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Menschenseele, Schicksal und Tod
GA 70a

1 Dezember 1914, München

1. Das «Barbarenvolk» Schillers und Fichtes

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! In jedem Winter durfte ich in anderen Städten Europas, so auch hier in München, einige Vorträge halten aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft. Es entspringt einer, wie ich glaube, berechtigten Empfindung, wenn die Vorträge, die ich in diesem Winter halten darf, ihren Ausgangspunkt nehmen am heutigen Abend von demjenigen, was uns in dieser Zeit, in diesen schicksalsschweren Tagen so naheliegen kann. Aus den Impulsen, die diese Tage [uns] in dem Herzen, in der Seele, erregen, soll dieser heutige einleitende Vortrag besprochen werden. Hat man denn nicht das Gefühl, dass in dieser unserer Prüfungszeit im Grunde genommen kein Wort gesprochen werden kann, das nicht von einem intensiven Gefühl begleitet ist, welches sich hinrichtet nach jenen Feldern im Osten und Westen, wo heute so gewaltig nicht durch Worte, sondern durch Taten mächtige Urteile in den Entwicklungslauf der Menschheit eingeschrieben werden. Sehen konnte man, wie hinzog wie ein mächtiger Geisteshauch seit den Augusttagen dasjenige, was lebt in den tiefsten Impulsen des deutschen Volkes, sehen konnte man, wie aus den Tiefen der Seelen in unserer Zeit herauswuchsen Opfermut, Selbstlosigkeit, Hingabe, wie unendlicher Liebessinn durch die Herzen zogen. Das alles brachte ein einheitliches Fühlen hervor, wie wir cs im Grunde genommen schon lange nicht gesehen haben. Nun kann es mir nicht obliegen, in diesen Betrachtungen etwa zu übertreten Bismarcks 1870 ausgesprochene Warnung für diejenigen, die das Schicksal zurückgelassen hat von den Feldern der Schlachten, dass sie vor allen Dingen den Ereignissen nicht vorzugreifen haben mit Worten und Betrachtungen, bis Entscheidendes geschehen ist. Nicht mit dem, was in den Impulsen des Tages liegt, werde ich mich zu beschäftigen haben, sondern mit dem, was durch diese Impulse des Tages hindurchzieht und was insbesondere den Geistesforscher beschäftigen kann, beschäftigen muss — allerdings im völligen Einklang mit dem Empfinden, das alle ergriffen hat.

[ 2 ] Sehr verehrte Anwesende! Man hat in der neueren Zeit in den Geistesrichtungen, die mehr oder weniger von dem Materialismus ergriffen sind, viel gesprochen von Vererbung. Man meint mit dieser Vererbung etwas für die geistige Betrachtung der Dinge und Wesenheiten im Grunde genommen recht Äußerliches: das Fortleben der Eigenschaften vorhergegangener Wesen in nachfolgenden Wesen. Ich will heute nicht das Wesen dieser Vererbungsidee auseinandersetzen; aber aufmerksam machen möchte ich darauf, wie etwas, dem diese Vererbung auf niedrigem Gebiete ähnlich ist, in dem ganzen Fortgang der Geistesentwicklung der Menschheit, insbesondere auch eines Volkslebens, wie eine Art geistige Vererbung — aber umfassender, universeller als das, was man gewöhnlich so nennt — vorhanden ist.

[ 3 ] Was ist das, was die Seelen eines Volkes zusammenhält, das, was in die Seelen eines Volkes Feuer gießen kann, wie es jetzt durch die seelischen Adern des Volkes geht? Man kann sagen: Es strömt herunter wie ein wirklicher, realer Strom, wie ein Strom [aus der] geistigen Welt; in diesem Strom leben die Impulse der besten Führergeister, der besten Führergenien eines Volkes. Nicht nur im Sinne des griechischen Märchens ist es für den Geistesforscher das Mitwirken der Genien aus der geistigen Welt heraus — die längst verstorben sind —, in den Handlungen der gegenwärtigen Menschen, sondern real ist es für den Geistesforscher, dass die Kräfte, die in den Führergenien verbunden waren mit einem Volk, bei diesem Volke bleiben, in diesem Volke fortleben, und dass man in wirklichem Sinne sprechen darf davon, dass draußen auf den Feldern im Osten und Westen dieselben Kräfte leben, bei denjenigen, die mit Blut und Seele auf dem Schauplatz der Ereignisse einzutreten haben, dieselben Kräfte leben, wie sie in den besten Führergenien des Volkes gelebt haben.

[ 4 ] Zwei dieser Führergenien seien heute herausgegriffen. «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen», so sagt ein gewichtiges Wort, an den Früchten kann man auch erkennen, was in den tiefsten Kräften der Volksseele enthalten ist, und diese Früchte, diese höchsten Früchte, die aus Wurzeln und Stamm der Volksseele herauswachsen, das sind die Taten der Führergenien eines Volkes. Daher kann man sagen: Hin wehen über unsere Felder im Osten und Westen die Kräfte, die wir auch wahrnehmen können bei solchen Geistern, wie diejenigen sind, die heute herausgegriffen werden sollen aus der Kultur Mitteleuropas, bei Schiller und Fichte.

[ 5 ] Und ausgegangen sei bei der Betrachtung von einem Moment, der wohl gerade bei diesen beiden Führergenien geeignet ist, sie unseren Empfindungen nahezubringen. Wahrhaftig nicht um sentimentale Empfindungen heraufzubeschwören, möchte ich ausgehen von den letzten Augenblicken Schillers und Fichtes, von jenen Augenblicken, da sie durch die Pforte des Todes gingen, sondern weil ich glaube, dass in der Tat das Symbolische und symptomatisch Bedeutsame dieser Genien charakteristisch im Augenblick ihres Todes zum Ausdruck kommen.

[ 6 ] Da blicken wir hin zu Schiller. Es ist ja das Eigentümliche, dass uns Geister wie Schiller so ans Herz gewachsen sind, dass die Literatur uns zu unserer tiefen Befriedigung Mittel an die Hand gibt, das intimste Persönliche auch dieser Genien zu beobachten. Und so können wir aus den Mitteilungen des jüngeren Voß, des Freundes Schillers, geradezu hintreten vor Schillers Kranken- und Sterbebett und können auf uns wirken lassen die Tatsache, in der gerade in diesem Geist der Sieg der Seele über das äußerlich Leibliche zum Ausdrucke gekommen ist.

[ 7 ] Wir können verfolgen die letzten Tage dieses Genius, können verfolgen, wie da ersichtlich sein Leib dem Tode geweiht war und sich nur aufrechterhielt durch die ungeheure Kraft seiner Seele. Dann begleiten wir ihn hinein in das Sterbezimmer, sehen, wie dieser Geist in der Todesstunde auf die höchsten Dinge gerichtet ist, sehen, wie er sich sein jüngstes Kind reichen lässt, wie er es nimmt und ihm tief in die Augen schaut, wie er es zurückgibt und sich abwendet. Wir ahnen, mit welchen Gedanken, der jüngere Voß deutet es an, wie etwa durch sein Herz gezogen sein mag die Vorstellung, wie viel er als Vater diesem Kinde noch hätte sein können und sein sollen. Und es ist wahrhaftig keine sentimentale Empfindung, wenn man sagt: Dieses Ins-Auge-Schauen dem Kinde, man fühlt es wie ein symbolisches Ins-Auge-Schauen dem deutschen Volke. Wenn man die ganze Persönlichkeit Schillers auf sich wirken lässt, dann sagt man sich: Er musste durch die Pforte des Todes gehen mit der Empfindung, wie vieles aus den Keimen, die er gesät hat im Kulturfeld des deutschen Volkes, noch hätte aufgehen sollen. Darum ist es, dass wir mit tiefem Anteil an der deutschen Kulturentwicklung gerade hinschauen auf den lebendigen, auf den heute noch lebendigen Schiller, auf jenen Schiller, von dem die Kräfte ausstrahlen, die heute noch in unserer Seele wirksam sein können.

[ 8 ] Ein ähnlicher Augenblick ist der Todesaugenblick bei Fichte, bei Johann Gottlieb Fichte, dem großen deutschen Philosophen, man kann namentlich sagen, dem energischsten Philosophen, der jemals durch die Philosophiegeschichte gegangen ist. Als das deutsche Volk eine tiefste Erniedrigung erlebt hatte, da sprach Johann Gottlieb Fichte zu diesem Volke die erkräftigendsten Aussprüche in seinen «Reden an die deutsche Nation», und als dann die Zeit heranrückte, in der das deutsche Volk Befreiung suchte aus der Erniedrigung, da nahm Fichte innigsten Anteil, Anteil mit seiner ganzen Persönlichkeit, und wir verspüren diesen Anteil am besten, wenn wir auf seine letzte Zeit hinblicken. Seine Frau war Krankenpflegerin. Sie brachte sich das Lazarettfieber nach Hause. Sie genas, übertrug es aber auf den Philosophen selber. Und nun sehen wir ihn: eine Art Opfer des Krieges in seinen letzten Tagen und Stunden. Der Philosoph, der die energischsten Worte gefunden hatte, um des Menschen Seelenleben in seiner Kraft zu charakterisieren, der Philosoph, der in seinen «Reden an die deutsche Nation» das deutsche Wesen, wie er selber immer sagt, aus den «Wurzeln der Lebensregungen» heraus zu verstehen und zu verkündigen suchte, wo weilten in seinen letzten Stunden seine Gedanken? Oh, es ist sehr charakteristisch: Im Fieberwahn der letzten Stunden, er fühlte — Johann Gottlieb Fichte — seine Seele bei den Schlachtfeldern, beim Rheinübergang, der damals gerade unter Blücher stattfand. Seine Gedanken gingen in die Fieberphantasie der Teilnahme am Kriege hinein. Als sein Sohn ans Krankenbett trat, ihm eine Arznei reichte, sprach es Fichte aus, dass er nichts ihn Befriedigenderes hätte erleben können als diesen Aufschwung seines Volkes. Er schob die Arznei weg und sagte: Ich weiß, dass ich genese. Das waren seine letzten Augenblicke. Ein Philosoph, sehr verehrte Anwesende, man darf sagen eingedenk des Spruches: «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.»

