Scientific Disciplines and Anthroposophy
GA 73a
4 October 1920, Dornach
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Scientific Disciplines and Anthroposophy, tr. SOL
18. Aus den Fragenbeantwortungen während des ersten anthroposophischen Hochschulkurses I
18. Questions during the First Anthroposophical University Course I
[ 1 ] Vorbemerkung: Während des dreiwöchigen ersten «anthroposophischen Hochschulkurses» (26. September bis 16. Oktober 1920 in Dornach), bei dem außer Rudolf Steiner 30 Vertreter der verschiedensten Fachrichtungen Vorträge hielten, fanden auch drei Gesprächsabende statt, und zwar am 4., 6. und 15. Oktober 1920. Bei diesen sogenannten «Konversationen über Geisteswissenschaft» konnten Fragen über beliebige Themen gestellt werden, auf die Rudolf Steiner dann mehr oder weniger ausführlich einging. Die Gesprächsabende sind von den Stenographen nicht in ganzer Länge und zum Teil lückenhaft festgehalten worden.
[ 1 ] Preliminary Note: During the three-week-long first “Anthroposophical College Course” (September 26 through October 16, 1920, in Dornach), at which 30 representatives from a wide variety of disciplines gave lectures in addition to Rudolf Steiner, three discussion evenings also took place, specifically on October 4, 6, and 15, 1920. During these so-called “Conversations on Spiritual Science,” questions on any topic could be asked, which Rudolf Steiner then addressed in varying degrees of detail. The stenographers did not record the discussion evenings in their entirety, and some parts are missing.
[ 2 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich stelle mir vor, daß wir heute in einer Art Konversation allerlei Fragen und dergleichen erörtern, die sich bei dem einen oder anderen der verehrten Zuhörer an das anknüpfen, was hier als Anthroposophie in den letzten Tagen entwickelt worden ist. Obwohl Ihnen, wie ich heute versuchte zusammenzustellen, im Laufe dieser drei Wochen an hundert Vorträge geboten werden sollen, ist es ja nicht möglich, das eine oder andere Thema mehr als nur skizzenhaft zu berühren. Was Ihnen hier gegeben werden kann, können ja zunächst nur Anregungen sein, Anregungen, die aber vielleicht zeigen werden, daß die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht schlechter fundiert
[ 2 ] Rudolf Steiner: Ladies and gentlemen! I imagine that today, in a sort of conversation, we will discuss all sorts of questions and related topics that, for one or another of you in this esteemed audience, tie in with what has been developed here over the past few days under the heading of anthroposophy. Although, as I have tried to outline today, you are to be offered a hundred lectures over the course of these three weeks, it is, of course, not possible to address any one topic in more than a sketchy manner. What can be offered to you here can, for the time being, only be suggestions—suggestions that may, however, show that the anthroposophically oriented spiritual science referred to here is no less well-founded
[ 3 ] Asa ist als das, was man im äußeren Leben der heutigen strengen Wissenschaft entnimmt, ja, daß sie alle methodische Disziplin dieser Wissenschaft in sich aufnimmt und eben auch dasjenige wahrnimmt, was als eine große Forderung der Zeit dasteht, die Forderung nach Weiterentwicklung. Diese Forderung nach Weiterentwicklung ergibt sich aus dem Grunde, weil namentlich diejenigen Impulse des wissenschaftlichen Lebens, die Großes hervorgebracht haben in der abgelaufenen Epoche, eben heute durchaus im Absterben begriffen sind und in den Niedergang unserer Zivilisation hineinführen müßten, wenn nicht ein neuer Einschlag kommen würde.
[ 3 ] Asa is, as can be seen in the outward life of today’s rigorous science, indeed, that it incorporates all the methodological discipline of this science and also recognizes what stands as a major demand of the times: the demand for further development. This demand for further development arises from the fact that precisely those impulses of scientific life that produced great achievements in the past era are now in the process of dying out and would inevitably lead to the decline of our civilization were it not for a new impetus.
[ 4 ] Das, was nun an Anregungen gegeben worden ist für einen solchen neuen Einschlag, kann gewiß bei einer solchen Besprechung, wie sie heute stattfinden soll, nach den verschiedensten Richtungen hin ergänzt werden, und für eine solche Ergänzung bitte ich Sie jetzt mitzutun. Ich bitte, Fragen zu stellen, Wünsche zu äußern und überhaupt alles vorzubringen, was Sie eben vorbringen wollen. Die Fragen können ja am besten schriftlich gestellt werden, und ich bitte, diese Gelegenheit reichlich zu nützen.
[ 4 ] The suggestions that have now been offered for such a new direction can certainly be expanded in a wide variety of ways during a discussion such as the one we are about to have today, and I now ask you to join me in making such additions. I invite you to ask questions, express your wishes, and, in general, bring up anything you would like to discuss. Questions are best submitted in writing, and I ask that you make full use of this opportunity.
Herr Conrad: Die Frage, die ich zu stellen habe, bezieht sich auf ein therapeutisches Gebiet. Herr Dr. Steiner hat in seinen Vorträgen auf gewisse Krankheiten hingewiesen, die gerade in der Gegenwart sehr zahlreich auftreten. Es gibt da nun gewisse seelische Störungen, bezüglich derer ich für eine Antwort über die tieferen Ursachen sehr dankbar wäre. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Sprachstörungen. Ich bemerke, daß durchaus nicht persönliche Interessen von mir mitspielen, sondern ich frage nur, insofern pädagogische Interessen hineinspielen. Ich bin schon mehrmals von Lehrern gefragt worden, was bei Sprachstörungen zu tun sei. Bei dieser Frage, die ja in das therapeutische Gebiet hineingeht, möchte ich aber nicht Fragen anregen, die nur Krankheiten betreffen. Ich wäre für die Beantwortung sehr dankbar, weil mir diese Frage sehr brennend in der Gegenwart zu sein scheint.
Mr. Conrad: The question I have to ask relates to a therapeutic field. In his lectures, Dr. Steiner has pointed out certain illnesses that are particularly prevalent today. There are certain mental disorders regarding which I would be very grateful for an answer about their deeper causes. These mainly involve speech disorders. I would like to note that this is by no means motivated by any personal interest on my part; rather, I am asking solely from an educational perspective. I have been asked several times by teachers what to do about speech disorders. However, since this question falls within the therapeutic realm, I do not wish to raise issues that concern only medical conditions. I would be very grateful for an answer, as this question seems to me to be a pressing issue at present.
[ 5 ] Rudolf Steiner: Wir können ja vielleicht gerade von der Beantwortung dieser Frage den Ausgang nehmen. Man muß, wenn dergleichen Spezielles in Frage kommt, natürlich berücksichtigen, daß solche speziellen Störungen im menschlichen Organismus die mannigfaltigsten Ursachen haben können und daß es gerade dann, wenn man auf die wahre Ursache eingehen will, außerordentlich schwierig ist, über diese Dinge im Allgemeinen zu sprechen. Bei allen solchen Dingen, meine verehrten Anwesenden, handelt es sich eigentlich darum, daß man sich durch Geisteswissenschaft in die Lage versetzt, den einzelnen Fall in der richtigen Weise zu beurteilen. Und da möchte ich etwas sagen, was vielleicht eine viel allgemeinere Bedeutung hat, als es diese Frage erheischt.
[ 5 ] Rudolf Steiner: Perhaps we can take the answer to this question as our starting point. When such specific issues arise, one must, of course, take into account that such specific disturbances in the human organism can have a wide variety of causes, and that it is precisely when one wishes to address the true cause that it becomes extremely difficult to speak about these matters in general terms. In all such matters, ladies and gentlemen, the point is actually that spiritual science enables us to assess each individual case correctly. And here I would like to say something that may have a much more general significance than this question requires.
[ 6 ] Sehen Sie, wir leben in einem Zeitalter des Abstrahietens, in einem Zeitalter, wo man es liebt, die mannigfaltige Welt, die vielgestaltige Welt auf wenige Formeln zurückzubringen, wo man es liebt, abstrakte Gesetze aufzustellen, die weite Gebiete des Daseins umfassen. Sie können dies dann nur in abstrakter Weise unter Hinweglassung gerade des Individuellen umfassen. Geisteswissenschaft wird insbesondere nach dieser Richtung hin einen bedeutsamen Wandel zu bringen haben. Sie wird weniger schwelgen in den Vereinfachungen des mannigfaltigen Daseins, sie wird ja herantragen Erkenntnisse über das konkrete Geistige. Dadurch aber, daß man an das konkrete Geistige herankommt, regt man sich mit Bezug auf seine Seelenverfassung überhaupt so an, daß Beobachtungsvermögen und Urteilsvermögen gestärkt, gekräftigt werden. Das wird sich schon zeigen im allgemeinen sozialen Verkehr der Menschen. Ein gutes Stück der sozialen Frage liegt heute eigentlich darin, daß wir gar keine Neigung mehr haben, den Menschen, an dem wir vorbeigehen, wirklich kennenzulernen, weil unser Inneres eben nicht jene Anregungen hat, die es ihm ermöglichen, das Individuelle, das Besondere richtig ins Auge zu fassen. Da wird Geisteswissenschaft eben etwas anderes schaffen. Da wird Geisteswissenschaft unser Inneres wieder reich machen, wird es befähigt machen, auf das Besondere einzugehen. Und so wird sich das Beobachtungsvermögen, das Unterscheidungsvermögen und all das besonders ausbilden. Daher werden wir weniger Lust bekommen nach abstrakten Verallgemeinerungen, dagegen mehr Lust bekommen nach dem Besonderen, dem Einzelnen. Wir werden uns gewissermaßen mehr an das Exemplarische als an das Abstrakte halten. Und insbesondere wenn man es mit so etwas zu tun hat wie mit körperlichen Störungen, mit Sprachstörungen, so muß man sagen: Fast liegt ja jeder einzelne Fall anders — es ist ja natürlich etwas übertrieben, aber doch im allgemeinen gültig —, fast liegt jeder einzelne Fall anders, und mindestens muß man Typisches unterscheiden.
[ 6 ] You see, we live in an age of abstraction, an age in which people love to reduce the diverse, multifaceted world to a few formulas, and in which they love to formulate abstract laws that encompass vast areas of existence. One can then grasp this only in an abstract way, by setting aside precisely what is individual. Spiritual science, in particular, will have to bring about a significant change in this direction. It will indulge less in simplifications of manifold existence; rather, it will bring forth insights into the concrete spiritual realm. But by approaching the concrete spiritual realm, one is stimulated—in relation to one’s own state of mind—in such a way that one’s powers of observation and judgment are strengthened and invigorated. This will become evident in people’s general social interactions. A significant part of the social problem today actually lies in the fact that we no longer have any inclination to truly get to know the people we pass by, because our inner life simply lacks the stimuli that would enable us to properly perceive what is individual and unique in them. This is where spiritual science will bring about a change. Spiritual science will enrich our inner lives once again, enabling us to respond to what is distinctive. And in this way, our powers of observation, our ability to distinguish, and all such qualities will be particularly developed. Consequently, we will have less inclination toward abstract generalizations and, instead, a greater inclination toward the particular, the individual. In a sense, we will focus more on the exemplary than on the abstract. And especially when dealing with such things as physical disorders or speech disorders, one must say: Almost every single case is different—it is, of course, somewhat of an exaggeration, but generally true—almost every single case is different, and at the very least, one must distinguish between typical characteristics.
