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Der Mensch als Geist- und Seelenwesen
GA 71b

24 April 1918, Nürnberg

8. Der übersinnliche Mensch und die Fragen der Willensfreiheit und Unsterblichkeit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft

[ 1 ] Sehr verehrte Anwesende! Es ist ja zweifellos, dass unter den Fragen, die das menschliche Seelenleben betreffen und die immer wieder und wiederum vor die Seele jedes einzelnen Menschen treten müssen, die Fragen der Willensfreiheit und der Seelenunsterblichkeit zu den allerbedeutsamsten gehören. Ich habe heute diese Betrachtung so eingerichtet, dass diese beiden Fragen im Zusammenhang erörtert werden sollen.

[ 2 ] Ich habe nicht willkürlich zusammengekoppelt diese zwei Grundrätsel des menschlichen Seelenlebens, sondern ich glaube, dass gerade die Betrachtungen des heutigen Abends dahin führen werden, einzusehen, wie innig diese zwei Seelenrätsel zusammenhängen und wie man im Grunde genommen eines ohne das andere kaum erschöpfend ins Auge fassen kann.

[ 3 ] Sogleich tritt dem, der sich nur ein wenig aus dem, was aus der Menschheitsgeistesgeschichte vorliegt, mit diesen zwei Fragen befasst, sogleich treten ihm zwei Tatsachen vor Augen. Abgesehen von allen Glaubensvorstellungen, über die hier weder in positiver noch in negativer Weise heute gehandelt werden soll, hat man ja versucht, rein denkerisch, wissenschaftlich-philosophisch, gerade mit diesen zwei Seelenrätseln sich zu befassen. Und man darf sagen: Scharfsinnigstes, Eindringlichstes, Tiefschürfendes ist versucht worden, auf rein denkerische Art über diese zwei Fragen zu gewinnen.

[ 4 ] Allein, jedem fällt auch auf, der an diese Fragen, so wie ich es eben erwähnt habe, herantritt, wie gestritten worden ist, gehandelt worden ist in der oft widerspruchvollsten Art von den einzelnen Forschern über Willensfreiheit und Unsterblichkeit. Da muss irgendetwas zugrunde liegen, welches es der Menschheit schwierig macht, einzudringen gerade in dasjenige, was nach dem tiefsten Seelenbedürfnissen so unendlich nahe den Bestrebungen der Menschenseele liegt. Dass in diesem Menschen etwas verborgen ist, welches hinausgeht über Geburt und Tod, das müsste sich auch wissenschaftlich erforschen lassen, — so sagte sich unablässig die Menschenseele. Und dass dem menschlichen Handeln so etwas zugrunde liegen muss, wie freies Entschließen, wie ein Nichtgebundensein an die Naturnotwendigkeit, an die der fallende Stein gebunden ist, das sagt sich auch die Menschenseele. Aber wenn sie dann versucht, über dasjenige, was ihr so nahe liegt, denkerisch nachzuforschen — sie kann glauben, zu dem einen oder zu dem anderen zu kommen; andere Erwägungen zeigen dann bald wiederum, dass man gegen das, was vorgebracht ist, ebenso viel einwenden kann als für die Sache, die vorgebracht worden ist.

[ 5 ] Diejenige Weltanschauung, meine sehr verehrten Anwesenden, die ich nun seit vielen Jahren auch hier in diesen Vorträgen vertrete, sie sucht von ihren Gesichtspunkten aus über diese Fragen Klarheit zu schaffen, und sie glaubt zu erkennen nicht nur, wie der Weg geführt sein müsse, den man gehen muss, um eine menschlich befriedigende Auffassung über diese Seelenrätsel zu gewinnen; sondern sie glaubt, auch einzusehen, warum auf anderen Wegen so Widerspruchsvolles, so Ungenügendes auf diesem Gebiete zutage tritt. Ich werde allerdings, wie das gewöhnlich bei diesen geisteswissenschaftlichen Vorträgen der Fall war, genötigt sein, einen anderen Weg einzuschlagen, als derjenige ist, den die gewöhnliche Wissenschaft, wenn sie über diese oder jene Tatsache handelt, einschlägt. Dieser Wissenschaft liegen die Tatsachen vor; sie drückt sich aus über die Ergebnisse, die sie gewonnen hat, baut dann ihre Schlüsse auf diesen Ergebnissen auf. Anders muss der Geistesforscher in der Regel vorgehen, insbesondere in Bezug auf die heute zu behandelnden Fragen.

[ 6 ] Der Geistesforscher muss zunächst Andeutungen geben über die Art und Weise, wie er zu seinen Ergebnissen gekommen ist. Er muss immer wiederum den Weg aufzeigen, auf dem sich ihm die Anschauung seiner Ergebnisse gezeigt hat. Denn er behandelt ja Dinge, die nicht mit den gewöhnlichen Sinnen zu verrichten sind. Er behandelt Dinge, die dem gewöhnlichen Erkenntnisvermögen ferneliegen. Er muss also erst den Weg andeuten, auf dem er dahin gelangt, wo sich ihm in anschaulicher Weise seine Ergebnisse vor das Geistesauge stellen.

[ 7 ] Gerade diejenigen Fragen, die wir heute zu behandeln haben, meine sehr verehrten Anwesenden, sie betreffen eigentlich so recht, mehr als manches andere, den Menschen selbst. Und sie sind die — so im eminentesten Sinne — Fragen der menschlichen Selbsterkenntnis. Man kann nun durchaus sagen: Geisteswissenschaft — ich habe das schon öfter hier erwähnt —, Geisteswissenschaft ist durchaus eine Bewundererin der großartigen, gewaltigen Fortschritte, welche der Menschheit geleistet worden sind durch die naturwissenschaftlichen Ergebnisse der neueren Zeit. Aber, gerade weil sie von ihrem Gesichtspunkte aus diese naturwissenschaftlichen Ergebnisse würdigt, so weit sie zu würdigen sind, gerade deshalb erkennt sie auch, wo diese naturwissenschaftlichen Methoden nicht hinreichen können, wo sie keinen Aufschluss geben können.

[ 8 ] Man muss sagen: Für solche Fragen, wie wir sie heute zu behandeln haben, für Fragen, die im ausgesprochensten Sinne Fragen der menschlichen Selbsterkenntnis sind, für solche Fragen sind die großartigen, bewunderungswürdigen Ergebnisse des naturwissenschaftlichen Denkens und namentlich die Art des naturwissenschaftlichen Denkens eher ein Hindernis als etwas, was wirklich auf den richtigen Weg führen könnte. Dafür lassen Sie mich Ihnen einleitend ein Beispiel angeben. Ernste, gewissenhafte Naturforscher, sie haben ja immer wiederum mit ihrer besonderen Art des Denkens die Blicke hingelenkt auf dasjenige, was sich abspielt im Menschen selbst, was da auf- und abwogt als das menschliche Seelenleben. Aber wir wollen uns ein Beispiel vor Augen rücken, an dem wir gleich sehen können, wie der Naturforscher nicht durch seinen Fehler, sondern durch diese Art der Betrachtung vorbeischen muss an dem, was auf den Weg der eigentlichen Rätsellösung führt.

[ 9 ] Ein guter Naturforscher, Waldstein, er hat veröffentlicht in den zum Teil sehr wichtigen Abhandlungen, die in Wiesbaden erscheinen über die Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens, eine Schrift über das unterbewusste Ich. Er spricht über allerlei, was sich in der Seele des Menschen zwar abspielt, was Bedeutung hat für das menschliche Seelenleben, was aber von dem gewöhnlichen Bewusstsein nicht überschaut wird. Da sagte er als Beispiel — und ähnliche Beispiele kann sich jeder zu Hunderten und Tausenden vor die Seele rücken —, da sagt er: Ich stehe einmal vor dem Schaufenster einer Buchhandlung, schaue in dieses Schaufenster hinein. Mein Blick fällt auf die verschiedensten Bücher. Es ist eine wissenschaftliche Buchhandlung. Lauter ernste Bücher liegen da. Besonders zieht mich an durch meinen Beruf ein Buch, welches da im Fenster steht, über die Mollusken. Und in dem Augenblick, wo mein Blick auf dieses Buch über die Mollusken fällt, muss ich anfangen, leise zu lachen. Nun bin ich doch ein Naturforscher, dem es durchaus nicht nahe liegt, bei einem so ernsten Thema, wie dieses Buch es ausdrückt in seinem Titel «Über die Mollusken» innerlich ins Lachen zu kommen. Was hat da veranlasst, dass ich beim Anschauen des Titels eines Molluskenbuches lachen muss? Ich mache die Augen zu — so erzählt der Naturforscher weiter —, um dahinterzukommen, was mich eigentlich veranlasst, zu lachen. Und siehe da: Da mein Auge nicht mehr angezogen wird durch den Molluskentitel, da höre ich ganz in der Ferne unter mancherlei anderem Straßenlärm, der um mich herum ist, noch leise nur vernehmbar, weil es sehr weit entfernt ist, die Töne einer Drehorgel; und diese Drehorgel spielt just die Melodie eines Liedes, bei dem ich vor Jahrzehnten als ganz junger Mann meine ersten Tänze gemacht habe. Damals habe ich mich bei dieser Melodie bemüht, die Quadrille-Schritte kennenzulernen. Ich habe dazumal nicht sehr achtgegeben auf die Melodie, denn ich war sehr beschäftigt, erstens die Schritte zu lernen, und dann auch meine Partnerin in entsprechender Weise zu behandeln. Also schon dazumal ist die Melodie nur so halbträumerisch an mir vorbeigezogen. Und siehe da, niemals lag es mir nahe in der letzten Zeit, mich mit dieser Melodie zu beschäftigen; jetzt, just vor dem Molluskenbuch, mache ich die Augen zu, und in der Ferne wird diese Melodie angeschlagen; ich muss leise lachen. Hätte ich die Augen nicht zugemacht — denn ich habe ja, als ich das Molluskenbuch anschaute, nichts davon gewusst, dass da eine Orgel spielt, das war nur so an mein Ohr herangeschlagen —, so wäre ich niemals dahintergekommen, warum ich gerade vor dem Molluskenbuch lachen muss. Und dieser Fall zeigt mir, wie merkwürdig die Dinge im Innern des Menschen spielen, was da alles im Unterbewussten wühlt und arbeitet; wie dieses unterbewusste Wesen sein Spiel mit dem Menschen treibt.

