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The Human Soul, Fate and Death
GA 70a

8 May 1915, Vienna

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The Human Soul, Fate and Death, tr. SOL
  1. Menschenseele, Schicksal und Tod

14. Das Schicksal des Menschen im Lichte der Erkenntnis geistiger Welten

14. The Fate of Humanity in Light of the Knowledge of Spiritual Worlds

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Als eine Fortsetzung der geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, die vorgestern hier angestellt worden sind, möchte ich heute in gewissem Sinne eine Fortsetzung des Angeregten geben, eine Fortsetzung, welche anwenden soll die gewonnenen Gesichtspunkte auf die bedeutungsvolle Frage des menschlichen Schicksals.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! As a continuation of the humanities-based reflections presented here the day before yesterday, I would like today, in a certain sense, to build upon what was discussed—a continuation that aims to apply the perspectives gained to the significant question of human destiny.

[ 2 ] Es ist im vorgestrigen Vortrag, verehrte Anwesende, darauf aufmerksam gemacht worden, dass Geisteswissenschaft ganz und gar beruht auf einer inneren Arbeit der menschlichen Seele, und nur in aller Kürze möchte ich zuerst einleitungsweise ein paar Gedanken des vorgestrigen Vortrages wiederum vorbringen. Es handelt sich beim Forschen in der Geisteswissenschaft niemals darum, so, wie in den anderen Wissenschaften, die sich auf das äußere Leben und auf die äußere Tatsachenwelt erstrecken, es handelt sich niemals darum, äußerlich für die Sinne wahrnehmbare Verrichtungen zu pflegen, niemals darum, Äußeres überhaupt irgendwie auszuführen, sondern der Weg in die geistige Welt hinein ist ein intimer Weg der menschlichen Seele. Und das eine Glied dieses Weges der menschlichen Seele, durch den sich diese Seele geeignet macht, in die geistige Welt einzutreten, es ist ja schon vorgestern darauf hingedeutet worden, es ist eine besondere Art der Behandlung desjenigen, was wir das menschliche Vorstellen, das menschliche Denken nennen.

[ 2 ] In the lecture given the day before yesterday, ladies and gentlemen, it was pointed out that spiritual science is based entirely on the inner work of the human soul, and I would like to begin by briefly revisiting a few thoughts from that lecture. Research in spiritual science is never—as is the case in other sciences that extend to external life and the external world of facts—about engaging in activities that are externally perceptible to the senses, nor is it ever about carrying out external activities of any kind; rather, the path into the spiritual world is an intimate path of the human soul. And one link in this path of the human soul—through which the soul prepares itself to enter the spiritual world—as was already indicated the day before yesterday—is a special way of dealing with what we call human imagination and human thought.

[ 3 ] Ich habe gesagt: Indem der Geistesforscher hineinschauen lässt gleichsam in sein inneres Geisteslaboratorium, muss er aufmerksam machen darauf, dass das Vorstellen, das Denken der menschlichen Seele in einer ganz anderen Weise behandelt werden müsse, als sie behandelt werden im alltäglichen Leben oder in der äußeren Wissenschaft. In der äußeren Wissenschaft betrachten wir den Gedanken, die Idee, die Vorstellung, die wir uns verschafft haben auf Grundlage der Sinnesbeobachtung oder auf Grundlage des Experimentes oder sonst irgendwie, wir betrachten die Vorstellung als dasjenige, was wir uns errungen haben, als dasjenige, was uns die äußere Welt abbildet. Und indem sie abbildet, diese Vorstellung, seien es Vorgänge der Außenwelt, seien es Gesetze, Naturgesetze oder dergleichen in der Außenwelt, sind wir, wenn wir gewissermaßen angekommen sind beim Gedanken, wenn wir dabei angekommen sind, uns eine Vorstellung zu machen von dem, was außen vorgeht, oder wie die äußeren Vorgänge gesetzmäßig zusammenhängen, dann sind wir befriedigt.

[ 3 ] I said: By allowing the researcher of the spirit to provide a glimpse, as it were, into his inner spiritual laboratory, he must draw attention to the fact that the imagination and thinking of the human soul must be treated in a completely different way than they are in everyday life or in external science. In external science, we regard the thought, the idea, the concept that we have formed—whether based on sensory observation, experimentation, or any other means—as something we have attained, as a representation of the external world. And because this concept reflects—whether it be processes in the external world, laws, laws of nature, or the like in the external world—we are satisfied once we have, so to speak, arrived at the thought, once we have reached the point of forming a concept of what is happening outside or how external processes are connected according to laws.

[ 4 ] Da erst fängt aber das geisteswissenschaftliche Forschen an, wo aufhört die Gedankenarbeit, das Gedankenleben der Alltäglichkeit oder der äußeren Wissenschaft. Nicht einen Gedanken zu bekommen, nicht einen Gedanken als Abbild der äußeren Welt nur zu haben, nicht darauf geht das geisteswissenschaftliche Forschen, sondern darauf geht das geisteswissenschaftliche Forschen, mit dem Gedanken, mit der Vorstellung im Inneren der Seele zu leben. Sodass es, wie ich schon erwähnt habe, im Grunde genommen bei dieser inneren Übung, bei diesem inneren Erarbeiten der geistigen Welt, sodass es dabei gar nicht darauf ankommt, ob wir in dem Gedanken, in der Vorstellung, durch die wir die Seele üben, durch die wir die Seele gleichsam in einer höheren Selbsterziehung vorwärtsbringen, ob wir in den Gedanken, in der Vorstellung etwas Äußerliches abbilden, ob im gewöhnlichen Sinne der äußeren Wissenschaft oder des äußeren Lebens diese Gedanken Bilder von irgendetwas in der Außenwelt sind; sie können Sinnbilder sein, wie ich erwähnte. Darauf kommt es an, dass wir einen Gedanken in die Seele hineinversenken, dass wir ganz eins werden mit diesem Gedanken, dass wir alle Aufmerksamkeit ablenken von dem, was uns sonst in der Welt beschäftigt, und gewissermaßen den einzigen Gedanken nur fixieren, alle Seelenkräfte, die in uns sind, auf diesen einen Gedanken hin konzentrieren.

[ 4 ] Spiritual scientific research begins only where the work of thought—the thought life of everyday existence or of external science—ends. Spiritual scientific research is not about having not a single thought, or having thoughts merely as reflections of the external world; rather, it is about living with thought and imagination within the soul. So that, as I have already mentioned, in this inner exercise, in this inner working out of the spiritual world, it does not matter at all whether, in the thoughts and images through which we train the soul, through which we advance the soul, as it were, in a higher form of self-education—whether we represent something external in these thoughts and images, or whether, in the ordinary sense of external science or external life, these thoughts and images are representations of anything in the external world; they may be symbolic images, as I mentioned. What matters is that we immerse a thought within the soul, that we become completely one with this thought, that we divert all our attention from what otherwise occupies us in the world, and, so to speak, fix our attention solely on this one thought, concentrating all the soul forces within us upon it.

[ 5 ] Und nun müssen wir gleich einsehen, indem wir dieses tun, dass wir damit eine ganz andere Verrichtung vollziehen, als die Verrichtungen der gewöhnlichen Wissenschaft sind. Bei den Verrichtungen der gewöhnlichen, äußeren Wissenschaft können wir aufhören, wenn wir den Gedanken haben, wir können uns zufriedengeben, wenn wir den Gedanken haben. Und wir sind überzeugt bei der gewöhnlichen Wissenschaft, wenn der Gedanke uns logisch befriedigt, wenn der Gedanke unserem Wahrheitsgefühl entspricht; dann können wir mit unserer Forschungsarbeit vorläufig aufhören. Das ist nicht der Fall bei der Art, wie man geisteswissenschaftlich forscht. Da handelt es sich niemals darum, dass man, wenn man den Gedanken hat, den man ja durch Willkür, durch innere Willensinitiative in den Mittelpunkt des Bewusstseins stellt, dass man dann aufhört; man hat im Grunde genommen gar nichts, wenn man den Gedanken in den Mittelpunkt seines Bewusstseins gestellt hat und auf ihn die Aufmerksamkeit aller in der Seele konzentrierten Kräfte hingelenkt hat. So wenig man irgendetwas hat, wenn man den Samen einer Pflanze in die Erde versenkt hat, so wenig hat man etwas, wenn man den Gedanken also fixiert in der Seele. Man muss warten, bis zusammenwirken die Kräfte aus der Luft, die Kräfte aus dem Erdboden, die Kräfte aus der Sonne und so weiter, um den Pflanzenkeim zur Pflanze zu entwickeln — man muss abwarten, man muss zusehen, was nicht wir machen, was von dem Kosmos, was von der äußeren Welt gemacht wird.

[ 5 ] And now, in doing this, we must immediately realize that we are thereby performing an act entirely different from the acts of ordinary science. In the activities of ordinary, external science, we can stop once we have the thought; we can be satisfied once we have the thought. And in ordinary science, we are convinced that if the thought satisfies us logically, if the thought corresponds to our sense of truth, then we can provisionally stop our research work. This is not the case with the way research is conducted in the spiritual sciences. It is never a matter of stopping simply because one has a thought—a thought that one has placed at the center of one’s consciousness through a deliberate act of will, through an inner initiative of the will—; in essence, one has nothing at all once one has placed the thought at the center of one’s consciousness and directed the attention of all the forces concentrated in the soul toward it. Just as one has nothing once one has planted a plant seed in the earth, so too does one have nothing once one has fixed a thought in the soul. One must wait until the forces from the air, the forces from the soil, the forces from the sun, and so on, work together to develop the plant seed into a plant—one must wait and see what is not done by us, but is done by the cosmos, by the external world.

[ 6 ] Genau ebenso müssen wir als Geistesforscher einen Gedanken behandeln. Wir müssen ihn gleichsam hineinversenken in den Boden des gesamten Seelenlebens und nun abwarten, was er darin wird. Wir können uns nicht anders helfen, als indem wir denselben Vorgang des Ins-Auge-Fassens-eines-Gedankens jeden Tag wiederholen. Es braucht nicht lange Zeit, Minuten genügen für jeden Tag, aber jeden Tag muss das wiederholt werden; und lange, lange Zeit dauert das. Und alles dasjenige, was wir tun können, ist nur abwarten, was aus diesem Gedanken, indem wir alle Kräfte der Seele darauf verwenden und nichts anderes anschauen, nichts anderes empfinden, nichts anderes verspüren als diesen Gedanken, was aus diesem Gedanken wird. Auf das Zuschauen von etwas in uns selber Erwachsendem, darauf kommt es beim Forschen in der Geisteswissenschaft an. Während es beim anderen Forschen darauf ankommt, dass man eine gewisse Verrichtung vollzieht und durch Gedanken den gesetzmäßigen Zusammenhang erforscht, also während es sich darum handelt, irgendetwas zu verrichten, was, ich möchte sagen Anfang und Ende durch unsere Willkür hat, müssen wir bei der Geistesforschung zusehen, was aus dem wachsenden, sprossenden, sprießenden Gedanken in uns wird.

[ 6 ] As researchers of the spirit, we must treat a thought in exactly the same way. We must, as it were, sink it into the depths of our entire soul life and then wait to see what becomes of it there. We have no other choice but to repeat this same process of looking a thought in the eye every day. It doesn’t take long—a few minutes each day are enough—but it must be repeated every day; and this takes a long, long time. And all we can do is wait and see what becomes of this thought, by directing all the powers of the soul toward it and looking at nothing else, feeling nothing else, sensing nothing else but this thought—what becomes of this thought. Observing something that is growing within ourselves—that is what matters in spiritual scientific research. Whereas in other forms of research it is a matter of performing a certain task and investigating the lawful connections through thought—that is, whereas it is a matter of performing something that, I might say, has a beginning and an end determined by our own will—in spiritual research we must observe what becomes of the growing, sprouting, and budding thought within us.

[ 7 ] Und dann kommt die Zeit — bei dem einen früher, bei dem andern später, je nachdem er eben von seinem Schicksal dazu veranlagt ist —, dann kommt die Zeit, wo wirklich sonst in der Seele verborgene Kräfte tätig und immer tätiger werden, und durch die Anwendung jener inneren Energie, die wir sonst nicht aufbringen im Alltagsleben und in der gewöhnlichen Wissenschaft, wir wirklich das zustande bringen, wovon man sagen kann, es wird unser Seelisch-Geistiges wirklich herausgerissen aus dem Physisch-Leiblichen, es verlässt das PhysischLeibliche. Indem man diesen ganzen Vorgang, der ja, ich möchte sagen das Elementarste darstellt — alles Weitere, was in weiterem Verfolg gemacht werden muss, kann nachgelesen werden in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» —, indem man diesen Gedanken ausspricht und aufmerksam macht auf dasjenige, was geisteswissenschaftliche Methode ist, berührt man ja sogleich etwas in dieser geisteswissenschaftlichen Methode, was ganz und gar den Denkgewohnheiten der gegenwärtigen Zeit widerspricht. Diese Denkgewohnheiten der gegenwärtigen Zeit können sich nicht vorstellen, dass das wirklich möglich ist, dass der Mensch in seiner Seele solch innere Kraft findet, dass sein Geistig-Seelisches so vom Physisch-Leiblichen herausgerissen wird, wie durch die Prozeduren, die der Chemiker macht, der Wasserstoff aus dem Wasser herausgerissen wird. Aber alles hängt davon ab, dass der Mensch, indem er immer weiter und weiter ausführt dasjenige, was eben in seiner elementarsten Grundlage beschrieben worden ist, wirklich zu dem kommt, dass er wahrnimmt einen anderen Menschen, der in ihm lebt, einen anderen Menschen, der all unserem Dasein zugrunde liegt und der sich nicht zu bedienen braucht der äußeren Sinne, um eine Welt um sich zu haben, der sich nicht zu bedienen braucht des Verstandes, der an das Gehirn oder das Nervensystem gebunden ist, um eine äußere Welt um sich zu haben.

[ 7 ] And then the time comes—earlier for some, later for others, depending on how their destiny predisposes them—the time comes when powers that are otherwise hidden in the soul become active and increasingly so, and through the application of that inner energy, which we otherwise do not muster in everyday life and in ordinary science, we truly achieve what can be described as our soul-spirit being truly torn away from the physical-bodily, leaving the physical-bodily behind. By describing this entire process—which, I might say, represents the most elementary aspect—all that follows, which must be pursued further, can be read in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* —by articulating this idea and drawing attention to what the spiritual-scientific method entails, one immediately touches upon something in this method that is entirely at odds with the habits of thought of the present age. These habits of thought of the present age cannot conceive that it is truly possible for a human being to find such inner strength in their soul that their spiritual-soul aspect is torn away from the physical-bodily aspect in the same way that hydrogen is extracted from water through the procedures performed by a chemist. But everything depends on the human being, by carrying out further and further what has just been described in its most elementary form, truly comes to perceive another human being living within him—another human being who underlies our entire existence and who does not need to make use of the external senses to have a world around him, who does not need to make use of the intellect—which is bound to the brain or the nervous system—to have an external world around him.

[ 8 ] Diejenige Weltanschauung, sehr verehrte Anwesende, welche den heutigen Denkgewohnheiten entspricht und die oftmals gerade das betont, dass sie auf dem festen Boden der so bewunderungswürdigen Naturwissenschaft steht, diese Weltanschauung spricht oftmals von Grenzen der menschlichen Erkenntnis, sie spricht davon etwa so, dass sie sagt: Ja, eine geistige Welt mag es geben, eine übersinnliche Welt, die zugrunde liegt den sinnlichen Tatsachen und alledem, was man durch den Verstand erkennen kann, den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, aber der Mensch ist eben nicht so eingerichtet, dass er in diese Welt eindringen könne. Und wir wissen ja, dass es Philosophien immer wieder und wiederum gegeben hat im Verlaufe der Menschheitsentwicklung, Philosophien, die sich bemüht haben, die Grenzen der menschlichen Erkenntnis festzustellen.

[ 8 ] The worldview, ladies and gentlemen, that corresponds to today’s ways of thinking—and which often emphasizes precisely that it stands on the firm ground of the most admirable natural science—this worldview frequently speaks of the limits of human knowledge; it speaks of them, for example, by saying: Yes, there may be a spiritual world, a supersensible world that underlies sensory facts and everything that can be known through the intellect—the intellect that is bound to the brain—but human beings are simply not equipped to penetrate this world. And we know, of course, that there have been philosophies time and again throughout the course of human development—philosophies that have sought to determine the limits of human knowledge.

[ 9 ] Im Grunde genommen sind diese Grenzen der Erkenntnis nur die Grenzen derjenigen Erkenntnisse, die an das Physisch-Leibliche gebunden sind. Und warum das so ist, das zeigt sich auch dem Geistesforscher, wenn er die geschilderten mit einigen Strichen charakterisierten Methoden wirklich auf sein Seelenleben anwendet. Denn eine sehr eigentümliche Erscheinung tritt auf, wenn man also sich bemüht durch immer energischeres und energischeres Konzentrieren der Seelenkraft in dem angegebenen Sinn, gewissermaßen ganz eins zu werden mit dem, was man in den Mittelpunkt seines Vorstellens, seines Denkens, seines ganzen Bewusstseins gerückt hat, eines tritt auf: Man merkt nach einiger Zeit, wie wirklich etwas innerlich wächst, etwas innerlich sich zusammenzieht, was unser von dem Leibe abhängiges Geistig-Seelisches ist. Aber nach einiger Zeit merkt man, dass man geradezu in das entgegengesetzte Extrem hineinsteuert. Nicht nur, dass einem auf dem Wege, den man also mit seinem Seelenleben sucht, stets alle möglichen anderen Gedanken in das aufmerksame Bewusstsein hereinkommen und einen beirren — das ist etwas, was verhältnismäßig bald überwunden werden kann —, dasjenige aber, was dem Geistesforscher begegnet, wenn er also seine Seele zu entwickeln versucht, das ist, dass, indem er zuerst erlebt ein Zunehmen der Kräfte, die sonst dem Denken zugrunde liegen — [eintritt in einem bestimmten Punkte das], was man nennen könnte «eine Verdunkelung, eine Herablähmung» dieser inneren Seelenkraft —, und dasjenige, was da die Seele erlebt, das ist im Grunde genommen ein recht Erschütterndes. Denn man erlebt nämlich nichts Geringeres, als dass man fühlt etwas über die Seele herankommen wie eine Ohnmacht, eine Ohnmacht, die sich sagt: Ach, diese Seelenkräfte sind doch nicht ausreichend, um in den ganzen Umfang der geistigen Welt einzudringen! Wie ein furchtbar lähmender Schlaf kommt es geradezu über das Bewusstsein. Und das ist es, sehr verehrte Anwesende, was zwar diejenigen Philosophen nicht an sich herankommen lassen, die von den Grenzen des Erkennens sprechen, was aber die Seele, ich möchte sagen unbewusst fühlt, wenn sie philosophiert.

[ 9 ] Essentially, these limits of knowledge are merely the limits of those insights that are bound to the physical-material realm. And the reason for this becomes clear even to the spiritual researcher when he truly applies the methods described—and characterized in a few strokes—to his own inner life. For a very peculiar phenomenon occurs when one endeavors, through ever more vigorous concentration of the soul’s power in the sense described, to become, as it were, completely one with that which one has placed at the center of one’s imagination, one’s thinking, and one’s entire consciousness: one thing becomes apparent: After some time, one notices how something truly grows within, how something within contracts—namely, our spiritual-soul aspect, which is dependent on the body. But after some time, one realizes that one is heading straight toward the opposite extreme. Not only do all sorts of other thoughts constantly enter one’s attentive consciousness along the path one is pursuing with one’s soul life, distracting one — which is something that can be overcome relatively quickly — but what the spiritual researcher encounters when he attempts to develop his soul is this: as he first experiences an increase in the powers that otherwise underlie thinking — [at a certain point, there occurs] what one might call “a darkening, a numbing” of this inner soul force—and what the soul experiences there is, in essence, quite shattering. For what one experiences is nothing less than the sensation of something approaching the soul like a loss of strength—a loss of strength that says to itself: “Ah, these powers of the soul are not sufficient, after all, to penetrate the full extent of the spiritual world!” It descends upon consciousness like a terribly paralyzing sleep. And that, dear audience, is what those philosophers who speak of the limits of knowledge do not allow themselves to confront, but what the soul—I would say—unconsciously feels when it philosophizes.

