Menschenseele, Schicksal und Tod
GA 70a
14 Mai 1915, Prag
15. Die übersinnliche Erkenntnis und ihre stärkende Seelenkraft in unserer schicksalstragenden Zeit
[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Seit einer Reihe von Jahren durfte ich immer wiederum auch hier vortragen über Weltanschauungsfragen vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, wie sic auch den Betrachtungen des heutigen Abends zugrunde liegen werden.
[ 2 ] Nun haben die Freunde unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung hier im Wesentlichen die Meinung gehabt, dass ein solcher Vortrag auch in diesem Jahr, in dieser unserer schweren Zeit gehalten werden dürfte. Und das mag ja wohl aus dem Grunde nicht unangemessen sein, weil Geisteswissenschaft, so wie sie hier gemeint ist, wirklich zusammenhängt mit den tiefsten Fragen des menschlichen Herzens, des menschlichen Lebens, der menschlichen Seele, mit all den Fragen, die auf den Grund gehen den bitteren Enttäuschungen des Menschenlebens wie der Impulse, welche zugrunde liegen den mutigen, kühnen, den opfervollen Taten der Zeit, die so vieles in ihrem Schoße trägt und in der wir eben jetzt darinnenleben.
[ 3 ] Nun ist allerdings Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, in unserer Zeit wenig angemessen noch den Denkgewohnheiten der breitesten Kreise. Und derjenige, welcher ganz drinnensteht mit seiner Seele in dem, was hier als Geisteswissenschaft bezeichnet wird, er wird es keineswegs unverständlich finden, wenn sich Widerspruch über Widerspruch, Gegnerschaft über Gegnerschaft erheben gegen das, was hier vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus gesagt wird. Viel begreiflicher ist es auch dem Vertreter dieser Geisteswissenschaft, wenn das allgemeine Urteil, die allgemeinen Anschauungen in dieser Geisteswissenschaft etwas Phantastisches, etwas Träumerisches sehen. Es werden solche Urteile geltend gemacht zunächst von denen, die dieser Geisteswissenschaft noch wenig nahe getreten sind. Es ist das leichter zu verstehen, als wenn etwa leichten Herzens irgendjemand sich so ungewohnten Dingen gegenüber gleich zustimmend verhalten würde. Insbesondere sind es ja drei Gesichtspunkte, die immer wiederum geltend gemacht werden vom Gesichtspunkte der Gegner aus gegen die Geisteswissenschaft.
[ 4 ] Da wird vor allen Dingen einmal gesagt, dasjenige, was da als Geisteswissenschaft auftreten will, das widerspreche einer Weltanschauung, welche auf den sinnlichen Grundlagen wissenschaftlicher Forschung in der Gegenwart aufgebaut ist. Der zweite Einwand, der sich ebenso selbstverständlich erheben muss, ist der, dass diese Geisteswissenschaft ihrer ganzen Art nach leicht hineinführen könne in die dunklen Seiten des menschlichen Seelenlebens, in Aberglaube, in Vorurteile und dergleichen. Und ein drittes, was noch geltend gemacht wird, ist, dass die wertvollsten, die am meisten zu schätzenden Empfindungen und Gefühle der Menschen, die religiösen Gefühle, irgendwie beeinträchtigt würden von dem, was Geisteswissenschaft geltend zu machen hat.
[ 5 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich hoffe, dass durch die Andeutungen, die ich mir erlauben werde zu geben am heutigen Abend, gesehen werden kann, wie diese drei Einwände gegen die geisteswissenschaftlichen oder, man kann auch sagen gegen die übersinnlichen Erkenntnisse aus dem Felde geschlagen werden können.
[ 6 ] Zuerst wollen wir uns beschäftigen mit dem Verhältnis der Geisteswissenschaft gegenüber dem naturwissenschaftlichen Denken, gegenüber einer naturwissenschaftlich aufgebauten Weltanschauung in der Gegenwart. Immer wiederum habe ich es auch hier schon betont, dass wahre, nicht dilettantische Geisteswissenschaft nicht im Allergeringsten gegen irgendetwas sich auflehnen wird, was ein gesichertes Ergebnis der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist. Im Gegenteil, Geisteswissenschaft will für das Gebiet des geistigen Lebens im wahrsten, echtesten Sinne des Wortes sein eine Fortsetzung desjenigen, was für das äußere, sinnenfällige und äußerlich-praktische Leben die Naturwissenschaft ist, was die Naturwissenschaft in so hohem, bewunderungswürdigem Grade in den letzten Jahrhunderten gebracht hat. Allerdings so, dass Geisteswissenschaft gerade für das geistige Gebiet in demselben Sinne Wissenschaft sein will, wie Naturwissenschaft das ist für das äußere Gebiet. Deshalb muss diese Geisteswissenschaft ganz andere Wege einschlagen, muss in einer ganz anderen Art und Weise forschen, als die Naturwissenschaft das zu ihrer Aufgabe hat. Und weil man sich gerade im Laufe der letzten Jahrhunderte, namentlich des neunzehnten Jahrhunderts, bis in unsere Tage herein gewöhnt hat, nur solche Art, sich zu den Dingen zu stellen, als wirklich wissenschaftlich anzusehen, wie die Naturwissenschaft es macht, so ist es ganz natürlich, dass man gegenwärtig noch nicht etwas, was auf der einen Seite Wissenschaft sein will, aber als Geisteswissenschaft von der Naturwissenschaft verschieden sein muss, nicht als Wissenschaft gelten lassen will.
[ 7 ] Im Grunde genommen ist es so, dass Geisteswissenschaft mit ihrem Forschen erst da anfängt, wo Naturwissenschaft, überhaupt das gewöhnliche, alltägliche Denken aufhört. Und man bekommt am leichtesten eine Vorstellung davon, was Geisteswissenschaft sein will und sein soll, wie sie sich hineinstellen will in den ganzen Kulturprozess der Zeit, wenn man aufmerksam wird darauf, worin sie sich unterscheidet von dem, was naturwissenschaftliches Forschen und alltägliches Denken ist. Bei diesen naturwissenschaftlichen Forschungen und im gewöhnlichen Denken schauen wir hin auf die Gegenstände der Sinneswelt, die um uns herum sind. Wir versuchen, die Gesetze der Vorgänge dieser Sinneswelt zu umfassen mit unserem an das Gehirn gebundenen Denken. Wir versuchen, einen Zusammenhang hineinzubringen in die Flucht der Erscheinungen. Und wir sind im Allgemeinen für das gewöhnliche Denken und auch für die gewöhnliche Wissenschaft ganz selbstverständlich damit zufrieden, dass wir uns Vorstellungen, Begriffe und Ideen angeeignet haben über dasjenige, was vor unseren Sinnen sich ausbreitet oder was im Laufe des geschichtlichen Werdens in der Menschheit sich vollzieht. Wenn wir bei diesen Vorstellungen, Begriffen und Ideen angekommen sind und wenn wir überzeugt sein können davon, dass sie uns etwas abbilden von der äußerlich-sinnlichen Wirklichkeit, so haben wir unserem Bedürfnis für diese äußere Erkenntnis Genüge getan.
[ 8 ] Da nun, wo diese gewöhnliche Wissenschaft, dieses alltägliche Denken stehen bleiben muss, da muss mit ihrem Forschen die Geisteswissenschaft erst beginnen. Für die Geisteswissenschaft handelt es sich nicht darum, dass man äußere Experimente anstellt, nicht darum, dass man irgendwelche Forschungsmethoden anwendet, die auf Dingen beruhen, die äußerlich mit den Sinnen überschaut werden können, sondern darum, dass man die intimsten Vorgänge der Seele studiert, die aber erst hervorgerufen werden müssen. Der Geistesforscher hat es zu tun mit einer rein geistig-seelischen Arbeit in einem geistigen Laboratorium, wie es der Chemiker zu tun hat mit einer sinnenfälligen Arbeit in einem äußeren Laboratorium und seinen Vorgängen. Und wie der Chemiker die Menschen hineinschauen lässt in das, was er durch seine Vorgänge der Natur ablauschen kann, so muss der Geistesforscher die Menschen hineinschauen lassen können in intime Seelenvorgänge, die aber — ebenso wie im chemischen Laboratorium durch Experimente die Vorgänge hervorgerufen werden müssen — erst hervorgerufen werden müssen. Das ist es, worauf man besonders achten muss. Nicht durch Seelenerlebnisse, die man schon im gewöhnlichen Leben oder in der gewöhnlichen Wissenschaft hat, kommt man zu den Ergebnissen der Geisteswissenschaft, sondern dadurch allein, dass man seelisch-geistige Vorgänge hervorruft, die im gewöhnlichen Denken, im gewöhnlichen Vorstellen und Empfinden überhaupt gar nicht vorhanden sind.
[ 9 ] Dasjenige, was da die Seele zu vollziehen hat, man bezeichnet es gewöhnlich als Meditation, als Konzentration des Denkens. Und ich werde die Aufgabe haben, wenigstens mit einigen Kohlestrichen sozusagen das Bild zu skizzieren, welches darstellen soll, was der Geistesforscher zu tun hat, um den Weg zu finden in die geistigen Welten. Alles Genauere können Sie finden in meinen Büchern, in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft».