[ 10 ] Solche Beispiele führt dann der Gelehrte noch sehr, sehr viele an. Und andere führen dergleichen auch an. Aber man kann sagen: Wenn man solchen gelehrten Abhandlungen sich widmet, man merkt sehr bald: Zwar wissen die Menschen da, dass es sich um etwas handelt, was zur menschlichen Selbsterkenntnis gehört, was im Menschen wirkt und lebt; aber dasjenige, was durch das naturwissenschaftliche Denken herbeigetragen werden kann, um hinter solche Sachen zu kommen, um gar bei solchen Sachen eine Förderung zu erlangen für das wirkliche Erkennen desjenigen, was im Menschen als das wahre Wesen dieses Menschen lebt, dazu reicht eben das naturwissenschaftliche Denken durchaus nicht aus. Da muss zu etwas anderem geschritten werden. Und das ist es, meine sehr verehrten Anwesenden, was ich voraus behandeln muss; der Weg, wie man eigentlich zum menschlichen Selbsterkennen kommt. Aber ich möchte zunächst die zwei Fragen so hinstellen vor Ihre Seelen, wie sie behandelt werden müssen, wenn sie in voller Klarheit empfunden werden sollen, die zwei Fragen, die hereinspielen in das menschliche Seelenleben, von denen sich der Geisteswissenschafter bemüßigt sieht, den Ausgang zu wählen, wenn er gerade unsere zwei heute zu betrachtenden Hauptfragen ins Auge fasst.

[ 11 ] Man darf dabei nicht den Ausgangspunkt wählen von dem im menschlichen Selbst, was so hereinspielt wie da diese ganz leisen, kaum traumhaften Erinnerungsvorstellungen von der Drehorgel her; da kommt man nur zu dem, was gewissermaßen sein Spiel treibt; aber hinter das Spiel, das da getrieben wird mit dem menschlichen Selbst, kommt man nicht. Man muss die Frage so lenken, dass man gegenüber dem, was da auf- und abwogt, in das alles Mögliche hereinspielt nach dem Beispiel unserer Drehorgel, dass man ausgeht von dem und zu so etwas sich wendet, was ein ganz anderes Verhältnis zum Menschenleben hat als dasjenige, was da sein Spiel treibt. Wir leben so mit unserer Seele, dass in dieser Seele aufund absteigen Vorstellungen, die wir durch äußere Wahrnehmungen gewinnen: Gefühle, Willensimpulse; das alles spielt dann hinein, wenn so etwas Drehorgelmäßiges heraufkommt. Aber im Grunde genommen ist ja das ganze Spiel unseres Seelenlebens im Alltag mehr oder weniger ähnlich dieser Erscheinung mit der Drehorgel.

[ 12 ] Gewiss, ein Teil desjenigen, was in unserem gewöhnlichen Bewusstsein ist, dessen sind wir uns klar und hell bewusst; aber unzählig viel anderes spielt fortwährend herein, wir wissen nicht, woher es kommt. Mit Recht sucht die Naturforschung im menschlichen Leibe als solchem, in diesem mit dem Tode vergehenden menschlichen Leibe, die Grundlagen für dasjenige, was da in dieser Form in das Seelenleben des Menschen hereinspielt. Wir sind hingegeben an dieses Spiel der Vorstellungen. Aber eines tritt auf, von dem müssen wir uns sagen: Es ist ganz anderer Art als dieses Spiel der Vorstellungen. Überlassen wir uns nur diesem Spiel der Vorstellungen, gehen wir durchs Leben mit diesem Alltagsbewusstsein — Vorstellungen, Gefühle, Empfindungen, alles Mögliche steigt auf, flutet ab; wir sind ihm hingegeben.

[ 13 ] Aber eines ist dann da, das ist, dass wir uns sagen: Mit einer gewissen Richtekraft tritt herein in unser Bewusstsein das, dass wir nicht einfach die Vorstellungen so kommen und gehen lassen, sondern dass wir uns hergeben müssen dazu, um uns zu sagen: gewisse Vorstellungen sind richtig, andere sind unrichtig; wir fangen an, in unserem Denken Logik zu entwickeln, Logik, die uns auch mit der Wirklichkeit in der richtigen Art zusammenbringen soll. Kann es da das gewöhnliche Spiel der Vorstellungen sein, was in unser Seelenleben hereingreift, wenn wir uns sagen: irgendetwas ist richtig oder ist falsch? Nein, das kann nicht das gewöhnliche Spiel der Vorstellungen sein. Denn da kommen falsche und richtige Vorstellungen herauf, und es kommt gerade darauf an, dass wir uns nach etwas zu richten vermögen, was falsche Vorstellungen, die ebenso aus leiblichen Notwendigkeiten heraufkommen wie richtige Vorstellungen, abweist, was richtige Vorstellungen annimmt. Da ragt in unser Seelenleben etwas herein, was ganz anders geartet ist als alles das, was man sonst in der bloRen naturwissenschaftlichen Selbstbeobachtung finden kann. Daher kommt es, meine sehr verehrten Anwesenden, daher kommt es, dass gerade an diesem Punkte philosophische Weltbetrachtungen immer wiederum eingegriffen haben. Wenn sie gewissermaßen den Menschen haben retten wollen davor, dass er nur das Ergebnis seiner leiblichen Verrichtungen sei, so haben sie darauf hingewiesen, wie da etwas hereinspielt in das Seelenleben, was nicht aus dem Leibe kommen kann. Da kommt einmal das richtige, einmal das falsche; beides kommt in gleicher Art. Aber gerade an diesem Punkte zeigt sich auch immer, wie eine solche Weltbetrachtung nicht zum Ende kommen kann; wie es unmöglich ist, auf diesem Wege irgendetwas zu finden. Denn man gelangt nicht weiter als dazu, solche Sachen zu konstatieren; aber nach den Gründen, nach dem Wesen der Sache frägt man bei solchen bloß philosophischen Weltbetrachtungsmitteln ganz vergeblich. Das ist das eine.

[ 14 ] Auf der anderen Seite spielt eben in das, was auf- und abwogt in unserem Seelenleben, herein das deutliche Bewusstsein, dass wir uns mit Ja oder Nein zu dieser oder jener Handlung entschließen können, dass wir eine Handlung tun oder auch unterlassen können. Aber dem widerspricht eigentlich jede naturwissenschaftliche Betrachtungsweise. Denn eine Handlung kann nicht anders erfolgen als dadurch, dass sie irgendwie aus unserer Leiblichkeit, aus unserer menschlichen Wesenheit hervorgeht. Sie muss in ihr begründet sein.

[ 15 ] Und man muss geradezu sich die Aufgabe setzen, diesen Grund in der menschlichen Wesenheit nach den Gesetzen einer gewissen Notwendigkeit zu suchen. Man kommt nicht heran an dasjenige, was menschliche Freiheit ist. Das ist die andere Grenze. Von diesen zwei Grenzpunkten muss man ausgehen. Ich habe versucht vor 25 Jahren in meiner «Philosophie der Freiheit», gerade von diesen zwei Grenzpunkten auszugehen und einmal damals durch bloße Beobachtung desjenigen, was in der menschlichen Seele lebt, festzustellen, was eigentlich da drinnen ist, in der Seele, wenn eine Handlung zustande kommt, der gegenüber der Mensch das Bewusstsein hat der Freiheit.

[ 16 ] Ich habe dazumal die Sache so gehalten, dass ich innerhalb des rein Philosophischen stehen geblieben bin. Heute versuche ich die Dinge so zu geben, dass sie geisteswissenschaftlich, soweit das dem Menschen möglich ist, ihre Lösung finden. Dazu ist es aber notwendig, dass man sich gerade diesen zwei Punkten, die ich jetzt als die Grenzpunkte wahrer Selbsterkenntnis bezeichnet habe, dass man sich ihnen so nähert, wie nur Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, sich ihnen nähern kann.

