Scientific Disciplines and Anthroposophy
GA 73a
11 May 1920, Dornach
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Scientific Disciplines and Anthroposophy, tr. SOL
17. Schlusswort nach dem Vortrag von Paula Matthes über die Frage «Was kann Philosophie dem Menschen heute noch geben?»
17. Closing Remarks Following Paula Matthes’s Lecture on the Question “What Can Philosophy Still Offer People Today?”
Vorbemerkung: Der Vortrag von Paula Matthes ist nicht mitgeschrieben worden. Auch die von ihr oder von einem der Zuhörer gestellte Frage nach dem Verhältnis von Imagination, Inspiration und Intuition zum gewöhnlichen Bewußtsein wurde von der Stenographin nicht festgehalten.
Preliminary Note: Paula Matthes’s lecture was not transcribed. Nor did the stenographer record the question—posed either by her or by one of the audience members—regarding the relationship between imagination, inspiration, and intuition and ordinary consciousness.
[ 1 ] Rudolf Steiner: Das ist, wie ich verstanden habe, am besten zu lösen, wenn Sie sich denken, daß die Skala von Imagination, Inspiration und Intuition nicht so aufgebaut ist, daß diese übereinanderstehen; sondern sie muß eigentlich so aufgebaut sein:
[ 1 ] Rudolf Steiner: As I understand it, the best way to resolve this is to think of the scale of imagination, inspiration, and intuition not as a hierarchy, but rather as structured in the following way:


[ 2 ] Und wenn wir uns das gewöhnliche Bewußtsein da herumgewandert denken würden, wenn wir uns zum Beispiel so herum entwickeln, dann haben wir Imagination, Inspiration und Intuition. Wir haben dann allerdings einen Aufstieg zur Intuition, aber, wenn wir uns zu dieser Höhe erheben, die nun wirklich in der geistigen Welt spielt, so haben wir zugleich eine Art Projektion davon in unser gewöhnliches Leben herein — für jene Fähigkeiten des gewöhnlichen Bewußtseins, die in das ethische Gebiet hineinspielen. Im ethischen Gebiete sind die gewöhnlichen Bewußtseins-Bestände, ich möchte sagen instinktiv intuitiv. Das ist es auch, was bewirkt, daß man das Wort «Intuition» ja populär gebraucht. Man wird heute das Wort «Inspiration» scharf abweisen, weil die Inspiration in gewisser Beziehung etwas weiter zurückliegt, doch wird das Wort «Intuition» gelten gelassen, weil die sittlichen Bewußtseins-Bestände, wie sie im gewöhnlichen Bewußtsein auftreten, schon etwas der Intuition Verwandtes haben, aber eben, sie sind instinktiv. Dadurch tritt das Wort Intuition sehr häufig auf, wird manchmal auch mit einem gewissen Recht verwendet. Und man kann daher, wenn man so, wie ich es in der «Philosophie der Freiheit» getan habe, gradlinig danach geht, aus dem Denken herauszukommen in das Gebiet der lebendigen Sittlichkeit hinein, wenn man durch das Überspringen der Imagination und Inspiration von Intuition sprechen will, kann man einen Anhaltspunkt am gewöhnlichen sittlichen Bewußtsein haben.
[ 2 ] And if we were to imagine ordinary consciousness wandering about—if, for example, we were to develop in this way—then we would have imagination, inspiration, and intuition. We do, however, experience an ascent to intuition; but when we rise to this level, which truly takes place in the spiritual world, we simultaneously have a kind of projection of it into our ordinary life—for those faculties of ordinary consciousness that play a role in the ethical realm. In the ethical realm, the elements of ordinary consciousness are, I would say, instinctive and intuitive. This is also what leads to the popular use of the word “intuition.” Today, people will sharply reject the word “inspiration” because inspiration, in a certain sense, lies somewhat further back; yet the word “intuition” is accepted because the moral elements of consciousness, as they appear in ordinary consciousness, do have something akin to intuition—but they are, precisely, instinctive. As a result, the word “intuition” occurs very frequently and is sometimes used with a certain degree of justification. And so, if one proceeds in a straightforward manner—as I did in *The Philosophy of Freedom*—to move from thinking into the realm of living morality, and if one wishes to speak of intuition by bypassing imagination and inspiration, one can take ordinary moral consciousness as a point of reference.


[ 3 ] Ich darf dann vielleicht an dieser Stelle einiges einfügen — selbstverständlich nicht, um über den Vortrag von Fräulein Matthes, der in sich ganz abgeschlossen und sehr schön war, irgend etwas zu sagen. Es ist von ihr ein durchaus in sich geschlossenes Bild gegeben worden, welches geeignet ist, Licht zu werfen auf das Verhältnis — das heute ein wünschenswertes wäre — zwischen dem allgemeinen Zeitbewußtsein und dem, was man aus der Philosophie haben könnte. Nun handelt es sich ja aber natürlich darum, daß die verschiedensten Umstände zusammenwirkten, um den heutigen Tatbestand hervorzurufen, der von Fräulein Matthes so ausgezeichnet charakterisiert worden ist.
[ 3 ] Perhaps I may add a few remarks at this point—not, of course, to comment in any way on Miss Matthes’s lecture, which was in itself quite self-contained and very beautiful. She has presented a thoroughly coherent picture that is well-suited to shedding light on the relationship—one that would be desirable today—between the general consciousness of the times and what one might gain from philosophy. However, the point is, of course, that a wide variety of circumstances have interacted to bring about the current state of affairs, which Miss Matthes has so excellently characterized.
[ 4 ] Sehen Sie, es ist ganz richtig, in den letzten Jahren hat sich, hervorgerufen durch die tragische Weltenlage in unserem Europa, etwas herausgebildet, was ein erhöhtes Interesse der Jugend an Philosophie ist. Man wird aber dieses Interesse vielleicht psychologisch erst dann voll bewerten können, wenn man verfolgt, wie doch im Laufe der Zeit, durch das ganze 19. Jahrhundert und auch im Beginne des 20. Jahrhunderts, da, wo eine Möglichkeit vorhanden war, das Interesse der Jugend an der Philosophie immerhin aufgeflammt ist. Ich möchte dafür ein paar Tatsachen anführen. Zum Beispiel war es in den sechziger, siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Wien so, daß die allgemein herrschende philosophische Anschauung die der Herbartschen Schule war. Der Hauptvertreter dieser Herbartschen Schule war in Wien dazumal Robert Zimmermann. Robert Zimmermann hatte — sehr merkwürdig — in seinem Auditorium, wenn er praktische Philosophie gab, die ja sogar ein Pflichtkolleg war, in den ersten zwei bis drei Vorlesungen gewöhnlich eines der größten Auditorien der Wiener Universität; es war alles voll, überfüllt. Dann aber nahm die Zuhörerschaft sehr rasch ab, und es waren dann gewöhnlich nur sieben oder acht, die das Kolleg durchhielten, die von mehreren Hundert eigentlich geblieben waren. Robert Zimmermann selbst, der sehr schön und gemessen sprach, sagte oftmals von seinen Kollegien über praktische Philosophie: Anfangs ist der ganze Hörsaal voll, eine große Klasse, dann wird es ein dünnerer Faden, und zuletzt, wenn das Testieren kommt, wenn die Leute die Unterschriften brauchen, dann kommen sie wieder alle. — Das lag nicht allein an den Studenten und ihrer Interesselosigkeit. Denn 1874 wurde Franz Brentano nach Wien gerufen, der eine außerordentlich durchhaltende Zuhörerschaft hatte. Brentanos Vorlesungen in Wien waren, ebenso wie vorher schon in Würzburg, sehr besucht. Man kann nicht sagen, daß das an den Studenten gelegen hätte, nur aus dem Grunde, weil es auch ein Pflichtkolleg war, sondern die Vorlesungen waren auch dann noch dauernd gut besucht, als Brentano, der zuerst als ordentlicher Professor nach Wien berufen worden war, wiederum Privatdozent wurde wegen seiner privaten Verhältnisse — er hatte als ehemaliger katholischer Geistlicher geheiratet und mußte daher die Wiener Professur niederlegen. Er hoffte immer, daß er wieder berufen würde, doch das konnte nicht geschehen, trotzdem sein Kolleg immer überfüllt war und die Vorlesungen der anderen Professoren, die dann das Examen abzunehmen hatten, ebenso leer waren wie die Zimmermannschen. Brentano wurde immer wieder an ersten Orten von den Kollegen vorgeschlagen für die ordentliche Professur, aber es war halt immer das Hindernis, daß er als Geistlicher exkommuniziert war, weil er geheiratet hatte, noch dazu eine Jüdin; die Kirche beansprucht, auch nach dieser Richtung zu gebieten über diejenigen, die sie exkommuniziert hat. Und als der damalige Kaiser, dem die Sache wiederholt vorgelegt worden ist, hörte, daß Brentano als ehemaliger Geistlicher eine Jüdin geheiratet hatte, da sagte er zu dem Minister für Kultus und Unterricht, der ihm die Sache vorgelegt und der selber befürwortet hatte, daß Brentano wieder die ordentliche Professur haben sollte: «Ist sie wenigstens sauber, die Jüdin?» [«sauber» bedeutet österreichisch «hübsch»]. Und als man das nicht mit gutem Gewissen behaupten konnte — sie war übrigens eine Tochter des Professors von Lieben in Wien —, so sagte der Kaiser: «Nein, da wird nichts draus.» — Und das ging so fort, bis Brentano in den neunziger Jahren die Lehrkanzel als Privatdozent verließ.
