Menschenseele, Schicksal und Tod
GA 70a
15 Februar 1915, Stuttgart
3. Warum nennen «Sie» das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»?
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende, Jahr für Jahr durfte ich in letzter Zeit von Themen der Geisteswissenschaft hier in dieser Stadt sprechen. Da unsere Freunde auch für dieses Jahr solche Betrachtungen wünschten, so werde ich denn versuchen, auch in dieser schicksalsschweren Zeit solche Betrachtungen hier anzustellen. Aber begreiflich wird es erscheinen, sehr verehrte Anwesende, dass wenigstens die heutige einleitende Betrachtung unmittelbar in Bezug steht auf dasjenige, was sich, so tief, tief unsere Seele und unser Herz berührend, in unserer schicksalstragenden Zeit abspielt. Möchte man doch in unserer Zeit keine Empfindung abwenden von all den unermesslichen Opfern, die gebracht werden müssen, den Pflichten und den hohen Anforderungen, die diese Zeit an uns stellt, möchte man kein Wort eigentlich sagen, das nicht zugleich in dieser Empfindungsnuance gesprochen werden kann und im Gemüt gewiss gesprochen werden kann zu denjenigen, die auf den Feldern, auf denen heute nicht durch Worte, auf denen gesprochen wird durch Taten, gesprochen wird durch Leid und Blut, durch Einsetzung des ganzen Menschen, möchte man kein Wort sprechen, das nicht zu denjenigen gesprochen ist im Geiste, die auf diesen Feldern für die großen Ereignisse der Gegenwart einzutreten haben!
[ 2 ] Zum Thema des heutigen Vortrages habe ich gewählt eine Frage, sehr verehrte Anwesende, die Frage, die sich ergeben kann, wenn man einwirken auf sich lässt so mancherlei, was den mitteleuropäischen Menschen heute von allen Seiten, man möchte sagen nicht nur Europas, sondern der Welt entgegentritt: Die Frage sei aufgeworfen: Warum nennen «sie» das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»?
[ 3 ] Aber — und das soll der Sinn meiner Ausführungen zeigen — nicht so sehr kann es mir darum zu tun sein, vor Ihnen hier diese Frage etwa in aller Ausführlichkeit zu beantworten, sondern zu zeigen, wie diese Frage sich hineinstellt in unsere Gegenwart; besser gesagt, wie es möglich ist, dass diese Frage sich [in unsere Gegenwart hineinstellt]. Denn es wird vielleicht aus meinen Ausführungen [erhellt werden] können, dass es nicht an uns hier in der Mitte von Europa liegt, diese Frage zu beantworten, wohl aber recht sehr liegt an uns, diese Frage auch für kommende Zeiten wie eine Mahnung an die Geschichte so recht zu empfinden, zu empfinden aus dem Kern mitteleuropäischen Wesens heraus.
[ 4 ] Von großen Schlachten, die die Vorfahren der mitteleuropäischen Völker und die Völker des Altertums geführt haben, wird erzählt, dass die Völker in die Schlachten gezogen sind unter Gesängen, die galten den großen Ahnen, [die] deshalb den großen Ahnen galten, weil diese Völker tiefinnerlich die Überzeugung hatten, dass der Geist der Ahnen in der Atmosphäre, in der die Völker atmeten, unmittelbar anwesend war. In solcher Art hat man ja immer da, wo man in die Weltanschauung ursprünglich menschliches Empfinden einfließen ließ, im geistigen Sinn die Vererbungsfrage, von der jetzt in der materiellen Wissenschaft so viel die Rede ist, verstanden. Spricht man in der materialistischen Wissenschaft von Vererbung so, als ob nur die Eigenschaften der Lebewesen sich auf ihre physische Nachkommen durch physische Mittel vererbten, so muss man da, wo sich im Menschheitsentwicklungsgang abspielen die großen moralischen und geistigen Geschehnisse, so muss man da sprechen davon, dass nicht nur vorhanden sind in den nachfolgenden Zeiten die Eigenschaften der Vorfahren, sondern geistig-seelisch lebendig lebt mitten unter dem, was die Nachgeborenen zu tun haben, dasjenige, was von den Vorfahren in die Kultur der Nachfahren hineingeflossen ist.
[ 5 ] Selbstverständlich kann nicht von all den Ahnen, auch der uns nächsten Zeit, hier gesprochen werden, die in Betracht kommen, wenn es sich darum handelt, deutsches, mitteleuropäisches Wesen ins Auge zu fassen. Herausgehoben werden sollen zwei geistige Ahnen der deutschen Entwicklung, Schiller und Fichte.
[ 6 ] Die eine [der] Persönlichkeiten entstammend unmittelbar dem Lande, in dem wir uns befinden hier; die andere verbindend ursprünglich-deutsches Geistesleben aus nördlicheren Gegenden, auch in persönlich-menschlicher Freundschaft, mit dem, was der große Württemberger Schiller geleistet hat; die andere Persönlichkeit, die wir uns heute erwählen wollen, um ihre Impulse auf uns ein wenig empfindungsgemäß wirken zu lassen, sei Johann Gottlieb Fichte. Und ausgegangen sei, wahrhaftig nicht, sehr verehrte Anwesende, um sentimentale Empfindungen zunächst zu erregen, das liegt mir ganz fern, sondern weil ich glaube, dass in der Tat etwas wie ein geistiger Zauberhauch ausstrahlt, ausgegangen sei gerade von den letzten Augenblicken des Erdenlebens der beiden Geisteshelden. Aus diesem Grunde, nicht aus einem sentimentalen Grunde sei ausgegangen von den letzten Augenblicken des Erdenlebens Schillers und Fichtes, können wir doch durch die intime Art deutscher Geistesbetrachtung gerade bei diesen beiden Persönlichkeiten, ich möchte sagen so vertraut hinblicken zu ihren letzten Augenblicken, die ihre Seele zugebracht hat im physischen Menschenleibe.
[ 7 ] Der jüngere Voß erzählt uns, wie Schillers letzte Tage und auch letzte Augenblicke waren. Da steht er vor uns, dieser Tod Schillers, dieser Tod, von dem wir die Überzeugung haben, wenn wir Schillers Lebensgang betrachten, dass er, trotzdem er früh eingetreten ist, nur deshalb so spät eintrat, weil Schillers starke Seele, weil seine mächtigen Geistesimpulse dem verfallenden Leib abgerungen haben durch Jahre hindurch diesen Tod! Und wir können ihm folgen aus den Schilderungen, die wir haben — diesem Schiller —, wie er in den letzten Tagen geradezu noch geistig-seelisch anwesend ist, wie sein Leib die Spuren des Todes bereits trägt. Wir folgen ihm hinein in diese Todesstunde nach den Schilderungen von Voß und tief bewegten Herzens verfolgen wir, wie Schillers Geist, kämpfend mit den verdunkelnden Kräften des Leibes, immer wieder und wiederum durch die einst so feurigen Augen blickt; wie er sich dann geben ließ — Schiller — sein jüngstes, noch ganz kleines Kind, wie er diesem kleinen Kind aus seiner tiefen Seele heraus durch seine geistvollen, aber jetzt im Tode erstorbenen Augen die letzten Blicke zuwendet, wie wenn er ihm Wichtiges zu sagen hätte; wie er dann das Kind zurückgibt, sich abwendet, das Gesicht der Wand zuwendet. Das Gefühl erhalten wir, sehr verehrte Anwesende, als ob wir uns etwas identifizieren müssten mit diesem Kinde. Derjenige, der diese Szene beschrieben hat, sagt: «Es war, als ob Schiller noch hätte sagen wollen zu diesem Kind, ich habe dir nicht genug Vater sein können; ich hätte noch so viel für dich zu tun.»
[ 8 ] Man möchte sagen: Das ganze deutsche Volk kann so empfinden sich als Kind Schillers und kann diese Worte auf sich beziehen. Wie wenn er noch recht vieles, vieles hätte seinem Volk zu sagen gehabt, so starb Schiller dahin. Und das Gefühl geht daraus hervor, aus der Betrachtung einer solchen Szene, wie es notwendig ist diesem deutschen Volk, sich einzuleben in die Impulse, die aus Schillers Geisteskraft hervorgegangen sind und die in jedem Zeitalter aufzunehmen sind, um sie hinzuleiten zu den Zielen der Menschheitsevolution in der Weise, wie das deutsche Volk die Anlage dazu hat: immer noch mehr und mehr zur Frucht zu bringen dasjenige, was in den Blüten dessen lag, was einst ihm Schiller gab.
[ 9 ] Und wenn wir hinblicken auf der anderen Persönlichkeit, auf Johann Gottlieb Fichtes letzte Tage, so möchte man sagen die Betrachtung seiner letzten Tage dringt uns ebenso tief, ebenso unmittelbar in Herz und Seele ein. Oftmals hat er es erwogen — Fichte, der große Menschheitsphilosoph und zugleich der große Philosoph seines Volkes —, oftmals hat er es erwogen, ob er in den großen Kampf, der in seinen letzten Jahren um Deutschlands Freiheit gekämpft werden musste, ob er in diesem großen Kampf unmittelbar als Kämpfer teilnehmen sollte. Er hat dann geglaubt, dass er durch seine Geisteskraft — jeder Mensch muss ja nach seinen Kräften wirken an seinem Ort —, er hat dann geglaubt, dass er durch seine Geisteskraft mehr wirken könne als durch physische Kräfte. Aber Fichtes ihm so wunderbar ebenbürtige Gattin widmete sich der Krankenpflege und brachte das Lazarettfieber ihm nach Hause. Er musste die Gattin pflegen. Sie gesundete, aber die Krankheit ging auf Fichte über. Und so wurde er in einer gewissen Weise mittelbar ein Opfer des deutschen Freiheitskampfes.
