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Scientific Disciplines and Anthroposophy
GA 73a

30 March 1920, Dornach

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Scientific Disciplines and Anthroposophy, tr. SOL
  1. Fachwissenschaften und Anthroposophie

6. Fragenbeantwortung im Anschluß an den Vortrag von Eugen Kolisko über «Anthroposophie und Chemie»

6. Questions following Eugen Kolisko’s lecture on “Anthroposophy and Chemistry”

Vorbemerkung: Der Vortrag von Eugen Kolisko ist nicht mitgeschrieben worden. Rudolf Steiner hat jedoch am folgenden Tag in seinem Vortrag für Mediziner (31. März 1920, in GA 312) dazu folgendes ausgeführt: «Es war sehr interessant, wie gestern in dem Abendvortrage Dr. Kolisko darauf hingewiesen hat, daß eigentlich die Chemie der Zukunft erwas ganz anderes werden müsse, und wie dabei immer wieder das Wort ‚Physiologie‘ gefallen ist, was bezeugt, daß eine Brücke geschlagen werden sollte zwischen dem Chemischen und dem Physiologischen. Ich mußte dabei immer an allerlei Dinge denken, die selbstverständlich da, wo es sich um öffentliche Vorträge handelt, heute noch nicht voll ausgesprochen werden können, weil die Vorbedingungen des Verstehens eigentlich durchaus mangeln. Wir finden ja den Kohlenstoff auch in der außermenschlichen Natur, in der, ich möchte hier sagen scheinbar außermenschlichen Natur. Denn was ist denn eigentlich in der großen Natur außermenschlich? Nichts eigentlich, denn alles dasjenige, was in dem uns zunächst vorliegenden Außermenschlichen eben außermenschlich ist, das ist ja im Laufe der menschlichen Entwicklung aus dem Menschen herausgesetzt, aus dem Menschen entfernt. Der Mensch mußte in Entwicklungsetappen eintreten, in die er nur hat eintreten können dadurch, daß gewisse Prozesse in der ihm gegenüberliegenden Außenwelt verlaufen und ihm dadurch die Möglichkeit gegeben wurde, gewisse andere Prozesse für sich in sein Inneres hereinzunehmen, so daß eigentlich immer ein Gegensatz und auch eine Verwandtschaft vorhanden ist zwischen gewissen äußeren Prozessen und gewissen inneren Prozessen.»

Preliminary Note: Eugen Kolisko’s lecture was not transcribed. However, Rudolf Steiner commented on it the following day in his lecture for physicians (March 31, 1920, in GA 312) as follows: “It was very interesting how Dr. Kolisko pointed out yesterday in his evening lecture that the chemistry of the future must actually be something quite different, and how the word ‘physiology’ came up again and again, which testifies to the fact that a bridge should be built between the chemical and the physiological. This kept making me think of all sorts of things that, of course, cannot yet be fully articulated in public lectures today, because the prerequisites for understanding are actually completely lacking. After all, we also find carbon in nature outside of humanity—in what I would call here seemingly non-human nature. For what, in fact, is truly non-human in the great natural world? Nothing, really, because everything that is non-human in the non-human realm immediately before us has, in the course of human development, been set apart from humanity, removed from humanity. Human beings had to enter stages of development that they could only enter because certain processes were taking place in the external world opposite them, thereby giving them the opportunity to take certain other processes into their inner being, so that there is actually always a contrast and also a kinship between certain external processes and certain internal processes.”

Nach dem Vortrag von Eugen Kolisko wurde zunächst eine Frage gestellt nach der Wirken allopathischer und homöopathischer Heilmittel. Der Wortlaut der Frage ist von der Stenographin nicht festgehalten worden.

Following Eugen Kolisko’s lecture, the first question asked was about the effects of allopathic and homeopathic remedies. The exact wording of the question was not recorded by the stenographer.