[ 4 ] You see, it is quite true that in recent years, prompted by the tragic state of the world in our Europe, something has emerged: a heightened interest in philosophy among young people. However, we may only be able to fully assess this interest from a psychological perspective once we trace how, over the course of time—throughout the 19th century and even at the beginning of the 20th century—young people’s interest in philosophy did, after all, flare up wherever the opportunity arose. I would like to cite a few facts to illustrate this. For example, in the 1860s and 1870s in Vienna, the generally prevailing philosophical view was that of the Herbartian school. The leading representative of this Herbartian school in Vienna at that time was Robert Zimmermann. Robert Zimmermann—and this is quite remarkable—usually had one of the largest lecture halls at the University of Vienna for his practical philosophy course—which was, in fact, a required course—during the first two or three lectures; it was completely full, even overflowing. But then the audience dwindled very quickly, and usually only seven or eight of the several hundred who had originally attended would stick with the course until the end. Robert Zimmermann himself, who spoke very eloquently and measuredly, often said of his courses on practical philosophy: “At first the entire lecture hall is full—a large class—then the numbers dwindle, and finally, when it comes time for the exam, when people need the signatures, then they all come back.” — This was not solely due to the students and their lack of interest. For in 1874, Franz Brentano was summoned to Vienna, where he had an exceptionally loyal audience. Brentano’s lectures in Vienna, just as they had been previously in Würzburg, were very well attended. One cannot say that this was due to the students, simply because it was a required course; rather, the lectures remained consistently well-attended even when Brentano—who had initially been appointed as a full professor in Vienna—became a private lecturer again due to his personal circumstances: as a former Catholic priest, he had married and was therefore forced to resign from his professorship in Vienna. He always hoped that he would be reappointed, but that could not happen, even though his seminar was always overflowing and the lectures of the other professors—who were then responsible for administering the exams—were just as empty as Zimmermann’s. Brentano was repeatedly nominated by his colleagues as the top candidate for the full professorship, but there was always the obstacle that he had been excommunicated as a clergyman because he had married—and, moreover, a Jewish woman; the Church claims the authority to rule in this matter even over those it has excommunicated. And when the emperor at the time—to whom the matter had been repeatedly brought—heard that Brentano, as a former clergyman, had married a Jewish woman, he said to the Minister of Culture and Education, who had presented the matter to him and who himself had advocated that Brentano should once again hold the full professorship: “Is she at least ‘clean,’ this Jewish woman?” [“clean” means “pretty” in Austrian German]. And since no one could say that in good conscience—she was, incidentally, a daughter of Professor von Lieben in Vienna—the emperor said, “No, that won’t work.”—And this went on until Brentano left the lectern as a private lecturer in the 1890s.
[ 5 ] Also man konnte sehen, wenn wirklich anregende Dinge besprochen wurden, so war bei den Studenten Interesse da. Brentano hatte auch in Würzburg ein volles Kolleg gehabt im Auditorium maximum, in dem, als er es das erste Mal betrat, als Studentenurteil über seinen Vorgänger stand: Schwefelbude! — Da war es vorher vollständig leer gewesen. Dasselbe Auditorium maximum, auf das die Studenten «Schwefelbude» geschrieben hatten, das konnte Brentano füllen, weil er — man mag über seine Philosophie denken, wie man will — immerhin eine sehr anregende Persönlichkeit war.
[ 5 ] So you could see that whenever truly stimulating topics were discussed, the students were interested. Brentano had also had a full lecture hall at the Auditorium Maximum in Würzburg, where, when he first entered it, the students’ verdict on his predecessor was posted: “Sulfur Shack”! — It had been completely empty before that. Brentano was able to fill that very same Auditorium Maximum—the one on which the students had written “Sulfur Shack”—because, whatever one may think of his philosophy, he was, after all, a very engaging personality.
[ 6 ] Es ist schon einmal so, daß die Geistesentwicklung des 19. Jahrhunderts und im Beginn des 20. Jahrhunderts tatsächlich immer mehr und mehr die aktive Betätigung des geistigen Lebens, die hervorging aus Ideen und dergleichen, eigentlich niedergedrückt hat. Es kam immer mehr und mehr herauf dieses Niederdrücken der eigentlichen geistigen Produktion. Und daran ist ja natürlich durchaus schuld das Sich-Breitmachen der naturwissenschaftlichen Richtung. Nun hat sich aus alledem eigentlich dann eine Art unmöglicher Situation ergeben. Und aus dieser unmöglichen Situation heraus sind wiederum einzelne Richtungen gekommen, die sich bemühten, sich wenigstens doch wiederum philosophisch zu betätigen.
[ 6 ] It is certainly true that intellectual development in the 19th century and at the beginning of the 20th century actually increasingly stifled the active engagement in intellectual life that arose from ideas and the like. This suppression of genuine intellectual production became increasingly pronounced. And, of course, the spread of the natural-scientific approach is entirely to blame for this. All of this has, in fact, led to a sort of impossible situation. And out of this impossible situation, in turn, individual movements have emerged that have endeavored to at least resume philosophical activity.
[ 7 ] Nun hat Fräulein Matthes gerade die deutschen Richtungen in einer vorzüglichen Weise Ihnen hier vorgeführt. Für die Schweiz habe ich das Gefühl, daß diese vier deutschen Richtungen zunächst doch weniger Bedeutung haben. Hier hat ja in weiteren Kreisen die Bergsonsche Richtung einen gewissen Einfluß erlangt. Und nur in weniger intensiver Weise sind diese vier deutschen Richtungen in das philosophische Leben der Schweiz eingedrungen. Es ist auch in der Schweiz wohl nicht dieselbe Wahrnehmung zu machen, wie sie auf deutschen Universitäten in den letzten Jahren zu machen gewesen sein soll. In einem gewissen Sinne war die Leerheit die sich den Seelen ergab, schon vor dem Kriege da, wo immerhin jemand — wenn auch in einer, ich möchte sagen mehr geschwätzigen Weise — anregend wirkte wie der Eucken in Jena, zu dem die Studenten hineintrotteten. Euckens Kolleg war nicht allzu stark, aber es war immerhin besucht. Und dann kam der Krieg, mit seinen verheerenden Wirkungen auch im moralischen Leben, in der ganzen Lebenshaltung, der doch zu einer gewissen Sehnsucht der Menschen geführt hat, irgendwie etwas zu hören über dasjenige, was nun im Leben doch das Bestimmende, das Haltende ist.
