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The Rudolf Steiner Archive

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Menschenseele, Schicksal und Tod
GA 70a

20 März 1915, München

10. Wurzeln und Blüten des Deutschen Geisteslebens

Nach unvollständigen, zusammenfassenden Notizen

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende, die Gründe, warum in unserer schicksalsschweren Zeit diese beiden Vorträge der Betrachtung des deutschen Geisteslebens gewidmet sind, brauchen nicht besonders auseinandergesetzt zu werden. Unsere Empfindungen müssen selbstverständlich hinzielen nach dem, was das deutsche Volk zu verteidigen hat, eingeschlossen in einer großen Festung. Nicht nur, dass unsere Feinde heute über ihre eigene Tapferkeit so reden, dass sie nicht nur mit ihren Waffen rechnen, sondern auch mit dem Hunger, über den sie glauben, Macht zu haben. Sie sind auch bemüht, sich und anderen einzureden, das deutsche Volk habe in sich ein Geisteswesen, das nicht wert sei zu erhalten. Wir sind wie eingeschlossen in einer Festung, nicht nur durch Waffen umdröhnt, sondern feigerweise auch durch Hunger. Da ist die Frage gestattet, was das deutsche Wesen, der deutsche Geist ist, der zu verteidigen ist nach den verschiedenen Windrichtungen hin. Selbstverständlich kann die Geisteswissenschaft mehr nur als Ergebnis, als Gesinnung zum Ausdruck kommen. Was man am meisten wohl angegriffen hat, bevor die Geisteswissenschaft in der neueren Kultur zutage trat, war etwas, was der neueren Kultur mehr oder weniger abhandengekommen war. Der Begriff der Volksseele ist nicht abstrakt für gewisse Charaktereigentümlichkeiten, sondern sie ist für das geistige Auge eine wirklich reale Wesenheit, sodass wir, wie wir zuteilen die Wesenheit der äußeren Natur den vier Reichen, so in der Geisteswissenschaft übersinnliche Reiche erkennen, Wesen mit Individualität. Daher sprechen wir von verschiedenen Volksseelen der einzelnen Völker, wie man spricht von dem, was in der Wirklichkeit der äußeren Sinne ist. Erst wenn man versucht, die deutsche Volksseele innerhalb des deutschen Volkes zu sehen, bekommt man eine wahre Idee der Geisteswissenschaft. Allerdings muss man dann auch von der Seele des Einzelnen sprechen. Die Psychologie spricht davon, aber so, dass in ihr ein chaotisches Durcheinanderwerfen von Willensimpulsen, Gedanken gesehen wird. So kann Geisteswissenschaft nicht sprechen.

[ 2 ] Immer mehr wird die Welt einsehen, dass echte wissenschaftliche Betrachtung die Seele anzusehen hat nach den drei Offenbarungen ihres Wesens. Wie man als Physiker im Licht die Regenbogennuancen gelblich-rötlich, grün, blau-violett unterscheidet, so wird im selben echten wissenschaftlichen Sinn die Geisteswissenschaft zur Anerkennung zu bringen haben, dass die Seele sich äußert in drei Ausdrucksformen: als Empfindungsseele, insofern sie alles Triebartige, nicht aus der Helligkeit der Gedanken Kommende umfasst wie im Licht das RötlichGelbliche. Im Grün offenbart sich die Verstandesseele. Wie das Blau-Violett im Licht, so ist in der Menschenseele das, was man Bewusstseinsseele nennen kann. Diese Unterscheidung ist nicht willkürlich, sondern sie entspringt einer genaueren Betrachtung dessen, was das Menschenwesen ist, was durch den edelsten Kern mit dem Menschengeiste zusammenhängt, was durch Geburt und Tod geht, das Ewige, wohinein das doch mündet, was im Unterbewussten, selbst im Traumartigen ist: der ewige Wesenskern. Die Verstandesseele steht zur äußeren Umwelt in der Mitte der Seelennuancen wie das Grün in der Mitte des Lichtes. Durch Ideen, Begriffe hängt sie zusammen mit dem Ewigen und ergießt sich auf das Äußere mit dem Zeitlichen, Vergänglichen. Im Gegenwärtigen lebt sie sich aus mit all den Eigenschaften, wodurch der Mensch fest am Boden steht, die aber zugleich das Vorübergehende sind, was sich nur zwischen Geburt und Tod offenbart. Diese Gliederung ist etwas wirklich Reales. Das Licht lebt in allen Farbennuancen, so lebt das Ich des Menschen als das eigentlich sich selbst Erfassende in allen drei Seelennuancen.

