The Human Soul, Fate and Death
GA 70a
6 May 1915, Vienna
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The Human Soul, Fate and Death, tr. SOL
13. Die übersinnliche Erkenntnis und ihr Wert für die Menschenseele, eine geisteswissenschaftliche Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksalstragende Zeit
13. Supersensory Knowledge and Its Value for the Human Soul: A Spiritual Scientific Reflection in Light of Our Fateful Times
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Seit längerer Zeit durfte ich jedes Jahr hier in Wien Vorträge halten über Gebiete desjenigen, was ich mir zu nennen erlaube die geisteswissenschaftliche Weltanschauung. Die Freunde dieser unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung hier in Wien haben die Meinung gehabt, dass auch in dieser unserer bewegten, schicksalstragenden Zeit es nicht unangemessen sein könnte, zwei solcher Vorträge aus diesem geisteswissenschaftlichen Gebiet dieses Jahr zu halten, und dies dürfte wohl aus dem Grunde sein, weil ja dieses geisteswissenschaftliche Gebiet berührt der Menschenseele tiefste Untergründe, jene Untergründe, in denen die Menschenseele zusammenhängt mit den Mächten, die wir die ewigen nennen, mit denjenigen Mächten, auf welche sich das Goethe’sche Wort bezieht: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.»
[ 1 ] Ladies and gentlemen! For quite some time now, I have had the privilege of giving lectures here in Vienna each year on topics related to what I take the liberty of calling the spiritual-scientific worldview. The friends of our spiritual-scientific worldview here in Vienna have felt that, even in these turbulent and fateful times, it might not be inappropriate to give two such lectures from this spiritual-scientific field this year, and this is likely because this spiritual scientific field touches upon the deepest depths of the human soul—those depths in which the human soul is connected to the forces we call the eternal, to those forces to which Goethe’s words refer: “All that is transitory is but a parable.”
[ 2 ] Auf jene Untergründe der menschlichen Seele insbesondere ist ja eine Betrachtung aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft gerichtet, aus denen hervorgehen sowohl des Lebens herbste Enttäuschungen, des Lebens schwerste Prüfungen wie auch die bewunderungswürdigen Taten, die in unserer Zeit für Menschenheil und Menschenfortschritt in so bedeutungsvoller Weise verrichtet werden. Geisteswissenschaft, sehr verehrte Anwesende, steht auf einem Lebensgesichtspunkte, der in unserer Gegenwart durchaus nicht zu den anerkannten gehört, auf einem Gesichtspunkte, der gerade von den Geschultesten unserer Gebildeten aus den mannigfaltigsten Gründen gänzlich abgelehnt wird; abgelehnt wird auf der einen Seite, weil man ihn für vollkommen widersprechend hält all demjenigen, was wissenschaftliche Weltbetrachtung unserer Zeit erbracht hat, weil man ihn auf der anderen Seite, wie wir ja sehen werden, in ganz missverständlicher Art in Zusammenhang bringt mit den Untiefen menschlichen Aberglaubens, weil man ihn ferner irrtümlich für einen solchen Gesichtspunkt betrachtet, der vielen Menschen dasjenige nimmt, was ihnen Halt und Sicherheit im Leben gibt, das rechte Festhalten am religiösen Bekenntnis.
[ 2 ] It is precisely these depths of the human soul that are the focus of spiritual science—from which arise not only life’s most bitter disappointments and its most severe trials, but also the admirable deeds that are being accomplished in our time in such a significant way for the benefit and progress of humanity. Spiritual science, ladies and gentlemen, is based on a perspective on life that is by no means among the accepted ones in our time—a perspective that is completely rejected, for a wide variety of reasons, even by the most highly educated among our intellectuals; rejected, on the one hand, because it is considered to be in complete contradiction to everything that the scientific worldview of our time has produced; and, on the other hand, as we shall see, is associated in a completely misleading way with the shallows of human superstition; and, furthermore, because it is mistakenly regarded as a perspective that deprives many people of what gives them stability and security in life—namely, a firm adherence to their religious faith.
[ 3 ] Ich hoffe, sehr verehrte Anwesende, dass alle drei Verkennungen des geisteswissenschaftlichen Gesichtspunktes wenigstens einigermaßen durch dasjenige, was die heutige Betrachtung sich bemühen wird zu bieten, aus dem Felde geschlagen werden können. Dennoch muss es von vorneherein gesagt werden, dass die Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft, ja sogar die Anklage, dass diese Geisteswissenschaft völlig dem widerspreche, was in weitesten Kreisen heute der gesunde Menschenverstand sogar genannt wird, dass alle diese Anfechtungen und Anklagen gerade demjenigen voll verständlich sind, der ganz auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft steht. Und so begreiflich, so verständlich sind sie gerade diesem, dass er immer wieder daran erinnern muss, wie im Laufe der menschlichen Entwicklung dasjenige, was einer verflossenen Zeit als das Selbstverständliche, als das allein dem gesunden Menschenverstande Entsprechende erscheint, durch völlig Entgegengesetztes ersetzt werden muss.
[ 3 ] I hope, distinguished guests, that all three misunderstandings regarding the spiritual-scientific perspective can be at least somewhat dispelled by what today’s presentation will endeavor to offer. Nevertheless, it must be stated from the outset that opposition to spiritual science—indeed, even the accusation that spiritual science completely contradicts what is widely referred to today as “common sense”—that all these challenges and accusations are perfectly understandable precisely to those who stand firmly on the ground of spiritual science. And they are so comprehensible, so understandable to such a person, that he must repeatedly remind himself how, in the course of human development, what appeared to a bygone era as self-evident—as the sole expression of common sense—must be replaced by its complete opposite.
[ 4 ] Immer wieder muss erinnert werden an einen solchen Umschwung in der menschlichen Entwicklung, wie er erlebt worden ist zurzeit, als die neuere Naturwissenschaft Besitz ergriffen hat von der menschlichen Weltanschauung. Damals, als Kopernikus eine neue Anschauung heraufführte über das Räumliche im Universum, da war es, dass die Menschen mit all dem brechen mussten, was Jahrhunderte, ja man kann sagen Jahrtausende als dasjenige gegolten hat, was die gesunden fünf Sinne zeigen und was der gesunde Menschenverstand einsehen kann. Die Menschenseele hängt an demjenigen auch in ihrem Denken, in ihrem Vorstellen, in das sie sich eingewöhnt hat, so wie es — wenn das auch ein groteskes Beispiel ist — Menschen gibt, die, nachdem sie eine neue Wohnung genommen haben, in Gedanken, wenn sie abends nach Hause gehen, noch nach ihrer alten Wohnung gehen. Wie die Menschen in einem solchen grotesken Beispiel zeigen, wie sie hängen an ihren Denkgewohnheiten, so tun sie es auch in Bezug auf dasjenige, was die großen Weltanschauungsfragen und Weltanschauungsgesichtspunkte sind. Jahrhundertelang ist die Menschheit erzogen worden, hat sich eingewöhnt in einer Weltanschauung, die dem, was Geisteswissenschaft der Gegenwart und der Zukunft bringen will, entgegengesetzt ist. Und so müsste man sich heute mehr wundern, wenn, ich möchte sagen, auf einen ersten Anhub hin irgendjemand, der von Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie sie hier gemeint ist, noch nichts gehört hat, etwa sogleich mit irgendetwas nur einverstanden wäre als wenn sich Widerspruch über Widerspruch erhöbe bei solch erstem Bekanntwerden mit dieser Geisteswissenschaft.
[ 4 ] We must constantly be reminded of a turning point in human development such as the one experienced at the time when modern science took hold of the human worldview. Back then, when Copernicus introduced a new conception of spatial relationships in the universe, it was then that people had to break with everything that for centuries—indeed, one might say millennia—had been regarded as what the five healthy senses reveal and what common sense can grasp. The human soul clings to what it has become accustomed to—even in its thinking and imagination—just as—though this is a grotesque example—there are people who, after moving into a new apartment, still mentally return to their old one when they walk home in the evening. Just as people in such a grotesque example demonstrate how attached they are to their habits of thought, so too are they with regard to the great questions and perspectives of worldview. For centuries, humanity has been educated and has become accustomed to a worldview that is opposed to what spiritual science seeks to bring to the present and the future. And so one would be more surprised today if—I might say—at first glance, anyone who has never heard of spiritual science in the sense intended here were to immediately agree with anything at all, rather than if one objection after another were to arise upon such a first encounter with this spiritual science.
[ 5 ] Ich habe ja, sehr verehrte Anwesende, in meinem letzten hiesigen Vortrage die Wege zu beleuchten versucht, die zu dieser Geisteswissenschaft führen. Ich werde heute — weil ich gern dasjenige, was der Geisteswissenschaftler empfinden kann und darf in unserer schicksalstragenden Zeit, mit einigen Worten im zweiten Teil meines Vortrages berühren möchte —, ich werde heute nur kurz und skizzenhaft andeuten können, wie Geisteswissenschaft zu ihren Erkenntnissen, zu diesen heute ebenso angefochtenen, so wenig einleuchtenden Erkenntnissen kommt.
[ 5 ] Ladies and gentlemen, in my last lecture here I attempted to shed light on the paths that lead to this spiritual science. Today—since I would like to touch briefly in the second part of my lecture on what the spiritual scientist can and may feel in our fateful times—I will be able to suggest only briefly and in outline form how spiritual science arrives at its insights, at these insights that are so contested today and seem so difficult to grasp.
[ 6 ] Der erste Einwand, der sich erheben muss ganz begreiflicherweise, gerade in den Seelen der Gegenwart erheben muss, die zu den Geschultesten gehören, ist, dass Geisteswissenschaft in allem, was sie vorzubringen hat, zu widersprechen scheint dem, was auf dem sicheren Boden der Naturwissenschaft gewonnen worden ist. Schwierig ist es, einzusehen, dass gerade diese Geisteswissenschaft für unsere Zeit und für die nächste Menschheitszukunft dasjenige bringen will für das Gebiet der geistigen Erkenntnis, für das Gebiet des seelischen Wissens, was Naturwissenschaft für das äußere, räumliche und zeitliche Wissen und seine Verwertung im praktischen menschlichen Leben gebracht hat. Schwierig ist es auch, einzusehen, dass diese Geisteswissenschaft, wenn man sie gründlich betrachtet, im allervollkommensten Einklang gerade steht mit all dem, was an so bewundernswürdigen Fortschritten die Naturwissenschaft im Laufe der letzten Jahrhunderte zustande gebracht hat, ja, dass sie gar nichts anderes sein will, diese Geisteswissenschaft, als die Fortsetzerin sein des naturwissenschaftlichen Weltanschauens für das geistige Gebiet. Allerdings, gerade weil sie dies sein will, muss sie als geisteswissenschaftliche Methode sich zu allen menschlichen Verrichtungen, insbesondere zu den intimsten menschlichen Verrichtungen des Denkens, Fühlens und Wollens ganz anders verhalten als die äußere heute anerkannte Wissenschaft.
[ 6 ] The first objection—which must quite understandably arise, especially in the minds of those living today who are among the most highly educated—is that spiritual science, in everything it has to offer, seems to contradict what has been established on the solid ground of natural science. It is difficult to see that this very spiritual science aims to provide for our time and for humanity’s immediate future—in the realm of spiritual insight and the realm of soul-knowledge—what natural science has provided for external, spatial, and temporal knowledge and its application in practical human life. It is also difficult to see that this spiritual science, when considered thoroughly, is in the most perfect harmony with all the admirable progress that natural science has achieved over the course of the last few centuries—indeed, that this spiritual science seeks to be nothing other than the continuation of the natural-scientific worldview in the spiritual realm. However, precisely because it aims to be this, it must, as a spiritual-scientific method, relate to all human activities—especially the most intimate human activities of thinking, feeling, and willing—in a completely different way than the external, currently accepted science.
[ 7 ] Wenn oftmals geltend gemacht wird, dass Geisteswissenschaft nicht im Einklang stehe mit dem religiösen Fühlen des Menschen, so beruht auch diese Meinung auf einem völligen Missverstehen. Das Gegenteil vielmehr ist richtig. Ja, man kann sagen: Während die äußere Naturwissenschaft die Menschen oftmals dem religiösen Empfinden wirklich entfremdet hat, während diese bewirkt hat, dass sich viele besonders aufgeklärt wähnen, wenn sie alles Religiöse ablehnen, wird Geisteswissenschaft, weil sie die Seele auch wissenschaftlich auf das Geistige verweist, in den Gemütern das religiöse Leben gerade verstärken. Sie wird die Menschen im schönsten Sinne des Wortes der Religion wieder zurückführen, während die äußere Naturwissenschaft sie derselben entfremdet hat.
[ 7 ] Although it is often claimed that spiritual science is not in harmony with people’s religious feelings, this opinion, too, is based on a complete misunderstanding. In fact, the opposite is true. Indeed, one can say: While external natural science has often truly alienated people from religious sentiment—and has led many to believe they are particularly enlightened when they reject all things religious—spiritual science, because it scientifically directs the soul toward the spiritual, will actually strengthen religious life in people’s hearts. It will lead people back to religion in the most beautiful sense of the word, whereas conventional natural science has alienated them from it.
[ 8 ] Vor allem sei eingegangen auf den Weg, den Geisteswissenschaft zu ihren Erkenntnissen nimmt. Im Genaueren ist dieser Weg ja beschrieben vor allen Dingen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», auf das ich verweisen muss, da ich hier nur einige, ich möchte sagen Kohlestriche zur Zeichnung des geisteswissenschaftlichen Weges angeben kann.
[ 8 ] Above all, let us consider the path that spiritual science takes to reach its insights. This path is described in greater detail, above all, in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, to which I must refer, since here I can only provide a few—I would say, rough sketches—of the spiritual scientific path.
[ 9 ] Das menschliche Denken, das menschliche Vorstellen, sie müssen in einer ganz anderen Weise für die Ziele der Geisteswissenschaft behandelt werden, als sie behandelt werden für die Ziele der äußeren Wissenschaft und des äußeren Lebens. Wie verhalten wir uns denn, verehrte Anwesende, wenn wir das Denken, wenn wir das Vorstellen in den Dienst der äußeren Wissenschaft, in den Dienst des äußeren Lebens stellen? Wir verhalten uns so, dass wir uns an der Hand desjenigen, was uns unsere Sinne in der Umwelt zeigen, Begriffe, Vorstellungen, Ideen machen von dem, was uns umgibt. Und wir sind mit Recht in Bezug auf diese äußere Weltenbetrachtung befriedigt, wenn wir dazu kommen, dass unsere Ideen, unsere Vorstellungen uns Bilder geben von dem, was draußen in der Natur und im Menschenleben vor sich geht. Nach einem Vorstellungsabbild von dem Naturleben und von dem Geschichtsleben streben die Menschen im gewöhnlichen Verlaufe des Daseins. Allein schon die Kraft des Denkens, die in dieser angedeuteten Weise für die gewöhnliche Wissenschaft und das gewöhnliche Leben gebraucht wird, muss in einer ganz veränderten Art gebraucht werden, wenn der Weg der Geisteswissenschaft, der Weg der Geistesforschung beschritten wird.
