Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b
25 Februar 1908, Hanover
22. Richard Wagner und die Geisteswelt
[ 1 ] Die theosophische Weltanschauung erstrebt die Vertiefung unseres geistigen Lebens, nicht aus Willkür, sondern weil sie dienen will, die tief empfundene Sehnsucht unserer Zeit zu befriedigen. Dass die theosophische Weltanschauung nichts Willkürliches ist, kann man sehen beim Vergleich mit anderen geistigen Strömungen.
[ 2 ] Heute wollen wir betrachten eine Kulturströmung in der Kunst im Verhältnis zur Theosophie. Von Richard Wagner wollen wir sprechen. Richard Wagner hat immer betont, dass er dienen wolle einem Ideal, das die Menschen durchdringen könne wie irgendein religiöses Ideal.
[ 3 ] Goethe hat sich gesehnt nach einem Ausleger der Kunst. Richard Wagner hat sich sein Leben lang bemüht, solch ein Ausleger zu sein. Man könnte sagen: Was wird nicht alles über Richard Wagner gesagt, was alles in ihn hineingedacht! Richard Wagner selbst hätte das nicht gedacht. — Es ist auch nicht nötig, dass er das alles so klar bewusst gedacht hat. Wie die Pflanze nicht selbst aussagen kann, was etwa ein Lyriker über sie sagen könnte, ebenso wenig braucht Richard Wagner das alles ausgesprochen und gedacht zu haben, was über ihn gesagt wird. Der Botaniker kann nicht sich über die Pflanzenkräfte stellen. Er kennt nur ihre Gesetze. Die Pflanze hingegen kann wachsen nach diesen Gesetzen, ohne sie zu kennen. So auch der Künstler: Er führt aus die Gesetze der Kunst. Richard Wagner selbst hat die Meinung gehabt, dass in der Philosophie die Wahrheit zutage käme und in der Kunst die Weltgeheimnisse sich offenbarten. Er sagt über die Neunte Sinfonie Beethovens, in einer solchen Schöpfung sei die Offenbarung einer anderen Welt gegeben, viel mehr als durch logisierendes Denken.
[ 4 ] Das Empfinden, dass die geistige Welt als die Grundlage der sinnlichen Welt hinter dieser sinnlichen Welt steht, dieses Empfinden hat Richard Wagner immer gehabt. Er sieht in der devachanischen Welt, wie wir sie nennen, Wesenheiten, die verbunden sind mit den physischen Körpern. Ein Extrakt dieser geistigen Welt ist das Physische. Man muss haben, was Goethe die geistigen Augen und Ohren nennt, um diese geistige Welt sehen und wahrnehmen zu können.
[ 5 ] Der Pythagoreer sprach von der Sphärenharmonie, die kein willkürlich gewähltes, oberflächliches Bild ist. Goethe spricht von dieser geistigen Welt der Sphärenmusik ganz deutlich. Für ihn ist, was um uns ist, der materielle Ausdruck dieser geistigen Welt. Er sagt im Faust:
[ 6 ] Welch Getöse bringt das Licht. Es drommetet, es posaunet, Auge blinzt und Ohr erstaunet, Unerhörtes hört sich nicht.
[ 7 ] Und an anderer Stelle:
[ 8 ] Die Sonne tönt nach alter Weise In Brudersphären Wettgesang, Und ihre vorgeschriebne Reise Vollendet sie mit Donnergang. Ein großer Künstler gebraucht Vergleiche wie diese nicht nur als Bilder.
[ 9 ] Richard Wagner hat gesagt, die einzelnen Musikinstrumente seien wie einzelne Organe, durch welche die Welt sich in Urgefühlen ausdrücke. Er hatte keine theosophische Anschauung. Da er jedoch von theosophischer Gesinnung durchdrungen war, hat er immer gewusst, dass tiefe Beziehungen bestehen zwischen den Menschen und dem, was hinter ihnen steht. Davon ist vieles in alten Sagen enthalten, so zum Beispiel in der Sage vom «Armen Heinrich». Eine Jungfrau muss sich opfern, damit der kranke arme Heinrich gesund werden kann. Das Opfer wirkt als Kraft von dem einen zum andern hinüber. Von der magischen Kraft, die von der Erlöserin zum Erlösten hinübergeht, davon kann die äußere Wissenschaft nichts finden.
