Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
12 Oktober 1906, Leipzig
20. Paracelsus
[ 1 ] So, wie der Mensch unter seinen Zeitgenossen für trauliches Denken und Empfinden Gleichgesinnte sucht, ebenso befriedigt es ihn, sich mit Größen des Geisteslebens zu beschäftigen, die der Vorzeit angehören. Die theosophische Weltanschauung gibt noch nicht Gelegenheit dazu — aber man fängt doch an, sich damit zu beschäftigen. Noch ist sie eine junge Geistesbewegung.
[ 2 ] Einer, der den theosophischen Anschauungen so nahe wie möglich kommt, ist Paracelsus. Er lebte im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert und war Naturforscher und Arzt. Er vereinigte in sich die Weisheit und die Erkenntnisse seiner Zeit und kann heute noch Leuchte und Lehrer sein. Er ist ungerecht kritisiert und verleumdet worden; er sei ein Ausschweifling gewesen und hätte mehr Freude an Weingenuss und Wirtshaus als in seinem Beruf gefunden. Wer sich aber einlässt, ihn zu studieren, der erkennt in ihm den weisesten und unerschrockensten Vorkämpfer einer hohen Geistesrichtung. Er lebte von 1493 bis 1541 — also in einer Zeit, in welcher die Ideen des Mittelalters der Morgenröte neuer Anschauungen zu weichen begannen. Die heutige Wissenschaft versteht ihn noch nicht; sie hatte bisher materialistische Richtung; auch das brachte Großes. Die Menschheit musste sich beschränken auf das Äußerliche in der Welt. Heute, wo wir eben daran sind, über die Zweifel und das Nichtwissen weit hinaus zu gehen, ist es anders. Er lebte seinem Wahlspruch gemäß: «Niemand soll eines anderen Knecht sein, der für sich selber kann bleiben allein.» Nach diesem Spruche erforschte er alles, was ihm für das Erforschen der geistigen Untergründe der Dinge zugänglich war. Aber alles, was er erforschte, stellte er in den Dienst der Arzneikunde und der Gesundheitspflege der Menschheit. Helfen zu können, war sein Streben.
[ 3 ] Wie war der Zustand der damaligen Heilkunst? Sie stand ganz unter dem Einfluss mittelalterlicher Arzneikunde — Galen —, sie war ausgeartet. Mit trivialen Mitteln suchte man der Krankheit beizukommen, und drollig schildert er, wie der damalige Arzt nur einige Regeln kannte und sie verständnislos anwandte. Da beschloss Paracelsus, all dieser Bücherweisheit Lebewohl zu sagen. Nur einen großen Lehrer wollte er haben und den gründlich studieren: die Natur! Sie sollte sein Lehrer, seine Lehre sein. Durch das Natur-Examen soll der Lehrer gehen. Dabei führte er diese Lebensvorschrift ganz im Sinne seines Wahlspruches aus. Einsam und unabhängig ging er seinen Weg und suchte zu lernen, wo er etwas lernen konnte.
[ 4 ] Der damalige Arzt hatte sich der Natur entfremdet; er aber hatte das instinktmäßige Gefühl: Es gibt geheime Bezichungen, die die Menschen und die ganze Natur zueinander haben. Er sagte sich: «Wenn der Mensch sich in einem verkehrten Verhältnis entwickelt, dann verliert er etwas von dem intimeren Verhältnis zu der Natur.» Wenn die Kuh ihre Nahrung sucht, so trifft sie genau das, was ihr frommt. Sie hat ein vertraulicheres Verhältnis zu dem Naturprodukt - ein Band — das fühlt sie. Je mehr der Mensch in schablonenhaften Begriffen lebt, umso mehr verliert er den Zusammenhang. Bei jeder Pflanze, bei jedem Mineral etwas Bestimmtes zu empfinden, ist eine Gabe. Der Mensch soll nicht nur in Gold, Silber, Quecksilber etwas Glänzendes sehen.
[ 5 ] Paracelsus geht davon aus, das Verhältnis von diesen allen zum Menschen zu finden. So unterscheidet sein intuitiver Instinkt die der Natur innewohnende Kraft - und das ist die heilende Kraft. Diese Kraft ahnen wir in Beziehung der Geschlechter zueinander; es ist etwas, was zwei Wesen zueinanderzieht. Solches Hinziehen muss zwischen den Menschen und allen Naturprodukten bestehen. Diese Sympathie und Antipathie kann nicht durch Bücher gelehrt werden; die kommt nur durch innere Erleuchtung der Seele.