[ 7 ] Man muß sich klar sein darüber, daß ein Teil desjenigen, was Sprachstörungen hervorruft, natürlich organisch bedingt ist, das heißt in einer gewissen Weise auf der mangelnden Ausbildung dieses oder jenes Organes beruht. Aber eine ganze Reihe von solchen Störungen kommen in der Gegenwart allerdings davon her, daß gerade die geistig-seelischen Kräfte des Menschen nicht in der richtigen Weise entwikkelt werden. Und es darf sogar gesagt werden, daß, wenn eine richtige Entwicklung der geistig-seelischen Fähigkeiten des Menschen im kindlichen Lebensalter durch Pädagogik erreicht werden kann in der Zeit, in der der menschliche Organismus noch biegsam ist, auch organische Störungen bis zu einem gewissen Grade überwunden werden können; sie können da leichter überwunden werden als in einem späteren Lebensalter, wo der Körper mehr verfestigt ist. Unser ganzes Erziehungswesen ist ja im Grunde genommen allmählich zu einem Betriebe in Abstraktheit geworden. Unsere Pädagogik leidet nicht etwa an schlechten Grundsätzen. Wir haben im allgemeinen, wenn wir auf die abstrakte Behandlung der pädagogischen Prinzipien sehen, große, bedeutsame Leistungen im 19. Jahrhundert aufzuweisen gehabt. Und wenn man auf die heutige abstrakte Anwendungsweise hinsieht, wie man dies oder jenes tun soll in der Schule, so wird man sagen müssen, da bedeutet wirklich die Pädagogik des 19. Jahrhunderts ganz Gewaltiges. Aber grade die Kunst, auf das einzelne Kind einzugehen, die besondere Entwicklung des einzelnen Kindes zu bemerken, das ist etwas, was durch das Zueilen zur Intellektualität und zur Abstraktheit in der neueren Zeit verloren gegangen ist. Wir sind durch die abstrakte Pädagogik gewissermaßen nicht mehr fähig, in der richtigen Weise das Geistig-Seelische des Kindes zu erkraften. Glauben Sie nicht, daß, wenn man eine solche Forderung aufstellt, man etwa wiederum in einseitiger Weise nur nach einer weltfremden Seelen- oder Geisteserziehung hinweisen möchte — o nein. Es ist vielleicht heute paradox erscheinend, aber es ist tatsächlich so, daß der Materialismus das tragische Schicksal gehabt hat, daß er gerade die materiellen Erscheinungen nicht bewältigen konnte. Das beste Beispiel dafür ist, daß wir solche psychologischen Theorien wie den psycho-physischen Parallelismus haben. Da hat man auf der einen Seite die menschliche Leiblichkeit, die man nur danach kennt, wie sie die Anatomie befriedigt, die lediglich am Leichnam lernt, da haben wir auf der anderen Seite ausgedachte oder sogar nur mehr in Worten lebende Theorien über das Seelisch-Geistige, und da denkt man dann nach, wie dieses SeelischGeistige, das nun gar keine Ähnlichkeit mehr hat mit dem Physisch-Leiblichen, wie dieses Seelisch-Geistige auf das Physisch-Leibliche wirken soll. Geisteswissenschaft wird gerade dahin führen, daß man wiederum konkret auf das Leibliche wird eingehen können, daß man wiederum solche Dinge wissen wird wie die, die ich schon gestern im Vortrage angedeutet habe und deren Wichtigkeit ich hier noch einmal erwähnen möchte: In uns als Menschenwesen wirkt von der Geburt bis zum Zahnwechsel etwas, was wir eine Summe von Gleichgewichtskräften nennen können, die uns durchorganisieren, und etwas, was bewegliche Kräfte sind, was Lebenskräfte sind. Das wirkt in unserem Organismus besonders stark innerhalb dieses menschlichen Lebensalters. Dasjenige, was da im Menschen wirkt, das ist es wirklich, was dann die zweiten Zähne, ich möchte sagen herausstößt, was seinen Abschluß findet im Herausstoßen der zweiten Zähne, was für seine Wirksamkeit im Organismus bis zu einem gewissen Grade — es dauert natürlich fort —, aber bis zu einem gewissen Grade zum Abschluß kommt mit dem Erscheinen der zweiten Zähne. Es verwandelt sich dann in das, was wir nennen können mathematisches, geometrisches Denken, was wir nennen können Denken über die Gleichgewichtsverhältnisse im Raume, Denken über die Bewegungsverhältnisse im Raume, was wir nennen können Sich-Finden in den Lebensverhältnissen im Raume und in der Zeit. Das, was da herauskommt, was gewissermaßen aus einem Zustand der Latenz in einen Zustand der Freiheit übergeht, das studieren wir dann, wenn es eben frei geworden ist. Da haben wir es als Geistig-Seelisches, als ganz konkretes GeistigSeelisches, wie wir es heraufwachsen sehen im Kinde, wenn der Zahnwechsel beginnt und weiter in die späteren Lebensjahre hinein. Und nun schauen wir das an und sehen: Das, was da geistig-seelisch ist, das wirkt in den ersten sieben Lebensjahren organisierend im Leibe. Und wiederum studieren wir den Zusammenhang eines Geistig-Seelischen mit der physischen Organisation, wenn wir das ins Auge fassen, was der Mensch dann — allerdings bewußt nur in der Inspiration — erleben kann, das heißt, was er mit dem gewöhnlichen Bewußtsein dann erlebt, aber doch unbewußt erlebt in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife. Es ist das mehr ein Hineintauchen in die physische Leiblichkeit, wo es in seinem Verlaufe zunächst als hauptsächlichste Erscheinung — aber es sind auch andere da — den Liebestrieb erweckt, wo es den Schlußpunkt macht zum Beispiel beim männlichen Geschlecht mit der Veränderung der Stimme, beim weiblichen Geschlecht mit etwas breiteren Wirkungen. Das, was wir erkennen, wenn wir die Entwicklung der Gefühlswelt beobachten, wenn wir auch zum Beispiel speziell so etwas wie die Entwicklung des musikalischen Sinnes gerade in der Zeit beobachten, in der sich die Gefühlswelt entwickelt, das studieren wir wiederum als den Zusammenhang eines Geistig-Seelischen mit der physischen Organisation vom siebenten bis zum vierzehnten, fünfzehnten Jahre.
[ 7 ] It must be clearly understood that some of the causes of speech disorders are, of course, organic in nature—that is, they stem, to a certain extent, from the underdevelopment of one organ or another. However, a whole range of such disorders today do, in fact, stem from the fact that it is precisely the human being’s mental and emotional faculties that are not being developed properly. And it may even be said that if the proper development of a person’s mental and emotional capacities can be achieved through education during childhood—at a time when the human organism is still malleable—then even organic disorders can be overcome to a certain degree; they can be overcome more easily then than at a later stage of life, when the body has become more rigid. Our entire educational system has, in essence, gradually become an enterprise of abstract thought. Our pedagogy does not suffer from poor principles. In general, when we look at the abstract treatment of pedagogical principles, we can point to great, significant achievements in the 19th century. And when one looks at today’s abstract approach to application—how this or that should be done in school—one must admit that the pedagogy of the 19th century truly represents something monumental. But it is precisely the art of responding to the individual child—of noticing the unique development of each child—that has been lost in recent times due to the rush toward intellectualism and abstraction. Through abstract pedagogy, we are, in a sense, no longer capable of properly nurturing the child’s spiritual and emotional life. Do not think that, in making such a demand, one is once again seeking in a one-sided way to advocate only for an otherworldly education of the soul or spirit—oh no. It may seem paradoxical today, but it is indeed the case that materialism has suffered the tragic fate of being unable to come to terms with material phenomena themselves. The best example of this is that we have psychological theories such as psychophysical parallelism. On the one hand, we have the human physicality, which is known only insofar as it satisfies anatomy—which learns solely from the corpse— and on the other hand, we have theories about the soul and spirit—theories that are purely speculative or even exist only in words—and then one wonders how this soul and spirit, which no longer bears any resemblance to the physical body, is supposed to influence the physical body. Spiritual science will lead precisely to the point where we will once again be able to address the physical in concrete terms, where we will once again know such things as those I already hinted at yesterday in my lecture and whose importance I would like to mention here once more: Within us as human beings, from birth until the change of teeth, there is at work something we can call a sum of balancing forces that organize our entire being, and something that consists of dynamic forces—life forces. These forces are particularly active within our organism during this stage of human life. That which is at work within the human being is truly what then, I might say, pushes forth the permanent teeth; it finds its culmination in the eruption of the permanent teeth; and its activity within the organism, to a certain degree—though it naturally continues—comes to a conclusion, to a certain degree, with the appearance of the permanent teeth. It then transforms into what we might call mathematical, geometric thinking; what we might call thinking about the relationships of equilibrium in space; thinking about the relationships of movement in space; and what we might call finding one’s place within the conditions of life in space and time. What emerges from this—what, so to speak, transitions from a state of latency to a state of freedom—we then study once it has become free. There we have it as a spiritual-soul aspect, as a very concrete spiritual-soul aspect, which we see developing in the child as the teeth begin to change and continuing into later years of life. And now let us look at this and see: that which is spiritual-psychic acts in an organizing way within the body during the first seven years of life. And once again, we study the connection between a spiritual-soul aspect and the physical organization when we consider what the human being can then experience—albeit consciously only in inspiration—that is, what they experience with ordinary consciousness, yet experience unconsciously during the period from the change of teeth to sexual maturity. It is more of a plunge into physical embodiment, where, in its course, it first awakens—as the primary manifestation, though others are present as well—the sex drive, and where it culminates, for example, in males with the change in voice, and in females with somewhat broader effects. What we recognize when we observe the development of the emotional world—and when, for example, we specifically observe something like the development of the musical sense precisely during the time when the emotional world is developing—we study this, in turn, as the connection between the spiritual-soul aspect and the physical organization from the seventh to the fourteenth or fifteenth year.
[ 8 ] Kurz, Geisteswissenschaft stellt nicht die abstrakte Frage: Wie wirkt die Seele auf den Leib?, sondern sie studiert das konkrete Seelische, sie weiß, daß man auf das konkrete Seelische in bestimmten Lebensaltern hinsehen muß und wie es in anderen Lebensaltern gerade auf den Leib wirkt. Also sie verwandelt die abstrakte und dadurch so unbefriedigende Behandlungsmethode der heutigen Psychologie und Physiologie in ganz konkrete Methoden. Und im weiteren Verlaufe kommt man dann dazu, daß man durch die Geisteswissenschaft nicht nur im allgemeinen feststellen kann: in den ersten sieben Lebensjahren wirkt Gleichgewichtskraft, Bewegungskraft, Lebenskraft —, sondern man kann spezialisieren, wie dieses Geistige in den Organen sich äußert, wie dieses Geistige in Lunge, Herz, Leber und so weiter wirkt; man bekommt die Möglichkeit, wirklich lebendig hineinzuschauen in den menschlichen Leib. Da stellt sich als Erkenntnis des Materiellen etwas ganz anderes heraus, als der Materialismus das [erkennen] kann. Das Eigentümliche beim Materialismus ist das, daß er sich einer falschen, nämlich einer abstrakten, einer abgezogenen Geistigkeit hingibt. Das Eigentümliche der Geisteswissenschaft wird sein, daß sie gerade das Materielle in der richtigen Weise zu beurteilen vermag. Natürlich geht sie nach der anderen Seite auch in der richtigen Art nach dem Geistigen hin. Immer deutlicher sollte man diejenige Meinung bekämpfen, die von nebulosen Mystikern ausgeht, daß die Geisteswissenschaft etwas wäre, das auf Phantasmen in allgemeinen Redereien eingeht. Nein, Geisteswissenschaft geht gerade auf das Konkrete ein und möchte eine Anschauung liefern, wie das Geistig-Seelische bis in die einzelnen Organe hineinwirkt. Denn nur dadurch erkennt man das materielle Dasein, daß man das Wirken der Geistigkeit in konkreter Weise im materiellen Dasein kennenlernt. Aber durch solches konkretes Eindringen in den menschlichen Organismus erwirbt man sich — durch eine Art von Imagination, Inspiration und so weiter — allmählich eine Fähigkeit, ich möchte sagen eine Begabung, das Individuelle wirklich zu sehen und dann beurteilen zu können, wo irgendein besonderer Fehler liegt, wenn zum Beispiel Sprachstörungen vorliegen. Da wird in einem gewissen kindlichen Alter die Möglichkeit vorhanden sein, gerade durch besondere Sprachübungen auf die Entwicklung der Sprachorgane zu wirken. Es handelt sich dabei darum, daß man gerade im rechten Lebensalter dasjenige bemerkt, dasjenige beobachten kann, was vielleicht an physischen Störungen vorliegt. Und obwohl einfach durch die äußeren Verhältnisse alle möglichen Hindernisse vorliegen — man erkennt ja heute nur dasjenige an und läßt es irgend welche Praxis ausüben, was amtlich abgestempelt ist nach dieser Richtung hin —, obzwar also alle möglichen Hindernisse vorliegen, so können wir doch sagen, daß zum Beispiel gerade bei Sprachstörungen manche schöne Resultate einfach dadurch erzielt worden sind, daß man rhythmische Sprachübungen hat machen lassen, daß man den besonderen Fehler erkannte, der vorlag, und daß man dann den Menschen mit dem fehlerhaften Sprachorganismus in diesem oder jenem Sprachrhythmus Dinge rezitieren ließ, immer wiederholen ließ, daß man ihn darauf verwies, sich besonders fühlend hineinzuverlegen in den rhythmischen Verlauf dieser oder jener Töne. Nach dieser Richtung hin kann man ganz besonders bedeutsame Behebungen oder auch wenigstens Erleichterungen in bezug auf solche Störungen bewirken. Aber auch etwas anderes ist möglich. Man kann zum Beispiel bei Sprachstörungen besonders auf eine Regulierung des Atmungsprozesses wirken, eine solche Regulierung des Atmungsprozesses, die allerdings ganz individuell sein muß. Diese Regulierung des Atmungsprozesses kann man dadurch erreichen, daß man denjenigen, den man behandeln will, ein Gefühl entwickeln läßt zwischen dem innerlichen Hersagen, ja vielleicht nur Denken, aber breitem Denken, langsamem Denken gewisser Wortzusammenhänge [und dem Atmungsprozeß]. Da stellt sich das Eigentümliche ein, daß man, wenn man solche Wortzusammenhänge in der richtigen Weise formt, dann in dem zu Behandelnden, indem man sich hingibt an einen solchen Gedankenrhythmus oder innerlichen Wortrhythmus, daß man ihm ein Gefühl übermittelt: Bei diesem Worte und seinem Verlauf, seinem langsamen oder schnellen Verlauf, merkst du das an deinem Atem, er verändert sich nach dieser oder jener Weise, und dem gehst du nach. — Man bringt ihm in einer gewissen Weise dasjenige zum Bewußtsein, was sich als Parallelerscheinung des Atems ergibt für das Sprechvorstellen. Man bringt ihm das zum Bewußtsein. Und wenn er einem dann etwas darüber erzählen kann, dann versucht man wiederum weiter nachzuhelfen, so daß, wenn er einmal den Atmungsprozeß sich zur Bewußtheit gebracht hat, er nach und nach allein dahin gelangt, auch in bewußter Weise jetzt selbst, ich möchte sagen Wortzusammenhänge, die er sich bildet in diesem Atmungsprozeß, den er jetzt in einer gewissen Weise bewußt verfolgen kann, in entsprechender Art einschnappen zu lassen.