[ 10 ] Aber nun steht er vor uns, der aus der Stärke seines Willens eine Welt des Geistes herausgebärende Mann, wie er in seinen letzten Augenblicken war. Seine Gedanken waren nur noch hingerichtet auf das, was erreicht wurde durch die gegen Westen hin kämpfenden deutschen Heere. Und als er sich hatte legen müssen und in diese durch sein ganzes Leben hindurch so energisch klaren Ideen sich die Fieberträume hineinmischten, da waren diese Fieberträume erfüllt von den Bildern der Schlachten, von denen er hörte; da fühlte er, der Philosoph, sich mitten darinnen unter den Kämpfern. Da gingen unmittelbar die philosophischen Gedanken, die er in seiner Seele hatte aufsprießen fühlen, über in diese, man möchte sagen so realen, in Bezug auf die Zeiterscheinungen realen Fieberphantasien, und der Philosoph sieht sich selbst noch in der Fieberumnachtung tief verbunden mit demjenigen, was seine Zeit bewegte.
[ 11 ] Sein Sohn trat an sein Sterbebett, man brachte ihm eine Arznei. Er fühlte sich in seinen Fieberträumen so sehr im Geiste hingegeben, so sehr vereinigt mit der großen Aufgabe seiner Zeit, dass er sagte: «Ich brauche keine Arznei», und er schob mit der Hand die Arznei zurück, «denn ich fühle: Ich werde genesen». Er genas — allerdings zum Tode, aber sein Geist, er lebt unter uns. Und man bekommt, wie es scheinen mag, einen guten Einblick in das Wesen und in den Wesenskern desjenigen Volkes, das sie jetzt ein «Barbarenvolk» nennen, wenn man gerade ein wenig die Blicke zu Johann Gottlieb Fichte hinwendet. In der Zeit, in der aus tiefster Erniedrigung das deutsche Volk sich erkämpfen musste seine Geltung, da war es Johann Gottlieb Fichte, der nicht nur aus theoretisch-philosophischer Untergrundlage heraus, sondern aus der Verbindung heraus, die er fühlte zwischen seiner eigenen Seele und der Seele des deutschen Volkes, sich und diesem Volke Klarheit zu verschaffen suchte über dieses deutschen Volkes ureigenste Wesenheit.
[ 12 ] Und auf einen Charakterzug werden wir sogleich hingewiesen, dieses Volkes in seiner tiefsten Wesenheit, wenn wir ins Auge fassen, wie Fichte dazumal, als er in einer der schwersten Zeiten des deutschen Wesens seine bedeutsamen «Reden an die deutsche Nation» gehalten hat, wie er zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen machte drei Fragen. Und merkwürdig berühren uns diese drei Fragen, die Fichte damals in seinen «Reden an die deutsche Nation» aufwarf. Die erste heißt: «Ob es wahr sei oder nicht wahr, dass es eine deutsche Nation gäbe und dass deren Fortdauer in ihrem eigentümlichen und selbstständigen Wesen dermalen in Gefahr sei?»
[ 13 ] Wir werden heute, sehr verehrte Anwesende, kaum — nachdem, was das deutsche Wesen geworden ist gerade durch die Schiller-Fichte-Zeit — diese Frage neuerdings aufwerfen wollen, aber der Schlusssatz dringt doch tief in unser Herz ein; und auch von unserer Gegenwart können wir sagen: «ob diese Nation in ihrem eigentümlichen und selbstständigen Wesen dermalen in Gefahr sei?» Die zweite Frage ist: «Ob es der Mühe wert sei, oder nicht wert sei, dieselbe zu erhalten?» Dasjenige, was im neunzehnten Jahrhundert für die Weltentwicklung der deutsche Geist geleistet hat, gibt darauf Antwort. Die dritte Frage, die Fichte insbesondere aus seiner Betrachtungsweise der Welt herausentwickelt, war diese: «Ob es irgendein sicheres und durchgreifendes Mittel dieser Erhaltung gäbe, und welches dieses Mittel sei?» An diese drei Fragen knüpfte dann Fichte diejenigen Betrachtungen, die den Inhalt bilden seiner «Reden an die deutsche Nation».
[ 14 ] Die Weltgeschichte eilt heute in unserer Gegenwart und dazu müssen wir auch das vergangene Jahrhundert rechnen — schnell. Es ist unmöglich, nachdem das heraufgezogen ist im Geistesleben, was durch die Schiller-Fichte-Zeit an Keimen gelegt worden ist, noch sich zu bekennen, unmittelbar zu bekennen zu den Antworten, die Fichte selbst auf diese Fragen gegeben hat. Umso mehr aber fühlt man sich verwandt, wenn man sich durchdringen lässt vom mitteleuropäischen, vom deutschen Wesen, mit der Art, wie Fichte dazumal seine Antwort in seinen «Reden an die deutsche Nation» namentlich auf diese drei Fragen hat.
[ 15 ] Fichte versuchte sozusagen, diese seine Antwort aus zwei Gliedern zusammenzusetzen, zunächst aus einer Betrachtung des Wesens des deutschen Volkes. Denn, zu dem deutschen Volke wolle er ja sprechen. Fichte versuchte — gewiss, wir werden das heute nicht in der Fichte’sehen Art versuchen, sondern wir müssen uns solche Fragen beantworten [mit den Kräften, die wir wiederum durch diese Fichte’sche Art erhalten haben] —, er versuchte, diese Fragen sich zu beantworten dadurch, dass er das Eigentümliche der deutschen Sprache untersuchte. Er glaubte zu erkennen, wie sich diese Sprache unterscheidet im Volkstum von der Sprache derjenigen Völker, die damals mit den deutschen Völkern im Kampfe standen. Und er vermeinte, das Wesentliche davon herleiten zu können, dass das deutsche Volk [durch seine ganze Entwicklung hindurch], von den Wurzeln seiner Entwicklung angefangen, sich verbunden hat mit seiner Sprachquelle, dass es unmittelbar aus diesen Wurzeln der Sprache heraus in ununterbrochener Folge diese Sprache entwickelt hat und bei dieser Sprache geblieben ist und dass es dasjenige, was es aus seiner Seele herauszubilden hatte, verkörperlicht hat in dieser Sprache.
[ 16 ] Während die romanischen Völker, so meint Fichte, einen Bruch in ihrer Entwicklung erlitten haben, dass sie bis zu einem gewissen Punkt dieser Entwicklung mitgemacht haben jenes Fühlen und Empfinden, das in der deutschen Sprache verkörpert ist, dann aber eine fremdländische Sprache angenommen haben und nunmehr in einem fremden Sprachleibe die seelischen Eigentümlichkeiten leben, wodurch ein Bruch der Entwicklung eingetreten ist und verloren gegangen ist dasjenige, worin Fichte die Bedeutung des deutschen Wesens sucht, die ursprüngliche Frische und Unmittelbarkeit, mit der sich das nationale Wesen zum Ausdruck bringt.
[ 17 ] Nicht dasjenige, was Johann Gottlieb Fichte auf diesem Wege an Erkenntnis gewonnen zu haben glaubt, ist es, wozu wir uns heute vollständig bekennen können, denn diese wissenschaftliche Betrachtung ist darüber hinweggeschritten, obwohl diese Erkenntnisse wahr sind in ihrer Wurzel in einer Richtung — nicht dazu aber ist Fichte gekommen, sondern die ganze Art, wie Fichte anfasst die Betrachtung des Wesenskerns seines Volkes, das ist es, wovon wir das Fruchtbare auch noch heute empfinden.
[ 18 ] Denn was wollte Fichte? Er wollte erkennen des deutschen Volkes Wesensart dadurch, dass er sich vor Augen treten ließ diese Wesensart als aus den innersten, geheimsten Wurzeln des menschlichen Seelenwesens ohne irgendeinen Bruch der Entwicklung herausquillend. Solches Volk glaubte er seiner Zukunft, ja, seiner Ewigkeit sicher, dass so in ununterbrochener Entwicklung im Zusammenhange steht mit den Wurzeln der inneren Lebendigkeit, wie er sich wiederholt ausdrückt, mit dem tiefsten Wesen der seelischen Lebendigkeit.
[ 19 ] Das aber, sehr verehrte Anwesende, ist ja im Grunde genommen auch der Grundton aller geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, die ich hier in diesem Saale seit Jahren habe anstellen dürfen. Insofern fühlt sich diese geisteswissenschaftliche Betrachtung im innersten Wesen verbunden mit der Wesensart Johann Gottlieb Fichtes.
[ 20 ] Inwiefern diese Lebenswurzeln der menschlichen Seele zu einer geistigen Erkenntnis führen — wir werden morgen davon zu sprechen haben, inwiefern dasjenige, was da gesucht wird, wirklich im echten, rechten Sinne auf Fichte zurückweist — davon seien jetzt nur einige Worte gesagt.
[ 21 ] Aus allen Betrachtungen, die ich hier anstellen durfte, ging ja hervor, dass diese Geisteswissenschaft sein will — im Gegensatz zu einer bloß äußerlichen, auf die Sinne und den an das Gehirn gebundenen Verstand reflektierenden Wissenschaft —, dass diese Geisteswissenschaft sein will eine Wissenschaft, die unmittelbar hervorgeht aus der Betätigung des innersten menschlichen Wesenskerns, aus der Erkenntnis, dass dieser menschliche Wesenskern — der im Gegensatz zu dem sterblichen Leibe das Ewig-Unvergängliche im Menschen ist — schon während des Leibeslebens durch die morgen zu besprechenden Mittel losgelöst werden kann von der gewöhnlichen Anschauung der äußeren Sinne und des Verstandes, sodass er sich leibfrei betätigen kann und hinzuschauen vermag in die geistige Welt, sodass ihm der eigene geistige Wesenskern unmittelbare Wirklichkeit wird.
