The Human Soul, Fate and Death
GA 70a
14 May 1915, Prague
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
The Human Soul, Fate and Death, tr. SOL
15. Die übersinnliche Erkenntnis und ihre stärkende Seelenkraft in unserer schicksalstragenden Zeit
15. Supernatural Knowledge and Its Strengthening Power for the Soul in These Fateful Times
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Seit einer Reihe von Jahren durfte ich immer wiederum auch hier vortragen über Weltanschauungsfragen vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, wie sic auch den Betrachtungen des heutigen Abends zugrunde liegen werden.
[ 1 ] Ladies and gentlemen! For a number of years now, I have had the privilege of speaking here time and again on questions of worldview from the perspective of spiritual science, which will also form the basis for this evening’s reflections.
[ 2 ] Nun haben die Freunde unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung hier im Wesentlichen die Meinung gehabt, dass ein solcher Vortrag auch in diesem Jahr, in dieser unserer schweren Zeit gehalten werden dürfte. Und das mag ja wohl aus dem Grunde nicht unangemessen sein, weil Geisteswissenschaft, so wie sie hier gemeint ist, wirklich zusammenhängt mit den tiefsten Fragen des menschlichen Herzens, des menschlichen Lebens, der menschlichen Seele, mit all den Fragen, die auf den Grund gehen den bitteren Enttäuschungen des Menschenlebens wie der Impulse, welche zugrunde liegen den mutigen, kühnen, den opfervollen Taten der Zeit, die so vieles in ihrem Schoße trägt und in der wir eben jetzt darinnenleben.
[ 2 ] Now, the friends of our spiritual-scientific worldview here have essentially been of the opinion that such a lecture could be given again this year, in these difficult times of ours. And that may well not be inappropriate, because spiritual science, as understood here, is truly connected to the deepest questions of the human heart, human life, and the human soul—to all the questions that get to the root of the bitter disappointments of human life, as well as the impulses that underlie the courageous, bold, and self-sacrificing deeds of our time, a time that holds so much in its bosom and in which we are living right now.
[ 3 ] Nun ist allerdings Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, in unserer Zeit wenig angemessen noch den Denkgewohnheiten der breitesten Kreise. Und derjenige, welcher ganz drinnensteht mit seiner Seele in dem, was hier als Geisteswissenschaft bezeichnet wird, er wird es keineswegs unverständlich finden, wenn sich Widerspruch über Widerspruch, Gegnerschaft über Gegnerschaft erheben gegen das, was hier vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus gesagt wird. Viel begreiflicher ist es auch dem Vertreter dieser Geisteswissenschaft, wenn das allgemeine Urteil, die allgemeinen Anschauungen in dieser Geisteswissenschaft etwas Phantastisches, etwas Träumerisches sehen. Es werden solche Urteile geltend gemacht zunächst von denen, die dieser Geisteswissenschaft noch wenig nahe getreten sind. Es ist das leichter zu verstehen, als wenn etwa leichten Herzens irgendjemand sich so ungewohnten Dingen gegenüber gleich zustimmend verhalten würde. Insbesondere sind es ja drei Gesichtspunkte, die immer wiederum geltend gemacht werden vom Gesichtspunkte der Gegner aus gegen die Geisteswissenschaft.
[ 3 ] However, spiritual science, as it is understood here, is in our time neither very appropriate nor in keeping with the ways of thinking of the broadest circles. And those who are fully immersed, with their very souls, in what is referred to here as spiritual science will by no means find it incomprehensible when contradiction after contradiction, opposition after opposition, arises against what is said here from the standpoint of spiritual science. It is also much more understandable to the adherent of this spiritual science when the general judgment and prevailing views regard this spiritual science as something fanciful or dreamlike. Such judgments are initially voiced by those who have not yet become closely acquainted with this spiritual science. This is easier to understand than if, for example, anyone were to lightheartedly and immediately express agreement with such unfamiliar ideas. In particular, there are three points of view that are repeatedly raised by opponents against spiritual science.
[ 4 ] Da wird vor allen Dingen einmal gesagt, dasjenige, was da als Geisteswissenschaft auftreten will, das widerspreche einer Weltanschauung, welche auf den sinnlichen Grundlagen wissenschaftlicher Forschung in der Gegenwart aufgebaut ist. Der zweite Einwand, der sich ebenso selbstverständlich erheben muss, ist der, dass diese Geisteswissenschaft ihrer ganzen Art nach leicht hineinführen könne in die dunklen Seiten des menschlichen Seelenlebens, in Aberglaube, in Vorurteile und dergleichen. Und ein drittes, was noch geltend gemacht wird, ist, dass die wertvollsten, die am meisten zu schätzenden Empfindungen und Gefühle der Menschen, die religiösen Gefühle, irgendwie beeinträchtigt würden von dem, was Geisteswissenschaft geltend zu machen hat.
[ 4 ] First and foremost, it is argued that what purports to be a spiritual science contradicts a worldview based on the sensory foundations of contemporary scientific research. The second objection, which must naturally arise as well, is that this spiritual science, by its very nature, could easily lead into the dark sides of human soul life—into superstition, prejudice, and the like. And a third objection that is still raised is that the most valuable and most cherished human sentiments and feelings—religious feelings—would somehow be undermined by what spiritual science has to offer.
[ 5 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich hoffe, dass durch die Andeutungen, die ich mir erlauben werde zu geben am heutigen Abend, gesehen werden kann, wie diese drei Einwände gegen die geisteswissenschaftlichen oder, man kann auch sagen gegen die übersinnlichen Erkenntnisse aus dem Felde geschlagen werden können.
[ 5 ] Well, ladies and gentlemen, I hope that the remarks I shall take the liberty of making this evening will make it clear how these three objections to spiritual science—or, one might also say, to supersensible knowledge—can be refuted.
[ 6 ] Zuerst wollen wir uns beschäftigen mit dem Verhältnis der Geisteswissenschaft gegenüber dem naturwissenschaftlichen Denken, gegenüber einer naturwissenschaftlich aufgebauten Weltanschauung in der Gegenwart. Immer wiederum habe ich es auch hier schon betont, dass wahre, nicht dilettantische Geisteswissenschaft nicht im Allergeringsten gegen irgendetwas sich auflehnen wird, was ein gesichertes Ergebnis der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist. Im Gegenteil, Geisteswissenschaft will für das Gebiet des geistigen Lebens im wahrsten, echtesten Sinne des Wortes sein eine Fortsetzung desjenigen, was für das äußere, sinnenfällige und äußerlich-praktische Leben die Naturwissenschaft ist, was die Naturwissenschaft in so hohem, bewunderungswürdigem Grade in den letzten Jahrhunderten gebracht hat. Allerdings so, dass Geisteswissenschaft gerade für das geistige Gebiet in demselben Sinne Wissenschaft sein will, wie Naturwissenschaft das ist für das äußere Gebiet. Deshalb muss diese Geisteswissenschaft ganz andere Wege einschlagen, muss in einer ganz anderen Art und Weise forschen, als die Naturwissenschaft das zu ihrer Aufgabe hat. Und weil man sich gerade im Laufe der letzten Jahrhunderte, namentlich des neunzehnten Jahrhunderts, bis in unsere Tage herein gewöhnt hat, nur solche Art, sich zu den Dingen zu stellen, als wirklich wissenschaftlich anzusehen, wie die Naturwissenschaft es macht, so ist es ganz natürlich, dass man gegenwärtig noch nicht etwas, was auf der einen Seite Wissenschaft sein will, aber als Geisteswissenschaft von der Naturwissenschaft verschieden sein muss, nicht als Wissenschaft gelten lassen will.
[ 6 ] First, let us consider the relationship between spiritual science and scientific thinking, and between spiritual science and a worldview based on the natural sciences as it exists today. Time and again, I have already emphasized here that true, non-amateur spiritual science will not in the slightest way rebel against anything that is a well-established finding of the current scientific worldview. On the contrary, spiritual science aims to be, for the realm of spiritual life in the truest and most genuine sense of the word, a continuation of what natural science is for external, sensory, and outwardly practical life—what natural science has achieved to such a high and admirable degree over the past centuries. However, this means that spiritual science seeks to be science—in the same sense that natural science is for the external realm—specifically for the spiritual realm. Therefore, spiritual science must take entirely different paths and conduct research in a completely different manner than natural science does. And because, particularly over the course of the last few centuries—namely the nineteenth century—and right up to the present day, people have become accustomed to to regard only that way of approaching things as truly scientific—the way the natural sciences do it—it is only natural that, at present, people are not yet willing to accept as science something that, on the one hand, aspires to be a science but, as a humanities discipline, must differ from the natural sciences.
[ 7 ] Im Grunde genommen ist es so, dass Geisteswissenschaft mit ihrem Forschen erst da anfängt, wo Naturwissenschaft, überhaupt das gewöhnliche, alltägliche Denken aufhört. Und man bekommt am leichtesten eine Vorstellung davon, was Geisteswissenschaft sein will und sein soll, wie sie sich hineinstellen will in den ganzen Kulturprozess der Zeit, wenn man aufmerksam wird darauf, worin sie sich unterscheidet von dem, was naturwissenschaftliches Forschen und alltägliches Denken ist. Bei diesen naturwissenschaftlichen Forschungen und im gewöhnlichen Denken schauen wir hin auf die Gegenstände der Sinneswelt, die um uns herum sind. Wir versuchen, die Gesetze der Vorgänge dieser Sinneswelt zu umfassen mit unserem an das Gehirn gebundenen Denken. Wir versuchen, einen Zusammenhang hineinzubringen in die Flucht der Erscheinungen. Und wir sind im Allgemeinen für das gewöhnliche Denken und auch für die gewöhnliche Wissenschaft ganz selbstverständlich damit zufrieden, dass wir uns Vorstellungen, Begriffe und Ideen angeeignet haben über dasjenige, was vor unseren Sinnen sich ausbreitet oder was im Laufe des geschichtlichen Werdens in der Menschheit sich vollzieht. Wenn wir bei diesen Vorstellungen, Begriffen und Ideen angekommen sind und wenn wir überzeugt sein können davon, dass sie uns etwas abbilden von der äußerlich-sinnlichen Wirklichkeit, so haben wir unserem Bedürfnis für diese äußere Erkenntnis Genüge getan.
[ 7 ] Essentially, the humanities begin their research precisely where the natural sciences—and indeed, ordinary, everyday thinking—end. And the easiest way to get an idea of what the humanities aim to be and should be—how they seek to position themselves within the entire cultural process of our time—is to pay attention to how they differ from scientific research and everyday thinking. In scientific research and in ordinary thinking, we observe the objects of the sensory world that surround us. We try to grasp the laws governing the processes of this sensory world with our thinking, which is bound to the brain. We try to establish a connection within the succession of phenomena. And in general, in ordinary thinking as well as in ordinary science, we are quite naturally satisfied with having acquired concepts, terms, and ideas about what unfolds before our senses or what takes place in the course of humanity’s historical development. Once we have arrived at these conceptions, terms, and ideas, and once we can be convinced that they represent something of external sensory reality, we have satisfied our need for this external knowledge.
[ 8 ] Da nun, wo diese gewöhnliche Wissenschaft, dieses alltägliche Denken stehen bleiben muss, da muss mit ihrem Forschen die Geisteswissenschaft erst beginnen. Für die Geisteswissenschaft handelt es sich nicht darum, dass man äußere Experimente anstellt, nicht darum, dass man irgendwelche Forschungsmethoden anwendet, die auf Dingen beruhen, die äußerlich mit den Sinnen überschaut werden können, sondern darum, dass man die intimsten Vorgänge der Seele studiert, die aber erst hervorgerufen werden müssen. Der Geistesforscher hat es zu tun mit einer rein geistig-seelischen Arbeit in einem geistigen Laboratorium, wie es der Chemiker zu tun hat mit einer sinnenfälligen Arbeit in einem äußeren Laboratorium und seinen Vorgängen. Und wie der Chemiker die Menschen hineinschauen lässt in das, was er durch seine Vorgänge der Natur ablauschen kann, so muss der Geistesforscher die Menschen hineinschauen lassen können in intime Seelenvorgänge, die aber — ebenso wie im chemischen Laboratorium durch Experimente die Vorgänge hervorgerufen werden müssen — erst hervorgerufen werden müssen. Das ist es, worauf man besonders achten muss. Nicht durch Seelenerlebnisse, die man schon im gewöhnlichen Leben oder in der gewöhnlichen Wissenschaft hat, kommt man zu den Ergebnissen der Geisteswissenschaft, sondern dadurch allein, dass man seelisch-geistige Vorgänge hervorruft, die im gewöhnlichen Denken, im gewöhnlichen Vorstellen und Empfinden überhaupt gar nicht vorhanden sind.
[ 8 ] Where this conventional science, this everyday thinking, must come to a halt, that is precisely where spiritual science must begin its research. For spiritual science, it is not a matter of conducting external experiments, nor of applying research methods based on things that can be perceived externally by the senses, but rather of studying the most intimate processes of the soul—processes that must first be evoked. The spiritual researcher is engaged in purely spiritual and psychological work in a spiritual laboratory, just as the chemist is engaged in sensory work in an external laboratory and its processes. And just as the chemist allows people to look into what he can discern from nature through his experiments, so too must the spiritual researcher be able to allow people to look into intimate soul processes—which, however, just as processes in the chemical laboratory must be induced through experiments, must first be induced. This is what one must pay particular attention to. It is not through soul experiences that one already has in ordinary life or in ordinary science that one arrives at the results of spiritual science, but solely by evoking soul-spiritual processes that are not present at all in ordinary thinking, ordinary imagination, and ordinary feeling.
[ 9 ] Dasjenige, was da die Seele zu vollziehen hat, man bezeichnet es gewöhnlich als Meditation, als Konzentration des Denkens. Und ich werde die Aufgabe haben, wenigstens mit einigen Kohlestrichen sozusagen das Bild zu skizzieren, welches darstellen soll, was der Geistesforscher zu tun hat, um den Weg zu finden in die geistigen Welten. Alles Genauere können Sie finden in meinen Büchern, in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft».
[ 9 ] What the soul must accomplish here is usually referred to as meditation, as concentration of thought. And it will be my task to sketch—with just a few strokes of the pen, so to speak—a picture that illustrates what the spiritual researcher must do to find the path into the spiritual worlds. You can find more detailed information in my books, in *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* and in the second part of my *Secret Science*.
[ 10 ] Dasjenige, um was es sich handelt, ist, dass man den Gedanken, den Begriff, die Empfindung, kurz, das ganze Seelenleben des Menschen in einer anderen Weise behandelt, als man es im alltäglichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft zu behandeln gewöhnt ist. Wo man dort stehen bleibt, muss man erst anfangen für die Geistesforschung. Es handelt sich nicht darum, für die Geisteswissenschaft einen Gedanken zu haben, sondern darum, zu leben innerlich, ganz eins zu werden mit einem Gedankenerlebnis, mit einem Empfindungserlebnis. Daher ist es auch gar nicht von Bedeutung, gar nicht so wesentlich, einen Gedanken, ein Empfindungserlebnis zu haben so, dass es zunächst etwas Äußerliches abbildet. Ich möchte sagen, man erlebt intimer im geistesforscherischen Erleben, wenn man zunächst solchen Gedankenerlebnissen sich hingibt, die nichts Äußerliches abbilden. Dafür möchte ich ein Beispiel einführen, ein einfaches Beispiel.