[ 9 ] Human thinking and human imagination must be approached in a completely different way for the purposes of spiritual science than they are for the purposes of external science and external life. How, then, do we behave, esteemed audience, when we place thinking and imagination in the service of external science and external life? We proceed by using what our senses reveal to us in the external world to form concepts, mental images, and ideas about our surroundings. And we are rightly satisfied with this external view of the world when we find that our ideas and mental images provide us with pictures of what is happening out there in nature and in human life. In the ordinary course of life, people strive for a mental image of natural life and historical life. Yet the very power of thought, which is used in the manner described above for ordinary science and ordinary life, must be employed in a completely different way when one embarks on the path of spiritual science, the path of spiritual research.
[ 10 ] Da handelt es sich nicht darum, für den Geistesforscher sich Gedanken über dasjenige zu machen, was die Sinne äußerlich dem Menschen offenbaren, da handelt es sich nicht darum, durch den Gedanken ein Abbild einer äußeren, wahrgenommenen Wirklichkeit zu gewinnen, sondern da handelt es sich darum, den Gedanken wie eine lebendige Kraft zu gebrauchen, welche im reinen inneren Seelenleben, ich möchte sagen in einer auf die Seele angewendeten Selbsterziehung sich auslebt. Der Gedanke wird nicht als Abbild der äußeren Wirklichkeit gebraucht, der Gedanke wird so gebraucht, dass er in dem Bewusstsein erlebt wird. Und er wird innerlich so erlebt, dass die Seele sich auf diesen Gedanken richtet, so richtet, dass sie ihre Aufmerksamkeit lange und lange Zeit lediglich auf einen Gedanken oder einen einförmigen Gedankengang hinwendet, sodass nicht in Betracht kommt dasjenige, was man denkt, sondern in Betracht kommt jene innere Seelenanstrengung, jener innere Seelenaufwand, den man zu durchleben hat, wenn man durch innere Anstrengung, durch innere Konzentration alle Aufmerksamkeit auf einen inneren Punkt hin, auf einen Gedanken, auf eine Vorstellung konzentriert.
[ 10 ] For the spiritual researcher, it is not a matter of reflecting on what the senses reveal to the human being externally; it is not a matter of using thought to create an image of an external, perceived reality, but rather of using thought as a living force that finds its full expression in the pure inner life of the soul, I might say, in a form of self-education applied to the soul. Thought is not used as a representation of external reality; rather, it is used in such a way that it is experienced within consciousness. And it is experienced inwardly in such a way that the soul focuses on this thought, focuses it in such a way that it directs its attention for a long, long time solely toward a single thought or a single train of thought, so that what one thinks is not what matters, but rather that inner effort of the soul, that inner exertion of the soul that one must live through when, through inner effort and inner concentration, one focuses all one’s attention on an inner point, on a thought, on an idea.
[ 11 ] Da, wo die gewöhnliche Wissenschaft, wo das Denken des gewöhnlichen Lebens aufhört, da beginnt erst die Arbeit des Geistesforschers. Was abgeschlossen im Auge behalten werden muss für die gewöhnliche Wissenschaft, das wird aufgenommen durch die geisteswissenschaftliche Methode und wird gleichsam wie ein Keim in den Seelenboden hineinversenkt. Die Frage stellt man dem eigenen Erleben: Was macht dein Gedanke, auf den du dein ganzes Seelenleben mit Ausschluss des Aufmerkens auf alles andere richtetest, was macht der in dir, was macht der Gedanke, wenn du dich ihm ganz hingibst, wenn du alles vergissest, was du jemals wahrgenommen hast, was du jetzt wahrnimmst, was deine Gewohnheiten, deine Erlebnisse, deine Neigungen, deine Leidenschaften sind, wenn du einzig und allein in diesem Gedanken lebst, ihn ganz einsenkst in dein Seelenleben?
[ 11 ] Where ordinary science and the thinking of everyday life end, there the work of the spiritual researcher begins. What must be kept in mind as a closed chapter for ordinary science is taken up by the spiritual-scientific method and, as it were, planted like a seed in the soil of the soul. The question is posed to one’s own experience: What does that thought—to which you have directed your entire soul life, excluding all attention to anything else—what does it do within you? What does that thought do when you surrender yourself to it completely, when you forget everything you have ever perceived, everything you are now perceiving, your habits, your experiences, your inclinations, and your passions—when you live solely and exclusively in this thought, immersing it completely in your soul life?
[ 12 ] Man kommt sich selbst mit einer Erleichterung zu Hilfe bei dieser geisteswissenschaftlichen Methode, wenn man gar nicht einmal einen Gedanken nimmt, der dem äußeren Leben entlehnt ist. Bei einem solchen Gedanken, der etwas aus dem Gebiet des äußeren Lebens abbilder, ist man zu sehr versucht, auf diese äußere Wahrheit des Gedankens zu schauen. Aber auf diese äußere Wahrheit kommt es in diesem Falle nicht an, sondern darauf, was der Gedanke in uns bewirkt und was wir erleben, wenn wir den Gedanken als einen lebendigen Wesensinhalt in der Seele wirken lassen. Daher ist es am besten, einen sinnbildlichen Gedanken, einen Gedanken, der nichts Äußeres abbildet, innerlich gleichsam zu fixieren. Ich will sagen: Der Gedanke «Weisheit leuchtet im Licht» ist ein einfacher Gedanke; er ist ganz gewiss im Sinne einer äußeren Wissenschaft keine Wahrheit. Aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, dass ein solcher Gedanke in den Mittelpunkt des Seelenlebens gestellt wird und dass alle Kräfte der Seele, wie ich eben geschildert habe, auf diesen Gedanken durch eine gewisse Zeit hindurch gerichtet werden. Mit dem Erleben des Gedankens, bis zu dem das äußere Leben und die gewöhnliche Wissenschaft gehen, beginnt erst die Forschung auf dem geistigen Gebiete. Man nennt, wenn man mit dem Worte nicht irgendwelche im schlechten Sinne mystischen Begriffe verbindet, ein solches Leben und Weben im Gedanken, das lange, lange in Geduld und Ausdauer und innerer Energie fortgesetzt werden muss, ein Meditieren im Gedanken, ein Sich-Konzentrieren auf bestimmte Gedanken. Dies sind gewissermaßen technische Ausdrücke der geisteswissenschaftlichen Methode.
[ 12 ] One helps oneself with this spiritual-scientific method by not even taking a thought that is borrowed from external life. With such a thought, which depicts something from the realm of external life, one is too strongly tempted to focus on the external truth of the thought. But in this case, it is not this external truth that matters, but rather what the thought brings about within us and what we experience when we allow the thought to work as a living essence within the soul. Therefore, it is best to, as it were, fix an allegorical thought—a thought that does not depict anything external—within ourselves. Let me put it this way: The thought “Wisdom shines in the light” is a simple thought; it is certainly not a truth in the sense of an external science. But that is not what matters; what matters is that such a thought be placed at the center of soul life and that all the soul’s powers, as I have just described, be directed toward this thought for a certain period of time. It is only with the experience of the thought—beyond which external life and ordinary science do not extend—that research in the spiritual realm truly begins. If one does not associate the word with any mystical concepts in the pejorative sense, such a life and activity of thought—which must be sustained for a long, long time with patience, perseverance, and inner energy—is called meditation in thought, or concentration on specific thoughts. These are, in a sense, technical terms of the spiritual scientific method.
[ 13 ] Der Geistesforscher, sehr verehrte Anwesende, der kann ja im Grunde genommen, wenn er diese Dinge schildert, nicht anders als so reden wie der Chemiker, wenn er schildert in Kürze die Methoden, die er in seinem Laboratorium anwendet, um dieses oder jenes den Naturkräften und den Naturerscheinungen abzulauschen. In ein inneres Seelenlaboratorium, in dem gesucht wird, was zusammenhängt mit unserem Seelenglück, mit unserer Seelenerhebung, mit all den tiefsten Seelenrätseln, Seelenschmerzen und Seelenfragen, in ein solches Laboratorium muss der Geistesforscher sich begeben. Und was er in diesem rein innerlichen Laboratorium erlebt, davon allein kann er sprechen, von den Erlebnissen dessen, was nicht in äußerer Anschauung, was nicht vor den äußeren Augen dargestellt werden kann, sondern allein im intimen inneren, aber objektiven, nicht subjektiven inneren Erleben erfahren wird. Dass es eine solche innere, geistige Laboratoriumsarbeit gibt, dies allmählich der geistigen Menschheitskultur einzuverleiben als eine feste Weltanschauung, das ist die Aufgabe der Geisteswissenschaft.
[ 13 ] The spiritual researcher, esteemed audience, can—when describing these things—basically do no other than speak as a chemist does when briefly describing the methods he uses in his laboratory to glean this or that from the forces of nature and natural phenomena. The spiritual researcher must enter an inner laboratory of the soul—a place where one seeks what pertains to our spiritual happiness, our spiritual elevation, and all the deepest mysteries, pains, and questions of the soul. And he can speak only of what he experiences in this purely inner laboratory—of the experiences of that which cannot be perceived externally, which cannot be presented to the outer eyes, but is experienced solely in an intimate inner, yet objective—not subjective—inner experience. The task of spiritual science is to gradually incorporate the existence of such inner, spiritual laboratory work into the spiritual culture of humanity as a firm worldview.
[ 14 ] Es ist jeder einzelne Einwand, welcher vonseiten der naturwissenschaftlichen Weltanschauung gemacht wird, verehrte Anwesende, ebenso gut dem Geistesforscher bekannt wie dasjenige, was gegen seine Forschung im Allgemeinen gesagt werden kann. Es ist dem Geistesforscher zum Beispiel bekannt, dass behauptet werden kann dasjenige, was also die Seele erreicht, indem sie ihre Aufmerksamkeit ganz fixiert auf das Verweilen von Gedanken im intimen Seelenleben, sei nur dies, dass dadurch die Seele sich selber suggestionieren könne, dass alles dasjenige, wozu sie kommt auf diesem Wege, eine Art von Selbstsuggestion sei. Gewiss, das ist dem Geistesforscher bekannt, aber demjenigen, der nicht die Geisteswissenschaft kennt, sondern nur dasjenige, was die äußere Naturwissenschaft heute über die Methoden der Suggestion zu sagen weiß, ist unbekannt, dass durch die besondere Art, wie der Geistesforscher sich rein innerlich mit all den Seelenkräften, die er bewusst entwickelt hat, in voller Bewusstheit richtet auf irgendeinen Gedanken, auf ein inneres Erleben — es kann ja auch ein Willenserlebnis sein —, [wie] dieser Geistesforscher gerade innerlich lebt in demjenigen Teile seiner Seele, der eingeschläfert wird in der hypnotischen Suggestion. Gerade dasjenige, was in der hypnotischen Suggestion in Schlaf versetzt wird, während das äußere Leibliche, ich möchte sagen nachahmt die seelischen Funktionen, gerade das wird durch die Methode der Geisteswissenschaft entwickelt, gerade diejenigen Kräfte werden herausgeholt aus dem innersten Seelenleben, über welches Schlaf, Lähmung gebreitet wird in der gewöhnlichen Suggestion. Alle Methoden der Geistesforschung wirken darauf hin, das innere Erleben unabhängig zu machen vom äußeren physischen Erleben, im inneren Erleben jene starken Kräfte zu erwecken, durch die das Denken, das Vorstellen ein eigenes Leben in sich entfalten.
[ 14 ] Every single objection raised from the perspective of the scientific worldview, esteemed audience, is just as well known to the spiritual researcher as are the general arguments that can be made against his research. For example, the spiritual researcher is aware that it can be claimed that whatever the soul attains by fixing its attention entirely on the lingering of thoughts in the inner life of the soul is merely the soul’s ability to suggest things to itself—that everything it arrives at in this way is a kind of self-suggestion. Certainly, the spiritual researcher is aware of this, but to those who are unfamiliar with spiritual science—and know only what modern natural science has to say about the methods of suggestion—it is unknown that, through the specific way in which the spiritual researcher directs himself purely inwardly, with full awareness and using all the soul forces he has consciously developed, toward a particular thought or an inner experience —it can also be a volitional experience—, [just as] this spiritual researcher lives inwardly in that part of his soul which is lulled to sleep in hypnotic suggestion. Precisely that which is lulled to sleep during hypnotic suggestion—while the outer physical body, I might say, mimics the soul’s functions—is precisely what is developed through the method of spiritual science; it is precisely those forces that are drawn forth from the innermost life of the soul, over which sleep and paralysis are spread in ordinary suggestion. All methods of spiritual research aim to make inner experience independent of outer physical experience, to awaken within inner experience those powerful forces through which thinking and imagination unfold a life of their own.
[ 15 ] Und wenn in genügend langer Zeit der Geistesforscher so im «Laboratorium seiner eigenen Seele» gearbeitet hat, dann tritt bei ihm — und es handelt sich nicht darum, dass man dies macht, sondern darum, dass man es abwartet, wie man abwarten muss bei der Pflanze, bis sie blüht, bis ihre Wachstumskräfte durch den objektiven Weltenzusammenhang soweit entwickelt sind, dass sie blüht —, dann tritt ein dasjenige, was phantastisch, träumerisch, absurd, paradox unserer gegenwärtigen Denkgewöhnung erscheinen muss.
[ 15 ] And when, over a sufficiently long period of time, the spiritual researcher has worked in this way in the “laboratory of his own soul,” then there occurs within him—and it is not a matter of doing this, but rather of waiting for it, just as one must wait for a plant until it blooms, until its growth forces have developed through the objective context of the world to the point where it blooms— then what must appear to our current way of thinking as fantastical, dreamlike, absurd, and paradoxical will come to pass.