[ 17 ] Diese Geistesforschung, ihre Charakteristik ist ja, meine sehr verehrten Anwesenden, dass man nicht die Seele so lässt zum Forschen, wie sie ist; das tut das gewöhnliche Bewusstsein; das tut auch die gewöhnliche Wissenschaft; sondern man entwickelt die Seele weiter über den Punkt hinaus, an dem sie sich selbst antrifft, wenn sie nur ihrer naturgemäßen Entwicklung sich überlässt. Die Seele des Menschen muss sich selbst in die Hand nehmen. Sie muss aus sich etwas anderes machen. Denn sie muss dazu kommen, etwas anderes zu schauen, etwas anderes wahrzunehmen, als man mit dem gewöhnlichen Erkenntnisvermögen wahrnehmen kann. Sie muss, wenn ich das von vorneherein andeuten darf, in die Lage kommen, den Geist, der im Menschen lebt, wirklich ins geistige Auge zu fassen.

[ 18 ] Die meisten Menschen behaupten aus einer gewissen Lebensbequemlichkeit heraus — denn sonst ist es nichts —, dass über solche Dinge wie die Anschauung des Geistes beim Menschen überhaupt nur ein Glaube vorhanden sein könne. Aber die wirkliche Praxis, die wirkliche Methode, die der Geistesforscher einschlägt, die beweisen, dass nicht bloß Glaube, sondern ein so sicheres Wissen in Bezug auf diese Dinge zu erreichen ist, wie das Wissen in Bezug auf äußere Naturerscheinungen und Naturwesen zu erreichen ist.

[ 19 ] Da muss man allerdings sich darüber klar sein, dass die Seele durch — man nenne es nun Übungen oder wie man will —, durch gewisse Verrichtungen, die sie mit sich vornimmt, sich zu einer ganz anderen Art der Verfassung bringen muss, als sie im gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft ist, zu einer anderen Art von Anschauung. Ich habe in meinen Schriften, in denen ja Genaueres über diese Dinge zu lesen ist, die erste Stufe des Seelenlebens, zu der sich die Seele bringt, um in der geistigen Welt zu forschen, die imaginative Erkenntnis genannt.

[ 20 ] Wodurch gelangt man zu dieser imaginativen Erkenntnis? Dadurch, dass man vor allen Dingen seinem Denken, seinem Vorstellen eine ganz andere Richtung gibt, als sie im gewöhnlichen Leben vorhanden sind. Man muss versuchen, ins Denken so etwas hereinzubekommen, was sonst möglichst weit weg liegt, nun, sagen wir, von der Drehorgel, von dem Beispiel, das ich eben angeführt habe. Denn durch die Drehorgel würde die Sache so, dass im Seelenleben etwas auftaucht, man weiß nicht recht was; es könnte auch überhaupt nicht bemerkt werden. Just das Gegenteil muss der Fall sein, wenn man sich zur Geistesforschung bereit machen will durch Seelenübung. Man muss in die Seele gar nichts, aber auch wirklich gar nichts hereinlassen, was nicht durch die Seele selbst in sie hereingebracht ist.

[ 21 ] Das kann man nur dadurch, dass es einem wirklich gelingt, mit seinem Seelenleben einmal — zu Forschungszwecken selbstverständlich nur — abzusehen von aller Vergangenheit, die man durchlebt hat, von aller Zukunft, die man erwünscht, und einmal ganz nur mit der Seele in der Gegenwart zu leben, und zwar in einer möglichst überschaubaren Vorstellung; in einer Vorstellung, die man selber zusammengestellt hat, sodass man weiß, was drinnen ist. Und dieses muss man immer wieder und wiederum machen. Das ist das Charakteristische, dass man etwas macht, das möglichst weit entfernt ist von allem träumerischen Seelenleben. Niemals kann der in der richtigen Art ein Geistesforscher werden, der es liebt, sich so zu überlassen der Wollust des Hinträumens. Niemals kann der ein Geistesforscher werden, der es liebt, in falsch-mystischer Weise sich wollüstig hinzugeben an irgendetwas Unbestimmtes. Das ist nicht eine Vorbereitung zur Geistesforschung, Geistesforschung kann nur erlangt werden, wenn man etwas in der Seele durchlebt, was man selbst mit allem nur möglichen erreichbaren Grade des Bewusstseins in diese Seele hereinrückt und sich dann diesem Überschaubarem, selbst Hereingerückten ganz überlässt und immer wiederum überlässt. Ich habe das in meinen Schriften «Meditieren» genannt, und ich verstehe darunter das Meditieren im rechten Sinn. Dadurch wird man auf sein eigenes Bewusstsein, auf seine eigene Seelentätigkeit hingewiesen.

[ 22 ] Und noch eines möchte ich erwähnen: So, wie von allem Träumerischen, von allem Falsch-Mystischen dieses Meditieren so weit als möglich entfernt sein muss, so muss es auch entfernt sein von alledem, wodurch irgendein hypnotischer, ein suggerierter Zustand in der menschlichen Seele erzeugt wird. Hinstarren auf glänzende Gegenstände zum Beispiel, wodurch Hypnotiseure den hypnotischen Zustand erzeugen, das ist das Gegenteil von dem, was erstes Erfordernis ist für die geisteswissenschaftliche Schulung. Das Gegenteil einer geisteswissenschaftlichen Schulung sind alle Arten von Übungen, durch die das Bewusstsein herabgetrübt wird. Dasjenige, um was es sich handelt, ist: mit vollem Bewusstsein überschaubare Vorstellungen, überschaubare Gefühle und Willensimpulse in den Mittelpunkt seines Seelenlebens zu rücken, dass volle Klarheit vorliegt, wie sie sonst nur bei hellem Denken vorliegt. Überhaupt, dieses helle Denken, dieses mit vollem Bewusstsein durchgeführte Denken, das muss Muster sein. Man darf nicht dabei stehen bleiben, denn man kommt dadurch zu nichts; aber es muss Muster sein für alles dasjenige, was an Übungen in der Seele vollführt wird, um den Weg in die geistige Welt hineinzufinden.

[ 23 ] Dann, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man vielleicht jahrelang — es kommen einem die Jahre da sehr, sehr zustatten, denn das Älterwerden bei solchen Übungen das ist eine große Hilfe, dass durch das Üben etwas Besonderes geleistet werden kann —, dann, wenn man in dieser Weise immer wiederum versucht hat, durch Meditation sein Seelenleben zusammenzudrängen in solche überschaubaren Vorstellungen, dann kommt man zuletzt dahin, imaginatives Leben zu entwickeln. Das heißt, man kommt dahin, dass man nicht mehr bloß braucht Bilder, Vorstellungen sich zusammenzustellen, sondern dass solche Bilder, solche Imaginationen in der Seele wie etwas Objektives auftreten, dass man in solchen Imaginationen lebt, leben kann. Nur wenn man sich dazu vorbereitet hat, wie ich es geschildert habe, dann kommen diese Imaginationen nicht mehr aus dem Leibe, sondern aus dem seelischen Leben. Man wird sich nach und nach bewusst, dass man auf der einen Seite, gerade wie man es beim Denken macht, ITmaginationen, die Kraft zu seinen Imaginationen, sich ganz und gar selber gibt; dass nichts in der Seele einen zwingt, von anderswo her zu diesen Imaginationen zu kommen.

[ 24 ] Aber man wird sich auch bewusst, dass man nach und nach einer inneren Notwendigkeit folgt. Man wird nicht mehr nach und nach, indem man in einer Bilderwelt lebt, — denn eine solche ist zunächst die imaginative Welt —, man wird nicht mehr glauben, man könne willkürlich Bild an Bild reihen, sondern man wird bemerken, dass man an gewisse Gesetze gebunden ist, so, wie man in der Außenwelt an Gesetze gebunden ist. Sie können einen Stuhl auf den Tisch setzen, da bleibt er stehen; wenn Sie ihn frei in die Luft stellen, fällt er herab. Indem Sie die Außenwelt anschauen, sind Sie an gewisse Gesetze gebunden, wenn Sie in der Wirklichkeit bleiben wollen. So merken Sie nach und nach, indem Sie in der richtigen Weise Ihre Seele weiterbilden, dass Sie auch in dieser inneren Bilderwelt genauso an Gesetze gebunden sind, die objektiv sind, wie zum Beispiel das Gesetz, dass ein Stuhl nur auf etwas stehen kann, von dem er unterstützt ist. Auf der einen Seite fühlt man sich mit seinem Bewusstsein mit darin, wo die Bilder stehen; auf der anderen Seite fühlt man sich an die Gesetzmäßigkeit gebunden, die sich vergleichen lässt mit der Gesetzmäßigkeit, die in der physischen Welt vorhanden ist.