[ 10 ] Im «Fliegenden Holländer» haben wir vor uns einen Menschen, der sündhaft geworden ist. Das Opfer der Senta, die Kraft, die geht von Mensch zu Mensch, muss da wirken.
[ 11 ] Das ganze Musikdrama ist durchstimmt von dieser Idee. Richard Wagner empfand: In dem gewöhnlichen Drama spielt sich ab die äußere Handlung, nur der rein äußerliche Ausdruck von inneren Erlebnissen. In der Sinfonie erleben wir dagegen die Empfindung nur innerlich, das heißt das, was im Drama fehlt. Beethoven hat einen Ausgleich gesucht in der Neunten Sinfonie, in der die Empfindung hinausklang in das Wort. Aus dem gleichen Bestreben ist auch Wagners Musikdrama entstanden.
[ 12 ] Den idealen Menschen sah Richard Wagner hinter dem gewöhnlichen Alltagsmenschen. Diesen Idealmenschen sah er in Mythen und Sagen, die in der Imagination das enthalten, was der Mensch in Anlagen und Keimen enthält. Die Nibelungensage ist ein besonders bildhafter Ausdruck dafür. Zur Zeit der alten Atlantis haben die Menschen unter ganz anderen Verhältnissen gelebt als wir heute. Die Atlantis war jahraus, jahrein bedeckt mit dichten Nebelmassen. Regen und Sonnenschein war nicht so verteilt wie heute, sodass der Regenbogen erst nach der großen Flut, der Sintflut, erscheinen konnte, denn da erst waren die Bedingungen zu seinem Erscheinen vorhanden. Noah sah den ersten Regenbogen. In Mythen und Sagen ist die Erinnerung bewahrt geblieben an die alten Verhältnisse, zum Beispiel in dem Namen Niflheim — Nebelheim. Durch die Mythen erhalten wir eine wahrere Kunde als durch die materialistische Wissenschaft. Die damalige Geistesverfassung war so, dass das individuelle Ich noch nicht vorhanden war. Beim Zug vom Westen nach dem Osten entwickelte der Mensch seine Ich-Natur. Ein gemeinschaftliches Bewusstsein hatten damals die Atlantier. Auch die germanischen Stämme, zum Beispiel die Cherusker, hatten noch dieses gemeinsame Bewusstsein. Sagen und Mythen stellten dies in Bildern dar.
[ 13 ] Beim Übergang vom gemeinschaftlichen Ich zum individuellen Ich, zum Einzel-Ich, zieht sich das Ich immer mehr um den einzelnen Menschen zusammen. Als ein Ring wurde dieses sich immer mehr zusammenziehende individuelle Ich dargestellt. Wahrheit und Weisheit ist mit dem Bilde der Dichtung zusammengewoben. Das menschliche egoistische Ich kommt zum Ausdruck in dem Ring. Zu Flüssen, an denen die Menschen jetzt wohnen, flossen die Nebelmassen zusammen. So sieht die Mythe im Rhein dasjenige, was aus dem Harmonie umfassenden, gemeinschaftlichen Ich-Bewusstsein geworden ist. In die Wellen des Rheins haben letzte Nachzügler der mit dem Allbewusstsein Begabten gleichsam sich hineingezogen. Gold ist das Symbol für Kraft.
[ 14 ] Mit der Liebe fließt in die Ich-Seele auch die Möglichkeit der egoistischen Liebe ein. Was durch das Gold, das Symbol der Kraft, repräsentiert wird, wird erstrebt von dem egoistischen Ich. Alberich tötet die Liebe, um das an sich zu ziehen, was früher jedem Einzelnen aus dem Allbewusstsein zukam. In dem langen Aushalten des EsDur-Orgelpunktes im Vorspiel zum «Rheingold» sehen wir nachgefühlt das Einziehen des Ich in den Menschen.