[ 22 ] Im tiefsten Sinne sucht Geisteswissenschaft zu appellieren an diesen, aus dem Quellen des Geisteslebens heraus stammenden menschlichen Selbsteskern. In dieser Beziehung ist Geisteswissenschaft in vollem Gegensatz zu der Wissenschaft, die sich bloß passiv den äußeren Eindrücken hingibt und bloß an sich herankommen lässt dasjenige, was äußere Beobachtung und Zergliedern des Verstandes in Bezug auf diese Beobachtung ergeben kann. Geisteswissenschaft steht im Gegensatz, zum bloß passiven Aufnehmen einer Wissenschaft! Geisteswissenschaft will sein — wenn das Wort ohne Hochmut gebraucht werden darf — eine tapfere Wissenschaft, die nicht aus Passivität hervorgeht, sondern aus der Aktivität, aus dem Appellieren an die Lebenswurzeln, aus dem Heraufholen dieser innersten Quelle der Lebenswurzeln.
[ 23 ] Und wenn sie herausgeholt sind im Appellieren an das geistige Schauen, das sich so einer geistigen Welt gegenüberstellt, dass es erst die geistigen Sinnesorgane — um ein Goethe-Wort zu gebrauchen, die geistigen Augen und Ohren — herausproduziert aus sich, um sie hineinzurichten in die geistige Welt und diese geistige Welt so real zu empfinden, wie nur physische Augen und Ohren die sinnliche Welt als real, als wirklich empfinden können, so darf sich Geisteswissenschaft fühlen als Schülerin desjenigen, was Johann Gottlieb Fichte geahnt hat, was er gewollt hat.
[ 24 ] Und gerade, wenn man betrachtet, sehr verehrte Anwesende, die Art und Weise, wie Fichte ja sich verbunden wusste mit der ganzen Eigentümlichkeit und Art des deutschen Wesens, dann kann man wissen, dass die besonderen Anlagen zum Aufsteigenlassen des Geistes in die geistigen Höhen wirklich in diesem deutschen Wesen vorhanden sind. «Was man für ein Philosoph ist» — so hat Fichte einmal ein Wort geprägt —, «hängt davon ab, was man für ein Mensch ist.» Und das hat er gezeigt, ein deutscher Mensch wollte er sein. Daher wurde er der deutsche Philosoph, der er geworden ist. Was für ein Philosoph war er denn, Johann Gottlieb Fichte? Der, welcher unablässig von der bloßen Sinneswelt appelliert hat an die geistige Welt und betont hat dasjenige, was dann in so schöner Weise im Jahre 1811 in seinen Vorträgen an der Berliner Universität über die «Tatsachen des Bewusstseins» zum Ausdruck kam, wo er sagte: «Dasjenige, was ich Ihnen zu sagen habe, dazu wird vorausgesetzt ein besonderer geistiger Sinn. Diejenigen, die nur gelten lassen wollen das, was die äußeren Sinne wahrnehmen, die werden mich nicht verstehen. Für die spreche ich wie ein einziger Sehender unter einer Schar von Blindgeborenen.»
[ 25 ] Auf das Schauen des Geistes, auf das Miterleben des geistigen Webens und Wesens in der Welt und in der menschlichen Seele, auf das ging Fichte’sches Streben, und das fühlt er als aus dem innersten der Lebensregungen seines Volkes herausquillend. Und so sehen wir, nicht im Hinstreben zum Geistvollen, aber in den tiefen Anlagen dieses geistige Forschen und Suchen mit den innersten Quellen der Persönlichkeit, den innersten Lebensregungen des Menschen zu verbinden; in dem sehen wir gerade bei Fichte den Kern, Ausdruck des mitteleuropäischen Volkes, des deutschen Volkes.
[ 26 ] Daher finden wir, wie bei Fichte uns entgegentritt dieses scharfe Betonen, dieses prägnante Betonen, das als Weltanschauung auf das Anschauen des Geistes gehen muss. Man braucht nur ein paar Worte, [sehr verehrte Anwesende], von dem zu sagen, worin Fichte etwas vom Innersten seines Forschens und Strebens ausdrückte, was er identisch wusste mit dem Streben des deutschen Volksgeistes; so bekommt man eine Charakteristik desjenigen, was damit eigentlich gemeint ist.
[ 27 ] So sind die wunderbaren Worte Fichtes, die er selbst gesprochen hat in den «Reden an die deutsche Nation» ebenso zur Charakteristik des tiefsten menschlichen Strebens — wie zur Charakteristik der tiefsten geistigen Anlagen seines Volkes —, und er charakterisiert beide, Fichte, indem er sagt:
Zeit und Ewigkeit und Unendlichkeit erblickt sie
[ 28 ] — er meint die Philosophie, die er suchte [aus den innersten Wurzeln der Lebensregung seines Volkes heraus] —
in ihrer Entstehung aus dem Erscheinen und Sichtbarwerden jenes Einen, das an sich schlechthin unsichtbar ist und nur in dieser seiner Unsichtbarkeit erfasst, richtig erfasst wird.[...]
Alles als nicht geistiges Leben erscheinende beharrliche Dasein ist nur ein aus dem Sehen hingeworfener, vielfach durch das Nichts vermittelter leerer Schatten, im Gegensatze mit welchem, und durch dessen Erkenntnis als vielfach vermitteltes Nichts, das Sehen selbst sich erheben soll zum Erkennen seines eigenen Nichts und zur Anerkennung des Unsichtbaren als des einzigen Wahren.
[ 29 ] Aber, sehr verehrte Anwesende, nicht bloß in solchen abstrakten Worten hat Fichte dasjenige, was er als das innerste Wesen seines Suchens empfand, ausgesprochen. Oftmals haben uns unsere geisteswissenschaftlichen Betrachtungen dahin geführt, zu zeigen, wie Geisteswissenschaft in dem Menschen die auf guten Grundlagen beruhende Überzeugung begründen kann, dass im Menschen der ewige Wesenskern erfahrbar ist, der durch die Pforte des Todes bewusst geht, um nach einer Zeit rein geistigen Erlebens in der geistigen Welt ein neues Dasein anzutreten. Und diejenige Geisteswissenschaft, die eine aktive Wissenschaft ist, die ohne Hochmut eine tapfere Wissenschaft sein will, sein will eine auf den aktiven Kräften der Seele beruhende Wissenschaft, sie spricht nicht in unbestimmter Weise über das Leben nach dem Tode, sie sucht zu erfassen die Eigentümlichkeit des menschlichen Wesens, um zu zeigen, wie es in die geistige Welt hineinschreitet. Da weiß sie auch zu sprechen davon, nicht bloß in abstrakter Weise, sondern in konkreter Weise, wie die Seele sich als Lebendiges weiß, als Lebendiges wissen kann durch jene Erkenntnisse, über die wir morgen sprechen werden, die die Seele gewinnen kann, wenn sie außer dem Leibe ist, wenn sie außer dem Leibe nach diesem Leibe hinschaut, wie auf ein äußeres Objekt, wie auf etwas Äußeres.
[ 30 ] Wie die andere Wissenschaft spricht von den Dingen der sinnlichen Welt, von den Dingen, die durch die Sinne geschaut werden, so spricht die Geisteswissenschaft von jenem Schauen, das aus der geistigen Welt heraus auf die physische Welt zurückschaut und sie in ein Verhältnis zu bringen vermag.
[ 31 ] Da, wo Fichte versucht, dem zweiten Teil der von ihm aufgeworfenen dritten Frage nahezutreten, welches dieses Mittel sei, für die Entwicklung seines Volkes, da macht er eine eigentümliche Bemerkung. Fichte sucht ja diese Mittel in einer radikalen, die vor ihm liegende Anschauung ändernden nationalen Erziehung. Wir können heute — [da die Zeit es wahrhaftig nicht gestattet] — nicht von den Einzelheiten der Fichte’sehen Ideen reden; aber in einer radikalen Änderung aller Erziehungsprinzipien sucht Fichte dasjenige zu sehen, was das Förderlichste nach seiner Überzeugung ist für die Entwicklung seines Volkes. Eine Erziehung, welche nicht bloß auf Äußerlichkeiten geht, sondern bis in die tiefsten «Wurzeln der Lebensregungen». Und da fühlt dann Fichte, wenn er davon erzählt, dass dieses Erziehungsideal sich recht sehr unterscheidet von dem, was die Menschen nach den bisherigen Anschauungen für möglich halten mussten in der Erziehung. Da versetzte er sich nun auf einen solchen Standpunkt, wie wenn er schauen würde von seinem Horizont, in den ihm in aller Realität sein Ideal hineinleuchtet, und will herunterschauen auf dasjenige, was er für überlebt hält [an alten Erziehungsprinzipien]. Und er schildert nun, wie ihm das vorkommt, was sich überlebt hat, er schildert es wieder mit charakteristischen Worten, die in den «Reden an die deutsche Nation» stehen, über die man aber leicht hinwegliest, die aber demjenigen, der die neuere Geisteswissenschaft in sich aufgenommen hat, tief ins Herz gehen müssen. Fichte sagt:
Die Zeit erscheint mir
[ 32 ] — die Zeit nämlich, in der die alten Erziehungsprinzipien geherrscht haben —,
die Zeit erscheint mir wie ein Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der anderen Welt, in die die abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich und umgeben sie mit warmem Liebeshauche, zwar begrüßen sie schon freudig heimliche Stimmen der Schwestern und heißen sie willkommen, zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll, zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefühl für diese Lüfte oder Gehör für diese Stimmen oder, wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.