[ 10 ] Dasjenige, um was es sich handelt, ist, dass man den Gedanken, den Begriff, die Empfindung, kurz, das ganze Seelenleben des Menschen in einer anderen Weise behandelt, als man es im alltäglichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft zu behandeln gewöhnt ist. Wo man dort stehen bleibt, muss man erst anfangen für die Geistesforschung. Es handelt sich nicht darum, für die Geisteswissenschaft einen Gedanken zu haben, sondern darum, zu leben innerlich, ganz eins zu werden mit einem Gedankenerlebnis, mit einem Empfindungserlebnis. Daher ist es auch gar nicht von Bedeutung, gar nicht so wesentlich, einen Gedanken, ein Empfindungserlebnis zu haben so, dass es zunächst etwas Äußerliches abbildet. Ich möchte sagen, man erlebt intimer im geistesforscherischen Erleben, wenn man zunächst solchen Gedankenerlebnissen sich hingibt, die nichts Äußerliches abbilden. Dafür möchte ich ein Beispiel einführen, ein einfaches Beispiel.
[ 11 ] Nehmen wir an, es bildet sich jemand die Vorstellung: «Im Lichte, das durch den Raum sich ausbreitet, breitet sich aus durch die Welt flutende Weisheit.» Das ist ganz gewiss kein Gedanke, den irgendein Wissenschaftler oder das äußere, ans Materielle gebundene Leben anerkennen wird. Aber nicht darum handelt es sich, etwas abzubilden, was äußerlich-sinnlich wirklich ist, sondern darum, den Gedanken nun voll in den Boden des seelischen Lebens zu versenken und die Kraft wachzurufen in der Seele, die man wachrufen muss, wenn durch innere Anstrengung ein solcher Gedanke ganz allein im seelischen Leben festgehalten werden soll. Ablenken muss man die Aufmerksamkeit von alledem, was man in der Welt sonst sieht und hört; von alledem, an das man sich sonst im Leben erinnert; von all dem auch, was man erleben kann als Lebensleid und Lebenslust, vor allem Empfindungen, die aus den Leidenschaften, aus dem Triebleben heraufkommen; von alledem muss man sich ablenken für die Zeit, in der man sich ganz versenken will in einen solchen Gedanken, den man durch innere Willkür in den Mittelpunkt des Seelenlebens stellt.
[ 12 ] Alle diese Seelenkräfte, die sonst für das sich ausbreitende Leben der Seele verwendet werden, die werden abgezogen vom äußeren Leben, auch vom alltäglichen Innenleben. Denn nicht darauf kommt es an, dass man diesen Gedanken, auf den man sich konzentrieren will, hat, nicht darauf, was er enthält, sondern auf die innere, geistig-seelische Verrichtung kommt es an, auf die geistig-seelische Arbeit, dass man gewahr wird, was die Seele da tut, indem sie sich fixiert auf einen einzigen Gedanken. Solche Übung darf aber nicht als etwas Vorübergehendes einmal gemacht werden oder ein paarmal wiederholt werden, und man darf nicht dann etwa erwarten, dass schon irgendwelche Erlebnisse eintreten. Diese Übung, sie muss je nach persönlicher Veranlagung des Menschen jahrelang immer wiederum fortgesetzt werden. Bei manchen Menschen dauert es kürzer, bei manchen länger. Aber Geduld und Ausdauer und innere Energie muss aufgewendet werden, damit auf diese Weise der Weg der Geistesforschung betreten werden kann. Auch muss vor allen Dingen die Geduldarbeit darin bestehen, immer wieder und wiederum — Sie werden gleich den Grund sehen, warum das sein muss — denselben Gedanken festzuhalten. Nicht auf Abwechslung der Gedanken kommt es an, sondern auf diese konzentrierende Seelenverrichtung.
[ 13 ] Nun, wenn man auf diese Weise die Seele so zu einer willkürlichen Verrichtung anhält, die sie im äußeren Leben sonst nicht aufwendet, dann merkt man allmählich, dass immer unabhängiger wird, was so die Seele verrichtet, von dem, wovon sie sonst recht sehr abhängt, von dem Leiblichen, dem Äußerlich-Körperlichen. Das muss man erleben, was hervorgeht aus diesem Zusammensein, diesem ganz intimen Zusammensein mit einer solchen Seelenverrichtung. Und das ist es, was so grotesk, ja paradox auf die Denkgewohnheiten unserer Zeit wirkt, wenn gehört wird, was da aus einer solchen inneren Anstrengung des seelischen Lebens hervorgehen kann. Denn so wenig sich derjenige, der niemals von Chemie etwas gehört hat und nur Wasser gesehen hat, eine Vorstellung machen kann, dass man aus dem Wasser herausholt den Wasserstoff, der ganz andere Eigenschaften hat als das Wasser — Wasser ist flüssig und löscht das Feuer, Wasserstoff ist ein Gas und brennt selber —, Wasserstoff ist etwas anderes als das Wasser, aber er ist im Wasser drinnen, jedoch merkt man ihn erst, wenn man ihn herausbekommen hat durch chemische Methoden. Wer das nie gesehen hat, nie etwas von Chemie gehört hat, dem wird es erstaunlich klingen, dass ein Stoff, der brennt, aus dem Wasser gewonnen werden kann.
[ 14 ] So ist es für denjenigen, der niemals von geistigen Erlebnissen, von solchen Erlebnissen in der Seele gehört hat, paradox und phantastisch, wenn ihm gesagt wird, dass durch das immer wiederholte Anstrengen der Seele in der charakterisierten Richtung das Geistig-Seelische wirklich herausgelöst wird aus dem Physisch-Leiblichen, dass das Geistig-Seelische ganz frei wird und man davon sprechen kann, dass das Ende des Weges, dessen Anfang, wie gesagt, mit einigen Strichen charakterisiert worden ist, dass das ist, dass man erlebt: Du bist nicht mehr mit deinem Denken in deinem Leibe, deinem Gehirn, du bist mit ihm außerhalb deines Leibes. Dein Leib ist ein Gegenstand geworden außerhalb deiner selbst, wie außerhalb des physischen Leibes die Gegenstände der Sinneswelt sind.
[ 15 ] Das ist ein großes, bedeutsames Erlebnis, zu dem da der Geistesforscher aufsteigt. Einmal wirklich erlebt zu haben, dass man in den geistig-seelischen Verrichtungen unabhängig sein kann vom Physisch-Leiblichen, das gehört zu dem Erschütterndsten, das man in seinem seelischen Erleben durchmachen kann. Und das muss ja betont werden: Die Methoden des Geistesforschers sind nicht solche, die einen so gleichgültig lassen wie die äußeren wissenschaftlichen Methoden. Wenn ich Ihnen auch einfach nur schildern musste einen, wie es Ihnen vielleicht vorkommen mag, abstrakten inneren Vorgang, so ist doch mit diesem Vorgang verbunden, wenn man wirklich es dahin bringt, das ganze Seelenleben zu intensivieren mit dem, was durch Willkür in den Mittelpunkt des Seelenlebens gerückt ist, es ist doch mit diesem Vorgang verbunden alles innere seelische Erleben. Nicht bloß das Gedankenerleben, sondern aus den Untergründen der Seele rücken hinauf die Gemütsimpulse, die Willensimpulse. Man hat das Gefühl, dass man mit seinem ganzen inneren Wesen nachzieht dem, was der Gedanke, auf den man sich konzentriert hat, aus einem herausgerissen hat. Der Anfang des Weges ist der, dass man sich innerlich energisiert fühlt, gewissermaßen zu der einen, zunächst voll gefühlten Empfindung aufsteigt: Du lösest dich los von deinem Physisch-Leiblichen; du rückst hinein in eine ganz andere Welt, in die dein Leibliches nicht hineinrücken kann. Nicht irgendetwas Konstruiertes erzähle ich Ihnen, sondern die wirklichen Erlebnisse des Forschers.
[ 16 ] Zuerst hat man also dieses Erlebnis, herauszukommen aus dem Physisch-Leiblichen. Dann aber verwandelt sich dieses Erleben. Wenn man sich immer weiter anstrengt auf diesem Wege, dann tritt das auf, dass, statt des weiteren Verstärkens dieses inneren Erlebens man nun fühlt, wie es sich ablähmt, dieses innere Leben; wie es immer schwächer und schwächer wird. Bis zu einem gewissen Punkte wird es immer stärker, dann aber wird es immer schwächer und schwächer. Sodass man das Gefühl hat: Nicht eine äußerlich-körperliche Ohnmacht, aber eine seelisch-geistige Ohnmacht beginnt. Man hat das Gefühl, man verlöre alle seine geistig-seelischen Erlebnisse, wenn man sich vom Leibe gelöst hat, irgendein Unbekanntes nehme einem beides ab.
[ 17 ] Wenn ich charakterisieren sollte dasjenige, was man da innerlich erlebt, so muss ich zu Begriffen, zu Vergleichen meine Zuflucht nehmen, mit denen aber mehr gemeint ist als sonst mit Vergleichen, die vielleicht zunächst ungewohnt erscheinen. Nehmen wir an, eine Pflanze wüchse aus dem Boden heraus, zu den Blättern und Blüten hin bis zur Frucht. In dieser Pflanze ist auch die Kraft, die zuletzt den Keim hervorbringt. Nehmen wir an, der Keim könnte sich bewusst werden, indem die Pflanze so heranwächst. Nehmen wir an, es würde der Keim die Empfindung haben müssen: Ich werde immer mächtiger, immer fähiger, eine neue Pflanze aus mir herauszuschaffen. Aber der Keim weiß, dass sich die alte Pflanze dem Absterben weiht. Er weiß: Ich nehme ihre Kraft; nur dadurch kann ich als Keim gedeihen, dass ich die Blätter zum Abfallen, die Blüten zum Welken bringe. Das alles muss seine Bedeutung verlieren, dann kann ich als Keim mich entwickeln.
