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Scientific Disciplines and Anthroposophy
GA 73a

29 March 1920, Dornach

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Scientific Disciplines and Anthroposophy, tr. SOL
  1. Fachwissenschaften und Anthroposophie

5. Beantwortung Schriftlich gestellter Fragen im Anschluß an den Vortrag von Walter Johannes Stein über «Anthroposophie und Physiologie»

5. Questions following Walter Johannes Stein’s lecture on “Anthroposophy and Physiology”

Vorbemerkung: Der Vortrag von Walter Johannes Stein ist nicht mitgeschrieben worden. Die Fragen der Teilnehmer wurden schriftlich eingereicht.

Note: Walter Johannes Stein's presentation was not transcribed. Participants' questions were submitted in writing.

Frage: Wie kommt es, daß die Farbwahrnehmung rechts und links von verschiedener Intensität ist?

Question: Why is the intensity of color perception different on the right and left?

[ 1 ] Rudolf Steiner: Das hängt damit zusammen, daß überhaupt die ganze Vitalität beim Menschen eine verschiedene ist links und rechts. Wir sind durchaus nicht so organisiert, daß der Mensch auf beiden Seiten — der Linksmensch und der Rechtsmensch, wenn ich das so sagen darf — gleich funktioniert. Dasjenige, was in unserem Bewußtsein lebt, ist eigentlich immer ein Mittelzustand zwischen dem, was durch den linken Menschen und dem, was durch den rechten Menschen lebt, und die extremen Zustände, das Schiefe und so weiter sind eben nur radikale Gestaltungen desjenigen, was schon in der Anlage in jedem Menschen eigentlich vorhanden ist. Die Verschiedenheit der Intensität rührt eben durchaus davon her, daß wir als symmetrischer Mensch mit den beiden [un]symmetrischen Teilen in verschiedener Intensität leben und wirken.

[ 1 ] Rudolf Steiner: This has to do with the fact that, in general, a person’s entire vitality differs between the left and right sides. We are by no means organized in such a way that a person functions equally on both sides—the “left-sided person” and the “right-sided person,” if I may put it that way. What lives in our consciousness is actually always a middle state between what lives through the “left side” and what lives through the “right side,” and the extreme states—the lopsidedness and so on—are simply radical manifestations of what is already present in every human being as a potential. The difference in intensity stems precisely from the fact that we, as symmetrical human beings with these two [asymmetrical] parts, live and act with varying degrees of intensity.

Die nächste Frage war dann: Welche Bedeutung haben die Wärmepunkte? Inwiefern sind die Wärmepunkte als Organe der Wärmewahrnehmung, der allgemeinen inneren und äußeren Wahrnehmung anzusehen?

The next question was: What is the significance of the heat points? To what extent should the heat points be regarded as organs of heat perception and of general internal and external perception?

[ 2 ] Im ganzen kommt da allerdings etwas in Betracht, was in Kürze auszuführen außerordentlich schwierig sein würde. Ich müßte Ihnen einen ganzen Vortrag darüber halten. Das, was hier angesprochen wird als Wärmepunkte, die dienen nämlich nicht eigentlich etwa wie die Sinnesorgane, sondern sie dienen dazu, die Wärmeempfindungen als solche über unsere Organisation auszubreiten, so daß wir uns selbst mit der in uns befindlichen Wärme identifizieren.

[ 2 ] All in all, however, there is something to consider here that would be extremely difficult to explain in a few words. I would have to give you an entire lecture on the subject. What is referred to here as “heat points” do not actually function like the sense organs; rather, they serve to spread the sensations of heat as such throughout our organism, so that we identify ourselves with the heat within us.

