The Human Soul, Fate and Death
GA 70a
15 February 1915, Stuttgart
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The Human Soul, Fate and Death, tr. SOL
3. Warum nennen «Sie» das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»?
3. Why are the People of Schiller and Fichte called “barbarian people”?
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende, Jahr für Jahr durfte ich in letzter Zeit von Themen der Geisteswissenschaft hier in dieser Stadt sprechen. Da unsere Freunde auch für dieses Jahr solche Betrachtungen wünschten, so werde ich denn versuchen, auch in dieser schicksalsschweren Zeit solche Betrachtungen hier anzustellen. Aber begreiflich wird es erscheinen, sehr verehrte Anwesende, dass wenigstens die heutige einleitende Betrachtung unmittelbar in Bezug steht auf dasjenige, was sich, so tief, tief unsere Seele und unser Herz berührend, in unserer schicksalstragenden Zeit abspielt. Möchte man doch in unserer Zeit keine Empfindung abwenden von all den unermesslichen Opfern, die gebracht werden müssen, den Pflichten und den hohen Anforderungen, die diese Zeit an uns stellt, möchte man kein Wort eigentlich sagen, das nicht zugleich in dieser Empfindungsnuance gesprochen werden kann und im Gemüt gewiss gesprochen werden kann zu denjenigen, die auf den Feldern, auf denen heute nicht durch Worte, auf denen gesprochen wird durch Taten, gesprochen wird durch Leid und Blut, durch Einsetzung des ganzen Menschen, möchte man kein Wort sprechen, das nicht zu denjenigen gesprochen ist im Geiste, die auf diesen Feldern für die großen Ereignisse der Gegenwart einzutreten haben!
[ 1 ] Dear friends, Year after year, I have recently had the privilege of speaking here in this city on topics related to the humanities. Since our friends have requested such reflections again this year, I will endeavor to offer them here, even in these fateful times. But it will seem understandable, distinguished guests, that at least today’s introductory reflection is directly related to what is unfolding in our fateful times—events that touch our souls and hearts so deeply, so deeply. For in our time, one would not wish to turn one’s thoughts away from all the immeasurable sacrifices that must be made, from the duties and the high demands that this era places upon us; one would not wish to utter a single word that cannot at the same time be spoken with this emotional nuance—and that can certainly be spoken in the heart—to those who, on the battlefields where today words are not spoken but deeds are, is expressed through suffering and blood, through the full commitment of the whole person—one would not wish to utter a single word that is not spoken in spirit to those who, in these fields, must stand up for the great events of the present!
[ 2 ] Zum Thema des heutigen Vortrages habe ich gewählt eine Frage, sehr verehrte Anwesende, die Frage, die sich ergeben kann, wenn man einwirken auf sich lässt so mancherlei, was den mitteleuropäischen Menschen heute von allen Seiten, man möchte sagen nicht nur Europas, sondern der Welt entgegentritt: Die Frage sei aufgeworfen: Warum nennen «sie» das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»?
[ 2 ] For the topic of today’s lecture, I have chosen a question, ladies and gentlemen, a question that may arise when one allows oneself to be influenced by the many things that confront Central Europeans today from all sides—not only from Europe, one might say, but from the entire world: Let the question be posed: Why do “they” call the people of Schiller and Fichte a “barbarian people”?
[ 3 ] Aber — und das soll der Sinn meiner Ausführungen zeigen — nicht so sehr kann es mir darum zu tun sein, vor Ihnen hier diese Frage etwa in aller Ausführlichkeit zu beantworten, sondern zu zeigen, wie diese Frage sich hineinstellt in unsere Gegenwart; besser gesagt, wie es möglich ist, dass diese Frage sich [in unsere Gegenwart hineinstellt]. Denn es wird vielleicht aus meinen Ausführungen [erhellt werden] können, dass es nicht an uns hier in der Mitte von Europa liegt, diese Frage zu beantworten, wohl aber recht sehr liegt an uns, diese Frage auch für kommende Zeiten wie eine Mahnung an die Geschichte so recht zu empfinden, zu empfinden aus dem Kern mitteleuropäischen Wesens heraus.
[ 3 ] But—and this is the point I wish to make—my concern here is not so much to answer this question in great detail before you, but rather to show how this question relates to our present; or rather, how it is possible for this question to [relate to our present]. For it may perhaps become clear from my remarks that it is not up to us here in the heart of Europe to answer this question, but it is very much up to us to truly grasp this question—as a reminder to history—for times to come, to grasp it from the very core of Central European being.
[ 4 ] Von großen Schlachten, die die Vorfahren der mitteleuropäischen Völker und die Völker des Altertums geführt haben, wird erzählt, dass die Völker in die Schlachten gezogen sind unter Gesängen, die galten den großen Ahnen, [die] deshalb den großen Ahnen galten, weil diese Völker tiefinnerlich die Überzeugung hatten, dass der Geist der Ahnen in der Atmosphäre, in der die Völker atmeten, unmittelbar anwesend war. In solcher Art hat man ja immer da, wo man in die Weltanschauung ursprünglich menschliches Empfinden einfließen ließ, im geistigen Sinn die Vererbungsfrage, von der jetzt in der materiellen Wissenschaft so viel die Rede ist, verstanden. Spricht man in der materialistischen Wissenschaft von Vererbung so, als ob nur die Eigenschaften der Lebewesen sich auf ihre physische Nachkommen durch physische Mittel vererbten, so muss man da, wo sich im Menschheitsentwicklungsgang abspielen die großen moralischen und geistigen Geschehnisse, so muss man da sprechen davon, dass nicht nur vorhanden sind in den nachfolgenden Zeiten die Eigenschaften der Vorfahren, sondern geistig-seelisch lebendig lebt mitten unter dem, was die Nachgeborenen zu tun haben, dasjenige, was von den Vorfahren in die Kultur der Nachfahren hineingeflossen ist.
[ 4 ] It is said of the great battles fought by the ancestors of the Central European peoples and the peoples of antiquity that these peoples went into battle singing songs dedicated to the great ancestors, [which] were dedicated to the great ancestors because these peoples were deeply convinced that the spirit of the ancestors was directly present in the very air they breathed. In this way, wherever human feeling was originally incorporated into the worldview, the question of heredity—which is now so frequently discussed in material science—was understood in a spiritual sense. While materialistic science speaks of heredity as if only the characteristics of living beings were passed on to their physical descendants through physical means, in the context of the great moral and spiritual events that unfold in the course of human development, one must speak of the fact that not only are the characteristics of the ancestors present in subsequent generations, but also that, in a spiritual and spiritual—that which has flowed from the ancestors into the culture of their descendants remains alive and active in the midst of what the later generations have to do.
[ 5 ] Selbstverständlich kann nicht von all den Ahnen, auch der uns nächsten Zeit, hier gesprochen werden, die in Betracht kommen, wenn es sich darum handelt, deutsches, mitteleuropäisches Wesen ins Auge zu fassen. Herausgehoben werden sollen zwei geistige Ahnen der deutschen Entwicklung, Schiller und Fichte.
[ 5 ] Of course, it is not possible to discuss here all the ancestors—even those from the most recent past—who come into consideration when it comes to examining the German, Central European essence. We shall highlight two intellectual forefathers of German development: Schiller and Fichte.
[ 6 ] Die eine [der] Persönlichkeiten entstammend unmittelbar dem Lande, in dem wir uns befinden hier; die andere verbindend ursprünglich-deutsches Geistesleben aus nördlicheren Gegenden, auch in persönlich-menschlicher Freundschaft, mit dem, was der große Württemberger Schiller geleistet hat; die andere Persönlichkeit, die wir uns heute erwählen wollen, um ihre Impulse auf uns ein wenig empfindungsgemäß wirken zu lassen, sei Johann Gottlieb Fichte. Und ausgegangen sei, wahrhaftig nicht, sehr verehrte Anwesende, um sentimentale Empfindungen zunächst zu erregen, das liegt mir ganz fern, sondern weil ich glaube, dass in der Tat etwas wie ein geistiger Zauberhauch ausstrahlt, ausgegangen sei gerade von den letzten Augenblicken des Erdenlebens der beiden Geisteshelden. Aus diesem Grunde, nicht aus einem sentimentalen Grunde sei ausgegangen von den letzten Augenblicken des Erdenlebens Schillers und Fichtes, können wir doch durch die intime Art deutscher Geistesbetrachtung gerade bei diesen beiden Persönlichkeiten, ich möchte sagen so vertraut hinblicken zu ihren letzten Augenblicken, die ihre Seele zugebracht hat im physischen Menschenleibe.
[ 6 ] One of these figures hails directly from the land in which we now find ourselves; the other originally connecting the German intellectual life of more northern regions—including through personal friendship—with the achievements of the great Württemberg poet Schiller; the other figure whom we wish to choose today, so that his ideas may take effect upon us in a way that resonates with our sensibilities, is Johann Gottlieb Fichte. And let it be understood, truly not, esteemed guests, that my intention is to arouse sentimental feelings at first—that is far from my mind—but because I believe that something like a magical spiritual aura does indeed radiate from the very last moments of these two intellectual heroes’ earthly lives. For this reason—not for sentimental reasons—have we taken as our starting point the final moments of Schiller’s and Fichte’s earthly lives; for it is precisely through the intimate nature of German intellectual reflection that we can, in the case of these two figures, look so intimately upon their final moments—the moments their souls spent within their physical bodies.
[ 7 ] Der jüngere Voß erzählt uns, wie Schillers letzte Tage und auch letzte Augenblicke waren. Da steht er vor uns, dieser Tod Schillers, dieser Tod, von dem wir die Überzeugung haben, wenn wir Schillers Lebensgang betrachten, dass er, trotzdem er früh eingetreten ist, nur deshalb so spät eintrat, weil Schillers starke Seele, weil seine mächtigen Geistesimpulse dem verfallenden Leib abgerungen haben durch Jahre hindurch diesen Tod! Und wir können ihm folgen aus den Schilderungen, die wir haben — diesem Schiller —, wie er in den letzten Tagen geradezu noch geistig-seelisch anwesend ist, wie sein Leib die Spuren des Todes bereits trägt. Wir folgen ihm hinein in diese Todesstunde nach den Schilderungen von Voß und tief bewegten Herzens verfolgen wir, wie Schillers Geist, kämpfend mit den verdunkelnden Kräften des Leibes, immer wieder und wiederum durch die einst so feurigen Augen blickt; wie er sich dann geben ließ — Schiller — sein jüngstes, noch ganz kleines Kind, wie er diesem kleinen Kind aus seiner tiefen Seele heraus durch seine geistvollen, aber jetzt im Tode erstorbenen Augen die letzten Blicke zuwendet, wie wenn er ihm Wichtiges zu sagen hätte; wie er dann das Kind zurückgibt, sich abwendet, das Gesicht der Wand zuwendet. Das Gefühl erhalten wir, sehr verehrte Anwesende, als ob wir uns etwas identifizieren müssten mit diesem Kinde. Derjenige, der diese Szene beschrieben hat, sagt: «Es war, als ob Schiller noch hätte sagen wollen zu diesem Kind, ich habe dir nicht genug Vater sein können; ich hätte noch so viel für dich zu tun.»
[ 7 ] The younger Voß tells us what Schiller’s final days and even his final moments were like. There it stands before us, Schiller’s death—a death of which we are convinced, when we consider Schiller’s life, that although it came early, it came so late only because Schiller’s strong soul and his powerful intellectual impulses wrested this death from his decaying body for years on end! And from the accounts we have—of this Schiller—we can follow him as he remains, in his final days, still very much present in spirit and soul, while his body already bears the marks of death. We follow him into this hour of death according to Voß’s descriptions, and with deeply moved hearts we observe how Schiller’s spirit, struggling against the darkening forces of the body, gazes again and again through those eyes that were once so fiery; how he then allowed himself—Schiller—to be given his youngest, still very small child, how he turns his final glances toward this little child from the depths of his soul through his spirited eyes—which have now died in death—as if he had something important to say to the child; how he then returns the child, turns away, and faces the wall. We are left with the feeling, esteemed audience, as if we were meant to identify in some way with this child. The person who described this scene says: “It was as if Schiller still wanted to say to this child, ‘I could not be a good enough father to you; I still had so much left to do for you.’”
[ 8 ] Man möchte sagen: Das ganze deutsche Volk kann so empfinden sich als Kind Schillers und kann diese Worte auf sich beziehen. Wie wenn er noch recht vieles, vieles hätte seinem Volk zu sagen gehabt, so starb Schiller dahin. Und das Gefühl geht daraus hervor, aus der Betrachtung einer solchen Szene, wie es notwendig ist diesem deutschen Volk, sich einzuleben in die Impulse, die aus Schillers Geisteskraft hervorgegangen sind und die in jedem Zeitalter aufzunehmen sind, um sie hinzuleiten zu den Zielen der Menschheitsevolution in der Weise, wie das deutsche Volk die Anlage dazu hat: immer noch mehr und mehr zur Frucht zu bringen dasjenige, was in den Blüten dessen lag, was einst ihm Schiller gab.
[ 8 ] One is tempted to say: The entire German people can feel themselves to be Schiller’s children and can apply these words to themselves. It was as if Schiller had still had much, much more to say to his people when he passed away. And the feeling that emerges from contemplating such a scene is this: it is essential for the German people to immerse themselves in the impulses that sprang from Schiller’s intellectual power—impulses that must be embraced in every age—in order to channel them toward the goals of human evolution in the way that the German people are naturally inclined to do: to bring ever more and more to fruition what lay in the blossoms of what Schiller once gave them.
[ 9 ] Und wenn wir hinblicken auf der anderen Persönlichkeit, auf Johann Gottlieb Fichtes letzte Tage, so möchte man sagen die Betrachtung seiner letzten Tage dringt uns ebenso tief, ebenso unmittelbar in Herz und Seele ein. Oftmals hat er es erwogen — Fichte, der große Menschheitsphilosoph und zugleich der große Philosoph seines Volkes —, oftmals hat er es erwogen, ob er in den großen Kampf, der in seinen letzten Jahren um Deutschlands Freiheit gekämpft werden musste, ob er in diesem großen Kampf unmittelbar als Kämpfer teilnehmen sollte. Er hat dann geglaubt, dass er durch seine Geisteskraft — jeder Mensch muss ja nach seinen Kräften wirken an seinem Ort —, er hat dann geglaubt, dass er durch seine Geisteskraft mehr wirken könne als durch physische Kräfte. Aber Fichtes ihm so wunderbar ebenbürtige Gattin widmete sich der Krankenpflege und brachte das Lazarettfieber ihm nach Hause. Er musste die Gattin pflegen. Sie gesundete, aber die Krankheit ging auf Fichte über. Und so wurde er in einer gewissen Weise mittelbar ein Opfer des deutschen Freiheitskampfes.
[ 9 ] And when we turn our attention to the other figure—Johann Gottlieb Fichte’s final days—one might say that reflecting on those last days penetrates our hearts and souls just as deeply and just as directly. He often pondered this—Fichte, the great philosopher of humanity and at the same time the great philosopher of his people—he often pondered whether he should take part directly as a fighter in the great struggle for Germany’s freedom that had to be waged in his final years. He then believed that through his intellectual power—for every person must, after all, act to the best of their ability where they are—he then believed that he could achieve more through his intellectual power than through physical strength. But Fichte’s wife, who was so wonderfully his equal, devoted herself to nursing the sick and brought the hospital fever home to him. He had to nurse his wife. She recovered, but the illness spread to Fichte. And so, in a certain sense, he indirectly became a victim of the German struggle for freedom.