[ 18 ] So ist es auch, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man auf die geschilderte Weise sich hineinlebt in das Geistig-Seelische, das nun leibfrei geworden ist. Man fühlt, wie wenn man sich in ein Element hineinlebt, welches immer auf dem Grunde der Seele ist, aber das ganze menschliche Leben zwischen Geburt und Tod hindurch in sich eigentlich zerstörende Kräfte hat; Kräfte, die allmählich den Menschen absterben lassen, den Menschen so wie er im physischen Leben ist, dem Tod entgegenführen. Man kann nicht auf diesen Vorgang im Grunde der menschlichen Seele schauen, man kann es nicht, ohne dass man in einem bestimmten Moment die Gründe vor das geistige Auge geführt hat, welche im Menschen vorhanden sind als Gründe des über ihn im physischen Leben einmal kommenden Todes.
[ 19 ] Daher ist für diejenigen, die im Laufe der Jahrhunderte über diesen Vorgang etwas gewusst haben, das Erlebnis, das da gemeint ist, so, dass sie gesagt haben: Man gelange an die Pforte des Todes; man mache sich bekannt, wenn so das Geistig-Seelische sich herauslöst aus dem Leiblichen, dass man durch das Beste, was man hat im alltäglichen Leben, durch das, was unser innerlichstes Lebensgut ist, fortwährend zerrt und lähmt an dem Physisch-Leiblichen. Das ist uns gnadenvoll verborgen im gewöhnlichen Leben. Da genießen wir nur die Frucht. Wir merken, wir können denken und empfinden. Der Geistesforscher hat die Entdeckung gemacht, wenn er dasjenige, was dem Denken und Empfinden zugrunde liegt, wirklich aus seinem Leibe heraushebt, dass es das ist, was fortwährend eigentlich den Leib verzehrt, was als Denkkraft, als Empfindungskraft, als Willenskraft im Menschen lebt. In seiner wirklichen Gestalt ist es dasjenige, welches die zerstörenden Kräfte des Leibes birgt und welches zuletzt wirklich sich in den Tod zusammenkonzentriert.
[ 20 ] Sie können verstehen, dass die weisen Führer der Welt Grund genug hatten, für das gewöhnliche Leben einen Schleier zu ziehen vor diese Vorgänge. Aber wer die Wahrheit erforschen will, darf keine Furcht haben vor der wahren Gestaltung desjenigen, was in den Untergründen des Seelischen wirkt und immer vorhanden ist. Deshalb spricht man von einer Ohnmacht, die über einen kommt, wenn man bis zu einem gewissen Punkte in dem innerlich konzentrierten Seelenleben den geistesforscherischen Weg beschritten hat. Und hat man alles getan, um weiter auf diesem Wege zu schreiten, dann verstärken sich die Kräfte, dann kommt man endlich dahin, diese innerliche Ohnmacht zu überwinden und voll bewusst drinnen zu leben in dem Geistig-Seelischen, das jetzt aber von dem Physisch-Leiblichen sich abgetrennt hat, außer dem Leibe lebt im Geistig-Seelischen. Ausdrücklich betont muss nun werden, dass so, wie im Allgemeinen der Geistesforscher gut kennt, was widerspricht vonseiten der naturwissenschaftlichen Weltanschauung demjenigen, was er geltend zu machen hat, so gut kennt er auch dasjenige, was im Einzelnen eingewendet werden kann gegen das, was er vorzubringen hat.
[ 21 ] So weiß der Geistesforscher ganz gut, dass der im äußerlichen Sinne medizinisch oder naturwissenschaftlich Gebildete sagen kann: Ja, das kennen wir gut, was du uns da sagst, dass der Mensch, wenn er sich hypnotisiert oder eine bestimmte Vorstellung suggeriert, in einen Zustand kommt, in dem er dann in einem abnormen Bewusstsein lebt, in einem krankhaften Zustand. Aber wir wissen auch, dass ein solcher Zustand nicht zu irgendetwas Gesundem, zu irgendeiner wahren Erkenntnis führen kann. Das, was in dieser Weise die Wissenschaft und der naturwissenschaftlich Gebildete einwenden kann, das kennt aber der Geistesforscher sehr gut. Aber derjenige, der solche Einwendungen der Geisteswissenschaft gegenüber macht, der ist nicht bekannt mit dem, was die Geistesforschung vorbringt, damit gerade der Weg, den der Mediziner und der Naturforscher kennt, nicht beschritten werde. Denn dasjenige, was der Mediziner, was der Naturwissenschaftler kennt und in der eben besprochenen Weise charakterisiert, das vermeidet gerade der Geistesforscher, denn das alles ist in gewisser Art noch an den Leib gebunden. Die Ohnmacht, von der gesprochen worden ist, all das Erschütternde, das die Seele durchmacht, das wird erlebt rein im Geistig-Seelischen, zu dem wird das Leibliche gar nicht in Anspruch genommen.
[ 22 ] Wer die Methoden der Geistesforschung kennt, der wird finden, dass dasjenige, was die Geistesforschung gibt als ihre Methoden und was nach der Gesundung der Seele hin liegt, entgegengesetzt von dem ist, was der Mediziner oder der Naturwissenschaftler als diesem Konzentrieren und Meditieren zugrunde liegend glaubt. Denn alles, was da erlebt wird, es wird nicht so erlebt wie der hypnotisierte Zustand oder die Suggestion, sondern es beruht gerade darauf, dass das Seelisch-Geistige frei wird von dem, was man hypnotisieren kann oder zur Suggestion kommt. Dasjenige, was da gerade eingeschläfert wird, wenn man jemand in Hypnose versetzt, dasjenige, was ausgeschaltet wird, wenn man Suggestionsvorstellungen jemanden gibt, gerade das wird verlebendigt, gerade das wird erstarkt in der Geistesforschung, und es wird ausgeschaltet dasjenige, worin wie in einem Automaten ausgewirkt wird, was der Hypnotiseur oder der Suggerierende vornehmen. In der Hypnose und bei der Suggestion ist dasjenige gerade einzuschläfern, was in der Geistesforschung erweckt wird. Ich kann alle diese Dinge nur andeuten; alles Weitere können Sie in meinen Büchern und in unserer Literatur überhaupt nachlesen.
[ 23 ] Wenn nun der Geistesforscher so, wie es beschrieben worden ist, seinen Weg fortsetzt, so kommt er zu einem wirklichen Erleben eines geistig-seelischen Kernes. Diesen geistig-seelischen Kern, man könnte ihn wieder mit etwas Äußerlichem vergleichen; man könnte ihn mit dem Pflanzenkeim vergleichen, der sich aus den Kräften, die in der Pflanze allmählich heraufsteigen, bildet, über die Laubblätter, die Blütenblätter hinaus bildet, und der dann zu einer neuen Pflanze wird. So kann die Geisteswissenschaft beim Menschen von einem geistig-seelischen Kern sprechen. Aber hier muss ich besonders darauf aufmerksam machen, dass der ganze Vorgang der Geistesforschung ein Erkenntnisvorgang ist. Dasjenige, was der Geistesforscher entdeckt, das ruft er nicht dadurch hervor, dass er die Methoden in sich ausbildet. Alle die Methoden, die er so in sich ausbildet, die führen zu nichts Neuem in der menschlichen Seele, sondern nur zu einer Erkenntnis dessen, was in der menschlichen Seele da ist. Dasjenige, was da vom Geistesforscher entdeckt wird, wir können sagen der Pflanzenkeim wird dadurch in keiner einzigen Eigenschaft anders, dass ich ihn anschaue. Ebenso wenig wird das, was auf dem Grunde der Seele liegt und nur für das alltägliche Leben zugedeckt wird, anders dadurch, dass der Geistesforscher seine Methoden anwendet auf die eigene Seele. Er schaut nur auf das hin, was im Grunde in der Seele ist. Es ist also dieser geistig-seelische Kern im Grunde einer jeden Menschenseele. Der Geistesforscher entdeckt nur, dass er diesen geistig-seelischen Kern in seiner Seele trägt wie der Pflanzenkeim, der von einer zur anderen Pflanze wächst.
[ 24 ] Er weiß, dass damit gefunden ist dasjenige, was durch Geburten und Tode geht, was vor der Geburt in einer geistig-seelischen Welt vorhanden war, was herabgestiegen ist aus der geistigen Welt, dass es nicht hervorgerufen wird durch leiblich-physische Vorgänge, sondern dass es selbst, indem es im Leibe lebt, an der Gestaltung des Leibes arbeitet; dass es dann wiederum durch die Pforte des Todes in eine geistige Welt hineingeht, nachdem es zwischen der Geburt und dem Tode am Leibesleben gewirkt und gewebt ist. Darin besteht das Wesentliche der Geisteswissenschaft, dass dieser geistig-seelische Kern des Menschen wirklich angeschaut wird.
[ 25 ] Wenn man das Leben in Meditation und Konzentration nun fortsetzt, namentlich nach der Willensseite hin, dieses intime Seelenleben fortsetzt, dann merkt man [noch] etwas anderes. Allerdings ist es nötig, dass man gerade so intim innerlich lebendig den Willen behandelt, wie man den Gedanken beim Meditieren und Konzentrieren behandelt, in der angezogenen Weise, die eben geschildert worden ist. Dazu möchte ich, um es klarzumachen, das Folgende sagen. Es ist etwas Einfaches, denn diese Dinge gehen immer von etwas Einfachem aus; die ersten Schritte schließen sich an an das gewöhnliche Leben. Nur dann, wenn wir den Weg mit innerer Tatkraft energisch verfolgen, ist das Ende jenes Erschütternde, von dem ich gesprochen habe.