[ 33 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, wenn man die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft, wie sie real in unserer Zeit entwickelt werden können, zusammennimmt, wenn man versucht, sinnbildlich aus der Art, die Geisteswissenschaft zeigt, diese Art, wie der Mensch nach dem Tode zurückblickt auf seinen Leib, wie er empfindet über diesen Leib, wenn man daraus ein Symbolum prägen will für etwas, aus dem man sich herausentwickeln will, so kann man kein besseres Symbolum entwickeln, [als Fichte da entwickelt]. Müssen wir da nicht sagen:
[ 34 ] In dem Besten, was wir suchen, lebt dasjenige, was in Fichte aufgegangen ist, was in seinem großen Ahnen lebte. Denn war er nicht wirklich bei dem Besten, was wir suchen, was gesucht werden muss in dem Übergang der menschlichen Entwicklung zu einem geistigen Leben? Und heißt es nicht etwas, dass Fichte dieses Suchen in innigen Zusammenhang bringt mit dem deutschen Wesen. Gerade das, was das deutsche Wesen ist, das wird so anschaulich, wenn man — jetzt nicht in abstrakter Theorie, sondern im menschlich-lebendigen Fühlen — das in sich aufnimmt, was aus solchen Auseinandersetzungen, wie Fichte sie gibt in seinen «Reden an die deutsche Nation», [wenn man] sich davon etwas beeinflussen lässt.
[ 35 ] Sehr merkwürdig: Einer der philosophischen Repräsentanten der deutschen Nation steht in Fichte vor uns in einer Entwicklungsepoche dieser Nation, [in einer Zeit], wo sie allerdings vor einer harten Prüfung stand, wo sie bereits Jahrhunderte der Entwicklung hinter sich hatte, fragend nach dem innersten Wesen dieser Nation, die große innere Schicksalsfrage aufstellend: «Was ist denn eigentlich ein Deutscher?»
[ 36 ] Damit, sehr verehrte Anwesende, damit haben wir etwas richtig Charakteristisches des deutschen Wesens. Engländer, Franzose, Italiener ist man durch dasjenige, was einem eingeprägt ist durch die nationale Eigentümlichkeit. Man ist Engländer, Franzose, Spanier, Italiener, Russe zu irgendeiner Zeit. Deutscher, das geht gerade dem Empfinden und dem Verständnis nach aus Fichtes Worten hervor, Deutscher ist man niemals, man wird es unablässig; denn die Deutschheit steht als ein hohes Ideal vor dem Deutschen. Und in Demut blickt der Deutsche zu dem Ideal auf und fragt sich: Wie werde ich ein Deutscher?
[ 37 ] Und so fügen sich zusammen in diesem Deutschwerden als Impulse dieses Deutschwerdens im Grunde diejenigen des Menschwerdens. Zur Entwicklung dessen, was den deutschen Charakter charakterisiert, gehört — fast möchte man sagen, wenn das Wort nicht absurd wäre — die Erhebung des nationalen Fühlens des Deutschen zur allgemeinen Menschlichkeit im Sinne des von Schiller für anderes geprägten Wortes: «Zu welcher Nation bekennst du dich?» Und die Antwort könnte sein: «Zu keiner der bestehenden.» Und warum zu keiner? «Aus deutscher Nationalität!» Denn das ist der charakteristische Unterschied der deutschen Nationalität, und das geht gerade aus Fichtes so nervigen Worten hervor: Es ist das Wesen der Deutschheit, nach dem Wesen des AllgemeinMenschlichen zu streben, zu suchen unablässig: Wie wird man Mensch? Wie wird man Mensch im universellsten Sinne des Wortes? Es liegt ein scheinbarer Widerspruch darin; aber der Widerspruch liegt in allem Lebendigen; der Widerspruch ist das Charakteristische des Lebendigen. Und es tritt uns dieses — was man nennen könnte eine Charakteristik der Deutschheit, die in einem ewigen Streben nach [universellem] Menschentum liegt —, es tritt einem das wiederum so schön in Worten Fichtes klar zutage.
[ 38 ] Fichte will die Antwort darauf geben, wer eigentlich als ein Deutscher angesehen werden kann. Und er sagt da in den «Reden an die deutsche Nation», die bezeichnet werden können als eines der deutschesten der deutschen Geistesprodukte:
[.—.] was an Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt, und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das, wo es auch geboren sei, und in welcher Sprache es rede, ist unsers Geschlechts, es gehört uns an und es wird sich zu uns tun.
[ 39 ] Darinnen haben wir zugleich etwas von dem universellen Streben, das zum Ausdruck kommt, wenn man deutsches Streben in seinem wirklich inneren Sinn, oder — um dieses Wort Fichtes noch einmal zu gebrauchen — an den «Wurzeln der Lebensregungen» ins Auge fasst.
[ 40 ] Und im Grunde genommen, sehr verehrte Anwesende, liegt alle Kraft, die aus solcher Lebensanschauung hervorgehen kann, in jedem Wort, das Fichte gesprochen hat, insbesondere aber in denjenigen Worten, die er gesprochen hat, um das Bewusstsein zum Ausdruck zu bringen, das ihm aus dieser, gerade nach seinem Wesen gearteten Weltbetrachtung sich ergab. Man möchte sagen: Wie die seelischen Kräfte, die als Geist und zugleich als Wille sich aussprechen, die selbst sich aussprechen als ewiges inneres Werden, so klingt es zu uns, wenn Fichte — nicht aus einer theoretischen Betrachtung, sondern aus dem Zusammenhang aller menschlichen Seelenkräfte sich über die Unsterblichkeit des Menschen ausspricht, wie er zu den unzähligen Sternen nun den Blick wendet, die im Kosmos stehen, [und Sonnen] und den Planeten, die sich bewegen, wenn er den Blick hinwendet zu hohen Gebirgen, zu den Felsen, den Wolken, die sie einfassen, zu den Wäldern und Flüssen, wenn er den Blick wendet zu den drei Reichen der Natur, und dann ihn zurückwendet auf das menschliche Seelenwesen, und das, was seinem Bewusstsein sich ausdrückt, etwa so ausdrückt in einer Rede, die er seinen Jenenser Studenten gehalten hat:
[ 41 ] Und ihr Sterne [und ihr Wolken und ihr Felsen], ihr Berge all, wenn ihr alle einmal zusammenstürzet, wenn euch Blitze durchzucken, wenn euch die elementaren Kräfte zermalmen, sodass kein Stäubchen mehr von euch vorhanden ist, so sagt ihr mir nichts über meiner eigenen Seele Wesen. Dieses trotzt eurer Macht, dies ist ewig, wie ihr nicht ewig seid.
[ 42 ] Geisteswissenschaft muss heute anders sprechen über diese Dinge, weil sie aus Erkenntnisquellen die entsprechende Überzeugung holt. Aber bei Fichtes Ausgangspunkten entspringt eine Anlage zur Geisteswissenschaft aus einem Wissen, das zugleich Wollen, aus einem Wollen, das zugleich Wissen ist, einem wollenden Wissen davon, dass die ewige Menschenseele, die durch Geburt und Tod schreitet, im unmittelbaren Werden erfasst und in dem Zusammenleben mit diesem ewigen Leben der Menschenseele die Persönlichkeit als verbunden mit der Ewigkeit weiß.
[ 43 ] Und der Ton, der aus solchem Bewusstsein hervorgeht, durchdringt als ein Grundton diejenigen Reden, die Fichte gehalten hat, um in schicksalsschweren Zeiten seinem Volk zum Bewusstsein zu bringen, was es zu verteidigen hat, was es als seinen reichsten Schatz in seinen Seelentiefen birgt und was es gegen alle Welt zu verteidigen hat und verteidigen muss. Es ist das Streben nach allgemeiner Menschheit — heraus sich gebärend aus dem Wesen seines Volkes.
[ 44 ] Und, wie bekräftigend dasjenige, was Johann Gottlieb Fichte, der Philosoph, ausdrückt, steht neben Fichte — dem Philosophen —, Schiller, der große, eindringliche Dichter, steht Schiller, der aus dem mystisch tiefen Wesen des Süddeutschen, insbesondere des schwäbischen Geistes heraus, seine große Dichtung der Freiheit erklingen ließ, der sich hinaufgeschwungen hatte, durch die Anschauungen Goethes auch, zu jenem Streben, das aus einem einzelnen Volkesstreben heraus universellstes Menschheitsstreben gebären will.
[ 45 ] Es wird heute zu wenig gewürdigt, wie Schiller gehoben hat sein Volk auf eine [Bildungshöhe], als er ein Werk schuf, das insbesondere groß ist durch die Höhe der Bildung, durch die Vornehmheit der Bildung und der geistigen Atmosphäre, aus der das Werk heraus entsprungen ist. Ich meine das Werk, an dem man am leichtesten vorübergeht, Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen. Man könnte auch sagen, Schiller versuchte, durch das Werk zu beantworten die Frage für sein Volk: Wie erlangt der Mensch die Freiheit? Und im höchsten Stile tritt er an das Rätsel der menschlichen Freiheit heran. Ich möchte sagen: Es gibt keine geistige Höhe, es gibt keine menschheitsvolle empfindungsvolle Tiefe, aus denen Schiller nicht holen will die Mittel zur Beantwortung der Frage: Was ist menschliche Freiheit?