[ 16 ] Denn was auf diese Weise bewirkt wird, sehr verehrte Anwesende, das ist ein vollständiges Loslösen des geistigseelischen Erlebens von dem körperlichen, von dem leiblichen Erleben. So unwahrscheinlich als es demjenigen, der nie etwas von Chemie gehört hat, erscheint, dass man das Wasser, das man vor sich hat, zerlegen kann durch die Kräfte der Elektrizität oder auf andere Weise in Wasserstoff und Sauerstoff, dass man den Wasserstoff, der ganz verschieden ist vom Wasser, wirklich herausbekommen kann aus dem Wasser, so unwahrscheinlich das jedem erscheinen muss, der niemals etwas von Chemie gehört hat, so unwahrscheinlich muss es selbstverständlich demjenigen erscheinen, der sich nicht einlassen will auf Geisteswissenschaft, dass es solche innere, ich möchte sagen im Innern wachsende Denkvorgänge gibt, durch die losgelöst wird dasjenige im Menschen, was keiner Geburt und keinem Tode unterworfen, keinem äußeren Leben unterworfen ist, sondern das durch Geburten und Tode als das Ewige des Menschen geht, dass dies wirklich losgelöst wird von den körperlichen Bedingungen und dass es in seiner Selbstständigkeit, in seiner ewigen Bedeutung, von der «alles Vergängliche nur ein Gleichnis» ist, wissenschaftlich ergriffen wird.
[ 16 ] For what is achieved in this way, esteemed audience, is a complete separation of the spiritual-soul experience from the physical, bodily experience. Just as improbable as it seems to someone who has never heard of chemistry that the water before them can be broken down—through the forces of electricity or by other means—into hydrogen and oxygen, and that hydrogen, which is entirely different from water, can actually be extracted from water, just as improbable as this must seem to anyone who has never heard of chemistry, so improbable must it naturally seem to anyone who is unwilling to engage with spiritual science that there are such inner—I would say, inner-growing—thought processes through which that which in the human being is not subject to birth or death, nor is it subject to external life, but rather passes through births and deaths as the eternal essence of the human being—that this is truly separated from physical conditions and that, in its independence, in its eternal significance—of which “all that is transitory is but a parable”—it is scientifically grasped.
[ 17 ] Es liegt ja nahe, dass gerade in unserer Zeit wirklich Einwände aufstoßen auf Schritt und Tritt gegen dasjenige, was in dieser Weise geltend gemacht wird. Es ja ganz selbstverständlich, dass nun jemand, der sozusagen geschult ist in den neueren, so wohl begründeten Denkgewohnheiten, kommt und sagt: Nun sich da einmal, da kommt nun der Geistesforscher und redet davon, dass es gar innerliche Methoden des seelischen Erlebens gibt, wodurch das Seelisch-Geistige losgelöst werden kann, sodass es erscheint in seiner Ureigenheit sowie unabhängig von Geburt und Tod, wie Wasserstoff erscheint, wenn er losgelöst ist vom Wasser, von allen Eigenschaften desselben und seinem ganzen Verhalten.
[ 17 ] It stands to reason that, especially in our time, objections arise at every turn against what is asserted in this way. It is only natural that someone who is, so to speak, trained in the newer, well-founded habits of thought would come along and say: “Well, here we go again—the spiritual researcher comes along and talks about how there are inner methods of psychological experience through which the soul-spiritual can be detached, so that it appears in its original essence and independent of birth and death, just as hydrogen appears when it is detached from water, from all of water’s properties and its entire behavior.”
[ 18 ] Können wir denn nicht sehen, dass dies in die finstersten Tiefen des Aberglaubens hineinführt, nachdem Naturwissenschaft so gründlich nachgewiesen hat, wie das geistig-seelische Erleben abhängig ist vom körperlichen Erleben, wie dies geistig-seelische Erleben heranwächst, indem der Mensch sich von Kindheit auf durch Jahre entwickelt? In demselben Maße, wie die körperlichen Funktionen sich entwickeln, wächst ja auch das seelische Erleben, das geistige Erleben. Man sieht, wie das geistige Leben wieder hinschwindet im Alter, wenn die körperlichen Funktionen nachlassen oder allmählich abgelähmt werden, man sieht ferner — und das ist ja gerade verdankt den großen Fortschritten der psychiatrischen Forschung —, wie mit der Verletzung nur irgendeines Teiles des menschlichen Gehirns und Nervensystems ausgeschaltet werden die seelischen Funktionen. Bemerkt man da nicht, wie alles Seelisch-Geistige im eminentesten Sinne nur eine Wirkung ist des Physisch-Leiblichen? Nun kommt der Geistesforscher und erklärt, dass dies Geistig-Seelische losgelöst werden kann von dem Physisch-Leiblichen.
[ 18 ] Can we not see that this leads into the darkest depths of superstition, given that the natural sciences have so thoroughly demonstrated how mental and emotional experience depends on physical experience, and how this mental and emotional experience develops as a person grows from childhood through the years? To the same extent that physical functions develop, so too does psychological and spiritual experience grow. One sees how spiritual life wanes again in old age when physical functions decline or are gradually impaired; one also sees—and this is precisely thanks to the great advances in psychiatric research—how damage to even a single part of the human brain or nervous system can shut down psychological functions. Does one not notice here how everything psychological and spiritual, in the most eminent sense, is merely an effect of the physical and bodily? Now the spiritual researcher comes along and explains that this spiritual-psychological aspect can be separated from the physical and bodily.
[ 19 ] Ja, sehr verehrte Anwesende, wenn der Geistesforscher nötig hätte, gegen die wohlbegründeten Annahmen neuerer Naturwissenschaft sich aufzulehnen, dann dürfte er keine Hoffnung haben, jemals sein Wissen in die Weltanschauung der Menschen einzuführen, denn eben diese neuere Naturwissenschaft ruht auf guten Gründen, wenn sie auch dieses oder jenes Hypothetische oder Unbegründete heute noch unter ihren Behauptungen hat. Ihre ganze Gesinnung, ihre ganze innere Lebenstendenz ist voll berechtigt und führt zu den größten Errungenschaften der Menschheit. Das wird Geisteswissenschaft nicht leugnen, sondern ebenso gut zugeben, wie jeder Naturwissenschaftler oder zur Naturwissenschaft sich Bekennende es zugeben muss.
[ 19 ] Yes, distinguished audience, if the spiritual researcher were to feel compelled to rebel against the well-founded assumptions of modern natural science, then he could have no hope of ever introducing his knowledge into people’s worldview, for it is precisely this modern natural science that rests on sound grounds, even if it still includes one or another hypothetical or unsubstantiated element among its assertions today. Its entire mindset, its entire inner orientation in life, is fully justified and leads to humanity’s greatest achievements. Spiritual science will not deny this, but will admit it just as readily as any natural scientist or anyone who professes to follow natural science must admit it.
[ 20 ] Aber, sehr verehrte Anwesende, Geisteswissenschaft im wahren Sinne des Wortes steht auch nicht auf einem anderen Boden als die Naturwissenschaft, selbst nicht in Bezug auf alles dasjenige, wovon die Naturwissenschaft reden kann. Wenn wir betrachten das gewöhnliche Denken des Alltags und der gewöhnlichen Wissenschaft, wie erscheint es denn dem Geistesforscher? Ihm erscheint es durchaus so, dass dieses gewöhnliche Denken, dass dasjenige, was der Mensch aufbringt an Denken und Vorstellen im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft, im strengsten Sinne gebunden ist an das menschliche Leibesleben, im engeren Sinne an das menschliche Nervensystem. Und insofern die Naturforschung heute schon Anfänge aufweist zu einer Erkenntnis nach dieser Richtung hin, die versprechen, noch viel mehr künftig zu geben, steht der Geistesforscher völlig auf dem Boden der Naturforschung. Aber es handelt sich für die Naturforschung nur um das gewöhnliche Denken, um die noch nicht von dem Leiblichen losgelöste innere Kraft des Denkens. Von dem, was im Alltag gedacht wird, von dem, was in der gewöhnlichen Wissenschaft vorgestellt werden kann, weiß gerade der Geistesforscher. All dieses Denken des Alltagslebens ist ebenso an das Leibliche gebunden, wenn es dem Menschen zum Bewusstsein kommen soll, wie gebunden ist das Bild, das uns von uns selbst erscheinen soll, an den Spiegel, vor den wir treten.
[ 20 ] But, ladies and gentlemen, spiritual science in the true sense of the word is not based on a different foundation than natural science, not even with regard to everything that natural science can address. When we consider ordinary thinking in everyday life and in ordinary science, how does it appear to the spiritual researcher? It certainly appears to him that this ordinary thinking—that is, what human beings bring to bear in terms of thought and imagination in ordinary life and in ordinary science—is, in the strictest sense, bound to human physical life, and in a narrower sense, to the human nervous system. And insofar as natural science today already shows the beginnings of an understanding in this direction—one that promises to yield much more in the future—the spiritual researcher stands entirely on the ground of natural science. But for natural science, it is only a matter of ordinary thinking, of the inner power of thought that has not yet been detached from the physical body. It is precisely the spiritual researcher who is familiar with what is thought in everyday life and with what can be conceived in ordinary science. All this thinking of everyday life is just as bound to the physical body—if it is to come into human consciousness—as the image that is to appear to us of ourselves is bound to the mirror before which we stand.
[ 21 ] Gerade Geisteswissenschaft erkennt durch Zusammenhänge, in die sie hineinsieht, wenn sie auf den Wegen fortschreitet, die geschildert worden sind, dass dasjenige, was jetzt als eine höhere Kraft in der Denkkraft geschildert worden ist und zu dem die Geisteswissenschaft kommen kann, dass das sich spiegelt, tätig spiegelt an den Organen des Leibeslebens und dass nichts in das Leben zwischen der Geburt und dem Tode hereintreten kann, in das Bewusstsein, als dasjenige, was mithilfe der das Seelenleben spiegelnden Leiblichkeit dem Bewusstsein erscheint. Wie der Mensch vor dem Bilde steht, das ihm der Spiegel zurückwirft, und wie er sich selbst nicht sieht, sondern das Bild, das ihm der Spiegel zurück wirft, so steht die Seele, die ausgerüstet ist mit der Kraft, die erst entdeckt wird auf dem Wege der Geistesforschung hinter demjenigen Denken, das das Denken des Alltags ist; und das Denken des Alltags ist ein vorüberhuschendes Spiegelbild, aus dem Leibesleben gespiegelt. Alle diejenigen Erkenntnisse, die Naturwissenschaft geben kann auf ihrem Felde, sind wahr, weil sie handeln von demjenigen, was noch nicht aufgewiesen ist als die eigentliche Kraft, die hinter dem gewöhnlichen Bewusstseinsleben steckt und die durch Geburten und Tode geht, die einer ganz anderen Welt angehört als die Welt ist, die wir mit unseren Sinnen schauen.
[ 21 ] It is precisely spiritual science that recognizes, through the connections it perceives as it proceeds along the paths that have been described, that what has now been described as a higher power within the power of thought—and to which spiritual science can arrive—is reflected actively reflected in the organs of physical life—and that nothing can enter life between birth and death, into consciousness, other than that which appears to consciousness through the physical body, which mirrors the life of the soul. Just as a person stands before the image that the mirror reflects back to them, and just as they do not see themselves but rather the image that the mirror reflects back to them, so too does the soul—endowed with the power that is first discovered through spiritual research—stand behind what is everyday thinking; and everyday thinking is a fleeting reflection, mirrored from physical life. All the insights that natural science can provide within its field are true because they deal with that which has not yet been demonstrated as the actual force lying behind ordinary conscious life—a force that passes through births and deaths and belongs to a world entirely different from the one we perceive with our senses.
[ 22 ] So kann man sagen: Geisteswissenschaft sagt zu nichts Nein, was die Naturwissenschaft sagt, sie erklärt nur, dass man ebenso über dieses Naturwissenschaftliche hinausgehen kann, wie man über die Handgriffe des gewöhnlichen Lebens in der wissenschaftlichen Chemie hinausgeht. Und derjenige, der sich vom naturwissenschaftlichen Standpunkte gegen Geisteswissenschaft wenden will, der wendet sich nicht aus dem Grunde gegen sie, weil irgendetwas Naturwissenschaftliches von der Geisteswissenschaft bezweifelt wird, sondern er wendet sich aus reiner Tyrannis gegen die Geisteswissenschaft, aus dem Wollen, nichts anderes gelten zu lassen, als was gelten zu lassen ihm gefällt. Man muss sich künstlich auf den Standpunkt stellen, dass niemand etwas anderes wissen darf als dasjenige, was man selber weiß, wenn man Geisteswissenschaft in ihrer Berechtigung, den Weg der Naturforschung fortzuführen, ablehnen will.
[ 22 ] Thus, one can say: Spiritual science does not reject anything that natural science asserts; it merely explains that one can go beyond the realm of natural science just as one goes beyond the practical techniques of everyday life in scientific chemistry. And anyone who wishes to oppose the humanities from the standpoint of the natural sciences does not do so because the humanities cast doubt on anything pertaining to the natural sciences; rather, he opposes the humanities out of sheer tyranny, out of a desire to accept nothing other than what he himself deems acceptable. One must artificially adopt the position that no one is permitted to know anything other than what one knows oneself if one wishes to reject the legitimacy of spiritual science in continuing the path of natural science.
[ 23 ] Nun aber, sehr verehrte Anwesende, ich sagte schon, der Geistesforscher, er kann gewissermaßen hineinschauen lassen den anderen, der noch nicht an die Geistesforschung herangetreten ist, in dasjenige, was sein «seelisches Laboratorium» ist. Denn dieses Leben im seelischen Laboratorium des Geistesforschers bringt mancherlei, das nun auch nicht bekannt ist dem gewöhnlichen Erfahren und Erleben. Verbunden ist die Geistesforschung nicht bloß mit denjenigen Erlebnissen, mit denen die äußere Wissenschaft verbunden ist, verbunden ist die Geistesforschung mit den tiefsten Erschütterungen des Seelenlebens, mit der innersten Tragik des Seelenlebens, mit dem Hinauftragen des Gemütes in einsame, eisige Höhen, mit dem Hinunterstürzen des Gemütes in furchtbare Abgründe des Daseins.
[ 23 ] But now, distinguished guests, as I have already said, the spiritual researcher can, in a sense, allow others—those who have not yet approached spiritual research—a glimpse into what is his “soul laboratory.” For this life within the spiritual researcher’s “soul laboratory” brings forth many things that are not part of ordinary experience and perception. Spiritual science is not connected merely with those experiences associated with external science; rather, it is connected with the deepest upheavals of the soul’s life, with the innermost tragedy of the soul’s life, with the soul’s ascent to solitary, icy heights, and with its plunge into the terrible abysses of existence.