[ 10 ] Aber nun steht er vor uns, der aus der Stärke seines Willens eine Welt des Geistes herausgebärende Mann, wie er in seinen letzten Augenblicken war. Seine Gedanken waren nur noch hingerichtet auf das, was erreicht wurde durch die gegen Westen hin kämpfenden deutschen Heere. Und als er sich hatte legen müssen und in diese durch sein ganzes Leben hindurch so energisch klaren Ideen sich die Fieberträume hineinmischten, da waren diese Fieberträume erfüllt von den Bildern der Schlachten, von denen er hörte; da fühlte er, der Philosoph, sich mitten darinnen unter den Kämpfern. Da gingen unmittelbar die philosophischen Gedanken, die er in seiner Seele hatte aufsprießen fühlen, über in diese, man möchte sagen so realen, in Bezug auf die Zeiterscheinungen realen Fieberphantasien, und der Philosoph sieht sich selbst noch in der Fieberumnachtung tief verbunden mit demjenigen, was seine Zeit bewegte.
[ 10 ] But now he stands before us—the man who, through the strength of his will, gave birth to a world of the spirit—just as he was in his final moments. His thoughts were focused solely on what had been achieved by the German armies fighting their way westward. And when he had to lie down and feverish dreams began to mingle with those ideas that had been so energetically clear throughout his entire life, those feverish dreams were filled with images of the battles he had heard about; then he, the philosopher, felt himself right in the midst of them, among the fighters. There, the philosophical thoughts he had felt sprouting in his soul immediately merged with these—one might say—so real, real in relation to the events of the time—feverish fantasies, and the philosopher sees himself, even in the delirium of fever, deeply connected to what was moving his time.
[ 11 ] Sein Sohn trat an sein Sterbebett, man brachte ihm eine Arznei. Er fühlte sich in seinen Fieberträumen so sehr im Geiste hingegeben, so sehr vereinigt mit der großen Aufgabe seiner Zeit, dass er sagte: «Ich brauche keine Arznei», und er schob mit der Hand die Arznei zurück, «denn ich fühle: Ich werde genesen». Er genas — allerdings zum Tode, aber sein Geist, er lebt unter uns. Und man bekommt, wie es scheinen mag, einen guten Einblick in das Wesen und in den Wesenskern desjenigen Volkes, das sie jetzt ein «Barbarenvolk» nennen, wenn man gerade ein wenig die Blicke zu Johann Gottlieb Fichte hinwendet. In der Zeit, in der aus tiefster Erniedrigung das deutsche Volk sich erkämpfen musste seine Geltung, da war es Johann Gottlieb Fichte, der nicht nur aus theoretisch-philosophischer Untergrundlage heraus, sondern aus der Verbindung heraus, die er fühlte zwischen seiner eigenen Seele und der Seele des deutschen Volkes, sich und diesem Volke Klarheit zu verschaffen suchte über dieses deutschen Volkes ureigenste Wesenheit.
[ 11 ] His son came to his deathbed, and someone brought him some medicine. In his feverish dreams, he felt so deeply absorbed in spirit, so deeply united with the great task of his time, that he said, “I don’t need any medicine,” and he pushed the medicine away with his hand, “for I feel: I will recover.” He did recover—albeit only to die—but his spirit lives on among us. And one gains, as it may seem, a good insight into the nature and the very essence of that people whom they now call a “barbarian people,” if one turns one’s gaze just a little toward Johann Gottlieb Fichte. At a time when the German people had to fight their way out of the deepest humiliation to assert their worth, it was Johann Gottlieb Fichte who—not only on the basis of theoretical and philosophical foundations, but also out of the connection he felt between his own soul and the soul of the German people—sought to bring clarity to himself and to this people regarding the very essence of the German people.
[ 12 ] Und auf einen Charakterzug werden wir sogleich hingewiesen, dieses Volkes in seiner tiefsten Wesenheit, wenn wir ins Auge fassen, wie Fichte dazumal, als er in einer der schwersten Zeiten des deutschen Wesens seine bedeutsamen «Reden an die deutsche Nation» gehalten hat, wie er zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen machte drei Fragen. Und merkwürdig berühren uns diese drei Fragen, die Fichte damals in seinen «Reden an die deutsche Nation» aufwarf. Die erste heißt: «Ob es wahr sei oder nicht wahr, dass es eine deutsche Nation gäbe und dass deren Fortdauer in ihrem eigentümlichen und selbstständigen Wesen dermalen in Gefahr sei?»
[ 12 ] And we are immediately drawn to a characteristic of this people at its very core when we consider how Fichte, back when he delivered his significant “Addresses to the German Nation” during one of the most difficult periods in German history, took three questions as the starting point for his reflections. And these three questions, which Fichte raised back then in his “Addresses to the German Nation,” strike us as remarkable. The first is: “Is it true or not true that there is a German nation, and that its continued existence in its distinctive and independent form is currently in danger?”
[ 13 ] Wir werden heute, sehr verehrte Anwesende, kaum — nachdem, was das deutsche Wesen geworden ist gerade durch die Schiller-Fichte-Zeit — diese Frage neuerdings aufwerfen wollen, aber der Schlusssatz dringt doch tief in unser Herz ein; und auch von unserer Gegenwart können wir sagen: «ob diese Nation in ihrem eigentümlichen und selbstständigen Wesen dermalen in Gefahr sei?» Die zweite Frage ist: «Ob es der Mühe wert sei, oder nicht wert sei, dieselbe zu erhalten?» Dasjenige, was im neunzehnten Jahrhundert für die Weltentwicklung der deutsche Geist geleistet hat, gibt darauf Antwort. Die dritte Frage, die Fichte insbesondere aus seiner Betrachtungsweise der Welt herausentwickelt, war diese: «Ob es irgendein sicheres und durchgreifendes Mittel dieser Erhaltung gäbe, und welches dieses Mittel sei?» An diese drei Fragen knüpfte dann Fichte diejenigen Betrachtungen, die den Inhalt bilden seiner «Reden an die deutsche Nation».
[ 13 ] Today, distinguished guests, we would hardly—given what the German spirit has become precisely through the Schiller-Fichte era—wish to raise this question anew, but the concluding sentence still cuts deep into our hearts; and we can also say of our present: “Is this nation, in its unique and independent essence, currently in danger?” The second question is: “Is it worth the effort—or not worth the effort—to preserve it?” The contributions made by the German spirit to the development of the world in the nineteenth century provide the answer. The third question, which Fichte developed specifically from his perspective on the world, was this: “Is there any sure and effective means of preserving it, and what is that means?” Fichte then linked these three questions to the reflections that form the content of his “Addresses to the German Nation.”
[ 14 ] Die Weltgeschichte eilt heute in unserer Gegenwart und dazu müssen wir auch das vergangene Jahrhundert rechnen — schnell. Es ist unmöglich, nachdem das heraufgezogen ist im Geistesleben, was durch die Schiller-Fichte-Zeit an Keimen gelegt worden ist, noch sich zu bekennen, unmittelbar zu bekennen zu den Antworten, die Fichte selbst auf diese Fragen gegeben hat. Umso mehr aber fühlt man sich verwandt, wenn man sich durchdringen lässt vom mitteleuropäischen, vom deutschen Wesen, mit der Art, wie Fichte dazumal seine Antwort in seinen «Reden an die deutsche Nation» namentlich auf diese drei Fragen hat.
[ 14 ] World history is moving rapidly in our present time—and we must include the past century in that as well—at a rapid pace. Now that what was sown as seeds during the Schiller-Fichte era has come to the fore in intellectual life, it is impossible to continue to profess—to profess directly—the answers that Fichte himself gave to these questions. All the more, however, one feels a kinship when one allows oneself to be imbued with the Central European, the German essence—with the way Fichte himself, back then, provided his answers in his “Addresses to the German Nation,” specifically to these three questions.
[ 15 ] Fichte versuchte sozusagen, diese seine Antwort aus zwei Gliedern zusammenzusetzen, zunächst aus einer Betrachtung des Wesens des deutschen Volkes. Denn, zu dem deutschen Volke wolle er ja sprechen. Fichte versuchte — gewiss, wir werden das heute nicht in der Fichte’sehen Art versuchen, sondern wir müssen uns solche Fragen beantworten [mit den Kräften, die wir wiederum durch diese Fichte’sche Art erhalten haben] —, er versuchte, diese Fragen sich zu beantworten dadurch, dass er das Eigentümliche der deutschen Sprache untersuchte. Er glaubte zu erkennen, wie sich diese Sprache unterscheidet im Volkstum von der Sprache derjenigen Völker, die damals mit den deutschen Völkern im Kampfe standen. Und er vermeinte, das Wesentliche davon herleiten zu können, dass das deutsche Volk [durch seine ganze Entwicklung hindurch], von den Wurzeln seiner Entwicklung angefangen, sich verbunden hat mit seiner Sprachquelle, dass es unmittelbar aus diesen Wurzeln der Sprache heraus in ununterbrochener Folge diese Sprache entwickelt hat und bei dieser Sprache geblieben ist und dass es dasjenige, was es aus seiner Seele herauszubilden hatte, verkörperlicht hat in dieser Sprache.
[ 15 ] Fichte attempted, so to speak, to construct this response of his in two parts, beginning with a consideration of the nature of the German people. For he wanted, after all, to address the German people. Fichte attempted—certainly, we will not attempt this today in Fichte’s manner, but rather we must answer such questions [with the faculties that we, in turn, have gained through this Fichtean approach]—he attempted to answer these questions for himself by examining the distinctive characteristics of the German language. He believed he could discern how this language differed, in terms of its folk character, from the languages of those peoples who were at that time at war with the German peoples. And he believed he could derive the essence of this from the fact that the German people [throughout their entire development], beginning at the very roots of their development, have remained connected to the source of their language; that they have developed this language directly from these linguistic roots in an unbroken succession and have remained faithful to this language; and that they have embodied in this language that which they had to form from the depths of their souls.
[ 16 ] Während die romanischen Völker, so meint Fichte, einen Bruch in ihrer Entwicklung erlitten haben, dass sie bis zu einem gewissen Punkt dieser Entwicklung mitgemacht haben jenes Fühlen und Empfinden, das in der deutschen Sprache verkörpert ist, dann aber eine fremdländische Sprache angenommen haben und nunmehr in einem fremden Sprachleibe die seelischen Eigentümlichkeiten leben, wodurch ein Bruch der Entwicklung eingetreten ist und verloren gegangen ist dasjenige, worin Fichte die Bedeutung des deutschen Wesens sucht, die ursprüngliche Frische und Unmittelbarkeit, mit der sich das nationale Wesen zum Ausdruck bringt.
[ 16 ] According to Fichte, while the Romance peoples suffered a break in their development—in that up to a certain point in that development they shared the feelings and sensibilities embodied in the German language— they subsequently adopted a foreign language and now live out their spiritual characteristics within a foreign linguistic framework, resulting in a rupture in their development and the loss of that which Fichte regards as the essence of the German spirit—the original freshness and immediacy with which the national spirit expresses itself.
[ 17 ] Nicht dasjenige, was Johann Gottlieb Fichte auf diesem Wege an Erkenntnis gewonnen zu haben glaubt, ist es, wozu wir uns heute vollständig bekennen können, denn diese wissenschaftliche Betrachtung ist darüber hinweggeschritten, obwohl diese Erkenntnisse wahr sind in ihrer Wurzel in einer Richtung — nicht dazu aber ist Fichte gekommen, sondern die ganze Art, wie Fichte anfasst die Betrachtung des Wesenskerns seines Volkes, das ist es, wovon wir das Fruchtbare auch noch heute empfinden.
[ 17 ] It is not what Johann Gottlieb Fichte believes he has gained in insight through this approach that we can fully endorse today, for this scholarly analysis has moved beyond it, even though these insights are true at their root in one respect—but this is not what Fichte arrived at; rather, it is the entire manner in which Fichte approaches the consideration of the essential core of his people—that is what we still find fruitful today.
[ 18 ] Denn was wollte Fichte? Er wollte erkennen des deutschen Volkes Wesensart dadurch, dass er sich vor Augen treten ließ diese Wesensart als aus den innersten, geheimsten Wurzeln des menschlichen Seelenwesens ohne irgendeinen Bruch der Entwicklung herausquillend. Solches Volk glaubte er seiner Zukunft, ja, seiner Ewigkeit sicher, dass so in ununterbrochener Entwicklung im Zusammenhange steht mit den Wurzeln der inneren Lebendigkeit, wie er sich wiederholt ausdrückt, mit dem tiefsten Wesen der seelischen Lebendigkeit.
[ 18 ] For what did Fichte seek? He sought to understand the nature of the German people by allowing himself to perceive this nature as springing from the innermost, most secret roots of the human soul, without any break in its development. He believed such a people to be secure in its future—indeed, in its eternity—because it stands, in unbroken development, in connection with the roots of inner vitality, as he repeatedly puts it, with the deepest essence of spiritual vitality.
[ 19 ] Das aber, sehr verehrte Anwesende, ist ja im Grunde genommen auch der Grundton aller geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, die ich hier in diesem Saale seit Jahren habe anstellen dürfen. Insofern fühlt sich diese geisteswissenschaftliche Betrachtung im innersten Wesen verbunden mit der Wesensart Johann Gottlieb Fichtes.
[ 19 ] But that, ladies and gentlemen, is essentially the underlying tone of all the spiritual scientific reflections I have been privileged to present here in this hall for years. In this respect, this spiritual scientific reflection feels, in its innermost essence, connected to the nature of Johann Gottlieb Fichte.
[ 20 ] Inwiefern diese Lebenswurzeln der menschlichen Seele zu einer geistigen Erkenntnis führen — wir werden morgen davon zu sprechen haben, inwiefern dasjenige, was da gesucht wird, wirklich im echten, rechten Sinne auf Fichte zurückweist — davon seien jetzt nur einige Worte gesagt.
[ 20 ] To what extent these roots of human life lead to spiritual insight—we will discuss this tomorrow—and to what extent what is sought here truly points back to Fichte in the genuine, proper sense—let us say just a few words about this now.
[ 21 ] Aus allen Betrachtungen, die ich hier anstellen durfte, ging ja hervor, dass diese Geisteswissenschaft sein will — im Gegensatz zu einer bloß äußerlichen, auf die Sinne und den an das Gehirn gebundenen Verstand reflektierenden Wissenschaft —, dass diese Geisteswissenschaft sein will eine Wissenschaft, die unmittelbar hervorgeht aus der Betätigung des innersten menschlichen Wesenskerns, aus der Erkenntnis, dass dieser menschliche Wesenskern — der im Gegensatz zu dem sterblichen Leibe das Ewig-Unvergängliche im Menschen ist — schon während des Leibeslebens durch die morgen zu besprechenden Mittel losgelöst werden kann von der gewöhnlichen Anschauung der äußeren Sinne und des Verstandes, sodass er sich leibfrei betätigen kann und hinzuschauen vermag in die geistige Welt, sodass ihm der eigene geistige Wesenskern unmittelbare Wirklichkeit wird.
[ 21 ] It emerged from all the considerations I have been able to present here that this spiritual science aims to be—in contrast to a merely external science that reflects on the senses and the intellect bound to the brain—a science that arises directly from the activity of the innermost core of the human being, from the recognition that this innermost core of the human being — which, in contrast to the mortal body, is the eternal and imperishable aspect of the human being — can already be detached, even during earthly life, through the means to be discussed tomorrow, from the ordinary perception of the external senses and the intellect, so that it can act independently of the body and is able to look into the spiritual world, so that one’s own spiritual core becomes an immediate reality.