[ 6 ] Ein Arzt wird man dadurch, dass man aus sich einen anderen Menschen macht und jene Kraft in sich ausbildet. Paracelsus gewann das unmittelbar draußen in der Natur; er wollte die Beziehung kennenlernen, die der Mensch hat zu Pflanze, Baum, Strauch, zur Natur - und er lauschte, was da sein Herz, seine Seele sagte. Er machte weite Reisen, nach Süden und Norden, und er sagte von sich: «Niemals habe ich mich gescheut, zu lernen, selbst nicht auf der Straße von Landstreichern.»
[ 7 ] Da bildete er sich eine Unsumme von Erfahrungen aus für seinen ärztlichen Beruf. Deshalb war er auch mit einem gewissen Stolz erfüllt, der auch berechtigt war, weil er sich seinen ängstlichen Vorgängern gegenüber frei und unabhängig fühlte, wenn er die stolzen Worte sagte: «Wer der Wahrheit nach will, der muss mir nach.» So stand er zur umgebenden Natur. Das, was sich dabei in ihm aufgebaut hatte, war eine Kenntnis des Menschen, welche die Theosophie jetzt wieder zu erobern hat.
[ 8 ] In dem, was wir den physischen Leib nennen, ist nur ein Teil, und zwar der niedrigste der menschlichen Wesenheit zu sehen. Die Theosophie nennt das nächsthöhere Glied der menschlichen Wesenheit den Ätherleib. Dieselben Kräfte und Stoffe wie in diesem Menschenleib sind auch in Tier, Pflanze und Mineral. Die Wissenschaft kennt nicht diese feineren Kräfte; denn sie sind nicht nur ein Produkt chemischer Zusammensetzung, und sie weiß auch nicht, dass vor dem physischen Leib der Ätherleib vorhanden ist.
[ 9 ] Vor dem Ätherleib kennt die Theosophie noch einen anderen. Die Materie kristallisiert aus sich heraus den physischen Leib; vergleichsweise wie Eis aus dem Wasser kristallisiert. Der Ätherleib ist die Grundschablone. Ein drittes Glied ist der Astralleib; dieser hat durch seine Verdichtung den Ätherleib gebildet. Der Astralleib ist die äußere Form für Begierden und Triebe. Aus dem Geistigen und Seelischen heraus ist das Physische geschaffen.
[ 10 ] Noch höher ist das «Ich» des Menschen, das mit dem Göttlichen verbunden ist. Das Göttliche ist das Ursprüngliche, und so sieht auch Paracelsus die Welt an. Er spricht auch zunächst vom physischen Leibe. Da ist der Sitz der tierischen Lebenskraft, welche der Theosoph als Ätherleib, Paracelsus hingegen als elementarischen Leib bezeichnet. Die Bezeichnung des dritten Leibes als Astralleib hat Paracelsus schon gebraucht; er nannte ihn zuweilen auch den siderischen Leib. Er sagte: Innerhalb des physischen Leibes ist der elementarische Leib, innerhalb dessen der siderische und innerhalb dessen ist der göttliche Funke. Als äußerer Mensch steht er in Beziehung zu den Elementen: Wasser, Erde, Luft und Feuer. Durch astralische Eigenschaften steht er in Beziehung zu den Welten der Gestirne und durch göttliche Eigenschaften zur unsichtbaren göttlichen Welt. — Er brauchte ein Gleichnis: Stellt euch einen Apfel vor und seinen Kern, und ihr werdet sagen, dass der Kern des Apfels sich aus der Grundsubstanz herausgesondert hat; der elementarische Leib ist im Apfelfleisch, der siderische im Kern aus Substanz der Gestirnswelt, - und das Innerste, Göttliche, stammt aus dem Göttlichen.
[ 11 ] Paracelsus fand dreifache Beziehungen in sich; zunächst die zur Natur; ferner hatte er ein feines Verhältnis zu den Gestirnen; er fühlte sich sympathisch angezogen und antipathisch abgestoßen, und hatte dadurch Beziehungen zum ganzen Kosmos. Endlich fühlte er aber auch göttliche Beziehungen zu allem Göttlichen im weiten Weltenraume. Er sagte: Aus dem Geist ist das Physische herausgebaut, dann hat es sich abgesondert aus dem Geistigen. Suche die Quelle der Krankheit nicht im Elementarischen, sondern im Siderischen. Wo Krankheitserscheinungen sind, sind Beziehungen nicht im rechten Verhältnis. Zur Erkenntnis der Krankheit gehört dreierlei: erstens die Anatomie, zweitens die Astrologie, drittens die Kenntnis der göttlichen Kräfte, die Theologie. Erst in der Gesamtheit dieser drei — also in der ganzen Welterkenntnis — ist die Grundlage zum Verstehen der Krankheit.