[ 1 ] Rudolf Steiner: Es wird ja durchaus heute mehr oder weniger angenommen — weil man atomistisch denkt —, daß der Prozeß, der innerhalb eines Stoffes stattfindet, gewissermaßen derselbe Prozeß ist, welcher sich innerhalb der menschlichen Organisation, ich könnte auch sagen der tierischen Organisation, abspielt. Es ist aber eine sehr naturalistische Annahme, sich der Vorstellung hinzugeben, daß der Stoff, der aus dem toten Organismus entlehnt wurde, gewissermaßen geradesolche Eigenschaften zeigt wie derselbe Stoff, sagen wir zum Beispiel das Blut, wenn es noch innerhalb des lebendigen menschlichen oder tierischen Organismus ist. Wird man einmal darauf kommen, welche Bündel von ganz unwissenschaftlichen Voraussetzungen und Postulaten in den gebräuchlichen Wissenschaften sind, dann wird man erst so recht fühlen, was notwendig ist, um die heutige wissenschaftliche Anschauung auf eine gesunde Basis zu stellen. Und so ist diese gesunde Basis auch nicht vorhanden für diejenigen Prozesse, die hervorgerufen werden beim Einführen von gewissen Heilmitteln in den menschlichen Organismus. So ist zum Beispiel nicht untersucht die Frage, wie irgendeine Substanz, die wir dem menschlichen Organismus in dieser oder jener Form zuführen, allopathisch oder homöopathisch, sich nun in diesem menschlichen Organismus löst, wie sie im menschlichen Organismus selbst sich weiter verhält. Man berücksichtigt zum Beispiel gar nicht die Frage, was denn nun der menschliche Organismus mit dieser Substanz tut. Und da ergibt sich dann — das kann ich nur andeuten, es würde natürlich viele Stunden in Anspruch nehmen, wenn ich das in allen Einzelheiten ausführen wollte —, da zeigt sich dann geisteswissenschaftlich, daß diejenigen Substanzen, die wir dem menschlichen Organismus allopathisch zuführen, in gewissem Sinne von ihm, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, homöopathisiert werden, das heißt im Inneren selbst dasjenige durchmachen, was nach den Versuchen der homöopathische Apotheker mit seinen Substanzen bewirkt. Es ist so, daß also die Wirkungsweise auch der allopathisch zugeführten Heilmittelsubstanzen durchaus nicht auf den Eigenschaften beruht, die man ihnen chemisch heute zuschreibt, sondern beruht auf Eigenschaften, die sie erst dadurch bekommen, daß der menschliche Organismus sie mit Hilfe seiner eigenen Kräfte verarbeitet.

[ 1 ] Rudolf Steiner: It is, after all, more or less accepted today—because people think in atomistic terms—that the process taking place within a substance is, in a sense, the same process that occurs within the human organism; I could also say within the animal organism. However, it is a very naturalistic assumption to entertain the idea that matter borrowed from a dead organism exhibits, so to speak, exactly the same properties as the same matter—let us say, for example, blood—when it is still within a living human or animal organism. Once we come to realize what a host of entirely unscientific assumptions and postulates exist in the established sciences, only then will we truly appreciate what is necessary to place today’s scientific worldview on a sound foundation. And so this sound foundation is also lacking for those processes that are triggered by the introduction of certain remedies into the human organism. For example, the question of how any substance we introduce into the human organism in this or that form—whether allopathic or homeopathic—actually dissolves within the human organism, and how it subsequently behaves within the human organism itself, has not been investigated. For example, no consideration is given at all to the question of what the human organism actually does with this substance. And this then leads to—I can only hint at this, as it would naturally take many hours if I were to explain it in full detail— it becomes evident from a spiritual-scientific perspective that the substances we administer to the human organism allopathically are, in a certain sense—if I may use the term—“homeopathized” by it; that is, they undergo within the organism itself the very process that homeopathic pharmacists observe in their substances through experimentation. The fact is that the mode of action of even those medicinal substances administered allopathically is by no means based on the properties attributed to them chemically today, but rather on properties they acquire only through the human organism’s processing of them with the aid of its own powers.

