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Der Kreislauf des Menschen
innerhalb der Sinnes Seelen und Geisteswelt
GA 68b

1 February 1908, Wiesbaden

8. Das Geheimnis des Todes und das Rätsel des Lebens

[ 1 ] Jede tiefere Seele muss sich immer wieder vorlegen die Frage nach dem Sinn des Lebens, muss sich immer von Neuem fragen nach dem Geheimnis des Todes. Nicht nur, wenn wir den Blick hinaufrichten in die Sternenräume, in die Weltenfernen, sondern bei jedem Schritt des alltäglichen Lebens steigen Fragen nach den wesentlichen Rätseln des Lebens auf. Wenn der eine Mensch geboren wird unter solchen Verhältnissen, dass wir schon an seiner Wiege voraussehen können, dass Hoffnungslosigkeit und Mühsal ihn durchs Leben begleiten werden, der andere dagegen unter den günstigsten Verhältnissen und Anlagen, dass man von ihm weiß, er wird selbst zu einem glücklichen Leben bestimmt sein und seinen Mitmenschen viel Segen bringen können, da fragen wir: Warum ist das so? Wir fragen: Wie kommt es, dass der eine scheinbar ohne eigene Schuld in Not und Elend geboren wird und aufwächst, und der andere scheinbar ohne Verdienst ein glückliches Dasein führen kann?

[ 2 ] Der Mensch ist nimmermehr imstande, aus der bloß physischen Betrachtung sich Antwort zu geben auf die Rätselfragen des Lebens. Die Theosophie sucht die Beantwortung in der geistigen Erkenntnis der Hintergründe des Daseins, die über die sinnliche Welt hinausführt. Nicht deshalb, weil müßige Neugier etwa die Menschen plagt, will die Theosophie ihnen die Fragen nach den Rätseln des Lebens beantworten, sondern weil die Menschheit zu ihrer gesunden Existenz braucht jene Zuversicht, die ihr kommt aus den Quellen, die uns Antwort geben auf die Fragen nach den Rätseln des Lebens.

[ 3 ] Wollen wir im Sinne der theosophischen Weltanschauung die Quellen des Lebens erforschen, so müssen wir uns erinnern an den Aufbau des Menschen. Was die Sinne sehen am Menschen, ist nur ein Teil der menschlichen Wesenheit, den er gemeinschaftlich hat mit den sogenannten mineralischen Wesen. Dann zeigt uns die Geisteswissenschaft, wie der physische Organismus lebendig erhalten wird durch ein zweites Prinzip der menschlichen Wesenheit, den Äther- oder Lebensleib, der ein fortgesetzter Kämpfer ist gegen den Zerfall des physischen Leibes. Wir haben ferner an der Hand der Theosophie gesehen, wie alles, was an Lust und Leid, Freude und Schmerz, Trieben, Begierden und Leidenschaften, an Idealen in der Seele lebt, zu einem Träger ein drittes Glied der menschlichen Wesenheit hat - den Astralleib. Während er den physischen Leib gemeinsam hat mit allen mineralischen Wesen, hat er den Ätherleib gemeinsam mit allen lebendigen Wesen, aber den Astralleib nur mit den Tieren. Die Summe von Kräften, das, was der Mensch im Mittelpunkt seiner Wesenheit hat, vermag er zusammenzufassen mit den Worten «Ich bin». Das «Ich bin» eignet nur dem Menschen unter allen lebenden Wesen um ihn her.

[ 4 ] Von diesem Ich aus wird er der Herr und Umgestalter seiner anderen drei Glieder. Indem das Ich arbeitet, wandelt es zunächst einen Teil des Astralleibes um in das Geistselbst oder Manas. Indem das Ich aus mächtigen Impulsen heraus an sich arbeitet, wird der Lebensleib umgestaltet in Lebensgeist oder Budhi. Wenn das Ich bis in das physische Prinzip hineinarbeitet, entwickelt sich daraus, aus dem physischen Prinzip, Atman oder der Geistesmensch.