[ 46 ] Zweifach kann menschliche Freiheit beeinträchtigt werden im höchsten Stile, so sagt sich Schiller. Da ist zunächst dasjenige, dem sich der Mensch zu fügen hat in der logischen Notwendigkeit, wenn er seiner Vernunft folgen muss, die Schlussfolgerung an Schlussfolgerung kettet.
[ 47 ] Der Mensch mag sich äußerlich frei fühlen in einer solchen logischen Tätigkeit, innerlich frei ist er nicht, denn er ist ein Sklave der logischen Notwendigkeit; und indem er sich ihr fügt, ist er nicht frei, der Mensch. Ebenso wenig ist er frei, wenn er sich zu fügen hat dem die Sinne treibenden Empfinden, den Naturnotwendigkeiten der Natur-Notdurft.
[ 48 ] Nach diesen zwei Seiten kann der Mensch unfrei werden.
[ 49 ] Wodurch aber wird er frei? Oh, frei wird er im Stile Schillers, wenn es ihm gelingt, loszulösen aus dem Innern das, was in seinen inneren Tiefen verborgen ruht als Wesenskern, was zwischen Geburt und Tod nicht unmittelbar wahrgenommen wird, was nur wahrgenommen werden kann, wenn es losgelöst wird aus seinem verborgenen Dasein und wenn das Wesen heraufsteigt auf der einen Seite in die geistige Region, um dort solche inneren Impulse zu entwickeln, wodurch die Seele Herr wird in der Welt, wo sie sonst Sklave ist, wenn sie heraufsteigen kann in das Reich der Geistigkeit und darinnen frei schaltet, wie das Kind frei schaltet in seinem Spiel.
[ 50 ] Dann fühlt sich die Seele im Geiste frei und wenn sie wieder heruntersteigen kann in den Leib, aber den Geist nicht verliert, sondern mit dem Geiste heruntersteigt in das, was sinnlich notwendig ist, und die Sinnlichkeit handhabt so, dass indem, was das Auge schaut, dass das Ohr hört, dass die Hand ergreift, dass in dem Sinnlichen die Geistigkeit durchschaut wird, alles Geistige durchsinnlichend, alles Sinnliche durchgeistigend, dass erlebt wird jenes höhere Selbst im Selbst, nach dem Schiller strebte, indem er diese Briefe schrieb.
[ 51 ] Man darf fragen, bedeutet es nicht doch eine hohe Blüte menschlicher Entwicklung, wenn aus Kräften eines Volkes heraus auf höchste menschliche Fragen nicht eine philosophisch-theoretische Antwort, sondern eine Antwort aus dem ganzen Umfang menschlichen Fühlens gegeben wird, wie sie Schiller gegeben hat? Damals war es auch, wo Schiller sich die bedeutungsvolle Frage aufwarf: Welches sind nun die Abirrungen der Menschheit und der Menschlichkeit?
[ 52 ] Der «Barbar» ist es auf der einen Seite; der «Barbar», bei dem der Fall eintritt, dass er durch seine Grundsätze in Bezug auf seine Triebe und menschlichen Impulse überwältigt wird. Solch ein «Barbar» kann der Mensch nicht werden, denn er muss seine Grundsätze lieb gewinnen, sodass er nicht versklavt wird, sondern dass er seine Triebe in die Welt des Geistes seiner Grundsätze hinaufträgt, dass er dasjenige, was er tun muss, tun will, weil er es liebt. Und ein Wilder ist der Mensch — [das ist die andere Abirrung] —, wenn er durch seine Triebe, [seine Instinkte] überwältigen lässt seine Grundsätze.
[ 53 ] So gab es einen Punkt tiefsten deutschen Sinnens, indem die Frage aufgeworfen wurde: Wie findet der Mensch zwischen den Gebieten des Wilden und des «Barbaren» hindurch wahres Menschentum? So hat dasjenige, was im höchsten Sinne spirituell-idealistisches Gewissen im deutschen Volke ist, den wahren Menschen gesucht.
[ 54 ] Dürfen sie die Angehörigen eines Volkes, das also zwischen der Klippe des «Barbarismus» und der Wildheit den wahren Menschen gesucht hat, dürfen sie das Volk «Barbarenvolk» nennen?! Die Frage könnte uns, wie ein Refrain, aus vielem hervorgehen und uns immer wieder und wiederum entgegentönen: Warum nennen sie dieses Volk [Schillers und Fichtes] ein «Barbarenvolk»? Kommt es darauf an, welche Mittel, [sehr verehrte Anwesende], dieser Krieg heute suchen muss? [Das konnten alle wissen, bevor er begonnen hat!] Kindisch ist es, davon zu sprechen, welche Mittel der Krieg suchen muss; würdig ist es eines echten Betrachters der menschlichen Entwicklung, zu fragen: Was muss verteidigt werden?
[ 55 ] Und wir haben ein wenig gesucht, was verteidigt werden muss, indem wir das Erbe — wenn auch nur in einzelnen Strichen — Schillers und Fichtes vor unsere Seele hinstellten. Und wahrhaftig, sie fühlten so, diese unsere Großen, über die Verbindung des deutschen Wesens mit dem, was sie im Sinne allgemeinst-menschlichen Strebens selbst wollten. Und dasjenige, was lange nach Schillers Tod als Worte bekannt geworden ist, die als ein Vermächtnis gelten können, zeigt, wie Schiller sich mit dem hier ein wenig Charakterisierten hineinstellt in das Wesen seines Volkes. Führen wir uns, die ja oftmals gehörten Worte in dieser Zeit vor die Seele, die Worte, die er sprach im Hinblick auf dasjenige, was die Deutschen zu tun haben, [um sich aufrechtzuhalten] gegen eine Welt von Gegnern.
Dem, der den Geist bildet, beherrscht,
muss zuletzt die Herrschaft werden, denn
endlich an dem Ziel der Zeit, wenn anders die
Welt einen Plan, wenn des Menschen
Leben irgend nur Bedeutung hat, endlich
muss die Sitte und die Vernunft siegen,
die rohe Gewalt der Form erliegen
und das langsamste Volk wird alle
die schnellen Flüchtigen einholen.Ihm
[ 56 ] —dem Deutschen —
ist das Höchste bestimmt,
und so wie er in der Mitte von
Europens Völkern sich befindet,
so ist er der Kern der Menschheit,
jene sind die Blüte und das Blatt.Er ist erwählt von dem Weltgeist, während
ganzen Zeit.
des Zeitkampfs
an dem ewigen Bau der Menschenbildung
zu arbeiten, zu bewahren, was die Zeit bringt,
daher hat er bisher Fremdes sich angeeignet
und es in sich bewahrt.
Alles, was Schätzbares bei andern Zeiten
und Völkern aufkam, mit der Zeit
entstand und schwand, hat er aufbewahrt,
es ist ihm unverloren, die Schätze von
Jahrhunderten.
Nicht im Augenblick zu glänzen und
seine Rolle zu spielen, sondern den großen
Prozess der Zeit zu gewinnen. Jedes Volk
hat seinen Tag in der Geschichte, doch
der Tag des Deutschen ist die Ernte der
[ 57 ] Wohl aus tief bewegtem Herzen, aus einem Herzen, das mitfühlte den Pulsschlag seines Volkes, sprach Schiller solche Vermächtnisworte für sein Volk.
[ 58 ] Das, sehr verehrte Anwesende, fühlen wir als die Seele, die hinter dem steht, was wie der Krieg eben grausam sein muss, grausam nach demjenigen, was ja wahrhaftig nicht aus deutschem Geist erwachsen ist, sondern was erwachsen ist zum großen Teil aus demjenigen, was nicht deutschen Geistes ist.
[ 59 ] Die kindische Redensart, dass der Deutsche eine besondere Vorliebe für Militarismus hat, braucht ja bei uns nicht besonders erörtert zu werden; vielleicht darf aber doch — wenn uns der Refrain immer wieder entgegentönt: «Warum nennen sie das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»? —, vielleicht darf aber doch diese Frage gewissermaßen in die andere verwandelt werden. Konnte man denn glauben, wenn in der Stärke von zweieinhalb zu eins wie gegen eine Festung heranrückend eine Welt in Waffen gegen deutsches Wesen steht, dass dann die Deutschen kämpfen werden, indem sie den Kanonen gegenüber Schillers Gedichte oder Fichtes Philosophie rezitieren? Nur derjenige, der das erwartet hat, kann davon sprechen, wovon jetzt so vielfach in der Welt gesprochen wird.
[ 60 ] Aber ist immer das Gesprochene wahr? Nur mit ein paar Worten sei hingedeutet auf die Art, wie ein großer Geist, ein hervorragender Geist der neueren Zeit über deutsches Wesen gedacht hat, wie er gedacht hat über dasjenige Wesen, wovon wir versuchen ein Bild vor unsere Seele zu rufen durch einige Charakterzüge der Fichte’sehen und Schiller’sehen Denkart. Steht diese Denkart doch mit alledem, was in dem universellen Geist, in Goethe uns vor Augen gerückt ist im Zusammenhang, der ja der Mittelpunkt der deutschen Entwicklung vorläufig ist. Nun, dasjenige, was Fichte und Schiller geworden sind, es ist zugleich Goethe’sches Wesen. Ich möchte sagen, das, wovon der Amerikaner Emerson spricht, es ist nicht bloß Goethes, sondern Schillers und Fichtes Wesen.
[ 61 ] Und ich führe wahrhaftig nicht nur deshalb, weil es uns sympathisch ist, sondern aus anderen Gründen einen nicht deutschen Beurteiler des deutschen Wesens an, das geworden ist im neunzehnten Jahrhundert aus den Keimen, die Schiller, Fichte, Goethe gelegt haben, ich führe die Worte eines auf der Höhe des amerikanischen Geisteslebens stehenden Geistes an, [der diese Worte nicht in deutscher], in englischer Sprache gesprochen hat — Emerson —, um die Frage aufzuwerfen: Wie hat das «Barbarenvolk» mit seiner Kultur auf die Menschen des neunzehnten Jahrhunderts [gewirkt], die etwas verstanden von deutscher Kultur?