[ 2 ] Die Frage nach Allopathie und Homöopathie, wirklich mit Bezug auf den Menschen betrachtet, ist also gar nicht die, ob große Mengen oder zersplitterte kleine Mengen auf den menschlichen Organismus wirken, wenn sie Heilwirkungen hervorrufen, denn das tun die Substanzen auch dann, wenn sie in allopathischer Menge zugeführt werden. Die Frage ist gar nicht diese, sondern die Frage ist die, ob es gestattet ist, den menschlichen Organismus den Nebenwirkungen auszusetzen, die entstehen durch dasjenige, was mit allopathischer Substanz zugeführt wird und was vom menschlichen Organismus selbst nicht homöopathisiert wird, also nicht verwendet wird zu der Heilung; die Frage ist, ob diese Methode wirklich erlaubt ist, um den menschlichen Organismus nicht zu belasten mit demjenigen, was übrigbleiben muß. Ob man natürlich ein ganz großes Quantum zuführt, während der Organismus nur ein kleines Quantum braucht, und ob die Zerstreuung der Substanzen ebenso wirkt, wie Heilmittel wirken, die sonst auch in kleinen Mengen eine Wirkung haben — das ist ja von Herrn Dr. Kolisko ausgeführt worden. Wenn also Substanzen im menschlichen Organismus selbst zerstreut werden und dazu nur ein kleines Quantum notwendig ist, warum sollte man da große Mengen einführen? Es beruht, wie mir scheint, die Fragestellung deshalb gar nicht auf dem, was gewöhnlich [in bezug auf homöopathische und allopathische Heilmittel] angeführt wird, sondern es ist eigentlich Wesentliches [unausgesprochen]; es sollten die Fragen eigentlich auch noch auf anderen Gebieten oder sagen wir in anderen Formen auftreten. Man sollte zum Beispiel sich klar darüber sein, ob die ganze Anschauung und Denkweise über das Krankheitsbild gesunder ist auf dem Gebiete der Homöopathie oder bei der Allopathie, ich will sagen, ob zum Beispiel bei denjenigen Ärzten, die sich zur Homöopathie oder bei denjenigen, die sich zur Allopathie bekennen, mehr eingegangen wird auf die ganze Kompliziertheit des menschlichen Organismus. Und da muß ja allerdings gesagt werden, daß bei den Ärzten, die auf homöopathischem Boden stehen, viel mehr der gute Wille vorliegt — das zeigt einfach die Erfahrung —, sich von der materialistischen, atomistischen Vorstellung zu entfernen und sich gewissen Anschauungen anzupassen, von denen ich sagen möchte, daß sie mehr stimmen zu demjenigen, was die Natur des menschlichen Organismus ist.

[ 2 ] The question of allopathy and homeopathy, when truly considered in relation to the human being, is therefore not at all whether large quantities or minute, fragmented amounts affect the human organism when they produce healing effects, for the substances do so even when administered in allopathic quantities. The question is not that at all; rather, the question is whether it is permissible to expose the human organism to the side effects caused by what is administered in the form of an allopathic substance and what is not homeopathized by the human organism itself—that is, not utilized for healing. The question is whether this method is truly permissible, so as not to burden the human organism with what is left over. Whether, of course, one administers a very large quantity when the organism needs only a small one, and whether the dispersion of the substances acts in the same way as remedies that are otherwise effective even in small quantities—this has, after all, been explained by Dr. Kolisko. So if substances are dispersed within the human organism itself and only a small quantity is necessary for this, why should one administer large quantities? It seems to me, therefore, that the question does not rest at all on what is usually cited [with regard to homeopathic and allopathic remedies], but rather that something essential [unspoken] is at stake; these questions should actually arise in other fields as well, or, shall we say, in other forms. For example, one should be clear about whether the overall perspective and way of thinking regarding the clinical picture is sounder in the field of homeopathy or in allopathy—that is to say, whether, for example, physicians who adhere to homeopathy or those who adhere to allopathy pay greater attention to the full complexity of the human organism. And here it must certainly be said that among physicians who stand on homeopathic ground, there is far more goodwill—as experience simply shows—to move away from the materialistic, atomistic conception and to adapt to certain views which, I would say, are more in harmony with the nature of the human organism.