[ 3 ] Die Volksseelen im Sinn der Geisteswissenschaft unterscheiden sich so, dass die eine Volksseele zum Beispiel den Einzelnen vorzugsweise in der Empfindungsscele ergreift. Selbstverständlich kann der einzelne Mensch sich erheben über das Volkstümliche zum allgemein Menschlichen. Was ich sage, gilt, sofern er sich in seinem Volkstum erlebt. Die Art, wie der Mensch in seinem Volk steht, bietet gleichsam ein Verhältnis zwischen Empfindungsseele und Volksseele. Was hereinwirkt, wird die Triebe, Leidenschaften ergreifen. Das haben wir in der italienischen Nationalität. Wenn in einem zweiten Fall die Volksseele in der Verstandesseele wirkt, bei einzelnen Nationalitäten die Anschauungen, das Denken, die Begriffe, die Ideen durchdringt, so haben wir das innerhalb der französischen Nationalität zu beobachten. Und wo die Volksseele in der zurzeit vergänglichsten, ganz an die physische Welt gebundenen Bewusstseinsseele wirkt, das haben wir in der Gegenwart im britischen Volk zu beobachten.

[ 4 ] Ich bin mir bewusst, dass ich das, was ich damit sage, nicht bloß von den Beobachtungen der Gegenwart aus sage. Viele hier wissen, dass ich das vor Jahren vorgetragen habe. Andererseits weiß ich, dass es nach und nach Bestandgut des menschlichen Erkennens werden wird, wie das Licht in den verschiedenen Farben Bestandgut der physikalischen Wissenschaft ist. Dadurch, dass sich in allen drei Seelengliedern ein unmittelbares Verhältnis zur Volksseele äußert, zum ganzen Walten und Weben der Seele im menschlichen Innern, haben wir ins Auge gefasst die Beziehungen des einzelnen Deutschen, sofern er dem Deutschtum angehört zu seiner Volksseele. Man kann so hineinleuchten in die eigentümlichen Nationalkulturen der einzelnen Völker. Man kann noch anderes zur Aufklärung sagen.

[ 5 ] Die westlichen Völker hatten ein besonderes Glied der Gesamtseele der Volksseele entgegenzuhalten. Das fügten sie der Kultur so ein, dass sie an einem Völkeralter teilnehmen, das ein anderes ist als das der Deutschen. Sie knüpfen an an das, was aus der griechisch-römischen und den vorhergehenden Kulturen kommt. Sodass sie anknüpfen an das, was heraufkam als Strom von den alten Zeiten, was sich ausnimmt als ein unreifes Völkeralter gegenüber dem deutschen, wo der Mensch sich erfasst als besonderer Denker, wo er nicht auf Mythologien, auf etwas von außen Gekommenes hört, sondern durch eigenes Urteil zu einer Weltanschauung zu kommen sucht. Der Deutsche ist im Mannesalter in die europäische Kultur eingetreten. So kann man ein Volk verstehen, während ein anderes Volk ein ganz anderes Alter durchlebt. Man muss wissen, dass alle Völker vorher ein hellsichtiges Alter durchmachten. Ich habe erwähnt, wie Ludwig Laistner noch nicht voll anerkannt hat, dass alle Mythen, alle bildhaften Erzählungen aus einer Zeit stammen, wo die Völker noch Hellsehen hatten, nicht Traumzustand, aber nicht völliges Wachen, ein Zustand, der die Wirklichkeit zeigt, aber in Bildern. Was die Griechen, die Römer, die Völker Europas in ihren Mythen und Sagen darstellen, ist nur ein Ausdruck dafür, was die einzelnen Völker wirklich erlebt haben. Das ist schon durchgeführt in den «Rätseln der Sphinx». Es kommt darauf an, wie ein Volk durchmacht den Übergang vom alten Hellsehen zum späteren Hellsehen, man könnte sagen zum wissenschaftlichen Erkennen. Wir finden überall, dass die Weltanschauung beim Deutschen in die ganze Gemütsanlage geht, während die andern noch in weniger reifem Seelenzustand waren, als sie aus dem alten Hellsehen herauskamen. Ihre Weltanschauung hat sich gebildet wie [instinktiv]. Ihr Selbst war nicht ganz dabei. Selbst das Christentum wird noch so empfunden, wie von außen gebracht. Wenn man Bilder sieht, so sagt man, sie sind da, so sagen diese Völker, die Weltanschauung ist da.