[ 9 ] In dem, was Schiller und Fichte ihrem Volke sein können, drückt sich das aus, was auch heute lebt in diesem Volke, womit dieses Volk kämpft und blutet. Dasjenige, was in der Welt wirklich ist, macht sich in den verschiedensten Verwandlungsstadien äußerlich offenbar; erkennen aber dasjenige, was in den Volksinstinkten, in den unterbewussten Seelenregungen der Glieder dieses Volkes lebt, erkennen kann man es an den Früchten, da, wo es auf seinem höchsten Gipfel zum Ausdruck kommt.

[ 10 ] Es war in tiefschwerer Zeit, als Fichte seinem niedergedrückten Volke die «Reden an die deutsche Nation» hielt. Drei Fragen warf er gleich im Beginne derselben auf, drei Fragen — man kann sagen: Diese drei Fragen, sie haben heute nur mehr eine eingeschränkte Bedeutung. Die erste Frage ist die: Gibt es in Wahrheit und Wirklichkeit eine deutsche Nation und ist deren Existenz in Gefahr? In Bezug auf die letzten Worte kann allerdings heute auch noch die Frage gestellt werden. Die zweite Frage ist die: Ist es der Mühe wert, dieser deutschen Nation die Mittel zu ersinnen, wie sie weiter existieren kann und soll? Nun, ich denke, man braucht nur den Blick auf Schiller und Fichte und die anderen ihnen Verwandten zu werfen, und man wird finden: Das neunzehnte Jahrhundert hat durch seine deutsche Kulturentwicklung diese Frage durch die Tatsachen beantwortet. Und die dritte Frage, die Fichte aufwirft, ist die: Welche Mittel sind geeignet dem deutschen Volke zu seiner ihm entsprechenden Zukunft zu verhelfen? Dasjenige soll uns heute insbesondere beschäftigen, was Fichte als die Quellen suchte, aus denen er damals über diese Mittel zu seinem Volke sprach, was ihn als die Quellen beschäftigte, aus denen er versuchte, das Wesen der Deutschheit, wie er sagte, anzudeuten.

[ 11 ] Man muss gestehen: Das, was er damals sprach über Deutschland, das, was er als Mittel angab für die Entwicklung dieses Deutschtums, es hat seine Ausgestaltung im neunzehnten Jahrhundert nicht gefunden, und wir müssen heute anders über die Dinge denken als Fichte, anders über die Bedeutung, über die Sprache eines Volkes, als damals Fichte dachte, anders über die Wirksamkeit gerade einer solchen Erziehungsmethode wie sie Fichte angab, denn in dieser sah er das Mittel, dem deutschen Volke seine Zukunft zu sichern. Darauf kommt es nicht an, sondern darauf, aus welchen Seelenkeimen heraus Fichte damals seine kraftvollen Worte sprach; denn aus diesen Seelenkeimen heraus lebt das deutsche Volk auch heute noch.

[ 12 ] Und ich glaube, nichts irgendwie Unberechtigtes zu sagen, wenn ich es ausspreche, dass insbesondere das, was von mir von diesem Orte aus als Geisteswissenschaft gemeint, oftmals besprochen worden ist, anknüpfen darf gerade an Johann Gottlieb Fichte; denn klingt auch das, was er zu seiner Zeit sprach, anders als heute die Ergebnisse der Geisteswissenschaft: Aus den gleichen Seelenkeimen ging für Fichtes Zeit Fichte’sche Wissenschaft, und für unsere Zeit, wie ich glaube, Geisteswissenschaft hervor. Man kann das im Einzelnen zeigen. Für diejenigen der verehrten Zuhörer, die in den verflossenen Jahren manches angehört haben, was von diesem Orte aus über Geisteswissenschaft gesagt worden ist, wird es ohne Weiteres klar sein, was ich kurz und allgemein verständlich über Geisteswissenschaft andeuten will.

[ 13 ] Das Wesen der Geisteswissenschaft, worin besteht es denn? Es besteht in Bezug auf das Suchen der geistigen Ergebnisse darin, dass Geisteswissenschaft nicht so wie die anderen Wissenschaften, die äußeren Wissenschaften, bloß auf das geht, was sich den äußeren Sinnen darbietet und dem Verstand aufleuchtet, wenn er sich der äußeren Welt hingibt, was in der Seele aufsprießt, wenn sie sich passiv verhält zu den Dingen, sondern dass sie geht auf das, was nur in der Seele erkannt werden kann, erlebt werden kann, wenn die Seele — lassen sie mich dieses Wort Johann Gottlieb Fichtes gebrauchen — auf die tiefsten Wurzeln ihrer Lebensregungen geht, wenn sie innerlich aktiv tätig zu erkennen versucht, wenn sie nicht nur die Welt auf sich einfließen lässt, sondern im Aufrufen der tiefsten, in der Seele liegenden Kräfte die Welt in ihrem innersten Kern zu umfassen versucht.

[ 14 ] Und so — könnte man sagen, ohne Anmaßung gegenüber der gewöhnlichen Wissenschaft — ist Geisteswissenschaft eine Art Wissenschaft, welche auf die innere Tapferkeit der Seele angewiesen ist, auf das Innerlichrege-Sein, auf das Erfassen der Welt im Tätigsein. Und da dürfen wir sagen: In allen Impulsen der deutschen Kulturentwicklung — das zeigt sich insbesondere an Geistern wie Fichte und Schiller sind —, in allen diesen Impulsen der deutschen Kulturentwicklung liegt es keimhaft oder mehr oder weniger ausgesprochen angedeutet, dass der Mensch Welterkenntnis findet, indem er Seelenerkenntnis in seinem Innersten sucht. Wir brauchen nur uns zu erinnern an das, was uns in Goethes «Faust» so epigrammatisch entgegentritt, da, wo dieser Faust dem Geist entgegentritt und wo er zu ihm spricht:

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.

[ 15 ] Und dann, nachdem so angedeutet wird, wie der Geist — der Geist, der in allen Dingen lebt und webt — ihm die Geheimnisse der Natur enthüllt, dann macht Faust aufmerksam, wie diese Erkenntnis zusammenhängt mit dem lebendigen Erfassen der eigenen Seele.

Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.

[ 16 ] Derjenige — das liegt ungefähr im Sinn der ganzen geistigen Kulturentwicklung Mitteleuropas drin —, derjenige, der sich in tiefster Seele selber als geistiges Wesen zu erkennen vermag, der lässt sich nicht ein auf das Abstecken von Erkenntnisgrenzen, denn er weiß: Wo er auch hinkommen mag, das Geistige seiner Seele geht mit. Und er wird überall die geistige Wesenheit finden. Und so entspringt denn — ich kann dies heute nur andeuten — aus dieser, in der Tätigkeit der Seele lebenden Geisteswissenschaft eine Erkenntnis des menschlichen Wesens, desjenigen menschlichen Wesens, das sein zeitliches Dasein im Leibe durchmacht zwischen Geburt und Tod, das aber der Ewigkeit angehört, das durch die Geburt ins physische Dasein tritt, das durch die Todespforte wieder hinaustritt in die geistige Welt und dort ihr weiteres Schicksal erfährt. Und nicht nur im theoretischen Sinn wird über das Wesen der Seele von Geisteswissenschaft gesprochen, sondern lebendig macht die tätig erkennende Geisteswissenschaft das, was im Menschen als ewiges Wesen lebt; erkennend macht sie dieses, indem diese Geisteswissenschaft zeigt, dass man hinblicken kann von dem leibfreien Geist auf das, was in der menschlichen Leiblichkeit zwischen der Geburt und dem Tode liegt.

[ 17 ] Nicht bloß Theorien will Geisteswissenschaft geben, sondern Erweiterung der seelischen Erfahrung. Und so kommt sie zu dem Ergebnis, dass es möglich ist für denjenigen, der die geistesforscherische Methode auf die eigene Seele anwendet, den Moment zu erleben, den der Mensch erlebt im natürlichen Fortgang, wenn er durch die Todespforte geht: hinzublicken auf das, was Leib und leibliche Gesetze sind, von der Wesenheit, die außerhalb des Leibes ist. Der Rückblick auf das Leibliche und das Sich-Erfühlen im Geistigen als ein wirkliches inneres Erlebnis, es gehört zu den Fundamenten geisteswissenschaftlicher Erkenntnis.

[ 18 ] Nun blicken wir zu Fichte hin, gerade auf etwas, was er gegeben hat gleich im Beginne seiner «Reden an die deutsche Nation». Und daran, was er da gegeben hat, kann man erkennen, wie er das meinte, was er oft betonte: aus den innersten «Wurzeln der Lebensregungen» heraus menschliche Weisheit zu machen. Fichte will — ich muss dies sagen, damit seine Worte verständlich werden — anzeigen, wie es ihm vorkomme, wenn jemand ihm gegenüberträte und sagte: Ach, was du uns erzählst über eine besondere Erziehung, um die es sich da handelt, über eine Verjüngung der Nation, das kann nicht weiter Eindruck auf uns machen; denn das alles steht so sehr im Widerspruch mit dem, was wir bisher erlebt haben, dass uns die Möglichkeit fehlt, zu diesem ganz Andersartigen Vertrauen zu haben. Und da sagt Fichte, gleichsam als Einwand: Der also spreche, käme ihm vor wie ein Mensch, den er nun in der folgenden Weise charakterisiert. Fichte sagt:

Die Zeit

[ 19 ] — er meint seine Zeit —

erscheint mir wie ein Schatten, der über seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert und seinen Blick nicht loszureißen vermag von der ehedem so geliebten Hülle und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die belebenden Lüfte der andern Welt, in die die abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich und umgeben sie mit [warmem Liebeshauche], zwar begrüßen sie [schon freudig heimliche] Stimmen der Schwestern und heißen sie willkommen, zwar [regt es] sich schon und dehnt sich [in ihrem Innern] nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll, zu entwickeln, aber noch hat sie kein Gefühl für diese [Lüfte] oder kein Gehör für diese Stimmen oder, wenn sie es hätte, so ist sie aufgegangen in Schmerz über ihren Verlust, mit [welchem] sie sich selbst verloren zu haben glaubt.

