Fachwissenschaften und Anthroposophie
GA 73a
4 Oktober 1920, Dornach
18. Aus den Fragenbeantwortungen während des ersten anthroposophischen Hochschulkurses I
[ 1 ] Vorbemerkung: Während des dreiwöchigen ersten «anthroposophischen Hochschulkurses» (26. September bis 16. Oktober 1920 in Dornach), bei dem außer Rudolf Steiner 30 Vertreter der verschiedensten Fachrichtungen Vorträge hielten, fanden auch drei Gesprächsabende statt, und zwar am 4., 6. und 15. Oktober 1920. Bei diesen sogenannten «Konversationen über Geisteswissenschaft» konnten Fragen über beliebige Themen gestellt werden, auf die Rudolf Steiner dann mehr oder weniger ausführlich einging. Die Gesprächsabende sind von den Stenographen nicht in ganzer Länge und zum Teil lückenhaft festgehalten worden.
[ 2 ] Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich stelle mir vor, daß wir heute in einer Art Konversation allerlei Fragen und dergleichen erörtern, die sich bei dem einen oder anderen der verehrten Zuhörer an das anknüpfen, was hier als Anthroposophie in den letzten Tagen entwickelt worden ist. Obwohl Ihnen, wie ich heute versuchte zusammenzustellen, im Laufe dieser drei Wochen an hundert Vorträge geboten werden sollen, ist es ja nicht möglich, das eine oder andere Thema mehr als nur skizzenhaft zu berühren. Was Ihnen hier gegeben werden kann, können ja zunächst nur Anregungen sein, Anregungen, die aber vielleicht zeigen werden, daß die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht schlechter fundiert
[ 3 ] Asa ist als das, was man im äußeren Leben der heutigen strengen Wissenschaft entnimmt, ja, daß sie alle methodische Disziplin dieser Wissenschaft in sich aufnimmt und eben auch dasjenige wahrnimmt, was als eine große Forderung der Zeit dasteht, die Forderung nach Weiterentwicklung. Diese Forderung nach Weiterentwicklung ergibt sich aus dem Grunde, weil namentlich diejenigen Impulse des wissenschaftlichen Lebens, die Großes hervorgebracht haben in der abgelaufenen Epoche, eben heute durchaus im Absterben begriffen sind und in den Niedergang unserer Zivilisation hineinführen müßten, wenn nicht ein neuer Einschlag kommen würde.
[ 4 ] Das, was nun an Anregungen gegeben worden ist für einen solchen neuen Einschlag, kann gewiß bei einer solchen Besprechung, wie sie heute stattfinden soll, nach den verschiedensten Richtungen hin ergänzt werden, und für eine solche Ergänzung bitte ich Sie jetzt mitzutun. Ich bitte, Fragen zu stellen, Wünsche zu äußern und überhaupt alles vorzubringen, was Sie eben vorbringen wollen. Die Fragen können ja am besten schriftlich gestellt werden, und ich bitte, diese Gelegenheit reichlich zu nützen.
Herr Conrad: Die Frage, die ich zu stellen habe, bezieht sich auf ein therapeutisches Gebiet. Herr Dr. Steiner hat in seinen Vorträgen auf gewisse Krankheiten hingewiesen, die gerade in der Gegenwart sehr zahlreich auftreten. Es gibt da nun gewisse seelische Störungen, bezüglich derer ich für eine Antwort über die tieferen Ursachen sehr dankbar wäre. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Sprachstörungen. Ich bemerke, daß durchaus nicht persönliche Interessen von mir mitspielen, sondern ich frage nur, insofern pädagogische Interessen hineinspielen. Ich bin schon mehrmals von Lehrern gefragt worden, was bei Sprachstörungen zu tun sei. Bei dieser Frage, die ja in das therapeutische Gebiet hineingeht, möchte ich aber nicht Fragen anregen, die nur Krankheiten betreffen. Ich wäre für die Beantwortung sehr dankbar, weil mir diese Frage sehr brennend in der Gegenwart zu sein scheint.
[ 5 ] Rudolf Steiner: Wir können ja vielleicht gerade von der Beantwortung dieser Frage den Ausgang nehmen. Man muß, wenn dergleichen Spezielles in Frage kommt, natürlich berücksichtigen, daß solche speziellen Störungen im menschlichen Organismus die mannigfaltigsten Ursachen haben können und daß es gerade dann, wenn man auf die wahre Ursache eingehen will, außerordentlich schwierig ist, über diese Dinge im Allgemeinen zu sprechen. Bei allen solchen Dingen, meine verehrten Anwesenden, handelt es sich eigentlich darum, daß man sich durch Geisteswissenschaft in die Lage versetzt, den einzelnen Fall in der richtigen Weise zu beurteilen. Und da möchte ich etwas sagen, was vielleicht eine viel allgemeinere Bedeutung hat, als es diese Frage erheischt.
[ 6 ] Sehen Sie, wir leben in einem Zeitalter des Abstrahietens, in einem Zeitalter, wo man es liebt, die mannigfaltige Welt, die vielgestaltige Welt auf wenige Formeln zurückzubringen, wo man es liebt, abstrakte Gesetze aufzustellen, die weite Gebiete des Daseins umfassen. Sie können dies dann nur in abstrakter Weise unter Hinweglassung gerade des Individuellen umfassen. Geisteswissenschaft wird insbesondere nach dieser Richtung hin einen bedeutsamen Wandel zu bringen haben. Sie wird weniger schwelgen in den Vereinfachungen des mannigfaltigen Daseins, sie wird ja herantragen Erkenntnisse über das konkrete Geistige. Dadurch aber, daß man an das konkrete Geistige herankommt, regt man sich mit Bezug auf seine Seelenverfassung überhaupt so an, daß Beobachtungsvermögen und Urteilsvermögen gestärkt, gekräftigt werden. Das wird sich schon zeigen im allgemeinen sozialen Verkehr der Menschen. Ein gutes Stück der sozialen Frage liegt heute eigentlich darin, daß wir gar keine Neigung mehr haben, den Menschen, an dem wir vorbeigehen, wirklich kennenzulernen, weil unser Inneres eben nicht jene Anregungen hat, die es ihm ermöglichen, das Individuelle, das Besondere richtig ins Auge zu fassen. Da wird Geisteswissenschaft eben etwas anderes schaffen. Da wird Geisteswissenschaft unser Inneres wieder reich machen, wird es befähigt machen, auf das Besondere einzugehen. Und so wird sich das Beobachtungsvermögen, das Unterscheidungsvermögen und all das besonders ausbilden. Daher werden wir weniger Lust bekommen nach abstrakten Verallgemeinerungen, dagegen mehr Lust bekommen nach dem Besonderen, dem Einzelnen. Wir werden uns gewissermaßen mehr an das Exemplarische als an das Abstrakte halten. Und insbesondere wenn man es mit so etwas zu tun hat wie mit körperlichen Störungen, mit Sprachstörungen, so muß man sagen: Fast liegt ja jeder einzelne Fall anders — es ist ja natürlich etwas übertrieben, aber doch im allgemeinen gültig —, fast liegt jeder einzelne Fall anders, und mindestens muß man Typisches unterscheiden.