[ 3 ] Dieses Ausbreiten ist eigentlich im wesentlichen dazu da, um uns in der Wärmeempfindung als einheitliches Wesen wahrzunehmen, wie wir überhaupt festhalten müssen, daß wir als Menschen so organisiert sind, daß wir auch durch unsere Sinnesorganisation über die Tierheit heraufragen. Die Tierheit ist eigentlich so organisiert, wie es gewöhnlich unsere Sinnesphysiologen beschreiben. Dagegen sind unsere menschlichen Sinne so gestaltet, daß in den einzelnen Sinnestätigkeiten schon darinnenliegt die Hinorientierung auf das Ich. Das Ich ist im Grunde eine Resultierende aus den zwölf Partialwirkungen, die zusammenkommen aus unseren verschiedenen Sinnen. Wir dürften eigentlich nicht sagen, wenn wir den Tatbestand genau formulieren: wir nehmen durch das Auge wahr. Die Wahrnehmung als solche, die liegt vielmehr in einem weiter zurück liegenden Prozeß. Dasjenige, was sich eigentlich durch das Auge abspielt, das ist die Einschaltung des Wahrnehmungsprozesses in unseren ganzen Ich-Vorgang — ebenso ist es bei den anderen Sinnen —, so daß wir also dadurch von dem Tierischen unterschiedlich organisiert sind, daß unsere Sinne schon nach dem Ich hinorientiert sind. Das kann äußerlich auch dadurch nachgewiesen werden, daß, je weiter wir in der Tierreihe hinunterkommen, desto unähnlicher, gewissermaßen komplizierter werden die Sinne gegenüber unseren Menschensinnen.

[ 3 ] This expansion essentially serves to enable us to perceive ourselves as a unified being in terms of our sensation of warmth; indeed, we must recognize that we, as human beings, are organized in such a way that we rise above the animal realm through the very structure of our senses. The animal realm is, in fact, organized as our sensory physiologists usually describe it. In contrast, our human senses are structured in such a way that the orientation toward the “I” is already inherent in the individual sensory activities. The “I” is essentially a resultant of the twelve partial effects that converge from our various senses. If we were to formulate the facts precisely, we should not actually say: “We perceive through the eye.” Perception as such, however, lies in a process that takes place much earlier. What actually occurs through the eye is the integration of the perceptual process into our entire “I” process—and the same is true of the other senses—so that we are organized differently from the animal realm in that our senses are already oriented toward the “I.” This can also be demonstrated externally by the fact that the further down we go in the animal kingdom, the more dissimilar—and, in a sense, more complicated—the senses become compared to our human senses.

Die nächste Frage: Wie sind die biogenetischen und phylogenetischen Vorgänge zu verstehen?

The next question: How should we understand biogenetic and phylogenetic processes?

[ 4 ] Das wird sich sehr genau ergeben, wenn man einmal überhaupt ordentlich Embryologie betreiben wird und aus einer vernünftig betriebenen Embyologie dann auch kommen wird zu einer vernünftigen Interpretation der Phylogenie. Die gegenwärtige Embryologie ist eigentlich eine sehr einseitige Wissenschaft; sie betrachtet eigentlich im wesentlichen nur den Hergang von der Eizelle aus in ihre Komplexität hinein. Sie legt aber einen sehr geringen Wert auf die Dekadenzorgane, auf dasjenige, was verschwindet beim ausgebildeten Embryo, also auf das Verschwindende wie der Amnionsack, die Allantois, das Chorion und so weiter. Diese Dinge bilden sich zurück, während dasjenige, was dann zu den sichtbaren menschlichen Organen wird, sich vorwärtsbildet. Der Fehler, der heute gemacht wird, besteht darin, daß man eigentlich nur die Evolutionsprozesse betrachtet, nicht die Involutionsprozesse, nicht dasjenige, was sich dadurch in entgegengesetztem Sinne entwickelt, daß sich das andere evolviert. Wird man einmal die Embryologie in dem Sinne betrachten, daß man namentlich auch die rückläufig sich entwickelnden Organe, die dann abfallen, in Betracht zieht, dann wird man die Formenverwandlungen auch in der Phylogenie richtig beobachten können, und dann wird sich ergeben, daß das, was Ihnen auch heute schematisch vorgetragen worden ist, sich als die wirkliche Zusammenfassung alles desjenigen charakterisieren läßt, was man gut phylogenetisch verfolgen kann.

[ 4 ] This will become very clear once embryology is actually practiced properly, and a sound interpretation of phylogeny will then follow from a sound practice of embryology. Current embryology is actually a very one-sided science; it essentially considers only the development from the egg cell into its complexity. However, it places very little emphasis on the vestigial organs—that is, on what disappears in the fully formed embryo—such as the amniotic sac, the allantois, the chorion, and so on. These structures regress, while what eventually becomes the visible human organs develops forward. The mistake made today is that one considers only the processes of evolution, not the processes of involution—not that which develops in the opposite direction as the other evolves. Once we begin to view embryology in such a way that we specifically take into account the organs that develop in a regressive manner—and which are subsequently shed—we will be able to correctly observe the transformations of form in phylogeny as well, and it will then become clear that what has been presented to you schematically today can be characterized as the true synthesis of everything that can be reliably traced phylogenetically.