[ 20 ] Einen Einwand schlägt Fichte aus und charakterisiert den, der also auf das Alte, das dem Neuen gegenübersteht, zurückblicken möchte, so wie den Geistesforscher, der zu der Gewissheit kommt: Wenn die Seele durch die Todespforte gegangen ist, so steht sie als ein wirklich beobachtendes Wesen ihrem Leichnam gegenüber und schaut ihn an wie ein äußeres Objekt.

[ 21 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, ich glaube nicht, dass jemand zweifeln kann, dass Fichte zu einem solchen Symbolum nur dadurch hat kommen können, dass in ihm die Keime der Geisteswissenschaft ebenso schon lebten wie sie eben zu seiner Zeit in dem energischen Philosophen leben konnten. Und war es denn nicht Fichte, welcher immer wieder und wiederum bei jeder Gelegenheit versuchte, klarzumachen, wie alles Wesen des äußeren Sinnes wurzelt im Geistigen.

[ 22 ] Nur charakteristische Worte aus seinen eindringlichen «Reden an die deutsche Nation» seien hier erwähnt:

Zeit und Ewigkeit und Unendlichkeit erblickt sie

[ 23 ] —und er meint seine Philosophie —

in ihrer Entstehung aus dem Erscheinen und Sichtbarwerden jenes Einen, das an sich schlechthin unsichtbar ist, und nur in dieser seiner Unsichtbarkeit erfasst, richtig erfasst wird. (...]

Alles als nicht geistiges Leben erscheinende beharrliche Dasein

[ 24 ] — sagt Fichte —

ist nur ein aus dem Sehen hingeworfener, vielfach durch das Nichts vermittelter leerer Schatten, im Gegensatze mit welchem und durch dessen Erkenntnis als vielfach vermitteltes Nichts, das Sehen selbst sich erheben soll zum Erkennen seines eigenen Nichts und zur Anerkennung des Unsichtbaren als des einzigen Wahren.

[ 25 ] Man ergreift gewissermaßen Fichte im Innersten der «Wurzel seiner Lebensregungen» selber, wenn man solche Worte von ihm vernimmt, und wann kamen ihm solche Worte? Damals kamen sie ihm, als er über das Wesen der Deutschheit sprechen wollte, wie er das Wort prägte. Aber was ist ihm dasjenige, was dieses Wesen zum Ausdruck bringt? Das ist es ihm, das nicht zu einer Philosophie des Todes, nicht zu einer Philosophie der Materie, nicht zu einer Philosophie der äußeren Sinnlichkeit oder Sinnesbeobachtung führt, sondern das führt zur Erkenntnis jener Welt, in welcher wurzelt das in der Menschenseele Ewige als in dem universell kosmischen Ewigen. Und aus der Energie seines Wesens heraus, aus den tiefsten «Wurzeln der Lebensregungen» heraus versuchte Fichte, das zu erfassen in seiner Weltenbedeutung, was dem Menschen im Inneren Gewähr seines ewigen Seins gibt. Alldem, was sinnlich erkannt werden kann in seinen höchsten Formen, alldem, was in äußerer Sonne und Planeten und in anderen äußeren Wesen dem Menschen entgegentritt, alldem stellt sich Fichte entgegen; und dem stellt er entgegen das, was er glaubt zu wissen als das Wesen des im Menschen wurzelnden Selbstes, des durch die Geburt und den Tod gehenden ewigen Selbstes.

[ 26 ] Und in seiner Schrift, die er genötigt war, wegen der Anklage des Atheismus zu verfassen, da sprach er in wunderbarer Weise über dieses energische Bewusstsein von dem ewigen Wesen der menschlichen Seele. Gleichsam anspricht er das, was äußere Wirklichkeit ist, und setzt im Gegensatz zu dieser äußeren Wirklichkeit das Geistige, das zu erfassen ist im eigensten inneren Menschenwesen. Es ist wie eine Ansprache an das, was als Sonne und Planeten an uns vorüberzieht, zu dem sagt Fichte:

Du bist wandelbar, nicht ich. Alle deine Verwandlungen sind nur mein Schauspiel, und ich werde stets unversehrt über den Trümmern deiner Gestalten schweben. Dass die Kräfte schon jetzt in Wirksamkeit sind, welche die innere Sphäre meiner Tätigkeit, [die ich meinen Leib nenne,] zerstören sollen, befremdet mich nicht; dieser Leib gehört zu Dir und ist vergänglich wie alles, was zu Dir gehört, aber dieser Leib ist nicht Ich. Ich selbst werde über seinen Trümmern schweben, und seine Auflösung wird mein Schauspiel sein. Dass die Kräfte schon in Wirksamkeit sind, welche meine äußere Sphäre, [die erst jetzt angefangen hat, es in den nächsten Punkten zu werden;] — welche euch, ihr leuchtenden Sonnen alle, und die Tausend mal Tausend Weltkörper, [die euch umrollen,] zerstören werden, kann mich nicht befremden; ihr [seid durch eure Geburt dem] Tode geweiht. Aber [wenn unter den Millionen Sonnen, die über meinem Haupte leuchten, die Jüngstgeborne ihren letzten Lichtfunken längst wird ausgeströmt haben,] dann werde ich noch unversehrt und unverwandelt derselbe sein, der ich jetzt bin; und wenn [aus euren Trümmern so viele Male neue Sonnensysteme werden zusammengeströmt sein, als eurer alle sind, ihr über meinem Haupte leuchtende Sonnen, und die] Jüngste unter allen ihren [letzten] Lichtfunken [längst wird ausgeströmt haben,] dann werde ich noch sein, unversehrt und unverwandelt, derselbe, der ich heute bin.

[ 27 ] Sehr verehrte Anwesende, das sind Worte, von denen schon gesagt werden darf — so wie der Geistesforscher das meinen darf —, man möchte behaupten, dass diese Seele Fichtes sich den Leib innerhalb des mitteleuropäischen Volkes suchte, um mit dieser Leiblichkeit die Sprache zu finden, also von der Ewigkeit des menschlichen Selbstes, von seinem Triumph über die äußere Sinneswelt zu sprechen. Alles das, was Fichte gerade, man möchte sagen aus diesem Bewusstsein heraus auch in seine «Reden an die deutsche Nation» hineinverlegte als deren tiefste innere Kräfte, alles das, es ist im Grunde genommen für Fichte immer die Grundlage zur Beantwortung einer anderen Frage, jener Frage, die etwa charakterisiert werden kann als die Frage: Wie findet der Mensch das, was er im höchsten Sinn des Wortes sein soll? Und da stehen wir, man möchte sagen vor der Eigentümlichkeit, wie deutsche Kultur dieses Menschensein eigentlich auffassen will.

[ 28 ] Fichte, er hat mit kraftvollen Worten hingedeutet, wie es im Grunde genommen im Wesen der Deutschheit liegt, gerade durch Deutschheit über die Deutschheit hinauszukommen, das Menschentum in seiner Allgemeinheit darzustellen, dasjenige aufzusuchen in der menschlichen Seele, was erhaben ist über alle Nationalität, über alle Eingeschränktheit des Raumes und der Zeit. Daher kann man sagen: der Engländer ist Engländer, der Franzose ist Franzose; für den Deutschen kann man ein Gleiches nicht sagen, im Grunde genommen, wenn man das Wesen seiner Deutschheit erfassen will an dem Geiste solcher Genien wie Fichte und Schiller es waren. Der Engländer ist Engländer, der Franzose ist Franzose, der Deutsche hat im Innersten das Bewusstsein: Wie werde ich Deutscher? Und immerdar steht dieses Deutsche vor ihm wie ein Ideal, dem er sich nähern will, das er erst werden will. Und wenn er es erfasst zu haben glaubt, was in den innersten Lebensregungen des Menschen liegt, um also zu werden, dann wächst er gerade durch seine Deutschheit über das eng Nationale hinaus.

[ 29 ] Charakteristisch ist in dieser Beziehung Fichtes Ausspruch:

Der Grundsatz, nachdem sie

[ 30 ] — er meint die deutsche Philosophie —

diesen zu schließen hat, ist ihr vorgelegt, was an Geistigkeit und Freiheit [dieser Geistigkeit glaubt], und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, dass, wo es auch geboren sei und in welcher Sprache es rede, ist unsers Geschlechts, es gehört uns an und es wird sich zu uns tun.

[ 31 ] Man darf wohl glauben, dass berechtigt ist in unseren Tagen gerade auf dieses Ideal des Deutschwerdens hinzuweisen, da, wo von allen Seiten der Windrose das Wort vom deutschen «Barbarismus» aufgetaucht ist und wo, wie es scheint und wie wir gleich zeigen werden, die Urteile, die über Deutschheit heute gefällt werden, auf nichts anderem beruhen als auf dem notwendigen Missverständnis, das eintreten muss, wenn keine Empfindung vorhanden ist für das, was zum Beispiel gerade Schiller und Fichte als das Wesen ihres Volkes verstanden.