[ 7 ] Man muß sich klar sein darüber, daß ein Teil desjenigen, was Sprachstörungen hervorruft, natürlich organisch bedingt ist, das heißt in einer gewissen Weise auf der mangelnden Ausbildung dieses oder jenes Organes beruht. Aber eine ganze Reihe von solchen Störungen kommen in der Gegenwart allerdings davon her, daß gerade die geistig-seelischen Kräfte des Menschen nicht in der richtigen Weise entwikkelt werden. Und es darf sogar gesagt werden, daß, wenn eine richtige Entwicklung der geistig-seelischen Fähigkeiten des Menschen im kindlichen Lebensalter durch Pädagogik erreicht werden kann in der Zeit, in der der menschliche Organismus noch biegsam ist, auch organische Störungen bis zu einem gewissen Grade überwunden werden können; sie können da leichter überwunden werden als in einem späteren Lebensalter, wo der Körper mehr verfestigt ist. Unser ganzes Erziehungswesen ist ja im Grunde genommen allmählich zu einem Betriebe in Abstraktheit geworden. Unsere Pädagogik leidet nicht etwa an schlechten Grundsätzen. Wir haben im allgemeinen, wenn wir auf die abstrakte Behandlung der pädagogischen Prinzipien sehen, große, bedeutsame Leistungen im 19. Jahrhundert aufzuweisen gehabt. Und wenn man auf die heutige abstrakte Anwendungsweise hinsieht, wie man dies oder jenes tun soll in der Schule, so wird man sagen müssen, da bedeutet wirklich die Pädagogik des 19. Jahrhunderts ganz Gewaltiges. Aber grade die Kunst, auf das einzelne Kind einzugehen, die besondere Entwicklung des einzelnen Kindes zu bemerken, das ist etwas, was durch das Zueilen zur Intellektualität und zur Abstraktheit in der neueren Zeit verloren gegangen ist. Wir sind durch die abstrakte Pädagogik gewissermaßen nicht mehr fähig, in der richtigen Weise das Geistig-Seelische des Kindes zu erkraften. Glauben Sie nicht, daß, wenn man eine solche Forderung aufstellt, man etwa wiederum in einseitiger Weise nur nach einer weltfremden Seelen- oder Geisteserziehung hinweisen möchte — o nein. Es ist vielleicht heute paradox erscheinend, aber es ist tatsächlich so, daß der Materialismus das tragische Schicksal gehabt hat, daß er gerade die materiellen Erscheinungen nicht bewältigen konnte. Das beste Beispiel dafür ist, daß wir solche psychologischen Theorien wie den psycho-physischen Parallelismus haben. Da hat man auf der einen Seite die menschliche Leiblichkeit, die man nur danach kennt, wie sie die Anatomie befriedigt, die lediglich am Leichnam lernt, da haben wir auf der anderen Seite ausgedachte oder sogar nur mehr in Worten lebende Theorien über das Seelisch-Geistige, und da denkt man dann nach, wie dieses SeelischGeistige, das nun gar keine Ähnlichkeit mehr hat mit dem Physisch-Leiblichen, wie dieses Seelisch-Geistige auf das Physisch-Leibliche wirken soll. Geisteswissenschaft wird gerade dahin führen, daß man wiederum konkret auf das Leibliche wird eingehen können, daß man wiederum solche Dinge wissen wird wie die, die ich schon gestern im Vortrage angedeutet habe und deren Wichtigkeit ich hier noch einmal erwähnen möchte: In uns als Menschenwesen wirkt von der Geburt bis zum Zahnwechsel etwas, was wir eine Summe von Gleichgewichtskräften nennen können, die uns durchorganisieren, und etwas, was bewegliche Kräfte sind, was Lebenskräfte sind. Das wirkt in unserem Organismus besonders stark innerhalb dieses menschlichen Lebensalters. Dasjenige, was da im Menschen wirkt, das ist es wirklich, was dann die zweiten Zähne, ich möchte sagen herausstößt, was seinen Abschluß findet im Herausstoßen der zweiten Zähne, was für seine Wirksamkeit im Organismus bis zu einem gewissen Grade — es dauert natürlich fort —, aber bis zu einem gewissen Grade zum Abschluß kommt mit dem Erscheinen der zweiten Zähne. Es verwandelt sich dann in das, was wir nennen können mathematisches, geometrisches Denken, was wir nennen können Denken über die Gleichgewichtsverhältnisse im Raume, Denken über die Bewegungsverhältnisse im Raume, was wir nennen können Sich-Finden in den Lebensverhältnissen im Raume und in der Zeit. Das, was da herauskommt, was gewissermaßen aus einem Zustand der Latenz in einen Zustand der Freiheit übergeht, das studieren wir dann, wenn es eben frei geworden ist. Da haben wir es als Geistig-Seelisches, als ganz konkretes GeistigSeelisches, wie wir es heraufwachsen sehen im Kinde, wenn der Zahnwechsel beginnt und weiter in die späteren Lebensjahre hinein. Und nun schauen wir das an und sehen: Das, was da geistig-seelisch ist, das wirkt in den ersten sieben Lebensjahren organisierend im Leibe. Und wiederum studieren wir den Zusammenhang eines Geistig-Seelischen mit der physischen Organisation, wenn wir das ins Auge fassen, was der Mensch dann — allerdings bewußt nur in der Inspiration — erleben kann, das heißt, was er mit dem gewöhnlichen Bewußtsein dann erlebt, aber doch unbewußt erlebt in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife. Es ist das mehr ein Hineintauchen in die physische Leiblichkeit, wo es in seinem Verlaufe zunächst als hauptsächlichste Erscheinung — aber es sind auch andere da — den Liebestrieb erweckt, wo es den Schlußpunkt macht zum Beispiel beim männlichen Geschlecht mit der Veränderung der Stimme, beim weiblichen Geschlecht mit etwas breiteren Wirkungen. Das, was wir erkennen, wenn wir die Entwicklung der Gefühlswelt beobachten, wenn wir auch zum Beispiel speziell so etwas wie die Entwicklung des musikalischen Sinnes gerade in der Zeit beobachten, in der sich die Gefühlswelt entwickelt, das studieren wir wiederum als den Zusammenhang eines Geistig-Seelischen mit der physischen Organisation vom siebenten bis zum vierzehnten, fünfzehnten Jahre.
[ 8 ] Kurz, Geisteswissenschaft stellt nicht die abstrakte Frage: Wie wirkt die Seele auf den Leib?, sondern sie studiert das konkrete Seelische, sie weiß, daß man auf das konkrete Seelische in bestimmten Lebensaltern hinsehen muß und wie es in anderen Lebensaltern gerade auf den Leib wirkt. Also sie verwandelt die abstrakte und dadurch so unbefriedigende Behandlungsmethode der heutigen Psychologie und Physiologie in ganz konkrete Methoden. Und im weiteren Verlaufe kommt man dann dazu, daß man durch die Geisteswissenschaft nicht nur im allgemeinen feststellen kann: in den ersten sieben Lebensjahren wirkt Gleichgewichtskraft, Bewegungskraft, Lebenskraft —, sondern man kann spezialisieren, wie dieses Geistige in den Organen sich äußert, wie dieses Geistige in Lunge, Herz, Leber und so weiter wirkt; man bekommt die Möglichkeit, wirklich lebendig hineinzuschauen in den menschlichen Leib. Da stellt sich als Erkenntnis des Materiellen etwas ganz anderes heraus, als der Materialismus das [erkennen] kann. Das Eigentümliche beim Materialismus ist das, daß er sich einer falschen, nämlich einer abstrakten, einer abgezogenen Geistigkeit hingibt. Das Eigentümliche der Geisteswissenschaft wird sein, daß sie gerade das Materielle in der richtigen Weise zu beurteilen vermag. Natürlich geht sie nach der anderen Seite auch in der richtigen Art nach dem Geistigen hin. Immer deutlicher sollte man diejenige Meinung bekämpfen, die von nebulosen Mystikern ausgeht, daß die Geisteswissenschaft etwas wäre, das auf Phantasmen in allgemeinen Redereien eingeht. Nein, Geisteswissenschaft geht gerade auf das Konkrete ein und möchte eine Anschauung liefern, wie das Geistig-Seelische bis in die einzelnen Organe hineinwirkt. Denn nur dadurch erkennt man das materielle Dasein, daß man das Wirken der Geistigkeit in konkreter Weise im materiellen Dasein kennenlernt. Aber durch solches konkretes Eindringen in den menschlichen Organismus erwirbt man sich — durch eine Art von Imagination, Inspiration und so weiter — allmählich eine Fähigkeit, ich möchte sagen eine Begabung, das Individuelle wirklich zu sehen und dann beurteilen zu können, wo irgendein besonderer Fehler liegt, wenn zum Beispiel Sprachstörungen vorliegen. Da wird in einem gewissen kindlichen Alter die Möglichkeit vorhanden sein, gerade durch besondere Sprachübungen auf die Entwicklung der Sprachorgane zu wirken. Es handelt sich dabei darum, daß man gerade im rechten Lebensalter dasjenige bemerkt, dasjenige beobachten kann, was vielleicht an physischen Störungen vorliegt. Und obwohl einfach durch die äußeren Verhältnisse alle möglichen Hindernisse vorliegen — man erkennt ja heute nur dasjenige an und läßt es irgend welche Praxis ausüben, was amtlich abgestempelt ist nach dieser Richtung hin —, obzwar also alle möglichen Hindernisse vorliegen, so können wir doch sagen, daß zum Beispiel gerade bei Sprachstörungen manche schöne Resultate einfach dadurch erzielt worden sind, daß man rhythmische Sprachübungen hat machen lassen, daß man den besonderen Fehler erkannte, der vorlag, und daß man dann den Menschen mit dem fehlerhaften Sprachorganismus in diesem oder jenem Sprachrhythmus Dinge rezitieren ließ, immer wiederholen ließ, daß man ihn darauf verwies, sich besonders fühlend hineinzuverlegen in den rhythmischen Verlauf dieser oder jener Töne. Nach dieser Richtung hin kann man ganz besonders bedeutsame Behebungen oder auch wenigstens Erleichterungen in bezug auf solche Störungen bewirken. Aber auch etwas anderes ist möglich. Man kann zum Beispiel bei Sprachstörungen besonders auf eine Regulierung des Atmungsprozesses wirken, eine solche Regulierung des Atmungsprozesses, die allerdings ganz individuell sein muß. Diese Regulierung des Atmungsprozesses kann man dadurch erreichen, daß man denjenigen, den man behandeln will, ein Gefühl entwickeln läßt zwischen dem innerlichen Hersagen, ja vielleicht nur Denken, aber breitem Denken, langsamem Denken gewisser Wortzusammenhänge [und dem Atmungsprozeß]. Da stellt sich das Eigentümliche ein, daß man, wenn man solche Wortzusammenhänge in der richtigen Weise formt, dann in dem zu Behandelnden, indem man sich hingibt an einen solchen Gedankenrhythmus oder innerlichen Wortrhythmus, daß man ihm ein Gefühl übermittelt: Bei diesem Worte und seinem Verlauf, seinem langsamen oder schnellen Verlauf, merkst du das an deinem Atem, er verändert sich nach dieser oder jener Weise, und dem gehst du nach. — Man bringt ihm in einer gewissen Weise dasjenige zum Bewußtsein, was sich als Parallelerscheinung des Atems ergibt für das Sprechvorstellen. Man bringt ihm das zum Bewußtsein. Und wenn er einem dann etwas darüber erzählen kann, dann versucht man wiederum weiter nachzuhelfen, so daß, wenn er einmal den Atmungsprozeß sich zur Bewußtheit gebracht hat, er nach und nach allein dahin gelangt, auch in bewußter Weise jetzt selbst, ich möchte sagen Wortzusammenhänge, die er sich bildet in diesem Atmungsprozeß, den er jetzt in einer gewissen Weise bewußt verfolgen kann, in entsprechender Art einschnappen zu lassen.