[ 5 ] Es ist ja heute in den empirischen Wissenschaften ein reiches Material vorliegend, aber dieses reiche Material wird durchaus nicht in einem rationellen Sinne ausgenützt. Es ist sozusagen vieles chaotisch in diesem reichen Material, und dadurch verbirgt sich den Betrachtungen der vergleichenden Anatomie, der vergleichenden Physiologie, überhaupt der vergleichenden Biologie heute noch der Tatbestand, der dieser heutigen, mehr schematischen Darstellung zugrundeliegt. Die Verwandtschaften, die hier angegeben worden sind, zum Beispiel Umwandlung, Metamorphose des Geschmackssinnes in den Gesichtssinn, das ist etwas, was heute schon geradezu zwischen den Zeilen der gebräuchlichen physiologischen Darstellungen wirklich zu lesen ist. Das kann durchaus schon belegt werden. Ebenso kann phylogenetisch in den Tierreihen der Vorgang beobachtet werden: Wenn man zurückgeht zu niedergebildeten Augen, die aber schon die Organisation der Augen der höheren Tiere und des Menschen haben, so wird man finden, wie sich tatsächlich diese Metamorphose des Geschmacksorgans in das Sehorgan nachweisen läßt, wenn man nur unbefangen sehen will.

[ 5 ] There is indeed a wealth of material available today in the empirical sciences, but this wealth of material is by no means being utilized in a rational sense. There is, so to speak, a great deal of chaos in this rich material, and as a result, the facts underlying today’s more schematic representation remain hidden from the observations of comparative anatomy, comparative physiology, and comparative biology in general. The relationships that have been indicated here—for example, the transformation, or metamorphosis, of the sense of taste into the sense of sight—are something that can already be clearly read between the lines of current physiological accounts. This can certainly already be substantiated. Likewise, this process can be observed phylogenetically across the animal kingdoms: If one traces back to rudimentary eyes that nevertheless already possess the organizational structure of the eyes found in higher animals and humans, one will discover how this metamorphosis of the sense of taste into the sense of sight can indeed be demonstrated—provided one is willing to look with an open mind.

Eine weitere Frage: Was nimmt die Niere eigentlich wahr und welche Rolle spielt dabei die Nebenniere?

Another question: What does the kidney actually sense, and what role does the adrenal gland play in this process?

[ 6 ] Nun, die Wahrnehmung, um die es sich dabei handelt, liegt natürlich sehr im Unterbewußten. Wir haben es ja natürlich, wenn wir so etwas aussprechen wie «Nierenwahrnehmung», eigentlich mit einem analogen Gebrauch des Wortes zu tun. Denn es handelt sich ja darum, daß wir darauf eingehen können, diesen Wahrnehmungsprozeß nicht gleich in grobklotziger Weise uns so zu denken, wie er bei den äußeren Sinnen vorliegt. Die Wahrnehmung, um die es sich da handelt, ist etwa in der folgenden Weise zu charakterisieren:

[ 6 ] Well, the perception in question is, of course, very much rooted in the subconscious. When we use an expression like “kidney perception,” we are, of course, actually dealing with an analogical use of the word. For the point is that we can approach this perceptual process without immediately conceiving of it in a crude, clumsy way, as is the case with the external senses. The perception in question can be characterized roughly as follows:

[ 7 ] Der Mensch nimmt wahr, sagen wir mit seinem Gehörorgan. Er nimmt wahr in der Weise, wie es Ihnen ja heute hier geschildert worden ist, er nimmt nach außen hin wahr, und diese Wahrnehmung spielt sich ab in der Region des Bewußten. Eine Wahrnehmung, die wir etwa als gerade das Gegenglied, als den Gegenpol der Hörwahrnehmung bezeichnen können, eine solche Wahrnehmung würden wir, wenn wir sie ins Unterbewußtsein verlegen würden, so charakterisieren müssen, daß wir sagen: Gewisse Vorgänge, welche im menschlichen Stoffwechsel sich abspielen und die vermittelt werden müssen nach der Region der rhythmischen Tätigkeit, diese Vorgänge, die Stoffwechselvorgänge werden in einer gewissen Weise für die rhythmischen Vorgänge durch so etwas vermittelt, was einer Wahrnehmung analog ist, so wie zum Beispiel die äußeren Schwingungsvorgänge durch die Tonwahrnehmung dem Gehirn vermittelt werden.