[ 22 ] Im tiefsten Sinne sucht Geisteswissenschaft zu appellieren an diesen, aus dem Quellen des Geisteslebens heraus stammenden menschlichen Selbsteskern. In dieser Beziehung ist Geisteswissenschaft in vollem Gegensatz zu der Wissenschaft, die sich bloß passiv den äußeren Eindrücken hingibt und bloß an sich herankommen lässt dasjenige, was äußere Beobachtung und Zergliedern des Verstandes in Bezug auf diese Beobachtung ergeben kann. Geisteswissenschaft steht im Gegensatz, zum bloß passiven Aufnehmen einer Wissenschaft! Geisteswissenschaft will sein — wenn das Wort ohne Hochmut gebraucht werden darf — eine tapfere Wissenschaft, die nicht aus Passivität hervorgeht, sondern aus der Aktivität, aus dem Appellieren an die Lebenswurzeln, aus dem Heraufholen dieser innersten Quelle der Lebenswurzeln.
[ 22 ] In the deepest sense, spiritual science seeks to appeal to this human sense of self, which springs from the sources of spiritual life. In this respect, spiritual science stands in stark contrast to the science that merely passively surrenders to external impressions and allows itself to be addressed only by what external observation and intellectual analysis based on that observation can yield. Spiritual science stands in contrast to the merely passive reception of a science! Spiritual science aims to be—if the word may be used without arrogance—a courageous science that does not arise from passivity, but from activity, from appealing to the roots of life, from drawing upon this innermost source of the roots of life.
[ 23 ] Und wenn sie herausgeholt sind im Appellieren an das geistige Schauen, das sich so einer geistigen Welt gegenüberstellt, dass es erst die geistigen Sinnesorgane — um ein Goethe-Wort zu gebrauchen, die geistigen Augen und Ohren — herausproduziert aus sich, um sie hineinzurichten in die geistige Welt und diese geistige Welt so real zu empfinden, wie nur physische Augen und Ohren die sinnliche Welt als real, als wirklich empfinden können, so darf sich Geisteswissenschaft fühlen als Schülerin desjenigen, was Johann Gottlieb Fichte geahnt hat, was er gewollt hat.
[ 23 ] And when they are drawn out through an appeal to spiritual vision—which confronts a spiritual world in such a way that it first produces the spiritual sense organs—to use a phrase from Goethe, the spiritual eyes and ears — from within itself in order to direct them toward the spiritual world and to perceive this spiritual world as truly as physical eyes and ears can perceive the sensory world as real, as truly real, then spiritual science may consider itself a student of what Johann Gottlieb Fichte intuited, of what he intended.
[ 24 ] Und gerade, wenn man betrachtet, sehr verehrte Anwesende, die Art und Weise, wie Fichte ja sich verbunden wusste mit der ganzen Eigentümlichkeit und Art des deutschen Wesens, dann kann man wissen, dass die besonderen Anlagen zum Aufsteigenlassen des Geistes in die geistigen Höhen wirklich in diesem deutschen Wesen vorhanden sind. «Was man für ein Philosoph ist» — so hat Fichte einmal ein Wort geprägt —, «hängt davon ab, was man für ein Mensch ist.» Und das hat er gezeigt, ein deutscher Mensch wollte er sein. Daher wurde er der deutsche Philosoph, der er geworden ist. Was für ein Philosoph war er denn, Johann Gottlieb Fichte? Der, welcher unablässig von der bloßen Sinneswelt appelliert hat an die geistige Welt und betont hat dasjenige, was dann in so schöner Weise im Jahre 1811 in seinen Vorträgen an der Berliner Universität über die «Tatsachen des Bewusstseins» zum Ausdruck kam, wo er sagte: «Dasjenige, was ich Ihnen zu sagen habe, dazu wird vorausgesetzt ein besonderer geistiger Sinn. Diejenigen, die nur gelten lassen wollen das, was die äußeren Sinne wahrnehmen, die werden mich nicht verstehen. Für die spreche ich wie ein einziger Sehender unter einer Schar von Blindgeborenen.»
[ 24 ] And precisely when one considers, distinguished audience, the way in which Fichte felt so deeply connected to the entire character and nature of the German spirit, one can be certain that the special aptitudes for allowing the spirit to ascend to spiritual heights are truly present in this German spirit. “What kind of philosopher one is”—as Fichte once put it—“depends on what kind of person one is.” And he demonstrated this: he wanted to be a German person. That is why he became the German philosopher that he was. What kind of philosopher, then, was Johann Gottlieb Fichte? He who ceaselessly appealed from the mere sensory world to the spiritual world and emphasized that which was then so beautifully expressed in 1811 in his lectures at the University of Berlin on the “Facts of Consciousness,” where he said: “What I have to say to you presupposes a special spiritual sense. Those who are willing to accept only what the external senses perceive will not understand me. To them I speak as the sole sighted person among a crowd of those born blind.”
[ 25 ] Auf das Schauen des Geistes, auf das Miterleben des geistigen Webens und Wesens in der Welt und in der menschlichen Seele, auf das ging Fichte’sches Streben, und das fühlt er als aus dem innersten der Lebensregungen seines Volkes herausquillend. Und so sehen wir, nicht im Hinstreben zum Geistvollen, aber in den tiefen Anlagen dieses geistige Forschen und Suchen mit den innersten Quellen der Persönlichkeit, den innersten Lebensregungen des Menschen zu verbinden; in dem sehen wir gerade bei Fichte den Kern, Ausdruck des mitteleuropäischen Volkes, des deutschen Volkes.
[ 25 ] Fichte’s endeavor was directed toward the contemplation of the spirit, toward experiencing the spiritual weaving and essence in the world and in the human soul; he felt this welling up from the very depths of his people’s vital impulses. And so we see—not in the striving toward the spiritual, but in the deep inclinations to connect this spiritual inquiry and search with the innermost sources of personality, with the innermost life impulses of the human being—that is precisely where we see in Fichte the core, the expression of the Central European people, the German people.
[ 26 ] Daher finden wir, wie bei Fichte uns entgegentritt dieses scharfe Betonen, dieses prägnante Betonen, das als Weltanschauung auf das Anschauen des Geistes gehen muss. Man braucht nur ein paar Worte, [sehr verehrte Anwesende], von dem zu sagen, worin Fichte etwas vom Innersten seines Forschens und Strebens ausdrückte, was er identisch wusste mit dem Streben des deutschen Volksgeistes; so bekommt man eine Charakteristik desjenigen, was damit eigentlich gemeint ist.
[ 26 ] Thus, as with Fichte, we encounter this sharp emphasis, this concise emphasis, which, as a worldview, must be directed toward the contemplation of the spirit. It takes only a few words, [esteemed audience], to describe what Fichte expressed as the very core of his inquiry and striving—which he knew to be identical with the striving of the German national spirit—to characterize what is actually meant by this.
[ 27 ] So sind die wunderbaren Worte Fichtes, die er selbst gesprochen hat in den «Reden an die deutsche Nation» ebenso zur Charakteristik des tiefsten menschlichen Strebens — wie zur Charakteristik der tiefsten geistigen Anlagen seines Volkes —, und er charakterisiert beide, Fichte, indem er sagt:
[ 27 ] Thus, Fichte’s wonderful words—which he himself spoke in his “Addresses to the German Nation”—characterize both the deepest human aspirations and the deepest intellectual dispositions of his people, and Fichte characterizes both by saying:
Zeit und Ewigkeit und Unendlichkeit erblickt sie
She beholds time, eternity, and infinity
[ 28 ] — er meint die Philosophie, die er suchte [aus den innersten Wurzeln der Lebensregung seines Volkes heraus] —
[ 28 ] — he is referring to the philosophy he sought [from the innermost roots of his people’s vitality] —
in ihrer Entstehung aus dem Erscheinen und Sichtbarwerden jenes Einen, das an sich schlechthin unsichtbar ist und nur in dieser seiner Unsichtbarkeit erfasst, richtig erfasst wird.[...]
Alles als nicht geistiges Leben erscheinende beharrliche Dasein ist nur ein aus dem Sehen hingeworfener, vielfach durch das Nichts vermittelter leerer Schatten, im Gegensatze mit welchem, und durch dessen Erkenntnis als vielfach vermitteltes Nichts, das Sehen selbst sich erheben soll zum Erkennen seines eigenen Nichts und zur Anerkennung des Unsichtbaren als des einzigen Wahren.
in its origin, from the emergence and becoming visible of that One which is, in and of itself, utterly invisible and is grasped—truly grasped—only in this very invisibility of its.[...]
All persistent existence that appears as non-spiritual life is merely an empty shadow cast from vision, mediated in many ways by Nothingness; in contrast to this, and through the recognition of it as a manifoldly mediated Nothingness, vision itself is to rise to the recognition of its own Nothingness and to the acknowledgment of the Invisible as the only Truth.
[ 29 ] Aber, sehr verehrte Anwesende, nicht bloß in solchen abstrakten Worten hat Fichte dasjenige, was er als das innerste Wesen seines Suchens empfand, ausgesprochen. Oftmals haben uns unsere geisteswissenschaftlichen Betrachtungen dahin geführt, zu zeigen, wie Geisteswissenschaft in dem Menschen die auf guten Grundlagen beruhende Überzeugung begründen kann, dass im Menschen der ewige Wesenskern erfahrbar ist, der durch die Pforte des Todes bewusst geht, um nach einer Zeit rein geistigen Erlebens in der geistigen Welt ein neues Dasein anzutreten. Und diejenige Geisteswissenschaft, die eine aktive Wissenschaft ist, die ohne Hochmut eine tapfere Wissenschaft sein will, sein will eine auf den aktiven Kräften der Seele beruhende Wissenschaft, sie spricht nicht in unbestimmter Weise über das Leben nach dem Tode, sie sucht zu erfassen die Eigentümlichkeit des menschlichen Wesens, um zu zeigen, wie es in die geistige Welt hineinschreitet. Da weiß sie auch zu sprechen davon, nicht bloß in abstrakter Weise, sondern in konkreter Weise, wie die Seele sich als Lebendiges weiß, als Lebendiges wissen kann durch jene Erkenntnisse, über die wir morgen sprechen werden, die die Seele gewinnen kann, wenn sie außer dem Leibe ist, wenn sie außer dem Leibe nach diesem Leibe hinschaut, wie auf ein äußeres Objekt, wie auf etwas Äußeres.
[ 29 ] But, distinguished audience, Fichte did not express what he perceived as the innermost essence of his quest merely in such abstract terms. Our reflections on spiritual science have often led us to demonstrate how spiritual science can establish within the human being a conviction, grounded on sound foundations, that the eternal core of being can be experienced within the human being—a core that consciously passes through the gate of death to begin a new existence in the spiritual world after a period of purely spiritual experience. And spiritual science—which is an active science, which without arrogance seeks to be a courageous science, a science grounded in the active forces of the soul—does not speak in vague terms about life after death; rather, it seeks to grasp the unique nature of the human being in order to show how it steps into the spiritual world. Thus it also knows how to speak of this—not merely in an abstract way, but in a concrete way—how the soul knows itself to be alive, how it can know itself to be alive through those insights we will discuss tomorrow, which the soul can gain when it is outside the body, when it looks back at this body from outside, as at an external object, as at something external.
[ 30 ] Wie die andere Wissenschaft spricht von den Dingen der sinnlichen Welt, von den Dingen, die durch die Sinne geschaut werden, so spricht die Geisteswissenschaft von jenem Schauen, das aus der geistigen Welt heraus auf die physische Welt zurückschaut und sie in ein Verhältnis zu bringen vermag.
[ 30 ] Just as the other science speaks of the things of the sensory world—of the things perceived by the senses—so spiritual science speaks of that perception which looks back from the spiritual world onto the physical world and is able to bring them into relationship with one another.
[ 31 ] Da, wo Fichte versucht, dem zweiten Teil der von ihm aufgeworfenen dritten Frage nahezutreten, welches dieses Mittel sei, für die Entwicklung seines Volkes, da macht er eine eigentümliche Bemerkung. Fichte sucht ja diese Mittel in einer radikalen, die vor ihm liegende Anschauung ändernden nationalen Erziehung. Wir können heute — [da die Zeit es wahrhaftig nicht gestattet] — nicht von den Einzelheiten der Fichte’sehen Ideen reden; aber in einer radikalen Änderung aller Erziehungsprinzipien sucht Fichte dasjenige zu sehen, was das Förderlichste nach seiner Überzeugung ist für die Entwicklung seines Volkes. Eine Erziehung, welche nicht bloß auf Äußerlichkeiten geht, sondern bis in die tiefsten «Wurzeln der Lebensregungen». Und da fühlt dann Fichte, wenn er davon erzählt, dass dieses Erziehungsideal sich recht sehr unterscheidet von dem, was die Menschen nach den bisherigen Anschauungen für möglich halten mussten in der Erziehung. Da versetzte er sich nun auf einen solchen Standpunkt, wie wenn er schauen würde von seinem Horizont, in den ihm in aller Realität sein Ideal hineinleuchtet, und will herunterschauen auf dasjenige, was er für überlebt hält [an alten Erziehungsprinzipien]. Und er schildert nun, wie ihm das vorkommt, was sich überlebt hat, er schildert es wieder mit charakteristischen Worten, die in den «Reden an die deutsche Nation» stehen, über die man aber leicht hinwegliest, die aber demjenigen, der die neuere Geisteswissenschaft in sich aufgenommen hat, tief ins Herz gehen müssen. Fichte sagt:
[ 31 ] When Fichte attempts to address the second part of the third question he has raised—namely, what this means might be for the development of his people—he makes a peculiar remark. Fichte seeks these means in a radical form of national education that would transform the prevailing worldview. We cannot today—[since time truly does not permit it]—discuss the details of Fichte’s ideas; but in a radical change of all educational principles, Fichte seeks to identify what he is convinced is most conducive to the development of his people. An education that does not focus merely on outward appearances, but reaches down to the deepest “roots of the life forces.” And when he speaks of this, Fichte senses that this educational ideal differs quite significantly from what people, according to previous views, had to consider possible in education. He then placed himself in a position as if he were looking out from his own horizon, into which his ideal truly shines, and wanted to look down upon what he considered obsolete [of old educational principles]. And he now describes how what has become obsolete appears to him; he describes it once again with characteristic words found in the “Addresses to the German Nation”—words that are easily overlooked but which must touch the heart deeply of anyone who has taken the newer spiritual science to heart. Fichte says:
Die Zeit erscheint mir
Time seems to me
[ 32 ] — die Zeit nämlich, in der die alten Erziehungsprinzipien geherrscht haben —,
[ 32 ] — that is, the period when the old educational principles prevailed —,
die Zeit erscheint mir wie ein Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der anderen Welt, in die die abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich und umgeben sie mit warmem Liebeshauche, zwar begrüßen sie schon freudig heimliche Stimmen der Schwestern und heißen sie willkommen, zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll, zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder Gehör für diese Stimmen oder, wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.
Time seems to me like a shadow standing over its corpse—from which an army of diseases has just driven it out—wailing and unable to tear its gaze away from the shell it once loved so dearly, and desperately trying every means to get back into the dwelling of plagues. True, the life-giving breezes of the other world, into which the departed soul has entered, have already taken her in and surround her with a warm breath of love; true, the secret voices of her sisters already greet her joyfully and welcome her; true, something is already stirring and expanding within her in all directions to develop the more glorious form into which she is to grow; yet she still has no sense of these breezes or hearing for these voices; and even if she did, she is consumed by grief over her loss, believing that in losing it she has also lost herself.
