Wege zur Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele
GA 70b
14 Januar 1916, Basel
8. Die Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und die Misssverständnisse über die Erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach
Sehr geehrte Anwesende!
[ 1 ] In dem Vortrage, den ich vorgestern hier halten durfte, versuchte ich auseinanderzusetzen, in welcher Art dasjenige, was hier in diesem Vortrage mit Geisteswissenschaft gemeint ist, zu ihren Ergebnissen kommt, und ich machte darauf aufmerksam, dass ich in jenem Vortrage weniger Rücksicht darauf nehmen möchte, welche Einwendungen von dieser oder jener Seite, insbesondere von naturwissenschaftlicher Seite, gegen die Erkenntnis der Geisteswissenschaft in unserer Zeit noch vorgebracht werden können.
[ 2 ] Heute möchte ich gerade auf diese verschiedenen möglichen und, wie Sie sehen werden, durchaus begreiflichen Einwendungen ein wenig eingehen. Ich versuchte vorgestern zu zeigen, dass in der Tat der Geistesforscher zu der Überzeugung kommt, dass in die geistige Welt vonseiten der Menschenseele eingedrungen werden kann, dass aber diese Überzeugung sich so herausbildet, dass zugleich die Einsicht mit ihr verbunden ist, dass es nicht dieselben Seelenkräfte, dieselben Erkenntnisfähigkeiten sein können, die in die geistige Welt hineinführen, welche die menschliche Seele dahin bringen, in die Sinneswelt und alles dasjenige, was sinnlich zu ihr gehört, einzudringen; dass es vielmehr notwendig ist für den Geistesforscher, aus dem gewöhnlichen Denken, Fühlen und Wollen, wie sie das Alltagsleben und die gewöhnliche Wissenschaft kennen und beherrschen, erst etwas herauszubilden, heraus zu entwickeln an anderen Seelenfähigkeiten, an anderen Seelenereignissen, durch die dann die Seele befähigt wird, sich lebendig in die geistige Welt hineinzutragen, und auf diese Weise etwas zu erhalten, was man Geisteswissenschaft nennen kann. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, dass es zunächst notwendig ist, dasjenige, was man Denken, was man Vorstellen nennt, in einer ganz bestimmten Art zu üben, sodass sich aus dem gewöhnlichen Denken, aus dem gewöhnlichen Vorstellen etwas ergibt, das nicht mehr einerlei ist mit diesem gewöhnlichen Denken und Vorstellen, sondern etwas anderes geworden ist, das vor allen Dingen dadurch sich unterscheidet von dem gewöhnlichen Denken und dem gewöhnlichen Vorstellen, dass es sich erlebt, erkraftet, um nun nicht bloß wie dieses gewöhnliche Denken in Bildern sich zu erheben, sondern in Realität sich zu erleben. Dieser Übergang von dem Sich-Erheben der Seele in den Bildern, wie das beim gewöhnlichen Denken im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft der Fall ist, dieses Sich-Erheben in Bildern muss verwandelt werden in ein Sich-Erleben in realer Wesenheit. Damit entdeckt man in der Tat, wenn man es erreicht hat, etwas, was die Seele vorher nicht kennen kann, wovon sie sich nicht einmal eine Vorstellung machen kann; denn es geht das in alle gewöhnlichen Vorstellungen nicht hinein, sondern muss eben unmittelbar erlebt werden, wenn es zum Bewusstsein kommen soll, trotzdem es fortwährend in jeder Seele vorhanden ist. Dadurch — sagte ich vorgestern — gelangt die Seele dahin, durch die Erkraftung, durch die Verstärkung des Denkens sich auf der einen Seite herauszuheben aus der Leiblichkeit, unabhängig zu werden von der Leiblichkeit und eben sich in einer Realität zu erleben, sodass sie weiß: Du bist jetzt mit Deinem Denken aus Deinem Leib herausgetreten.
[ 3 ] Auf der anderen Seite — hob ich hervor — muss parallel gehen diesen Übungen des Denkens, durch die sich das Denken losmacht von der Leiblichkeit, eine Übung des Willens, der Gemütskräfte überhaupt, sodass auch der Wille sich heraushebt aus dem Leiblichen. Dann kommt man nicht in eine solche Weltensphäre des Erlebens hinein, wie durch das Herausheben des Denkens, sondern man kommt vielmehr dazu zu erkennen, dass in unserer Willensströmung etwas Reales lebt, das durch die Organe der körperlichen Organisation im gewöhnlichen Leben wirkt, das aber dann, wenn diese Übungen den Willen so weit gebracht haben, sich heraushebt wiederum aus der Leiblichkeit. Jetzt aber wird es Bewusstsein durch ein Bewusstsein, wie das wiederum der Mensch als ein anderes Bewusstsein als sein gewöhnliches fortwährend in sich trägt, das aber nur auf diese Weise wirklich innerlich anschaulich werden kann. Und dann zeigte ich: Wenn auf der einen Seite aus dem Denken hinweggetrieben ist gleichsam alles dasjenige, was an das Körperliche gebunden ist, wie zum Beispiel das gewöhnliche Gedächtnis, wenn das Denken frei in seiner eigenen Betätigung erlebt wird auf der einen Seite, und auf der anderen Seite dieses andere Bewusstsein aus dem Willen gewissermaßen herauskristallisiert wird, dann können sich die beiden verbinden, und es entsteht im Menschen ein neuer Mensch, der nun sich in der geistigen Welt wissen kann, der auch in der geistigen Welt geistig wahrnehmen kann — ein Geist-Seelen-Wesen unter Geist-Seelen-Wesen, wie der physische Mensch ein physisches Wesen unter physischen Tatsachen und Wesenheiten ist.
[ 4 ] Das war es ungefähr, was ich in dem Vortrage vorgestern ausführte. Es ist ja selbstverständlich, dass die Geltendmachung solcher Erkenntnisse in unserer Gegenwart noch — man möchte sagen — von allen Seiten Widerspruch erfahren muss. Denn dasjenige, was damit gesagt wird, das widerspricht den Denkgewohnheiten, die heute durchaus — und man darf sogar sagen, wenn man die Geschichte der letzten Jahrhunderte überblickt, in ganz begreiflicher Weise — den weit, weitaus größten Teil der Menschen beherrschen müssen. Insbesondere erhebt sich zunächst ein völliger Widerspruch von naturwissenschaftlicher Seite her. Nun steht der Geistesforscher zu diesem Widerspruch, zu dieser Gegnerschaft von naturwissenschaftlicher Seite her keineswegs so, dass er nur der menschlichen Beschränktheit oder einer ganz vertrockneten Logik zuschreiben würde, dass solcher Widerspruch, solche Gegnerschaft vorhanden ist, sondern er begreift es gerade ganz gut, dass solche Gegnerschaft möglich ist. Es kann der Geistesforscher gerade dadurch, dass er von einem geistigen Gesichtspunkte aus die Welt anschaut, er kann sich voll hineinversetzen in jede Art von Widerspruch, der insbesondere von naturwissenschaftlicher Seite erhoben wird. Und vor allen Dingen sollte nicht die Meinung gehegt werden, dass der Geistesforscher ein Verächter der naturwissenschaftlichen Anschauung sei. Im Gegenteil — und das habe ich ja bei früheren Vorträgen hier schon immer wieder und wiederum hervorgehoben —, im Gegenteil der Geistesforscher erkennt gerade die großen, die gewaltigen Errungenschaften für alle menschliche Arbeit und für alles menschliche Erkennen an, welche die Naturwissenschaft im Laufe der letzten Jahrhunderte seit der Morgenröte der neueren Zeiten der menschlichen Entwicklung einverleibt hat. Ja, der Geistesforscher betrachtet sogar sein Verhältnis zur Naturwissenschaft in folgender Art. Abstrakt gesprochen — es könnte ja im Einzelnen hier dargelegt werden, allein das ist wohl heute nicht nötig — abstrakt gesprochen, sage ich, erkennt man, dass in einer gewissen Zeit dasjenige, was man heute naturwissenschaftliche Erkenntnis der äußeren materiellen Welt nennt, auftreten musste. Derjenige, der sich einlässt auf dasjenige, was vorangegangen ist der Naturwissenschaft, die sich an die großen Namen Kopernikus, Galilei, Kepler und so weiter anknüpft, der weiß, wie verschieden dasjenige war, was vor der Zeit, die sich an diese Namen anknüpft, Naturwissenschaft genannt wurde, von dem, was wir jetzt naturwissenschaftliche Betrachtungsweise der Welt nennen. Diese naturwissenschaftliche Betrachtungsweise, sie hat nun wirklich im Laufe von drei bis vier Jahrhunderten der Menschheit einen Erkenntnisschatz erarbeitet, welcher tief, tief eingriff in das ganze Leben. Und leicht kann man einsehen, wenn man nur ein bisschen verständig dieses Leben, wie es sich entwickelt hat in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, überblickt, welche Bedeutung für die ideelle und materielle Seite des Lebens die naturwissenschaftlichen Errungenschaften haben.
[ 5 ] Nun sagt der Geistesforscher weiter: Wir stehen heute in jener Zeit, in welcher in einer ähnlichen Art die Menschenseele in das geistige Leben hineinzublicken in die Lage kommen müsse, wie man vor drei bis vier Jahrhunderten in die Lage gekommen ist, in die Vorgänge und Wesenheiten des rein Natürlichen hineinzublicken. In der Art der Wahrheitsgesinnung, in derselben Art der Forschungsgesinnung möchte Geisteswissenschaft in das geistige Gebiet eindringen, wie die Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten in das Naturgebiet eingedrungen ist. Und man kann sagen: Mit manchen Persönlichkeiten teilt ja Geisteswissenschaft diese Überzeugung, aber so, dass gerade bei vielen Persönlichkeiten, welche auch den gewaltigen Umschwung durch die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise einsehen, dieses Verhältnis zwischen Geistbetrachtung und Naturwissenschaft doch anders angesehen wird, als der Geistesforscher es ansehen muss. So kann man zum Beispiel ersehen, wie Philosophie, die ja auch eindringen will in das geistige Gebiet durch dieselbe Begriffswelt — nicht durch die geisteswissenschaftliche Begriffswelt, von der ich vorgestern gesprochen habe, sondern durch jene Begriffswelt, die im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft angewendet wird —, die durch diese Begriffswelt in das geistige Gebiet eindringen will, diese Philosophie hat sich vielfach gezwungen gesehen, in der neueren Zeit unter dem Einflusse, möchte ich sagen, des Glanzes der naturwissenschaftlichen Betrachtungen, den Weg einzuschlagen, dass die naturwissenschaftlichen Wahrheiten genommen wurden, dass das einfach aufgefasst worden ist, was der Naturforscher ergründet hat über die Wesenheiten der Natur und über die Tatsachen dieser Natur. Und dann versuchte man durch allerlei Begriffsverbindungen, durch Nachdenken über dasjenige, was die Naturwissenschaft erkundet hat, tiefer einzudringen in das Wesen der Erscheinungen. Man fühlte sich gleichsam der Natur und der Welt gegenüber philosophisch jetzt nicht mehr so souverän wie früher; man fühlte, man müsse rechnen mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Das Eigentümliche vieler Persönlichkeiten, die in dieser Weise naturwissenschaftliche Betrachtungsart schätzen wollten, liegt darinnen, dass diese Persönlichkeiten sich sagen: Man muss die Ergebnisse der Naturforschung hinnehmen; man muss das, was die Naturforschung über die Natur und ihre Geschehnisse offenbart, einfach philosophisch verarbeiten. Dann wird man dasjenige erkennen, was sich tiefer ergründen lässt über die Welt.