[ 6 ] Anders das deutsche Volk. Das tritt so entgegen, als es den großen Zusammenstoß erlebt mit den romanischen Völkern des Südens; da ist es bereits über das Stadium hinaus, das wir in den ältesten Erzählungen, Mythen haben, die Persönlichkeit ist, was betont wird. Wir fühlen im «Nibelungenlied», dass alles darauf ankommt, dass die menschlichen persönlichen Eigenschaften sich abspielen, der Mut und so weiter, was der Mensch erleiden kann. Die anderen Menschen stehen dem gegenüber, was sie anschauen. Der Deutsche ist im «Nibelungenlied» persönlich verknüpft mit dem, was er darstellen ließ. Als das «Nibelungenlied» schon überwunden war, ist eine Gestalt daraus von Richard Wagner verwendet worden; Brünhilde, Hagen, Siegfried. Das tritt uns entgegen im «Nibelungenlied», wie die mitteleuropäischen Germanen mit den anderen Kulturen in Verbindung traten. Die Notwendigkeit bestand für die Germanen, sich eine Weltanschauung durch eigene Kraft zu bilden. Sie muss sich unterscheiden von dem, was sich rundherum entfaltet. Was in der Höhe der italienischen Kunst in Dante erschien, muss man vergleichen mit dem «Parzival» von Wolfram von Eschenbach. [In Dantes «Göttlicher Komödie»] führt eine Summe von Bildern hinauf, die oben verbunden sind mit der mittelalterlichen Scholastik. Hinein spielt, wie Dante steht zu seinen Persönlichkeiten durch die Leidenschaften. Wie abgesondert ist Dantes «Göttliche Komödie» vom Menschlichen. In «Parzival» ist die Schilderung der Menschenseele so, dass die Seele selbst dabei ist mit allem, was in ihr lebt, dass die Seele nur vorschreitet durch das, womit sie in ihrem Intimsten zusammenlebt. Dann sehen wir, dass der deutsche Geist nicht zu einer Weltanschauung hingehen kann, die ihm dargeboten wird wie eine Offenbarung, sondern dass er sie haben will als intimes Erlebnis der Seele, wie jeder Begriff erlebt sein will.

[ 7 ] Man muss sehen in der Zeit der deutschen Mystik, Meister Eckhardt, Tauler, wie sie schildern das Zusammenleben der menschlichen einzelnen Seelen mit dem Geist. Es ist gleichsam ein Zwiegespräch des einzelnen Deutschen mit dem Volksgeist, wobei die Seele dabei ist mit all ihren Leiden und Seligkeiten. Ganz still werden soll die Seele, herauswerfen, was sie selbst ist, nur im stillen Kämmerlein sein, dann ist sie mit ihrem Gott zusammen, erlebt, was als das Göttliche sie durchsetzt. Wunderbar ist die Stimmung, die sie durchmachen kann, was im Weltall waltet und webt, wenn sie so Gott in sich walten lässt. Später kommt in Angelus Silesius dieses intime Zusammensein in dogmatischen Sprüchen zum Ausdruck. Er erwähnt:

Ich sterb’ und leb’ auch nicht. Gott selber stirbt in mir,
Und was ich leben soll, lebt er auch für und für.

Ich sterb’ und lebe Gott: will ich ihm ewig leben,
So muss ich ewig auch für ihn den Geist aufgeben.