[ 7 ] Human beings perceive, let us say, through their sense of hearing. They perceive in the way that has been described to you here today; they perceive the external world, and this perception takes place in the realm of consciousness. A perception that we might describe as the very opposite, the counterpoint to auditory perception—if we were to locate such a perception in the subconscious—we would have to characterize it by saying: Certain processes that take place in human metabolism and must be conveyed to the realm of rhythmic activity—these metabolic processes are, in a certain sense, conveyed to the rhythmic processes through something analogous to perception, just as, for example, external vibrational processes are conveyed to the brain through the perception of sound.

[ 8 ] Es ist also nur möglich, mit diesen Dingen einen deutlichen Begriff zu verbinden, wenn man sich aufschwingen kann, vorzustellen jene innere Lebendigkeit, wie sie in dem dreigliedrigen Menschen ist. Es muß ja das ganze, was zum Beispiel im Stoffwechselmenschen ist, vermittelt werden für den rhythmischen Menschen. Der rhythmische Mensch kann nur dadurch in Einklang stehen mit dem Stoffwechselmenschen, daß da eine Vermittlung ist, und diese Vermittlung, die ist durch die Nierentätigkeit gegeben. Die Stärke der Absonderung, die Qualität der Absonderung, die bildet gewissermaßen das Vermittelnde. Dabei ist durchaus durch die Niere ein Reagens geschaffen für den rhythmischen Menschen in bezug auf den Stoffwechselmenschen.

[ 8 ] It is therefore only possible to associate a clear concept with these things if one can rise to the level of imagining that inner vitality as it exists in the threefold human being. After all, everything that exists, for example, in the metabolic human being must be mediated to the rhythmic human being. The rhythmic human being can only be in harmony with the metabolic human being through such mediation, and this mediation is provided by kidney activity. The intensity of secretion and the quality of secretion constitute, so to speak, the mediating factor. In this way, the kidney creates a reagent for the rhythmic human being in relation to the metabolic human being.

[ 9 ] Natürlich kann man diese Dinge nur oberflächlich charakterisieren. Sie führen in so tiefe Dinge der menschlichen Organisation hinein, daß sie sich eigentlich kaum eignen für eine kurze Fragenbeantwortung.

[ 9 ] Of course, these issues can only be described in a superficial way. They delve so deeply into the workings of human society that they are really hardly suitable for a brief answer to a question.

Es ist noch gefragt worden nach dem Wesen der Absonderung. Was ist da mit Absonderung gemeint?

There have also been questions about the nature of separation. What is meant by separation here?

[ 10 ] Nicht wahr, man kann das Wort «Absonderung» in diesem Falle nur gebrauchen, wenn man das folgende meint: Wenn wir sprechen von dem Wärmesinn, so haben wir es zu tun mit der Wahrnehmung von etwas in der Außenwelt, das in gleicher Weise in uns selbst vorhanden ist, so daß gewissermaßen — wie auch im heutigen Vortrage erwähnt worden ist — nur der Niveauunterschied eigentlich wahrgenommen wird zwischen der äußeren Wärme und der inneren Wärme. Und es ist ja ganz richtig, daß im Grunde genommen, nur veräußerlicht, noch derselbe Vorgang wie beim Thermometer vorliegt.

[ 10 ] Isn't it true that one can only use the word “separation” in this case if one means the following: When we speak of the sense of warmth, we are dealing with the perception of something in the external world that is present in the same way within ourselves, so that, in a sense—as was also mentioned in today’s lecture—only the difference in level is actually perceived between external warmth and internal warmth. And it is quite true that, fundamentally speaking—though externalized—the same process is at work as with a thermometer.

[ 11 ] Bei Tonwahrnehmungen ist das so, daß wir nun nicht nur in etwas eindringen, das wir auch in uns tragen, es ist so, daß wir nicht nur in etwas eindringen, was gewissermaßen ein gemeinsames Medium ist, in dem wir drinnen sind und der Gegenstand drinnen ist, sondern beim Tonwahrnehmen dringen wir in etwas ein, was dem Gegenstand innerlich eigenschaftlich ist. Wir können ja durchaus sagen, daß zum Beispiel jedes Metall seinen Eigenklang hat. Wir dringen also gewissermaßen so in das Innere [eines Gegenstandes] ein — in einer schwächeren Weise, wie wir in das Innere eines anderen Menschen dringen, wenn wir zuhören, wie er redet, wie er uns da sein Inneres kundgibt —, wir dringen nicht in irgend etwas ein, was gemeinschaftlich ist zwischen uns und ihm — es sind nur die Vermittlungen gemeinschaftlich, aber nicht der Inhalt. So dringen wir aus uns heraus, indem wir durch die Tonwahrnehmung in den Gegenstand hineindringen.