[ 10 ] What is at stake here is that one approaches the thought, the concept, the sensation—in short, the entire inner life of the human being—in a different way than one is accustomed to doing in everyday life and in conventional science. Where one stops there, one must first begin for the sake of spiritual research. It is not a matter of having a thought for the sake of spiritual science, but rather of living inwardly, of becoming completely one with a thought experience or a feeling experience. Therefore, it is not at all important—not at all essential—to have a thought or a feeling experience that initially reflects something external. I would like to say that one experiences spiritual research more intimately when one first surrenders to such thought experiences that do not represent anything external. To illustrate this, I would like to give an example—a simple example.
[ 11 ] Nehmen wir an, es bildet sich jemand die Vorstellung: «Im Lichte, das durch den Raum sich ausbreitet, breitet sich aus durch die Welt flutende Weisheit.» Das ist ganz gewiss kein Gedanke, den irgendein Wissenschaftler oder das äußere, ans Materielle gebundene Leben anerkennen wird. Aber nicht darum handelt es sich, etwas abzubilden, was äußerlich-sinnlich wirklich ist, sondern darum, den Gedanken nun voll in den Boden des seelischen Lebens zu versenken und die Kraft wachzurufen in der Seele, die man wachrufen muss, wenn durch innere Anstrengung ein solcher Gedanke ganz allein im seelischen Leben festgehalten werden soll. Ablenken muss man die Aufmerksamkeit von alledem, was man in der Welt sonst sieht und hört; von alledem, an das man sich sonst im Leben erinnert; von all dem auch, was man erleben kann als Lebensleid und Lebenslust, vor allem Empfindungen, die aus den Leidenschaften, aus dem Triebleben heraufkommen; von alledem muss man sich ablenken für die Zeit, in der man sich ganz versenken will in einen solchen Gedanken, den man durch innere Willkür in den Mittelpunkt des Seelenlebens stellt.
[ 11 ] Let us suppose that someone forms the following idea: “In the light that spreads through the room, wisdom floods out through the world.” This is certainly not a thought that any scientist or the external, materially bound life would acknowledge. But the point is not to depict something that is externally and sensually real, but rather to sink the thought fully into the depths of spiritual life and to awaken within the soul the power that must be awakened if, through inner effort, such a thought is to be held solely within spiritual life. One must divert one’s attention from everything one otherwise sees and hears in the world; from everything one otherwise remembers in life; and also from everything one may experience as the sorrows and joys of life—above all, sensations that arise from the passions and from the life of the instincts; one must turn one’s attention away from all of this for the duration that one wishes to immerse oneself completely in such a thought, which one places at the center of one’s inner life through one’s own volition.
[ 12 ] Alle diese Seelenkräfte, die sonst für das sich ausbreitende Leben der Seele verwendet werden, die werden abgezogen vom äußeren Leben, auch vom alltäglichen Innenleben. Denn nicht darauf kommt es an, dass man diesen Gedanken, auf den man sich konzentrieren will, hat, nicht darauf, was er enthält, sondern auf die innere, geistig-seelische Verrichtung kommt es an, auf die geistig-seelische Arbeit, dass man gewahr wird, was die Seele da tut, indem sie sich fixiert auf einen einzigen Gedanken. Solche Übung darf aber nicht als etwas Vorübergehendes einmal gemacht werden oder ein paarmal wiederholt werden, und man darf nicht dann etwa erwarten, dass schon irgendwelche Erlebnisse eintreten. Diese Übung, sie muss je nach persönlicher Veranlagung des Menschen jahrelang immer wiederum fortgesetzt werden. Bei manchen Menschen dauert es kürzer, bei manchen länger. Aber Geduld und Ausdauer und innere Energie muss aufgewendet werden, damit auf diese Weise der Weg der Geistesforschung betreten werden kann. Auch muss vor allen Dingen die Geduldarbeit darin bestehen, immer wieder und wiederum — Sie werden gleich den Grund sehen, warum das sein muss — denselben Gedanken festzuhalten. Nicht auf Abwechslung der Gedanken kommt es an, sondern auf diese konzentrierende Seelenverrichtung.
[ 12 ] All these soul forces, which are otherwise devoted to the soul’s unfolding life, are drawn away from external life, and also from everyday inner life. For what matters is not that one has this thought on which one wishes to concentrate, nor what it contains, but rather the inner, spiritual-soul activity—the spiritual-soul work—of becoming aware of what the soul is doing as it focuses on a single thought. However, such an exercise must not be done just once as a passing activity or repeated a few times, and one must not then expect that any experiences will occur. This exercise must be continued again and again for years, depending on the individual’s personal disposition. For some people it takes less time; for others, longer. But patience, perseverance, and inner energy must be applied so that the path of spiritual research can be embarked upon in this way. Above all, the work of patience must consist of holding onto the same thought again and again—you will soon see the reason why this is necessary. What matters is not a succession of thoughts, but this concentrated activity of the soul.
[ 13 ] Nun, wenn man auf diese Weise die Seele so zu einer willkürlichen Verrichtung anhält, die sie im äußeren Leben sonst nicht aufwendet, dann merkt man allmählich, dass immer unabhängiger wird, was so die Seele verrichtet, von dem, wovon sie sonst recht sehr abhängt, von dem Leiblichen, dem Äußerlich-Körperlichen. Das muss man erleben, was hervorgeht aus diesem Zusammensein, diesem ganz intimen Zusammensein mit einer solchen Seelenverrichtung. Und das ist es, was so grotesk, ja paradox auf die Denkgewohnheiten unserer Zeit wirkt, wenn gehört wird, was da aus einer solchen inneren Anstrengung des seelischen Lebens hervorgehen kann. Denn so wenig sich derjenige, der niemals von Chemie etwas gehört hat und nur Wasser gesehen hat, eine Vorstellung machen kann, dass man aus dem Wasser herausholt den Wasserstoff, der ganz andere Eigenschaften hat als das Wasser — Wasser ist flüssig und löscht das Feuer, Wasserstoff ist ein Gas und brennt selber —, Wasserstoff ist etwas anderes als das Wasser, aber er ist im Wasser drinnen, jedoch merkt man ihn erst, wenn man ihn herausbekommen hat durch chemische Methoden. Wer das nie gesehen hat, nie etwas von Chemie gehört hat, dem wird es erstaunlich klingen, dass ein Stoff, der brennt, aus dem Wasser gewonnen werden kann.
[ 13 ] Now, when one in this way directs the soul toward an arbitrary activity that it would not otherwise engage in in external life, one gradually notices that what the soul thus accomplishes becomes increasingly independent of that on which it is otherwise quite dependent—the physical, the external bodily realm. One must experience what emerges from this togetherness—this very intimate togetherness with such an activity of the soul. And that is what seems so grotesque, indeed paradoxical, to the habits of thought of our time when people hear what can emerge from such an inner effort of the soul’s life. For just as someone who has never heard of chemistry and has only seen water cannot conceive that hydrogen—which has entirely different properties than water—can be extracted from water—water is a liquid and extinguishes fire, while hydrogen is a gas and burns on its own— hydrogen is something other than water, yet it is contained within water; however, one only becomes aware of it once it has been extracted through chemical methods. To anyone who has never seen this or heard anything about chemistry, it will sound astonishing that a substance that burns can be extracted from water.
[ 14 ] So ist es für denjenigen, der niemals von geistigen Erlebnissen, von solchen Erlebnissen in der Seele gehört hat, paradox und phantastisch, wenn ihm gesagt wird, dass durch das immer wiederholte Anstrengen der Seele in der charakterisierten Richtung das Geistig-Seelische wirklich herausgelöst wird aus dem Physisch-Leiblichen, dass das Geistig-Seelische ganz frei wird und man davon sprechen kann, dass das Ende des Weges, dessen Anfang, wie gesagt, mit einigen Strichen charakterisiert worden ist, dass das ist, dass man erlebt: Du bist nicht mehr mit deinem Denken in deinem Leibe, deinem Gehirn, du bist mit ihm außerhalb deines Leibes. Dein Leib ist ein Gegenstand geworden außerhalb deiner selbst, wie außerhalb des physischen Leibes die Gegenstände der Sinneswelt sind.
[ 14 ] Thus, for someone who has never heard of spiritual experiences—of such experiences in the soul— it seems paradoxical and fantastical when they are told that through the repeated exertion of the soul in the direction described, the spiritual-soul aspect is truly separated from the physical-bodily aspect, that the spiritual-soul aspect becomes entirely free, and that one can say that the end of the path—the beginning of which, as mentioned, has been outlined in a few strokes—is what one experiences: You are no longer with your thinking within your body, your brain; you are with it outside your body. Your body has become an object outside of yourself, just as the objects of the sensory world are outside the physical body.
[ 15 ] Das ist ein großes, bedeutsames Erlebnis, zu dem da der Geistesforscher aufsteigt. Einmal wirklich erlebt zu haben, dass man in den geistig-seelischen Verrichtungen unabhängig sein kann vom Physisch-Leiblichen, das gehört zu dem Erschütterndsten, das man in seinem seelischen Erleben durchmachen kann. Und das muss ja betont werden: Die Methoden des Geistesforschers sind nicht solche, die einen so gleichgültig lassen wie die äußeren wissenschaftlichen Methoden. Wenn ich Ihnen auch einfach nur schildern musste einen, wie es Ihnen vielleicht vorkommen mag, abstrakten inneren Vorgang, so ist doch mit diesem Vorgang verbunden, wenn man wirklich es dahin bringt, das ganze Seelenleben zu intensivieren mit dem, was durch Willkür in den Mittelpunkt des Seelenlebens gerückt ist, es ist doch mit diesem Vorgang verbunden alles innere seelische Erleben. Nicht bloß das Gedankenerleben, sondern aus den Untergründen der Seele rücken hinauf die Gemütsimpulse, die Willensimpulse. Man hat das Gefühl, dass man mit seinem ganzen inneren Wesen nachzieht dem, was der Gedanke, auf den man sich konzentriert hat, aus einem herausgerissen hat. Der Anfang des Weges ist der, dass man sich innerlich energisiert fühlt, gewissermaßen zu der einen, zunächst voll gefühlten Empfindung aufsteigt: Du lösest dich los von deinem Physisch-Leiblichen; du rückst hinein in eine ganz andere Welt, in die dein Leibliches nicht hineinrücken kann. Nicht irgendetwas Konstruiertes erzähle ich Ihnen, sondern die wirklichen Erlebnisse des Forschers.
[ 15 ] This is a profound, significant experience to which the spiritual researcher ascends. To have truly experienced, even once, that one can be independent of the physical-bodily realm in one’s spiritual-soul activities—this is among the most profound experiences one can undergo in one’s soul life. And this must be emphasized: The methods of the spiritual researcher are not the kind that leave one as indifferent as external scientific methods do. Even if I had to describe to you what may seem to you to be an abstract inner process, this process is nonetheless connected—when one truly succeeds in intensifying one’s entire soul life through what has been deliberately brought into its center—with all inner soul experience. Not merely the experience of thought, but rising from the depths of the soul are the impulses of feeling and the impulses of the will. One has the feeling that one is drawn, with one’s entire inner being, toward what the thought on which one has concentrated has drawn out of one. The beginning of the path is that one feels inwardly energized, rising, as it were, to that one sensation, which is initially felt with full intensity: You detach yourself from your physical body; you move into a completely different world, one into which your physical body cannot enter. I am not telling you something I have made up, but rather the actual experiences of the researcher.
[ 16 ] Zuerst hat man also dieses Erlebnis, herauszukommen aus dem Physisch-Leiblichen. Dann aber verwandelt sich dieses Erleben. Wenn man sich immer weiter anstrengt auf diesem Wege, dann tritt das auf, dass, statt des weiteren Verstärkens dieses inneren Erlebens man nun fühlt, wie es sich ablähmt, dieses innere Leben; wie es immer schwächer und schwächer wird. Bis zu einem gewissen Punkte wird es immer stärker, dann aber wird es immer schwächer und schwächer. Sodass man das Gefühl hat: Nicht eine äußerlich-körperliche Ohnmacht, aber eine seelisch-geistige Ohnmacht beginnt. Man hat das Gefühl, man verlöre alle seine geistig-seelischen Erlebnisse, wenn man sich vom Leibe gelöst hat, irgendein Unbekanntes nehme einem beides ab.
[ 16 ] So first one has this experience of emerging from the physical-bodily realm. But then this experience transforms. As one continues to strive along this path, what happens is that, instead of this inner experience becoming stronger, one now feels this inner life fading; it grows weaker and weaker. Up to a certain point, it grows stronger and stronger, but then it grows weaker and weaker. So that one has the feeling: not a physical, external weakness, but a spiritual-psychic weakness is beginning. One has the feeling that, once one has detached from the body, one is losing all one’s spiritual and psychic experiences, as if some unknown force were taking both away.
[ 17 ] Wenn ich charakterisieren sollte dasjenige, was man da innerlich erlebt, so muss ich zu Begriffen, zu Vergleichen meine Zuflucht nehmen, mit denen aber mehr gemeint ist als sonst mit Vergleichen, die vielleicht zunächst ungewohnt erscheinen. Nehmen wir an, eine Pflanze wüchse aus dem Boden heraus, zu den Blättern und Blüten hin bis zur Frucht. In dieser Pflanze ist auch die Kraft, die zuletzt den Keim hervorbringt. Nehmen wir an, der Keim könnte sich bewusst werden, indem die Pflanze so heranwächst. Nehmen wir an, es würde der Keim die Empfindung haben müssen: Ich werde immer mächtiger, immer fähiger, eine neue Pflanze aus mir herauszuschaffen. Aber der Keim weiß, dass sich die alte Pflanze dem Absterben weiht. Er weiß: Ich nehme ihre Kraft; nur dadurch kann ich als Keim gedeihen, dass ich die Blätter zum Abfallen, die Blüten zum Welken bringe. Das alles muss seine Bedeutung verlieren, dann kann ich als Keim mich entwickeln.
[ 17 ] If I were to describe what one experiences inwardly here, I would have to resort to concepts and comparisons—but these carry a deeper meaning than ordinary comparisons, and may seem unfamiliar at first. Let us suppose a plant were to grow out of the ground, developing leaves and flowers until it bears fruit. Within this plant lies the very force that ultimately brings forth the seed. Let us suppose that the seed could become conscious as the plant grows in this way. Let us suppose that the seed would have to experience the sensation: I am becoming ever more powerful, ever more capable of bringing forth a new plant from within myself. But the seed knows that the old plant is destined to die. It knows: I am taking its strength; I can thrive as a seed only by causing the leaves to fall and the flowers to wither. All of this must lose its meaning; only then can I, as a seed, develop.