[ 8 ] Die Seele ist erfüllt von Göttlich-Geistigem, aber da Gott nicht sterben kann, so ist der Tod nur ein Schein. So fühlt der, der im deutschen Geistesleben gerade volkstümlich steht, Jakob Böhme — der die Seele erlebt, was nicht durch die Lebenswerkzeuge geht, sondern was in ihr ewiger Wesenskern ist —, noch im Leibe voll bewusst.

[ 9 ] Das Sterben ist eine neue Geburt: «Wer nicht stirbt, ehe er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt», das heißt, das Augenmerk richten auf das, was durch die Pforte des Todes geht. Wo wir hinblicken, können wir die Weltanschauung des deutschen Geistes so erkennen, dass nichts hereinleuchtet vom alten Standpunkt in die Zeit, wo er eine neue Weltanschauung erringen will. Sein Selbst steht fest da, die ganze Kraft und Tüchtigkeit in die äußere Sinneswelt hineinzutragen. Wir sehen, als in der romanischen Kultur die Völker das Christentum annahmen, wie eine starke asketische Strömung da zutage tritt, wie sich das menschliche Selbst absondert, sein Denken absondert. Aber der Deutsche kann nicht so leicht von sich stoßen, was sein eigenes Selbst ist, daher wird er das in viele Anschauungen des Geistig-Göttlichen in die Natur tragen wie im Nibelungenliede die Klage aus der Seligkeit, die Trauer aus dem Leid. Die Natur kann die Seele nicht voll befriedigen; wenn sie nicht das Übersinnliche darin sieht, so musste sie tragisch wirken, bis man durch den Schleier der Natur das sieht, wodurch man nicht verdirbt. Darin sind die Wurzeln des deutschen Geisteslebens.

[ 10 ] Was später hervorgebracht wurde, das brachte im achtzehnten, neunzehnten Jahrhundert die Blüte hervor, die zu einer Weltanschauung führt. Immer im Nationalen, nicht im Individuum, sehen wir in Italien alles in Beziehung auf die Leidenschaften, auf die Passionen herauskommen, in Frankreich dasjenige, was den Verstand anregt, was zu abstrakten Ideen-Tendenzen aneifert. Alles Schematisieren, alles In-ein-System-Bringen, hinter dem das Selbst herläuft. Man sagt dort, dass reimlose Verse nicht poetisch seien, keine Abrundungen geben. So ist es überall gerade in Bezug auf den Rationalismus. So ist es auf allen Gebieten, man kann nicht darüber hinausschauen, man muss sich mit dem Selbst erhöhen bis zu dem, was schematisiert. Das deutsche Wesen soll intim leben in dem, was es als Erfahrung bis ins Übersinnliche hinauf entfaltet. In der Alliteration geht das unmittelbare Fühlen der Seele hinüber, da ist es angestrebt durch das intime Fortschreiten der Seele selbst, nicht durch den Reim.

[ 11 ] Innerhalb der britischen Nationalität wäre das, was sich auf das Vergängliche, auf die äußere Sinneswelt bezieht. Es ist der Empirismus, wie es im Franzosentum der Rationalismus ist. Der Idealismus ist im Grunde ursprünglich das Gebiet, was zu den unmittelbaren Wurzeln des deutschen Geisteslebens wird. Daraus versteht man, wie Darwins Natursystem in der Lage war, aus dem britischen Geist heraus wie beim Philosophen Locke das rein Materielle zu verfolgen und daneben das Religiöse anzublicken, nicht es durch Erleben zu erfassen wie beim Deutschen.

[ 12 ] Das Haften an der Materie hinderte den englischen Geist, den Radikalfehler zu machen, den Haeckel aus den Vorzügen des deutschen Geistes heraus machte: aus dem Darwin’sehen Natursystem eine monistische Weltanschauung zu machen. Nach und nach muss sich die Geisteswissenschaft so entfalten, dass sie nicht nur den Idealismus hat, sondern ihn durchtränken wird mit geistigem Weben. Es ist unbequem, den großen deutschen Philosophen nachzuleben, was sie am vollen Saft ihrer Gedanken erlebten. Man sieht, wie darin eingeschlossen ist die Frucht realer, wirklicher Geist-Erkenntnisse. Der deutsche Geist ist fortgeschritten von der Wurzel zur Blüte, das schließt die Hoffnung ein, dass die Frucht, das Geist-Erkennen daraus kommen werde. Dieses deutsche Geist-Erkennen wird für die ganze Weltentwicklung noch viel zu bedeuten haben, das geht uns an, das ist es, was zu verteidigen sein wird gegen die Feinde, die schimpfen und schmähen, die sich in geradezu psychischer Krankheit hermachen über das deutsche Wesen.