[ 7 ] Now, Miss Matthes has just presented the German schools of thought to you here in an excellent manner. As for Switzerland, I have the feeling that these four German schools of thought are, for the time being, of lesser significance. Here, after all, Bergson’s school of thought has gained a certain influence in wider circles. And these four German schools of thought have penetrated the philosophical life of Switzerland only to a lesser extent. Nor is the situation in Switzerland likely to be the same as it is said to have been at German universities in recent years. In a certain sense, the emptiness that settled over people’s souls was already present before the war, when at least someone—albeit in a, I would say, more rambling manner—had a stimulating effect, such as Eucken in Jena, to whose lectures the students trudged. Eucken’s seminar wasn’t particularly well-attended, but it did have some attendees. And then came the war, with its devastating effects even on moral life and on one’s entire outlook on life—effects that nevertheless led people to a certain longing to hear, somehow, about that which is, after all, the defining and sustaining force in life.
[ 8 ] Nun, diese vier Richtungen, die von Fräulein Matthes charakterisiert worden sind, sie sind ja alle eigentlich schon vor dem Kriege dagewesen, und gerade an ihnen ist vielleicht das Trostlose der geistigen Substanz unserer Gegenwart so recht zu bemerken. Es ist mit Recht angeführt worden die Marburger Schule, die ja vorzugsweise auf das sehr scharfsinnige Denken von Cohen gebaut ist. Cohen hat ja wohl doch den allerbedeutsamsten Einfluß gehabt in der Marburger Schule, und auf sein scharfsinniges Denken ist sehr viel zurückzuführen. Man kann auch sagen, daß in der Zeit, in der in der deutschen Philosophie vielleicht nur Otto Liebmann ein wirklich scharfsinniger Denker war außer dem Marburger, daß da die Marburger Schule doch eigentlich disziplinierend gewirkt hat und erzieherisch war für die Ausbildung eines gewissen scharfsinnigen Denkens. Diese Marburger Schule, sie ist nun eigentlich doch ganz abhängig von einer gewissen einseitigen Ausbildung des Kantianismus. Man möchte sagen, daß die Marburger Schule gerade durch Cohen darauf gekommen ist, daß man das Denken als solches doch eigentlich nicht bloß in seiner Passivität betrachten darf, daß man es in seiner Aktivität nehmen muß. Und da war ja natürlich das Zeitalter ganz und gar nicht geeignet, nun etwa so, wie es, sagen wir Fichte getan hat, die innere Gültigkeit des Denkens außermenschlich zu empfinden, sondern es ist das Denken doch auch von den Modernen mehr oder weniger als ein subjektives, wenn auch mit dem Anspruch objektiver Gültigkeit, als ein subjektives wenigstens, ich will nicht sagen gedacht, aber erarbeitet worden. Und es ist dieses Aktive des Denkens, auf das man da kam. Es war dies in einer Zeit, in der es unmöglich war dahinterzukommen, wie der Weltprozeß eigentlich objektiv beschaffen ist, wo es kaum möglich gewesen ist, auf etwas anderes hinzusehen als auf diese Aktivität des Denkens.
[ 8 ] Well, these four schools of thought, as characterized by Miss Matthes, had in fact all existed even before the war, and it is precisely in them that the bleakness of the intellectual substance of our present age can perhaps be most clearly discerned. The Marburg School has rightly been cited, as it is based primarily on Cohen’s highly incisive thinking. Cohen certainly had the most significant influence on the Marburg School, and much can be attributed to his incisive thinking. One could also say that during a time when, in German philosophy, perhaps only Otto Liebmann—aside from the Marburg School—was a truly astute thinker, the Marburg School actually served a disciplining and educational function in fostering a certain kind of astute thinking. This Marburg School, however, is in fact entirely dependent on a certain one-sided interpretation of Kantianism. One might say that it was precisely through Cohen that the Marburg School came to realize that thought as such should not be viewed merely in its passivity, but must be considered in its activity. And of course, the era was by no means suited to perceiving the inner validity of thought as something extra-human, as, say, Fichte did; rather, modern thinkers have, to a greater or lesser extent, treated thought—albeit with a claim to objective validity—as at least a subjective process; I won’t say “conceived,” but rather “elaborated.” And it is this active aspect of thought that people arrived at. This was at a time when it was impossible to fathom the actual objective nature of the world’s process, when it was hardly possible to look toward anything other than this activity of thought.
[ 9 ] Ich möchte allen Philosophen, die so in der Richtung der Marburger Schule denken — was ich sage, sollen nur einzelne aphoristische Bemerkungen sein —, doch die Frage vorlegen: Wie stellen Sie sich dazu, in dem Denken ein wirkliches Sein zu sehen, wenn doch das denkende Subjekt, also der Mensch, diese Aktivität des Denkens jedesmal vom Einschlafen bis zum Aufwachen unterbrochen hat? — Das ist eine Kardinalfrage, die der ganzen Marburger Schule gestellt werden müßte. Es handelt sich darum, daß ja doch im Grunde die Marburger Schule eine konsequente Ausgestaltung des Cartesiusschen Satzes «Ich denke, also bin ich» ist, aber das stützt sich nur auf ein besonderes Gegenwartsurteil über das Denken. Denn es ist nicht zu leugnen: Wir sind auch dann, wenn wir nicht denken im gewöhnlichen Bewußtsein zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Und wenn wir rückwärts denken, gliedert sich unsere Rückschau in solche Strömungen, in denen wir denken, und in solche Strömungen, in denen wir nicht denken, dann wieder denken und so weiter, und in der Zwischenzeit sind wir, ohne daß wir denken. Hier liegt das Kardinalproblem, an dem nicht nur die Marburger Schule scheitert, sondern auch zum Beispiel Bergson und gewisse amerikanische Richtungen, die jetzt immerhin beachtenswert sind. Es ist der Einfluß des Cartesiusschen «Ich denke, also bin ich» zunächst zu überwinden.
[ 9 ] I would like to pose the following question to all philosophers who think along the lines of the Marburg School—though what I am saying is meant to be nothing more than a few aphoristic remarks—: What is your position on seeing a real being in thought, when the thinking subject—that is, the human being—has interrupted this activity of thought every single time, from falling asleep to waking up? — This is a fundamental question that must be posed to the entire Marburg School. The point is that, after all, the Marburg School is essentially a consistent elaboration of Descartes’s maxim “I think, therefore I am,” but this rests solely on a particular judgment of the present moment regarding thought. For it cannot be denied: even when we are not thinking, we exist in ordinary consciousness between falling asleep and waking up. And when we think backward, our retrospective view is divided into periods in which we think and periods in which we do not think, then think again, and so on; and in the meantime, we exist without thinking. Herein lies the fundamental problem that not only the Marburg School fails to resolve, but also, for example, Bergson and certain American schools of thought that are, after all, worthy of attention. The influence of Descartes’ “I think, therefore I am” must first be overcome.
[ 10 ] Es ist also notwendig, in den Umfang des Bewußtseins der Menschen das zu bekommen, was mitumfaßt einerseits die Aktivität des Denkens und andererseits die Diskontinuität des Denkens. Das ist dasjenige, was als ein Problem gegenüber dieser Schule aufgeworfen werden muß, und es ist ein Problem, das von dieser Marburger Schule überhaupt nicht einmal berührt worden ist. Es ist gar nicht einmal ein Bewußtsein davon vorhanden, daß dieses Problem vorliegt, ebensowenig wie zum Beispiel bei Bergson und bei der gegenwärtigen erkenntnistheoretischen Richtung; ich meine nicht James — der entwickelt den Pragmatismus —, sondern ich meine einige andere amerikanische Richtungen. Das Problem wird eigentlich nicht berührt, und wenn es aufgeworfen wird, so ist kein Bewußtsein vorhanden, wie man ihm beizukommen hat, auch erkenntnistheoretisch nicht.