[ 18 ] So ist es auch, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man auf die geschilderte Weise sich hineinlebt in das Geistig-Seelische, das nun leibfrei geworden ist. Man fühlt, wie wenn man sich in ein Element hineinlebt, welches immer auf dem Grunde der Seele ist, aber das ganze menschliche Leben zwischen Geburt und Tod hindurch in sich eigentlich zerstörende Kräfte hat; Kräfte, die allmählich den Menschen absterben lassen, den Menschen so wie er im physischen Leben ist, dem Tod entgegenführen. Man kann nicht auf diesen Vorgang im Grunde der menschlichen Seele schauen, man kann es nicht, ohne dass man in einem bestimmten Moment die Gründe vor das geistige Auge geführt hat, welche im Menschen vorhanden sind als Gründe des über ihn im physischen Leben einmal kommenden Todes.
[ 18 ] This is also the case, my esteemed audience, when one immerses oneself in the spiritual-soul aspect—which has now become free of the body—in the manner described. One feels as if one were immersing oneself in an element that is always at the very core of the soul, but which, throughout the entire human life between birth and death, contains forces that are actually destructive; forces that gradually cause the human being to wither away, leading the human being—as he is in physical life—toward death. One cannot look upon this process at the very depths of the human soul; one cannot do so without, at a certain moment, having brought before the mind’s eye the causes that exist within the human being as the reasons for the death that will one day come upon him in physical life.
[ 19 ] Daher ist für diejenigen, die im Laufe der Jahrhunderte über diesen Vorgang etwas gewusst haben, das Erlebnis, das da gemeint ist, so, dass sie gesagt haben: Man gelange an die Pforte des Todes; man mache sich bekannt, wenn so das Geistig-Seelische sich herauslöst aus dem Leiblichen, dass man durch das Beste, was man hat im alltäglichen Leben, durch das, was unser innerlichstes Lebensgut ist, fortwährend zerrt und lähmt an dem Physisch-Leiblichen. Das ist uns gnadenvoll verborgen im gewöhnlichen Leben. Da genießen wir nur die Frucht. Wir merken, wir können denken und empfinden. Der Geistesforscher hat die Entdeckung gemacht, wenn er dasjenige, was dem Denken und Empfinden zugrunde liegt, wirklich aus seinem Leibe heraushebt, dass es das ist, was fortwährend eigentlich den Leib verzehrt, was als Denkkraft, als Empfindungskraft, als Willenskraft im Menschen lebt. In seiner wirklichen Gestalt ist es dasjenige, welches die zerstörenden Kräfte des Leibes birgt und welches zuletzt wirklich sich in den Tod zusammenkonzentriert.
[ 19 ] Therefore, for those who have known something about this process over the centuries, the experience referred to here is such that they have said: One reaches the gates of death; one comes to realize, when the spiritual-soul aspect detaches itself from the physical body, that through the very best we possess in everyday life—through what is our innermost life essence—we are constantly tugging at and paralyzing the physical body. This is graciously hidden from us in ordinary life. There we merely enjoy the fruit. We realize that we can think and feel. The spiritual researcher has discovered that when he truly isolates from his body that which underlies thinking and feeling, it is precisely this that is constantly consuming the body—that which lives within the human being as the power of thought, the power of feeling, and the power of will. In its true form, it is that which harbors the destructive forces of the body and which ultimately truly converges into death.
[ 20 ] Sie können verstehen, dass die weisen Führer der Welt Grund genug hatten, für das gewöhnliche Leben einen Schleier zu ziehen vor diese Vorgänge. Aber wer die Wahrheit erforschen will, darf keine Furcht haben vor der wahren Gestaltung desjenigen, was in den Untergründen des Seelischen wirkt und immer vorhanden ist. Deshalb spricht man von einer Ohnmacht, die über einen kommt, wenn man bis zu einem gewissen Punkte in dem innerlich konzentrierten Seelenleben den geistesforscherischen Weg beschritten hat. Und hat man alles getan, um weiter auf diesem Wege zu schreiten, dann verstärken sich die Kräfte, dann kommt man endlich dahin, diese innerliche Ohnmacht zu überwinden und voll bewusst drinnen zu leben in dem Geistig-Seelischen, das jetzt aber von dem Physisch-Leiblichen sich abgetrennt hat, außer dem Leibe lebt im Geistig-Seelischen. Ausdrücklich betont muss nun werden, dass so, wie im Allgemeinen der Geistesforscher gut kennt, was widerspricht vonseiten der naturwissenschaftlichen Weltanschauung demjenigen, was er geltend zu machen hat, so gut kennt er auch dasjenige, was im Einzelnen eingewendet werden kann gegen das, was er vorzubringen hat.
[ 20 ] You can understand that the world’s wise leaders had good reason to draw a veil over these processes from ordinary life. But anyone who wishes to seek the truth must not fear the true nature of what is at work in the depths of the soul and is always present there. That is why people speak of a sense of powerlessness that comes over one when, through inner concentration in one’s soul life, one has followed the path of spiritual research to a certain point. And once one has done everything necessary to continue on this path, the forces strengthen; one finally reaches the point of overcoming this inner powerlessness and living fully and consciously within the spiritual-soul realm—which has now separated itself from the physical-bodily realm and exists outside the body in the spiritual-soul realm. It must now be expressly emphasized that just as the spiritual researcher generally knows well what aspects of the scientific worldview contradict what he has to assert, so too does he know well the specific objections that can be raised against what he has to present.
[ 21 ] So weiß der Geistesforscher ganz gut, dass der im äußerlichen Sinne medizinisch oder naturwissenschaftlich Gebildete sagen kann: Ja, das kennen wir gut, was du uns da sagst, dass der Mensch, wenn er sich hypnotisiert oder eine bestimmte Vorstellung suggeriert, in einen Zustand kommt, in dem er dann in einem abnormen Bewusstsein lebt, in einem krankhaften Zustand. Aber wir wissen auch, dass ein solcher Zustand nicht zu irgendetwas Gesundem, zu irgendeiner wahren Erkenntnis führen kann. Das, was in dieser Weise die Wissenschaft und der naturwissenschaftlich Gebildete einwenden kann, das kennt aber der Geistesforscher sehr gut. Aber derjenige, der solche Einwendungen der Geisteswissenschaft gegenüber macht, der ist nicht bekannt mit dem, was die Geistesforschung vorbringt, damit gerade der Weg, den der Mediziner und der Naturforscher kennt, nicht beschritten werde. Denn dasjenige, was der Mediziner, was der Naturwissenschaftler kennt und in der eben besprochenen Weise charakterisiert, das vermeidet gerade der Geistesforscher, denn das alles ist in gewisser Art noch an den Leib gebunden. Die Ohnmacht, von der gesprochen worden ist, all das Erschütternde, das die Seele durchmacht, das wird erlebt rein im Geistig-Seelischen, zu dem wird das Leibliche gar nicht in Anspruch genommen.
[ 21 ] The spiritual researcher knows full well that someone with an external, medical, or scientific education might say: “Yes, we’re well aware of what you’re telling us—that when a person hypnotizes themselves or suggests a certain idea to themselves, they enter a state in which they then live in an abnormal state of consciousness, a pathological condition. But we also know that such a state cannot lead to anything healthy or to any true insight.” The spiritual researcher is well aware of the objections that science and those educated in the natural sciences might raise in this way. But those who raise such objections to spiritual science are unfamiliar with what spiritual research sets out to achieve—precisely so that the path known to physicians and natural scientists is not followed. For what the physician and the natural scientist know and characterize in the manner just discussed is precisely what the spiritual researcher avoids, because all of that is, in a certain sense, still bound to the body. The powerlessness that has been spoken of—all the turmoil that the soul undergoes—is experienced purely in the spiritual-soul realm; the physical body is not involved in this at all.
[ 22 ] Wer die Methoden der Geistesforschung kennt, der wird finden, dass dasjenige, was die Geistesforschung gibt als ihre Methoden und was nach der Gesundung der Seele hin liegt, entgegengesetzt von dem ist, was der Mediziner oder der Naturwissenschaftler als diesem Konzentrieren und Meditieren zugrunde liegend glaubt. Denn alles, was da erlebt wird, es wird nicht so erlebt wie der hypnotisierte Zustand oder die Suggestion, sondern es beruht gerade darauf, dass das Seelisch-Geistige frei wird von dem, was man hypnotisieren kann oder zur Suggestion kommt. Dasjenige, was da gerade eingeschläfert wird, wenn man jemand in Hypnose versetzt, dasjenige, was ausgeschaltet wird, wenn man Suggestionsvorstellungen jemanden gibt, gerade das wird verlebendigt, gerade das wird erstarkt in der Geistesforschung, und es wird ausgeschaltet dasjenige, worin wie in einem Automaten ausgewirkt wird, was der Hypnotiseur oder der Suggerierende vornehmen. In der Hypnose und bei der Suggestion ist dasjenige gerade einzuschläfern, was in der Geistesforschung erweckt wird. Ich kann alle diese Dinge nur andeuten; alles Weitere können Sie in meinen Büchern und in unserer Literatur überhaupt nachlesen.
[ 22 ] Anyone familiar with the methods of spiritual research will find that what spiritual research presents as its methods—and what leads to the healing of the soul—is the opposite of what the physician or natural scientist believes to be the basis of this concentration and meditation. For everything that is experienced there is not experienced in the same way as a hypnotic state or suggestion; rather, it is based precisely on the soul-spiritual being becoming free from that which can be hypnotized or subjected to suggestion. That which is lulled to sleep when someone is put under hypnosis—that which is shut down when suggestive ideas are implanted in someone—is precisely what is enlivened and strengthened in spiritual science; and what is shut down is that which acts out, as in an automaton, what the hypnotist or the one giving suggestions intends. In hypnosis and suggestion, what is put to sleep is precisely what is awakened in spiritual science. I can only hint at all these things; you can read more about them in my books and in our literature in general.
[ 23 ] Wenn nun der Geistesforscher so, wie es beschrieben worden ist, seinen Weg fortsetzt, so kommt er zu einem wirklichen Erleben eines geistig-seelischen Kernes. Diesen geistig-seelischen Kern, man könnte ihn wieder mit etwas Äußerlichem vergleichen; man könnte ihn mit dem Pflanzenkeim vergleichen, der sich aus den Kräften, die in der Pflanze allmählich heraufsteigen, bildet, über die Laubblätter, die Blütenblätter hinaus bildet, und der dann zu einer neuen Pflanze wird. So kann die Geisteswissenschaft beim Menschen von einem geistig-seelischen Kern sprechen. Aber hier muss ich besonders darauf aufmerksam machen, dass der ganze Vorgang der Geistesforschung ein Erkenntnisvorgang ist. Dasjenige, was der Geistesforscher entdeckt, das ruft er nicht dadurch hervor, dass er die Methoden in sich ausbildet. Alle die Methoden, die er so in sich ausbildet, die führen zu nichts Neuem in der menschlichen Seele, sondern nur zu einer Erkenntnis dessen, was in der menschlichen Seele da ist. Dasjenige, was da vom Geistesforscher entdeckt wird, wir können sagen der Pflanzenkeim wird dadurch in keiner einzigen Eigenschaft anders, dass ich ihn anschaue. Ebenso wenig wird das, was auf dem Grunde der Seele liegt und nur für das alltägliche Leben zugedeckt wird, anders dadurch, dass der Geistesforscher seine Methoden anwendet auf die eigene Seele. Er schaut nur auf das hin, was im Grunde in der Seele ist. Es ist also dieser geistig-seelische Kern im Grunde einer jeden Menschenseele. Der Geistesforscher entdeckt nur, dass er diesen geistig-seelischen Kern in seiner Seele trägt wie der Pflanzenkeim, der von einer zur anderen Pflanze wächst.
[ 23 ] If the spiritual researcher continues on this path as described, he will come to a genuine experience of a spiritual-soul core. This spiritual-soul core could again be compared to something external; it could be compared to a plant seed that forms from the forces gradually rising within the plant, developing beyond the leaves and petals, and then becoming a new plant. In this way, spiritual science can speak of a spiritual-soul core in human beings. But here I must draw particular attention to the fact that the entire process of spiritual research is a process of cognition. What the spiritual researcher discovers is not brought about by his developing the methods within himself. All the methods he develops in this way lead to nothing new in the human soul, but only to a recognition of what is already present in the human soul. What the spiritual researcher discovers—we can say—is no different in any single respect from a plant seed simply because I look at it. Nor does what lies at the foundation of the soul—and is merely veiled for everyday life—change simply because the spiritual researcher applies his methods to his own soul. He merely looks at what is fundamentally present in the soul. It is, therefore, this spiritual-soul core at the very foundation of every human soul. The spiritual researcher merely discovers that he carries this spiritual-soul core within his soul, just as the plant seed grows from one plant to another.
[ 24 ] Er weiß, dass damit gefunden ist dasjenige, was durch Geburten und Tode geht, was vor der Geburt in einer geistig-seelischen Welt vorhanden war, was herabgestiegen ist aus der geistigen Welt, dass es nicht hervorgerufen wird durch leiblich-physische Vorgänge, sondern dass es selbst, indem es im Leibe lebt, an der Gestaltung des Leibes arbeitet; dass es dann wiederum durch die Pforte des Todes in eine geistige Welt hineingeht, nachdem es zwischen der Geburt und dem Tode am Leibesleben gewirkt und gewebt ist. Darin besteht das Wesentliche der Geisteswissenschaft, dass dieser geistig-seelische Kern des Menschen wirklich angeschaut wird.
[ 24 ] He knows that this is what passes through births and deaths, what existed in a spiritual-soul world before birth, what descended from the spiritual world; that it is not brought about by physical processes, but that it itself, by living in the body, works to shape the body; that it then, in turn, passes through the gate of death into a spiritual world, after having worked and woven itself into bodily life between birth and death. This is the essence of spiritual science: that this spiritual-soul core of the human being is truly beheld.
[ 25 ] Wenn man das Leben in Meditation und Konzentration nun fortsetzt, namentlich nach der Willensseite hin, dieses intime Seelenleben fortsetzt, dann merkt man [noch] etwas anderes. Allerdings ist es nötig, dass man gerade so intim innerlich lebendig den Willen behandelt, wie man den Gedanken beim Meditieren und Konzentrieren behandelt, in der angezogenen Weise, die eben geschildert worden ist. Dazu möchte ich, um es klarzumachen, das Folgende sagen. Es ist etwas Einfaches, denn diese Dinge gehen immer von etwas Einfachem aus; die ersten Schritte schließen sich an an das gewöhnliche Leben. Nur dann, wenn wir den Weg mit innerer Tatkraft energisch verfolgen, ist das Ende jenes Erschütternde, von dem ich gesprochen habe.
[ 25 ] If one continues this life of meditation and concentration—particularly in regard to the will—and carries on this intimate inner life, then one notices [yet] something else. However, it is necessary to approach the will with just as much inner vitality and intimacy as one approaches thoughts during meditation and concentration—in the focused manner just described. To clarify this, I would like to say the following. It is a simple matter, for these things always begin with something simple; the first steps follow on from ordinary life. Only when we energetically pursue the path with inner drive does the end result in that profound experience of which I have spoken.