[ 5 ] Beim gewöhnlichen Menschen sind vorhanden die vier Glieder bis zum Ich. Auch große Teile von Manas sind gewöhnlich schon ausgebildet. Im Laufe seiner Entwicklung wird der Mensch erreichen, die sieben Glieder seiner Wesenheit selbstständig auszubilden. Eigentlich sind die sieben Teile nur vier Glieder, denn Manas ist der umgewandelte Astralleib, Budhi der umgewandelte Ätherleib und Atman das umgewandelte Prinzip des physischen Leibes.

[ 6 ] Wenn der Mensch morgens aufwacht, bis zu dem Augenblick, wo er abends einschläft, haben wir im Menschen die vier Glieder vor uns: Physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich.

[ 7 ] Im Zustand des Schlafes und im Zustand des Todes sind diese vier Glieder in anderen Verhältnissen vorhanden. Der Zustand des Schlafes wird genannt auch der Bruder des Todes. Wenn der Mensch abends einschläft, dann sinken in ein unbestimmtes Dunkel hinein Lust und Leid, Freude und Schmerz, alles das, wovon der astrale Leib der Träger ist. Auch das Ich sinkt in ein unbestimmtes Dunkel hinunter, wenn der Mensch abends einschläft. Für den, der den Menschen vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus betrachtet, stellt sich der Zustand des schlafenden Menschen so dar, dass im Bette liegen der physische Leib und der Ätherleib; herausgehoben sind der Astralleib und das Ich. Bei dem heutigen Menschen haben der astralische Mensch und das Ich noch keine geistigen Wahrnehmungsorgane. Er braucht, um die Welt wahrzunehmen, noch die Organe des physischen und Ätherleibes. Sonst kann er nicht bewusst wahrnehmen. Naiv sagt der Mensch ganz richtig nicht: Mein Auge sieht, mein Ohr hört, sondern: Ich sehe, und: Ich höre. Die Sinnesorgane des physischen Leibes sind die Instrumente des Astralleibes und des Ich.

[ 8 ] Der Schlaf stellt sich so dar als jener Zustand des Menschen, wo der Astralleib und das Innere des Menschen, das Ich, in einer rein geistigen Welt sind. Ist der Astralleib untätig in der Nacht? Das ist er nicht. Er ist während der Nacht außerhalb des physischen und Ätherleibes. Für den, der diese Dinge durchforschen kann, ist zu beobachten, dass der astralische Leib die ganze Nacht am physischen und Ätherleib des Menschen arbeitet. Da, wo er nachts ist, ist seine eigentliche Heimat. Dort sind die Kräfte, in die er in der Nacht untertaucht. Am Tage nimmt er auf alle möglichen Eindrücke durch die äußeren Sinne: Form, Farbe, Licht und so weiter. Alles das wogt hin und her im astralischen Leibe.

[ 9 ] Der astralische Leib ist jetzt noch nicht in vollständiger Harmonie mit dem physischen Leib; dadurch entsteht die Ermüdung. Die muss nachts fortgeschafft werden dadurch, dass der astralische Leib in die Kräfte seiner geistigen Heimat eintaucht und sich erfrischt. Wenn einmal vollständige Harmonie eingetreten sein wird zwischen dem Astralleib und dem physischen Leib, dann wird ein ganz anderer Zustand eingetreten sein. Das Aufund Abwogen der am Tage aufgenommenen Eindrücke aus der physischen Umwelt drückt sich abends aus als Ermüdung. In der Nacht arbeitet der astralische Leib die Ermüdung fort. Die Folgen dieser Arbeit am physischen und Ätherleib spüren wir frühmorgens. Die Offenbarungen dessen, was der Astralleib tut in der Nacht, die können wir morgens in der Erfrischung sehen. Selbst dann, wenn der physische und der Ätherleib krank sind, wirkt der Astralleib während des Schlafes harmonisierend auf den gestörten Äther- und physischen Leib.

