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Wege zur Erkenntnis der ewigen Kräfte der Menschenseele
GA 70b

19 März 1916, München

17. Gesundes Seelenleben und Geistesforschung

Sehr verehrte Anwesende!

[ 1 ] Die Geistesforschung, wie sie gemeint ist in den Vorträgen, die ich nun schon seit Jahren hier halten durfte, sie hat, wie ja hinlänglich bekannt ist, im Grunde genommen nicht nur Gegner und Gegnerschaften von jenen Seiten her, von denen andere Weltanschauungsströmungen je nach ihrer Eigenschaft Gegner und Gegnerschaften haben — der Materialismus hat am Spiritualismus, der Spiritualismus am Materialismus, der Idealismus am Realismus und so weiter seine Gegner —, von Geisteswissenschaft kann man in einem gewissen Sinne heute noch sagen, sie werde bekämpft von allen möglichen Weltanschauungsrichtungen her. Und da muss denn die Frage entstehen: Woran liegt es eigentlich im Wesentlichen, dass gerade Geisteswissenschaft von der gegenwärtigen Zeitbildung im Ganzen und Großen in einer so starken Weise abgelehnt wird?

[ 2 ] Es ist ja von mir auf dasjenige, worauf es in Bezug auf diese Frage ankommt, hier schon wiederholt aufmerksam gemacht worden. Das Eigentümliche liegt gerade bei dieser Geisteswissenschaft vor, dass die Gegnerschaften nicht entspringen dadurch, dass man diese Geisteswissenschaft genauer kennenlernt, dass man sich mit ihr befasst, um dann mit ihr nicht einverstanden sein zu können, sondern die Gegnerschaften liegen vielmehr darinnen in der Hauptsache begründet, dass wenig Neigung besteht auf dieser oder jener Seite, sich in das eigentlich Wesentliche, in das Bedeutungsvolle dieser geisteswissenschaftlichen Richtung einzulassen.

[ 3 ] Dafür aber erdichtet man allerlei Eigenschaften, welche diese Geisteswissenschaft haben müsse nach den Vorstellungen, die man sich ohne Kenntnis von ihr selber macht. Man denkt ungefähr so: Nach alledem, was ich weiß und nach dem, was ich so obenhin von da oder dort habe sagen hören, will diese Geisteswissenschaft das oder jenes — oder vielmehr, man denkt sogar noch anders, man denkt: muss sie ja dies oder jenes wollen. Also ist sie in diesem oder jenem Sinne selbstverständlich verwerflich.

[ 4 ] Und da stellt sich denn die Eigentümlichkeit heraus — gerade die Eigentümlichkeit wird, wenn man tiefer eingeht bei der Betrachtung des Verhältnisses der Geisteswissenschaft zu anderen Weltanschauungsströmungen, beobachtet werden können —, da stellt sich dann das Eigentümliche heraus, dass viele Menschen gegen Geisteswissenschaft dies oder jenes geltend machen unter der Voraussetzung, dass es die Geisteswissenschaft treffen könne, während in Wahrheit das vorliegt, dass man in Bezug auf dasjenige, was diese Leute behaupten, als Geisteswissenschafter in dem Sinne, wie die Geisteswissenschaft hier gemeint ist, ganz einverstanden ist, dass man gar nichts dawider hat gegen das, was diese Leute sagen, dass sie nur glauben, man müsse, weil man eben gerade auf dem Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft steht, dies oder jenes gegen sie einwenden.

[ 5 ] Also das Eigentümliche liegt vor, sehr verehrte Anwesende, dass Geisteswissenschaft bekämpft wird von demjenigen sehr häufig, mit denen sie eigentlich ganz einverstanden ist in allem Positiven, das sie fordern.

[ 6 ] Ein besonderes Gebiet, das gewissermaßen von dem Lichte, auf das hier eben hingewiesen worden ist, aus beleuchtet werden muss, ist dasjenige, das zum Gegenstand der heutigen Betrachtung gemacht werden soll: «Gesundes Seelenleben und Geistesforschung». Denn es wird sich immer wieder und wiederum einstellen, dass gerade die Verfahrensarten, die Methoden des geisteswissenschaftlichen Forschens, dass die Wege, die Geisteswissenschaft eingeschlagen hat, dass diese hingestellt werden namentlich von denjenigen, die sich unter dem Einfluss der heutigen Denkgewohnheiten ihre Anschauungen auf dem Boden reiner Naturwissenschaft glauben errichtet zu haben — es wird sich immer wieder herausstellen, dass diese Methoden, diese Verfahrensarten wie etwas Ungesundes, wie etwas Krankes behandelt werden oder wenigstens zusammengeworfen werden mit etwas Krankem. Und dabei kann man nicht einmal sagen, sehr verehrte Anwesende, dass die Ursache zu solchen Missverständnissen einzig und allein bei denen liegt, die von dieser Seite her missverständliche Gegnerschaft entwickeln, sondern es liegen die Ursachen noch in ganz anderen Verhältnissen, die dann im zweiten Teile der heutigen Betrachtung auch berücksichtigt werden sollen.

[ 7 ] Zunächst aber möchte ich einiges Wesentliche in Bezug auf die Verfahrensarten der Geisteswissenschaft entwickeln, um so an der wirklichen Methode der Geistesforschung zu zeigen, wie wenig Berechtigung es hat, wenn auf diese Methode als auf irgendetwas hingewiesen wird, das auch nur im Allerentferntesten mit einem irgendwie krankhaften Seelenleben zusammenhängen könnte. Ich werde dabei absehen heute von dem, was ich oftmals mir hier schon darzustellen erlaubte im Laufe der Jahre; ich werde absehen von einer genaueren Schilderung desjenigen, was die Menschenseele zu vollziehen hat, um auf den Weg der Geistesforschung zu kommen und diesen Weg zu wandeln. Das Genauere über die inneren Verfahrensarten der Seele findet man ja ausführlich beschrieben in den schon öfter hier angeführten Büchern: im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft im Umriss», auch am Schlusse meiner «Theosophie» und ausführlich in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». [Aus diesen Schriften wird in Bezug auf die Verfahrensarten viel hervorgehen. Ich möchte heute aber schildern die Wirkung des geistesforscherischen Weges auf die Menschenseele, also nicht so sehr dasjenige, was der Geistesforscher zu tun hat, als vielmehr dasjenige, wie die Wirkung auf seine Seele ist von dem, was er zu wirken hat.]

[ 8 ] Ein Wesentliches von dem, was der Geistesforscher zu vollbringen hat, um sich auf dem Weg in die geistige Welt hineinzubewegen, ist ja, wie oftmals betont worden ist, eine gewisse Umformung, eine Entwicklung des Denkens, des menschlichen Denkens. Man unterscheidet ja so populär auch die drei menschlichen Seelenkräfte: Denken, Fühlen und Wollen. Alle drei Seelenkräfte erfahren unter der Einwirkung des geisteswissenschaftlichen Weges eine gewisse Veränderung, eine gewisse innere Entwicklung im Seelenleben.

[ 9 ] Eine solche Entwicklungsrichtung bezieht sich nun auf das Denken. Was wird — so kann die Frage gestellt werden — mit dem, was der Mensch sein Denken nennt, eigentlich vorgenommen, wenn er geisteswissenschaftlicher Forscher werden will? In einer gewissen Weise wird dem Denken ein Anstoß gegeben — aus der Willkür der Seele heraus ein Anstoß gegeben —, sodass dieses Denken etwas anderes wird, als es im gewöhnlichen Leben ist. Im gewöhnlichen Leben entwickelt das Denken Gedanken. Diese Gedanken sind dazu da, dass sie irgendein äußeres Wirkliches abbilden. Man sagt, man habe ja dadurch einen wahren Gedanken, dass dieser wahre Gedanke sich auf ein Wirkliches bezieht, das er abbildet. Solches Ziel des Denkens ist für das alltägliche Denken und auch für das im gewöhnlichen Sinne des Wortes wissenschaftliche Denken durchaus gesund.

[ 10 ] Für den Geistesforscher ist dieses Denken, das im alltäglichen Leben gerechtfertigt ist, das in der gewöhnlichen Wissenschaft unbedingt angewendet werden muss, nur der Ausgangspunkt seines Forschungsweges. Der Geistesforscher muss sich solchen inneren Verrichtungen hingeben, dass er innerhalb des Denkvorganges seine Aufmerksamkeit nicht so sehr wendet auf den Inhalt der Gedanken — das, wie gesagt, ist für anderes wichtig, nicht zunächst für den geistesforscherischen Weg —, also nicht auf den Inhalt der Gedanken wird die Aufmerksamkeit gewendet, sondern — das Denken ist ja eine bestimmte Tätigkeit, eine innere Verrichtung —, die Aufmerksamkeit wird abgelenkt — darin besteht im Wesentlichen die Kultur dieses Denkens, das hier gemeint ist —, die Aufmerksamkeit wird abgelenkt von dem Inhalte des Denkens und wird hingelenkt ganz und gar auf die innere Tätigkeit des Denkens, die verrichtet wird.

[ 11 ] Der Denkende erfasst sich in denkerischem Tun, richtet so stark die Aufmerksamkeit auf dieses denkerische Tun, auf das, was da eigentlich in ihm vorgeht, dass diese Aufmerksamkeit zugleich völlig abgelenkt wird von einem jeglichen Gedankeninhalt — ja, dass es so weit kommt, dass der Gedankeninhalt vollständig aus dem Bewusstsein ausgetrieben wird, und der Mensch zuletzt dazu gelangt, dies selber zu machen in einem inneren Tätigkeitsprozess, der Denken ist, aber der nicht erfüllt ist von bestimmten, auf irgendetwas bezüglichen Gedanken.

[ 12 ] Dadurch aber erlebt man das Eigentümliche in dem Denkvorgang, etwas zum Bewusstsein zu bringen, was im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft in diesem Denkvorgang nicht zum Bewusstsein kommen darf, weil sonst das Urteil über die äußeren, sinnlich wirklichen Dinge getrübt wird.