[ 26 ] Wir können uns die einfache Überlegung vor die Seele führen, wie wir denn eigentlich in unserem Schicksal stehen. Wir erleben es ja im alltäglichen Leben so, dass wir das, was uns zur Freude, zum Schmerz, zur Entsagung, zu Lebensmut wird, dass wir das durch äußere Verhältnisse an uns herankommen sehen. Im Grunde verhält sich im alltäglichen Leben der Mensch zu diesen Schicksalszufällen, wie sich der Mensch auch verhält zu Naturereignissen. Wer noch keine Ahnung von den Naturgesetzen hat, sieht, wie die Sonne aufsteigt und untergeht, wie die Sterne aufsteigen am nächtlichen Himmel, die Vorgänge, die sich sonst außer ihm entwickeln; er sucht keinen gesetzmäßigen Zusammenhang darin, er schaut sie nur an. Nun kommt der Mensch durch naturwissenschaftliche Erkenntnis dahin, Gesetze zu sehen in diesen aufeinanderfolgenden Tatsachen und Vorgängen. Wenn wir heute im Laufe der Menschheitsentwicklung so weit sind, dass jeder Gebildete anerkennt, dass man die äußeren Tatsachen, die Naturvorgänge durch gesetzmäßige Zusammenhänge erkennen kann, so stehen wir erst beim Ausgangspunkte der Zeit, die sich entschließen wird, nun auch dasjenige, was als sogenannte Lebensschicksale abläuft, so zu durchschauen, dass man darin einen Zusammenhang findet. Wie kann man diesen Zusammenhang finden? Allerdings nicht auf so abstrakte Weise, dass man nach Gesetzen forscht wie in der Naturforschung und in der Geschichte. Das hängt auch zusammen mit einem Hingeben der forscherischen menschlich-seelischen Kräfte. Aber, wie gesagt, vom Einfachen ausgehend können wir diese beiden Wege in die geistige Welt hinein klarmachen.
[ 26 ] We can reflect on the simple question of where we actually stand in our destiny. After all, in everyday life we experience that whatever brings us joy, pain, self-denial, or courage to face life—we see these things coming to us through external circumstances. Essentially, in everyday life, people relate to these twists of fate in the same way they relate to natural phenomena. Those who have no understanding yet of the laws of nature see how the sun rises and sets, how the stars appear in the night sky—the processes that unfold independently of them; they do not seek a lawful connection in them, they merely observe them. Now, through scientific knowledge, human beings come to recognize laws in these successive facts and processes. If, in the course of human development, we have now reached the point where every educated person recognizes that external facts and natural processes can be understood through lawful connections, then we are only at the starting point of an era that will resolve to gain insight into what unfolds as so-called “fates of life” in such a way as to find a connection within them. How can this connection be found? Certainly not in such an abstract way that one searches for laws as in natural science and history. This also involves a surrender of the human-spiritual powers of inquiry. But, as I said, starting from the simple, we can clarify these two paths into the spiritual world.
[ 27 ] Wenn wir uns fragen: Was sind wir als Menschen, die wir dieses oder jenes können, die wir uns Fähigkeiten angeeignet haben? Wenn wir nachdenken, wodurch wir solche Fähigkeiten haben, wodurch wir dasjenige, was wir können, uns angeeignet haben, so werden wir zurückkommen in die frühere Zeit unseres jetzigen Lebens. Wenn wir nicht gedankenlos unser Leben überblicken, sondern wenn wir uns wirklich gründlich in diese Zusammenhänge des Lebens hineinversetzen, müssen wir uns sagen: Ich würde jetzt irgendetwas, was ich kann, nicht können, wenn nicht zwischen dem zehnten bis zwanzigsten Jahr gerade diese oder jene Schicksalszufälle an mich herangekommen wären. Dadurch, dass mich dieses oder jenes getroffen hat, an meiner Seele gearbeitet hat, habe ich diese Fähigkeiten erhalten. Und wenn man diesen Gedankengang weiterführt, so kommt man darauf, dass man eigentlich dasjenige, was man ist, seinem Schicksal verdankt, dass durch das Schicksal zusammengeflossen ist, was jetzt unser ganzes Selbst ist. Das, was das Selbst für die Welt ist, ist das, was man kann. Und einen innigen Zusammenhang wird man finden zwischen dem, was man versteht, und dem, was man einstmals als Lebensschicksale erfahren hat. Und wenn man mit diesem Gedankengang nicht bloß eine Verstandesübung macht, sondern mit der ganzen Seele, also empfindend und innerlich wollend, das ganze Gemüt an dieses Wollen hingebend, sich versenkt in einen solchen Erlebensvorgang, dann wächst das, was man ist, alles dieses wächst über einen hinaus und wächst in das Schicksal hinein. Man sagt sich: Das Schicksal ist das, was uns selbst trägt. Wie das Meer den Eisberg auf seinen Wellen trägt, so trägt das Schicksal, das wir überblicken, unser Selbst heran. Unser Schicksal hat es zu dem gemacht, was es jetzt ist. Das kann der Anfang sein eines solchen innerlichen Erlebens.
[ 27 ] When we ask ourselves: What are we as human beings who can do this or that, who have acquired certain abilities? When we reflect on how we came to possess such abilities—how we acquired the things we can do—we will find ourselves returning to an earlier time in our present life. If we do not merely glance thoughtlessly over our lives, but truly immerse ourselves in these connections of life, we must admit to ourselves: I would not be able to do anything I can do now if it were not for the fact that, between the ages of ten and twenty, precisely these or those twists of fate had befallen me. It is because this or that event affected me and worked upon my soul that I have acquired these abilities. And if one follows this line of thought further, one comes to the realization that what one is is actually owed to one’s destiny—that what now constitutes our entire self has been brought together by destiny. What the self is to the world is what one is capable of. And one will find a deep connection between what one understands and what one once experienced as the vicissitudes of life. And if one engages in this line of thought not merely as an intellectual exercise, but with one’s whole soul—that is, feeling and inwardly willing, devoting one’s entire mind to this will—and immerses oneself in such a process of experience, then what one is—all of this—grows beyond oneself and into destiny. One says to oneself: Destiny is what carries us. Just as the sea carries the iceberg on its waves, so does the destiny we survey carry our very self forward. Our destiny has made it what it is now. This can be the beginning of such an inner experience.
[ 28 ] Aber wenn man dieses innere Erleben nicht, wie man im äußeren Dasein gewohnt ist, etwa nur einmal an sich vorüberhuschen lässt, sondern es immer wieder und wiederum als geistig-seelisches Erlebnis sich vollziehen lässt, wenn man es immer wiederum wiederholt, dann geht die Sache noch viel weiter. Dann wird daraus ein geistig-seelisches Erlebnis entstehen, das unabhängig vom Leibe ist, wie die vorher geschilderten Vorgänge, nur dass dieses Erlebnis ganz anders ist. Es zeigt uns jetzt, wie wir nicht in unseren geistig-seelischen Kern so eigentlich hineinwachsen, sondern zusammenwachsend uns vorstellen müssen mit dem ganzen Universum, wir fließen gleichsam in unser ganzes Universum aus. Und wir entdecken, nicht jetzt in uns, sondern in der Welt draußen, in der wir vorher nur Gegenstände wahrnahmen, die außerhalb von uns sind, unser Selbst. Es ist wiederum ein weiter Weg. Wir wissen also das, was wir sonst gewohnt sind, in uns zu finden, von der Welt zu empfangen, [wir müssen es verlieren]; wir müssen uns wirklich verlieren in der Art, wie wir immer sind, und wir müssen uns neu empfangen von der geistigen Welt, in der wir jetzt sind.
[ 28 ] But if one does not simply let this inner experience flit by—as one is accustomed to doing in external life—but instead allows it to unfold again and again as a spiritual-soul experience, if one repeats it over and over, then the matter goes much further. Then a spiritual-psychic experience will arise from this that is independent of the body, just like the processes described earlier, only this experience is entirely different. It now shows us that we do not actually grow into our spiritual-psychic core, but must imagine ourselves growing together with the entire universe; we flow, as it were, out into our entire universe. And we discover our true self—not now within ourselves, but in the world outside, where we previously perceived only objects that are external to us. It is, once again, a long journey. So we realize that what we are otherwise accustomed to finding within ourselves, to receiving from the world, [we must lose]; we must truly lose ourselves in the way we always are, and we must receive ourselves anew from the spiritual world in which we now find ourselves.
[ 29 ] Vor diesem Erlebnis hat der Mensch wiederum auf dem Grund seiner Seele eine unbewusste Abneigung. Dieses Erlebnis zu haben, davor hat der Mensch eine gewisse Furcht, nur kommt ihm das nicht zum Bewusstsein. Vieles ist in unserer Seele, was nicht heraufkommt in unser Bewusstsein. Aber diese Furcht, sie wird auch wiederum durch einen Schleier verdeckt. Denn wir entdecken, wie wir vorher uns fühlen konnten wie der Pflanzenkeim [Lücke im Text] Wenn er gerade sich stark fühlt, wenn man wie eine Ohnmacht erlebte, so fühlt man jetzt sich allerdings nicht wie herausgehoben, also nicht so, wie bei der früheren Übung, wie wenn man den Boden unter den Füßen verlöre, sondern jetzt fühlt man sich wie verzaubert, wie versteinert, erstarrt; man fühlt, wie alles das, was in uns als Leben ist, wie zu Stein erstarrt, wie eine Steinmasse, die nicht weiterkommt im Weltendasein. Jetzt merkt man, man lernt immer mehr und mehr unterscheiden: Das Starre zeigt etwas, was immer weitergehen will bis in den Tod hinein und was, man erkennt es ihm an, durch die Pforte des Todes durchgehen will, in eine geistige Welt hineingehen will.
[ 29 ] Even before this experience, human beings harbor an unconscious aversion deep within their souls. They feel a certain fear of having this experience, though they are not consciously aware of it. There is much within our souls that does not rise to the surface of our consciousness. But this fear, too, is veiled. For we discover how we could previously feel like a plant seed [gap in the text]. Whereas before, when one felt strong, one might have experienced a sense of powerlessness; now, however, one does not feel as if lifted up—that is, not as in the earlier exercise, as if losing the ground beneath one’s feet—but rather one feels enchanted, petrified, frozen; one feels how everything within us that is life seems to harden into stone, like a mass of stone that cannot move forward in worldly existence. Now one realizes that one is learning to distinguish more and more clearly: The rigidity reveals something that wants to continue onward even into death and which—as one can tell—wants to pass through the gate of death, to enter a spiritual world.
[ 30 ] Es ist etwas, was in uns die Gewähr trägt, dass unser Dasein mit dem Tode nicht abschließt, sondern, wie die Pflanze den Keim zu einer neuen Pflanze in sich trägt, den Keim in sich trägt zu einem späteren geistigen Leben, um dann zu einem neuen Erdenleben wiederum zurückzukehren. Was man auf diese Weise erlebt, das ist etwa so zu schildern: In einem Jahr merkt man diese Erstarrung; nach einigen Jahren wiederum, man findet die Lebensresultate noch mehr erstarrt; nach weiteren Jahren hat man das Erlebnis des noch härteren, und man entdeckt schließlich in dem, was man so erlebt, dasjenige, was man aus der geistigen Welt hereingebracht hat durch die Geburt; was man von früheren Erdenleben herübergebracht hat in dieses Leben und was sich loslöst, sich aufzehrt im gegenwärtigen Leben; was dazu getrieben ist, zwischen Geburt und Tod den Leib zu bilden, das gewöhnliche Leben zwischen Geburt und Tod auszufüllen. Man erlebt, wie auf dem Grunde der Seele im Unterbewussten zusammenstößt dasjenige, was vor dem jetzigen Erdenleben liegt, und dasjenige, was nach dem jetzigen Erdenleben liegen wird. Und man merkt auf dem Grunde der Seele die Ohnmacht desjenigen, was jetzt noch nicht leben kann, kämpfend mit dem, was jetzt nicht mehr leben kann.
[ 30 ] There is something within us that assures us that our existence does not end with death, but—just as a plant carries within itself the seed of a new plant—carries within itself the seed of a future spiritual life, only to return once again to a new earthly life. What one experiences in this way can be described roughly as follows: In one year, one notices this rigidity; after a few years, one finds the results of one’s life even more rigid; after still more years, one experiences an even greater rigidity, and one finally discovers in what one experiences in this way that which one brought in from the spiritual world at birth; what one has brought over from previous earthly lives into this life and what is breaking away, being consumed in the present life; what is driven to form the body between birth and death, to fill the ordinary life between birth and death. One experiences how, at the depths of the soul in the subconscious, that which lies before the present earthly life collides with that which will lie after it. And one perceives, at the depths of the soul, the powerlessness of that which cannot yet live, struggling against that which can no longer live.
[ 31 ] Und indem man diesen Kampf auf dem Grunde seiner Seele entdeckt, da beginnt man zu wissen, was dieses Menschenleben eigentlich ist. Da beginnt man zu wissen, dass dieses Menschenleben uns zwar die Güter bringt, die wir vor allen Dingen wertvoll halten im gewöhnlichen Menschenleben. Aber man merkt zugleich, dass diese Güter, alles, was wir im Wachzustand durchleben, sich aufbaut auf einem Kampfe, der im Untergrund der Seele waltet. Zunächst ist das Anschauen das Schwierige, das Anschauen dieses Kampfes. Und wenn ein Philosoph von Grenzen des Erkennens spricht, so weiß er im Grunde genommen nicht, von was er spricht. Von was spricht er? Dasjenige, was ich geschildert habe als herannahende Ohnmacht, die man nicht über sich kommen lassen will; dasjenige, was ich geschildert habe als Furcht, vor der man zurückbebt, das kommt nicht in das Bewusstsein herauf; der Philosoph will es nicht heraufkommen lassen. Er tut alles, um es hinunterzudrücken, und er maskiert sich das, indem er sagt: Der Mensch kann die Welt nicht erkennen. Er kann sie nicht erkennen, ohne dass er durch Ohnmacht und Furcht den Weg nimmt. Aber dieser Weg soll vermieden werden. Und indem man sich dies nicht eingesteht, statuiert man: Das menschliche Erkennen kann nicht weiter kommen als dahin, wo es Kant als an seiner Grenze geschildert hat.
[ 31 ] And when one discovers this struggle deep within one’s soul, that is when one begins to understand what human life truly is. That is when one begins to realize that, while human life does indeed bring us the things we value above all else in ordinary human existence, But at the same time, one realizes that these goods—everything we experience while awake—are built upon a struggle that rages in the depths of the soul. At first, the difficult part is seeing it—seeing this struggle. And when a philosopher speaks of the limits of knowledge, he does not really know what he is talking about. What is he talking about? That which I have described as an approaching powerlessness that one does not want to let overcome oneself; that which I have described as a fear from which one recoils—this does not rise into consciousness; the philosopher does not want to let it rise. He does everything to suppress it, and he masks this by saying: Human beings cannot know the world. One cannot know it without taking the path through powerlessness and fear. But this path is to be avoided. And by refusing to admit this to oneself, one asserts: Human knowledge cannot go further than where Kant described its limits.