[ 25 ] Dasjenige, was man da erlebt, man muss es sorgfältig unterscheiden können nach zwei Seiten hin. Man darf es weder verwechseln mit dem, was die Leute erleben, die unter dem Einflusse von gewöhnlichen Visionen stehen; denn gewöhnliche Visionen kommen vom Leibe, die macht man nicht selber, das sind nicht Vorgänge in der Seele. Imaginationen sind Vorgänge in der Seele. Wer nicht gelernt hat zu unterscheiden dasjenige, was Imaginationen sind, von Visionen, der wird zwar ein Visionär, der lässt allerlei Dunst aufsteigen aus seinem Leibe, aber er kann nicht ein Geistesforscher werden. Die Art und Weise, wie die Visionen entstehen, da ist man ja nicht dabei, bei dieser Art und Weise. Darauf ist großer Wert zu legen. Denn das ist etwas so Wesentliches, wie gewisse Vorsichtsmaßregeln bei chemischen, physikalischen, physiologischen Methoden sind.

[ 26 ] Ein Kritiker meiner geisteswissenschaftlichen Richtung, der sich sehr erhaben dünkte in seiner Kathederweisheit — ich will heute nicht sprechen über allerlei Zeug, was der betreffende Kritiker über meine Geisteswissenschaft gesagt hat, aber ich will etwas aus dem Buche dieses sogenannten gelehrten Herrn anführen, aus dem Buche, das so viel Aufsehen gemacht hat, das in ganz kurzer Zeit eine zweite Auflage erleben wird. Da führt der betreffende Herr an, dass es ihm zuweilen passiert ist, dass, wenn er zu einer Versammlung spricht, so redet er, redet bis zu einem gewissen Punkte, indem er nun wie sonst nachdenkt über das, was er redet; dann aber hat er schon manchmal bemerkt, dass er nicht weiter denkt, dass er an anderes denkt, und trotzdem weiter redet.

[ 27 ] Nun, erstens werde ich Ihnen versprechen, Ihnen niemals so etwas aufzubinden, dass ich so weiterratschen werde, wenn ich so mit dem Denken aufhöre. Andererseits muss betont werden, dass, wer überhaupt in der Lage ist, zu glauben, dass man den Geheimnissen der Seele nahekommt, wenn man so etwas ausführt, der ist von vorneherein viel zu stumpfsinnig, um nur irgendetwas zu begreifen von dem, was Nerv, was Grundlage gerade für die wahre Geisteswissenschaft ist; der ist auch zu stumpfsinnig, um nur irgendein im Entferntesten treffendes Wort über diese Geisteswissenschaft zu sagen. Mit dieser einen Ausführung beweist er, dass er so fern wie möglich steht demjenigen, was hier eigentlich gemeint ist. Denn das ist gerade das Wesentliche, dass diese Geisteswissenschaft darauf hinweisen muss, dass überall, wo gesucht wird das Geistige, das Bewusstsein gerade beim Geistesforschen dabei sein muss. Alle Visionen, aber auch alles unwillkürliche Hinträumen, noch dazu wenn in so unerhoffter Weise es geschehen würde, dass man ein Publikum anratscht, ohne an das zu denken, womit man es anratscht, alles das ist ausgeschlossen nicht nur vom Reden, sondern von dem, was sich innerlich in der Seele abspielt, wenn man auf dem geistesforscherischen Weg zum Geiste hin ist.

[ 28 ] Das andere, wovon man unterscheiden muss dasjenige, was ich hier als Imagination anführe, das ist das bloße Phantasieleben. So wie das imaginative Leben kein visionäres Leben ist, kein unwillkürliches mystisches Erleben ist, so ist dieses imaginative Leben auch kein Phantasieleben. Beim Phantasieleben handelt es sich darum, dass die Bilder zwar in Gesetzmäßigkeit, aber doch in innerlich freier Weise aneinandergereiht werden. Beim Phantasieleben ist man nicht so gebunden an den objektiven Gang der Bilder, wie man in der äußerlichen Wahrnehmung gebunden ist. Man weiß, dass der Stuhl nicht in der Luft stehen kann. Beim imaginativen Leben ist man dieses.

[ 29 ] Kommt man also dazu, durch inneres Üben der Seele wirklich vor sich zu haben dasjenige, was man im äußeren Bewusstsein, im alltäglichen Leben niemals vor sich haben kann, dann, meine sehr verehrten Anwesenden, dann erlebt man eine jetzt nicht mehr bloß aus der Seele kommende Bilderwelt, bei deren Entstehung die Seele Stück für Stück dabei ist; man erlebt eine neue Welt, eine Welt der Bilder; eine Welt, die man sonst nicht um sich hat. Dieses ist das Erste, was sich erringen muss derjenige, der in die wirkliche geistige Welt hineindringen will.

[ 30 ] Aber jetzt kommt dasjenige auf dem Wege zur Geistesforschung, was besonders wichtig ist. Sehen Sie, der Visionär, der Phantast, sie sind zufrieden mit dieser Bilderwelt zunächst. Sie sagen sich, das haben sie gesucht. Auch der Träumende ist damit zufrieden. Derjenige, der zur imaginativen Erkenntnis gelangt ist, der ist ganz und gar nicht zufrieden mit dieser Bilderwelt, der betrachtet sie nur als ein Mittel, um weiterzukommen. Denn dasjenige, was auftritt, indem man diese Bilderwelt erlebt, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist eine Erstarkung des Erlebens. Man muss ganz andere innere Kräfte dieses Seelenlebens aufwenden, wenn man diese Bilder festhalten will, wenn man wirklich überall dabei sein will beim Entstehen, beim Werden dieser Bilder, als man aufwenden muss beim Entstehen der äußeren Bilder, bei dem, was die Leute sagen oder die Bücher vorschreiben. Auf diese Erstarkung des Bewusstseins kommt es an; dass die Seele in dieser Weise stärker wird, als sie jemals sonst im Leben ist und zu sein braucht. Nichts, meine sehr verehrten Anwesenden, nichts soll man durch diese Bilderwelt gewinnen als eine Erstarkung des Seelenlebens. Man soll sich sagen: Diese ganze Bilderwelt ist nur Vorbereitung zur Geisteswelt.

[ 31 ] Dann allerdings, wenn man sich erlebt — ich sage jetzt ausdrücklich: sich erlebt —, dann sagt man sich gewissermaßen: Irgendeine objektive Welt hast du in diesen Bildern nicht, aber das Mittel, um in diese objektive Welt hineinzudringen. Gewissermaßen hat man in dieser Bilderwelt das geistige Auge und das geistige Ohr, aber sie sind noch nicht durchsichtig. Denken Sie sich, Sie hätten Augen in ihren Augenhöhlen; die wären aber nicht mit dem durchsichtigen Glaskörper durchsetzt, sondern getrübt; so haben Sie in sich diese Bilderwelt, die Sie eher abschließt von der geistigen Welt, die Sie aber erstarken lässt, indem Sie das erste Mittel in die Seele aufnehmen, um in die geistige Welt einzudringen. Man muss eine weitere Kraft gewinnen. Und diese gewinnt man, indem man die Kraft fühlt, die man in diesen Bildern erlebt; indem man sie voll erlebt, da gewinnt man die zweite Kraft — das Genauere finden Sie in meinen Büchern geschildert —, die zweite Kraft, die darin besteht, Geistesaugen und Geistesohren zu bekommen, um die Bilder nun durchsichtig und durchhörbar zu machen, sie wieder wegzuschaffen, diese Bilder; nur sich in den Bildern zu fühlen, nur das eigene Selbst erstarkt zu haben, aber die ganze Bilderwelt durchsichtig zu machen. Man muss noch drinnen sein, meine sehr verehrten Anwesenden, aber man muss sie nicht mehr sehen. Ein Zustand, den sich gerade der Visionär ganz und gar nicht wünscht; denn der ist furchtbar zufrieden, wenn er nach seiner Ansicht «die ganze geistige Welt» in seinen Bildern hat. Der will sie nicht durchsichtig machen. Der Geistesforscher muss dasjenige, was er an den Bildern erlebt, nur benützen zum Erstarken seines Ich, zum Übergang gewissermaßen; zum Erstarken seines Ich, das dadurch stärker wird als das gewöhnliche Ich und das sich nun halten kann; und indem es sich hält, diese Bilderwelt auch für sich hält, aber sie nicht mehr anschaut durch innere Stärke, das Anschauen überwindet, sodass man zwar lebt in diesen Bildern, aber sie nicht mehr anschaut, sie nicht als etwas, was einem von außen als Wirklichkeit kommt, betrachtet.

[ 32 ] Dann, wenn man durch weitere energische Übungen dieses Durchsichtig-Machen der Imaginationen erlangt hat, dann tritt das Zweite ein, was notwendig ist, um in die geistige Welt hineinzukommen, das ist dasjenige, was ich nenne die inspirierte Erkenntnis. Ich brauche dieses Wort und bitte Sie darunter zu verstehen nur dasjenige, was ich hier auseinandergesetzt habe. Ich bitte es nicht zu verwechseln mit allerlei abergläubischen Vorstellungen. Sondern es ist dasjenige, was in der Seele auftritt, wenn sie selber erstarkt ist in der Bilderwelt, die sie dann selber wegschafft. Dann wird diese Bilderwelt durchsichtig, und die äußere objektive geistige Welt kündigt sich zunächst an im geistigen Hören — im geistigen Schauen. Jetzt hat man nicht mehr bloß das erkraftete, erstarkte Selbst vor sich, jetzt gewinnt man die Möglichkeit, durch Erfahrung zu wissen: Um uns herum ist eine geistige Welt, wie um uns herum für unsere physischen Augen und Ohren eine physische Welt ist.