[ 33 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, wenn man die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft, wie sie real in unserer Zeit entwickelt werden können, zusammennimmt, wenn man versucht, sinnbildlich aus der Art, die Geisteswissenschaft zeigt, diese Art, wie der Mensch nach dem Tode zurückblickt auf seinen Leib, wie er empfindet über diesen Leib, wenn man daraus ein Symbolum prägen will für etwas, aus dem man sich herausentwickeln will, so kann man kein besseres Symbolum entwickeln, [als Fichte da entwickelt]. Müssen wir da nicht sagen:
[ 33 ] Well, distinguished guests, if one takes together the insights of spiritual science as they can be genuinely developed in our time, if one attempts, symbolically, to draw from the nature of spiritual science—this way in which a human being looks back upon their physical body after death, how they feel about this body—and if one wishes to forge a symbol from this for something from which one wishes to evolve, then one cannot develop a better symbol [than the one Fichte develops here]. Must we not say:
[ 34 ] In dem Besten, was wir suchen, lebt dasjenige, was in Fichte aufgegangen ist, was in seinem großen Ahnen lebte. Denn war er nicht wirklich bei dem Besten, was wir suchen, was gesucht werden muss in dem Übergang der menschlichen Entwicklung zu einem geistigen Leben? Und heißt es nicht etwas, dass Fichte dieses Suchen in innigen Zusammenhang bringt mit dem deutschen Wesen. Gerade das, was das deutsche Wesen ist, das wird so anschaulich, wenn man — jetzt nicht in abstrakter Theorie, sondern im menschlich-lebendigen Fühlen — das in sich aufnimmt, was aus solchen Auseinandersetzungen, wie Fichte sie gibt in seinen «Reden an die deutsche Nation», [wenn man] sich davon etwas beeinflussen lässt.
[ 34 ] In the best of what we seek lives that which was realized in Fichte, that which lived in his great ancestor. For was he not truly part of the best of what we seek—that which must be sought in the transition of human development toward a spiritual life? And does it not mean something that Fichte connects this search so intimately with the German spirit? It is precisely what the German spirit is that becomes so vivid when one—not in abstract theory, but in a living, human sense—takes in what emerges from such discussions as Fichte presents in his “Addresses to the German Nation,” [when one] allows oneself to be influenced by them.
[ 35 ] Sehr merkwürdig: Einer der philosophischen Repräsentanten der deutschen Nation steht in Fichte vor uns in einer Entwicklungsepoche dieser Nation, [in einer Zeit], wo sie allerdings vor einer harten Prüfung stand, wo sie bereits Jahrhunderte der Entwicklung hinter sich hatte, fragend nach dem innersten Wesen dieser Nation, die große innere Schicksalsfrage aufstellend: «Was ist denn eigentlich ein Deutscher?»
[ 35 ] Very curious: In Fichte, one of the philosophical representatives of the German nation stands before us during a formative era of that nation—[a time] when it was indeed facing a severe trial, when it had already gone through centuries of development—questioning the innermost essence of this nation and posing the great, fundamental question of destiny: “What, after all, is a German?”
[ 36 ] Damit, sehr verehrte Anwesende, damit haben wir etwas richtig Charakteristisches des deutschen Wesens. Engländer, Franzose, Italiener ist man durch dasjenige, was einem eingeprägt ist durch die nationale Eigentümlichkeit. Man ist Engländer, Franzose, Spanier, Italiener, Russe zu irgendeiner Zeit. Deutscher, das geht gerade dem Empfinden und dem Verständnis nach aus Fichtes Worten hervor, Deutscher ist man niemals, man wird es unablässig; denn die Deutschheit steht als ein hohes Ideal vor dem Deutschen. Und in Demut blickt der Deutsche zu dem Ideal auf und fragt sich: Wie werde ich ein Deutscher?
[ 36 ] This, ladies and gentlemen, is something truly characteristic of the German spirit. One is English, French, or Italian by virtue of what has been instilled in one through national characteristics. One is English, French, Spanish, Italian, or Russian at any given time. But as Fichte’s words make clear—based on feeling and understanding—one is never simply “German”; one ceaselessly becomes German, for “Germanness” stands as a lofty ideal before the German. And with humility, the German looks up to this ideal and asks himself: How do I become a German?
[ 37 ] Und so fügen sich zusammen in diesem Deutschwerden als Impulse dieses Deutschwerdens im Grunde diejenigen des Menschwerdens. Zur Entwicklung dessen, was den deutschen Charakter charakterisiert, gehört — fast möchte man sagen, wenn das Wort nicht absurd wäre — die Erhebung des nationalen Fühlens des Deutschen zur allgemeinen Menschlichkeit im Sinne des von Schiller für anderes geprägten Wortes: «Zu welcher Nation bekennst du dich?» Und die Antwort könnte sein: «Zu keiner der bestehenden.» Und warum zu keiner? «Aus deutscher Nationalität!» Denn das ist der charakteristische Unterschied der deutschen Nationalität, und das geht gerade aus Fichtes so nervigen Worten hervor: Es ist das Wesen der Deutschheit, nach dem Wesen des AllgemeinMenschlichen zu streben, zu suchen unablässig: Wie wird man Mensch? Wie wird man Mensch im universellsten Sinne des Wortes? Es liegt ein scheinbarer Widerspruch darin; aber der Widerspruch liegt in allem Lebendigen; der Widerspruch ist das Charakteristische des Lebendigen. Und es tritt uns dieses — was man nennen könnte eine Charakteristik der Deutschheit, die in einem ewigen Streben nach [universellem] Menschentum liegt —, es tritt einem das wiederum so schön in Worten Fichtes klar zutage.
[ 37 ] And so, in this process of becoming German—as the driving forces behind it—the impulses of becoming human are essentially intertwined. Part of the development of what characterizes the German character is—one might almost say, if the word were not absurd—the elevation of the German’s national sentiment to universal humanity in the sense of the phrase coined by Schiller for another purpose: “To which nation do you belong?” And the answer might be: “To none of the existing ones.” And why none? “Because of German nationality!” For that is the defining distinction of German nationality, and it emerges precisely from Fichte’s so-called “annoying” words: It is the essence of Germanness to strive toward the essence of universal humanity, to seek ceaselessly: How does one become human? How does one become human in the most universal sense of the word? There is an apparent contradiction in this; but contradiction lies in all that is alive; contradiction is the defining characteristic of the living. And this—what one might call a characteristic of German-ness, which lies in an eternal striving for [universal] humanity—becomes so beautifully clear to us once again in Fichte’s words.
[ 38 ] Fichte will die Antwort darauf geben, wer eigentlich als ein Deutscher angesehen werden kann. Und er sagt da in den «Reden an die deutsche Nation», die bezeichnet werden können als eines der deutschesten der deutschen Geistesprodukte:
[ 38 ] Fichte seeks to answer the question of who can actually be considered a German. And in his “Addresses to the German Nation”—which can be described as one of the most “German” of all German intellectual works—he says:
[.—.] was an Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt, und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das, wo es auch geboren sei, und in welcher Sprache es rede, ist unsers Geschlechts, es gehört uns an und es wird sich zu uns tun.
[.—.] Whatever believes in spirituality and the freedom of that spirituality, and desires the eternal development of that spirituality through freedom—wherever it may have been born, and whatever language it may speak—is of our kind; it belongs to us, and it will come to us.
[ 39 ] Darinnen haben wir zugleich etwas von dem universellen Streben, das zum Ausdruck kommt, wenn man deutsches Streben in seinem wirklich inneren Sinn, oder — um dieses Wort Fichtes noch einmal zu gebrauchen — an den «Wurzeln der Lebensregungen» ins Auge fasst.
[ 39 ] In this, we also find something of the universal striving that comes to expression when one considers German striving in its truly inner sense, or—to use Fichte’s term once more—at the “roots of the impulses of life.”
[ 40 ] Und im Grunde genommen, sehr verehrte Anwesende, liegt alle Kraft, die aus solcher Lebensanschauung hervorgehen kann, in jedem Wort, das Fichte gesprochen hat, insbesondere aber in denjenigen Worten, die er gesprochen hat, um das Bewusstsein zum Ausdruck zu bringen, das ihm aus dieser, gerade nach seinem Wesen gearteten Weltbetrachtung sich ergab. Man möchte sagen: Wie die seelischen Kräfte, die als Geist und zugleich als Wille sich aussprechen, die selbst sich aussprechen als ewiges inneres Werden, so klingt es zu uns, wenn Fichte — nicht aus einer theoretischen Betrachtung, sondern aus dem Zusammenhang aller menschlichen Seelenkräfte sich über die Unsterblichkeit des Menschen ausspricht, wie er zu den unzähligen Sternen nun den Blick wendet, die im Kosmos stehen, [und Sonnen] und den Planeten, die sich bewegen, wenn er den Blick hinwendet zu hohen Gebirgen, zu den Felsen, den Wolken, die sie einfassen, zu den Wäldern und Flüssen, wenn er den Blick wendet zu den drei Reichen der Natur, und dann ihn zurückwendet auf das menschliche Seelenwesen, und das, was seinem Bewusstsein sich ausdrückt, etwa so ausdrückt in einer Rede, die er seinen Jenenser Studenten gehalten hat:
[ 40 ] And fundamentally, ladies and gentlemen, all the power that can arise from such a view of life lies in every word Fichte spoke—but especially in those words he spoke to express the consciousness that arose in him from this worldview, which was shaped precisely by his very nature. One might say: Just as the powers of the soul—which express themselves as spirit and at the same time as will, and which express themselves as eternal inner becoming—so it resounds within us when Fichte speaks of human immortality—not from a theoretical perspective, but from the context of all human spiritual powers—as he turns his gaze to the countless stars that stand in the cosmos, [and suns] and the planets that move, when he turns his gaze to high mountains, to the rocks, to the clouds that frame them, to the forests and rivers, when he turns his gaze to the three realms of nature, and then turns his gaze back to the human soul, and expresses what arises in his consciousness—as he did, for example, in a lecture he gave to his students at Jena:
[ 41 ] Und ihr Sterne [und ihr Wolken und ihr Felsen], ihr Berge all, wenn ihr alle einmal zusammenstürzet, wenn euch Blitze durchzucken, wenn euch die elementaren Kräfte zermalmen, sodass kein Stäubchen mehr von euch vorhanden ist, so sagt ihr mir nichts über meiner eigenen Seele Wesen. Dieses trotzt eurer Macht, dies ist ewig, wie ihr nicht ewig seid.
[ 41 ] And you stars [and you clouds and you rocks], all you mountains, even if you were all to collapse at once, even if lightning were to flash through you, even if the elemental forces were to crush you so that not a speck of dust remained of you, you would still tell me nothing about the nature of my own soul. It defies your power; it is eternal, whereas you are not.
[ 42 ] Geisteswissenschaft muss heute anders sprechen über diese Dinge, weil sie aus Erkenntnisquellen die entsprechende Überzeugung holt. Aber bei Fichtes Ausgangspunkten entspringt eine Anlage zur Geisteswissenschaft aus einem Wissen, das zugleich Wollen, aus einem Wollen, das zugleich Wissen ist, einem wollenden Wissen davon, dass die ewige Menschenseele, die durch Geburt und Tod schreitet, im unmittelbaren Werden erfasst und in dem Zusammenleben mit diesem ewigen Leben der Menschenseele die Persönlichkeit als verbunden mit der Ewigkeit weiß.
[ 42 ] Today, spiritual science must speak differently about these things because it draws its convictions from sources of knowledge. But in Fichte’s framework, a foundation for the human sciences arises from a knowledge that is at the same time a will, from a will that is at the same time knowledge—a willing knowledge that the eternal human soul, which passes through birth and death, is apprehended in its immediate becoming, and that, in living in communion with this eternal life of the human soul, the personality knows itself to be connected to eternity.
[ 43 ] Und der Ton, der aus solchem Bewusstsein hervorgeht, durchdringt als ein Grundton diejenigen Reden, die Fichte gehalten hat, um in schicksalsschweren Zeiten seinem Volk zum Bewusstsein zu bringen, was es zu verteidigen hat, was es als seinen reichsten Schatz in seinen Seelentiefen birgt und was es gegen alle Welt zu verteidigen hat und verteidigen muss. Es ist das Streben nach allgemeiner Menschheit — heraus sich gebärend aus dem Wesen seines Volkes.
[ 43 ] And the tone that emerges from such a consciousness permeates, as a fundamental note, the speeches that Fichte delivered in order to make his people aware—in times of grave destiny—of what they must defend, what they hold as their richest treasure in the depths of their souls, and what they must and will defend against the whole world. It is the striving for universal humanity—arising from the very essence of his people.
[ 44 ] Und, wie bekräftigend dasjenige, was Johann Gottlieb Fichte, der Philosoph, ausdrückt, steht neben Fichte — dem Philosophen —, Schiller, der große, eindringliche Dichter, steht Schiller, der aus dem mystisch tiefen Wesen des Süddeutschen, insbesondere des schwäbischen Geistes heraus, seine große Dichtung der Freiheit erklingen ließ, der sich hinaufgeschwungen hatte, durch die Anschauungen Goethes auch, zu jenem Streben, das aus einem einzelnen Volkesstreben heraus universellstes Menschheitsstreben gebären will.
[ 44 ] And, as if to reinforce what Johann Gottlieb Fichte, the philosopher, expresses, standing alongside Fichte—the philosopher—is Schiller, the great, powerful poet, stands—Schiller, who, drawing from the mystically profound essence of the South German, and in particular the Swabian, spirit, gave voice to his great poetry of freedom, and who, inspired also by Goethe’s views, had risen to that aspiration which seeks to give birth, out of the aspiration of a single people, to the most universal aspiration of humanity.
[ 45 ] Es wird heute zu wenig gewürdigt, wie Schiller gehoben hat sein Volk auf eine [Bildungshöhe], als er ein Werk schuf, das insbesondere groß ist durch die Höhe der Bildung, durch die Vornehmheit der Bildung und der geistigen Atmosphäre, aus der das Werk heraus entsprungen ist. Ich meine das Werk, an dem man am leichtesten vorübergeht, Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen. Man könnte auch sagen, Schiller versuchte, durch das Werk zu beantworten die Frage für sein Volk: Wie erlangt der Mensch die Freiheit? Und im höchsten Stile tritt er an das Rätsel der menschlichen Freiheit heran. Ich möchte sagen: Es gibt keine geistige Höhe, es gibt keine menschheitsvolle empfindungsvolle Tiefe, aus denen Schiller nicht holen will die Mittel zur Beantwortung der Frage: Was ist menschliche Freiheit?
[ 45 ] Today, too little recognition is given to the way Schiller elevated his people to a [level of cultural refinement] when he created a work that is particularly great because of the height of its cultural refinement, the nobility of that refinement, and the intellectual atmosphere from which the work sprang. I am referring to the work that is most easily overlooked: *Letters on the Aesthetic Education of Man*. One could also say that, through this work, Schiller sought to answer the question for his people: How does a human being attain freedom? And he approaches the enigma of human freedom in the most sublime style. I would like to say: There is no intellectual height, no humane, sensitive depth, from which Schiller would not draw the means to answer the question: What is human freedom?
[ 46 ] Zweifach kann menschliche Freiheit beeinträchtigt werden im höchsten Stile, so sagt sich Schiller. Da ist zunächst dasjenige, dem sich der Mensch zu fügen hat in der logischen Notwendigkeit, wenn er seiner Vernunft folgen muss, die Schlussfolgerung an Schlussfolgerung kettet.
[ 46 ] Human freedom can be impaired in the most profound way in two ways, Schiller says. First, there is that to which a person must submit out of logical necessity when he must follow his reason, which links one conclusion to the next.
[ 47 ] Der Mensch mag sich äußerlich frei fühlen in einer solchen logischen Tätigkeit, innerlich frei ist er nicht, denn er ist ein Sklave der logischen Notwendigkeit; und indem er sich ihr fügt, ist er nicht frei, der Mensch. Ebenso wenig ist er frei, wenn er sich zu fügen hat dem die Sinne treibenden Empfinden, den Naturnotwendigkeiten der Natur-Notdurft.