[ 24 ] Gewiss, sehr verehrte Anwesende, die ersten Schritte der Geistesforschung, wie sie angedeutet sind in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», sie kann jeder leicht machen, und jeder kann sich dadurch überzeugen, in welchem Sinne dies richtig ist, worauf der Geistesforscher deutet. Aber wenn man den Weg der Geistesforschung zu Ende geht, führt er durch Erlebnisse, wie sie eben angedeutet worden sind. Vor allen Dingen in dem Augenblicke, wo man dahin gelangt, durch jene Methode, die geschildert worden ist, die innere Kraft des Denkens loszulösen von jener Unterstützung, die sie im Gehirn hat, in dem Augenblick, wo man mit seinem Denken in seinem seelisch-geistigen Erleben aus seinem Leibe — ich darf es sagen, weil es wörtlich richtig ist — heraussteigt, in demselben Augenblicke, wo wirklich des Menschen ewige Kräfte in der Seele geschaut werden, in diesem Augenblicke fühlt man sich als Geistesforscher so, wie wenn man, ich möchte sagen in der Pflanze deren Wachsen erleben könnte.
[ 24 ] Certainly, distinguished guests, the first steps in spiritual research—as outlined in my book *How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?*—can be easily taken by anyone, and everyone can thereby convince themselves of the truth of what the spiritual researcher points out. But when one follows the path of spiritual research to its conclusion, it leads through experiences such as those just described. Above all, at the very moment when, through the method that has been described, one succeeds in detaching the inner power of thought from the support it has in the brain—at the very moment when one, with one’s thinking, steps out of one’s body into one’s soul-spiritual experience—I may say this because it is literally true — at that very moment when one truly beholds the eternal forces of the human being in the soul, at that moment one feels, as a researcher of the spiritual, as if one could, I might say, experience growth within a plant.
[ 25 ] Nehmen wir an, die Pflanze könnte erleben, sie könnte erleben all ihre eigene Eigenschaftlichkeit, all ihre eigene Wesenheit, wie sie sich entfaltet von Blatt zu Blatt, zur Blüte, zur farbenprächtigen Blüte hin, und dann müsste sie, indem sie sich zur farbenprächtigen Blüte hin entwickelt hat, mit ihrem ganzen Sein eintauchen in die Kräfte, die den Samen bilden, der nun gar nicht bestimmt ist für dieses Leben der Pflanze in der Gegenwart, sondern der dieses Leben der Pflanze aus der Gegenwart hinübertragen soll in die Pflanze, die sich dann in der Zukunft aus dieser Pflanze entwickelt; die Pflanze würde erleben, indem sie alle ihre Erlebekräfte in diesen Keim hineinkonzentriert, wie wenn sie im Zusammennehmen dieser Kräfte gerade das entwickelte, was wie ein Töten, wie ein Absterben der äußeren, in den Blättern, in den farbenprächtigen Blüten entwickelten Wesenheit ist. Sie würde erleben, wie wenn sie dasjenige, was sie war, selber absterben machen müsste, damit sie weiterleben kann durch den Keim. So muss die Menschenseele erleben, wenn sie dasjenige wirklich durchmacht, was mit einigen Kohlestrichen eben vor Sie hingezeichnet ist.
[ 25 ] Let us suppose that the plant could experience—it could experience all its own individuality, all its own essence, as it unfolds from leaf to leaf, toward the flower, toward the colorful blossom, and then, having developed into a colorful blossom, it would have to immerse its entire being in the forces that form the seed—a seed that is not at all destined for this present life of the plant, but is meant to carry this present life of the plant forward into the plant that will develop from this one in the future; the plant would experience, by concentrating all its vital forces into this seed, as if, in gathering these forces together, it were precisely developing what is like a dying off, a withering away of the outer being that has developed in the leaves and in the resplendent blossoms. It would experience it as if it had to cause that which it was to wither away itself, so that it might live on through the seed. This is how the human soul must experience it when it truly goes through what has just been sketched out before you with a few strokes of a pencil.
[ 26 ] Sehr verehrte Anwesende, da erlebt der Geistesforscher, wie er immer mehr und mehr eingeht nur in dasjenige, was seine Seele verbindet mit dem, was er in seinen Gedanken hereingenommen hat. Aber das erscheint ihm jetzt in seinem seelischen Leben nicht so, wie wenn er etwa nur Neues erleben würde, sondern so, wie wenn er jetzt in den Kräften leben würde, die durch ihre innere Eigentümlichkeit tötende Kräfte für das äußere Leben wären, die zusammenhingen mit all dem, was das äußere Leben absterben macht, was das äußere Leben von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde lähmt. Und so ist es, wie wenn man darin gestanden hätte im Leben, alle Freude, alle Lust im Leben, alle berechtigte Freude, alle berechtigte Lust im Leben empfunden hätte, alle Tatkraft im Leben gerne angewendet hätte, und jetzt, um zu erkennen, herausmuss aus diesem Leben, aber gerade zu denjenigen Kräften sich hinwenden muss, welche dieses Leben fortwährend bekämpfen. Man möchte sagen, aus der Geselligkeit des Lebens, aus dem geselligen Zusammensein mit der Natur, ihrer Schönheit und Erhabenheit, muss man eintreten in die Einsamkeit, wo man so recht nur bei sich selber ist, wo man den Blick nur wenden kann auf dasjenige, was die eigensten, innersten Kräfte sind.
[ 26 ] Dear friends, the spiritual researcher experiences how he becomes more and more immersed solely in that which connects his soul to what he has taken into his thoughts. But this does not appear to him now in his soul life as if he were merely experiencing something new, but rather as if he were now living within forces that, by their very nature, are forces of death for outer life—forces connected to everything that causes outer life to wither away, everything that paralyzes outer life from day to day, from hour to hour. And so it is as if one had stood within life, having felt all the joy, all the pleasure in life—all the justified joy, all the justified pleasure in life—and willingly applied all one’s energy in life; and now, in order to recognize the truth, one must step out of this life, yet turn precisely toward those forces that continually combat this life. One might say that from the sociability of life, from the convivial communion with nature, its beauty and sublimity, one must enter into solitude, where one is truly at one with oneself, where one can turn one’s gaze only toward one’s own most intimate, innermost powers.
[ 27 ] Nun könnte es scheinen, sehr verehrte Anwesende, als wenn dieser ganze Vorgang der Geistesforschung etwas höchst Ungesundes wäre. Aber bedenken müssen wir, dass er ein Erkenntnisvorgang ist. So wenig als irgendetwas in diesem Saale in Bezug auf sein äußeres Aussehen dadurch verändert wird, dass meine Augen auf diesen Saal gerichtet sind, dass meine Gedanken diesen Saal sich vorstellen, so wenig diese Erkenntnis irgendetwas ändert an diesem Saal, so wenig ändert der Vorgang, den ich eben beschrieben habe, irgendetwas an dem inneren Seelenleben des Menschen. Alles dasjenige, was der Geistesforscher also erlebt, ist Erkenntnis, all das, was er dann durch seine Erkenntnis schaut, ist unten, nur für das äußere Leben unbemerkt, auf dem Grunde eines jeden Seelenlebens. Der Geistesforscher überzeugt sich nur durch das Anschauen, was wirklich in jeder Seele lebt. In jeder Seele leben die Kräfte, die unablässig, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute, von Sekunde zu Sekunde, am Leben zehren, wie der Pflanzenkeim an der gegenwärtigen Pflanze zehrt.
[ 27 ] Now, ladies and gentlemen, it might seem as if this whole process of spiritual research were something highly unhealthy. But we must bear in mind that it is a process of knowledge. Just as nothing in this hall is altered in its outward appearance by the fact that my eyes are directed toward this hall, that my thoughts envision this hall—just as this knowledge changes nothing about this hall—so too does the process I have just described change nothing about the inner life of the human soul. Everything that the spiritual researcher experiences is therefore knowledge; everything he then perceives through his knowledge lies beneath the surface of every soul life, unnoticed by outer life. The spiritual researcher is convinced only by observing what truly lives within every soul. Within every soul live the forces that ceaselessly, hour by hour, minute by minute, second by second, draw sustenance from life, just as the plant seedling draws sustenance from the present plant.
[ 28 ] Nur in diesem Anschauen, sehr verehrte Anwesende, in dieser Vertiefung in des Lebens zerstörende Mächte, lebt man sich ein in die Erkenntnis, wie immerfort überwunden wird dasjenige, was der Tod ist. Denn wie man sieht, dass das Leben unterhalten wird dadurch, dass unablässig von der Geburt bis zum physischen Tode die Kräfte tätig sind, die also der Geistesforscher erlebt, also überzeugt man sich eben durch die Geistesforschung, dass dieselben Kräfte auch den Tod, der wie ein Tor das physische Leben abschließt, überwinden und den Menschen einführen in die Welt des Geistigen. Nicht so begreift die Geisteswissenschaft den Tod, wie man ihn erkennen will heraus aus der Furcht vor dem Tode, heraus aus der Erwartung eines anderen Lebens, sondern so erkennt ihn die Geisteswissenschaft, dass sie die geistigen Erkenntniskräfte der Seele bis zur Anschauung des Todes führt und dann sieht, wie das ganze Leben hindurch der Tod am Menschen arbeitet, damit, wenn er dann seine Summe zieht, er durch dieselben Kräfte überwunden werden kann, die also immer auf dem Untergrunde unserer Seelen sind.
[ 28 ] Only through this contemplation, my dear friends, through this deep immersion in the destructive forces of life, can one come to realize how death is constantly being overcome. For just as one sees that life is sustained by the ceaseless activity of forces from birth to physical death—forces that the spiritual researcher experiences firsthand—so too does one become convinced, precisely through spiritual research, that these same forces also overcome death, which, like a gate, closes off physical life, and lead the human being into the world of the spiritual. Spiritual science does not understand death as one seeks to understand it out of fear of death or out of the expectation of another life; rather, spiritual science understands it by guiding the soul’s spiritual powers of cognition to a direct perception of death and then seeing how death works within the human being throughout the whole of life, so that when the soul takes stock, it can be overcome by the very same powers that are thus always at work in the depths of our souls.
[ 29 ] Noch eine andere Schwierigkeit stellt sich ein, verehrte Anwesende, für denjenigen, der also die geistige Welt, ich möchte immer wieder sagen in einem inneren Seelenlaboratorium erforscht. Diese andere Schwierigkeit ist diese, dass, wenn das Denken, wenn das Vorstellen sich also losgelöst hat von dem Körperlichen, wenn der Mensch nunmehr weiß: Du lebst jetzt in dem Geistig-Seelischen so, dass du nicht in deinem Körper bist, dass du dich rein im Gewebe des Geistig-Seelischen selber bewegst, wenn der Mensch bis zu diesem Grade sich entwickelt hat in seinem inneren geistigen Laboratorium, dann lebt er in seelischen Kräften, welche am wenigsten, am denkbar wenigsten verwandt sind demjenigen, was wir unsere Gedächtniskräfte nennen. Und wenn wir bedenken, was alles an unseren Gedächtniskräften hängt, wie unser ganzes Leben im Alltag nicht bestehen könnte, wenn wir uns im nächsten Moment nicht erinnerten, was wir im vorhergehenden erlebt haben, wenn wir in unserem ganzen Leben uns nicht erinnern würden an dasjenige, was in unser Leben Zusammenhang bringt, wenn wir bedenken, was Gedächtnis, was Erinnern bedeutet, dann werden wir verstehen können, wie anders auf die Seele jene Kräfte wirken, die geradezu vor der Kraft des Gedächtnisses stehen bleiben müssen, die in nichts appellieren an die gewöhnliche Kraft des Gedächtnisses im alltäglichen Leben.
[ 29 ] Yet another difficulty arises, dear audience, for those who explore the spiritual world—as I have said time and again—in an inner laboratory of the soul. This other difficulty is that when thinking, when imagination, has thus detached itself from the physical, when the human being now knows: ‘You now live in the spiritual-soul realm in such a way that you are not in your body, that you move purely within the fabric of the spiritual-soul realm itself’—when a person has developed to this degree in their inner spiritual laboratory, then they live in soul forces that are the least, the very least, related to what we call our powers of memory. And when we consider everything that depends on our powers of memory—how our entire daily life could not exist if we did not recall in the next moment what we had experienced in the previous one, if throughout our whole life we did not remember what brings coherence to our existence—when we consider what memory and recollection mean, then we will be able to understand how differently those forces act upon the soul—forces that must literally come to a halt before the power of memory, forces that in no way appeal to the ordinary power of memory in everyday life.
[ 30 ] So ist es, dass zunächst, wenn der Geistesforscher bis zu demjenigen Punkte gelangt, wo er wirklich in seinem geistig-seelischen Leben frei wird vom leiblichen Leben, dass sein Vorstellen dahinhuscht wie ein Traum, an den man sich nicht mehr erinnern kann, und erst wenn man immer wieder in Geduld die Übungen fortsetzt, von denen gesprochen worden ist, die Übungen in Meditation und Konzentration, dann entwickelt sich an der Stelle des gewöhnlichen Gedächtnisses, das dabei nicht mitwirkend sein darf, eine andere Kraft, die wir nennen könnten eine «innere Gewohnheitskraft». Wir werden imstande, immer wieder das zu vollziehen gewohnheitsmäßig, was wir uns also als inneres Erleben angeeignet haben. Wir verrichten gleichsam die innere Geste immer wieder von Neuem. Geisteswissenschaft kann nicht arbeiten aufgrund des Gedächtnisses, sondern sie geht hinaus über diese gewöhnliche Grundkraft des Lebens, über das Gedächtnis, und prägt dem Geistig-Seelischen, das frei geworden ist vom Leiblichen, solche Gewohnheiten ein, dass man immer wieder aufs Neue die inneren Verrichtungen vollziehen kann, die vollzogen werden müssen, damit man sich mit seinem freien Geistig-Seelischen in der geistigen Welt darinstehen fühlt.
[ 30 ] Thus, when the spiritual researcher first reaches the point where he truly becomes free from physical life in his spiritual-soul life, his imagination flits by like a dream that one can no longer remember, and only when one patiently continues, time and again, the exercises that have been described—the exercises in meditation and concentration—does a different power develop in place of ordinary memory, which must not be involved in this process; a power we might call an “inner force of habit.” We become able to carry out habitually, time and again, what we have thus acquired as an inner experience. We perform, as it were, the inner gesture anew time and again. Spiritual science cannot operate on the basis of memory; rather, it transcends this ordinary fundamental force of life—memory—and instills in the spiritual-soul aspect, which has been liberated from the physical, such habits that one can repeatedly perform anew the inner acts that must be performed in order to feel oneself standing in the spiritual world with one’s free spiritual-soul aspect.