[ 26 ] Wir können uns die einfache Überlegung vor die Seele führen, wie wir denn eigentlich in unserem Schicksal stehen. Wir erleben es ja im alltäglichen Leben so, dass wir das, was uns zur Freude, zum Schmerz, zur Entsagung, zu Lebensmut wird, dass wir das durch äußere Verhältnisse an uns herankommen sehen. Im Grunde verhält sich im alltäglichen Leben der Mensch zu diesen Schicksalszufällen, wie sich der Mensch auch verhält zu Naturereignissen. Wer noch keine Ahnung von den Naturgesetzen hat, sieht, wie die Sonne aufsteigt und untergeht, wie die Sterne aufsteigen am nächtlichen Himmel, die Vorgänge, die sich sonst außer ihm entwickeln; er sucht keinen gesetzmäßigen Zusammenhang darin, er schaut sie nur an. Nun kommt der Mensch durch naturwissenschaftliche Erkenntnis dahin, Gesetze zu sehen in diesen aufeinanderfolgenden Tatsachen und Vorgängen. Wenn wir heute im Laufe der Menschheitsentwicklung so weit sind, dass jeder Gebildete anerkennt, dass man die äußeren Tatsachen, die Naturvorgänge durch gesetzmäßige Zusammenhänge erkennen kann, so stehen wir erst beim Ausgangspunkte der Zeit, die sich entschließen wird, nun auch dasjenige, was als sogenannte Lebensschicksale abläuft, so zu durchschauen, dass man darin einen Zusammenhang findet. Wie kann man diesen Zusammenhang finden? Allerdings nicht auf so abstrakte Weise, dass man nach Gesetzen forscht wie in der Naturforschung und in der Geschichte. Das hängt auch zusammen mit einem Hingeben der forscherischen menschlich-seelischen Kräfte. Aber, wie gesagt, vom Einfachen ausgehend können wir diese beiden Wege in die geistige Welt hinein klarmachen.
[ 27 ] Wenn wir uns fragen: Was sind wir als Menschen, die wir dieses oder jenes können, die wir uns Fähigkeiten angeeignet haben? Wenn wir nachdenken, wodurch wir solche Fähigkeiten haben, wodurch wir dasjenige, was wir können, uns angeeignet haben, so werden wir zurückkommen in die frühere Zeit unseres jetzigen Lebens. Wenn wir nicht gedankenlos unser Leben überblicken, sondern wenn wir uns wirklich gründlich in diese Zusammenhänge des Lebens hineinversetzen, müssen wir uns sagen: Ich würde jetzt irgendetwas, was ich kann, nicht können, wenn nicht zwischen dem zehnten bis zwanzigsten Jahr gerade diese oder jene Schicksalszufälle an mich herangekommen wären. Dadurch, dass mich dieses oder jenes getroffen hat, an meiner Seele gearbeitet hat, habe ich diese Fähigkeiten erhalten. Und wenn man diesen Gedankengang weiterführt, so kommt man darauf, dass man eigentlich dasjenige, was man ist, seinem Schicksal verdankt, dass durch das Schicksal zusammengeflossen ist, was jetzt unser ganzes Selbst ist. Das, was das Selbst für die Welt ist, ist das, was man kann. Und einen innigen Zusammenhang wird man finden zwischen dem, was man versteht, und dem, was man einstmals als Lebensschicksale erfahren hat. Und wenn man mit diesem Gedankengang nicht bloß eine Verstandesübung macht, sondern mit der ganzen Seele, also empfindend und innerlich wollend, das ganze Gemüt an dieses Wollen hingebend, sich versenkt in einen solchen Erlebensvorgang, dann wächst das, was man ist, alles dieses wächst über einen hinaus und wächst in das Schicksal hinein. Man sagt sich: Das Schicksal ist das, was uns selbst trägt. Wie das Meer den Eisberg auf seinen Wellen trägt, so trägt das Schicksal, das wir überblicken, unser Selbst heran. Unser Schicksal hat es zu dem gemacht, was es jetzt ist. Das kann der Anfang sein eines solchen innerlichen Erlebens.
[ 28 ] Aber wenn man dieses innere Erleben nicht, wie man im äußeren Dasein gewohnt ist, etwa nur einmal an sich vorüberhuschen lässt, sondern es immer wieder und wiederum als geistig-seelisches Erlebnis sich vollziehen lässt, wenn man es immer wiederum wiederholt, dann geht die Sache noch viel weiter. Dann wird daraus ein geistig-seelisches Erlebnis entstehen, das unabhängig vom Leibe ist, wie die vorher geschilderten Vorgänge, nur dass dieses Erlebnis ganz anders ist. Es zeigt uns jetzt, wie wir nicht in unseren geistig-seelischen Kern so eigentlich hineinwachsen, sondern zusammenwachsend uns vorstellen müssen mit dem ganzen Universum, wir fließen gleichsam in unser ganzes Universum aus. Und wir entdecken, nicht jetzt in uns, sondern in der Welt draußen, in der wir vorher nur Gegenstände wahrnahmen, die außerhalb von uns sind, unser Selbst. Es ist wiederum ein weiter Weg. Wir wissen also das, was wir sonst gewohnt sind, in uns zu finden, von der Welt zu empfangen, [wir müssen es verlieren]; wir müssen uns wirklich verlieren in der Art, wie wir immer sind, und wir müssen uns neu empfangen von der geistigen Welt, in der wir jetzt sind.
[ 29 ] Vor diesem Erlebnis hat der Mensch wiederum auf dem Grund seiner Seele eine unbewusste Abneigung. Dieses Erlebnis zu haben, davor hat der Mensch eine gewisse Furcht, nur kommt ihm das nicht zum Bewusstsein. Vieles ist in unserer Seele, was nicht heraufkommt in unser Bewusstsein. Aber diese Furcht, sie wird auch wiederum durch einen Schleier verdeckt. Denn wir entdecken, wie wir vorher uns fühlen konnten wie der Pflanzenkeim [Lücke im Text] Wenn er gerade sich stark fühlt, wenn man wie eine Ohnmacht erlebte, so fühlt man jetzt sich allerdings nicht wie herausgehoben, also nicht so, wie bei der früheren Übung, wie wenn man den Boden unter den Füßen verlöre, sondern jetzt fühlt man sich wie verzaubert, wie versteinert, erstarrt; man fühlt, wie alles das, was in uns als Leben ist, wie zu Stein erstarrt, wie eine Steinmasse, die nicht weiterkommt im Weltendasein. Jetzt merkt man, man lernt immer mehr und mehr unterscheiden: Das Starre zeigt etwas, was immer weitergehen will bis in den Tod hinein und was, man erkennt es ihm an, durch die Pforte des Todes durchgehen will, in eine geistige Welt hineingehen will.
[ 30 ] Es ist etwas, was in uns die Gewähr trägt, dass unser Dasein mit dem Tode nicht abschließt, sondern, wie die Pflanze den Keim zu einer neuen Pflanze in sich trägt, den Keim in sich trägt zu einem späteren geistigen Leben, um dann zu einem neuen Erdenleben wiederum zurückzukehren. Was man auf diese Weise erlebt, das ist etwa so zu schildern: In einem Jahr merkt man diese Erstarrung; nach einigen Jahren wiederum, man findet die Lebensresultate noch mehr erstarrt; nach weiteren Jahren hat man das Erlebnis des noch härteren, und man entdeckt schließlich in dem, was man so erlebt, dasjenige, was man aus der geistigen Welt hereingebracht hat durch die Geburt; was man von früheren Erdenleben herübergebracht hat in dieses Leben und was sich loslöst, sich aufzehrt im gegenwärtigen Leben; was dazu getrieben ist, zwischen Geburt und Tod den Leib zu bilden, das gewöhnliche Leben zwischen Geburt und Tod auszufüllen. Man erlebt, wie auf dem Grunde der Seele im Unterbewussten zusammenstößt dasjenige, was vor dem jetzigen Erdenleben liegt, und dasjenige, was nach dem jetzigen Erdenleben liegen wird. Und man merkt auf dem Grunde der Seele die Ohnmacht desjenigen, was jetzt noch nicht leben kann, kämpfend mit dem, was jetzt nicht mehr leben kann.
[ 31 ] Und indem man diesen Kampf auf dem Grunde seiner Seele entdeckt, da beginnt man zu wissen, was dieses Menschenleben eigentlich ist. Da beginnt man zu wissen, dass dieses Menschenleben uns zwar die Güter bringt, die wir vor allen Dingen wertvoll halten im gewöhnlichen Menschenleben. Aber man merkt zugleich, dass diese Güter, alles, was wir im Wachzustand durchleben, sich aufbaut auf einem Kampfe, der im Untergrund der Seele waltet. Zunächst ist das Anschauen das Schwierige, das Anschauen dieses Kampfes. Und wenn ein Philosoph von Grenzen des Erkennens spricht, so weiß er im Grunde genommen nicht, von was er spricht. Von was spricht er? Dasjenige, was ich geschildert habe als herannahende Ohnmacht, die man nicht über sich kommen lassen will; dasjenige, was ich geschildert habe als Furcht, vor der man zurückbebt, das kommt nicht in das Bewusstsein herauf; der Philosoph will es nicht heraufkommen lassen. Er tut alles, um es hinunterzudrücken, und er maskiert sich das, indem er sagt: Der Mensch kann die Welt nicht erkennen. Er kann sie nicht erkennen, ohne dass er durch Ohnmacht und Furcht den Weg nimmt. Aber dieser Weg soll vermieden werden. Und indem man sich dies nicht eingesteht, statuiert man: Das menschliche Erkennen kann nicht weiter kommen als dahin, wo es Kant als an seiner Grenze geschildert hat.