[ 6 ] So sagt der Geistesforscher nun nicht unmittelbar. Der Geistesforscher ist sich vielmehr vollständig klar darüber, dass Naturwissenschaft auf ihrem Gebiete heutzutage zwar noch nicht jedes ihrer Rätsel ergründet hat, dass viel, viel noch zu geschehen hat, bevor die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise ihr Ideal erreicht hat; aber der Geistesforscher ist sich zu gleicher Zeit klar darüber, dass die naturwissenschaftlichen Methoden als solche sich heute schon, wenigstens bis zu einer gewissen wissenschaftlichen Gesinnung, so ausgebildet haben, dass die Naturwissenschaft selber über dasjenige, was aus der Natur folgen kann, Auskunft gegeben hat, und dass ein Weiteres, der Naturwissenschaft hinterher nachfolgendes Nachdenken mit denselben Denkermitteln, die die Naturwissenschaft auch anwendet, zu nichts mehr führen könne. Naturwissenschaft ist gewissermaßen etwas, was so veranlagt ist, dass es, indem es sich entwickelt, zu einer Ganzheit führt, nicht zu etwas, was genommen werden könnte und worüber man sich erst philosophisch ergehen könnte. Nicht also, indem man die Resultate der Naturwissenschaft nimmt, sie kombiniert, über sie spekuliert, will Geistesforschung vorgehen, sondern Geistesforschung steht in einem anderen Verhältnisse zur Naturwissenschaft. Geistesforschung sagt sich: Dadurch, dass der Übergang gemacht worden ist, sagen wir, durch Kopernikus, durch Kepler, durch Galilei mit einer besonderen Art der Naturbetrachtung, dadurch sind auch die Seelenkräfte in ein besonderes Verhältnis zu dem Naturgeschehen getreten. In einer ganz anderen Weise musste sich der Menschengeist zu der Natur verhalten unter dem Einflusse dieser neueren Naturwissenschaft, als er sich früher verhalten hat. Dadurch sind ganz andere Denkmethoden entstanden. Es ist eine ganz andere Art des Verhaltens zur Natur entstanden. Man dachte über die Natur, und man fühlte im Grunde genommen auch über die Natur anders in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, als man vorher gedacht und gefühlt hat. Und indem die Menschheit eine gewisse Zeit gewissermaßen die Seelenkräfte in einer anderen Art auf die Natur hingeordnet hat, hat sie dadurch diese Seelenkräfte innerlich geübt. Die Seelenkräfte selber haben dadurch eine andere innere Verrichtung vollzogen, als sie früher vollzogen haben.
[ 7 ] Geistesforschung nimmt nun nicht den Ausgangspunkt davon, die naturwissenschaftlichen Tatsachen unmittelbar zu nehmen, sondern sie baut auf dasjenige, was sich durch eine andere Übung der Seelenkräfte im Laufe der Jahrhunderte die Seelenkräfte selber angeeignet haben. Ein Mensch, der durchgegangen ist durch naturwissenschaftliches Denken, durch Physik, durch Chemie, durch Biologie, durch Physiologie, der denkt dadurch, dass er sich die Methoden, die Denkformen dieser Wissenschaften angeeignet hat, anders als ein Mensch, der durch diese Wissenschaften, wie sie die neuere Zeit gestaltet hat, nicht hindurchgegangen ist. Also auf die Art, wie das Denken geübt wurde in der neueren Zeit, darauf sieht zunächst Geistesforschung. Und da wird sich Geistesforschung klar darüber: So wie da das Denken geübt wird, so muss es allmählich hinzielen durch das, was es in dieser Übung erlebt, hinzielen auf das, was vorgestern als besondere Denk- und Willensübung geschildert worden ist. Also nicht, was man erforscht hat durch die Naturwissenschaft, wird in ein Verhältnis gestellt von dem Geistesforscher zur Geistesforschung, sondern welches innere Bewusstsein von diesen Verrichtungen man sich angeeignet haben kann, das ist es, worauf besonderer Wert gelegt ist; wie man anders denken, wie man anders sich in der Natur fühlen gelernt hat, wie angeregt worden sind die Seelenkräfte. Und da sagt der Geistesforscher: Diese Anregung ist eben der Anfang zu einem Weg; denn, wenn man ihn dann weiterverfolgt — er hat selbst zu dem geführt, was vorgestern hier geschildert worden ist —, dass man daraus ersehen kann, dass man wirklich dazu geführt wird, durch Übung des Denkens, Fühlens und Wollens selber etwas in der Seele zu ergreifen, was sich von der leiblichen Organisation loslösen kann.
[ 8 ] Damit hängt zusammen, sehr verehrte Anwesende, dass der Geistesforscher in gewisser Beziehung ein treuer Bekenner der naturwissenschaftlichen Wahrheits- und Erkenntnisweise eigentlich sein müsse. Und das ist auch der Fall bei demjenigen, der den wahren Nerv der Geistesforschung erkannt hat; der sieht ein, was es eigentlich für die geistige Weltenentwicklung bedeutet, dass diese so gründlichen, so exakten naturwissenschaftlichen Methoden im Laufe der neueren Zeit heraufgekommen sind, jene Methoden, die so geeignet sind, alles, was Illusion über die Welt sein kann, alles, was Phantasterei sein kann über die Welt, auszuschalten einfach dadurch, dass man einen gewissen Tatsachensinn entwickelt, der nur dann nicht zu Geistesforschung führen kann, wenn aus einem Tatsachensinn ein Tatsachen[Fanatismus] wird. Jene innere Disziplin des Seelenlebens, die sich die Menschheit aneignen konnte dadurch, dass das Denken so eng herangeführt worden ist an den äußeren objektiven Verlauf der Tatsachen, diese innere Disziplin des Seelenlebens erkennt Geistesforschung gerade in höchstem Maße als etwas Vorbildliches an. Denn dadurch kommt in das ganze Gefüge des Denkens etwas hinein, wodurch sich die Seele sagt: Du darfst nicht dem, was in Dir subjektiv lebt, dem, was Du für wahr halten möchtest, dem, was Dir gefällt, als Wahrheit nachgehen; Du musst absehen von alledem, was also in Dir aus Deinem Gefallen, aus Deiner Sympathie, aus Deinen Affekten heraus spricht: Du musst rein die Tatsachenwelt selber für sich sprechen lassen. Insbesondere dadurch, dass man von der bloßen Beobachtung in der Naturwissenschaft übergegangen ist zu den Experimenten — wodurch man die Natur in zusammengestellten Tatsachen selber ihre Geheimnisse aussprechen lässt und nur der Zuschauer ist —, insbesondere dadurch hat die Menschheit, die allmählich aufgenommen hat die naturwissenschaftliche Gesinnung in ihr Weltanschauungsleben, eine gewisse Achtung sich erworben vor der Tatsache — und damit verbunden, vor der inneren Disziplin des Wahrheitsforschens.
[ 9 ] Dem, sehr verehrte Anwesende, widerstreitet allerdings sehr häufig dasjenige, was Menschen, die nun nicht mit Gründlichkeit des Seelenlebens in die Geistesforschung eintreten, sondern mit Dilettantismus und Ungründlichkeit als solche Geistesforschung treiben. Und das Unheil, möchte ich sagen, in Bezug auf die Beurteilung der Geistesforschung, kann namentlich dadurch entstehen, dass diejenigen, die sich ein Urteil bilden wollen, es sich nicht bilden nach dem, was wahre Geistesforschung zu geben hat, sondern es sich bilden nach dem, was allerlei Dilettanten der Geistesforschung der Welt darbieten. Da stellt sich sehr häufig allerdings dann heraus, dass in jenen Darbietungen eine gewisse Verachtung der naturwissenschaftlichen Methoden und auch der naturwissenschaftlichen Ergebnisse zutage tritt. Diese Verachtung steht meistens in einem geraden Verhältnisse zu dem, was man von dieser Naturwissenschaft dann eigentlich nicht kennt. Der wahre Geistesforscher wird sich immer die Mühe geben, gerade sich selber zu disziplinieren an der guten Wahrheitsdisziplin und Forschungsdisziplin der naturwissenschaftlichen Erkenntnisweise. Und riesengroß wird oftmals die Verachtung der naturwissenschaftlichen Denkweise gerade bei denjenigen, die niemals eigentlich irgenderwas Gescheites aus der Naturwissenschaft heraus gelernt haben.
[ 10 ] Man brauchte dasjenige, was ich jetzt in diesem Satze gesagt habe, sehr verehrte Anwesende, gar nicht auszusprechen, wenn nicht die Lebenspraxis zeigte, dass man sehr häufig nicht an dasjenige geht, was ernste, mit der Naturwissenschaft sich messende Geist-Erkenntnis ist, sondern dass man sich an all die Auswüchse hält von geisteswissenschaftlichem Dilettantismus, der an dem Fehler krankt, den ich soeben bezeichnet habe. Wenn Missverständnisse dadurch entstehen, so entstehen sie wirklich sehr häufig nicht durch die Schuld derjenigen, die sich solchen Missverständnissen über Geistesforschung hingeben, sondern in den allermeisten Fällen durch die Schuld derjenigen, die geistesforscherischen Dilettantismus verherrlichen und der Welt ein klägliches Bild von allerlei Gerede geben. Die einzige Schuld, welche diejenigen haben, die dieses Gerede als Gerede bezeichnen, als Phantasterei und Träumerei bezeichnen, ist dann diese, dass sie sich — ich möchte sagen — überzeugen lassen von diesem geisteswissenschaftlichen Dilettantismus und es verschmähen oder es zu unbequem finden, an die wirkliche Geistesforschung heranzutreten. Aber weiter.