[ 3 ] Wie gesagt, auf die eigentliche Diskussion möchte ich hier nicht eingehen, da das ja doch mißverstanden werden könnte, wenn man die Sache so kurz ausführen muß. Ich wollte nur andeuten, wie eigentlich durch unsere wissenschaftlichen Anschauungen die Fragen meistens so gestellt werden, daß sie so, wie sie gestellt werden, gar nicht beantwortet werden können; die Gesichtspunkte werden ganz verschoben, die Fragen werden ganz unter den Gesichtspunkt des Materialismus gerückt.

[ 3 ] As I said, I do not wish to go into the actual discussion here, since it could easily be misunderstood when one has to explain the matter so briefly. I merely wanted to point out how, due to our scientific perspectives, questions are usually framed in such a way that they cannot be answered as they are posed; the points of view are completely shifted, and the questions are entirely framed from the perspective of materialism.

[ 4 ] Dann bin ich aufgefordert worden, darüber zu sprechen, wie es sich verhält mit den Ausführungen des Buches von Leadbeater über «okkulte Chemie». Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich will hier nicht das Wort «okkult» breittreten, denn das wird ja so viel mißverstanden; es schockiert sozusagen die Öffentlichkeit, wenn man das Wort «okkult» anwendet. Aber man kann ja auch stehenbleiben bei dem Wort «geisteswissenschaftlich» oder dergleichen. Sehen Sie, das Okkulte ist ja auch nur so lange okkult, solange es nicht gewußt wird, und bei denjenigen, von denen es gewußt wird, ist es nicht mehr okkult. Es gibt sehr viele Menschen, die allen Grund haben, die Mathematik eine okkulte Wissenschaft zu nennen, und manche Wissenschaften sind für manche Menschen okkult. Das ist also eigentlich etwas, was in dieser Beziehung ein ganz relativer Begriff ist. Sie werden bei keinem Menschen, der nun wirklich geisteswissenschaftlich zu denken vermag, ein solches Machwerk wie diese sogenannte «okkulte Chemie» gerechtfertigt oder anerkannt finden. Diese «okkulte Chemie» von Leadbeater ist in ihrer Vorstellungsweise ganz und gar nachgebildet der gewöhnlichen materialistischen Atomistik. Diese «okkulte Chemie» ist der beste Beweis dafür, wozu es gewisse sich spirituell nennende Auffassungsweisen in unserer materialistischen Zeit schon gebracht haben. Ich brauche ja nur daran zu erinnern, daß in gewissen theosophischen Kreisen einmal sogar die folgende Vorstellung aufgetaucht ist: Man hat nachgedacht darüber, was in den aufeinanderfolgenden Erdenleben vorhanden sein könnte, damit es von einem Erdenleben in das nächste Erdenleben hinüber bleibt, und da kam man auf die grotesk-tölpelhafte Vorstellung von dem sogenannten permanenten Atom. Ein einziges Atom sollte von dem einen Leben von vor soundsoviel hundert Jahren hinüber sich retten zu dem nächsten Leben und dadurch die Kontinuität dieser zwei Leben aufrechterhalten. Das heißt, es hatten diese Spiritualisten es glücklich dahin gebracht, nach dem Muster materialistisch-atomistischer Auffassung auch denken zu können. Und nach dem Muster der gewöhnlichen atomistischen Chemie hat nun Leadbeater seine «okkulte Chemie» zusammengestellt, in ganz willkürlicher Weise — was er aber angegeben hat als ein Produkt des Hellsehens —, die aber eine vollständig willkürliche Konstruktion ist und von keinem wirklich ernstzunehmenden Geistesforscher der Welt anerkannt werden kann.