[ 32 ] Aber der wahre Grund von dem Fixieren der Grenzen der Erkenntnis liegt in dem, was ich eben ausgeführt habe. Aber wenn man wirklich hinschaut auf das auf dem Grunde der Seele Vorgehende, dann begegnet man nicht etwa einer kleinmütigen oder verzagten Anschauung vom Leben, sondern man weiß, dass dieses Leben, selbst das alltäglichste Leben, das der einfachste Mensch führen kann, darauf beruht, dass in seiner Seele unendlich viel vorgeht. Ja, das Leben, das wir im Denken, Empfinden, Wollen für unsere alltäglichen Verrichtungen anwenden, das muss durch geistig-seelische Mächte, die unter der Schwelle des Bewusstseins liegen, hervorgerufen werden in einem echten Kampfe; das muss errungen werden durch einen großen, gewaltigen Sieg. Dass wir als Mensch zwischen Geburt und Tod leben können, das ist verdankt dem Sieg der Mächte, die so in uns walten, wie es beschrieben worden ist. Der Weg der Geistesforschung, er ist ein entsagungsvoller. Aber das Ergebnis ist ein solches, dass es uns Seelenerstarkung gibt, weil wir innerlich erfahren, dass wir nicht Mensch sein könnten, wenn nicht uns unbekannte geistige Mächte Gewaltiges zu vollbringen haben, um uns zu dem zu führen, was wir im alltäglichen Leben sind.
[ 33 ] Vertrauen, Glaube, Hoffnung erobern wir uns als Seelenstärke, wenn wir die Erkenntnisse der Geistesforschung auf uns wirken lassen. Und der Einwand ist nicht berechtigt, der etwa darin bestünde, dass man sagt: Ja, das alles kann aber nur der Geistesforscher erleben. Nein, so ist es nicht. So, wie der Chemiker im Laboratorium seine Versuche macht und die anderen Menschen nicht dabei sind, so macht der Geistesforscher diejenigen Versuche in seinem geistig-seelischen Laboratorium, solche Versuche, wie sie eben angedeutet worden sind. Und so, wie der Chemiker dasjenige, was er erforscht, dem Nutzen der Allgemeinheit übergibt, so kann der Geistesforscher dasjenige, was er erforscht hat, hinstellen in geeigneter Art vor seine Mitmenschen. Und wie man nicht Chemiker zu sein braucht, um die Produkte und ihren Nutzen zu haben, die der Chemiker erzeugt, so braucht man nicht ein Geistesforscher zu sein, um dasjenige einzusehen — ich sage jetzt «einzusehen», nicht bloß «Nutzen zu haben» —, was der Geistesforscher in seinem Geisteslaboratorium hervorbringt, wenn man nur die Vorurteile überwindet, die von dem Hängen an den üblichen Denkgewohnheiten kommen.
[ 34 ] Das ist es eben, was immer wiederum gesagt werden muss: Um die Dinge zu erforschen, um hineinzusehen in dasjenige, was hinter dem Leben webt und west, braucht man die Geistesforschung. Wenn die Dinge aber einmal erforscht sind und hingestellt werden durch den Geistesforscher in Worten der gewöhnlichen Sprache, dann ist es nur das Vorurteil, das man sich anerzogen hat durch die gewöhnliche Wissenschaft, welches einem immer wiederum sagt: Das ist nicht wahr. Denn die Geisteswissenschaft appelliert an dasjenige, was als natürliches Wahrheitsgefühl dem Menschen nicht nur anerzogen, sondern angeboren ist. Und die Zeit wird kommen, ganz sicher wird die Zeit kommen, in welcher die Menschen nicht begreifen werden, dass man sich einst gesträubt hat gegen die Ergebnisse der Geisteswissenschaft. Dann wird man sich sagen: Ja, dass man das nicht eingesehen hat, was die Geistesforscher sagten, was sie vor die Menschen hinstellten als Resultate ihrer Forschungen, daran war nur schuld, dass man gewöhnt war durch landläufig gewordene wissenschaftliche Methoden, nur dasjenige gelten zu lassen, was man «wissenschaftlich» nannte, und dass man nicht darauf eingehen wollte, unbefangen nachzudenken über dasjenige, was die Geistesforscher sagten. Nur dadurch hat man es nicht eingesehen.
[ 35 ] Obzwar — wie Sie das in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» nachlesen können — jeder bis zu einem gewissen Grade ein Geistesforscher werden kann, so weit wenigstens, dass er auch durch innere Entwicklung der Seele das als wahr anerkennen kann, was der Geistesforscher auf seinem Wege findet, so braucht er es doch nicht zu sein. Sondern durch gewöhnlichen, gesunden Menschenverstand, wenn er nur nicht durch Vorurteile getrübt ist, ist das einzusehen, was die Geistesforschung zu sagen hat. Und der Geistesforscher muss selbst sagen: Er versenkt sich in die Art und Weise, wie sich die geistige Kultur entwickelt hat in der Welt, und weiß dann, dass die Wahrheit und die Wahrheitserkenntnis ihren Weg finden wird durch alle Vorurteile hindurch. Heute kann derjenige, der da hängt an den gewöhnlichen Vorstellungen der Wissenschaft, ganz begreiflicherweise kommen und sagen: Ja, was da solch ein phantastischer Geistesforscher sagt, das widerstrebt dem gesunden Menschenverstand, den gesunden fünf Sinnen! Ja, als Kopernikus kam und erklärte: Die Erde bewegt sich, nicht die Sonne; die Erde bewegt sich um die Sonne; die Erde bleibt nicht stehen und wird von Sonne und Sternen umkreist, sondern das wird nur vorgetäuscht durch die Bewegung der Erde — da war das so, dass es dem widersprach, was bis dahin die gesunden fünf Sinne stets geglaubt hatten. Schon das äußere Weltbild konnte nur darauf aufgebaut werden, dass man nicht mehr auf die fünf Sinne vertraute. Auch daran hat sich die Menschheit gewöhnt, wenn es auch lange gedauert hat. Und so wird sie sich auch gewöhnen müssen an dasjenige, was Geisteswissenschaft zu verkündigen hat. Erinnern kann man an dasjenige, was Giordano Bruno ausgesprochen hat, als er in seiner tief empfindenden Seele dasjenige anschaute, was Kopernikus der Menschheit gebracht hat, erinnern kann man daran, wie er sagte: Ihr Menschen schaut da hinauf und scht das blaue Himmelsgewölbe. Dieses ist aber gar nicht da; sondern dadurch, dass euer Sehvermögen in bestimmter Weise wirkt, schafft ihr euch selbst das blaue Firmament. Dadurch setzt Ihr euch Grenzen. Der Raum breitet sich aber ins Unendliche aus. Ihr seid schuld in eurem Sehvermögen, dass das blaue Firmament da ist. Und im unendlichen Raum sind eingebettet unendlich viele Welten. Wie das Giordano Bruno geltend machte, erregte es Anstoß.
[ 36 ] Und so, wie Giordano Bruno sprach in Bezug auf den Raum, so muss heute der Geistesforscher sagen: Dasjenige, was der Mensch als Grenze setzt, ist wie ein zeitliches Firmament. In Wirklichkeit ist da keine Grenze, ebenso wenig wie beim blauen Firmament eine Grenze ist. Sondern das menschliche Vorstellungsvermögen setzt sich selber die Grenzen. Aber wie der Raum sich hinüberbreitet über unzählige Welten, so dehnt sich die Zeit aus in ihrem Verlauf. Und eingebettet in den Zeitenlauf sind die aufeinanderfolgenden Erdenleben des Menschen, von denen schon Lessing in der reifsten Frucht seines Lebens wie in einem geistigen Testament gesprochen hat. Die ganz gescheiten Leute sagen zwar: Ja, der Lessing hat zwar manches Bedeutende geschrieben, aber dann ist er alt geworden, und dann kam er auf diese vertrackte Idee von den wiederholten Erdenleben. Es ist das die Methode, in der man auch die größten Geister beurteilt; was eine höchste Blüte eines großen Geistes ist, betrachtet man als Dekadenzprodukt des Alters. Aber dasjenige, was da als eine Wahrheit auch in dem Geiste Lessings aufstieg, es wird nicht äußeren Nutzen bloß gewähren, sondern es wird vor allen Dingen lebensstarke Kraft haben. Es wird dem immer komplizierter werdenden Seelenleben der Menschen die Möglichkeit geben, sich hineinzufinden in dieses Leben, das wir herankommen sehen und das immer komplizierter werden wird. Die Menschen werden geisteswissenschaftliche Erkenntnisse brauchen als die Grundlage für das seelische Erleben, das in der Zukunft die Menschen werden führen müssen durch die Verhältnisse, die immer schwieriger werden.