[ 32 ] Aber der wahre Grund von dem Fixieren der Grenzen der Erkenntnis liegt in dem, was ich eben ausgeführt habe. Aber wenn man wirklich hinschaut auf das auf dem Grunde der Seele Vorgehende, dann begegnet man nicht etwa einer kleinmütigen oder verzagten Anschauung vom Leben, sondern man weiß, dass dieses Leben, selbst das alltäglichste Leben, das der einfachste Mensch führen kann, darauf beruht, dass in seiner Seele unendlich viel vorgeht. Ja, das Leben, das wir im Denken, Empfinden, Wollen für unsere alltäglichen Verrichtungen anwenden, das muss durch geistig-seelische Mächte, die unter der Schwelle des Bewusstseins liegen, hervorgerufen werden in einem echten Kampfe; das muss errungen werden durch einen großen, gewaltigen Sieg. Dass wir als Mensch zwischen Geburt und Tod leben können, das ist verdankt dem Sieg der Mächte, die so in uns walten, wie es beschrieben worden ist. Der Weg der Geistesforschung, er ist ein entsagungsvoller. Aber das Ergebnis ist ein solches, dass es uns Seelenerstarkung gibt, weil wir innerlich erfahren, dass wir nicht Mensch sein könnten, wenn nicht uns unbekannte geistige Mächte Gewaltiges zu vollbringen haben, um uns zu dem zu führen, was wir im alltäglichen Leben sind.
[ 32 ] But the true reason for setting the limits of knowledge lies in what I have just explained. But when one truly looks at what is taking place at the depths of the soul, one does not encounter a timid or despondent view of life; rather, one knows that this life—even the most ordinary life that the simplest person might lead—is based on the fact that an infinite amount is taking place within their soul. Yes, the life we apply in thinking, feeling, and willing for our everyday activities must be brought about through spiritual and soul forces lying below the threshold of consciousness in a genuine struggle; it must be won through a great, mighty victory. The fact that we, as human beings, can live between birth and death is due to the victory of the forces that reign within us as has been described. The path of spiritual research is one of self-denial. But the result is such that it strengthens our souls, because we experience inwardly that we could not be human unless spiritual powers unknown to us had to accomplish something mighty in order to lead us to what we are in everyday life.
[ 33 ] Vertrauen, Glaube, Hoffnung erobern wir uns als Seelenstärke, wenn wir die Erkenntnisse der Geistesforschung auf uns wirken lassen. Und der Einwand ist nicht berechtigt, der etwa darin bestünde, dass man sagt: Ja, das alles kann aber nur der Geistesforscher erleben. Nein, so ist es nicht. So, wie der Chemiker im Laboratorium seine Versuche macht und die anderen Menschen nicht dabei sind, so macht der Geistesforscher diejenigen Versuche in seinem geistig-seelischen Laboratorium, solche Versuche, wie sie eben angedeutet worden sind. Und so, wie der Chemiker dasjenige, was er erforscht, dem Nutzen der Allgemeinheit übergibt, so kann der Geistesforscher dasjenige, was er erforscht hat, hinstellen in geeigneter Art vor seine Mitmenschen. Und wie man nicht Chemiker zu sein braucht, um die Produkte und ihren Nutzen zu haben, die der Chemiker erzeugt, so braucht man nicht ein Geistesforscher zu sein, um dasjenige einzusehen — ich sage jetzt «einzusehen», nicht bloß «Nutzen zu haben» —, was der Geistesforscher in seinem Geisteslaboratorium hervorbringt, wenn man nur die Vorurteile überwindet, die von dem Hängen an den üblichen Denkgewohnheiten kommen.
[ 33 ] We cultivate trust, faith, and hope as strengths of the soul when we allow the insights of spiritual research to take effect within us. And the objection—which might consist, for example, in saying, “Yes, but only the spiritual researcher can experience all of this”—is not valid. No, that is not the case. Just as the chemist conducts his experiments in the laboratory without other people present, so too does the spiritual researcher conduct those experiments—the kinds just described—in his spiritual-soul laboratory. And just as the chemist makes the results of his research available for the benefit of the general public, so the spiritual researcher can present the results of his research to his fellow human beings in an appropriate manner. And just as one need not be a chemist to benefit from the products and their uses that the chemist produces, so one need not be a spiritual researcher to understand—I say “understand,” not merely “benefit from” —that the spiritual researcher produces in his spiritual laboratory, provided one overcomes the prejudices that arise from clinging to habitual ways of thinking.
[ 34 ] Das ist es eben, was immer wiederum gesagt werden muss: Um die Dinge zu erforschen, um hineinzusehen in dasjenige, was hinter dem Leben webt und west, braucht man die Geistesforschung. Wenn die Dinge aber einmal erforscht sind und hingestellt werden durch den Geistesforscher in Worten der gewöhnlichen Sprache, dann ist es nur das Vorurteil, das man sich anerzogen hat durch die gewöhnliche Wissenschaft, welches einem immer wiederum sagt: Das ist nicht wahr. Denn die Geisteswissenschaft appelliert an dasjenige, was als natürliches Wahrheitsgefühl dem Menschen nicht nur anerzogen, sondern angeboren ist. Und die Zeit wird kommen, ganz sicher wird die Zeit kommen, in welcher die Menschen nicht begreifen werden, dass man sich einst gesträubt hat gegen die Ergebnisse der Geisteswissenschaft. Dann wird man sich sagen: Ja, dass man das nicht eingesehen hat, was die Geistesforscher sagten, was sie vor die Menschen hinstellten als Resultate ihrer Forschungen, daran war nur schuld, dass man gewöhnt war durch landläufig gewordene wissenschaftliche Methoden, nur dasjenige gelten zu lassen, was man «wissenschaftlich» nannte, und dass man nicht darauf eingehen wollte, unbefangen nachzudenken über dasjenige, was die Geistesforscher sagten. Nur dadurch hat man es nicht eingesehen.
[ 34 ] That is precisely what must be said time and again: To explore these things, to look into what weaves and stirs behind life, one needs spiritual research. But once these things have been explored and presented by the spiritual scientist in the language of everyday speech, it is only the prejudice one has acquired through conventional science that keeps telling one: “That is not true.” For spiritual science appeals to that which, as a natural sense of truth, is not merely instilled in human beings but is innate. And the time will come—it will most certainly come—when people will not understand that there was once resistance to the findings of spiritual science. Then they will say to themselves: “Yes, the only reason people did not understand what the spiritual researchers said—what they presented to the public as the results of their research—was that they were accustomed, through scientific methods that had become commonplace, to accepting only what was called “scientific,” and that they were unwilling to engage in unbiased reflection on what the spiritual researchers said. That is the only reason why it was not understood.
[ 35 ] Obzwar — wie Sie das in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» nachlesen können — jeder bis zu einem gewissen Grade ein Geistesforscher werden kann, so weit wenigstens, dass er auch durch innere Entwicklung der Seele das als wahr anerkennen kann, was der Geistesforscher auf seinem Wege findet, so braucht er es doch nicht zu sein. Sondern durch gewöhnlichen, gesunden Menschenverstand, wenn er nur nicht durch Vorurteile getrübt ist, ist das einzusehen, was die Geistesforschung zu sagen hat. Und der Geistesforscher muss selbst sagen: Er versenkt sich in die Art und Weise, wie sich die geistige Kultur entwickelt hat in der Welt, und weiß dann, dass die Wahrheit und die Wahrheitserkenntnis ihren Weg finden wird durch alle Vorurteile hindurch. Heute kann derjenige, der da hängt an den gewöhnlichen Vorstellungen der Wissenschaft, ganz begreiflicherweise kommen und sagen: Ja, was da solch ein phantastischer Geistesforscher sagt, das widerstrebt dem gesunden Menschenverstand, den gesunden fünf Sinnen! Ja, als Kopernikus kam und erklärte: Die Erde bewegt sich, nicht die Sonne; die Erde bewegt sich um die Sonne; die Erde bleibt nicht stehen und wird von Sonne und Sternen umkreist, sondern das wird nur vorgetäuscht durch die Bewegung der Erde — da war das so, dass es dem widersprach, was bis dahin die gesunden fünf Sinne stets geglaubt hatten. Schon das äußere Weltbild konnte nur darauf aufgebaut werden, dass man nicht mehr auf die fünf Sinne vertraute. Auch daran hat sich die Menschheit gewöhnt, wenn es auch lange gedauert hat. Und so wird sie sich auch gewöhnen müssen an dasjenige, was Geisteswissenschaft zu verkündigen hat. Erinnern kann man an dasjenige, was Giordano Bruno ausgesprochen hat, als er in seiner tief empfindenden Seele dasjenige anschaute, was Kopernikus der Menschheit gebracht hat, erinnern kann man daran, wie er sagte: Ihr Menschen schaut da hinauf und scht das blaue Himmelsgewölbe. Dieses ist aber gar nicht da; sondern dadurch, dass euer Sehvermögen in bestimmter Weise wirkt, schafft ihr euch selbst das blaue Firmament. Dadurch setzt Ihr euch Grenzen. Der Raum breitet sich aber ins Unendliche aus. Ihr seid schuld in eurem Sehvermögen, dass das blaue Firmament da ist. Und im unendlichen Raum sind eingebettet unendlich viele Welten. Wie das Giordano Bruno geltend machte, erregte es Anstoß.
[ 35 ] Although—as you can read in my book *How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?* — anyone can become a spiritual researcher to a certain degree, at least to the extent that, through the inner development of the soul, they can recognize as true what the spiritual researcher discovers on their path; yet they need not actually be one. Rather, through ordinary, sound common sense—provided it is not clouded by prejudice—one can understand what spiritual research has to say. And the spiritual researcher must say for himself: He immerses himself in the way spiritual culture has developed in the world, and then knows that truth and the knowledge of truth will find their way through all prejudices. Today, anyone who clings to the conventional notions of science may quite understandably come forward and say: “Yes, what such a fanciful spiritual researcher says goes against common sense and the five healthy senses!” Yes, when Copernicus came along and declared: “The Earth moves, not the Sun; the Earth moves around the Sun; the Earth does not stand still and is not orbited by the Sun and the stars, but that this is merely an illusion created by the Earth’s movement”—it was the case that this contradicted what the five healthy senses had always believed up to that point. Even the external worldview could only be built upon the premise that one no longer trusted the five senses. Humanity has grown accustomed to this as well, even if it took a long time. And so it will also have to grow accustomed to what spiritual science has to proclaim. One can recall what Giordano Bruno said when, in his deeply sensitive soul, he contemplated what Copernicus had brought to humanity; one can recall how he said: “You humans look up and see the blue vault of heaven. But it is not really there; rather, because your sense of sight functions in a certain way, you yourselves create the blue firmament. In doing so, you set limits for yourselves. Space, however, extends into infinity. It is your own vision that is to blame for the existence of the blue firmament. And embedded in infinite space are an infinite number of worlds. As Giordano Bruno asserted, this caused a stir.
[ 36 ] Und so, wie Giordano Bruno sprach in Bezug auf den Raum, so muss heute der Geistesforscher sagen: Dasjenige, was der Mensch als Grenze setzt, ist wie ein zeitliches Firmament. In Wirklichkeit ist da keine Grenze, ebenso wenig wie beim blauen Firmament eine Grenze ist. Sondern das menschliche Vorstellungsvermögen setzt sich selber die Grenzen. Aber wie der Raum sich hinüberbreitet über unzählige Welten, so dehnt sich die Zeit aus in ihrem Verlauf. Und eingebettet in den Zeitenlauf sind die aufeinanderfolgenden Erdenleben des Menschen, von denen schon Lessing in der reifsten Frucht seines Lebens wie in einem geistigen Testament gesprochen hat. Die ganz gescheiten Leute sagen zwar: Ja, der Lessing hat zwar manches Bedeutende geschrieben, aber dann ist er alt geworden, und dann kam er auf diese vertrackte Idee von den wiederholten Erdenleben. Es ist das die Methode, in der man auch die größten Geister beurteilt; was eine höchste Blüte eines großen Geistes ist, betrachtet man als Dekadenzprodukt des Alters. Aber dasjenige, was da als eine Wahrheit auch in dem Geiste Lessings aufstieg, es wird nicht äußeren Nutzen bloß gewähren, sondern es wird vor allen Dingen lebensstarke Kraft haben. Es wird dem immer komplizierter werdenden Seelenleben der Menschen die Möglichkeit geben, sich hineinzufinden in dieses Leben, das wir herankommen sehen und das immer komplizierter werden wird. Die Menschen werden geisteswissenschaftliche Erkenntnisse brauchen als die Grundlage für das seelische Erleben, das in der Zukunft die Menschen werden führen müssen durch die Verhältnisse, die immer schwieriger werden.
[ 36 ] And just as Giordano Bruno spoke regarding space, so must the spiritual researcher say today: That which human beings set as a boundary is like a temporal firmament. In reality, there is no boundary, just as there is no boundary to the blue firmament. Rather, the human imagination sets its own limits. But just as space extends across countless worlds, so does time expand as it unfolds. And embedded in the flow of time are humanity’s successive earthly lives, of which Lessing himself spoke—in the ripest fruit of his life—as if in a spiritual testament. The so-called wise people say: Yes, Lessing certainly wrote many significant works, but then he grew old, and that’s when he came up with this convoluted idea of repeated earthly lives. This is the very method by which even the greatest minds are judged; what is the supreme flowering of a great mind is regarded as a product of decadence in old age. But that which arose as a truth within Lessing’s own spirit will not merely provide external benefit; above all, it will possess a life-affirming power. It will give the increasingly complex inner lives of human beings the opportunity to find their way into this life that we see approaching and that will become ever more complex. People will need insights from the spiritual sciences as the foundation for the inner experience that will guide them in the future through circumstances that are becoming ever more difficult.
[ 37 ] Geisteswissenschaft wird sich hinstellen neben die naturwissenschaftliche Forschung. Der Geist wird auf diese Weise erforscht werden. Denn ebenso, wie wir in diesem Leibe die sinnliche Welt und die Naturvorgänge um uns haben, so haben wir mit Bezug auf den geistig-seelischen Körper eine geistige Welt um uns und gehören einer geistigen Welt an, in der wir in der Zeit leben, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verläuft und die auch zu unserem Leben gehört. Diese Geisteswissenschaft will eine Wissenschaft sein nicht bloß für den Verstand, nicht bloß für das äußere Forschen, sondern eine Wissenschaft für den ganzen Menschen, für das menschliche Gemüt. Sie wird das Gemüt erfüllen mit dem, was Lebenselixier ist. Der Mensch wird neben der sinnlich-physischen die geistige Welt erkennen, wie sie wirklich ist. Dadurch aber werden gerade alle bloß dunkeln, traumhaften Vorstellungen über die geistige Welt abgewiesen. Denn den Aberglauben wird man am besten bekämpfen, indem man die geistige Welt wirklich kennenlernt, sich wirklich Vorstellungen über die Welt des Geistigen verschafft.
