Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
4 Dezember 1906, Bonn
21. Richard Wagner und die Mystik
[ 1 ] Die theosophische Weltanschauung ist nicht bloß dazu da, theoretische Bedürfnisse zu befriedigen, sondern das, was man theosophische Weltanschauung nennt, ist als etwas Umfassendes, Universelles gedacht. Wenn auch innerhalb der letzten 30 Jahre die theosophische Bewegung noch wenig Anhänger gewonnen hat, so darf man doch sagen, dass das Verständnis dafür im Zunehmen ist, dass mit ihr etwas gegeben sein soll, was Licht verbreitet über alle Zweige des geistigen Lebens.
[ 2 ] Heute soll versucht werden, zu zeigen, wie vom Standpunkt der theosophischen Weltanschauung die Persönlichkeit Richard Wagners in besonderer Weise zu verstehen ist.
[ 3 ] Unter Mystik versteht der heutige Mensch gewöhnlich dasjenige, womit man einen klaren Begriff nicht verbinden kann. Man hat heute ganz und gar vergessen, dass es eine Zeit gegeben hat — die ersten Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung —, wo man Mystik genannt hat Mathesis, weil Mystik das klarste, anschaulichste, hellste der Erkenntnis sein soll und sich nur vergleichen lässt mit dem Klarsten, Anschaulichsten, der Mathematik.
[ 4 ] Mystik soll das für die übersinnliche Welt sein, was Mathematik für die physische Welt ist. Spricht man von der Art, wie man zur Erforschung des Übersinnlichen kommen kann, so nennt man das Mystik; meint man mehr die Erforschung ohne die Methoden, so nennt man das Theosophie. Theosophie soll nicht sein die Erforschung eines Göttlichen oder die Erforschung eines Gottes. Das Göttliche ist dem Theosophen das Allumfassende, was den geringsten und den umfassendsten Erscheinungen der Welt zugrunde liegt. Ist der Mensch noch auf einem unentwickelten Standpunkt, so wird er nur ein wenig von der Welt erkennen; ist er entwickelter, so wird er mehr erkennen. Die Theosophie wird aber niemals sich vermessen, zu sagen, der Mensch könne die Natur Gottes erkennen. Wir können niemals von einer abgeschlossenen Gotteserkenntnis reden; wir müssen uns klar sein, dass wir in Gott leben, weben und sind. Das Erkennen ist im Göttlichen, aber das Göttliche kann niemals vom Erkennen umfasst werden.
[ 5 ] Johann Gottlieb Fichte hat in einer Berliner Vorlesung im Jahre 1811 das charakterisiert, was als Gesinnung, als Anschauung dem philosophischen Streben zugrunde liegt. Er sagte zu seinen Zuhörern: Ich habe Ihnen in diesen Vorträgen etwas ganz Besonderes zu sagen, nichts über das, was die fünf Sinne sagen, was der Verstand kombiniert. Die übersinnlichen Gegenstände gehen über die Sinneswahrnehmung hinaus. Ein neuer Sinn ist dazu notwendig. — Worauf es ankommt, ist, dass man den Glauben hat, dass man Erkenntnisse der übersinnlichen Welt gewinnen kann. Wenn jemand diese geistige Welt nicht kennt, so ist er wie ein Blinder, der nichts sehen kann von Farbe und Licht. Nicht in dem Sinn spricht Theosophie und Mystik vom Übersinnlichen, dass es etwas wäre außerhalb unserer Welt, sondern in dem Sinne, wie der Blinde, der operiert wird, die Farben und Lichtwelt sieht, in dem Sinn, wie der Mensch Kräfte und Fähigkeiten, die in seiner Seele sind und schlummern, erweckt. Es ist möglich, das zu erwecken, was man Geistesaugen und Geistesohren nennt. Unbescheiden ist derjenige nicht, der sagt, man kann etwas wissen, sondern der, welcher behauptet, man kann nichts wissen. Über die Farben hat der Sehende zu entscheiden, nicht der Blinde. Über die übersinnliche Welt hat der zu entscheiden, der geistig sehend ist.