[ 37 ] Geisteswissenschaft wird sich hinstellen neben die naturwissenschaftliche Forschung. Der Geist wird auf diese Weise erforscht werden. Denn ebenso, wie wir in diesem Leibe die sinnliche Welt und die Naturvorgänge um uns haben, so haben wir mit Bezug auf den geistig-seelischen Körper eine geistige Welt um uns und gehören einer geistigen Welt an, in der wir in der Zeit leben, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verläuft und die auch zu unserem Leben gehört. Diese Geisteswissenschaft will eine Wissenschaft sein nicht bloß für den Verstand, nicht bloß für das äußere Forschen, sondern eine Wissenschaft für den ganzen Menschen, für das menschliche Gemüt. Sie wird das Gemüt erfüllen mit dem, was Lebenselixier ist. Der Mensch wird neben der sinnlich-physischen die geistige Welt erkennen, wie sie wirklich ist. Dadurch aber werden gerade alle bloß dunkeln, traumhaften Vorstellungen über die geistige Welt abgewiesen. Denn den Aberglauben wird man am besten bekämpfen, indem man die geistige Welt wirklich kennenlernt, sich wirklich Vorstellungen über die Welt des Geistigen verschafft.
[ 38 ] Und wenn auf der anderen Seite gesagt wird, dass durch die Geisteswissenschaft die religiösen Vorstellungen und Empfindungen in Gefahr kommen, so muss darauf erwidert werden, dass gerade durch die naturwissenschaftliche Weltanschauung mancher Mensch von seiner religiösen Empfindung abgebracht worden ist. Aber Geisteswissenschaft führt uns ja gerade zur Anerkenntnis einer geistigen Welt. Daher wird Geisteswissenschaft, die Wissenschaft vom Geiste gerade die Menschen, die dem religiösen Denken entfremdet worden sind oder entfremdet werden können, wiederum zu dem religiösen Denken und Empfinden zurückführen. Der Weltenlauf lässt sich nicht durch Zangen zurückhalten, sondern er geht seinen Weg. Und wie man geglaubt hat, dass die kopernikanische Weltanschauung das religiöse Leben irgendwie gefährden könne, sodass die Religion sich zum Gegner aufgeworfen hat, so muss sie es in unserer heutigen Zeit tun gegen das geisteswissenschaftliche Weltbild. Allein, so, wie das kopernikanische Weltbild sich eingelebt hat, so wird sich ohne Störung des religiösen Lebens das geisteswissenschaftliche Weltbild in die Seelen einleben. Ja, es wird sogar gegenüber dem geisteswissenschaftlichen Weltbilde gesagt werden können: Wenn die Menschen kommen und sagen: Unternimmt nicht ein Feldzug die Geisteswissenschaft gegen die religiösen Vorstellungen? Und wenn allerlei, bis zur Verleumdung und zur Verbreitung von Unwahrheiten, von solcher Seite aufgebracht wird gegen Geisteswissenschaft, so möchte man sagen: Was haben denn diejenigen, die sozusagen von Berufs wegen in jenen Gemeinschaften drinnenstehen, vielleicht sogar ausübend ein Amt, was haben die für eine Vorstellung von der Kraft dieser Religion, wenn sie glauben können, dass Geisteswissenschaft sie gefährden könnte! Derjenige steht wahrhaft drinnen in dem Glauben an die Kraft seiner religiösen Vorstellungen, der da sagt: Die Kraft der Religion ist so groß, dass man Geisteswissenschaft nicht zu fürchten braucht, dass wir dasjenige, was auf diesem Gebiet wahr ist, herankommen lassen können wie dasjenige, was die Naturwissenschaft heraufgebracht hat; ja, viel eher. Die Geisteswissenschaft wird viele Menschen wiederum zum Glauben, zum religiösen Erleben und religiösen Empfinden hinbringen, wie das naturwissenschaftliche Weltbild viele Menschen der Religion entfremdet hat.
[ 39 ] Es handelt sich allein nicht darum, vor Ihnen am heutigen Abend geltend zu machen Vorstellungen nur, die gewissermaßen ein Wissen abspiegeln, sondern darum, zu zeigen, wie Geisteswissenschaft unsere ganze Seele, unser ganzes Gemüt packen kann, wie sie Kraft geben kann dem Menschen in seinen Erlebnissen, seelenstärkende Kraft geben kann und Mut; wie der Mensch sich erfüllen kann mit etwas, was ausströmt von den Erlebnissen der Geisteswissenschaft, wie er sich damit stärken kann, sich stärker und kräftiger ins Leben stellen kann.
[ 40 ] Ich sagte schon: Das alleralltäglichste Leben ist ein Sieg über widerstrebende Mächte auf dem Untergrund der Seele. Macht man sich damit bekannt, dass wir so etwas auf dem Grund unserer Seele haben, dann können wir auch guten Mutes dem entgegengehen, was in immer komplizierterer Art sich in unser Leben hineinstellen wird. Wenn man weiß, dass Leben heißt: unter der Schwelle liegende Siege erfechten, dann bekommt man die Seelenkraft, die man braucht in bitteren Enttäuschungen des Lebens und auch gegenüber den Anforderungen einer so schicksalstragenden Zeit, wie die unsrige ist. Und wenn auch scheinbar dasjenige, was ich im Allgemeinen über Geisteswissenschaft, über die Möglichkeit einer übersinnlichen Erkenntnis gesagt habe, wenn das auch nur äußerlich lose zusammenzuhängen scheint, innerlich werden Sie fühlen, dass es gut zusammenhängt mit dem, was unsere schicksalstragenden Tage uns bringen, in deren Ablauf wir mittendrinnen leben, so möchte ich doch übergehen zu einer ganz kurzen, gedrängten Charakteristik dessen, was der Geisteswissenschaftler empfinden kann gegenüber dieser unserer schicksalstragenden Zeit.
[ 41 ] Wenn man so bemerkt auf der einen Seite, wie das Leben, das wir führen, äußerlich vielleicht gar nicht so sehr wogt und wirbelt, wie es aber sich aufbaut auf einem verborgenen stürmischen Untergrund, dann stellt man sich anders auch hinein in den Sturm des geschichtlichen Lebens, wenn er so aufgewirbelt wird, wie es in unseren Tagen der Fall ist.
[ 42 ] Nun möchte ich zunächst auf etwas aufmerksam machen, was nicht theoretisch, aber empfindungsgemäß aus den Ergebnissen der Geisteswissenschaft für das geschichtliche Leben sich ergibt, für das Hineinstellen des Menschen in das geschichtliche Leben. Es muss ja betont werden, dass schon die naturwissenschaftliche Weltanschauung und noch mehr die Geisteswissenschaft gesucht hat dasjenige, was man ursächliches Denken nennt, für unsere Umgebung anzuwenden. Es hat lange gedauert, bis sich die Menschen hineingewöhnt haben in dieses ursächliche Denken. Goethe hat noch geltend gemacht: Warum will man immer geltend machen, dass der Ochs Hörner hat, um damit zu stoßen? Man solle die Organisation betrachten und zeigen, wie sich die Wachstumskräfte zu den Hörnern entwickelt haben. Man solle auf die Ursachen sehen und nicht immer von dem Zweck allein reden. Gerade die größten Genien der neueren Denkweise haben darauf hingewiesen, und immer mehr und mehr strebt auch die äußere Naturwissenschaft dazu hin. Und die Geisteswissenschaft geht noch viel mehr auf die Ursachen, auf die unbekannten Ursachen. Aber gerade dadurch, dass man ursächlich denkt in Bezug auf dasjenige, was abläuft, wird man dazu gebracht; im lebendigen Erleben der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse wird es eine Empfindung. Durch das Anschauen dessen, was als Ereignisse sich abspielt, kommt es darauf an, nicht so sehr nach den Ursachen zu fragen, sondern nach den Wirkungen. Es ist etwa, wie wenn wir sagen: Wir stehen in den gewaltigen Ereignissen, wie sie im Grunde genommen noch niemals in der Weltgeschichte sich abgespielt haben, wenigstens so lange, als menschliches Denken bewusst verläuft. Kämpfen doch heute, wenn wir von kleineren Stammesunterschieden absehen, 34 verschiedene Nationen der Welt gegeneinander. Was wird da alles aufgewirbelt! Und wir wissen es ja, was einzelne Nationen voneinander denken, voneinander sagen, behaupten. Aber die Geistesforschung führt dazu, und die Ergebnisse der Geisteswissenschaft führen dazu, zunächst sich zu sagen: Aus unbekannten Tiefen erhebt sich einmal eine solche Welle des geschichtlichen Werdens, wie aus unbekannten Tiefen selbst das Denken, Wollen und Empfinden sich erhebt.