[ 9 ] Also man hat sich die Sache so zu denken: Dadurch, daß man zunächst Rhythmen gibt, die, je nachdem die Sache so oder so liegt, innerlich zu denken sind, zu murmeln, zu flüstern oder laut herzusagen, ruft man bei dem Betreffenden hervor das Bemerken einer Veränderung des Atmens. Jetzt weiß er, der Atem verändert sich in dieser Weise. Und nun verbietet man ihm in gewissem Sinne, gerade dasjenige an Wort oder Gedankenmaterial zu gebrauchen, was man ihm gegeben hat. Man macht ihn darauf aufmerksam, daß er in sich selbst jetzt etwas Ähnliches bildet, und dann kommt er darauf, einen bewußten Parallelismus dieses ganzen inneren Denk- oder Wort- oder innerlichen Hör-Ablaufs von Worten mit dem Atemprozeß herbeizuführen, so daß ein gewisses Atmen immer einschnappt auf ein innerliches Vorstellen oder innerliches Hören von Worten. Dadurch gleicht sich sehr vieles von dem aus, was, ich möchte sagen eine schlechte Assoziation ist zwischen den Vorgängen, die mehr mentaler Art sind, mehr nach dem Seelischen hin liegen, indem man spricht, und denjenigen Vorgängen, die im Organismus als mehr materielle, als physische Vorgänge sich abspielen. Das alles wirkt ganz besonders günstig, wenn man es in der richtigen Kindheitsepoche anwendet. Und man kann schon sagen: Würden unsere Pädagogen bessere Psychologen sein, würden sie wirklich eine konkrete Erkenntnis des menschlichen Leibes aus dem Geiste heraus haben, so würden sie auch in einer ganz anderen Weise gerade pädagogisch auf die Sprachstörungen einwirken können.
[ 10 ] Nun, man kann allerdings das, was ich da erwähnt habe, auch zu einer gewissen Therapie ausbilden und wird da manches sehr Günstige auch noch für das spätere Lebensalter leisten können. Von besonderer Wichtigkeit scheint mit aber auch zu sein — und da könnte schon auf gewisse Erfolge, die nach dieser Richtung erzielt worden sind, hingedeutet werden —, von besonderer Wichtigkeit scheint mir auch zu sein, daß solche Dinge geheilt werden können durch eine besondere rationelle Anwendung des Nachahmungsprinzipes. Dann aber muß man eine viel intimere, ich möchte sagen eine subjektiv-objektive Erkenntnis des ganzen menschlichen Organismus und seiner Teile haben.
[ 11 ] Sehen Sie, die Menschen sprechen im Leben miteinander; aber sie merken im Leben wenig von den, ich möchte sagen imponderablen Wirkungen, die von Mensch zu Mensch ausgeübt werden beim Sprechen. Diese Wirkungen sind aber doch da. Wir sind heute so abstrakt geworden, daß wir eigentlich nur den anderen auf den Verstandesinhalt hin anhören. Die wenigsten Menschen haben heute ein Gefühl davon, was eigentlich gemeint ist, wenn ein mit etwas mehr psychisch-organischem Mitgefühl ausgestatteter Mensch, nachdem er mit einem anderen gesprochen hat, nun fühlt, wie er die Sprechweise des anderen in seinem eigenen Sprachorganismus bis zu einem hohen Grade bewußt mit weiterträgt. Die wenigsten Menschen haben heute ein Gefühl davon, was man nach dieser Richtung alles erlebt, wenn man hintereinander mit vier, fünf, sechs Menschen zu sprechen hat, von denen der eine hustet, der zweite heiser ist, der dritte einen anschreit, der vierte ganz unverständlich redet und so weiter, denn das alles macht der eigene Organismus mit; der vibriert fortwährend mit, der erlebt das alles mit. Und wenn man dieses Gefühl des Miterlebens der Sprache ausbildet, dann erlangt man allerdings ein starkes Gefühl, ich möchte sagen auch für die Abwehr. Da tritt das Eigentümliche auf, daß man gerade bei solchen Dingen, die so eng mit der Subjektivität des Menschen verbunden sind wie Sprachstörungen, dann herausfindet, in welcher Weise man jemandem vorsprechen muß, der an Sprachstörungen leidet, wie man ihm vorsprechen muß, damit er durch Imitation, durch Nachahmung manches erreicht. Ich habe Stotterer kennengelernt; wenn man ihr Stottern hat nachfühlen können und ihnen dann namentlich Rhythmisches vorgesprochen hat, dann konnte man sie dahin bringen, daß sie wirklich — ich rede jetzt vergleichsweise — so etwas erreichen konnten wie ein Vergessen ihres Stotterns, indem sie dem Vorsprechen gewissermaßen nachlaufen. Allerdings muß man dann das menschliche Mitgefühl bis in dieses Organische hinein entwickeln können. Es beruht überhaupt ungeheuer viel im Therapeutischen darauf, daß man vergessen machen kann das subjektive Erleben, das mit irgendeinem objektiven Vorgang verknüpft ist. Und namentlich ist zum Beispiel ein wirkliches Heilmittel für Sprachstörungen ganz besonders, wenn man die Zeit zwischen dem siebenten und dem vierzehnten Jahre richtig anwendet, indem man möglichst die Sprachgestörten liebevoll zu einer solchen eben geschilderten Nachahmung bringt. Es ist ja so, daß man oft die Erfahrung macht, daß Stotterer manchmal drei Worte nicht ordentlich aussprechen können, ohne anzustoßen, nicht drei Worte
[ 12 ] ordentlich hintereinander herausbringen können. Gibt man ihnen nun eine Dichtung zu rezitieren, der sie ganz hingegeben sein können, die sie lieben können, und steht man gewissermaßen hinter der Sache als ein aufmerksamer Zuhörer, dann können sie ganze lange Strophenreihen sagen, ohne zu stottern. Daß man solche Gelegenheiten herbeiführt, wo sie so etwas tun, das ist etwas, was hier von psychischer Seite her ein ganz besonders gutes therapeutisches Mittel ist. Etwas Schlechtes erweist man gerade Menschen mit solchen Fehlern, wenn man sie durch irgend etwas äußerlich auf ihre Fehler hinweist. Ich hatte einen Freund, der auch Dichter war, der konnte sich immer in einer sehr explosiven Weise äußern, wenn irgendein taktloser Mensch kam, der ihn hinwies auf sein Stottern. Als ihn einmal jemand «taktvoll» fragte: Herr Doktor, stottern Sie immer so? — da sagte er: Nein, nur wenn ich einem gegenüberstehe, der mir durchaus unsympathisch ist. — Ich hätte natürlich jetzt furchtbar stottern müssen, wenn ich es in Wirklichkeit hätte nachahmen wollen, wie diese Antwort gegeben wurde.