[ 37 ] Spiritual science will stand alongside scientific research. The spirit will be explored in this way. For just as we have the sensory world and the natural processes around us in this physical body, so too, in relation to the spiritual-soul body, we have a spiritual world around us and belong to a spiritual world in which we live during the time that elapses between death and a new birth—a time that is also part of our life. This spiritual science aims to be a science not merely for the intellect, not merely for external inquiry, but a science for the whole human being, for the human soul. It will fill the soul with what is the elixir of life. Alongside the sensory-physical world, human beings will come to know the spiritual world as it truly is. Through this, however, all merely dark, dreamlike notions about the spiritual world will be dispelled. For the best way to combat superstition is to truly get to know the spiritual world and to form genuine concepts of the world of the spirit.
[ 38 ] Und wenn auf der anderen Seite gesagt wird, dass durch die Geisteswissenschaft die religiösen Vorstellungen und Empfindungen in Gefahr kommen, so muss darauf erwidert werden, dass gerade durch die naturwissenschaftliche Weltanschauung mancher Mensch von seiner religiösen Empfindung abgebracht worden ist. Aber Geisteswissenschaft führt uns ja gerade zur Anerkenntnis einer geistigen Welt. Daher wird Geisteswissenschaft, die Wissenschaft vom Geiste gerade die Menschen, die dem religiösen Denken entfremdet worden sind oder entfremdet werden können, wiederum zu dem religiösen Denken und Empfinden zurückführen. Der Weltenlauf lässt sich nicht durch Zangen zurückhalten, sondern er geht seinen Weg. Und wie man geglaubt hat, dass die kopernikanische Weltanschauung das religiöse Leben irgendwie gefährden könne, sodass die Religion sich zum Gegner aufgeworfen hat, so muss sie es in unserer heutigen Zeit tun gegen das geisteswissenschaftliche Weltbild. Allein, so, wie das kopernikanische Weltbild sich eingelebt hat, so wird sich ohne Störung des religiösen Lebens das geisteswissenschaftliche Weltbild in die Seelen einleben. Ja, es wird sogar gegenüber dem geisteswissenschaftlichen Weltbilde gesagt werden können: Wenn die Menschen kommen und sagen: Unternimmt nicht ein Feldzug die Geisteswissenschaft gegen die religiösen Vorstellungen? Und wenn allerlei, bis zur Verleumdung und zur Verbreitung von Unwahrheiten, von solcher Seite aufgebracht wird gegen Geisteswissenschaft, so möchte man sagen: Was haben denn diejenigen, die sozusagen von Berufs wegen in jenen Gemeinschaften drinnenstehen, vielleicht sogar ausübend ein Amt, was haben die für eine Vorstellung von der Kraft dieser Religion, wenn sie glauben können, dass Geisteswissenschaft sie gefährden könnte! Derjenige steht wahrhaft drinnen in dem Glauben an die Kraft seiner religiösen Vorstellungen, der da sagt: Die Kraft der Religion ist so groß, dass man Geisteswissenschaft nicht zu fürchten braucht, dass wir dasjenige, was auf diesem Gebiet wahr ist, herankommen lassen können wie dasjenige, was die Naturwissenschaft heraufgebracht hat; ja, viel eher. Die Geisteswissenschaft wird viele Menschen wiederum zum Glauben, zum religiösen Erleben und religiösen Empfinden hinbringen, wie das naturwissenschaftliche Weltbild viele Menschen der Religion entfremdet hat.
[ 38 ] And if, on the other hand, it is said that spiritual science endangers religious ideas and feelings, then one must reply that it is precisely the scientific worldview that has led some people away from their religious feelings. But spiritual science leads us precisely to the recognition of a spiritual world. Therefore, spiritual science—the science of the spirit—will lead precisely those people who have become estranged from religious thought, or who may become estranged from it, back to religious thought and feeling. The course of world history cannot be held back by force; rather, it follows its own path. And just as it was once believed that the Copernican worldview might somehow endanger religious life—so that religion set itself up as an adversary—so must it do the same in our present age against the spiritual-scientific worldview. Yet, just as the Copernican worldview has become established, so too will the spiritual-scientific worldview take root in people’s souls without disrupting religious life. Indeed, one will even be able to say in response to the spiritual-scientific worldview: When people come and say, “Isn’t spiritual science waging a campaign against religious beliefs?” And when all manner of things—even going so far as slander and the spreading of falsehoods—are brought up against spiritual science from that side, one might say: What kind of conception do those who, so to speak, are professionally involved in those communities—perhaps even holding an office there—have of the power of this religion, if they can believe that spiritual science might endanger it! The one who truly stands within the belief in the power of his religious ideas is the one who says: “The power of religion is so great that we need not fear spiritual science; we can welcome what is true in this field just as we have welcomed the findings of natural science—indeed, even more so. Spiritual science will, in turn, lead many people back to faith, to religious experience, and to religious feeling, just as the scientific worldview has alienated many people from religion.”
[ 39 ] Es handelt sich allein nicht darum, vor Ihnen am heutigen Abend geltend zu machen Vorstellungen nur, die gewissermaßen ein Wissen abspiegeln, sondern darum, zu zeigen, wie Geisteswissenschaft unsere ganze Seele, unser ganzes Gemüt packen kann, wie sie Kraft geben kann dem Menschen in seinen Erlebnissen, seelenstärkende Kraft geben kann und Mut; wie der Mensch sich erfüllen kann mit etwas, was ausströmt von den Erlebnissen der Geisteswissenschaft, wie er sich damit stärken kann, sich stärker und kräftiger ins Leben stellen kann.
[ 39 ] The point this evening is not merely to present to you ideas that, in a sense, reflect a certain kind of knowledge, but rather to show how spiritual science can touch our entire soul, our entire mind; how it can give people strength in their experiences—a strength that fortifies the soul and gives courage; how a person can be filled with something that radiates from the experiences of spiritual science, how they can draw strength from it to face life with greater strength and vigor.
[ 40 ] Ich sagte schon: Das alleralltäglichste Leben ist ein Sieg über widerstrebende Mächte auf dem Untergrund der Seele. Macht man sich damit bekannt, dass wir so etwas auf dem Grund unserer Seele haben, dann können wir auch guten Mutes dem entgegengehen, was in immer komplizierterer Art sich in unser Leben hineinstellen wird. Wenn man weiß, dass Leben heißt: unter der Schwelle liegende Siege erfechten, dann bekommt man die Seelenkraft, die man braucht in bitteren Enttäuschungen des Lebens und auch gegenüber den Anforderungen einer so schicksalstragenden Zeit, wie die unsrige ist. Und wenn auch scheinbar dasjenige, was ich im Allgemeinen über Geisteswissenschaft, über die Möglichkeit einer übersinnlichen Erkenntnis gesagt habe, wenn das auch nur äußerlich lose zusammenzuhängen scheint, innerlich werden Sie fühlen, dass es gut zusammenhängt mit dem, was unsere schicksalstragenden Tage uns bringen, in deren Ablauf wir mittendrinnen leben, so möchte ich doch übergehen zu einer ganz kurzen, gedrängten Charakteristik dessen, was der Geisteswissenschaftler empfinden kann gegenüber dieser unserer schicksalstragenden Zeit.
[ 40 ] As I have already said: Even the most ordinary life is a victory over opposing forces deep within the soul. If we come to realize that we have such forces at the very depths of our souls, then we can face with courage whatever challenges will arise in our lives in ever more complex ways. When we realize that life means winning victories that lie beneath the threshold, we gain the strength of soul we need to face life’s bitter disappointments and also to meet the demands of a time as fateful as our own. And even if what I have said in general about spiritual science—about the possibility of supersensible knowledge—seems, on the surface, to be only loosely connected, inwardly you will feel that it is closely linked to what our fateful days bring us, in the midst of which we are living, I would nevertheless like to move on to a very brief, concise description of what the spiritual scientist may feel in the face of this fateful time of ours.
[ 41 ] Wenn man so bemerkt auf der einen Seite, wie das Leben, das wir führen, äußerlich vielleicht gar nicht so sehr wogt und wirbelt, wie es aber sich aufbaut auf einem verborgenen stürmischen Untergrund, dann stellt man sich anders auch hinein in den Sturm des geschichtlichen Lebens, wenn er so aufgewirbelt wird, wie es in unseren Tagen der Fall ist.
[ 41 ] When one observes, on the one hand, how the life we lead may not outwardly be all that turbulent or chaotic, yet is built upon a hidden, stormy foundation, then one also positions oneself differently within the storm of historical life when it is stirred up as it is in our day.
[ 42 ] Nun möchte ich zunächst auf etwas aufmerksam machen, was nicht theoretisch, aber empfindungsgemäß aus den Ergebnissen der Geisteswissenschaft für das geschichtliche Leben sich ergibt, für das Hineinstellen des Menschen in das geschichtliche Leben. Es muss ja betont werden, dass schon die naturwissenschaftliche Weltanschauung und noch mehr die Geisteswissenschaft gesucht hat dasjenige, was man ursächliches Denken nennt, für unsere Umgebung anzuwenden. Es hat lange gedauert, bis sich die Menschen hineingewöhnt haben in dieses ursächliche Denken. Goethe hat noch geltend gemacht: Warum will man immer geltend machen, dass der Ochs Hörner hat, um damit zu stoßen? Man solle die Organisation betrachten und zeigen, wie sich die Wachstumskräfte zu den Hörnern entwickelt haben. Man solle auf die Ursachen sehen und nicht immer von dem Zweck allein reden. Gerade die größten Genien der neueren Denkweise haben darauf hingewiesen, und immer mehr und mehr strebt auch die äußere Naturwissenschaft dazu hin. Und die Geisteswissenschaft geht noch viel mehr auf die Ursachen, auf die unbekannten Ursachen. Aber gerade dadurch, dass man ursächlich denkt in Bezug auf dasjenige, was abläuft, wird man dazu gebracht; im lebendigen Erleben der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse wird es eine Empfindung. Durch das Anschauen dessen, was als Ereignisse sich abspielt, kommt es darauf an, nicht so sehr nach den Ursachen zu fragen, sondern nach den Wirkungen. Es ist etwa, wie wenn wir sagen: Wir stehen in den gewaltigen Ereignissen, wie sie im Grunde genommen noch niemals in der Weltgeschichte sich abgespielt haben, wenigstens so lange, als menschliches Denken bewusst verläuft. Kämpfen doch heute, wenn wir von kleineren Stammesunterschieden absehen, 34 verschiedene Nationen der Welt gegeneinander. Was wird da alles aufgewirbelt! Und wir wissen es ja, was einzelne Nationen voneinander denken, voneinander sagen, behaupten. Aber die Geistesforschung führt dazu, und die Ergebnisse der Geisteswissenschaft führen dazu, zunächst sich zu sagen: Aus unbekannten Tiefen erhebt sich einmal eine solche Welle des geschichtlichen Werdens, wie aus unbekannten Tiefen selbst das Denken, Wollen und Empfinden sich erhebt.
[ 42 ] Now I would first like to draw attention to something that arises—not theoretically, but intuitively—from the findings of spiritual science with regard to historical life, specifically regarding the placement of the human being within historical life. It must be emphasized that the natural-scientific worldview—and even more so the spiritual science—has sought to apply what is called causal thinking to our surroundings. It took a long time for people to become accustomed to this causal thinking. Goethe once remarked: Why do people always insist on claiming that an ox has horns in order to use them to butt? One should observe the organism and show how the forces of growth have developed into the horns. One should look at the causes and not always speak of the purpose alone. The greatest geniuses of the modern way of thinking have pointed this out, and the natural sciences are increasingly moving in this direction as well. And the spiritual sciences focus even more on the causes—on the unknown causes. But it is precisely by thinking causally about what is taking place that one is led to this; in the living experience of the results of spiritual science, it becomes a feeling. When observing what unfolds as events, what matters is not so much to ask about the causes as to ask about the effects. It is, so to speak, as if we were saying: We are in the midst of immense events, the likes of which have, in essence, never before occurred in world history—at least not as long as human thought has been conscious. For today, if we disregard minor tribal differences, 34 different nations of the world are fighting one another. What a storm is being stirred up! And we know, of course, what individual nations think of one another, say about one another, and claim about one another. But spiritual research leads us—and the findings of the spiritual sciences lead us—to say, first of all: From unknown depths rises a wave of historical becoming, just as from unknown depths thinking, willing, and feeling themselves arise.
[ 43 ] Dasjenige, was wir als unterbewusste Seelenkämpfe in uns tragen, erleben wir nicht mit, aber in der Geschichte erleben wir widerstrebende Kräfte; da leben wir mittendrinnen. In der Außenwelt stehen wir in etwas, was uns die Geistesforschung für das einzelne menschliche Innenleben zeigt. Und wie wir, weil wir unser alltägliches Leben führen, [Lücke im Text] als ob wir drinnenstünden in den Kämpfen da unten — denken Sie, wir würden nicht nach der Ursache des Kämpfens fragen, sondern: Was kann daraus werden? Der Kampf als solcher würde uns nicht in [Lücke im Text] Weise vor die Seele treten können. Wenn wir diese Kämpfe vergleichen [Lücke im Text], wir würden nicht zufrieden sein, wenn wir nicht sagten: Ja, diese Kämpfe entwickeln das, was der Mensch erst wird, was erst im Denken, Fühlen und Empfinden zum Bewusstsein kommt. Und wenn wir in geschichtlichen Kämpfen drinnenstehen, sind wir dazu veranlasst, zu fragen: Was wird aus diesen Kämpfen? Und wirklich, die Deklamation, die heute aus unserer materialistischen Zeit uns entgegentritt, weil wir uns solche Empfindungen noch nicht angeeignet haben, wie ich sie eben charakterisiert habe, die Deklamation, die sich heute ergeben hat — Wer hat die Schuld am Kriege? —, die immer damit ausgeht, dass die eine Nation der anderen die Schuld zuschiebt, sie verschwindet als unfruchtbar gegenüber dem Standpunkte, der so gewählt wird, dass man sagt: Nun, diese Ereignisse, sie stehen einmal da, sie sind im Verlauf des Weltenwerdens entstanden; was kann als Wirkung aus diesen Kämpfen sich ergeben, was kann aus dem sich ergeben, wenn über dreißig Nationen der Welt gegeneinander Kampf führen? Und da muss man sagen: Wenn solche Ereignisse sich gegenüberstehen, so kommt es darauf an, indem man drinnensteht, dass man beobachten kann gerechterweise. Und das darf man in Mitteleuropa. Denn gerade, wie im Blick des Geistesforschers das Weltenwerden sich auswirkt, so kann er sagen: Dieses mitteleuropäische Geistesleben, das jetzt wie in einer mächtigen Festung wie belagert wird, es ist ein solches, das aus diesen Kämpfen mit widerstrebenden Mächten sich hin entwickelt zu einem wertvollen, allmensehlichen Gute.