[ 10 ] It is therefore necessary to bring into the scope of human consciousness that which encompasses, on the one hand, the activity of thought and, on the other hand, the discontinuity of thought. This is the very issue that must be raised as a problem with regard to this school, and it is a problem that has not even been touched upon by the Marburg School. There is not even an awareness that this problem exists, just as there is not, for example, in the case of Bergson and the current trend in epistemology; I do not mean James—who developed pragmatism—but rather some other American schools of thought. The problem is not really addressed, and even when it is raised, there is no awareness of how to deal with it, not even from an epistemological perspective.
[ 11 ] Dann, nicht wahr, gibt es die Richtung von Husserl, aber die kommt nicht sehr stark in Betracht. Meiner Empfindung nach ist er ein Schüler von Franz Brentano. Bei Franz Brentano liegt überall die Tatsache vor, daß er ein scharf geschulter Aristoteliker ist und ein scharf geschulter Thomist, ein guter, gründlicher Kenner der Thomistik, so daß also auf Husserl manches übergegangen ist sowohl vom Aristotelismus wie vom Thomismus. Selbstverständlich kann das ein moderner Philosoph, wie Husserl es ist, nicht ohne weiteres zugeben, aber man kann es in seiner Psychologie und in alle dem, was in ihm so zutage tritt, verfolgen.
[ 11 ] Then, of course, there is Husserl’s school of thought, but it does not play a very significant role. In my view, he is a student of Franz Brentano. With Franz Brentano, it is evident throughout that he is a highly trained Aristotelian and a highly trained Thomist—a good, thorough connoisseur of Thomism—so that much has been passed on to Husserl from both Aristotelianism and Thomism. Of course, a modern philosopher like Husserl cannot readily admit this, but one can trace it in his psychology and in everything that comes to light in his work.
[ 12 ] Nun weiß ich nicht, wie Fräulein Matthes darüber denkt — ich muß gestehen, als ich meine «Rätsel der Philosophie» in der neuen Auflage abfaßte und versuchte, ein wenig diese neueren Richtungen zu verarbeiten, da stand ich immer wieder vor der Frage: Was soll man nun mit dem Husserl eigentlich machen? — Es ist tatsächlich so, wenn man sich noch so sehr bemüht, etwas heranzuholen, um ihm irgendwie beizukommen, ihn zu fassen, man kriegt es nicht fertig; es kommt nichts Besonderes dabei heraus. Es ist mir so stark aufgefallen, wie Husserl im Grunde genommen in Worten kramt, wie er auch bei aller seiner Wesensschau und so weiter ganz abhängig ist von dem sekundären Wortinhalt und wie er nicht zu einem wirklichen Schauen auch nur der einfachsten Bewußtseinstatbestände kommen kann. Es ist zum Beispiel für Husserl, wie es scheint, eine Unmöglichkeit, darauf zu kommen, was für ein Unterschied ist zwischen dem Bilde vom Kölner Dom, das ich nur in der Erinnerung, aber bis in die Einzelheiten, vermerkt habe im Bewußtsein, und dem Bilde, das ich vor mir habe, wenn ich dann vor dem Kölner Dom stehe und ihn wirklich anschaue. Also ich wüßte nicht, wo aus der ganzen Struktur der Husserlschen Philosophie ein Unterschied zwischen diesen zwei Bildern als wesentlich wirklich aufzufinden wäre. Und wenn ich nicht irre, hat sogar Husserl selbst dieses Bild vom Kölner Dom in diesen zwei Beziehungen einmal gebraucht, ich glaube zur Illustration. Man kommt eigentlich aus seinem Gewirre durch alle möglichen Auseinandersetzungen nicht zu irgend etwas Greifbarem.
[ 12 ] Now, I don’t know what Miss Matthes thinks about this—I must admit that when I was drafting the new edition of my *Rätsel der Philosophie* and trying to incorporate some of these newer trends, I kept coming back to the same question: What are we actually supposed to do with Husserl? — The fact is, no matter how hard one tries to bring something into the picture in order to somehow get to the bottom of it, to grasp it, one can’t quite manage it; nothing particularly meaningful comes of it. It struck me so strongly how Husserl, at the core of his thought, rummages through words; how, even with all his “insight into essence” and so on, he remains entirely dependent on the secondary content of words; and how he cannot arrive at a genuine perception of even the simplest states of consciousness. For Husserl, for example, it seems impossible to grasp the difference between the image of Cologne Cathedral—which I have retained in my consciousness only as a memory, yet in every detail—and the image I have before me when I actually stand in front of Cologne Cathedral and truly look at it. So I wouldn’t know where, within the entire structure of Husserl’s philosophy, one could actually find a fundamental difference between these two images. And if I’m not mistaken, Husserl himself once used this image of Cologne Cathedral in these two contexts—I believe for illustrative purposes. In fact, one never arrives at anything tangible through all the possible debates in his tangled web of ideas.
[ 13 ] Dieses Gefühl habe ich auch, wenn ich die ja zuweilen recht schönen Abhandlungen von Scheler ins Auge fasse. Scheler ist ein begabter Mensch, aber ich frage mich doch immer, warum Scheler — der zum Beispiel über die unmittelbare Wahrnehmung des Fühlens, also über das unmittelbare Erleben des Mitgefühles sehr schöne Abhandlungen geschrieben hat —, warum er nicht dazu kommt, nun wirklich eine selbständige Weltanschauung irgendwie zu gewinnen? Warum katholisiert er so furchtbar stark? Warum sucht er die Anlehnung an den alten Katholizismus? Das ist etwas, was mir doch zeigt, daß diese Philosophen Brentanoschüler sind.
[ 13 ] I have this same feeling when I look at Scheler’s essays, which are indeed quite beautiful at times. Scheler is a gifted man, but I always find myself wondering why Scheler—who, for example, has written very beautiful treatises on the immediate perception of feeling, that is, on the immediate experience of empathy—why doesn’t he manage to actually develop an independent worldview of some kind? Why does he lean so heavily on Catholicism? Why does he seek to draw on traditional Catholicism? That is something that shows me, after all, that these philosophers are Brentano’s students.
[ 14 ] Brentano hat von seiner Philosophie nur [... Lücke in den Aufzeichnungen der Stenographin], weil er nicht einmünden konnte in eine wirkliche Geisteswissenschaft. Das wollte er nicht, das konnte er auch nicht. Und nicht wahr, so stark war wiederum Brentano, daß er selbst nicht wiederum einmündete in den Katholizismus, aber seine Schüler katholisieren eigentlich furchtbar stark, wenn sie einen Anschluß suchen wollen für ihre Weltanschauung.
[ 14 ] Brentano achieved only [... gap in the stenographer's notes] from his philosophy because he was unable to find a way into a true science of the spirit. He did not want to, nor was he able to. And isn’t it true that Brentano was, after all, strong enough that he himself did not turn to Catholicism, but his students actually lean very heavily toward Catholicism when they seek a foundation for their worldview.