[ 10 ] Die physische Wissenschaft mag manches einwenden gegen solche Dinge, aber gegen die Forschungsergebnisse der Wissenschaft verstößt das nicht, dass geistige Vorgänge hinter den Tatsachen wirken. Wenn man immer wieder von der physischen Forschung aus etwas einwenden will gegen die Lehren der Geisteswissenschaft über die geistigen und seelischen Vorgänge, so kann man auf folgendes Beispiel einer ähnlichen Beurteilung hinweisen. Wir nehmen an: Ein Mensch gibt einem andern eine Ohrfeige. A hat beobachtet, dass der eine eine Zornaufwallung hatte und daher sich verleiten ließ, dem andern eine Ohrfeige zu geben. B aber sagt: Ich habe doch gesehen, wie seine Hand sich erhob, wie sie sich gegen des andern Gesicht bewegte, und daher entstand die Ohrfeige. Das mit der Zornesaufwallung ist Unsinn! — So beurteilt die physische Forschung, wenn sie den Ergebnissen der Geistesforschung gegenüber auf die Wahrheit der äußeren Tatsachen pocht. Wir erkennen die Welt nur zum geringen Teil, wenn wir nur die äußeren Tatsachen beurteilen und beobachten. Alles, was in der Welt geschieht, was die Physik erforscht, was die äußere Beobachtung uns zeigt, das sind nur die Gebärden des Seelenlebens der Welt. Ganz anders verhält es sich mit dem Menschen im Tode als im Schlaf. Dann löst sich nicht bloß das Ich mit dem Astralleib heraus, sondern es geht auch der Ätherleib mit und es bleibt nur der physische Leib zurück. Der Ätherleib ist während des Lebens ein fortdauernder Kämpfer gegen den Verfall des physischen Leibes. In dem Augenblicke aber zerfällt der physische Leib, wenn der Ätherleib ihn verlässt. Unmittelbar nach dem Tode sind das Ich, der Astral- und Ätherleib zusammen — eine kurze Weile. Es ist nicht bei allen Menschen gleich nach dem Tode, dass diese drei noch zusammen sind, sondern es dauert bei jedem Menschen noch so lange, wie der Mensch hat existieren können ohne Schlaf.

[ 11 ] Die Erlebnisse, die der Mensch in der Zeit hat, sind sehr merkwürdig. Er fühlt förmlich, wie er aus sich selbst herauswächst, größer wird. Diese Zeit über sieht er um sich herum wie in einem großen Erinnerungstableau die ganzen Vorgänge seines verflossenen Lebens. Dieser Moment ist ein außerordentlicher. Nur in Ausnahmefällen erlebt der Mensch etwas Ähnliches während der Dauer seines Lebens. Es kann sein, dass er bei einem starken Schreck, wenn er nahe daran ist, zu ertrinken oder abzustürzen, eine Lockerung des Ätherleibes aus dem physischen Leibe in dem Grade erlebt, dass dann die Erinnerung seines ganzen vergangenen Lebens vor ihn hintritt. Das ist aber nur der Fall, wenn das Ich und der Astralleib das Bewusstsein nicht verlieren. Der Astralleib muss im Ätherleib darinnen bleiben.

[ 12 ] Ein anderes Beispiel dafür, dass der Ätherleib stellenweise getrennt ist vom physischen Leibe, ist das, wenn ein Glied, zum Beispiel eine Hand, eingeschlafen ist. Kinder haben dafür einen sehr bezeichnenden Ausdruck; sie sagen: Es fühlt sich an wie Selterswasser. Der Seher weiß, dass in diesem Moment der Ätherleib an der Stelle aus dem physischen Leib herausragt. Die anders geartete Blutzirkulation ist nur eine Folge davon, dass der Ätherleib in partieller Weise gelöst ist. Wie die Glieder eines Handschuhs können wir da den Ätherleib heraushängen sehen aus der Hand. Wenn jemand hypnotisiert ist, kann man sehen, wie dann links und rechts der Ätherleib herausragt, wie Lappen herunterhängt.