[ 10 ] Denn nicht allein dasjenige lebt in den Untergründen der Seele, wessen sich die Seele im gewöhnlichen Leben bewusst ist, sondern da unten in den Untergründen der Seele, in den verborgenen Tiefen der Seele, da lebt so manches, was nicht im alltäglichen Bewusstsein ist. Und dass wir nichts davon wissen, das macht nicht aus, dass es nicht wirksam ist, was da unten im Bewusstsein ist. Da unten im Bewusstsein ist nun etwas, was der Geistesforscher in dem Augenblick erlebt, wo er dieses Ohnmachtsgefühl hat, von dem ich eben gesprochen habe. Der Geistesforscher merkt: Eine unbewusste Furcht ist in der Seele da unten, eine Furcht vor dem Verluste des Erkennens, des Auffassens der Welt. Und man kommt über diese Furcht, sobald sie einem bewusst wird, auf keine andere Weise hinweg, als indem man die schon geschilderten Anstrengungen des Konzentrierens des Seelenlebens immer mehr und mehr verstärkt. Dann tritt, ich möchte sagen in den leeren Bewusstseinsraum, in dem schon abgelähmt war die Kraft, die sonst dem Denken und Empfinden zugrunde liegt, tritt das hinein, was durch die erhöhte Stärke und innere Energie des Seelenlebens hineintreten kann.

[ 10 ] For it is not only that of which the soul is conscious in ordinary life that dwells in the depths of the soul; rather, down there in the depths of the soul, in its hidden recesses, there dwells much that is not part of everyday consciousness. And the fact that we know nothing of it does not mean that what lies there in the depths of consciousness is not active. There, in the depths of consciousness, is something that the spiritual researcher experiences at the very moment when he has that feeling of powerlessness I just spoke of. The spiritual researcher realizes: There is an unconscious fear down there in the soul—a fear of losing the ability to know and perceive the world. And once this fear becomes conscious, the only way to overcome it is by intensifying, more and more, the efforts to concentrate the life of the soul that I have already described. Then—I would say into the empty space of consciousness, where the power that normally underlies thinking and feeling had already been numbed—there enters what can enter through the heightened strength and inner energy of the soul life.

[ 11 ] Eine verborgene, eine nicht zum Bewusstsein gekommene Furcht war es selbst, als Kant von den Grenzen der menschlichen Erkenntnis sprach. Er fühlte: Diejenige Erkenntnis, bei der uns das Leibliche hilft, die kann über das Gebiet des Sinnenlebens und die Gesetze des Sinnenlebens nicht hinauskommen. Zur geisteswissenschaftlichen Methode wollte er sich nicht bequemen. Er nannte das, obwohl er ahnte, dass es so etwas wie eine Entwicklung der Seele zur Unabhängigkeit vom Physisch-Leiblichen gäbe, er nannte das: «ein Abenteuer der Vernunft». Und Goethe hat darauf die große, man darf sagen die gewaltige Antwort gegeben, dass man wagen müsse, dieses Abenteuer der Vernunft zu bestehen.

[ 11 ] It was, in fact, a hidden fear—one that had not yet come to consciousness—when Kant spoke of the limits of human knowledge. He sensed that the kind of knowledge in which the physical aids us cannot go beyond the realm of sensory life and the laws of sensory life. He was unwilling to accommodate the method of the humanities. Although he sensed that there was such a thing as the soul’s development toward independence from the physical body, he called this “an adventure of reason.” And Goethe gave the great—one might even say the powerful—response that one must dare to undertake this adventure of reason.

[ 12 ] Ohnmacht, das ist dasjenige, was man auf dem Grunde der Seele wirklich hat, was immer auf dem Grunde der Seele ist. Und man möchte sagen, verehrte Anwesende, das ist voll begründet, dass diese Ohnmacht auf dem Grunde der Seele des Menschen ist. Denn wenn diese Ohnmacht nicht da wäre, so wäre der Drang des Menschen unbesieglich, die seelisch-geistigen Kräfte immerdar zu verwenden für dasjenige, was über die Sinnenwelt hinausführt. Dass wir die Sinnenwelt aber empfinden, wahrnehmen, erkennen, das beruht darauf, dass wir, ich möchte sagen uns zusammengewöhnen mit unserem physischen Leibe, mit dem Physisch-Leiblichen und dass wir es wie eine Notwendigkeit betrachten, im Verhältnis zur Welt in diesem Physisch-Leiblichen zu leben. Sodass, wie man ein chemisches Experiment so ausführt, dass es zum Abnormen der äußeren Natur führt und gerade dadurch die Natur enträtselt, so muss man schon etwas Abnormes, etwas für das alltägliche Leben Abnormes in der Seele entwickeln, um, ich möchte sagen durch innere Chemie wirklich hineinzuschauen in die geistige Welt.

[ 12 ] Powerlessness—that is what one truly has at the very depths of one’s soul, what always lies at the very depths of one’s soul. And one might say, esteemed audience, that it is entirely justified that this powerlessness lies at the very depths of the human soul. For if this powerlessness were not there, the human urge to constantly use one’s soul-spiritual powers for that which leads beyond the sensory world would be invincible. But the fact that we feel, perceive, and recognize the sensory world is based on the fact that we—I would say—become accustomed to our physical body, to the physical-bodily realm, and that we regard it as a necessity to live in this physical-bodily realm in relation to the world. Just as one conducts a chemical experiment in such a way that it leads to abnormalities in the external natural world and thereby unravels nature, so too must one develop something abnormal—something abnormal for everyday life—in the soul in order to, I would say, truly look into the spiritual world through inner chemistry.

[ 13 ] Und man bekommt, indem man sich also in die geistige Welt hineinlebt, allerdings von diesem neu erworbenen Erkennen eine andere Vorstellung, als man sie vorher von allem Erkennen gehabt hat. Ja, Erkennen ist etwas, womit so viele Leute den Begriff verbinden, dass man eigentlich am besten dann erkennt, wenn man nur mit dem Verstande und den äußeren Sinnen, die uns im Grunde genommen doch nüchtern und kalt lassen, die nur einen Teil unseres Seelenlebens beschäftigen, wenn man sich auf diese beschränkt. In dem Augenblick, wo der Geistesforscher in der geschilderten Weise wirklich eintritt in die geistige Welt, in dem Augenblick, wo er losgerissen hat sein Geistig-Seelisches von dem PhysischLeiblichen, ist er ebenso, wie er innerhalb des Leibes umgeben ist von einer Sinnenwelt, ist er dann umgeben von einer geistigen Welt. In demselben Augenblick, in dem der Geistesforscher in diese Welt des Geistigen wirklich eintritt, in demselben Augenblick fühlt er sich in diesem Geistigen allerdings wie erwacht. Aber zu gleicher Zeit fühlt er, dass er jetzt nicht mehr mit einem Teil seines Seelenlebens, wie in der äußeren Erkenntnis, mit der Welt sein kann, sondern dass er mit seinem ganzen Sein in das sich versenken muss, was da vor ihm als geistige Welt auftritt.

[ 13 ] And by immersing oneself in the spiritual world, one does indeed gain a different conception of this newly acquired knowledge than one previously had of all knowledge. Yes, “knowledge” is a term so many people associate with the idea that one actually “knows” best when one relies solely on the intellect and the external senses—which, after all, leave us feeling sober and cold, and which engage only a part of our soul life—when one limits oneself to these. At the very moment when the spiritual researcher truly enters the spiritual world in the manner described—at the very moment when he has detached his spiritual-soul aspect from the physical-bodily aspect—he is surrounded by a spiritual world just as he is surrounded by a sensory world within the body. At the very moment the spiritual researcher truly enters this world of the spiritual, at that very moment he feels, as it were, as if he has awakened within this spiritual realm. But at the same time, he feels that he can no longer relate to the world with just a part of his soul life, as in external cognition, but that he must immerse his entire being into what appears before him as the spiritual world.

[ 14 ] Ebenso abstrakt, ebenso, ich möchte sagen nüchtern und trocken [wie] die Welt ist, die als die gewöhnliche Erkenntniswelt nur einen Teil unserer Seele belebt und beschäftigt, ebenso intensiv wirksam in unserer Seele ist der Zusammenhang mit der geistigen Welt. Man kann sagen: Wehe tun, Schmerzen bereiten, kann uns im gewöhnlichen Sinne des Wortes eine Verstandeserkenntnis der äußeren Welt nicht. In dem Augenblick, wo wir in der geschilderten Weise in die geistige Welt eintreten, müssen wir mit unserer ganzen Seele in die Wesen untertauchen, die der Welt angehören, in die wir eintauchen. Alles dasjenige, was wir da erkennen, übt zugleich den tiefsten, intensivsten Eindruck entweder auf unser Lust- oder unser Schmerzgefühl, auf unser Erhabenheitsgefühl oder auf unser Gefühl der Gedrücktheit. Unser ganzes Gemüt taucht unter. Mit unserem ganzen Menschen müssen wir mit der Welt, in die wir uns hineinleben, leidvoll oder freudvoll leben. Und wiederum ist es die Furcht, aber eine geheim gefühlte Furcht, die einem nicht zum Bewusstsein kommt, welche das gewöhnliche Bewusstsein abhält, in diese Welt unterzutauchen. Wahrhaftig, man wird nicht ärmer an Welteninhalt, wenn man sich dieser geistigen Welt nähert. Im Gegenteil, verehrte Anwesende, man wird reicher an Welteninhalt, denn man merkt, worauf eigentlich diese Furcht vor einer unterbewussten Ohnmacht beruht. Sie beruht darauf, dass die Welt viel reicher, unendlich viel reicher ist in ihrer Herrlichkeit, in ihrer Größe, in ihrer inneren Gesetzmäßigkeit, als dasjenige ist, was wir nur zu denken vermögen, wenn wir uns der Kräfte bedienen, die an unseren Leib gebunden sind.

[ 14 ] Just as abstract, just as—I would say—sober and dry [as] the world is—which, as the ordinary world of knowledge, animates and engages only a part of our soul—so too is our connection to the spiritual world intensely effective within our soul. One might say: An intellectual understanding of the external world, in the ordinary sense of the word, cannot cause us pain or suffering. The moment we enter the spiritual world in the manner described, we must immerse ourselves with our whole soul in the beings that belong to the world into which we are entering. Everything we perceive there simultaneously exerts the deepest, most intense impression either on our sense of pleasure or pain, on our sense of sublimity, or on our sense of despondency. Our entire being is immersed. With our whole being, we must live—whether in sorrow or joy—with the world into which we are immersing ourselves. And yet again, it is fear—but a fear felt secretly, one that does not rise to consciousness—that prevents ordinary consciousness from immersing itself in this world. Truly, one does not become poorer in terms of the world’s content when one approaches this spiritual world. On the contrary, esteemed audience, one becomes richer in terms of the world’s content, for one realizes what this fear of a subconscious powerlessness is actually based on. It is based on the fact that the world is far richer—infinitely richer—in its splendor, in its grandeur, and in its inner order than what we are capable of conceiving when we rely solely on the powers bound to our physical bodies.

[ 15 ] Und der Reichtum der Welt ist dasjenige, was in einer überwältigenden Weise, wie in einer betäubenden Weise, sogleich vor der Seele auftritt, wenn sie sich durch innere Kraft der geistigen Welt gegenüberstellt. Aber die Seele, die an das Physisch-Leibliche mit ihrem Bewusstsein gebunden ist, die fühlt, trotzdem sie nichts weiß davon, sie fühlt sich ohnmächtig, und sie will diese Ohnmacht aus Furcht vermeiden, die Ohnmacht, die der geistigen Welt gegenüber besteht. Daher sehen wir, wie auf der einen Seite die Menschen zurückschrecken und sich etwas vormachen von Grenzen der Erkenntnis, sodass sie sagen, die Erkenntnis könne überhaupt nicht hineindringen in die geistige Welt, oder wie sie auf der anderen Seite, wenn sie tiefe Sehnsucht haben nach der geistigen Welt, diese befriedigen auf eine ganz andere Weise als auf die geschilderte Art. Die geschilderte Art ist die der echten, wahren Geistesforschung. Die geschilderte Art setzt aber voraus, dass man Ernst macht mit dem Freiwerden von dem Physisch-Leiblichen. Das ist nur zu erreichen durch eine gesteigerte innere Seelentätigkeit, das ist nur zu erreichen durch die Anwendung einer Energie, die uns niemals als innere Energie notwendig ist im alltäglichen Leben oder in der alltäglichen Wissenschaft.

[ 15 ] And the wealth of the world is that which appears before the soul in an overwhelming, almost numbing way the moment it confronts the spiritual world through its inner strength. But the soul, whose consciousness is bound to the physical-bodily realm, feels—even though it knows nothing of it—that it is powerless, and out of fear it seeks to avoid this powerlessness, the powerlessness it experiences in the face of the spiritual world. Thus we see how, on the one hand, people recoil and delude themselves about the limits of knowledge, so that they say knowledge cannot penetrate the spiritual world at all; or how, on the other hand, when they have a deep longing for the spiritual world, they satisfy this longing in a completely different way than that described. The method described is that of genuine, true spiritual research. However, the method described presupposes that one takes seriously the process of freeing oneself from the physical-bodily realm. This can only be achieved through heightened inner soul activity; it can only be achieved through the application of an energy that is never necessary to us as inner energy in everyday life or in everyday science.

[ 16 ] Aber die Menschen möchten gerade dasjenige, woran sie gewöhnt sind, im alltäglichen Leben dann zur Anwendung bringen, wenn sie sich den höheren Welten nähern. Das menschliche Bewusstsein fühlt ja eben die geschilderte Ohnmacht, und, ich möchte sagen in einer Weise, die ganz begreiflich ist, fühlt dieses Bewusstsein diese geschilderte Ohnmacht gerade dann, wenn es sich der intensiveren, der reicheren, der erhabeneren Welt des Geistes gegenüberstellen will. Daher möchte am liebsten der Mensch, statt dass er dasjenige, was in seinem Leibe wohnt, in erhöhtem Maße anstrengt, um die geistige Welt zu erkennen, möchte er es ausschalten. Das Gefühl der verborgenen Ohnmacht, das lässt ihn zu der Empfindung kommen, er müsse gerade, weil er ohnmächtig ist gegenüber dem geistigen Leben, ausschalten dasjenige, womit er im gewöhnlichen Leben erkennt; statt es zu entwickeln, will er es ausschalten. Dann geht er nicht heran, um die geistige Welt zu erkennen, sein Inneres zu entwickeln, sondern dann geht er heran und sucht entweder durch irgendwelche äußeren Veranstaltungen oder dadurch, dass er sich, wie man so sagt, eines Mediums bedient, bei dem gerade das Geistige, statt entwickelt zu werden, eingeschläfert ist, versucht er, durch den Automatismus des Leibeslebens des Mediums, ohne sein inneres Zutun, sich Kenntnisse von der geistigen Welt zu verschaffen. Es ist nur das fürchtende Zurückschrecken vor dem Durchleben der Ohnmacht. Denn dieses Ohnmachtsgefühl muss durchlebt werden; indem es überwunden wird allein, bewusst erlebt wird, dringt der Mensch in der Erkenntnis vorwärts. Aber in dem geheimen Fühlen dieses Ohnmachtgefühles ist es, dass der Mensch gerade ausschalten will dasjenige, was ihn zur geistigen Erkenntnis führt. Daher suchen so viele auf dem medialen, auf dem spiritistischen Wege dasjenige, was aus der geistigen Welt zu ihnen sprechen soll. Man kann leicht einsehen, dass dieses Suchen auf dem spiritistischen, auf dem medialen Wege gerade das extreme, das äußerste Ausbilden des Ohnmachtgefühles gegenüber der geistigen Welt ist.

[ 16 ] But people want to apply precisely what they are accustomed to in their everyday lives when they approach the higher worlds. Human consciousness does indeed feel the helplessness described above, and—I would say, in a way that is entirely understandable—this consciousness feels this helplessness precisely when it seeks to confront the more intense, richer, and more sublime world of the spirit. Therefore, rather than exerting what dwells within his body to a greater degree in order to perceive the spiritual world, a person would prefer to shut it out. This sense of hidden powerlessness leads him to feel that, precisely because he is powerless in the face of spiritual life, he must shut down the very faculty with which he perceives in ordinary life; instead of developing it, he wants to shut it down. Then he does not set out to perceive the spiritual world to develop his inner self; rather, he approaches it and seeks—either through some external events or by making use, as they say, of a medium in whom the spiritual aspect, instead of being developed, has been lulled to sleep—to gain knowledge of the spiritual world through the automatic processes of the medium’s physical life, without any inner contribution of his own. It is merely a fearful recoiling from having to live through the experience of powerlessness. For this feeling of powerlessness must be lived through; only by overcoming it and consciously experiencing it does a person advance in knowledge. But it is in the secret feeling of this powerlessness that a person seeks to eliminate precisely that which leads them to spiritual knowledge. That is why so many seek, through mediumship and spiritualism, that which is supposed to speak to them from the spiritual world. It is easy to see that this seeking through spiritualism and mediumship is precisely the extreme, the utmost manifestation of the feeling of powerlessness in the face of the spiritual world.

[ 17 ] Unsere Zeit aber, verehrte Anwesende, braucht Stärke, braucht Kraft, denn indem das äußere Leben durch die wunderbar sich entwickelnde Naturwissenschaft immer komplizierter und komplizierter wird, gerade auch in seinen sozialen Verästelungen wird der Mensch, indem er in die geistige Welt eindringen will, immer stärkere und stärkere Kräfte entwickeln müssen. Dasjenige, was an die Schwäche appelliert, an die Ausschaltung des GeistigSeelischen appelliert, das kann nimmermehr die Zukunft haben, das kann den Menschen einlullen und einschläfern gegenüber demjenigen, was gerade herausgeholt werden soll aus den verborgenen Untergründen der Seele.

[ 17 ] But our time, esteemed audience, needs strength, needs power; for as external life becomes increasingly complex—particularly in its social ramifications—due to the marvelous advancements in the natural sciences, human beings, in their quest to penetrate the spiritual world, will have to develop ever greater and greater powers. That which appeals to weakness, that which calls for the suppression of the spiritual and soul aspects, can never be the future; it can lull people into complacency and numb them to what is precisely meant to be brought forth from the hidden depths of the soul.