[ 13 ] Unserem Denkvorgang liegt verborgen zugrunde ein Willensprozess. Dies, was Denkwille ist, was im Denkvorgang als ein eigentlich unbewusster Willensvorgang ist, das wird abgelöst von dem, was das Denken sonst im Leben ist, und die Seele hält das Bewusstsein einzig und allein auf dieser inneren Willenswirklichkeit des Denkens. Dadurch wird von dem Denken des gewöhnlichen Lebens durch einen inneren, geistig-seelischen Vorgang, der durchaus ein wirklicher ist, etwas losgelöst in demselben Sinne, nur eben geistig-seelisch, nicht physisch, etwas losgelöst — wie in dem chemischen Prozesse, der Wasserstoff aus dem Wasser heraus loslöst, den Wasserstoff vom Sauerstoff trennt, eben der Wasserstoff vom Wasser losgebunden wird, in genau demselben Sinne — nur eben ins Seelisch-Geistige übertragen. Es wird also eine wissenschaftliche Methode, die im äußeren Leben wohl anerkannt ist, die wird einfach ins Geistig-Seelische übertragen.

[ 14 ] Dasjenige, wozu man da kommt, das kann nur erlebt werden, sehr verehrte Anwesende, selbstverständlich nur erlebt werden. Und was erlebt wird, das besteht darinnen, dass man nun losgelöst hat von dem Denkprozess einen Willensprozess, von dem man jetzt weiß, dass — indem man in ihm lebt — man nicht mehr im physischen Leibe lebt. Das klingt selbstverständlich zunächst phantastisch für denjenigen, der sich mit diesen Dingen nicht vertraut gemacht hat. Es klingt auch phantastisch für viele, die da glauben, mit ihren Denkgewohnheiten auf dem festen Boden der Naturwissenschaft zu stehen, und von vornherein so etwas, wie das, was eben gesagt worden ist, als phantastisch ansehen.

[ 15 ] Dennoch, indem man immer weiter und weiter mit Ausdauer und eiserner Energie die eben beschriebene Entwicklung des Denkens treibt in seiner Seele, desto mehr wird man gewahr, wie man wirklich dadurch zuletzt in einem Element lebt, welches nur den Willen, der im Denkprozesse vorhanden ist, in der Seele erlebt; aber so erlebt, dass das Erlebnis frei vom Leibe ist.

[ 16 ] Man erfährt das, dass es frei vom Leibe ist, dieses Erlebnis, auf zweierlei Art, durch zweierlei: Das erste ist, dass man das — und man darf wohl sagen — erschütternde Erlebnis haben kann, dass man wirklich nunmehr, wenn man so weit gekommen ist, wie es eben beschrieben worden ist, die eigene Leiblichkeit, auch die physischen Erlebnisse, die man sonst als zu sich gehörig erfährt, dass man diese so außer sich ungefähr hat, wie man sonst im physischen Wahrnehmen Berge, Tische und Stühle [— eben äußere Tatsachen —] vor sich hat. — Das Herausgetreten-Sein aus dem physischen Leibe erfährt man dadurch, dass man nun diesen physischen Leib nicht mehr innerhalb des subjektiven Erlebens hat, sondern dass man ihn als äußeren Gegenstand, als äußeres Objckt hat. — Das ist das Eine.

[ 17 ] Das Zweite aber ist, dass eine ganz bestimmte Umwandlung des Denkens durch die Vorgänge sich vollzieht, die eben beschrieben worden sind. Das gewöhnliche Denken, das der Mensch im Alltag und in der gewöhnlichen Wissenschaft entwickeln muss, das hat die Eigentümlichkeit — und muss die Eigentümlichkeit haben —, dass die Gedanken, die es entwickelt, erinnert werden können. Für das gesunde Seelenleben innerhalb des physischen Leibes ist dies eine Notwendigkeit, dass die Gedanken, die entwickelt werden an den äußeren Dingen oder an den inneren Seelenvorgängen, dass diese Gedanken — wenn wir den groben Ausdruck gebrauchen dürfen —, indem sie leben, haften bleiben und später wiederum aus diesem Seelenleben heraufgeholt werden können. Diese Möglichkeit, die erlebten Gedanken zu erinnern, diese Fähigkeit zum Gedächtnisse, die muss verbunden sein mit dem gesunden Seelenleben des Alltags und der gewöhnlichen Wissenschaft.

[ 18 ] Ich habe ja auch hier schon öfter erwähnt, wie dieses gesunde Seelenleben gestört wäre, wenn solche Erinnerungsfähigkeit nicht vorhanden wäre zurück bis zu dem Zeitpunkt, dem wir uns überhaupt unseres Ichs in der Kindheit, in der ersten Kindheit bewusst werden können. Ein Seelenleben, das eine Unterbrechung hat in der fortlaufenden Erinnerungsfähigkeit, das nicht anerkennen könnte, dass seine Erlebnisse zu seinem Ich gehören, das wäre ein krankes Seelenleben.

[ 19 ] Es gibt solche Erkrankungen des Seelenlebens. Es gibt Menschen, bei denen der Zustand eintritt, dass sie ganz verständig sind, intelligente Handlungen ausführen können, dass sie aber vergessen, wie sie in ihrem inneren Leben dies oder jenes haben an sich herantreten sehen oder wie dies oder jenes in ihrem inneren Leben geworden ist. Da können solche Menschen — gewissermaßen dadurch, dass ihr Ich in ihnen unterbrochen ist, dieses Ich, das mit der Erinnerungsfähigkeit so innig zusammenhängt —, trotzdem sie intelligente Handlungen ausführen, durchaus als mit einem kranken Seelenleben behaftet erscheinen in der Erinnerungsfähigkeit.

[ 20 ] So ist, sehr verehrte Anwesende, die Erinnerungsfähigkeit, dasjenige, was mit dem Hegen der Gedanken [im] Denken verbunden ist.

[ 21 ] Ganz anders ist das bei jener inneren Seelenverrichtung, zu der man kommt, wenn man das in der Seele vollzieht, was eben beschrieben worden ist. Da erlangt man die Möglichkeit, wirklich zu weben in einem zunächst unbestimmten Erleben. Man weiß ganz genau: Man ist in einer neuen Wirklichkeit darinnen; in einer Wirklichkeit, die sich wesentlich unterscheidet von der äußeren Sinneswirklichkeit und auch [von] der Wirklichkeit, die mit dem Verstande erfasst werden kann.

[ 22 ] Aber das, was man erlebt, was sich zunächst in die Willenswirklichkeit durchwebenden Bildern, sogenannten Imaginationen zeigt — Sie finden das in den genannten Büchern ausgeführt —, das zeigt sich so, dass es so, wie es unmittelbar ist, nicht in die Erinnerungsfähigkeit übergehen kann. Und das ist ein Wesentliches dieses höheren Denkens. Weil schon kein anderer Ausdruck da ist, soll es so genannt werden: Dieses höhere Denken, das aus dem Denken heraus entwickelt wird, das kann nicht so unmittelbar erinnert werden. Das gehört einer Welt an, in der man jetzt lebt und webt, die in stetigem Werden ist, einer Welt, die vorbeihuscht. Man könnte es zunächst vergleichen mit vorüberhuschenden, nicht der Erinnerung sich einprägenden Träumen, wo diese Träume eben andersartig sind als die gewöhnlichen Träume des alltäglichen Lebens.

[ 23 ] Wenn man so unmittelbar dieses seelische Erleben nimmt, das eben beschrieben worden ist, dann kann man sagen: Man erlebt einmal einen bestimmten Seeleninhalt; er prägt sich so, wie er ist, unmittelbar nicht dem Gedächtnis ein — [etwa in einer Weise, dass man später sagen könnte: Was habe ich dazumal erlebt? Und dass man dann das Erlebnis nicht wieder zu haben bräuchte, sondern sich einfach daran erinnern könnte; das ist eben nicht so!] Will man das, was man geistig so erlebte, wiederhaben, dann muss es in derselben Art auch wieder neu erlebt werden. Und daran erkennt man, dass man wirklich in der geistigen Welt drinnensteht, dass kein Erinnerungsrest von dem bleibt unmittelbar, was man in der geistigen Welt erinnert. Daran erkennt man es gerade!

[ 24 ] Und daran erkennt man noch ein anderes: Daran erkennt man, dass alles dasjenige, was, wie das gewöhnliche, alltägliche Denken Erinnerungsreste lässt, dass dies angewiesen ist in seinem Verlaufe auf die Leiblichkeit des Menschen als seinem Werkzeuge. Und gerade der Geistesforscher, der hierinnen vollständig übereinstimmen kann mit gewissen Richtungen der neueren Naturwissenschaft, gerade der Geistesforscher sieht ein, dass dieses gewöhnliche Denken gar nicht ablaufen kann, ohne dass in Tätigkeit versetzt wird der Leibesorganismus, das Nervensystem und dasjenige, was mit dem Nervensystem im übrigen Leibesorganismus zusammenhängt. Und durch die — im groben Sinne wiederum gesprochen — Einprägung des Gedankenlebens in das leibliche Leben bleiben die Erinnerungsreste.

[ 25 ] So kann man unterscheiden lernen, was wirklich im Geistigen erlebt ist [von dem, was] nur erdacht ist und gebunden ist an die Leiblichkeit. Und gerade dadurch, dass man das geistige Erlebnis der beschriebenen Art so erkennt, dass es im Grunde genommen nur im Erlebnis selber da ist, in seinem Vorgehen selber da ist, dadurch lernt man es erkennen, [lernt man es] unterscheiden von alledem, was an die physische Leiblichkeit gebunden ist. Denn in dem Augenblicke, wo irgendein Rest zurückbleibt im physischen Menschen, ist auch das Leibesleben beteiligt.

[ 26 ] Man muss schon, sehr verehrte Anwesende, wenn man in die Geisteswissenschaft eindringen will, genauere Unterscheidungen allerdings machen. Sie könnten jetzt nämlich die Frage aufwerfen: Ja, also gibt es für den Geistesforscher keinerlei Möglichkeit, sich an dasjenige zu erinnern, was er einmal auf dem Gebiete des Geistes in der beschriebenen Art erlebt hat?

[ 27 ] Ich habe, um richtig zu sprechen, immer ein Wort gebraucht, das ich wohl zu beachten bitte. Ich habe das Wort gebraucht: «Unmittelbar prägt sich das geistige Erlebnis nicht dem Gedächtnisse ein.» — Nicht «unmittelbar»; aber wenn es dann erlebt ist, wenn dieses geistige Erlebnis gemacht ist, dann kann man es herüberströmen lassen, in das gewöhnliche Vorstellen. Es kann umgesetzt werden in einen gewöhnlichen Gedanken, und an diesen gewöhnlichen Gedanken kann man sich dann erinnern, genau ebenso, wie man an einen äußeren Lebensvorgang sich erinnern kann. Man hat sich von ihm eine Vorstellung gebildet. Die Vorstellung behält man; aber den Lebensvorgang, den trägt man nicht mit im Leben. Will man ihn wiederhaben, dann muss man ihn neu erleben, genauso wie mit einem äußeren Lebensvorgange, der auch nicht selber im Gedächtnis fortlebt, sondern nur in der Vorstellung, die man sich von ihm gebildet hat.