[ 13 ] In der Blüte des deutschen Geisteslebens steht Lessing da. Ich will hinweisen auf sein Testament «Die Erziehung des Menschengeschlechts». Er sieht sich zur Notwendigkeit gedrängt, anzunehmen, dass die Seele nicht einmal, sondern wiederholt durch das Erdenleben gehen muss. Gescheite Leute sagen, Lessing sei eben damals schon alt geworden. Man kann übergehen von Lessing auf Herder, der gegen Voltaires Rationalismus, dass sich Ideen in der Geschichte ausleben sollen, sagte, es sind nicht Ideen, sondern dahinter stehen webende, reale Wesenheiten, konkreter Geist. Er weist schon auf Geist-Erkennen hin, sagt, es werde die Kultur der Erde nicht untergehen, bevor Erleuchtung eingetreten ist.

[ 14 ] Eine Blüte dieses intimen Zusammenlebens der einzelnen Seele mit dem Geistigen, des Strebens nach einer Weltanschauung aus der realen Persönlichkeit heraus ist «Faust», dem keine andere Nation etwas an die Seite zu stellen hat. Er ist nicht künstlerisch abgerundet, der zweite Teil ist ästhetisch vielfach anfechtbar. Aber das Streben nach volkstümlicher Weltanschauung wird darin zu einem fortlaufenden Erleben des Selbst, des Ich. Faust strebt heraus aus dem, was von außen gegeben werden kann, nach Zwiesprache mit dem konkreten Geist. Er hat ihn wirklich um sich herum in allem Realen, und als er ihn zu den Quellen des Lebens führen will, tritt ihm entgegen sein Gegenpart Mephisto. Faust ruft ihm entgegen: «In deinem Nichts hoff’ ich das All zu finden». Das ist ein wahrhaft deutsches Wort, es führt nicht zu Nichts, sondern zum Quell des Daseins. Durch Schmerz und Leid sucht Faust, was unzulänglich ist für das bloß Äußere. Wer sich also einlebt in das intime Streben des deutschen Geistes, auf den macht es den Eindruck des Wahnsinns, was von der Welt in einem allerdings wahnsinnig gewordenen Journal gesagt wird: «Raub war zu allen Zeiten die Losung der deutschen Rasse».

[ 15 ] So weit hat es die europäische Welt mit dem nicht in sich erleuchteten Geistigen in der Beurteilung des deutschen Geisteswesens gebracht! Hebbel sagte: «Alle hassen im Grunde das deutsche Wesen — das ist schon lange her —, wie die Bösen das Gute hassen. Wenn es ihnen gelingen würde, es auszurotten, so müssten sie cs nachher mit den Nägeln aus dem Grabe kratzen.»

[ 16 ] Die Stimmungen, die jetzt pathologisch vom Ausland kommen, haben sich seit Langem gebildet als Geistesströmungen aus den vorhandenen Leidenschaften bei den Nationalitäten, denen nur ein Bild der Seele zugeteilt ist, während der Deutsche die ganze Seele hinopfern muss auf dem Altar des geistigen Daseins. Erst die geopferte Seele gibt zurück, was aus dem Opferfeuer entbrennt. Die anderen suchen nur durch einzelne Seelennuancen. Das darf jetzt, wo das deutsche Wesen so geschmäht wird, einmal betont werden.

[ 17 ] Ist nicht etwas Wahres daran, wenn jemand jetzt spricht: «Deutschland hat [die bedeutendste Revolution der neueren Zeiten], die Reformation, gemacht.» Das ist ein stolzes Wort über das deutsche Wesen, das sich verhält zu den anderen wie die höhere Mathematik zur elementaren Mathematik. Es ist in Paris im Jahr 1870 von Ernest Renan gesagt worden. Im selben Brief kann man sehen, wenn man es damit zusammenstellt, welch ein Gegensatz ist zwischen dem, was in Mitteleuropa nach Weltanschauung strebt und sich darin ausleben will, und dem, wie es im Westen damit ist, selbst wenn man die höchsten Probleme angreift wie «Das Leben Jesu».