[ 11 ] Es entstehen Missverständnisse begreiflicherweise noch durch vieles, vieles andere. Auf ein Missverständnis, das in durchaus verständlicher Art entstehen muss, möchte ich nunmehr hinweisen. Der Geistesforscher muss sprechen davon, wie wir vorgestern gesehen haben, dass durch das, was er mit der eigenen Seele vornimmt, die Seelenkräfte umgeändert werden, dass eine andere Art der Seelenverrichtung, als die des gewöhnlichen Lebens und der gewöhnlichen Wissenschaft, in seiner Seele auftritt. Da muss derjenige, der zunächst erst auf dem Boden der Naturwissenschaft steht, sich sagen: Nun ja, wenn sich aus dem Seelenleben, das wir als das normale bezeichnen können, ein anderes Seelenleben heraushebt — das kennt man ja; das sind alle die abnormen Seelenerscheinungen, die man kennt unter den verschiedensten Namen, und von denen sich auch nur durch eine Selbsttäuschung dasjenige unterscheiden kann, was da auf willkürliche Weise der Geistesforscher mit seiner eigenen Seele herbeiführen will. Da weist uns der Naturforscher dann vor, wie gewisse Seelenverrichtungen des normalen Lebens eng gebunden sind an ein normales Gehirn; er weist uns das eben gerade durch die sichere, durch die gewissenhafte naturwissenschaftliche Methode auf, wie mit dem Ausschalten gewisser Gehirnteile geistige Verrichtungen wegfallen, und er zeigt uns da, wie geistige Verrichtungen, wie das ganze Seelenleben, die ganze Seelenstimmung durch ein körperliches Verändern anders werden kann. So kann der Naturforscher dann dem Geistesforscher erwidern: Ja, wird denn durch jene sonderbaren Übungen, von denen Du als ein sonderbarer Schwärmer sprichst, eben nichts anderes erreicht, als ein — wenn auch äußerlich, anatomisch nicht nachweisbares — Verändern der körperlichen Organisation? Und ist denn nicht im Grunde genommen dasjenige, was Du geistesforscherische Methoden nennst [mit] anderen Seelenkräften, nichts anderes, als eine besondere Art der Erkrankung des Seelenlebens überhaupt?
[ 12 ] Ich betone ausdrücklich, sehr verehrte Anwesende, dass es eine durchaus mögliche Ansicht ist vom Standpunkte desjenigen, der gerade feststeht auf naturwissenschaftlichem Boden, wenn er nicht genau die geisteswissenschaftlichen Methoden kennt. Eine durchaus mögliche Ansicht ist es, die sich so ausspricht, und insbesondere ist es eine mögliche Ansicht, wenn man dann vom naturwissenschaftlichen Standpunkte auf die Art und Weise der Seelenkräfte hinsieht, die viele aufweisen, die sich nun auch Geistesforscher nennen und die das Gegenteil von dem [besitzen], was man allerdings als ein gesundes Seelenleben bezeichnen kann. Nun weist uns ja auch der Naturforscher immer wieder und wiederum auf etwas hin, was — ich möchte sagen — zwar trivial ist, was aber deshalb nicht minder im Grunde genommen vom Standpunkte der naturwissenschaftlichen Denkungsweise aus schlagend ist; schlagend ist, wenn man widerlegen will das Hinschauen auf besondere, voll leibfreie, durch Geburten und Tode gehende Kräfte und Erlebnisse der Seele. Da sagt der Naturforscher gerade auf Grundlage nicht von bloßen Vorurteilen, sondern auf Grundlage sorgfältiger Feststellungen der physiologischen Wissenschaft, da sagt der Naturforscher: Man sieht doch, wie sich langsam das körperliche Leben entwickelt von der Kindheit an, und wie mit der körperlichen Entwicklung parallel geht die Entwicklung des Seelenlebens. Wirklich sieht man da, wie eng gebunden das Seelenleben an das leibliche Leben ist. Man sieht dann, wie der Leib eine gewisse Gestaltungsreife in einem gewissen Alter angenommen haben muss, damit auch das Seelenleben etwas werde, das man als ein gewisses Normales bezeichnet. Und wiederum sieht man, wie mit dem Verfall der physischen Kräfte im Alter, mit dem Ableben der Organe das geistig-seelische Leben zurückgeht. Und immer wiederum sind im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts Einwendungen gegen ein selbstständiges geistig-seelisches Leben aufgetreten, die — ich möchte sagen — auf diesem Boden standen.
[ 13 ] Nun steht der Geistesforscher auf diesem Gebiete durchaus nicht dem Naturforscher etwa ablehnend gegenüber, sondern im Gegenteil, in Bezug auf das Positive, das der Naturforscher sagt, gibt ihm der Geistesforscher vollständig recht. Der Geistesforscher sagt: Ja, wenn man hinsieht auf dasjenige Denken, Fühlen und Wollen, welches im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft zunächst als bekannt angesehen wird, so ist das, was die Physiologie einzuwenden hat, voll berechtigt; denn dieses Denken, Fühlen und Wollen ist eng gebunden in dieser Form an die physische Leibesorganisation. Aber der eigentliche Geistesforscher steht eben nicht auf dem Boden, dass man zum Beispiel durch eine bloße Betrachtung des gewöhnlichen Denkens, Fühlens und Wollens — wie es im Alltagsleben und in der gewöhnlichen Wissenschaft sich darlebt —, dass man dadurch auf das Unsterbliche der Menschenseele wissenschaftlich kommen könne. Sondern der wirkliche Geistesforscher sagt zum Naturforscher: Du hast vollständig recht, wenn du behauptest, die Formen des Denkens, Fühlens und Wollens, die im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft sich offenbaren, die sind an die physisch-leibliche Organisation gebunden, die sind so gebunden an die physisch-leibliche Organisation, dass sie ohne diese physisch-leibliche Organisation überhaupt nicht gedacht werden konnten und sollten. Aber gerade durch die geistesforscherische Methode zeigt sich, dass in diesem Denken, Fühlen und Wollen etwas darinnen steckt: jenes Denken, von dem ich vorgestern gesprochen habe, oder vielmehr jene Denktätigkeit und jenes Wesen, das in der Willensströmung enthalten ist, dass die drinnen sind, so drinnen sind, dass sie von dem Bewusstsein der gewöhnlichen Wissenschaft und des gewöhnlichen Lebens gar nicht erfasst werden, und dass die es sind, welche unserem jetzigen Erdenleben vorangegangen sind in der geistigen Welt, und unserem Tode folgen werden wiederum in der geistigen Welt. Was das Ewige in der Menschenseele ist, dasjenige muss erst gesucht werden. Und es kann nicht gesucht werden, wenn man stehen bleibt bei dem gewöhnlichen Denken, Fühlen und Wollen. So sagt der Geistesforscher. Wenn es heute selbst noch irgendwelche philosophische Weltanschauungen geben könnte, die da glauben, sie könnten der Naturwissenschaft widersprechen, wenn sie auf das gewöhnliche Denken, Fühlen und Wollen hinschauen und gedanklich allerlei ableiten aus diesem Denken, Fühlen und Wollen — sie könnten ihr widersprechen, der Naturwissenschaft, indem sie sagen: Man sehe in diesem Denken, Fühlen und Wollen durch die gewöhnliche wissenschaftliche Methode doch etwas, was über den Tod hinausdringt — wenn solche Philosophen so sprechen, so sagt der Geistesforscher: Nein, diese Urteile werden immer mehr und mehr aus der Welt verschwinden. Vielmehr wird mit dem, was hier angedeutet ist, der Naturforscher sogar immer mehr und mehr recht bekommen. Und deshalb steht eigentlich in völliger Harmonie Geistesforschung mit den berechtigten Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Denkungsweise auf diesem Gebiete.
[ 14 ] Nun kommt aber die Naturforschung weiter und sagt zum Beispiel: Ja, wenn Du aber nun Dein Denken entwickelst geistesforscherisch, wenn Du sagst, dieses Denken kann durch solche Übungen, wie sie vorgestern angeführt worden sind, dahin gebracht werden, in ganz anderer Art sich auszuleben, dann erlebt es eben etwas, was es vorher nicht erlebt hat —, wenn Du das sagst, dann gibst Du Dich eigentlich einer Selbsttäuschung hin; denn Du weißt eben nicht, wie viel Unbewusstsein im Seelenleben ist, wie viel Abhängigkeit im Seelenleben von bloßen — nun, sagen wir, wenn wir im Sinne der neueren Naturforschung sprechen — Nervendispositionen, von Leibesdispositionen, und wie viel eingetreten ist in diese Nervendispositionen, ohne dass es das Bewusstsein bemerkt hat, was aber jetzt heraufkommt, wenn man — wie der Naturforscher leicht meinen könnte — sein Denken so malträtiert, wie es vorgestern geschildert worden ist. Sodass der Naturforscher sagt: Ja, der Geistesforscher gibt sich einer Selbsttäuschung hin, einer reinen Illusion. Während er glaubt, etwas zu finden, was ihn aus seinem Leibe herausführe, was unabhängig von seinem Leibe ist, bringt er nur die unbewussten Dispositionen, die zahlreichen unbewussten Vorstellungsdispositionen in sein Bewusstsein herauf, und er hat eigentlich nur Lebens-, Wahrnehmungsvorgänge, und glaubt in naiver Weise, dass er, indem er sein unbewusstes Seelenleben heraufholt, irgendetwas Neues habe, das ihn hinausführe aus der ganzen Sinneswelt und in eine geistige Welt führe, während er in Wahrheit nur untertaucht in das Leibesleben, das er sonst nicht gekannt hat.
[ 15 ] Solange man gegenübersteht dem, was man im Denken, Fühlen und Wollen im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft erfassen kann, ist dieser Einwand vonseiten der Naturwissenschaft vollständig begreiflich. Er ist auch ganz den Tatsachen angemessen. Er ist so den Tatsachen angemessen, dass es allerdings heute noch — weil Geisteswissenschaft, so wie sie wirklich ist, noch wenig Eingang gefunden hat — in sehr vielen Fällen so ist, dass irgendein Mensch glaubt, er habe durch besondere Seelenübungen etwas, was weit über die Sinneswelt hinausgeht, was in der geistigen Welt wurzelt, erkannt, während er nichts anderes heraufbringt als die sonst unbewusst bleibenden Leibesdispositionen, allerlei Illusionen, die sich ergeben, die er nur nicht erkennt, weil er eben sein Seelenleben nicht überblickt, allerlei, was sich ihm aus Leibesdispositionen in Halluzinationen umwandelt und dergleichen. Umso mehr muss es begreiflich sein, dass der streng an die Tatsachen sich haltende Naturforscher auch das geisteswissenschaftliche Forschen so anschaut, weil das dilettantische geisteswissenschaftliche Forschen wirklich oftmals nichts anderes ist als dasjenige, was der Naturforscher mit seinem Vorwurf ganz richtig trifft,
[ 16 ] Dagegen muss aber gesagt werden, sehr verehrte Anwesende, dass, indem das Denken so entwickelt wird, wie es vorgestern dargestellt worden ist, indem das Denken so weitergebracht wird, dass es allerdings bis zu einem Punkt kommt, wo es sich als etwas ganz anderes zeigt, als es vorher war, dass da der Geistesforscher gerade erkennen lernt, wie das beschaffen ist, was aus dem Unterbewussten heraufkommt, dass er unterscheiden lernt, sorgfältig unterscheiden lernt alles dasjenige, was aus der Leibesorganisation heraufkommt. Dasjenige, was eben nicht aus der Leibesorganisation kommt, sondern was hereinwirkt aus einer geistigen Welt, das kann man sich nur durch Erleben aneignen.