[ 31 ] Wenn ich, sehr verehrte Anwesende — es ist nur, um etwas deutlicher zu machen —, dabei etwas Persönliches berühren darf, so sei es dieses: Wenn man von Dingen redet, die durch die äußeren Sinne erfahren werden, dann ist es so, dass man, wenn man, ich will sagen zum Beispiel einen Vortrag einmal gehalten hat, sich erinnert, wie man ihn gehalten hat, sodass, wenn man ihn zum zwölften, zum dreißigsten Male hält, man ihn ganz auf andere Weise aus seinem Innern vorbringt als das erste, zweite, dritte Mal, wo man ihn noch nicht ganz seinem Gedächtnis eingeprägt hat. Das ist, wenn man in aller Aufrichtigkeit über Dinge der Geisteswissenschaft spricht, nicht der Fall, sondern da muss jedes Mal wieder aufs Neue durch die der Seele angewöhnten inneren Gesten das heraufgeholt werden, was Inhalt der Geisteswissenschaft ist, da ist es ganz einerlei, ob man über etwas zum ersten Mal oder zum hundertsten Mal spricht, weil einem das Gedächtnis im Grunde genommen eher störend ist, als dass es einem helfen könnte. Man kann selbstverständlich dasjenige, was man gesprochen hat über den Inhalt der Geisteswissenschaft, auch aus dem Gedächtnis immer erzählen, aber der, der auf dem Boden echter Geisteswissenschaft ehrlich und aufrichtig steht, fühlt eine innere Verpflichtung dafür, in immer erneuerter Lebendigkeit darzustellen dasjenige, was er selbst erlebt. Daher muss er es immer wieder aufs Neue erleben, denn er stellt es nicht gedächtnismäßig vor, nicht durch ein Wissen, sondern durch ein Können, das er sich erworben hat.
[ 31 ] If I may, esteemed audience—and this is only to clarify something—touch on a personal matter here, let it be this: When one speaks of things that are experienced through the external senses, it is the case that if one, I mean, for example, have given a lecture once, one remembers how one gave it, so that when one gives it for the twelfth or thirtieth time, one presents it from within in a completely different way than the first, second, or third time, when one had not yet fully committed it to memory. When speaking in all sincerity about matters of spiritual science, this is not the case; rather, the content of spiritual science must be brought forth anew each time through the inner gestures ingrained in the soul. It makes no difference at all whether one speaks about something for the first time or the hundredth time, because, fundamentally speaking, memory is more of a hindrance than a help. Of course, one can always recount from memory what one has said about the content of spiritual science, but the person who stands honestly and sincerely on the ground of genuine spiritual science feels an inner obligation to present what he himself has experienced with ever-renewed vitality. Therefore, they must experience it anew again and again, for they do not present it from memory, not through knowledge, but through a skill they have acquired.
[ 32 ] Aber noch in einer anderen Weise wird unser ganzes inneres Seelenleben verändert. Wenn wir in der geschilderten Weise intim seelisch vorgehen, immer wieder und wieder solche innere, wir können jetzt sagen rein vorstellungsmäßige Willenshandlungen vornehmen, durch die wir einfache Denkinhalte in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins stellen und ganz in sie aufgehen, dann erleben wir ja auch durch unseren Willen etwas. Aber dieses Willensleben ist ein anderes als dasjenige, das den äußeren Handlungen zugrunde liegt. Was den äußeren Handlungen zugrunde liegt, entwickelt ein Willensleben, in dem der Wille halt schläft. Denn in der Tat, wie der Mensch eingreift mit seinen Gedanken in seinen Willen — das ist ja eine alte Rätselfrage der Philosophie, auf sie soll hier weiter nicht eingegangen werden —, der Zusammenhang zwischen dem Gedanken und der äußeren Handlung, er ist in den tiefen Untergründen des Seelenlebens. Aber gerade in diese tiefen Untergründe des Seelenlebens muss hinabsteigen die Geisteswissenschaft, wenn sie zu übersinnlicher Erkenntnis aufsteigen will. Und indem man immer wieder wiederholt, immer wieder innerlich lebendig macht dasjenige, was Gegenstand der Meditation und Konzentration im Denken ist, indem man so aus innerem Willen, aus starken inneren Seelenkräften heraus immer wieder — auf die Wiederholung kommt es an — dabei vollzieht, was man einmal vollzogen hat, treten andere Verrichtungen des Organismus, als es die des äußeren Handelns sind, in der Seele auf. Es treten in der Seele solche Verrichtungen auf, die sich nicht so vollziehen wie äußere Handlungen, wo wir immer mit unseren Gedanken eingreifen müssen, sondern solche, die sich mit Regelmäßigkeit, ich möchte sagen innerlich automatisch wiederholen.
[ 32 ] But our entire inner spiritual life is transformed in yet another way. When we proceed in this intimate, soulful manner as described—repeatedly performing such inner acts of will, which we can now call purely imaginative—through which we place simple thoughts at the center of our consciousness and become completely absorbed in them—then we do indeed experience something through our will. But this life of the will is different from the one that underlies external actions. What underlies external actions gives rise to a life of the will in which the will itself lies dormant. For in truth, the way in which a person intervenes in their will with their thoughts—which is, after all, an age-old philosophical enigma that need not be addressed further here—the connection between thought and external action lies in the deepest recesses of the soul’s life. But it is precisely into these deep recesses of the soul’s life that spiritual science must descend if it is to ascend to supersensible knowledge. And by repeatedly reviving, time and again, the object of meditation and concentration in thought—by carrying out, out of inner will and from strong inner forces of the soul, time and again—for repetition is what matters—what one has once accomplished, other processes of the organism, distinct from those of external action, arise in the soul. Such processes arise in the soul that do not unfold like external actions—where we must always intervene with our thoughts—but rather those that repeat themselves with regularity; I would say, automatically within.
[ 33 ] Das ist oftmals das Störende für diejenigen, die mit geisteswissenschaftlichen Methoden sich abgeben, dass, indem sie üben und immer wieder ihre Seele fixieren auf diesen oder jenen Gedanken — aber sie müssen es eben wiederholt tun, geduldig, energisch, ausdauernd —, das ist oft das Störende, dass wie mechanisch das ganze innere Handeln wird, so, wie das Atmen für den Leib wird, wo wir uns auch nicht bewusst sind, wie der Impuls des Atmens eingreift. Während wir auf der einen Seite uns hinaufheben in den höchsten geistigen Wachzustand des Bewusstseins, des Gedankens selbst, der uns zu dem, was hinter dem Gedanken steht, führt, zu dem innerlichen Erleben der Denkkraft, werden gerade die Verrichtungen, die wir in immerwährender Wiederholung vollziehen, wie zu etwas Mechanischem, sodass wir allmählich verspüren lernen, wie etwas in diesem losgelösten Seelenleben sich vollzieht, das ihm so eigentümlich ist, in rhythmischer Folge eigentümlich ist, wie dem Leib das Atmen in rhythmischer Folge eigentümlich ist. Wir erleben unsere Leiblichkeit als außer uns, und wir erleben unsere Seele herausgehoben aus dem Leiblichen, so aber, dass sie wie im inneren Handeln ist, mit diesem inneren Handeln aber nun dem Leibe gegenübersteht.
[ 33 ] What often bothers those who engage in the methods of the humanities is that, as they practice and repeatedly focus their souls on this or that thought—but they must do so repeatedly, patiently, energetically, and persistently— that is often what is disturbing—how mechanically the entire inner process becomes, just as breathing does for the body, where we are also unaware of how the impulse to breathe takes effect. While, on the one hand, we elevate ourselves to the highest spiritual state of wakefulness—that of consciousness, of thought itself—which leads us to what lies behind thought, to the inner experience of the power of thought, the very activities we perform in ceaseless repetition become almost mechanical, so that we gradually learn to sense how something takes place in this detached life of the soul that is so peculiar to it, peculiar in its rhythmic sequence, just as breathing is peculiar to the body in its rhythmic sequence. We experience our physicality as external to us, and we experience our soul as set apart from the physical, yet in such a way that it is as if engaged in inner activity, and through this inner activity it now stands in relation to the body.
[ 34 ] Dies ist wiederum verknüpft, verehrte Anwesende, mit demjenigen, was man nennen könnte: tiefste innere Seelenerschütterungen. So wie man in eine Einsamkeit, in eine alles äußere Welt-Miterleben ertötende Einsamkeit steigt, wenn man zu der einen Seite seelischer Kraftäußerungen sich begibt, durch die im Grunde genommen all unser alltägliches Leben besteht, so steigt man auf der anderen Seite hinab wie zu dem automatischen Leben, wie zu dem Leben, das sich in uns, aber ohne unser Zutun vollzieht. Wie wir auf der einen Seite ganz tätig werden, so tätig, dass wir nicht einmal durch das Gedächtnis unterstützt werden, werden wir auf der anderen Seite gewahr, wie in uns etwas ist, was durch sich selbst tätig ist, was wir nur anschauen können, dem wir nur zuschauen können. Wahrhaftig, das ist so, dass wir uns wie verzaubert, wie gebannt in einem solchen Automatismus des Lebens, der mit uns durch das Leben geht, fühlen, alle Kleinmütigkeit des Lebens fühlen, alles dasjenige, was die Schwere, das Gewicht des Lebens zeigt, all dies kann uns überkommen, und derjenige, der nicht in richtiger Methode und nicht in genügender Vorbereitung zu der Stufe der Erkenntnis kommt, von der eben gesprochen wird, der kann leicht bis zu einer vollständigen Verzweiflung an dem inneren Leben kommen, wenn er also sieht, was in ihm steckt.
[ 34 ] This, in turn, is linked, ladies and gentlemen, to what one might call the deepest inner emotional upheavals. Just as one ascends into a solitude—a solitude that extinguishes all experience of the external world—when one turns to one aspect of the soul’s expressions of power, which essentially constitute our entire everyday life, so, on the other hand, one descends as if into an automatic life, into the life that unfolds within us but without our intervention. Just as, on the one hand, we become fully active—so active that we are not even supported by memory—so, on the other hand, we become aware that there is something within us that acts of its own accord, something we can only observe, something we can only watch unfold. Truly, it is so that we feel, as if enchanted, as if spellbound, within such an automatism of life that accompanies us through life; we feel all the despondency of life, all that which reveals the heaviness and weight of life—all of this can overwhelm us; and anyone who does not arrive at the stage of insight just described through the proper method and sufficient preparation may easily sink into complete despair regarding the inner life when he sees what lies within him.
[ 35 ] Denn wiederum ist es nur Erkenntnis, durch die wir gewahr werden, was in uns alles steckt, was auf dem Grunde des Lebens ein Lebensautomatismus ist, wenn man also sieht, wie man hineingestellt ist ins Leben und was durch den Menschen durchgreift wie durch ein Uhrwerk — aber nur eben in geistiger Weise, nicht mechanisch wie beim Uhrwerk —, durchgreift dasjenige, was im ganzen Universum als die kosmischen Lebenskräfte ausgebreitet ist. Da lernt man sich einfühlen in das ganze Universum als ein Stück, als ein Teil von diesem Universum, aber man fühlt sich in ihm so, wie wenn man sich selbst vollständig entfremdet wäre, zur Versteinerung, zum Petrefakt in diesem Leben geworden wäre. Dann merkt man, dass alles, was man so erlebt, nur Erkenntnis ist desjenigen, was da unten in der Seele ist. Und das ist ein immerwährender Kampf zwischen dem, was also sich versteinert in uns, wie zur Automatik strebt, und auf der anderen Seite wie in die geistige Einsamkeit zu immerwährender Tätigkeit steigt, ein innerer Krieg, ein inneres Kampfesleben, das uns entzogen wird im Anblick der Alltäglichkeit. Das Geschilderte ist auf dem Grunde unserer Seele. Und aus einem solchen inneren Kampfesleben, aus einem Kampf, der sich in jeder Seele vollzieht, den der Geistesforscher nur anschaut, aus einem solchen Kampfesleben holt er seine Erkenntnis heraus. Und dasjenige, was Sie nun in der Literatur der Geisteswissenschaft finden, ist herausgeholt aus den Untergründen der Seele, herausgeholt aus diesem Kampfesleben.
[ 35 ] For, once again, it is only through insight that we become aware of all that lies within us—that which, at the very foundation of life, is a kind of automatic life force—when we see how we are placed within life and what runs through the human being like the mechanism of a clock—but in a spiritual sense, not mechanically as in a clock— that which is spread throughout the entire universe as the cosmic life forces permeates us. There one learns to empathize with the entire universe as a part of it, as a fragment of this universe; yet one feels within it as if one were completely alienated from oneself, as if one had become petrified, a fossil in this life. Then one realizes that everything one experiences in this way is merely insight into what lies deep within the soul. And this is an everlasting struggle between that which becomes petrified within us, striving toward automatism, and, on the other hand, that which rises into spiritual solitude toward everlasting activity—an inner war, an inner life of struggle that is hidden from us in the face of everyday life. What has been described lies at the very depths of our soul. And from such an inner life of struggle—from a struggle that takes place within every soul, which the spiritual researcher merely observes—from such a life of struggle, he draws his insights. And what you now find in the literature of spiritual science has been drawn from the depths of the soul, drawn from this life of struggle.
[ 36 ] Gewiss, ich sage, es kann ein jeder die Anfänge der Geistesforschung durchmachen, und dadurch kann sich jeder heute überzeugen, dass das richtig ist, was die Geistesforschung darbietet. Aber dasjenige, was man durchzumachen hat, wenn man zu entscheidenden Wendepunkten in Bezug auf die geistige Erkenntnis kommt, das stammt aus kampferfüllten, aus wild bewegten, aus tragisch durchlebten inneren Erlebnissen der Seele, das stammt aus Regionen der Seele, die alles, alles aufwühlen, und man bekommt eine ehrerbietige Anschauung von dem ganzen Leben und von dem, was im ganzen Leben als dieses Leben durchwebende Weisheit waltet, wenn man gewahr wird, dass zum alltäglichen Leben der Mensch die Gnade verlichen hat, dass ihm ein Schleier gewoben ist über all dasjenige, was auf dem Grunde seiner Seele ist.
[ 36 ] Certainly, I say that anyone can go through the early stages of spiritual research, and through this, everyone today can convince themselves that what spiritual research presents is true. But what one must go through when reaching decisive turning points in spiritual knowledge—that stems from soul experiences filled with struggle, wildly turbulent, and tragically lived through; it stems from regions of the soul that stir everything stirs everything up, and one gains a reverent view of life as a whole and of what reigns throughout life as the wisdom that weaves through it, when one becomes aware that in everyday life, human beings have been granted the grace of a veil woven over all that lies at the bottom of their soul.