[ 32 ] Wenden wir den Blick weg von Fichte nun zu Schiller! Man könnte ja vieles von Schiller anführen, man könnte in diese oder jene seiner Dichtungen und Schriften eingehen! Aber um zu erfassen, was ihn ja auch mit Fichte verbindet und was ihn wiederum knüpft an das Wesen der deutschen Kultur, muss man hinweisen auf eine Schrift Schillers, die leider recht wenig, im Grunde genommen gewürdigt wird, die aber, wenn sie recht gewürdigt wird, zeigt, wie dieses Streben nach dem Deutschwerden, was identisch ist für Schiller mit Menschwerden, wie dieses Streben in Schiller zum Ausdruck gekommen ist. Und diese Schrift ist diejenige, wo Schiller ganz allgemein menschlich, nicht philosophisch, sich ausspricht: die «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen». Was will er in diesen Briefen vor seinen Mitmenschen hinstellen?

[ 33 ] Oh, Schiller ist tief überzeugt davon, dass der äußere Mensch, der vor uns steht, der durch Geburt und Tod geht, nur die äußere Hülle des Menschen ist, und dass es des Menschen Bestreben sein muss, den höheren Menschen im Menschen zu suchen. Schiller sucht es auf seine Art, gemäß den Eigentümlichkeiten seiner eigenen Zeit, er sucht es aber charakteristisch. Er sagt sich auf der einen Seite: Da draußen ist die Sinneswelt, Sinneskräfte, die wirken auf den Menschen ein. Alles, was so im Menschen bewirkt wird, fasst Schiller unter den Begriff der äußeren Naturnotwendigkeit, auch im Menschen, zusammen. Kann der Mensch wahrhaftig Mensch sein, wenn er dieser Naturnotwendigkeit unterworfen ist, fragt er. Nein, lautet die Antwort, dann ist er ein Sklave dieser Naturnotwendigkeit. Da gibt es noch etwas anderes, da gibt es den starren Vernunftbegriff; alles, was man unter Theorie begreifen kann, alles, was die Vernunft ausdenken kann, kann der Mensch, wenn er sich dem hingibt, im vollsten Sinne Mensch sein? Nein, sagt Schiller, denn da steht der Mensch unter dem Zwang der Vernunftnotwendigkeit, ist ihr Sklave. Wie löst man aus sich gleichsam los den wahren Menschen? Dann löst man ihn los, wenn man dazu kommt, das, was uns die Vernunft eingibt, so zu empfinden, wie wir die Lieblichkeit eines sinnlichen Eindruckes empfinden, wenn man das, was die höhere Geistigkeit ist, mit derselben inhaltsvollen Weise liebevoll empfindet, wie man liebevoll empfinden kann durch die Sinne, was auf sie einen angenchmen Eindruck macht. Was sinnlich ist, sucht Schiller in die Sphäre der Geistigkeit zu erheben, und was geistig ist, mit der Frische und Lebendigkeit der Sinne zu erfassen. Dann wird der Mensch in diesem mittleren Zustande frei. Wenn man diesen Gedanken andeutet, kann er nicht gleich den Eindruck machen, den er macht, wenn sich die Menschenseele vollständig in ihn vertieft. Das ist ein Gedanke, der die Antwort geben will auf die Frage, was der Mensch als seinen Entwicklungspfad antreten soll, wenn er über sich hinauswachsen will, wenn er den Menschen, der in ihm verborgen ist, erlösen will und der zu einer höheren Auffassung der Wirklichkeit kommen will.

[ 34 ] Man kann sagen: Auf dem Gipfel der Menschheitsbildung sind solche Gedanken entstanden. Und wie sucht Schiller seine Gedanken nun zu verweben mit alldem, was ihm als das Wesen seines Volkes bewusst ist? In unseren Tagen sind oft die Worte angeführt worden — schön sind die Worte —, in denen Schiller gleichsam des deutschen Volkes Wesen als das erschaut, was er selbst als höchstes Menschentum in seinen ästhetischen Briefen zu ergründen sucht.

Dem

[ 35 ] — sagt Schiller —,

der den Geist bildet, beherrscht,
muss zuletzt die Herrschaft werden, denn
endlich an dem Ziel der Zeit, wenn anders die
Welt einen Plan, wenn des Menschen
Leben irgend nur Bedeutung hat, endlich
muss die Sitte und die Vernunft siegen,
die rohe Gewalt der Form erliegen
und das langsamste Volk wird alle
die schnellen Flüchtigen einholen.
[...]
Ihm ist das Höchste bestimmt,
und so wie er in der Mitte von
Europens Völkern sich befindet,
so ist er der Kern der Menschheit,
jene sind die Blüte und das Blatt.
Er ist erwählt von dem Weltgeist, während
des Zeitkampfs
an dem ewigen Bau der Menschenbildung
zu arbeiten, zu bewahren, was die Zeit bringt,
daher hat er bisher Fremdes sich angeeignet
und es in sich bewahrt.
Alles, was Schätzbares bei andern Zeiten
und Völkern aufkam, mit der Zeit entstand
und schwand, hat er aufbewahrt,
es ist ihm unverloren, die Schätze von
Jahrhunderten.
Nicht im Augenblick zu glänzen und
seine Rolle zu spielen, sondern den großen
Prozess der Zeit zu gewinnen. Jedes Volk
hat seinen Tag in der Geschichte, doch
der Tag des Deutschen ist die Ernte der
ganzen Zeit.

[ 36 ] Und so darf man sagen, wenn man gerade auf diese zwei Genien, Fichte und Schiller, hinblickt, dass des Deutschen tiefstes Suchen und Streben dahin geht, das allgemeinste Menschliche, das höhere Selbst im Menschen — wie Geisteswissenschaft sagen würde — zu suchen und zu ergründen, wie man sich in dasselbe hineinleben kann. Damit stehen sie da, man möchte sagen in der Morgenröte der Entwicklung, für die wir suchen die Sonne, jener Entwicklung, welche eine Kultur zu schaffen vermag, die, was sie auch Äußeres unternehmen will, zu welcher Blüte sie auch im Äußeren kommen will, die an diesem Äußeren nur suchen will den Leib für eine Seele, für jene Seele, die wir am besten charakterisieren können, wenn wir eben auf solche Genien wie Schiller und Fichte blicken.

[ 37 ] Man darf nun die Frage aufwerfen: Lebte in dem Volke Schillers und Fichtes, als diese Genien hinweggegangen waren von der physischen Welt, etwas nach von ihnen? Ist es bestreitbar, dass der Geist, der auf einer Blüte, auf einem Gipfel sich in Schiller und Fichte auslebte, dass der auch in den Ebenen des deutschen Geisteslebens fortschreitet?

[ 38 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, über diese Frage zu sprechen widerstrebte mir, wenn ich sollte irgendwie deutsches Urteil selber aufrufen. Das könnte sehr leicht genommen werden wie eine Art Selbstüberhebung, wie eine Art Selbsttäuschung. So sei denn ein anderer Weg gewählt, um zu charakterisieren, inwiefern der Glaube berechtigt sein kann, dass in dem Verlauf der Geisteskultur nach Fichte und Schiller bis in unsere Zeit herein etwas von diesem Fichte und Schiller und all den Genien lebte, die mit ihnen verwandt sind, vor allen Dingen auch von Goethe, ob etwas davon lebte. Es sei nicht hingewiesen auf das, was Deutsche denken können über dieses Fortleben des Seelischen in Fichte und Schiller und Goethe; es sei zunächst hingewiesen auf einen Mann, der nicht in deutscher Sprache gedacht und geschrieben hat, der aber auf den Höhen der Kulturentwicklung des neunzehnten Jahrhunderts gestanden hat: Emerson.

[ 39 ] Das, was ich also anführen will als eine Meinung über das, was fortlebte von Schillers, Fichtes, Goethes Seele, das sei angeführt mit Worten, die ursprünglich in englischer Sprache geschrieben worden sind von dem englischen Amerikaner Emerson. Er — also nicht ein Deutscher, sondern ein englisch sprechender Amerikaner sagt:

Eine Eigenschaft vornehmlich, die Goethe mit seiner ganzen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des französischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten Erscheinung: dass sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert. In England und Amerika respektiert man das Talent, allein man ist zufriedengestellt, wenn es für oder gegen eine Partei seiner Überzeugung nach tätig ist. In Frankreich ist man schon entzückt, wenn man brillante Gedanken sieht, einerlei wohin sie wollen. In all diesen Ländern aber schreiben begabte Männer, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie vorbringen, den verständigen Leser an und enthält es nichts, was gegen den guten Ton anstößt, so wird es für genügend angesehen. So viel Spalten, so viel angenehm und nützlich verbrachte Stunden.

[ 40 ] Er sagt weiter:

Der deutsche Geist besitzt weder die französische Lebhaftigkeit noch das für das Praktische zugespitzte Verständnis der Engländer noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit, allein was er besitzt, ist eine gewisse Probität, die niemals beim äußerlichen Scheine der Dinge steh’n bleibt, sondern immer wieder auf die Hauptfrage zurückkommt: «Wo will das hin?». Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftsteller, dass er über den Dingen stehe und sich einfuch.darüberausspreche: Geistige Regamkeitistvorhanden, wohlan: Wofür tritt sie auf? Was ist des Mannes Meinung? Woher? — Woher hat er alle diese Gedanken?

[ 41 ] An einer anderen Stelle sagt er:

Die Engländer [...] sehen nur das Einzelne, sie wissen die Menschheit nicht nach höheren Gesetzen als ein Ganzes aufzufassen.

Die Deutschen denken für Europa.

Die Engländer ermessen die Tiefe des deutschen Geistes nicht.