[ 47 ] A person may feel outwardly free in such logical activity, but inwardly he is not free, for he is a slave to logical necessity; and by submitting to it, he—the person—is not free. Nor is a person free when he must submit to the sensations that drive the senses, to the natural necessities of bodily needs.
[ 48 ] Nach diesen zwei Seiten kann der Mensch unfrei werden.
[ 48 ] According to these two pages, a person can lose their freedom.
[ 49 ] Wodurch aber wird er frei? Oh, frei wird er im Stile Schillers, wenn es ihm gelingt, loszulösen aus dem Innern das, was in seinen inneren Tiefen verborgen ruht als Wesenskern, was zwischen Geburt und Tod nicht unmittelbar wahrgenommen wird, was nur wahrgenommen werden kann, wenn es losgelöst wird aus seinem verborgenen Dasein und wenn das Wesen heraufsteigt auf der einen Seite in die geistige Region, um dort solche inneren Impulse zu entwickeln, wodurch die Seele Herr wird in der Welt, wo sie sonst Sklave ist, wenn sie heraufsteigen kann in das Reich der Geistigkeit und darinnen frei schaltet, wie das Kind frei schaltet in seinem Spiel.
[ 49 ] But how does he become free? Oh, he becomes free in the style of Schiller when he succeeds in detaching from within that which lies hidden in his innermost depths as the core of his being—that which is not directly perceived between birth and death, that which can only be perceived when it is detached from its hidden existence and when the essence ascends, on the one hand, into the spiritual realm to develop there such inner impulses through which the soul becomes master in the world where it is otherwise a slave—if it can ascend into the realm of spirituality and act freely within it, just as a child acts freely in its play.
[ 50 ] Dann fühlt sich die Seele im Geiste frei und wenn sie wieder heruntersteigen kann in den Leib, aber den Geist nicht verliert, sondern mit dem Geiste heruntersteigt in das, was sinnlich notwendig ist, und die Sinnlichkeit handhabt so, dass indem, was das Auge schaut, dass das Ohr hört, dass die Hand ergreift, dass in dem Sinnlichen die Geistigkeit durchschaut wird, alles Geistige durchsinnlichend, alles Sinnliche durchgeistigend, dass erlebt wird jenes höhere Selbst im Selbst, nach dem Schiller strebte, indem er diese Briefe schrieb.
[ 50 ] Then the soul feels free in the spirit, and when it can descend again into the body—yet without losing the spirit, but rather descending with the spirit into what is sensually necessary—and handles sensuousness in such a way that, through what the eye sees, what the ear hears, and what the hand grasps, the spiritual is perceived within the sensuous, permeating all that is spiritual through the sensuous, and everything sensual is imbued with the spiritual—so that one experiences that higher self within the self toward which Schiller strove as he wrote these letters.
[ 51 ] Man darf fragen, bedeutet es nicht doch eine hohe Blüte menschlicher Entwicklung, wenn aus Kräften eines Volkes heraus auf höchste menschliche Fragen nicht eine philosophisch-theoretische Antwort, sondern eine Antwort aus dem ganzen Umfang menschlichen Fühlens gegeben wird, wie sie Schiller gegeben hat? Damals war es auch, wo Schiller sich die bedeutungsvolle Frage aufwarf: Welches sind nun die Abirrungen der Menschheit und der Menschlichkeit?
[ 51 ] One might ask: Does it not, after all, represent a high point in human development when, drawing on the strengths of a people, an answer to the highest questions of humanity is provided—not a philosophical-theoretical one, but an answer drawn from the full range of human feeling, as Schiller provided? It was also at that time that Schiller posed the significant question: What, then, are the aberrations of humanity and human nature?
[ 52 ] Der «Barbar» ist es auf der einen Seite; der «Barbar», bei dem der Fall eintritt, dass er durch seine Grundsätze in Bezug auf seine Triebe und menschlichen Impulse überwältigt wird. Solch ein «Barbar» kann der Mensch nicht werden, denn er muss seine Grundsätze lieb gewinnen, sodass er nicht versklavt wird, sondern dass er seine Triebe in die Welt des Geistes seiner Grundsätze hinaufträgt, dass er dasjenige, was er tun muss, tun will, weil er es liebt. Und ein Wilder ist der Mensch — [das ist die andere Abirrung] —, wenn er durch seine Triebe, [seine Instinkte] überwältigen lässt seine Grundsätze.
[ 52 ] On the one hand, there is the “barbarian”—the “barbarian” who finds himself overwhelmed by his principles when it comes to his instincts and human impulses. Human beings cannot become such “barbarians,” for they must come to cherish their principles so that they are not enslaved, but rather so that they elevate their drives into the spiritual realm of their principles, so that they want to do what they must do because they love it. And a human being is a savage—[this is the other deviation]—when he allows his drives [his instincts] to overwhelm his principles.
[ 53 ] So gab es einen Punkt tiefsten deutschen Sinnens, indem die Frage aufgeworfen wurde: Wie findet der Mensch zwischen den Gebieten des Wilden und des «Barbaren» hindurch wahres Menschentum? So hat dasjenige, was im höchsten Sinne spirituell-idealistisches Gewissen im deutschen Volke ist, den wahren Menschen gesucht.
[ 53 ] Thus there was a moment of profound German reflection in which the question was raised: How does a person find true humanity amidst the realms of the “wild” and the “barbarian”? In this way, that which constitutes—in the highest sense—the spiritual-idealistic conscience of the German people has sought the true human being.
[ 54 ] Dürfen sie die Angehörigen eines Volkes, das also zwischen der Klippe des «Barbarismus» und der Wildheit den wahren Menschen gesucht hat, dürfen sie das Volk «Barbarenvolk» nennen?! Die Frage könnte uns, wie ein Refrain, aus vielem hervorgehen und uns immer wieder und wiederum entgegentönen: Warum nennen sie dieses Volk [Schillers und Fichtes] ein «Barbarenvolk»? Kommt es darauf an, welche Mittel, [sehr verehrte Anwesende], dieser Krieg heute suchen muss? [Das konnten alle wissen, bevor er begonnen hat!] Kindisch ist es, davon zu sprechen, welche Mittel der Krieg suchen muss; würdig ist es eines echten Betrachters der menschlichen Entwicklung, zu fragen: Was muss verteidigt werden?
[ 54 ] Can they call the people—who have sought the true human being caught between the precipice of “barbarism” and savagery—a “barbarian people”?! This question could emerge, like a refrain, from many sources and resound in our ears again and again: Why do they call this people [of Schiller and Fichte] a “barbarian people”? Does it matter, [my esteemed audience], what means this war must resort to today? [Everyone could have known that before it began!] It is childish to speak of what means the war must resort to; it is befitting of a true observer of human development to ask: What must be defended?
[ 55 ] Und wir haben ein wenig gesucht, was verteidigt werden muss, indem wir das Erbe — wenn auch nur in einzelnen Strichen — Schillers und Fichtes vor unsere Seele hinstellten. Und wahrhaftig, sie fühlten so, diese unsere Großen, über die Verbindung des deutschen Wesens mit dem, was sie im Sinne allgemeinst-menschlichen Strebens selbst wollten. Und dasjenige, was lange nach Schillers Tod als Worte bekannt geworden ist, die als ein Vermächtnis gelten können, zeigt, wie Schiller sich mit dem hier ein wenig Charakterisierten hineinstellt in das Wesen seines Volkes. Führen wir uns, die ja oftmals gehörten Worte in dieser Zeit vor die Seele, die Worte, die er sprach im Hinblick auf dasjenige, was die Deutschen zu tun haben, [um sich aufrechtzuhalten] gegen eine Welt von Gegnern.
[ 55 ] And we sought, to some extent, what must be defended by holding before our minds the legacy—albeit only in broad strokes—of Schiller and Fichte. And truly, this is how our great figures felt about the connection between the German spirit and what they themselves sought in the sense of the most universal human aspirations. And what, long after Schiller’s death, has become known as words that can be regarded as a legacy shows how Schiller, through what has been briefly characterized here, places himself within the essence of his people. Let us bring to mind the words we have so often heard in this era—the words he spoke regarding what the Germans must do [to maintain their standing] against a world of adversaries.
Dem, der den Geist bildet, beherrscht,
muss zuletzt die Herrschaft werden, denn
endlich an dem Ziel der Zeit, wenn anders die
Welt einen Plan, wenn des Menschen
Leben irgend nur Bedeutung hat, endlich
muss die Sitte und die Vernunft siegen,
die rohe Gewalt der Form erliegen
und das langsamste Volk wird alle
die schnellen Flüchtigen einholen.Ihm
He who shapes and masters the spirit,
must ultimately reign, for
at the end of time, if the
world has a plan, if human
life has any meaning at all, then ultimately
morality and reason must prevail,
the brute force of form must yield
and the slowest people will catch up to all
the swift and fleeting ones.To him
[ 56 ] —dem Deutschen —
[ 56 ] —the German —
ist das Höchste bestimmt,
und so wie er in der Mitte von
Europens Völkern sich befindet,
so ist er der Kern der Menschheit,
jene sind die Blüte und das Blatt.Er ist erwählt von dem Weltgeist, während
ganzen Zeit.
des Zeitkampfs
an dem ewigen Bau der Menschenbildung
zu arbeiten, zu bewahren, was die Zeit bringt,
daher hat er bisher Fremdes sich angeeignet
und es in sich bewahrt.
Alles, was Schätzbares bei andern Zeiten
und Völkern aufkam, mit der Zeit
entstand und schwand, hat er aufbewahrt,
es ist ihm unverloren, die Schätze von
Jahrhunderten.
Nicht im Augenblick zu glänzen und
seine Rolle zu spielen, sondern den großen
Prozess der Zeit zu gewinnen. Jedes Volk
hat seinen Tag in der Geschichte, doch
der Tag des Deutschen ist die Ernte der
is destined for the highest,
and just as it is situated in the midst of
the peoples of Europe,
so it is the core of humanity,
while they are the blossom and the leaf.He has been chosen by the World Spirit, while
all of time.
in the struggle of time
to work on the eternal edifice of human development
to preserve what time brings,
and so he has, until now, assimilated what is foreign
and preserved it within himself.
Everything of value that arose in other eras
and among other peoples—things that, over time
came into being and faded away—he has preserved;
it remains his own: the treasures of
centuries.
Not to shine for a moment and
play its part, but to win the great
process of time. Every people
has its day in history, yet
the day of the Germans is the harvest of
[ 57 ] Wohl aus tief bewegtem Herzen, aus einem Herzen, das mitfühlte den Pulsschlag seines Volkes, sprach Schiller solche Vermächtnisworte für sein Volk.
[ 57 ] It was likely from a heart deeply moved—a heart that felt the pulse of his people—that Schiller spoke these words of legacy to his people.
[ 58 ] Das, sehr verehrte Anwesende, fühlen wir als die Seele, die hinter dem steht, was wie der Krieg eben grausam sein muss, grausam nach demjenigen, was ja wahrhaftig nicht aus deutschem Geist erwachsen ist, sondern was erwachsen ist zum großen Teil aus demjenigen, was nicht deutschen Geistes ist.
[ 58 ] That, ladies and gentlemen, is what we perceive as the soul behind what must necessarily be as cruel as war—cruel in a way that truly does not stem from the German spirit, but rather stems largely from that which is not of the German spirit.
[ 59 ] Die kindische Redensart, dass der Deutsche eine besondere Vorliebe für Militarismus hat, braucht ja bei uns nicht besonders erörtert zu werden; vielleicht darf aber doch — wenn uns der Refrain immer wieder entgegentönt: «Warum nennen sie das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»? —, vielleicht darf aber doch diese Frage gewissermaßen in die andere verwandelt werden. Konnte man denn glauben, wenn in der Stärke von zweieinhalb zu eins wie gegen eine Festung heranrückend eine Welt in Waffen gegen deutsches Wesen steht, dass dann die Deutschen kämpfen werden, indem sie den Kanonen gegenüber Schillers Gedichte oder Fichtes Philosophie rezitieren? Nur derjenige, der das erwartet hat, kann davon sprechen, wovon jetzt so vielfach in der Welt gesprochen wird.
[ 59 ] The childish claim that Germans have a particular fondness for militarism need not be discussed at length here; perhaps, however—since we hear this refrain time and again: “Why do they call the people of Schiller and Fichte a ‘barbarian people’?”—perhaps this question may, in a sense, be rephrased as another. Could one really believe that, when a world in arms stands against the German spirit, advancing with a two-and-a-half-to-one advantage as if against a fortress, the Germans would fight by reciting Schiller’s poems or Fichte’s philosophy in the face of the cannons? Only those who expected this can speak of what is now so widely discussed throughout the world.
[ 60 ] Aber ist immer das Gesprochene wahr? Nur mit ein paar Worten sei hingedeutet auf die Art, wie ein großer Geist, ein hervorragender Geist der neueren Zeit über deutsches Wesen gedacht hat, wie er gedacht hat über dasjenige Wesen, wovon wir versuchen ein Bild vor unsere Seele zu rufen durch einige Charakterzüge der Fichte’sehen und Schiller’sehen Denkart. Steht diese Denkart doch mit alledem, was in dem universellen Geist, in Goethe uns vor Augen gerückt ist im Zusammenhang, der ja der Mittelpunkt der deutschen Entwicklung vorläufig ist. Nun, dasjenige, was Fichte und Schiller geworden sind, es ist zugleich Goethe’sches Wesen. Ich möchte sagen, das, wovon der Amerikaner Emerson spricht, es ist nicht bloß Goethes, sondern Schillers und Fichtes Wesen.
[ 60 ] But is what is said always true? Let us briefly allude to the way in which a great mind, an outstanding mind of modern times, conceived of the German spirit—how he conceived of that very essence which we are attempting to conjure up in our minds through certain characteristics of Fichte’s and Schiller’s modes of thought. After all, this way of thinking is connected to everything that has been brought before our eyes in the universal spirit, in Goethe—who is, for the time being, the center of German development. Now, what Fichte and Schiller have become is at the same time Goethe’s essence. I would say that what the American Emerson speaks of is not merely Goethe’s essence, but also that of Schiller and Fichte.
[ 61 ] Und ich führe wahrhaftig nicht nur deshalb, weil es uns sympathisch ist, sondern aus anderen Gründen einen nicht deutschen Beurteiler des deutschen Wesens an, das geworden ist im neunzehnten Jahrhundert aus den Keimen, die Schiller, Fichte, Goethe gelegt haben, ich führe die Worte eines auf der Höhe des amerikanischen Geisteslebens stehenden Geistes an, [der diese Worte nicht in deutscher], in englischer Sprache gesprochen hat — Emerson —, um die Frage aufzuwerfen: Wie hat das «Barbarenvolk» mit seiner Kultur auf die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts [gewirkt], die etwas verstanden von deutscher Kultur?
[ 61 ] And I truly cite a non-German evaluator of the German character—which emerged in the nineteenth century from the seeds sown by Schiller, Fichte, and Goethe—not merely because we find him appealing, but for other reasons, I cite the words of a thinker at the pinnacle of American intellectual life—[who spoke these words not in German], but in English—Emerson—to raise the question: How did this “barbarian people” and its culture [affect] the people of the nineteenth century who understood something of German culture?
[ 62 ] Emerson, der große Amerikaner, sagt:
[ 62 ] Emerson, the great American, says:
Eine Eigenschaft vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung: dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert.
One quality in particular, which Goethe shares with his entire nation, makes him an exceptional figure in the eyes of both French and English audiences: that everything about him is based solely on inner truth.
[ 63 ] So sieht der Amerikaner das deutsche Wesen repräsentiert durch Goethe, konzentriert in Goethe an, dass das deutsche Wesen darin besteht, dass sich alles auf Wahrheit basiert!