[ 17 ] Diesen Unterschied aber, man eignet sich ihn durch Unterscheidung an. Und eben, weil man kennenlernt diesen Unterschied, so muss man für alles dasjenige, was nicht auf dem richtigen Wege der Entwicklung des Denkens aus der geistigen Welt heraus erforscht wird, dem Naturforscher im Grunde genommen recht geben. Sehr verehrte Anwesende, es gibt einen guten Unterschied zwischen demjenigen, was als krankhafte, als abnorme Bewusstseinsoffenbarung angesehen werden kann, und dem, was der wahre Geistesforscher erreicht, um in die geistige Welt hineinzukommen. Und dies muss scharf betont werden, weil die richtige Methode der Geistesforschung, wie Sie sie angedeutet finden in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft», weil diese richtige Methode der Geistesforschung in der Tat dazu führt, dass sie sich nicht wie eine Veränderung bloß des gewöhnlichen Seelenlebens darstellt, sondern sie führt dazu, dass das neue Seelenleben, das man jetzt mit den veränderten Seelenkräften erreicht, dass dieses neue Seelenleben sich neben das frühere Seelenleben so hinstellt, dass beide von dem vollen Bewusstsein des Menschen umspannt, überschaut werden. Ja, man kann sogar sagen: Es ist ein unrichtiges Bewusstsein erreicht in der Geistesforschung, wenn sich das gewöhnliche Bewusstsein nur verändert, wenn es gewissermaßen anders wird. Das Richtige ist erreicht, wenn dieses gewöhnliche Bewusstsein im Menschen so dastehen bleibt, dass er die gewöhnliche Logik, die er vorher entwickelt hat, jetzt auch entwickelt, dass er ebenso vernünftig ist wie früher, dass er dieselben Willensimpulse weiterentwickelt und überschaut, wie er eigentlich ist als einfacher, gerader, vernünftiger Mensch im gewöhnlichen Leben; und darüber hinaus — aber daneben — dasjenige Bewusstsein hat, durch das er in die geistige Welt hineinschauen kann. Vergleichen Sie das, was da durch die richtigen Methoden der Geistesforschung erreicht wird, mit dem, was sich als krankhaftes Seelenleben ergibt, so werden Sie sich sagen können: Beim krankhaften Seelenleben zeigt sich überall, dass der abnorme Bewusstseinszustand anstelle des normalen tritt, sich aus dem normalen herausbildet. Sie können sich nicht denken, dass ein etwas närrisch gewordener Mensch gleichzeitig, indem er närrisch ist, seinen normalen Menschheitszustand überschaut und auch übt. Man kann nicht zu gleicher Zeit wahnsinnig sein und zu gleicher Zeit vernünftig sein. Das ist das Wesentliche des krankhaft veränderten Bewusstseins: Es entwickelt sich das krankhaft veränderte Bewusstsein aus dem gewöhnlichen normalen Zustand heraus, und wenn das krankhaft veränderte Bewusstsein da ist, so muss das normale Bewusstsein weggegangen sein. Gewiss, es kann wieder der normale Zustand eintreten, selbstverständlich; aber gleichzeitig, im trivialen Sinne gleichzeitig können sie nicht sein. Dasjenige Bewusstsein aber, das der Geistesforscher auf die vorgestern geschilderte Weise entwickelt, muss völlig gleich sein dem normalen Bewusstsein, sodass der Geistesforscher dem, was er vorher ist, gegenübersteht, wie der gewöhnliche Mensch einem äußeren Gegenstand gegenübersteht; das heißt das, was man vorher als gewöhnlicher normaler Mensch ist, das sieht man durch das erlangte geistesforscherische Bewusstsein als etwas an, auf das man hinschauen kann, wie man mit dem gewöhnlichen Sinnesbewusstsein hinschaut auf einen äußeren Gegenstand. Man ist vollständig mit seiner gewöhnlichen Organisation sich Objekt geworden. Aber dieses Objekt, das funktioniert weiter fort; das bleibt vollständig intakt. [...] Und wer im rechten Sinne und rechten Stile diejenigen Methoden anwendet, die in den genannten Büchern verzeichnet sind, der wird zu nichts anderem kommen, als dass er also es mit dem neu erlangten Bewusstsein macht.
[ 18 ] Aber es ist insbesondere auf eines zu sehen, sehr verehrte Anwesende, was — ich möchte sagen — für den Anfänger in den geistesforscherischen Methoden von besonderer Wichtigkeit ist. Da ist von besonderer Wichtigkeit, dass der Anfänger sich nicht dazu verleiten lässt, sein gewöhnliches Leben nun gleich zu verändern, gleich in ein anderes überzuführen — etwas, was dem Hange des Menschen sehr häufig entsprechen kann —, sondern es ist notwendig und gut, wenigstens vorteilhaft, wenn der Anfänger in der Geistesforschung bei den Verrichtungen des Lebens, bei der vernünftigen Führung des Lebens, die er vorher aus seiner Erziehung oder aus sonstigen Verhältnissen heraus getrieben hat, möglichst stehen bleibt, und dasjenige, was er als geistesforscherisches Bewusstsein entwickeln will, wirklich nebenher entwickelt. Sonst muss meistens eine Art von Unfreiheit an den Menschen herantreten. Gewiss, sehr verehrte Anwesende, man braucht wirklich nicht so weit zu gehen, dass man, um Geistesforscher zu werden, sich lange Haare wachsen lässt, oder auch, wenn man eine Dame ist, sich die Haare ganz kurz abschneidet oder durch andere Extravaganzen sich aus dem gewöhnlichen Leben womöglich zu entfernen sucht; man braucht es nicht so weit zu führen. Aber man kann, wenn man auch nicht so weit geht, doch den Glauben haben, man müsse, wenn man Geistesforscher werden solle, aus den gewöhnlichen Lebensverrichtungen heraustreten, irgendeine Kolonie anlegen, in der man in ganz neuen Verhältnissen lebt, und man müsse sogar diese Lebensverhältnisse in einer bestimmten Weise einrichten. Gerade dem Anfänger in der Geistesforschung wird das nicht besonders zuträglich sein, weil dadurch gerade der Fehler gefördert wird, die vorherige Lebensführung in eine andere hineinzuführen, und man nicht den Vorteil hat, die bisherige Lebensführung daneben zu haben wie ein Objekt, an das man sich halten kann.
[ 19 ] So kann man sagen: Den Einwand vonseiten der naturwissenschaftlichen Methoden, den Einwand der gründlichen sorgfältigen physiologischen Wissenschaft, dass das geistesforscherische Bewusstsein auch nur auf Illusionen beruhen könnte oder dergleichen, man kann ihn voll begreifen. Er gilt eben aber nicht, wenn das geistesforscherische Bewusstsein in der richtigen Art entwickelt wird. Und da wird es auch wiederum von besonderem Vorteil sein, wenn der Geistesforscher nicht — ich möchte sagen — zum Teil zu stolz oder zu faul ist, um sich einzulassen auf dasjenige, was die Naturwissenschaft nun nicht nur an Theorien, sondern an praktischen Anleitungen gibt, um das Seelenleben nicht in allerlei Extravaganzen hineinzuführen. Und man kann sogar sagen: Je mehr geistesforscherische Erziehung anstrebt, die schönen, die sorgfältigen Ergebnisse der berechtigten naturwissenschaftlichen Praxis anzuwenden, desto besser wird es sein für diese geistesforscherische Erziehung. Dasjenige, was Geistesforschung anstrebt — gerade weil sie in das Gebiet hineinstrebt, in das die bloße Naturwissenschaft niemals hineinkommen kann —, dasjenige, was Geistesforschung immer bei sich führen wird, wird sein: vollständige Achtung der berechtigten Ansprüche der Naturwissenschaft selbst und desjenigen, was sich für das Leben aus der Naturwissenschaft heraus ergibt. Das wird angestrebt werden müssen zwischen den beiden, was man bezeichnen kann als eine vollständige Harmonie. Und für denjenigen, der — ich möchte sagen — die Art des seelischen Verhaltens in der gesunden Naturwissenschaft auf der einen Seite kennt und in der gesunden Geistesforschung auf der anderen Seite kennt, für den zeigt sich eben erst die völlige Harmonie. Aber er wird auch einsehen, dass von der einen oder von der anderen Seite aus gesehen, einerseits in ganz begreiflicher Weise Einwürfe und Gegnerschaften entstehen können. Gegnerschaften entstehen ja auch vonseiten der einseitigen Geisteswissenschaft aus, die da glaubt, die Naturwissenschaft bekämpfen zu können, ohne sie zu kennen in ihrem eigentlichen Grundnerv. So zum Beispiel hört man — selbstverständlich tadle ich es nicht, wenn derjenige von einem unberechtigten Materialismus spricht, der die naturwissenschaftlichen Methoden kennt — und weiß, wie aus diesen naturwissenschaftlichen Methoden wiederum eine einseitige Kritik gegen die Geisteswissenschaft hin sich richtet. Und man erlebt es ja auch, dass viele, die da Geisteswissenschafter sein wollen, von dem einen oder anderen Gesichtspunkte, von einem ihnen «erhaben» dünkenden Gesichtspunkte aus über den Materialismus der Naturwissenschaften sprechen und glauben, wenn sie ohne Kenntnis dessen, was die Naturwissenschaften an Methoden und an Geistesdisziplin leisten, mit dem Vorwurfe des Materialismus irgendetwas in der Naturwissenschaft zu treffen. Die Naturwissenschaft hat ihre Methoden im Laufe der Jahrhunderte ausgebildet und sie hat diese Methoden dadurch ausgebildet, dass sie nicht ihre Grenzen überschritten hat. Sie hat diese Methoden dadurch ausgebildet, dass sie sich streng an die materiellen Vorgänge gehalten hat.
[ 20 ] Dadurch ist allerdings für viele auch die Neigung entstanden [— und das ist die andere Seite —] nun zu glauben, dass dasjenige, in dem man da gearbeitet hatte, das «Um und Auf» des ganzen Weltendaseins sei: die Materie, an die man sich halten müsse, um die Naturtatsachen zu erforschen. Die Materie wurde zuletzt zum angebeteten Gotte; die trat vollständig und so betäubend in den Gesichtskreis der Menschen, dass sie von allem Geistigen hinweggeführt wurden. Aber die Naturwissenschaft selber, wenn sie auf ihrem Gebiete arbeitet, muss sich an die materiellen Tatsachen halten. Sie erlangt ihre Objektivität gerade dadurch, dass sie sich an die materiellen Tatsachen hält, und dadurch, kann man sagen, ist in berechtigter Weise in die naturwissenschaftlichen Methoden ein Materialismus hineingekommen. Wenn er nur so weit angewendet wird, als man die Natur betrachten will, dann hat man diesen Materialismus sogar zu respektieren, dann hat man alle Achtung vor ihm zu haben. Denn nur dadurch, dass man nicht in konfuser Weise erst spekuliert hat alles Mögliche, was nicht die materiellen Vorgänge ergeben, sondern sich hält an dasjenige, was die Beobachtung der Vorgänge oder das Experiment enthüllen, also indem man naturwissenschaftlich vorgeht, kann man die großen Errungenschaften der naturwissenschaftlichen Tatsachen zutage fördern, die dann auch in das praktische Leben eingreifen können. Und was diese materialistische Methode der Naturwissenschaft gerade an Seelendisziplin gebracht hat, was sie vor allen Dingen gebracht hat an seelenvollem Hingeben an das Geschehen, an die Ereignisse der Welt, an das Wesen der Natur, das muss vorbildlich sein auch in der Geistesforschung.