[ 42 ] Und nun noch ein anderes Urteil Emersons über dieses deutsche Wesen:

Aus diesem Grunde

[ 43 ] —sagt er —

sind die in der höheren Konversation gebräuchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ursprungs. Während die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehrsamkeit wegen mit Auszeichnung genannten Engländer und Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewissen Oberflächlichkeit ansch’n und ihr persönlicher Charakter mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich darüber ausdrücken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange steht, spricht Goethe, das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er Talent hat, sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen in seiner Seele und leuchtet heraus aus ihr. Er ist weise im höchsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist. [...] Er hat jene furchterweckende Unabhängigkeit, welche aus dem Verkehr mit der Wahrheit entspringt.

[ 44 ] So urteilt, sehr verehrte Anwesende, ein englisch schreibender Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, einer der größten, über die, die man heute die deutschen «Barbaren» nennt. Was als Selbstüberhebung oder anderes charakterisiert werden könnte, wenn es nur aus deutschen Urteilen herausgeholt werden könnte, das muss anders aufgefasst werden, wenn es von solcher Stelle herrührt.

[ 45 ] Aber nun, sehr verehrte Anwesende, ist solches Urteil nur erhört auf solchen Höhen der Menschheit, auf denen Emerson steht, und haben vielleicht andere doch im Allgemeinen ein anderes Urteil? Da darf hingewiesen werden auf ein allerjüngstes Urteil, gleichsam es hinstellend neben jenes Urteil über die Deutschheit. Derjenige, der nicht Zeit oder Gelegenheit hat das Buch «Eight years in Germany» zu lesen von Miss Wylie, der kann auch die sehr schönen Auszüge, die Hofmiller davon gemacht hat, sich nehmen und kann [darin] wichtige Aussprüche aus jenem Buche finden, sich verschaffend einen Überblick über ein englisch geschriebenes Urteil über das deutsche Wesen, wenige Monate vor dem Ausbruch des Krieges geschrieben. Aber wann, wie geschrieben? Nicht so geschrieben, wie heute viele schreiben, die von den deutschen «Barbaren» sprechen, sondern so geschrieben, dass die Schreiberin zuerst sich acht Jahre lang in Deutschland aufhielt, alles kennenlernte, sich tiefer einließ auf das Wesen, das sie beschreiben wollte. Da schrieb sie, nachdem sie Krankenhäuser, Schulen, medizinische und andere Anstalten besucht hatte, da schrieb sie englisch Geschriebenes über deutsches Wesen:

Wir lesen viel [...] vom neuen Deutschland und seinem neuen Geiste. Aber es gibt kein neues Deutschland und keinen neuen Geist. Das Bestehende ist das gereifte Werk von Generationen, das, was von jeher war. Geblendet durch den plötzlichen Glanz von Deutschlands Wohlstand, sind wir geneigt zu vergessen, dass es selten, außer eben an Wohlstand, einen anderen als einen der allervordersten Plätze unter den Nationen eingenommen hat. In Religion und Philosophie hat Deutschland geleuchtet zu einer Zeit, wo ringsum alles dunkel war; in der Literatur hat es einen epochemachenden Impuls gegeben; in der Musik hat es von jeher dominiert [...].

Deutsche Literatur, deutsche Religion, deutsche Philosophie sind uns

[ 46 ] — den Engländern —

Bücher mit sieben Siegeln. Was wir wissen, ist, wie viele Dreadnaughts Deutschland besitzt und um wie viel sein Handel gestiegen ist. Was wirklich wichtig ist, ist nicht der Dreadnaught, sondern das Hirn seines Erbauers, Mut und Begabung seines Kommandeurs. Was wirklich wichtig ist, ist nicht das Mehr an Umsatz, sondern die menschlichen Eigenschaften, die es veranlassten. Vor vierzig Jahren kämpfte Deutschland um seine Existenz, und es kämpft noch heute darum. Es ist völlig falsch, zu glauben, Deutschland [sei] schon auf seinem Höhepunkt. Es kämpft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mächtige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Generationen gewonnen wurde. [...]

An jeder Grenze und über dem Wasser sitzen die Gegner, kommerziell und politisch und warten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig nachlässt, um darüber herzufallen und es unterzukriegen. Deutschland weiß das [auch] ganz genau.

[ 47 ] Viele Urteile, sehr verehrte Anwesende, welche heute gelesen werden, wo werden sie gelesen? Nun in Zeitungen, unter anderem auch in englischen Zeitungen. Es ist noch nicht lange her, 1912 war es, da haben eine Anzahl von Gelehrten in Manchester Vorträge gehalten über deutsches Wesen, die deutsche Politik, deutsche Geschichte, deutsches Erziehungswesen, deutsche Volkswirtschaft, deutsche Literatur. In der Vorrede zu dem Buch, das auch ins Deutsche übersetzt wurde und das heißt: «Deutschland im neunzehnten Jahrhundert», von Herford herausgegeben, wird uns angedeutet, warum diese Vorträge gehalten worden sind. Sie sind gehalten worden — so sagt man uns —, um den Presseleuten einigermaßen richtige Vorstellungen beizubringen über deutsches Wesen.

[ 48 ] Nur ganz weniges, einzelne Stellen [von] Herford in England gesprochenen, englisch gesprochene Worte über deutsches Wesen, seien angeführt:

Im Ganzen und Großen ist es außer Frage, dass die Errichtung des Deutschen Reiches dem Frieden der Welt förderlich gewesen ist. Diese Erklärung wird denen seltsam erscheinen, die von nichts etwas wissen als von den Ereignissen der Gegenwart und für welche die Geschichte nichts anderes ist als ein ewig sich verändernder blendender Kinematograf. Die Geschichte sollte aber doch etwas mehr sein. Ihr ziemt es, das Licht der Vergangenheit auf der Gegenwart wirres Getriebe scheinen zu lassen, und in jenem höheren Licht werden Dinge, welche verletzend erscheinen, ein natürliches Ansehen gewinnen. Denn wenn wir in die Vergangenheit blicken, so finden wir, dass unsere Vorfahren Frankreich mit weit größerer Furcht betrachteten, als die wildesten Lärmschläger heute Deutschland fürchten. Und die Furcht unserer Voreltern hatte ihren guten Grund. [...]

Es lässt sich also, um alles zusammenzufassen, zeigen, dass die Gründung des Deutschen Reiches ein Gewinn für Europa gewesen ist und deshalb auch für Großbritannien. Denn die Ereignisse der Jahre 1866–1871 machten ein für alle Mal der Möglichkeit, Raubkriege gegen die bis dahin unbeschützte Mitte von Europa zu unternehmen, ein Ende und beseitigten damit eine Lockung zum Kriege, welche in früheren Jahrhunderten Frankreich so oft auf falsche Bahnen gelockt hatte; sie setzten das deutsche Volk instand, seine bis dahin verkümmerten politischen Fähigkeiten zu entwickeln, und sie halfen dazu, auf sicherer Grundlage ein neues europäisches System zu errichten, welches vierzig Jahre lang den Frieden erhalten hat. Dieser Segen ergab sich aus der Tatsache, dass die deutsche Einheit auf einen Schlag zustande brachte, was Großbritannien trotz all seines Aufwandes von Blut und Geld nie hatte bewirken können, nämlich das Gleichgewicht der Kräfte in so entschiedener Weise zu sichern, dass ein großer Krieg zum gefährlichsten aller Wagnisse wurde.

[ 49 ] 1912 sind diese Worte englisch in England gesprochen, für die Presseleute gesprochen, damit sie sich besser über deutsches Wesen auskennen. Ich überlasse jedem Einzelnen zu entscheiden, was diese Presseleute aus diesen Vorträgen gelernt haben. Zu diesen Vorträgen hat, als sie gedruckt wurden sind, ein Mann, dessen Namen Ihnen vielleicht in diesen Tagen auch etwas entgegengetreten ist, eine Vorrede geschrieben. In dieser Vorrede, die Lord Haldane geschrieben hat, stehen die Worte:

Die Quelle des Stromes seines

[ 50 ] —Deutschlands —

geistigen wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber begann eine in der Weltgeschichte einzige Strömung in einer Weise zu fließen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten Griechenlands hat die Welt kein solches Schauspiel engster Verschmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers geschen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist in hohem Maße konkret und praktisch.

[ 51 ] Und weiter:

Der Einfluss wahrer Kenntnis kann allein des Misstrauens Wolken verscheuchen und uns von der Last befreien, uns gegen Angriffe zu rüsten, die in Wirklichkeit keiner unter uns im Sinne hat.

[ 52 ] Sehr verehrte Anwesende, in diesem Buche, da steht noch etwas höchst, höchst Merkwürdiges, etwas ganz einzig Merkwürdiges. Also etwas, was auch in englischer Sprache in Manchester 1912 gesprochen worden ist: «Keine deutschen Wörter sind tiefer mit dem Saft nationaler Ethik durchtränkt als die, welche diese Dinge bezeichnen: wahr, gründlich, treu.»

[ 53 ] Ich möchte nicht dieses aussprechen als etwas, was nur aus der deutschen Seele herausklänge, aber wir haben es über den Kanal herübergehört, vom Kanal: «wahr, gründlich, treu» seien Worte, die mehr als alle anderen Worte von dem «Saft nationaler Ethik durchtränkt» sind.

[ 54 ] Nun, wir wollen einmal — selbstverständlich ohne dass Tagespolitik getrieben werden soll oder unberechtigterweise über die Ereignisse gesprochen werden soll —, wir wollen das, was wir in unseren Tagen erleben, an diese Worte gerade anknüpfen. Es ist ja in diesen unseren Wochen jetzt oftmals hingewiesen worden mit Recht, wie die gegenwärtigen Kriegsereignisse ihren Ursprung genommen haben vom Südosten Europas, wie verknüpft ist mit diesen Kriegsereignissen Österreichs Mission — so kann man ja sagen — mit Bezug auf Bosnien und die Herzegowina nach dem Balkan hinunter.