[ 13 ] Dann aber wird man nach und nach erkennen, welch ein bedeutsames Heilmittel man gegen solche und ähnliche Fehler des menschlichen Organismus in der Eurythmie haben kann. Die Eurythmie kann, ich möchte sagen nach zwei Seiten hin verfolgt werden. Die eine Seite ist die, auf die ich immer in den Einleitungen aufmerksam mache, die ich zu den Vorstellungen gebe. Da zeige ich, wie durch sinnlich-übersinnliches Schauen an dem heutigen Menschen der Sprachorganismus mit seinen Bewegungstendenzen bewußt wird, die dann auf den ganzen menschlichen Organismus übertragen werden. Aber nicht wenig Bedeutung hat auch der umgekehrte Weg. Denn, schen Sie, bei dem, was Ihnen heute von einem anderen Gesichtspunkt aus sehr gut vorgebracht worden ist von Herrn Dr. Treichler, bei der Sprachentstehung, spielt ganz zweifellos, ganz gewiß eine Ureurythmie der Menschen eine ganz bedeutsame Rolle. Die Dinge haben nicht den Klang gleichsam in sich in dem Sinne, wie es die Bim-Bam-Theorie behauptet, aber es besteht zwischen allen Dingen, zwischen dem ganzen Makrokosmos und der menschlichen Organisation, diesem Mikrokosmos, eine Beziehung, und im Grunde genommen kann alles, was äußerlich in der Welt geschieht, auch durch die menschliche Organisation in einer gewissen Weise gebärdenhaft in Bewegung nachgebildet werden. Und so haben wir denn fortwährend im Grunde genommen allen Erscheinungen gegenüber die Tendenz, sie durch unseren eigenen Organismus nachzubilden. Wir führen das nur mit dem physischen Organismus nicht aus, sondern wir führen es mit dem Ätherorganismus aus. Der Ätherorganismus ist in einer fortwährenden Eurythmie begriffen. Der ursprüngliche Mensch war viel beweglicher als der heutige. Sie wissen, dieses Sich-Entwickeln von der Beweglichkeit zur Ruhe, das bildet sich ja noch darin ab, daß es heute in gewissen Kreisen durchaus für ein Charakteristikum der Bildung angesehen wird, wenn man sich möglichst phlegmatisch verhält, während man spricht und mit möglichst wenig Gesten sein Sprechen begleitet. Es ist «angesehen» bei gewissen Rednern, die Hände immer in der Hosentasche zu haben, damit sie nur ja nicht mit ihren Armen irgendwelche Gesten machen, denn es gilt als der Ausdruck einer besonders guten Redehandhabung, wenn man wie ein Klotz ruhig dasteht. Aber das, was da karikaturhaft zum Ausdruck kommt, das entspricht nur jenem Vorschreiten der Menschheit von der Beweglichkeit zur Ruhe, und wir müssen auf dem Urgrunde der menschlichen Entwicklung in Urzeiten einen Übergang von einer gebärdenhaften Sprache, von einer Art Eurythmie, zu der Lautsprache konstatieren. Dasjenige, was im Organismus zur Ruhe gekommen ist, hat sich spezialisiert in den Sprachorganen, hat selbstverständlich erst die Sprachorgane eigentlich ausgebildet. Wie das Auge am Licht gebildet ist, so ist das Sprachorgan gebildet aus einer zuerst tonlosen Sprache. Und wenn man diese ganzen Zusammenhänge kennt, dann wird man nach und nach das Eurythmische ganz besonders gut verwenden können, indem man es ganz ordentlich einführt in das Didaktische, um entgegenzuarbeiten all dem, was sprachstörend eingreifen könnte. Und nach dieser Richtung hin wird es ja, wenn nur ein wenig Muße dazu vorhanden sein wird, eine sehr reizvolle Aufgabe sein, unsere jetzige, mehr künstlerisch und pädagogisch ausgebildete Eurythmie immer mehr und mehr auch nach der therapeutischen Seite hin auszubilden und eine Art Heileurythmie auszugestalten, die sich dann insbesondere auf solche therapeutischen Forderungen erstrecken wird, wie diejenige ist, von der hier gesprochen worden ist. Ich weiß nicht, ob es schon erschöpfend ist, was ich gesagt habe, aber ich wollte doch mit einigen Worten darauf eingehen. Es wird natürlich in derselben Progression, in der sich die Fragen häufen, in zunehmendem Sinne also, die Ausführlichkeit der Beantwortung abnehmen müssen.
Ein Teilnehmer fragt, wie das gemeint sei mit der Bewegung der Eurythmie in bezug auf den Ätherleib, ob er nach der geisteswissenschaftlichen Forschung dieselbe Form wie der Körper habe. Ist der Ätherleib lokalisiert beim Kehlkopf?
Sind die Ungarn, von denen neulich erzählt wurde, die beim Kartenspiel in dem ungarischen Grenzort von Herrn Dr. Steiner beobachtet wurden, selber unter die Tische gefallen oder nur ihre Ätherleiber? War das ein Vorgang, den man nur am Ätherleib beobachten konnte?
[ 14 ] Rudolf Steiner: Verstehen Sie mich richtig. Die Eurythmie ist so, daß sie im physischen Leibe und durch den physischen Leib das ausführen läßt, was sonst nur der Ätherleib des Menschen ausführt. Dadurch, daß der Mensch als Eurythmist mit seinem physischen Leib die am Ätherleib studierten Bewegungen ausführt, dadurch ist noch nicht gegeben, daß dann derjenige, der eurythmisierend dasteht, wenn er gerade irgendeinen abscheulichen Gedanken hat, diesen abscheulichen Gedanken nicht mit seinem Ätherleibe ausführt. Er kann also mit seinem äußeren, physischen Leibe die schönsten Bewegungen ausführen, und da tanzt dann der Ätherleib, seinen Emotionen folgend, unter Umständen in recht karikaturhafter Weise. Aber jene Menschen, die an der ungarischen Grenze kartenspielend neulich von mir charakterisiert worden sind, die habe ich natürlich durchaus nur nach dem Verlaufe ihres physischen Treibens charakterisiert. Ich habe nur gesagt, daß man die Leidenschaften in ihnen, die sie dazu geführt haben, solche Dinge über und unter dem Tisch auszuführen, sich nachher auch noch zu kratzen und zu zerfleischen, daß man diese Leidenschaften geistig-seelisch studieren konnte.
[ 15 ] Ich möchte noch das folgende sagen. Nicht wahr, es ist im allgemeinen so, wenn man den ruhenden Menschen ansieht, daß der Ätherleib ruhig ist, nur etwas größer ist als der physische Leib. Aber das wird nur dadurch bewirkt, daß für den Ätherleib des Menschen, schematisch gezeichnet, der physische Leib nach allen Seiten verluftigend wirkt. Wenn der Ätherleib nicht vom physischen Leib in seiner Form gehalten würde, wenn er nicht vom physischen Leibe gebannt würde, dann würde er ein ganz bewegliches Wesen sein. Der Ätherleib hat an sich durchaus die Möglichkeit, nach allen Seiten hin sich zu bewegen, und er ist außerdem in wachem Zustande unter dem fortwährenden Einfluß des allem Seelischen folgenden beweglichen Astralischen. Der Ätherleib für sich ist also etwas durchaus Bewegliches. Als Maler hat man zum Beispiel die Schwierigkeit, wenn man etwas Ätherisches malen will, daß man malen muß, ich möchte sagen, wie wenn man den Blitz malen könnte. Man muß das Bewegte in Ruhe übersetzen. Also in dem Augenblick, wo man aus der physischen Welt herauskommt, in dem Augenblick hört ja auch der Begriff Distanz auf und alle die Dinge, die eigentlich nur auf den ruhenden Raum sich beziehen; das hört alles auf, und es beginnt ein ganz anders geartetes Vorstellen. Es beginnt ein Vorstellen, das eigentlich nur so charakterisiert werden kann, daß man sagt, es verhält sich zu dem gewöhnlichen Vorstellen räumlicher Dinge, wie sich eine Saugwirkung zu einer Druckwirkung verhält. Man wird in die Sache hineingerissen, statt daß man sie betastet und so weiter. Also so verhält es sich mit der Beziehung des ätherischen Leibes zum physischen Leib.
Ein Teilnehmer (als Sprecher auch für andere): Sehr geehrte Anwesende, durch Aussprache mit vielen Freunden veranlaßt, möchte ich einige Fragen stellen, die vielleicht doch manches von dem zum Ausdruck bringen, was im Laufe der vorigen Woche durch viele Köpfe und Herzen gegangen ist. Wir haben gehört, daß besonders die studentische Jugend hier manches hören und lernen kann, was hinausgetragen werden muß in unser Volk zum Aufbau einer neuen Kultur. Nun taucht bei den ganzen Problemen, die hier besprochen werden, oft die Frage auf nach dem Schicksal unseres deutschen Volkes. Wie muß sich unsere Jugend in die Schicksalszusammenhänge unseres deutschen Volkes hineinstellen, wenn sie in der rechten Weise und aus freiem Willen heraus ihre innerlichen Pflichten erfüllen will? Wie vor hundert Jahren Fichte große, gewaltige Gedanken gebracht hat, so empfangen wir auch heute wieder gewaltige Gedanken, deren Verwirklichung wir ersehnen. In weiten Kreisen, wenigstens in solchen Kreisen, die der Dreigliederung nahestehen, herrscht heute die Anschauung, daß diese Dreigliederung sich auch verwirklichen wird, ohne daß in einer intensiven Weise daran gearbeitet wird, daß sie also gleichsam ganz von selbst kommen könne, auch wenn die Menschen nichts dazu beitragen.