[ 18 ] Wir müssen immer hören, Mitteleuropa habe den Krieg gewollt. Aber hören wir von Frankreich zu Deutschland hinüber. Er — Renan — meint, die Deutschen sollten sich hüten, den Franzosen Land abzunehmen, so würden die Franzosen sich bessern und einsehen, dass sie den Krieg ungerecht begonnen hätten. David Friedrich Strauß, an den der Brief gerichtet war, antwortete, Renan möge ihm verzeihen, aber Gallien als büßende Magdalena anzusehen, sei ihm nicht möglich. Renan sagt darauf, es gebe eine Strömung in Frankreich, die sage, wenn man Frankreichs Integrität rette, so machten wir — die Franzosen — den Fehler gut des früher geraubten Elsass-Lothringen, nicht durch Revanche; anders sei es, wenn sie Elsass-Lothringen abtreten müssen, dann gebe es Hass, und das ewige Ziel werde sein die Vernichtung der deutschen Rasse.

[ 19 ] Also der Rationalismus ist imstande zu sagen: So wie bei der höheren Mathematik folgt aus ihm die Vernichtung durch das Bündnis mit jedem, der sich darbieter. Solche Logik ist ein Schmerz, der bitter wehtut, eine Widerlogik, sie spricht Hohn allem, was naturgemäßes Empfinden ist. Man braucht nicht Selbstlob anzustimmen, um zu charakterisieren, was durch das Streben nach intimer Weltanschauung des deutschen Volkes geworden ist.

[ 20 ] Im Westen und im Nordwesten, im britischen Volk, ist kein Verständnis, es ist dort unmöglich, auch nur den Grundnerv des deutschen Wesens in sich aufzunehmen, auch im Osten nicht. Dort hat sich das Slawophilentum entwickelt, es hat sich durchdrungen davon, dass das, was im Westen als Kultur lebt, faul ist und ersetzt werden muss durch das, was es selber hat. Und wir sind im Westen von Russland! Der einzelne russische Mensch steht so zu seiner Volksseele, dass sie noch nicht hineinwirkt, dass sie weder die einzelne Seelennuance ergriffen hat, noch das ganze Ich, sondern dass sie wie eine Wolke schwebt über dem, was der einzelne Mensch erlebt. Die einzelne Seele wird noch nicht von ihr erreicht.

[ 21 ] In dem, was die italienische Kultur an Empfindungskultur hervorbringt, im französischen Rationalismus, im britischen Empirismus können wir das Ausleben der Volksseelen erblicken. Beim russischen Volk schwebt [sie] über dem Erleben, daher darf sich die ganz. starr gewordene orthodoxe Religion über dem Einzelnen ausbreiten, er beugt sich unter ihr, wird nicht von ihr ergriffen. Er strebt nicht darnach, das geistige Leben hereinzubekommen, sondern demütigt sich unter dem Joch, beugt sich von außen. Es ist ein betrübender Eindruck, solch einem orthodoxen Gottesdienst bei den Österfeiern beizuwohnen, wie der Einzelne sich ganz unpersönlich verhält zu dem, was sich da abspielt, nichts Persönliches hereinnimmt. Gerade darin wird eine Überlegenheit über den Westen gesucht. In dem, was als notwendiges Ergebnis vom ganzen mitteleuropäischen Geist hervorgebracht wird, könnte dort im Osten das Heil gefunden werden, aber im Slawophilentum sträuben sie sich, den Geist zu entwickeln, etwas von dem aufzunehmen, was hätte einfließen sollen in die Seele des russischen Menschen. Die sich dort über das Niveau des brutalen Slawophilentum erhoben haben, das die Kriegsfackel und brutale Kriegsführung brachte, die haben das eingesehen.