[ 8 ] In short, the science of the soul does not pose the abstract question: “How does the soul affect the body?” Rather, it studies the concrete aspects of the soul; it recognizes that one must examine these concrete aspects of the soul at specific stages of life and understand how they specifically affect the body at other stages. Thus, it transforms the abstract—and therefore so unsatisfactory—approach of contemporary psychology and physiology into entirely concrete methods. And as one proceeds further, one comes to the point where, through spiritual science, one can not only generally establish that during the first seven years of life, the forces of balance, movement, and life are at work—but one can also specify how these spiritual forces manifest in the organs, how they act in the lungs, heart, liver, and so on; one gains the ability to look into the human body in a truly living way. What emerges as an understanding of the material realm is something entirely different from what materialism can [recognize]. The peculiarity of materialism is that it surrenders itself to a false, namely an abstract, a detached form of spirituality. The distinctive feature of spiritual science will be that it is precisely capable of assessing the material in the correct way. Of course, it also approaches the spiritual in the correct way from the other side. One should increasingly combat the view, propagated by nebulous mystics, that spiritual science is something that deals with phantasms in general abstractions. No, spiritual science deals precisely with the concrete and seeks to provide an insight into how the spiritual-soul aspects work their way down into the individual organs. For it is only by coming to know the workings of the spiritual in a concrete way within material existence that one can truly understand material existence. But through such concrete penetration into the human organism—through a kind of imagination, inspiration, and so on—one gradually acquires an ability, I would say a gift, to truly see the individual and then to be able to assess where a particular defect lies, for example, in cases of speech disorders. At a certain age in childhood, there will be an opportunity to influence the development of the speech organs precisely through special speech exercises. The point is that, at just the right age, one can notice and observe what physical disturbances may be present. And although all sorts of obstacles exist simply due to external circumstances—after all, today people only recognize and allow practices to be carried out that are officially sanctioned in this regard—even though all sorts of obstacles exist, we can still say that, for example, in the case of speech disorders, some wonderful results have been achieved simply by having patients perform rhythmic speech exercises, by identifying the specific error present, and by having the person with the impaired speech mechanism recite passages in this or that speech rhythm, repeating them over and over, while guiding them to immerse themselves with particular feeling in the rhythmic flow of these or those sounds. By following this approach, one can bring about particularly significant improvements—or at least some relief—with regard to such disorders. But something else is also possible. For example, in cases of speech disorders, one can focus specifically on regulating the breathing process—a regulation that must, of course, be entirely individualized. This regulation of the breathing process can be achieved by helping the person being treated to develop a sense of the connection between the inner recitation—or perhaps merely the thinking, but broad thinking, slow thinking—of certain word combinations [and the breathing process]. Here a peculiar phenomenon arises: when such word associations are formed in the correct manner, the person being treated—by surrendering to this rhythm of thought or inner word rhythm—receives a sensation: With this word and its progression—whether slow or fast—you notice this in your breath; it changes in this or that way, and you follow that. — In a certain way, you bring to the patient’s consciousness what arises as a parallel phenomenon to the breath in the process of speaking and imagining. You bring this to their awareness. And when they are then able to tell you something about it, you try to help them further, so that once they have brought the breathing process into their consciousness, they gradually arrive on their own—now consciously, I would say, to consciously incorporate the connections between words that he forms during this breathing process—which he can now follow consciously in a certain way—in an appropriate manner.
[ 9 ] Also man hat sich die Sache so zu denken: Dadurch, daß man zunächst Rhythmen gibt, die, je nachdem die Sache so oder so liegt, innerlich zu denken sind, zu murmeln, zu flüstern oder laut herzusagen, ruft man bei dem Betreffenden hervor das Bemerken einer Veränderung des Atmens. Jetzt weiß er, der Atem verändert sich in dieser Weise. Und nun verbietet man ihm in gewissem Sinne, gerade dasjenige an Wort oder Gedankenmaterial zu gebrauchen, was man ihm gegeben hat. Man macht ihn darauf aufmerksam, daß er in sich selbst jetzt etwas Ähnliches bildet, und dann kommt er darauf, einen bewußten Parallelismus dieses ganzen inneren Denk- oder Wort- oder innerlichen Hör-Ablaufs von Worten mit dem Atemprozeß herbeizuführen, so daß ein gewisses Atmen immer einschnappt auf ein innerliches Vorstellen oder innerliches Hören von Worten. Dadurch gleicht sich sehr vieles von dem aus, was, ich möchte sagen eine schlechte Assoziation ist zwischen den Vorgängen, die mehr mentaler Art sind, mehr nach dem Seelischen hin liegen, indem man spricht, und denjenigen Vorgängen, die im Organismus als mehr materielle, als physische Vorgänge sich abspielen. Das alles wirkt ganz besonders günstig, wenn man es in der richtigen Kindheitsepoche anwendet. Und man kann schon sagen: Würden unsere Pädagogen bessere Psychologen sein, würden sie wirklich eine konkrete Erkenntnis des menschlichen Leibes aus dem Geiste heraus haben, so würden sie auch in einer ganz anderen Weise gerade pädagogisch auf die Sprachstörungen einwirken können.
[ 9 ] So one should think of it this way: By first providing rhythms—which, depending on the situation, are to be thought internally, murmured, whispered, or recited aloud—one elicits in the person concerned the awareness of a change in their breathing. Now the person knows that the breath changes in this way. And then, in a certain sense, one forbids them from using precisely the words or thought material that one has given them. One draws their attention to the fact that they are now forming something similar within themselves, and then they come to bring about a conscious parallelism between this entire inner process of thinking, speaking, or hearing words internally and the breathing process, so that a certain breath always corresponds to an inner visualization or inner hearing of words. This helps to balance out much of what I would call a poor association between the processes that are more mental in nature—more closely related to the soul—that occur when one speaks, and those processes that take place in the organism as more material, more physical processes. All of this has a particularly beneficial effect when applied at the right stage of childhood. And one can certainly say: If our educators were better psychologists—if they truly had a concrete understanding of the human body derived from the spirit—they would also be able to address speech disorders in a completely different way, specifically from a pedagogical perspective.
[ 10 ] Nun, man kann allerdings das, was ich da erwähnt habe, auch zu einer gewissen Therapie ausbilden und wird da manches sehr Günstige auch noch für das spätere Lebensalter leisten können. Von besonderer Wichtigkeit scheint mit aber auch zu sein — und da könnte schon auf gewisse Erfolge, die nach dieser Richtung erzielt worden sind, hingedeutet werden —, von besonderer Wichtigkeit scheint mir auch zu sein, daß solche Dinge geheilt werden können durch eine besondere rationelle Anwendung des Nachahmungsprinzipes. Dann aber muß man eine viel intimere, ich möchte sagen eine subjektiv-objektive Erkenntnis des ganzen menschlichen Organismus und seiner Teile haben.
[ 10 ] Well, it is certainly possible to develop what I mentioned into a form of therapy, which could also yield many benefits for later in life. But it also seems to me to be of particular importance—and here one could already point to certain successes that have been achieved in this direction—it also seems to me to be of particular importance that such things can be cured through a special, rational application of the principle of imitation. But then one must have a much more intimate—I would say a subjectively-objective—understanding of the entire human organism and its parts.
[ 11 ] Sehen Sie, die Menschen sprechen im Leben miteinander; aber sie merken im Leben wenig von den, ich möchte sagen imponderablen Wirkungen, die von Mensch zu Mensch ausgeübt werden beim Sprechen. Diese Wirkungen sind aber doch da. Wir sind heute so abstrakt geworden, daß wir eigentlich nur den anderen auf den Verstandesinhalt hin anhören. Die wenigsten Menschen haben heute ein Gefühl davon, was eigentlich gemeint ist, wenn ein mit etwas mehr psychisch-organischem Mitgefühl ausgestatteter Mensch, nachdem er mit einem anderen gesprochen hat, nun fühlt, wie er die Sprechweise des anderen in seinem eigenen Sprachorganismus bis zu einem hohen Grade bewußt mit weiterträgt. Die wenigsten Menschen haben heute ein Gefühl davon, was man nach dieser Richtung alles erlebt, wenn man hintereinander mit vier, fünf, sechs Menschen zu sprechen hat, von denen der eine hustet, der zweite heiser ist, der dritte einen anschreit, der vierte ganz unverständlich redet und so weiter, denn das alles macht der eigene Organismus mit; der vibriert fortwährend mit, der erlebt das alles mit. Und wenn man dieses Gefühl des Miterlebens der Sprache ausbildet, dann erlangt man allerdings ein starkes Gefühl, ich möchte sagen auch für die Abwehr. Da tritt das Eigentümliche auf, daß man gerade bei solchen Dingen, die so eng mit der Subjektivität des Menschen verbunden sind wie Sprachstörungen, dann herausfindet, in welcher Weise man jemandem vorsprechen muß, der an Sprachstörungen leidet, wie man ihm vorsprechen muß, damit er durch Imitation, durch Nachahmung manches erreicht. Ich habe Stotterer kennengelernt; wenn man ihr Stottern hat nachfühlen können und ihnen dann namentlich Rhythmisches vorgesprochen hat, dann konnte man sie dahin bringen, daß sie wirklich — ich rede jetzt vergleichsweise — so etwas erreichen konnten wie ein Vergessen ihres Stotterns, indem sie dem Vorsprechen gewissermaßen nachlaufen. Allerdings muß man dann das menschliche Mitgefühl bis in dieses Organische hinein entwickeln können. Es beruht überhaupt ungeheuer viel im Therapeutischen darauf, daß man vergessen machen kann das subjektive Erleben, das mit irgendeinem objektiven Vorgang verknüpft ist. Und namentlich ist zum Beispiel ein wirkliches Heilmittel für Sprachstörungen ganz besonders, wenn man die Zeit zwischen dem siebenten und dem vierzehnten Jahre richtig anwendet, indem man möglichst die Sprachgestörten liebevoll zu einer solchen eben geschilderten Nachahmung bringt. Es ist ja so, daß man oft die Erfahrung macht, daß Stotterer manchmal drei Worte nicht ordentlich aussprechen können, ohne anzustoßen, nicht drei Worte
[ 11 ] You see, people talk to one another in life; but they are largely unaware of the—I would say—intangible effects that are exerted from person to person when speaking. Yet these effects are certainly there. We have become so abstract today that we actually listen to others only in terms of the content of their thoughts. Very few people today have a sense of what is actually meant when a person endowed with a little more psychic-organic empathy, after speaking with another, now feels how they consciously carry the other’s manner of speaking within their own speech organism to a high degree. Very few people today have any sense of what one experiences in this regard when speaking one after another with four, five, or six people, one of whom is coughing, the second is hoarse, the third yells at you, the fourth speaks completely unintelligibly, and so on—for one’s own organism participates in all of this; it vibrates along continuously, experiencing it all. And when one develops this sense of experiencing language alongside others, one certainly gains a strong sense—I would even say a sense of defense. Here the peculiar thing is that it is precisely with such matters—which are so closely connected to human subjectivity, such as speech disorders—that one discovers how one must speak to someone who suffers from speech disorders, how one must speak to them so that they can achieve certain things through imitation. I have met people who stutter; if one has been able to empathize with their stuttering and then read aloud to them—particularly rhythmic passages—one could lead them to the point where they could truly—I am speaking comparatively here—achieve something like forgetting their stuttering by, so to speak, following along with the reading. Of course, one must then be able to develop human empathy to the point of penetrating into this organic level. A tremendous amount of therapeutic work is based on the ability to help someone forget the subjective experience linked to some objective process. And in particular, for example, a truly effective remedy for speech disorders is especially effective when the period between the ages of seven and fourteen is utilized correctly, by lovingly guiding those with speech disorders toward the kind of imitation just described. It is often the case that people with stuttering cannot pronounce three words properly without stumbling—not even three words
[ 12 ] ordentlich hintereinander herausbringen können. Gibt man ihnen nun eine Dichtung zu rezitieren, der sie ganz hingegeben sein können, die sie lieben können, und steht man gewissermaßen hinter der Sache als ein aufmerksamer Zuhörer, dann können sie ganze lange Strophenreihen sagen, ohne zu stottern. Daß man solche Gelegenheiten herbeiführt, wo sie so etwas tun, das ist etwas, was hier von psychischer Seite her ein ganz besonders gutes therapeutisches Mittel ist. Etwas Schlechtes erweist man gerade Menschen mit solchen Fehlern, wenn man sie durch irgend etwas äußerlich auf ihre Fehler hinweist. Ich hatte einen Freund, der auch Dichter war, der konnte sich immer in einer sehr explosiven Weise äußern, wenn irgendein taktloser Mensch kam, der ihn hinwies auf sein Stottern. Als ihn einmal jemand «taktvoll» fragte: Herr Doktor, stottern Sie immer so? — da sagte er: Nein, nur wenn ich einem gegenüberstehe, der mir durchaus unsympathisch ist. — Ich hätte natürlich jetzt furchtbar stottern müssen, wenn ich es in Wirklichkeit hätte nachahmen wollen, wie diese Antwort gegeben wurde.
[ 12 ] recite them neatly one after another. If you then give them a poem to recite—one they can fully immerse themselves in, one they can love—and if you stand behind them, so to speak, as an attentive listener, then they can recite entire long series of stanzas without stuttering. Creating such opportunities for them to do this is, from a psychological standpoint, a particularly effective therapeutic tool. It is actually harmful to people with such speech impairments to point out their flaws to them through external means. I had a friend who was also a poet; he would always react in a very explosive way whenever some tactless person came along and pointed out his stuttering. Once, when someone “tactfully” asked him, “Doctor, do you always stutter like that?”—he replied, “No, only when I’m facing someone I find thoroughly unsympathetic.” — Of course, I would have had to stutter terribly right now if I’d actually wanted to imitate how that answer was given.