[ 18 ] Nun kann man sich eine Vorstellung machen, wie sehr dasjenige, was gesagt worden ist, abgelehnt wird als ein — nochmals sei es gesagt —, als ein geistiger Laboratoriumsprozess von den Denkgewohnheiten unserer Gegenwart, wie sehr es abgelehnt wird, man kann sich eine Vorstellung machen, wenn man sieht, dass gerade das entgegengesetzte Extrem von dem Geschilderten zum Ideal geworden ist für einen großen Teil der geschulten Gebildeten der Gegenwart. Denn wohin wird der Geistesforscher geführt, wenn er also durch die charakterisierte Methode in die geistige Welt hineinkommt? Er wird dazu geführt, sich zu sagen: In deiner Umgebung lebt nicht nur die sinnliche Welt, in deiner Umgebung lebt eine geistige Welt! Und er erkennt: Diese geistige Welt enthält die Ursachen, die Untergründe für das sinnliche Dasein. Aber das Ideal sehr vieler, welche so recht glauben, als geschulte Gebildete auf dem festen Boden der Naturwissenschaft zu stehen, mit der in Wirklichkeit, wie ich es vorgestern erwähnte, allerdings Geisteswissenschaft völlig im Einklang ist. Aber die meisten derjenigen Menschen, deren Art angedeutet worden ist, die glauben, das Ideal zu sehen darin, gerade das alles auszuschalten, was auf dem charakterisierten Wege gefunden wird, glauben das Ideal der Naturerkenntnis darin zu sehen, überall nur gleichsam mechanisch aufeinander wirkende Ursachen und Tatsachen zu sehen, auszuschalten alles Geistige aus den äußeren Naturvorgängen. Das ist das Ideal sehr vieler, die gerade die Denkgewohnheiten der Gegenwart haben.

[ 18 ] Now one can get an idea of just how strongly what has been said is rejected—let it be said once again—as a spiritual laboratory process by the habits of thought of our present age, just how strongly it is rejected, one can get an idea of this when one sees that the exact opposite extreme of what has been described has become the ideal for a large portion of today’s educated and cultured people. For where is the spiritual researcher led when he enters the spiritual world through the method described? He is led to say to himself: Not only does the sensory world exist in your surroundings—a spiritual world also exists in your surroundings! And he recognizes: This spiritual world contains the causes, the foundations of sensory existence. But this is the ideal of very many people who truly believe, as educated and cultured individuals, that they stand on the firm ground of natural science—which, as I mentioned the day before yesterday, is in fact entirely in harmony with spiritual science. But most of those people, whose character has been described—who believe they see the ideal in eliminating precisely everything found along the path characterized above—believe they see the ideal of knowledge of nature in perceiving everywhere only causes and facts that interact, as it were, mechanically, and in eliminating everything spiritual from external natural processes. This is the ideal of very many people who have precisely the thinking habits of the present day.

[ 19 ] Und es gilt im Grunde genommen als ein Rest alten Aberglaubens, wenn man irgendetwas im Naturdasein sieht oder hinter dem Naturdasein was Geistiges ist, [sondern man möchte] so viel wie möglich erklären das Naturdasein nur durch die Tatsachen, die nach dem Muster des sinnlich Beobachteten aufgebaut werden. So will man begreifen in der äußeren Physik, so begreifen in der Biologie, so begreifen in der Physiologie und so weiter selbst die Vorgänge der Seele. Ich habe das vorgestern angedeutet.

[ 19 ] And it is essentially regarded as a remnant of old superstition to see anything in the natural world—or to perceive something spiritual behind the natural world—[but rather, one seeks] to explain the natural world as much as possible solely through facts structured according to the pattern of what is observed by the senses. This is how one seeks to understand—in external physics, in biology, in physiology, and so on—even the processes of the soul. I alluded to this the day before yesterday.

[ 20 ] Das Ideal also eines Erkennens, das gerade alles dasjenige ausschaltet, worauf der Geistesforscher kommt, wenn er die geisteswissenschaftlichen Methoden anwendet, das ist das Ideal gerade der Geschultesten, vieler der geschultesten Gebildeten der Gegenwart. So möchte man sagen: Mechanische Naturordnung ist dasjenige, was man der Natur zugrunde legt. Und zum Seitenstück dazu, sehr verehrte Anwesende, wird nun die Betrachtung des Menschenlebens. Hat man sich gewöhnt, in der Natur nichts anderes als mechanische Ordnung zu sehen, hat man sich dann gewöhnt, abzulehnen gerade dasjenige, wozu der Geistesforscher kommen muss, dann ist dasjenige, was im Leben vorgeht, im Grunde genommen eine Summe von Zufällen. Und eine Summe von Zufällen ist ja im Grunde dasjenige, was die Menschen sehen in dem, was hereinbricht in ihr Leben zwischen Geburt und Tod, im physischen Leibeserleben.

[ 20 ] The ideal, then, of a form of knowledge that excludes precisely all that the researcher of the spiritual world discovers when applying spiritual-scientific methods—this is the very ideal of the most highly educated, of many of the most highly educated people of our time. One might say, then: a mechanical order of nature is what is assumed to underlie nature. And as a counterpart to this, ladies and gentlemen, comes the consideration of human life. Once one has become accustomed to seeing nothing but mechanical order in nature, and once one has become accustomed to rejecting precisely what the spiritual researcher must arrive at, then what takes place in life is, in essence, a sum of coincidences. And a series of coincidences is, after all, essentially what people see in what befalls them in life between birth and death, in their physical bodily experience.

[ 21 ] Denn wie stellt sich denn der Mensch zu dem, was in diesem Leben zwischen Geburt und Tod hereinbricht? Wenn ihn irgendetwas trifft, wovon der Mensch sich sagt, es ist für ihn ein Schicksalsschlag im Guten oder Schlechten, da stellt sich der Mensch so zu diesem Schicksalsschlag, dass er diesen Schicksalsschlag zunächst aufnimmt mit dem, was man Sympathie und Antipathie des Gemütes nennen kann. Ebenso, wie der Mensch nach Ursachen und Wirkungen in der Natur draußen sucht, ebenso lässt er im Grunde genommen stehen als bloße Reihe, als bloße Folge von Zufällen dasjenige, was in sein Schicksal hereinspielt.

[ 21 ] For how does a person relate to what befalls them in this life between birth and death? When something befalls a person—something they regard as a stroke of fate, whether good or bad—they respond to this stroke of fate by first processing it through what might be called the sympathy and antipathy of the mind. Just as a person searches for causes and effects in the natural world outside, so too does he essentially regard what comes into play in his own fate as a mere series, a mere sequence of coincidences.

[ 22 ] Indem man nun sagen kann, verehrte Anwesende, dass dasjenige, was der Geistesforscher an Geistig-Seelischem in sich erweckt, eigentlich im gewöhnlichen Leben beim Menschen schlummert, schläft, so muss man sagen: Auch im vollen Wachleben, wenn der Mensch im Handeln drinnensteht, wenn der Mensch handelt so, dass er sich seiner äußeren Leiblichkeit und der äußeren Sinneswelt bedient, Handlungen zu vollziehen, auch da schläft etwas im Menschen. Und was da schläft, das verhindert ihn daran, in dem Prozess, der sich abspielt, in den Lebenszufällen einen Zusammenhang zu sehen. Im Grunde genommen ist es dasselbe, was da mit dem Menschen sich vollzieht in den Lebenszusammenhängen, was sich auch im Laufe der Geschichte und noch heute für viele Menschen gegenüber den Naturtatsachen vollzieht. Der Mensch, der sich nicht mit äußerer Naturwissenschaft beschäftigt, sieht die Sonne auf- und untergehen, er betrachtet die einzelnen Orte der Sonne; für ihn sind äußere Tatsachen da, die der Zeit nach und im Raume verlaufen. Dann kommt er mit seinem Denken, mit seiner Wissenschaft, mit seinen Methoden heran, dieser Mensch, an dasjenige, was sonst äußere Tatsachen sind, und er bringt Zusammenhang in diese äußere Tatsachenwelt hinein, indem er an die Stelle des bloßen Hinstarrens auf die Tatsachen den Zusammenhang setzt, der sich in den Naturgesetzen zum Ausdruck bringt. Solchen Zusammenhang bringt der Mensch nicht in dasjenige, was er äußerliche Lebenszufälle nennt, zunächst, weil die Kräfte in ihm schlafen für das gewöhnliche Leben, die für dieses Gebiet dasselbe bedeuten wie die Erkenntniskräfte für die Tatsachen der äußeren Natur. Wir müssen unsere Erkenntnis anwenden auf die Tatsachen der äußeren Natur, damit wir Gesetze in der äußeren Natur erblicken. Den gewöhnlichen Denkgewohnheiten nach ist der Mensch nicht geneigt, auf dasjenige, was sich als sein Schicksal vollzieht zwischen Geburt und Tod, anzuwenden solche inneren Verrichtungen, wie er sie auf die äußeren Naturtatsachen anwendet. Und den Weg will ich andeuten, der sich nun wiederum für die Geistesforschung ergibt, um auch in die Folge der Schicksalsereignisse eine ähnliche Gesetzmäßigkeit hereinzubringen, wie das äußerliche Denken sie in die Reihe der Naturtatsachen hineinbringt.

[ 22 ] Since we can now say, esteemed audience, that what the spiritual researcher awakens within himself in terms of the spiritual and soul aspects actually lies dormant in human beings in ordinary life, we must say: Even in full wakefulness, when a person is in the midst of action—when a person acts in such a way that they make use of their outer physicality and the outer sensory world to carry out actions—even then, something lies dormant within them. And what lies dormant there prevents them from seeing a connection within the process unfolding in the events of life. Essentially, what takes place within a person in the context of life is the same as what has taken place throughout history—and still takes place today for many people—in relation to the facts of nature. A person who does not engage in the external natural sciences sees the sun rise and set; he observes the sun’s various positions; for him, there are external facts that unfold in time and space. Then, through his thinking, his science, and his methods, this person approaches what are otherwise external facts and introduces coherence into this external world of facts by replacing the mere staring at the facts with the coherence expressed in the laws of nature. Human beings do not initially bring such coherence to what they call the external contingencies of life, because the powers within them that are necessary for ordinary life—which are to this realm what the powers of cognition are to the facts of external nature—lie dormant. We must apply our knowledge to the facts of external nature so that we may perceive laws in external nature. According to ordinary habits of thought, human beings are not inclined to apply to what unfolds as their destiny between birth and death the same inner processes that they apply to the external facts of nature. And I wish to indicate the path that now opens up once again for spiritual research, in order to introduce into the sequence of fateful events a regularity similar to that which external thinking introduces into the series of natural facts.

[ 23 ] Dasjenige, was wir das Schicksal nennen, ich möchte sagen, betrachten wir es nur — nicht um jetzt etwas Besonderes damit zu sagen, sondern nur um zu veranschaulichen das, was ich später sagen will —, betrachten wir dasjenige, was wir das Schicksal nennen, zunächst für das Leben zwischen der Geburt und dem Tode, für das äußere Leben, das uns immer umgibt, in das wir eingesponnen sind und das unser Schicksal über uns eben verhängt.

[ 23 ] What we call fate, I would like to say—let’s just consider it, not to make any particular point right now, but simply to illustrate what I intend to say later—let’s consider what we call fate, first of all in relation to life between birth and death, to the external life that always surrounds us, into which we are woven, and which fate imposes upon us.

[ 24 ] Da können wir sagen, wenn wir uns in irgendeinem Abschnitt unseres Lebens betrachten: Was sind wir denn eigentlich in diesem Abschnitt unseres Lebens? Ja, wir sagen: Wir sind ein Selbst, wir sind ein Ich; wir haben ein gewisses inneres Seelenleben. Aber gewisse Dinge dieses inneren Seelenlebens, die an der Oberfläche liegen, die lernen wir ganz anders verstehen und anschauen, wenn wir zurückblicken in frühere Abschnitte unseres Lebens. Wenn wir uns zum Beispiel, nachdem wir meinetwillen fünfzig oder fünfundvierzig oder vierzig Jahre alt geworden sind, uns dazu herbeilassen, zurückzuschauen — sagen wir, in die Zeit, die wir durchlaufen haben zwischen dem zehnten und dem achtzehnten oder zwanzigsten Jahr —, wenn wir zurückschauen auf dasjenige, was dazumal als sogenannte Schicksalszufälle in unser Leben hereingetreten ist, ja, wenn wir uns das ganz klarmachen, was in diesen Schicksalszufällen liegt, dann werden wir uns sehr bald das Folgende sagen können: Du kannst jetzt etwas. Du bist imstande, in dieser oder jener Weise zu denken, in dieser oder jener Weise zu handeln. Im Grunde bist du nichts anderes als dieses Können, dieses VerstehenKönnen, dieses Handeln-Können. Dass du etwas geistvoller oder weniger geistvoll verstehst, dass du so oder so handelst, das bist du im Grunde genommen. Warum bist du es? Denke nur einmal nach, wie du anders wärst, wie du wirklich eine ganz andere innere Selbsteswesenheit wärst, wenn die Ereignisse nicht hereingetreten wären, auf die du zurückschauen kannst zwischen dem zehnten und zwanzigsten Jahr. Die haben dich zu dem geschmiedet, was du geworden bist; was du da geworden bist, das konzentriert sich in deinem Selbst. Diese Ereignisse handeln jetzt in vielem aus dir heraus. Sie haben dich im Grunde genommen konzentriert; sie haben dein Selbst gebildet. Und wenn wir studieren unser Selbst in einem bestimmten Augenblick unseres Lebens, dann finden wir es, ich möchte sagen wie die Summe einer Addition aus den Addenden zusammengefügt ist, so finden wir es aus den Schicksalserlebnissen zusammengesetzt. Man kann nun in dieser Weise sein Leben überschauen. Nicht darauf kommt es an, was man da allerlei Interessantes in seinem Leben findet, das, was man im gewöhnlichen Leben Selbstbetrachtung nennt, das führt eigentlich die Seele nicht besonders weit über sich hinaus. Aber es ist eine besondere Art, die man im Seelenleben entwickelt, wenn man also wirklich darauf kommt, nun nicht mehr die Schicksalserlebnisse, die man da hat, mit Sympathie oder Antipathie anzuschauen, sondern wenn man sie so anschaut, dass sie die Grundlage sind für dasjenige, was man eigentlich ist.

[ 24 ] So when we look back on any phase of our lives, we might ask: What are we, really, during this phase of our lives? Yes, we say: We are a self, we are an “I”; we have a certain inner spiritual life. But certain aspects of this inner life of the soul—those that lie on the surface—we come to understand and view quite differently when we look back on earlier stages of our lives. For example, once we have reached—let’s say—fifty, forty-five, or forty years of age, if we allow ourselves to look back—say, to the time we spent between the ages of ten and eighteen or twenty—if we look back on what entered our lives at that time as so-called twists of fate, yes, if we make it perfectly clear to ourselves what lies in these twists of fate, then we will very soon be able to say to ourselves: You are now capable of something. You are capable of thinking in this or that way, of acting in this or that way. Fundamentally, you are nothing other than this ability—this ability to understand, this ability to act. Whether you understand something with more or less insight, whether you act in one way or another—that is, in essence, who you are. Why are you that way? Just think for a moment how different you would be—how you would truly be a completely different inner self—if the events you can look back on between the ages of ten and twenty had not occurred. They have forged you into what you have become; what you have become is concentrated within your self. These events now act through you in many ways. They have, in essence, shaped you; they have formed your self. And when we examine our self at a particular moment in our lives, we find it—I would say, just as the sum of a mathematical addition is composed of its addends—composed of the experiences of fate. One can now survey one’s life in this way. It does not matter what all sorts of interesting things one finds in one’s life; what is commonly called self-reflection in everyday life does not actually lead the soul very far beyond itself. But there is a special approach that one develops in one’s inner life when one truly comes to no longer view the experiences of fate one has with sympathy or antipathy, but rather when one views them as the foundation of what one actually is.

[ 25 ] Nicht diese Einsicht ist es, auf die es ankommt bei der Geistesforschung, sondern auf das Gefühl kommt es an: Du hast dich gefunden als Resultat, als Ergebnis deines Schicksals! Dieses Gefühl, man kann es in sich nun immer mehr und mehr beleben. Und nun können zwei Dinge zusammenkommen: dasjenige, was man als Geistesforscher vorher belebt hat durch Konzentration des Denkens, des Empfindens, wie es geschildert worden ist, was man erlebt hat als das Herausgehen des Geistig-Seelischen aus dem Physisch-Leiblichen, und die Entwicklung dieser Empfindung. Sie können sich in der Seele treffen, diese Empfindung, wie man schon im gewöhnlichen Leben zwischen Geburt und Tod eigentlich das Ergebnis des Schicksals ist.

[ 25 ] It is not this insight that matters in spiritual research, but rather the feeling: You have found yourself as the result, as the outcome of your destiny! This feeling—one can now awaken it within oneself more and more. And now two things can come together: what one has previously awakened as a spiritual researcher through the concentration of thought and feeling, as has been described—what one has experienced as the emergence of the spiritual-soul aspect from the physical-bodily aspect—and the development of this feeling. They can meet within the soul—this feeling that, even in ordinary life between birth and death, one is in fact the result of destiny.

[ 26 ] Und wenn man in dieser Weise meditiert, wenn man gerade diese Empfindungsfärbung, diese Empfindungsnuance in der Seele ausbildet, wenn man immer mehr und mehr sich darauf hinkonzentriert, wie gleichsam das innere Selbst des Menschen ganz herausfließt und in die Strömung unseres Schicksals hineinfließt, wenn man diese Vorstellungen ganz in sich lebendig macht, wenn man dazu kommt, förmlich anzuschauen: Ja, was du da in deinem Inneren als Selbst bist, siehst du herfließen in deinem Schicksal. Wenn das ganz lebendig wird, wenn das immer wieder und wieder wiederholt wird, sodass es zu einem gewohnheitsmäßigen inneren Erlebnis wird, dann in der Tat erleben wir wiederum eine Umwandlung, eine Umgestaltung unseres Seelenlebens. Eine solche Umgestaltung, eine solche Umwandlung unseres Seelenlebens erleben wir, dass jetzt erst wie ein erfülltes, geschlossenes Ganzes das innerlich erlebt wird, was man das leibfreie, das körperfreie Geistig-Seelische nennen kann.

[ 26 ] And when one meditates in this way, when one cultivates precisely this coloring of feeling, this nuance of feeling in the soul, when one concentrates more and more on how, as it were, the inner self of the human being flows out completely and merges into the current of our destiny, when one brings these ideas fully to life within oneself, when one comes to actually behold: Yes, what you are within yourself as the self, you see flowing into your destiny. When this becomes fully alive, when it is repeated again and again until it becomes a habitual inner experience, then indeed we experience once more a transformation, a reshaping of our soul life. We experience such a reshaping, such a transformation of our soul life that what can be called the spirit-soul—that which is free from the body—is now experienced inwardly as a fulfilled, complete whole.

[ 27 ] Und dieses leibfreie, dieses körperfreie Geistig-Seelische, das zeigt sich uns, verehrte Anwesende, dann, wenn wir also die geisteswissenschaftlichen Methoden, wie es geschildert worden ist, fortsetzen, das zeigt sich uns als dasjenige, welches unserem Leben zwischen Geburt und Tod zugrunde liegt. Nicht so zeigt es sich, dass man logisch schließt, sondern indem die Seele ein solches inneres Leben entwickelt, wie es geschildert worden ist, geht ihr gleichsam ein geistiges Auge auf, um diesen Goethe’sehen Ausdruck zu gebrauchen; wie wenn das Auge noch nicht entwickelt wäre und sich im Verlauf des Lebens erst entwickelte und uns dann die Sehkraft aufginge, so ist es, wenn wir unser Inneres uns erarbeiten, dass uns in unserem Inneren ein neuer Mensch aufgeht, ein Mensch, der jetzt so vor uns steht, dass er jetzt nicht bloß das Ergebnis des Schicksals ist, wie es in trivialer Weise für die Zeit zwischen Geburt und Tod angegeben worden ist, sondern dass er wirklich mit seinem Schicksal zusammenwächst.