[ 6 ] Solche Menschen, die geistig sehend waren, hat es immer gegeben. Man nennt sie die Initiierten oder Eingeweihten. Sie waren die Missionare für die Welt. Alle Religionen sind begründet auf den Lehren derjenigen, die hineingeschaut haben in die geistigen Welten. Das Hineinschauen in die geistigen Welten nennt man Mystik oder Theosophie. Es gibt Möglichkeiten, herauszuwirken aus den geistigen Welten, ohne dass man selbst erkennend hineinschaut. Diejenigen, die hineingeschaut haben, ohne den Charakter derselben schildern zu können, das waren die großen Künstler. Aus der geistigen Welt haben die großen Künstler geschöpft, wie Dante, Goethe, Richard Wagner.
[ 7 ] Es soll nicht behauptet werden, dass die Ideen, die Richard Wagner aus den geistigen Welten geschöpft hat, selbst von ihm verstanden worden wären. Das ist gar kein Einwand gegen die Wahrheit der Sache. Die Pflanze weiß auch nichts von den Ideen, die der Botaniker daran gewinnt oder die der Lyriker dabei hat. Sie weiß nichts von den Ideen des Botanikers und Lyrikers, aber sie wächst nach dem, was der Botaniker nachher darüber denkt, sie verwirklicht diese Gesetze. So wenig wie die Pflanze braucht der Dichter das zu verstehen, was er in sich trägt, was ihn dann verständlich macht. Ebenso, wie es ein Unding wäre, wenn man glauben würde, dass die Pflanze selbst ihre Gesetze kennt, nach denen sie wächst, ebenso wäre es ein Unding, zu glauben, dass Richard Wagner etwas von dem wusste, was man aus ihm heraus verstehen kann.
[ 8 ] Richard Wagner war nicht bloß Dichter und Musiker; er war der Träger einer neuen Kultur. Er hat einmal gesagt: Eine jede wahrhaft symphonische Instrumentalmusik ist imstande, uns die Gesetze und ihren Zusammenhang erscheinen zu lassen — manchmal kann durch die Geheimnisse, die die Kunst uns enthüllt, der Verstand befangen gemacht und in die Enge getrieben werden. - Die Musikinstrumente sind die Organe der Natur selbst. — Der Künstler zeichnet nicht bloß das Wirkliche, sondern das Wahrhaftige.
[ 9 ] In verschiedenen Zeiten seines Lebens hat Richard Wagner sehr ernst gesucht nach einer Lösung der größten Weltprobleme. Auf sein Haus schrieb er:
Wahnfried sei dies Haus genannt,
Weil hier mein Wähnen Ruhe fand.
[ 10 ] Er war wirklich ein Suchender. Sein ganzes Leben hindurch hat er gesucht. In der Mitte der Vierzigerjahre finden wir in Richard Wagner einen rein christlichen Geist, diejenige christliche Weltanschauung, die durch die Jahrhunderte sich fortgepflanzt hat. Dann ergriff ihn etwas in den Vierzigerjahren — das dauerte bis zu den Fünfzigerjahren — wie eine Art Atheismus oder Materialismus. In der Zeit waren starke, kühne Geister dazu gekommen, zu erkennen, dass droben in der Welt dieselben Gesetze herrschen wie in der unorganischen Natur. Dies war eine Weltanschauung, die die kühnsten Geister damals ausgebildet haben. Auch Richard Wagner war von ihr mehr oder weniger ergriffen. Aber die materielle Wirklichkeit gewann für ihn doch einen ethischen oder moralischen Charakter. Der echte Materialist glaubte, die Sinnenwelt sei das Um und Auf. Für Wagner verband sich selbst mit diesem Glauben eine tiefe Moral, wie eine große Anschauung vom Sinn des Lebens. Er sagte: Selbstlos, liebevoll kann der Mensch nur werden, wenn er sich sagt, es hört auf mit diesem Dasein — wenn er fähig ist, aufzugehen im Weltenall, für die Welt alles, nichts für sich zu begreifen. —So wollte er auch den Materialismus ethisch, moralisch verklären. Aber er kam bald zu einer anderen Anschauung durch Schopenhauer. Dieser gab ihm etwas, was ihm tief befriedigend als Künstler und als Musiker war.
[ 11 ] Schopenhauer sprach es aus, dass alle anderen Künste dem Wesen der Welt viel fremder gegenüberstehen als die Musik. Er weist der Musik eine ganz besondere Stellung an unter den Künsten überhaupt. Schopenhauer hat im Grunde genommen das eine Leitmotiv seiner Weltanschauung zugrunde gelegt:
Das Leben ist eine missliche Sache, und ich suche es erträglich zu machen dadurch, dass ich darüber nachdenke.