[ 21 ] Geistesforschung ist nun sehr geeignet, in einer gewissen Weise gegen sich selber nun nicht nur berechtigte Einwände, sondern — ich möchte sagen — berechtigte Vorurteile hervorzurufen. Das kommt auf die folgende Weise zustande. Der Naturforscher, weil er sich mit einer gewissen gesunden materialistischen Methode an die Tatsachen des materiellen Geschehens halten muss, kommt sehr leicht dazu, den Geist vollständig als etwas zu betrachten, was entweder gar nicht da ist, oder was man wenigstens nicht erkennen kann. Und dadurch wird die Wissenschaft allmählich nicht dasjenige, was sie sein könnte — ich möchte sagen: Eine äußere Offenbarung für tiefe innere Tatsachen des geistigen Lebens selber, sondern die Wissenschaft wird etwas, was nur getrieben wird so, dass man im materiellen Leben stecken bleibt. Dann überträgt sich sehr leicht dieses theoretische Stehenbleiben beim Materiellen auf das praktische Leben; und die Folge kann sein, dass man eigentlich zuletzt zu der Anschauung kommt, alles Geistige habe denn doch keinen Wert oder könne wenigstens nicht erkannt werden; die Wissenschaft sei eine Anleitung für den menschlichen Nutzen. Sodass diese Wissenschaft für den sozialen und auch für den individuellen Egoismus im Laufe der Zeit vielfach eine bloße Dienerin geworden ist, dass sie in den Dienst des Egoismus getreten ist, dass, statt die Wahrheit wie eine Göttin in der Wissenschaft zu suchen, vielfach nur dasjenige gesucht wird, was der materiellen Menschheitsentwicklung auf dem einen oder anderen Gebiete dienen kann. Diejenigen, die diese materielle Menschheitsentwicklung als die einzige ansehen, auf die es ankommt, die müssen ja im Grunde genommen, wenn sie konsequent sind, auch die Wissenschaft von der Natur so betrachten, dass alles Wissen, das aus der Natur gewonnen wird, zuletzt eine Anwendung findet in dem materiellen Fortschrittsprozess, den die Menschheit durchmacht. Ja, man kann sehen, wie — ich möchte sagen —, eine in den Dienst der praktischen, rein materiellen Interessen tretende wissenschaftliche Richtung bedrohend vor das Seelenauge hintritt. Der Mensch ist sehr leicht geneigt, wenn er sich mit seinen naturwissenschaftlichen Methoden ohne Gefühl und Empfindung für die Realität des Geistes hingibt, der Mensch ist sehr leicht geneigt, dann das Materielle, den materiellen Nutzen überhaupt einzig und allein zu achten.
[ 22 ] Ein ähnlicher, wenn auch — ich möchte sagen — in einer gewissen Beziehung entgegengesetzter Fehler kann nun sehr leicht entstehen, wenn man sich in einer nun ähnlich unrichtigen Weise in die Geistesforschung hineinbegibt. Dasjenige, was äußerlich im Gebiet der Materie erforscht wird, das kann leicht so angesehen werden, dass es auch nur in den Dienst des materiellen Fortschritts des Menschen gestellt wird. Dasjenige, was von der Geistesforschung erforscht wird, das kann leicht der unreifen Seele, der es weniger zu tun ist um die Wahrheit als um ihre Vorliebe, um ihre Sympathie, um die Befriedigung gewisser Wünsche und Begehrungen, der kann es leicht dienen zur Beförderung eines gewissen inneren Wohlgefallens, einer gewissen innerlichen Eitelkeit. Und so kommt es denn, dass, wie auf dem Gebiet der äußerlichen materialistischen Wissenschaft die Utilitarier — diejenigen, die Wissenschaft bloß in den materiellen Vorgang hineinversetzen wollen — so sehr häufig werden, so sieht man auf dem Gebiet der Geistesforschung oder des Lebens, das die Geistesforschung bringen will, sehr häufig ein SichBespiegeln in der Eitelkeit, in allen möglichen Wahngebilden der menschlichen Seele, weil man nicht in der Weise vorgeht, dass man sucht, die Seele an die Wahrheit heranzubringen, sondern das, was die Geistesforschung gibt, so nimmt, dass man sein Wohlgefallen daran hat, dass man sich gewissermaßen gehoben fühlt in seinen Seelenkräften und in seiner Eitelkeit namentlich durch dasjenige, was Geistesforschung zu geben hat.
[ 23 ] Wie Naturforschung, wenn sich der Mensch an das Materielle in ihr gewöhnt, sehr leicht zum Materialismus verführt, so führt Geistesforschung zu allen möglichen Schwärmereien, zu allem möglichen Sichloslösen von der äußeren Vernünftigkeit des Lebens, wenn der Mensch nicht sich auf den Pfad der Wahrheit begeben will, sondern wenn er sich dem hingeben will, was ihm so nach seinen subjektiven Bedürfnissen und subjektiven Wünschen einleuchtend ist. Die Naturwissenschaft beschäftigt sich mit der Natur — das kann leicht zu Materiellem führen; die Geisteswissenschaft befasst sich mit dem Menschen und seiner Seele. Dadurch führt sie besonders leicht dazu, dass sich der Mensch nach seinem Wohlgefallen — ich möchte sagen — aus seiner Seele Wohlgefallen heraus, ganz besonders wichtig nimmt. Und indem er fühlt: Du gehörst mit Deiner Seele zum Geistigen, wiederholt er sich das wohlgefällig immer wieder und wiederum, und es kommt dann nicht nur dazu, dass die große, die umfassende Wahrheit von den wiederholten Erdenleben bei solchen Wollüstlingen der Seele leicht dazu führt, dass sie dann vor allen Dingen bemüht sind, darüber nachzugrübeln, ob sie nun selbst eigentlich der Alexander oder der Cäsar oder die Marie-Antoinette oder irgendjemand im historischen Leben gewesen sein könnten oder noch irgendwo anders die vorhergehenden Erdenleben suchen. Aber ich will selbst von solchen Verirrungen nicht sprechen. Schwärmerei — ich möchte sagen — innerliche Bedürftigkeit, Verbundensein in Eitelkeit mit dem Geistesleben, das zeichnet sehr viele aus als nicht auf dem Boden der Wahrheit in der Geisteswissenschaft drinnen stehend, sondern auf dem Boden der Eitelkeit und Schwärmerei stehend, auf jenem Boden, auf dem man losgelöst ist von dem völligen Zusammenhang mit dem Leben. Wahre Geisteswissenschaft führt von diesem Boden des wahren Lebens aber nicht hinweg, sondern im Gegenteil, sie führt näher an das Leben heran. Wer keine Anlagen dazu hat, das Leben mit vollem Interesse, mit vollem Ernste zu nehmen, sondern in gewissem Maße in seiner Seele einer Art Seelen-Vagabundage zuneigt, der kann leicht dazu kommen sogar zu Nichtigkeit, zu Lässigkeit des Lebens gegenüber dem Leben dadurch, dass er nun in der Geisteswissenschaft drinnen steht. Und sehr viele, die es nicht dazu bringen können, durch ihrer Hände Arbeit, durch ordentlichen Lebensfleiß etwas Vernünftiges im Leben zu erfüllen, die sieht man, wie sie sprechen von einer höheren Mission, die ihnen aus der geistigen Welt erteilt worden ist, und die sie vor allen Dingen zu erfüllen haben. In der Wahrheit gesprochen, müsste man da oftmals sagen: Lebensfaulheit und Lebenslässigkeit erscheint in eine merkwürdige Sprache übersetzt als geistige Mission. Da kann man sich dann nicht mehr wundern, sehr verehrte Anwesende, wenn diejenigen, die gewöhnt sind an innere Seelendisziplin, die aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung folgt, mit einem gewissen Spott hinsehen auf diejenigen, die nun die Naturwissenschaft ihrerseits und oftmals mit der Naturwissenschaft das Leben selber verachten und von allerlei geistigem Zeug reden, bloß aus dem Grunde, weil sie von dem Leben naturwissenschaftlich nichts verstehen wollen und in das gewöhnliche Leben sich nicht mit entsprechendem Fleiß, entsprechendem Ernst und entsprechender Aufmerksamkeit hineinstellen wollen.
[ 24 ] In dem Augenblick aber, wo man diese Dinge durchschaut, wo man Geisteswissenschaft in ihrem Nerv überschaut, in ihrem berechtigten Lebensnerv sieht, da findet man eine völlige Harmonie zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft. Man wird finden, dass der Geisteswissenschafter in jedem Augenblicke dasjenige, was die Naturwissenschaft positiv vorzubringen hat bis zu ihrer berechtigten materialistischen Methode hin, vollständig gerechtfertigt findet und zugibt, dass er aber, indem er dies zugibt, gleichzeitig zeigt, wie man mit anderen Seelenfähigkeiten, als sie in der Naturwissenschaft und im äußeren Leben berechtigt sind, in die geistige Welt eintreten kann, um diese wirklich zu erforschen.
[ 25 ] Missverständnisse, die der Geistesforschung entgegengebracht werden, werden sich im Grunde genommen auf keine andere Weise hinwegräumen lassen, als indem man immer mehr und mehr das wirklich kennenlernt, was in der Geistesforschung wirkt und lebt, und kennenlernt, wie das in der Geistesforschung Wirkende und Lebende durch eine innere Notwendigkeit in der Menschheitsentwicklung in die geistigen Impulse der Menschheit von jetzt ab so hineingetragen werden muss, wie das naturwissenschaftliche Denken seit drei bis vier Jahrhunderten hineingetragen worden ist. Daher braucht man sich nicht zu verwundern, wenn heute noch nicht diese Harmonie zwischen Naturforschung und Geisteswissenschaft überall gefunden werden kann. Im Gegenteil, man muss es voll begreiflich finden, wenn Geistesforschung von vielen einfach genommen wird wie eine Phantasterei. Und diejenigen, die in der Geisteswissenschaft feststehen, gründlich darinnen stehen, die werden dieses Missverstehen als etwas durchaus Begreifliches finden. Das schließt natürlich nicht aus, dass gesucht werden muss, die Missverständnisse aus dem Wege zu räumen und die Harmonie zwischen Naturerkenntnis und Geisteserkenntnis herzustellen.