[ 28 ] Genauso, wie das bei dem äußeren Lebensvorgang ist, so ist es dann im geistigen Erleben. Nicht das geistige Erleben als solches geht in das Gedächtnis über, sondern nur dasjenige geht ins Gedächtnis über, was entstanden ist, wenn man das geistige Erlebnis zuerst selber wiederum durch Willkür hat hereinströmen lassen in das gewöhnliche Gedankenleben.

[ 29 ] So wie ich es eben beschrieben habe, vollzieht sich die eine Seite der Loslösung des geistig-seelischen Lebens von dem Leibesleben. Aber diese Seite darf nicht die einzige bleiben. Und daher sind auch alle die inneren Seelenverrichtungen, die den Weg angeben sollen, der in die geistige Welt hineinführt, in den genannten Büchern beschrieben. Sie sind so angelegt, dass dieser Entwicklung des Seelenlebens, wie sie eben charakterisiert worden ist, eine andere Entwicklung parallel geht. Und wie die eine Entwicklung das Denken in eine gewisse Richtung bringt durch einen inneren Anstoß, so bringt die andere Richtung das Willensleben des Menschen, das Wollen zu einer gewissen Entfaltung, die nun wiederum als solche nicht da ist im gewöhnlichen Leben und von der auch die gewöhnliche Wissenschaft, auch die gewöhnliche Seelenwissenschaft, nichts wissen kann.

[ 30 ] Man kann — wie gesagt, heute sollen nicht die Dinge wiederholt werden, die hier oftmals besprochen worden sind, sondern die Wirkungen [sollen] beschrieben werden —, man kann den Willen des Menschen so kultivieren, dass man auf diesen Willen hinschaut, wie man sonst nur auf äußere Gegenstände hinschaut. Im gewöhnlichen Leben hat man Wille. Man hat Willensimpulse, die aus Meinungen, aus äußeren Anliegen und dergleichen stammen. Aber wenn man will, so fließt dasjenige, was Wollen ist, so eng zusammen mit dem, was sich als Handlung und dergleichen vollzieht, oder es bleibt in der Empfindung des Wunsches enthalten, dass der eigentliche Willensvorgang nicht angeschaut wird. Auch die oftmals mystisch genannte Selbstbeobachtung, die so leicht zu gewissen [Zielen], die sie sich steckt, zu kommen glaubt, auch diese Selbstbeobachtung weiß nichts von einer wirklichen Beobachtung des Willens.

[ 31 ] Diese wirkliche Beobachtung des Willens muss wiederum in einer langen, energischen und ausdauernden Seelenarbeit erreicht werden. Da gelangt der Mensch dazu, dem Streben eine gewisse Gestalt zu geben: Zuschauer seines eigenen Willens zu werden. Aber da stellt sich etwas sehr Sonderbares wiederum heraus. Indem man strebt, Zuschauer seines eigenen Willens zu werden, indem man gewissermaßen danach strebt, das eigene Wollen so anzuschauen, wie man sonst äußere mineralische oder pflanzliche oder sonstige Wesenheiten anschaut, da gelangt man dazu, dass man sich nach und nach ganz wie selbstverständlich verliert, dass man aufhört, gewissermaßen Zuschauer zu sein.

[ 32 ] Also das Sonderbare tritt ein, dass man dasjenige, was man gerade energisch anstreben muss — Zuschauer zu sein seines Willens —, dass das im Erarbeiten dieser Zuschauerschaft wie sich selbst auslöscht! Man löscht sich wirklich aus, indem man versucht, immer mehr und mehr auf seinen Willen hinzuschauen, man löscht sich aus!

[ 33 ] Dafür aber wird der Wille, den man anschaut, immer weniger und weniger den Charakter des Willens, den Charakter des Wollens tragen. Dasjenige, was man bisher als Wollen erlebt hat, wird einem erscheinen wie eine Oberflächengestaltung des inneren Seelendaseins. Und aus dieser Oberfläche dringt gewissermaßen aus einem Unterirdischen hervor durch diese Oberfläche, durch etwas, wovon man früher gar nichts gewusst hat, man lernt erkennen, dass unter der Oberfläche des Wollens etwas verborgen ist.

[ 34 ] Was ich jetzt erzähle, ist nicht ein Bild nur, nicht eine Metapher oder ein Scheinbild, sondern es ist eine volle Wirklichkeit, eine Wirklichkeit, die sogar viel wirklicher ist als irgendwelche äußeren, handgreiflichen Ereignisse! Das, was da herausspringt aus dem Willen, was immer im alltäglichen Leben unbewusst bleibt, das ist, ja, es ist ein Bewusstsein selber. Man erfährt, dass man in sich trägt während seines ganzen Lebens einen inneren, unsichtbaren, unbewussten Zuschauer seines ganzen Wollens.

[ 35 ] Dieser andere Mensch im Menschen ist eben ganz wirklich. Er ist in jeder Menschenseele vorhanden, und er kann nur so angeschaut werden, dass man den Blick auf das Wollen hinrichtet. Und dadurch, dass gewissermaßen das eigene Bewusstsein ausgelöscht wird, [durch die Oberfläche des Wollens ein anderes, ein höheres Bewusstsein hervordringt], das sich an die Stelle des gewöhnlichen Bewusstseins setzt, ist es Willenswirklichkeit, die auf die vorhin angedeutete Weise durch Geistesentwicklung aus dem Denken geholt wird, holbar wird. So ist es ein anderes Bewusstsein als das alltägliche Bewusstsein, das nun entbunden wird der Willenstätigkeit.

[ 36 ] Und man lernt nun, statt in dem gewöhnlichen Bewusstsein die Welt bloß anzuschauen, mit diesem Bewusstsein, das man selber aus dem Gewoge und Getriebe seines Willens geboren hat, mit diesem Bewusstsein eine [neue] Welt anzuschauen.

[ 37 ] Aber dasjenige, was also aus dem Willen sich entwickelt hat, was man also als eine Willens-Seelenkraft kennenlernt, das muss sich verbinden mit dem, was sich aus dem Denken entwickelt. Dieses Bewusstsein, das aus dem Willen hervorgebrochen ist, muss sich — ich möchte sagen — geistig-chemisch verbinden mit jener Willenswirklichkeit, die aus dem Denken hervorgebrochen ist. Dann ist der innere Geistmensch vorhanden — der sich nun weiß als der Geistmensch völlig frei vom Leiblichen und zu gleicher Zeit weiß in einer geistigen Wirklichkeit drinnen, so wie der Sinnesmensch mit seinen Augen und Ohren sich in der physisch-sinnlichen Wirklichkeit drinnen weiß.

[ 38 ] Würde man nur dasjenige entwickeln, was sich aus dem Denken herausholen lässt, so würde man in eine immer mehr und mehr bange, man könnte sogar sagen angstvolle Seelenstimmung kommen, zu einem Erfühlen einer inneren Einsamkeit. Dadurch, dass man loslöste vom Denken das, was von ihm losgelöst werden kann, findet man sich eigentlich nur selber, selber webend und wesend in geistigem Werden — in einem geistigen Werdeprozess. Das, was man da einseitig erleben würde, ließe sich vergleichen mit der Fähigkeit, seine Hände überall hin auszustrecken, überall hin Greifbewegungen zu machen, aber nirgend etwas ergreifen zu können. Seine eigene geist-seelische Wirklichkeit würde man erleben, aber nicht eine geist-seelische Wirklichkeit außerhalb [von] einem [selbst]. Diese geist-seelische Wirklichkeit außerhalb von einem erlebt man dadurch, dass aus dem Willenswesen das Bewusstsein, das angedeutet worden ist, herausgehoben wird. Und in und durch dieses Bewusstsein, in diesem und durch dieses Bewusstsein erlebt man jetzt eine geistige Außenwelt, wie man durch die Sinne eine physische Außenwelt erlebt.

[ 39 ] Sie sehen daraus, sehr verehrte Anwesende, dass es darauf ankommt bei allem Streben nach Geistesforschung, innerhalb der Seele etwas zu entwickeln, was vollständig diese Seele unabhängig von aller Körperlichkeit macht. Und diejenigen Vorgänge, die die Seele wirklich entwickelt, die sind einzig und allein seelisch-geistige Vorgänge. All das, was geschieht zur Fortentwicklung der Seele, all das sind intime, innere Seelenvorgänge, bei denen der Körper nichts mittun kann; denn sie bestehen gerade ihrem Wesen nach darinnen, dass das Geistig-Seelische herausgezogen wird aus dem Körperlichen. Daraus aber folgt, dass das Körperliche als solches keinen Anteil haben kann an der Entwicklung der wirklichen geistesforscherischen Methoden, weil deren Wesenheit gerade darinnen besteht, dass man sich unabhängig macht von allem Körperlichen.

[ 40 ] In dem Augenblicke, wo man glaubt, dass man durch irgendwelche Vorgänge in der Körperlichkeit, die so weit abgestreift werden müssen, dass sogar unmittelbar das Gedächtnis ausgeschlossen ist — wer da glaubt, dass man durch irgendwelche körperlichen Vorgänge sich in die Geistwelt hineinleben kann, der ist eben in einem vollständigen Irrtum.

[ 41 ] Und nun frage man sich, sehr verehrte Anwesende: Wie soll es möglich sein, dass irgendwie ein ungesundes menschliches Erleben herbeigeführt werde durch Verfahrensarten, die den Menschen dahin bringen, etwas zu erleben, was völlig frei ist von seiner Leiblichkeit? Wie soll die Leiblichkeit ruiniert werden können, beeinträchtigt werden können von irgendetwas, was gerade dadurch das ist, was es ist, dass es sich unabhängig macht von aller Leiblichkeit? Es wird allerdings noch eine Weile dauern, bis in weiteren Kreisen derjenigen Leute, die ein wissenschaftliches Urteil haben, eingesehen wird, dass wahrhaftige geisteswissenschaftliche Methoden — und es sind dies ja nur diejenigen, die wirklich in die Geisteswelt hineinführen — so den Menschen von allem Körperlichen unabhängig machen, dass es ein Unding ist, von einem kranken Seelenleben in irgendeinem Zusammenhange mit den geistesforscherischen Verfahrensarten zu sprechen! Denn gerade Geistesforschung — aus solchen Voraussetzungen heraus, wie sie jetzt mit einigen Strichen eben charakterisiert worden sind — muss damit Bezug auf alles dasjenige, was die neuere Naturwissenschaft zu sagen hat über Abhängigkeit des Seelenlebens von dem körperlichen Erleben, gerade mit wahrer Naturwissenschaft voll einverstanden sein.