[ 15 ] Durch äußeres Gesetz muss geregelt werden das Verhältnis von Mensch zu Mensch. Das finden wir bei Wotan. Durch die Liebe zu seiner Gemahlin verliert er sein eines, wenn auch nur noch schwach hellsehendes Auge. Für das, was die Riesen für ihn getan haben, will er die Repräsentantin der Liebe, des Jungerhaltenden, hingeben, Liebe für egoistische Macht. Wotan hat noch Beziehungen zum Allbewusstsein. Dieses taucht auf in der Erda, dieses uralte Bewusstsein, das ein dämmerhaftes, aber hellseherisches Bewusstsein ist. Hellseherisch erlebt sie die Tiefen der Naturwelt in dem, was in Quellen, in Wassern lebt und webt:
[ 16 ] Ihr Schlafen ist Träumen, Ihr Träumen ist Sinnen, Ihr Sinnen waltendes Wissen.
[ 17 ] Besser kann man dieses alte Bewusstsein nicht ausdrücken, und das alles drückt sich auch aus im Drama und in der Musik. Als das Ich in den Ring eingeschlossen war, war es in der Haut abgeschlossen. Menschen, die das hellseherische Bewusstsein und das Bewusstsein von heute haben, nennt man Eingeweihte. Dies wurde immer im Bilde des Weiblichen dargestellt. Goethes Wort:
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan
[ 18 ] bezieht sich auf das höhere Menschenbewusstsein, zu dem sich die Menschheit hinsehnt. Jedes Volk hat die Führer, die seinem Charakter entsprechen. Hier, bei den Germanen, ist die Tapferkeit das entsprechende Charakteristische. Die Seele des Kriegers hebt sich hinauf über das gewöhnliche Bewusstsein. Das wird symbolisiert in einer weiblichen Persönlichkeit, der Walküre. Wer nicht den Tod auf dem Schlachtfeld stirbt, der stirbt den Strohtod. Wer aber in der Schlacht fällt, der wird von den Walküren hinaufgeführt. Das Weibliche führt hinein ins geistige Land.
[ 19 ] Der Eingeweihte erlebt schon im Leben, was der gewöhnliche Mensch erst nach dem Tode erlebt. Siegfried ist ein Eingeweihter. Er verbindet sich schon hier mit der Walküre. Das Allbewusstsein geht über ins Ichbewusstsein. Aus der Nah-Ehe entsteht allmählich die Fern-Ehe. Die Mischung des verwandten Blutes gab die seherische Kraft. Diese Kraft vergeht mit der Fern-Ehe. Fernblut zu Fernblut gebracht, ertötet Hellsehen und waltendes Wissen.
[ 20 ] Diesen Übergang zur Fern-Ehe finden wir in der Sagenwelt, wo ein Angehöriger der Blutsverwandtschaft hinausgeht und außerhalb dieser heiratet. Dieses wird so charakterisiert in der Sage, dass es immer mit Leiden und Not verbunden ist. Siegmund und Sieglinde sind charakteristische Repräsentanten für die Nah-Ehe. Nichts davon wissen darf der Spross aus dieser Ehe, Siegfried. Herauswachsen muss er, ganz auf sich selbst gestellt sein. Fricka, die Vertreterin der neuen Ordnung, lehnt sich auf gegen die Vereinigung von Sieglinde und Siegmund.
[ 21 ] In sein 1856 begonnenes, unvollendet gebliebenes Drama «Der Sieger» hat Richard Wagner theosophische Lehren einfließen lassen. Amander, ein indischer Königssohn, wird von einem Dschandalah-Mädchen geliebt. Er hält sie seiner nicht für würdig und geht ins Kloster. Das Mädchen bleibt zurück und erkennt später, dass sie in einer vorigen Inkarnation eine Königstochter gewesen ist und der jetzige Königssohn ein Dschandalah, den sie nicht heiraten wollte. Ein Ausgleich hatte nun stattgefunden. Auch sie geht darauf in ein buddhistisches Kloster. Ein rein theosophisches Drama wäre dieses geworden mit der Reinkarnation darin, aber Richard Wagner fühlte sich dem noch nicht gewachsen.
[ 22 ] Im nächsten Jahre war er in die Villa Wesendonck eingeladen. Von seinem Fenster aus sah er den Frühling draußen, das erste Sprießen, das Auferstehen der Natur. Er erkannte die Zusammenhänge dieses kosmischen Geschehens mit dem Geheimnis der Auferstehung. Der «Parsifal» entstand daraus. Das Symbolum, das im Mittelpunkt des Parsifalproblems steht, ist der Heilige Gral. Es gab wirklich eine Schülerschaft des Heiligen Grals. Es gibt sie noch heute: die Erkenntnis des reinen Ideals.