[ 4 ] I was then asked to speak about the statements in Leadbeater’s book on “occult chemistry.” Well, ladies and gentlemen, I do not wish to dwell on the word “occult” here, for it is so often misunderstood; it shocks the public, so to speak, when the word “occult” is used. But one can also simply use the term “spiritual science” or something similar. You see, the occult is only occult as long as it is not known, and to those who know it, it is no longer occult. There are many people who have every reason to call mathematics an occult science, and some sciences are occult to some people. So this is actually a concept that is quite relative in this regard. You will not find anyone who is truly capable of thinking in terms of spiritual science who would justify or acknowledge a work such as this so-called “occult chemistry.” Leadbeater’s “occult chemistry,” in its conceptual framework, is entirely modeled after ordinary materialistic atomism. This “occult chemistry” is the best proof of what certain so-called spiritual viewpoints have already come to in our materialistic age. I need only recall that in certain theosophical circles the following idea once even surfaced: People pondered what might exist across successive earthly lives so that it would carry over from one earthly life to the next, and this led to the grotesque and absurd notion of the so-called “permanent atom.” A single atom was supposed to carry over from one life—say, from so-and-so many hundred years ago—into the next life, thereby maintaining the continuity between these two lives. In other words, these spiritualists had successfully managed to think along the lines of materialistic-atomistic concepts. And following the model of ordinary atomistic chemistry, Leadbeater has now compiled his “occult chemistry” in a completely arbitrary manner—which he, however, claimed was the product of clairvoyance—but which is a completely arbitrary construct and cannot be accepted by any truly serious researcher of the spiritual sciences in the world.

[ 5 ] Das ist gerade das beste Beispiel dafür, wie gewisse atomistische Vorstellungen heute die Menschheit ergriffen haben, daß man in der Lage war, diese atomistischen Vorstellungen hineinzutragen in die Gebiete einer gewissen sektiererischen theosophischen Richtung. Das ist etwas, was nicht das Geringste zu tun hat mit dem, was hier angestrebt wird. Und gerade dieses Hineintragen der atomistisch-materialistischen Vorstellungsweise in geisteswissenschaftliche Untersuchungen, das zeigt, wie tief angefressen von atomistischen Grundideen die Gegenwart ist. Bedenken Sie, daß insbesondere in gewissen Kreisen englischer naturwissenschaftlicher Denker, wo man ja zu einer äußerlichen Anschaulichkeit strebt, versucht worden ist, Modelle zu konstruieren für jene Strukturen, die Ihnen heute vorgetragen worden sind, damit man auch äußerlich sehen könne: ja, die Atome, sie sind so angeordnet in verschiedenen komplizierten Arten, daß man auf diese Weise so wunderschön zeigen kann, warum also es eine linksdrehende und eine rechtsdrehende Säure gibt. Man braucht eben nur auch die Atome symmetrisch sich anordnen zu lassen und kann dann sagen: Weil die Atome ihre Kräfte immer in dieser Weise in Symmetrie gestalten, so gibt es ein Links und ein Rechts. — Es ist nur nicht einzusehen, wenn man wirklich logisch denken kann, warum man die Notwendigkeit, daß die Gestalten symmetrisch auftreten, just auf eine Konfiguration der kleinsten Teile zurückführen sollte. Ich bitte, das nicht als einen Protest aufzufassen. Denn wenn es wirklich richtig sein sollte, daß nur durch die Kräfte der kleinsten Teile die Säure als rechts polarisierende, drehende erscheine und die andere als linksdrehende, so müßte es auch richtig sein, daß die linke Hand auf die rechte passen könnte, weil die kleinsten Teile nach dieser Richtung geformt sind.

[ 5 ] This is precisely the best example of how certain atomistic ideas have taken hold of humanity today—to the extent that people were able to introduce these atomistic ideas into the realm of a certain sectarian theosophical movement. This has absolutely nothing to do with what we are striving for here. And it is precisely this introduction of the atomistic-materialistic way of thinking into spiritual scientific research that shows how deeply the present age is permeated by fundamental atomistic ideas. Consider that, particularly in certain circles of English natural scientists—where, after all, one strives for outward clarity—attempts have been made to construct models for the structures described to you today, so that one might also see outwardly: yes, the atoms are arranged in various complex ways so that one can thus beautifully demonstrate why there is a left-turning and a right-turning acid. One simply needs to arrange the atoms symmetrically and can then say: Because the atoms always organize their forces in this symmetrical way, there is a left and a right. — It is simply not clear, if one can think truly logically, why the necessity for the forms to appear symmetrically should be attributed precisely to a configuration of the smallest particles. Please do not take this as a protest. For if it were truly correct that it is only through the forces of the smallest particles that one acid appears to be right-polarizing and the other left-polarizing, then it would also have to be true that the left hand could fit onto the right, because the smallest particles are shaped in this direction.