[ 63 ] This is how the American views the German spirit, as represented by Goethe—concentrated in Goethe—namely, that the German spirit consists in everything being based on truth!
[ 64 ] Emerson sagt in englischer Sprache weiter:
[ 64 ] Emerson goes on to say in English:
In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden.
In England and America, talent is respected, but people are satisfied only when it works for or against a party they believe in. In France, people are delighted simply to see brilliant ideas, no matter where they lead. In all these countries, however, talented men write to the best of their ability. If what they present stimulates the discerning reader and contains nothing that offends good taste, it is considered sufficient. So many columns, so many hours spent pleasantly and usefully.
[ 65 ] Nicht ein Deutscher sagt das, wie gesagt!
[ 65 ] As I said, not a single German says that!
Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit, allein was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin?». Das deutsche Publikum verlangt von [einem] Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? — Woher hat er alle diese Gedanken?
The German mind possesses neither the French vivacity nor the English penchant for practicality, nor, finally, the American spirit of adventure; what it does possess, however, is a certain probity that never stops at the outward appearance of things, but always returns to the central question: “Where is this leading?” The German public demands that [a] writer rise above things and simply express his views on them. Intellectual agility is present—very well: What is it serving? What is this man’s opinion? Where does it come from?—Where does he get all these thoughts?
[ 66 ] Ich zitiere einen Englischsprechenden!
[ 66 ] I'm quoting an English speaker!
Die Engländer [...] sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.
Die Deutschen denken für Europa.
The English [...] see only the individual; they do not know how to view humanity as a whole in accordance with higher laws.
The Germans think on behalf of Europe.
[ 67 ] In englischer Sprache geschrieben!
[ 67 ] Written in English!
Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.
Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansch’n
The English do not appreciate the depth of the German genius.
For this reason, the terms of distinction commonly used in sophisticated conversation are all of German origin. While the English and French, who are renowned for their acumen and erudition, approach their studies and their perspective with a certain superficiality
[ 68 ] — in englischer Sprache geschrieben! —
[ 68 ] — written in English! —
und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie er; haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe
and their personal character is not all that closely connected to what they possess and to the way they express themselves, says Goethe
[ 69 ] — den Emerson als den Repräsentanten der deutschen Nation ansieht —,
[ 69 ] — whom Emerson regards as the representative of the German nation —,
das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, was noch besser ist. [...] Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.
the heart and soul of the German nation, not because he has talent, but because truth concentrates its rays in his soul and shines forth from it. He is wise to the highest degree, even if his wisdom is often veiled by his talent. As excellent as what he says is, he has something even better in mind. [...] He possesses that awe-inspiring independence that springs from communion with the truth.
[ 70 ] So, sehr verehrte Anwesende, konnte im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts über deutsches Wesen gedacht und gesprochen werden von einem der erleuchtesten Geister des neunzehnten Jahrhunderts. Warum nennen sie das Volk, über das so gesprochen werden muss, ein «Barbarenvolk»? Es klingt uns immer wieder und wiederum als Refrain [entgegen]. Wir brauchen ja die Frage nicht zu beantworten, angesichts der Tatsache, wir brauchen sie nur aufzuwerfen.
[ 70 ] Thus, ladies and gentlemen, one of the most enlightened minds of the nineteenth century was able to reflect on and speak about the German character throughout that century. Why do they call the people, about whom one must speak in this way, a “barbarian people”? It resounds in our ears again and again like a refrain [in defiance]. We do not, of course, need to answer the question; given the facts, we need only raise it.
[ 71 ] Noch etwas, sehr verehrte Anwesende, ganz kurz, man möchte sagen Monate vor dem Kriege wurden in einer der südlichen Städte Großbritanniens Vorträge gehalten über deutsches Geisteswesen, Vorträge über deutsches Geisteswesen und Geistesleben, um dieses deutsche Geistesleben — die Vorträge sind auch übersetzt worden und als Buch zu haben in deutscher Sprache —, um dieses deutsche Geistesleben, so wird es in der Vorrede des Buches gesagt, ein wenig zugänglich zu machen Leuten, die, wie der englische Verfasser dazu meint, allzu wenig von diesem Geistesleben wussten. Er spricht ausdrücklich aus, welche Leute er meint — er spricht von den englischen Journalisten —, ich weiß nicht, wie viel sie aus diesen Vorträgen gelernt haben, die Journalisten, nach den Proben, die wir jetzt in ihrem Urteil über deutsches Wesen erleben.
[ 71 ] One more thing, ladies and gentlemen—very briefly: one might say that months before the war, lectures were given in one of the southern cities of Great Britain on the German spirit, lectures on the German spirit and intellectual life, in order to make this German intellectual life —the lectures have also been translated and are available as a book in German—in order to make this German intellectual life, as the book’s preface states, a little more accessible to people who, as the English author believes, knew far too little about it. He explicitly states which people he has in mind—he speaks of English journalists—but I do not know how much these journalists have learned from these lectures, judging by the examples we are now seeing in their assessments of the German character.
[ 72 ] Aber vielleicht dürfen die Worte eines direkt englischen, keines amerikanischen Mannes, die nicht lange vor dem Krieg [in Universitätsvorträgen, die zur Aufklärung des englischen Journalismus] gesprochen wurden und die aufklären sollten den Journalismus über deutsches Wesen, vielleicht dürfen diese Worte auch ein wenig berücksichtigt werden. Das, was also hier mitgeteilt wird, ist nicht etwa in Amerika durch Emerson, sondern in England, in englischer Sprache über deutsches Wesen, deutsches Geistesleben, gesagt:
[ 72 ] But perhaps the words of a man who was English through and through—not American—spoken not long before the war [in university lectures intended to enlighten English journalists] and meant to enlighten the press about the German character—perhaps these words, too, deserve some consideration. What is conveyed here, then, was not said in America by Emerson, but in England, in the English language, about the German character and German intellectual life:
Der hochbegünstigten Auslese unter Descartes’ und Newtons Landsleuten war der Geist der Wissenschaft fraglos bekannt; aber der leidenschaftliche Drang nach Wissen wurde dem modernen Europa, falls überhaupt, vor allem durch Tausende von deutschen Forschern gelehrt.
The spirit of science was undoubtedly familiar to the highly privileged elite among Descartes’ and Newton’s compatriots; but the passionate drive for knowledge was taught to modern Europe—if at all—primarily by thousands of German researchers.
[ 73 ] Fast geniert man sich, aber es ist ja zunächst englisch gesprochen.
[ 73 ] It's almost embarrassing, but it's spoken in English at first.
Die Einbildungskraft, das Gefühl, der Wille machten ihr Recht neben der Vernunft oder über sie hinaus gehört zu werden, geltend, und unter ihrem umgestaltenden Druck wurde das Weltall tiefer, weiter und wundervoller. Das Irrationale wurde als eine Quelle der Erleuchtung anerkannt; Weisheit wurde vom Kinde und der Blume geholt; Wissenschaft, Philosophie und Dichtung kamen einander nahe. Bei uns in England schuf diese Wiederbelebung der Einbildungskraft eine edle Dichtung, ließ jedoch die Wissenschaften und die Philosophie fast unberührt. Einer der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Periode ist die Tatsache, dass, während in England und Frankreich die poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen Bewegungen größtenteils in getrennt liegenden Kanälen dahinflossen, sie in Deutschland einander berührten oder völlig ineinander aufgingen. Wordsworth sang und Bentham rechnete; Hegel aber fing den Genius der Dichtung im Netz seiner Logik; und der Gedanke, welcher entdeckt und erklärt, und die Einbildungskraft, welche Neues hervorbringt, sie wirkten in fruchtbarer Harmonie zusammen in dem Genius Goethes.
Im Faust, am Schluss seines vielbewegten Lebens, sehen wir das heutige Deutschland vorgebildet, das Deutschland rastlos-kühnen Wollens und Handelns, und wir können umso besser verstehen, weshalb der große Weltbürger, in dessen Augen Staat und Volkstum untergeordnete und manchmal schädliche Ideale waren, dennoch seine unangreifbare Stelle als der höchste Dichter des Deutschen Reiches neben Bismarck, seinem Schöpfer, behauptet.
The imagination, emotion, and will asserted their right to be heard alongside reason—or even beyond it—and under their transformative pressure, the universe became deeper, broader, and more wondrous. The irrational was recognized as a source of enlightenment; wisdom was drawn from children and flowers; science, philosophy, and poetry drew closer together. Here in England, this revival of the imagination gave rise to noble poetry, yet left the sciences and philosophy almost untouched. One of the keys to understanding the entire period is the fact that, while in England and France the poetic, philosophical, and scientific movements flowed largely in separate channels, in Germany they touched one another or merged completely. Wordsworth sang and Bentham calculated; Hegel, however, ensnared the genius of poetry in the web of his logic; and the thought that discovers and explains, and the imagination that brings forth the new—these worked together in fruitful harmony in the genius of Goethe.
In *Faust*, at the end of his eventful life, we see a foreshadowing of today’s Germany—the Germany of restless, bold will and action—and we can all the better understand why the great cosmopolitan, in whose eyes the state and national identity were subordinate and sometimes harmful ideals, nevertheless asserted his unassailable position as the greatest poet of the German Empire alongside Bismarck, his creator.
[ 74 ] Und in diesen Vorträgen, in denen so gründlich, möchte man sagen über den Geist gesprochen wird auch über Hegel, der zusammenfasst deutsches Wesen in kristallklarste Gedankenbilder — Hegel, dessen Gedenktafel wir am Hause gegenüber sehen —, da finden wir auch die Worte.
[ 74 ] And in these lectures, which discuss the spirit—and, one might say, in such depth—as well as Hegel, who distills the German essence into crystal-clear mental images—Hegel, whose commemorative plaque we see on the building across the street—we also find these words.
[ 75 ] [Sehr verehrte Anwesende], ja, ich sage es wirklich nur aus dem Grunde, weil ich ja nicht ganz hinaus bin über das Goethe’sche Diktum, das er einmal sagt: Die Leute sagen, das Eigenlob stinkt; was aber fremder Tadel für einen Geruch habe, davon sprechen sie nicht gerne. Man kann sich doch über solche Worte schwer hinauserheben, aber, nicht wahr, wenn die Worte in englischer Sprache gesagt worden sind, dürfte das vielleicht eine Entschuldigung sein, wenn sie in Deutschland wiederholt werden. Monate vor dem Kriege sind sie gesprochen worden an derselben Universität in Manchester: «Keine deutschen Wörter sind tiefer mit dem Saft nationaler Ethik durchtränkt als die, welche diese Dinge bezeichnen: wahr, gründlich, treu.» «Wahr, gründlich, treu», man könnte fast stolz sein auf diese Charakteristik von jenseits des Kanals, [sehr verehrte Anwesende]. Aber fügen wir in der kurzen Zeit, die uns für die heutige Betrachtung noch zur Verfügung steht, noch etwas an, was auf diese Worte eine Beziehung hat.
[ 75 ] [Ladies and gentlemen], yes, I really say this only because I haven’t quite gotten past Goethe’s dictum, which he once stated: “People say that self-praise stinks; but they don’t like to talk about what smell others’ criticism has.” It is difficult to rise above such words, but, isn’t it true, if the words were spoken in English, that might perhaps serve as an excuse for repeating them in Germany. They were spoken months before the war at the same university in Manchester: “No German words are more deeply imbued with the essence of national ethics than those that denote these things: true, thorough, faithful.” “True, thorough, faithful”—one could almost be proud of this characterization from across the Channel, [distinguished guests]. But let us add, in the short time still available to us for today’s reflection, something else that relates to these words.
[ 76 ] Ich spreche zu Ihnen als ein Mensch, welcher seine Jugend verbracht hat in Österreich, innerhalb einer Gruppe von Menschen, welche herbeigesehnt haben aus ganz andersartigen Verhältnissen heraus den Augenblick, wo in einer großen Tat oder in irgendeinem größeren Zusammenhang österreichische Kultur mit deutscher Kultur zusammengehen könne — also in einer Gruppe derjenigen Menschen, die etwas vorfühlten von dem, was jetzt so herzbewegend durch unsere mitteleuropäischen Seelen geht, [etwas vorfühlten von dem Pulsschlag der Zeit]. Und ich erinnere mich an ein Wort — das dazumal viel herumgetönt hat um das Ohr derjenigen, die nur etwas fühlten von dem Pulsschlag der Zeit —, an ein Wort erinnere ich mich, das Wort «Herbstzeitlose». Und woher kam das Wort «Herbstzeitlose»? Ich will es ganz kurz andeuten.
[ 76 ] I speak to you as a person who spent his youth in Austria, among a group of people who, coming from very different backgrounds, longed for the moment when Austrian culture and German culture might unite in a great endeavor or within some broader context — that is, within a group of people who sensed something of what is now so deeply moving our Central European souls, [sensed something of the pulse of the times]. And I recall a word—one that was much on the lips back then of those who sensed even a little of the pulse of the times—I recall a word: “autumn crocus.” And where did the word “autumn crocus” come from? I’ll hint at it very briefly.
[ 77 ] In Österreich gab es in den Siebzigerjahren [nach dem Parlamentskongress] eine liberale Partei, eine aus lauter bedeutenden Talenten bestehende Partei, deren Führer [Eduard] Herbst war. Er vertrat einen gewissen abstrakten Liberalismus, einen so recht nach dem Muster englischer Parlamentaristen zugeschnittenen Liberalismus. Auf dem Berliner Kongress hat unter dem vorwiegenden Einfluss der damaligen englischen Staatsmänner Österreich die Mission bekommen, nach Südosten herunter zu wirken, was dann seinen Ausdruck fand in der Okkupation und späteren Annexion von Bosnien und der Herzegowina, und alledem, was Österreich als seine Mission auffasste.
[ 77 ] In Austria during the 1870s [after the Parliamentary Congress], there was a liberal party—a party composed entirely of prominent figures—whose leader was [Eduard] Herbst. He advocated a certain abstract liberalism, a liberalism modeled very much on that of English parliamentarians. At the Berlin Congress, under the predominant influence of the English statesmen of the time, Austria was given the mission to exert influence toward the southeast, which then found expression in the occupation and subsequent annexation of Bosnia and Herzegovina, and in everything else that Austria regarded as its mission.
[ 78 ] Österreich hat dazumal gerade durch den Einfluss Englands sich den Zorn [dazumal schon] der russischen Panslawisten auf den Hals geladen; denn England hat Österreich gegen die Aspirationen des russischen Einflusses auf die Balkanhalbinsel geschickt. Diejenigen, die dazumal Herbstianer waren in Österreich, die wendeten sich gegen diese Mission. Bismarck aber wusste, wie das zusammenhängt mit der ganzen neuzeitlichen Entwicklung, wie da unter dem Einfluss Englands der russische Groll sich neu entzündete. Damals entstand ein gewisser Impuls der österreichischen Politik nach dem Südosten hin, und Bismarck wusste, dass dies geschehen musste. Er fand, dass diejenigen, die das nicht verstanden in Österreich unter dem Einfluss von [Eduard] Herbst, die «Herbstzeitlosen» seien. Und wie bei dem geistvollen, seine Zeit verstehenden Mann ein Witz wirkt, wie eine Kraft, die vernichten kann, so vernichtete die HerbstPartei das Diktum der «Herbstzeitlosen». Worte, die von persönlicher Kraft gebildet werden, die wirken wie persönliche Kräfte in der Welt.