[ 13 ] Dann aber wird man nach und nach erkennen, welch ein bedeutsames Heilmittel man gegen solche und ähnliche Fehler des menschlichen Organismus in der Eurythmie haben kann. Die Eurythmie kann, ich möchte sagen nach zwei Seiten hin verfolgt werden. Die eine Seite ist die, auf die ich immer in den Einleitungen aufmerksam mache, die ich zu den Vorstellungen gebe. Da zeige ich, wie durch sinnlich-übersinnliches Schauen an dem heutigen Menschen der Sprachorganismus mit seinen Bewegungstendenzen bewußt wird, die dann auf den ganzen menschlichen Organismus übertragen werden. Aber nicht wenig Bedeutung hat auch der umgekehrte Weg. Denn, schen Sie, bei dem, was Ihnen heute von einem anderen Gesichtspunkt aus sehr gut vorgebracht worden ist von Herrn Dr. Treichler, bei der Sprachentstehung, spielt ganz zweifellos, ganz gewiß eine Ureurythmie der Menschen eine ganz bedeutsame Rolle. Die Dinge haben nicht den Klang gleichsam in sich in dem Sinne, wie es die Bim-Bam-Theorie behauptet, aber es besteht zwischen allen Dingen, zwischen dem ganzen Makrokosmos und der menschlichen Organisation, diesem Mikrokosmos, eine Beziehung, und im Grunde genommen kann alles, was äußerlich in der Welt geschieht, auch durch die menschliche Organisation in einer gewissen Weise gebärdenhaft in Bewegung nachgebildet werden. Und so haben wir denn fortwährend im Grunde genommen allen Erscheinungen gegenüber die Tendenz, sie durch unseren eigenen Organismus nachzubilden. Wir führen das nur mit dem physischen Organismus nicht aus, sondern wir führen es mit dem Ätherorganismus aus. Der Ätherorganismus ist in einer fortwährenden Eurythmie begriffen. Der ursprüngliche Mensch war viel beweglicher als der heutige. Sie wissen, dieses Sich-Entwickeln von der Beweglichkeit zur Ruhe, das bildet sich ja noch darin ab, daß es heute in gewissen Kreisen durchaus für ein Charakteristikum der Bildung angesehen wird, wenn man sich möglichst phlegmatisch verhält, während man spricht und mit möglichst wenig Gesten sein Sprechen begleitet. Es ist «angesehen» bei gewissen Rednern, die Hände immer in der Hosentasche zu haben, damit sie nur ja nicht mit ihren Armen irgendwelche Gesten machen, denn es gilt als der Ausdruck einer besonders guten Redehandhabung, wenn man wie ein Klotz ruhig dasteht. Aber das, was da karikaturhaft zum Ausdruck kommt, das entspricht nur jenem Vorschreiten der Menschheit von der Beweglichkeit zur Ruhe, und wir müssen auf dem Urgrunde der menschlichen Entwicklung in Urzeiten einen Übergang von einer gebärdenhaften Sprache, von einer Art Eurythmie, zu der Lautsprache konstatieren. Dasjenige, was im Organismus zur Ruhe gekommen ist, hat sich spezialisiert in den Sprachorganen, hat selbstverständlich erst die Sprachorgane eigentlich ausgebildet. Wie das Auge am Licht gebildet ist, so ist das Sprachorgan gebildet aus einer zuerst tonlosen Sprache. Und wenn man diese ganzen Zusammenhänge kennt, dann wird man nach und nach das Eurythmische ganz besonders gut verwenden können, indem man es ganz ordentlich einführt in das Didaktische, um entgegenzuarbeiten all dem, was sprachstörend eingreifen könnte. Und nach dieser Richtung hin wird es ja, wenn nur ein wenig Muße dazu vorhanden sein wird, eine sehr reizvolle Aufgabe sein, unsere jetzige, mehr künstlerisch und pädagogisch ausgebildete Eurythmie immer mehr und mehr auch nach der therapeutischen Seite hin auszubilden und eine Art Heileurythmie auszugestalten, die sich dann insbesondere auf solche therapeutischen Forderungen erstrecken wird, wie diejenige ist, von der hier gesprochen worden ist. Ich weiß nicht, ob es schon erschöpfend ist, was ich gesagt habe, aber ich wollte doch mit einigen Worten darauf eingehen. Es wird natürlich in derselben Progression, in der sich die Fragen häufen, in zunehmendem Sinne also, die Ausführlichkeit der Beantwortung abnehmen müssen.
[ 13 ] But then, little by little, one will come to realize what a significant remedy eurythmy can be against such and similar flaws in the human organism. Eurythmy can, I would say, be approached from two perspectives. One perspective is the one I always draw attention to in the introductions I give to the performances. There I demonstrate how, through sensory-supersensory observation of modern human beings, one becomes aware of the speech organism with its tendencies toward movement, which are then transferred to the entire human organism. But the reverse path is also of no small significance. For, as Dr. Treichler has very clearly explained to you today from a different perspective—regarding the origin of language—an “original eurythmy” of humankind undoubtedly and certainly plays a very significant role. Things do not, so to speak, possess sound within themselves in the sense claimed by the “Bim-Bam” theory, but there is a relationship between all things—between the entire macrocosm and the human organism, this microcosm—and, fundamentally, everything that happens externally in the world can also be reproduced in a certain way through the human organism in a gesture-like movement. And so, in essence, we constantly have a tendency to reenact all phenomena through our own organism. We do not carry this out with the physical organism alone, but with the etheric organism. The etheric organism is engaged in a continuous eurythmy. The original human being was much more mobile than people are today. As you know, this development from mobility to stillness is still reflected in the fact that, in certain circles today, it is considered a hallmark of refinement to behave as phlegmatically as possible while speaking and to accompany one’s speech with as few gestures as possible. It is “regarded as proper” among certain speakers to always keep their hands in their pockets so that they certainly do not make any gestures with their arms, for it is considered a sign of particularly skillful oratory to stand there calmly like a block of wood. But what is expressed here in a caricatured manner merely corresponds to humanity’s progression from movement to stillness, and we must acknowledge, at the very foundation of human development in primeval times, a transition from a gestural language—a kind of eurythmy—to spoken language. That which has come to rest within the organism has specialized in the speech organs; indeed, it was this process that actually gave rise to the speech organs in the first place. Just as the eye is formed by light, so too is the speech organ formed from what was initially a soundless language. And once one understands all these connections, one will gradually be able to make particularly good use of eurythmy by introducing it systematically into teaching, in order to counteract everything that might interfere with speech. And in this direction, if only there is a little leisure time available, it will be a very appealing task to develop our current eurythmy—which is more artistically and pedagogically oriented—more and more in a therapeutic direction and to shape a kind of therapeutic eurythmy that will then address, in particular, therapeutic needs such as the one discussed here. I do not know if what I have said is already exhaustive, but I wanted to address it briefly. Naturally, as the questions pile up—that is, to an increasing degree—the detail of the answers will have to diminish accordingly.
Ein Teilnehmer fragt, wie das gemeint sei mit der Bewegung der Eurythmie in bezug auf den Ätherleib, ob er nach der geisteswissenschaftlichen Forschung dieselbe Form wie der Körper habe. Ist der Ätherleib lokalisiert beim Kehlkopf?
A participant asks what is meant by the movement of eurythmy in relation to the etheric body—whether, according to spiritual scientific research, it has the same form as the physical body. Is the etheric body located in the larynx?
Sind die Ungarn, von denen neulich erzählt wurde, die beim Kartenspiel in dem ungarischen Grenzort von Herrn Dr. Steiner beobachtet wurden, selber unter die Tische gefallen oder nur ihre Ätherleiber? War das ein Vorgang, den man nur am Ätherleib beobachten konnte?
Did the Hungarians mentioned recently—who were observed by Dr. Steiner playing cards in that Hungarian border town—themselves fall under the tables, or was it just their etheric bodies? Was this a phenomenon that could only be observed in the etheric body?
[ 14 ] Rudolf Steiner: Verstehen Sie mich richtig. Die Eurythmie ist so, daß sie im physischen Leibe und durch den physischen Leib das ausführen läßt, was sonst nur der Ätherleib des Menschen ausführt. Dadurch, daß der Mensch als Eurythmist mit seinem physischen Leib die am Ätherleib studierten Bewegungen ausführt, dadurch ist noch nicht gegeben, daß dann derjenige, der eurythmisierend dasteht, wenn er gerade irgendeinen abscheulichen Gedanken hat, diesen abscheulichen Gedanken nicht mit seinem Ätherleibe ausführt. Er kann also mit seinem äußeren, physischen Leibe die schönsten Bewegungen ausführen, und da tanzt dann der Ätherleib, seinen Emotionen folgend, unter Umständen in recht karikaturhafter Weise. Aber jene Menschen, die an der ungarischen Grenze kartenspielend neulich von mir charakterisiert worden sind, die habe ich natürlich durchaus nur nach dem Verlaufe ihres physischen Treibens charakterisiert. Ich habe nur gesagt, daß man die Leidenschaften in ihnen, die sie dazu geführt haben, solche Dinge über und unter dem Tisch auszuführen, sich nachher auch noch zu kratzen und zu zerfleischen, daß man diese Leidenschaften geistig-seelisch studieren konnte.
[ 14 ] Rudolf Steiner: Please understand me correctly. Eurythmy is such that it enables the physical body to perform—and through the physical body—what would otherwise be performed only by the human etheric body. The fact that a person, as a eurythmist, performs with their physical body the movements studied in the etheric body does not mean that the person performing eurythmy—if they happen to have some abominable thought at that moment—will not carry out that abominable thought with their etheric body. So they can perform the most beautiful movements with their outer, physical body, while the etheric body, following its emotions, may dance in a rather caricatured manner under certain circumstances. But those people I recently characterized as playing cards on the Hungarian border—I characterized them, of course, solely on the basis of the course of their physical activities. I merely said that one could study, from a spiritual and psychological perspective, the passions within them that led them to carry out such acts above and below the table, and then to scratch and tear at one another afterward.
[ 15 ] Ich möchte noch das folgende sagen. Nicht wahr, es ist im allgemeinen so, wenn man den ruhenden Menschen ansieht, daß der Ätherleib ruhig ist, nur etwas größer ist als der physische Leib. Aber das wird nur dadurch bewirkt, daß für den Ätherleib des Menschen, schematisch gezeichnet, der physische Leib nach allen Seiten verluftigend wirkt. Wenn der Ätherleib nicht vom physischen Leib in seiner Form gehalten würde, wenn er nicht vom physischen Leibe gebannt würde, dann würde er ein ganz bewegliches Wesen sein. Der Ätherleib hat an sich durchaus die Möglichkeit, nach allen Seiten hin sich zu bewegen, und er ist außerdem in wachem Zustande unter dem fortwährenden Einfluß des allem Seelischen folgenden beweglichen Astralischen. Der Ätherleib für sich ist also etwas durchaus Bewegliches. Als Maler hat man zum Beispiel die Schwierigkeit, wenn man etwas Ätherisches malen will, daß man malen muß, ich möchte sagen, wie wenn man den Blitz malen könnte. Man muß das Bewegte in Ruhe übersetzen. Also in dem Augenblick, wo man aus der physischen Welt herauskommt, in dem Augenblick hört ja auch der Begriff Distanz auf und alle die Dinge, die eigentlich nur auf den ruhenden Raum sich beziehen; das hört alles auf, und es beginnt ein ganz anders geartetes Vorstellen. Es beginnt ein Vorstellen, das eigentlich nur so charakterisiert werden kann, daß man sagt, es verhält sich zu dem gewöhnlichen Vorstellen räumlicher Dinge, wie sich eine Saugwirkung zu einer Druckwirkung verhält. Man wird in die Sache hineingerissen, statt daß man sie betastet und so weiter. Also so verhält es sich mit der Beziehung des ätherischen Leibes zum physischen Leib.
[ 15 ] I would like to add the following. Isn’t it generally the case that when you look at a person at rest, the etheric body is still, and only slightly larger than the physical body? But this is only brought about by the fact that, schematically speaking, the physical body acts to expand the etheric body in all directions. If the etheric body were not held in its form by the physical body, if it were not restrained by the physical body, then it would be a completely mobile entity. The etheric body has, in and of itself, the full capacity to move in all directions, and moreover, in the waking state, it is under the constant influence of the mobile astral body, which follows all that is soul-related. The etheric body, in and of itself, is therefore something that is thoroughly mobile. As a painter, for example, one faces the difficulty—when one wishes to paint something etheric—that one must paint, I might say, as if one could paint lightning. One must translate movement into stillness. So at the very moment one steps out of the physical world, at that very moment the concept of distance ceases to exist, as do all those things that actually relate only to static space; all of that ceases, and a completely different kind of imagination begins. A mode of perception begins that can really only be characterized by saying that it relates to the ordinary perception of spatial things in the same way that suction relates to pressure. One is drawn into the thing itself, rather than merely touching it and so on. This is how the relationship between the etheric body and the physical body works.
Ein Teilnehmer (als Sprecher auch für andere): Sehr geehrte Anwesende, durch Aussprache mit vielen Freunden veranlaßt, möchte ich einige Fragen stellen, die vielleicht doch manches von dem zum Ausdruck bringen, was im Laufe der vorigen Woche durch viele Köpfe und Herzen gegangen ist. Wir haben gehört, daß besonders die studentische Jugend hier manches hören und lernen kann, was hinausgetragen werden muß in unser Volk zum Aufbau einer neuen Kultur. Nun taucht bei den ganzen Problemen, die hier besprochen werden, oft die Frage auf nach dem Schicksal unseres deutschen Volkes. Wie muß sich unsere Jugend in die Schicksalszusammenhänge unseres deutschen Volkes hineinstellen, wenn sie in der rechten Weise und aus freiem Willen heraus ihre innerlichen Pflichten erfüllen will? Wie vor hundert Jahren Fichte große, gewaltige Gedanken gebracht hat, so empfangen wir auch heute wieder gewaltige Gedanken, deren Verwirklichung wir ersehnen. In weiten Kreisen, wenigstens in solchen Kreisen, die der Dreigliederung nahestehen, herrscht heute die Anschauung, daß diese Dreigliederung sich auch verwirklichen wird, ohne daß in einer intensiven Weise daran gearbeitet wird, daß sie also gleichsam ganz von selbst kommen könne, auch wenn die Menschen nichts dazu beitragen.
A participant (speaking on behalf of others as well): Dear attendees, prompted by discussions with many friends, I would like to ask a few questions that may, after all, express some of what has been on many people’s minds and in their hearts over the course of the past week. We have heard that the student youth, in particular, can hear and learn many things here that must be carried out to our people in order to build a new culture. Now, amid all the problems being discussed here, the question of the fate of our German people often arises. How must our youth position themselves within the context of our German people’s destiny if they wish to fulfill their inner duties in the right way and of their own free will? Just as Fichte presented great, powerful ideas a hundred years ago, so too do we receive powerful ideas today, the realization of which we long for. In wide circles—at least in those circles close to the threefold social order—the prevailing view today is that this threefold social order will come about even without intensive work toward it; that is, it will come about, as it were, all by itself, even if people do nothing to contribute to it.