[ 6 ] Diese Dinge sind in der sogenannten «okkulten Chemie» hervorgetreten, und diese Dinge sind nun übertragen worden auf die Anschauungen in sogenannten okkulten Büchern. Da finden Sie auch ganz fürchterliche Anschauungen und Konstruktionen von Molekülen oder Atomen. Alles das ist schon auch auf dem Gebiete der spirituellen Wissenschaft nachgeahmt worden; nachgeahmt worden ist die materialistische Theorie sogar in der spirituellen Anschauungsweise. Ich habe es einmal erlebt bei einem Kongreß, den sogenannte Theosophen abgehalten haben, in Paris war es. Da hat man verschiedenes geredet über das und jenes, und nachher fragte ich jemanden, wie der Eindruck dieses Kongresses auf ihn nun war. Da sagte der Betreffende: «Oh, es waren im ganzen Saal so gute Fluiden.» Der Betreffende hat also nichts anderes gesehen von all den konkreten Gedanken und so weiter, die da geäußert worden sind, als eine materialistische Umsetzung dessen, was die Leute zueinander gesagt haben, in materielle Fluidenwirkungen zwischen den einzelnen Persönlichkeiten. Man muß bei diesen Dingen auf die Denkweise eingehen. Man ist nicht dadurch schon ein Anhänger einer geistigen Weltanschauung, daß man von geistigen Wesenheiten redet, sondern erst dann, wenn man von geistigen Qualitäten reden kann. Was Sie zum Beispiel heute in der theosophischen Literatur zahlreich finden, ist, daß der physische Leib geschildert wird, nachher der Ätherleib, der ist ein bissel dünner, gegebenenfalls nebelhafter, aber durchaus materiell, dann der astralische Leib, wieder etwas dünner noch, aber eben nur dünnere Materie und so weiter. So geht es bis in die höchsten geistigen Gebiete hinauf, Manas, KamaManas und so weiter, und es ist eigentlich alles nichts als verdünnte Materie, nur daß sie zuletzt nun wirklich sehr «homöopathisch» wird. Das sind die Dinge, die zeigen, daß es eben nicht darauf aufkommt, ob einer heute vom Geist redet, sondern ob er in der Lage ist, etwas aufzuzeigen, was wirklich in das Geistgebiet hineinführt.

[ 6 ] These ideas have emerged in what is known as “occult chemistry,” and they have now been carried over into the concepts found in so-called occult books. There you will also find quite terrifying concepts and models of molecules or atoms. All of this has also been imitated in the realm of spiritual science; even the materialistic theory has been imitated in the spiritual perspective. I once experienced this at a congress held by so-called Theosophists—it was in Paris. Various things were discussed there about this and that, and afterward I asked someone what impression the congress had made on him. The person replied, “Oh, there were such good fluids throughout the hall.” So this person saw nothing in all the concrete ideas and so on that were expressed there other than a materialistic translation of what people said to one another into material fluid effects between the individual personalities. With these matters, one must examine the way of thinking. One is not automatically a follower of a spiritual worldview simply by speaking of spiritual beings, but only when one can speak of spiritual qualities. What you find frequently in theosophical literature today, for example, is a description of the physical body, followed by the etheric body—which is a bit more subtle, perhaps mist-like, but thoroughly material—then the astral body, which is even more subtle, but still merely more subtle matter, and so on. This continues all the way up into the highest spiritual realms—Manas, Kama-Manas, and so on—and it is actually all nothing but rarefied matter, except that in the end it becomes truly very “homeopathic.” These are the things that show that what really matters is not whether someone speaks of the spirit today, but whether they are able to point to something that truly leads into the realm of the spirit.

Frage: Wie ist eine Weiterbildung der Chemie im Sinne der Anthroposophie zu denken?

Question: How should further education in chemistry be approached from an anthroposophical perspective?