[ 27 ] And this spirit-soul aspect, free from the body, reveals itself to us, esteemed audience, when we continue to apply the methods of spiritual science as described; it reveals itself to us as that which underlies our life between birth and death. It does not reveal itself through logical deduction, but rather as the soul develops an inner life such as has been described; a spiritual eye opens within it, so to speak, to use Goethe’s expression—as if the eye were not yet developed and only developed over the course of life, and our sight were then awakened; so it is when we cultivate our inner life: a new human being dawns within us, a human being who now stands before us not merely as the result of fate, as has been trivially described for the period between birth and death, but as one who truly grows together with his or her destiny.

[ 28 ] Und nun entsteht ein Neues; wenn man also die Seele entwickelt hat, entsteht wiederum etwas, was man nennen kann: das Wahrnehmen einer sonst in der Seele verborgenen geheimen Furcht. Wenn man also die Seele, gleichsam indem man sie im Schicksalsstrome erblickt, sich selbst dem Leibe entreißen lässt, dann, dann entdeckt man — jetzt nicht dasjenige, was man ist als Leibesmensch —, sondern dann entdeckt man innerhalb der geistigen Welt, die man sich schon erobert hat auf die geschilderte Weise, man entdeckt jetzt sich selbst. Jetzt entdeckt man das, was man vorher niemals von sich gekannt hat, jetzt entdeckt man den wahren Menschen. Jetzt entdeckt man denjenigen Menschen, der dem gewöhnlichen Menschen, der zwischen Geburt und Tod lebt — oder meinetwillen zwischen Empfängnis und Tod —, zugrunde liegt. Jetzt entdeckt man den Menschen, der aus einer geistigen Welt als die wahre Ursache des physischen Menschenseins heruntersteigt, der eine Anziehung hat zu dem, was ihm gegeben werden kann durch die Ahnenreihe, durch Eltern und Voreltern, der die Kräfte aus der geistigen Welt herunterbringt, die selbst erst bilden an dem, was ihm stofflich gegeben werden kann durch Eltern und Voreltern. Und jetzt wird eine Tatsache, verehrte Anwesende, dasjenige, worauf, ich möchte sagen durch tiefe innere Wahrheitsenergie der große neuere Denker Lessing hingewiesen hat, jetzt wird eine Wahrheit die Erkenntnis, dass dasjenige, was da in unserem Leibe arbeitet, das Ergebnis früherer Erdenleben ist. Und dass dasjenige, was in unserem Leibe drinnen verborgen arbeitet, ohne dass wir es im gewöhnlichen Leben ahnen können, dass das wie ein Keim ist, der nach dem Tode zuerst in eine geistige Welt hineingeht und, nachdem in dieser geistigen Welt er sich so entwickelt hat, wie sich der Pflanzenkeim entwickeln muss, wiederum zu einem neuen Erdenleben gewissermaßen sich aufrafft. Die Erkenntnis, dass das ganze menschliche Leben so verläuft, dass es wiederholte Erdenleben für den Menschen gibt, diese Erkenntnis, sie muss erworben werden dadurch, dass die Seele sich heraushebt aus dem Physisch-Leiblichen.

[ 28 ] And now something new arises; thus, once one has developed the soul, something else arises that can be called the perception of a secret fear otherwise hidden within the soul. So when one allows the soul—as it were, by beholding it in the stream of destiny—to tear itself away from the body, then, then one discovers—not what one is as a physical human being—but rather, within the spiritual world that one has already conquered in the manner described, one now discovers oneself. Now one discovers what one has never before known of oneself; now one discovers the true human being. Now one discovers the human being who underlies the ordinary human being who lives between birth and death—or, if you will, between conception and death. Now one discovers the human being who descends from a spiritual world as the true cause of physical human existence, who is drawn to what can be given to him through the ancestral line, through parents and forebears, who brings down the forces from the spiritual world that themselves first shape what can be given to him materially through parents and forebears. And now, esteemed audience, what the great modern thinker Lessing pointed to—I would say through a deep inner energy of truth—is becoming a fact; the realization that what works within our body is the result of previous earthly lives is now becoming a truth. And that what works hidden within our body, without our being able to suspect it in ordinary life, is like a seed that, after death, first enters a spiritual world and, after developing in that spiritual world just as a plant seed must develop, in a sense gathers itself up again for a new earthly life. The realization that the entire human life unfolds in such a way that there are repeated earthly lives for the human being—this realization must be attained by the soul lifting itself out of the physical body.

[ 29 ] Im gewöhnlichen Erleben, verehrte Anwesenden, hat man im Grunde nur eine einzige Hinweisung auf das, was da in uns als ein menschlicher Kern lebt, der von Leben zu Leben geht und zwischen dem Tode und einer neuen Geburt immer in einer geistigen Welt sich aufhält. Im geistigen Erkennen lebt man sich in diesen Lebenskern, in diesen Wesenskern des Menschen hinein. Im gewöhnlichen Leben hat man nur einen gewissen Anhaltspunkt daran, wenn der Mensch abends einschläft. Das Einschlafen — das zeigt gerade die geisteswissenschaftliche Beobachtung —, das Einschlafen ist dadurch bedingt, dass wirklich dasjenige, was des Menschen geistig-seelischer Wesenskern ist, dass das aus dem physischen Leib heraus sich hebt. Aber indem die Kräfte nicht entwickelt sind, von deren Entwicklung heute gesprochen worden ist, bleibt dieser geistig-seelische Wesenskern vom Einschlafen bis zum Aufwachen unbewusst. Aber es ragen heraus aus diesem Unbewussten des gewöhnlichen Schlafeslebens sehr häufig — das weiß jeder — diejenigen Gebilde, die chaotischen, oftmals aber auch sehr interessanten Gebilde des Traumes.

[ 29 ] In ordinary experience, dear friends, we essentially have only a single indication of what lives within us as a human core—one that passes from life to life and always dwells in a spiritual world between death and a new birth. In spiritual insight, one immerses oneself in this life core, in this core of the human being’s essence. In ordinary life, one has only a certain indication of this when a person falls asleep in the evening. Falling asleep—as spiritual scientific observation specifically shows—is brought about by the fact that what is truly the spiritual-soul core of the human being lifts itself out of the physical body. But because the forces—the development of which has been discussed today—are not developed, this spiritual-soul core remains unconscious from the moment one falls asleep until one wakes up. Yet very often—as everyone knows—those chaotic, but often also very interesting, forms of the dream emerge from this unconsciousness of ordinary sleep.

[ 30 ] Dasjenige, was sich im Traume dem Menschen darbietet, es wird sehr häufig falsch beobachtet. Unter den mancherlei Traumgebilden — ich kann natürlich nicht sehr ausführlich auf dasjenige, was der Traum darbietet, obwohl es sehr interessant wäre, eingehen, was man da erleben kann — sind wohl die interessantesten Träume diejenigen, wenn jemand in seinem späteren Leben traumhaft sieht, ihm wiedergegeben für das Traumleben, das Traumbewusstsein, irgendeine Szene, in welcher Menschen auftreten, mit denen er vielleicht schon lange im Leben nicht mehr zusammen war, von denen viele vielleicht schon gestorben sind, Menschen, mit denen er in seinem Traumbewusstsein nun in Beziehungen tritt. Ganze Geschichten können sich da abspielen. Wenn man einen solchen Traum im Sinne einer gewöhnlichen Gedächtnishandlung betrachtet, geht man sehr fehl. Es würde zu weit führen, gerade diesen Satz näher zu begründen, obwohl er ja näher begründet werden kann.

[ 30 ] What presents itself to a person in a dream is very often misinterpreted. Among the various dream images—I cannot, of course, go into great detail about what a dream presents, although it would be very interesting to explore what one can experience there—the most interesting dreams are probably those in which a person, later in life, sees in a dreamlike state, as a reflection of their dream life and dream consciousness, some scene in which people appear with whom they may not have been in contact for a long time in real life—many of whom may have already died—people with whom they now enter into relationships within their dream consciousness. Entire stories can unfold there. If one regards such a dream as merely an ordinary act of memory, one is very much mistaken. It would take us too far afield to elaborate on this very statement, although it can indeed be elaborated upon.

[ 31 ] Man muss, wenn man dieses Traumgeschehen, das sich vor dem Traumesbewusstsein abspielen kann, wenn man das richtig beurteilen will, muss man überhaupt gar nicht auf dasjenige hinschauen, was sich inhaltlich abspielt. Diese Bilder, alles das, was sich so abspielt, das hat im Grunde genommen für die Wesenheit des Traumes gerade so viel Bedeutung nur, als es haben würde, wenn einer sagen würde: Da habe ich ein Blatt Papier, da finde ich darauf einen senkrechten Strich, einen Strich, der schief von rechts nach links geht, einen solchen, der schief von links nach rechts geht, und so weiter. Er würde auf diese Weise alle Buchstaben beschreiben, die da auf dem Papier stehen. Nicht derjenige aber, der so die Buchstaben beschreibt, die auf dem Blatt stehen, verhält sich in der richtigen Weise zum Papier, sondern allein derjenige verhält sich richtig, der gewissermaßen gar nicht in sein Bewusstsein hineinbringt, wie die Buchstaben ausschauen, sondern der, weil er lesen gelernt hat, den Sinn dessen entziffert, was die zu Worten zusammengefügten Buchstaben ausdrücken. Dasjenige, was der Traum darbietet, ist wirklich im Verhältnis zu dem, was er seiner Wesenheit nach ist, nichts als Buchstaben, die aber nicht so exakt sind wie die Buchstaben unserer gewöhnlichen Schrift, sondern die sich mit jedem Traume ändern. Und ein tieferes Erkennen ist es, das hinschauen kann auf den Traum und ihn entziffern kann, ebenso mit Unbewusstheit, wie wir unbewusst bleiben, wenn wir lesen die Formen der einzelnen Buchstaben und Wörter; das ist dasjenige, was eigentlich da drinnensteckt in den Vorgängen des Traumes, es ist mehr der Charakter des menschlichen Seelenkernes, der diese Bilder heraufzaubert.

[ 31 ] If one wants to properly assess these dream events—which can unfold before the dream consciousness—one must not focus at all on what is happening in terms of content. These images—everything that unfolds in this way—are, in essence, just as meaningful to the nature of the dream as if someone were to say: “Here I have a sheet of paper; on it I find a vertical line, a line slanting from right to left, one slanting from left to right, and so on.” In this way, he would describe all the letters that are on the paper. However, it is not the person who describes the letters on the sheet in this way who relates to the paper in the correct manner; rather, the only one who relates to it correctly is the person who, so to speak, does not even bring the appearance of the letters into his consciousness, but who—because he has learned to read—deciphers the meaning of what the letters, when combined into words, express. What the dream presents is, in relation to its very nature, really nothing but letters—though these are not as precise as the letters of our ordinary writing, but change with every dream. And it is a deeper understanding that can look at the dream and decipher it, just as unconsciously as we remain unaware when we read the forms of individual letters and words; that is what is actually contained within the processes of the dream—it is more the character of the core of the human soul that conjures up these images.

[ 32 ] Wir träumen zum Beispiel, dass uns ein Mensch, der längst gestorben ist, dieses oder jenes sagt, dass er dieses oder jenes mit uns tut, wir träumen es nicht deshalb, weil uns dieses Bild des Traumes etwas Besonderes sagen will, sondern wir träumen aus dem Grunde, weil unser Seelenwesenskern innere Eigenschaft, innere Kraft hat, die sich am besten in dieser Weise verbildlichen kann, am besten dadurch verbildlichen kann, dass sie gerade sich in eine Beziehung setzt, sinnbildlich-symbolisch in eine Beziehung setzt zu einem Menschen, zu diesem Menschen, dem man im Leben entgegentreten ist. Dasjenige, was sich gar nicht im Traume ausdrückt, was auf dem Grunde der Seele als innere Kraft der Seele ist, als Charakter der Seele ist, das ist das Wesentliche. Und wenn man gerade durch das, was als Geistesforschungsmethode angeführt worden ist, indem es vervollkommt wird in dieser Weise, wenn man nicht in Deutungen, sondern in das wissenschaftliche Erkennen des Traumerlebnisses sich einlässt, dann findet man auch in den Traumerlebnissen, dass zwar auf eine ungeordnete chaotische Weise etwas, was im Menschen steckt durch besondere Umstände — die auch geschildert werden könnten, die aber die Kürze der Zeit heute nicht zu schildern gestattet —, sich durch besondere Umstände in solche Bilder prägt. Und die Geistesforschung zeigt uns, dass dasjenige, was der Mensch sich erworben hat im Leben zwischen Tod und neuer Geburt, dass das in ihm einen Lebenskern, einen Lebenskeim gereift hat.

[ 32 ] For example, we dream that a person who has long since died says this or that to us, or does this or that with us; we do not dream this because the image in the dream is trying to tell us something specific, but rather because the core of our soul-being possesses an inner quality, an inner power, that can best be visualized in this way, can best be visualized by entering into a relationship—a symbolic, allegorical relationship—with a person, with this particular person whom we encountered in life. That which is not at all expressed in the dream, that which lies at the very foundation of the soul as its inner power, as its character—that is the essential. And when one engages—precisely through what has been described as the method of spiritual research, as it is perfected in this way—not in interpretations but in the scientific understanding of the dream experience, then one finds even in dream experiences that, albeit in a disordered, chaotic manner, something that lies within the human being—due to particular circumstances —which could also be described, but which the brevity of time today does not allow us to describe—is imprinted in such images. And spiritual research shows us that what a person has acquired in the life between death and rebirth has matured within them into a core of life, a seed of life.

[ 33 ] Wir handeln, wir denken in dem Leben zwischen Geburt und Tod, aber in dem, was wir denken in der Art, wie wir handeln, drückt sich immer nur, ich möchte sagen ein Teil desjenigen aus, was wir sind, nämlich der Teil, der sich auslebt dadurch, dass wir in einem Leibe darinnen sind. So wie dasjenige, was der andere Mensch ist, der geschildert worden ist und der durch Geisteswissenschaft entdeckt wird, überhaupt sich im Menschen des Alltagslebens verbirgt, so verbirgt sich dieser Wesenskern im Menschen. Nur durch jene besonderen Veranlassungen des besonderen Lebens, im Traumleben zum Beispiel, zeigt sich uns, wenn der leibfreie menschlichseelische Kern beim Einschlafen oder Aufwachen stößt an das Leibesleben, noch nicht ganz mit dem Leibesleben beisammen ist, da zeigt sich, wie sich spiegeln an dem Leibesleben, mit dem er noch unvollkommen zusammen ist, da zeigt sich, was im Menschen durch jede Handlung hindurchgegangen ist, aber sich aufbewahrt hat, was geblieben ist, was wir nicht ganz ausgelebt haben, was wir einverleibt haben unserem inneren Selbst. Im Traume verrät sich so dasjenige, was durch die Pforte des Todes geht, was durch eine geistige Welt hindurchgeht, um in einem neuen Erdenleben wieder zu erscheinen. Allerdings, man kann es durch den Traum erst erkennen, wenn Geistesforschung alldem vorangegangen ist, verehrte Anwesende!

[ 33 ] We act and think in the life between birth and death, but what we think and the way we act always express—I would say—only a part of what we are, namely the part that manifests itself through our existence within a physical body. Just as that which the other human being is—the being that has been described and is discovered through spiritual science—is generally hidden within the human being of everyday life, so too is this core of being hidden within the human being. Only through those special circumstances of life—in the dream life, for example—does it become apparent to us when the body-free human-soul core, upon falling asleep or waking up, comes into contact with bodily life but is not yet fully united with it; there, reflected in the bodily life with which it is still imperfectly united, it reveals what has passed through the human being in every action but has been preserved—what has remained, what we have not fully lived out, what we have incorporated into our inner self. In dreams, then, that which passes through the gate of death—that which passes through a spiritual world in order to reappear in a new earthly life—reveals itself. However, one can only recognize this through dreams if spiritual research has preceded all of this, esteemed audience!

[ 34 ] So sehen wir, wie der Mensch im Verlauf der Geistesforschung nicht nur jene Ohnmacht erleben muss, von der die Rede gewesen ist, und wie er in der Überwindung dieser Ohnmacht sich gerade hineinfinden muss in die geistige Welt, sondern wir sehen auch, wie der Mensch seinem wahren Selbst nach sich erst entdecken muss.

[ 34 ] Thus we see how, in the course of spiritual research, human beings must not only experience the powerlessness that has been discussed, and how, in overcoming this powerlessness, they must find their way into the spiritual world; but we also see how human beings must first discover their true selves.

[ 35 ] Nun hat der Mensch wiederum vor dieser Entdeckung eben eine geheime Furcht. Denn der Vorgang ist der, der Vorgang ist ja gerade so, als ob wir uns in dem, was wir sind im Leibe, als Mensch verlieren, indem wir uns als wahren Menschen, der von Leben zu Leben geht, entdecken. Der Mensch muss sich erst gewöhnen als Geistesforscher, sich anzuschauen außer sich in der Welt; er muss sich erst daran gewöhnen, gleichsam in seinem schicksalsmäßigen Arbeiten sich zu entdecken, und, indem man sich dazu aufrafft, die Furcht, die man vor sich selbst hat, die Scheu, die man vor sich selbst hat, zu überwinden, entdeckt man sich in seinem wahren Selbst. Und man entdeckt nun, dass dieses wahre Selbst der Schmied ist desjenigen, was uns sonst als die Folge der Lebenszufälle erscheint. In seinem Schicksal entdeckt man sich nun. Und ein ganz neues Empfinden, ein ganz neues Erleben durchwebt und durchwallt das Seelische.

[ 35 ] Yet human beings harbor a secret fear of this very discovery. For the process is—the process is precisely as if we were losing ourselves as human beings in what we are in the body, by discovering ourselves as true human beings who pass from life to life. As a spiritual researcher, one must first get used to looking at oneself from outside oneself in the world; one must first get used to discovering oneself, as it were, in one’s fateful work, and by summoning the courage to overcome the fear and shyness one feels toward oneself, one discovers oneself in one’s true self. And one now discovers that this true self is the forger of that which otherwise appears to us as the result of life’s coincidences. One now discovers oneself in one’s destiny. And a wholly new feeling, a wholly new experience, permeates and surges through the soul.

[ 36 ] Da tritt ein schwerer Schicksalsschlag an uns heran, ein Schicksalsschlag, dem wir sonst nur gegenüberstehen so, dass er uns Bitterkeit und Leid verursacht, dass er unser Gemüt erschüttert und dass wir uns unglücklich fühlen unter seinem Einfluss. Hat man als Geistesforscher sein höheres Selbst entdeckt in der angegebenen Weise, so sagt man sich: Du bist mit diesem deinem höheren Selbst durch viele Erdenleben gegangen. Du hast in diesen Erdenleben so gelebt, so gedacht, so gehandelt, dass du eine gewisse Eigenschaft in der Seele dir mitgebracht hast aus früheren Leben. Diese Eigenschaft der Seele haftet an dir, wie die magnetische Kraft im Magneten darinnen ist. Diese Eigenschaft, diese Kraft, die übt geradeso eine geheime Anziehung aus auf das Ereignis, das als ein Unglück in dein Leben hereingekommen ist, wie der Magnet die Eisenfeilspäne anzieht. Du hast dir dieses Unglück selbst gesucht!

[ 36 ] Then a severe blow of fate befalls us—a blow that we would otherwise only face in such a way that it causes us bitterness and suffering, that it shakes our spirit, and that we feel unhappy under its influence. If, as a spiritual seeker, one has discovered one’s higher self in the manner described, one says to oneself: You have gone through many earthly lives with this higher self of yours. In these earthly lives, you have lived, thought, and acted in such a way that you have brought with you a certain quality in your soul from past lives. This quality of the soul clings to you, just as the magnetic force is contained within a magnet. This quality, this force, exerts a secret attraction on the event that has entered your life as a misfortune, just as a magnet attracts iron filings. You have brought this misfortune upon yourself!