[ 42 ] Schon das gewöhnliche Gedächtnis, das also durchaus eine Seelenkraft ist, die innerhalb des gesunden Seelenlebens steht, schon das gewöhnliche Gedächtnis weiß: Geistesforschung ist an das Werkzeug des Leibes geknüpft, weil das Denken so wirken muss, dass gleichsam das Denkgewebe hineinwellt — seine Wellen hinein fortschickt in das Leibliche und daher dem Leiblichen seinen Anteil gibt, indem es erinnerungsfähige Gedanken entwickelt.

[ 43 ] Zu einer tiefen Einsicht kommt gerade die Geistesforschung mit Bezug auf den Anteil des Leibeslebens an dem Seelenleben. Und es ist nur ein Irr- und Wahnglaube, wenn von irgendeiner naturwissenschaftlichen Richtung aus gemeint wird, dass wahre Geistesforschung in Abrede stellen wolle die Abhängigkeit des gewöhnlichen Gedankens- oder auch Willenslebens von der Leiblichkeit. Gerade durch diese geistige Forschung wird es klar, dass dasjenige, was unabhängiges, seelisch-geistiges Leben sein soll, erst heraus entbunden werden muss aus dem gewöhnlichen Seelenleben.

[ 44 ] Das gewöhnliche Seelenleben aber ist so — und gerade vom Gesichtspunkt des frei gewordenen Seelenlebens erfährt man das —, das gewöhnliche Seelenleben ist so, dass es überall untertaucht mit seiner Verrichtung in das gewöhnliche Leibesleben und damit von diesem Leibesleben bis zu einem gewissen Grade abhängig ist.

[ 45 ] Und weiter zeigt sich in dem erlebten Forschen des Geisteswissenschafters, wie andere Seelenäußerungen, andere Seelenerlebnisse, welche mit Recht unter die krankhaften Seelenerlebnisse gerechnet werden, wie die durchaus an das Leibesleben gebunden sind. Wenn der Naturforscher kommt und sagt: Wir kennen Visionen, wir kennen Halluzinationen, wir kennen Illusionen — wir müssen, wenn wir auch nicht alle Einzelheiten erforscht haben, durchaus auf dem Standpunkt stehen, dass ein illusionäres, ein halluzinatorisches Seelenleben darinnen begründet ist, dass das Werkzeug, des Leibes, das in Anspruch genommen werden muss durch das Seelenleben, nicht in der richtigen Weise funktioniert. Wenn der Naturforscher dies sagt, so wird er finden, wenn er nur will: Da ist gerade der wahre Geistesforscher mit ihm völlig einverstanden. Denn das Zusammenwerfen von Visionen, Halluzinationen, Illusionen mit demjenigen, was eben beschrieben worden ist als sich im wahren Geistesforscherischen entwickelnd, dieses Zusammenwerfen bedeutet ein Zusammenwerfen von Dingen, die so verschieden sind wie Tag und Nacht.

[ 46 ] Die Entwicklung der Seelenkräfte, die die Geistesforschung braucht, liegt in der genau entgegengesetzten Linie von denjenigen Vorgängen in der Seele, die zu Halluzinationen, Visionen oder Illusionen führen, und derjenige, der darinnen steht in der Entwicklung der geistesforscherischen Fähigkeiten, der weiß, dass er nicht demjenigen in der Seele sich hingeben kann, was etwa zu Visionen, Illusionen oder Halluzinationen führt, sondern dass er sich gerade vielmehr denjenigen Kräften in der Seele hingebe, die allein fruchtbar für ihn sind, die allein ihn führen zu etwas, welches geeignet ist, Halluzinationen, Illusionen, Visionen zu vertreiben, zu bekämpfen, wegzuschaffen. In einer Steigerung dessen, in etwas, was gesund macht von Visionen, gesund macht von Halluzinationen oder Illusionen liegt die Entwicklung des geistesforscherischen Seelenlebens. Denn Halluzinationen, Visionen, Illusionen machen den Menschen in einem viel höheren Grade abhängig im Sinne des Geistesforscherischen von seinem Leibesleben, als ihm das gewöhnliche Seelenleben, das er im Alltag entwickelt, dieses gesunde gewöhnliche Seelenleben, vom Leibe abhängig erscheinen lässt.

[ 47 ] Da wird allerdings eine Welt berührt, indem man nun ja gerade als Geistesforscher vielleicht nicht so sehr von der Naturwissenschaft, aber von einer Weltanschauungsrichtung, die auch Geistesforschung sein will, missverstanden wird. Und da berührt man ja dasjenige Gebiet, wo manche Menschen [fordern, dass] wahre Geistesforschung — die ja schwierig ist — [nicht schwierig sein soll;] schwierig sollen diese Dinge nicht sein. Eine Uhr zu verstehen, ist schwierig; man lässt sich aber darauf ein, wenn man sie begreifen will; aber dasjenige, was die tiefen Weltgeheimnisse und die Geheimnisse der Seele sind, das soll nicht schwierig sein zu verstehen!

[ 48 ] Diejenigen aber, die die Schwierigkeit der Geistesforschung scheuen, die finden einen bequemen Weg, um in die geistige Welt hineinzublicken, gerade in dem Hervortreten eines visionären, eines halluzinatorischen Lebens — wenn auch diese halluzinatorische Welt in allerlei Verbrämungen auftritt. Und das Übel ist dann, dass Geistesforschung von denjenigen, die sich auf die Unterschiede nicht gern einlassen, nur allzu leicht zusammengeworfen wird mit all dem dilettantischen Treiben, das Visionen, Halluzinationen statt wahrer geistiger Anschauung einheimsen will.

[ 49 ] Der Geistesforscher steht in Bezug auf diese Dinge auf dem folgenden Standpunkt, er steht auf diesem Standpunkt so, dass dasjenige, was er von ihm aus zu vertreten hat, in der Geistesforschung Praxis wird. Er steht auf diesem Standpunkt: Das gewöhnliche Geistesleben, das uns bekannt macht in gesunder Weise mit der physischen Umwelt, und mit manchem, was an der physischen Umwelt durch den Verstand begriffen werden kann, der an das Gehirn gebunden ist, dieses Geistesleben ist in seinem Denken, Fühlen und Wollen an den ganzen menschlichen Leib gebunden. Der normal organisierte ganze menschliche Leib ist das Werkzeug für dieses äußerlich gesunde Geistesleben. Wenn wahres Hellschen eintreten soll, sodass man wirklich in eine Geisteswelt hineinschaut, dann muss der Mensch sich erheben über dieses normale, an den Leib, an den gesunden Leib gebundene, gewöhnliche Anschauen der Dinge. Er muss sein Schauen umfassender machen. Und vor allen Dingen: Er muss es tauglicher, mehr dem Willen unterworfen machen. Er muss es so machen, dass — während ein großer Teil desjenigen, was im gewöhnlichen Geistesleben verfließt, eben weil der Leib als Werkzeug dient, unbewusst bleibt — im geistigen Anschauen der Mensch nicht so passiv sein kann, wie er beim gewöhnlichen Anschauen ist, sondern tätig sein muss in allem, was er sich zur Anschauung bringt; er muss Wille, innere Regsamkeit entwickeln. Kurz, der Mensch muss bei wahrem Hellsehen weiter werden in seinem Erleben, als dasjenige ist, dasjenige Erleben ist, das an den Leib gebunden ist.

[ 50 ] Dasjenige aber, was im halluzinatorischen, im visionären, im illusionären Seelenleben angeschaut wird, das ist mehr an den Leib gebunden. Weil zumeist nicht an den vollständigen Leib, sondern an einen Teil des Leibes — sodass ein anderer Teil des Leibes sogar heruntergelähmt ist —, ist das mehr an den Leib gebunden, als das gewöhnliche Geistesleben, das in dem Alltag entfaltet wird.

[ 51 ] Sodass man auf dem Wege der Visionen, der Halluzinationen, der Illusionen nicht in eine geistige Welt hineinschaut, die einem mehr Aufschlüsse geben kann als die äußere Sinneswelt, sondern im Gegenteil: Man kommt nicht zu einem Übersinnlichen, sondern man kommt zu einem Untersinnlichen. Man bedient sich eines geringeren Teiles seines Leibes als Werkzeug als im gewöhnlichen Leben, in dem man sich seines ganzen Leibes als Werkzeug bedient.

[ 52 ] Dadurch aber auch ist es, dass Halluzinationen, Visionen, Illusionen weniger der Willkür, weniger der Willenshandlung unterworfen sind als die Anschauungen des gewöhnlichen Lebens; während das wahre Hellsehen ein tätigeres ist, das heißt, mehr dem Willen unterworfen ist als diese Anschauung des gewöhnlichen Lebens. Und viel mehr als das gewöhnliche Gedächtnis sind die Bilder an den Leib gebunden, die in Halluzination, in Vision und Illusion auftauchen, vielmehr als die Bilder des gewöhnlichen Gedächtnisses. Und wenn der Mensch gescheit wäre, würde er das Auftreten der Bilder des gewöhnlichen Gedächtnisses höher schätzen als alle Phantasterei, die in Visionen und Halluzinationen und Illusionen lebt, insofern diese in der geschilderten Weise an den Leib gebunden sind. Er würde einsehen, der Mensch, dass es nur sein Sensationsbedürfnis ist, das dahin geht, nicht das zu schätzen, was er im Alltag sieht, sondern das mehr zu schätzen, was selten ist, was man durch irgendeinen seltenen Vorgang hervorbringt — das mehr zu schätzen für die Erforschung der Geheimnisse des Lebens als das alltägliche Anschauen. Und in dieser unseligen, psychischen Sensationslust liegt eine Unsumme von Verirrungen, die in dilettantischer geistiger Weltanschauung bestehen.

[ 53 ] Da freut man sich, gerade darauf hinweisen zu können, man habe dieses oder jenes Medium. Der Geistesforscher, der sagt ja alles aus seinem Bewusstsein heraus; dem braucht man nicht zu glauben. Der sagt ja geradeso wie im Alltag alles aus seinem Bewusstsein heraus. Da ist man nicht sicher. Da braucht man nicht zu glauben. Aber wenn man ein Medium hat, da kann man sicher sein, denn da spielt der Wille keine Rolle, da geschieht alles in Naturvorgängen. Da ist echte, willensbefreite Wissenschaft vorhanden!