[ 78 ] At that time, Austria—precisely because of England’s influence—had already incurred the wrath of the Russian Pan-Slavists; for England had sent Austria to counter Russian aspirations for influence on the Balkan Peninsula. Those in Austria who were followers of Herbst at the time opposed this mission. Bismarck, however, understood how this fit into the broader context of modern developments—how, under England’s influence, Russian resentment had been reignited. At that time, a certain impulse in Austrian policy toward the southeast emerged, and Bismarck knew that this was inevitable. He believed that those in Austria who failed to understand this—under the influence of [Eduard] Herbst—were the “Herbstzeitlosen.” And just as a witticism from a man of intellect who understands his time acts as a force capable of destruction, so too did the Herbst Party destroy the dictum of the “Herbstzeitlosen.” Words formed by personal power act like personal forces in the world.
[ 79 ] Nun, wie waren denn die mitteleuropäischen Menschen? Sie haben damals als «Barbaren» hingenommen, dass man in England versteht die südöstliche Mission. Sie haben es festgehalten bis 1914 hin. Sie haben alles getan, was sie konnten. [Gründlich waren sie], treu waren sie dem, was dazumal die Staatsmänner Englands aufgetragen haben den mitteleuropäischen Völkern: Sie waren wahr, gründlich und treu, diese mitteleuropäischen Völker!
[ 79 ] Well, what were the Central European people like? Back then, as “barbarians,” they accepted what is understood in England as the “southeastern mission.” They held fast to it until 1914. They did everything they could. [They were thorough], and they were faithful to what England’s statesmen had entrusted to the Central European peoples at that time: these Central European peoples were true, thorough, and faithful!
[ 80 ] Wir brauchen das nur hinzustellen, und daneben die Tatsache, [sehr verehrte Anwesende], dass nun England aufseiten derjenigen Macht steht, deren Groll sowohl gegen Deutschland wie gegen Österreich, es dazumal Deutschland und Österreich an den Hals gehetzt hat. [Und ich habe zu fragen]: Ist auch das Verlassen desjenigen Bodens, auf dem es damals gestanden hat, ist auch das wahr, gründlich und treu? Wenn die heutigen Ereignisse aus dem folgen, was somit bestimmt war — warum nennen sie das Volk, das das ausführte, was ihnen einst richtig erschien, ein «Barbarenvolk»? Die Frage tönt uns immer wieder und wiederum als Refrain aus den Zeitereignissen entgegen!
[ 80 ] We need only point this out, along with the fact, [distinguished guests], that England now stands on the side of the power whose animosity toward both Germany and Austria once set it against Germany and Austria. [And I must ask]: Is the fact that they have abandoned the ground on which they once stood—is that, too, true, thorough, and faithful? If today’s events are the consequence of what was thus predetermined—why do they call the people who carried out what once seemed right to them a “barbarian people”? This question echoes toward us again and again like a refrain from the events of our time!
[ 81 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, ich will ja nicht in Form einer Behauptung, aber in Form einer Frage es vielleicht aufwerfen: Könnte es nicht mit dem ganzen Wesen der deutschen Weltanschauung doch zusammenhängen, dass zuweilen dasjenige, was anderen so furchtbar bedeutsam erscheint, vom Lichte der Weltanschauung Schillers, Fichtes und Goethes aus doch anders beleuchtet sich ausnimmt?
[ 81 ] Well, ladies and gentlemen, I do not wish to present this as a statement, but perhaps to raise it as a question: Could it not be related to the very essence of the German worldview that, at times, what seems so terribly significant to others appears quite different when viewed in the light of the worldviews of Schiller, Fichte, and Goethe?
[ 82 ] Auf einen Punkt sei hingewiesen — ich weiß, dass dies als ein recht bedenklicher Punkt angesprochen werden kann —, aber darum handelt es sich nicht, sondern darum, bei «wahr, gründlich und treu» zu bleiben, bei dem zu bleiben, was «wahr, gründlich und treu» ist gegenüber der Weltanschauung Goethes, Fichtes und Schillers.
[ 82 ] One point should be noted—I know that this could be viewed as a rather questionable issue—but that is not the point; rather, the point is to remain “true, thorough, and faithful,” to adhere to what is “true, thorough, and faithful” to the worldview of Goethe, Fichte, and Schiller.
[ 83 ] Obwohl es nicht so besonders schlimm ist mit der Zerstörung der Kathedrale von Reims, wie man sehen konnte — ich habe selbst diese Kathedrale im Jahre 1906 gesehen in recht brüchigem Zustande gesehen, ich gehöre zu denen, die sich von niemand in der Bewunderung der Kathedrale überbieten lassen —, dennoch, in Anbetracht desjenigen, was als eine teure Erbschaft dem Volke Schillers, Goethes und Fichtes vorliegt als eine Weltanschauung, darf doch Folgendes gesagt werden:
[ 83 ] Although the damage to Reims Cathedral is not as severe as one might think—I myself saw this cathedral in 1906 in a rather dilapidated state, and I am among those whose admiration for the cathedral is second to none— nevertheless, in view of what stands as a precious legacy to the people of Schiller, Goethe, and Fichte in the form of a worldview, the following may be said:
[ 84 ] Es ist für dieses Volk in einer gewissen Beziehung tief wahr, dass Schönheit das ganze Weltengebäude durchpulst, dass Schönheit in der Konstruktion des ganzen Weltgebäudes liegt. Und tief empfindet man ein Wort, das Goethe gesprochen hat, und Novalis, [der große Dichter], wieder gesprochen hat in ähnlicher Weise, ein Wort, das etwa im Goethe-Stile lautet:
[ 84 ] In a certain sense, it is profoundly true for this people that beauty pulses through the entire structure of the world, that beauty lies in the very construction of the entire world. And one feels deeply moved by a statement made by Goethe and echoed in a similar vein by Novalis, [the great poet]—a statement that, in Goethe’s style, goes something like this:
[ 85 ] Was wären alle die Äonen von Sternen, die herunterleuchten vom Himmel, all diese Sonnen, all diese Schönheit, wenn sie nicht zuletzt in ein menschliches Auge scheinen, und aus einem menschlichen Auge vergeistigt und verseeligt herausschauten!
[ 85 ] What would all those eons of stars shining down from the heavens, all those suns, all that beauty, amount to if they did not, ultimately, shine into a human eye, and gaze out from a human eye, spiritualized and imbued with soul!
[ 86 ] Und bei Novalis: Aus einer solchen Weltanschauung geht hervor der Gedanke, wie sich all dasjenige, was sich im Kosmos abspielt, zusammengliedert und kombiniert und organisiert und zusammen seeligt und geistigt in dem, was zuletzt der Mensch ist. Daher nennt Novalis diesen menschlichen Bau, dasjenige, was uns im Menschen entgegentritt in seinem Bau, einen heiligen Tempel. Und die Berührung mit diesem heiligen Tempel selber, [schildert er als] etwas, was ja erregen muss in der Menschenseele heiligste Gefühle. Der Tempel höchster ist der menschliche Leib.
[ 86 ] And according to Novalis: From such a worldview arises the idea of how everything that takes place in the cosmos is structured, combined, organized, and united in spirit and soul within what ultimately constitutes the human being. That is why Novalis calls this human structure—that which confronts us in human beings through its very structure—a sacred temple. And he describes contact with this sacred temple itself as something that cannot help but stir the most sacred feelings in the human soul. The highest temple is the human body.
[ 87 ] Der menschliche Leib ist der höchste körperliche Ausdruck des Geistes für eine solche Weltanschauung, wie sie die Weltanschauung Fichtes, Goethes und Schillers ist.
[ 87 ] The human body is the highest physical expression of the spirit for a worldview such as that of Fichte, Goethe, and Schiller.
[ 88 ] Und unsere schicksalsschwere Zeit, wie jede schwere Kriegszeit, macht es notwendig, dass unbarmherzig Tausende und Abertausende Kunstwerke vernichtet werden, die die höchsten Kunstwerke für die Weltanschauung Goethes, Schillers und Fichtes sein müssen: menschliche Leiber! Deutsche Weltanschauung hat einen Sinn nicht bloß für menschliche Kunstwerke, sondern für das höchste, wenigstens irdisch-höchste göttliche Kunstwerk, für den Menschen selbst. Und deutsche Weltanschauung frägt sich: Darf einer nicht sentimentalen, sondern höchsten Pietät gegenüber, darf gezetert werden, wenn beschädigt werden müssen menschliche Kunstwerke in einer Zeit, in der tausendfältig hingemäht wird Götter-Kunstwerk?
[ 88 ] And our fateful times, like any difficult time of war, make it necessary to ruthlessly destroy thousands upon thousands of works of art—works that must be the supreme works of art for the worldview of Goethe, Schiller, and Fichte: human bodies! The German worldview holds significance not merely for human works of art, but for the supreme—at least the highest earthly—divine work of art: for humanity itself. And the German worldview asks itself: Is it permissible—out of not sentimental, but the highest reverence—to protest when human works of art must be damaged in a time when the divine work of art is being mowed down a thousandfold?
[ 89 ] Ich weiß, das ist ein Gedanke, den man nicht überall versteht. [Ich weiß aber auch,] wenn einmal alle Früchte der Goethe’sehen, Schiller’sehen, Fichte’sehen Weltauffassung gereift sein werden, dann wird dieser Gedanke dastehen als ein Gedanke, nicht einer «Barbaren-Kultur», sondern als ein Gedanke einer geistigen Hochkultur.
[ 89 ] I know this is an idea that isn’t understood everywhere. [But I also know] that once all the fruits of Goethe’s, Schiller’s, and Fichte’s worldviews have come to full maturity, this idea will stand not as a product of a “barbaric culture,” but as an idea of a highly developed spiritual culture.
[ 90 ] Es ist vieles in unseren Tagen, was einströmt auf das deutsche Wesen an Hass und [Abweisung] dieses Wesens! Und wenn die Frage aufgeworfen wird: «Warum nennen sie das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»?, wenn man hinsieht auf dieses deutsche Wesen, man wird in diesem deutschen Wesen die Antwort nicht finden. Dann verwandelt sich diese Frage in eine andere Frage: Soll vielleicht dasjenige, was da entgegengeschleudert wird dem Volk — das sie belagern, wie die Menschen in einer Festung, was sie entgegenschleudern dem Volk, das sie aushungern wollen —, soll entgegengeschleudert werden der Schimpf der «Barbarei» diesem Volk, deshalb, um damit zu verdecken dasjenige, was man zu sagen sich schämt über die wahren Ursachen der Verhältnisse, in denen man zu dem belagerten Volk, das man aushungern will, steht?
[ 90 ] There is so much in our day and age that pours in upon the German spirit in the form of hatred and [rejection] of that spirit! And when the question is raised: “Why do they call the people of Schiller and Fichte a ‘barbarian people’?”—if one looks closely at this German essence, one will not find the answer within it. Then this question transforms into another: Is it perhaps that what is hurled at the people—whom they besiege, like people in a fortress; what they hurl at the people they seek to starve out—is the slur of “barbarism” hurled at this people, precisely to conceal what one is ashamed to say about the true causes of the circumstances in which one finds oneself vis-à-vis the besieged people whom one seeks to starve?
[ 91 ] Gewiss, sehr verehrte Anwesende, auch innerhalb dieser von allen Seiten eingeschlossenen Menschheit regt sich so manches von dem, was man Hass, was man Antipathie nennen kann; allein, es sei frank und frei ausgesprochen: An den Zusammenhang dieser Antipathie, dieser nationalen Gehässigkeiten mit dem, was die Wurzeln der deutschen Lebensregungen sind, glaube ich nicht auf die Dauer bei einem Volk, das imstande war, den englischen Genius Shakespeares mehr zu lieben als das englische Volk selbst, glaube ich nicht, bei einem Volk, das imstande war, in seiner Blüte, und als seine Blüte muss man die Dichter erkennen, glaube ich nicht bei einem Volk, das imstande war, in Goethe sich hinzuwenden zu einem der englischen Dichter der neueren Zeit, zu Byron, und in Anlehnung an ihn hervorzubringen im zweiten Teil des «Faust» eine Gestalt, welche in Goethe als ein Ergebnis seiner Betrachtung Byrons mit angeregt worden war. Byron erscheint ihm — [Goethe knüpfte an das an], was Byron, der Engländer war — in Euphorion, dem Kind, das das Kind Fausts und Helenas war, das hervorging aus der Vermählung der höchsten Kulturblüten für Goethe.
[ 91 ] Certainly, ladies and gentlemen, even within this humanity, hemmed in on all sides, there stirs much of what one might call hatred or antipathy; yet, let it be said frankly and openly: I do not believe, in the long run, that this antipathy, these national animosities, are connected to the very roots of German vitality—not in a people capable of loving the English genius of Shakespeare more than the English people themselves, not in a people capable, in its prime, and one must recognize the poets as its prime, I do not believe this to be the case with a people who, in Goethe, were capable of turning to one of the English poets of recent times—Byron—and, drawing inspiration from him, of creating in the second part of *Faust* a character who had been inspired in Goethe as a result of his contemplation of Byron. Byron appears to him—[Goethe built upon] what Byron, the Englishman, was—in Euphorion, the child of Faust and Helena, who emerged from the union of the highest cultural blossoms, as Goethe saw it.
[ 92 ] Aber [ist es nicht etwas, was da heraustönt und uns rein zeitgemäß] als Charakteristik dieses Euphorion [entgegenbringt], entspricht es uns nicht innig, fühlen wir nicht aus dem, was Byron-Euphorion für Goethe ist, was das rechte Wort zu der Zeit ist? [Goethe lässt Euphorion sagen]:
[ 92 ] But [isn’t there something that resonates from it and presents itself to us, in a thoroughly contemporary way], as a characteristic of this Euphorion—doesn’t it speak to us deeply? Don’t we sense, from what Byron’s Euphorion represents for Goethe, what the right word is at that time? [Goethe has Euphorion say]:
Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen
In Waffen kommt der Jüngling an;
Gesellt zu Starken, Freien, Kühnen,
Hat er im Geiste schon getan.Und hört ihr Donnern auf dem Meere?
Dort, widerdonnern Tal um Tal,
In Staub und Wellen Heer dem Heere,
In Drang um Drang, zu Schmerz und Qual.
Und der Tod
Ist Gebot [...],
Das versteht sich nun einmal.
Sollt’ ich aus der Ferne schaue,?
Nein! Ich teile Sorg’ und Not.
No, I did not appear as a child
The young man arrives in armor;
Joining the strong, the free, the bold,
He has already done so in spirit.And do you hear the thunder on the sea?
There, valley upon valley, the thunder echoes,
In dust and waves, army upon army,
In wave upon wave, toward pain and torment.
And death
Is a command [...],
That is simply the way it is.
Should I watch from afar?
No! I share in sorrow and hardship.
[ 93 ] Da, wo der deutsche Goethe ausdrücken wollte etwas, was ihm so am Herzen lag, da brachte es seine Liebe dazu, sich das ausländische Vorbild zu nehmen!
[ 93 ] Whenever the German Goethe wanted to express something that was so close to his heart, his love led him to follow the example of foreign models!
[ 94 ] Nein, man kann nicht glauben, braucht es nicht zu glauben, dass etwas anderes Deutschheit ist als das Suchen des edelsten Menschengeistes und dass man nur dieses Suchen der deutschen Seele [nach dem edelsten Menschengeiste] da, wo man in dem heutigen Stile oftmals davon spricht, eben nicht versteht; und weil man es nicht versteht, darum hasst [man es].
[ 94 ] No, one cannot believe—and need not believe—that “Germanness” is anything other than the search for the noblest human spirit, and that it is precisely this search of the German soul [for the noblest human spirit]—which is often discussed in today’s style—that people do not understand; and because they do not understand it, that is why [they hate it].