[ 37 ] Aber die Menschheit ist in Entwicklung, verehrte Anwesende. Und die Entwicklungszeit, in der die Menschen einzig und allein leben konnten im Bewusstsein, dem durch einen Schleier entzogen ist dasjenige, was im Untergrunde des Seelischen waltet und webt, diese Zeiten nähern sich ihrem Ende, und die Zeiten gehen auf, in denen die Menschheit ihre tiefste Sehnsucht durch die natürlichen Seelenkräfte haben muss, bekannt zu werden mit dem, was da in den Untergründen des Seelischen lebt und webt. Geradeso, wie in einem bestimmten Zeitpunkt der menschlichen Entwicklung Menschen der Star gestochen werden musste in Bezug auf die Anschauung des früheren gesunden Menschenverstandes, dass die Erde stille stehe und der Sternenhimmel und die Sonne sich um sie bewege, so muss — das liegt in den Kräften der Erdenentwicklung —, der Menschheit der Star gestochen werden darüber, wie sich alles Seelenleben auf einem solchen Untergrunde auferbaut, wie er eben geschildert worden ist.
[ 37 ] But humanity is evolving, esteemed audience. And the era in which people could live solely in a state of consciousness veiled from what reigns and weaves in the depths of the soul is drawing to a close; a new era is dawning in which humanity, through its natural soul forces, must fulfill its deepest longing to become acquainted with what lives and weaves in the depths of the soul. Just as, at a certain point in human development, people had to be awakened from the belief of earlier common sense that the Earth stood still and the starry sky and the Sun moved around it, so must—this lies in the forces of Earth’s development— humanity must be awakened to the fact that all soul life is built upon such a foundation as has just been described.
[ 38 ] Die Menschheit will erkennen, dass dasjenige, was wir durch das Leben tragen an Lebenssorgen, an Lebensüberwindungen, an Lebenslust und -leid, an Lebenskraft, an Lebensenttäuschungen und was wir an unseren Mitmenschen bewundern an Lebenstaten, dass das alles errungen wird durch einen Sieg, der sich vollzieht auf dem Untergrunde des unterbewussten seelischen Erlebens. Wie wir leben dadurch, dass Kräfte walten hinter der Sinnenwelt, die im lebendigsten Kampfe das zu erringen haben, worüber wir uns freuen, womit wir unser Leben vollbringen, das wird in der Zukunft dem Menschen stärkende Seelenkraft geben, wenn er wissen wird, wie durch unbekannte Mächte hinter der Sinneswelt erkämpft werden muss dasjenige, was sein Lebensgut, auch was sein Lebensleid, was seine Lebensüberwindung ist, sodass wir daran, als in dem Bewusstsein, was das Leben wirklich ist, die stärkste Lebenssicherheit haben. Das wird dem Menschen die lebendige Empfindung seines Zusammenhanges geben mit den geistigen Mächten, die hinter der Sinneswelt stehen.
[ 38 ] Humanity must recognize that what we carry through life—our worries, our triumphs, our joys and sorrows, our vitality, our disappointments—and what we admire in our fellow human beings in terms of their deeds—that all of this is achieved through a victory that takes place against the backdrop of subconscious psychological experience. The fact that we live because forces at work behind the sensory world must, in the most intense struggle, achieve that which brings us joy and through which we fulfill our lives—this will give humanity strengthening spiritual power in the future, when it comes to know how, through unknown powers behind the sensory world, that which constitutes the substance of its life— as well as the suffering and the triumphs of life—are won through a fierce struggle by unknown forces behind the sensory world, so that in this realization—in the awareness of what life truly is—we find the strongest assurance of life. This will give human beings a vivid sense of their connection to the spiritual forces that stand behind the sensory world.
[ 39 ] Und wenn der Mensch also die beiden Kampfesgebiete des von der Leiblichkeit losgelösten Gedankenlebens und des von der Leiblichkeit losgelösten Willenslebens, wenn er also diese beiden Kampfesgebiete überschaut, dann tritt er ein in diejenige Erkenntnis der wiederholten Erdenleben, die heute so phantastisch — obzwar sie Lessing innerhalb des Geisteslebens der neueren Menschheit geltend gemacht hat — den Gedankengewöhnungen erscheint. Und er tritt ein in die wirklichen Zusammenhänge des menschlichen Schicksals, die uns so viele Rätselfragen aufgeben.
[ 39 ] And when a person thus surveys the two realms of struggle—the life of thought detached from physicality and the life of will detached from physicality—when he thus surveys these two realms of struggle, he enters into that understanding of repeated earthly lives which today seems so fantastical — even though Lessing established it within the spiritual life of modern humanity — to the habits of thought. And he enters into the true interrelationships of human destiny, which present us with so many enigmatic questions.
[ 40 ] Was ich heute noch berühren möchte, ist, dass uns, wenn wir also auf das Leben schauen, dass uns dieses Leben erscheint mit dem, was es dem Alltag äußert, wie durch Siege und Kriege unbekannter geistiger Mächte, aber zu erkennender geistiger Mächte bewirkt; und wenn wir also das Leben erkennen, erkennen wir auch die großen Zeitereignisse in einer anderen Weise als sonst.
[ 40 ] What I would like to touch on today is that when we look at life, it appears to us through what it manifests in everyday life—how it is brought about by victories and wars waged by unknown spiritual forces, though forces that can be recognized; and so, when we recognize life, we also recognize the great events of history in a different way than usual.
[ 41 ] Wir stehen ja, verehrte Anwesende, auch in unserer schicksalstragenden Gegenwart in schweren, aber auch in Großes verheißenden Ereignissen. Die Frage kann aufgeworfen werden: Welche Empfindungen kann dasjenige, was wir jetzt an kühnen Taten des Mutes, an kühnen Taten der Lebensüberwindung, an edlen Taten der Opferwilligkeit erleben, wie kann das gerade auf eine Seele wirken, die aufnimmt dasjenige, was Geistesforschung der Menschheit geben will? Wir leben ja nicht in einer kleinen Zeit! Seit Monaten zeigen sich uns die Ereignisse in unserer Umgebung so, wie sie sich, man darf wohl sagen in solcher Größe, in solcher Bedeutung der Menschheit überhaupt seit ihrem bewussten geschichtlichen Erleben nicht gezeigt haben. Wenn man zusammenstellt, was nur an verschiedenen Völkerschaften aufseiten der Gegner der mitteleuropäischen Mächte steht, man bekommt, selbst wenn man kleinere Stammesverschiedenheiten gar nicht mitzählt, man bekommt einundzwanzig verschiedene Völker der verschiedensten Erdgebiete. Und wenn man die verschiedenen Völker, die aufseiten der mitteleuropäischen Mächte kämpfen, zählt, man bekommt, wenn man wiederum von kleinen Stammesunterschieden absieht, man bekommt vierzehn kämpfende einzelne Völkerschaften; sodass man sagen kann, über einen großen Teil der bewohnten Erde hin stehen fünfunddreißig Völkerschaften, von kleineren Stammesunterschieden abgesehen, miteinander heute im Kampfe. Und wenn man vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft sein Auge richtet auf dasjenige, was in so gewaltiger geschichtlicher Weise gerade in unsere Zeit eingreift, oh, da bietet sich einem eine ganz besondere Empfindungsnuance dieses Anblickes dar.
[ 41 ] Indeed, distinguished guests, even in our fateful present, we are facing events that are difficult but also hold the promise of greatness. The question may be raised: What feelings can be aroused by what we are now witnessing—bold acts of courage, bold acts of overcoming life’s challenges, noble acts of self-sacrifice—and how might this affect a soul that is receptive to what spiritual research seeks to offer humanity? After all, we are not living in a trivial age! For months now, the events unfolding around us have presented themselves—one may well say, on a scale and with a significance—unprecedented in human history since the dawn of conscious historical experience. If one compiles a list of the various peoples standing on the side of the opponents of the Central European powers—even without counting minor tribal differences—one arrives at twenty-one different peoples from the most diverse regions of the world. And if one counts the various peoples fighting on the side of the Central European powers—again, disregarding minor tribal differences—one arrives at fourteen individual nations engaged in battle; so that one can say that, across a large part of the inhabited earth, thirty-five nations—disregarding minor tribal differences—are currently at war with one another. And when, from the perspective of spiritual science, one turns one’s gaze to what is intervening in such a momentous historical way precisely in our time, oh, then a very special nuance of feeling arises from this view.
[ 42 ] Was bedeutet es denn eigentlich, dass Geisteswissenschaft im Grunde genommen nur eine Fortsetzung der Naturwissenschaft sein will? Ja, verehrte Anwesende, was Goethe so betont hat, dass man erst zu einer wahren Wissenschaft kommen wird, wenn man nicht mehr die Natur, dasjenige, was uns sichtbar umgibt, nach Zweckmäßigkeitsgründen anschaut, wenn man nicht mehr fragt: «Warum hat der Ochs Hörner? Damit er stoßen kann», sondern wenn man klar ist, dass der Ochs deshalb stößt, weil er Hörner hat, wenn man alles ursächlich ansieht, nicht nach Zweckmäßigkeitsgründen. Wenn das das Eigentümliche ist der äußeren Weltanschauung, wenn gerade die besten Geister gekämpft haben für diese ursächliche Weltanschauung, überall zu fragen nach den Ursachen, so steht auch Geisteswissenschaft auf dem Boden, nach den Ursachen zu fragen, aber nach den tiefer gehenden Ursachen, die sich dem Sinnenanschauen entziehen.
[ 42 ] What does it actually mean when the humanities essentially seek to be nothing more than a continuation of the natural sciences? Yes, ladies and gentlemen, as Goethe so emphatically stated, we will only arrive at a true science when we no longer view nature—that which visibly surrounds us—in terms of expediency, when we no longer ask: “Why does the ox have horns? So that it can butt,” but when one realizes that the ox butts because it has horns—when one views everything causally, not in terms of utility. If this is the distinctive feature of the external worldview, if it is precisely the greatest minds who have fought for this causal worldview—to inquire everywhere into causes—then spiritual science, too, is grounded in the principle of inquiring into causes, but into the deeper causes that elude sensory perception.
[ 43 ] In Bezug auf dasjenige aber, was um uns herum vorgeht, an den geschichtlichen Ereignissen muss sich gerade als ein Gegenpol für die Geisteswissenschaft etwas anderes entwickeln. Sieht man, wie also das Gewaltige sich abspielt um uns, sieht man, wie also unter den gewaltigen Ereignissen die Menschheit leidet und entwickelt die kühnsten Heldentaten, dann wird man im Anschauen desjenigen, was der menschliche Wille entfaltet, dazu geführt, gerade zu den Empfindungen — das kann man nicht beweisen, weil es beruht auf einer Umänderung des ganzen Empfindungslebens —, dann wird man durch die Empfindung dazu geführt, nunmehr in diesem Leben, in das man hineingestellt ist, anzuschauen alles daraufhin, wie nicht die Ursachen walten, sondern was sich als Ziele, als Wirkungen ergeben muss aus dem, was in heißem Ringen erkämpft wird, was durch große Opfer errungen wird. Wie im Leben, das wir betrachten, wir überall auf die Ursachen zu sehen haben, so haben wir in dem, was wir also erleben, wie wir das heutige Erleben vor uns haben, überall auf die Wirkungen zu sehen. Und diese Wirkungen, oh, diese Wirkungen, sie werden für uns vor allen Dingen dadurch bedeutungsvoll, dass wir uns vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus in die Lage versetzen können, wie dasjenige, was man mitteleuropäisches Geistesleben nennt, wirklich eine Ganzheit bildet.
[ 43 ] But with regard to what is happening around us—to historical events—something else must develop precisely as a counterpoint to spiritual science. When one sees how these mighty forces are at work around us, when one sees how humanity suffers amid these mighty events and performs the most daring feats of heroism, then, in observing what the human will brings forth, one is led—precisely to the feelings (this cannot be proven, because it is based on a transformation of the entire life of feeling)— then one is led by these feelings to view everything in this life, into which one has been placed, not in terms of how causes prevail, but in terms of what must emerge as goals, as effects, from what is fought for in fierce struggle, from what is achieved through great sacrifice. Just as in the life we are observing, we must look everywhere at the causes, so too, in what we are experiencing—as we have today’s experience before us—we must look everywhere at the effects. And these effects—oh, these effects—become meaningful to us above all because, from the standpoint of spiritual science, we can place ourselves in a position to see how what is called Central European spiritual life truly forms a whole.
[ 44 ] Oh, dieses mitteleuropäische Geistesleben, wie ist es im Grunde genommen errungen und wie unterscheidet es sich durch seine Eigentümlichkeit — ich will jetzt gar nicht Werturteile geltend machen — von jenem Geistesleben, von dem es jetzt eingekreist ist und wie in einer mächtigen Festung belagert wird! Für den, der die geistigen Zusammenhänge ergreifen kann, zeigt sich diese Eigentümlichkeit des mitteleuropäischen Geisteslebens in voller Klarheit. Da kann man sagen, an den Blüten kann man erkennen, was in den Wurzeln waltet. Und so sei nur wie zu einem Beispiel der Blick hingewendet zu einer Blüte mitteleuropäischen Geisteslebens, zu einer Blüte, die Ihnen allen wohl bekannt ist, verehrte Anwesende, die Sie alle oftmals haben durch Ihre Seele ziehen lassen, zu dem, was, wie aus allen Untergründen des mitteleuropäischen Geisteslebens eben wie eine Blüte desselben der große Geist der neueren Zeit, Goethe, geschaffen hat in seinem «Faust». Und nur auf einen Zug in diesem Faust sei hingewiesen. Da steht dieser Faust vor uns im Beginne der Fausthandlung als derjenige, der durch das Leben gegangen ist und in dem Leben alles dasjenige gelernt hat, was man durch das gewöhnliche Denken lernen kann:
[ 44 ] Oh, this Central European intellectual life—how was it essentially achieved, and how does it differ, in its distinctiveness—and I do not wish to make any value judgments here—from that intellectual life by which it is now encircled and besieged as if within a mighty fortress! For those who can grasp the spiritual connections, this distinctive character of Central European intellectual life becomes fully apparent. One might say that the blossoms reveal what reigns in the roots. And so, by way of example, let us turn our gaze to a flower of Central European intellectual life—a flower that is well known to all of you here, esteemed audience, one that you have all often allowed to pass through your souls—to that which, as if from the very depths of Central European intellectual life, has blossomed as a flower of that life itself: the great spirit of modern times, Goethe, has created in his *Faust*. And let us point out just one aspect of this *Faust*. There, at the beginning of the *Faust* narrative, stands this Faust before us as one who has gone through life and learned in life everything that can be learned through ordinary thinking:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor.
Alas! I have now studied philosophy,
law, and medicine,
and, unfortunately, theology as well!
I have studied them all thoroughly, with great effort.
And here I stand, poor fool that I am,
just as wise as I was before.