[ 37 ] Sehen wir nicht im Leben, was sein kann, wenn wir nur einmal diesen Gesichtspunkt gewonnen haben, verehrte Anwesende? Wir gehen durch das Leben. Vieles, vieles geht an unseren Augen, Ohren, an Verstand, Empfinden und Wollen vorbei. Vielen Menschen begegnen wir. Da ist unter vielen und vielen Menschen einer, den wir gleichsam durch geheimnisvolle Kräfte unseres Wesens als uns anziehend empfinden, mit dem wir eine Lebensgemeinschaft in Freundschaft oder sonst irgendwie eingehen. Warum haben wir das getan? Weil die Kräfte in uns gesessen sind, die wir uns aus früheren Leben mitgebracht haben, und weil diese Kräfte gerade das, was in der Seele dieses Menschen lebt, angezogen haben, wie der Magnet die Eisenfeilspäne anzieht. An den anderen Menschen ist diese Kraft vorübergegangen. Dadurch aber prägen wir uns alles das, was wir nun mit diesem Menschen zusammen als Schicksal erleben.

[ 37 ] Do we not see in life what is possible once we have gained this perspective, esteemed audience? We go through life. Much, so much passes us by—by our eyes, ears, mind, feelings, and will. We encounter many people. Among these many, many people, there is one whom we feel drawn to—as it were, through mysterious forces within our being—and with whom we enter into a partnership in life, whether through friendship or in some other way. Why did we do that? Because the forces within us—which we brought with us from past lives—were at work, and because these forces were drawn precisely to what lives in this person’s soul, just as a magnet attracts iron filings. This force passed by the other people. Through this, however, we imprint upon ourselves everything that we now experience together with this person as our destiny.

[ 38 ] In derselben Weise aber prägen wir uns auch schon unser Schicksal, indem wir aus der geistigen Welt, in der wir leben zwischen Tod und neuer Geburt, heruntersteigen zu der neuen Geburt. Da im physischen Erdendasein, da sind diejenigen Kräfte, die unsere Vorfahren uns durch Vererbung geben können. Zu denjenigen Kräften, die wir gerade brauchen nach den Eigenschaften unserer Seele, fühlen wir uns hingezogen, mit denen verbinden wir uns. Man merkt das geheime Anziehungsband, das da besteht zwischen uns — längst vor der Geburt, vor der Empfängnis- und demjenigen, was uns durch die von den Ahnen vererbbaren Kräfte gegeben werden kann. Ja, die genauere Geistesforschung zeigt uns sogar, verehrte Anwesende, dass dieses Anziehungsband lange, lange schon sich bildet, bevor irgendwie die Rede sein kann von unserer Geburt oder unserer Empfängnis.

[ 38 ] In the same way, however, we are already shaping our destiny by descending from the spiritual world—where we live between death and rebirth—to our new birth. It is in our physical earthly existence that the forces our ancestors can pass on to us through heredity are at work. We are drawn to those forces that we particularly need according to the qualities of our soul, and with them we connect. One senses the secret bond of attraction that exists between us—long before birth, before conception—and that which can be given to us through the forces inheritable from our ancestors. Indeed, more precise spiritual research even shows us, esteemed audience, that this bond of attraction forms long, long before there can be any question of our birth or our conception.

[ 39 ] Hier wird einmal, wenn Logik an die Stelle desjenigen tritt, wo man heute zwar Logik vorhanden glaubt, wo aber eigentlich rechte Unlogik herrscht — hier wird eine ganz andere Denkweise Platz greifen. Heute sagen sehr viele: Man sieht ja, dass der Mensch, der im Leben gewisse Eigenschaften darlebt, diese Eigenschaften von seinen Voreltern oder Eltern nur ererbt haben muss. Geisteswissenschaft will da kommen und will zeigen, dass das Menschenwesen als ein Kern gleichsam sich umhüllt mit den von ihm selbst gewählten ererbten Eigenschaften. Seien wir doch froh, so sagt man nach den heutigen Denkgewohnheiten, seien wir doch froh, dass die äußere Wissenschaft es dahin gebracht hat, zu erkennen, wie die Eigenschaften der Vorfahren in den Nachkommen wiederum aufleben, wie das die gewöhnliche Physiologie ja erklären kann.

[ 39 ] Here, once logic takes the place of what we today believe to be logic—but where, in reality, sheer illogic prevails—a completely different way of thinking will take hold. Today, many people say: It is evident that a person who exhibits certain characteristics in life must have inherited these characteristics from their ancestors or parents. Spiritual science seeks to address this and demonstrate that the human being, as a core, so to speak, envelops itself with the inherited characteristics it has chosen for itself. “Let us be glad,” people say according to today’s habits of thought, “let us be glad that external science has come to recognize how the characteristics of ancestors are revived in their descendants, as ordinary physiology can indeed explain.”

[ 40 ] Und besonders den Kern dieser Logik wollen die Menschen ausspielen, wenn sie sagen: Man sieht das ja am Genie. Wenn man das Genie beobachtet, sieht man, dass die Eigenschaften, die im Genie konzentriert sind, bei den Eltern, Voreltern und so weiter und so weiter sich finden. Das Genie tritt gewöhnlich am Ende einer Entwicklungsreihe auf. Schöne Logik, das! Denn sie gleicht ganz dem, verehrte Anwesende, wenn jemand es besonders wunderbar findet für eine Erklärung, wenn er sagen kann, man sei nass, wenn man ins Wasser gefallen ist und herausgezogen wird. Selbstverständlich muss man, wenn man am Ende einer Vererbungsreihe steht, die Eigenschaften tragen, die durch die Vererbungsreihe einen im Leibe umgaben, gleichsam wie Wasser, wenn man in einen Bach gefallen ist, einen umgibt. Aber eine wirkliche Logik würde in der Sache sein, wenn man zeigen könnte, dass dasjenige, was bei den Vorfahren als geniale Eigenschaften lebte, in den Nachkommen leben würde. Nicht indem man von dem Genie zu den Vorfahren hinaufsieht, sondern indem man vom Genie zu den Nachkommen hinuntersteigen würde, das wäre wirkliche Logik. Man merkt gar nicht, wie man aller Logik ins Gesicht schlägt, wenn man so vorgeht, wenn man so urteilt, wie es eben geschieht. Denn das wird man hübsch bleiben lassen, dass man die Eigenschaften des Genies immer bei den Nachkommen sucht. Man braucht nur große Genies aufzuzeigen, und dann zu zeigen, wie es zuweilen gerade bei den Nachkommen ausschaut! Hier wird man bald finden, dass dasjenige, was der Mensch sich selbst erarbeitet hat, dasjenige, was er im Innern ist, dass das die anziehende Kraft für die Ereignisse, für all die Vorgänge des äußeren Lebens bietet, die in seinem Schicksal zusammengehen.

[ 40 ] And people especially want to play on the core of this logic when they say: You can see this in a genius. If you observe a genius, you see that the traits concentrated in the genius can be found in the parents, grandparents, and so on and so forth. Genius usually appears at the end of a line of descent. What a fine line of reasoning that is! For it is quite similar, ladies and gentlemen, to when someone finds it particularly wonderful as an explanation to say that one is wet after having fallen into water and been pulled out. Of course, when one stands at the end of a line of inheritance, one must possess the traits that, through that line of inheritance, surrounded one in the womb—just as water surrounds one when one has fallen into a stream. But there would be true logic in the matter if one could show that what lived on as genius in the ancestors would live on in the descendants. Not by looking up from the genius toward the ancestors, but by looking down from the genius toward the descendants—that would be true logic. One doesn’t even realize how one is slapping logic in the face when proceeding in this way, when judging as is currently done. For one will certainly continue to seek the genius’s traits exclusively in the descendants. One need only point to great geniuses and then show what their descendants sometimes look like! Here one will soon discover that what a person has developed within themselves—what they are inwardly—is the attractive force behind the events, behind all the processes of outer life that converge in their destiny.

[ 41 ] So werden wir sagen können: Von Geburt bis zum Tode bringen wir Ordnung in die Aufeinanderfolge unserer sonstigen Zufälle des Schicksals hinein, wenn wir uns also selbst erkennen, wenn wir die Furcht überwinden vor uns selbst und uns in unserer wahren Menschlichkeit erkennen. Denn dann erkennen wir auch, dass wir uns ein Unglück geholt haben, weil wir an diesem Unglück erstählen wollen, weil uns eine Kraft gefehlt hat und das Fehlen dieser Kraft in uns eine Eigenschaft hervorruft, die ein Anziehungsband bildet gerade für diesen Unglück.

[ 41 ] Thus we will be able to say: From birth to death, we bring order to the succession of our other accidents of fate—that is, when we come to know ourselves, when we overcome our fear of ourselves, and when we recognize our true humanity. For then we also recognize that we have brought misfortune upon ourselves because we want to steel ourselves against this misfortune, because we lacked a certain strength, and the absence of this strength within us gives rise to a quality that acts as a magnet specifically for this misfortune.

[ 42 ] Hinzu kommt zu einer solchen Weltanschauung, die also im Schicksal den eigentlichen Menschen entdeckt, die Einsicht, dass der Mensch nur deshalb sich in seinem Schicksal nicht selbst entdecken will, weil er davor Furcht hat, hinzukommen zu dieser Anschauung. Das ist etwas Schwieriges, verehrte Anwesende, aber sobald die Wahrheiten der Geistesforschung erkundet sind, dann braucht man kein Geistesforscher zu sein — obwohl, wie ich das vorgestern ausführte, bis zu einem gewissen Grade jeder heute durch Beobachtung der Regeln, die in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» niedergeschrieben sind, ein Geistesforscher werden kann, bis zu einem gewissen Grade, sagte ich —, aber man braucht es nicht zu sein. Wenn die Wahrheiten der Geistesforschung einmal ausgesprochen worden sind, dann kann man sie durch dasjenige, was im Menschen als Wahrheitssinn, als unbefangener Wahrheitssinn herrscht, verstehen und anerkennen.

[ 42 ] Added to such a worldview—which thus discovers the true human being in destiny—is the insight that the reason human beings do not wish to discover themselves in their destiny is simply because they fear arriving at this perspective. This is a difficult concept, esteemed audience, but once the truths of spiritual research have been explored, one need not be a spiritual researcher—although, as I explained the day before yesterday, to a certain extent anyone today can become a spiritual researcher by observing the rules set forth in the book *How to Gain Knowledge of the Higher Worlds?* — to a certain extent, as I said — but one need not be one. Once the truths of spiritual research have been articulated, they can be understood and acknowledged through that which prevails in the human being as a sense of truth, as an unbiased sense of truth.

[ 43 ] Wie man nicht ein Chemiker zu sein braucht, damit all dasjenige von Nutzen sein kann für einen selbst, was der Chemiker vorbringt — hier braucht man nicht vom Verständnis zu reden, sondern nur vom Nutzen —, so braucht man kein Geistesforscher zu sein, um wahr zu finden, denn wahr zu finden ist hier, wenn man das triviale Wort gebrauchen will, der Nutzen der geisteswissenschaftlichen Entdeckungen. Wie man die chemischen Produkte anwenden kann im Leben, so kann man anwenden dasjenige, was die Geistesforschung bringt, weil, indem es da ist und man ihm nur nicht entgegentritt mit den Vorurteilen, die aus den gewöhnlichen Denkgewohnheiten kommen, die hinlänglich geschildert worden sind, wenn man ihm nur nicht damit entgegentritt, so wirkt es auf den natürlichen Menschen.

[ 43 ] Just as one need not be a chemist in order for everything the chemist presents to be of use to oneself—here one need not speak of understanding, but only of utility—so one need not be a researcher in the spiritual sciences to find the truth, for to find the truth here, to use the trivial term, is to recognize the utility of discoveries in the spiritual sciences. Just as one can apply chemical products in life, so too can one apply what spiritual research brings, because, simply by its existence—and provided one does not oppose it with the prejudices arising from ordinary habits of thought, which have been sufficiently described—provided one does not oppose it with those prejudices, it has an effect on the natural human being.

[ 44 ] Der Geistesforscher baut auf nichts anderes, auf keine Autorität, er baut auf nichts anderes als das, dass er ja nichts anderes entdeckt und erkundet, als was in jeder Seele lebt. Durch seine Erkenntnis wird zur Wirklichkeit nichts hinzugefügt; was er entdeckt, lebt in jeder Seele. Daher braucht es nur ausgesprochen zu werden, daher muss, was in den Tiefen jeder Menschenseele lebt, sich bekennen zu dem, was der Geistesforscher zu sagen hat.

[ 44 ] The spiritual researcher relies on nothing else, on no authority; he relies on nothing other than the fact that he discovers and explores nothing other than what lives within every soul. His insights add nothing to reality; what he discovers lives within every soul. Therefore, it need only be spoken; therefore, what lives in the depths of every human soul must affirm what the spiritual researcher has to say.

[ 45 ] Wenn das auch heute noch nicht der Fall ist, ja, wenn es, wie ich schon vorgestern sagte, begreiflich erscheinen muss, dass heute viel mehr Gegensatz, Missachtung, Hohn und Spott sich gegenüber dem geltend macht, was der Geistesforscher zu sagen hat, so gilt das doch, dass die Entwicklung in die nächste Zukunft hinein so vor sich gehen wird, dass sich die Menschen gerade so bequemen werden anzuerkennen, dass das menschliche Leben in Wahrheit sich fortsetzt durch viele Erdenleben, dass das Schicksal uns verständlich wird, wenn wir den höheren Menschen walten sehen selber in der angedeuteten Weise, in diesem Schicksal darinnen. So werden sich die Menschen bequemen, das anzuerkennen, wie sie sich bequemt haben anzuerkennen, dass dasjenige, was, wie man damals sagte, «den gesunden fünf Sinnen widerspricht», dass es wahr ist, nämlich, dass nicht die Erde stillesteht und die Sonne sich herumbewegt und die Sterne sich herumbewegen, sondern dass es umgekehrt ist, dass die Erde sich um die Sonne bewegt.

[ 45 ] Even if that is not yet the case today—indeed, even if, as I said the day before yesterday, it must seem understandable that today there is far more opposition, disregard, scorn, and ridicule directed at what the spiritual researcher has to say— it is nevertheless true that developments in the near future will proceed in such a way that people will just about bring themselves to acknowledge that human life in truth continues through many earthly lives, and that destiny becomes understandable to us when we see the higher human being acting in the manner described, within that very destiny. Thus, people will come to acknowledge this, just as they have come to acknowledge that what was once said to “contradict the five healthy senses”—namely, that it is true not that the Earth stands still while the Sun and the stars move around it, but that the opposite is true—that the Earth moves around the Sun.

[ 46 ] Wer heute kommt und sagt: «Das, was der Geistesforscher zu sagen hat, widerspricht den gesunden fünf Sinnen!», der steht auf demselben Boden, wie diejenigen Leute gestanden haben, die zur Zeit des Kopernikus kamen und sagten: Nun ja, dass da die Sonne stillstehen soll, das widerspricht ja den gesunden fünf Sinnen! Das kann doch kein gesunder, denkender Mensch anerkennen. Wie dazumal — ich habe das schon hier in früheren Jahren ausgesprochen —, wie dazumal, aufnehmend die neue Lehre des Kopernikus, Giordano Bruno gekommen ist und gesagt hat: Da haben die gesunden fünf Sinne gelehrt, dass da oben das blaue Firmament und unter diesem Firmament die Sterne kreisen. Die Wahrheit aber stellt sich uns so dar, dass da oben nicht ein blaues Firmament ist, sondern dass nur die Begrenztheit des menschlichen Anschauens das Firmament hinsetzt — euch das Firmament vortäuscht —, während der Weltenraum ins Unendliche hinausgeht und eingebettet in den Weltenraum die unzählbaren Sterne sind. Wie Giordano Bruno als einen bloßen Schein, der hervorgerufen wird durch die Begrenztheit des menschlichen Anschauens, das räumliche Firmament aufdecken musste, so muss Geisteswissenschaft, ich möchte sagen das zeitliche Firmament des menschlichen Seelenlebens aufdecken, das von Geburt oder, sagen wir Empfängnis und Tod begrenzt wird. So wenig, wie da oben das Firmament ist, so wenig ist da eine Grenze, wo Geburt oder Empfängnis und Tod stehen, sondern nur das menschliche Anschauen, das menschliche Denken im gewöhnlichen Leben ist dort begrenzt; und eingebettet ist dieses eine Leben in den ganzen Strom der Zeit.

[ 46 ] Anyone who comes today and says: ‘What the spiritual researcher has to say contradicts the five healthy senses!’—is standing on the same ground as those people who, in Copernicus’s time, came and said: ‘Well, the idea that the sun stands still—that certainly contradicts the five healthy senses!’ No sane, thinking person can accept that. Just as back then—I’ve already spoken of this here in previous years—just as back then, when Giordano Bruno took up Copernicus’s new teaching and said: “Our five healthy senses have taught us that up there is the blue firmament, and beneath that firmament the stars revolve.” But the truth presents itself to us in this way: there is no blue firmament up there, but rather it is only the limitations of human perception that place the firmament there—that make you imagine the firmament—while outer space extends into infinity and the innumerable stars are embedded within it. Just as Giordano Bruno had to expose the spatial firmament as a mere illusion caused by the limitations of human perception, so spiritual science must, I would say, expose the temporal firmament of human soul life, which is bounded by birth—or, let us say, conception—and death. Just as there is no firmament “up there,” so too is there no boundary where birth—or, let us say, conception—and death occur; rather, it is only human perception and human thought in ordinary life that are limited there; and this one life is embedded in the entire flow of time.

[ 47 ] Heute stehen wir, sehr verehrte Anwesende, in Bezug auf das geistige Erkennen genau an demselben Wendepunkt, wie die Welt in Bezug auf das Naturerkennen stand, als Giordano Bruno auftreten musste und die Täuschung des äußeren Raumesfirmamentes so betonen musste, wie wir heute betonen müssen die Täuschung durch das Zeitenfirmament, durch Geburt und Tod. Dann aber, wenn die Menschen begreifen werden, auch ohne dass sie Geistesforscher werden — denn so wie es einzelne Chemiker, einzelne Astronomen gibt, so wird es immer einzelne Geistesforscher in der Zukunft geben —, wenn die Menschen aber hinweggeräumt haben werden alle Vorurteile gegenüber der Geistesforschung, ebenso wie sie sie hinweggeräumt haben gegenüber der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, dann wird so, wie die naturwissenschaftliche Weltanschauung hineingeströmt ist in die Verrichtungen des äußeren Lebens, wie sie, ich möchte sagen alles aufgebaut hat, was wir in der neueren Welt äußerlich in unserem Leben um uns haben, so wird in Bezug auf das Seelenleben, in das wir uns als Menschen hineinleben, indem wir der Zukunft entgegenleben, dasjenige sich hineinleben, was die geisteswissenschaftlichen Vorstellungen sind.

[ 47 ] Today, esteemed audience, we stand at exactly the same turning point with regard to spiritual knowledge as the world did with regard to the knowledge of nature when Giordano Bruno had to step forward and emphasize the illusion of the outer firmament of space, just as we must today emphasize the illusion created by the firmament of time—by birth and death. But then, when people come to understand—even without becoming spiritual researchers—for just as there are individual chemists and individual astronomers, so there will always be individual spiritual researchers in the future—when people have cast aside all prejudices against spiritual research, just as they have cast aside those against the scientific worldview, then, just as the scientific worldview has permeated the activities of outer life—just as it has, I might say, built up everything we have around us in our outer lives in the modern world—so, with regard to the soul life into which we as human beings are living as we move toward the future, the concepts of spiritual science will become an integral part of that life.