[ 62 ] Emerson, der große Amerikaner, sagt:
Eine Eigenschaft vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung: dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert.
[ 63 ] So sieht der Amerikaner das deutsche Wesen repräsentiert durch Goethe, konzentriert in Goethe an, dass das deutsche Wesen darin besteht, dass sich alles auf Wahrheit basiert!
[ 64 ] Emerson sagt in englischer Sprache weiter:
In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden.
[ 65 ] Nicht ein Deutscher sagt das, wie gesagt!
Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit, allein was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge stehen bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin?». Das deutsche Publikum verlangt von [einem] Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfach darüber ausspreche. Geistige Regsamkeit ist vorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? — Woher hat er alle diese Gedanken?
[ 66 ] Ich zitiere einen Englischsprechenden!
Die Engländer [...] sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.
Die Deutschen denken für Europa.
[ 67 ] In englischer Sprache geschrieben!
Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht.
Aus diesem Grunde sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansch’n
[ 68 ] — in englischer Sprache geschrieben! —
und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie er; haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe
[ 69 ] — den Emerson als den Repräsentanten der deutschen Nation ansieht —,
das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, was noch besser ist. [...] Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.
[ 70 ] So, sehr verehrte Anwesende, konnte im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts über deutsches Wesen gedacht und gesprochen werden von einem der erleuchtesten Geister des neunzehnten Jahrhunderts. Warum nennen sie das Volk, über das so gesprochen werden muss, ein «Barbarenvolk»? Es klingt uns immer wieder und wiederum als Refrain [entgegen]. Wir brauchen ja die Frage nicht zu beantworten, angesichts der Tatsache, wir brauchen sie nur aufzuwerfen.
[ 71 ] Noch etwas, sehr verehrte Anwesende, ganz kurz, man möchte sagen Monate vor dem Kriege wurden in einer der südlichen Städte Großbritanniens Vorträge gehalten über deutsches Geisteswesen, Vorträge über deutsches Geisteswesen und Geistesleben, um dieses deutsche Geistesleben — die Vorträge sind auch übersetzt worden und als Buch zu haben in deutscher Sprache —, um dieses deutsche Geistesleben, so wird es in der Vorrede des Buches gesagt, ein wenig zugänglich zu machen Leuten, die, wie der englische Verfasser dazu meint, allzu wenig von diesem Geistesleben wussten. Er spricht ausdrücklich aus, welche Leute er meint — er spricht von den englischen Journalisten —, ich weiß nicht, wie viel sie aus diesen Vorträgen gelernt haben, die Journalisten, nach den Proben, die wir jetzt in ihrem Urteil über deutsches Wesen erleben.
[ 72 ] Aber vielleicht dürfen die Worte eines direkt englischen, keines amerikanischen Mannes, die nicht lange vor dem Krieg [in Universitätsvorträgen, die zur Aufklärung des englischen Journalismus] gesprochen wurden und die aufklären sollten den Journalismus über deutsches Wesen, vielleicht dürfen diese Worte auch ein wenig berücksichtigt werden. Das, was also hier mitgeteilt wird, ist nicht etwa in Amerika durch Emerson, sondern in England, in englischer Sprache über deutsches Wesen, deutsches Geistesleben, gesagt:
Der hochbegünstigten Auslese unter Descartes’ und Newtons Landsleuten war der Geist der Wissenschaft fraglos bekannt; aber der leidenschaftliche Drang nach Wissen wurde dem modernen Europa, falls überhaupt, vor allem durch Tausende von deutschen Forschern gelehrt.
[ 73 ] Fast geniert man sich, aber es ist ja zunächst englisch gesprochen.
Die Einbildungskraft, das Gefühl, der Wille machten ihr Recht neben der Vernunft oder über sie hinaus gehört zu werden, geltend, und unter ihrem umgestaltenden Druck wurde das Weltall tiefer, weiter und wundervoller. Das Irrationale wurde als eine Quelle der Erleuchtung anerkannt; Weisheit wurde vom Kinde und der Blume geholt; Wissenschaft, Philosophie und Dichtung kamen einander nahe. Bei uns in England schuf diese Wiederbelebung der Einbildungskraft eine edle Dichtung, ließ jedoch die Wissenschaften und die Philosophie fast unberührt. Einer der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Periode ist die Tatsache, dass, während in England und Frankreich die poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen Bewegungen größtenteils in getrennt liegenden Kanälen dahinflossen, sie in Deutschland einander berührten oder völlig ineinander aufgingen. Wordsworth sang und Bentham rechnete; Hegel aber fing den Genius der Dichtung im Netz seiner Logik; und der Gedanke, welcher entdeckt und erklärt, und die Einbildungskraft, welche Neues hervorbringt, sie wirkten in fruchtbarer Harmonie zusammen in dem Genius Goethes.
Im Faust, am Schluss seines vielbewegten Lebens, sehen wir das heutige Deutschland vorgebildet, das Deutschland rastlos-kühnen Wollens und Handelns, und wir können umso besser verstehen, weshalb der große Weltbürger, in dessen Augen Staat und Volkstum untergeordnete und manchmal schädliche Ideale waren, dennoch seine unangreifbare Stelle als der höchste Dichter des Deutschen Reiches neben Bismarck, seinem Schöpfer, behauptet.
[ 74 ] Und in diesen Vorträgen, in denen so gründlich, möchte man sagen über den Geist gesprochen wird auch über Hegel, der zusammenfasst deutsches Wesen in kristallklarste Gedankenbilder — Hegel, dessen Gedenktafel wir am Hause gegenüber sehen —, da finden wir auch die Worte.
[ 75 ] [Sehr verehrte Anwesende], ja, ich sage es wirklich nur aus dem Grunde, weil ich ja nicht ganz hinaus bin über das Goethe’sche Diktum, das er einmal sagt: Die Leute sagen, das Eigenlob stinkt; was aber fremder Tadel für einen Geruch habe, davon sprechen sie nicht gerne. Man kann sich doch über solche Worte schwer hinauserheben, aber, nicht wahr, wenn die Worte in englischer Sprache gesagt worden sind, dürfte das vielleicht eine Entschuldigung sein, wenn sie in Deutschland wiederholt werden. Monate vor dem Kriege sind sie gesprochen worden an derselben Universität in Manchester: «Keine deutschen Wörter sind tiefer mit dem Saft nationaler Ethik durchtränkt als die, welche diese Dinge bezeichnen: wahr, gründlich, treu.» «Wahr, gründlich, treu», man könnte fast stolz sein auf diese Charakteristik von jenseits des Kanals, [sehr verehrte Anwesende]. Aber fügen wir in der kurzen Zeit, die uns für die heutige Betrachtung noch zur Verfügung steht, noch etwas an, was auf diese Worte eine Beziehung hat.
[ 76 ] Ich spreche zu Ihnen als ein Mensch, welcher seine Jugend verbracht hat in Österreich, innerhalb einer Gruppe von Menschen, welche herbeigesehnt haben aus ganz andersartigen Verhältnissen heraus den Augenblick, wo in einer großen Tat oder in irgendeinem größeren Zusammenhang österreichische Kultur mit deutscher Kultur zusammengehen könne — also in einer Gruppe derjenigen Menschen, die etwas vorfühlten von dem, was jetzt so herzbewegend durch unsere mitteleuropäischen Seelen geht, [etwas vorfühlten von dem Pulsschlag der Zeit]. Und ich erinnere mich an ein Wort — das dazumal viel herumgetönt hat um das Ohr derjenigen, die nur etwas fühlten von dem Pulsschlag der Zeit —, an ein Wort erinnere ich mich, das Wort «Herbstzeitlose». Und woher kam das Wort «Herbstzeitlose»? Ich will es ganz kurz andeuten.
[ 77 ] In Österreich gab es in den Siebzigerjahren [nach dem Parlamentskongress] eine liberale Partei, eine aus lauter bedeutenden Talenten bestehende Partei, deren Führer [Eduard] Herbst war. Er vertrat einen gewissen abstrakten Liberalismus, einen so recht nach dem Muster englischer Parlamentaristen zugeschnittenen Liberalismus. Auf dem Berliner Kongress hat unter dem vorwiegenden Einfluss der damaligen englischen Staatsmänner Österreich die Mission bekommen, nach Südosten herunter zu wirken, was dann seinen Ausdruck fand in der Okkupation und späteren Annexion von Bosnien und der Herzegowina, und alledem, was Österreich als seine Mission auffasste.
[ 78 ] Österreich hat dazumal gerade durch den Einfluss Englands sich den Zorn [dazumal schon] der russischen Panslawisten auf den Hals geladen; denn England hat Österreich gegen die Aspirationen des russischen Einflusses auf die Balkanhalbinsel geschickt. Diejenigen, die dazumal Herbstianer waren in Österreich, die wendeten sich gegen diese Mission. Bismarck aber wusste, wie das zusammenhängt mit der ganzen neuzeitlichen Entwicklung, wie da unter dem Einfluss Englands der russische Groll sich neu entzündete. Damals entstand ein gewisser Impuls der österreichischen Politik nach dem Südosten hin, und Bismarck wusste, dass dies geschehen musste. Er fand, dass diejenigen, die das nicht verstanden in Österreich unter dem Einfluss von [Eduard] Herbst, die «Herbstzeitlosen» seien. Und wie bei dem geistvollen, seine Zeit verstehenden Mann ein Witz wirkt, wie eine Kraft, die vernichten kann, so vernichtete die HerbstPartei das Diktum der «Herbstzeitlosen». Worte, die von persönlicher Kraft gebildet werden, die wirken wie persönliche Kräfte in der Welt.