[ 26 ] Und auch im Äußerlichen, sehr verehrte Anwesende — was durch die Geisteswissenschaft da in die Welt treten kann, es ist ja wenig, verhältnismäßig wenig —, und auch im Äußerlichen zeigt sich, wie Missverständnisse auftreten müssen und im Grunde genommen begreiflich sind. In dieser Beziehung möchte ich mit einigen Worten noch einmal heute — ich habe es im vorigen Winter schon versucht hier von dieser Stelle aus —, noch einmal mit einigen Worten auf das bisherige äußere, noch nicht vollendete Wahrzeichen der geisteswissenschaftlichen Forschung, den Dornacher Bau, zu sprechen zu kommen. Es ist ja begreiflich, ganz begreiflich, dass diesem Dornacher Bau heute noch viele, viele Missverständnisse entgegengebracht werden. Denn im Grunde genommen: So wahr es auch ist, dass er auf rein künstlerischen Grundlagen ruht und nicht auf irgendetwas Symbolischem oder dergleichen, so wahr ist es auch, dass er so in die Welt tritt, dass er im Grunde genommen sich als etwas ganz anderes darstellt, als man bisher gewohnt war zu sehen als Bauwerk oder als künstlerische Darbietung. Er widerspricht den Empfindungsgewohnheiten der bisherigen künstlerischen Anschauungen in vieler Beziehung so, wie Geisteswissenschaft den Denkgewohnheiten der bisherigen wissenschaftlichen Anschauungsweise vielfach widerspricht und widersprechen muss. Warum ist das der Fall? Ja, sehr verehrte Anwesende, Geisteswissenschaft führt ja, wie vorgestern gezeigt worden ist, ihren ganzen Methoden nach in ein anderes Denken hinein, oder vielmehr in eine Verwandlung des Denkens hinein, führt hinein in eine solche Betätigtheit der Seele, die aus dem Denken entsteht, die viel mehr in der Realität drinnen lebt, als das gewöhnliche Bild-Denken, das nichts anderes geben will als eben eine Nachbildung der äußeren Wirklichkeit. Während das gewöhnliche Denken gerade seinen Wert darinnen sehen muss, dass die Vorstellungen, die es erweckt, getreue Nachbilder einer äußeren Wirklichkeit sind, nichts unmittelbar selbst Erlebtes, sondern nur etwas der äußeren Wirklichkeit Nacherlebtes, muss dasjenige, was sich durch die geistesforscherische Methode aus dem Denken heraus entwickelt, etwas sein, was die Seele unmittelbar erlebt. Nicht in ein Bild hinein müsste sich die Seele erheben, sondern in reales Leben, in das objektive Gedankenwesen der Welt. Und so ist es auch mit dem, was sich aus dem Willen heraus entwickelt. Dadurch aber kommt die Seele auch dazu, sich in das, was sonst instinktiv als das Künstlerische, als das Stilgemäße, als das künstlerische Formen Herausbildende zutage tritt — in das sich noch mehr hineinzuleben. Das ist ja das Wesentliche der Seelenbetätigungen, die durch die Geistesforschung in der Seele zutage treten, dass die Seele mehr untertaucht in die geistige Wirklichkeit. Und indem die Seele also untertaucht in die geistige Wirklichkeit, taucht sie auch anders unter in die Welt der Formen, in die Welt des Gestaltens. Dadurch aber wird sie dazu geführt, nicht etwa an die Stelle der Kunst etwas anderes zu setzen als Kunst, aber der Kunst sich in einer anderen Weise zu nähern. Während die andere Kunst ausgehen muss von dem, was sich den Sinnen darbietet, und dasjenige, was sich den Sinnen darbietet, heraufgehoben werden kann in das Geistige, sodass die Kunst auftritt als etwas aus der Sinnenwelt Heraufgehobenes, über das ausgegossen ist dasjenige, zu dem man heraufgestiegen ist bis zu einer geistigen Forschung. Der äußeren sinnlichen Wirklichkeit ist dasjenige, was man nennen kann «Erfassen des Künstlerischen durch die Geisteswissenschaft», etwas, was den gerade umgekehrten Weg macht. Der Mensch steht dann zuerst im Geistigen drinnen. Er lebt lebendig das Weben und Leben der geistigen Geschehnisse, er tritt gegenüber als Geist dem Geiste. Und wenn nun in ihm künstlerische Betätigungsmöglichkeit ist, wenn Kunst entstehen soll, dann wird nicht, wie es in der sonstigen Kunst geschieht, in der Kunst bisher geschehen ist, das Sinnliche hinaufgeführt, bis man ihm den Glanz des Geistigen geben kann, sondern es wird das Geistige hinuntergeführt in das Materielle.
[ 27 ] Das vor allen Dingen, das ist das Wesentliche, das zum Beispiel in der Architektur des Dornacher Baues angestrebt werden sollte. Da war zuerst der Gedanke vorliegend: Was hat da zu geschehen? Und in Anlehnung an diesen Gedanken war nicht die Rede: Wie kann man aus dem bisherigen Baustile heraus, aus demjenigen, was sonst gang und gäbe ist oder erlernt werden kann in der Architektur, ein Bau geschaffen werden, sondern es war eine ganz andere Frage da, eine Frage — ich möchte sagen —, deren praktische Beantwortung schon zeigt, wie man mit der Geisteswissenschaft ganz anders in dem unmittelbaren Realen drinnen stehen muss, als mit den gewöhnlichen logischen oder mit den gewöhnlichen Seelen-Lebens-Betätigungen überhaupt.
[ 28 ] Wenn eine Frucht eine Schale um sich bildet, dann ist dasjenige, was als Schale sich absondert, aus denselben Lebenskräften hervorgegangen, herausgewachsen, wie die Frucht selber mit ihren einzelnen Bildungen. Und derjenige, der verfolgt, wie die Frucht in ihrem Kern und in ihrer Schale sich bildet, wie zum Beispiel — ich möchte sagen — der Kern der Nuss die Schale ringsherum bildet mit all den feinen Geäderchen, mit all dem, was aus denselben Kräften entsteht, wie der Kern selber in seinen einzelnen Gebilden, wer das verfolgt, der sagt sich: Die Nussschale entstammt [denselben] Kräften wie der Kern selber. Diese Nussschale ist nicht so gebildet, dass man irgendwie einen Stil erdacht hätte, der eine Umschalung um die Nuss herum geben sollte; eins ist das Ganze. So musste eins werden dasjenige, was in dem Dornacher Bau getrieben wird: Die Kräfte, die in dem walten werden, was Darbietungen, Darstellungen sein werden aus der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung heraus, was Mitteilungen sein werden aus der geistigen Welt, was an Gedanken, Ideen entwickelt wird: das alles, das ist gewissermaßen das Kernleben. Aber aus denselben Kräften, die in diesem Kernleben walten, muss auch die Schale gebildet werden. Das muss eine Einheit sein, wie in jeder Naturfrucht Schale und Kern eine Einheit sind und aus denselben Kräften heraus gebildet werden. Da konnte nicht die Frage jemals entstehen: Welcher Baustil kann da angewendet werden? Sondern indem eine geistige Sache in dem Bau getrieben werden sollte, war der Bau in seiner ganzen Form gegeben; die Zwei-Kuppelform, die zusammenfasst alles dasjenige, ist wirklich auf diese Weise entstanden. Das musste eine Einheit sein.
[ 29 ] Und so mussten — ich möchte sagen — in einer gewissen Weise auch die Wände etwas anderes werden, als Wände bisher gewesen sind. Ich habe das schon hier einmal erwähnt, Aber es ist bedeutsam gerade für die Erfassung der eigentümlichen Kunst, die da entwickelt werden soll — noch ganz primitiv in einem Anfange erst —, dass gerade dies berücksichtigt werde. Wände, auch die, die künstlerisch ausgestaltet werden — und gerade diese, sie haben in der bisherigen Kunst den Abschluss bedeutet. Selbst in dem griechischen Kunstwerk der Architektur bedeuten Wände einen Abschluss; sie schließen gegen die äußere Welt ab.
[ 30 ] Geisteswissenschaft soll durch das, was sie ist, geistig in alle Weiten hinausführen. Daher müssen Formen entstehen an den Wänden, als Skulpturausbildungen und dergleichen, welche — ich möchte sagen — bewirken, dass die Wände im Anschauen der Formen sich selber vernichten, sodass man das Gefühl hat: Indem man in dem Bau lebt und den Blick lenkt bis zu den Formen, hat man in den Formen etwas, das in die Weltenweiten hinausführt.
[ 31 ] Und wiederum im Zusammenhang musste man sein mit aller Realität. Daher konnten nicht solche Fensterkunstwerke, wie sie früher vielfach existiert haben oder heute eben noch existieren aus der alten Kunst heraus, als Fenster entstehen, sondern es wurde eine Art Fenster-Radierung, wenn man es so nennen darf, angewendet. Verschiedene Glastafeln, verschiedenfarbig, jede einzelne aber eben in einer Farbe. Dahinein wird nun gearbeitet das Figurale, und das wird so hineingearbeitet, dass nur Verdickung und Verdünnung bewirken, was künstlerisch erreicht werden soll. Und mit diesem wird dann Zusammenwirken das hereinscheinende Sonnenlicht, also das, was in der Natur wirkt und webt selber, um erst die Kunst vollständig zu machen. Da wird sich Natur und Kunst verschlingen zu einem gemeinsamen Kunstwerk.
[ 32 ] Und so musste in der verschiedensten Weise Neues angestrebt werden. In der Malerei, welche die Kuppeln ausfüllen wird, wurde angestrebt, die Farben in einer ganz bestimmten Weise zu behandeln.