[ 54 ] Der wahre Geistesforscher weiß, dass das Gesichtsfeld in die Welt beim Medium — wenn auch nichts eingewendet werden soll gegen manche Forschungsmethoden mit Medien-Befragen, ich habe auch darüber schon hier gesprochen —, aber der wahre Geistesforscher sieht, dass das Blickfeld in die Welt hinaus beim medialen Schauen ein engeres ist, nicht ein weiteres, sondern ein engeres ist als beim gewöhnlichen Schauen im Alltag. Beim gewöhnlichen Schauen, bei der gewöhnlichen Wissenschaft, die einfach mit gesunden Sinnen und mit gesundem Verstande zustande kommen, erfährt man viel mehr von den Geheimnissen des Daseins als durch jede Art von Medialität, durch die man nur etwas Sonderbares erfahren kann — etwas Sonderbares, weil unter abnormen Verhältnissen eben ein geringeres Blickfeld überschaut wird. (Zwischenrufe: «Das ist falsch!»; «Oho!»).

[ 55 ] Aber das ist es gerade, um was es sich handelt, dass für wahres Hellsehen dieses Blickfeld erweitert werden muss, dass dieses Blickfeld gerade dadurch erweitert werden muss, dass, was man erfährt sonst an Weltgeheimnissen im gewöhnlichen Leben, eine Hinzufügung erfährt, um dasjenige, was nun erlebt wird, völlig unabhängig von aller körperlichen Tätigkeit!

[ 56 ] Davon also, sehr verehrte Anwesend, hängt alles ab, dass allmählich sich eine Anzahl Menschen finde, welche erkennen, gerade aus den echten, wahren Bedingungen der Naturwissenschaft heraus, wie sich alle Entwicklung in Hellsichtigkeit nach der Gegenseite hin entwickelt, der Gegenseite, von der, wohin sich die Menschenseele entwickelt, wenn sie durch eine Herabstimmung des gesunden Lebens in Halluzinatorisches, in Mediumistisches und dergleichen verfällt.

[ 57 ] Ich deutete schon an, sehr verehrte Anwesende, es wird noch eine ganze Weile dauern, bis aus echter Wissenschaftlichkeit heraus die Anerkennung eines solchen geistigen Weges errungen werden kann. Denn die Leute, die dasjenige, was also als das Wesentliche der Geistesforschung angeführt wird, heute noch falsch nennen, diese Leute wird es noch lange geben! Diese Leute werden gehören in diejenige Kategorie, die sich zunächst aufgelehnt haben, als die kopernikanische Weltanschauung in die Menschheitsgeschichte eingeführt wurde; diese Leute gehören unter diejenigen, auf die nicht gezählt wird, wenn es sich um den Fortentwicklungsgang der Menschheit handelt, weil sie ganz selbstverständlich unterliegen dem Gesetze, dass alles dasjenige, was eben in die Weltentwicklung eintritt, zunächst vielleicht als falsch erscheint, mindestens als etwas Träumerisches, Verrücktes, Phantastisches erscheinen kann. [...]

[ 58 ] Damit aber, sehr verehrte Anwesende, ist schon hingedeutet darauf, wie im Grunde genommen — ich möchte sagen — der Ausgleich zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft langsam kommt. Die Naturwissenschaft wird nach und nach einsehen, dass der wahre Geistesforscher ja durchaus auf ihrem Boden steht.

[ 59 ] Aber heute ist noch eine Gefahr vorhanden, der man unmittelbar ins Auge sehen muss, und die von anderer Seite her kommt. Diese Gefahr ist nicht bei denen zu suchen, die vielleicht aus recht gut begründeten Denkgewohnheiten heraus, weil sie Wissenschafter sind, echte, wahre, ehrliche Wissenschafter sind, Gegner der Geisteswissenschaft sind; sondern die Gefahr liegt bei denjenigen, die oftmals glauben, recht treue Anhänger der Geisteswissenschaft zu sein; denn Geisteswissenschaft hat vieles von ihren Rockschößen — wenn ich den groben Ausdruck gebrauchen darf — abzuschütteln, was sich an sie heranmacht. Und vor allen Dingen hat sie eine genaue Scheidelinie zu ziehen zwischen den Wegen, die sie einschlägt und die charakterisiert worden sind, und denjenigen, die ins Halluzinatorische, Visionäre und so weiter, ins Mediale führen, und die das Blickfeld nicht erweitern gegenüber dem Alltag, sondern es verengen.

[ 60 ] Derjenige, der sich eingelebt hat in irgendein naturwissenschaftliches Gebiet, sagen wir — weil dies ja uns für unser heutiges Thema ganz besonders interessieren muss —, sagen wir in die naturwissenschaftlich begründete Psychiatrie von heute, der sich in ein solches Gebiet heute eingelebt hat, der Erfahrungen hat durch treue, und treu gemeinte naturwissenschaftliche Forschung, was der Ernst der Verfahrensarten in der Naturwissenschaft bedeutet, der die Anstrengungen kennt im echten Wahrheitssinn, der gerade auf dem Gebiet der Naturwissenschaft heute da, wo sie wahr und ehrlich auftritt, herrscht, der muss in einer gewissen Weise wohl beachtet werden, wenn er heute, einfach aus seinen Denkgewohnheiten heraus noch nicht kann an die Geisteswissenschaft herantreten. Und wenn ihm das passiert, was leicht passieren kann, dass er nicht unmittelbar die Geisteswissenschaft da, wo sie durch ihre ernsten Methoden — durch Methoden, die ebenso ernst sind wie die naturwissenschaftlichen Methoden — vertreten wird, wenn er diese Geisteswissenschaft nicht in diesen Quellen kennenlernt, sondern sie kennenlernt durch allerlei Anhängerschaft und wenn er dann zusammenwirft diese Anhängerschaft mit demjenigen, was wahre Geistesforschung ist, da liegt aber eine Gefahr vor.

[ 61 ] Ich will von Äußerlichkeiten gar nicht sprechen, sehr verehrte Anwesende, will nicht davon sprechen, dass es heute noch immer Menschen gibt, die ein Wesentliches darinnen sehen, wie man sich ernährt, um auf den Weg einer gewissen Geistesforschung zu kommen! Ob man Vegetarier ist oder nicht, das ist Geschmackssache; das hängt von anderen Dingen ab. Es kann gewisse Vorteile und Vorzüge haben; aber mit demjenigen, was die intime Entwicklung des Seelenlebens ist, die die Kräfte erzeugt, von denen gesprochen worden ist, die in die geistige Welt hineinführt, hat dasjenige, was man isst oder nicht isst, unmittelbar — ich sage «unmittelbar» — nichts zu tun. Es kann das nebenher gehende Leibesleben bequemer machen; aber es hat unmittelbar nichts damit zu tun. Man kann sich in die geistige Welt nicht hinaufessen dadurch, dass man gewisse Dinge nicht isst zum Beispiel. Und derjenige, der glaubt, dass man durch solche äußeren materialistischen Vorgänge sich in die geistige Welt hinaufessen oder nicht essen — sagen wir: hungern kann, der ist ebenso auf dem Holzwege, wie derjenige, der aus seinem Materialismus heraus dasjenige annimmt, was de La Mettrie, den ich vorgestern angeführt habe als den Vater des neuzeitlichen Materialismus —, was de La Mettrie über den Einfluss der Speisen eines Mahles, der aufgenommenen Stoffe, auf das eigentliche Leben des Menschen sah. Diese Dinge sind ja einleuchtend.

[ 62 ] Einleuchtend ist es zum Beispiel, viel einleuchtender selbst als alles dasjenige, was der Geistesforscher in weiterer Entwicklung vorbringen muss, viel einleuchtender ist cs, wenn de La Mettrie sagt: Welche Macht übt die Freude auf uns. Die Freude erwacht in einem traurigen Herzen; sie geht in die Seelen der Tischgenossen über und wird in jenen reizenden Gesängen ausgedrückt, in denen der Franzose sich auszeichnet. Und dann macht de La Mettrie noch darauf aufmerksam — auf die gewiss wahre Tatsache aufmerksam —, dass Erasmus von Rotterdam und Fontenelle zum Beispiel nicht die Genies geworden wären, die sie geworden sind, wenn nur ein kleines Rädchen in ihrem Gehirn anders sich entwickelt hätte, als es sich entwickelt hat.

[ 63 ] Die Wahrheiten, die von dieser Seite kommen, zeichnen sich vor allen Dingen dadurch aus, dass sie selbstverständlich sind, so selbstverständlich bis zur Trivialität sind, dass sie aber das Gebiet, um das es sich bei wahrer Geisteswissenschaft handelt, gar nicht berühren. Denn ein solcher Ausspruch — de La Mettrie macht ihn in Bezug auf Fontenelle und Erasmus —, der kann ja sogar noch gesteigert werden. Wenn man sich ihn noch gesteigert denkt, kann man sagen: Nun ja, wenn die Mutter des Erasmus vor der Geburt des Erasmus von irgendeinem Banditen ermordet worden wäre, dann wäre der ganze Erasmus nicht entstanden. Da sieht man die Abhängigkeit des geistigen Lebens von der Körperlichkeit.

[ 64 ] Ja, sehr verehrte Anwesende, das ist doch das Wesentliche, dass der Gegner der Geisteswissenschaft von dieser Seite her gar nicht ahnt, wie im Grunde genommen einverstanden mit seinen Trivialitäten wahre Geistesforschung ist. — Ich will auch von andern Äußerlichkeiten nicht sprechen, Äußerlichkeiten, nach denen aber leider auch oftmals eine geistesforscherische Weltanschauungsströmung beurteilt wird, von jenen Äußerlichkeiten, die sich zum Beispiel darin ausdrücken — würde es nicht besprochen, so bräuchte man auch nicht dazu irgendwie sich zu äußern —, dass gewisse, zur Geistesforschung sich rechnende Damen kurze Haare tragen — wenn es Männer sind lange Haare tragen —, dass sie gewisse Kleider tragen und so weiter. Nun, gewiss, alle solche Firlefanzereien kann man ja zusammenwerfen. Aber es gibt ein viel ernsteres Gebiet — dasjenige Gebiet, das ganz gewiss dazu geeignet ist, dass in der nächsten Zukunft, in der weiteren Zukunft die schlimmsten Angriffe und Gegnerschaften der Geisteswissenschaft erwachsen werden.