[ 11 ] When it comes to the perception of sound, it is not merely a matter of penetrating something that we also carry within ourselves; nor is it merely a matter of penetrating something that is, so to speak, a shared medium in which both we and the object are situated. Rather, in the perception of sound, we penetrate something that is intrinsically characteristic of the object. We can certainly say, for example, that every metal has its own distinctive sound. So, in a sense, we penetrate into the inner being [of an object]—in a milder way than when we penetrate into the inner being of another person as we listen to them speak, as they reveal their inner self to us— we do not penetrate into anything that is shared between us and the other person—only the mediations are shared, but not the content. Thus, we step outside of ourselves by penetrating into the object through the perception of sound.

[ 12 ] Das soll damit charakterisiert werden, daß wir ja, indem wir aufsteigen vom Sehsinn zum Wärmesinn, beim Wärmesinn — beim Sehsinn ist es in noch höherem Sinne der Fall — wir noch in etwas leben, was ein gemeinschaftliches Medium ist für das Wahrgenommene und für uns selbst, daß sich aber absondert wiederum etwas, wenn wir vom Sehsinn in den Hörsinn gehen. Darin liegt auch eine Steigerung, weil wir nicht nur einen Ton wahrnehmen, sondern da nehmen wir einen inneren seelischen Vorgang wahr.

[ 12 ] This can be characterized by the fact that, as we ascend from the sense of sight to the sense of warmth—and this is even more true of the sense of sight—we are still living within a shared medium for what is perceived and for ourselves; however, something separates again when we move from the sense of sight to the sense of hearing. Therein also lies an intensification, because we do not merely perceive a sound; rather, we perceive an inner psychological process.

[ 13 ] Es ist also beim Lautsinn eine Absonderung in noch stärkerem Maße wahrzunehmen. Und zu einer Schematisierung, wenn ich so sagen darf, oder zu einer Klassifikation der Sinne kann man auf eine andere Weise nicht kommen, als daß man dieses Wirken des Menschen von innen nach außen, dieses Aufgehen, dieses immer weitere Aufgehen im Lautsinn, ins Auge faßt. Nur dadurch kommt man zu einer objektiven Klassifikation der Sinne. Gerade weil man das nicht getan hat, hat man übersehen, daß man wirklich übergehen muß zum Beispiel vom Hörsinn zum Lautsinn und von dem Lautsinn wiederum zum Begriffssinn. Denn es ist durchaus ein absolutes Unding, davon zu sprechen, daß man etwa mit dem Hörsinn wahrnimmt, sagen wir dasjenige, was der andere als seinen Seeleninhalt in die Sprache hineinlegt. Diese beiden Sinne, Lautsinn und Tonsinn, voneinander zu trennen, das führt nur dazu, daß man überhaupt nichts von diesen Dingen in der Welt verstehen kann.

[ 13 ] Thus, in the case of the phonetic sense, a separation can be perceived to an even greater degree. And one cannot arrive at a schematization—if I may put it that way—or a classification of the senses in any other way than by taking into account this inner-to-outer activity of the human being, this unfolding, this ever-widening unfolding in the sense of sound. Only in this way can one arrive at an objective classification of the senses. Precisely because this has not been done, it has been overlooked that one must truly move, for example, from the sense of hearing to the sense of sound, and from the sense of sound, in turn, to the sense of concept. For it is an absolute absurdity to speak of perceiving—say, with the sense of hearing—what another person puts into language as the content of their soul. Separating these two senses—the sense of sound and the sense of tone—from one another only leads to the inability to understand anything at all about these things in the world.