[ 7 ] Wenn die von Dr. Kolisko gemeinte Phänomenologie vorgenommen wird, so muß eben gesagt werden, daß diese Frage so umfassend noch ist, daß sie ja auch nur höchst andeutungsweise beantwortet werden kann. Vor allen Dingen ist es nötig, daß man einsähe, daß man zunächst zu einer entsprechenden Phänomenologie kommen müßte. Eine Phänomenologie ist nicht eine Zusammenstellung der bloßen Phänomene in willkürlicher Weise, oder so, wie sie sich gerade durch die wissenschaftlich angestellten Versuche ergibt, sondern eine wirkliche Phänomenologie ist eine solche Systematisierung der Phänomene, wie es etwa versucht worden ist von Goethe in seiner Farbenlehre. Es ist ein Zurückführen des Komplizierteren auf das Einfachere, bis zu jenen Grundlagen, wo einem die Grundelemente, die Grundphänomene entgegentreten.

[ 7 ] If the phenomenology referred to by Dr. Kolisko is to be undertaken, it must be said that this question is still so broad that it can only be answered in the most general terms. Above all, it is necessary to recognize that one would first have to arrive at an appropriate phenomenology. A phenomenology is not a random compilation of mere phenomena, or a compilation of phenomena as they happen to emerge from scientifically conducted experiments; rather, a true phenomenology is a systematization of phenomena, as Goethe, for example, attempted in his Theory of Colors. It is a reduction of the more complex to the simpler, down to those foundations where one encounters the basic elements, the basic phenomena.

[ 8 ] Nun weiß ich selbstverständlich ganz gut, daß nun ganz gescheite Leute sagen werden: Ja, aber wenn man eine solche Aufstellung gewinnt in bezug auf den Zusammenhang von qualitativen Phänomenen und Urphänomenen, so ist ein solcher Aufbau durchaus nicht von vornherein zu vergleichen mit dem, wie zum Beispiel komplizierte geometrische Zusammenhänge mathematisch zurückzuführen sind auf Axiome; denn die geometrischen Zusammenhänge werden gewissermaßen aus reiner innerer Konstruktion aufgebaut. Der weitere Aufbau der Mathematik, [ausgehend von] diesen Axiomen, wird wiederum erlebt wie eine in innerer Notwendigkeit erschauter [mathematischer Prozeß], während wir beim Aufbau der Phänomene und der Urphänomene darauf angewiesen sind, uns auf die Beachtung des äußeren Tatbestandes zu verlassen.

[ 8 ] Now, of course, I am well aware that very intelligent people will say: Yes, but if one arrives at such a framework regarding the relationship between qualitative phenomena and primordial phenomena, then such a structure is by no means comparable from the outset to the way, for example, complex geometric relationships are mathematically reduced to axioms; for the geometric relationships are, so to speak, constructed from a purely internal structure. The further development of mathematics, [based on] these axioms, is in turn experienced as a [mathematical process] perceived as an inner necessity, whereas in the construction of phenomena and primordial phenomena we are dependent on relying on the observation of external facts.

[ 9 ] Das ist aber nicht so, auch wenn es einfach so behauptet wird — es wird ja im weitesten Umkreise mehr oder weniger deutlich und klar behauptet. Daß dies behauptet wird, ist doch nur das Ergebnis einer unrichtigen Erkenntnistheorie, und namentlich ist es das Ergebnis eines konfusen Durcheinanderwirbelns des Erfahrungsbegriffes mit anderen Begriffen. Und durch dieses konfuse Durcheinanderwirbeln des Erfahrungsbegriffes mit anderen Begriffen ergibt sich zum Beispiel das folgende.

[ 9 ] But that is not the case, even if it is simply claimed—and it is, in fact, asserted more or less clearly and explicitly in the broadest sense. The fact that this is claimed is merely the result of a flawed theory of knowledge, and specifically, it is the result of a confused jumble of the concept of experience with other concepts. And this confused jumble of the concept of experience with other concepts gives rise, for example, to the following.