[ 65 ] Mit wahrer Naturwissenschaft zum Beispiel, auch mit wahrer Psychiatrie wird Geisteswissenschaft voll einverstanden sein können. Ohne Weiteres wird der Geistesforscher dem Psychiater zugeben, dass es zum Beispiel eine gewisse krankhafte mystische Veranlagung gibt, und dass einfach durch irgendeine Beschaffenheit des menschlichen Leibes der Mensch einen gewissen Trieb des inneren Grübelns zeigt; dass er denn darauf kommt, in einem gewissen chaotischen inneren Gefühlsleben die Lösung großer Welträtsel finden zu wollen. Dass solche Triebe mit dem Leibesleben zusammenhängen, das wird der Psychiater heute behaupten müssen. Darinnen wird der Geistesforscher mit ihm vollständig einverstanden sein! Und er kann es ja aus dem Grunde, weil dasjenige, was er entwickeln muss als seelisch-geistiges Wesen, um in die geistige Welt einzutreten, das muss gerade unabhängig gemacht werden von dem Leiblichen, muss also auch unabhängig bleiben von einem etwa krankhaften Leiblichen.

[ 66 ] Derjenige, der auf dem Gesichtspunkt steht, auf den sich Geistesforschung stellen muss, der muss hinschauen gerade auf einen solchen Prozess des erkrafteten Seelenlebens, selbst bei einer krankhaften, mystischen Seelenveranlagung. Und so wird, wenn man selbst in sich tragen würde krankhafte, mystische Veranlagung, diese krankhafte mystische Veranlagung wie ein Gegenstand, wie ein Objekt von außerhalb angeschaut werden können. Und man würde gerade zu einem gesunden Urteil über seine eigene Verrichtung kommen, wenn man auf einen wahren, gesunden geisteswissenschaftlichen Standpunkt zustrebte.

[ 67 ] Auf Unterscheidungen wird es gerade auf diesem Gebiet ankommen. Der Geistesforscher müsste in Bezug auf gewisse geistige Erscheinungen zeigen, wie geistige Wirklichkeiten um ihn herum so erlebt werden, dass die Erlebnisse nur ausgedrückt werden können in farbigen Bildern. Sie finden solche farbigen Bilder geschildert in meiner «Theosophie», in meiner «Geheimwissenschaft im Umriss». Solche farbigen Bilder, solche aurischen Bilder, man muss, wenn sie aus wahrer Geistesforschung entsprungen sind, sich klar sein darüber, dass sie mit innerem Willen entwickelt werden für dasjenige, was real geistig erlebt wird, dass nicht in einem passiven Aufsich-Wirkenlassen irgendeines Farbeneindruckes — der aber auch eine Halluzination sein kann —, eine solche Schilderung eines geistigen Erlebnisses des Farbigen gemacht wird.

[ 68 ] Mit Bezug auf das Halluzinieren auf diesem Gebiet ist wiederum der Geistesforscher völlig einverstanden mit dem auf naturwissenschaftlichem Boden stehenden Psychiater. Der Geistesforscher weiß, dass selbstverständlich aus dem kranken Seelenleben heraus solche Anschauungen erwachsen können. Es gibt Menschen, bei denen entstehen einfach ganz bestimmte innere Farbenerlebnisse, wenn sie gewisse Worte lesen, wenn gewisse Buchstaben auf sie wirken; es gibt Menschen, wenn denen etwas Unangenehmes gesagt wird, so hören sie es nur auf dem linken Ohre; wenn ihnen etwas Angenehmes gesagt wird auf dem rechten Ohre, und so weiter. Diese Dinge gehören durchaus dem Gebiete an, mit dem das Leibesleben verknüpft ist — inniger verknüpft ist mit dem Seelenleben, als bei den gewöhnlichen, alltäglichen Anschauungen der Welt.

[ 69 ] Aber der Geistesforscher steht in Bezug auf diese Sachen völlig auf dem Boden, auf dem der Naturforscher steht. Und genauer noch als der Naturforscher kann er einsehen, wie aus der prädestinierten Hingabe des Leibes an seine eigenen Prozesse solches unwillkürlich halluzinatorische Sehen entsteht, während beim wirklichen Hellsehen in jeder Einzelheit, die man erlebt in Bezug auf die geistige Welt, freie, unabhängige, vom Leibe unabhängige Betätigung des Willens mitwirkend ist. Wenn der Mensch verfällt, sagen wir, in Wahn oder in Zwangsvorstellungen — der Geistesforscher wird vielleicht sogar noch stärker gerade mit Bezug auf diese Gebiete auf den Boden sich stellen, auf dem heute der naturwissenschaftlich gebildete Psychiater steht, und sich klar darüber sein, dass gewisse Vorstellungen, die auftreten, die auf den Menschen einen Zwang ausüben, dessen er sich nicht erwehren kann, dass die dadurch bedingt sind, dass das Leibesleben krankhaft abgeändert ist. Aber er wird gerade mit seinem vom Leibleben frei gewordenen Geistesleben noch genauer hineinschauen können auf diese Gebundenheit aller unwillkürlich, abnormen Vorstellungen an den Leib und an seine Verrichtungen als der Naturforscher selber. Wenn man nur einmal das immer tiefer einsehen würde, dass wahre Geisteswissenschaft durchaus in keiner Disharmonie zu stehen braucht mit dem, was die Naturwissenschaft als berechtigte Forderung geltend macht.

[ 70 ] Aber, sehr verehrte Anwesende, obzwar es wahr ist, dass dasjenige, zu dem der Geistesforscher kommt, und selbst, wenn es sein eigenes Selbst ist, außer ihm steht — und im Grunde genommen außerdem ebenso wenig seinen Leib verändern kann, wenn er gar nicht an dasselbe anstößt —, obzwar dieses durchaus richtig ist, so wird dennoch es immer mehr und mehr Menschen geben, die gerade in einer gewissen, an den Leib gebundenen Entwicklung dasjenige zu erkennen glauben, was auch zu wirklichen Einsichten in eine ganz andere Welt, als die gewöhnliche ist, führt. Und bei denen wird es Verwechslungen geben; und die sind oftmals gerade diejenigen, die sich an allerlei geisteswissenschaftliche, auch wirkliche geisteswissenschaftliche Weltanschauungen anlehnen und nach denen oftmals diese geisteswissenschaftlichen Weltanschauungen beurteilt werden.

[ 71 ] Da gibt es Menschen, sagen wir, die von vornherein mit irgendeiner Anlage nach dem abnormen Seelenleben behaftet sind. Wären sie außerhalb einer geistesswissenschaftlichen Strömung geblieben, so wären sie außerhalb derselben im Laufe einer gewissen Zeit selbstverständlich zur Verrücktheit gekommen. Nun hat es sich durch irgendwelche Verhältnisse ergeben, dass sie einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauungsströmung nahegetreten sind. Statt dass sie nun draußen allerlei verrückten Ideen sich hingegeben hätten, ergeben sie sich dann innerhalb dieser Geisteswissenschaft ihren verrückten Ideen. Denn dann kann man, wenn man nicht unterscheidet, selbstverständlich sehr wahr sagen: Nun ja, die Geisteswissenschaft hat den Betreffenden verrückt gemacht! — Aber was sind denn schließlich solche Aussagen wert?

[ 72 ] Sie erinnern einen immer wieder und wiederum, sehr verehrte Anwesende, an jenes alte Weiblein, welches den großen Anatomen Hyrtl betreut hat in seinen letzten Tagen; und als er gestorben war, ging sie auf die Straße hinaus und sagte: Ja, jetzt ist der Hyrtl gestorben! So kommt es, wenn man sich so viel mit Studieren beschäftigt! Da trifft einen der Schlag! — Vierundachtzig Jahre ist der Hyrtl alt geworden!

[ 73 ] Es dürfte das doch einigermaßen ein Beweis dafür sein, dass gerade bei diesem Beispiel das Studieren weniger schädlich war, als für manchen das Wein- und Biertrinken ist, und den in viel früheren Lebensjahren der Schlag trifft.

[ 74 ] Ebenso gescheit sind diejenigen Urteile, die oftmals gefällt werden, wenn irgendjemand, der nun mit irgendeiner krankhaften Geistesanlage behaftet, geisteswissenschaftliche Anschauungen hat und dort sich nach einiger Zeit verrückt zeigt — wenn da gesagt wird: Wäre der nicht zu dieser Geisteswissenschaft gekommen, so wäre er nicht verrückt geworden!

[ 75 ] Die Wahrheit ist diese: Man kann selbstverständlich ebenso gut wie durch Gescheitheit, so durch Verrücktheit zur Geisteswissenschaft kommen und ebenso gut durch seine schwachen Anlagen da zur Verrücktheit kommen, oder durch irgendwelche anders gearteten abnormen Anlagen zur Verrücktheit kommen, wenn man durch dieses oder jenes unbefriedigt ist im Leben. Man geht da oder dort hin, um Befriedigung zu erlangen, glaubt dann natürlich, in dem, was zunächst schwierig erscheint, in dem man sich wohl befinden kann, indem man in fremden, unklaren Vorstellungen, die man sich klarzumachen gar kein Bestreben hat, schwelgt, man glaubt sich dadurch von irgendwelchen Lebensbedrückungen befreien zu können. Wie viel der Geistesforschung angehängt wird gerade von dieser Seite, die also charakterisiert werden muss, das ist im Grunde genommen gar nicht erschöpfend genug zu sagen!

[ 76 ] Das aber fordert auf, fordert immer mehr und mehr auf dazu, darauf hinzuweisen, dass schon ihrer Natur nach alle geistesforscherische Methode unbedingt in gar keinem Zusammenhange stehen kann mit irgendeinem krankhaften Seelenleben, weil sie ganz aufgebaut ist gerade auf dem Sich-Freimachen von alledem, was krankhaftes Seelenleben bedingen kann.