[ 15 ] Was nun die Badenser betrifft — Windelband, Rickert und einige andere —, so scheint mir die ganze Sache darauf zu beruhen, daß eine furchtbare Einseitigkeit in der Auffassung der Wirklichkeit vorliegt. Nicht wahr, die Leute wissen sich ja gar nicht mehr zu helfen mit der Philosophie und möchten sich retten, indem sie sogar das Wertproblem absondern. Sie sondern es so ab, daß sie dann nicht nötig haben, über das Verhältnis des Wertes zu sich irgendwie sich Aufstellungen zu machen. Sie kristallisieren gewissermaßen das Wertproblem heraus aus dem Umfang der Weltprobleme und lehnen sich an John Mackay an, ohne daß sie eine Verpflichtung fühlen, den Wert in die Strömungen des Seins irgendwie einzugliedern. Das wird auch ganz und gar unmöglich sein, solange wir nicht in kürzester Zeit überwinden das ertötende Gesetz von der Erhaltung der Energie und des Stoffes. Denn man muß sich klar werden darüber, daß mit dem Werte irgend etwas gegeben ist, was keimhaft ist für Zukunftswerte, was da ist, wenn das Gegenwärtige abgefallen ist, man muß also dazu kommen, den Stoff und die Kraft als vergänglich zu denken und die Früchte, die Keime, die sie in sich haben, als Werte anzusehen — erst dann wird man ein weiteres Bild von diesen Problemen, von Wertproblemen aus gewinnen können. Dazu fehlt es heute an Courage. Es fehlt natürlich den Leuten vollständig die Courage, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes irgendwie anzugreifen. Es sind einzelne, zaghafte Versuche da — der Drews weist zuweilen immerhin darauf hin, wie das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft ja doch nur eine Art Erfahrungsproblem ist und dergleichen —, aber eine durchgreifende Einsicht wird man kaum finden auf diesem Gebiet.
[ 15 ] As for the Baden school—Windelband, Rickert, and a few others—it seems to me that the whole matter rests on a terrible one-sidedness in their conception of reality. Isn’t it true that people no longer know what to do with philosophy and would like to save themselves by even isolating the problem of value? They isolate it in such a way that they then do not need to form any kind of view regarding the relationship of value to themselves. They, so to speak, isolate the problem of value from the broader scope of world problems and draw on John Mackay, without feeling any obligation to integrate value into the currents of being in any way. This will also be entirely impossible as long as we do not, in the very near future, overcome the stifling law of the conservation of energy and matter. For one must realize that value represents something that serves as a seed for future values—something that remains even after the present has passed away; one must therefore come to conceive of matter and energy as transient and regard the fruits and seeds they contain as values—only then will one be able to gain a broader perspective on these problems, on problems of value. Today, there is a lack of courage to do this. Of course, people completely lack the courage to challenge the law of conservation of energy and matter in any way. There are isolated, tentative attempts—Drews, for instance, occasionally points out that the law of conservation of energy and matter is, after all, merely a kind of empirical problem, and so on—but one will hardly find any profound insight in this area.
[ 16 ] In bezug auf Nelson und seine Richtung, da wird man vielleicht nicht übersehen dürfen, daß die Leute ausgegangen sind von Hegel und dem von ihm als «Vater aller Seichtigkeit» angesehenen Fries, denn die Leute waren ja doch zunächst alle Friesianer, nicht wahr, es ist ja zunächst eine Fries-Schule gewesen. Und nun darf man nicht vergessen, daß da sehr stark in Betracht kommt, was ich immer wieder betone: Man kann ein außerordentlich scharfsinniger Logiker sein — das ist ja Nelson zweifellos —, aber für wirkliche Lebensprobleme, da reicht es durchaus nicht aus. Ich muß sagen, als er damals sprach auf dem Bologneser Kongreß 1911, da war er unter all den verschiedenen illustren Philosophen, unter denen auch Bergson war, an dialektischer Kraft und an solider handwerkmäßiger Handhabung des Denkens eigentlich der allerausgezeichnetste. Aber dann, namentlich als ich den Nelson wiedersah vor kurzer Zeit in Bern, da habe ich doch das Gefühl bekommen, da reicht es durchaus nicht aus für wirkliche Lebensprobleme, da mündet es in eine Abstraktheit — die eigentlich ziemlich schauderhaft ist, die aber von Fräulein Matthes ausgezeichnet charakterisiert wurde —, indem er versucht, aus einem abstrakten Satz heraus eine Ethik in drei Bänden zu gewinnen. Das kann man nämlich; man kann ein ausgezeichneter Dialektiker sein, ohne den geringsten Wirklichkeitssinn zu haben. Das zeigt sich auch daran, wie der Nelson das Erkenntnisproblem behandelt, nicht wahr, es ist ihm ja schließlich ziemlich einerlei, ob man das Erkenntnisproblem so behandelt wie viele Neukantianer, die eigentlich ausgehen von ganz sekundären Sachen.
[ 16 ] With regard to Nelson and his school of thought, one should perhaps not overlook the fact that these people drew their inspiration from Hegel and from Fries, whom Hegel regarded as the “father of all superficiality”; after all, they were all initially followers of Fries, weren’t they? It was, in fact, initially a Friesian school. And now we must not forget that what I have repeatedly emphasized is highly relevant here: One can be an extraordinarily astute logician—which Nelson undoubtedly is—but when it comes to real-life problems, that is by no means sufficient. I must say, when he spoke at the Bologna Congress in 1911, among all the various illustrious philosophers—including Bergson—he was actually the most outstanding in terms of dialectical power and a solid, craftsmanlike mastery of thought. But then, especially when I saw Nelson again recently in Bern, I did get the feeling that it’s simply not enough for real-life problems; it leads to an abstractness—which is actually quite appalling, but which was excellently characterized by Miss Matthes—in that he tries to derive a three-volume work on ethics from a single abstract proposition. After all, that’s possible; one can be an excellent dialectician without having the slightest sense of reality. This is also evident in the way Nelson treats the problem of knowledge, isn’t it? After all, he doesn’t really care whether one treats the problem of knowledge the way many Neo-Kantians do, who actually start from entirely secondary matters.
[ 17 ] Sehen Sie, es war vielleicht 1888, da saß ich einmal in Berlin bei Eduard von Hartmann, und das Gespräch drehte sich eigentlich fast ganz ausschließlich um die Grundfragen der Erkenntnistheorie. Nun, es war wirklich Eduard von Hartmann gar nicht beizukommen nach dieser Richtung hin. Also ich vertrat die Meinung, daß, wenn man von der Vorstellung spricht, man zunächst meinetwillen ja durchaus sagen kann, die Vorstellung sei etwas Subjektives, daß es aber nicht möglich ist, dabei zu bleiben, wenn man fortgeht in den Anschauungen. Nicht wahr, ich habe es hier neulich einmal damit verglichen, daß ich sagte: Wenn jemand einen Buchstaben nimmt, E oder irgend etwas, so kann er nicht die abstrakte Frage aufwerfen, was dieser einzelne Buchstabe an sich bedeute. Aber wenn man Buchstaben hat, die sich dann zu Worten verbinden und die Worte sich zu Sätzen verbinden, dann rundet sich das Ganze. Und so kann man sagen: Gewiß, wenn man bloß ein kleines Ding aus der Phänomenologie herausnimmt, da wird das Problem, wie sich dieses Einzelne nun zu dem Ding an sich verhält und so weiter immer wieder eine Art Lebensproblem. Aber wenn man die Phänomene miteinander verbindet, ergibt sich eine gewisse Struktur, und man kann schon über eine gewisse Sphäre von Phänomenen in bezug auf die Realität nicht mehr dasselbe denken, wie man über einzelnes denken kann. An solchen Dingen gehen dann solche Nicht-Erkenntnistheoretiker wie der Nelson ganz vorbei. Es ist schon wirklich ganz einerlei, ob nun auf der einen Seite gegen die Erkenntnistheorie gesagt wird, wie Hegel gesagt hat: Man kann doch nicht erkennen, ohne zu erkennen, denn das wäre dasselbe, wie wenn man schwimmen lernen wollte, ohne sich ins Wasser zu begeben —, oder ob man auf der anderen Seite sagt: Um ein Erkenntnisproblem aufzuwerfen, müßte ja schon eine Erkenntnis da sein. — Es handelt sich ja dabei wirklich darum einzusehen, daß das Erkenntnisproblem noch immer ein ganz gültiges Problem sein könnte, trotzdem es ein gewisses Erkennen schon voraussetzt. Es könnte nämlich Erkennen zunächst geübt werden, und dann hinterher könnte es betrachtet werden, und man könnte eben hinterher kritisch — oder wie man es nennen will — festlegen, ob das Erkennen ein gültiges ist oder nicht. Also eine Erkenntnistheorie würde niemals durch die Nelsonschen Argumente aus der Welt geschafft werden können.