Nun möchte ich die Frage aufwerfen: Wie stellt sich eigentlich das Schicksal unseres Volkes dar, wenn diese fatalistische Gesinnung in unseren Kreisen herrscht — die ja sehr leicht erklärlich ist aus unserer gesamten Kulturentwicklung heraus — und wenn nicht an ihre Stelle jenes mutige Wollen tritt, das von hier aus gewollt wird? Man hört heute oft, es sei möglich, daß der Bolschewismus sich noch weiter ausbreitet, es sei möglich, daß anarchische Zustände in Deutschland sich weiter fortpflanzen. Wie sollen wir uns zu diesen Fragen stellen, wenn dieses fatalistische Element, das ich darzustellen versuchte, jenem mutigen, vorwärtsstürmenden Wollen gegenübersteht?
Eine zweite Frage: Wir sprechen hier von Anthroposophie, von Menschenweisheit. Nun ist wiederholt in den letzten Tagen die Frage gestellt worden: Wie sähe eigentlich die ganze Weltbetrachtung aus, wenn man nicht vom Standpunkte des Anthroposophen ausgeht, sondern wenn man vom Standpunkt irgend eines anderen Bewußtseins ausgeht? Wir sehen, besonders aus den Vorträgen von Hern Dr. Steiner, aber auch aus anderen Vorträgen, daß die drei unteren Reiche, also Mineralreich, Pflanzenreich und Tierreich, eigentlich die zurückgebliebenen Brüder des Menschen sind. Wie würde sich dies nun darstellen, wenn wir den Menschen wiederum beziehen würden auf die höherstehende Hierarchie, etwa auf die Engelwesen? Ist es denkbar, das, was vom menschlichen Standpunkte aus heute als Anthroposophie dargestellt wird, vielleicht vom Standpunkt eines höheren Bewußtseins, also vom Standpunkt eines Engelbewußtseins darzustellen — man könnte vielleicht in diesem Zusammenhang von einer Angeloisophie sprechen —, und wie würden sich von diesem Standpunkt aus die Probleme ausnehmen? Ich stelle diese Frage, weil sie in den letzten Tagen wiederholt durchgeklungen ist in unseren Unterhaltungen.
Eine dritte Frage: Aus den vorhergehenden Ausführungen von Herrn Dr. Steiner ist ersichtlich, daß die Eurythmie vom therapeutischen Standpunkt aus außerordentlich wichtig ist. Nun möchte ich darauf hinweisen, daß, wenn man heute gewisse Dinge genau beobachtet, die scheinbar Kleinigkeiten sind, man schen kann, wie unbedingt notwendig diese Eurythmie auch von einem anderen Gesichtspunkt aus ist. Schon an bestimmten Kinderspielzeugen kann man beobachten, wie gewisse, der jetzigen Zeit angemessene Kräfte heraus wollen, nach Offenbarung drängen. [Es folgt ein Hinweis auf das Diabolo-Spiel und auf Spielzeuge, die namentlich von französischen und amerikanischen Soldaten eingeführt wurden.] Zeigen sich nicht durch solche Spielzeuge gewisse hinunterziehende Kräfte? Kann da nicht irgend etwas zum Ausdruck kommen von Kräften, die der Menschennatur polarisch entgegengesetzt sind, vielleicht ein Hinweis auf das Teuflische? Und da wollte ich die Frage aufwerfen: Ist es nicht möglich, daß das Schädliche dieser oder anderer materialistischer Spiele, die in der Gegenwart den Kindern gegeben werden, überwunden wird durch die Eurythmie? Gerade gestern haben wir in der Kindereurythmie ein lebendiges Beispiel dafür gehabt, wie Kinder in einer genialen Weise auf die Eurythmie eingehen können und dann von sich aus alles zurückstoßen können, was in solchen Spielen liegt.
[ 16 ] Rudolf Steiner: Ich werde versuchen, die Fragen, die ja jede einen Vortrag verlangen würde, kurz zu beantworten, aber ich bitte Sie zu berücksichtigen, daß, wenn man in einer kurzen Fragenbeantwortung etwas sagt, natürlich leicht manche Ungenauigkeiten oder Mißverständnisse sich einnisten können.
[ 17 ] Zunächst die Frage nach dem Schicksal des deutschen Volkes: Es ist richtig, es tritt heute innerhalb weiter Kreise des deutschen Volkes eine ungeheuer fatalistische Stimmung auf. Diese fatalistische Stimmung ist zu bemerken im Großen und sie ist zu bemerken in Einzelheiten. Und diese fatalistische Stimmung stand auch, ich möchte sagen tragisch da, als wir im April des vorigen Jahres von Stuttgart aus begannen, Verständnis zu suchen für die Dreigliederung des sozialen Organismus und für eine aus diesem Verständnis kommende Erhebung dessen, was eben in so furchtbarer Weise darniederliegt. Aber auf der anderen Seite muß ja gesagt werden, daß wir in der Gegenwart in einem ganz besonderen Zeitpunkte der Menschheitsentwicklung angekommen sind. Ich muß offen sagen: Als ich vor einiger Zeit in Stuttgart von unserer dortigen anthroposophischen Studentengruppe aufgefordert wurde, für die Studenten der Technischen Hochschule in Stuttgart in ihrer Aula einen Vortrag zu halten, da stand ich vor diesem Vortrage durchaus unter dem Eindruck des Spenglerschen Buches «Der Untergang des Abendlandes». Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, wir haben es dazu gebracht, daß heute in streng methodischer Weise der Niedergang bewiesen werden kann. Nun ist das Spenglersche Buch keineswegs ein talentloses Buch, im Gegenteil, es ist in vieler Beziehung außerordentlich genial. Was da dargestellt wird, das bezeugt nichts anderes als das: Wenn nur diejenigen Kräfte in die Zukunft hin wirksam sein würden, von denen Spengler etwas weiß — Anthroposophie kennt er nicht, sondern, wie aus manchem hervorgeht, was er geschrieben hat, würde er vermutlich einen roten Kopf kriegen vor Wut, wenn er von Anthroposophie nur hörte —, wenn das allein wirksam bliebe, was Spengler kennt, dann wäre der Untergang der abendländischen Zivilisation ganz gewiß bis in das zweite Jahrtausend hinein absolut sicher. Lassen Sie nur alles das wirksam sein, was sich da heraufentwickelt hat in der Menschheit — der Untergang kommt sicher. Geradeso wie der Mensch altert, wenn er eine gewisse Anzahl von Jahren erreicht hat und dem Tode entgegengeht, so geht diese Kultur dem Tode entgegen. Was solche Leute wie Spengler nicht kennen, das ist das, was sich in den aufeinanderfolgenden Kulturperioden entwickelt hat, die Sie in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben finden.
[ 18 ] Man hat in der ersten Kulturperiode — ich habe sie die urindische genannt — eine Urkultur, die auf der damaligen Weisheit beruhte. Einiges davon ist ja auch in diesen Tagen in Vorträgen schon charakterisiert worden. Von dieser gab es eine Erbschaft in das nächste Zeitalter, in das urpersische hinein, in die Zarathustra-Kultur; von da wiederum verdünnt in dasjenige Zeitalter, was man nennen kann die ägyptischchaldäische Kultur, den dritten Zeitraum, der ungefähr im 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha schließt. Dann geht schon sehr wenig hinein in den vierten Zeitraum, wo Plato zwar noch seine Lehre und seine Schriften durchtränkt sein läßt von alter Mysterienweisheit, wo aber mit Aristoteles bereits beginnt der Naturalismus und Intellektualismus. In diesen Zeitraum, in dem die menschliche Urweisheit allerdings schon beginnt, arg in die Dekadenz zu kommen, in diesen Zeitraum fällt die Begründung des Christentums. Das Mysterium von Golgatha wird noch begriffen mit der letzten Urweisheit. Aber indem diese Urweisheit selber schwindet, wird sie endlich zu der modernen Theologie, die entweder in einen materiellen Dogmatismus und Kirchenglauben ausartet oder in eine Charakteristik des Jesus als schlichten Menschen von Nazareth, in dem der Christus, das Christus-Wesen, ganz verloren gegangen ist. Aber es muß natürlich ein neues Verständnis gerade des Christentums kommen. Die Entstehung des Christentums stellt sich in diesen vierten Zeitraum hinein, und von dem, was Urweisheit ist, geht hier noch ein wenig in unseren fünften Zeitraum hinein. Der fünfte Zeitraum ist der, in dem die Urweisheit verschwindet, abgelähmt wird, und in der der Mensch aus seinem eigenen Innern heraus eine neue Geistigkeit finden muß. Alles Reden darüber, daß diese Geistigkeit irgendwoher von außen her kommen könne, ist für die Zukunft vergeblich. Die Götter müssen in der Zukunft sprechen durch das menschliche Innere. Die Frage richtet sich heute nicht an irgendeine andere Seelenkraft als allein an unseren Willen. Das heißt, heute handelt es sich für die ganze Menschheit darum, den Fatalismus gründlich zu überwinden und die Geistigkeit bewußt in den Willen aufzunehmen. Diese Mission ist schon in einem ganz beträchtlichen Maße gerade dem deutschen Volke zugefallen. Wer dies einmal an den großen Gestalten des deutschen Volkes intimer studiert, der merkt, wie sehr gerade dieses Volk die Mission hat, aus seinem Willen heraus, ich möchte sagen seine soziale Welt neu zu gestalten, trotz all der Not und all des Furchtbaren, das sich jetzt gerade innerhalb dieses Volkes ausbreitet. Nur ist vorläufig gar keine Erkenntnis da von dem eigentlichen Tatbestande und dem großen weltgeschichtlichen Zusammenhang.