[ 13 ] Vielleicht wird mancher zu diesen Ausführungen sagen, sie seien Unsinn, und sie als Narretei ansehen. Gerade sehr gut ist, wenn wir zu unseren Erzählungen von den Tatsachen der geistigen Welt Beispiele anführen können von Menschen, die vielleicht selbst die Theosophie verlachen würden. Der Kriminalanthropologe Benedikt erzählt, er habe Folgendes erlebt: Als er einmal beim Baden nahe am Ertrinken war, habe auf einmal sein ganzes Leben vor ihm gestanden.

[ 14 ] Diese Tatsache, dass der Mensch nach seinem Tode sein ganzes früheres Leben in einem Tableau vor sich sieht, und das ähnliche Erlebnis bei einem gewaltigen Schock haben wir so zu erklären: Der Ätherleib ist unter anderem auch der Träger des Gedächtnisses. Im gewöhnlichen Leben ist er mit dem physischen Gehirn verbunden. In dem Augenblicke, wo der Träger des Gedächtnisses befreit ist von dem physischen Gehirn, solange aber der Astralleib noch darinnen steckt im Ätherleib, da tritt das ganze Leben als großes Erinnerungstableau vor der Seele des Menschen auf. Nach und nach schwindet es hinunter in das Dunkel, und ein zweiter Leichnam bleibt vom Menschen zurück. Von dem Äther- oder Lebensleib bleibt ihm wie eine Essenz, wie ein Extrakt des großen Erinnerungsbildes, etwas, wie wenn man den Inhalt eines großen Buches zusammengefasst hätte in eine Seite. So bleibt uns aus diesem Erinnerungstableau nach dem Tode die Essenz des Erdenlebens; die wird einverleibt dem astralischen Leibe auf seiner Wanderung nach dem Tode.

[ 15 ] Nun ist der Mensch noch bestehend aus seinem Ich, dem astralischen Leibe und der eingeprägten Essenz seines letzten Lebens. Wenn wir wissen wollen, was der astralische Leib nach dem Tode für Schicksal hat, müssen wir uns erinnern an die Erlebnisse des gewöhnlichen Lebens. Sehen wir, was da eigentlich den Genuss erlebt an den physischen Dingen. Das ist der astralische Leib, der die physischen Organe nur als Werkzeuge benutzt. Zum Beispiel beim Feinschmecker ist es auch der astralische Leib, dem die physischen Organe nur als Werkzeug dienen. Der Astralleib aber ist es, der die Begierde hat nach den leckeren Speisen. Versetzen wir uns einmal in den astralischen Leib nach dem Tode. Er hat dieselben Begierden und Instinkte, wie er vorher gehabt hat, aber es fehlen ihm jetzt die Instrumente, sie zu befriedigen. Der Astralleib ist jetzt in einer besonderen Lage. Er hat die Begierden, aber keine Werkzeuge, sie zu befriedigen. Da ist der Mensch in einem Zustande brennenden Durstes. Je mehr der Mensch hängt an alledem, was nur durch den physischen Leib befriedigt werden kann, desto brennender ist der Durst. So lange dauert dieser Durst, bis der astralische Leib erkennen kann, dass er diese Begierden sich abgewöhnen muss. Man nennt die Zeit des brennenden Durstes die Kamaloka-Zeit; Kama — Begierde; Loka - Ort. Es ist die Summe der Erlebnisse, die nur durch den physischen Leib befriedigt werden können und abgewöhnt werden müssen.