Nun möchte ich die Frage aufwerfen: Wie stellt sich eigentlich das Schicksal unseres Volkes dar, wenn diese fatalistische Gesinnung in unseren Kreisen herrscht — die ja sehr leicht erklärlich ist aus unserer gesamten Kulturentwicklung heraus — und wenn nicht an ihre Stelle jenes mutige Wollen tritt, das von hier aus gewollt wird? Man hört heute oft, es sei möglich, daß der Bolschewismus sich noch weiter ausbreitet, es sei möglich, daß anarchische Zustände in Deutschland sich weiter fortpflanzen. Wie sollen wir uns zu diesen Fragen stellen, wenn dieses fatalistische Element, das ich darzustellen versuchte, jenem mutigen, vorwärtsstürmenden Wollen gegenübersteht?
Now I would like to raise the question: What will actually become of our people if this fatalistic mindset prevails in our circles—which, after all, can be easily explained by our overall cultural development—and if it is not replaced by that courageous will that we are striving to cultivate here? Today one often hears that it is possible Bolshevism will spread even further, that it is possible anarchic conditions in Germany will continue to proliferate. How are we to address these questions when this fatalistic element—which I have attempted to describe—stands in opposition to that courageous, forward-striving will?
Eine zweite Frage: Wir sprechen hier von Anthroposophie, von Menschenweisheit. Nun ist wiederholt in den letzten Tagen die Frage gestellt worden: Wie sähe eigentlich die ganze Weltbetrachtung aus, wenn man nicht vom Standpunkte des Anthroposophen ausgeht, sondern wenn man vom Standpunkt irgend eines anderen Bewußtseins ausgeht? Wir sehen, besonders aus den Vorträgen von Hern Dr. Steiner, aber auch aus anderen Vorträgen, daß die drei unteren Reiche, also Mineralreich, Pflanzenreich und Tierreich, eigentlich die zurückgebliebenen Brüder des Menschen sind. Wie würde sich dies nun darstellen, wenn wir den Menschen wiederum beziehen würden auf die höherstehende Hierarchie, etwa auf die Engelwesen? Ist es denkbar, das, was vom menschlichen Standpunkte aus heute als Anthroposophie dargestellt wird, vielleicht vom Standpunkt eines höheren Bewußtseins, also vom Standpunkt eines Engelbewußtseins darzustellen — man könnte vielleicht in diesem Zusammenhang von einer Angeloisophie sprechen —, und wie würden sich von diesem Standpunkt aus die Probleme ausnehmen? Ich stelle diese Frage, weil sie in den letzten Tagen wiederholt durchgeklungen ist in unseren Unterhaltungen.
A second question: We are speaking here of anthroposophy, of human wisdom. Now, the question has been raised repeatedly in recent days: What would this entire worldview actually look like if one did not start from the anthroposophist’s point of view, but rather from the point of view of some other form of consciousness? We see, particularly from Dr. Steiner’s lectures, but also from other lectures, that the three lower kingdoms—the mineral, plant, and animal kingdoms—are actually humanity’s “left-behind brothers.” How would this be represented if we were to relate humanity, in turn, to the higher hierarchy, such as the angelic beings? Is it conceivable to present what is today described as anthroposophy from the human point of view—perhaps from the perspective of a higher consciousness, that is, from the perspective of angelic consciousness—one might perhaps speak of “angelosophy” in this context—and how would the issues appear from this perspective? I am asking this question because it has repeatedly come up in our conversations over the past few days.
Eine dritte Frage: Aus den vorhergehenden Ausführungen von Herrn Dr. Steiner ist ersichtlich, daß die Eurythmie vom therapeutischen Standpunkt aus außerordentlich wichtig ist. Nun möchte ich darauf hinweisen, daß, wenn man heute gewisse Dinge genau beobachtet, die scheinbar Kleinigkeiten sind, man schen kann, wie unbedingt notwendig diese Eurythmie auch von einem anderen Gesichtspunkt aus ist. Schon an bestimmten Kinderspielzeugen kann man beobachten, wie gewisse, der jetzigen Zeit angemessene Kräfte heraus wollen, nach Offenbarung drängen. [Es folgt ein Hinweis auf das Diabolo-Spiel und auf Spielzeuge, die namentlich von französischen und amerikanischen Soldaten eingeführt wurden.] Zeigen sich nicht durch solche Spielzeuge gewisse hinunterziehende Kräfte? Kann da nicht irgend etwas zum Ausdruck kommen von Kräften, die der Menschennatur polarisch entgegengesetzt sind, vielleicht ein Hinweis auf das Teuflische? Und da wollte ich die Frage aufwerfen: Ist es nicht möglich, daß das Schädliche dieser oder anderer materialistischer Spiele, die in der Gegenwart den Kindern gegeben werden, überwunden wird durch die Eurythmie? Gerade gestern haben wir in der Kindereurythmie ein lebendiges Beispiel dafür gehabt, wie Kinder in einer genialen Weise auf die Eurythmie eingehen können und dann von sich aus alles zurückstoßen können, was in solchen Spielen liegt.
A third question: It is clear from Dr. Steiner’s previous remarks that eurythmy is extraordinarily important from a therapeutic standpoint. Now I would like to point out that if one closely observes certain things today—things that seem trivial—one can see how absolutely necessary eurythmy is from another point of view as well. Even in certain children’s toys, one can observe how certain forces appropriate to the present age are striving to emerge, pressing for revelation. [This is followed by a reference to the diabolo game and to toys introduced specifically by French and American soldiers.] Do such toys not reveal certain downward-drawing forces? Couldn’t something be expressed here by forces that are polar opposites of human nature—perhaps a hint of the diabolical? And so I would like to raise the question: Isn’t it possible that the harmful effects of these or other materialistic games currently given to children can be overcome through eurythmy? Just yesterday, in children’s eurythmy, we had a vivid example of how children can respond to eurythmy in a brilliant way and then, of their own accord, reject everything inherent in such games.
[ 16 ] Rudolf Steiner: Ich werde versuchen, die Fragen, die ja jede einen Vortrag verlangen würde, kurz zu beantworten, aber ich bitte Sie zu berücksichtigen, daß, wenn man in einer kurzen Fragenbeantwortung etwas sagt, natürlich leicht manche Ungenauigkeiten oder Mißverständnisse sich einnisten können.
[ 16 ] Rudolf Steiner: I will try to answer these questions—each of which would, of course, require a lecture of its own—briefly, but I ask you to bear in mind that when one says something in a brief response to a question, it is, of course, easy for certain inaccuracies or misunderstandings to creep in.
[ 17 ] Zunächst die Frage nach dem Schicksal des deutschen Volkes: Es ist richtig, es tritt heute innerhalb weiter Kreise des deutschen Volkes eine ungeheuer fatalistische Stimmung auf. Diese fatalistische Stimmung ist zu bemerken im Großen und sie ist zu bemerken in Einzelheiten. Und diese fatalistische Stimmung stand auch, ich möchte sagen tragisch da, als wir im April des vorigen Jahres von Stuttgart aus begannen, Verständnis zu suchen für die Dreigliederung des sozialen Organismus und für eine aus diesem Verständnis kommende Erhebung dessen, was eben in so furchtbarer Weise darniederliegt. Aber auf der anderen Seite muß ja gesagt werden, daß wir in der Gegenwart in einem ganz besonderen Zeitpunkte der Menschheitsentwicklung angekommen sind. Ich muß offen sagen: Als ich vor einiger Zeit in Stuttgart von unserer dortigen anthroposophischen Studentengruppe aufgefordert wurde, für die Studenten der Technischen Hochschule in Stuttgart in ihrer Aula einen Vortrag zu halten, da stand ich vor diesem Vortrage durchaus unter dem Eindruck des Spenglerschen Buches «Der Untergang des Abendlandes». Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, wir haben es dazu gebracht, daß heute in streng methodischer Weise der Niedergang bewiesen werden kann. Nun ist das Spenglersche Buch keineswegs ein talentloses Buch, im Gegenteil, es ist in vieler Beziehung außerordentlich genial. Was da dargestellt wird, das bezeugt nichts anderes als das: Wenn nur diejenigen Kräfte in die Zukunft hin wirksam sein würden, von denen Spengler etwas weiß — Anthroposophie kennt er nicht, sondern, wie aus manchem hervorgeht, was er geschrieben hat, würde er vermutlich einen roten Kopf kriegen vor Wut, wenn er von Anthroposophie nur hörte —, wenn das allein wirksam bliebe, was Spengler kennt, dann wäre der Untergang der abendländischen Zivilisation ganz gewiß bis in das zweite Jahrtausend hinein absolut sicher. Lassen Sie nur alles das wirksam sein, was sich da heraufentwickelt hat in der Menschheit — der Untergang kommt sicher. Geradeso wie der Mensch altert, wenn er eine gewisse Anzahl von Jahren erreicht hat und dem Tode entgegengeht, so geht diese Kultur dem Tode entgegen. Was solche Leute wie Spengler nicht kennen, das ist das, was sich in den aufeinanderfolgenden Kulturperioden entwickelt hat, die Sie in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben finden.
[ 17 ] First, the question of the fate of the German people: It is true that a profoundly fatalistic mood prevails today among broad sections of the German people. This fatalistic mood is evident on a large scale, and it is evident in the details as well. And this fatalistic mood was also present—I would say tragically so—when, in April of last year, we set out from Stuttgart to seek an understanding of the threefold social order and, based on this understanding, to raise up what now lies in such a terrible state of decay. But on the other hand, it must be said that we have now arrived at a very special juncture in the development of humanity. I must say frankly: When I was asked some time ago in Stuttgart by our local anthroposophical student group to give a lecture for the students of the Technical University of Stuttgart in their auditorium, I was, in the run-up to this lecture, very much under the influence of Spengler’s book *The Decline of the West*. Yes, ladies and gentlemen, we have reached a point where decline can now be proven in a strictly methodological manner. Now, Spengler’s book is by no means a talentless work; on the contrary, it is extraordinarily ingenious in many respects. What is presented there testifies to nothing other than this: if only those forces were to be effective in the future of which Spengler is aware —he is unfamiliar with anthroposophy; indeed, as is evident from some of his writings, he would likely turn red with rage at the mere mention of it—if only what Spengler knows were to remain active, then the decline of Western civilization would most certainly be absolutely certain well into the second millennium. Just let everything that has developed within humanity continue to have an effect—the downfall is certain to come. Just as a person ages when he has reached a certain number of years and is approaching death, so too is this culture approaching death. What people like Spengler do not understand is what has developed over the successive cultural periods, which you will find described in my *The Secret Science*.
[ 18 ] Man hat in der ersten Kulturperiode — ich habe sie die urindische genannt — eine Urkultur, die auf der damaligen Weisheit beruhte. Einiges davon ist ja auch in diesen Tagen in Vorträgen schon charakterisiert worden. Von dieser gab es eine Erbschaft in das nächste Zeitalter, in das urpersische hinein, in die Zarathustra-Kultur; von da wiederum verdünnt in dasjenige Zeitalter, was man nennen kann die ägyptischchaldäische Kultur, den dritten Zeitraum, der ungefähr im 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha schließt. Dann geht schon sehr wenig hinein in den vierten Zeitraum, wo Plato zwar noch seine Lehre und seine Schriften durchtränkt sein läßt von alter Mysterienweisheit, wo aber mit Aristoteles bereits beginnt der Naturalismus und Intellektualismus. In diesen Zeitraum, in dem die menschliche Urweisheit allerdings schon beginnt, arg in die Dekadenz zu kommen, in diesen Zeitraum fällt die Begründung des Christentums. Das Mysterium von Golgatha wird noch begriffen mit der letzten Urweisheit. Aber indem diese Urweisheit selber schwindet, wird sie endlich zu der modernen Theologie, die entweder in einen materiellen Dogmatismus und Kirchenglauben ausartet oder in eine Charakteristik des Jesus als schlichten Menschen von Nazareth, in dem der Christus, das Christus-Wesen, ganz verloren gegangen ist. Aber es muß natürlich ein neues Verständnis gerade des Christentums kommen. Die Entstehung des Christentums stellt sich in diesen vierten Zeitraum hinein, und von dem, was Urweisheit ist, geht hier noch ein wenig in unseren fünften Zeitraum hinein. Der fünfte Zeitraum ist der, in dem die Urweisheit verschwindet, abgelähmt wird, und in der der Mensch aus seinem eigenen Innern heraus eine neue Geistigkeit finden muß. Alles Reden darüber, daß diese Geistigkeit irgendwoher von außen her kommen könne, ist für die Zukunft vergeblich. Die Götter müssen in der Zukunft sprechen durch das menschliche Innere. Die Frage richtet sich heute nicht an irgendeine andere Seelenkraft als allein an unseren Willen. Das heißt, heute handelt es sich für die ganze Menschheit darum, den Fatalismus gründlich zu überwinden und die Geistigkeit bewußt in den Willen aufzunehmen. Diese Mission ist schon in einem ganz beträchtlichen Maße gerade dem deutschen Volke zugefallen. Wer dies einmal an den großen Gestalten des deutschen Volkes intimer studiert, der merkt, wie sehr gerade dieses Volk die Mission hat, aus seinem Willen heraus, ich möchte sagen seine soziale Welt neu zu gestalten, trotz all der Not und all des Furchtbaren, das sich jetzt gerade innerhalb dieses Volkes ausbreitet. Nur ist vorläufig gar keine Erkenntnis da von dem eigentlichen Tatbestande und dem großen weltgeschichtlichen Zusammenhang.