[ 77 ] Aber wie ich so hinweisen konnte auf gewisse Gefahren, Gegnerschaften, die sich der Geisteswissenschaft gegenüber geltend machen, im Einzelnen, so kann man sagen: Auch mit Bezug auf ihre Vertretung im sozialen Leben, im Menschenleben überhaupt wird sie nur allzu leicht zusammengeworfen mit allen möglichen dilettantischen, ja schwindelhaften, scharlatanhaften Wegen, und weil diese Dinge, sehr verehrte Anwesende, heute nun schon einmal in mehr materialistischen Kreisen der Weltanschauung besprochen werden, hat der Geistesforscher notwendig hinzuweisen darauf, wie er eine strenge Scheidewand zieht zwischen dem, was er in ehrlichem Wahrheitsstreben eben nur als Wahrheitsziel verfolgt, und all dem Mancherlei, das sich gerade auf einem Gebiete geltend macht, wo man so leicht auf den Aberglauben, auf die Leichtgläubigkeit der Menschen bauen kann und für allerlei unreinliche Ziele angebliches Geisteswissenschaftliches oder — wie man auch sagt — Okkultes zu verbreiten sucht, damit man die Leute benebelt durch allerlei Ausstreuungen desjenigen, was okkulte Erkenntnis sein soll, und wenn man sie dann benebelt hat, eine gewisse Gewalt über sie bekommt — wenn auch in unserer heutigen Zeit immer wieder und wieder gesagt wird: Es sei die Zeit, in der man endlich losgekommen ist von dem alten Autoritätsglauben, und in der die Menschen sich zu einem «freien Urteil» bekennen.

[ 78 ] Nun, gar so weit her ist es nicht mit dem, was dieser Behauptung zugrunde liegt. Zwar renommieren die Leute sehr stark damit, dass sie sagen: In früherer Zeit, da haben die Leute an Dogmen der Kirchenväter geglaubt. Ja, für diese Leute hießen die Kirchenväter Tertullian, Gregor von Nazianz, Irenäus und so weiter; für die modernen Menschen, die nach ihrer Meinung — und dass sie die Meinung haben, ist ja vielleicht noch schädlicher, als es für die alten Leute war, dass sie es nicht hatten. Für die modernen Leute, die die Meinung haben, dass sie auf keine Autoritäten hinschauen, heißen die «Kirchenväter» heute: Helmholtz, Haeckel, Darwin, Dubois-Reymond und so weiter — es sind nur weltliche Kirchenväter. Man spricht von ihnen mehr als Prinzip; aber die Abhängigkeiten von ihnen sind durchaus dieselben. Man darf durchaus nicht glauben, dass die Leichtgläubigkeit und der Aberglaube in unserer Zeit so ganz besonders zurückgegangen seien. Sie haben nur eine andere Gestalt angenommen.

[ 79 ] Und so hat der wahre Geistesforscher nötig, damit er gerade in der gegenwärtigen schicksaltragenden Zeit nicht zusammengeworfen werde mit dem, was unter dem Mantel einer angeblichen okkulten Wissenschaft allerlei unlautere Ziele, verderbliche Ziele verfolgt. Damit er nicht zusammengeworfen werden kann — denn das geschieht von Tag zu Tag immer mehr und mehr, dass man alles, was auch in das Gebiet des krassesten, törichtesten Aberglaubens gehört, zusammenwirft mit derjenigen Geisteswissenschaft, die gerade ein helleres, ein klareres, ein durchleuchteteres Denken auch hat als sogar die gewöhnliche Wissenschaft, wie hinlänglich bewiesen werden kann.

[ 80 ] Und da muss denn auf eine Erscheinung aufmerksam gemacht werden, weil sonst gar zu leicht Irrtümer auf diesem Gebiet entstehen könnten, wenn man nicht wissen würde, was der Geistesforscher von sich abstreifen will; es ist geradezu Pflicht, darauf aufmerksam zu machen auf gewisse Dinge, die zusammenhängen mit unseren jetzigen schwerwiegenden weltgeschichtlichen Ereignissen auch. Nur, wie gesagt, um die Geisteswissenschaft in ihrer Reinheit hinzustellen und gegen Unlauteres eine Grenze zu ziehen, sei Folgendes erwähnt. Nur einzelne Tatsachen seien herausgegriffen und auch nur aus dem Grunde, weil sie in geisteswissenschaftlich gegnerischen Blättern besprochen werden.

[ 81 ] Da ließ zum Beispiel erscheinen, schon durch Jahre, eine Persönlichkeit, die im europäischen Westen, in einer Hauptstadt des europäischen Westens lebt, jedes Jahr eine Art von «Almanach», ein Jahrbuch — 1912 ist schon erschienen ein solches Jahrbuch, welches das Jahrbuch war für 1913 —, eine Art von Almanach erscheinen. In diesem Jahrbuch für 1913, das 1912 erschienen ist, standen, sehr verehrte Anwesende, die Worte mit Bezug auf die Entwicklung Österreichs — da standen die Worte: Derjenige, welcher glaubt, dass er regieren werde, wird nicht regieren; dagegen ein anderer junger Mann, von dem man glaubt, dass er jetzt noch nicht regieren werde, der wird regieren. — Und in dem Almanach, der 1913 für 1914 gedruckt worden ist, wurden diese Dinge wiederholt.

[ 82 ] Die Leichtgläubigkeit unserer Zeit, der törichte Aberglaube, kann selbstverständlich da leicht an allerlei Prophetien glauben. Und wie viele werden geglaubt haben an Prophetie auf diesem Gebiete!

[ 83 ] Vielleicht wird man aber weniger an Prophetie glauben, wenn man weiß, dass fast gleichzeitig mit dem Erscheinen dieser Stelle in dem besagten Almanach, in einem ganz gewöhnlichen Pariser Blatt — «Paris-Midi» — die Sätze standen, die ungefähr dahin gingen, dass gesagt wurde, man wünsche, dass zur rechten Zeit der Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich ermordet werde.

[ 84 ] Die Persönlichkeit, die in ihrem Almanach solche Dinge geschrieben hat, steht wohl in Verbindung mit gewissen Kreisen, die durch allerlei unterirdische Kanäle dieses oder jenes Ziel verfolgen. Und gerade derjenige, der es mit Geistesforschung ehrlich meint, der muss auch zeigen, dass er auf diesem Gebiete mit ernstem, wissenschaftlichem Denken, und wenn es sich auch zunächst aus dem Kreis des Materialismus heraus geltend macht, einverstanden ist, und nicht mit dem Schwindel, der unter der Maske des Prophetismus allerlei scharlatanistische oder unlautere Ziele verfolgt. Dieselbe Persönlichkeit, die diesen Almanach hat erscheinen lassen, und da angeblich vorauszusagen wusste, was vorgehen werde wie eine Zukunftsprophetie, die fuhr gleich in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 von Paris nach Rom, um dort gewisse Leute auch in ihrer Art zu beeinflussen zu gewissen Dingen, die dann zu der bekannten Anteilnahme an den gegenwärtigen Ereignissen wenigstens irgendetwas beigetragen hat, oder wenigstens einiges beitragen sollte.

[ 85 ] Die Persönlichkeit, die in ihrem Almanach solche Dinge geschrieben hat, steht wohl in Verbindung mit gewissen Kreisen, die durch allerlei unterirdische Kanäle dieses oder jenes Ziel verfolgen. Und gerade derjenige, der es mit Geistesforschung ehrlich meint, der muss auch zeigen, dass er auf diesem Gebiete mit ernstem, wissenschaftlichem Denken, und wenn es sich auch zunächst aus dem Kreis des Materialismus heraus geltend macht, einverstanden ist, und nicht mit dem Schwindel, der unter der Maske des Prophetismus allerlei scharlatanistische oder unlautere Ziele verfolgt. Dieselbe Persönlichkeit, die diesen Almanach hat erscheinen lassen, und da angeblich vorauszusagen wusste, was vorgehen werde wie eine Zukunftsprophetie, die fuhr gleich in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 von Paris nach Rom, um dort gewisse Leute auch in ihrer Art zu beeinflussen zu gewissen Dingen, die dann zu der bekannten Anteilnahme an den gegenwärtigen Ereignissen wenigstens irgendetwas beigetragen hat, oder wenigstens einiges beitragen sollte.

[ 86 ] Weil, wie gesagt, diese Dinge öffentlich besprochen werden, hat gerade der Geistesforscher notwendig, darauf hinzuweisen, dass alles ungesunde Entgegenbringen der menschlichen Seele dieser oder jener «Offenbarung», die auf solchen Untergründen beruht, gerade durch wahre Geistesforschung mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden muss! Nicht nach dem Ungesunden, gerade nach dem Gesunden wird wahre Geistesforschung hinwirken. Denn diese wahre Geistesforschung ist in der Lage, das Denken nicht zu verdunkeln, den Menschen nicht dumm zu machen gegenüber den äußeren wirklichen Vorgängen des Lebens. Alles dasjenige, was das Geistesleben herablähmt und in die Abwege führt, die geschildert worden sind, das benebelt auch das Denken; das macht auch das Denken stumpf für die nüchternen Zusammenhänge des Lebens. Alles dasjenige, was Erweiterung gibt, diese geistesforscherischen Erweiterungen des Blickekreises über das gewöhnliche Leben hinaus, das erhellt auch das gesunde Urteil für dieses gewöhnliche Leben. Das zwingt den Menschen nicht dazu, sich unter dem Einfluss des Aberglaubens beschwindeln zu lassen, sondern es führt dazu, gerade klarer und heller zu durchschauen die Verhältnisse des Lebens.

[ 87 ] Allerdings auf diesem Gebiete hat Geisteswissenschaft noch vieles, noch Kraftvolles zu leisten. Denn man merkt heute gar nicht, sehr verehrte Anwesende, wie — ich möchte sagen — stumpf gerade die Waffe des Denkens geworden ist, wie viel Gedankenlosigkeit stets herrscht!

[ 88 ] Auch dafür lassen Sie mich Ihnen zum Schlusse noch ein Beispiel anführen, das Ihnen zeigen wird, wo ungesundes Denken liegt und dass dieses ungesunde Denken nicht bei der Geisteswissenschaft liegt.

[ 89 ] Ich möchte sagen: Der Zufall hat gerade an mich nahegebracht, was ich in Bezug auf das Folgende nun auszuführen habe. Ich habe vor einiger Zeit, sehr verehrte Anwesende, einen Vortrag in einer Stadt Österreichs gehalten. Da habe ich Gedanken entwickelt, die ich auch hier in München zum Teil in dem Vortrage, den ich vor Monaten hier gehalten habe, entwickelt habe, über das Weltbild das Deutschen Idealismus, zum Teil in dem Vortrage, den ich vorgestern über die einzelnen Volksseelen hier gehalten habe.

[ 90 ] Ich denke jedes gesunde Denken wird in der Lage sein, mindestens das anzuerkennen — wie man sich dann auch kritisch dazu stellt — mindestens das anzuerkennen, dass bei einer wirklichen Einsicht in die Volksgeister, in die einzelnen Volksseelen sich gewisse Charakteristiken darbieten, sodass sich die einzelne Volksseele von der anderen in einer bestimmten Weise unterscheidet.