[ 33 ] Sehr verehrte Anwesende, ich kann selbstverständlich nur ganz fragmentarisch auch diese Dinge andeuten. Eben für dasjenige, worauf es ankommt bei der Behandlung der Farben zum Figuralen, sollte etwas versucht werden, was nun gewöhnlich nicht mit der Farbe versucht wird. Da sollte versucht werden, die Farbe unmittelbar zu erleben. Alles dasjenige, in das sich durch Geistesforschung die Seele einlässt, soll da innerlich erlebt werden. Die Farbe soll nicht bloß Oberfläche sein, die irgendetwas, was darunter ist, offenbart, sondern die Farbe soll innerliches Leben haben und dieses innerliche Leben selber entwickeln; sodass aus der entsprechenden Farbe und Farbenzusammensetzung das Leben selber entsteht; sodass man das malerische Kunstwerk so ansieht, dass man unmittelbar in dem Zusammenwirken des Farbigen und desjenigen, was aus der Farbe in die Form hinein sich lebt, das Gefühl hat: Man lebt in dem, was in der Farbe lebendig ist, was in der Farbe lebendig ist, selber darinnen. Man ergreift die Wirklichkeit in der Farbe, nicht durch die Farbe, [man ergreift die] hinter der Farbe stehende Wirklichkeit. Farben sollen sich aussprechen, Formen sollen sich aussprechen — nicht etwas durch Farben, nicht etwas durch Formen. Denn dazu führt gerade das Leben mit der geistigen Welt, die Farben und Formen dann, wenn sie bildlich dargestellt werden sollen, nur so darzustellen, wie wir sie künstlerisch wirklich in jedem Augenblick haben, das man unmittelbar nicht an irgendein Modell sich hält, sondern dass man das — was Leben und Weben in der geistigen Tatsache und in der geistigen Wesenheit ist —, selber hineinbringt in das Weben der Farben und in das Leben der Formen, die man nun auf die Fläche bringt. Und dieses andere musste angestrebt werden aus dem Grunde, weil eben das Ganze des Baues wie die Schale sein sollte, die sich aus denselben Kräften ergibt, wie die Geisteswissenschaft selber. Da musste zum Beispiel auch abgegangen werden von dem Prinzip, Säulen hinzustellen, von denen jede folgende immer der vorhergehenden gleich ist, Säulen mit Kapitellen, die alle untereinander gleich sind. Es musste eine gewisse Entwicklung verfolgt werden vom ersten Säulenpaar mit seinen Kapitellen zum zweiten und so fort. Das gibt eine innere Gestaltung, eine innere Entwicklung, wie sie die Natur selber macht, indem sie aus dem Grundton, aus der Prim, die anderen Töne, die Sekund, Terz und so weiter entwickelt. Und so wahr es kein Aberglaube ist, so wahr es nicht irgendetwas mystisch Verrücktes ist, wenn man sieben Töne in der Tonleiter sieht und in dem achten Tone die Wiederholung des Grundtones, so wenig ist es etwas mystisch Geheimnisvolles, wenn gesucht wird ein Fortschreiten in den inneren Motiven der Kapitelle, und dadurch eine Siebenzahl der Säulen ganz wie von selbst herausgebracht wird, weil man drinnen steht im Weltenschaffen mit dem Geistigen, wie das naturschöpferische Element im Schaffen selber drinnen lebt. So stellt sich ein Parallelismus heraus zwischen dem, was primitiv in der Natur vorhanden ist, wie die sieben Töne, die sieben Farben im Regenbogen, mit demjenigen, was auf geistigem Gebiete auftritt. Das Merkwürdige ist nur, dass es geschehen konnte, dass Menschen sich anschauten diesen Dornacher Bau und meinten, aus irgendeinem Aberglauben gegenüber der Siebenzahl seien hier sieben Säulen gewählt worden. Dieselben Menschen könnten sagen: Was ist das doch für ein grotesker Aberglaube, dass der Regenbogen sieben Farben hat oder dass die Tonskala sieben Töne hat! — Es würde ja von derselben Logik sein, das eine wie das andere. Das eine wie das andere ist durch die Natur der Tatsachen gefordert.
[ 34 ] Wenn irgendjemand kommt und sagt: Nun ja, mit dem, das da an dem Bau ist, möchte man ja schon in Übereinstimmung kommen. Aber dass ihr solche abergläubischen Sachen macht oder solch mystisches Zeug macht, wie sieben Säulen, noch dazu aus sieben verschiedenen Hölzern — wobei auch wiederum nur das Künstlerische, das mit der Differenzierung im Holz zusammenhängt, eigentlich gemeint ist —, wer so spricht, der gleicht dem, der da sagt: Ich begreife nicht, warum jede Saite an einer Violine anders sein muss; es könnten ja alle gleich sein und so weiter, und so weiter. — Es wird sich schon darum handeln einzusehen, dass dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft heraus zur Kunst führt, gewissermaßen übereinstimmt mit dem, was überhaupt der ganze Sinn des geistesforscherischen Arbeitens ist.
[ 35 ] Naturforschung hat sich in der neueren Zeit ganz gewaltig heraufgearbeitet. Das erkennt insbesondere die Geistesforschung an. Aber es ist so, wie wenn man von einer Seite her — wie es ja geschieht — anfängt, einen Tunnel zu bohren und von der anderen Seite entgegenarbeitet. Von der anderen Seite arbeitet der Naturwissenschaft nun Geisteswissenschaft entgegen. Sie werden einmal zusammenkommen. Naturforschung arbeitet gewissenhaft da, wo sie eben richtig arbeitet. Sie kommt [herauf], möchte ich sagen, bis zu dem Punkt, wo das Leben erfasst werden soll. Der Materialist leugnet deshalb das Leben überhaupt als ein besonderes Element. Er sieht in dem Leben nur eine Kombination der anderen Naturkräfte. Die Naturwissenschaft arbeitet von unten hinauf bis zum Leben. Geisteswissenschaft arbeitet voll bewusst der Naturwissenschaft entgegen, kommt in ihrer Weise dazu, dieses Bewusstsein nun nicht bloß als solches Bewusstsein zu haben, wie es im gewöhnlichen Menschenleben ist, sondern dieses Bewusstsein auszudehnen bis dahin, wo Realität, Wirklichkeit im Bewusstsein erfasst wird. Während die Naturwissenschaft das Leben nicht ergreifen kann, kann der Geistesforscher oftmals nicht ergreifen die Realität, die Wirklichkeit im Bewusstsein. Aber beide arbeiten einander entgegen, um das Leben, zu dem die Naturforschung hinarbeitet, zu ergreifen mit einem anderen Bewusstsein, das herausentwickelt wird aus dem gewöhnlichen menschlichen Bewusstsein. Nicht nur zur Harmonie, sondern zur innerlichen Durchdringung von Leben und Bewusstsein arbeiten sich die beiden hin: Geistesforschung und Naturforschung. Und wenn man die Sache dann so ansieht, dann sieht man auch in der Kunst, die heute beginnt, und die von der anderen Seite her arbeitet als die andere Kunst, etwas, was dieser anderen Kunst entgegenkommt.
[ 36 ] Zu begreifen ist nur nicht, wie Menschen in den Dornacher Vortragsraum eintreten und etwa sagen: Da drinnen ist alles geheimnisvoll, alles voller Symbole, alles voller besonderer Zeichen. — Nicht ein einziges Zeichen, nicht ein einziges Symbolum ist darinnen, sondern es ist gerade versucht worden, [so zu gestalten, dass man sich die Frage vorlegte:] Wie muss der Gedanke sein, könnte er in künstlerische Formen ausfließen? — Der Unfug, der sonst häufig, sagen wir, auf theosophischem Gebiete getrieben wird, dass man allerlei geheimnisvolle Zeichen sucht und die an alles Mögliche anklebt und darinnen etwas Künstlerisches oder ein künstlerisches Surrogat sehen will — das ist gerade bei diesem Bau vermieden worden. Und alles ist aufgelöst in Künstlerisches. Das ist gerade versucht worden. Nirgends sollte der bloße Gedanke wirken. Und das konnte um so mehr geschehen, als der Gedanke, der sonst die Allegorie, das Symbol sucht, wenn er hinausstrebt aus der sinnlichen Wirklichkeit, doch nicht hinauskommen kann aus der Bilderhaftigkeit, aus der Unwirklichkeit, aus dem bloß Gedankenhaften. Wenn dieser Gedanke oftmals das Symbolische, das Allegorische sucht — der lebendige Gedanke, der eins wird mit der [Lücke in der Mitschrift], der kann sich unmittelbar künstlerisch geben, sodass sich Kunst in Formen, in Farben und so weiter in äußerer Wirklichkeit auslebt. Dasjenige, was dargestellt werden sollte [in diesem Bau] wurde nicht in allerlei künstlerischen Surrogaten wie Allegorien und Symbolen und dergleichen dargestellt. Daher ist es nur zu verwundern, wenn Menschen sich die Dinge ansehen und, trotzdem sie kein einziges Symbol sehen können, davon reden, dass allerlei Geheimnisvolles, alle möglichen Zeichen und dergleichen in diesem Dornacher Bau zu sehen wären.
[ 37 ] Aber man braucht sich ja über diese Dinge nicht besonders zu verwundern, wenn sogar gesagt werden kann, dass dasjenige, was hier als Geisteswissenschaft charakterisiert worden ist, etwas zu tun habe mit dem Zitieren von Toten. Wenn das in vollem Ernste gesagt werden kann, wie es geschehen ist, dann kann ja das andere auch gesagt werden, es kann dann auch umso leichter gesagt werden.
[ 38 ] Wenn man eben wirklich hineinschaut auf der einen Seite in das naturwissenschaftliche Arbeiten, auf der anderen Seite in das geisteswissenschaftliche Arbeiten, dann wird man finden, wie die beiden ineinander arbeiten, wie die beiden sich durchaus entgegenarbeiten und dann werden die Missverständnisse schwinden. Ja, sehr verehrte Anwesende, so werden sie schwinden, wie sie auf einem anderen Gebiete geschwunden sind. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht. Heute glaubt noch mancher, der da vermeint, auf dem festen Boden der Naturwissenschaft zu stehen, dass er dies oder jenes gegen Geisteswissenschaft einwenden müsse. Wir haben gesehen, wie das begreiflich ist. Genau dasselbe ist es, wenn man die Sache in der richtigen Weise ansieht, was hervorgetreten ist, als sich die Menschen gewöhnen mussten daran, dass die Erde nicht stillsteht im Weltenraum, sondern mit rasender Geschwindigkeit sich bewegt, dass die Bewegung der Himmelskörper oder auch das Stillstehen der Sonne nicht so zu erklären ist wie früher, sondern in der kopernikanischen Weise zu erklären ist. Damals widersprach die neue naturwissenschaftliche Weltanschauung den Denkgewohnheiten. Und man glaubte insbesondere damals auf dem Boden des religiösen Bekenntnisses, dass man viel, viel gegen diese neuere naturwissenschaftliche Denkweise einwenden müsse. Man glaubte geradezu die Religion gefährdet durch diese neuere Naturwissenschaft. Durch diese neuere naturwissenschaftliche Denkforderung, mit der ja die Wissenschaft innig zusammenhing im Laufe der Jahrhunderte, ist eben manches anders geworden. Wer heute sich einlässt auf dasjenige, was dazumal gegen den Kopernikanismus, gegen den Galileismus eingewendet worden ist, der findet das geschichtlich interessant; aber heute macht es keinen besonderen Eindruck mehr. Die Denkgewohnheiten sind andere geworden. Dasjenige, was dazumal lebhaft bekämpft worden ist, ist heute eine Selbstverständlichkeit geworden für viele. Und das folgende Beispiel, das ich hier schon erwähnte in einem Vortrage des vorigen Winters, es darf immer wieder und wiederum vor die Seelen hingestellt werden.