[ 12 ] Zugrunde liegt allem ein unbewusster, blinder Wille. Er bildet den Stein und dann aus dem Stein die Pflanze und so immer höhere Formen, weil er immer unbefriedigt ist. Im Menschenleben selbst gibt es große Unterschiede. Der im dumpfen Bewusstsein lebende «Wilde» fühlt viel weniger das Unbefriedigte des Willens als der höher stehende Mensch, der viel klarer den Schmerz des Daseins empfinden kann. Dann sagt Schopenhauer: Es gibt noch ein Zweites, das der Mensch kennt außer dem Willen, das ist die Vorstellung. Es ist dies so, als wenn die Meereswellen sich kräuseln, und sich darin spiegeln die Gebilde des Willens, des dunkeln Dranges. Im Menschen erhebt sich der Wille zu dem Scheingebilde der Fata Morgana. Darin schafft sich der Mensch ein Bild von dem, was außer ihm ist. Die Vorstellung ist Schein. Der Mensch leidet nicht nur unter dem unbefriedigten Willen, sondern darunter, dass er fort und fort weiß, die Vorstellung aus dem Willen zu erwecken. Es gibt aber ein Mittel, wodurch der Mensch zu einer Art Erlösung von dem blinden Drang des Willens kommen kann. Ein Mittel dazu ist die Kunst. Durch die Kunst vermag der Mensch sich hinwegzuversetzen über das, was sich sonst als Unbefriedigung aus dem Willen ergeben würde. Wenn der Mensch im Kunstwerke schafft, schafft er aus der Vorstellung heraus. Während andere Vorstellungen bloß Bilder sind, sieht er die Kunst als etwas anderes an. Der echte Künstler schafft nicht ein Abbild der Natur. Wenn er solche Werke schafft wie zum Beispiel einen Zeus, so hat er da viele Eindrücke kombiniert, alle Vorzüge im Gedächtnis behalten und alle Mängel weggelassen. Aus vielen Menschen hat er sich ein Urbild geformt, das nirgendwo in der Natur verwirklicht ist, aber doch auf viele einzelne Individualitäten verteilt ist.
[ 13 ] Eine Art Essenz tritt uns nach Schopenhauer entgegen in den künstlerischen Werken. Dadurch, dass der Mensch sich gleichsam zu den Tiefen der schaffenden Natur begibt, schafft er etwas, was Wirklichkeit ist. Während andere Künste durch die Vorstellung hindurchgehen müssen, also Bilder geben des Willens, ist für Schopenhauer der Ton ein Ausdruck des Willens selbst. Er vernimmt den Willen der Natur und gibt ihn in Tönen wieder.
[ 14 ] Goethe sieht in der Natur überall Absichten. Das ist nicht eine Phrase, sondern es ist so, dass Goethe sich klar war, dass die Natur in jedem Wesen ihre Absicht nur teilweise erreicht. In jedem Wesen steckt viel mehr, als es zum Ausdruck bringt. Das, was darin nicht zum Vorschein kommt, das erlöst der Künstler aus der Natur heraus; er schafft etwas, was über die Natur hinausgeht. Wenn der Mensch, der Natur nachschaffend, ein höheres Gebilde schafft, so geht er noch über die Natur hinaus. Als höchstes Glied in der Entwicklungskette der Wesen sieht Goethe den Menschen an.
Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt: dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Wesens und Werdens bewundern. (Über Winkelmann)
[ 15 ] Das, was aus der Natur durch den Menschen zum Kunstwerk erhöht wird, ist so, dass dem Menschen im Kunstwerk der göttliche Untergrund der Natur entgegenleuchtet. Der Künstler schafft und das Künstlerische genießt der, der es genießt, in den platonischen Ideen. Die Künstler suchen das gemeinsame Urbild der Dinge. Sie schaffen Höheres als die Vorstellung, aber leben und weben im Elemente der Vorstellung. Die Musik ist für Schopenhauer etwas, was aus dem Wesen der Welt herausklingt. Der Mensch, der im Ton künstlerisch tätig ist, ist gleichsam so, als ob er mit seinem Ohr am Herzen der Natur läge; er vernimmt den Willen der Natur und gibt ihn in Tönen wieder. So, sagt Schopenhauer, stehe der Mensch in einem vertrauten Verhältnis zu den Dingen an sich, so dringe er ein in das innerste Wesen der Dinge. Er hatte aus einer Art instinktiver Erkenntnis heraus der Musik die Rolle zugewiesen, das Wesen des Kosmos unmittelbar darzustellen. Er hatte eine Art instinktiver Ahnung von dem wirklichen Sachverhalt.