[ 33 ] Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, wer da glaubt, man könne über die geistige Welt nur schwätzen, wer da glaubt, man brauche, um in die geistige Welt hineinzukommen, nicht eine wahre Forschung, der irrt sich gar sehr. Und diejenigen Menschen, die glauben, der Geistesforscher ist ein Phantast, der es leicht hat gegenüber dem, was, wie man sagt, die ernste strenge Forschung im Laboratorium, auf der Sternwarte erkundet, der irrt sich wiederum gar sehr. Mag es noch so schwierig sein, sich die Methoden der äußeren Wissenschaften anzueignen — dasjenige, was mit der Seele durchgemacht werden muss, um die Stufe der Imagination zu überwinden und wirklich in der geschilderten Weise in die geistige Welt hineinzukommen, das überragt an Schwierigkeit alles dasjenige, was irgendeine äußere Wissenschaft an Schwierigkeit bieten kann. Und nur diejenigen reden leichtsinnig über diese Dinge, die sich niemals eine Anschauung verschafft haben davon, wie es eigentlich mit der Geistesforschung zugeht. Dann aber, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man also in die geistige Welt hineingedrungen ist, wenn sie sich einem offenbart, so wie sich durch Farben und Töne die physische Welt den physischen Sinnen offenbart, dann tritt etwas ein, was man in einer merkwürdigen Weise fühlt. Es tritt dadurch ein, dass man immer weiter sich exponiert, sich aussetzt der Inspiration, dass man sie wirklich immer weiter erlebt. Es tritt das ein, was man nennen kann das umgekehrte Einschlafen. Es ist sehr wichtig, dass wir dieses umgekehrte Einschlafen ins Auge fassen. Man weiß: Dadurch, dass man die imaginative Erkenntnis, die inspirierte Erkenntnis durchgemacht hat, dadurch ist man in alle diejenigen Zustände hineingeraten, die man sonst nur durchmacht, wenn man einschläft. Gerade so, wie wenn man einschläft, ist der physische Leib nach seinen eigenen Gesetzen nur verfahren, die nichts zu tun haben mit dem, was in der Seele vorgeht.

[ 34 ] So ist es auch, wenn man sich freigemacht hat von seinem physischen Leibe durch Imagination, durch Inspiration. Beachten Sie überhaupt das Einschlafen: Die gewöhnlichen Wahrnehmungen werden undeutlich, sinken herunter; aber es tritt Bewusstlosigkeit ein. Dieses Heruntersinken der äußeren physischen Wahrnehmungen, das erreichen Sie nicht dadurch, dass der Körper müde ist, sondern dass Sie etwas anderes an die Stelle der Wahrnehmungen setzen, dass Sie die Imaginationen haben, dass Sie nicht eine niedrigere Seelentätigkeit entfalten, sondern eine höhere.

[ 35 ] Noch weiter gesteigert ist dann das bei der Inspiration. Und gelangen Sie noch weiter, dann ist cs so, wie wenn Sie mitten im Schlafe aufwachen würden, Ihren Leib vor sich liegen sehen würden, außer Ihrer Seele. Das ist eine wirkliche Erfahrung. Sie sehen, wenn Sie durch die Inspiration gegangen sind: Sie sind außerhalb des Leibes. Aber Sie sind nicht bewusstlos, sondern Sie sind in der geistigen Welt darinnen. Dasjenige, was sich Ihnen vorher durch Inspiration angekündigt hat, in das tauchen Sie selber, Wesen für Wesen, Vorgang für Vorgang, unter. Intuition habe ich in meinen Schriften diese dritte Stufe der geistigen Erkenntnis genannt.

[ 36 ] Durch Imagination, durch Inspiration, durch Intuition dringt man in die wirkliche geistige Welt hinein. Das ist der Weg, wie man durch die Umwandlung der Seele selber untertaucht in diese geistige Welt. Es lässt sich nicht mit Phrasen, nicht mit allerlei mystischem Geschwätz von dem Aufgehen in dem oder jenem, sondern nur durch methodisches, ernstes Arbeiten an der Seele die geistige Welt für diese Seele erreichen. Dann aber, wenn man diese Stufe des Erkennens, die Sie meinetwillen gar nicht eine höhere Stufe zu nennen brauchen als das Alltagsleben, nur eine andere Art des Erkennens zu nennen brauchen, wenn man diese Stufe erlangt hat, dann steht man in einer anderen Art zur Außenwelt als ohne dieses Erkennen.

[ 37 ] Ich möchte nur, obwohl das eigentlich nach den vielen Vorträgen, die ich hier gehalten habe, selbstverständlich ist für viele Zuhörer, nebenbei erwähnen: Der Geistesforscher ist nicht etwa immer ein Geistesforscher vom Aufwachen bis zum Einschlafen, geradeso, wie man nicht immer ein Chemiker ist, wenn man außerhalb des Laboratoriums ist. Denn wenn der Geistesforscher nicht in die geistige Welt sich vertieft, da ist er ein gewöhnlicher Mensch wie die anderen auch. Selbstverständlich richtet er sich da nur nach der übrigen Außenwelt. Wer da glaubt, dass der Geistesforscher absolut ein anderer Mensch wird, der irrt sich gar sehr. Das ist dasjenige, was aus mancherlei Gesellschaften hervorgeht, und namentlich in der Außenwelt so viele Missverständnisse hervorrufen kann, wenn die Mitglieder solcher Gesellschaften immer wiederum geltend machen, dass sie so etwas wie ein höherer Mensch sind. Das ist gar nicht gemeint. Das ist Firlefanzerei. Das, was gemeint ist, das ist, dass man in gewissen Zuständen des Lebens die Seele in eine solche Verfassung bringt, dass sie in die geistige Welt eindringen kann. Und innerhalb dieser Zustände, dieser Verfassung der Seele, steht die Seele in einer anderen Weise zur Außenwelt als sonst; sogar in Bezug auf feinere Unterscheidungen des Lebens.

[ 38 ] Es wird Ihnen sonderbar erscheinen, und dennoch ist es so: Für diejenigen, die das Leben einseitig betrachten, bedeutet es sehr viel, ob man Materialist oder Spiritualist ist — Spiritualist nicht im Sinne von Spiritismus gemeint, sondern im Sinne der deutschen Philosophie gemeint. Dem Geistesforscher ist es im Grunde ganz gleichgültig, ob einer Materialist oder Spiritualist ist. Darauf kommt es gar nicht an. Denn derjenige, der Materialist ist und mit dem vertieften Selbst an das äußere materielle Leben herandringt, der kommt, wenn er noch so grobe materielle Erscheinungen erforscht, von der Materie nach dem Geiste, weil aller Materie der Geist zugrunde liegt.

[ 39 ] Gehen Sie aus von der Materie, aber bleiben Sie nicht auf halbem Wege stehen. Seien Sie meinetwillen noch so grober Materialist, aber bereit, Denken in dem Forschen anzuwenden — dann ist es schon recht. Und ebenso darf man nicht auf halbem Wege stehen bleiben wenn man Spiritualist ist, sonst wird man immer reden vom Geist, immer reden und reden vom Geist, vielleicht sogar die Materie verachten. Aber das, worauf es ankommt, ist nicht von Geist, Geist, Geist zu reden, sondern vom Geist den Weg zu finden ins materielle Leben hinein, wiederum unterzutauchen in das materielle Leben, und den Geist gerade hineinzutragen in das materielle Leben.

[ 40 ] Morgen werde ich davon noch ausführlicher sprechen, um zu zeigen, wie die Spiritualisten, die immer Geist, Geist rufen und keinen Sinn dafür haben, mit diesem Geist in das wirkliche, nützliche, dem Menschen naheliegende Leben unterzutauchen, womöglich noch schädlicher sind als die Materialisten. Darauf kommt es nicht an, ob man von der Materie oder vom Geiste ausgeht, sondern darauf kommt es an, dass man mit seinen Forschungen zu Ende kommt. Aber in einer gewissen Weise kommt man gerade auf dem heutigen naturwissenschaftlichen Wege mit seinen Forschungen nicht zu Ende. Man kann nicht, obwohl man fast einzig und allein auf das Materielle auch beim Menschen ausgeht in der heutigen Physiologie, in der heutigen Biologie, mit den Methoden der heutigen Naturwissenschaft — nicht mit den Tatsachen, sondern mit der Denkweise, mit der Methode —, hinter die eigentlichen Geheimnisse zum Beispiel der Menschheitsentwicklung kommen. Und das ist insbesondere für unsere heutigen Fragen wichtig.