[ 10 ] Da wird nicht darauf gesehen, daß die Art und Weise, wie Erfahrung vorliegt, durchaus gebildet ist in bezug auf das menschliche Subjekt. Ich kann gar nicht den Begriff der Erfahrung bilden, ohne daß ich die Beziehung denke vom Objekt zum menschlichen Subjekt. Und nun handelt es sich lediglich darum: Gibt es eine prinzipielle Unterscheidung zwischen der Art und Weise, wie ich zum Beispiel ein Goethesches Urphänomen vor mir habe und dieses Urphänomen kompliziere zum abgeleiteten Phänomen, wo ich scheinbar angewiesen bin darauf, daß mir die äußere Erfahrung dasjenige, was ich im Urteil ausspreche, bestätigt? Gibt es in bezug auf die Erfahrung einen Unterschied in diesem ganzen Verhalten des Subjekts zum Objekt gegenüber dem, wenn ich in der Mathematik konstatiere, die Summe der drei Winkel des Dreiecks ist 180°, oder wenn ich die Richtigkeit des pythagoreischen Lehrsatzes konstatiere? Gibt es in der Tat einen Unterschied?

[ 10 ] No account is taken of the fact that the way in which experience presents itself is entirely shaped in relation to the human subject. I cannot even form the concept of experience without conceiving of the relationship between the object and the human subject. And now the question is simply this: Is there a fundamental distinction between the way in which, for example, I have a Goethean “primordial phenomenon” before me and the way in which I elaborate this primordial phenomenon into a derived phenomenon—where I am seemingly dependent on external experience to confirm what I express in my judgment? With regard to experience, is there a difference in this entire behavior of the subject toward the object compared to when, in mathematics, I state that the sum of the three angles of a triangle is 180°, or when I state the correctness of the Pythagorean theorem? Is there, in fact, a difference?

[ 11 ] Daß es in bezug darauf keinen Unterschied gibt, ist sogar schon hervorgetreten in Untersuchungen immerhin ganz geistreicher Mathematiker des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein, die ja, weil sie gesehen haben, daß schließlich Mathematik auch nur beruht auf einer Erfahrung — in einem Sinne, wie man von Erfahrung bei den sogenannten empirischen Naturwissenschaften spricht —, die hinzukonstruiert haben, allerdings zunächst nur hinzukonstruiert haben, zu der euklidischen Geometrie eine nichteuklidische Geometrie. Und man muß da sagen: Theoretisch ist es ja zunächst durchaus möglich, geometrisch zu denken, daß die drei Winkel eines Dreiecks 380° sind. Allerdings muß man dabei voraussetzen, daß der Raum ein anderes Krümmungsmaß hat. In unserem gewöhnlichen Raume haben wir ein reguläres [euklidisches] Maß, das die Krümmung Null hat. Dadurch einfach, daß man sich vorstellen würde, daß der Raum mehr gekrümmt [das heißt, daß die Krümmung des Raumes größer als 1] ist, dadurch kommt man zu so einem Satze wie: die Summe der drei Winkel eines Dreiecks ist größer als 180°.

[ 11 ] The fact that there is no difference in this regard has even already become apparent in studies by quite brilliant mathematicians of the 19th century and right up to the present day, who—because they saw that, after all, mathematics is also based solely on an experience—in the sense in which one speaks of experience in the so-called empirical natural sciences—have constructed, though initially they had only constructed—a non-Euclidean geometry alongside Euclidean geometry. And one must say here: Theoretically, it is indeed entirely possible to conceive, geometrically speaking, that the three angles of a triangle add up to 380°. However, one must assume in doing so that space has a different degree of curvature. In our ordinary space, we have a regular [Euclidean] metric, which has zero curvature. Simply by imagining that space is more curved [that is, that the curvature of space is greater than 1], one arrives at a theorem such as: the sum of the three angles of a triangle is greater than 180°.

[ 12 ] Es liegen interessante Versuche in bezug darauf vor, zum Beispiel von Oskar Simony, der dies untersucht hat. Diese Bestrebungen zeigen, daß man schon von gewisser Seite auch für nötig gehalten hat, sich zu sagen: Auch dasjenige, was wir in mathematischen oder geometrischen Sätzen als Urteile aussprechen, auch das bedarf ebenso der empirischen Verifizierung wie das, was wir aussprechen in der Phänomenologie.

[ 12 ] There have been interesting attempts in this regard, for example by Oskar Simony, who investigated this. These efforts show that certain circles have already considered it necessary to acknowledge: Even what we express as judgments in mathematical or geometric theorems requires empirical verification just as much as what we express in phenomenology.