[ 16 ] Die Anschauung Schopenhauers war herzerhebend für Richard Wagner. Von da aus suchte er seine Stelle als Musiker und als Dichter in der Welt zu fixieren. Die Musik wurde ihm ein unmittelbarer Ausdruck für das Wesen der Welt.
[ 17 ] Richard Wagner sah ins alte Griechentum zurück und sagte: Im alten griechischen Kulturelement gab es auch eine Kunst. Diese Kunst war nicht nur Musik, nicht nur Dichtung. In dieser Urkunst in Griechenland war ein Zusammenwirken von Tanz, Poesie und Musik. —- Die Bewegungen beim Tanz, jene Gesten beim alten Tanz, werden für Wagner der Ausdruck dessen, was in der Seele des Menschen vor sich gehen kann. Er stellte sich vor, die intimen Beziehungen zwischen dem Liebenden und der Geliebten, die edelsten Beziehungen, in der Geste, der Bewegung ausgedrückt. Tanz war für Wagner ursprünglich ein sinnliches Abbild der tiefsten Liebeserlebnisse der Seele. Das, was der Dichter sprach, war nur ein anderer Ausdruck für das, was in der Seele vor sich geht. Das Wort ist das andere Ausdrucksmittel, das zum Tanz hinzukommen muss. Das dritte Ausdrucksmittel ist die Musik. Richard Wagner sah auf eine ursprüngliche Kunst hin, die weder Musik noch Poesie noch Tanz für sich war. Er sagte sich, ursprünglich war die ganze Menschheit selbstloser; sie war viel mehr durchdrungen von dem Aufgehen ineinander. Wie der Finger, wenn er Bewusstsein hätte, sich fühlen müsste als Glied eines Organismus, so war der griechische Bürger ein Glied des ganzen Staates. Im Laufe der Jahrhunderte ist erst der Egoismus heraufgezogen, jener notwendige Egoismus, der die Selbstständigkeit heraufgebracht hat. Seine Idee war, dass notwendigerweise die Zukunft eine Umkehr herbeiführen müsse vom Egoismus zur Liebe.
[ 18 ] Alle Menschen und alle menschlichen Hervorbringungen haben auch den Weg durch den Egoismus hindurch gemacht. Die Künste gehörten früher zusammen und trennten sich erst dann. Sie müssen sich erst wieder zusammenfügen zu einer Gesamtheit.
[ 19 ] Wagner stellte sich als Dichter ein Vorbild vor in Shakespeare, als Musiker Beethoven. Diese waren Künstler, von denen er sich sagte: Will man als Künstler etwas erreichen, so muss man von ihnen lernen ein musikalisch-dichterisches Schaffen. Er sah in den früheren Kompositionen, dass das Libretto zwischen das Gefühl und die Musik trat; das wollte er ändern. Ihm war klar, dass die Musik im Zusammenhang steht mit dem Menschen. Er baute als Künstler auf der einen Seite auf Shakespeare auf, auf der anderen Seite auf Beethoven.