[ 22 ] Einer dieser erkennenden Geister war Solowjow. Er ist keine Faustseele, sondern will in Demut aufschauen. Daher bleibt in ihm doch dasjenige, was in der einzelnen russischen Seele lebt, eine Anarchie der Seele. Wir können sie bis herauf in Solowjow verfolgen trotz der ungeheuren Größe. [...] Solowjow musste sich die Frage vorlegen: Was haben wir von hier aus Mitteleuropa zu bieten? Es herrscht ein tiefes Missverständnis zwischen dem Osten und Mitteleuropa, warum wird Mitteleuropa von Osteuropa gehasst? Er sagt: Wenn Europa auf unsere Prätentionen und Ansprüche blickt, so hört man, es sei etwas Großes, aber was wir bieten können aus der Substanz unseres Volkes heraus, da können wir nur Phrasen plappern.

[ 23 ] Auch wo der deutsche Geist voll erlebt wird, da ist überall solcher Hass, der sich lange, lange vorbereitet hatte, wie er sich jetzt, man kann sagen, in krankhafter Weise darstellt. Was sich in dieser schicksalsschweren Zeit wie Zeichen darbietet, darin tritt an die deutsche Seele die Mahnung heran, sich so recht bewusst zu werden, welche ihre Sendung ist. Dieser Krieg kann für viele eine Art Mahnung sein. Manches wird man umlernen müssen, wenn man sich des deutschen Geistes bewusst werden soll.

[ 24 ] Es war doch möglich, dass dieser Mann angestaunt wurde wie einer der versöhnenden Geister zwischen Deutschland und dem Westen. Der Roman wurde als das Kunstwerk gefeiert, wie aus dem Geiste der Musik selber herausgeboren, [so] der Kritiker Stefan Zweig des «Berliner Tageblattes». Dann staunte man, dass Romain Rolland einstimmte in den Chor der Schmähungen gegen Deutschland. Da sehen wir, wie die Ereignisse, die sich jetzt abspielen, sich vorbereitet haben.

[ 25 ] Man kann nur sagen, dass aus dem vielen, was diese Zeit bringen wird und bringen muss, von der Summe an Blut, Leiden, Toten, auch an Mut und Tapferkeit, eine Mahnung entstehen muss für alle, sich bewusst zu werden, was jener Leib birgt, den man das deutsche Volk nennen kann, an Streben nach Ergreifen der geistigen Welt, Ergreifen dessen, was den Menschen aufklären kann über seine Bestimmung. Es kann nichts scharf genug sein in der Gegenwart, um das zu einer Vertiefung zu führen, was sich im Lauf der Jahrhunderte aus den Wurzeln herausgerungen hat zur Blüte, und was jetzt die Hoffnung gibt, auch Früchte zu tragen. Wer die Geisteswissenschaft konkret nimmt und nicht nur als abstrakte Hoffnung, der kann sagen, dass wohl der einzelne Mensch sterben kann, aber dass nicht ein Volk sterben darf, bevor es seine Aufgabe gelöst hat. Es können daher Gefühle der Hoffnung und der Zuversicht sein, die dieses Ereignis in uns wecken kann, wenn wir uns immer mehr versenken in das, was die Wurzeln und Blüten des deutschen Geisteslebens sind.

[ 26 ] Ich will nicht meine Worte wählen, um zusammenzufassen, sondern aus der Sammlung eines österreichischen Dichters, Fercher von Steinwand, «Deutsche Klänge aus Österreich», ein Gedicht: «Kyffhäuser-Gäste». Jeder spricht in diesem Gedicht in seiner Art aus, wie das deutsche Geistwesen wirkt, aber einer bringt so recht tief und stark zum Ausdruck, was das deutsche Volk ausdrücken kann, wenn es aus den Wurzeln und Blüten des deutschen Geistwesens schöpft: Was aus den Rätseln dieser Erde sprießt,

Was Herzen findet, was die Geister meistert,
Was ewig sprechend aus den Sternen fließt
Und einen untäuschbaren Gott erschließt;
Was scheinbar sich aus Zeit und Welt verloren
Und doch um uns in tausend Strömen schießt:
Das ist dem deutschen Geist urmächtig eingeboren,
Das klar hinauszusagen, hat er bewusst geschworen!