[ 43 ] We are not aware of the subconscious inner struggles we carry within us, but in history we experience conflicting forces; we live right in the midst of them. In the outer world, we find ourselves in a situation that spiritual research reveals to us as the inner life of the individual human being. And just as we, because we go about our daily lives, [gap in the text] as if we were standing right in the midst of the struggles down there—do you think we would not ask about the cause of the struggle, but rather: What might come of it? The struggle as such would not be able to present itself to our souls in [gap in the text] any way. If we compare these struggles [gap in the text], we would not be satisfied unless we said: Yes, these struggles develop what a human being first becomes, what first comes to consciousness in thinking, feeling, and sensibility. And when we find ourselves in the midst of historical struggles, we are led to ask: What will become of these struggles? And indeed, the rhetoric that confronts us today from our materialistic age—because we have not yet acquired the kinds of feelings I have just described—the rhetoric that has arisen today—“Who is to blame for the war?” —which always ends with one nation shifting the blame onto another—fades away as fruitless in the face of the perspective chosen, where one says: Well, these events are simply there; they have arisen in the course of the world’s development; what consequences might arise from these struggles, what might result when over thirty nations of the world are waging war against one another? And here one must say: When such events confront one another, what matters—when one is in the midst of them—is that one can observe them impartially. And that is possible in Central Europe. For just as the unfolding of the world plays out in the eyes of the spiritual researcher, so he can say: This Central European spiritual life, which is now under siege as if in a mighty fortress, is one that, through these struggles with opposing forces, develops into a valuable, universal good.
[ 44 ] Nun könnte ich vieles anführen, um zu schildern, was da lebt, möchte man sagen in dem Körper des mitteleuropäischen Geisteslebens, der die großen Genien Mitteleuropas hervorgebracht hat, mit den Kräften, die Mitteleuropa eben hat und die sich das eine Mal in echten Geistestaten ausleben, die sich heute ausleben auf den Feldern, wo Blut und Tod über Seele und Leib entscheiden. Ich möchte aus alledem, weil man die Dinge an ihren Blüten und Früchten erkennt, um zu charakterisieren dieses mitteleuropäische Geistesleben, dasjenige charakterisieren, was überall in diesem mitteleuropäischen Geistesleben, bei allen mitteleuropäischen Nationen, im innersten Lebenskern vorhanden ist.
[ 44 ] Now I could cite many examples to describe what is alive—one might say—in the body of Central European spiritual life, which has produced the great geniuses of Central Europe, with the forces that Central Europe possesses and which once found expression in genuine spiritual deeds, but which today find expression in the fields where blood and death decide the fate of soul and body. From all of this—since one recognizes things by their blossoms and fruits—I would like to characterize this Central European spiritual life by highlighting that which is present at the very core of existence throughout this Central European spiritual life, among all Central European nations.
[ 45 ] Einer der charakteristischsten Geister Mitteleuropas ist zweifellos Goethe. Es könnten auch andere genannt werden, aber greifen wir Goethe heraus. Dass dasjenige, was aus dem tiefsten Innern in dem Genius Goethe der Menschheit geschenkt worden ist, dass so etwas die außerhalb Mitteleuropas lebende Menschheit nicht erzeugen könnte, das wird man zugeben müssen, wie auch dasjenige, was mit Bezug auf das Folgende gesagt werden muss.
[ 45 ] One of the most characteristic figures of Central Europe is undoubtedly Goethe. Others could also be mentioned, but let us single out Goethe. One must admit that what was bestowed upon humanity from the deepest innermost being of the genius Goethe—that such a thing could not be produced by people living outside Central Europe—just as one must also admit what must be said in connection with what follows.
[ 46 ] Was Goethe der Menschheit gegeben hat, es zeigt sich gerade in seiner Größe darin, dass Goethe noch als junger Mensch schon hingeschrieben hat die Stimmung, die man am Anfang seines Faust findet:
[ 46 ] What Goethe gave to humanity is evident precisely in his greatness—in the fact that, even as a young man, he had already captured the mood found at the beginning of his *Faust*:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Alas! I have now studied philosophy,
law, and medicine,
and, unfortunately, theology as well,
with the utmost diligence.
So here I stand, poor fool that I am,
and I am just as wise as before!
[ 47 ] Heute sind diese Worte für viele Menschen schon trivial geworden. Wenn man sich aber ganz versetzt in die Seele Goethes, dann empfindet man geradezu das ganze Verhältnis zu dem, was man sich aneignen kann, was man sich aneignen will in den Worten [an den] Erdgeist.
[ 47 ] Today, these words have become trivial to many people. But if one truly puts oneself in Goethe’s shoes, one can truly sense the entire relationship to what one can acquire and what one wishes to acquire in the words [referring to] the Earth Spirit.
[ 48 ] Aber wie steht Goethe da? Nehmen wir diese Stimmung, und denken wir jetzt — indem Goethe das hingeschrieben hat —, denken wir an die folgende Zeit, wo die großen Philosophen-Genien durch Mitteleuropa hindurchgeschritten sind, ein Fichte, Hegel, Schelling; wir brauchen nicht mit dem Inhalt ihrer Lehren einverstanden zu sein; aber wenn man hinschaut auf die große, geistige Energie, mit der Fichte vertritt dasjenige, was er als Philosophie lehrt; wenn man hinschaut, wie dasjenige, was er lehrt, aus seiner ganzen Persönlichkeit hervorgeht; wie er strebt danach, dass die Philosophie zugleich ein Ausdruck des ganzen Menschen ist.
[ 48 ] But where does Goethe stand in all this? Let’s take this mood, and now—since Goethe wrote this down—let’s think about the period that followed, when the great philosophical geniuses swept through Central Europe: Fichte, Hegel, Schelling; we need not agree with the content of their teachings; but if one looks at the great intellectual energy with which Fichte advocates what he teaches as philosophy; if one looks at how what he teaches emanates from his entire personality; how he strives for philosophy to be, at the same time, an expression of the whole human being.
[ 49 ] Nicht um sentimentale Gefühle hervorzurufen, sondern um hinzuweisen, wie in Fichte einem eine Seite des mitteleuropäischen Genius vor die Seele tritt, soll das Folgende gesagt werden. Es darf geschildert werden, wie Fichte, der sich eng verbunden fühlte mit den großen Ereignissen, die sich auf den Schlachtfeldern seines Volkes zutrugen, zugrunde ging. Wie er, der sein ganzes Leben hindurch in der schärfsten Weise seine Gedanken konzentriert hat zur Auffindung der Geheimnisse der Welt, wie er in den letzten Stunden im Fieberwahn lebt, mit Blücher den Rheinübergang miterlebt, wie er mitlebte mit alledem, was damals zur Rettung Mitteleuropas von westlicher Tyrannei zu geschehen hatte. Fichte fühlte sich im Fieberwahn mittendrinnen in diesen Ereignissen, er, der Philosoph, der zu gleicher Zeit ein ganzer Mensch war, ein Mensch, der zu gleicher Zeit den «Menschen» in seine Philosophie hineintrug, noch bis in den Fieberwahn hinein. So kann mit Bezug auf Fichte gesagt werden: Da strebt der mitteleuropäische Geist nach Ganzheit der Weltauffassung, und bei Schelling, bei Hegel — man braucht nur darauf hinzuschauen, wie da die Wahrheit hingestellt wird.
[ 49 ] The following is said not to evoke sentimental feelings, but to illustrate how, in Fichte, one aspect of the Central European genius comes to the fore. It is worth describing how Fichte, who felt closely connected to the great events unfolding on his people’s battlefields, came to his end. How he—who throughout his entire life had focused his thoughts with the utmost intensity on uncovering the mysteries of the world—lived in a feverish delirium during his final hours, witnessing Blücher’s crossing of the Rhine, and how he shared in everything that had to happen at that time to save Central Europe from Western tyranny. In his feverish delirium, Fichte felt himself right in the midst of these events—he, the philosopher, who was at the same time a complete human being, a human being who, even in his feverish delirium, continued to bring “humanity” into his philosophy. Thus, with regard to Fichte, it can be said: Here the Central European spirit strives for a holistic worldview, and in Schelling, in Hegel—one need only look at how truth is presented there.
[ 50 ] Und blicken wir jetzt zurück auf diesen Faust, den Goethe sagen lässt in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts:
[ 50 ] And let us now look back at this Faust, whom Goethe has speak in the middle of the eighteenth century:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.
Alas, I have now studied philosophy,
law, and medicine,
and, unfortunately, theology as well!
I have studied them all thoroughly, with great effort.
And here I stand, poor fool that I am!
And I am just as wise as I was before.
[ 51 ] Nehmen wir an, Goethe wäre in die Lage versetzt gewesen, in den Vierzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts noch zu leben, nachdem die großen Philosophen durch die Zeitentwicklung gegangen sind, nehmen wir an, er hätte in den Vierzigerjahren seinen «Faust» angefangen, nachdem [er] hindurchgegangen war durch die Zeitkultur, durch das was geleistet haben ein Fichte, Schelling, Hegel. Diese waren ja wahrhaftig auch Vertreter der Juristerei, Hegel hat ein «Naturrecht» geschrieben, Schelling ein Journal der Medizin, Theologen wollten in Wahrheit alle sein, diese Philosophen. Glauben Sie, wenn Goethe erst diese Worte hingeschrieben hätte in den Vierzigerjahren, nachdem so vieles im deutschen Geistesleben da gewesen ist, er hätte geschrieben: Habe nun Gott sei Dank Philosophie, Juristerei bei Fichte, Schelling, Hegel, Kant studiert und stehe nun da, Gott sei Dank, als weiser Mann und bin so klug, als vorher niemand hat werden können! Nein, ganz gewiss hätte Goethe auch in den Vierzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts dasselbe an den Anfang seines «Faust» geschrieben wie in den Siebzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts.
[ 51 ] Let us suppose that Goethe had been able to live into the 1840s, after the great philosophers had come and gone with the passage of time; let us suppose that he had begun his *Faust* in the 1840s, after [he] had passed through the culture of his time, through the achievements of Fichte, Schelling, and Hegel. After all, they were truly representatives of jurisprudence as well; Hegel wrote a work on “natural law,” Schelling a journal on medicine—in truth, all these philosophers wanted to be theologians. Do you think that if Goethe had written these words in the 1840s, after so much had already taken place in German intellectual life, he would have written: “I have now, thank God, studied philosophy and jurisprudence under Fichte, Schelling, Hegel, and Kant, and now stand here, thank God, as a wise man, and am as wise as no one before me could ever have been!” No, Goethe would most certainly have written the same thing at the beginning of his *Faust* in the 1840s as he did in the 1770s.
Habe nun, ach! Philosophie,
Und bin so klug als wie zuvor!
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Alas! I have now studied philosophy,
and I am just as wise as before!
law, and medicine,
and, unfortunately, theology as well
with great diligence.
So here I stand, poor fool that I am,
[ 52 ] Das ist das Eigentümliche des mitteleuropäischen Geisteslebens, dieses faustische Streben, das man am besten an seinen Repräsentanten erkennen kann, dieses immerwährende Streben und niemals das Bewusstsein haben, ein Fertiger zu sein. Dadurch war Fichte so groß, aus mitteleuropäischer Geisteskultur heraus, dass er uns zeigt, dass in dieser Kultur Menschen leben müssen, die niemals fertig, niemals abgeschlossen sein können in einer Entwicklung. Und man kann wohl sagen: In Italien, in Frankreich wird man geboren als das, was man ist. Man ist Italiener, man ist Franzose, und man beruft sich auf das, wozu man geboren ist. In Mitteleuropa kann man das nicht sagen. Da muss man die Entdeckung machen durch eigene Geistesart, was es heißt, ein Mensch zu sein. Da geht über dasjenige, wozu man geboren ist, in das, was man selbst erwirken kann. Und es ist ein tiefes Wort, das Wort Goethes:
[ 52 ] This is what is distinctive about Central European intellectual life: this Faustian striving, best recognized in its representatives—this perpetual striving without ever having the awareness of being a “finisher.” This is what made Fichte so great, emerging from Central European intellectual culture—he shows us that within this culture, people must live who can never be finished, never reach completion in their development. And one can certainly say: In Italy, in France, one is born as what one is. One is Italian, one is French, and one claims what one was born to be. In Central Europe, one cannot say that. There, one must discover through one’s own way of thinking what it means to be human. There, one moves beyond what one was born to be toward what one can achieve oneself. And it is a profound statement, Goethe’s words:
Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb’ es, um es zu besitzen.
What you have inherited from your fathers,
Acquire it so that you may possess it.
[ 53 ] Und das andere Wort:
[ 53 ] And the other word:
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.
Whoever strives with all their might,
We can save them.
[ 54 ] Das ist eine Eigenschaft, aber auch die bedeutsamste Eigenschaft dieses mitteleuropäischen Geisteslebens: niemals zu rasten, niemals stillzustehen. Man wird Mitteleuropäer. Man ist Franzose, man ist Brite — man wird Mitteleuropäer! Wie ein herrliches Ideal steht diese mitteleuropäische Geisteskultur vor den Menschen. Dadurch ist sie so innerlich verwandt mit dem, was heute als Geisteswissenschaft selbst geltend gemacht worden ist. Und wenn Faust sagt, und Goethe hat diese Worte erst in einem schon reifen Alter hingeschrieben, die das ganze Verhältnis des Menschen zur Umwelt und wieder zu sich selbst ausdrücken:
[ 54 ] This is a characteristic—and indeed the most significant characteristic—of this Central European intellectual life: never to rest, never to stand still. One becomes a Central European. One is French, one is British—one becomes a Central European! This Central European intellectual culture stands before people as a magnificent ideal. This is why it is so intimately related to what has today come to be known as spiritual science. And when Faust says—and Goethe wrote these words only at a ripe old age—words that express the entire relationship of the human being to the world around them and, in turn, to themselves:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewender.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
Sublime Spirit, you gave me, gave me everything,
That I asked for. You did not in vain
Turn your face toward me in the fire.
You gave me the magnificent natural world as my kingdom,
The power to feel it, to enjoy it. You do not
do you merely allow me to be a cold, marveling visitor,
but grant me to gaze into its deep bosom,
as into the bosom of a friend.
You lead the procession of the living
past me, and teach me to know my brothers
in the quiet thicket, in the air and water.
And when the storm roars and creaks in the forest,
The giant spruce, crashing down, sweeps aside neighboring branches
And neighboring trunks, crushing them as it falls,
And the hill thunders with a dull, hollow roar at its fall,
Then you lead me to the safe cave, show
Me to myself, and within my own breast
Secret, profound wonders unfold.