[ 20 ] Um das zu verstehen, müssen wir wissen, was das mystische Element in den Menschen ist. Der ist ein Mystiker, der in aller Welt, in aller Bewegung das Geistige zu sehen vermag. Es gibt die Möglichkeit, dass der Mensch den ganzen Kosmos so ansieht, wie man zum Beispiel einen einzelnen Menschen ansieht. Alles am Menschen wird zum Ausdruck eines seelischen Innern. Durch den Schleier der Physiognomie sieht man in jeden Menschen hinein. Wenn der Mystiker die Pflanzenwelt, die Mineralwelt ansieht, dann lernt er in jeder Pflanze, in jedem Stein den Ausdruck des gemeinschaftlichen Geistes der Natur, eines Geistes in allen Wesenheiten kennen. Die einen Pflanzen werden ihm wie der lachende Ausdruck des sich freuenden Erdgeistes, die andern wie die Tränen, die die Trauer des Erdgeistes zum Ausdruck bringen. Er sieht in dem, was die Erde hervorbringt, wirklich etwas Moralisches, den Ausdruck eines Geistigen. Jeder, der in der richtigen Weise sich in die ganze Welt hineinzuleben vermag, der empfindet, dass das, was in der Welt zum Ausdruck kommt, so einheitlich vor dem Menschen steht, wie das Mathematische vor ihm steht. Der Erdgeist des Faust war für Goethe auch eine Wirklichkeit. Wenn wir bei ihm lesen die Worte:
Erhab’ner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Worum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
[ 21 ] Wenn wir diese Worte Goethes lesen, da sehen wir, wie ihm klar wird, wie der Mensch in der Natur das Göttlich-Geistige erkennt und das in seinem eigenen Herzen aufgehen fühlt.
[ 22 ] In der wahren Mystik wird man zu einer wirklichen Erkenntnis geführt. Wenn der Mensch sich übt in Meditation und Konzentration, dann kommt die Zeit, wo er einen Einblick gewinnt in die Licht- und Farbenwelt des Astralen. Diese Welt nimmt sich so aus, wie wenn die Farben frei im Raume schweben würden und der Ausdruck würden für geistige Wesenheiten. Dort ist alles durchlässig, aber Licht haben wir und Farben haben wir, die der Ausdruck sind für geistige Wesen. Die dritte Welt ist die eigentliche geistige Heimat des Menschen. Diese ist eine Welt des geistigen Tönens, in die man sich einlebt so, dass alles um uns herum als eine Welt flutender Töne erscheint.
[ 23 ] Wir können beim heutigen Menschen unterscheiden drei Seelenzustände: erstens, das Alltagsbewusstsein, das Wachbewusstsein; zweitens, das bewusstlose Leben im Schlafe; drittens, dazwischen das Traumbewusstsein.
[ 24 ] Für den Mystiker, den Erweckten, ist die Seele in der Nacht nicht bloß da, sondern sie ist sich dann auch bewusst. Sie kann dann in der Nacht eine Welt flutender Töne wahrnehmen. Wenn er diese Stufe erreicht hat, dann muss er den Übergang vom Schlafbewusstsein zum Wachbewusstsein so nehmen, dass er auch im wachen Zustande die geistige Welt wahrnehmen kann. Wenn der praktische Mystiker durch Straßen und Gassen geht, sieht er überall nicht bloß das Physische, sondern auch das Geistige. Die Devachanwelt ist es, in der der Mensch lebt und webt während des ganzen Schlafzustandes. Die Seele lebt da in ihrer eigentlichen Heimat, in einer Tonwelt, in der Welt der Sphärenharmonie, der Welt, die ihn selbst durchklingt und durchsingt. Es wird für den mystisch Erweckten aus der Seele aller Wesen ein Klang hörbar. Die Theosophie sieht in dem, was die pythagoräische Weltanschauung Sphärenharmonie nennt, nichts Erträumtes, sondern Wirklichkeit. Wenn man in der physischen Welt der Töne die Musik hört, hört man nur im Schattenbild die geistige Welt. Der ästhetisch Genießende fühlt, dass die Musik verwandt ist mit der Heimat der Seele.
[ 25 ] Richard Wagner sagte: Wenn wir die Seele des Menschen zum Ausdruck bringen wollen, da können wir ein Dreifaches ergreifen, wie man sein Inneres zum Ausdruck bringt, in Bewegungen, in Worten und in Musik. Die Musik ist verknüpft mit dem innersten Kern der Seele. Bisher hat die Musik nur das Innere des Menschen zum Ausdruck gebracht, das, was in seinem Innern verborgen ist. Das aber ist das Größte, dass dies sich in Handlung verwandelt.
[ 26 ] Die Sinfonie schildert uns, was ein Mensch im Innern erleben kann. Da aber, wo das, was die Seele erlebt, übergeht in Handlung, wo das Gefühl übergeht in Handlungen, da war bisher die Musik nicht entsprechend als Ausdruck der Seele. Nur einmal ist eine Sinfonie — Beethovens Neunte —- dazu gekommen, zum Ausdruck zu bringen, was im Innern lebt. Da gibt der Komponist der Gewalt nach, die das Innere in Worten zum Ausdruck bringt. Da drängt das Innere dazu, wenigstens zum Worte zu werden als Ausdruck des heraussprudelnden Innern.
