gesellschaft Zürich» sehr prosperieren und uns alle zu Theosophen machen? Der Verfasser dieser Zeilen glaubt das nicht. Er hält es nämlich für einen Irrtum, das, was wir im Unterschied vom Leib, Geist nennen, für etwas nicht Physisches oder nicht Natürliches zu halten, und findet es kurios, dass er sich Organe verschaffen müsse. Auch die theosophische Identifizierung der Begriffe Seele und Geist dürfte kaum auf fruchtbaren Boden fallen. Der heutige Stand der Wissenschaft gestattet zwar wohl gewisse Unterschiede, aber keine scharfen Grenzen mehr zwischen dem, was wir geistig, seelisch und leiblich nennen. Gewiss, die Theosophie hat insofern ihr Gutes, als sie sich dem groben Materialismus entgegensetzt und der geistigen Seite des Menschen zu ihrem Rechte verhelfen will. Aber die theosophische Degradierung der leiblichen Seite des Menschen, die doch auch — um mit Darwin zu sprechen — dem «allmächtigen und allwissenden Schöpfer» entspringt als sein materielles und spirituelles Produkt, die kann vor dem Richterstuhl wahrer Wissenschaft, wie der Naturwissenschaft, nicht bestehen.