[ 48 ] Und vor allen Dingen ist festzuhalten, dass dasjenige, was diese geisteswissenschaftlichen Vorstellungen sind, in unsere Empfindungen, in unsere Gefühle sich hineinlebt. Und wie anders werden diese Gefühle und Empfindungen, wenn sie durchdrungen, durchwellt und durchwallt werden von den geisteswissenschaftlichen Vorstellungen, [die] zum Beispiel zur Schicksalsfrage sich stellen. Wir werden das Schicksal innig verknüpft finden mit dem, was das Höhere in uns selber, das eigentlich Geistig-Seelische, das von Geburt zu Geburt geht, vollzieht. Wie wir die Naturgesetze erblicken in der äußeren Natur als den Zusammenhang der äußeren Naturtatsachen, so werden wir erblicken unser höheres Selbst, waltend in unserem Schicksal.

[ 48 ] And above all, it must be noted that these spiritual-scientific concepts take root in our perceptions and in our feelings. And how different these feelings and sensations become when they are permeated, rippled through, and surging with spiritual-scientific ideas—such as those that arise in connection with the question of destiny. We will find destiny intimately linked to what the Higher within ourselves—the truly spiritual-soul aspect that passes from birth to birth—accomplishes. Just as we perceive the laws of nature in the external world as the interconnection of external natural facts, so too will we perceive our higher self, reigning over our destiny.

[ 49 ] Selbstverständlich kann immer die Frage aufgeworfen werden, das will ich nur als Zwischenbemerkung sagen, sehr verehrte Anwesende, ob denn das immer in alle Ewigkeit so fortgeht mit den Erdenleben. Nun, nur solange als die Erde unter denselben Bedingungen steht, wie sie jetzt steht ungefähr, geht das mit den Erdenleben so fort. Geisteswissenschaft führt uns gerade zurück — sie können das näher in meiner «Geheimwissenschaft» nachlesen — zu ganz anderen Zuständen der Erde. Da hat sich auch der Mensch herausentwickelt aus ganz anderen Zuständen hinein in das Leben, das ihn durch wiederholte Erdenleben führt. Und wenn die Erde ganz andere Formen angenommen haben wird, werden auch ganz andere Zustände auf der Erde sein, wie auch die Physik uns schon lehrt, dann wird auch der Mensch ganz andere Formen annehmen. Es ist ein Zwischenzustand, dieses Erdenleben, von einer Geburt zur anderen. Aber so, wie wir jetzt drinnenstehen in diesem Erdenleben, ist Geisteswissenschaft dasjenige, was in alle unsere Schicksalszufälle Zusammenhang bringt, was uns selbst mit unserem Schicksal zusammenwachsen lässt. Und es wird wohl gerade in unserer Zeit, ich möchte sagen nicht empfunden werden als nicht am Platze, wenn gesagt wird, dass die schwere Zeit, die wir in diesen Tagen, Wochen, Monaten durchmachen, unsere Seelen ganz besonders hinlenken muss auf ein solches Verstehen des menschlichen Schicksals. Wir sehen — ich habe das bereits vorgestern erwähnt —, wie sich in unzähligen Leiden, aber auch unzähligen Taten mutvoller Tapferkeit, in bewunderungswürdigen Opfertaten auslebt dasjenige, was im Verlaufe der Geschichte gerade durch die heutigen Ereignisse ausgelebt werden muss.

[ 49 ] Of course, the question can always be raised—and I just want to mention this in passing, distinguished audience—as to whether earthly lives will continue this way for all eternity. Well, earthly lives will continue this way only as long as the Earth remains under the same conditions as it is now, more or less. Spiritual science leads us back—you can read more about this in my *The Secret Science*—to entirely different states of the Earth. There, too, human beings have evolved from entirely different states into the life that guides them through repeated earthly lives. And when the Earth has taken on entirely different forms—as physics already teaches us—there will also be entirely different conditions on Earth, and then human beings, too, will take on entirely different forms. This earthly life is an intermediate state, from one birth to the next. But just as we now stand within this earthly life, spiritual science is what brings coherence to all the twists and turns of our fate, what allows us to grow together with our own destiny. And it is precisely in our time—I would say it would not be felt out of place—when it is said that the difficult times we are going through in these days, weeks, and months must direct our souls in a very special way toward such an understanding of human destiny. We see—as I mentioned the day before yesterday—how, in countless sufferings, but also in countless acts of courageous bravery and admirable self-sacrifice, that which must be lived out in the course of history is being lived out precisely through the events of today.

[ 50 ] Und der Mensch, der sich in diese Ereignisse hereingestellt findet, wie kann er empfinden die Zusammengehörigkeit mit diesen Ereignissen, wie kann er empfinden die Zusammengehörigkeit auch mit diesen schicksalstragenden Ereignissen unserer Tage, wenn er erfühlen kann, wie das geheime Anziehungsband, von dem gesagt worden ist, dass es von seinem Wesen ausgeht und sein Schicksal bereitet, dass dieses geheime Anziehungsband ihn gerade in diese schicksalsschwere Zeit hereingestellt hat? Wie fühlt man sich zusammenwachsend auch mit einer solch schweren Zeit, wenn man das Zusammenwachsen empfindet zwischen Menschensein im höheren Sinne und Schicksal im Sinne der Geisteswissenschaft? Und wie wächst jenes Vertrauen, das wir haben müssen in die Ereignisse, wenn man also den Zusammenhang erblickt zwischen dem Menschen und seinem Schicksal? Da erblicken wir auf der einen Seite, wie wir gleichsam uns diese Zeit mit unserem höheren Selbst als unsere uns jetzt angemessene Lebenszeit, als die Lebenszeit gewählt haben, welche den Eigenschaften, die wir verborgen in unserem Wesenskern haben, am meisten entspricht, wie wir uns in diese Zeit gerade hineinversetzt haben. Da gewinnen wir auch das Vertrauen: Wir werden die Kräfte haben, um die Anforderungen, die diese Zeit an uns stellen muss, auch wirklich zu erfüllen. Nicht durch bloße Ermahnungen, nicht durch bloßes Zureden, nicht auf irgendeine sentimentale Art wollen wir uns durch die Geisteswissenschaft zu einem Vertrauen auffordern lassen, sondern dadurch, dass wir uns sagen: Eines fordert immer das andere. Die Eigenschaften in unserer Seele, die uns hereingestellt haben in diese Zeit, die hängen — sie könnten sonst nicht entwickelt sein —, die hängen mit anderen zusammen, die uns auch wiederum fähig machen werden, dasjenige, was uns unsere Zeit erleben lässt, zu solchen Zielen hinzuführen, wie sie im vorgestrigen Vortrage als gerade aus den Forderungen unserer Zeit sich ergebend dargestellt worden sind.

[ 50 ] And the person who finds himself caught up in these events, how can they feel a sense of belonging to these events, how can they feel a sense of belonging even to these fateful events of our day, if they can sense how the secret bond of attraction—which is said to emanate from their very being and shape their destiny—has placed them precisely in this time of such fateful significance? How does one feel a growing unity even with such a difficult time when one senses the growing unity between being human in the higher sense and destiny in the sense of spiritual science? And how does that trust grow—the trust we must have in events—when one thus perceives the connection between the human being and his destiny? On the one hand, we see how we have, as it were, chosen this time with our higher self as the period of life that is now appropriate for us—the period that best corresponds to the qualities we hold hidden within the core of our being—and how we have placed ourselves precisely within this time. This is also how we gain that trust: we will have the strength to truly meet the demands that this time must place upon us. We do not want spiritual science to urge us toward trust through mere exhortations, mere persuasion, or in any sentimental way, but rather by telling ourselves: one thing always leads to the other. The qualities in our souls that have brought us into this era are connected—they could not otherwise be developed—to other qualities that, in turn, will enable us to direct the experiences of our time toward the goals described in the lecture the day before yesterday as arising directly from the demands of our time.

[ 51 ] Nicht auf Ermahnungen, nicht auf sentimentales Zureden bauen wir, sondern auf das Wissen, das wir haben können von den Kräften, die zur Überwindung da sind, nachdem die Kräfte da waren, die uns in die Zeit hereingeführt haben. Denn das gewinnt ja der Mensch, wenn er sich in die Geisteswissenschaft mit seiner Seele so recht einlebt, verehrte Anwesende, dass er ein volles Bewusstsein davon bekommt: Ja, da unten in deinen Tiefen, da sind Seelenkräfte, von denen du nichts weißt, die aber heraufkönnen aus diesen Untergründen! Vertrauen vor allen Dingen zu sich selbst, Vertrauen zu den Kräften, die in ihm sind, in seinen Seelentiefen, das gewinnt der Mensch. Das ist dasjenige, was in der Geisteswissenschaft selber als stärkende Seelenkraft liegt. Und wenn wir wiederum anknüpfen an dasjenige, woran anzuknüpfen ich mir vorgestern erlaubt habe, an die mitteleuropäische Kultur, wie sie, man möchte sagen wie in einer großen Festung eingeschlossen ist von ihren Feinden, so können wir sagen: Dieses Vertrauen befestigt sich uns noch in einer anderen Weise.

[ 51 ] We do not rely on exhortations or sentimental persuasion, but on the knowledge we can gain of the forces that exist to help us overcome, just as the forces existed that brought us into this era. For what a person gains, esteemed attendees, when he truly immerses his soul in spiritual science, is a full awareness that: Yes, down there in your depths, there are soul forces of which you know nothing, but which can rise up from these depths! Above all, trust in oneself, trust in the forces that lie within, in the depths of one’s soul—this is what a person gains. This is precisely what lies within spiritual science itself as a strengthening force of the soul. And if we return to the topic I took the liberty of addressing the day before yesterday—Central European culture, which, one might say, is enclosed by its enemies as if within a great fortress—then we can say: This trust is further strengthened in us in yet another way.

[ 52 ] Schon vorgestern habe ich darauf aufmerksam gemacht, wie diese mitteleuropäische Kultur wirklich dazu berufen ist, ein ganz besonderes Seelenleben zu entwickeln, und wie dieses Seelenleben charakterisiert werden kann dadurch, dass man sagt: Die Angehörigen anderer Nationalitäten werden hereingeboren in ihre Nationalität; indem sie geboren werden, sozusagen, stehen die Menschen innerhalb ihrer Nation darinnen, und wenn man sieht [wie andere Nationen das nationale Prinzip betonen], so findet man es ja immer zurückgeführt auf das, dass der Mensch in diese Nation hereingeboren ist. Das ist gerade das Eigentümliche der mitteleuropäischen Menschen, dass sie Werdende sind. Um dieses Goethewort zu gebrauchen: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen» — das ist wie ein Losungswort des mitteleuropäischen Menschen. Entdecken, was man ist, das ist das Wesentliche. Während des Lebens erst so recht entdecken, was man ist als mitteleuropäischer Kulturmensch, das ist das Eigentümliche dieses mitteleuropäischen Menschen, das Suchende, das Strebende.

[ 52 ] Just the day before yesterday, I pointed out how this Central European culture is truly destined to develop a very special inner life, and how this inner life can be characterized by saying: Members of other nationalities are born into their nationality; by being born, so to speak, people stand within their nation, and when one observes [how other nations emphasize the national principle], one always finds it traced back to the fact that a person is born into that nation. This is precisely what is distinctive about Central European people: that they are in the process of becoming. To use this quote from Goethe: “Whoever strives with all their might, we can redeem them”—this is like a motto for the Central European. Discovering who one is—that is the essence. Only in the course of one’s life does one truly discover who one is as a person of Central European culture; that is the distinctive trait of this Central European—the seeker, the striver.

[ 53 ] Und so finden wir, wenn wir, ich möchte sagen so recht hinblicken auf die Volksgeister der mitteleuropäischen Menschen, so finden wir, wie keimvoll veranlagt liegt überall, allüberall dasjenige, was Geisteswissenschaft gerade als ihren innersten Lebensnerv zur Darstellung bringen will, wovon sie hofft, dass es sich immer mehr und mehr der Kultur einverleibt. Und da sehen wir, dass gerade in der mitteleuropäischen Kulturseele die Keime überall auftreten, so, wie wahr es ist, dass die Keime, wenn in richtiger Weise gepflegt, sich zu Blüten und Früchten entwickeln müssen, so wahr, dass wir darauf vertrauen dürfen, dass dasjenige, was keimhaft im mitteleuropäischen Geistesleben ist, Blüten und Früchte tragen wird und dass es sich nicht abhalten lassen wird, dieses mitteleuropäische Geistesleben, vom Tragen dieser Blüten und Früchte, wenn auch noch so viele Feinde im Osten und Westen und Norden und Süden wider es aufstehen. Denn die Kräfte liegen in ihm, die Kräfte liegen nicht in irgendetwas, was von außen diesem mitteleuropäischen Geistesleben zukommt.

[ 53 ] And so, when we—I would say—truly look closely at the national spirits of the Central European peoples, we find that everywhere, absolutely everywhere, lies a rich potential for what spiritual science seeks to portray as its very innermost lifeblood—and which it hopes will become increasingly incorporated into culture. And there we see that it is precisely in the cultural soul of Central Europe that these seeds appear everywhere; just as it is true that these seeds, if nurtured properly, must develop into blossoms and fruits, just as it is true that we may trust that what is present in embryonic form in Central European spiritual life will bear blossoms and fruit, and that nothing will prevent this Central European spiritual life from bearing these blossoms and fruit, no matter how many enemies rise up against it in the east, west, north, and south. For the forces lie within it; the forces do not lie in anything that comes to this Central European spiritual life from without.

[ 54 ] So sehen wir denn auch, um nur ein paar Beispiele herauszugreifen, wie es innerhalb des mitteleuropäischen Geisteslebens gerade ganz in diesem mitteleuropäischen Geistesleben mit all ihren Seelenkräften drinnenstehende Menschen gibt, die, ich möchte sagen ahnungsvoll hindeuten auf dasjenige, was Geisteswissenschaft in vollem Lichte vor die Menschheit hinstellen will. Da möchte ich aufmerksam machen auf einen Geist, der gerade unter den jetzigen Verhältnissen noch weniger gewirkt hat im mitteleuropäischen Geistesleben, der aber wirklich ganz darinnensteht und im tiefsten Sinne charakteristisch ist für dieses mitteleuropäische Geistesleben, derjenige, den man nennen könnte «den Statthalter Goethes», Herman Grimm, den großen Kunsthistoriker in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Auf die Eigentümlichkeit der Kunstforschung Herman Grimms, der von vielen so verkannt wird, möchte ich heute nicht eingehen. Aber darauf möchte ich eingehen, dass Herman Grimm wunderbare Novellen und auch besonders einen außerordentlich bedeutsamen Roman — «Unüberwindliche Mächte» ist der Titel — geschrieben hat.

[ 54 ] Thus we see—to cite just a few examples—how, within Central European intellectual life, there are people who are deeply immersed in that very intellectual life with all their spiritual powers and who, I would say, intuitively point toward what spiritual science seeks to present to humanity in full light. Here I would like to draw attention to a spirit who, precisely under current circumstances, has had even less of an impact on Central European intellectual life, but who is truly deeply immersed in it and, in the deepest sense, characteristic of this Central European intellectual life—the one whom one might call “Goethe’s deputy,” Herman Grimm, the great art historian of the second half of the nineteenth century. I do not wish to go into the peculiarities of Herman Grimm’s art research today, which is so misunderstood by many. But I would like to mention that Herman Grimm wrote wonderful novellas and, in particular, an extraordinarily significant novel—the title is *Unüberwindliche Mächte* (Insurmountable Forces).

[ 55 ] Nur in ein paar Zügen möchte ich auf etwas in diesem Kunstwerk — das nicht anerkannt worden ist, was in diesem Kunstwerk enthalten ist, und was wir erkennen als für das mitteleuropäische Geistesleben charakteristisch — aufmerksam machen. Einzelne charakteristische Züge möchte ich herausheben. Herman Grimm versucht, das Schicksal von Menschen darzustellen, aber überall hat er das Bedürfnis, als Künstler schon hinzuarbeiten auf dasjenige, was Geisteswissenschaft im lebendigen wissenschaftlichen Leben der Menschheit bringen soll, nämlich: anzuknüpfen das menschliche Schicksal nicht bloß an dasjenige, was sich äußerlich als an vom Verstand verfolgbare Ereignisse darstellen lässt, sondern an das, was hinter diesen Ereignissen steht.

[ 55 ] I would like to briefly draw attention to something in this work of art—something that has not been recognized, something contained within this work of art, and something we recognize as characteristic of Central European intellectual life. I would like to highlight a few characteristic features. Herman Grimm attempts to portray the fate of human beings, but throughout his work he feels the need, as an artist, to contribute to what spiritual science is meant to bring to the living scientific life of humanity—namely, to link human destiny not merely to what can be presented externally as events traceable by the intellect, but to what lies behind these events.

[ 56 ] Er hat eine Novelle geschrieben, «Die Sängerin», eine sehr merkwürdige Novelle. Ich erwähne diese Novelle nicht darum, weil ich durch ein Kunstwerk etwas für Geisteswissenschaft beweisen will, sondern aus dem entgegengesetzten Grunde, weil ich zeigen will, wie derjenige, der sich in Geisteswissenschaft eingelebt hat, finden kann, dass hier einmal ein Künstler so schildert, dass der Geistesforscher empfindet: er schildert nicht dilettantisch gewisse geistige Vorgänge, sondern er schildert geistige Vorgänge so, dass sie dem entsprechen, was der Geistesforscher allmählich entdecken muss. Da finden wir in dieser Sängerin dargestellt, wie eine etwas kokette, aber doch geistig hochstehende Dame eine große Anziehungskraft ausübt auf einen Menschen, der im Leben ihr gegenüberzutreten hat. Aber die Dame zieht ihn an, denjenigen, der sie so sehr liebt, und stößt ihn wieder ab. Und nun ist die Novelle so aufgebaut, dass derjenige, der sie schreibt, der die Erzählung, die er von sich selbst gibt, nicht der Liebhaber ist, sondern ein anderer, der teilnimmt, dass er sie in der Ichform erzählt. Er sagt, dass er bekannt geworden ist mit dem Liebhaber der Dame, dass er gesehen hat, wie dieser angezogen und wieder abgestoßen wird von der Dame, und wie der Liebhaber endlich dazu kommt, nachdem ihn die Dame ganz zuletzt abgestoßen hat, ganz herabzukommen im Leben, wie er dazu kommt, allen Trost und alle Hoffnung und alle Lebenssicherheit zu verlieren. Nun sehen wir, wie der andere, der sein Freund ist, ihn später trifft auf einer Reise, nachdem er schon alle Lebenszuversicht verloren hat, wie er ihn in sein Haus bringt, wie er von ihm erfährt, wie er eben zu Tode betrübt ist und wirklich nicht mehr weiterleben will. Da holt dieser Freund die Sängerin selber; sie soll herkommen in das Haus, damit die beiden sich noch einmal treffen können. Inzwischen hat aber der Liebhaber das so arrangiert, dass, als die beiden, der Freund und die Sängerin an das Heim des Freundes herankommen, dass da gerade der Schuss fällt und der Liebhaber bei ihrer Ankunft durch Selbstmord endet. Und nun sehen wir, wie in einer wunderbaren Weise von Herman Grimm geschildert wird, wie diese Dame in den nächsten Nächten in dem Hause des Freundes ist und wie sie erlebt — nachdem der Liebhaber sich selbst getötet hat —, wie sie erlebt, wie ihr in Geistgestalt dasjenige erscheint, was durch die Pforte des Todes gegangen ist von ihrem Liebhaber. Und Herman Grimm lässt uns ahnen, dass in dem, was also durch den Tod hinausgegangen ist, das eigentlich Bestimmende des Schicksals liegt. So sehr liegt es darin, dass gerade durch die Wirkung, die von der Erscheinung des Toten, ich möchte sagen der Gespenstererscheinung ausgeht, die Dame selber hinsiecht und endlich stirbt.