[ 41 ] Sie wissen ja, eine besondere Errungenschaft der naturwissenschaftlichen Richtung ist das, was man die Entwicklungsidee nennt. Entwicklung — es ist ja ein fadenscheiniges Wort geworden. Man hat die Wissenschaft bis hinauf zum Menschen in den Gesichtspunkt der Idee der Entwicklung hineingestellt und man hat auf diesem Wege Nützliches und Abernützliches, man hat unendlich Bedeutungsvolles gefunden. Und dennoch ist dasjenige, was die Naturforschung auf diesem Gebiet gemacht hat, nur die Hälfte desjenigen, was den Menschen begreiflich machen kann. Denn der Mensch ist kein so einfaches Wesen, das sich mit der gradlinig vorgestellten Entwicklung dieses Wesen so ohne Weiteres begreifen lässt. Der Mensch ist ein kompliziertes Wesen. Und will man die Entwicklungsidee auf den Menschen anwenden, will man wirklich eindringen in die menschlichen Geheimnisse, dann muss man schon auch den menschlichen Organismus, wie er sich für das äußere Auge hinstellt, anders in das Licht der Entwicklungsidee stellen als so gradlinig, wie die Naturwissenschaft es bis heute versucht hat.

[ 42 ] Man muss nämlich am Menschen unterscheiden sein Haupt, seinen Kopf, oder besser gesagt alles das, was mit dem Kopf als Sinnesorganismus und Nervenorganismus zusammenhängt — ich nenne es der Einfachheit halber den Kopforganismus jetzt —, man muss unterscheiden den mittleren Organismus, also das, was zum Brustleben gehört, zum Unterleibsleben; und man muss unterscheiden als Drittes an dem Menschen das Extremitätenleben. Derjenige, der nur einmal das menschliche Skelett angesehen hat, der wird wissen, dass dasjenige, was sich beim Menschen in durchaus anderer Weise als bei allen Tieren in dem Bau der Extremitäten der Arme mit den Händen, der Beine mit den Füßen, ausdrückt, nicht eben bloß dasjenige ist, was auch außen sichtbar ist; das setzt sich nach innen fort.

[ 43 ] Und das alles, was einem da äußerlich am Menschen entgegentritt, das ist zunächst materiell. In seinen materiellen Geheimnissen lernt man es erst erkennen, wenn man geistig in dieses Materielle unterzutauchen in der Lage ist. Denn wenn man die Idee der Entwicklung anwendet und diejenige Entwicklungsidee gelten lässt, die die heutige Naturwissenschaft entfaltet, dann ist nur der mittlere Mensch, der Brustmensch durch diese Entwicklung zu erklären. Der Mensch, insofern er HauptesOrganismus, ist nicht durch diese Entwicklungsidee zu erklären.

[ 44 ] Warum ist das so? Weil das Haupt des Menschen, meine sehr verehrten Anwesenden, nicht bloß eine fortschreitende Entwicklung hat, sondern in die fortschreitende Entwicklung Rückbildung, Rückentwicklung aufnimmt. Das Haupt baut ab, nimmt wiederum weg etwas vom graden Gang der Entwicklung; macht nicht halt, wenn die Entwicklungsströmung zu Ende gekommen ist, sondern verknöchert mehr als der übrige Organismus. Dasjenige, was sich in trivialer äußerer Weise schon an der eigentümlichen Verknöcherung des Kopfes dadurch ausdrückt, dass auch das Hauptgehirn anatomisch in einer eigentümlichen Weise undifferenziert ist; das alles, das weist nach den Tatsachen der gegenwärtigen Naturwissenschaft auch auf das hin, was hier geisteswissenschaftlich festgestellt werden muss. Wir haben es bei dem Menschen — der Mensch als Haupteswesen betrachtet — nicht mit einer geraden Linie zu tun, sondern mit einer Entwicklung, die fortschreitend ist, dann wiederum gestockt hat, zurückgegangen ist.

[ 45 ] Lernt man Imagination, Inspiration, Intuition kennen, dann dringt man auch durch das innere Erleben tiefer ein in die materiellen Zusammenhänge — so sonderbar es aussieht — als diejenigen, die immer nur den Geist und den Geist erleben wollen. Dieses Geist-Erleben setzt voraus, dass man gerade untertauchen kann in das Materielle. Da erlebt man, was das Vorstellen, durch das wir so recht Mensch sind, eigentlich ist. Was geht im Unterbewussten vor, wenn wir vorstellen? sehr sonderbar, meine sehr verehrten Anwesenden, indem wir vorstellen, hungert unser Haupt. Das Haupt wird abgebaut. Jede Vorstellung, die vom Denken durchsetzt ist, ist ein partieller Hungerzustand. Asketiker, welche in falscher Weise vorgegangen sind, haben dann versucht, den ganzen Körper hungern zu lassen, um gewisse Vorstellungen hervorzurufen. Das ist das Falsche. Dasjenige, was geschehen soll, geschieht schon normalerweise durch ein gewisses labiles Gleichgewicht. Im Organismus sind wir eigentlich nur equilibriert, ernährt in Bezug auf den mittleren Organismus; in Bezug auf das Haupt aber nur, während wir schlafen. Während des ganzen Wachzustandes muss das Haupt in Unterernährung sein. Das ist die rückgehende Entwicklung. Das kommt von dem Zurücknehmen der Entwicklung, von dem Abbau.

[ 46 ] Und siehe da, da kommen Sie darauf, meine sehr verehrten Anwesenden, da kommen Sie auf etwas, was ungeheuer wichtig ist, was die Brücke schlägt zwischen dem Naturwissen und dem Geisteswissen. Wie kommt das vorstellende Denken zustande? — fragen wir. Kommt es dadurch zustande, dass eine fortschreitende, sprießende, sprossende Entwicklung vor sich geht? Nein, dadurch dass die Entwicklung zurückgenommen wird, dass Platz gemacht wird, dass die Entwicklung aufhört, dass sie in sich zerfällt; da wird Platz gemacht für das seelische Erleben. Glaubt man, die Entwicklung gehe so gradlinig fort, wie sie mit Bezug auf das rein Tierische unseres mittleren Organismus ist, dann kommt man nie zum Begriff der Selbstständigkeit des denkerischen, vorstellenden Erlebens, sondern wenn man weiß, dass sich die Entwicklung zurückziehen muss, dass alles das, was Wachstum, was Leben hervorruft, sich zurücknehmen muss, dass es Platz machen muss im Haupte für die Seele.

[ 47 ] Erst wenn man dieses weiß, wenn man ordentlich hineinschaut in das, wie das Haupt die Grundlage ist für das Seelenleben, kommt man auf die Selbstständigkeit des Erlebens. Man sieht also auf der einen Seite, wenn man zu Imagination, Inspiration, Intuition durchgedrungen ist, wie das Denkerische, sei es nun richtig oder unrichtig, in das Seelenleben hineingreift. Der Leib muss seine Funktion aufheben, damit es da sei. Dann kann man weiterschreiten. Man kann das, was sich da selbstständig hineinlebt in den Organismus als Denkerisches, das kann man anschauen, was es ist, wie es hineinkommt in den Menschen, wenn er sich sagt: Das ist richtig, das ist unrichtig, was da heraufkommt aus dem Organismus.

[ 48 ] Und hat man erkennen gelernt, wie es sich erlebt, in Imagination, Inspiration, Intuition; siehe da: Was erlebt man gegenüber dem Denken? Dass es sich so auf die Rückentwicklung des Organismus aufbaut. Man erlebt, dass in ihm, so wie es im alltäglichen Leben auftritt, wenn es ein wirkliches Denken ist, ein solches Denken, das sich nicht dem Spiel der Vorstellungen überlässt, sondern logisch sich entwickelt nach richtig oder unrichtig, dass dieses Denken ein unbewusstes Inspirieren des Menschen ist. Das ist die große Entdeckung, die man macht. Man lernt durch die Geistesforschung bewusst ins Inspiratorische sich hineinversenken. Jetzt lernt man erkennen, was richtiges und unrichtiges Denken ist. Das Inspirieren ist da, aber unbewusst. Es kommt nur zustande, indem man einsieht die Tatsache: Nun ja, es strahlt in uns etwas hinein, was uns sagt: Weise dieses ab, nimm jenes an. Aber das sind unbewusste Inspirationen. Wo kommen sie her? Das zeigt sich auch, wenn man sie geistesforscherisch anschaut, mit dem Erleben, was man in Imagination, Inspiration, Intuition hat.

[ 49 ] Wenn man diese Imagination hat, wenn man nicht stehen bleibt dabei, dass man diese Imagination hat, sondern untertaucht in diese Inspiration, da kommt man dazu, einzusehen, was einen inspiriert, das ist das Leben, das man durchgemacht hat, bevor man durch die Geburt oder die Empfängnis in diesen Leib, der einem von Vater und Mutter gegeben wurde, hineingezogen ist. Das ist dasjenige, wo man erfährt: Dieses physische Leben ist eine Fortsetzung eines geistigen Lebens, das man durchgemacht hat. Jetzt weist es uns hin durch das Denken selber, dass der Mensch aus einer geistigen Welt heruntersteigt und eintritt in dasjenige, was ihm durch die Empfängnis oder durch die Geburt von Vater und Mutter als eine Leibesumhüllung gegeben wird. Indem man das Denken als unbewusste Inspiration erkennt und seine Intuitionen sieht, also von einem intuitiven Denken spricht, von der Intuition spricht, die im Denken lebt, redet man in Wahrheit von dem vorgeburtlichen oder, besser gesagt, vor der Empfängnis liegenden geistig-seelischen Dasein des Menschen.