[ 14 ] Es handelt sich also darum, daß man tatsächlich da eine Grenze ansetzt, wo eine solche Grenze durch die Objekte gegeben wird, und daß man dieses Absondern sieht, das beim Wärmesinn noch nicht vorhanden ist. Was eigentlich wahrgenommen wird von dem Subjekt selbst, das tritt zunächst beim Tonsinn auf, steigert sich immer mehr bei den anderen Sinnen, bei dem Lautsinn und so weiter oder gar bei dem Ichsinn. Das wird alles durcheinandergeworfen. In dieser Theorie, die man heute hören kann, ist es so, daß eigentlich die Wahrnehmung des anderen Ich dadurch zustandekommen soll, daß ich dem anderen Menschen entgegentrete und sehe eine Nase, zwei Augen, Haare und so weiter, und mir dann sage durch einen halbunbewußten Schluß: ich habe auch eine Nase, zwei Augen, Haare; das was er hat, habe ich auch, also wird das, was ich sehe, ein Ich haben, wie ich es auch habe.

[ 14 ] The point, then, is to actually set a boundary where such a boundary is provided by the objects, and to recognize this distinction, which is not yet present in the sense of warmth. What is actually perceived by the subject itself first appears in the sense of sound, intensifies more and more in the other senses—the sense of speech and so on—or even in the sense of the “I.” All of this gets mixed up. In this theory, which one hears today, the perception of the other “I” is supposed to arise when I encounter another person and see a nose, two eyes, hair, and so on, and then tell myself through a semi-conscious conclusion: I also have a nose, two eyes, hair; what he has, I also have, so what I see must have a “self,” just as I do.

[ 15 ] Diesen unbewußten Schluß, den sehen wir heute figurieren. Man nennt das oftmals «einfühlen» oder dergleichen, wie schwatzende Psychologen, zum Beispiel Lipps, gesagt haben. Wir finden diesen unbewußten Schluß überall figurierend, und wir beachten nicht, wie unmittelbar der Vorgang ist, der darin liegt, daß ich tatsächlich das Ich des anderen Menschen wahrnehme.

[ 15 ] We see this unconscious conclusion at work today. It is often called “empathy” or something similar, as chatty psychologists—Lipps, for example—have said. We find this unconscious inference at work everywhere, and we fail to notice how immediate the process is that lies in my actually perceiving the other person’s ego.

[ 16 ] Einige Menschen, die sich mit solchen Studien beschäftigen, wie zum Beispiel Scheler, die sind ja allerdings aufmerksam geworden darauf — durch eine etwas intuitivere Beobachtung, die ihnen zugänglich ist —, wie unmittelbar diese Ichwahrnehmung des anderen ist und wie grundverschieden, wie radikal verschieden diese Ichwahrnehmung des andern ist von den ganzen Prozessen, die mich dann zu den inneren Erlebnissen führen, die ich dann zu dem Gesamttatbestand des inneren Lebens zusammenfasse.

[ 16 ] Some people who have studied such topics—such as Scheler, for example—have, however, become aware — through a somewhat more intuitive observation available to them — just how immediate this perception of the other’s “I” is, and how fundamentally, how radically different this perception of the other’s “I” is from all the processes that lead me to the inner experiences I then synthesize into the totality of inner life.

[ 17 ] Ich meine, dasjenige, was erwähnt worden ist, ist ein radikal verlaufender, vielfach vermittelnder und ins Innere eingreifender Prozeß, währenddem die Ichwahrnehmung des Menschen ganz auf demselben Boden steht wie andere Sinneswahrnehmungen, nur daß hier das Gebiet beginnt, auf das hin die Menschheit heute noch gar nicht veranlagt ist. Ich möchte sagen, von Organen so zu sprechen, wie wir hier von dem Organ des Ichsinnes sprechen, das würde heute gegenüber unserer Psychologie oder Physiologie — die es sogar, wie ich schon früher erwähnt habe, dazu gebracht hat, eine analytische Psychologie auszubilden, eine sogenannte «Psychoanalyse» —, das würde heute gegenüber diesen Verworrenheiten kaum leicht verständlich sein.

[ 17 ] I mean, what has been mentioned is a radically unfolding, multifaceted, and deeply penetrating process, during which a person’s sense of self stands on exactly the same ground as other sensory perceptions—except that this is where the realm begins to which humanity is not yet at all predisposed today. I would say that to speak of organs in the way we speak here of the organ of the sense of self—given our current psychology and physiology, which, as I mentioned earlier, have even led to the development of an analytical psychology, so-called “psychoanalysis”—would be difficult to understand in light of these complexities.

[ 18 ] Aber wenigstens der reine Tatbestand, der muß heute schon vor die Welt hingestellt werden: daß Ichwahrnehmung etwas anderes ist als das Zusammenfassen, das synthetische Zusammenfassen derjenigen Prozesse, die dann zu der Bestätigung des Tatbestandes des inneren Ich des Subjektes führen.