[ 91 ] Dies trug ich auch in jener Stadt Österreichs vor. Nicht nur, dass ein konfuser Kopf in einem «Tageblatt» dazumal sich ergangen hat über diese Wahrheit, die er gar nicht verstanden hat; denn er sagte: Ich hätte Gelegenheit genommen, weil zufällig die kriegerischen Machtverhältnisse im Osten und Westen und Mitteleuropa in Gegnerschaft sich gebracht hätten, nun auch noch einen geistigen Gegensatz zu konstruieren. — Nun, das war eine Konfusion, wie man sie einem «Tageblatt» durchaus konzipieren, erlauben kann. Aber damit war es nicht genug; sondern in einer deutschen Zeitschrift erschien ein Wiederabdruck desjenigen, was dazumal in jenem «Tageblatt» gestanden hat. Und in einer deutschen Zeitschrift schreibt — nach seiner Angabe ist es ein österreichischer Deutscher —, schreibt ein Mann die folgenden Worte, wirklich die folgenden Worte:

«Der Vorwurf des Referenten, aus der gegenwärtigen Mächte-Konstellation gegensätzliche Kulturen konstruiert zu haben, trifft Steiner mit Recht. Es ist mir beim besten Willen nicht möglich, wie Steiner eine Wesensverschiedenheit zwischen mitteleuropäischer und west- und osteuropäischer Kultur wahrzunehmen. Meines Erachtens ist die europäische Kultur ihrem Wesen nach vollkommen gleich.»

[ 92 ] Prüfen Sie das Licht des Denkens, das durch eine solche Behauptung weht! Prüfen Sie das, sehr verehrte Anwesende! Derselbe Mann findet allerdings sogar die Möglichkeit, zu sagen:

«Auch das intellektuelle Leben hat sich in dieser Richtung entwickelt und geht in diesem Streben auf. Die wilde Gier des europäischen Kulturmenschen nach dem Besitze irdischer Güter würde in einen raubtierartigen Kampf aller gegen alle ausarten, wären die Individuen nicht in eisernen Staatsformen gezwängt.»

[ 93 ] Nun frage ich Sie: Haben die «menschlichen Individuen» heute die Kriege erklärt oder diejenigen, die an den Spitzen der Staaten sind?

[ 94 ] Also mit einem vollständigen Ins-Gesicht-Schlagen dessen, was dem einfachsten Gedanken zugänglich ist, betört man die Leute! Solche Dinge, die bestehen in der Welt desjenigen Denkens, dem man heute das Ungesunde nicht anmerken will, weil man sich zu sehr dagegen verstumpft hat. Dafür findet man, je weniger man es kennt namentlich, in dem, was in der wahren Geisteswissenschaft enthalten ist, dasjenige, was die Menschen irreführen soll, was in den Menschen verworrene Vorstellungen erzeugen soll.

[ 95 ] Wahrhaftig, der Geistesforscher könnte, wenn er das mit seiner sonstigen Charakteranlage irgendwie nur vereinbar fände, er könnte in eine gewisse Zufriedenheit mit sich verfallen, wenn er sieht, welche Verworrenheit der Vorstellungen heute durch ein sehr gangbares Denken — das aber in Wahrheit sich als recht ungesund herausstellt gegenüber dem auch gesunden Denkleben der Geistesforschung — sich geltend macht.

[ 96 ] Möglich ist es — man muss das schon, ich möchte sagen, als mit Hamlets Worten sagen: «Schreibtafel her!», damit man es aufschreiben kann —, möglich ist es, dass ein Mensch existiert, der so etwas der Menschheit aufzubinden vermag! Und möglich ist es, dass eine Zeitschrift existiert, die so etwas druckt! Der Mensch, der die Zeitschrift herausgibt, heißt: Doktor Friedrich Maier und lebt in Tübingen. Und es muss schon auf solche Dinge aufmerksam gemacht werden, damit man einsieht, wo ungesundes Denken und geistiges Leben existieren.

[ 97 ] Ich kann in diesem Falle, sehr verehrte Anwesende, wenn sich der eine oder andere verwundern könnte, dass ich mit scheinbarer Ereiferung solche Dinge sage vielleicht — wie man immer in einem solchen Falle glauben kann —, vielleicht aus gekränkter, persönlicher Eitelkeit heraus, ich kann in diesem Falle den Gegenbeweis führen, aus der Zeitschrift selber den Gegenbeweis führen — obwohl derjenige, der mich kennt und weiß, wie ich Geisteswissenschaft vertrete, mir zutrauen wird, wenn ich sage, ob dasjenige, was ich tu und sage, einer lobt oder tadelt, persönlich ist mir das so gleichgültig als möglich! Wirklich, ob einer das, was ich tu und sage, lobt oder tadelt, persönlich ist mir das gleichgültig. Aber wenn es sich darum handelt, aufzuweisen, wo krankes oder gesundes öffentliches Geistesleben ist, da fühle ich mich aufgefordert, gerade vom Gesichtspunkt reiner Geisteswissenschaft mitzusprechen.

[ 98 ] Dass ich es hier nicht mit Eitelkeit zu tun habe, davon kann ich, wie gesagt, den Beweis führen; denn, ich habe eine Broschüre erscheinen lassen — «Gedanken während der Zeit des Krieges. Für Deutsche und diejenigen, die nicht glauben, sie hassen zu müssen — Berlin 1915». Darinnen stehen — allerdings in etwas anderen Beispielen, aber im Wesentlichen — genau dieselben Gedanken, die ich dazumal in Linz an der Donau und in anderen Vorträgen, die ich — wie ich hier ausgeführt habe —, über die Verschiedenheit der europäischen Volksseelen. Jene Gedanken stehen drinnen, von denen die betreffende Zeitschrift, von der ich jetzt gerade geredet habe, in einer solchen Weise, wie es angedeutet worden ist, gesprochen hat, in einer wirklich so unsinnigen Weise gesprochen hat. — Das nächste Heft dieser Zeitschrift enthält die Fortsetzung des Artikels. Jedenfalls geht es so noch weiter in demselben Tone. Und da findet sich dann zum Schluss in derselben Nummer ein Abschnitt, worin die Broschüre «Gedanken während der Zeit des Krieges» besprochen wird. Und da wird dieses Buch ganz besonders gelobt. — Der eine Teil des Artikels ist im August 1915 geschrieben, der Schluss im [Oktober] 1915. Und in diesem [...] Artikel wird also neben dem Artikel, in dem die betreffende Torheit steht, die ich angeführt habe, zugleich eine lobende Rezension über das Buch gegeben, das genau dasselbe sagt! Da haben wir es zu tun, sehr verehrte Anwesende — ich wollte nur ein Beispiel herausheben —, mit einem Fall, der wirklich gesehen werden sollte, und an dem gesehen werden sollte, wie wahre Geisteswissenschaft hineingestellt ist in das geistige Gesamtleben der Menschheit oftmals. Ich habe oftmals darauf aufmerksam gemacht, wie ja gerade die geistigen und Kulturgrundbedingungen der Gegenwart es erfordern, dass von jetzt ab und in die Zukunft hinein der geisteswissenschaftliche Einschlag in die Entwicklung der Menschheit hineinkommen müsse.

[ 99 ] Gewiss, es wird noch lange Menschen geben, die die Geisteswissenschaft anklagen, verleumden, bekämpfen: Aber Geisteswissenschaft, feststehend auf dem Boden, den sie sich durch die heute und auch sonst gekennzeichneten Grundlagen zu schaffen vermag, sie wird immer und immer das Bewusstsein haben müssen, dass die Wahrheit, wenn sie die Wahrheit ist — und wenn sie die Wahrheit ist, wird sie schon der Menschheit nicht schaden, sondern sie wird von selber verschwinden —, dass die Wahrheit, wenn sie die Wahrheit ist, sich durch die dünnsten Spalten hindurchwindet, wenn noch so große Felsenmassen von Vorurteilen und von Verleumdungen und Gegnerschaften sich erheben, die eben nur die kleinen Spalten für das Durchlassen der Wahrheit lassen.

[ 100 ] Deshalb lassen Sie mich, sehr verehrte Anwesende, diese heutigen Betrachtungen, die auf wahrhaft gesundes Seelenleben im Zusammenhange mit der Geistesforschung nur mit einigen Strichen hindeuten wollten, beschließen durch dasjenige, was im Geistesforscher, der den Grundnerv seiner Wissenschaft in sich trägt, lebt als der Quell, der ihm überzeugende Kraft und Sicherheit des Wirkens und des Wollens gibt.

[ 101 ] Diesem Geistesforscher erscheint — im Bilde sei das ausgesprochen — die Menschenseele wie eine Schwester der Wahrheit. Und indem er diesen Gedanken hegt, sagt er sich: Man kann die Wahrheit bekämpfen, sie wird durch die in ihr liegende Wahrheitskraft sich immer und immer wiederum geltend machen, wenn auch der Kampf ihr das Dasein in einer gewissen Zeit schwierig machen sollte. Man kann mit Macht sogar die Wahrheit bedrücken, unterdrücken für eine gewisse Zeit; nicht unterdrücken für die gesamte Entwicklungsgeschichte der Menschheit.

[ 102 ] Die bedrückte Wahrheit wird immer wieder und wiederum auftauchen, denn die Menschenseele und die Wahrheit sind Geschwister. Und wenn sie auch in gewissen Zeitepochen, wie sonst das auch bei Geschwistern vorkommen mag, in einer Art von Disharmonie und Fremdheit leben: Es werden immer wieder und wiederum die Zeitabschnitte kommen, in denen sich die Wahrheit und die Menschenseele in ihrem geschwisterlichen Verhältnis zusammenfinden und sich gemeinschaftlich erinnern ihres Ursprungs, ihres gemeinsamen Ursprunges ihres väterlichen Quells in der Welt. Und dieser gemeinsame väterliche Quell in der Welt für Wahrheit und Menschenseele, der zugleich der Quell für alle wahre Seelenforschung ist, das ist dasjenige, was in ehrlichem Streben Geisteswissenschaft in gesunder Weise suchen will. Das ist der die Welt durchwebende und von Ewigkeit zu Ewigkeit durchwellende Weltengeist selber, in den von dem Ausgangspunkte der Materie aus einzudringen, die Aufgabe und das Ziel aller wahren und gesunden Geistesforschung ist.