[ 50 ] Es wird in der Zukunft die Unsterblichkeitsfrage eine wesentliche Ergänzung erleben. Bisher hat man vielfach diese Unsterblichkeitsfrage nur so betrachtet, dass man sich eigentlich nur in egoistischer Weise interessiert hat für das, was nach dem Tode folgt. Aber dieses Leben, was wir hier im physischen Leibe durchleben, es ist die Fortsetzung eines geistigen Lebens. Dieses Leben hier in seinem Zusammenhang mit der unsterblichen Seele, wie sie da war, bevor sie durch die Geburt oder durch die Empfängnis in den physischen Leib eingetreten ist, dieses Leben im Zusammenhang mit der unsterblichen Seele zu betrachten, das eröffnet als Aussicht die Geisteswissenschaft.

[ 51 ] Betrachten wir nach der anderen Seite hin den Menschen in Bezug auf seine Entwicklung. Da werde ich etwas sehr Paradoxes sagen müssen. Aber meine sehr verehrten Anwesenden, ich weiß auch: Das, was ich jetzt als Paradoxon, als etwas, was vielleicht die Leute als etwas sehr Verdrehtes auffassen, sagen werde, das wird ein festes Gut gerade der naturwissenschaftlichen Forschung der Zukunft sein.

[ 52 ] Betrachten wir den Extremitäten-Organismus, alles dasjenige, was zusammenhängt mit dem Gliederbau der Arme und Hände, der Füße und Beine, wie sich diese nach innen fortsetzen. Da haben wir die Entwicklung noch in einer ganz anderen Weise vor uns. Wenn wir den Hauptesorganismus betrachten, dann haben wir die Entwicklung so vor uns, meine sehr verehrten Anwesenden, dass wir eine rückgehende Entwicklung einsehen müssen; ein Zurücknehmen der Entwicklung. In unserem Extremitäten-Organismus liegt das Eigentümliche vor, dass die Entwicklung gegenüber dem für den mittleren Organismus Normalen um ein Stück hinausschreitet; Überentwicklung tritt für die Extremitäten ein. In Bezug auf seinen Extremitäten-Organismus geht der Mensch über das Maß seiner Hauptesentwicklung hinaus. Schon die Formen — die Zeit ist leider zu kurz, auf Einzelheiten einzugehen —, das ganze Leben des ExtremitätenOrganismus liefert den vollgültigen Beweis, dass man es beim Menschen im Extremitäten-Organismus mit einer Überentwicklung zu tun hat; mit einer Entwicklung zu etwas hin, das der Mensch zur Unterhaltung des Leibes gar nicht braucht. Die Entwicklung schreitet über das hinaus, während sie im Haupte rückschreitend wird. Was ist die Folge davon? Dass die Entwicklung im Extremitäten-Organismus über sich hinüberschreitet. Dadurch lebt unterbewusst im Menschen etwas auf, was man erst erkennt, wenn man dazu gelangt, das imaginative Leben ganz zu erfassen und dann dieses imaginative Leben zu vertiefen durch Inspiration und Intuition.

[ 53 ] Wenn man mit dem geistigen Auge des Geistesforschers schaut den menschlichen Extremitäten-Organismus, so gliedert sich ein diesem Extremitäten-Organismus etwas, was als Imagination, als selbstverständlich durch sich auftretende Imagination erscheint.

[ 54 ] Die Extremitäten überspringen die Entwicklung. Und dadurch gliedern sie sich seelisch etwas ein, was man nicht sehen kann mit dem gewöhnlichen Auge, was aber sofort auftritt, wenn man das imaginative Erleben kennt. Der Mensch enthält durch seine Extremitäten etwas, was er produziert als Imagination, was nichts zu tun hat mit seinem Leben hier im Leibe. Lernt man es nun erkennen, dieses Leben, das den Extremitäten eingegliedert ist, und nur durch Imagination zu erfassen ist, was hat man darin? Dass diesen Extremitäten eingegliedert ist dasjenige, was durch die Pforte des Todes geht, was die Grundlage ist für die Fortsetzung des Lebens nach dem Tode. Wie sich durch Inspiration im Denken auf der einen Seite bei rückentwickeltem Haupte dasjenige geistig-seelisch auslebt, was vor der Geburt, vor der Empfängnis da ist, so gliedert sich als Imagination ein dasjenige, was nach dem Tode wie ein Wagen unser Seelenleben in die geistige Welt hinausträgt.

[ 55 ] So sind wir auf der einen Seite mit unbewusster Inspiration begabt, welche die Geisteswissenschaft heraufhebt, nach dem Haupte hin. Nach der anderen Seite, nach den Extremitäten hin sind wir begabt mit unbewusster Imagination, wodurch unbewusst dasjenige in uns lebt, was durch die Pforte des Todes tritt und uns hinausträgt in die Unsterblichkeit nach dem Tode. Auf zwei verschiedene Arten lernen wir das vorgeburtliche und das nachtodliche Leben kennen, indem wir das vorgeburtliche kennenlernen als unbewusste Inspiration, das nachtodliche als unbewusste Imagination.

[ 56 ] Man wird einmal studieren rein biologisch-physiologisch — nicht wahr, wir sind ja keine Kinder, es kann ausgesprochen werden —, es kann studiert werden, wie in Bezug auf das äußere Leben die Extremitäten-Organisation zusammenhängt mit der übrigen menschlichen Organisation. Man wird dann auf die primären Sexualorgane sehen, ihre Zusammengliederung mit der Fußorganisation; man wird auf die sekundären Sexualorgane sehen, man braucht nur die Brüste als sekundäre Sexualorgane anzusehen, und ihr Zusammengegliedertsein mit der Armorganisation, dann hat man dasjenige, was beim Menschen durch den Extremitäten-Organismus eingegliedert ist als die physische Grundlage der Hervorbringung eines neuen Lebens, das sich absondert von ihm. Diese physische Grundlage ist, wenn der Mensch geschlechtsreif ist, fertig, aber der Mensch setzt sein Leben darüber hinaus fort. Das, was hier physische Organisation ist, es hat sein Gegenbild. Wie der menschliche physische Organismus, soferne er im Zusammenhang steht mit der Sexual-Organisation, die Grundlage ist einer physischen Hervorbringung, so ist das, was als GeistigSeelisches dem Extremitäten-Organismus zugrunde liegt, notwendig für die Hervorbringung desjenigen, was er über die Pforte des Todes hinausschickt, und was sein nächstes Erdenleben hervorbringt.

[ 57 ] Hier haben wir wie einen Ausgangspunkt für eine streng wissenschaftliche Erforschung der Unsterblichkeitsfrage. Und als ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert in meiner «Philosophie der Freiheit» aufmerksam machte, dass man richtig beobachten muss, wenn man an die Freiheit herankommen will, da wies ich hin, dass man auf der einen Seite zum rein intuitiven Denken gehen muss. Heute füge ich hinzu: Dieses intuitive Denken wird vor der Geburt oder Empfängnis erkannt. Das steht schon in der «Philosophie der Freiheit», indem ich das eine Element des menschlichen Willens das intuitive Denken nannte.

[ 58 ] Das andere Element, was als imaginatives Leben auftritt, das nannte ich für die Freiheitsfrage dazumal die moralische Phantasie, um für diejenigen auch das Buch brauchbar zu machen, die die Geisteswissenschaft für Narretei halten. Das, was in dem Buche steht, ist philosophisch geschildert. Der Geisteswissenschafter fügt hinzu, das dasjenige, was dort als moralische Phantasie auftritt, ein Teil davon ist, was in der Organisation des Menschen an unterbewusster Imagination lebt und gerade in moralischen Handlungen heraufsteigt. Durch das Zusammenwirken von moralischer Phantasie mit dem intuitiven Denken, sagte ich dazumal, entsteht das, was im wahren Sinne des Menschen eine willensfreie Handlung des Menschen ist. Heute füge ich hinzu: Was ist das Denken? Das, was hier unsere Inspiration ist, was vorgeburtlich ist. Wann tritt es auf? Dann tritt es auf, wenn wir imstande sind, eine Handlung so auszudenken, dass wir diese Handlung vollführen so, dass uns diese Handlung so lieb ist, dass sie nichts mit unseren Trieben und Neigungen zu tun hat, sondern uns so lieb ist wie eine Persönlichkeit, die wir wirklich lieben, weil wir ihr Wesen erkannt haben. Wenn wir eine Handlung aus Liebe vollführen — also nicht aus Egoismus, aus spielenden Vorstellungen, sondern aus der Einsicht in die innere Notwendigkeit der Handlung —, dann geben wir uns den intuitiven Handlungen hin; dann sind wir inspiriert von dem vorgeburtlichen Leben.