[ 12 ] Wenn Paracelsus eine Grundlage brauchte, so suchte er nach dem Geistigen, nach dem Unsichtbaren innerhalb des Sichtbaren. Wenn er die magnetische Kraft im Eisen beobachtete, wie das Eisen anzieht oder abstößt, so dachte er sich den Magneten zusammengesetzt aus Eisen, Anziehung und Abstoßung.
[ 13 ] Nun entdeckte er, dass innerhalb des siderischen Leibes etwas ist wie [ein] Magnet. Deshalb untersuchte er die magnetischen Kräfte und wandte Magnete auf die Menschen an. Wo Kräfte im Menschen zerstört sind, suchte er gesundend auf sie zu wirken. Vom Arzt forderte Paracelsus das Studium der höheren Welten. Deshalb beschäftigten ihn auch der schlafende Mensch und die Traumwelt, und er beobachtete, was sich da verändert. Er brachte ein wunderschönes Bild: Der schlafende Mensch mit seinem physischen und elementarischen Leibe ist vom astralischen Leibe verlassen, und da lebt dieser mit der ganzen Sternenwelt und führt das ausgleichende Sternengespräch; deshalb wirkt er so auffrischend auf den physischen Leib. So empfängt der astralische Leib die Wirkung der Kräfte in der Sternenwelt.
[ 14 ] Wer so tief hineinschaut in das Getriebe der Natur, der kann auch geistige Mittel geben. Vom Sternenhimmel wusste er die Dinge zu holen, die auf seine Kranken wirkten. Heute würde man da von Hypnotismus sprechen. Es ist aber ein Irrtum, dass jede Vorstellung heilend wirke; nur gewisse Vorstellungen können eine Wirkung haben; keine abstrakten Begriffe wirken auf die Seele. Paracelsus gebrauchte das Wort «Imagination» und meinte damit die Verwandlung des Begriffes in ein Bild. Er meinte, man solle ganz und gar bildliche Vorstellungen schaffen und ganz bestimmte Gefühle in dieses Bild hineinlegen. Dann bekommt das Bild Kraft, auf die bestimmte Seele zu wirken. Bedenken Sie, wie Paracelsus großartig als Seelenarzt auf das Physische wirkte! Er brachte da nichts anderes, als was okkulte Schulen anstreben. Dort werden ganz bestimmte Übungen gemacht, wo bestimmte geometrische Figuren, die ein vollständiges System ausmachen, vor die Seele des Menschen hingestellt werden. Dann muss der Geheimschüler mit einer bestimmten Figur ein bestimmtes Gefühl hervorrufen, und dann bildet sich aus, was man Imagination nennt.
[ 15 ] Paracelsus machte sich in echt theosophischer Weise ein Bild, wie der Mensch Beziehung zur Natur hat. Fand er, dass in einem Menschen irgendeine Leidenschaft lebte, so suchte er für diesen ganzen geistigen Menschen das Gegenbild draußen in der Natur; so ward die Natur ein Spiegelbild für die Natur. Die menschlichen Leidenschaften, Zorn, Wut, List — die seelisch innen sind, spiegeln sich in Bildern der Tierwelt; und für alles, was der Ätherleib aufbaut, gibt es ein Gegenbild in der Pflanzenwelt. Paracelsus fand das Heilende in dem, was harmonisch mit dem Kranken ist. In der Natur sah er gleichsam den in Fächern ausgelegten Menschen. Ein herrliches Wort sprach er aus: Die ganze Natur besteht aus einzelnen Buchstaben und zusammen bilden diese das Wort «Mensch». Von den Irren sagte er: Der astralische Leib ist stets gesund, wenn er sich den siderischen Kräften überlässt. Wenn aber die Verbindung getrübt ist, dann gibt es getrübte Strahlen. Die Seele ist bei den Irren immer gesund, sie scheint nur durch getrübte Strahlen.
[ 16 ] Hiermit konnte ich Ihnen nur eine flüchtige Skizze seines eindringlichen Forschens geben. Einer ähnlichen Richtung folgte Goethe. Er hatte das Verhältnis zur Natur erkannt. Im «Faust», wo Faust der erhabenen Natur entgegentritt, lässt er ihn sagen:
Erhabener Geist, du gabst, du gibst mir alles,
[Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freund’s, zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.]