[ 19 ] Ich möchte da, wie ich das manchmal überhaupt gern tue, nicht bloß ein eigenes Urteil sagen, sondern auf das Urteil eines anderen hinweisen, auf Herman Grimm, von dem man wirklich nicht sagen kann, daß er etwa Bolschewist gewesen wäre oder dergleichen. Sie finden bereits in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Herman Grimm geschrieben, die Größe des deutschen Volkes beruhe nicht auf seinen Fürsten, nicht auf seinen Regierungen, sie beruhe auf seinen Geistesgrößen. — Aber man darf auch sagen, daß gerade das am allermeisten verkannt, am allermeisten vergessen worden ist. Es gibt heute eine bedeutsame Tatsache, die man nur richtig beachten muß. Nehmen Sie das allgemeine Geistesleben, das unberührt ist von einem wirklichen geistigen Aufschwung, studieren Sie es, wie es sich auslebt in der populären Literatur, sei es in Berlin, in Wien oder sonstwo — ich meine hier nicht bloß nach dem Kriege, sondern lange vor dem Kriege —, studieren Sie das alles, wie es sich auslebte in Berlin, Wien, München, Köln, in Hamburg, Bremen und so weiter, studieren Sie es in der populären Literatur, namentlich in der Zeitungsliteratur, von der man ja sagen kann, daß sie zugleich die Meinung einer ganz großen Anzahl von Menschen darstellt. Ja, besonders während des Krieges stellte sich heraus, daß manchmal sich auch Leute erinnern, daß es einen Goethe gegeben hat, daß es einen Schiller gegeben hat, daß es einen Fichte gegeben hat — ja, sogar Fichtes Aussprüche wurden zitiert. Aber damit verhält es sich so: Wer heute ein Gefühl, eine wirkliche Empfänglichkeit hat für das innere Gefüge, für die Richtung, für die ganze Signatur des Geisteslebens, der weiß, daß das, was im 20. Jahrhundert in Wien, Berlin, München, Hamburg, Dresden, Leipzig geschrieben worden ist in der populären, in der wissenschaftlichen Literatur, in der Zeitungsliteratur, ähnlicher dem war, was in Paris, Chicago, New York, London geschrieben worden ist, als dem, was ein Herder, ein Goethe, ein Fichte durch ihre Seele vibrieren fühlten.
[ 20 ] Diese Tatsache wird vielfach verkannt. Vergessen worden ist das, worauf die eigentliche Größe Mitteleuropas beruht. Wenn man einmal solche Gestalten wie Friedrich den Großen der Wahrheit nach schildern wird, nicht der Legende nach, dann wird das einiges davon abschmelzen gegenüber dem, was in Mitteleuropa an wirklicher geistiger Größe dasteht. Und das muß kommen. Wir müssen wiederum lernen, nicht bloß die Worte Fichtes zu zitieren, nicht bloß die Worte Goethes zu zitieren, sondern wir müssen wiederum leben können in dem, was um die Wende des 18, zum 19, Jahrhundert da gelebt hat. Und wir müssen uns bewußt werden, wie nur in der individuellen Gestaltung der über die Erde hin differenzierten Völker etwas von dem erreicht werden kann, was erreicht werden soll — nun nicht etwa dadurch, daß von irgendeiner Seite eine Einheitskultur ausgeht, die eben durchaus eine westliche und nur für den Westen berechtigte ist, die Mitteleuropa überflutet hat, nicht durch die Schuld des Westens allein, sondern vor allen Dingen dadurch, daß sich Mitteleuropa hat überfluten lassen und alles entgegengenommen hat. Und dieses Bewußtwerden, worauf es ankommt, das ist es, was heute verbreitet werden muß von denjenigen, die es gut meinen.
[ 21 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, ich kannte einen österreichischen Dichter; ich lernte ihn kennen, als er schon ein hohes Alter hatte: Fercher von Steinwand heißt er. Dieser Fercher von Steinwand hat manches Bedeutsame geschrieben, es ist nur unbekannt geblieben. Wie gesagt, ich lernte ihn kennen in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts als einen alten Herrn. Er hatte einmal in den fünfziger Jahren in Dresden vor dem damaligen sächsischen Kronprinzen und all den hohen und gescheiten Regierungsleuten, auch vor einigen anderen Leuten, eine Rede zu halten gehabt über das innere Wesen des Deutschtums, dieses Deutschtum, das er ganz besonders geliebt hat. Aber er hat da keine Rede gehalten über das Deutschtum, sondern er hat eine Rede gehalten über die Zigeuner, und er hat die wandernden, die heimatlosen Zigeuner geschildert und ist dann dazu übergegangen, dazumal in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, all die ordenbesternten und uniformierten Herren mit einem ganz gehörigen Strom von Wahrheit zu übergießen. Er hat darauf hingewiesen, daß, wenn es in dieser Weise fortginge in Mitteleuropa, dann würde einstmals eine Zukunft kommen, in der das deutsche Volk wie die jetzigen Zigeuner heimatlos in der Welt herumirren würde. Und er wies noch auf manches hin, das beobachtet werden kann, wenn gerade der Deutsche in fremden Gegenden mit Nichtbewußtsein seiner besonderen Volksindividualität herumstreicht.
[ 22 ] Ich will dem nur noch hinzufügen, was ich [1895] in meinem Büchelchen über «Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit» schrieb. Da habe ich gleich zu Anfang einen Nietzsche-Ausspruch zitiert, der eigentlich ganz gut verdient, etwas bekannter zu werden, den Ausspruch, den Nietzsche niedergeschrieben hat, als er gedient hat im deutsch-französischen Kriege, allerdings als Lazarettmann. Er schrieb da [von den schlimmen, gefährlichen Folgen des siegreich beendeten Krieges und nannte es einen Wahn, daß auch die deutsche Kultur gesiegt habe; durch diesen Wahn sei die Gefahr vorhanden, den Sieg in eine völlige Niederlage zu verwandeln,] ja, in die Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des Deutschen Reiches. — Es wurde das ja in den letzten Jahrzehnten nur wenig verstanden, wenn gegenüber der Exstirpation des Geistes gesprochen worden ist von dem Willen, diesen Geist wieder einströmen zu lassen.
[ 23 ] Und wenn man das alles berücksichtigt, muß auch wiederum erinnert werden an das, was Fichte empfunden hat und was er so großartig ausgedrückt hat in seinen «Reden an die deutsche Nation»: daß die Götter dienen dem Willen der Menschen, daß sie durch den Willen der selbstbewußten Menschen wirken.
[ 24 ] Und nach einem Herder, Goethe, Schiller, Fichte, Schelling, Hegel und anderen sollte sich gerade dieses deutsche Volk dessen bewußt sein, daß der Wille aufsteigen muß, aber der von Geistigkeit durchsetzte Wille. Was hat dieses deutsche Volk für merkwürdige Geisteswanderungen durchgemacht. Da kann man an manches erinnern, das nur schr wenig in der äußeren Geschichte dargestellt wird.