[ 23 ] Was der Gralsschüler und der Rosenkreuzerschüler durchmacht, soll in einem Dialog wiedergegeben werden, der wörtlich nicht genau so stattgefunden hat, aber dem Sinne nach. Dem Schüler wurde klargemacht: Sieh dir die Pflanze an. Die Wurzel geht nach unten, in den Boden, der Saft — das «Blut» — nach oben, wo sich die Frucht anlagert. Den Kelch streckt sie dem Sonnenstrahl entgegen, der heiligen Liebeslanze. Vergleiche damit den Menschen. Unbewusst ist die Pflanze, schlafumfangen, noch nicht von Begierden durchzogen. Sie entwickelt sich zum Menschen hinauf. Dann wird der Pflanzensaft zum Blut, durchströmt von Begierden, das Pflanzenblatt wird zum Fleisch. Durch Einverleiben der Begierden erlangt der Mensch das Tagesbewusstsein gegenüber dem Schlafbewusstsein der Pflanze.
[ 24 ] Man sprach auch von der Zukunftsentwicklung: Alles ist in Entwicklung. Der Mensch wird sich zu immer vollkommeneren Stufen hinaufentwickeln. Richard Wagner deutet auch darauf hin. Ein Organ, das noch in der Entwicklung begriffen ist, das noch auf der untersten Stufe steht —- jeder Materialist wird furchtbar finden, was ich jetzt sage, das macht aber nichts, wahr ist es doch —, das Herz, es ist ja eine wahre Krux für die materialistische Wissenschaft; es ist ein unwillkürlicher Muskel mit quergestreiften Fasern wie die willkürlichen Muskeln. Das deutet auf eine spätere Entwicklungsstufe schon hin. Auch der menschliche Kehlkopf wird noch eine höhere Entwicklung haben. Produktiv wird er sein, des Menschen Ebenbild wird er schaffen: Er wird das zukünftige Fortpflanzungsorgan. Der Mensch wird später, wie jetzt die Pflanze, seinen Kelch keusch der Sonne, der heiligen Liebeslanze entgegenwenden. Das wurde dem Gralsschüler gesagt. Nicht durch Spekulation, sondern nur durch Geisterkenntnis kann man zu diesem Wissen gelangen. Nachempfinden, nacherleben sollte es der Gralsschüler.
[ 25 ] Im «Parsifal» wird derjenige dargestellt, der nach dem Gralsideal strebt, der christliche Eingeweihte. Der reine Tor, er weiß nichts durch eigenes Spekulieren, sondern er hat nachempfunden, er weiß durch Mitleid.
[ 26 ] In der Kundry stellt Wagner dar das niedere Sinnliche, das von Inkarnation zu Inkarnation geht. Kundry ist Eva, ist Herodias. Sie hat den Erlöser verspottet. Aber sie darf nicht verloren gehen, sie muss auch erlöst werden. Das geschieht durch den Kuss des Parsifal. Klingsor stellt dar die schwarze Magie, die rohe Kraft.
[ 27 ] In Siegfried ist verbunden die alte Einweihung mit der christlichen Einweihung. Siegfried ist verwundbar nur an einer Stelle: da, wo später der Erlöser das Kreuz getragen hat. Das Alte kann nur dann sich zur unegoistischen freien Liebe hinentwickeln, wenn die christliche Liebe erfasst wird. Das drückt sich aus im Übergang Richard Wagners von den «Nibelungen» zu «Parsifal», als er überging von der Nibelungensage zur Parzivalsage. Richard Wagner selbst fühlte sich als ein Verkünder.
Wahnfried sei dies Haus genannt,
Allwo mein Wähnen Frieden fand.
[ 28 ] Das steht an seinem Hause angeschrieben. Durch das Wähnen muss der Mensch hindurchgehen, wenn er zur geistigen Welt hinauf will.
[ 29 ] Will man Weltgeheimnisse auslegen, [so] muss man zur Kunst greifen.