[ 95 ] Auch Schiller hat sich ja niemals darüber getäuscht. Auch er, der nicht nur sagte, sondern tat dasjenige, was er in den Worten, die ich anführte, zum Ausdruck brachte, der alles menschliche Wesen, wo es ihm immer entgegentreten konnte, in deutsches Wesen umzuwandeln verstand — künstlerisch-geistig —, er hat sich nichts vorgemacht, dieser Schiller. Schön sind doch seine Worte, die uns zeigen, wie er sich nichts vormachte, indem er hinblickte auf Frankreich und England:
[ 95 ] Schiller, too, was never under any illusions about this. He, too—who not only said but also did what he expressed in the words I quoted, who knew how to transform every human essence, wherever it might present itself to him, into a German essence—artistically and spiritually—he did not delude himself, this Schiller. How beautiful are his words, which show us how he was under no illusions as he looked toward France and England:
Zwei gewalt’ge Nationen ringen
Um der Welt alleinigen Besitz;
Aller Länder Freiheit zu verschlingen,
Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.Gold muss ihnen jede Landschaft wägen
Und, wie Brennus in der rohen Zeit,
Legt der Franke seinen eh’rnen Degen
In die Waage der Gerechtigkeit.Seine Handelsflotten streckt der Brite
Gierig wie Polypenarme aus;
Und das Reich der freien Amphitrite
Will er schließen, wie sein eig’nes Haus.
Two mighty nations struggle
For sole dominion over the world;
To devour the freedom of all nations,
They wield the trident and the lightning bolt.Every land must weigh in gold for them
And, like Brennus in those barbaric times,
The Frank lays his iron sword
On the scales of justice.The Briton stretches out his merchant fleets
Greedily, like the arms of an octopus;
And the realm of the free Amphitrite
He wishes to enclose, as if it were his own home.
[ 96 ] Nein, Schiller machte sich nichts vor, aber im deutschen Streben sah er allgemein menschliches Streben:
[ 96 ] No, Schiller was under no illusions, but he saw in the German striving a universally human striving:
Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen
Und das Erhab’ne in den Staub zu zieh’n.
The world loves to cast a shadow over that which shines
And to drag the sublime into the dust.
[ 97 ] So sagt er insbesondere gegenüber der das [Heroisch]Geistige in solch epochemachender Weise im Menschenwesen ausdrückenden Jungfrau von Orleans. Und wie stand sie auf, diese französische Nationalheldin, [die Jungfrau von Orleans], die gegen Englands Ansprüche Frankreich zu verteidigen hatte. Wie stand sie, über die Gift und Galle gegeifert hat Voltaire und die noch nicht schön behandelt wird von Anatole France [in der Gegenwart auch], wie stand sie vor Schillers Geist, und wie hat er sie verkörpert in der deutschen Dichtung, die uns so wert geworden ist?
[ 97 ] This is what he says, in particular, regarding the Maid of Orleans, who expressed the [heroic] spiritual in human beings in such an epoch-making way. And how did she rise up, this French national heroine, [the Maid of Orleans], who had to defend France against England’s claims? How did she stand—she whom Voltaire reviled with venom and bile, and who is still not treated kindly by Anatole France [even today]—how did she stand before Schiller’s spirit, and how did he embody her in German literature, which has become so dear to us?
[ 98 ] Deutsch sein heißt nicht: sich aufbäumen gegen irgendetwas Nationales in der Welt; aber diesem DeutschSein liegt die Pflicht auf, dasjenige, was deutsche Seele im deutschen Leibe ist, mit allen Mitteln zu verkörpern.
[ 98 ] Being German does not mean rebelling against anything national in the world; but this German identity entails the duty to embody, by any means necessary, that which is the German soul within the German body.
[ 99 ] Schon hingedeutet ist worden, [sehr verehrte Anwesende], darauf, dass man ja schließlich wirklich nicht ein Deutscher zu sein braucht, um Worte zum Ausdruck zu bringen, die andeuten, wie sich deutsches Wesen hineinstellt in das ganze Weltenwesen.
[ 99 ] It has already been pointed out, [distinguished guests], that one does not, after all, really need to be German to express words that suggest how the German essence fits into the fabric of the entire world.
[ 100 ] Ja, ich kenne einen Mann, der einmal versucht hat, an drei geistreichen Denkern, das Höchste sich anschaulich zu machen, was Erdenkultur hervorbringen kann. Der dritte dieser geistreichen Denker, an denen sich dieser Mann emporrankt, war Novalis, der tiefe deutsche Dichter. Der Mann, den ich meine, der betrachtete Novalis, und er sagte sich Folgendes — wunderschöne Gedanken äußerte er —, er sagte sich — man braucht nicht mitzugehen mit dem, was er sagte —, er sagte: Ja, was Sophokles seine Personen handeln lässt, es ist schließlich alles menschliches Handeln. Und wenn ein Geist heruntersteigen würde von einem anderen Planeten [und auf die Erde käme], so könnte es sein, dass er sich für diese Personen gar nicht interessierte, [für dasjenige, was die Personen des Sophokles tun oder] was Ophelia, Desdemona, was Hamlet selbst vollbringt; [denn] das sind Erdenangelegenheiten, die nicht interessieren einen Genius von einem anderen Planeten. Aber etwas gibt es — [so meinte dieser Mann] — auf der Erde unter den Menschen, was ganz gewiss auch die Genien anderer Planeten, [wenn sie heruntersteigen könnten], interessieren würde. Auch dazu habe sich die menschliche Seele emporgeschwungen, so meint der Mann. Und Novalis führt er an, den urdeutschen Dichter führt er an als ein Beispiel einer solchen Seele, die hervorgebracht hat etwas, was Genien interessieren würde. Es sind schöne Worte, die er gesprochen hat in Anlehnung an Novalis und an dasjenige, was Novalis der Menschheit sein kann. Hören Sie die schönen Worte, die er über den urdeutschen Dichter Novalis gesagt hat:
[ 100 ] Yes, I know a man who once tried to use three brilliant thinkers to illustrate the highest achievements that earthly culture can produce. The third of these brilliant thinkers, whom this man looks up to, was Novalis, the profound German poet. The man I am referring to contemplated Novalis, and he said to himself the following—he expressed some beautiful thoughts—he said to himself—one need not agree with what he said—he said: Yes, what Sophocles has his characters do is, after all, all human action. And if a spirit were to descend from another planet [and come to Earth], it might be that it would have no interest at all in these characters, [in what Sophocles’ characters do or] what Ophelia, Desdemona, or even Hamlet himself accomplishes; [for] these are earthly matters that do not interest a genius from another planet. But there is something—[so this man believed]—on Earth among humans that would certainly also interest the geniuses of other planets, [if they could descend]. The human soul has also risen to this level, the man believes. And he cites Novalis, the quintessentially German poet, as an example of such a soul that has produced something that would interest geniuses. These are beautiful words he spoke in reference to Novalis and to what Novalis can mean to humanity. Listen to the beautiful words he spoke about the quintessentially German poet Novalis:
Wenn er aber anderer Beweise bedürfte, so würde sie ihn unter die führen, deren Werke fast ans Schweigen rühren. Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen Gebärden ihres Körpers zu bekümmern. Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewusstsein sich um [eine Stufe erhebt] und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst [erfüllt], aufmerksam den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren höheren Welten verknüpft. Sie würde mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich erst an und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich nur im Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muss. Auf diesen Höhen allein gibt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, die ihr ähneln und die so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde im Geisterreiche ankündigen.
But if he needed further proof, she would lead him to those whose works border on silence. She would open the gate to the realm where some loved her for her own sake, without concerning themselves with the subtle gestures of her body. Together they would ascend to the lonely highlands, where consciousness [rises to a higher level] and where all those [filled] with restlessness about themselves attentively survey the immense ring that links the phenomenal world with our higher worlds. She would go with him to the boundaries of humanity; for at the point where man seems to end, he probably only begins, and his most essential and inexhaustible parts lie only in the invisible, where he must be constantly on his guard. Only at these heights are there thoughts that the soul can approve of, and ideas that resemble it and are as commanding as the soul itself. There, humanity reigned for a moment, and these dimly lit peaks are perhaps the only lights that herald the Earth in the spiritual realm.
[ 101 ] So sagt der Mann. Das, was Novalis sagt, gehört zu den Lichtern, wodurch sich die Erde dem Geisterreich an kündigt.
[ 101 ] So says the man. What Novalis says is one of the lights through which the Earth announces itself to the spirit realm.
Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, dass die Leidenschaften des Geistes und des Körpers in den Augen einer [fremden] Vernunft den Klagen von Glocken gleichen würden; [aber die Menschen, von denen ich rede, sind in ihren Werken] aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht [zu] der irdischen Gemeinde [zählen].
Their reflection truly bears the color of our soul. We feel that the passions of the mind and body would resemble the tolling of bells in the eyes of a [foreign] reason; [but the people of whom I speak have, in their works] emerged from the small village of passions and have said things that are of value even to those who do not [belong to] the earthly community.
[ 102 ] Nach diesem Manne hat also einmal ein Deutscher gelebt, der Dichtungen hervorgebracht hat, die nicht nur Wert haben für Seelen der Erde, sondern für Seelen, die nicht von der Erde sind, in Novalis, dem Deutschen, hat für den Mann eine solche Seele gelebt. Wer ist der Mann, der solche Worte über Novalis gesprochen hat? Ja, ich muss es schon sagen: Maurice Maeterlinck!
[ 102 ] So there once lived a German man who produced works of poetry that are of value not only to souls on Earth, but also to souls that are not of this Earth; in Novalis, the German, such a soul lived within the man. Who is the man who spoke such words about Novalis? Yes, I must say it: Maurice Maeterlinck!
[ 103 ] Sie wissen, sehr verehrte Anwesende, was er — [der Maeterlinck] — seither über die deutschen «Barbaren» für Worte gefunden hat: Als Refrain tönt uns wiederum die Frage entgegen: Warum also, wenn die Sache so liegt, wie sie selbst sagen, nennen sie das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»? Denn schauen wir auf das, was uns heilig ist, [achten wir] auf dasjenige, was uns Schiller und Fichte nicht nur sind, sondern was sie uns als Verpflichtung auferlegen, auf all dasjenige, was wir in ihre Seelen hinein und aus ihren Seelen heraus verteidigen müssen als deutsches Wesen, dann kommen wir zu einer Überzeugung, [die nur eine Umschreibung ist dessen, das ich gesagt habe]: Deutscher wird man unablässig, und das Deutschtum steht wie ein Ideal vor unserer Seele. Wahrhaftig, wir fühlen dann etwas nach davon, dass es schließlich die [innersten] «Wurzeln der Lebensregungen» sind, die zu jenen höchsten Geistesfrüchten führen, die in Schillers tapferer Dichtung, in Fichtes tapferer Weisheit zum Ausdruck kommen, die jetzt an den Mauern Deutschlands stehen, die jetzt durch Kanonen und Schwerter [und anderes] um deutsches Gebiet herum verteidigt werden; so fühlen getrost die Notwendigkeit des Lebens des deutschen Geistes, fühlen mit der Zeit und in der Zeit und fühlen vor allen Dingen mit den Truppen im Westen und Osten, die mit ihrer frischen Jugend den deutschen Geist verteidigen, und wir fühlen gerechtfertigt diese Verteidigung des deutschen Geistes, von dem wir empfinden, dass er nicht nur etwas war, sondern dass er die Anlagen enthält zu dem, was er noch werden soll: zu einem immer höher und höher werdenden Suchen nach Geistigem und immer Geistigerem. Und wenn «sie» abschneiden wollen heute dem deutschen Geiste die Lebensluft und wenn sie ihm nehmen wollen das Lebenslicht, wenn sie ihn bedrücken wollen bis in die physische [Substanz] hinein, der Deutsche weiß, dass der deutsche Geist noch nicht vollendet hat, dass dasjenige, was er geleistet hat, erst ein Anfang ist.
[ 103 ] You know, distinguished guests, what he—[Maeterlinck]—has said since then about the German “barbarians”: Once again, the question echoes like a refrain: Why, then, if the matter is as they themselves say, do they call the people of Schiller and Fichte a “barbarian people”? For if we look at what is sacred to us, [if we consider] not only what Schiller and Fichte are to us, but also what they impose upon us as a duty—all that which we must defend both within their souls and from their souls as the German essence—then we arrive at a conviction [that is merely a rephrasing of what I have said]: One becomes more German ceaselessly, and Germanness stands before our soul as an ideal. Truly, we then sense something of the fact that it is ultimately the [innermost] “roots of the impulses of life” that lead to those highest fruits of the spirit, which find expression in Schiller’s courageous poetry and in Fichte’s courageous wisdom—which now stand upon the walls of Germany, which are now defended by cannons and swords [and other means] around German territory; thus we confidently feel the necessity of the life of the German spirit, feel with the times and within the times, and feel above all with the troops in the West and East who, with their fresh youth, defend the German spirit; and we feel this defense of the German spirit to be justified, for we sense that it was not merely something that once was, but that it contains the potential for what it is yet to become: an ever-rising quest for the spiritual and for what is ever more spiritual. And if “they” wish today to cut off the German spirit’s breath of life, and if they wish to take away its light of life, if they wish to oppress it down to its very physical [substance], the German knows that the German spirit has not yet reached its fulfillment, that what it has accomplished is only a beginning.
[ 104 ] Und wenn uns entgegentönt das Wort von den «Barbaren», [das Wort] von der «alt gewordenen deutschen Kultur», die nur für eine Zeit sich verkörpern musste in demjenigen, worinnen sich heute alle Welt verkörpert, die aber ein höchstes Geistesgut zu verteidigen hat, dann stellen wir uns noch einmal die Frage vor die Seele: Warum nennen sie das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»? Und dann antworten wir, nicht indem wir versuchen etwa eine direkte Antwort auf diese Frage zu geben, diese Antwort wird die Geschichte geben, und in Ruhe können wir diese Antwort der Geschichte abwarten. Einiges aber, was mit Bezug auf deutsches Streben mit Bezug auf Geisteswissenschaft zu sagen ist, wird morgen gesagt werden; [auch im Zusammenhang mit unserm Zeitgeist].
[ 104 ] And when we hear the term “barbarians,” [the term] “German culture that has grown old”—a culture that for a time had to find expression in that which today embodies the entire world, but which has a supreme spiritual heritage to defend—then let us once again ask ourselves this question: Why do they call the people of Schiller and Fichte a “barbarian people”? And then we answer—not by attempting to give a direct answer to this question; history will provide that answer, and we can calmly await history’s response. However, some things that need to be said regarding German aspirations and the humanities will be said tomorrow; [also in connection with our zeitgeist].
[ 105 ] Auf die Frage aber, die aufgeworfen wurde, da antworten wir mit der Empfindung, die uns sagt: Dieser deutsche Geist, er hat noch nicht vollendet. Er hat noch zu tun, und ihm muss Lebenslicht und Lebensluft verbleiben. So antworten wir nicht theoretisch, nicht abstrakt, so antworten wir, ich denke, sehr verehrte Anwesende, aus der Tiefe des Herzensempfindens heraus gegenüber alledem, was in dieser schicksalstragenden, schicksalsschweren Zeit lebt —, antworten wir mit den Worten:
[ 105 ] But to the question that has been raised, we respond with the feeling that tells us: This German spirit has not yet reached its fulfillment. It still has work to do, and it must be allowed to retain the light and breath of life. We do not answer theoretically or abstractly; rather, I believe, esteemed audience, we answer from the depths of our hearts in response to all that is happening in this fateful, fate-laden time—we answer with the words:
Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborg’nes, das noch reifend wirken muss.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben:
Solang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?
The German spirit is not yet complete,
It lives in hopeful concern for the future,
It hopes for future deeds full of life; —
In the depths of its being, it feels powerfully
Something hidden that must still ripen and take effect.
How can the desire for its end, without understanding,
Come to life under the enemy’s power:
As long as life reveals itself to it,
Which sustains it creatively in the roots of its being?