[ 27 ] Shakespeare stellt dar, was der Mensch tun kann, wenn die Seele selbst schon mit ihrem Innern fertig ist. Die Wortdramatik hat die äußere Handlung dargestellt, aber das verschwiegen, was in der Seele lebt. Die Musik ist der Darsteller dessen gewesen, was vom Menschen im Innern der Seele bleibt. Richard Wagner sagte: Die Musik darf nicht bloß die Dichtung komponieren, sondern sie muss dem Menschen selbst unmittelbar gegenüberstehen. — Was in die Handlung überfließt, dichtet er in Worten, was als Grund zur Handlung in der Seele lebt, das spricht die Musik aus.
[ 28 ] Der Mystiker weiß von dem Menschen, dass er nicht bloß als einzelne Persönlichkeit hier auf der Erde lebt, dass auch der einzelne Mensch ohne die andern Menschen nicht da sein kann. Das Band, das sie verbindet, ist geistiger Art. Wer in die geistigen Welten schaut, kann sehen, wie die einzelnen Völker Glieder eines ganzen Naturorganismus sind. Wie der Finger, abgeschnitten von der Hand, verdorrt, so ist auch der einzelne Mensch, losgelöst von dem Erdenorganismus, etwas, was verdorrt wie der Finger, wenn man ihn vom Organismus trennt.
[ 29 ] Die Idee, dass ein Mensch den andern erlösen kann, hat keinen Sinn, wenn man nicht das mystische Ideal in Betracht zieht; zum Beispiel erkennen wir ein Wissen von diesem Zusammenhang bei Hartmann von der Aue in seinem «Armen Heinrich». So, wie man die Leere in einem Glase wettmachen könnte, indem wir ihm etwas zufließen lassen aus einem anderen Gefäße, so wie man Wärme überströmen lassen kann, so gibt es in der Menschheit etwas, was sich übertragen lässt von einem Menschen auf einen andern. Allen Erlösungsideen liegt tiefe Mystik zugrunde. Richard Wagner fühlte das Geistige im Menschen, das Hinaufsteigen über den Menschen hinaus zum Übermenschen. An der übermenschlichen Gestalt zeigt er, wie ein Zusammenhang innerhalb des ganzen Menschenorganismus besteht. So bringt er Erlösungsprobleme zum Beispiel im «Fliegenden Holländer», wo der Holländer erlöst wird durch eine sich aufopfernde weibliche Wesenheit. - Tannhäuser wird erlöst durch Elisabeth.
[ 30 ] So knüpft er Menschenschicksal an Menschenschicksal. Am großartigsten zeigt er das im «Nibelungenring» und im «Parsifal». Im Nibelungenring kann man sehen, wie er das ganze Weltenwirken darstellt, wie er hinweist auf eine uralte Menschenvergangenheit, eine Menschheit, die immer da war. Früher war auf dem Grunde aller Menschheitsentwicklung ein uraltes Hellsehen. Die Mythen und Sagen sind aus alter Hellsichtigkeit hervorgegangen. Es gab jenes hellseherische Bewusstsein, das der Mensch auf höherer Stufe wieder erringen wird. Von dem hellsichtigen somnambulen Bewusstsein lässt er die Menschheit zum gewöhnlichen Bewusstsein und dann wieder zu einem Bewusstsein übergehen, wo der Mensch zu dem gewöhnlichen Bewusstsein noch das hellseherische Bewusstsein hinzuerhält. Das ganze Übergehen von einer ursprünglich weniger in sich geschlossenen Persönlichkeit, die noch hellsehend war, zu einem sinnlichen Schauen, das bedeutet die Eroberung des Goldes: Erobern sinnlicher Anschauung und menschlicher Macht. Die Liebe geht über in Egoismus; später geht sie wieder über in Liebe. Ein solcher, der das Ich herauskehren will, der muss der Liebe abschwören, und dafür handelt er das Gold ein. Wie das Ich sich herausentwickelt, das selbstsüchtige Ich, das hat Richard Wagner dargestellt im Nibelungenring; wie es sich heraushebt aus dem ursprünglichen Hellsichtigkeitszustand zu dem liebelos werdenden Menschen. Wie da Alberich sich heraushebt, da fühlt man den Aufgang des Ich. Richard Wagner wollte darstellen das liebeleere Ich im Orgelpunkt in Es-Dur im Rheingold, und in dem nachfolgenden Zweiklang hören wir das sich wunderbar ausleben.