[ 39 ] An einer Universität hielt in den Neunzigerjahren ein Priester einen Vortrag über Galilei, er hielt diesen Vortrag über Galilei als Rektoratsrede. Er hielt einen ausgezeichneten Vortrag über Galilei, trotzdem er als Theologe das Rektorat seiner Universität antrat. Er sprach nicht über ein theologisches Thema, sondern er sprach als Christ, als rechter Christ über Galilei. Und er machte dazumal darauf aufmerksam, dass die Zeiten sich soweit geändert hätten, dass man sagen könne: Damals, als Galilei lebte, da fanden sich viele, die da glaubten, durch den Galileismus werde die Religion oder das Christentum in irgendeiner Weise gefährdet; dasjenige, was man früher wissen durfte, werde irgendwie gefährdet werden. Jetzt aber, sagte dieser Priester, sei man so weit, dass man erkannt habe: Durch keine Art von wissenschaftlichem Fortschritt könne jemals die Religion in Wirklichkeit gefährdet werden, sondern im Gegenteil, je mehr entdeckt werde von der Herrlichkeit der Schöpfung, desto mehr werde man bewundern lernen dasjenige, was als Göttliches lebt in der Welt.
[ 40 ] Geändert haben sich die Denkgewohnheiten, und in einer solchen Erscheinung, wie die angeführte, zeigt sich das ganz besonders. Es wird auch eine Zeit kommen, wo die Menschen einsehen werden, dass weder irgendein anderes christliches Prinzip noch auch das ErlösungsPrinzip irgendwie gefährdet werden durch dasjenige, was die Geistesforschung zu entdecken hat über die wiederholten Erdenleben und dergleichen, wie man einsehen gelernt hat, dass der Kopernikanismus das Christentum nicht gefährden kann. Im Gegenteil, man muss sagen: Wie kleinmütig sind doch diejenigen, die so denken von der gewaltigen Kraft, die im Christentum lebt, dass diese gewaltige Kraft gefährdet werden könne durch irgendetwas, was entdeckt werde, sei es auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, sei es auf dem Gebiet des Geistes. Nein, sehr verehrte Anwesende, eine solche Kleingläubigkeit haben diejenigen nicht, die Geistesforscher sind, von dem Religiösen, von dem Christlichen, sondern sie haben das starke Bewusstsein, dass im Christentum, in dem größten Impulse des Erdendaseins das lebt, was durch keine Entdeckung, die auf dem Gebiet der Natur oder auf dem Gebiet des Geisteslebens gemacht wird, jemals in seiner Kraft abgeschwächt werden könnte, sondern dass alles dasjenige, was auf dem Gebiet auch des Geistes jemals erforscht werden kann, [gerade zur Bekräftigung] da sein wird desjenigen, was als der größte Erdenimpuls in dem religiösen Leben waltet und lebt.
[ 41 ] Und so konnte sich denn dazumal, als jener katholische Priester über Galilei seine Rektoratsrede hielt, die dann gedruckt worden ist, etwas sehr Merkwürdiges abspielen. An derselben Universität war ein reiner Naturforscher, ein Naturforscher, der sich befasst hatte namentlich mit Kriminal-Anthropologie, mit Anthropologie überhaupt, ein Naturforscher, der zwar nicht Darwinist war, aber streng auf dem Boden der Tatsachenforschung stand und der bis heute diesen Boden streng innegehalten hat. Gerade in der Zeit, als jener christliche Professor sein Rektorat antrat und zu Ehren Galileis sprach, arbeitete der Naturforscher eine «Seelenkunde» aus. Und siehe da: Der Naturforscher widmete seine Seelenkunde dem christlichen Priester, der für Galilei eintrat. Der Naturforscher, der nicht einmal seinem Glaubensbekenntnis und seiner Abstammung nach Christ ist, widmete dem christlichen Priester ein Werk, das nun auch als Seelenkunde ganz auf physiologischem, auf naturwissenschaftlichem Boden erwachsen ist, gleichsam als Dank dafür, dass derjenige, der auf dem Boden des Geisteslebens als Priester und als Christ stand, den Weg gefunden hat hinüber zu einer objektiven Betrachtung des Naturdenkers Galilei. [Da ist die] Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft, zwischen dem Leben im Geiste und dem Leben in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis an einem besonderen Beispiel hervorgetreten! Die Zeit, wo man nicht mehr in dem Kampfe, sondern in der Harmonie das Ziel des geistigen Strebens auf allen Gebieten sehen wird, das wird die Zeit sein, in der auch die Missverständnisse gegenüber der Geistesforschung schwinden werden, die heute ebenso begreiflich sind, wenn sie auftreten, auftreten auf religiösem Gebiet oder auftreten auf naturforscherischem Gebiet, wie die Einwände gegen den Kopernikanismus begreiflich in ihrer Zeit waren. Aber einsehen werden die Menschen immer mehr und mehr, dass dieses Ziel gar nicht etwa ein ganz fernes, im Nebulösen weilendes Ideal ist, sondern dass es etwas ist, was wirklich in der nächsten Zukunft angestrebt werden kann und angestrebt werden muss. Merkwürdig nähert sich ja die Naturwissenschaft — ich möchte sagen — ja unbewusst der Geistesforschung. Nur ein sehr oberflächliches Beispiel sei zum Schlusse angeführt.
[ 42 ] Wer sich in die verschiedenen Schriften Haeckels vertieft, der wird in Haeckel gerade einen Menschen finden — der in seinen «Welträtseln» es sogar bis zu einem gewissen Schmähen und Beschimpfen desjenigen, was durch die reine Geistesforschung gefunden werden kann, gebracht hat —, einen Menschen finden, der immer betont hat, es gäbe ein «Substanz-Gesetz», und das sei das Leben, das man suchen müsse. Nun hat er «Ewigkeitsgedanken» geschrieben. Sie sind aufgefasst nicht weniger materiell als seine «Welträtsel» es sind; aber nun wird er instinktiv zu etwas höchst Merkwürdigem geführt. Er sagt: Er erkenne an — gleich im Anfang dieser «Ewigkeitsgedanken» —, er erkenne an die Ewigkeit des Stoffes, die Ewigkeit der Kräfte und die Ewigkeit des Psychoms — die Ewigkeit der Weltenseele —, wie er es übersetzt.
[ 43 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, was tut Haeckel? Redet er immer nur davon: Du Chemiker, Du Physiker, Du sollst deklamieren: Ewigkeit des Stoffes, Ewigkeit der Kräfte? — Nein, Haeckel lässt zu, dass der Chemiker die einzelnen Stoffe, die einzelnen Beziehungen zwischen den Stoffen studiert. Fordert Haeckel, dass man nur ewig deklamiere: Ewigkeit der Kräfte? — Nein, die einzelnen Kräfte-Wahrnehmungen — Elektrizität, Magnetismus und so weiter — werden in ihren gegenseitigen Beziehungen konkret studiert. Nur in Bezug auf das Psychom, auf das Seelische bleibt Haeckel vorläufig dabei stehen, das eine Wort — oder die drei Worte — zu sagen: «Ewigkeit des Psychoms».
[ 44 ] Geisteswissenschaft will nichts anderes, als nun im Einzelnen studieren das Psychom, dasjenige, was sich als geistig-seelisch in der Realität ebenso ausbreitet wie die Stoffe, wie die Kräfte. Wahrhaft intensiv wird gerade der, der aus seiner Naturwissenschaft heraus arbeitet, in die Geisteswissenschaft hineindringen, wenn er noch die Kräfte dazu hat, die ja Haeckel selbstverständlich heute schon fehlen. Aber etwas wird sich herausstellen: Dass, sehr verehrte Anwesende, dass die Menschen in der Zukunft die Natur betrachten werden, [dass sie] auf sich wirken lassen werden das, was die Naturwissenschaft über die Natur zu sagen hat. Heute gibt es noch viele, die da glauben, was die Naturwissenschaft zu sagen hat, das seien Ergebnisse, die man nur zusammenzufassen brauche, dann gäbe es eine Weltanschauung; und dabei müsse man stehen bleiben. Diejenigen, die dies glauben, nennen sich Monisten und so weiter. Aber die Zeit wird kommen, wo man das, was die Naturwissenschaften geben, nicht als Ergebnisse allein betrachten wird, sondern wo man gerade einsehen wird, dass das, was die Naturwissenschaften geben, zu weiteren Fragen führt, ja erst zu den richtigen Fragen führt, wo jedes naturwissenschaftliche Buch, das zu Erkenntniszwecken und Erkenntniszielen studiert wird, nicht den Menschen verführen wird, eitel dabei stehen zu bleiben, was die Naturwissenschaft gibt, sondern ihn zu Fragen führen wird, zu höherem Erkenntnisbedürfnis führen wird. Die Zeit nähert sich, wo das Studium der Naturwissenschaft gerade Fragen aufwerfen wird, nicht den Menschen dazu verführen wird, bei den Ergebnissen der bloßen Naturwissenschaft stehen zu bleiben. Das Bedürfnis wird sich aus dem Studium der Naturwissenschaft ergeben, an die Erforschung des Geistes heranzutreten. Naturwissenschaft wird in der menschlichen Seele ein Bedürfnis erzeugen, und Geisteswissenschaft wird dieses Bedürfnis befriedigen. Wie sonst in der menschlichen Seele Bedürfnisse entstehen und sie befriedigt werden können durch das, was der Gang der Welt gibt, so werden Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft zusammenwirken wie Bedürfnis-Erzeugung und Bedürfnis-Befriedigung. Naturwissenschaft wird das geben, was wie eine sinnliche Realität sich organisiert und Bedürfnis entwickelt; Geisteswissenschaft wird dasjenige geben, was diesem Bedürfnisse dient. Wie die Pflanze aus der Erde wächst, aus dem Stoff der Erde dem Lichte sich zuneigt, das Bedürfnis nach Licht hat, wie das Licht ihr entgegentritt, wärmend und leuchtend die Sonnenkraft in die Pflanze hineindringt und das Leben der Pflanze erst möglich macht als ein einheitlich harmonisches Leben, so werden in der Zukunft diejenigen Bedürfnisse, die sich aus der Naturwissenschaft heraus entwickeln, wie dasjenige erscheinen, was aus dem Boden des Irdischen herauswächst, und dasjenige was Geisteswissenschaft zu bieten vermag, wird das dieses Irdische Überleuchtende und Erwärmende sein. Der Stoff wird das Licht suchen, das Licht wird den Stoff suchen. Naturwissenschaft wird selber wie ein höheres, verfeinertes Stoffliches dastehen. Geisteswissenschaft wird dazu da sein, dieses Stoffliche zu durchwärmen, zu erleuchten.
[ 45 ] So wird Naturwissenschaft werden — das sei zum Schlusse ausgesprochen —, Naturwissenschaft werden wie ein Leib, und Geisteswissenschaft wie eine Seele, und beide werden sie zusammen in voller Harmonie den Organismus geben des menschlichen Erkenntnis- und Wissensstrebens.