[ 25 ] Ich rate jedem, noch schnell, bevor sie noch teurer werden, das Reclam-Heftchen sich zu kaufen von Wilhelm von Humboldt: «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen». Da werden Sie sehen, wie viel da schon darinnen ist für eine Charakteristik unseres mittleren Teiles der Dreigliederung des sozialen Organismus, des rechtlichen, des staatlichen Teiles. Natürlich ist nicht der dreigegliederte soziale Organismus darin, aber das, was über den eigentlichen Staat gesagt werden kann, das ist darin. Wilhelm von Humboldt versucht in dieser Schrift, den Menschen in Schutz zu nehmen gegen den Staat, gegen das Überhandnehmen der Staatskräfte auf geistigem Gebiet und auch auf wirtschaftlichem Gebiet — Wilhelm von Humboldt, der vom Jahr 1809 bis 1819 — man getraut sich’s fast nicht auszusprechen gegenüber dem, was dann geworden ist — preußischer Unterrichtsminister war.
[ 26 ] Und so könnte man noch manches Beispiel sagen.Was notwendig ist, das ist vor allen Dingen, daß diejenigen, die diese Frage vor der Seele fühlen, wirklich einmal die Geschichte in sich lebendig werden lassen. Meine sehr verehrten Anwesenden, dafür hat man als Österreicher ein ganz besonderes Empfinden, wenn man die Schulgeschichtsbücher des nördlichen Mitteleuropa kennenlernt. 1889 war es, da kam ich von Wien nach Weimar, um dort mitzuarbeiten in dem Weimarischen Goethe-Schiller-Archiv an der Herausgabe der Goetheschen Werke. Und da ich mich vorher viel in Erziehung und Unterricht betätigt hatte, so fiel mir dort auch der Freundschaftsdienst zu, die Buben des Direktors des Goethe-Schiller-Archivs ein bißchen anzuleiten. Sie waren damals gerade im Gymnasium, und eigentlich lernte ich da erst ein wenig deren Geschichtsbücher kennen- ich hatte das vorher nicht berücksichtigt —, eingeleitet von der Entstehung der Welt bis hin zur Entwicklung der Hohenzollern-Dynastie, dann erst die eigentliche Weltgeschichte. In mehreren Schulbüchern stand das so, das eine war ungefähr so wie das andere. Aber ist es nicht immer ein bloßer Radikalismus, wenn so gesprochen wird, sondern es ist manchmal auch die richtige Liebe zu dem deutschen Volkstum. Und die richtige Liebe, wenn sie nun wirklich durch geisteswissenschaftliche Anregung kommen kann, die wird schon aus dem bloßen Fatalismus wiederum eine Willenskultur hervorrufen, und darauf kommt es an. Ehe man nicht begreifen wird das Entweder-Oder, entweder den Untergang oder den Aufstieg durch den eigenen Willen, eher wird man nicht aus dem Niedergang herauskommen, eher kommt natürlich nicht der Aufstieg, sondern etwas ganz anderes. Nun, ich könnte ja über dieses Thema noch viel sagen, aber es ist vielleicht vorläufig genug. Wir sehen uns ja noch öfter.
Zu der Frage: Wie würde unser Weltbild aussehen vom Standpunkt eines anderen Bewußtseins, zum Beispiel eines Engelbewußtseins?
[ 27 ] Nun, in einem gewissen Sinne schildert ja die Geisteswissenschaft durchaus andere Bewußtseinsformen, solche Bewußtseinsformen, welche die Menschen in den früheren Entwicklungsstadien hatten, oder solche durch Inspiration oder Imagination, zu denen man aufsteigen kann. Also man lernt durch die Geisteswissenschaft schon in einem gewissen Sinne erkennen, was das Weltbild eines anderen Bewußtseins ist. Was nun aber die Frage betrifft nach einem Engelbewußtsein, da, meine sehr verehrten Anwesenden, kommt es doch sehr darauf an, daß wir nicht abstraktere Fragen wählen, als es einer gewissen, ich möchte sagen Elastizität unserer Begriffsfähigkeit notwendig ist. Denn sehen Sie, wir haben unser Bewußtsein nicht dazu, daß wir uns mit ihm durch allerlei sensationelle Neuigkeiten aus den verschiedensten Welten befriedigen, sondern damit wir durch seine Entwicklung unsere gesamtmenschliche Entwicklung durchmachen. Und die Engel haben eben ihr Bewußtsein, damit sie die Engelentwicklung durchmachen können. Und wenn jemand fragt, wie sich mit einem anderen Bewußtsein das Weltbild ausnehmen würde, so kommt mir das etwa so vor, wie wenn mich jemand fragen würde, wie der Mensch essen würde, wenn er einen Schnabel hätte statt eines Mundes. Es ist das eben ein Schulbeispiel für das Herausgehen aus der Konkretheit ins das Abstrakte hinein. Durch Anthroposophie soll gerade das errungen werden, daß man innerhalb des Erfahrungsgemäßen bleibt und das nur
[ 28 ] nach der geistigen Welt ausgedehnt, daß man allerdings immer bereit ist, die Erfahrungen zu erweitern, nicht aber, daß man aus reiner Abstraktheit heraus allerlei Fragen konstruiert. Es ist ja gar nicht notwendig, daß wir irgendwie spekulieren über Engelbewußtseine oder Säugetierbewußtseine oder dergleichen, sondern es ist notwendig, daß wir uns einfach der Erfahrung überlassen. Die gibt uns in unser Bewußtsein das herein, was wir brauchen zu unserer Orientierung und zu unserer Fortentwicklung in der Welt. Und das ist es, was wir lernen müssen gerade aus der Anthroposophie: stehen zu bleiben innerhalb desjenigen, was uns Menschen angeht, denn da kommen wir schon in entsprechender Weise vorwärts.
[ 29 ] Das hängt dann zusammen mit der Frage, die ich vorhin hier gehört habe, die ungeheuer oft gestellt wird, mit der Frage, welches das letzte Endziel der Menschheitsentwicklung überhaupt ist:
Welches ist der Endzweck des Menschenlebens oder besser des Lebens?
[ 30 ] Sehen Sie, auch zu einer solchen Frage muß sich gerade die Geisteswissenschaft nicht in einer abstrakten, sondern in einer konkreten Weise verhalten. Wenn man keine Möglichkeit hätte, hier in Dornach schon einen Fahrplan nach Rom zu bekommen, sondern nur bis Lugano, und man wüßte, daß man in Lugano dann den Fahrplan weiter erhalten kann, meinetwillen bis Florenz und dort wieder weiter bis Rom, so würde man gut tun, nicht die Reise zu unterlassen oder zu spekulieren, wie ich die Reise einrichten muß von hier nach Rom, sondern ich reise zunächst bis Lugano, und dann sehe ich, wie die Sache weitergeht. So ist es auch mit dem Menschenleben, insbesondere, wenn man weiß, daß es wiederholte Erdenleben gibt. Wenn ich Ihnen nun hier mit den Fähigkeiten, die man in diesem einen Erdenleben haben kann, etwas über das Ziel alles Menschenlebens sage, dann könnte es ja das nächste Mal etwas Vollkommeneres sein und dann könnte man das vollkommener beantworten, wie man den Fahrplan bis Rom bekommt. So hat man das, was zunächst unmittelbar gegeben ist, im Konkreten zu berücksichtigen, und man muß wissen, daß eben das Menschenleben in einer fortwährenden Entwicklung ist. So kann man nicht nach seinem Endzweck fragen, sondern nur nach der Entwicklungsrichtung, in der man sich bewegt. Da gibt es ja, wenn man darauf wirklich eingeht, wahrhaftig für das physische und seelische und geistige Leben reichlich viel zu tun. Und dieser Weg nach Lugano ist ja nicht ganz nah — ich meine jetzt den Weg in der Entwicklung der Menschheit —, und wie das dann weitergeht, das wollen wir den vollkommener entwickelten Fähigkeiten der Zukunft überlassen. Kurz, es handelt sich darum, Stück für Stück im Konkreten zu bleiben, und die Abstraktheit, die auch solche Fragen gebiert, sich abzugewöhnen. Nun, hier ist noch etwas über Eurythmie gefragt:
Kann Eurythmie, richtig angewendet, wichtige Leistungen für unsere Volkskultur zutage fördern?
[ 31 ] Ja, verehrte Anwesende, aus manchen Bemerkungen, die ich über Eurythmie schon gemacht habe, werden Sie ja ersehen können, daß Eurythmie eine große pädagogisch-didaktische Bedeutung haben kann, und wenn man der Überzeugung i ist, und wenn man nicht nur der Überzeugung ist, sondern auch die Erkenntnis hat, daß man sogar Störungen des Lebens abhelfen kann durch entsprechende eurythmische Didaktik, dann kommt noch viel mehr in Betracht, das im sozialen Leben in die richtigen Bahnen, in die richtigen Richtungen gebracht werden kann durch eine gesunde Eurythmie. Aber nach dieser Richtung hin ist natürlich eines zu bemerken. Sehen Sie, wir sollten dahin kommen, diese Eurythmie bis in das Kinderspielen hinein zu treiben. Der verehrte Fragesteller hat von den Kinderspielzeugen gesprochen und gefragt, ob da nicht mit Eurythmie viel getan werden könnte. Und es wurde auch noch gefragt, ob Eurythmie gesundend wirken kann auf Kinder von fünf bis sieben Jahren, die an Epilepsie leiden.