[ 31 ] Wir sehen, wie die Götter hervorgehen aus einem ursprünglichen Bewusstsein, wie es da heraufkommt wie eine warnende Stimme. Die steht vor Wotan da in Erda. Sie steht da für die Menschheit. Wotan ruft sie; er sagt:
Bekannt ist dir,
Was die Tiefe birgt,
Was Berg und Tal,
Luft und Wasser durchwebt. Wo Wesen sind
Wehet dein Atem:
Wo Hirne sinnen
Haftet dein Sinn:
Alles, sagt man,
Sei dir bekannt.
[ 32 ] Darauf sagt Erda:
Mein Schlafen ist Träumen,
Mein Träumen Sinnen,
Mein Sinnen Walten des Wissens!
[ 33 ] Brünhilde bringt durch ein Opfer die Erlösung. Am großartigsten ist die Idee des Opfers, die Idee der Erlösung durchgeführt im Parsifal. Es war am Karfreitag 1857 in der Villa Wesendonck, am Züricher See, da sah Wagner hinaus in die sprießende, aufkeimende, blühende Natur. Und in diesem Augenblick ist ihm klar geworden der Zusammenhang zwischen der aufsprießenden Natur und dem Tode Christi am Kreuze. Dieser Zusammenhang ist das Geheimnis vom Heiligen Gral. Von diesem Moment an ging durch Richard Wagners Seele fortwährend der Gedanke, er müsse das Geheimnis des heiligen Grals in die Welt hinausschicken in musikalischer Bearbeitung.
[ 34 ] Um diese Gedanken Richard Wagners zu verstehen, müssen wir einige Hundert Jahre zurückgehen in der Entwicklung der Menschheit. Damals gab es auch in Europa Einweihungsstätten. Durch die Weisheit, welche dem Menschen in den Mysterien mitgeteilt wurde, wurde er in einen bewussten Umgang mit den Göttern gebracht. Einen solchen Menschen bezeichnet man als einen Eingeweihten. Nur die Formen solcher Lehren ändern sich zu verschiedenen Zeiten. In den Mysterien Europas im Mittelalter ist zur höchsten Entfaltung gebracht das Geheimnis, welches Richard Wagner empfunden hat, nämlich, wie zusammenhängt die im Frühling aufsprießende Natur mit dem Geheimnis des Kreuzes. In besonderer Weise wurde dies gelehrt in den Einweihungsschulen im Mittelalter, die man die rosenkreuzerischen nennt. Wir können dies am besten in Form eines Gespräches darstellen. Denken wir uns den Lehrer, der zum Schüler etwa Folgendes sagt: Schau dir die Pflanze an, wie sie mit der Wurzel in der Erde steckt und Blätter und Blüten der Sonne entgegenhält. In göttlicher Unschuld und Keuschheit hält sie der Sonne entgegen ihre Fruchtorgane. Und nun schau den Menschen an. Der Mensch ist die umgekehrte Pflanze. Sein Haupt wendet er der Sonne zu, das entspricht der Wurzel der Pflanze, und die Organe, welche die Pflanze keusch der Sonne entgegenhält, wendet er zur Erde. - Durch die Seele des Schülers musste ziehen das Gefühl der göttlichen Keuschheit, wie sie in der Pflanze zum Ausdruck kommt. Eine Zukunft der Menschheit wurde ihm gezeigt, wo auch der Mensch wieder begierdelos und keusch sein wird. Es wird dann von oben herunter ein geistiger Kelch sich öffnen und herab zum Menschen schauen. Und wie jetzt der Sonnenstrahl zur Pflanze sich herabsenkt, so wird dann des Menschen geläuterte Kraft sich mit dem göttlichen Kelch vereinigen. — Dieser umgekehrte Blütenkelch, wie er in den Mysterien dem Schüler als Tatsache dargestellt wurde, das ist das reale Ideal vom Heiligen Gral. Der Sonnenstrahl ist die heilige Liebeslanze.