[ 55 ] Ich habe, sehr verehrte Anwesende, in der Zeit, die unter den Nachwirkungen stand des Übergehens dieser Mission vonseiten Österreichs, in Österreich gelebt. Denjenigen, die damals in Österreich gelebt und versucht haben, in den Gang der Ereignisse hineinzuschauen in den Achtzigerjahren, denen ertönte oftmals ein Wort an das Ohr, das geistreich und mit großem Humor von Bismarck geprägt worden war, aber, man möchte sagen etwas, was mit einem Schicksal zusammenhängt, ausdrückte. «Herbstzeitlosen gibt es in Österreich», sagte er. Herbstzeitlosen! Die österreichischen Liberalen hatten nämlich einen Führer, der hieß [Eduard] Herbst. Er war ein großer, bedeutender Mann. Diese Liberalen, die unter der Führung Herbstens standen, hatten sich widersetzt dem, was Bismarck ansah als von der Zeit und ihrem Sinn gefordert, dem Vorgehen Österreichs gegen Osten. Daher nannte sie Bismarck «Herbstzeitlose». Nun, man braucht nicht überall menschliche Urteile anzuführen, die entspringen sehr leicht aus Gefühlen und Leidenschaften, die aus Sympathien und Antipathien kommen; aber die Geschichte ist eigentlich die wirkliche Lehrmeisterin der Dinge.

[ 56 ] Was hat denn im Grunde Österreich zu denjenigen Ereignissen gebracht, die innig zusammenhängen mit dem, was heute geschieht, mit allem, was heute geschieht? Das alles geht ja als auf seinen letzten Anfang zurück, eben auf die Mission, die Österreich auf dem Berliner Kongress übertragen worden ist, gegen den Balkan vorzudringen. Wer war es denn, der damals auf dem Berliner Kongress gegen die Intentionen Russlands eintrat für diese Mission Österreichs? Die englische Politik war es. Vor allem diejenigen, die damals die englische Politik vertreten haben, die übertrugen Österreich diese Mission. Das hat Deutschland in schwierige Verhältnisse zu Russland gebracht.

[ 57 ] Alles, was weiter geschehen ist bis zu der Ermordung des Erzherzogs, ist nur die Konsequenz desjenigen, was damals auf dem Berliner Kongress Österreich übertragen worden ist, für denjenigen, der den geschichtlichen Blick verständlich nach rückwärts führt. Heute muss Deutschland und Österreich eintreten auf den großen Schauplatz der Ereignisse für das, was England dazumal Österreich übertragen hat, und England ist unter den Gegnern Deutschlands und Österreichs.

[ 58 ] Das ist, sehr verehrte Anwesende, Konsequenz der Geschichte. Es gibt, wenn man von Treue redet, auch eine Treue zu dem, was man einmal getan hat. Man kann schon nicht anders, wenn man von englischer Seite charakterisiert wird, dadurch, dass gesagt wird: «Keine Worte sind so tief mit dem «Saft nationaler Ethik» durchtränkt als die, welche diese Dinge bezeichnen: «wahr, gründlich, treu» — man kann nicht anders, als diese Worte dann ernst zu nehmen, und man möchte sagen: Ist es innere Wahrhaftigkeit, 1914 gegen das zu handeln, was man Jahrzehnte vorher eingeleitet hat? Ist es gründlich, und ist es vor allem Dingen treu? Solche Fragen dürfen heute aufgeworfen werden.

[ 59 ] Und wenn man dieses alles sich vor die Seele rückt, ja dann, dann muss man sagen: Kann man denn im Ernste wirklich erkennen aus dem, was in den allerjüngsten Tagen geschehen ist, wie das deutsche Wesen, so wie es zusammenhängt mit seinen großen Genien, wie dieses deutsche Wesen sich zu den heutigen Ereignissen stellen muss? Man kann es wahrhaftig nicht — und wenn noch so viele Zusammenstellungen gemacht werden über die allerjüngsten Ereignisse —, man kann es nicht aus diesem Letzteren ersehen. Man muss es ersehen aus dem, was in den tieferen Kräften Europas waltete und was zuletzt zu den heutigen Ereignissen führte. Etwas waltete aber in diesen Kräften Europas, das ist das, was fortlebte von Fichte, Schiller, Goethe und den anderen im deutschen Volke, in den Völkern Mitteleuropas.

[ 60 ] Ein Mann, den ich immer nennen möchte den Statthalter Goethes, Herman Grimm, er versuchte, aus seiner Seele heraus das in schönen Kunstworten auszudrücken, was er in sich aufgenommen hatte aus der großen deutschen Zeit, was eine Weltanschauung geworden ist. Und diese Worte Herman Grimms, die eine Empfindung ausdrücken, nicht ein Urteil, deshalb aus dem deutschen Wesen selber genommen werden dürfen — selber im Gegensatz zu den angeführten Urteilen von Nichtdeutschen —, seien angeführt zum Zeugnis dafür, wie die Keime der geistgemäßen Denkungsart Fichtes, Schillers, Goethes in den Menschen aufgegangen sind. Wie schön drückte sich das aus in Herman Grimms Worten, die er in seinem Homer-Buch geschrieben hat:

Die Solidarität der sittlichen Überzeugungen aller Menschen ist heute die uns alle verbindende Kirche. Wir suchen leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ernsten Bestrebungen der Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen existiert hier [bereits] nicht mehr. Wir fühlen, dass der ethischen Weltanschauung gegenüber kein nationaler Unterschied walte. Wir alle würden für unser Vaterland uns opfern; den Augenblick aber herbeizuschnen oder her[bei] zuführen, wo dies durch Krieg geschehen könne, sind wir weit entfernt. Die Versicherung, dass Friede zu halten unser [aller] heiligster Wunsch sei, ist keine Lüge. «Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» durchdringt uns.

[ 61 ] So Herman Grimm 1895 — seit 1901 ist er tot—, und dann wie die Aufschau in die geistige Welt Herman Grimms Worte:

Die Menschen als Totalität anerkennen, sich als einem wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe unterworfen, vor dem nicht bestehen zu dürfen, sie als ein Unglück erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit ängstlichem Bestreben suchen sie hier ihr Recht. Wie sind die heutigen Franzosen bemüht, den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern.

[ 62 ] Wer das deutsche Wesen kennt, weiß, dass diese Worte aus dem innersten Wesen des deutschen Volkes herausgeholt sind, dass diese wahrhaftig in der Stimmung des deutschen Wesens keine Lüge waren. Aber niemals haben sich die Deutschen einer Meinung hingegeben, die anders war, die Herman Grimm 1895 ausgesprochen hat:

Wie sind die heutigen Franzosen bemüht den Krieg gegen Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Völkern, ja von den Deutschen selber fordern.

[ 63 ] Sehr verehrte Anwesende, gegenüber dem, was man wissen könnte, wenn man in die treibenden Kräfte Europas schaute mit dem Blick, der gestärkt ist an dem Wesen, das in Schiller, Fichte, Goethe die höchste Blüte getrieben hat — schauen in diese Kräfte heißt erkennen, dass wahrhaftig in ganz anderer Weise die Antwort gegeben werden muss auf das, was jüngst wiederum von jenseits des Rheines herübergetönt hat: Wer hat diesen Krieg gewollt, als die meinen, die sich selber die Antwort geben wollen auf diese Frage. Ich glaube, dass es gegenüber dem, was an tieferen Kräften im europäischen Leben liegt, gewiss gesagt werden kann, wenn man mit einer gewissen äußeren Sophistik vorgehen will: Diese oder jene haben den Krieg nicht gewollt. Man kann sagen vielleicht: Alle haben ihn nicht gewollt — es lässt sich das sophistisch beweisen. Man kann aber eine andere Frage stellen, denn von der richtigen Fragestellung hängt es ab, ob die Antwort richtig wird. Wem wäre es möglich gewesen, den Krieg zu vermeiden? Und da wird nur die eine Antwort möglich sein: Nur der Petersburger Politik wäre es möglich gewesen, den Krieg zu vermeiden. Auch dies braucht man aber nicht aus den jüngsten Ereignissen, aus Blau- und Gelbbüchern zu erweisen, man kann es erweisen aus den wirksamen Kräften in den letzten Jahrzehnten innerhalb des europäischen Völkerlebens. Und ich werde versuchen, in einer eigenartig vielleicht empfundenen Weise aufmerksam darauf zu machen, wie man die Sache finden kann, die heute in diesem furchtbaren Krieg zum Ausdruck gekommen ist als miteinander in Konkurrenz stehende wirksame Kräfte.

[ 64 ] Nehmen wir an, es hätte sich jemand damit befasst, zu beobachten, wie in diesem Frühling von Russland herüber aufreizende Pressezeugnisse kamen, wie diese eine gewisse Stimmung, die immer heftiger und heftiger wurde im Frühjahr, andeuteten. Es hätte dann derselbe verfolgt die Ereignisse des Juli, der letzten Tage des Juli, und er hätte versucht auch mit einigen gutmeinenden russischen Freunden dann zu sprechen, die die besseren Seiten des russischen Volkes sehen und die hinwegsehen möchten über das, was da gespielt hat als ein wirkliches Wollen, das sich richtete gegen den Frieden. Was hätte ein solcher, der so vorgegangen wäre, heute, das heißt in diesem Sommer, sagen können? Etwa so könnte er unseren heurigen Sommer charakterisieren: Er könnte schildern, wie allmählich eine Art von Presskampagne von Petersburg anfing, durch welche die deutsche Politik angegriffen wurde. Diese Angriffe steigerten sich zu starken Forderungen eines Druckes, den Deutschland auf Österreich ausüben sollte in Sachen, wo Deutschland das österreichische Recht nicht ohne Weiteres angreifen konnte. Man könnte dazu seine Hand nicht bieten; denn wenn man von Deutschland aus sich Österreich entfremdete, so geriete man in Deutschland notwendig in Abhängigkeit von Russland. Wäre eine solche Abhängigkeit erträglich gewesen? Man hätte es früher glauben können, indem man sich sagte, man habe mit Russland keine streitigen Interessen, man könnte selbst russische Freunde fragen, die einem dieses oder jenes auseinandersetzen, und man könnte ihnen nicht widersprechen. Der Vorgang betreffs des allen zeigt aber, wenn man in Betracht zieht, was in Russland geschieht, dass selbst ein vollständiges Indienststellen Deutschlands für Russland nicht schützen kann gegen unser Bestreben mit Russland nicht in Streit zu geraten. Man kann mit diesen Worten das, was spielte zwischen Europas Mitte und Osten charakterisieren; die Worte passen auf unsere heutige Situation.