[ 16 ] Wenn der Mensch lernt, das Göttlich-Geistige in der Welt zu suchen, so entbehrt er nichts nach dem Tode. Es ist eine Methode, sich die Kamaloka-Zeit abzukürzen, wenn man sich von den niederen Genüssen frei macht und lernt, sein Inneres durch geistige Interessen befriedigen zu lassen. Das Höchste, wodurch der Mensch sich befreien kann vom Sinnlichen im Sinnlichen, das ist die Kunst, die wahre Kunst. Je idealistischer, je vergeistigter die Kunst ist, die auf den Menschen wirkt, desto abgekürzter ist die Kamaloka-Zeit. Für das Ganze des menschlichen Wesens ist eine auf das Äußere, Sinnliche gerichtete Kunst nicht geeignet. Es ist eine verhältnismäßig für den einen Menschen längere, für den anderen Menschen kürzere Zeit, in der er sich abgewöhnen muss, was ihn verbindet mit der physischen Welt.

[ 17 ] Dann kommt noch das Ablegen eines dritten Leichnams. Nach langer Zeit legt der Mensch den astralischen Leichnam ab. Alles das, was ungeläutert ist vom Ich, das kann das Ich nicht mitnehmen auf der ferneren Lebenspilgerschaft. Es bleiben der astralischen Welt übergeben die ungeläuterten, unbearbeiteten Teile des Astralleibes. Diese astralen Leichname sind immer um uns herum. Die Menschen, die intensiv zusammenhängen, zusammengehangen haben mit der sinnlichen Welt, die legen dichte astrale Leichname ab.

[ 18 ] Mancher Einfluss auf den Menschen rührt daher, dass er durch geistige Wesenheiten geht, dass seine Seele durchzogen wird von solch geistigen Wesenheiten. Dazu gehören auch solche Astralleichname. Denn wenn der Mensch nicht dagegen gewappnet ist, ist er zugänglich solchen Einflüssen. Es tritt in ihm eine Unruhe auf, vielleicht auch schlechte Impulse. Ein guter, charaktervoller Mensch wird aber diesen schädlichen Einflüssen nicht unterliegen.

[ 19 ] Wir haben nun den Menschen verfolgt bis zu dem Zeitpunkt, wo nur noch das Ich vorhanden ist, mit den geläuterten Teilen des Astral- und Ätherleibes. Nun tritt ein rein geistiger Zustand ein, den man das Devachan nennt. Der Mensch ist da entkleidet seiner Hüllen; er ist eine rein geistige Wesenheit. Wir haben das Ich nun noch vor uns. Es ist herausgesprossen aus den leiblichen Hüllen, ist geistig für sich geworden. Das Ich im Menschen nimmt sich fast so aus, wie wenn eine Pflanze, die von Felsspalten umschlossen war, befreit würde und sich frei entfaltet. Es entfaltet sich das Ich, wenn der Astralleichnam abgefallen ist, nach allen Seiten. Es empfindet dadurch eine Beseligung tiefster Art.

[ 20 ] Wollen wir diese Gefühle kennenlernen, so müssen wir sie vergleichen mit einem Gefühle, welches nur ein ganz schwacher Widerhall dieser Gefühle ist. Wenn die Henne auf dem Ei durch die Körperwärme das werdende Wesen der Reifung zuführt, so haben wir ein kleines Etwas in diesem Gefühle der Beseligung, die das Ich erlebt in dieser Zeit.

[ 21 ] Da kommt die Zeit, wo die Frucht heranreift, als Extrakt des letzten Lebens. Nicht umsonst hat das Ich diesen Extrakt des letzten Lebens aufgenommen. Das Ich hat die Welt aufgenommen in tausend und abertausend Eindrücken. Mit dem Verstande, mit dem Gemüte stand das Ich dem Leben gegenüber. Alles, was es aufgenommen, ist zusammengedrängt in diesem kleinen Extrakt, und dieser Extrakt ist mit dem Gefühle innerer Beseligung ein Schaffender geworden.