[ 79 ] Nun, wie waren denn die mitteleuropäischen Menschen? Sie haben damals als «Barbaren» hingenommen, dass man in England versteht die südöstliche Mission. Sie haben es festgehalten bis 1914 hin. Sie haben alles getan, was sie konnten. [Gründlich waren sie], treu waren sie dem, was dazumal die Staatsmänner Englands aufgetragen haben den mitteleuropäischen Völkern: Sie waren wahr, gründlich und treu, diese mitteleuropäischen Völker!
[ 80 ] Wir brauchen das nur hinzustellen, und daneben die Tatsache, [sehr verehrte Anwesende], dass nun England aufseiten derjenigen Macht steht, deren Groll sowohl gegen Deutschland wie gegen Österreich, es dazumal Deutschland und Österreich an den Hals gehetzt hat. [Und ich habe zu fragen]: Ist auch das Verlassen desjenigen Bodens, auf dem es damals gestanden hat, ist auch das wahr, gründlich und treu? Wenn die heutigen Ereignisse aus dem folgen, was somit bestimmt war — warum nennen sie das Volk, das das ausführte, was ihnen einst richtig erschien, ein «Barbarenvolk»? Die Frage tönt uns immer wieder und wiederum als Refrain aus den Zeitereignissen entgegen!
[ 81 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, ich will ja nicht in Form einer Behauptung, aber in Form einer Frage es vielleicht aufwerfen: Könnte es nicht mit dem ganzen Wesen der deutschen Weltanschauung doch zusammenhängen, dass zuweilen dasjenige, was anderen so furchtbar bedeutsam erscheint, vom Lichte der Weltanschauung Schillers, Fichtes und Goethes aus doch anders beleuchtet sich ausnimmt?
[ 82 ] Auf einen Punkt sei hingewiesen — ich weiß, dass dies als ein recht bedenklicher Punkt angesprochen werden kann —, aber darum handelt es sich nicht, sondern darum, bei «wahr, gründlich und treu» zu bleiben, bei dem zu bleiben, was «wahr, gründlich und treu» ist gegenüber der Weltanschauung Goethes, Fichtes und Schillers.
[ 83 ] Obwohl es nicht so besonders schlimm ist mit der Zerstörung der Kathedrale von Reims, wie man sehen konnte — ich habe selbst diese Kathedrale im Jahre 1906 gesehen in recht brüchigem Zustande gesehen, ich gehöre zu denen, die sich von niemand in der Bewunderung der Kathedrale überbieten lassen —, dennoch, in Anbetracht desjenigen, was als eine teure Erbschaft dem Volke Schillers, Goethes und Fichtes vorliegt als eine Weltanschauung, darf doch Folgendes gesagt werden:
[ 84 ] Es ist für dieses Volk in einer gewissen Beziehung tief wahr, dass Schönheit das ganze Weltengebäude durchpulst, dass Schönheit in der Konstruktion des ganzen Weltgebäudes liegt. Und tief empfindet man ein Wort, das Goethe gesprochen hat, und Novalis, [der große Dichter], wieder gesprochen hat in ähnlicher Weise, ein Wort, das etwa im Goethe-Stile lautet:
[ 85 ] Was wären alle die Äonen von Sternen, die herunterleuchten vom Himmel, all diese Sonnen, all diese Schönheit, wenn sie nicht zuletzt in ein menschliches Auge scheinen, und aus einem menschlichen Auge vergeistigt und verseeligt herausschauten!
[ 86 ] Und bei Novalis: Aus einer solchen Weltanschauung geht hervor der Gedanke, wie sich all dasjenige, was sich im Kosmos abspielt, zusammengliedert und kombiniert und organisiert und zusammen seeligt und geistigt in dem, was zuletzt der Mensch ist. Daher nennt Novalis diesen menschlichen Bau, dasjenige, was uns im Menschen entgegentritt in seinem Bau, einen heiligen Tempel. Und die Berührung mit diesem heiligen Tempel selber, [schildert er als] etwas, was ja erregen muss in der Menschenseele heiligste Gefühle. Der Tempel höchster ist der menschliche Leib.
[ 87 ] Der menschliche Leib ist der höchste körperliche Ausdruck des Geistes für eine solche Weltanschauung, wie sie die Weltanschauung Fichtes, Goethes und Schillers ist.
[ 88 ] Und unsere schicksalsschwere Zeit, wie jede schwere Kriegszeit, macht es notwendig, dass unbarmherzig Tausende und Abertausende Kunstwerke vernichtet werden, die die höchsten Kunstwerke für die Weltanschauung Goethes, Schillers und Fichtes sein müssen: menschliche Leiber! Deutsche Weltanschauung hat einen Sinn nicht bloß für menschliche Kunstwerke, sondern für das höchste, wenigstens irdisch-höchste göttliche Kunstwerk, für den Menschen selbst. Und deutsche Weltanschauung frägt sich: Darf einer nicht sentimentalen, sondern höchsten Pietät gegenüber, darf gezetert werden, wenn beschädigt werden müssen menschliche Kunstwerke in einer Zeit, in der tausendfältig hingemäht wird Götter-Kunstwerk?
[ 89 ] Ich weiß, das ist ein Gedanke, den man nicht überall versteht. [Ich weiß aber auch,] wenn einmal alle Früchte der Goethe’sehen, Schiller’sehen, Fichte’sehen Weltauffassung gereift sein werden, dann wird dieser Gedanke dastehen als ein Gedanke, nicht einer «Barbaren-Kultur», sondern als ein Gedanke einer geistigen Hochkultur.
[ 90 ] Es ist vieles in unseren Tagen, was einströmt auf das deutsche Wesen an Hass und [Abweisung] dieses Wesens! Und wenn die Frage aufgeworfen wird: «Warum nennen sie das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»?, wenn man hinsieht auf dieses deutsche Wesen, man wird in diesem deutschen Wesen die Antwort nicht finden. Dann verwandelt sich diese Frage in eine andere Frage: Soll vielleicht dasjenige, was da entgegengeschleudert wird dem Volk — das sie belagern, wie die Menschen in einer Festung, was sie entgegenschleudern dem Volk, das sie aushungern wollen —, soll entgegengeschleudert werden der Schimpf der «Barbarei» diesem Volk, deshalb, um damit zu verdecken dasjenige, was man zu sagen sich schämt über die wahren Ursachen der Verhältnisse, in denen man zu dem belagerten Volk, das man aushungern will, steht?
[ 91 ] Gewiss, sehr verehrte Anwesende, auch innerhalb dieser von allen Seiten eingeschlossenen Menschheit regt sich so manches von dem, was man Hass, was man Antipathie nennen kann; allein, es sei frank und frei ausgesprochen: An den Zusammenhang dieser Antipathie, dieser nationalen Gehässigkeiten mit dem, was die Wurzeln der deutschen Lebensregungen sind, glaube ich nicht auf die Dauer bei einem Volk, das imstande war, den englischen Genius Shakespeares mehr zu lieben als das englische Volk selbst, glaube ich nicht, bei einem Volk, das imstande war, in seiner Blüte, und als seine Blüte muss man die Dichter erkennen, glaube ich nicht bei einem Volk, das imstande war, in Goethe sich hinzuwenden zu einem der englischen Dichter der neueren Zeit, zu Byron, und in Anlehnung an ihn hervorzubringen im zweiten Teil des «Faust» eine Gestalt, welche in Goethe als ein Ergebnis seiner Betrachtung Byrons mit angeregt worden war. Byron erscheint ihm — [Goethe knüpfte an das an], was Byron, der Engländer war — in Euphorion, dem Kind, das das Kind Fausts und Helenas war, das hervorging aus der Vermählung der höchsten Kulturblüten für Goethe.
[ 92 ] Aber [ist es nicht etwas, was da heraustönt und uns rein zeitgemäß] als Charakteristik dieses Euphorion [entgegenbringt], entspricht es uns nicht innig, fühlen wir nicht aus dem, was Byron-Euphorion für Goethe ist, was das rechte Wort zu der Zeit ist? [Goethe lässt Euphorion sagen]:
Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen
In Waffen kommt der Jüngling an;
Gesellt zu Starken, Freien, Kühnen,
Hat er im Geiste schon getan.Und hört ihr Donnern auf dem Meere?
Dort, widerdonnern Tal um Tal,
In Staub und Wellen Heer dem Heere,
In Drang um Drang, zu Schmerz und Qual.
Und der Tod
Ist Gebot [...],
Das versteht sich nun einmal.
Sollt’ ich aus der Ferne schaue,?
Nein! Ich teile Sorg’ und Not.
[ 93 ] Da, wo der deutsche Goethe ausdrücken wollte etwas, was ihm so am Herzen lag, da brachte es seine Liebe dazu, sich das ausländische Vorbild zu nehmen!
[ 94 ] Nein, man kann nicht glauben, braucht es nicht zu glauben, dass etwas anderes Deutschheit ist als das Suchen des edelsten Menschengeistes und dass man nur dieses Suchen der deutschen Seele [nach dem edelsten Menschengeiste] da, wo man in dem heutigen Stile oftmals davon spricht, eben nicht versteht; und weil man es nicht versteht, darum hasst [man es].