[ 56 ] He wrote a novella, “The Singer,” a very peculiar novella. I do not mention this novella because I wish to use a work of art to prove something about spiritual science, but for the opposite reason: because I want to show how someone who has become familiar with spiritual science may find that here, for once, an artist depicts things in such a way that the spiritual scientist feels: he does not depict certain spiritual processes in an amateurish way, but rather portrays them in a way that corresponds to what the spiritual researcher must gradually discover. In this “Singer,” we see portrayed how a somewhat coquettish yet spiritually elevated woman exerts a powerful attraction on a man who must encounter her in life. But the lady draws him in—the one who loves her so deeply—and then pushes him away again. And now the novella is structured in such a way that the one who writes it—the one who recounts this story about himself—is not the lover, but someone else who is an observer, yet he tells it in the first person. He says that he became acquainted with the lady’s lover, that he saw how the lover was drawn to and then repelled by the lady, and how the lover—after the lady had finally rejected him—eventually came to hit rock bottom in life, losing all comfort, all hope, and all sense of security. Now we see how the other man—who is his friend—meets him later on a journey, after he has already lost all confidence in life; how he brings him to his home; how he learns from him that he is utterly heartbroken and truly no longer wants to go on living. So this friend goes to fetch the singer himself; she is to come to the house so that the two of them can meet one last time. In the meantime, however, the lover has arranged things so that, just as the two—the friend and the singer—are approaching the friend’s home, a shot rings out and the lover takes his own life upon their arrival. And now we see, as Herman Grimm describes it in a marvelous way, how this lady spends the following nights at her friend’s house and how she experiences—after her lover has taken his own life—how she experiences the spirit form of her lover appearing to her, having passed through the gate of death. And Herman Grimm allows us to sense that what has actually passed beyond into death is the true determining factor of fate. Indeed, it is precisely through the effect emanating from the apparition of the dead man—I might say, the ghostly apparition—that the woman herself wastes away and finally dies.

[ 57 ] Ich will wiederum, gerade wie beim Traum, nicht so sehr auf den Inhalt, der da dargestellt wird, einen besonderen Wert legen, sondern darauf will ich den Wert legen, dass wir hier einen Künstler haben, der nicht stehen bleibt bei der bloß einseitigen Wirklichkeit der äußeren Sinnenwelt und beim bloßen Zusammenfassen der äußeren Schicksalszufälle, wie man sagt, sondern der versucht, die Verkettungen des menschlichen Schicksals in ihrem Zusammenhang mit dem, was vom Menschen durch die Pforte des Todes hindurchgeht, zu schauen und auch künstlerisch darzustellen.

[ 57 ] Again, just as with a dream, I do not wish to place particular emphasis on the content that is presented here, but rather on the fact that we have here an artist who does not stop at the merely one-sided reality of the external sensory world and at the mere summarization of external twists of fate, as they say, but who attempts to perceive the interconnections of human destiny in their relationship to what passes through the gate of death, and to depict this artistically as well.

[ 58 ] Dass Herman Grimm das nicht nur einmal tut, das zeigt er mit seinem großen Roman «Unüberwindliche Mächte». Das zeigt er darin, dass er die Heldin des Romans, die junge Emmy, erleben lässt, wie auch derjenige, der ihr das Teuerste in der Welt geworden ist, ihr ermordet wird. Er endet nicht durch Selbstmord, er wird ermordet. Sie ist schon krank, die Heldin, aber durch den Tod des Geliebten siecht sie nun dahin. Und nun schildert Herman Grimm anschaulich, wie ganz eigentümlich der Tod ist, wie hereinspielt dasjenige, was durch die Pforte des Todes gegangen ist von dem Erschossenen — er ist erschossen worden, hat nicht durch Selbstmord geendet —, wie das zusammenhängt noch mit der Seele der Lebenden, auf die Lebende wirkt, wie das ein geheimnisvolles Anziehungsband bildet und eigentlich das Siechtum in diesem Wesen der Emmy hervorruft. Und nun schildert Herman Grimm sogar dasjenige, was in seiner vollen Bedeutung nur der Geistesforscher einsehen kann, er schildert, wie die Geistgestalt, die durch den Tod in die geistige Welt übergeht, wirklich sich erhebt. Wunderbar schildert Herman Grimm, wie aus dem Physisch-Leiblichen heraus, noch, ich möchte sagen nachahmend Kopf und Hände und die ganze Gestalt, sich der Geist erhebt und in die geistige Welt übergeht, um sich nun als Geist, als Geist der Emmy, mit dem Geiste ihres geliebten Freundes zu vereinigen. Auch da zeigt Herman Grimm, dass er die Kräfte, die eigentlich das menschliche Schicksal durchspielen, in der geistigen Welt sucht. So sehen wir in diesem Künstler, wie der Keim zur geisteswissenschaftlichen Vertiefung gerade in der mitteleuropäischen Geistkultur da ist.

[ 58 ] Herman Grimm demonstrates that he does this more than once in his great novel *Unüberwindliche Mächte* (*Invincible Forces*). He does so by having the novel’s heroine, the young Emmy, witness the murder of the person who has become the most precious to her in the world. He does not die by suicide; he is murdered. The heroine is already ill, but the death of her lover now causes her to waste away. And now Herman Grimm vividly describes how peculiar death is, how what has passed through the gate of death from the man who was shot—he was shot, he did not die by suicide —, how this is still connected to the soul of the living, how it affects the living, how it forms a mysterious bond of attraction, and how it actually brings about Emmy’s wasting away. And now Herman Grimm even describes what, in its full significance, only the spiritual researcher can comprehend; he describes how the spiritual form, passing into the spiritual world through death, truly ascends. Herman Grimm wonderfully depicts how, emerging from the physical body—still, I might say, mimicking the head, hands, and the entire form—the spirit rises and passes into the spiritual world, only to unite there as a spirit, as Emmy’s spirit, with the spirit of her beloved friend. Here, too, Herman Grimm shows that he seeks in the spiritual world the forces that actually shape human destiny. Thus, in this artist, we see how the seed for a deeper understanding of spiritual science is present precisely within Central European spiritual culture.

[ 59 ] Manchmal tritt einem dieser Keim in der mitteleuropäischen Geistkultur in einer ganz sonderbaren Weise entgegen. Nur um ein Beispiel von Hunderten und Hunderten, die erwähnt werden können, zu erwähnen, möchte ich das eines deutschen Schulmeisters hervorheben, der einmal eine Abhandlung geschrieben hat über die Unsterblichkeit der Seele. Diese Abhandlung wollte er in zweiter Auflage herausgeben. Ein Freund von ihm hat sie in den nachgelassenen Schriften herausgegeben. Merkwürdigerweise bringt dieser Freund des Schuldirektors, Johann Heinrich Deinhardt, in einer Anmerkung eine sehr interessante Deutung. Er sagt, dieser Schuldirektor habe ihm noch vor seinem Tode geschrieben, wenn er selbst eine zweite Auflage dieser Abhandlung herausgeben würde, so würde er schildern müssen dasjenige, auf das er gekommen ist, nämlich, dass sich in dem Leben zwischen Geburt und Tod aufbaut durch dasjenige, was sich der Mensch erarbeitet, ein Geist-Seelen-Wesen, das durch die Pforte des Todes in die geistige Welt hineingeht.

[ 59 ] Sometimes this seed manifests itself in Central European intellectual culture in a most peculiar way. To cite just one example out of hundreds and hundreds that could be mentioned, I would like to highlight that of a German schoolteacher who once wrote a treatise on the immortality of the soul. He intended to publish a second edition of this treatise. A friend of his published it as part of his posthumous writings. Curiously, this friend of the school principal, Johann Heinrich Deinhardt, offers a very interesting interpretation in a footnote. He says that this school principal had written to him before his death, stating that if he were to publish a second edition of this treatise himself, he would have to describe what the principal had come to realize—namely, that in the life between birth and death, through what a person achieves, a spirit-soul being is formed that passes through the gate of death into the spiritual world.

[ 60 ] Wenn man sieht, wie die Art und Weise, wie das mitteleuropäische Geistesleben Gedanken und Empfindungen formt, wie es hintendiert, wie es überall hinweist auf dasjenige, was Geisteswissenschaft will, wie der Keim hinweist auf die Blüten und die Früchte, so weist das alles hin auf Geisteswissenschaft.

[ 60 ] When one sees how Central European intellectual life shapes thoughts and feelings, how it points the way, how it points everywhere toward what spiritual science seeks—just as a seed points toward the blossoms and the fruits—all of this points toward spiritual science.

[ 61 ] Und wiederum möchte ich sagen: Auch das wird uns, gerade wenn wir, ich möchte sagen auf den österreichischen Teil des mitteleuropäischen Geisteslebens sehen und da einige Beispiele heranziehen, auch das wird uns so recht klar, was vorgestern berührt worden ist, dass auf dem Grunde der Seelen Schmerz und Leid und Kampf ist und dass erst durch Besiegung von Schmerz und Leid und Kampf und, wie wir heute gesehen haben, durch Überwindung von Furcht und Ohnmacht es möglich ist, dass der Mensch sein Lebensgut entwickele. Auch das tritt uns im äußeren Leben, in der ganzen Art und Weise, wie gestrebt wird, und dieses nun besonders, ich möchte sagen in dem österreichischen Teil des mitteleuropäischen Geisteslebens entgegen.

[ 61 ] And once again I would like to say: This, too, becomes quite clear to us—especially when we look, I would say, at the Austrian aspect of Central European intellectual life and draw on a few examples from it— this, too, will become quite clear to us—as was touched upon the day before yesterday—that at the core of the soul there is pain, suffering, and struggle, and that only by overcoming pain, suffering, and struggle—and, as we have seen today, by overcoming fear and powerlessness—is it possible for a person to develop the essence of their life. We also encounter this in external life, in the entire nature of human striving, and this is particularly evident—I would say—in the Austrian segment of Central European intellectual life.

[ 62 ] Da ist ein Geist, ein wunderbar anziehender Geist Österreichs, Bartholomäus Carneri. Als hereingekommen ist in das moderne Geistesleben der Darwinismus — nun ja, andere Geister haben ihn so ausgebildet, dass sie die logischen Konsequenzen gezogen haben, dass sie eine einseitige Weltanschauung, die einseitige Weltanschauung des Materialismus aus ihm geformt haben. Bartholomäus Carneri hat Bücher geschrieben, wie die wunderbare «Sittlichkeit und Darwinismus». Wenn man auch nicht mit dem Inhalt einverstanden ist — weil selbstverständlich Carneri nur an einen Anfang gekommen ist und Geisteswissenschaft nicht gekannt hat —, wenn man aber auf ein solches Buch eingeht, wie er es in der letzten Lebenszeit geschrieben hat, auf das Buch «Der moderne Mensch», dann sieht man, wie dieser Mann, der so ganz wurzelte im österreichischen mitteleuropäischen Geistesleben, wie dieser Mann nicht anders konnte als nicht nur auffassen den Darwinismus mit dem Verstande, sondern ihn auffassen mit dem, was der Mensch als moralische Kraft in seinem Gemüte trägt. Und so hat Bartholomäus Carneri Gemüts- und moralische Konsequenzen aus dem Darwinismus gezogen und in wunderbarer Weise einen Idealismus begründet auf der Grundlage des Darwinismus. Man mag das als falsch ansehen, charakteristisch aber für das mitteleuropäischen Geistesleben ist dieser eigentümliche Idealismus des Bartholomäus Carneri.

[ 62 ] There is a spirit, a wonderfully captivating spirit of Austria: Bartholomäus Carneri. When Darwinism entered modern intellectual life—well, other thinkers shaped it in such a way that they drew the logical conclusions, forming from it a one-sided worldview, the one-sided worldview of materialism. Bartholomäus Carneri wrote books such as the wonderful *Morality and Darwinism*. Even if one does not agree with the content—because, of course, Carneri had only just begun and was unfamiliar with spiritual science—if one engages with a book such as the one he wrote toward the end of his life, the book *The Modern Man*—then one sees how this man, who was so deeply rooted in Austrian and Central European spiritual life, could not help but grasp Darwinism not only with his intellect, but also with what human beings carry within their souls as a moral force. And so Bartholomäus Carneri drew emotional and moral conclusions from Darwinism and, in a marvelous way, established an idealism grounded in Darwinism. One may regard this as wrong, but this peculiar idealism of Bartholomäus Carneri is characteristic of Central European intellectual life.

[ 63 ] Und auf einen anderen Geist können wir hinsehen, der wirklich charakteristisch ist gerade, ich möchte sagen, gerade für einen gewissen Entwicklungszustand des mitteleuropäischen Geisteslebens, auf den österreichischen Dichter Robert Hamerling, der zugleich, wie sein Buch «Die Atomistik des Willens» zeigt, auch ein großer Philosoph gewesen ist, der noch in seinen letzten Lebensjahren in seinem «FHomunkulus» prophetisch hingestellt hat die Vermechanisierung des menschlichen Lebens und hingewiesen hat auf die Notwendigkeit, diese Vermechanisierung des Lebens zu überwinden.

[ 63 ] And we can look to another spirit who is truly characteristic—I would say, specifically, of a certain stage of development in Central European intellectual life—namely, the Austrian poet Robert Hamerling, who, as his book *Die Atomistik des Willens* shows, was also a great philosopher who, even in the final years of his life, prophetically depicted the mechanization of human life in his *Homunkulus* and pointed out the necessity of overcoming this mechanization of life.

[ 64 ] Man hat allerdings, sehr verehrte Anwesende, bis jetzt noch nicht die innere Energie gefunden, alles dasjenige, was lebensvoll seelisch wirkte gerade in Geistern, wie die Genannten sind — Herman Grimm, Bartholomäus Carneri, Robert Hamerling —, voll zu erfühlen. Diejenigen, die heute häufig die Literatur beherrschen, die haben ganz anderes zu tun gehabt. Aber gerade unsere große schicksalstragende Zeit wird zeigen, wo die großen Nerven des mitteleuropäischen Kulturlebens liegen.

[ 64 ] However, ladies and gentlemen, we have not yet found the inner energy to fully appreciate all that had such a vital, spiritual impact on minds like those of the individuals mentioned—Herman Grimm, Bartholomäus Carneri, Robert Hamerling. Those who frequently dominate literature today have had quite different concerns. But it is precisely our great, fateful era that will reveal where the vital nerves of Central European cultural life lie.

[ 65 ] Da hat es Leute gegeben, die sich wenig vertiefen konnten in die Größe, die in den Charakterisierten liegt, die dafür aber die Größe bewundert haben eines Geistes, der ganz besonders hervorragend sein soll, den man ganz besonders in den letzten Jahren bewundert hat und über den man erstaunt war, als er sich als Franzose in so gehässiger Weise gegen die mitteleuropäische Geisteskultur ausgesprochen hat. Ich meine Romain Rolland, den Schreiber des Romans «Jean-Christophe». Man kann wirklich es vertreten, verehrte Anwesende, wenn man sagt: So wahr in Geistern wie Robert Hamerling und Herman Grimm tiefster Wirklichkeitssinn lebte, indem sie wussten, dass sie die Wirklichkeit zu suchen haben in ihrer Fülle auch da, wo die Sinne nicht mehr hinreichen, so wahr lebt in Romain Rolland, in seinem «Jean-Christophe» ein, man möchte fast sagen Wirklichkeitshass, eine Tendenz, die Wirklichkeit, weil sie nur äußerlich angeschaut sein will, überall grotesk zu entstellen. Und der viel bewunderte Roman, der in den Augen vieler einen der größten darstellen soll, «Jean-Christophe», der ist vor dem, der dies empfinden kann, der empfinden kann Rundung und Wesensvollendung eines Wesens überhaupt, vor dem ist dieser Roman ein schon in seiner Bildung des Helden, Jean-Christophe, ein chaotischer Mischmasch, zusammengemischt aus Eigenschaften von Beethoven, von Richard Wagner, von Richard Strauss und von Gustav Mahler.

[ 65 ] There were people who could not fully appreciate the greatness inherent in the characters described, but who nevertheless admired the greatness of a mind said to be particularly outstanding—a mind that has been especially admired in recent years and which caused astonishment when, as a Frenchman, he spoke out so viciously against Central European intellectual culture. I am referring to Romain Rolland, the author of the novel *Jean-Christophe*. One can truly make the case, esteemed audience, that just as a profound sense of reality lived in minds such as those of Robert Hamerling and Herman Grimm—who knew that they must seek reality in its fullness even where the senses fall short—so too does there live in Romain Rolland, in his *Jean-Christophe*, a— one might almost say a hatred of reality—a tendency to grotesquely distort reality everywhere, precisely because it demands to be viewed only superficially. And the much-admired novel, which in the eyes of many is supposed to be one of the greatest, *Jean-Christophe*, appears—to those who can perceive this, who can sense the wholeness and essential perfection of a being in general—as a chaotic hodgepodge even in its portrayal of the hero, Jean-Christophe, a jumble of traits drawn from Beethoven, Richard Wagner, Richard Strauss, and Gustav Mahler.

[ 66 ] Ebenso wenig, wie die Elemente dieser vier Großen jemals in einem Menschen von der Natur zusammengefügt werden konnten, ebenso wenig kann in einer gesunden Künstlernatur dieses Chaos sich zusammenfinden. Derjenige, der wusste, wie es um Romain Rolland und seine wirkliche Kunst ist, der war eben wirklich nicht erstaunt, dass dieser Romain Rolland in einer solch grotesken Weise das mitteleuropäische Geistesleben, nachdem dieser Krieg ausgebrochen war, verkennt. Würde man nur den Dingen wirklich zu Leibe gehen können, dann würde einem vieles verständlich sein gerade in der Gegenwart.

[ 66 ] Just as the elements of these four great figures could never have been brought together by nature in a single person, so too can this chaos never come together in the mind of a healthy artist. Anyone who understood the true nature of Romain Rolland and his art was not at all surprised that, after the war broke out, this same Romain Rolland misjudged Central European intellectual life in such a grotesque manner. If only one could truly get to the heart of things, then much would become clear, especially in the present.

[ 67 ] Allein, mutlos kann all das uns doch nicht machen. Es ist vorgestern gesagt worden und auch heute im Vortrag wieder darauf hingedeutet worden: Das, was an der Oberfläche des menschlichen Lebens über einem Untergrund errichtet ist, über Kampf und Krieg der einander widerstrebenden Mächte, [das] Furcht und Ohnmacht enthält, aber es errichtet sich darüber etwas, was dennoch Lebensmut und Lebensentwicklung sein muss; und so auch in der Außenwelt. Und es ist vielleicht wirklich nicht ein Zufall zu nennen, dass jene Eigentümlichkeit, die uns mit so wunderbarer Sympathie anmutet in Bartholomäus Carneris philosophischen Schriften, dass die entstanden ist in einem Leben, das physisch-leiblich schwer getragen worden ist in einem gelähmten Leibe; in einem Leibe, der lange gelähmt war, hat Carneri sich emporgerungen zu den Anschauungen seines edlen Idealismus. Da sehen wir, wie Schätze des Geistes dem Leibe abgerungen sind. Und Robert Hamerling, er lag jahrzehntelang an schwerer Krankheit darnieder. Aus dem Leid geboren dasjenige, was die Menschen erhebt, nachdem es geboren worden ist! Dasjenige, was aus dem Leid entsteht, kann gerade dasjenige sein, was das Leben mit höchster Lust und höchster Freude durchzieht.