[ 65 ] Nun habe ich aber etwas Sonderbares getan; ich habe Worte nur ein wenig umgeändert; denn diese Worte habe ich nicht selber gemacht, nicht für unsere heutige Situation; sie sind umgeändert aus Worten, die Bismarck 1888 im Deutschen Reichstag gesprochen hat. Bismarck sagte 1888:

[...] wie allmählich eine Art von Presskampagne in Petersburg anfing, durch welche die deutsche Politik angegriffen, ich persönlich in meinen Absichten verdächtigt wurde. Diese Angriffe steigerten sich während des darauffolgenden Jahres bis 1879 zu starken Forderungen eines Druckes, den wir auf Österreich üben sollten in Sachen, wo wir das österreichische Recht nicht ohne Weiteres angreifen konnten. Ich konnte dazu meine Hand nicht bieten; denn wenn wir uns Österreich entfremdeten, so gerieten wir, wenn wir nicht ganz isoliert sein wollten in Europa, notwendig in Abhängigkeit von Russland. Wäre eine solche Abhängigkeit erträglich gewesen? Ich hatte früher geglaubt, sie könnte es sein, in‚dem ich mir sagte: Wir haben gar keine streitigen Interessen, es ist gar kein Grund, warum Russland je die Freundschaft uns kündigen sollte. Ich hatte wenigstens meinen russischen Kollegen, die mir dergleichen auseinandersetzten, nicht geradezu widersprochen. Der Vorgang betreffs des Kongresses enttäuschte mich, der sagte mir, dass selbst ein vollständiges Indienststellen unserer Politik (für gewisse Zeit) in die russische uns nicht davor schützte, gegen unsern Willen und gegen unser Bestreben mit Russland in Streit zu geraten.

[ 66 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, ich denke, wenn man genau dieselben Worte auf 1914 anwenden kann, die prägnant angewendet werden von Deutschlands größtem Staatsmann 1888, so liegt darin außerordentlich viel Beweisendes für die Zündstoffe, die immer vorhanden waren; dass man anders als bloß durch die allerjüngsten Ereignisse das suchen muss, was in diesem Kriege spielt, das ist durch dieses bewiesen. Und sagen nur solche Menschen, die in einer gewissen Geistigkeit aufgehen, sagen nur diese, dass dem Deutschen eigen ist «Friede auf Erden und dem Menschen ein Wohlgefallen»? Ich sagte, wer in das deutsche Wesen hineinsieht, der kann das nicht empfinden wie etwa eine Lüge. Aber derjenige, der glauben möchte, dass solches nur gelebt habe innerhalb der geistigen Höhen, auf denen Herman Grimm stand, der sehe auf die Worte, mit denen Bismarck dazumal in derselben Sitzung des Reichstages von 1888 charakterisierte, wie er stand zu jener deutschen Stimmung, die Herman Grimm zum Ausdruck brachte, indem er sagte: «Friede auf Erden und dem Menschen ein Wohlgefallen». Das ist das, was in unseren tiefsten Seelen wurzelt.

[ 67 ] Merkwürdige Worte sind es, die dazumal Bismarck sprach; er sagte ungefähr: «In einer solchen Maschinerie, wie wir sie haben, macht man keine Angriffskriege. Und er schließt die Betrachtung, die er in diesem Sinne anstellt, indem er sagt: Man nehme einmal an, ich würde vor Sie hintreten — im Reichstage war das — und Ihnen auseinandersetzen, dass es besser ist, wir greifen an, und forderte von Ihnen die Bewilligung von soundso viel Millionen Mark, würden Sie zu mir das Vertrauen haben, sie zu bewilligen?» Bismarck sagte: «Ich hoffe nicht.»

[ 68 ] Man muss auf die Stimmungen, auf die innerhalb der Seele waltenden Kräfte hinsehen, wenn man das Wahre, das Tatsächliche in dieser Beziehung erkennen will. Allerdings, Bismarck erkannte das Wahre; er wusste, dass, weil er sich selber damals einsetzte beim Berliner Kongress für die Forderungen Englands an Österreich, den Balkan betreffend, er heraufbeschwor den Gegensatz Russlands zu Deutschland, wusste aber auch, dass er alles getan hatte, was diesen Gegensatz abschwächen konnte, so stark — sagte er selber —, dass er hätte glauben können, dass er dazumal für seine Verdienste um Russland den höchsten russischen Orden hätte kriegen können, wenn er ihn nicht schon gehabt hätte. Aber gerade das war ja Bismarcks fortwährendes Bestreben, so lang als möglich hinauszuschieben das, was vom Osten herüber drohte.

[ 69 ] Dies nur als einige Proben, sehr verehrte Anwesende, über das, was die Geschichte spricht, was die Geschichte spricht für denjenigen, der eingeht auf die Grundlagen, die wirkliche Antworten liefern können auf das, wer diesen Krieg gewollt hat.

[ 70 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, in dem deutschen Geistesleben, wie es ausstrahlt von solchen Genien wie Fichte, Schiller, Goethe, liegt vieles, vieles, das uns gewissermaßen einen Hinweis darauf geben kann, wie aufzufassen ist das, was uns jetzt so vielfach als Charakteristik dessen, was man deutsche «Barbaren» nennt, entgegentritt. Dann könnte man manche sehr eigentümliche Probe finden.

[ 71 ] Es gibt einen europäischen Geist, der auch in Deutschland großen Eindruck gemacht hat. Er hat einmal über das gesprochen in einer seiner Schriften, in denen er insbesondere über seine Hinneigung zum geistigen Leben, zur Mystik sich ausgesprochen hat; er hat über das gesprochen, was er den drei größten Mystikern verdankt, die er anführt und als deren dritten er einen deutschen Geist angibt, Novalis; er spricht über Novalis und was er ihm gewesen ist. Novalis sagt er, ist wie ein Geist, der hinaufführt in Höhen, die wirkliche Höhen der Menschheit sind. Es ist im Grunde genommen eine sehr, sehr schöne und intime Charakteristik des deutschen Geistes Novalis. Wenn ein Engel — so sagt er — oder ein Genius aus dem Kosmos herunterstiege auf die Erde und auf der Erde erfahren wollte, was eigentlich auf der Erde besonders wichtig ist für den Kosmos — man möchte ihm vorführen alles, was Shakespeare gedichtet, was vorgeht zwischen Hamlet und Ophelia und anderen —, so mag das für die Erde sehr wichtig sein, sagt er, aber wenn es auch für die Erde wichtig ist: Etwas, was auch wichtig ist zu erfahren für einen Genius, der von einem anderen Planeten auf die Erde herunterstiege, um hier noch etwas Besonderes zu erlernen, für ihn bräuchte es nicht wichtig zu sein. Noch vieles andere führt dieser Charakteristiker an, was unwichtig wäre für denjenigen, der herunterstiege aus dem Kosmos auf die Erde. Aber was in Novalis’ Seele lebt, was also — für den, der Novalis kennt, ist dieses unbedingt klar — aus den tiefsten Tiefen des deutschen Volksgeistes herausgeholt ist, das charakterisiert dieser Charakteristiker mit schönen Worten; er sagt:

Wenn er aber anderer Beweise bedürfte, so würde [sie ihn] unter die führen, deren Werke fast ans Schweigen rühren.

[ 72 ] Weil das, was man sprechen kann, nicht das tiefste menschliche Wesen zum Ausdruck bringt, so findet er in Novalis:

Sie würde die Pforte des Reiches öffnen, wo einige sie um ihrer selbst willen liebten, ohne sich um die kleinen [Gebärden] ihrer Körper zu bekümmern. [Sie würden zusammen auf die einsamen Hochflächen steigen, wo das Bewusstsein sich um eine Stufe erhebt] und wo alle, welche die Unruhe über sich selbst [erfüllt], aufmerksam den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt mit unseren [höheren] Welten verknüpft. Sie würden mit ihm zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, wo der Mensch zu enden scheint, fängt er wahrscheinlich [erst] an [und seine wesentlichsten und unerschöpflichsten Teile befinden sich nur im] Unsichtbaren, wo er unaufhörlich auf seiner Hut sein muss. Auf diesen Höhen allein gibt es Gedanken, welche die Seele billigen kann, und Vorstellungen, [die ihr ähneln und die so] gebieterisch sind [wie sie selbst.] Dort hat die Menschheit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuchteten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die Erde im Geisterreiche ankündigen: Ihr Widerschein hat fürwahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, dass die Leidenschaften des Geistes und des Körpers in den Augen einer fremden Vernunft den Klagen von Glocken gleichen würden; aber die Menschen, von denen ich rede, sind in ihren Werken aus dem kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht [zur] irdischen Gemeinde zählen.

[ 73 ] Solche Worte findet der Charakteristiker von Novalis in Novalis. Derjenige, der über Novalis gesprochen hat, der so einstmals in Novalis das deutsche Gemüt charakterisiert hat als selbst noch Erlebnisse gebend dem Genius, der aus kosmischen Höhen herunterstieg, das ist Maurice Maeterlinck.