[ 95 ] Auch Schiller hat sich ja niemals darüber getäuscht. Auch er, der nicht nur sagte, sondern tat dasjenige, was er in den Worten, die ich anführte, zum Ausdruck brachte, der alles menschliche Wesen, wo es ihm immer entgegentreten konnte, in deutsches Wesen umzuwandeln verstand — künstlerisch-geistig —, er hat sich nichts vorgemacht, dieser Schiller. Schön sind doch seine Worte, die uns zeigen, wie er sich nichts vormachte, indem er hinblickte auf Frankreich und England:
Zwei gewalt’ge Nationen ringen
Um der Welt alleinigen Besitz;
Aller Länder Freiheit zu verschlingen,
Schwingen sie den Dreizack und den Blitz.Gold muss ihnen jede Landschaft wägen
Und, wie Brennus in der rohen Zeit,
Legt der Franke seinen eh’rnen Degen
In die Waage der Gerechtigkeit.Seine Handelsflotten streckt der Brite
Gierig wie Polypenarme aus;
Und das Reich der freien Amphitrite
Will er schließen, wie sein eig’nes Haus.
[ 96 ] Nein, Schiller machte sich nichts vor, aber im deutschen Streben sah er allgemein menschliches Streben:
Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen
Und das Erhab’ne in den Staub zu zieh’n.
[ 97 ] So sagt er insbesondere gegenüber der das [Heroisch]Geistige in solch epochemachender Weise im Menschenwesen ausdrückenden Jungfrau von Orleans. Und wie stand sie auf, diese französische Nationalheldin, [die Jungfrau von Orleans], die gegen Englands Ansprüche Frankreich zu verteidigen hatte. Wie stand sie, über die Gift und Galle gegeifert hat Voltaire und die noch nicht schön behandelt wird von Anatole France [in der Gegenwart auch], wie stand sie vor Schillers Geist, und wie hat er sie verkörpert in der deutschen Dichtung, die uns so wert geworden ist?
[ 98 ] Deutsch sein heißt nicht: sich aufbäumen gegen irgendetwas Nationales in der Welt; aber diesem DeutschSein liegt die Pflicht auf, dasjenige, was deutsche Seele im deutschen Leibe ist, mit allen Mitteln zu verkörpern.
[ 99 ] Schon hingedeutet ist worden, [sehr verehrte Anwesende], darauf, dass man ja schließlich wirklich nicht ein Deutscher zu sein braucht, um Worte zum Ausdruck zu bringen, die andeuten, wie sich deutsches Wesen hineinstellt in das ganze Weltenwesen.
[ 100 ] Ja, ich kenne einen Mann, der einmal versucht hat, an drei geistreichen Denkern, das Höchste sich anschaulich zu machen, was Erdenkultur hervorbringen kann. Der dritte dieser geistreichen Denker, an denen sich dieser Mann emporrankt, war Novalis, der tiefe deutsche Dichter. Der Mann, den ich meine, der betrachtete Novalis, und er sagte sich Folgendes — wunderschöne Gedanken äußerte er —, er sagte sich — man braucht nicht mitzugehen mit dem, was er sagte —, er sagte: Ja, was Sophokles seine Personen handeln lässt, es ist schließlich alles menschliches Handeln. Und wenn ein Geist heruntersteigen würde von einem anderen Planeten [und auf die Erde käme], so könnte es sein, dass er sich für diese Personen gar nicht interessierte, [für dasjenige, was die Personen des Sophokles tun oder] was Ophelia, Desdemona, was Hamlet selbst vollbringt; [denn] das sind Erdenangelegenheiten, die nicht interessieren einen Genius von einem anderen Planeten. Aber etwas gibt es — [so meinte dieser Mann] — auf der Erde unter den Menschen, was ganz gewiss auch die Genien anderer Planeten, [wenn sie heruntersteigen könnten], interessieren würde. Auch dazu habe sich die menschliche Seele emporgeschwungen, so meint der Mann. Und Novalis führt er an, den urdeutschen Dichter führt er an als ein Beispiel einer solchen Seele, die hervorgebracht hat etwas, was Genien interessieren würde. Es sind schöne Worte, die er gesprochen hat in Anlehnung an Novalis und an dasjenige, was Novalis der Menschheit sein kann. Hören Sie die schönen Worte, die er über den urdeutschen Dichter Novalis gesagt hat:
Wenn er aber anderer Beweise bedürfte, so würde sie ihn unter die führen, deren Werke fast ans Schweigen rühren. Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen Gebärden ihres Körpers zu bekümmern. Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewusstsein sich um [eine Stufe erhebt] und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst [erfüllt], aufmerksam den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren höheren Welten verknüpft. Sie würde mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich erst an und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich nur im Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muss. Auf diesen Höhen allein gibt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, die ihr ähneln und die so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde im Geisterreiche ankündigen.
[ 101 ] So sagt der Mann. Das, was Novalis sagt, gehört zu den Lichtern, wodurch sich die Erde dem Geisterreich an kündigt.
Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, dass die Leidenschaften des Geistes und des Körpers in den Augen einer [fremden] Vernunft den Klagen von Glocken gleichen würden; [aber die Menschen, von denen ich rede, sind in ihren Werken] aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht [zu] der irdischen Gemeinde [zählen].
[ 102 ] Nach diesem Manne hat also einmal ein Deutscher gelebt, der Dichtungen hervorgebracht hat, die nicht nur Wert haben für Seelen der Erde, sondern für Seelen, die nicht von der Erde sind, in Novalis, dem Deutschen, hat für den Mann eine solche Seele gelebt. Wer ist der Mann, der solche Worte über Novalis gesprochen hat? Ja, ich muss es schon sagen: Maurice Maeterlinck!
[ 103 ] Sie wissen, sehr verehrte Anwesende, was er — [der Maeterlinck] — seither über die deutschen «Barbaren» für Worte gefunden hat: Als Refrain tönt uns wiederum die Frage entgegen: Warum also, wenn die Sache so liegt, wie sie selbst sagen, nennen sie das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»? Denn schauen wir auf das, was uns heilig ist, [achten wir] auf dasjenige, was uns Schiller und Fichte nicht nur sind, sondern was sie uns als Verpflichtung auferlegen, auf all dasjenige, was wir in ihre Seelen hinein und aus ihren Seelen heraus verteidigen müssen als deutsches Wesen, dann kommen wir zu einer Überzeugung, [die nur eine Umschreibung ist dessen, das ich gesagt habe]: Deutscher wird man unablässig, und das Deutschtum steht wie ein Ideal vor unserer Seele. Wahrhaftig, wir fühlen dann etwas nach davon, dass es schließlich die [innersten] «Wurzeln der Lebensregungen» sind, die zu jenen höchsten Geistesfrüchten führen, die in Schillers tapferer Dichtung, in Fichtes tapferer Weisheit zum Ausdruck kommen, die jetzt an den Mauern Deutschlands stehen, die jetzt durch Kanonen und Schwerter [und anderes] um deutsches Gebiet herum verteidigt werden; so fühlen getrost die Notwendigkeit des Lebens des deutschen Geistes, fühlen mit der Zeit und in der Zeit und fühlen vor allen Dingen mit den Truppen im Westen und Osten, die mit ihrer frischen Jugend den deutschen Geist verteidigen, und wir fühlen gerechtfertigt diese Verteidigung des deutschen Geistes, von dem wir empfinden, dass er nicht nur etwas war, sondern dass er die Anlagen enthält zu dem, was er noch werden soll: zu einem immer höher und höher werdenden Suchen nach Geistigem und immer Geistigerem. Und wenn «sie» abschneiden wollen heute dem deutschen Geiste die Lebensluft und wenn sie ihm nehmen wollen das Lebenslicht, wenn sie ihn bedrücken wollen bis in die physische [Substanz] hinein, der Deutsche weiß, dass der deutsche Geist noch nicht vollendet hat, dass dasjenige, was er geleistet hat, erst ein Anfang ist.
[ 104 ] Und wenn uns entgegentönt das Wort von den «Barbaren», [das Wort] von der «alt gewordenen deutschen Kultur», die nur für eine Zeit sich verkörpern musste in demjenigen, worinnen sich heute alle Welt verkörpert, die aber ein höchstes Geistesgut zu verteidigen hat, dann stellen wir uns noch einmal die Frage vor die Seele: Warum nennen sie das Volk Schillers und Fichtes ein «Barbarenvolk»? Und dann antworten wir, nicht indem wir versuchen etwa eine direkte Antwort auf diese Frage zu geben, diese Antwort wird die Geschichte geben, und in Ruhe können wir diese Antwort der Geschichte abwarten. Einiges aber, was mit Bezug auf deutsches Streben mit Bezug auf Geisteswissenschaft zu sagen ist, wird morgen gesagt werden; [auch im Zusammenhang mit unserm Zeitgeist].
[ 105 ] Auf die Frage aber, die aufgeworfen wurde, da antworten wir mit der Empfindung, die uns sagt: Dieser deutsche Geist, er hat noch nicht vollendet. Er hat noch zu tun, und ihm muss Lebenslicht und Lebensluft verbleiben. So antworten wir nicht theoretisch, nicht abstrakt, so antworten wir, ich denke, sehr verehrte Anwesende, aus der Tiefe des Herzensempfindens heraus gegenüber alledem, was in dieser schicksalstragenden, schicksalsschweren Zeit lebt —, antworten wir mit den Worten:
Der deutsche Geist hat nicht vollendet,
Er lebt in Zukunftsorgen hoffnungsvoll,
Er hofft auf Zukunfttaten lebensvoll; —
In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig
Verborg’nes, das noch reifend wirken muss.
Wie darf in Feindesmacht verständnislos
Der Wunsch nach seinem Ende sich beleben:
Solang das Leben sich ihm offenbart,
Das ihn in Wesenswurzeln schaffend hält?