[ 32 ] Sie kann das ganz gewiß, wenn sie in der richtigen Weise angewendet wird. Allerdings sind wir in der Eurythmie erstam Anfang. Aber die Fortsetzung dieses Anfanges hängt wahrhaftig nicht immer nur von der geistigen Schwungkraft ab. Wir haben zum Beispiel vorgehabt, in Stuttgart zunächst, weil ja da die Waldorfschule ist, und später hier im Bau selbst, eine Art Eurythmeum zu bauen. Man braucht ja tatsächlich Gelegenheiten, wenn diese Dinge nach und nach ausgebaut werden sollen. Man kann nicht diese Dinge treiben, ohne daß sie geübt werden, ohne daß man die nötigen Räumlichkeiten und auch den nötigen Zusammenhang mit der übrigen Menschheitskultur hat; man kann diese Dinge nicht aus dem Leeren heraus treiben. Es wäre ja der Bau eines Eurythmeums in Stuttgart furchtbar teuer geworden und wir hatten nur eine kleine Summe beisammen. Ich darf Ihnen vielleicht folgendes dazu sagen. Wir haben im ersten Jahr durch die hingebungsvolle Tätigkeit unserer Waldorf-Lehrerschaft, die nicht genug anerkannt werden kann, in der Waldorfschule wirklich alles mögliche erreicht, was im ersten Jahr für die Waldorfschule zu erreichen gehofft werden konnte. Obwohl also im Geistig-Seelischen alles geschehen ist, was man nur hat erwarten können — das darf man schon sagen, ohne unbescheiden zu werden —, trotzdem begann dieses Jahr außerordentlich sorgenvoll für diejenigen, die es ehrlich meinten mit der Waldorfschule. Es ist doch so, daß die Waldorfschule vergrößert werden mußte, weil von auswärts eine große Anzahl von Kindern hinzugekommen sind; mehr als verdoppelt hat sich die Anzahl der Kinder gegenüber dem Vorjahr.Wir standen vor einem ganz erheblichen Defizit, und der Fonds, den wir hatten für ein Eurythmeum, den hat zunächst die Waldorfschule aufgefressen. Es ist selbstverständlich, daß die Waldorfschule das hinübernehmen mußte, aber wir können eben dadurch jetzt kein Eurythmeum bauen. Was uns im Stich läßt, das ist das Verständnis der Menschen. Für alles mögliche findet man heute Verständnis, nur nicht für das, was aus dem wirklich konkreten Geistig-Seelischen heraus arbeiten will. Ich will hier nicht polemisch werden, allein, ich könnte Ihnen manche Dinge erzählen, die Ihnen zeigen würden, welcher Dilettantismus, welche philosophische Leerheit heute dazu kommt, indem sie einige Purzelbäume schlägt vor allen möglichen reaktionären Gewalten, in der Welt zu wirken. Wir finden nicht so leicht das Verständnis derjenigen, die nach der materiellen Seite hin irgend etwas tun könnten, damit die Dinge vorwärts kommen. Und derjenige, der will, daß die didaktische, die pädagogische, vor allem auch die volkspädagogische Seite der Eurythmie und anderer Glieder einer geisteswissenschaftlichen Erziehungskunst fortgebildet werde, der muß eben dafür sorgen, daß in möglichst viele Köpfe und in möglichst viele Seelen hineinziehe Verständnis für das, was eigentlich gewollt ist mit dem, was als anthroposophische Geisteswissenschaft hier sich geltend machen will.
Frage: Es wird öfter in der Geisteswissenschaft erwähnt, daß diese oder jene von den höheren Hierarchien ihre Menschheitsstufe in diesen oder anderen Verhältnissen durchgemacht haben. Was bedeutet Menschheitsstufe in diesem Sinn, also Ziel der Menschheitsentwicklung? Wird als Ziel die Ausbildung des Ich, der Freiheit gesetzt, welche Freiheit den höheren Hierarchien abgesprochen wird? Was ist also die Menschheitsstufe?
[ 33 ] Rudolf Steiner: Ja, ich weiß nicht, wer den höheren Hierarchien hier die Freiheit in ihrer besonderen Ausbildungsform abgesprochen hat. Das, was gemeint ist, wenn ich zum Beispiel in der «Geheimwissenschaft» oder in den anderen Schriften von der Menschheitsstufe anderer Wesenheiten spreche, das charakterisiert sich im wesentlichen durch Grade, durch die verschiedenen Bewußtseinszustände. Unter «Menschheitsstufe» ist geisteswissenschaftlich folgendes zu verstehen:
[ 34 ] Wir leben heute innerhalb der Menschheitsentwicklung im weitesten Sinne in einem Bewußseinszustande, wenn wir wach sind, den wir das Gegenstandsbewußtsein nennen können. Man kann diesen Bewußtseinszustand so schildern, wie ihn Herr Dr. Stein in seinen Vorträgen Ihnen geschildert hat, nach seiner Betätigung in Vorstellung, Begriff, Urteil. Man kann auch noch die Wahrnehmung hinzunehmen und die besondere Art der Gefühlswirkung, der Willensemotion, Willensimpulse und so weiter. Dann kennt die gegenwärtige Menschheit auch noch, aber nur in Reminiszenzen, in chaotischen Bildern, den Traumzustand, der aber zurück weist, der ein atavistischer Rest ist eines früheren Bewußtseinszustandes, eines ichlosen Bilderbewußtseins; das ist also ein untermenschliches Bewußtsein. Und dem gehen noch zwei andere Bewußtseinszustände voran, so daß wir sagen können: der gegenwärtige Bewußtseinszustand ist der vierte in der Reihe. Es wird ein fünfter folgen, den wir heute durch Imagination, Inspiration und so weiter vorausnehmen können. Dieses Aufsteigen können wir auch charakterisieren als Zukunftszustände des sechsten und siebenten Bewußtseinsszustandes. Der vierte aber, der, den wir heute haben, das ist im engeren Sinne der Bewußtseinszustand der Menschheit, wie sie heute ist. Wenn man also von der Menschheitsstufe redet, so meint man Wesen mit dem Gegenstandsbewußtsein. Wesen, welche also nicht durch solche Sinne wahrnehmen, wie es die menschlichen sind, die haben wieder eine spezielle Ausbildung, sind vielleicht durch ganz anders geartete Sinne, aber eben wieder in ihrem inneren Wesen darauf angewiesen, vorzustellen und zu begreifen und dann in einer mehr oder weniger unterbewußten Tätigkeit Vorstellung und Begriffe mit der Wahrnehmung zu verbinden. Der höhere, der fünfte Bewußtseinszustand wäre also der, daß man ganz bewußt auseinanderhält das ideelle Innere, das man zunächst erfaßt im reinen Denken, wie es in der «Philosophie der Freiheit» versucht worden ist [darzustellen], und dann die Wahrnehmung für sich hat als eigenes Entwicklungsphänomen, in das man aber auch jetzt nicht mehr Begriffe und Vorstellungen hineinmischt, so daß wirklich wie im Einatmungsprozeß, im Einatmen, Ausatmen, ein inneres Wechselwirken zwischen Wahrnehmung und Begriff in bewußter Weise stattfindet. Das würde der nächsthöhere Bewußtseinszustand sein.
[ 35 ] Spricht man nun von anderen Wesenheiten und sagt, sie haben in anderen Zeiten auf der Menschheitsstufe gestanden, so meint man damit, daß sie dazumal — gleichgültig durch welche Sinne — eine Anschauung der Außenwelt hatten, die sie in einer mehr oder weniger bewußten Art mit dem inneren Seelenleben verbanden, daß sie also damals noch nicht auf einer Stufe waren, auf der sie vielleicht heute schon sind, auf der die Menschheit künftig ankommen wird, der Stufe eines getrennten Erlebens der Wahrnehmung, des ideellen Geistig-Seelischen und eines bewußten Zusammenfügens. Das ist es, was über diese Frage zu sagen ist.
[ 36 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, jetzt ist es 10 Uhr, ich denke, ich werde die Fragen, die noch gestellt worden sind, sammeln und aufheben, und wir können uns ja in den nächsten Tagen wiederum zusammenfinden. Ich glaube, wir werden dann über die Materie, die noch auf den anderen Zetteln angegeben ist, besser, konzentrierter sprechen können, wenn wir es nicht überhudeln in ein paar Minuten, sondern dann noch einmal zusammenkommen, um diese Fragen zu beantworten. Ich denke auch, das wird Ihnen recht sein, nachdem wir zwei Stunden mit dieser Konversation zugebracht haben. Wir schließen also heute ab und setzen demnächst in irgendeiner Weise fort.