[ 18 ] During the first cultural period—which I have called the Proto-Indian period—there was a primordial culture based on the wisdom of that time. Some aspects of this have already been described in lectures given in recent days. A legacy of this culture was passed down into the next epoch—the primordial Persian epoch—into the Zarathustrian culture; from there, it was further diluted into what might be called the Egyptian-Chaldean culture, the third epoch, which concluded around the 8th century before the Mystery of Golgotha. Very little of this carries over into the fourth period, where Plato still allows his teachings and writings to be imbued with ancient mystery wisdom, but where naturalism and intellectualism already begin with Aristotle. It is during this period—in which human primordial wisdom is indeed already beginning to fall into serious decadence—that Christianity was founded. The Mystery of Golgotha is still grasped through the last remnants of primordial wisdom. But as this primordial wisdom itself fades away, it ultimately gives rise to modern theology, which either degenerates into material dogmatism and ecclesiastical faith or into a characterization of Jesus as a simple man from Nazareth, in whom the Christ, the Christ-being, has been entirely lost. But, of course, a new understanding of Christianity in particular must emerge. The emergence of Christianity falls within this fourth epoch, and a little of what constitutes primordial wisdom still extends into our fifth epoch. The fifth epoch is the one in which Primordial Wisdom disappears, is rendered dormant, and in which human beings must find a new spirituality from within themselves. All talk of this spirituality coming from somewhere outside is futile for the future. In the future, the gods must speak through the human inner being. Today, the question is directed not at any other soul force but solely at our will. This means that today the task for all of humanity is to thoroughly overcome fatalism and consciously incorporate spirituality into the will. This mission has already fallen to the German people to a very considerable degree. Anyone who studies the great figures of the German people more closely will realize how very much this people in particular has the mission, out of its own will—I would say—to reshape its social world, despite all the hardship and all the terrible things that are currently spreading within this very people. However, for the time being, there is no awareness whatsoever of the actual facts of the matter and the broader context of world history.
[ 19 ] Ich möchte da, wie ich das manchmal überhaupt gern tue, nicht bloß ein eigenes Urteil sagen, sondern auf das Urteil eines anderen hinweisen, auf Herman Grimm, von dem man wirklich nicht sagen kann, daß er etwa Bolschewist gewesen wäre oder dergleichen. Sie finden bereits in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Herman Grimm geschrieben, die Größe des deutschen Volkes beruhe nicht auf seinen Fürsten, nicht auf seinen Regierungen, sie beruhe auf seinen Geistesgrößen. — Aber man darf auch sagen, daß gerade das am allermeisten verkannt, am allermeisten vergessen worden ist. Es gibt heute eine bedeutsame Tatsache, die man nur richtig beachten muß. Nehmen Sie das allgemeine Geistesleben, das unberührt ist von einem wirklichen geistigen Aufschwung, studieren Sie es, wie es sich auslebt in der populären Literatur, sei es in Berlin, in Wien oder sonstwo — ich meine hier nicht bloß nach dem Kriege, sondern lange vor dem Kriege —, studieren Sie das alles, wie es sich auslebte in Berlin, Wien, München, Köln, in Hamburg, Bremen und so weiter, studieren Sie es in der populären Literatur, namentlich in der Zeitungsliteratur, von der man ja sagen kann, daß sie zugleich die Meinung einer ganz großen Anzahl von Menschen darstellt. Ja, besonders während des Krieges stellte sich heraus, daß manchmal sich auch Leute erinnern, daß es einen Goethe gegeben hat, daß es einen Schiller gegeben hat, daß es einen Fichte gegeben hat — ja, sogar Fichtes Aussprüche wurden zitiert. Aber damit verhält es sich so: Wer heute ein Gefühl, eine wirkliche Empfänglichkeit hat für das innere Gefüge, für die Richtung, für die ganze Signatur des Geisteslebens, der weiß, daß das, was im 20. Jahrhundert in Wien, Berlin, München, Hamburg, Dresden, Leipzig geschrieben worden ist in der populären, in der wissenschaftlichen Literatur, in der Zeitungsliteratur, ähnlicher dem war, was in Paris, Chicago, New York, London geschrieben worden ist, als dem, was ein Herder, ein Goethe, ein Fichte durch ihre Seele vibrieren fühlten.
[ 19 ] Here, as I sometimes like to do, I would not merely like to offer my own judgment, but rather point to the judgment of another—Herman Grimm, of whom one certainly cannot say that he was a Bolshevik or anything of the sort. As early as the 1880s, Herman Grimm wrote that the greatness of the German people does not rest on its princes, nor on its governments; it rests on its intellectual giants. — But one might also say that this, in particular, has been most misunderstood and most forgotten. There is a significant fact today that one simply must take properly into account. Take intellectual life in general—which is untouched by any real intellectual upswing—and study how it manifests itself in popular literature, whether in Berlin, Vienna, or elsewhere—I am not referring here merely to the period after the war, but long before the war—study all of this as it manifested itself in Berlin, Vienna, Munich, Cologne, Hamburg, Bremen, and so on—study it in popular literature, particularly in newspaper literature, which, after all, can be said to represent the opinions of a very large number of people. Yes, especially during the war it became apparent that sometimes people even remembered that there had been a Goethe, that there had been a Schiller, that there had been a Fichte—yes, even Fichte’s sayings were quoted. But the situation is this: Anyone today who has a feeling, a genuine sensitivity for the inner structure, for the direction, for the entire character of spiritual life, knows that what was written in the 20th century in Vienna, Berlin, Munich, Hamburg, Dresden, and Leipzig—in popular literature, scholarly literature, and newspaper articles—was more similar to what was written in Paris, Chicago, New York, and London than to what a Herder, a Goethe, or a Fichte felt vibrating through their souls.
[ 20 ] Diese Tatsache wird vielfach verkannt. Vergessen worden ist das, worauf die eigentliche Größe Mitteleuropas beruht. Wenn man einmal solche Gestalten wie Friedrich den Großen der Wahrheit nach schildern wird, nicht der Legende nach, dann wird das einiges davon abschmelzen gegenüber dem, was in Mitteleuropa an wirklicher geistiger Größe dasteht. Und das muß kommen. Wir müssen wiederum lernen, nicht bloß die Worte Fichtes zu zitieren, nicht bloß die Worte Goethes zu zitieren, sondern wir müssen wiederum leben können in dem, was um die Wende des 18, zum 19, Jahrhundert da gelebt hat. Und wir müssen uns bewußt werden, wie nur in der individuellen Gestaltung der über die Erde hin differenzierten Völker etwas von dem erreicht werden kann, was erreicht werden soll — nun nicht etwa dadurch, daß von irgendeiner Seite eine Einheitskultur ausgeht, die eben durchaus eine westliche und nur für den Westen berechtigte ist, die Mitteleuropa überflutet hat, nicht durch die Schuld des Westens allein, sondern vor allen Dingen dadurch, daß sich Mitteleuropa hat überfluten lassen und alles entgegengenommen hat. Und dieses Bewußtwerden, worauf es ankommt, das ist es, was heute verbreitet werden muß von denjenigen, die es gut meinen.
[ 20 ] This fact is often overlooked. People have forgotten what Central Europe’s true greatness is based on. Once figures such as Frederick the Great are portrayed truthfully—not according to legend—their stature will pale in comparison to the true intellectual greatness that exists in Central Europe. And that must come to pass. We must once again learn not merely to quote Fichte’s words, not merely to quote Goethe’s words, but we must once again be able to live within what was lived at the turn of the 18th to the 19th century. And we must realize that only through the individual development of the peoples—differentiated across the earth—can anything of what is to be achieved be attained—not, mind you, by a unified culture emanating from any one side, which is indeed a Western culture and legitimate only for the West, which has flooded Central Europe—not through the fault of the West alone, but above all because Central Europe allowed itself to be flooded and accepted everything. And this realization of what really matters—that is what must be spread today by those who mean well.
[ 21 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, ich kannte einen österreichischen Dichter; ich lernte ihn kennen, als er schon ein hohes Alter hatte: Fercher von Steinwand heißt er. Dieser Fercher von Steinwand hat manches Bedeutsame geschrieben, es ist nur unbekannt geblieben. Wie gesagt, ich lernte ihn kennen in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts als einen alten Herrn. Er hatte einmal in den fünfziger Jahren in Dresden vor dem damaligen sächsischen Kronprinzen und all den hohen und gescheiten Regierungsleuten, auch vor einigen anderen Leuten, eine Rede zu halten gehabt über das innere Wesen des Deutschtums, dieses Deutschtum, das er ganz besonders geliebt hat. Aber er hat da keine Rede gehalten über das Deutschtum, sondern er hat eine Rede gehalten über die Zigeuner, und er hat die wandernden, die heimatlosen Zigeuner geschildert und ist dann dazu übergegangen, dazumal in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, all die ordenbesternten und uniformierten Herren mit einem ganz gehörigen Strom von Wahrheit zu übergießen. Er hat darauf hingewiesen, daß, wenn es in dieser Weise fortginge in Mitteleuropa, dann würde einstmals eine Zukunft kommen, in der das deutsche Volk wie die jetzigen Zigeuner heimatlos in der Welt herumirren würde. Und er wies noch auf manches hin, das beobachtet werden kann, wenn gerade der Deutsche in fremden Gegenden mit Nichtbewußtsein seiner besonderen Volksindividualität herumstreicht.
[ 21 ] Ladies and gentlemen, I knew an Austrian poet; I met him when he was already quite old: his name was Fercher von Steinwand. This Fercher von Steinwand wrote many significant works, but they have remained unknown. As I said, I met him in the 1880s as an elderly gentleman. Once, in the 1850s in Dresden, he had been asked to deliver a speech before the then Saxon Crown Prince and all the high-ranking and intelligent government officials—as well as a few other people—on the inner essence of Germanness, this Germanness that he loved so dearly. But he did not deliver a speech about Germanness there; instead, he gave a speech about the Gypsies, describing the wandering, homeless Gypsies, and then proceeded—back in the 1850s—to shower all those gentlemen decked out in medals and uniforms with a veritable torrent of truth. He pointed out that if things continued in this manner in Central Europe, a future would eventually come in which the German people would wander the world homeless, just like the Gypsies of today. And he pointed out many other things that can be observed when Germans, in particular, roam around in foreign lands without an awareness of their own distinctive national identity.
[ 22 ] Ich will dem nur noch hinzufügen, was ich [1895] in meinem Büchelchen über «Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit» schrieb. Da habe ich gleich zu Anfang einen Nietzsche-Ausspruch zitiert, der eigentlich ganz gut verdient, etwas bekannter zu werden, den Ausspruch, den Nietzsche niedergeschrieben hat, als er gedient hat im deutsch-französischen Kriege, allerdings als Lazarettmann. Er schrieb da [von den schlimmen, gefährlichen Folgen des siegreich beendeten Krieges und nannte es einen Wahn, daß auch die deutsche Kultur gesiegt habe; durch diesen Wahn sei die Gefahr vorhanden, den Sieg in eine völlige Niederlage zu verwandeln,] ja, in die Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des Deutschen Reiches. — Es wurde das ja in den letzten Jahrzehnten nur wenig verstanden, wenn gegenüber der Exstirpation des Geistes gesprochen worden ist von dem Willen, diesen Geist wieder einströmen zu lassen.
[ 22 ] I would just like to add what I wrote [in 1895] in my little book on “Nietzsche, a Fighter Against His Time.” Right at the beginning, I quoted a saying by Nietzsche that actually deserves to be better known—the saying he wrote down while serving in the Franco-Prussian War, albeit as a hospital orderly. He wrote there [about the terrible, dangerous consequences of the war, which ended in victory, and called it a delusion that German culture, too, had triumphed; that this delusion posed the danger of transforming the victory into a complete defeat,] indeed, into the eradication of the German spirit in favor of the German Empire. — This has been little understood in recent decades, when, in contrast to the eradication of the spirit, there has been talk of the will to let this spirit flow in again.
[ 23 ] Und wenn man das alles berücksichtigt, muß auch wiederum erinnert werden an das, was Fichte empfunden hat und was er so großartig ausgedrückt hat in seinen «Reden an die deutsche Nation»: daß die Götter dienen dem Willen der Menschen, daß sie durch den Willen der selbstbewußten Menschen wirken.
[ 23 ] And when all this is taken into account, we must once again recall what Fichte felt and what he so magnificently expressed in his “Addresses to the German Nation”: that the gods serve the will of human beings, that they act through the will of self-conscious human beings.
[ 24 ] Und nach einem Herder, Goethe, Schiller, Fichte, Schelling, Hegel und anderen sollte sich gerade dieses deutsche Volk dessen bewußt sein, daß der Wille aufsteigen muß, aber der von Geistigkeit durchsetzte Wille. Was hat dieses deutsche Volk für merkwürdige Geisteswanderungen durchgemacht. Da kann man an manches erinnern, das nur schr wenig in der äußeren Geschichte dargestellt wird.
[ 24 ] And according to Herder, Goethe, Schiller, Fichte, Schelling, Hegel, and others, this German people in particular should be aware that the will must rise—but a will imbued with spirituality. What remarkable intellectual journeys this German people has undergone. One can recall many things that are only briefly touched upon in external history.
[ 25 ] Ich rate jedem, noch schnell, bevor sie noch teurer werden, das Reclam-Heftchen sich zu kaufen von Wilhelm von Humboldt: «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen». Da werden Sie sehen, wie viel da schon darinnen ist für eine Charakteristik unseres mittleren Teiles der Dreigliederung des sozialen Organismus, des rechtlichen, des staatlichen Teiles. Natürlich ist nicht der dreigegliederte soziale Organismus darin, aber das, was über den eigentlichen Staat gesagt werden kann, das ist darin. Wilhelm von Humboldt versucht in dieser Schrift, den Menschen in Schutz zu nehmen gegen den Staat, gegen das Überhandnehmen der Staatskräfte auf geistigem Gebiet und auch auf wirtschaftlichem Gebiet — Wilhelm von Humboldt, der vom Jahr 1809 bis 1819 — man getraut sich’s fast nicht auszusprechen gegenüber dem, was dann geworden ist — preußischer Unterrichtsminister war.