[ 45 ] Das hat Goethe im Streben und in heißer Sehnsucht seiner Jugend in den Siebzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts hingeschrieben. So wirkte auf sein mitteleuropäisches Gemüt dasjenige, was dazumal im äußeren Denken, im äußeren Forschen von den Menschen erreicht werden konnte. Nun sehen wir in diesem mitteleuropäischen Geistesleben vorüberziehen, nachdem Goethe diese heute ja fast schon trivial gewordene — aber wenn man sie in ihrer elementaren Ursprünglichkeit auf die Seele wirken lässt —, tief ergreifenden Faust-Szene geschrieben hat, seit Goethe dies geschrieben, das in seiner Seele durchgemacht hat, haben innerhalb des mitteleuropäischen Geisteslebens Geister gewirkt, welche in kühnem Denkermut, in kühnem philosophischen Forschermut versucht haben, wirklich faustisch zu den Quellen des Lebens zu dringen.
[ 45 ] Goethe wrote this in the midst of the striving and fervent longing of his youth in the 1770s. This is how what could be achieved at that time in external thought and external research affected his Central European sensibility. Now we see this Central European intellectual life passing before our eyes: ever since Goethe wrote this deeply moving scene from *Faust*—which has, of course, become almost trivial today, though if one allows it to affect the soul in its elemental originality— profoundly moving Faust scene—which has now become almost trivial—since Goethe wrote this and lived through it in his soul, minds have been at work within Central European intellectual life who, with bold intellectual courage and bold philosophical curiosity, have attempted to penetrate the sources of life in a truly Faustian manner.
[ 46 ] Man verkennt sie heute, die großen idealistischen Denker Mitteleuropas, einen Fichte, Schelling, Hegel und die andern. Man braucht auch gar nicht auf dasjenige, was sie inhaltlich geschaffen haben, einzugehen, man kann im strengsten Sinne sogar in vieler Beziehung Gegner sein dessen, was sie inhaltlich geschaffen haben, man braucht aber nur hinzuschauen auf den innersten, ehrlichsten, aufrichtigsten Wahrheitsdrang und Wahrheitsweg, aus dem heraus sie strebten und den sie zu gehen bereit waren, und man braucht nur hinzuschauen, wie solche Denker wirklich dieses faustische Wort wahr gemacht haben, das eigene Selbst zum Selbst der ganzen Welt zu erweitern, mitzuerleben dasjenige, was im ganzen Kosmos ist.
[ 46 ] Today, people misunderstand the great idealist thinkers of Central Europe—Fichte, Schelling, Hegel, and the others. One need not even address the substance of their work; in the strictest sense, one can even be opposed in many respects to what they produced, but one need only look at the innermost, most honest, and most sincere quest for truth and the path to truth from which they strove and which they were prepared to follow, and one need only look at how such thinkers truly brought to life this Faustian saying—to expand one’s own self into the self of the entire world, to experience what exists throughout the cosmos.
[ 47 ] Wie steht doch ein Denker, der im eminentesten Sinne so ganz wurzelt in der mitteleuropäischen Kultur, wie ein Johann Gottlieb Fichte vor uns. Aus dem innersten Nerv des menschlichen Wollens und Denkens, aus dem vom Wollen getragenen Denken, aus dem vom Denken durchsetzten Wollen heraus sucht er dasjenige im Menschen zu erfassen, durch das der Mensch sich verbinden kann in seinem eigenen Selbst mit dem ewigen, göttlichen Selbst, das durch die Welt waltet und weht. Und so war bei ihm, wie er es auch forderte, eins, was er lebte und dachte und philosophisch erstrebte, so eins, dass, als er durch die Krankheit seiner Frau, die sie sich bei der Pflege der Krieger erworben hatte, dass er bei der Krankheit, die er von seiner Frau übertragen erhielt, in den letzten Stunden seines Fieberwahns, er, der mitteleuropäischste Philosoph, er noch im Fieberwahne lebte in dem unmittelbaren Leben seiner Zeit, in dem Leben, durch das Mitteleuropa dazumal sich befreien wollte von der Tyrannis Westeuropas, mit dem Übergange Blüchers über den Rhein lebte der Philosoph Fichte. Bis in seine Fieberphantasien prägte sich aus diese große gewaltige, innerlich das Leben aufrüttelnde Persönlichkeit, die dazumal ihr Volk gekräftigt und gestärkt hat durch die gewaltigen «Reden an die deutsche Nation».
[ 47 ] How different is a thinker like Johann Gottlieb Fichte, who is so deeply rooted in Central European culture in the most eminent sense, from those who stand before us. From the innermost core of human will and thought—from thought sustained by will, from will permeated by thought—he seeks to grasp that which lies within man, through which man can unite, within his own self, with the eternal, divine Self that reigns and breathes throughout the world. And so, as he himself demanded, there was a unity in what he lived, thought, and philosophically aspired to—such a unity that, when, due to his wife’s illness—which she had contracted while nursing soldiers—and the illness he had contracted from her, in the final hours of his febrile delirium, he, the most Central European of philosophers, still lived, even in his feverish delirium, within the immediate reality of his time—the reality through which Central Europe sought at that time to free itself from the tyranny of Western Europe; the philosopher Fichte lived through Blücher’s crossing of the Rhine. Even in his feverish fantasies, this great, powerful personality—who inwardly stirred the very fabric of life and who, at that time, had invigorated and strengthened his people through his mighty “Addresses to the German Nation”—left an indelible mark.
[ 48 ] Wir sehen sie vorüberzichen, diese Denker. Und wir könnten von den anderen, auch wenn wir nicht mit den Inhalten ihres Denkens einverstanden sind, mit Bezug auf ihr großes, gewaltiges Streben Ähnliches sagen. Wir sehen die besten Kräfte der mitteleuropäischen Kultur in einer Blüte vorüberziehen, dieselben Kräfte, von denen wir glauben dürfen, dass sie jetzt in Ost und West auf Schlachtfeldern in ganz anderer Betätigung wirken zum Heile und Fortschritt Mitteleuropas, wir sehen sie dazumal in das geistige Licht heraufdrängen.
[ 48 ] We see them passing by, these thinkers. And we could say something similar about the others—even if we do not agree with the content of their thoughts—in reference to their great, formidable aspirations. We see the finest forces of Central European culture passing by in their prime—the very forces that we may believe are now at work in the East and West on battlefields in an entirely different capacity for the benefit and progress of Central Europe; we see them at that time rising into the light of the spirit.
[ 49 ] Und nun fragen wir uns, verehrte Anwesende, nehmen wir an, Goethe hätte im Jahre 1840 noch gelebt, damals noch gelebt, als hingegangen war über die mitteleuropäische Kultur die Fichte’sche Geistesgroßtat, das Schelling’sche wunderbare Kunstgebilde des Universums, Hegels großartiges logisches Universumsbild — oh diese Denker, sie haben wahrlich Philosophie in neuer Gestalt vor die Menschheit gebracht und, wenn wir bedenken, dass Fichte ein «Naturrecht» geschrieben hat, Hegel ein «Naturrecht» geschrieben hat, sie haben auch Juristerei erneuert, Schelling hat ein Journal der Medizin herausgegeben, hat sich auch in die Medizin tief vertieft, und Theologen wollten sie, im Grunde genommen alle diese Philosophen sein. Was würde aber Goethe, wenn er seinen Faust statt im Jahre 1770 im Jahre 1840 angefangen hätte, was würde er an den Anfang der Faust-Dichtung gestellt haben? Gewiss nicht würde er es an den Anfang der Faust-Dichtung gestellt haben — trotzdem diese großen, gewaltigen Denkergestalten über den geistigen Himmel Mitteleuropas gegangen sind —, trotzdem würde er gewiss nicht hingestellt haben:
[ 49 ] And now let us ask ourselves, distinguished guests, suppose Goethe had still been alive in 1840—still alive at that time, when Fichte’s intellectual feat, Schelling’s marvelous artistic conception of the universe, and Hegel’s magnificent logical picture of the universe had swept over Central European culture—oh, these thinkers, they truly presented philosophy to humanity in a new form, and when we consider that Fichte wrote a *Natural Law*, that Hegel wrote a *Natural Law*—they also revitalized jurisprudence; Schelling published a medical journal and delved deeply into medicine; and, fundamentally speaking, all these philosophers wanted to be theologians. But what if Goethe had begun his *Faust* in 1840 instead of 1770—what would he have placed at the beginning of the *Faust* epic? He certainly would not have placed it at the beginning of the *Faust* epic—even though these great, formidable thinkers had traversed the intellectual sky of Central Europe—even so, he certainly would not have written:
Habe nun, Gott sei Dank,
studiert Philosophie bei Fichte, Schelling, Hegel,
Juristerei und nun auch Medizin,
da stehe ich nun hoch befriedigt, ich weiser Mann!
Now, thank God,
I have studied philosophy under Fichte, Schelling, and Hegel,
law, and now medicine as well,
and here I stand, deeply satisfied—I, a wise man!
[ 50 ] Nein, wiederum würde er in Jahre 1840 begonnen haben:
[ 50 ] No, he would have started in 1840 after all:
Habemun, sch! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor.
I’ve studied, shh! Philosophy,
law, and medicine,
and, alas, theology too!
I’ve studied them all, with great effort.
And here I stand, poor fool that I am,
just as wise as I was before.
[ 51 ] Das ist dasjenige, was mitteleuropäische Kultur auszeichnet! Diese mitteleuropäische Kultur, sie wird erst nach und nach in ihrer tiefsten Eigentümlichkeit verstanden werden von denen, die in ihr leben. Diese mitteleuropäische Kultur ist wahrhaftig der Ausdruck dessen, was auch im «Faust» steht: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen» — ewiges Streben. Und ist eine Etappe des Strebens errungen, so führt das Streben selbst wieder über diese Etappe hinaus. Man wird als Franzose, man wird als Italiener, man wird als Engländer geboren und man weiß, was man ist; dasjenige, was man als mitteleuropäischer Mensch ist, zu dem muss man sich selbst erziehen, dasjenige, was uns zum mitteleuropäischen Menschen macht, das müssen wir uns im heißen Seelenstreben nicht nur einmal, das müssen wir fortwährend erringen. Dadurch wird es zu einem im höchsten Sinne Individuellen, dadurch wird es zu einem solchen, an dem jeder Mensch unmittelbar mitarbeiten muss, zu einem solchen, das immer aufs Neue errungen werden muss.
[ 51 ] This is precisely what distinguishes Central European culture! This Central European culture will only gradually be understood in its deepest essence by those who live within it. This Central European culture is truly the expression of what is also written in *Faust*: “Whoever strives with all his might, we can redeem him”—eternal striving. And once a stage in this striving has been attained, the striving itself leads beyond that stage. One is born a Frenchman, an Italian, or an Englishman, and one knows what one is; but what it means to be a Central European, one must cultivate within oneself; what makes us Central Europeans, we must attain not just once, but continually, through the fervent striving of the soul. In this way, it becomes something individual in the highest sense; in this way, it becomes something at which every person must directly participate, something that must be achieved anew time and again.
[ 52 ] Wenn ich wiederum, nur um etwas zu verdeutlichen, an Persönliches anknüpfen darf, darf ich sagen: Ich lebte, da ich ein Österreicher bin, in meiner Kindheit, in den Sechziger- und Siebzigerjahren hier in Österreich noch in einer Zeit, als in Österreich volle Gegnerschaft vorhanden war gegen alles dasjenige, was im Deutschen Reiche draußen sich abspielte, als [es] der Österreicher noch schwer hatte, auch der österreichische Deutsche, hinauszusehen mit Befriedigung nach dem, was im Deutschen Reiche vorging. Und dann lebten wir entgegen demjenigen, was erst überwunden werden musste aus dem deutschen Individualismus heraus, damit zusammengeschmiedet werden konnte dasjenige Reich, das jetzt an Österreichs Seite gegen die Belagerer der großen mitteleuropäischen Festung kämpft.
[ 52 ] If, once again, just to clarify something, I may draw on a personal experience, I can say: Since I am Austrian, I spent my childhood here in Austria in the 1960s and 1970s—a time when there was still complete opposition in Austria to everything that was taking place in the German Reich abroad, when it was still difficult for Austrians—including Austrian Germans—to look out with satisfaction at what was happening in the German Reich. And then we lived in defiance of what first had to be overcome—namely, German individualism—so that the empire could be forged that now fights alongside Austria against the besiegers of the great Central European stronghold.
[ 53 ] Errungen muss für die mitteleuropäische Kultur alles werden. Man möchte sagen, wenn das Wort nicht missverstanden wird: In anderen Nationalitäten, in anderen Staatsgebieten wird man hineingeboren in dasjenige, was man ist, in Mitteleuropa ist man darauf angewiesen, sich alles dasjenige zu erwerben — wiederum nach einem Goethe’sehen Worte: «Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.» Das aber gibt eine Gesinnung, welche wie der Zauberhauch über alle mitteleuropäische Kultur geht, welche zusammenschmiedet dasjenige, was mitteleuropäische Völker ist, selbst über alle nationalen Unterschiede hin sie zusammenschmiedet, das wissentlich aufstrebt zu demjenigen, was man ist. Und das gibt auch die Gewähr, dass alles dasjenige, was in Mitteleuropa bereits erreicht worden ist, in fortgesetztem Streben immer erhöht und erhöht werden muss, dass die Gesinnung des Strebens, ich möchte sagen die faustische Stimmung fortgesetzt werden muss.
[ 53 ] Everything must be earned in Central European culture. One might say—if the word is not misunderstood—that in other nations, in other territories, one is born into who one is; in Central Europe, one is dependent on acquiring all of that—to quote Goethe once again: “What you have inherited from your fathers, acquire it in order to possess it.” But this gives rise to a mindset that, like a magical breath, pervades all of Central European culture; it forges together what constitutes the Central European peoples—even across all national differences—and consciously strives toward what one is. And this also guarantees that everything that has already been achieved in Central Europe must be continually elevated and elevated through unceasing striving; that the spirit of striving—I would say the Faustian spirit—must be sustained.
[ 54 ] Wie der Faust im Jahre 1840 dasselbe gesagt hätte im Ausgangspunkte seines Strebens wie 1770, trotzdem so vieles an geistigem Streben über Mitteleuropa hingegangen war, so wird durch die mitteleuropäische Seelenhaftigkeit immer erneuert dasjenige, was schon geschehen ist. Und so stehen wir, gerade durch geisteswissenschaftliche Empfindungen gestärkt, voll Hoffnung vor dem, was sich als Ziel und Wirkungen aus Blut und Tod, Leiden und Schmerzen, aus Opfer und Eingabe, aus unserer Zeit entwickeln muss.