[ 67 ] Yet all this cannot make us lose heart. It was said the day before yesterday and alluded to again in today’s lecture: What is built upon a foundation on the surface of human life—above the struggle and war of opposing forces, [which] contain fear and powerlessness—is nevertheless surmounted by something that must be courage to face life and the development of life; and so it is in the external world as well. And perhaps it is truly no coincidence that the distinctive quality which strikes us with such wonderful sympathy in Bartholomäus Carneri’s philosophical writings arose in a life that was physically and bodily borne with great hardship in a paralyzed body; in a body that was paralyzed for a long time, Carneri struggled his way up to the insights of his noble idealism. There we see how treasures of the spirit are wrested from the body. And Robert Hamerling—he lay stricken by severe illness for decades. Born of suffering is that which uplifts people once it has come into being! That which arises from suffering can be precisely what permeates life with the highest delight and the highest joy.

[ 68 ] Wenn man so in die Geheimnisse des Lebens hineinblickt und wenn man solche Eigentümlichkeiten — das Letztere ist ja nur, ich möchte sagen, besonders hervorgehoben worden, weil es auch als kein Zufall erscheint —, wenn man solche Eigentümlichkeiten entdeckt, dann wird man gerade in diesem mitteleuropäischen Geistesleben umso mehr den Charakter finden, dass es überall nach solcher Vertiefung des Geistes hintendiert, wie die Zukunft das von den Menschen verlangen muss. Überall sind die Geister daran, dasjenige zu finden, was Goethe nicht gleich in seiner Jugend in seinen «Faust» hineingeschrieben hat, sondern erst später, nachdem Goethe selber reif geworden ist, seinem Faust einverleibt hat.

[ 68 ] When one looks into the mysteries of life in this way and when such peculiarities—the latter, of course, has only been I would say, have been particularly emphasized because it does not seem to be a coincidence—when one discovers such peculiarities, then one will find all the more, precisely in this Central European spiritual life, the characteristic that it tends everywhere toward such a deepening of the spirit, just as the future must demand of human beings. Everywhere, minds are striving to find what Goethe did not immediately write into his *Faust* in his youth, but only later, after Goethe himself had matured, incorporated into his *Faust*.

Erhabner Geist, du gabst mir, [gabst mir] alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.

Sublime Spirit, you gave me, [gave me] everything,
That I asked for. You did not in vain
Turn your face toward me in the fire.
You gave me the magnificent natural world as my kingdom,
The power to feel it, to enjoy it. You do not
do you merely permit me to be a cold, marveling visitor,
but grant me to gaze into her deep bosom,
as into the bosom of a friend.
You lead the procession of the living
past me, and teach me to know my brothers
in the quiet thicket, in air and water.
And when the storm roars and creaks in the forest,
The giant spruce, toppling, sweeps down, crushing
Neighboring branches and trunks,
And the hill thunders with a dull, hollow roar at their fall,
Then you lead me to the safe cave, show me
Myself, and within my own breast
Secret, profound wonders unfold.

[ 69 ] Da sehen wir, ich möchte sagen die ganze Skala des menschlichen Erlebens; schon ahnungsvoll sehen wir hingedeutet auf die ganze Skala des menschlichen Erlebens, wie sie eröffnet werden soll durch dasjenige, was Geisteswissenschaft für den Menschen der Zukunft erkunden soll. Aber, gerade weil dieses mitteleuropäische Geistesleben den Charakter des Strebens hat, den Charakter des Werdens hat, wird es immer mehr danach streben, wirklich allüberall das Verwandte zu sehen, allüberall ein Sich-Verwandtes zu sehen, [danach streben], auch in der äußeren Natur ein Sich-Verwandtes sich einzuleben. Geist im Menschen wird den Geist draußen finden, wirklich in Wald und Wiese und in dem Lebendigen die Brüder erkennen. Das heißt, es wird das menschliche Selbst sich vergrößern und sich hineinleben und hineinversenken in das ganze Universum. Und es wird der Mensch hingeleitet werden zu der sicheren Höhle, und des Geistes Werdens und Wesens geheimnisvolle Wunder [werden] sich eröffnen — wenn er durch Geisteswissenschaft die Furcht überwinden wird, in der großen Schicksalsströmung sein wahres Selbst erst zu finden.

[ 69 ] There we see—I would say—the entire spectrum of human experience; we already sense, as it were, a hint of the entire spectrum of human experience, as it is to be revealed through what spiritual science is to explore for the people of the future. But precisely because this Central European spiritual life has the character of striving, the character of becoming, it will increasingly strive to see kinship everywhere, to see something akin to itself everywhere, [to strive] to attune itself to something akin to itself even in the external natural world. The spirit within the human being will find the spirit outside, truly recognizing brothers in the woods and meadows and in all living things. That is to say, the human self will expand and immerse itself, sinking into the entire universe. And the human being will be led to the safe cave, and the mysterious wonders of the spirit’s becoming and being [will] unfold—if, through spiritual science, he overcomes the fear of finding his true self only within the great current of destiny.

[ 70 ] Oh, es sind in dieses mitteleuropäische Geistesleben hinein auch die widerstrebenden Kräfte gelegt, die widerstreben dem, dass dieses mitteleuropäische Geistesleben als ein ganzer, großer Geist-Organismus sich fühle. Wenn ich wiederum auf etwas Persönliches aufmerksam machen darf, ich meine nicht, um etwas Persönliches vorzubringen, sondern nur, um etwas zu verdeutlichen, ich möchte sagen: Die mitteleuropäischen Menschen haben es schwierig, dasjenige, was ihnen vorbestimmt ist, wirklich zu erreichen, zu einem Ganzen zusammenzuwachsen, weil sie es erst durch das Leben — nicht durch das, was sie selbst nicht erstreben, durch die physische Geburt, sondern durch das Leben, das sie sich selbst aussuchen in ihrem Schicksal — erreichen müssen. Daher hat es auf mich einen bedeutsamen Eindruck gemacht — und ich darf ja auch dieses Persönliche erwähnen, weil ich ja wirklich die Hälfte meines Lebens annähernd in meinem österreichischen Vaterland, die andere Hälfte meines Lebens im Deutschen Reich zugebracht habe, und daher beides auf die gleiche Waagschale legend, wirklich habe gut vergleichen können, ich darf solches erwähnen, weil ich mir nicht nur ein Verstandes-, sondern ein empfindendes Urteil im Laufe des Lebens habe erwerben können —, es hat auf mich einen erschütternden Eindruck gemacht, als ich gerade mit Herman Grimm einmal in einem Hotel in Weimar zusammensaß und das Gespräch, das dazumal Herman Grimm auf verschiedene wirklich eindringlich interessierende Dinge lenkte, dann auch auf den österreichischen Dichter Grillparzer, diesen urösterreichischen Dichter kam. Herman Grimm sagte mir dazumal: Grillparzer, ich kann ihn nicht verstehen; mir ist gesagt worden, dass Grillparzer auch ein großer deutscher Dichter sein soll. Da bin ich einmal durch München gefahren, habe mich dort einige Tage aufgehalten, und da habe ich mir aus der Bibliothek einige Bände der Dramen von Grillparzer kommen lassen. Da habe ich versucht — sagt Herman Grimm —, ob ich das empfinden könnte, was die Leute sagen, dass Grillparzer auch ein großer Dichter sei. Da kam es mir aber vor, wie wenn Grillparzer überhaupt kein deutscher Dichter wäre, sondern wie wenn das, was in seinen Dramen ist, Übersetzungen wären aus einer ganz fremden Sprache. So urteilte der, verehrte Anwesende, den ich selber heute schildern musste als einen charakteristischen Geist, als einen der tiefsten, bedeutungsvollsten Geister des mitteleuropäischen Geisteslebens. Daher darf er angeführt werden für die Tatsache, wie stark das Individualitätsgefühl in den einzelnen Gliedern dieser mitteleuropäischen Kulturmenschheit ist.

[ 70 ] Oh, there are also opposing forces at work within this Central European spiritual life—forces that resist this Central European spiritual life from perceiving itself as a single, great spiritual organism. If I may once again draw attention to something personal—not to bring up a personal matter, but simply to clarify a point—I would like to say: Central Europeans find it difficult to truly achieve what is predestined for them—to grow together into a unified whole—because they must first achieve this through life—not through what they do not themselves strive for, such as physical birth, but through the life they choose for themselves in their destiny. That is why it made a significant impression on me—and I am certainly permitted to mention this personal aspect, since I have indeed spent roughly half my life in my Austrian homeland and the other half in the German Empire, and thus, by weighing both equally, have truly been able to make a good comparison; I may mention this because I have been able to acquire not only an intellectual but also an emotional judgment over the course of my life— it made a profound impression on me when I was once sitting with Herman Grimm in a hotel in Weimar and the conversation—which Herman Grimm had at the time steered toward various truly fascinating topics—then turned to the Austrian poet Grillparzer, this quintessentially Austrian poet. Herman Grimm said to me at the time: “Grillparzer—I can’t understand him; I’ve been told that Grillparzer is also supposed to be a great German poet.” So I traveled through Munich once, stayed there for a few days, and had a few volumes of Grillparzer’s plays sent to me from the library. “So I tried,” says Herman Grimm, “to see if I could feel what people say—that Grillparzer is also a great poet. But it seemed to me as if Grillparzer were not a German poet at all, but rather as if what is in his plays were translations from a completely foreign language.” Such was the judgment of this esteemed gentleman, whom I myself had to describe today as a distinctive spirit, as one of the deepest and most significant minds of Central European intellectual life. For this reason, he may be cited as evidence of just how strong the sense of individuality is among the individual members of this Central European cultural community.

[ 71 ] Selbst wenn diese Menschen der mitteleuropäischen Kulturmenschheit nicht verschiedenen Nationalitäten angehören, selbst wenn sie alle einer Nation angehören, wie Grillparzer und Herman Grimm, sie sind so individuell geartet, dass sie sich erst nach großen Schwierigkeiten finden können. Das hängt mit dem zusammen, was an widerstrebenden Kräften da ist. Aber je größer diese widerstrebenden Kräfte sind, desto größer müssen auch die Kräfte sein, die aufgewendet werden, um das Ganze eben zu einem Ganzen, zu einem einheitlichen, organischen Ganzen zu gestalten. Dann wird es dasjenige sein, in dem sich wie in einem Kulturstrombette diejenige Vertiefung für das geistige Leben wird finden lassen und finden müssen, die nur innerhalb Mitteleuropas wirklich gefunden werden kann, weil dieses mitteleuropäische Geistesleben hintendiert zu der geistigen Vertiefung, die ich mir erlaubt habe, heute mit einigen ganz ungenügenden, aber eben doch einigen Strichen als die Strebensziele der Geisteswissenschaft anzugeben. Nicht ruhen kann dieses mitteleuropäische Geistesleben, bevor es zu dem, was als Keim in ihm liegt, die Blüten und die Früchte entwickelt hat.

[ 71 ] Even if these individuals—who are part of Central European cultural life—do not belong to different nationalities, even if they all belong to the same nation, such as Grillparzer and Herman Grimm, they are so distinct in character that they can only find common ground after great difficulty. This is related to the conflicting forces at play. But the greater these conflicting forces are, the greater must also be the forces expended to shape the whole into a whole—into a unified, organic whole. Then it will be the one in which, as in a cultural riverbed, that depth for spiritual life will be found—and must be found—which can truly be found only within Central Europe, because this Central European spiritual life tends toward the spiritual depth that I have taken the liberty of outline today—albeit with a few very inadequate, yet still some, strokes—as the goals to which spiritual science should aspire. This Central European spiritual life cannot rest until it has developed into the blossoms and fruits of what lies within it as a seed.

[ 72 ] Und wer gelernt hat, auf die Trieb- und Tragekraft innerer geistiger Kräfte zu bauen, der weiß aus dieser inneren Erkenntnis heraus, dass dieses mitteleuropäische Geistesleben, wie es auch bedrängt und bedroht werden mag und bekämpft und bekriegt werden mag von seinen Feinden, nicht eher aus der Geschichte verschwinden wird, bis es alles dasjenige der Weltenkultur einverleibt hat, was es dieser Weltenkultur zu geben hat.

[ 72 ] And whoever has learned to build upon the impulse and sustaining power of inner spiritual forces knows, based on this inner insight, that this Central European spiritual life—no matter how much it may be oppressed, threatened, opposed, and waged war against by its enemies—will not disappear from history until it has incorporated into world culture everything it has to offer to that culture.

[ 73 ] Und dies, sehr verehrte Anwesende, dies ist ein Großes, ein Gewaltiges noch, denn man erkennt dieses Geistesleben Mitteleuropas nicht schon als Blüten und Früchte, sondern als Keim, der sich entwickeln muss. Und auf die Triebkraft des Keimes baut derjenige, der heute aus der geistigen Erkenntnis selbst Lebensmut und Lebenskraft sucht für unsere schicksalsschweren Tage. Nicht ablassen wird dieses mitteleuropäische Geistesleben von dem, was in ihm veranlagt ist durch Geister wie Goethe und alle die anderen. Ein großes, ein gewaltiges Wort hat gerade Goethe mit Bezug auf das einheitliche Erkennen der Welt als Geist und als äußere Leiblichkeit gesprochen für diejenigen, die da kleinmütig zurückschrecken vor der Furcht der Selbsterkenntnis und vor der Ohnmacht, die Welt zu erkennen. Für die hat Goethe doch, indem er immer aus seinem, ich möchte sagen instinktiven Geist-Erkennen die richtigen Worte gefunden hat, auch das Richtige gesprochen, indem er gesagt hat, anknüpfend an ein Wort, das ein anderer, eben einer der Kleinmütigen gesagt hat: «Ins Inn’re der Natur dringt kein erschaff’ner Geist!»

[ 73 ] And this, esteemed audience, is a great and mighty thing indeed, for this spiritual life of Central Europe is not yet recognized as blossoms and fruits, but as a seed that must develop. And it is on the driving force of this seed that those who today seek courage and vitality for our fateful days from spiritual insight itself rely. This Central European spiritual life will not abandon what has been instilled in it by spirits such as Goethe and all the others. Goethe himself has spoken a great, a powerful word regarding the unified understanding of the world as spirit and as outward physicality—for those who timidly shrink back in fear of self-knowledge and of their own powerlessness to comprehend the world. For them, Goethe—by always finding the right words from his, I might say, instinctive spiritual insight—also spoke the truth when he said, echoing a statement made by another, namely one of the timid: “No created spirit penetrates into the innermost depths of nature!”

[ 74 ] Nein, meint Goethe, dasjenige, was im Menschen ist, ist geeignet, wenn es nur recht entwickelt wird, ins Innere der Natur und bis in den inneren Nerv der Welt vorzudringen. Daher sagt Goethe in seiner kräftigen Sprache, zurückweisend das Haller’sche «Ins Inn’re der Natur dringt kein erschaff’ner Geist»:

[ 74 ] No, says Goethe; that which is within human beings is capable, if only it is properly developed, of penetrating into the very heart of nature and reaching the inner nerve of the world. That is why Goethe, in his forceful language, rejects Haller’s statement that “No created spirit penetrates into the heart of nature”:

Das hör’ ich nun an die sechzig Jahre wiederholen.
Und fluche drauf, aber verstohlen;

I’ve been hearing that repeated for about sixty years now.
And I curse it, but secretly;

[ 75 ] Haller sagt weiter:

[ 75 ] Haller goes on to say:

Glückselig, wem sie nur
Die äußere Schale weist!

Blessed is the one whom she merely
points to the outer shell!

[ 76 ] —die Natur nämlich —, und Goethe sagt darauf:

[ 76 ] —namely, nature—and Goethe responds:

Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male.
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du selber Kern oder Schale seist.

Nature has neither core
Nor shell,
She is all at once.
Examine yourself above all else,
To see whether you yourself are core or shell.

[ 77 ] Das mitteleuropäische Geistesleben aber, das hat in seiner Seele zur Schale allüberall den Kern zu entwickeln. Und so lassen Sie mich dann auch heute in ein paar Worte empfindungsgemäß dasjenige zusammenfassen, was ich veranschaulichen wollte durch die Ausführungen des heutigen und auch des vorgestrigen Vortrages, veranschaulichen wollte dahingehend, dass der Mensch wirklich dazu geschaffen ist, nicht nur in das Innere der Natur, zu der die Natur durchdringenden Geistigkeit vorzudringen, sondern auch geschaffen ist, so sich zu erkennen in dem Strome seines Schicksals, dass er mit diesem Schicksal versöhnt wird und versteht, warum er mit dem Schicksal seiner Zeit zusammengewachsen ist.

[ 77 ] But Central European intellectual life must develop the core within its soul to form a shell that extends everywhere. And so let me now summarize in a few words, based on my own feelings, what I sought to illustrate through the remarks in today’s lecture and also in the one from the day before—namely, that human beings are truly created not only to penetrate into the innermost depths of nature, into the spirituality that permeates nature, but are also created to recognize himself within the current of his destiny, so that he may be reconciled with this destiny and understand why he has become one with the destiny of his time.

[ 78 ] Goethe weist auf dieselbe Gesinnung mit bedeutungs vollen, obwohl einfachen Worten hin. Er weist darauf hin, dass ja allerdings dasjenige, was der Mensch in der geistigen Entwicklung sucht, ein Geheimnis ist, aber ein Geheimnis, das ergründet werden kann. Goethe wusste, dass die Welt das Überwältigende ist, das schon die Ohnmacht des Erkennens begründen kann, aber er wusste auch, dass diese Ohnmacht überwunden werden kann, dass der Mensch den Schleier der Natur durchdringen könne. Deshalb sagt Goethe die Worte, mit denen wir diese Betrachtung beschließen wollen, weil sie wirklich echt empfindungsgemäß zusammenfassen dasjenige, was wie eine Gesinnung der Geisteswissenschaft ist, was die Geisteswissenschaft veranschaulichen will:

[ 78 ] Goethe expresses the same sentiment in meaningful, though simple, words. He points out that, while what a person seeks in spiritual development is indeed a mystery, it is a mystery that can be fathomed. Goethe knew that the world is overwhelming—so much so that it can justify the powerlessness of cognition—but he also knew that this powerlessness can be overcome, that human beings can pierce the veil of nature. That is why Goethe utters the words with which we wish to conclude this reflection, for they truly and authentically capture, in a way that resonates with feeling, what constitutes the spirit of spiritual science and what spiritual science seeks to illustrate:

Müsset im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten;
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen:

When observing nature
You must always regard everything as one;
Nothing is inside, nothing is outside:

[ 79 ] Goethe meint, das, was tief innen verborgen ist, wir finden es als ein Äußerliches, und das, was wir als ein Äußerliches erkennen, auch die äußeren Schicksalsläufe — so sagt die Geisteswissenschaft —, wir erkennen sie als Schicksale des höheren Menschen.

[ 79 ] Goethe believes that what is hidden deep within we perceive as something external, and that what we recognize as external—including the external courses of fate, as spiritual science teaches—we recognize as the destinies of the higher human being.

Denn was innen, das ist außen.
So ergreifet ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis.

For what is within is also without.
So seize without delay
The sacred public secret.

[ 80 ] Das, sehr verehrte Anwesende, ist Goethes Gesinnung, das, in voller Ausbildung, wird Gesinnung der Geisteswissenschaft sein und wird zugrunde liegend jener Seelenstimmung, jener Seelenstärkung sein können, welche aus der Geisteswissenschaft hervorgehen kann, in schweren, aber auch in solch schicksalstragenden Zeiten, wie wir sie heute, wie wir sie in unserer Gegenwart wiederum erleben.

[ 80 ] This, esteemed audience, is Goethe’s attitude; this, when fully developed, will be the attitude of spiritual science and will be able to serve as the foundation for that state of mind, that strengthening of the soul, which can arise from spiritual science—in difficult times, but also in times of such fateful significance as we are experiencing today, as we are experiencing once again in our present.