[ 25 ] I advise everyone to quickly buy the Reclam booklet by Wilhelm von Humboldt—“Ideas for an Attempt to Determine the Limits of the State’s Effectiveness”—before it gets even more expensive. You will see how much is already contained therein that characterizes the middle part of the threefold social organism—the legal, state-related part. Of course, the threefold social organism itself is not described there, but what can be said about the state proper is indeed contained within it. In this work, Wilhelm von Humboldt attempts to defend the individual against the state, against the overreach of state power in the spiritual realm and also in the economic realm—Wilhelm von Humboldt, who served as Prussian Minister of Education from 1809 to 1819—one almost doesn’t dare say it in light of what subsequently transpired.
[ 26 ] Und so könnte man noch manches Beispiel sagen.Was notwendig ist, das ist vor allen Dingen, daß diejenigen, die diese Frage vor der Seele fühlen, wirklich einmal die Geschichte in sich lebendig werden lassen. Meine sehr verehrten Anwesenden, dafür hat man als Österreicher ein ganz besonderes Empfinden, wenn man die Schulgeschichtsbücher des nördlichen Mitteleuropa kennenlernt. 1889 war es, da kam ich von Wien nach Weimar, um dort mitzuarbeiten in dem Weimarischen Goethe-Schiller-Archiv an der Herausgabe der Goetheschen Werke. Und da ich mich vorher viel in Erziehung und Unterricht betätigt hatte, so fiel mir dort auch der Freundschaftsdienst zu, die Buben des Direktors des Goethe-Schiller-Archivs ein bißchen anzuleiten. Sie waren damals gerade im Gymnasium, und eigentlich lernte ich da erst ein wenig deren Geschichtsbücher kennen- ich hatte das vorher nicht berücksichtigt —, eingeleitet von der Entstehung der Welt bis hin zur Entwicklung der Hohenzollern-Dynastie, dann erst die eigentliche Weltgeschichte. In mehreren Schulbüchern stand das so, das eine war ungefähr so wie das andere. Aber ist es nicht immer ein bloßer Radikalismus, wenn so gesprochen wird, sondern es ist manchmal auch die richtige Liebe zu dem deutschen Volkstum. Und die richtige Liebe, wenn sie nun wirklich durch geisteswissenschaftliche Anregung kommen kann, die wird schon aus dem bloßen Fatalismus wiederum eine Willenskultur hervorrufen, und darauf kommt es an. Ehe man nicht begreifen wird das Entweder-Oder, entweder den Untergang oder den Aufstieg durch den eigenen Willen, eher wird man nicht aus dem Niedergang herauskommen, eher kommt natürlich nicht der Aufstieg, sondern etwas ganz anderes. Nun, ich könnte ja über dieses Thema noch viel sagen, aber es ist vielleicht vorläufig genug. Wir sehen uns ja noch öfter.
[ 26 ] And one could cite many more examples. What is necessary, above all, is that those who feel this issue deeply in their hearts truly allow history to come alive within themselves. Ladies and gentlemen, as an Austrian, one has a very special sense of this when one becomes acquainted with the school history textbooks of northern Central Europe. It was in 1889 that I came from Vienna to Weimar to work at the Weimar Goethe-Schiller Archive on the publication of Goethe’s works. And since I had previously been very active in education and teaching, I was also asked, as a favor to a friend, to tutor the sons of the director of the Goethe-Schiller Archive a little. They were in high school at the time, and it was actually there that I first became somewhat acquainted with their history textbooks—I hadn’t given them much thought before—covering everything from the origin of the world to the rise of the Hohenzollern dynasty, and only then moving on to world history proper. Several textbooks presented it that way; one was much like the other. But isn’t it always mere radicalism when people speak this way? Sometimes, however, it is also a genuine love for the German people. And genuine love—if it can truly arise through inspiration from the humanities—will, in turn, transform mere fatalism into a culture of the will, and that is what matters. Until one grasps the “either-or”—either decline or ascent through one’s own will—one will not emerge from decline; naturally, ascent will not follow, but rather something entirely different. Well, I could say much more on this topic, but perhaps this is enough for now. We’ll see each other more often.
Zu der Frage: Wie würde unser Weltbild aussehen vom Standpunkt eines anderen Bewußtseins, zum Beispiel eines Engelbewußtseins?
On the question: What would our worldview look like from the perspective of another consciousness, for example, that of an angel?
[ 27 ] Nun, in einem gewissen Sinne schildert ja die Geisteswissenschaft durchaus andere Bewußtseinsformen, solche Bewußtseinsformen, welche die Menschen in den früheren Entwicklungsstadien hatten, oder solche durch Inspiration oder Imagination, zu denen man aufsteigen kann. Also man lernt durch die Geisteswissenschaft schon in einem gewissen Sinne erkennen, was das Weltbild eines anderen Bewußtseins ist. Was nun aber die Frage betrifft nach einem Engelbewußtsein, da, meine sehr verehrten Anwesenden, kommt es doch sehr darauf an, daß wir nicht abstraktere Fragen wählen, als es einer gewissen, ich möchte sagen Elastizität unserer Begriffsfähigkeit notwendig ist. Denn sehen Sie, wir haben unser Bewußtsein nicht dazu, daß wir uns mit ihm durch allerlei sensationelle Neuigkeiten aus den verschiedensten Welten befriedigen, sondern damit wir durch seine Entwicklung unsere gesamtmenschliche Entwicklung durchmachen. Und die Engel haben eben ihr Bewußtsein, damit sie die Engelentwicklung durchmachen können. Und wenn jemand fragt, wie sich mit einem anderen Bewußtsein das Weltbild ausnehmen würde, so kommt mir das etwa so vor, wie wenn mich jemand fragen würde, wie der Mensch essen würde, wenn er einen Schnabel hätte statt eines Mundes. Es ist das eben ein Schulbeispiel für das Herausgehen aus der Konkretheit ins das Abstrakte hinein. Durch Anthroposophie soll gerade das errungen werden, daß man innerhalb des Erfahrungsgemäßen bleibt und das nur
[ 27 ] Well, in a certain sense, spiritual science does indeed describe other forms of consciousness—forms of consciousness that human beings possessed in earlier stages of development, or those that one can attain through inspiration or imagination. So, through spiritual science, one does indeed learn, in a certain sense, to recognize what the worldview of another form of consciousness is. But as for the question of angelic consciousness, my dear friends, it is very important that we not choose questions that are more abstract than is necessary for a certain—I would say—flexibility of our conceptual capacity. For you see, our consciousness is not meant for us to satisfy ourselves with all sorts of sensational news from the most diverse worlds, but rather so that, through its development, we may undergo our overall human development. And the angels have their consciousness precisely so that they can undergo angelic development. And if someone asks what the worldview would look like with a different kind of consciousness, it strikes me as roughly the same as if someone were to ask me how a human would eat if they had a beak instead of a mouth. This is precisely a textbook example of moving from the concrete into the abstract. Through anthroposophy, the very goal is to remain within the realm of experience and only
[ 28 ] nach der geistigen Welt ausgedehnt, daß man allerdings immer bereit ist, die Erfahrungen zu erweitern, nicht aber, daß man aus reiner Abstraktheit heraus allerlei Fragen konstruiert. Es ist ja gar nicht notwendig, daß wir irgendwie spekulieren über Engelbewußtseine oder Säugetierbewußtseine oder dergleichen, sondern es ist notwendig, daß wir uns einfach der Erfahrung überlassen. Die gibt uns in unser Bewußtsein das herein, was wir brauchen zu unserer Orientierung und zu unserer Fortentwicklung in der Welt. Und das ist es, was wir lernen müssen gerade aus der Anthroposophie: stehen zu bleiben innerhalb desjenigen, was uns Menschen angeht, denn da kommen wir schon in entsprechender Weise vorwärts.
[ 28 ] extended to the spiritual world, in the sense that one is always ready to broaden one’s experiences, but not in the sense that one constructs all sorts of questions out of pure abstraction. It is not at all necessary for us to speculate in any way about angelic consciousness or mammalian consciousness or the like; rather, it is necessary that we simply surrender to experience. Experience brings into our consciousness what we need for our orientation and for our further development in the world. And that is precisely what we must learn from anthroposophy: to remain within the realm of what concerns us as human beings, for that is where we are already making progress in an appropriate way.
[ 29 ] Das hängt dann zusammen mit der Frage, die ich vorhin hier gehört habe, die ungeheuer oft gestellt wird, mit der Frage, welches das letzte Endziel der Menschheitsentwicklung überhaupt ist:
[ 29 ] This ties in with the question I heard asked here earlier—one that is asked incredibly often—namely, what the ultimate goal of human development actually is:
Welches ist der Endzweck des Menschenlebens oder besser des Lebens?
What is the ultimate purpose of human life—or rather, of life itself?
[ 30 ] Sehen Sie, auch zu einer solchen Frage muß sich gerade die Geisteswissenschaft nicht in einer abstrakten, sondern in einer konkreten Weise verhalten. Wenn man keine Möglichkeit hätte, hier in Dornach schon einen Fahrplan nach Rom zu bekommen, sondern nur bis Lugano, und man wüßte, daß man in Lugano dann den Fahrplan weiter erhalten kann, meinetwillen bis Florenz und dort wieder weiter bis Rom, so würde man gut tun, nicht die Reise zu unterlassen oder zu spekulieren, wie ich die Reise einrichten muß von hier nach Rom, sondern ich reise zunächst bis Lugano, und dann sehe ich, wie die Sache weitergeht. So ist es auch mit dem Menschenleben, insbesondere, wenn man weiß, daß es wiederholte Erdenleben gibt. Wenn ich Ihnen nun hier mit den Fähigkeiten, die man in diesem einen Erdenleben haben kann, etwas über das Ziel alles Menschenlebens sage, dann könnte es ja das nächste Mal etwas Vollkommeneres sein und dann könnte man das vollkommener beantworten, wie man den Fahrplan bis Rom bekommt. So hat man das, was zunächst unmittelbar gegeben ist, im Konkreten zu berücksichtigen, und man muß wissen, daß eben das Menschenleben in einer fortwährenden Entwicklung ist. So kann man nicht nach seinem Endzweck fragen, sondern nur nach der Entwicklungsrichtung, in der man sich bewegt. Da gibt es ja, wenn man darauf wirklich eingeht, wahrhaftig für das physische und seelische und geistige Leben reichlich viel zu tun. Und dieser Weg nach Lugano ist ja nicht ganz nah — ich meine jetzt den Weg in der Entwicklung der Menschheit —, und wie das dann weitergeht, das wollen wir den vollkommener entwickelten Fähigkeiten der Zukunft überlassen. Kurz, es handelt sich darum, Stück für Stück im Konkreten zu bleiben, und die Abstraktheit, die auch solche Fragen gebiert, sich abzugewöhnen. Nun, hier ist noch etwas über Eurythmie gefragt:
[ 30 ] You see, even when it comes to a question like this, the humanities in particular must not approach it in an abstract way, but rather in a concrete one. If one had no way of obtaining a timetable to Rome right here in Dornach—only one going as far as Lugano—and one knew that in Lugano one could then obtain the next leg of the itinerary, say, to Florence and from there on to Rome, one would do well not to forgo the journey or speculate on how to arrange the trip from here to Rome, but rather to travel first to Lugano, and then I’ll see how things unfold from there. It is the same with human life, especially when one knows that there are repeated earthly lives. If I were to tell you here, with the abilities one can have in this one earthly life, something about the goal of all human life, then next time it might be something more perfect, and then one could answer more perfectly the question of how to obtain the schedule all the way to Rome. So one must take into account, in concrete terms, what is immediately given, and one must know that human life is, in fact, in a state of continuous development. Thus, one cannot ask about its ultimate purpose, but only about the direction of development in which one is moving. If one truly delves into this, there is indeed a great deal to be done for physical, soul, and spiritual life. And this path to Lugano is not exactly close—I am referring now to the path of human development—and as for how things will proceed from there, let us leave that to the more fully developed abilities of the future. In short, the point is to remain concrete, step by step, and to wean oneself from the abstractness that such questions also give rise to. Now, here is another question about eurythmy:
Kann Eurythmie, richtig angewendet, wichtige Leistungen für unsere Volkskultur zutage fördern?
Can eurythmy, when practiced correctly, bring to light important contributions to our folk culture?
[ 31 ] Ja, verehrte Anwesende, aus manchen Bemerkungen, die ich über Eurythmie schon gemacht habe, werden Sie ja ersehen können, daß Eurythmie eine große pädagogisch-didaktische Bedeutung haben kann, und wenn man der Überzeugung i ist, und wenn man nicht nur der Überzeugung ist, sondern auch die Erkenntnis hat, daß man sogar Störungen des Lebens abhelfen kann durch entsprechende eurythmische Didaktik, dann kommt noch viel mehr in Betracht, das im sozialen Leben in die richtigen Bahnen, in die richtigen Richtungen gebracht werden kann durch eine gesunde Eurythmie. Aber nach dieser Richtung hin ist natürlich eines zu bemerken. Sehen Sie, wir sollten dahin kommen, diese Eurythmie bis in das Kinderspielen hinein zu treiben. Der verehrte Fragesteller hat von den Kinderspielzeugen gesprochen und gefragt, ob da nicht mit Eurythmie viel getan werden könnte. Und es wurde auch noch gefragt, ob Eurythmie gesundend wirken kann auf Kinder von fünf bis sieben Jahren, die an Epilepsie leiden.
[ 31 ] Yes, ladies and gentlemen, as you can see from some of the remarks I have already made about eurythmy, eurythmy can have great educational and didactic significance; and if one is convinced and if one is not only convinced but also recognizes that even disturbances in life can be remedied through appropriate eurythmic teaching methods, then there is much more that can be brought onto the right track and in the right direction in social life through healthy eurythmy. But in this regard, of course, one thing must be noted. You see, we should aim to integrate this eurythmy even into children’s play. The esteemed questioner spoke of children’s toys and asked whether eurythmy could not be of great benefit in this context. And it was also asked whether eurythmy can have a healing effect on children aged five to seven who suffer from epilepsy.