[ 22 ] Das Ich bereitet sich vor, einen neuen Menschen aufzubauen. So, wie wir sind, haben wir uns selbst aufgebaut. Nur die äußere Anlage und noch etwas von dem, was im Ätherleib ist, hat uns die Vererbung gebracht. Was wir schon beim kindlichen Leibe sich herausgestalten sehen, das brauchte diese lange Zeit nach dem Tode, um zu verwerten die Früchte des letzten Lebens. Jedes Mal beim Tode nimmt der Mensch einen solchen Extrakt des letzten Lebens mit. Jedes Mal baut der Mensch sich durch das, was er erfahren hat, ein neues Leben auf. Zu dem, was wir uns mitgebracht haben aus früheren Leben, kommt nach dem Tode der Extrakt des letzten Lebens dazu. Dieses Hineinbringen der Frucht des letzten Menschenlebens und deren Verwendung, das empfindet das Ich als Beseligung. So arbeitet das Ich daran, diese Frucht des letzten Lebens zu verwenden zum Aufbau eines neuen Menschen. Die physische Vererbung gibt die Bausteine. Wie sie zusammengefügt werden, das rührt vom letzten Leben her. In dem Extrakt des letzten Lebens liegt die Ausgestaltung des neuen Lebens.

[ 23 ] Aber der Mensch hat nach dem Tode noch etwas anderes zu tun, als sich mit sich selbst zu beschäftigen. Wenn wir einen Blick tun über die Erdentwicklung, müssen wir uns klar werden, dass alles auf der Erde sich verändert. Nicht früher erscheint der Mensch wieder auf der Erde, als bis er neue Erlebnisse auf der Erde haben kann. Man stelle sich Europa vor, ein paar Jahrhunderte vor Christus, wie alles bedeckt war mit mächtigen Wäldern und wie sich seitdem jeder Fleck der Erde verändert hat. Das Antlitz der Erde ändert sich fortwährend, also auch das Kulturantlitz der Erde ändert sich. Unsere Kinder lernen in der Schule etwas ganz anderes, als die Kinder der alten Römer gelernt haben. Auch in geistig-seelischer Beziehung hat sich das Antlitz der Erde geändert. Wo sind die Kräfte, die diese Veränderungen hervorrufen?

[ 24 ] Die Kräfte, die dasjenige Deutschland, das in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt da war, umgestaltet haben, die liegen in der geistigen Welt. Die Mitarbeiter an dieser Änderung‚ das sind die Menschen selber. Nach dem Tode arbeiten sie mit an der Physiognomie der Erde. Der Seher sieht, wie umschwebt und umspült sind die irdischen Wesen von den leibfreien Menschen, die sich selbst vorbereiten den Boden, in den sie in einem neuen Leben hineingeboren werden. Im physischen Leben bauen wir Städte, konstruieren wir Instrumente, Maschinen und so weiter. Aber nach dem Tode gestalten wir das Antlitz der Erde um. Wir bereiten das Bett vor, in das der Mensch eingebettet wird, wenn er reif ist, eine neue Gestalt anzunehmen. Wir sehen den Menschen da schaffen in der geistigen Welt; er ist einer der Architekten, einer der Mitbildner an der Umgestaltung der Erde.

[ 25 ] Es dauert lange, bis sich die Erde so geändert hat, dass die Seele auf einem ganz veränderten Schauplatz wiederkehrt. Einmal trat der Mensch zum ersten Mal auf in dem irdischen Leib. Vorher war er in einer rein geistigen Welt, im Schoße der Gottheit. Was der Mensch im physischen Leibe erlebt in der physischen Welt, das kann nur innerhalb des physischen Leibes erlebt werden. Mit jedem Leben legt er gewissermaßen ein neues Blatt zu dem bisherigen. Am Ende seiner Inkarnationen sind eingefügt seiner Seele diese irdischen Erfahrungen, und die legt er vor dem Altar der Gottheit nieder.