[ 55 ] Da steht Faust. Da steht dieses Streben, das lebendig denken muss selbst vor dem Universum, und es findet in dem Universum draußen nicht nur Materie, nicht nur Stoffe, sondern überall die tragende Kraft dessen, was in uns selbst ist. Es steigt in andere Wesenheiten überall Geist vom Menschengeist. Aber dieses Streben, es weist den Menschen auch auf sich selbst zurück, dass man sich selbst finden muss. Wenn man das alles überblickt, so muss man sagen: Oh, dieses mitteleuropäische Geistesleben, es hat sich bis jetzt so gezeigt, dass es die Keime enthält zu dem, was man heute erahnen kann als die Ziele einer geistigen Wissenschaft selbst. Dieses mitteleuropäische Geistesleben, es kann durch seine Feinde nicht vernichtet werden. Denn wer sein Wesen versteht, der weiß, dass es noch viel in der Welt zu tun hat, dass es nicht nur äußerlich wächst und berechtigt ist, sondern dass es stark ist in seinem Innern. Und man kann und darf empfinden, wie Geisteswissenschaft gerade den rechten Grund und Boden in diesem mitteleuropäischen Geistesleben findet. Denn dasjenige, was mitteleuropäische [Lücke im Text], das, auf die Seelen angewendet, das kann nicht anders als zur geisteswissenschaftlichen Vertiefung führen. Daher darf man sagen: Wenn in den letzten Jahrhunderten, in vorzugsweise materialistischen Jahrhunderten, Eroberungen gemacht worden sind von einem anderen Gebiet der Erdenbewohnerschaft als von Europa, so müssen gerade diejenigen [Lücke im Text], die von mitteleuropäischer Bevölkerung gemacht werden, nun gemacht werden, weil geheimnisvoll hinter alledem, was wir heute so schmerzvoll um uns herum sich abspielen sehen, lebt der Drang, dem Geiste eine Stätte zu schaffen durch die Verteidigung der mitteleuropäischen Kultur wie in einer mächtigen Festung gegen die Feinde.
[ 55 ] There stands Faust. There stands this striving, which must think vividly even before the universe, and it finds in the universe outside not only matter, not only substances, but everywhere the sustaining force of what is within us. Spirit—the human spirit—rises into other beings everywhere. But this striving also directs human beings back to themselves, so that one must find oneself. When one surveys all of this, one must say: Oh, this Central European spiritual life—it has so far revealed itself as containing the seeds of what we can today intuit as the very goals of a spiritual science. This Central European spiritual life cannot be destroyed by its enemies. For whoever understands its nature knows that it still has much to accomplish in the world, that it is not only growing and justified outwardly, but that it is strong within. And one can and may sense how spiritual science finds precisely the right soil in this Central European spiritual life. For that which is Central European [gap in the text]—when applied to the soul—cannot but lead to a deepening of spiritual science. Therefore, one may say: If, in the past centuries—predominantly materialistic centuries—conquests were made by a region of the Earth’s inhabitants other than Europe, then it is precisely those [gap in the text] made by the Central European population that must now be made, because mysteriously behind all that we see unfolding so painfully around us today lies the urge to create a sanctuary for the spirit by defending Central European culture as if it were a mighty fortress against its enemies.
[ 56 ] Es gibt heute Menschen im Nordwesten, die behaupten, dass sie eintreten müssen für die Freiheit kleinerer Völkerschaften, für das Wohl kleiner Völkerschaften, dass sie sich auflehnen müssen gegen den mitteleuropäischen Militarismus, gegen die Eroberungssucht Mitteleuropas. Die Briten, die vorzugsweise dazu bestimmt waren, über die Erde hin eine materielle Kultur auszubreiten, sie haben von [1856 bis 1900] 34 Eroberungskriege geführt, in denen sie 4 Millionen [Quadratmeilen Land erobert], 57 Millionen Menschen zu britischen Untertanen gemacht haben. Man braucht sich nur diese Zahlen vor die Seele zu führen und man wird bemerken, welche Wahrheit in dem Ausspruch liegen kann, man wolle die mitteleuropäische Eroberungssucht aus der Welt schaffen. Es ist damit nicht einmal ein Werturteil ausgesprochen. Aber gesagt werden muss: Man sieht es der mitteleuropäischen Geisteskultur an, dass sie das Spirituelle als Ergebnis aus dem herausentwickeln wird, was jetzt mit Blut erkämpft werden muss, was mit so vielen Opfern errungen werden muss, was unter so vielen Schmerzen sich gebären muss.
[ 56 ] There are people in the Northwest today who claim that they must stand up for the freedom of smaller nations, for the welfare of smaller nations, and that they must rise up against Central European militarism and Central Europe’s thirst for conquest. The British, who were primarily destined to spread a material culture across the globe, waged 34 wars of conquest [from 1856 to 1900], in which they conquered 4 million [square miles of land] and made 57 million people British subjects. One need only reflect on these figures to realize how much truth there may be in the assertion that one wishes to eliminate Central European expansionism from the world. This is not even meant as a value judgment. But it must be said: It is evident from Central European intellectual culture that it will develop the spiritual as the result of what must now be fought for with blood, what must be achieved through so many sacrifices, what must be born out of so much suffering.
[ 57 ] Man hat vielfach behauptet, der gegenwärtige Krieg sei ein rein politischer Krieg und er würde geführt aus materiellen Interessen von den einzelnen Ländern. Sehen kann man, wie selbst materielle Eroberungszüge tragen werden den faustischen Charakter, und dass das nicht nur als äußeres Wissen, sondern als eine Gesinnung der Menschen- und Weltenentwicklung einverleibt wird, was uns so charakteristisch als mitteleuropäische Stimmung aus der Faust-Dichtung entgegentönt. Ja, da ist, wie in einer Blüte, zu kennzeichnen dasjenige, was in der mitteleuropäischen Kultur lebt, dasjenige nämlich, was Goethe auf den Höhen der Menschheit gezeigt hat, wofür heute gekämpft wird in Ost und West. Denn so, wie die Hand zum Menschen gerechnet werden muss, ebenso wie das Gehirn, so muss man die Kämpfenden draußen zur geistigen Auswirkung des ganzen Volkes rechnen. Das ist ein einziger Organismus. Wie die Hand nicht vom Kopf getrennt werden kann, so kann auch das, was draußen vollzogen wird unter Blut- und Lebensopfern, nicht getrennt gedacht werden von dem, was geistig in der mitteleuropäischen Kultur lebt.
[ 57 ] It has often been claimed that the current war is a purely political war and that it is being waged by individual countries out of material interests. One can see how even material campaigns of conquest take on a Faustian character, and that what resonates with us so characteristically as a Central European mood from the poetry of *Faust* is incorporated not merely as external knowledge but as a mindset regarding the development of humanity and the world. Yes, there, as in a blossom, one can discern that which lives in Central European culture—namely, what Goethe revealed on the heights of humanity, and for which people are fighting today in both the East and the West. For just as the hand must be counted as part of the human being, just as the brain must be, so too must those fighting out there be counted as the spiritual expression of the entire people. This is a single organism. Just as the hand cannot be separated from the head, so too can what is being carried out out there—at the cost of blood and lives—not be conceived of separately from what lives spiritually in Central European culture.
[ 58 ] Ein heute in vielen Kreisen geachteter französischer Philosoph hat gerade zu Weihnacht einen Vortrag gehalten, in dem er gesagt hat, in Deutschland wäre alles vermaterialisiert. Der alte Idealismus sei längst verklungen und überall träten einem nur die geistigen Ergebnisse in Form von kriegerischen Mechanismen entgegen. Er konnte zwar nicht ableugnen, dass auch französische mechanistische Werkzeuge wirken, aber er konnte sich nicht genug tun an scharfer Beurteilung des mitteleuropäischen Wesens, das doch nun ganz und gar materialistisch geworden wäre. Dieser französische Philosoph — ja, ich weiß nicht, ob man heute noch ihn mit dem Namen «Bergson» benennen darf, der klingt ja nicht gerade französisch, vielleicht hat er ihn schon inzwischen französiert —, man müsste ihm doch antworten: Ja, erkennst du denn das mitteleuropäische Wesen an den Kriegsmechanismen? Hast du vielleicht erwartet, dass die Soldaten kommen würden und würden Novalis, Goethe oder Schiller rezitieren, statt mit Kanonen und Flinten zu schießen? — Überhaupt, viel Logik ist in den Dokumenten über die gegenwärtigen Verhältnisse nicht zu finden. Man merkt ihnen recht sehr an, dass ihnen viel daran liegt, zu beweisen: Im Grunde genommen haben die Deutschen allein die Schuld an dem Kriege; sie haben ihn gewollt! Aber diese Logik ist nicht mehr wert als die andere, dass man durch strenge Logik beweist, dass an dem schweren, grausamen Verlauf des Krieges wirklich bis zu einem gewissen Grade die Deutschen sogar schuld sind. Sie haben nämlich das Pulver erfunden! Hätten sie das nicht getan, dann könnte es heute nicht angewendet werden. Man kann den Franzosen ja nicht nachsagen, dass sie das Pulver erfunden haben. Solche Beispiele könnte man ja viele finden. Sie sind in der Logik der heutigen Zeit wirklich überall drinnen. Man kann ja auch sagen: Ohne die Buchdruckerkunst, die auch in Mitteleuropa erfunden worden ist, wäre es nicht möglich, dass heute jene sonderbaren «Wahrheiten», die von der britischen und von der französischen Presse jetzt auf Mitteleuropa einstürmen, gedruckt wurden.
[ 58 ] A French philosopher, highly regarded in many circles today, gave a lecture just this past Christmas in which he said that everything in Germany had become materialistic. He claimed that the old idealism had long since faded away and that everywhere one encountered only intellectual products in the form of warlike mechanisms. Although he could not deny that French mechanistic tools are also at work, he could not get enough of sharply criticizing the Central European mindset, which, he argued, had now become entirely materialistic. This French philosopher—well, I don’t know if one is still allowed to call him “Bergson” today; the name doesn’t exactly sound French, so perhaps he has already “Frenchified” it by now—one really ought to reply to him: “Yes, do you really recognize the Central European spirit in these mechanisms of war?” Did you perhaps expect the soldiers to come and recite Novalis, Goethe, or Schiller instead of firing cannons and rifles? — In general, there isn’t much logic to be found in the documents about the current situation. It’s quite evident that they are very keen to prove: Ultimately, the Germans alone are to blame for the war; they wanted it! But this logic is no more valid than the other—the argument that, through strict logic, one can prove that the Germans are indeed, to a certain extent, even to blame for the war’s severe and cruel course. After all, they invented gunpowder! Had they not done so, it could not be used today. One certainly cannot claim that the French invented gunpowder. One could certainly find many such examples. They are truly everywhere in the logic of our time. One might also say: Without the art of printing—which was also invented in Central Europe—it would not be possible today to print those peculiar “truths” that are now flooding Central Europe from the British and French press.
[ 59 ] Auf diese Weise kann man allerdings sagen, die mitteleuropäische Kultur wäre an alle diesem schuld. Man ist eben in dieser materialistischen Zeit von einer kurzgeschürzten Logik umnebelt. Dies zeigt sich überall. Demgegenüber muss geltend gemacht werden, dass sich darin nicht der eigentliche Charakter der mitteleuropäischen Kultur verwirklicht. Von diesem Charakter, von dem Kern der mitteleuropäischen Kultur muss man sagen, dass er nur keimhaft erscheint. Man erblickt ihn, wenn man ihn fortwirkend denkt, wie er immer weitere Früchte treibt und wie er gerade den Idealismus, den Spiritualismus, das geistige Leben der Menschheit entfachen muss. Und man merkt dann, wie er seelentragend ist, gerade aus Zusammenhängen heraus, wie sie die Geisteswissenschaft gibt. So könnte auch gesagt werden: Die Geisteswissenschaft erscheint wie eine Frucht, die man ahnen kann für die Zukunft und die sich entwickeln muss aus dem, was tiefstes, innerstes Wesen der mitteleuropäischen Kultur ist. Deshalb gibt die Empfindung, die aus Geisteswissenschaft geboren wird, den mitteleuropäischen Menschen Kraft und Zuversicht und Hoffnung und Glaube für dasjenige, was unsere schicksalsschwere Zeit in ihrem Schoße trägt. Dieser Glaube, er kann hervorgehen aus dem, was Geisteswissenschaft gibt, wenn sie das ganze Gemüt ergreift.
[ 59 ] In this way, however, one could say that Central European culture is to blame for all of this. In this materialistic age, people are simply clouded by a short-sighted logic. This is evident everywhere. In contrast, it must be emphasized that this does not represent the true character of Central European culture. Regarding this character—the very core of Central European culture—one must say that it appears only in embryonic form. One perceives it, when one contemplates its ongoing influence, as it bears ever more fruit and as it is destined to kindle idealism, spiritualism, and the spiritual life of humanity. And one then realizes how it sustains the soul, precisely through the contexts provided by spiritual science. Thus one could also say: Spiritual science appears as a fruit that one can intuit for the future and that must develop from what is the deepest, innermost essence of Central European culture. That is why the feeling born of spiritual science gives Central Europeans strength, confidence, hope, and faith in what our fateful times hold in store. This faith can arise from what spiritual science offers when it takes hold of the entire soul.
[ 60 ] Daher möchte ich jetzt am Schlusse nicht in abstrakter Weise, sondern empfindungsgemäß zusammenfassen dasjenige, was ich durch die schon allzu lange Betrachtung breiter ausgeführt habe. Denn das ist das Beste, was die Geisteswissenschaft geben kann, dass sie nicht zuletzt in ein Wissen ausläuft, nicht in eine Aufzählung von diesen oder jenen Gesetzen, sondern dass das, was man in ihr wissen kann, sich zusammenkonzentriert in eine Grundempfindung, die den Menschen so hineinstellt in die Welt, dass er weiß: Du stehst nicht nur im Leibe in einem physischen Universum, sondern du stehst in einem seelisch-geistigen Universum drinnen mit deinem unsterblichen, ewigen Selbst. Du hast durch Geburten und Tode den Tod als lebengebend kennengelernt. Mit der Empfindung geht der die Geisteswissenschaft Verstehende durch das Leben, seelenbefeuert, hoffnungsvoll und auch kraftvoll geht er durch das Leben mit der Empfindung, die ich nun am Schlusse, zusammenfassend die Betrachtung des heutigen Abends, vor Ihre Seelen führen möchte:
[ 60 ] Therefore, in closing, I would like to summarize—not in an abstract way, but based on my own experience—what I have already discussed at length in this all-too-prolonged examination. For this is the best that spiritual science can offer: that it does not ultimately boil down to mere knowledge, nor to a list of this or that law, but that what one can know through it is concentrated into a fundamental feeling that places the human being in the world in such a way that he knows: You do not merely stand in a physical universe through your body, but you stand within a soul-spiritual universe with your immortal, eternal self. Through births and deaths, you have come to know death as life-giving. With this feeling, the person who understands spiritual science goes through life—inspired by the soul, hopeful, and also full of strength—with the feeling that I would now like to present to your souls at the conclusion, summarizing this evening’s reflection:
Wo Sinneswissen endet,
Da stehet erst die Pforte,
Die Lebenswirklichkeiten
Dem Seelensein eröffnet.
Den Schlüssel schafft die Seele,
Wenn sie in sich erstarkt
Im Kampf, den Weltenmächte
Auf ihrem eignen Grunde
Mit Menschenkräften führen,
Wenn sie durch sich vertreibt
Den Wahn der Wissenskräfte
In ihren Sinnesgrenzen
Mit Geistesnacht umhüllt.
Where sensory knowledge ends,
There stands the gate,
Which opens up the realities of life
To the soul.
The soul forges the key,
when it grows strong within itself
in the struggle that the powers of the world
wage upon their own ground
with human forces,
when it drives out through itself
the delusion of the powers of knowledge
within the limits of the senses
enveloped in spiritual darkness.