[ 18 ] But at the very least, the bare fact must be presented to the world today: that self-perception is something other than the synthesis—the synthetic synthesis—of those processes that ultimately lead to the confirmation of the existence of the subject’s inner self.

Die nächste Frage: Welche Vorgänge liegen bei der Wünschelrute vor?

The next question: What processes are involved in dowsing?

[ 19 ] Bezüglich der Wünschelrute muß sorgfältig überall beachtet werden, daß man es bei den entsprechenden Erscheinungen damit zu tun hat, daß ein gesteigerter Sinnesprozeß vorliegt, für den aber der ganze Mensch der Vermittler ist. Man hat es nicht zu tun mit inneren mechanischen Prozessen oder mit magnetischen Prozessen oder dergleichen, sondern mit der Intensivität des Menschen, die dann in dem zum Ausdruck kommt, was sich da überträgt durch den Menschen auf die Wünschelrute.

[ 19 ] With regard to dowsing, one must carefully bear in mind in all cases that the phenomena in question involve an intensified sensory process, in which, however, the whole human being acts as the mediator. One is not dealing with internal mechanical processes or magnetic processes or the like, but rather with the intensity of the human being, which is then expressed in what is transmitted through the human being to the divining rod.

[ 20 ] Der Tatbestand ist ein solcher, daß man ja schon darauf hinweisen kann, wie Menschen, die eigentlich nun wahrhaftig gar keine Neigung haben, auf Geisteswissenschaftliches einzugehen, ganz ernsthaftig dazu gezwungen sind, sich mit solch einem Problem, wie zum Beispiel das der Wünschelrute eines ist, physikalisch und physiologisch zu befassen.

[ 20 ] The situation is such that one can already point out how people who truly have absolutely no inclination to engage with spiritual science are, in all seriousness, compelled to deal with a problem such as that of the divining rod from a physical and physiological perspective.

[ 21 ] Ich weiß mich noch zu erinnern — obwohl ich hier nicht nach dieser Richtung etwas pro oder contra sprechen will —, wie ein Wiener Forscher dem Hansen heimgeleuchtet hat — es war ja zum größten Teil Unfug, der damals von Hansen mit dem Hypnotismus getrieben worden ist —, und wie dieser selbe Forscher heute genötigt ist, sich ganz ernsthaftig mit den Erscheinungen der Wünschelrute zu befassen. Ich brauche auch nur zu erinnern, daß in der Tat die Versuche, mit Hilfe der Wünschelrute Quellen und dergleichen aufzufinden, sogar während dieses Krieges eine gewisse Rolle gespielt haben, so daß in der Tat hier auf diesem Gebiete die exakte Forschung beginnt. Aber diese Forschung will nicht daran denken, daß man es da nicht etwa mit vom Menschen abgesonderten Prozessen zu tun hat, sondern mit Prozessen, die darauf beruhen, daß in den ganzen Tatbestand der Prozesse gleichsam der Mensch eingeschaltet ist. Das bestätigt zum Beispiel, daß die Ausschläge der Rute ganz verschieden sind, je nachdem der eine oder der andere Mensch sie verwendet. Man hat es zu tun mit etwas, bei dessen Reaktionen die Einschaltung des Menschen in die Prozesse eine Rolle spielt.

[ 21 ] I still remember—though I do not wish to take a position for or against this topic here—how a Viennese researcher set Hansen straight—after all, most of what Hansen was doing with hypnosis back then was nonsense—and how that same researcher is now compelled to take the phenomena of dowsing very seriously. I need only point out that, in fact, attempts to locate springs and the like with the help of the divining rod have even played a certain role during this war, so that, in fact, rigorous research is now beginning in this field. But this research fails to consider that we are not dealing here with processes separate from human beings, but rather with processes based on the fact that human beings are, as it were, integrated into the entire course of these processes. This is confirmed, for example, by the fact that the movements of the divining rod vary greatly depending on which person is using it. We are dealing with something in which human involvement in the processes plays a role in its reactions.

[ 22 ] Diese Fragen sind derart, daß, wenn wir sie erschöpfend beantworten wollten, wir die ganze Nacht dazu brauchen würden, und das kann man uns nicht zumuten.

[ 22 ] These questions are such that, if we wanted to answer them exhaustively, it would take us all night, and that cannot reasonably be expected of us.