[ 43 ] Dasjenige, was wir als unterbewusste Seelenkämpfe in uns tragen, erleben wir nicht mit, aber in der Geschichte erleben wir widerstrebende Kräfte; da leben wir mittendrinnen. In der Außenwelt stehen wir in etwas, was uns die Geistesforschung für das einzelne menschliche Innenleben zeigt. Und wie wir, weil wir unser alltägliches Leben führen, [Lücke im Text] als ob wir drinnenstünden in den Kämpfen da unten — denken Sie, wir würden nicht nach der Ursache des Kämpfens fragen, sondern: Was kann daraus werden? Der Kampf als solcher würde uns nicht in [Lücke im Text] Weise vor die Seele treten können. Wenn wir diese Kämpfe vergleichen [Lücke im Text], wir würden nicht zufrieden sein, wenn wir nicht sagten: Ja, diese Kämpfe entwickeln das, was der Mensch erst wird, was erst im Denken, Fühlen und Empfinden zum Bewusstsein kommt. Und wenn wir in geschichtlichen Kämpfen drinnenstehen, sind wir dazu veranlasst, zu fragen: Was wird aus diesen Kämpfen? Und wirklich, die Deklamation, die heute aus unserer materialistischen Zeit uns entgegentritt, weil wir uns solche Empfindungen noch nicht angeeignet haben, wie ich sie eben charakterisiert habe, die Deklamation, die sich heute ergeben hat — Wer hat die Schuld am Kriege? —, die immer damit ausgeht, dass die eine Nation der anderen die Schuld zuschiebt, sie verschwindet als unfruchtbar gegenüber dem Standpunkte, der so gewählt wird, dass man sagt: Nun, diese Ereignisse, sie stehen einmal da, sie sind im Verlauf des Weltenwerdens entstanden; was kann als Wirkung aus diesen Kämpfen sich ergeben, was kann aus dem sich ergeben, wenn über dreißig Nationen der Welt gegeneinander Kampf führen? Und da muss man sagen: Wenn solche Ereignisse sich gegenüberstehen, so kommt es darauf an, indem man drinnensteht, dass man beobachten kann gerechterweise. Und das darf man in Mitteleuropa. Denn gerade, wie im Blick des Geistesforschers das Weltenwerden sich auswirkt, so kann er sagen: Dieses mitteleuropäische Geistesleben, das jetzt wie in einer mächtigen Festung wie belagert wird, es ist ein solches, das aus diesen Kämpfen mit widerstrebenden Mächten sich hin entwickelt zu einem wertvollen, allmensehlichen Gute.
[ 44 ] Nun könnte ich vieles anführen, um zu schildern, was da lebt, möchte man sagen in dem Körper des mitteleuropäischen Geisteslebens, der die großen Genien Mitteleuropas hervorgebracht hat, mit den Kräften, die Mitteleuropa eben hat und die sich das eine Mal in echten Geistestaten ausleben, die sich heute ausleben auf den Feldern, wo Blut und Tod über Seele und Leib entscheiden. Ich möchte aus alledem, weil man die Dinge an ihren Blüten und Früchten erkennt, um zu charakterisieren dieses mitteleuropäische Geistesleben, dasjenige charakterisieren, was überall in diesem mitteleuropäischen Geistesleben, bei allen mitteleuropäischen Nationen, im innersten Lebenskern vorhanden ist.
[ 45 ] Einer der charakteristischsten Geister Mitteleuropas ist zweifellos Goethe. Es könnten auch andere genannt werden, aber greifen wir Goethe heraus. Dass dasjenige, was aus dem tiefsten Innern in dem Genius Goethe der Menschheit geschenkt worden ist, dass so etwas die außerhalb Mitteleuropas lebende Menschheit nicht erzeugen könnte, das wird man zugeben müssen, wie auch dasjenige, was mit Bezug auf das Folgende gesagt werden muss.
[ 46 ] Was Goethe der Menschheit gegeben hat, es zeigt sich gerade in seiner Größe darin, dass Goethe noch als junger Mensch schon hingeschrieben hat die Stimmung, die man am Anfang seines Faust findet:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
[ 47 ] Heute sind diese Worte für viele Menschen schon trivial geworden. Wenn man sich aber ganz versetzt in die Seele Goethes, dann empfindet man geradezu das ganze Verhältnis zu dem, was man sich aneignen kann, was man sich aneignen will in den Worten [an den] Erdgeist.
[ 48 ] Aber wie steht Goethe da? Nehmen wir diese Stimmung, und denken wir jetzt — indem Goethe das hingeschrieben hat —, denken wir an die folgende Zeit, wo die großen Philosophen-Genien durch Mitteleuropa hindurchgeschritten sind, ein Fichte, Hegel, Schelling; wir brauchen nicht mit dem Inhalt ihrer Lehren einverstanden zu sein; aber wenn man hinschaut auf die große, geistige Energie, mit der Fichte vertritt dasjenige, was er als Philosophie lehrt; wenn man hinschaut, wie dasjenige, was er lehrt, aus seiner ganzen Persönlichkeit hervorgeht; wie er strebt danach, dass die Philosophie zugleich ein Ausdruck des ganzen Menschen ist.
[ 49 ] Nicht um sentimentale Gefühle hervorzurufen, sondern um hinzuweisen, wie in Fichte einem eine Seite des mitteleuropäischen Genius vor die Seele tritt, soll das Folgende gesagt werden. Es darf geschildert werden, wie Fichte, der sich eng verbunden fühlte mit den großen Ereignissen, die sich auf den Schlachtfeldern seines Volkes zutrugen, zugrunde ging. Wie er, der sein ganzes Leben hindurch in der schärfsten Weise seine Gedanken konzentriert hat zur Auffindung der Geheimnisse der Welt, wie er in den letzten Stunden im Fieberwahn lebt, mit Blücher den Rheinübergang miterlebt, wie er mitlebte mit alledem, was damals zur Rettung Mitteleuropas von westlicher Tyrannei zu geschehen hatte. Fichte fühlte sich im Fieberwahn mittendrinnen in diesen Ereignissen, er, der Philosoph, der zu gleicher Zeit ein ganzer Mensch war, ein Mensch, der zu gleicher Zeit den «Menschen» in seine Philosophie hineintrug, noch bis in den Fieberwahn hinein. So kann mit Bezug auf Fichte gesagt werden: Da strebt der mitteleuropäische Geist nach Ganzheit der Weltauffassung, und bei Schelling, bei Hegel — man braucht nur darauf hinzuschauen, wie da die Wahrheit hingestellt wird.
[ 50 ] Und blicken wir jetzt zurück auf diesen Faust, den Goethe sagen lässt in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.
[ 51 ] Nehmen wir an, Goethe wäre in die Lage versetzt gewesen, in den Vierzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts noch zu leben, nachdem die großen Philosophen durch die Zeitentwicklung gegangen sind, nehmen wir an, er hätte in den Vierzigerjahren seinen «Faust» angefangen, nachdem [er] hindurchgegangen war durch die Zeitkultur, durch das was geleistet haben ein Fichte, Schelling, Hegel. Diese waren ja wahrhaftig auch Vertreter der Juristerei, Hegel hat ein «Naturrecht» geschrieben, Schelling ein Journal der Medizin, Theologen wollten in Wahrheit alle sein, diese Philosophen. Glauben Sie, wenn Goethe erst diese Worte hingeschrieben hätte in den Vierzigerjahren, nachdem so vieles im deutschen Geistesleben da gewesen ist, er hätte geschrieben: Habe nun Gott sei Dank Philosophie, Juristerei bei Fichte, Schelling, Hegel, Kant studiert und stehe nun da, Gott sei Dank, als weiser Mann und bin so klug, als vorher niemand hat werden können! Nein, ganz gewiss hätte Goethe auch in den Vierzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts dasselbe an den Anfang seines «Faust» geschrieben wie in den Siebzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts.
Habe nun, ach! Philosophie,
Und bin so klug als wie zuvor!
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor,
[ 52 ] Das ist das Eigentümliche des mitteleuropäischen Geisteslebens, dieses faustische Streben, das man am besten an seinen Repräsentanten erkennen kann, dieses immerwährende Streben und niemals das Bewusstsein haben, ein Fertiger zu sein. Dadurch war Fichte so groß, aus mitteleuropäischer Geisteskultur heraus, dass er uns zeigt, dass in dieser Kultur Menschen leben müssen, die niemals fertig, niemals abgeschlossen sein können in einer Entwicklung. Und man kann wohl sagen: In Italien, in Frankreich wird man geboren als das, was man ist. Man ist Italiener, man ist Franzose, und man beruft sich auf das, wozu man geboren ist. In Mitteleuropa kann man das nicht sagen. Da muss man die Entdeckung machen durch eigene Geistesart, was es heißt, ein Mensch zu sein. Da geht über dasjenige, wozu man geboren ist, in das, was man selbst erwirken kann. Und es ist ein tiefes Wort, das Wort Goethes:
Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb’ es, um es zu besitzen.
[ 53 ] Und das andere Wort:
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.
[ 54 ] Das ist eine Eigenschaft, aber auch die bedeutsamste Eigenschaft dieses mitteleuropäischen Geisteslebens: niemals zu rasten, niemals stillzustehen. Man wird Mitteleuropäer. Man ist Franzose, man ist Brite — man wird Mitteleuropäer! Wie ein herrliches Ideal steht diese mitteleuropäische Geisteskultur vor den Menschen. Dadurch ist sie so innerlich verwandt mit dem, was heute als Geisteswissenschaft selbst geltend gemacht worden ist. Und wenn Faust sagt, und Goethe hat diese Worte erst in einem schon reifen Alter hingeschrieben, die das ganze Verhältnis des Menschen zur Umwelt und wieder zu sich selbst ausdrücken:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewender.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
[ 55 ] Da steht Faust. Da steht dieses Streben, das lebendig denken muss selbst vor dem Universum, und es findet in dem Universum draußen nicht nur Materie, nicht nur Stoffe, sondern überall die tragende Kraft dessen, was in uns selbst ist. Es steigt in andere Wesenheiten überall Geist vom Menschengeist. Aber dieses Streben, es weist den Menschen auch auf sich selbst zurück, dass man sich selbst finden muss. Wenn man das alles überblickt, so muss man sagen: Oh, dieses mitteleuropäische Geistesleben, es hat sich bis jetzt so gezeigt, dass es die Keime enthält zu dem, was man heute erahnen kann als die Ziele einer geistigen Wissenschaft selbst. Dieses mitteleuropäische Geistesleben, es kann durch seine Feinde nicht vernichtet werden. Denn wer sein Wesen versteht, der weiß, dass es noch viel in der Welt zu tun hat, dass es nicht nur äußerlich wächst und berechtigt ist, sondern dass es stark ist in seinem Innern. Und man kann und darf empfinden, wie Geisteswissenschaft gerade den rechten Grund und Boden in diesem mitteleuropäischen Geistesleben findet. Denn dasjenige, was mitteleuropäische [Lücke im Text], das, auf die Seelen angewendet, das kann nicht anders als zur geisteswissenschaftlichen Vertiefung führen. Daher darf man sagen: Wenn in den letzten Jahrhunderten, in vorzugsweise materialistischen Jahrhunderten, Eroberungen gemacht worden sind von einem anderen Gebiet der Erdenbewohnerschaft als von Europa, so müssen gerade diejenigen [Lücke im Text], die von mitteleuropäischer Bevölkerung gemacht werden, nun gemacht werden, weil geheimnisvoll hinter alledem, was wir heute so schmerzvoll um uns herum sich abspielen sehen, lebt der Drang, dem Geiste eine Stätte zu schaffen durch die Verteidigung der mitteleuropäischen Kultur wie in einer mächtigen Festung gegen die Feinde.