[ 53 ] Everything must be earned in Central European culture. One might say—if the word is not misunderstood—that in other nations, in other territories, one is born into who one is; in Central Europe, one is dependent on acquiring all of that—to quote Goethe once again: “What you have inherited from your fathers, acquire it in order to possess it.” But this gives rise to a mindset that, like a magical breath, pervades all of Central European culture; it forges together what constitutes the Central European peoples—even across all national differences—and consciously strives toward what one is. And this also guarantees that everything that has already been achieved in Central Europe must be continually elevated and elevated through unceasing striving; that the spirit of striving—I would say the Faustian spirit—must be sustained.
[ 55 ] Oh, verehrte Anwesende, hat sich — ich kann selbstverständlich nicht auf alle Einzelheiten unserer schicksalstragenden Zeit eingehen —, hat sich dasjenige, was die Welt in materialistischem Sinne in der letzten Zeit erobert hat, nur herausentwickeln können aus Kämpfen, so wird sich gerade dasjenige, was aus mitteleuropäischem Geistesleben sich ausbreiten muss, immer mehr und mehr über die große Welt, über die Gebiete all der Völker, die heute noch dieses Mitteleuropa bekämpfen, es muss sich aus Kampf und Krieg entwickeln. Und die Stärkung der Seelenkraft, sie wird uns, wenn wir bedenken, dass wir ja durch Geisteswissenschaft zeigen können, wie in einzelnen Menschenleben dasjenige, was Lebensgut ist, auf demjenigen sich entwickelt, was im Untergrunde des Seelischen Krieg und Kampf ist, wie wir es schildern mussten.
[ 55 ] Oh, distinguished guests, while I cannot, of course, go into all the details of our fateful times—what has recently taken hold of the world in a materialistic sense could only have emerged from struggles, then precisely that which must spread from Central European spiritual life will increasingly extend across the wider world, across the territories of all those peoples who today still oppose this Central Europe—it must develop out of struggle and war. And the strengthening of the soul’s power—when we consider that through spiritual science we can show how, in individual human lives, that which is the essence of life develops upon the very foundation of war and struggle that lies beneath the soul, as we have had to describe—
[ 56 ] Nun, im äußeren Leben, verehrte Anwesende, sind die Menschen immer wieder und wieder Zeugen, Mithandelnde der Kämpfe, und diese Kämpfe müssen da sein. Wie sonst die Kämpfe durch einen wohltätigen Schleier im Innern der Seele für den einzelnen Menschen verdeckt sind, so müssen wir hineingestellt sein im äußeren, geschichtlichen Leben in diese Kämpfe, aus denen sich dann dasjenige, was äußeres, geschichtliches Lebensgut ist, entwickeln muss. Hat sich dasjenige, was das griechische Leben für die Welt geworden ist, im Kampfe entwickelt gegen die gewaltigen Perserheere, hat sich entwickelt, was vom Römertum, Lateinertum eingewandert ist in die ganze Weltkultur, auf Grundlage harter Kämpfe, so muss sich dasjenige was im faustischen Streben ist — und dieses faustische Streben geht auch bis in diejenige Seelen hinein, die gar nichts vom Faust wissen —, ausbreiten auf einem Boden, der mit dem Blut unserer Edelsten getränkt ist, in einer Luft, die durchsetzt ist mit den Empfindungen, die sich nur heute in unserer schicksalstragenden Zeit entwickeln können.
[ 56 ] Now, in external life, esteemed audience, people are time and again witnesses to and participants in struggles, and these struggles must exist. Just as these struggles are otherwise veiled from the individual by a benevolent veil within the soul, so must we be placed within these struggles in external, historical life, from which what constitutes the substance of external, historical life must then develop. Just as what Greek life became for the world developed through struggle against the mighty Persian armies, and just as what came from Roman and Latin culture into the entire world culture developed on the basis of fierce struggles, then that which is contained in the Faustian striving—and this Faustian striving extends even into the souls of those who know nothing at all of Faust—must spread on soil drenched with the blood of our noblest, in an atmosphere permeated by the feelings that can develop only today, in our fateful age.
[ 57 ] Man hat oft betont, insbesondere in Deutschland draußen in der letzten Zeit, dass es ja in den Entwicklungsverhältnissen der neueren Zeit liegt, dass dieser Krieg im Grunde genommen für äußere Verhältnisse nur geführt wird, dass er geführt wird dafür, dass der unendliche Fleiß der in äußerer Industrie, im äußeren Handel aufgebracht werden kann, freien Weg in die Welt hat. Gewiss, solche Aussagen sind durchaus richtig, und sie sollen nicht in irgendeiner Weise bekämpft werden. Wir leben einmal in Bezug auf das äußere Leben mehr oder weniger in einer materialistischen Zeit, und selbst dasjenige, was wir durch die schwersten Opfer erringen, erringen wir für materielle Güter. Aber sicher sind wir, dass von diesem Mitteleuropa aus, auch wenn nur materielle Kultur hinausgetragen wird in die Welt, durch die durch den Kampf geöffneten Tore in den verschiedensten fremden Gebieten, wenn auch vielleicht nicht durch die Väter selbst, so durch die Söhne derjenigen, die in Industrie und Handel hinaustreten in die fremden Gebiete, das mitgebracht wird allen überall hin, was aus jener Gesinnung erwächst, die ihren blütenhaften Ausdruck in jenem Faust gefunden hat, der «auf freiem Grund mit freiem Volke stehn» will, der nur dadurch sich Freiheit und Leben erlangen will, dass er sie sich täglich aufs Neue erobert.
[ 57 ] It has often been emphasized—especially in Germany and abroad in recent times—that it is due to the conditions of modern development that this war is, in essence, being waged solely for external purposes; that it is being waged so that the boundless diligence expended in foreign industry and foreign trade may have free access to the world. Certainly, such statements are entirely correct, and they should not be contested in any way. After all, as far as our external lives are concerned, we live more or less in a materialistic age, and even what we achieve through the heaviest sacrifices, we achieve for the sake of material goods. But we are certain that from this Central Europe, even if only material culture is carried out into the world through the gates opened by the struggle in the most diverse foreign regions—even if perhaps not by the fathers themselves— then through the sons of those who venture out into foreign lands in industry and commerce, what will be brought to everyone everywhere is that which springs from the spirit that found its most exquisite expression in that Faust who wishes to “stand on free soil with a free people,” who seeks to attain freedom and life only by conquering them anew each day.
[ 58 ] Und wenn wir auf die Eigentümlichkeit sehen dieses mitteleuropäischen Geisteslebens, wie es die Völker in Mitteleuropa zusammengeschmiedet hat, wenn wir gerade auf diese faustische Eigentümlichkeit sehen, dann müssen wir sagen: Es wird dieses mitteleuropäische Geistesleben dazu berufen sein, die Seele zu geben dem Welten-Erden-Körper, [die] Seele einzuverleiben der ErdenEntwicklung der Menschheit. Es ist sehr merkwürdig, dass zum Beispiel uns vom Nordwesten entgegentönt — wir können es jeden Tag hören, verehrte Anwesende, dass jene gewaltigen äußeren materiellen Eroberungen, welche zum Beispiel die Bewohner der Britischen Inseln gemacht haben, dass diese darin gipfeln sollen —, wie uns verspottend, uns in Mitteleuropa beschimpfend werden dergleichen Worte immer und immer wieder uns vom Auslande her zugerufen, dass alles dasjenige, was unternommen werden soll, im Namen der Freiheit, der Befreiung der Völker unternommen werden soll.
[ 58 ] And when we look at the distinctive character of this Central European spiritual life—the way it has forged the peoples of Central Europe together—when we look specifically at this Faustian character, then we must say: This Central European spiritual life is destined to give the soul to the world-earth body, to incorporate the soul into the earthly development of humanity. It is very strange that, for example, we hear from the northwest—we can hear it every day, esteemed audience—that those mighty external material conquests which, for example, the inhabitants of the British Isles have made, are supposed to culminate in this— as if to mock us, as if to insult us here in Central Europe, such words are shouted at us again and again from abroad, that everything that is to be undertaken must be undertaken in the name of freedom, of the liberation of the peoples.
[ 59 ] Nun, verehrte Anwesende, große Eroberungen, das braucht nicht geleugnet zu werden, sind von den Bewohnern der Britischen Inseln auf den Gebieten des äußeren und materiellen Lebens gemacht worden. Aber sehen wir zu, aufgrund wessen diese Eroberungen gemacht worden sind! Von 1856 bis 1900 hat England 34 Eroberungskriege geführt, [vier] Millionen Quadratmeilen Land erobert, 57 Millionen Menschen zu neuen britischen Untertanen gemacht — das im Laufe von etwa 44 bis 45 Jahren, 34 Eroberungskriege! Daraus ist die materielle Kultur, die das britische Reich allein über die Welt tragen konnte, erwachsen. Aus Blut und Tod, aus Leid und Schmerzen, aus zahlreichen Opfern muss — wie selbst das einzelne Menschenleben —, erwachsen dasjenige, was im Laufe der Geschichte als Lebensgut für die Menschheit heranreift.
[ 59 ] Well, ladies and gentlemen, there is no denying that the inhabitants of the British Isles have made great conquests in the realms of external and material life. But let us consider on what basis these conquests were made! From 1856 to 1900, England waged 34 wars of conquest, conquered [four] million square miles of land, and made 57 million people new British subjects—all in the course of about 44 to 45 years, 34 wars of conquest! From this arose the material culture that the British Empire alone was able to spread throughout the world. From blood and death, from suffering and pain, from countless sacrifices—just as with the life of a single human being—must arise that which, in the course of history, matures into the assets of life for humanity.
[ 60 ] Und wenn wir gerade im Vergleich mit dem, was uns die Geisteswissenschaft für den einzelnen Menschen zeigt, das mitteleuropäische Geistesleben beleuchten wollen, werden wir sagen: Sehen wir auf seine Wirkungen, sehen wir auf die Ziele, die verborgen sind in dem, was heute mit Blut den Boden tränkt, so stellt sich uns dar als solche Wirkungen das, dass neu errungen werden muss das bedrohte Gebiet. Wie der Mensch im Laufe des Lebens nach wenigen Jahren sich immer neu seinen Leib erobern muss, damit er ihm ein Werkzeug der Seele ist, so steht es auch im äußeren geschichtlichen Leben, so muss sich die mitteleuropäische Menschheit neu das Gebiet erobern, damit sie umso besser um das Seelenhafte sitzen, durch das diese mitteleuropäische Menschheit dasjenige, was im Tiefsten ihres Seelenlebens wurzelt, in die Zukunft hinüberzutragen fähig wird.
[ 60 ] And if we wish to shed light on Central European spiritual life, particularly in comparison with what spiritual science reveals to us about the individual human being, we will say: If we look at its effects, if we look at the goals hidden within what today is soaking the ground with blood, then what presents itself to us as such an effect is that the threatened territory must be reconquered. Just as, in the course of life, a person must continually reclaim their body anew after a few years so that it may serve as an instrument of the soul, so it is also in the outer, historical life: Central European humanity must reconquer the territory so that it may all the better encompass the soul, through which this Central European humanity becomes capable of carrying into the future that which is rooted in the very depths of its soul life.
[ 61 ] Oh, wenn wir so ansehen, vergleichend mit dem, was Geisteswissenschaft für das einzelne Menschenleben sagt, verehrte Anwesende, ansehen dasjenige, was wir im äußeren Leben in unserer schicksalstragenden Zeit überschauen können, dann wird es uns nicht etwa bloß für den Verstand verständlich, dann wird es uns für das ganze Herz verständlich, wird es uns so verständlich, dass wir wissen, was sich vorbereitet für die Zukunft, weil es sich nur vorbereiten kann aus Kampf und Krieg, dann lernen wir in einer gewissen Weise — so schmerzlich im Einzelnen dasjenige ist, was sich um uns herum begeben muss —, wir lernen es begreifen als im Dienste der großen Menschheitsentwicklung stehend, indem wir eben mit jedem Augenblick unseres Lebens uns hineingestellt fühlen müssen. Und so versöhnt sich durch eine wahrhaftige Betrachtung des Einzellebens der Mensch selbst mit den am meisten schicksalstragenden Ereignissen, die um ihn herum sich abspielen.
[ 61 ] Oh, when we look at it this way—comparing it with what spiritual science says about the life of the individual, esteemed audience—and consider what we can perceive in external life during this fateful time, then it becomes more than just intellectually comprehensible to us; but it becomes comprehensible to our whole heart; it becomes so comprehensible that we know what is being prepared for the future—because it can only be prepared through struggle and war—and so we learn, in a certain sense—no matter how painful the individual events unfolding around us may be— we learn to grasp it as serving the great development of humanity, precisely because we must feel ourselves engaged in it with every moment of our lives. And so, through a truthful contemplation of the individual life, human beings themselves are reconciled with the most fateful events unfolding around them.
[ 62 ] Lassen Sie mich das gerade, was ich gesagt habe, in ein paar Worte zusammenfassen, in denen ich, was ich entwickelt habe als einzelne Ergebnisse der Geistesforschung, ich möchte sagen empfindungsgemäß zum Ausdruck bringen. Zum Ausdruck bringen möchte ich mit ein paar Worten dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft heraus die menschliche Seele in ihrem intimsten Leben ergreifen muss, sodass durch dieses Ergreifen eine das Leben verstehende Grundempfindung und ein das Leben durchdringendes Grundwollen hervorgehen könne. Was ich mir erlaubte zu sagen, sei zusammengefasst in die folgenden Worte, die die durch Geisteswissenschaft gestärkte Seele zu Grundwerten ihres eigenen Wesens machen kann:
[ 62 ] Let me summarize what I have just said in a few words, in which I would like to express—in a way that resonates with my innermost feelings—what I have developed as individual findings of spiritual science. I would like to express in a few words what spiritual science must impart to the human soul in its most intimate life, so that through this imparting a fundamental feeling that understands life and a fundamental will that permeates life may emerge. What I have taken the liberty of saying can be summarized in the following words, which the soul, strengthened by spiritual science, can make the fundamental values of its own being:
Wo Sinneswissen endet,
Da stehet erst die Pforte,
Die Lebenswirklichkeiten
Dem Seelensein öffnet;
Den Schlüssel schafft die Seele,
Wenn sie in sich erstarket
Im Kampf, den Weltenmächte
Auf ihrem eignen Grunde
Mit Menschenkräften führen;
Wenn sie durch sich vertreib
Den Schlaf, der Wissenskräfte
An ihren Sinnesgrenzen
Mit Geiste umhüllt.
Where sensory knowledge ends,
There stands the gate,
That opens the realities of life
To the soul’s existence;
The soul forges the key,
when it grows stronger within itself
in the struggle that the powers of the world
wage on their own ground
with human forces;
when it drives away through itself
the sleep that shrouds the powers of knowledge
at the limits of the senses
with the spirit.