[ 59 ] Woher aber kommt dazu die Kraft? Damals sagte ich: ... [Lücke]. Heute füge ich hinzu: Es ist die Kraft, die nach dem Tode uns hinüberträgt in die geistige Welt. Das spielt in uns unterbewusst. Im moralischen Handeln, das sich frei entfaltet, leuchtet herauf dasjenige, was vor der Geburt oder Empfängnis liegt. Das koppelt sich zusammen mit dem, was nach dem Tode in die geistige Welt hineintritt. Während wir leben zwischen der Geburt und dem Tode, handeln wir schon, indem unbewusst das in uns hereinspielt, was vor der Geburt liegt, im intuitiven Denken, das inspirierend in unser Leben hereinfließt. Was nach dem Tode liegt, das ist das, was gar nicht mit uns zusammenhängt und doch von uns verrichtet wird; was den Charakter trägt, dass es aus Liebe verrichtet wird; das ist die wahrhaft freie Handlung. Darum muss man sagen: Was uns aus dem reinen Denken hereininspiriert, hängt gar nicht mit unserem Leibe zusammen. Der muss sich zurückziehen, um das entfalten zu können. Und das, was imaginativ wirkt, hat für jetzt keine Bedeutung, sondern hat erst nach dem Tode Bedeutung.

[ 60 ] Diese zwei Faktoren, die nichts mit dem Leibe zu tun haben, das sind die wirklichen Kräfte, die in dem wahren, freien Willensakt des Menschen wirken. Das ist das tiefe Geheimnis, dass, wenn wir auf den freien Willen gehen, so finden wir nicht irgendetwas, was sterblich ist im Menschen, was da handelt, sondern wir finden gerade dasjenige, was frei handelt, das ist das Unsterbliche. Die Willensfreiheitsfrage und die Unsterblichkeitsfrage, sie sind innig miteinander verbunden, weil wahrhaft frei im Menschen nur diejenigen Handlungen sind, in denen hereinwirkt das Übersinnliche, das noch nicht an den Leib Gebundene, das der Mensch in der geistigen Welt entwickelt, bevor er den Leib an sich trägt, im Zusammenhang mit dem, was sich in der Überentwicklung ergibt, was für die jetzige Entwicklung noch keine Bedeutung hat, was erst nach dem Tode Bedeutung hat, aber hereinleuchtet in der Handlung, die sich von uns absondert, die abgesondert von uns verrichtet wird.

[ 61 ] Ich habe deshalb dazumal schon in der «Philosophie der Freiheit» gesagt: Man kann nicht die Frage so stellen: Ist der Mensch frei oder unfrei? Da kommt man immer auf falsche Antworten. Es handelt sich nicht um ein Entweder-oder auf diesem Gebiet, sondern um ein Sowohl-als-auch. Der Mensch verrichtet eine ganz große Anzahl von Handlungen, die aus dem Bedürfnis seines Leibes, aus dem Spiel seiner Vorstellungen, die aus dem Leibe heraufkommen, erfolgen; die aus den Trieben seines Leibes erfolgen. Aber immerzu hat er das Ideal, solche Handlungen zu vollziehen, bei denen er sich sagt: Ich komme nicht in Betracht, so frei ist das, was sich da vollziehen soll, wie die menschliche Wesenheit, die ich liebe, frei von mir ist; es geschieht nur aus dem, weil ich einsehe, diese Tatsache soll vollzogen werden. Eine solche Handlung, sie ist eine, nach der alles menschliche Denken hintendiert, hinwill, was sich hineinlebt in das unfreie Handeln, was wir damals besprachen.

[ 62 ] Der Mensch entwickelt sich aus den unfreien Handlungen, indem er immer mehr und mehr nach dem wahren Selbst hin sich entwickelt, gerade im Handeln, im Wollen, indem in dieses Wollen hereinleuchtet das Vorgeburtliche und das Nachtodliche. Der Mensch entwickelt sich innerhalb des Unfreien zum Freien hin; er ist auf dem Wege, immer freier und freier zu werden. Da handelt es sich um Handeln, nicht um ein Entweder-oder. Diejenigen, die so die Frage stellen, können nie zur Beantwortung der Freiheitsfrage kommen. Sondern es handelt sich um ein Sowohl-als-auch; in demselben Maße, in dem dem Menschen erscheint, durch den Leib sich offenbarend, die unsterbliche Seele, indem diese Seele durch den Leib sich tätig ausspricht. Das, was der Mensch vollbringt, verfließt vom Gedanken durch die Liebe zur Tat hin; in demselben Maße wird der Mensch immer freier und freier.

[ 63 ] Gerade von diesem Ausgangspunkte aus soll dann morgen unsere Betrachtung über das menschliche Leben im Laufe der Zeit, über das geschichtliche Werden, über die verschiedenen Erdenleben, angestellt werden. Heute zum Schlusse möchte ich nur noch aufmerksam machen, wie gerade diese Betrachtung zum Ausdruck bringt, dass die Unsterblichkeitsfrage und die Frage der Willensfreiheit sich gegenseitig beleuchten, dass sie wirklich innerlich zusammenhängen. Willensfreiheit eignet nur dem unsterblichen Wesen. Niemand kann Anhänger einer Willensfreiheit sein, der nicht zugleich des Menschen Unsterblichkeit erkennt. Wer aber des Menschen Unsterblichkeit erkennt, der weiß, dass der Mensch auf dem Wege der Entwicklung zur Freiheit ist.

[ 64 ] Heute noch, meine sehr verehrten Anwesenden, sind ja solche Betrachtungen, wie wir sie heute gepflogen haben, durch die sich der Mensch auf wirklich geistesforscherischem Wege nähert der Beantwortung seiner höchsten Fragen, der Fragen, die sich auf selbstlose Selbsterkenntnis beziehen, solche, die mit vielen Vorurteilen betrachtet werden. Was gehört denn auch dazu! Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, um sich zu halten mit der ganzen Kraft der Seele durch dasjenige hindurch, was ich als imaginative Vorstellung bezeichnet habe, dazu gehört wirklich etwas, was der Mensch in sich erst heranerziehen muss. Bequemer wäre es, wenn man ohne das die höchsten Fragen und Rätsel des menschlichen Lebens beantworten könnte.

[ 65 ] Was ist es, was heute die Menschen dazu veranlasst, dass sie die Geisteswissenschaft als Phantasterei, als etwas Unwesentliches betrachten? Das ist es, dass sie in Wahrheit eine unterbewusste Furcht und Angst haben vor jener Kraft, die entwickelt werden muss, die im freien Erleben des Geistes diesen Geist selber erfassen muss. Unterbewusste Furcht und Angst ist es, die immer wiederum die Gegner der Geisteswissenschaft hervorruft. Denn um geistig zu forschen, ist notwendig dieser innere Mut, der nicht glaubt, dass man sofort in das Nichts hineinverfällt, wenn man angewiesen ist, etwas, was man erleben soll im Geiste, durch die eigene Kraft aufrechtzuerhalten, durch eigene Kraft vor die Seele hinzurücken. Leichter ist es gewiss, durch äußere Mittel zu den Lebensrätseln kommen zu wollen, als hingewiesen zu werden darauf, dass die Seele eine über alles Maß des gewöhnlichen Lebens hinausgehende innere, rein seelische Erstarkung braucht. Und so ist es im Grunde eine Bequemlichkeits- und Angstmeierfrage, welche die Gegnerschaft gegenüber der Geisteswissenschaft hervorruft. Aber diese Dinge werden nach und nach von der nach der Wahrheit immer mehr dürstenden Menschheit überwunden werden.

[ 66 ] Mit einem deutschen Denker, der auf diesem Gebiet diesen schönen Ausspruch getan hat, den Ausspruch etwas verändernd, möchte ich schließen, mit den folgenden Worten, vorbereitend damit die Betrachtung des morgigen Abends. Geisteswissenschaft wird wirklich heute von vielen verlästert, weil sie nicht verstanden, weil sie nicht erkannt wird, weil sie nicht in ihrer Notwendigkeit für das Menschenleben eingesehen werden kann. Aber wenn man den Verlauf der Menschheitsentwicklung auf seine Seele wirken lässt, dann muss man sich sagen: Wie drückend auch alle Gegnerschaft, alle Feindschaft, alles Missverständnis, alle Verleumdung sein mögen, die sich der Wahrheit entgegenstellen — die Wahrheit findet den Weg selbst durch die engste Felsenspalte der menschlichen Entwicklung, wie drückend auch die lastenden Felsen sein mögen.

[ 67 ] Und als eine solche Wahrheit muss derjenige, der auf der einen Seite die Bedürfnisse der heutigen Menschheit, die im Unterbewussten sind, erkennt und der auf der anderen Seite hineinschaut in die geistige Welt, wie [sie] sich eröffnen kann von der Imagination zur Intuition hin, als eine solche Art von Wahrheit muss der Geistesforscher die geisteswissenschaftliche Wahrheit ansehen, als eine solche Wahrheit, die sich hindurchwinden wird, durch das was drückend lasten mag auf ihr von Gegnerschaft, Feindschaft und Verleumdung. Denn die Wahrheit, sie windet sich gegen alle Widerstände durch die engste Felsenspalte der menschlichen Entwicklung hindurch, und sie muss denn doch zuletzt siegen.