[ 74 ] Sehr verehrte Anwesende, ich brauche zu dem, was Maurice Maeterlinck heute sagt, zu dem, was ich angeführt habe, nichts weiter hinzuzufügen, möchte aber sagen, dass aus wahrhaftig deutscher Seele heraus Novalis ein wunderbar schönes Wort gesprochen hat. «Der einzig wahre Tempel» — sagt Novalis — «ist die menschliche Körperform. In ihr liegt ein einzig Himmlisches an Gestalt. Es heißt den Himmel berühren, wenn man den menschlichen Körper getastet.» So Novalis an einer vielleicht antastbaren Stelle.

[ 75 ] Es ist dasselbe, was Goethe spricht: «Was wären all die Sonnen, all die am Himmel ziehen, was wäre alles das Herrliche, was an Sternen leuchtet, wenn das nicht alles einmal im menschlichen Auge leuchtete, in menschliche Herzen hereinströmte und eine Menschenseele sich daran bewundernd erfreuen könnte.»

[ 76 ] Das empfanden diejenigen, die wie Goethe, wie Novalis also sprachen — sie empfanden aus der Geistigkeit heraus, dass es ein höchstes Kunstwerk gibt, ein höheres Kunstwerk als alle menschlichen Kunstwerke: die menschliche Gestalt, das Götterkunstwerk. Allerdings werden nur diejenigen wie Goethe über die menschliche Gestalt sprechen, die die Welt durchdrungen wissen von geistigen Wesen und die im Menschenwesen das größte Götterkunstwerk sehen. Das darf vielleicht erinnert werden in einer Zeit, wo der Deutsche angeklagt wird besonderer «Barbarei», weil es geschehen sein soll, dass einige Kanonenkugeln auch auf die Kathedrale von Reims gefallen sind. Nun ich weiß es ganz gewiss, nachdem ich 1906 diese Kathedrale gesehen, dass ich niemandem nachstehe in der Bewunderung dieses Kunstwerkes — allerdings habe ich auch den Eindruck gewonnen, dass es brüchig ist, sodass nicht lange mehr die Zeit währen wird, dass es durch natürliche Ursachen geschädigt sein müsste, aber es kommt bei manchem Urteil nicht nur auf das an, wie man sich zu diesem Urteil stellt, wie man etwas auffasst, sondern ob man dieses Urteil überhaupt fällt oder nicht fällt.

[ 77 ] Da fragt es sich, ob auf dem Hintergrund unserer schicksalsschweren Ereignisse, wo in unzähligen Fällen, durch das Schicksal herausgefordert, das Götterkunstwerk, die menschliche Gestalt, zerstört werden muss — oh, da darf das Urteil gefällt werden, dass ein Menschenkunstwerk auch beschossen werden kann. Ich weiß, es gibt nur einen Einwand, es könnte jemand sagen: Die Kathedrale ist nur einmal vorhanden, der Mensch ist so und so oft Mal vorhanden. Ich mag andere streiten lassen, was auf diesem Felde «Barbarei» ist, aber ich glaube, derjenige, der Goethes, Schillers, Fichtes Denkweise versteht, wird darüber nicht streiten, dass dieses Urteil — es gibt so und so viel Menschen und nur eine Kathedrale und deshalb müsse die Kathedrale geschont werden, wenn auch die Menschen erschossen werden —, dass dieses Urteil in Wahrheit die roheste «Barbarei» ist. Es gibt ein ganz bestimmtes Gepräge, das man als das Gepräge des deutschen Geistes bezeichnen kann.

[ 78 ] Und ich glaube, es geht schon etwa aus dem hervor, was ich ja nur andeuten konnte, dass mit dem Suchen der Menschheit nach der Geistigkeit, nach dem Unsichtbaren, zusammenhängt dieses deutsche Wesen, innig, innig zusammenhängt, und dass mit diesem Suchen, das sich in den deutschen Führergenien ausgesprochen hat, im Grunde genommen auch das zusammenhängt, wenn auch noch so unbewusst, was da fühlen — dass sie es als ein Heiligstes, nicht bloß als ein Persönliches zu verteidigen haben — diejenigen, die mit Blut und Seele heute in unseren schicksalsschweren Tagen die Opfer bringen müssen, die gebracht werden müssen zur Fortentwicklung der Menschheit. Und nicht wird man einwenden können, wenn man sich einlässt auf das Wesen Mitteleuropas, wie es zum Ausdruck in solchen Genien, wie wir sie angeführt haben, kommt; nicht wird man bezweifeln können, dass dieses Mitteleuropa ein Leib ist für eine Seele, die unsichtbare Kraft in sich birgt, welch unsichtbare Kraft eine in ihrem eigenen Wesen fühlbare Impulsivität für ein Höheres haben muss.

[ 79 ] Und gerade wenn man so die Dinge betrachtet, dann kann man fühlen, was da auch kommen mag: Vertrauen, Kraft, Zuversicht darf man fühlen, wenn wieder einmal die deutsche Welt vor die Frage gestellt ist: Sein oder Nichtsein. Nicht eine Hamlet-Antwort, eine Faust-Antwort vermag das deutsche Wesen zu geben: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.» Deutscher wird man immerzu. Wenn Deutschland alt geworden ist, es kann wieder jung werden. Goethe lässt eines der Symbole in seinem «Faust» sein den Verjüngungstrank.

[ 80 ] Und wo er über Goethe spricht, da sagt nicht ein Deutscher, wiederum der englisch sprechende Emerson mit Bezug auf das, was in Goethe geworden ist, die Worte:

Die Welt ist jung, große Männer der Vergangenheit rufen uns zu mit freundlicher Stimme. Wir müssen heilige Schriften schreiben, um die irdische und himmlische Welt miteinander zu verbinden. Das Geheimnis des Genius ist, nicht zu dulden, dass eine Lüge für uns bestehen bleibe, [alles, dessen wir bewusst sind,] zu einer Wahrheit zu machen, in den Büchern und in den Menschen Bestimmtheit und Vertrauen zu erwecken und zu Anfang wie am Schluss wie für endlose Zeiten jede Wahrheit dadurch zu ehren, dass wir sie zu einer Richtschnur unseres Handelns machen.

[ 81 ] So Emerson in Bezug auf Goethe, den er als das Haupt und den Inhalt der Nation bezeichnet. Und man kann eingedenk der Worte des amerikanischen Engländers sein, dass es gerade in der Mission liegen kann des Volkes Goethes, Schillers, Fichtes, etwas zu tun von dem, worauf Emerson deutet: «Wir müssen heilige Bücher schreiben, um den Himmel und die irdische Welt aufs Neue zu verbinden. Das Geheimnis des Genius ist, nicht zu dulden, dass eine Lüge für uns bestehen bleibt.»

[ 82 ] Inwiefern das mit dem heutigen Vortrag zusammenhängt, das überlasse ich wiederum Ihnen zu beurteilen. Aber ich glaube das Eine, wenigstens stammelnd in diesem Vortrage angedeutet zu haben, was uns über Mitteleuropas Wesen, über diese Kultur, die nach Schillers Worten Europas Herz ist — das andere ist Blatt und Blüte —, was über diese Kultur «große Männer der Vergangenheit» uns empfinden lassen.

[ 83 ] Emerson sagt: «Sie rufen uns zu mit freundlicher Stimme». Wir haben etwas vernehmen wollen von diesen freundlichen Stimmen, weil das vielleicht gebraucht werden kann in unserer heutigen Zeit. Wie man hinkommen kann auf das, was für unsere Gegenwart angeregt werden kann, wenn man wirklich das Lebendige dieser Geister hört, davon soll dann morgen einiges gesprochen werden. Heute wollte ich als Einleitung auf das hinweisen, nicht so sehr was in meinen Worten lag, sondern was ausströmt von gewissen deutschen Genien und einströmen kann in unsere Herzen als Trost, Hoffnung, Zuversicht, als Tragkraft im seelischen und physischen Leben für die Gegenwart. Denn es kann, wenn man lebendig fühlt das, was herüberströmt von den Geistern, deren Wesen im deutschen Volksgeist fortlebt, es kann, was da herüberströmt, in der Seele zu einer Hoffnung, zu einer Zuversicht, aber auch zu etwas zusammendichten, was man als die tiefste Wahrheit in Mitteleuropa empfinden kann.

[ 84 ] Und eigentümlich ist es, dass als aus demselben Geiste heraus, aus dem Goethe, Schiller, Fichte gewirkt haben, der deutschgesinnte Schleiermacher prägen wollte sein Wort über den Zusammenhang alles menschlichen Strebens mit dem Unsichtbaren, der auch verfiel darauf, man kann sagen, des deutschen Wesen Tiefstes anzudeuten, indem er auf das Unsichtbare dieses deutschen Wesens hinwies. Und dieses Unsichtbare, dieses im Geist zu Erfassende, das Fichte so energisch in Zeiten, als das deutsche Volk darniederlag, zur Aufmunterung sprach, es klingt uns auch heute noch in der rechten Weise, wenn auch nicht in Zeiten der Erniedrigung, sondern in Zeiten, in denen wir ein Höchstes, ein Wunderbarstes erleben, wir können eben gerade hinweisen auf das, was das deutsche Volk immer als sein Teuerstes erstrebt hat. Wir können heute wie aus der Seele dieses deutschen Volkes heraus und zu unserem eigenen Trost mit Schleiermacher sagen, mit ihm sagen, heute noch unsere Empfindungen aussprechend in Europas Mitte, in Europas Herz: «Deutschland ist noch da und seine unsichtbare Kraft ist noch ungeschwächt.» Und heute dürfen wir hinzufügen, nach allem, was sich aus deutscher Kraft herausentwickelt hat, darf es begründeter Weise hoffen: Diese unsichtbare Kraft des deutschen Volkes, sie ist nicht nur heute ungeschwächt, sie ist für unübersehbare Zeiten auch unverwüstlich.