[ 56 ] Es gibt heute Menschen im Nordwesten, die behaupten, dass sie eintreten müssen für die Freiheit kleinerer Völkerschaften, für das Wohl kleiner Völkerschaften, dass sie sich auflehnen müssen gegen den mitteleuropäischen Militarismus, gegen die Eroberungssucht Mitteleuropas. Die Briten, die vorzugsweise dazu bestimmt waren, über die Erde hin eine materielle Kultur auszubreiten, sie haben von [1856 bis 1900] 34 Eroberungskriege geführt, in denen sie 4 Millionen [Quadratmeilen Land erobert], 57 Millionen Menschen zu britischen Untertanen gemacht haben. Man braucht sich nur diese Zahlen vor die Seele zu führen und man wird bemerken, welche Wahrheit in dem Ausspruch liegen kann, man wolle die mitteleuropäische Eroberungssucht aus der Welt schaffen. Es ist damit nicht einmal ein Werturteil ausgesprochen. Aber gesagt werden muss: Man sieht es der mitteleuropäischen Geisteskultur an, dass sie das Spirituelle als Ergebnis aus dem herausentwickeln wird, was jetzt mit Blut erkämpft werden muss, was mit so vielen Opfern errungen werden muss, was unter so vielen Schmerzen sich gebären muss.
[ 57 ] Man hat vielfach behauptet, der gegenwärtige Krieg sei ein rein politischer Krieg und er würde geführt aus materiellen Interessen von den einzelnen Ländern. Sehen kann man, wie selbst materielle Eroberungszüge tragen werden den faustischen Charakter, und dass das nicht nur als äußeres Wissen, sondern als eine Gesinnung der Menschen- und Weltenentwicklung einverleibt wird, was uns so charakteristisch als mitteleuropäische Stimmung aus der Faust-Dichtung entgegentönt. Ja, da ist, wie in einer Blüte, zu kennzeichnen dasjenige, was in der mitteleuropäischen Kultur lebt, dasjenige nämlich, was Goethe auf den Höhen der Menschheit gezeigt hat, wofür heute gekämpft wird in Ost und West. Denn so, wie die Hand zum Menschen gerechnet werden muss, ebenso wie das Gehirn, so muss man die Kämpfenden draußen zur geistigen Auswirkung des ganzen Volkes rechnen. Das ist ein einziger Organismus. Wie die Hand nicht vom Kopf getrennt werden kann, so kann auch das, was draußen vollzogen wird unter Blut- und Lebensopfern, nicht getrennt gedacht werden von dem, was geistig in der mitteleuropäischen Kultur lebt.
[ 58 ] Ein heute in vielen Kreisen geachteter französischer Philosoph hat gerade zu Weihnacht einen Vortrag gehalten, in dem er gesagt hat, in Deutschland wäre alles vermaterialisiert. Der alte Idealismus sei längst verklungen und überall träten einem nur die geistigen Ergebnisse in Form von kriegerischen Mechanismen entgegen. Er konnte zwar nicht ableugnen, dass auch französische mechanistische Werkzeuge wirken, aber er konnte sich nicht genug tun an scharfer Beurteilung des mitteleuropäischen Wesens, das doch nun ganz und gar materialistisch geworden wäre. Dieser französische Philosoph — ja, ich weiß nicht, ob man heute noch ihn mit dem Namen «Bergson» benennen darf, der klingt ja nicht gerade französisch, vielleicht hat er ihn schon inzwischen französiert —, man müsste ihm doch antworten: Ja, erkennst du denn das mitteleuropäische Wesen an den Kriegsmechanismen? Hast du vielleicht erwartet, dass die Soldaten kommen würden und würden Novalis, Goethe oder Schiller rezitieren, statt mit Kanonen und Flinten zu schießen? — Überhaupt, viel Logik ist in den Dokumenten über die gegenwärtigen Verhältnisse nicht zu finden. Man merkt ihnen recht sehr an, dass ihnen viel daran liegt, zu beweisen: Im Grunde genommen haben die Deutschen allein die Schuld an dem Kriege; sie haben ihn gewollt! Aber diese Logik ist nicht mehr wert als die andere, dass man durch strenge Logik beweist, dass an dem schweren, grausamen Verlauf des Krieges wirklich bis zu einem gewissen Grade die Deutschen sogar schuld sind. Sie haben nämlich das Pulver erfunden! Hätten sie das nicht getan, dann könnte es heute nicht angewendet werden. Man kann den Franzosen ja nicht nachsagen, dass sie das Pulver erfunden haben. Solche Beispiele könnte man ja viele finden. Sie sind in der Logik der heutigen Zeit wirklich überall drinnen. Man kann ja auch sagen: Ohne die Buchdruckerkunst, die auch in Mitteleuropa erfunden worden ist, wäre es nicht möglich, dass heute jene sonderbaren «Wahrheiten», die von der britischen und von der französischen Presse jetzt auf Mitteleuropa einstürmen, gedruckt wurden.
[ 59 ] Auf diese Weise kann man allerdings sagen, die mitteleuropäische Kultur wäre an alle diesem schuld. Man ist eben in dieser materialistischen Zeit von einer kurzgeschürzten Logik umnebelt. Dies zeigt sich überall. Demgegenüber muss geltend gemacht werden, dass sich darin nicht der eigentliche Charakter der mitteleuropäischen Kultur verwirklicht. Von diesem Charakter, von dem Kern der mitteleuropäischen Kultur muss man sagen, dass er nur keimhaft erscheint. Man erblickt ihn, wenn man ihn fortwirkend denkt, wie er immer weitere Früchte treibt und wie er gerade den Idealismus, den Spiritualismus, das geistige Leben der Menschheit entfachen muss. Und man merkt dann, wie er seelentragend ist, gerade aus Zusammenhängen heraus, wie sie die Geisteswissenschaft gibt. So könnte auch gesagt werden: Die Geisteswissenschaft erscheint wie eine Frucht, die man ahnen kann für die Zukunft und die sich entwickeln muss aus dem, was tiefstes, innerstes Wesen der mitteleuropäischen Kultur ist. Deshalb gibt die Empfindung, die aus Geisteswissenschaft geboren wird, den mitteleuropäischen Menschen Kraft und Zuversicht und Hoffnung und Glaube für dasjenige, was unsere schicksalsschwere Zeit in ihrem Schoße trägt. Dieser Glaube, er kann hervorgehen aus dem, was Geisteswissenschaft gibt, wenn sie das ganze Gemüt ergreift.
[ 60 ] Daher möchte ich jetzt am Schlusse nicht in abstrakter Weise, sondern empfindungsgemäß zusammenfassen dasjenige, was ich durch die schon allzu lange Betrachtung breiter ausgeführt habe. Denn das ist das Beste, was die Geisteswissenschaft geben kann, dass sie nicht zuletzt in ein Wissen ausläuft, nicht in eine Aufzählung von diesen oder jenen Gesetzen, sondern dass das, was man in ihr wissen kann, sich zusammenkonzentriert in eine Grundempfindung, die den Menschen so hineinstellt in die Welt, dass er weiß: Du stehst nicht nur im Leibe in einem physischen Universum, sondern du stehst in einem seelisch-geistigen Universum drinnen mit deinem unsterblichen, ewigen Selbst. Du hast durch Geburten und Tode den Tod als lebengebend kennengelernt. Mit der Empfindung geht der die Geisteswissenschaft Verstehende durch das Leben, seelenbefeuert, hoffnungsvoll und auch kraftvoll geht er durch das Leben mit der Empfindung, die ich nun am Schlusse, zusammenfassend die Betrachtung des heutigen Abends, vor Ihre Seelen führen möchte:
Wo Sinneswissen endet,
Da stehet erst die Pforte,
Die Lebenswirklichkeiten
Dem Seelensein eröffnet.
Den Schlüssel schafft die Seele,
Wenn sie in sich erstarkt
Im Kampf, den Weltenmächte
Auf ihrem eignen Grunde
Mit Menschenkräften führen,
Wenn sie durch sich vertreibt
Den Wahn der Wissenskräfte
In ihren Sinnesgrenzen
Mit Geistesnacht umhüllt.