[ 17 ] You see, it was perhaps in 1888 when I was once sitting with Eduard von Hartmann in Berlin, and the conversation actually revolved almost entirely around the fundamental questions of epistemology. Well, it was really impossible to get Eduard von Hartmann to go along with this line of thought. So I took the view that, when speaking of a concept, one can certainly say—for my sake, at least—that a concept is something subjective, but that it is not possible to stick with that view once one moves on to intuitions. Isn’t that right? I compared it to this the other day when I said: If someone takes a letter—E or something—they cannot raise the abstract question of what this single letter means in and of itself. But when you have letters that combine to form words, and the words combine to form sentences, then the whole thing comes together. And so one can say: Certainly, if one takes just a small thing out of phenomenology, the problem of how this individual element relates to the thing-in-itself—and so on—becomes, time and again, a kind of existential problem. But when one connects the phenomena with one another, a certain structure emerges, and one can no longer think of a certain sphere of phenomena in relation to reality in the same way one can think of individual phenomena. Non-epistemologists like Nelson completely miss the point when it comes to such matters. It really doesn’t matter at all whether, on the one hand, one argues against epistemology, as Hegel did: “One cannot know without knowing, for that would be the same as trying to learn to swim without getting into the water”—or whether, on the other hand, one says: “To raise a problem of knowledge, there would already have to be some knowledge.”—The point here is really to recognize that the problem of knowledge could still be a perfectly valid problem, even though it already presupposes a certain degree of knowledge. For cognition could first be practiced, and then it could be examined afterward, and one could subsequently determine critically—or however one wishes to call it—whether that cognition is valid or not. Thus, a theory of knowledge could never be disproved by Nelson’s arguments.
[ 18 ] Also diese Dinge, die sind da. Es könnten noch andere Bilder gegeben werden, noch einige bemerkenswerte philosophische Richtungen erwähnt werden. Ich erwähne nur, daß zum Beispiel der Pragmatismus auch in Deutschland eine ganz große Summe von Anhängern hat, daß auch der Neuthomismus immerhin eine gewisse Bedeutung in der Gegenwart hat, namentlich unter katholisierenden Philosophen, wenn er auch nicht bemerkt wird, weil ja Spaltungen bestehen und weil man sich nicht kümmert, was die einen hervorbringen, wenn man im Kreise der anderen lebt.
[ 18 ] So these things are there. Other examples could be given, and a few other notable philosophical schools could be mentioned. I’ll just mention, for example, that pragmatism also has a very large following in Germany, and that neo-Thomism, too, has a certain significance today—particularly among philosophers who are turning to Catholicism—even if it goes unnoticed, because divisions exist and because people don’t care about what one group produces when they live within the circle of the other.
[ 19 ] Aber alle diese Richtungen, sie stehen eigentlich heute vor der Notwendigkeit, einen Übergang zu finden zu einer Realität, aus dem bloßen Formalen herauszukommen. Wenn man Eucken hört oder liest — jedes Buch von Eucken sagt ja ungefähr wieder dasselbe —, so ist es wirklich so, als wenn jemand nicht auf dem Erdboden stünde, sondern fortwährend in der Luft schwebend sich selber an seinen Haaren in die Luft zöge. Es ist ein Herumreden aus einem Nichts heraus. Das ist gerade bei Eucken so außerordentlich hervorstechend. Und man muß sagen, wenn man das anschaut, was da ist und was nun so gar nicht den Anschluß finden kann an eine Realität, so kann man begreifen, daß die Jugend, die wirklich die Tendenz hat, etwas über den Weltzusammenhang in sich aufzunehmen, daß diese Jugend doch nicht zu ihrem Rechte kommen kann und schließlich wirklich enttäuscht werden muß, veröden muß. Es ist eigentlich auch wirklich recht traurig bestellt, wenn man sieht, wie so wenig dasjenige, was aus den letzten Entwicklungsmomenten heraus an die Oberfläche gebracht worden ist, geneigt ist, dieser Sehnsucht der Jugend entgegenzukommen. Nicht wahr, da hören die Studenten vielleicht gerne irgend etwas, aber was sie da hören können, ist eigentlich wirklich nicht zum Anhören. Und was dann weiter geschieht, das ist im Grunde genommen schrecklich.
[ 19 ] But all of these schools of thought are actually faced today with the necessity of finding a way to move beyond the merely formal and into reality. When you listen to or read Eucken—every book by Eucken says more or less the same thing—it really is as if someone were not standing on the ground but were constantly floating in the air, pulling themselves up by their own hair. It is just rambling out of thin air. This is particularly striking in Eucken’s case. And one must say that when one looks at what is there—and what simply cannot connect with reality—one can understand that young people, who truly have a tendency to absorb an understanding of the world’s interconnectedness, cannot find their place and must ultimately be truly disappointed and become disillusioned. It is actually quite a sad state of affairs when one sees how little of what has been brought to the surface from the most recent developments is inclined to meet this longing of the youth. Isn’t it true that students may be happy to hear something, but what they can hear there is really not worth listening to. And what happens next is, in essence, terrible.
[ 20 ] Also an einer deutschen Universität versuchte man, einen Mann, der eigentlich gutwillig ist, der aber eben doch aus dem ganzen letzten System heraus kam, den versuchte man zu interessieren für die Dreigliederung. Da hat er sich dazumal aufgeschwungen, um die Dreigliederung kennenzulernen, einem Studenten, der bei ihm das Examen machen wollte, eine Dissertation über die Dreigliederung zu geben, denn er ersparte sich dadurch das Selbstlesen der «Kernpunkte». Er korrigierte dann die Dissertation und glaubte, indem er im Verlaufe seiner Amtstätigkeit nun mit den Ideen der «Kernpunkte» bekannt wird, auf diese Weise eben die Dreigliederung kennenzulernen; denn sonst, direkt, tut er es nicht. Das erinnert mich lebhaft daran, wie einmal an einer Universität ein Student seinen Professor gefragt hat über Solovjeff. Nun, der Professor wußte kaum den Namen, aber er sagte sich: Da ist ja die beste Gelegenheit, daß ich ihn auch kennenlerne. [Und dem Studenten sagte er:] Machen Sie eine Dissertation darüber. — So ist es also an einer deutschen Universität, wenn eine Dissertation über Solovjeff gemacht werden soll. Der Professor hatte in diesem Augenblick, als er die Dissertation gab, keine Ahnung von Solovjeff — später auch nicht, er wußte nicht mehr, als was er aus der Dissertation selber entnommen hatte.
[ 20 ] So at a German university, they tried to get a man—who was actually well-meaning but who had, after all, come from the entire previous system—they tried to get him interested in the threefold order. At that time, in order to familiarize himself with the threefold order, he decided to assign a dissertation on the threefold order to a student who wanted to take his exam, since this would save him from having to read the *Key Points* himself. He then graded the dissertation and believed that, by becoming familiar with the ideas in the “Key Points” in the course of his professional duties, he would in this way come to understand the threefold social order; for otherwise, he would not do so directly. This vividly reminds me of how, once at a university, a student asked his professor about Soloviev. Well, the professor barely knew the name, but he thought to himself: Here is the perfect opportunity for me to get to know him as well. [And to the student he said:] Write a dissertation on that. — So that’s how it is at a German university when a dissertation on Soloviev is to be written. At the very moment he assigned the dissertation, the professor had no idea about Soloviev—nor did he later on; he knew no more than what he had gleaned from the dissertation itself.