[ 32 ] Sie kann das ganz gewiß, wenn sie in der richtigen Weise angewendet wird. Allerdings sind wir in der Eurythmie erstam Anfang. Aber die Fortsetzung dieses Anfanges hängt wahrhaftig nicht immer nur von der geistigen Schwungkraft ab. Wir haben zum Beispiel vorgehabt, in Stuttgart zunächst, weil ja da die Waldorfschule ist, und später hier im Bau selbst, eine Art Eurythmeum zu bauen. Man braucht ja tatsächlich Gelegenheiten, wenn diese Dinge nach und nach ausgebaut werden sollen. Man kann nicht diese Dinge treiben, ohne daß sie geübt werden, ohne daß man die nötigen Räumlichkeiten und auch den nötigen Zusammenhang mit der übrigen Menschheitskultur hat; man kann diese Dinge nicht aus dem Leeren heraus treiben. Es wäre ja der Bau eines Eurythmeums in Stuttgart furchtbar teuer geworden und wir hatten nur eine kleine Summe beisammen. Ich darf Ihnen vielleicht folgendes dazu sagen. Wir haben im ersten Jahr durch die hingebungsvolle Tätigkeit unserer Waldorf-Lehrerschaft, die nicht genug anerkannt werden kann, in der Waldorfschule wirklich alles mögliche erreicht, was im ersten Jahr für die Waldorfschule zu erreichen gehofft werden konnte. Obwohl also im Geistig-Seelischen alles geschehen ist, was man nur hat erwarten können — das darf man schon sagen, ohne unbescheiden zu werden —, trotzdem begann dieses Jahr außerordentlich sorgenvoll für diejenigen, die es ehrlich meinten mit der Waldorfschule. Es ist doch so, daß die Waldorfschule vergrößert werden mußte, weil von auswärts eine große Anzahl von Kindern hinzugekommen sind; mehr als verdoppelt hat sich die Anzahl der Kinder gegenüber dem Vorjahr.Wir standen vor einem ganz erheblichen Defizit, und der Fonds, den wir hatten für ein Eurythmeum, den hat zunächst die Waldorfschule aufgefressen. Es ist selbstverständlich, daß die Waldorfschule das hinübernehmen mußte, aber wir können eben dadurch jetzt kein Eurythmeum bauen. Was uns im Stich läßt, das ist das Verständnis der Menschen. Für alles mögliche findet man heute Verständnis, nur nicht für das, was aus dem wirklich konkreten Geistig-Seelischen heraus arbeiten will. Ich will hier nicht polemisch werden, allein, ich könnte Ihnen manche Dinge erzählen, die Ihnen zeigen würden, welcher Dilettantismus, welche philosophische Leerheit heute dazu kommt, indem sie einige Purzelbäume schlägt vor allen möglichen reaktionären Gewalten, in der Welt zu wirken. Wir finden nicht so leicht das Verständnis derjenigen, die nach der materiellen Seite hin irgend etwas tun könnten, damit die Dinge vorwärts kommen. Und derjenige, der will, daß die didaktische, die pädagogische, vor allem auch die volkspädagogische Seite der Eurythmie und anderer Glieder einer geisteswissenschaftlichen Erziehungskunst fortgebildet werde, der muß eben dafür sorgen, daß in möglichst viele Köpfe und in möglichst viele Seelen hineinziehe Verständnis für das, was eigentlich gewollt ist mit dem, was als anthroposophische Geisteswissenschaft hier sich geltend machen will.
[ 32 ] It certainly can, if applied in the right way. However, we are still in the very early stages of eurythmy. But the continuation of this beginning truly does not always depend solely on spiritual momentum. For example, we had planned to build a kind of eurythmy center—first in Stuttgart, since that is where the Waldorf School is located, and later here in the building itself. One does, after all, need opportunities if these things are to be developed step by step. One cannot pursue these things without practicing them, without having the necessary facilities and also the necessary connection to the rest of human culture; one cannot pursue these things out of a vacuum. Building a Eurythmeum in Stuttgart would have been terribly expensive, and we had only a small sum set aside. Perhaps I may say the following about this. In the first year, thanks to the dedicated work of our Waldorf teaching staff—whose contributions cannot be praised highly enough—we truly achieved everything that could reasonably be hoped for in the first year of the Waldorf School. So even though, in the spiritual and emotional realms, everything that could possibly have been expected came to pass—and one can certainly say that without being immodest—this year nevertheless began with extraordinary concern for those who were sincerely committed to the Waldorf School. The fact is that the Waldorf School had to be expanded because a large number of children had joined from outside the area; the number of children has more than doubled compared to the previous year. We were facing a very substantial deficit, and the fund we had set aside for a eurythmy hall was initially absorbed by the Waldorf School. It goes without saying that the Waldorf School had to cover this, but as a result, we are now unable to build a eurythmy hall. What lets us down is people’s understanding. People today show understanding for all sorts of things, just not for what seeks to work out of the truly concrete spiritual-psychic realm. I do not wish to be polemical here, but I could tell you many things that would show you the kind of dilettantism and philosophical emptiness that characterizes today’s efforts, as they go out of their way to curry favor with all manner of reactionary forces in order to make an impact in the world. We do not easily find understanding from those who, on the material side, could do something to move things forward. And whoever wishes to further the didactic, the pedagogical, and above all the folk-pedagogical aspects of eurythmy and other components of a spiritual-scientific art of education—must ensure that an understanding of what is actually intended by what seeks to establish itself here as anthroposophical spiritual science takes root in as many minds and souls as possible.
Frage: Es wird öfter in der Geisteswissenschaft erwähnt, daß diese oder jene von den höheren Hierarchien ihre Menschheitsstufe in diesen oder anderen Verhältnissen durchgemacht haben. Was bedeutet Menschheitsstufe in diesem Sinn, also Ziel der Menschheitsentwicklung? Wird als Ziel die Ausbildung des Ich, der Freiheit gesetzt, welche Freiheit den höheren Hierarchien abgesprochen wird? Was ist also die Menschheitsstufe?
Question: It is often mentioned in spiritual science that this or that member of the higher hierarchies has gone through their stage of human development under these or other conditions. What does “stage of human development” mean in this sense—that is, as the goal of human evolution? Is the goal the development of the “I,” of freedom—the very freedom that is denied to the higher hierarchies? So what, then, is the human stage?
[ 33 ] Rudolf Steiner: Ja, ich weiß nicht, wer den höheren Hierarchien hier die Freiheit in ihrer besonderen Ausbildungsform abgesprochen hat. Das, was gemeint ist, wenn ich zum Beispiel in der «Geheimwissenschaft» oder in den anderen Schriften von der Menschheitsstufe anderer Wesenheiten spreche, das charakterisiert sich im wesentlichen durch Grade, durch die verschiedenen Bewußtseinszustände. Unter «Menschheitsstufe» ist geisteswissenschaftlich folgendes zu verstehen:
[ 33 ] Rudolf Steiner: Yes, I don’t know who has denied the higher hierarchies here the freedom to exist in their particular form of development. What is meant, for example, when I speak in *The Secret Science* or in my other writings of the “human level” of other beings, is essentially characterized by degrees—by the various states of consciousness. In spiritual science, the “human level” is to be understood as follows:
[ 34 ] Wir leben heute innerhalb der Menschheitsentwicklung im weitesten Sinne in einem Bewußseinszustande, wenn wir wach sind, den wir das Gegenstandsbewußtsein nennen können. Man kann diesen Bewußtseinszustand so schildern, wie ihn Herr Dr. Stein in seinen Vorträgen Ihnen geschildert hat, nach seiner Betätigung in Vorstellung, Begriff, Urteil. Man kann auch noch die Wahrnehmung hinzunehmen und die besondere Art der Gefühlswirkung, der Willensemotion, Willensimpulse und so weiter. Dann kennt die gegenwärtige Menschheit auch noch, aber nur in Reminiszenzen, in chaotischen Bildern, den Traumzustand, der aber zurück weist, der ein atavistischer Rest ist eines früheren Bewußtseinszustandes, eines ichlosen Bilderbewußtseins; das ist also ein untermenschliches Bewußtsein. Und dem gehen noch zwei andere Bewußtseinszustände voran, so daß wir sagen können: der gegenwärtige Bewußtseinszustand ist der vierte in der Reihe. Es wird ein fünfter folgen, den wir heute durch Imagination, Inspiration und so weiter vorausnehmen können. Dieses Aufsteigen können wir auch charakterisieren als Zukunftszustände des sechsten und siebenten Bewußtseinsszustandes. Der vierte aber, der, den wir heute haben, das ist im engeren Sinne der Bewußtseinszustand der Menschheit, wie sie heute ist. Wenn man also von der Menschheitsstufe redet, so meint man Wesen mit dem Gegenstandsbewußtsein. Wesen, welche also nicht durch solche Sinne wahrnehmen, wie es die menschlichen sind, die haben wieder eine spezielle Ausbildung, sind vielleicht durch ganz anders geartete Sinne, aber eben wieder in ihrem inneren Wesen darauf angewiesen, vorzustellen und zu begreifen und dann in einer mehr oder weniger unterbewußten Tätigkeit Vorstellung und Begriffe mit der Wahrnehmung zu verbinden. Der höhere, der fünfte Bewußtseinszustand wäre also der, daß man ganz bewußt auseinanderhält das ideelle Innere, das man zunächst erfaßt im reinen Denken, wie es in der «Philosophie der Freiheit» versucht worden ist [darzustellen], und dann die Wahrnehmung für sich hat als eigenes Entwicklungsphänomen, in das man aber auch jetzt nicht mehr Begriffe und Vorstellungen hineinmischt, so daß wirklich wie im Einatmungsprozeß, im Einatmen, Ausatmen, ein inneres Wechselwirken zwischen Wahrnehmung und Begriff in bewußter Weise stattfindet. Das würde der nächsthöhere Bewußtseinszustand sein.
[ 34 ] Today, within the context of human development in the broadest sense, we live—when we are awake—in a state of consciousness that we can call “object consciousness.” This state of consciousness can be described as Dr. Stein has explained it to you in his lectures, in terms of its activity in imagination, concept, and judgment. One can also include perception and the particular nature of emotional effects, volitional emotions, volitional impulses, and so on. Then, present-day humanity also knows—though only in fragments, in chaotic images—the dream state, which, however, points backward; it is an atavistic remnant of an earlier state of consciousness, an “I”-less pictorial consciousness; this is, therefore, a subhuman consciousness. And this is preceded by two other states of consciousness, so that we can say: the present state of consciousness is the fourth in the series. A fifth will follow, which we can anticipate today through imagination, inspiration, and so on. We can also characterize this ascent as future states of the sixth and seventh states of consciousness. The fourth, however—the one we have today—is, in the narrower sense, the state of consciousness of humanity as it is today. So when we speak of the human stage, we mean beings with object consciousness. Beings who do not perceive through senses like those of humans have, in turn, a special development; they may rely on senses of a completely different nature, but are nonetheless, in their inner being, dependent on imagining and comprehending, and then, in a more or less subconscious process, connecting these images and concepts with perception. The higher, fifth state of consciousness would thus be one in which one quite consciously distinguishes the ideal inner realm—which one first grasps through pure thought, as was attempted in *The Philosophy of Freedom* [to describe]— and then to have perception as a separate phenomenon of development in its own right—into which, however, one no longer intermixes concepts and ideas—so that, truly, as in the process of inhalation and exhalation, a conscious inner interaction between perception and concept takes place. That would be the next higher state of consciousness.
[ 35 ] Spricht man nun von anderen Wesenheiten und sagt, sie haben in anderen Zeiten auf der Menschheitsstufe gestanden, so meint man damit, daß sie dazumal — gleichgültig durch welche Sinne — eine Anschauung der Außenwelt hatten, die sie in einer mehr oder weniger bewußten Art mit dem inneren Seelenleben verbanden, daß sie also damals noch nicht auf einer Stufe waren, auf der sie vielleicht heute schon sind, auf der die Menschheit künftig ankommen wird, der Stufe eines getrennten Erlebens der Wahrnehmung, des ideellen Geistig-Seelischen und eines bewußten Zusammenfügens. Das ist es, was über diese Frage zu sagen ist.
[ 35 ] When we speak of other beings and say that they once stood at the human level in other times, we mean that at that time—regardless of which senses — they had a perception of the external world that they linked, in a more or less conscious way, to their inner soul life; that is, they had not yet reached the stage they may be at today, the stage humanity will reach in the future—the stage of a separate experience of perception, of the ideal, spiritual-soul aspects, and of a conscious synthesis of these. That is what needs to be said about this question.
[ 36 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, jetzt ist es 10 Uhr, ich denke, ich werde die Fragen, die noch gestellt worden sind, sammeln und aufheben, und wir können uns ja in den nächsten Tagen wiederum zusammenfinden. Ich glaube, wir werden dann über die Materie, die noch auf den anderen Zetteln angegeben ist, besser, konzentrierter sprechen können, wenn wir es nicht überhudeln in ein paar Minuten, sondern dann noch einmal zusammenkommen, um diese Fragen zu beantworten. Ich denke auch, das wird Ihnen recht sein, nachdem wir zwei Stunden mit dieser Konversation zugebracht haben. Wir schließen also heute ab und setzen demnächst in irgendeiner Weise fort.
[ 36 ] Ladies and gentlemen, it is now 10:00 a.m. I think I will compile and set aside the questions that have been asked, and we can meet again in the next few days. I believe we’ll be able to discuss the topics listed on the other handouts more thoroughly and with greater focus if we don’t rush through them in a few minutes, but instead meet again to address these questions. I also think you’ll agree that this is for the best, since we’ve already spent two hours on this discussion. So we’ll wrap up for today and continue in some form in the near future.