[ 26 ] Solange der Mensch bereichert werden kann durch besondere Formen des irdischen Daseins, solange verkörpert er sich. So ist das einzelne Leben begreiflich. Es ist eine Wirkung von vorhergehenden Leben und ist eine Vorbereitung für ein späteres Leben. Zum Brüten, zum Spintisieren, zum tatenlosen Zurückblicken in die Vergangenheit ist dieses Gesetz nicht da. Das Gesetz sagt uns: Die Erlebnisse dieses Lebens sind die Folgen von früheren Leben und die Vorbereitungen zum späteren Leben. Wenn ich in Not und Elend bin, so bildet das die Vorbereitung für spätere Erlebnisse. Ein Lebensgesetz ist dies, das die Lebensrätsel in wunderbarer Weise zu lösen versteht.

[ 27 ] Wenn man, sich auf dies Gesetz berufend, einwenden wollte, wie es manchmal geschieht, man könne dann dem, der in der Not ist, nicht helfen, so ist das ganz und gar unsinnig. Wie auf dem Konto eines Kaufmannes die Bilanz eine bestimmte ist, aber jeden Tag auf der Sollund Haben-Seite ein neuer Posten eingetragen werden kann, so kann man in jedem Moment des Lebens die Bilanz ziehen aus allen guten und bösen Taten, aber es kann auch in jedem Moment auf beiden Seiten ein neuer Posten hinzugefügt werden. Es ist in keinem Moment ausgeschlossen, dass wir vollständig neue Posten dazufügen. Durch das Karmagesetz gerade können wir in der Lage sein, den Menschen zu helfen. Es ist ein Gesetz der Beflügelung des Lebens, der Anstrengung aller Energie. Missverstanden wird vielfach das Karmagesetz von zwei Seiten, von Seiten der Theologen und von Seiten mancher Theosophen. Die Theologen wenden dagegen ein, dass die Erlösung durch den Christus Jesus der ganzen Menschheit gebracht sei, darum könne der Mensch selbst zu seiner Erlösung nichts tun. Mancher Theosoph glaubt dagegen, er müsse der Lehre von der Erlösung durch den Christus Jesus entgegentreten, weil er an das Karmagesetz glaubt. Wenn er aber das Karmagesetz richtig versteht, dann weiß er, dass man immer einen neuen Posten zu dem Lebenskonto eintragen kann und dass man deshalb jederzeit einem anderen Menschen helfen kann. So kann ein Mensch, je mächtiger er ist, umso mehr anderen Menschen helfen. Eine mächtige Wesenheit, so wie Christus, vermag auf eine unendliche Anzahl von Menschen zu wirken. Die Tat der Erlösung wird eingeschrieben in das Karma der ganzen Menschheit. In schönster Harmonie steht das Karmagesetz mit der Erlösung durch den Christus Jesus.

[ 28 ] Das schönste Instrument zum Begreifen der großen religiösen Wahrheiten ist die Theosophie. Durch sie empfängt der moderne Mensch jene Form, die für seine Seele die richtige ist.

[ 29 ] Der Sinn des Lebens ergibt sich, wenn wir dasjenige, was hinter dem Leben steht, erkennen und aufnehmen in die Impulse unseres Handelns. Theosophie soll sein für tatkräftige Menschen, die schaffen wollen in diesem Leben. Lernen wir die geistigen Kräfte erkennen, dann lernen wir sie auch ins Leben einführen. Es ist dem Theosophen ganz gleichgültig, ob man für oder wider die Theosophie streitet mit den gewöhnlichen, dialektischen Gründen. Bei der Theosophie kommt es darauf an, dass sie ein Instrument werde zum Leben, dass sie mehr und mehr eingreift in das Leben. In der nächsten Zeit der Kulturentwicklung wird sich zeigen, was die Menschen der Theosophie verdanken: dass die Menschen durch die Theosophie arbeitsfreudig und hoffnungsfreudig werden.

[ 30 ] Die Theosophie ist ein Heilmittel für die Menschheit. Wenn sie sich als solches bewahrheitet, dann bedarf sie keiner anderen logischen Beweise. Wenn die Theosophie gesundend auf die Menschen wirkt, dann wird sie durch die Tatsachen des Lebens bewiesen werden.