[ 21 ] Es ist kaum zu schildern, in welchen Zustand wir allmählich eingelaufen sind. Und mit diesen Zuständen hat engste Beziehungen das Unterstelltsein der geistigen Gebiete unter die staatliche Struktur. Und das, was helfen kann, ist nur ein wirklich emanzipiertes, freies Geistesleben. Nur auf dem Boden des freien Geisteslebens kann irgend etwas von dem gelingen, was heute, wo die Not so groß ist, von den Studenten eigentlich gesucht wird. Hier in der Schweiz weiß man es ja nicht; man kennt nicht die Not. Es ist wirklich viel schwieriger, viel schlimmer, als man denkt. Und das ist es, was ich immer versuche, auch in meinen anthroposophischen Betrachtungen, unseren Freunden darzulegen: daß es viel schlimmer ist, als man denkt. Wenn es irgendwie gelingen könnte, eine genügend große Anzahl von Menschen zu durchdringen auf der einen Seite mit Ideen der Geisteswissenschaft, auf der anderen Seite aber mit dem, was für das öffentliche Einführen der Geisteswissenschaft notwendig ist, mit den Ideen der Dreigliederung des sozialen Organismus, so würde man einen gewichtigen Schritt wirklich vorwärts machen können.
[ 21 ] It is almost impossible to describe the state into which we have gradually slipped. And the subordination of the spiritual realms to the state structure is closely linked to these conditions. The only thing that can help is a truly emancipated, free spiritual life. Only on the foundation of a free spiritual life can anything of what students are actually seeking today—when the need is so great—be achieved. Here in Switzerland, people don’t know this; they are unaware of the need. It is truly much more difficult, much worse, than one thinks. And that is what I always try to explain to our friends, even in my anthroposophical reflections: that it is much worse than one thinks. If it were somehow possible to imbue a sufficiently large number of people, on the one hand, with the ideas of spiritual science, and on the other hand with what is necessary for the public introduction of spiritual science—namely, the ideas of the threefold social order—then we could truly take a significant step forward.
[ 22 ] Auch das, was heute von Fräulein Matthes vorgetragen worden ist, kann Ihnen ein voller Beweis dafür sein, daß ein völlig neuer Einschlag notwendig ist, daß wir nicht fortwursteln können in dem, was sich heraufentwickelt hat. Wir brauchen einen neuen Einschlag in unserem öffentlichen Leben, ohne den kommen wir nicht weiter.
[ 22 ] What Miss Matthes presented today can also serve as clear proof to you that a completely new direction is necessary, that we cannot simply muddle through with what has developed so far. We need a new direction in our public life; without it, we will not make any progress.
[ 23 ] Der Bruch [im geistigen Leben] ist eigentlich schon verhältnismäßig früh geschehen. Sehen Sie, es darf vielleicht doch darauf aufmerksam gemacht werden, daß die großen Philosophen keine großen Schüler mehr gefunden haben. Nehmen Sie alle die Schüler Hegels — die Hennings und Marheinekes und so weiter, Michelet heißt der eine —, nehmen Sie die alle, sie sind ja zusammenzuklauben zunächst unter denjenigen, die den Hegelschen Nachlaß herausgegeben haben, und nehmen Sie dann, was eigentlich gleich entstand, den reaktionären Kurs dieser Weisen, oder nehmen Sie Immanuel Hermann Fichte, und nehmen Sie dann in der Philosophie alle, die solche Philosophen waren wie Carriere und so weiter, selbst Friedrich Theodor Vischer, der ein Draufgänger in vieler Beziehung war, so muß man doch sagen: Es hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein starker Bruch stattgefunden im geistigen Leben als solchem. Und statt daß in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland, wo es natürlich gewesen wäre, daß ein wirkliches Hineingehen in das geistige Leben stattgefunden hätte, wurde namentlich die deutsche Philosophie überschwemmt mit allem möglichen, was weniger war als die deutsche Philosophie. Geistigkeit war eigentlich vorhanden; was fehlte, war Wirklichkeitssinn.
[ 23 ] The break [in intellectual life] actually occurred relatively early on. You see, it may be worth pointing out after all that the great philosophers no longer found any great disciples. Take all of Hegel’s disciples—the Hennings and Marheinekes and so on, one of whom is named Michelet—take them all; they can be gathered, first of all, from among those who edited Hegel’s posthumous works, and then consider what emerged at the same time—the reactionary course taken by these sages—or take Immanuel Hermann Fichte, and then, in philosophy, take all those who were philosophers like Carrière and so on, even Friedrich Theodor Vischer, who was a go-getter in many respects—one must still say: A sharp rupture took place in intellectual life as such in the middle of the 19th century. And instead of a genuine immersion in intellectual life having taken place in the latter half of the 19th century in Germany—where it would naturally have been expected—German philosophy in particular was inundated with all manner of things that fell short of German philosophy. Intellectuality was actually present; what was lacking was a sense of reality.
[ 24 ] Sehen Sie, ich habe einen Philosophen gekannt, der eigentlich gar keine Rolle gespielt hat, der aber wahrhaftig gescheiter war als viele, die eine Rolle gespielt haben, das war Gregor Itelson. Der hat eigentlich als Dialektiker alle in die Tasche gesteckt, und Sie können sicher sein, er würde auch den Nelson bei einer Diskussion leicht in die Tasche stecken. Gregor Itelson konnte, wenn er wollte, glänzend denjenigen abführen, der in einer solchen Weise wie zum Beispiel der Pater Wasman redete. Als der einmal in Berlin aufgetreten war — es war bei Gelegenheit dieser Leben-Jesu-Bewegung, 1905 oder so, Anfang des 20. Jahrhunderts war es jedenfalls —, da hat der Gregor Itelson eine Glanzrede gegen den Jesuitenpater Wasman gehalten. Aber ich habe jetzt in jüngster Zeit auch gerade wiederum reden gehört, daß der Gregor Itelson, als es sich darum handelte, daß ein Monist seine Weltanschauung verteidigt hat, alles in der glänzendsten Weise zum Niederwerfen des betreffenden Monisten getan hat. Aber ich habe nie vernommen, daß Gregor Itelson irgendeinen eigenen positiven Gedanken vorgebracht hätte. Ein glänzender Dialektiker — aber keine irgendwie gearteten positiven Gedanken! Ich habe mit ihm einmal eine Diskussion gehabt, vielleicht 1901 oder 1902. Ich sagte ungefähr: Das, was Sie heute wieder gesagt haben, ist ja schön, aber warum haben Sie denn noch niemals irgend etwas gesagt, was Ihre eigene Anschauung ist? — Ja, sagte er, daran arbeite ich ja; ich arbeite seit meiner Jugend an einer Revision der Logik, aber ich bin noch nicht fertig. — Wenn man heute die Leute reden hört, überall, ob es nun Naturwissenschafter sind oder Theologen sind und so weiter — er hatte recht, man kann ihnen ja überall Fehler in der Logik nachweisen. Und er sagte: Wir brauchen nicht eine Revolution der Logik, wir brauchen nur eine Revision der Logik. — Dann sagte er noch, als wir etwas weiter sprachen: Aber diese Revision der Logik, sie ist eigentlich gar nicht so schwer, man kann sie auf zwei Quartseiten aufschreiben. — Ich sagte: Ja, schreiben Sie doch endlich diese zwei Quartseiten. Warum müssen es denn gerade zwei Quartseiten sein? — Aber er hat sie bis heute nicht geschrieben, wenigstens ist sie mir nicht irgendwie vor Augen gekommen.
[ 24 ] You see, I knew a philosopher who didn’t really play any significant role, but who was truly smarter than many who did—that was Gregor Itelson. As a dialectician, he actually outshone everyone, and you can be sure he would easily outshine even Nelson in a discussion. When he wanted to, Gregor Itelson could brilliantly outwit anyone who spoke in the manner of, say, Father Wasman. When he once appeared in Berlin—it was in connection with the “Life of Jesus” movement, in 1905 or so, at any rate in the early 20th century—Gregor Itelson delivered a brilliant speech against the Jesuit Father Wasman. But I have also heard it said again recently that when a monist was defending his worldview, Gregor Itelson did everything in the most brilliant way to bring that monist down. Yet I have never heard that Gregor Itelson ever put forward any positive ideas of his own. A brilliant dialectician—but no positive ideas of any kind! I once had a discussion with him, perhaps in 1901 or 1902. I said something like: “What you’ve said again today is all well and good, but why haven’t you ever said anything that represents your own viewpoint?”—“Yes,” he said, “I’m working on that; I’ve been working on a revision of logic since my youth, but I’m not finished yet.”—“When you hear people talking today, everywhere—whether they’re natural scientists or theologians and so on”—he was right; you can indeed point out logical errors in what they say everywhere. And he said: “We don’t need a revolution in logic; we just need a revision of logic.” — Then he added, as we continued talking: “But this revision of logic—it’s actually not that difficult; you could write it down on two quarto pages.” — I said: “Yes, why don’t you finally write those two quarto pages? Why does it have to be exactly two quarto pages?” — But he still hasn’t written them to this day; at least, I haven’t come across them in any way.
[ 25 ] Es fehlt nicht an Logik, es fehlt nicht an Dialektik. Nicht wahr, in der Zeit, in der ich Itelson kannte, da stand er um 10 Uhr morgens auf, ging dann ins Kaffechaus, las seine Zeitungen; dann ging er zum Mittagessen, dann ging er wieder ins Kaffeehaus, und wenn man nach irgendeinem Vortrag in das Kaffeehaus kam, da traf man auch ihn wieder an. Er war ein Bummler, konnte aber außerordentlich anregend auch noch um 12 Uhr nachts zum Beispiel über die Unmöglichkeit der Maeterlinckschen Ideen reden. Und solch ein Mensch wie Nelson, der unterscheidet sich von solchen Dialektikern wie Itelson nur dadurch, daß er unverfrorener ist, daß er also mehr auf seine Beine sich stellt, unverfrorener auftritt, kein Bummler ist, ein fleißiger Mensch, eine geistige Kapazität. Nelson hat in gewisser Beziehung eine brutale, keine sehr weitmaschige [Denkweise], gar nicht die geringste Finesse im Denken. Es ist eigentlich traurig im Grunde genommen, daß eine ganze Anzahl von jungen Leuten sich heute ins Schlepptau von Nelson nehmen lassen.
[ 25 ] There is no lack of logic, no lack of dialectics. Isn't that right? Back when I knew Itelson, he would get up at 10 in the morning, then go to the coffeehouse, read his newspapers; then he’d go to lunch, then he’d go back to the coffeehouse, and if you happened to stop by the coffeehouse after a lecture, you’d find him there again. He was a loiterer, but he could still talk—even at midnight, for example—about the impossibility of Maeterlinck’s ideas in an extraordinarily stimulating way. And a man like Nelson differs from dialecticians such as Itelson only in that he is more brazen—that is, he stands on his own two feet more firmly, presents himself with greater audacity, is no loiterer, but a hardworking man and a intellectual force. In a certain sense, Nelson has a brutal, not very nuanced [way of thinking]; there is not the slightest finesse in his thinking. It is actually quite sad, when you get right down to it, that a whole number of young people today allow themselves to be led in Nelson’s wake.
[ 26 ] Dazu gehören auch Leute wie der Mühlestein, der in Basel in der Diskussion nach einem Vortrag aufgetreten ist und meinte, die Dreigliederung sei doch nicht möglich, man müsse alles zu einer Einheit vereinigen. Ich erwiderte darauf, daß das Recht schon auch im Geistesleben und im Wirtschaftsleben sei; ich sagte: Ja, die Einheit ist zum Beispiel eine bäuerliche Familie, zu der man rechnen kann den Bauern, die Bäuerin, die Kinder, die Knechte und auch die Kühe. Wenn die Kühe ordentlich Milch geben, so wird die ganze Familie Milch haben. Man braucht deshalb nicht zu verlangen, daß alle Glieder der Familie Milch geben. Und so ist es auch in der sozialen Dreigliederung: Wenn bloß der politische Staat das Recht besorgt, so wird das Wirtschaftsleben und das Geistesleben das Recht schon auch haben. Ebensowenig wie die Bäuerin oder der Bauer selber Milch zu geben brauchen, damit die Familie einheitlich mit Milch versorgt ist, ebensowenig braucht das Wirtschaftsleben und das Geistesleben Recht hervorzubringen. — Also solche Gedanken, die da auftreten, die sind, wenn man sie ein wenig mit Wirklichkeitssinn durchdringt, sehr leicht aus den Angeln zu heben. Und so ist auch das meiste bei Nelson, besonders in seinen ethischen und politischen Anschauungen.
[ 26 ] This also includes people like Mühlestein, who spoke up during a discussion following a lecture in Basel and claimed that the threefold social order was not possible after all, and that everything must be united into a single entity. I replied that justice is already present in spiritual life and economic life as well; I said: Yes, unity is, for example, a farming family, which includes the farmer, the farmer’s wife, the children, the farmhands, and even the cows. If the cows produce milk properly, the whole family will have milk. Therefore, there is no need to demand that every member of the family produce milk. And so it is with the threefold social order: if the political state alone provides for justice, then economic life and spiritual life will already have justice as well. Just as the farmer’s wife or the farmer himself need not produce milk in order for the family to be uniformly supplied with milk, so too economic life and spiritual life need not produce justice. — Such thoughts as these, when examined with a little common sense, are very easily refuted. And this is also true of most of Nelson’s ideas, especially his ethical and political views.
[ 27 ] Dasjenige also, worauf jede solche Betrachtung doch hinweist, das ist, daß wir heute vor allen Dingen brauchen den Mut, den Fluß zu überspringen und wirklich in die Geisteswissenschaft hineinzudringen. Dann wird, wie Fräulein Matthes ganz richtig gesagt hat, auch Philosophie wiederum etwas sehr, schr Fruchtbares werden können. Philosophie wird selbstverständlich ohne Geisteswissenschaft immer etwas bleiben, was mindestens nicht in die Praxis des Lebens eingreifen kann und was sich auch nicht ausweisen kann, daß es eine solide Grundlage hat. Philosophie ohne Geisteswissenschaft kommt heute doch nur zu einem leeren Formalismus, kommt nicht zu einem Inhalt.
[ 27 ] What, then, every such consideration ultimately points to is that what we need above all else today is the courage to cross the river and truly delve into spiritual science. Then, as Miss Matthes quite rightly said, philosophy, too, will once again be able to become something very fruitful. Philosophy, of course, without spiritual science will always remain something that, at the very least, cannot intervene in the practical realities of life and that cannot demonstrate that it has a solid foundation. Philosophy without spiritual science today amounts to nothing more than empty formalism; it lacks substance.
[ 28 ] Das ist dasjenige, was ich vielleicht noch hinzufügen durfte zu dem, was Fräulein Matthes gesagt hat. Wir dürfen Fräulein Matthes gewiß sehr dankbar sein, daß sie gerade dieses Thema in einer so ausgezeichneten und anschaulichen Weise heute vor uns aufgeworfen hat.
[ 28 ] That is what I might like to add to what Miss Matthes said. We certainly have every reason to be very grateful to Miss Matthes for raising this very topic before us today in such an excellent and vivid manner.
